Hart aber fair in der ARD: Schluss mit Abnehmen, alle sind okay wie sie sind! Wirklich?

Bei Frank Plasberg ist sich die Gästerunde zum Thema Wampe oder Waschbrettbauch einig: Diäten machen dick und unglücklich, jeder soll sich so mögen wie er oder sie ist, Schlanke sind die falschen Vorbilder, alle sind sexy, ob dick oder dünn. Einerseits ist das sicher nicht ganz falsch. Dann aber ist es angesichts des dicken Problems mit dem Übergewicht etwas seltsam. Und worum ging es eigentlich in der Diskussion? Quarkundso.de stellt eigene Fragen – samt Faktencheck.

 

Dicke Frau von hinten

Übergewicht und Schönheit – schließt sich das aus? Das war eine der Fragen in der Sendung.

Bei „Hart aber fair“ müssen wir noch nachkarten.

Die Sendung ist schon etwas her, vom 8.1.2018, ganz am Anfang des Jahres.

Aber was sein muss, muss sein – schließlich werden nach Silvester immer die Weichen für das ganze Jahr gestellt.

Wegen der guten Vorsätze.

Ab dem 1. Januar wollen alle nämlich plötzlich abnehmen – und das, obwohl weihnachtliche Festzeit, Ballsaison und Fastnacht zu erhöhter Lebensfreude aufrufen. Und man doch erst vor Ostern wieder fasten muss.

Aber flagellantischer Eifer befällt das Land und seine Redaktionen, daher drehte sich auch bei „Hart aber fair“ die erste Folge des Jahres um Übergewicht, Schlankheit, Körpernormen und Schönheitsideale.

Das Thema war aber auf links gedreht: „Wampe oder Waschbrettbauch – gibt es ein gutes Leben ohne schlechtes Gewissen?“.

Gemeint war das so:

„Der Vorsatz im neuen Jahr: Endlich abnehmen, schlank, sexy und gesund werden! Aber wer hat überhaupt eine Chance auf einen perfekten Modelkörper? Und wer macht ein Geschäft damit? Oder liegt das Glück in der Mitte – mit kleinen Speckfalten?“

Was soll die Frage? Natürlich liegt das Glück in der Mitte. Es liegt immer in der Mitte!

Das ist von Alters her bekannt und kann nicht anders sein. Daher war sonnenklar, was bei der Sendung herauskommt, nämlich nichts.

 

Kuschelrunde mit Wohlfühlansage

Trotzdem hatte Frank Plasberg dazu wieder Leute eingeladen: den Fitness-Coach Detlev D. Soost, den Vorstandsvorsitzenden einer Krankenkasse, außerdem ein üppiges Model, eine Ernährungswissenschaftlerin und einen wohlbeleibten Schauspieler mit Diäterfahrung.

Da saßen also die Richtigen beisammen, einerseits.

Andererseits saß man davor und kaute an der sich selbst erklärenden Frage. Sind Wampe und Waschbrettbauch die richtigen Alternativen? Und was steht für was? Der Waschbrettbauch für das gute Leben oder für das schlechte? Wofür steht die Wampe? Worum geht es, um Schönheit, Lebensstil oder Gesundheit?

Da sich die Runde mit dem Moderator aber völlig einig war, ist es müßig, das wirklich ergründen zu wollen.

Diskussion oder Kontroverse gab es nämlich nicht.

Alle Teilnehmer erklärten, dass es sinnlos ist, Schlanksein anzustreben, normal sei Schlankheit schon gar nicht, da die Mehrheit ja dick ist, außerdem sollten Menschen sich einfach mit ihrem Wohlfühlgewicht zufrieden geben und nicht auf die vielen falschen – schlanken – Vorbilder in den Medien achten, denn die erzeugen nur übermäßigen Druck.

 

Recht auf Unvernunft?

Es ist erstaunlich, welch hoher Konsens da herrschte.

Niemand, nicht einmal der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse und der einzige Arzt in der Runde, Jens Baas, trat konsequent für das Abnehmen oder auch nur Normalgewicht ein.

Baas ließ sich zwar im Einspielfilm als Bedenkenträger angesichts der Übergewichtswelle einführen, kam aber in der Sendung kein einziges Mal aus der Deckung.

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Stattdessen war er eifrig bemüht, sich möglichst liberal zu geben – nein, natürlich wolle eine Krankenkasse niemandem in die persönliche Lebensführung reinreden.

Am Schluss schoss er steile Parolen raus:

„Es muss ein Recht auf Unvernunft geben!“

„Wir sind nicht dafür da, dass wir die Gesellschaft erziehen.“

Ach nein? Wir finden ja, dass man das durchaus mal diskutieren könnte, und zwar gerade angesichts des riesigen Problems mit dem Übergewicht.

Aber auch angesichts des Drucks, der auf andere Akteure ausgeübt wird, etwa auf Handel und Lebensmittelindustrie, Schulen, Behörden und Familien – allen wird vorgeworfen, zu wenig gegen Übergewicht und viel zu wenig für gesundes Ernährungsverhalten zu tun.

Alle müssen da eigentlich ran. Warum sollten sich ausgerechnet die Krankenkassen, die so finanzstark und überdies im Besitz von Einflussmöglichkeiten und Expertise sind, zurücklehnen?

 

Gesundheitspopulismus zwecks Kundenfang

Außerdem haben sie einen Auftrag. Beim Bundesgesundheitsministerium klingt der so:

Aufgabe der § 1 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch – Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) nennt als Aufgabe, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu verbessern sowie die Versicherten aufzuklären, zu beraten und auf eine gesunde Lebensführung hinzuwirken.

Damit hat die GKV einen umfassenden Auftrag von Gesundheitsförderung und Prävention über Krankenbehandlung bis hin zur Rehabilitation.
(Quelle: BMG)

Daher ist das mit dem angeblichen „Recht auf Unvernunft“ so eine Sache, die Herr Baas vielleicht besser begründen müsste.

Zumal, ebenfalls laut Sozialgesetzbuch, alle Bürger die Pflicht zur Mitwirkung haben. Machen, was man will und die Solidargemeinschaft zahlen lassen ist eigentlich nicht vorgesehen.

Baas spielt aber lieber den Gesundheitspopulisten.

Für sein angebliches Recht auf Unvernunft führt er Sportarten wie Bergsteigen, Skifahren oder Fußballspielen an. Die seien ja auch unvernünftig, da riskant. Trotzdem seien die Sportunfälle von der Krankenkasse versichert.

Bei so etwas wird Quarkundso.de sehr nachdenklich, sogar pingelig. Wir lieben deftige Vergleiche, aber hinken dürfen sich nicht. Das erscheint uns aber so, bei Herrn Baas.

Denn Sport treiben ist nicht unvernünftig – es ist vernünftig und gut für die Gesundheit.

Deshalb, wirft die Abteilung für Recht und Ordnung bei Quarkundso.de ein, ist es auch vernünftig, die dazugehörigen Risiken in Kauf zunehmen – ganz abgesehen davon, dass man sich sogar bei sanftem Sport wie Yoga verrenken oder auf dem Weg zum Nordic Walking die Treppe runterfallen kann.

Fußball, Beine eines Spielers in schwarzen Strümpfen

Ja, das kann schiefgehen. Aber nur auf der Couch sitzen aus Angst vor Verletzungen – ist das vernünftig?

Bei vielen verletzungsträchtigen Sportarten, könnte man argumentieren, federt die Solidargemeinschaft Unfallkosten ab, weil der Nutzen des Sports sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft höher ist als wenn das Individuum gar keinen Sport treibt.

Zu suggerieren, aktive Fußballspieler oder Bergsteiger seien so unvernünftig wie Leute, die faulenzen und eine fette Wampe kultivieren oder rauchen und saufen, ohne sich um die Folgen zu kümmern, erscheint uns zumindest recht rabulistisch.

Und dass sich die größte Krankenkasse Deutschlands bei der Seuche der modernen Zivilisation, dem Übergewicht, lieber heraushalten möchte, ist schwer zu glauben.

Es stimmt auch nicht. Sie können sich ja nicht heraushalten. Das Lamento der Kassen über explodierende Kosten wegen des zunehmenden Übergewichts, der vielen teuren Magenoperationen und der ungeheuren Diabetes-Welle ist ohnehin notorisch.

Allerdings übt sich auch Quarkundso.de im verstehenden Ansatz, was Jens Baas angeht: Seinen Auftritt kann man ihm nicht vorwerfen. Denn er ist bei der Techniker Krankenkasse nicht nur Vorstandsvorsitzender, sondern auch Marketing-Chef – und mit strengen Abnehmvorschriften lockt man keine Kunden.

 

Übergewicht: „So dick war Deutschland noch nie“

Doch die Misere liegt klar zutage: „So dick war Deutschland noch nie“ überschrieb die DGE erst 2017 eine Meldung, und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft warnte: „Übergewicht und Adipositas noch gefährlicher als angenommen – Neue Studien belegen Gefahren durch Übergewicht.“

Bei der DGE schildert man die Lage drastisch: „Im Erwachsenenalter ist nur noch eine Minderheit der Erwachsenen in der Lage, das Körpergewicht im Bereich des Normalgewichts zu halten“, sagt Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker. In Zahlen ausgedrückt sind 59 Prozent der erwachsenen Männer und 37 Prozent der Frauen übergewichtig, mit Mitte 60 sind es sogar 74 Prozent der Männer und 56 Prozent der Frauen.

Im Schnitt sind also 65 Prozent der Deutschen, ob Mann oder Frau, am Ende ihres Berufslebens zu dick. Zwei von drei. Die Mehrheit.

Auch beim Robert-Koch-Institut kann man das nachlesen:

Übergewicht und Adipositas

Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland sind übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 % der Männer und 24 % der Frauen) ist stark übergewichtig (adipös).“

Quelle Text und Grafik: RKI-Homepage

Bei „Hart aber fair“ spielen diese harten Fakten aber nur am Rande eine Rolle.

 

Wer hat hier das richtige Körpergefühl?

Stattdessen war man entschlossen, dem Thema die Brisanz zu nehmen und nur ein paar bedauernswerte Einzelfälle zu beklagen. Also genetisch vorbelastete Adipöse, die wirklich nichts dafür können und nicht leiden sollen.

Ansonsten gab es den Freifahrtschein für die Wampe nebst Seitenhieben auf die vielen Dummen, die sich vergebens im Fitnesskurs abstrampeln.

Auch die anwesende Ernährungswissenschaftlerin und Chefin des neuen Bundeszentrums für Ernährung, Margareta Büning-Fesel, war auf Wohlfühlkurs: Schlanke sind die falschen Vorbilder, macht euch bloß keinen Stress, so ihr erstes Statement.

Dabei schob sie am Anfang der Sendung Magerwahn, Schönheitsideale, Komplexe und falsche Körperideale von Frauen auf dünne Vorbilder, nämlich Models und Stars.

Plasberg hatte die Expertin zuvor gefragt, warum sich so viele Frauen – 60 Prozent, sagte er – zu dick fühlen:

60 Prozent aller Frauen fühlen sich zu dick…. wie kommt es zu so einem schlechten Körpergefühl vieler Menschen?“

Die Zahl mit den 60 Prozent wollte er aus einer Untersuchung der Deutschen Angestellten-Krankenkasse DAK bezogen haben. Die Quelle wurde in der Sendung angegeben, weswegen die Abteilung Dokumentation und Recherche von Quarkundso.de tätig wurde – Faktencheck. Dazu kommen wir gleich noch.

Laut den Zahlen für Übergewichtige jedenfalls, die man überall nachlesen kann, haben die Deutschen aber, anders als Plasberg meint, wohl kaum „ein schlechtes Körpergefühl“.

Das Gegenteil ist der Fall: Wenn sich wirklich 60 Prozent der Frauen zu dick finden, sehen sie die Sache richtig – sie sind wirklich zu dick. Und das ist ein Problem.

Solche Feinheiten interessierten im fest zementierten Konsens aber nicht. Und obwohl mindestens zwei der Anwesenden die Zahlen genau kannten, widersprach niemand.

 

Deutsche Durchschnittsfrau: 1,65 m groß bei Kleidergröße 44

Frau Büning-Fesel musste bei Plasbergs Frage jedenfalls keine Sekunde nachdenken:

„Naja, ich denke, zum einen liegt das daran, dass es viele Vorbilder gibt, bei Models eben, die sehr schlank sind, bei Stars, die sehr viel dünner sind als die Durchschnittsfrau, und das wird als Vorbild, als Ideal vorgestellt, und dann hat man das Gefühl „Ich bin nicht so schlank wie diese oder jene Person und möchte da gerne rankommen, möchte das umsetzen“. Aber die Bandbreite der möglichen Körpergewichte, die ist ja riesig … von daher wäre es toll, wenn es einfach mehr Vorbilder gibt, die eine größere Bandbreite darstellen, also von eher schlank bis eher mollig, um das als normal auch darzustellen. Also, das fände ich ganz wichtig, dass die Vorbilder einfach auch die normalen Körpergewichte, die normalen Körpergrößen abbilden.“

Die Frage ist schon schlecht, siehe oben.

Die Antwort ist zumindest unglücklich formuliert. Sie stellt in den Raum, dass bestimmte Akteure – Leute oder geheimnisvolle Organisationen – absichtlich Vorbilder und Ideale darstellen. So ist es natürlich nicht.

Dann rekurriert sie aber auch auf eine „Durchschnittsfrau“, die realistische Orientierung bieten sollte. Doch wer ist „die Durchschnittsfrau“ – das statistische Mittel, also das arithmetische? Kann das ein Richtwert sein? Und stimmt das mit dem medizinischen Begriff von Normalgewicht überein?

Eher nicht. Denn so sieht die deutsche Durchschnittsfrau im statistischen Mittel aus: 1,65 m groß, Kleidergröße 44, verkündete 2016 unter anderem Brigitte.de aufgrund von Zahlen des Statistischen Bundesamts.

Konfektion 44, das ist schon ziemlich ordentlich, wenn man unter 1,75 ist, sagen wir mal vorsichtig. Das ist Größe L, groß, nicht mehr M, mittel. Mit 1,65 ist man aber nicht groß.

Hm.

Schwer vorstellbar, dass diese „Durchschnittsfrau“ der Richtwert für das Normalgewicht sein soll.

Frau Büning-Fesel hat es vielleicht nicht so gemeint. Aber wie sie es gesagt hat, führt leider auf die falsche Fährte, nämlich zu einem trügerischen Begriff von „normal“. Der ist in der Sendung fest etabliert – die „normale Durchschnittsfrau“ trägt doch 44, warum schlanker sein?

So redet man ein Problem mit Zahlenspielen weg.

 

Schlanke als Vorbild – ist das so schlecht?

Das mit den falschen Vorbildern zielt aber auch auf die Medien. Nun ja, die verbreiten Bilder und zeigen schöne Menschen, das stimmt. Die meisten Schönen sind halt auch schlank. Schön und dick sind sie eher nicht, denn wer dick ist, gilt als weniger schön.

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Das ist so, in dieser Gesellschaft.

Daran sind nicht „die Medien“ schuld. Schlanke Menschen werden als attraktiver wahrgenommen, daran lässt sich nicht rütteln. Es gibt keine Umfrage, die je etwas anderes ergeben hätte.

Der Vorwurf an „die Medien“ – ihr zeigt die falschen Vorbilder! – und die Forderung an eine Erziehungsfunktion – jetzt zeigt endlich mal andere! – ist da eher unrealistisch.

Nicht ganz redlich ist es auch, ständig auf die Magersüchtigen und Essgestörten im Modelbusiness hinzuweisen, wie es etwa Jens Baas tut. Die gibt es ohne Zweifel.

Aber das gesundheits- und kostenmäßig weit größere Problem in Deutschland – und in ganz Europa sowie den USA – ist das Übergewicht. Davon ablenken, weil es auch ein paar Magersüchtige gibt, gilt nicht.

Worum es bei der Diskussion in der Sendung aber immer wieder geht, ist etwas anderes als das Körpergewicht, nämlich, ob man ein realistisches Selbstbild hat, eine realistische Wahrnehmung von der Welt und ob man sich unerreichbare Ziele setzt – Model werden, zum Beispiel.

Auch das ist keine Sache der Medien. Sondern eher der Persönlichkeitsentwicklung und der Fähigkeit, sich selbst einschätzen zu können.

Zu diesem Punkt hätte Plasberg vielleicht noch eine Soziologin, Psychologin oder Kulturwissenschaftlerin einladen sollen, die sich damit beschäftigt, warum Frauen seit Jahrtausenden stärker an bestimmten Schönheitsidealen gemessen werden und einer härteren Bewertung ihres Äußeren unterliegen als Männer.

Stattdessen schießt sich die Runde auf angeblich falsche Vorbilder ein. Dabei hätte auch jemand fragen können: Warum sollen eigentlich Schlanke das falsche Vorbild sein? Sind sie nicht eher – angesichts der Übergewichtskatastrophe – das richtige Vorbild?

Tja. Auf dieser ketzerischen Überlegung bleiben wir sitzen.

 

Sozial erwünschte Antworten

Mann in Sportkleidung macht Planken-Übung auf Mauer

Fitness lohnt sich, findet zumindest Detlev D. Soost.

Denn der Moderator antwortet auf Büning-Fesel: „Was ist normal? Das muss ja jeder erstmal auch für sich entscheiden…“

Hier werden wir wieder pingelig.

Denn so ist es eben nicht. Per definitionem – was normal ist, entscheidet genau nicht der Einzelne „für sich“.

Im Fall des Körpergewichts entscheiden zum Beispiel Ärzte und wissenschaftliche Einrichtungen, Versicherungen und Arbeitgeber.

Oder Designer von Flugzeugsitzen.

Detlev D. Soost, der Sportunternehmer, hatte in der Runde, was das angeht, den Schwarzen Peter: Er verdient Geld mit Fitnessprogrammen, für die er den Slogan „I make you sexy!“ verwendet.

Dafür musste er sich bei Frank Plasberg unentwegt rechtfertigen. Ob denn nur Schlanke sexy seien? Ob denn ein Waschbrettbauch nötig sei, um sexy zu sein? Ob denn alle einen Waschbrettbauch bräuchten? bohrte Plasberg an ihm herum.

Soost wand sich nach Kräften. Sein Geschäftsmodell konnte er natürlich nicht verleugnen. Aber als Spaßbremse wollte er auch nicht dastehen.

So zog er sich auf sicheres Terrain zurück, mit weichgespülten Botschaften: Natürlich sind alle sexy, egal, ob dick oder dünn. Es kommt auf den Einzelnen an. Was der oder die will. Wie man sich fühlt, ob man sich im Spiegel ansehen mag. Auf jeden Fall ist jeder okay so, wie er ist.

Das war so anregend für die Debatte wie eingeschlafene Füße und eine Binse, die der mit „falschen Vorbildern in den Medien“ vollkommen entsprach.

Schade, dass Soost nicht stärker für das eingetreten ist, was er macht.

Für ein erfolgreiches Fitness-Unternehmen muss man sich nicht entschuldigen und hey, ist doch super, dass es Menschen gibt, die schlank und fit sein wollen!

Das soll nämlich unter anderem gesund sein.

So aber wirkte die ganze Sendung wie eine Serie von sozial erwünschten Antworten, in denen jeder das von sich gab, was er glaubte liefern zu müssen: Es ist egal, wie man aussieht! Diäten machen unglücklich und dick! Schlanksein ist Terror! Wohlfühlbauch ist schön! Lasst euch nichts einreden! Bleib wie Du bist! Alle sind okay!

Und das, obwohl sie es in vielem besser wissen.

Interessanterweise hielt dabei nicht nur Moritz A. Sachs, der Schauspieler, 20 Kilo Übergewicht im Grunde für harmlos. Auch die beiden Fachleute in der Runde erklärten Übergewicht für unbedeutend, wenn es sich nicht gerade um extreme Fettleibigkeit handelt.

Zahlen und Studien sagen zwar etwas anderes, siehe oben.

Aber im ARD-Studio herrschte am, 8.1.2018 der Zwang zum Wohlfühlbauch. Kronzeugin dafür war Angelina Kirsch, das Curvy Model. Die gab ungefiltert wieder, was sie denkt und tut, zum Beispiel, dass sie noch nie eine Diät gemacht hat.

Kann man ihr glauben. Aber hochwahrscheinlich denkt, sagt und tut sie in 10 Jahren etwas anderes. Dann kommt sie nämlich in das Alter, in dem auch sie auf die Kalorien achten muss, um in Form zu bleiben.

 

Faktencheck: Wie war das mit den 60 Prozent?

Am Schluss steht bei „Hart aber fair“ immer der Faktencheck. Bei uns auch. Die Abteilung Dokumentation und Recherche von Quarkundso.de hat sich also die Untersuchung angesehen, die Plasberg zitiert hat.

Dazu gibt es in der Sendung einen Einspielfilm, in dem es wörtlich heißt: „Das eigene Gewicht, das ist für viele Frauen ein Problem – 60 Prozent finden sich zu dick.“

Das sind die Frauen, von denen Plasberg in seiner anschließenden Frage an Frau Büning-Fesel meinte, sie hätten ein „schlechtes Körpergefühl“. Angeblich stammt die Zahl aus einer Untersuchung der DAK, der Deutschen Angestellten Krankenkasse, im Beitrag ist die Quelle angegeben, hier der Screenshot:

 

Grafik mit Schrift "60 Prozent" und Quelle: XXL-Report DAK

Screenshot: Einspielfilm mit Zahlen und Quellenangabe bei Hart aber fair vom 8.1.2018

 

Der sogenannte XXL-Report der DAK steht im Internet, es ist eine repräsentative Befragung unter 1006 Männern und Frauen, durchgeführt von Forsa. Gefragt wird nach Körpergewicht, Aussehen und Meinungen zu Fettleibigkeit.

Was Plasberg gesagt hat – „60 Prozent der deutschen Frauen fühlen sich zu dick – warum haben so viele Menschen ein schlechtes Körpergefühl?“ – steht in den Ergebnissen aber nicht drin.

Wir haben es jedenfalls nicht gefunden. Wir haben folgendes gelesen:

„Die große Mehrheit der Befragten gibt an, dass es vollkommen bzw. eher zutrifft, dass sie sich in ihrer Kleidung gefallen (81 %) bzw. dass sie im Großen und Ganzen mit sich selbst zufrieden sind (73 %). 62 Prozent mögen ihr Aussehen so wie es ist.

Außerdem das:

„Normalgewichtige geben häufiger als unter- oder übergewichtige Befragte an, dass sie sich in ihrer Kleidung gefallen, im Großen und Ganzen mit sich selbst zufrieden sind, ihr Aussehen so wie es ist mögen, die meisten Menschen sie als gutaussehend bezeichnen würden und dass ihr Körper sexuelle Ausstrahlung hat.

Übergewichtige Personen meinen deutlich seltener als unter- oder normalgewichtige, dass sie ihr Aussehen mögen, wenn sie nichts anhaben. Häufiger sind Übergewichtige zudem unzufrieden mit ihrem Körperbau.“

Und das:

„Jeder Dritte (34 %) denkt, er sei normalgewichtig. Über die Hälfte der Befragten hält sich für etwas (45 %) oder sehr (15 %) übergewichtig.“

Falls wir jetzt keinen Brief von der „Hart aber fair“-Redaktion bekommen, bleibt es bei unserem Befund: Die Befragten schätzen sich sehr realistisch ein. Über die Hälfte aller Deutschen ist tatsächlich zu dick.

Von den befragten Frauen fanden sich im DAK-Report aber nicht 60 Prozent zu dick. Diese Zahl steht nirgendwo.

Wir lassen uns allerdings gerne belehren. Vielleicht bessert die Redaktion aber auch im eigenen Faktencheck nach. Es wäre ja nicht das erste Mal.

©Johanna Bayer

Hart aber fair vom 8.1.2018

 

WDR basht Rewe für Zuckertest bei Pudding, Experten machen mit. Aber wer liegt hier eigentlich falsch?

 

Bei Rewe dürfen Kunden über Süßgeschmack bei Pudding entscheiden und der WDR lässt kein gutes Haar daran. Beteiligt sind zwei Experten, die sich mit Kritik-Klischees überbieten und die Aktion geradezu böswillig interpretieren, darunter die Verbraucherzentrale NRW. Aber die billige Kritik-Schablone „Die Industrie verschaukelt uns doch nur!“ zielt an der Sache vorbei – schade eigentlich. (Aktualisierung: Der Test ist entschieden, Service-Link s. unten)

Gläschen mit Schokopudding, nah.

Schokopudding: Ein bisschen Zucker darf schon sein. Aber wieviel?

 

Seit dem 15.1.2018 dürfen bei Rewe die Kunden über Schokopudding abstimmen: Man kauft sich eine Stange mit vier Puddingproben und bewertet anschließend online. Dabei geht es um den Süßgeschmack. Die Proben enthalten unterschiedlich viel Zucker und sind, vom Originalrezept absteigend 20, 30 und 40 Prozent weniger gesüßt.

Das Ziel laut Rewe-Webseite: Bei den eigenen Produkten Zucker reduzieren.

Allerdings nur, wenn die Kunden das auch wollen. Denn der Pudding soll sich natürlich weiterhin gut verkaufen, also der Stammkundschaft schmecken.

Deshalb will der Lebensmittelriese mit der Aktion herausfinden, wie viel weniger Zucker im Pudding von den Kunden akzeptiert wird. Das Ganze ist der erhitzten Debatte rund um Zucker geschuldet, die 2017 tobte.

Und den Forderungen nach gesetzlichen Vorschriften für die Industrie. Gesetze wollen Händler und Hersteller natürlich nicht, sie postulieren ja gerne den berühmten „mündigen Verbraucher“.

Diesen also selbst entscheiden zu lassen, ist nur logisch: Der Kunde ist König, verkauft wird, was schmeckt.

Der Test ist deshalb ergebnisoffen. Sollte sich herausstellen, dass die meisten Kunden das Original mögen, bleibt es dabei. Wollen sie weniger Zucker, kriegen sie ihn. Das sagt Rewe auf seiner Homepage.

Kein Aufreger, sollte man meinen, sondern nur ein Produkttest.

 

Beim Bashing sind sich alle einig

Nun hat sich aber der WDR über die Aktion hergemacht, in der Sendung „Servicezeit“. Die Dramaturgie, neudeutsch auch „Storytelling“ oder „Narrativ“ genannt, ist klar: Die Industrie will uns doch nur verschaukeln!

Darin sind sich alle Beteiligten von vornherein einig – Moderator Könnes fragt vor dem Beitrag schon süffisant, ob es sich beim Puddingtest von Rewe etwa um eine „Trendwende hin zur gesunden Ernährung“ handele oder nur um einen „Marketing-Gag“.

Entsprechend war der Beitrag (nebenbei gesagt auch etwas schlampig: schlechter Ton mit Hall beim Ernährungsexperten und fehlende Bauchbinden im Video, Beitragsinfos zu Kamera und Schnitt fehlten auch, da ist mal wieder husch-husch das rohe Band in die Mediathek gestellt worden).

Wer waren also die Experten? Da hat sich natürlich sofort die Investigativabteilung von Quarkundso.de eingeschaltet.

Denn sie, die Experten, waren es, die wohl die Marschrichtung ins Klischee vorgegeben, den Autor beraten und ihm den Beitrag samt eigenem Geschmackstest gestrickt haben.

 

Geld verdienen – darf man das?

Einer ist Stephan Lück, Ernährungswissenschaftler und gelernter Koch, auch bekannt aus RTL, Galileo, ARD-Buffet, HR und eben dem WDR, vor allem in der Reihe „Servicezeit“.

Dort darf er zum Beispiel über vegane Ernährung für Kinder verzapfen, dass es doch gemein sei, Eltern, die ihre Kinder gesund, also vegan ernähren wollten, zu verunsichern und zu behaupten, die vegane Lebensweise sei nicht gut für die Kleinen. Wo doch Pflanzen so gesund und vielfältig seien.

Nun ja, damit verlässt er den Boden der Wissenschaft. Aber es geht hier nicht um ungeeignete Ernährung für Kinder, sondern um Schokopudding.

Ansonsten vertreibt Herr Lück einen selbst entwickelten Diätdrink und sagt auf seiner eigenen Homepage, es sei ihm damit gelungen, das Problem von Heißhunger und Jojo-Effekt beim Abnehmen zu lösen.

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Das wäre allerdings eine Sensation.

Viel gehört hat man von dem Saft bisher aber nicht, obwohl er schon seit mindestens 2012 auf dem Markt ist. Kritiker bemängeln den hohen Preis, Konsumenten schreiben im Internet über unerwünschte abführende Wirkung.

Das Business ist hart, und es geht bei so etwas um viel Geld, ein Mitbewerber mit ähnlichem Drink musste schon die Segel streichen.

Die Geschäfte des Herrn Lück sind in unserem Zusammenhang allerdings völlig uninteressant. Schließlich ist Geld verdienen wollen keine Schande, auch nicht mit Diätdrinks – es sei denn, es handelt sich um „die Industrie“ und die „Lebensmittelmultis“.

Dass die Geld verdienen wollen, ist höchst anrüchig. Für Herrn Lück.

 

Experten: von trivial bis böswillig

Er macht im O-Ton klar, dass jeder, der bei dem Rewe-Test mitmacht, dem Unternehmen auf den Leim geht: „Sobald ich das Produkt kaufe, mich darauf einlasse, hat Rewe in dem Fall das Ziel erreicht: Das Produkt wurde nicht nur verkauft. Sondern man fühlt sich sozusagen diesem Unternehmen näher.“

Das klingt verdächtig, ist aber erstens falsch, dann höchst trivial und außerdem täglich Brot in Unternehmen: die gute alte Kundenbindung, wie sie an allen BWL-Lehrstühlen des Landes unterrichtet wird.

So etwas taugt nicht zum Vorwurf, außerdem ist das Ziel von Rewe mit dem Kauf alleine wohl kaum erreicht. Die wollen Kundenmeinungen im großen Stil, um zu erfahren, ob der Pudding nun süß oder nicht so süß sein soll.

Dazu kommt: Ob und wie man testet, ist völlig freiwillig und hat keine Konsequenzen, außer einem – ebenfalls freiwilligen – Gewinnspiel. Der Vorwurf von Lück ist daher an den Haaren herbeigezogen und dämonisiert Methoden, die anderswo als „Partizipation“ von Pädagogen wärmstens empfohlen werden und im Übrigen höchst zeitgemäß sind.

Aber auch Expertin Nr. 2, Monika Vogelpohl von der Verbraucherzentrale NRW, ist sicher, dass der Zucker-Test des Teufels ist. Angekündigt wird ihr Statement vom Autor übrigens so:

„In der Verbraucherzentrale hat man diese Werbemethode so noch nie gesehen.“

Werbemethode? Wieso Werbemethode? Es ist doch eine Kundenbefragung. Ein Test. Freiwillig.

Bloße Werbemasche oder unlauter wäre das Ganze, wenn unter dem Vorwand der Mitbestimmung Kunden übers Ohr gehauen werden – indem sie zum Beispiel teure Verträge abschließen müssen. Oder nicht bekommen, was sie bestellt haben. Oder trotz Abstimmung das Wunschergebnis nicht produziert wird.

Frau Vogelpohl erhebt aber weitere Anklage:

„Das ist zunächst mal ganz positiv, dass Verbraucher gefragt werden nach ihren Geschmacksvorlieben. Auf der anderen Seite muss man bedenken: Der Verbraucher muss das Produkt erst kaufen, um es überhaupt bewerten zu können. Also im Grunde werden auch Kosten auf die Verbraucher abgewälzt.“

Das ist schon ein höherer Grad an Verdrehung. Um so etwas abzulassen, muss man nicht nur weltfremd sein, sondern eigentlich auch etwas böswillig.

Wir hängen uns da gerne aus dem Fenster: Diese Interpretation ist unlauter. Denn ein Recht auf kostenlose Warenproben gibt es nicht, obwohl viele Händler solche ausgeben – freiwillig.

Ansonsten kostet der Testpudding einen Euro (in Zahlen: 1.-), was Quarkundso.de selbstverständlich mit Beweismitteln gesichert hat. Hier wird keiner übers Ohr gehauen, sondern folgt für kleines Geld seiner Vorliebe für Pudding, wenn er sie denn hat.

 

Deppenargumentation schadet allen

Vor allem aber werden Konsumenten immer nach ihren Geschmacksvorlieben gefragt, nämlich bei der Produktentwicklung.

Denn wie soll ein Hersteller etwas auf den Markt bringen, wenn er seine Kunden nicht fragt, was ihnen schmeckt? Jedes Lebensmittelprodukt wird vorher getestet, und zwar von den Konsumenten der Zielgruppe, für die es gedacht ist. Die probieren und bewerten, danach arbeiten die Entwickler weiter.

Entschieden wird aber immer am Regal: Kaufen die Leute das neue Produkt oder nicht? Und wenn sie es kaufen, ja, dann müssen sie es natürlich bezahlen, ausprobieren und dann wieder kaufen. Oder liegenlassen.

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Es ist daher einigermaßen perfide, in die Welt zu setzen, dass hier „Kosten abgewälzt“ werden – als ob ein Unternehmen sich vor einer gesetzlichem Pflicht drückt wie ein gieriger Vermieter, der dem Mieter das Renovieren aufbrummt, obwohl er eigentlich dafür zuständig ist.

Eine so billige Argumentationsmasche mit vorgeblichem Verbraucherschutz wird der Sache nicht gerecht . Sie schadet auch der gesamten Debatte, weil sie Misstrauen schürt und sinnlos Fronten aufbaut, wo keine sind.

Gerade die Verbraucherzentralen tun sich mit dieser Deppenargumentation keinen Gefallen. Sie diskreditieren sich nur selbst als ernstzunehmender Gesprächspartner, der sie ja sein wollen, und zwar sowohl für Behörden als auch für Wissenschaft und Industrie.*

 

Die journalistische Seite

Wenn man nicht böswillig ist, sondern unvoreingenommen und weder auf der Gehaltsliste von Rewe noch einer Verbraucherzentrale steht, kann man ruhig zugeben: Der Pudding-Test ist clever, innovativ und durch die Vergleichsmöglichkeit interessant.

Aus Sicht des Unternehmens ist das sinnvoll. Die Marketing-Abteilung erhält viele Tausende von Bewertungen, eine Anzahl, die mit den üblichen Testreihen wohl nie erreicht werden könnte. Und ungefilterte Rückmeldung von den eigenen Kunden.

Sinnvoll und interessant ist der Test aber auch für die Verbraucher. Sie kriegen mit, wie die verschieden gesüßten Puddings schmecken. Den direkten Vergleich gibt es sonst selten.

Die Abteilung Methoden und Statistik von Quarkundso.de hat sich aber auch gemeldet und merkt spitzfindig an: Solche Online-Abstimmungen können sehr leicht beeinflusst werden. Denn Zuckergegner und Aktivisten könnten massenhaft Puddingproben einkaufen und so abstimmen, dass der Pudding mit dem geringsten Zuckergehalt gewinnt.

Dieser Aspekt kommt im Beitrag überhaupt nicht vor: Was taugt so eine Online-Aktion? Dazu hätte man Rewe fragen müssen, wie sie das sehen, was sie mit dem Test wirklich vorhaben, warum sie ihn so und nicht anders gestrickt haben, ob das Ergebnis des Tests aussagekräftig ist, ob sie mit Verfälschungen rechnen, was sie für Konsequenzen ziehen, ob die Abstimmung juristisch abgesichert ist.

Das wären so journalistische Fragen gewesen.

 

Was sagt Rewe eigentlich dazu?

Mit dem Journalismus ist es aber in dem Beitrag nicht weit her. Denn Rewe kommt gar nicht zu Wort. Kein O-Ton eines Marketing- oder Kampagnenleiters, kein Statement aus der Pressestelle.

Nichts.

Der WDR-Autor stellt nur die Puddingdosen vor die Kamera und folgt dann blind den Einschätzungen seiner Experten. Falls er überhaupt Rewe gefragt hat, gibt er die Stellungnahme nicht weiter. Handwerklich ist das schon sehr fragwürdig, Stichwort Recherche, journalistische Sorgfaltspflicht und Gelegenheit zur Stellungnahme für Betroffene.

Dafür darf sich aber Haus-Fachmann Stephan Lück am Testdesign austoben.

Puddingprobe von Rewe nah, auf Etiketet: -30 %

Wunschpudding laut WDR: minus 30 Prozent Zucker

Er erklärt rundheraus, die Sache sei völlig falsch aufgezogen. Man müsse die Puddingproben nicht in der Reihenfolge testen, die Rewe vorgibt, also beginnend mit dem Original und dann absteigend von 20 über 30 bis zu 40 Prozent Zucker.

Sondern umgekehrt „wenn man es richtig machen will“, so Lück.

Mit „richtig“ meint er: Wenn man Zucker „minimieren“ und den Leuten den Süßgeschmack abgewöhnen will.

Diesen Versuch macht der Autor dann im Beitrag und lässt Probanden auf der Straße zuerst den wenig gesüßten Pudding und am Ende den Gezuckerten  schmecken.

Ergebnis: „Den Originalen will plötzlich keiner mehr“. Die WDR-Probanden sind für den Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker.

Zack, wieder hat die Industrie einen vor den Latz bekommen.

 

Wer soll das Volk erziehen?

Aber auch hier wäre es korrekt gewesen, zu akzeptieren, was Sache ist: Rewe will seine Kunden nicht konditionieren oder umerziehen, und ihnen auch nicht vorschreiben, in welche Richtung ihr Geschmack gehen sollte. Und Rewe will Zucker nicht „minimieren“.

Der Laden will nur wissen, ob seine Kunden wirklich weniger Zucker akzeptieren und ob der Pudding jetzt weniger süß sein darf. Oder ob die Leute den gewohnten Geschmack wollen. Deshalb die Verkostung im Vergleich mit dem Original.

Dazu hätte man Rewe aber doch befragen können oder müssen. Das wäre wirklich interessant gewesen, journalistisch gesehen.

Auf der Internetseite des Ladens findet sich nämlich noch Erstaunliches: Die Supermarkt-Kette engagiert sich plötzlich für Clean Eating, bezeichnet sich als „verantwortlichen Lebensmittelhändler“ und bietet Ernährungsberatung sowie Tipps zur Zuckerreduktion an.

Das ist auch wieder so clever, wie es nur sein kann: Auf die Zuckerfrei-Welle aufspringen, und zwar als Händler. und sich als Anlaufstelle für „gesundes Leben“ gerieren.

Wobei man bei Rewe nach wie vor alles kaufen kann, von fettigen Pommes über Ravioli aus der Dose bis zu Feinkost, Räuchertofu und Biogurken.

So ticken Kaufleute – die bieten an, was die Leute wollen, und zwar weitgehend moral- und wertfrei. Wollen die Kunden bio, Vollkorn und Regionales ohne Zusatzstoffe, kommt das ins Sortiment. Wollen sie Industrieschrott und Fertigprodukte, bekommen sie es.

Man kann das kritisieren und hinterfragen. Man kann aber nicht voraussetzen. dass eine Supermarktkette Aufgaben der Volkserziehung zu übernehmen hat.

Diese Aufgabe haben andere.

Im übrigen könnte Rewe auch völlig ohne Befragung den Zucker in den Eigenmarken reduzieren – bei einer schrittweisen Reduktion von bis zu 25 Prozent würden es die Kunden nicht einmal merken. Das wissen Fachleute aus Tests mit zucker- und salzreduzierten Produkten. Aber Rewe will vielleicht mit seiner Kampagne etwas anderes, und es wäre spannend, das herauszufinden.

 

Schokopudding: Das Testergebnis von Quarkundso.de

Kleine Puddingbecher, geöffnet, von oben

Harte Arbeit im Labor von Quarkundso.de: Wir testen natürlich selbst.

Am Ende kommen wir endlich zur Sache, zum Pudding.

Den haben wir natürlich selbst getestet. Die Chefredakteurin ist sofort nach Beginn der Aktion in den örtlichen Rewe gestürmt, um sich eine Probenbatterie zu sichern.

Hier unsere Bewertung:

Original: pappsüß, unerträglich, würden wir nie freiwillig kaufen oder essen.

Minus 20 Prozent: immer noch pappsüß, geht auch nicht.

Minus 30 Prozent: interessanter, Schoko und Milch kommen mehr durch, schmeckt aber auch etwas mehlig. Da haben sie bestimmt irgendwas zum Füllen rein. Abgelehnt.

Minus 40 Prozent: schokoladig, nur dezent süß. Kann man essen. Muss man aber nicht kaufen.

Überflüssig zu sagen, dass wir keine Stammkäufer des Puddings von Rewe sind und das auch nicht werden. Aber natürlich haben wir wahrheitsgemäß für „minus 40 Prozent Zucker“ abgestimmt. Es ist ja für einen guten Zweck.

Dabei bekommt man auf der Seite von Rewe einen Zwischenstand: Am 18.1.2018 lag der Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker vorne.

Das zeigt – ja, was? Keine Ahnung.

Hätte man Rewe fragen müssen, also der WDR-Autor, natürlich.

Wir nicht. Wir arbeiten klandestin und gehen tatsächlich davon aus, dass die Zucker-Aktivisten diesen Test, wie oben beschrieben, für sich entdeckt haben.

Und dass in den Rewe-Läden sowieso nur die Leute probieren, die Neuem gegenüber aufgeschlossen und generell nicht so scharf auf Süßes sind. Wobei interessanterweise trotz des von Dr. Lück kritisierten Rewe-Testdesigns dasselbe herauskommt wie beim WDR-Versuch in anderer Reihenfolge.

Ansonsten finden wir den Test schlicht gut. Die Idee ist klasse. Die Perspektiven, die sich bieten, sind spannend – sofern man Supermarktprodukte und Fertiggerichte kauft oder ein Interesse daran hat.

Haben wir nicht, kaufen wir nicht, essen wir nicht. Aber den Test kann man mitmachen, er geht bis zum 12.2.2018. Daher, Fans und Freunde, stimmt ab! Danach kann man Rewe beim Wort nehmen.

©Johanna Bayer

 

*DISCLAIMER Falls der O-Ton von Frau Vogelpohl vom Autor nur zusammengeschnitten und gekürzt wurde, dann ist natürlich nur er Schuld. Und nix für ungut. Allerdings sieht es nicht danach aus. Frau Vogelpohl präsentiert ihre Aussage zusammenhängend und mit Überzeugung.

 

Der Beitrag des WDR in der Reihe Servicezeit vom 16.1.2018

Rewe-Webseite zur Kampagne, mit Test

Kleiner Nachtrag: Was die anderen sagen – Prof. Dr. Martin Smollich, Pharmazeut und Experte für Pharmanutrition auf Twitter zu Quarkundso.de:

Die Deutsche Diabetes-Hilfe findet, dass der Test eine gute Idee von Rewe ist, sie schreibt auf Twitter:

AKTUELL 19.2.2018: Der Test ist entschieden,

Ergebnis: Der Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker gewinnt, jeder zweite Teilnehmer stimmte dafür. Nur 5 Prozent waren für das süße Original, an zweiter Stelle landete die um 40 Prozent reduzierte Variante. Interessant, nicht wahr? Die ganzen Kunden bei Rewe haben also jahrelang einen Pudding gekauft, den sie gar nicht mögen! Das heißt das doch, oder? Rewe hat bislang nur eine nüchterne Presserklärung herausgegeben – es bleibt also spannend.

Vorsicht Gift! SPIEGEL online warnt vor Weihnachtsplätzchen

Es ist schon ein Ritual: vor traditionellem Essen warnen, besonders zu Weihnachten. Beim Spiegel schlagen sie diesmal mit Weihnachtsplätzchen komplett über die Stränge: Acrylamid, Salmonellen, Schimmelpilze, Leberschaden, teils wirr zusammengeschustert. Aber Quarkundso.de bringt Licht ins Dunkel. Und gibt allen Lesern praktischen Rat für das Fest: einfach unseren Risiko-Neutralisator einschalten. Dann kann nichts schiefgehen.

 

Nahaufnahme; Zimtsterne, Nüsse, Zimtstangen

Lecker, aber gefährlich? Zimtsterne. Bild: Pixabay

Es geht auf Weihnachten zu.

Gefühlige, besinnliche und gemütliche Themen sind gefragt, was mit Tradition und natürlich mit Essen.

Viel Essen: Stollen, Plätzchen, Lebkuchen, Glühwein, Feuerzangenbowle, Gänsebraten. „Comfort Food“ eben, Essen, das gute Gefühle macht.

Herrlich.

Allerdings gibt es auch die andere, die dunkle Seite des Essens: überall lauert Gift.

Deshalb hat Spiegel online pünktlich am Nikolaustag vor Weihnachtsplätzchen gewarnt: Sie enthalten laut Spiegel so viele potenziell gefährliche Stoffe, dass Experten bedenklich die Stirn runzeln und man wirklich aufpassen sollte.

 

Salmonellen, Schimmelpilze, Leberschaden

Größte Gefahr: das heimtückische Acrylamid, Aufhänger des Beitrags mit dem vielversprechenden Titel:

Acrylamid reduzieren
So gelingen gesündere Weihnachtsplätzchen

Den Stoff panscht keineswegs die Industrie das Acrylamid ins Backwerk, nein, er entsteht auch beim Selbermachen, aber Achtung: Zucker, Gewürze, Mandeln und Hirschhornsalz, die traditionellen Zutaten, lassen den Acrylamidgehalt noch mehr in die Höhe schießen, referiert der Spiegel gewissenhaft.

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Aber Acrylamid, Aufhänger des Beitrags, ist der Redaktion nicht genug.

Es folgt der ganz große Rundumschlag gegen die Weihnachtsbäckerei:

Vorsicht vor Zimt wegen Cumarin, dann sind noch Salmonellen in Eiern zu bedenken – sofort alles abspülen, was mit Ei in Kontakt gekommen ist und Kinder keinen rohen Teig naschen lassen! Und natürlich muss man auch bei Nüssen aufpassen, wegen Schimmelgiften.

Dicker auftragen kann man nicht.

Wirres Hin und Her

Mehr Unbehagen hervorrufen aber auch nicht.

Jetzt mal ehrlich – muss man die liebgewordene Hausmannskost vor Weihnachten so zwanghaft durch die Mangel der Lebensmittelsicherheit drehen?

Zumal Salmonelleninfektionen weit überwiegend im Sommer vorkommen und Zimt ein traditionelles Gewürz ist, an dem noch niemand gestorben ist, wenn er sich nicht gerade reines Zimtpulver reinlöffelt. Das hat gelegentlich als dümmliche Mutprobe schon Jugendliche ins Koma gestürzt. Es geht dabei allerdings um das Ersticken an dem reinen Pulver und nicht um den Inhaltsstoff Cumarin, das nur am Rande.

Vor allem aber: Warum bleibt die Redaktion nicht bei Acrylamid, wie angekündigt? Das ist doch Thema genug, steht im Titel und man hätte hier die Lage mal sinnvoll sondieren können. Stattdessen klotzt der Autor in den Artikel einfach alles rein, was sich an Angstmachern finden lässt.

Nicht, dass das neu wäre – es ist tatsächlich ein wiederkehrendes Ritual. Seit Jahren nudeln alle, von T-Online über Verbraucherzentralen bis zu seriösen oder weniger seriösen Blättern, im Advent den Kanon ab: Vorsicht vor Zimt, Eiern und rohem Teig, Achtung, Nüsse können mit Schimmel belastet sein.

 

Expertise im eigenen Haus

Speziell was den Zimt angeht, weiß es der Spiegel aber eigentlich besser.

Denn Spiegel-Redakteurin Julia Merlot hat schon 2012 und 2016 die ganze Hysterie um Zimt vom Kopf auf die Füße gestellt. Sie hat sogar ein richtiges Buch über allerlei Mythen zur Gesundheit geschrieben.

Bei Zimt stellt sie klar: Das Cumarin in Zimt wird nur dann ein Problem, wenn man es in ungewöhnlich hohen Dosen aufnimmt, nämlich als Medikament.

Denn, oh Wunder, Cumarin ist ein Heilwirkstoff. Er steckt in Mitteln gegen Veneninsuffizienz und koronare Herzkrankheit, gegen Schuppenflechte und Lymphödem. Dann aber hochdosiert, und nur wer solche Mittel einnimmt, sollte mit allzu vielen Zimtsternen vor Weihnachten vielleicht aufpassen.

Vielleicht. Denn in Zimt, einem der beliebtesten Gewürze überhaupt, steckt je nach Sorte gar nicht so viel Cumarin, dass es für Erwachsene gefährlich werden könnte. Für Kinder vielleicht, aber wirkliche Leberschäden durch Zimt in Lebensmitteln sind noch nie beobachtet worden. Auch nicht bei Kindern.

Die haben nur Tiere bekommen, denen man den isolierten Stoff Cumarin in großen Mengen zu geführt hat, wie man das halt so macht, in diesen Tierversuchen.

Zweimal hat Julia Merlot das alles zusammengetragen, im Spiegel. Aber jetzt wärmt irgendein Serviceredakteur (Name unbekannt), die olle Kamelle wieder auf: „Experten empfehlen, Zimt nur in Maßen zu verwenden“ – und verlinkt als Beleg dafür ausgerechnet auf Merlots Artikel von 2016:

„Nachdem das BfR Cumarin in Zimt 2012 neu bewertet hat, dürfen Erwachsene bei Zimtsternen offiziell wieder großzügig zugreifen: 24 kleine Kekse (120 Gramm) am Tag hält das BfR bei einem 60 Kilo schweren Erwachsenen für vertretbar, zumindest, wenn er ansonsten keinen Zimt verzehrt. 2006 waren es nur acht (ungefähr 40 Gramm).

Besonders schön aus Sicht aller Naschkatzen: Diese Menge Zimtsterne kann man theoretisch das ganze Jahr über jeden Tag aufnehmen, ohne Gesundheitsschäden durch Cumarin befürchten zu müssen. Aber das ziehen wohl nicht mal die härtesten Zimtsternfans durch.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) kam zudem zum Schluss, dass man über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen die dreifache Menge Cumarin aufnehmen darf, ohne dass Gesundheitsschäden drohen. Wer es in der Adventszeit also übertrieben hat mit Lebkuchen, Glühwein und Zimtsternen, muss sich nicht sorgen.“

Da wirkt es doch einigermaßen wirr, wenn der Spiegel zu Weihnachten 2017 vor Zimt warnt. Zumindest hat der übereifrige Serviceredakteur beim billigen Ausschlachten des Saisonthemas den Artikel der Kollegin vor dem Verlinken gar nicht erst gelesen.

 

Es trifft auch die Guten: Knäckebrot mit Körnern. Und Acrylamid.

 

Acrylamid: Schluss mit Wohlfühlfutter?

Wirklich schade ist auch, dass er bei Acrylamid nicht nachgehakt oder, besser noch, Frau Merlot drangesetzt hat. Die hätte das vernünftig aufgeklärt.

Jetzt muss wieder Quarkundso.de die ganze Arbeit machen.

Weil es aber um nichts weniger als die Esskultur geht, und das nicht nur zur Weihnachtszeit, springen wir selbstverständlich gerne ein.

Denn von der Acrylamid-Warnung sind wahrlich nicht nur Kekse und Weihnachtsplätzchen betroffen. Es geht auch um Pommes frites, Bratkartoffeln, Rösti, Toastbrot, Cornflakes, geröstete Müslis und Crunchies, Müsliriegel, Zwieback und Knäckebrot, sogar Kaffee und Kakao.

Das ist der blanke Horror. Einerseits.

Andererseits ist die Sache nur aufgekommen, weil schwedische Wissenschaftler 2002 die Substanz überraschend in Pommes gefunden haben.

Weil Acrylamid als synthetischer Stoff nicht unbekannt ist, sondern in Plastik oder bei der Wasseraufbereitung verwendet wird, gab es Alarm.

Denn aus der Industrie war bekannt, dass der Stoff über die Haut aufgenommen und eingeatmet wird. Arbeiter in China zeigten Nervenschäden, mit dem Stoff gefütterte Mäuse und Ratten bekamen Krebs.

Pommes frites, nah

Fritten – auf dem Acrylamid-Index.

Noch 1985 war die WHO aber davon überzeugt, dass Acrylamid in der Natur überhaupt nicht vorkommt, erst recht nicht in Lebensmitteln.

Deshalb waren die schwedischen Funde ein Aufreger erster Güte, bis sich herausstellte, dass Acrylamid beim Backen oder Braten von stärkehaltigen Lebensmitteln ganz natürlich entsteht.

Auch in den guten Lebensmitteln wohlgemerkt, von denen doch alle möglichst viel und immer mehr verzehren sollen, nämlich in Getreide und Kartoffeln.

Das war ein Rückschlag.

Aber „aus Gründen des vorsorgenden Gesundheitsschutzes“ haben die EU-Behörden im September 2017 Imbissbuden und Industrie vorgeschrieben, den Acrylamidgehalt in Pommes, Knäckebrot, Chips, Müsliriegeln und Keksen zu senken.

Nur sicherheitshalber, und ohne Grenzwert oder Richtlinie zur Menge, die tolerabel oder gefährlich wäre.

Man muss das ganz klarstellen.

Denn es ist weder beobachtet worden, dass Menschen, die viel Knäckebrot, Zwieback oder Pommes frites essen, öfter Krebs haben oder besondere Krebsarten im Verdauungstrakt entwickeln.

Noch konnten Forscher mit normalen Lebensmitteln, die natürliche Mengen von Acrylamid enthalten, im Tierversuch Krebs auslösen. Das ging nur mit dem reinen Chemie-Stoff, pur und in großen Mengen verfüttert.

 

Triviale Ratschläge, kein Grenzwert

Toastbrotscheiben im Toaster, nah

Schluss mit Kruste: Toast nicht anbrennen lassen. Nur noch vergolden. Ob das so noch durchgeht?

Deshalb gab es natürlich Proteste von denen, die betroffen waren, als die EU-Beamten die Paragraphen meißelten: Frittenbuden und Imbissketten, Restaurants, Bäcker, Industrie.

Die Vorschrift kam trotzdem.

Und damit jede Menge trivialer Ratschläge von Verbraucherschützern und Bedenkenträgern aller Art, auch für zuhause: Weihnachtsplätzchen nicht zu dunkel backen, Toast nicht anbrennen lassen!

Aber wer isst schon angebrannte Plätzchen?

Die schmecken doch nicht, sind steinhart und peinlich sind sie außerdem. Alle Hobbybäcker achten darauf, dass die Plätzchen schön golden aus dem Ofen kommen, und nicht verkokelt.

Dumm ist auch, dass es bis heute keinen Grenzwert gibt und nicht einmal einen Richtwert. Denn Acrylamid ist offiziell nur als wahrscheinlich krebserregend eingestuft, nicht als sicher – freilich nur der Stoff aus der Industrie. Nicht das, was natürlich in Lebensmitteln entsteht. Bei zubereitetem Essen sieht es ganz so aus, als sei das Acrylamid darin nicht krebserregend.

Deshalb müssen die Behörden ganz schön rumeiern. Das tut auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung. Das ist zuständig in der Sache und hat jetzt den Salat.

Auf einer FAQ-Seite warnt das BfR pflichtbewusst vor dem frisch inkriminierten Stoff. Aber die Zahlen, die es dazu angibt, zeigen, dass die mit der Nahrung aufgenommenen Mengen bei Menschen nicht im Entferntesten an die Dosen heranreichen, die Versuchstieren verfüttert wurden.

Die Daten: 300 bis 10.000 Mikrogramm reines synthetisches Acrylamid pro Kilo Körpergewicht macht bei Tieren Krebs.

Durchschnittliche Menge, die Menschen natürlich durch Gebackenes, Gebratenes oder Frittiertes aufnehmen: 0,3 bis 0,8 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht.

Noch dazu lautet das Ergebnis aller Beobachtungsstudien am Menschen bisher:

Festzustellen ist in diesem Kontext, dass epidemiologisch bisher kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und der Acrylamid-Exposition nachgewiesen werden konnte. Möglicherweise ist das Risiko einer Krebsentstehung – sofern beim Menschen vorhanden – bei der gegebenen Exposition praktisch kaum nachweisbar. (Quelle: BfR, Acrylamid in Lebensmitteln, erg. 21.1.2013)

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Deshalb gibt es bis heute keinen Richtwert zur Aufnahme oder einen Grenzwert für Lebensmittel. Und das BfR muss sich, was die Gefährdung angeht, auf Acrylamid als Stoff in der Industrie beziehen. Nicht auf natürliches Acrylamid aus Fritten oder Knäckebrot.

Das ist irreführend und verunsichert die Verbraucher. Gibt es nicht genügend handfeste Gefahren rund ums Essen und generell im Leben, vor denen man sinnvoll warnen könnte?

Scheinbar nicht, wie wir noch sehen werden.

 

 

Rechenspaß mit Risiko

Damit aber überhaupt etwas rumkommt, bietet das BfR wenigstens Service an: einen Acrylamid-Rechner.

Er besteht aus einer Excel-Tabelle und sieht aus wie im Fachreferat selbst gebastelt, weil kein Etat für eine kundenfreundliche Online-Programmierung da ist. Eigentlich auch lustig.

Jedenfalls gibt man sein Gewicht an, und wie oft und wie viel Müsli, Pommes frites oder Knabbergebäck man isst, dann bekommt man einen Wert.

Natürlich hat die Abteilung Experimentelles bei Quarkundso.de den Test sofort gemacht. Ergebnis: Unsere Acrylamid-Aufnahme liegt um 42 Prozent niedriger liegt als die von Berliner Schülern.

Was will uns das sagen? Nichts. Einfach gar nichts. Es gibt ja keinen Richtwert.

Der Gesamtdurchschnitt der Deutschen liegt bei den erwähnten 0,3 bis 0,8 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht, wir liegen am unteren Durchschnitt.

Wer höher liegt, darf sich vom BfR fragen lassen, ob er sein Risiko denn reduzieren möchte. Falls ja, dann einfach weniger Pommes und Kekse essen – und Toast nicht anbrennen lassen. Das ist aber wirklich freiwillig. Denn einen Grenzwert… wir wiederholen uns.

Seltsamerweise empfiehlt das BfR übrigens nicht, mit dem Rauchen aufzuhören. Es fragt im Rechner auch nicht ab, ob und wie viel man raucht. Raucher nehmen nämlich mehr als doppelt so viel Acrylamid wie Nichtraucher auf, oft sogar drei- bis fünfmal mehr:

Die stärkste für die Allgemeinbevölkerung zu berücksichtigende Acrylamidquelle ist das Rauchen. Es wird geschätzt, dass Raucher täglich mit 0,5 bis 2 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm Körpergewicht belastet werden. (Quelle, BfR, FAQ zu Acylamid)

Das steht zwar irgendwo in einem FAQ-Text der BfR auf der Seite.

Nur so richtig in die Ratschläge kommt es nicht. Erstaunlich ist das schon – Millionen von Menschen die Freude an Fritten, Weihnachtsplätzchen und Toast vermiesen, aber die Zigaretten davonkommen lassen?

Rauchen, schreibt die deutsche Krebsgesellschaft, ist die häufigste vermeidbare Todesursache in den Industrieländern.

Wir lassen das mal so stehen.

 

Der Risiko-Neutralisator von Quarkundso.de

Aber natürlich muss es noch ein versöhnliches weihnachtliches Schlusswort geben. Und einen Ausblick auf das neue Jahr.

Fangen wir mit dem Ausblick an: Im neuen Jahr werden wir uns genauer mit diesen Risiko-Warnungen beschäftigen: Was ist an Essen wirklich gefährlich? Und warum?

Unseres Wissens sind es übrigens die überflüssigen Kalorien, gerade bei Plätzchen, Fritten, Toastbrot, Knabbergebäck und Chips. Vor zu vielen Kalorien hat aber in den oben genannten Zusammenhängen keiner gewarnt, weder Spiegel online noch das BfR.

Wir werden das lückenlos aufklären. Das ist Chefsache, und auch die Fettbeauftragte wird aktiv mitwirken.

Bis dahin gilt: Wenn man zu Weihnachten mit den Kalorien über die Stränge haut und für den Rest des Jahres das Gewicht im Lot ist, gibt es von Quarkundso.de die Lizenz zum Fressen: Plätzchen, Stollen, eine gute Weihnachtsgans und Schokolade sind dann überhaupt kein Problem.

Unsere guten Wünsche zu Weihnachten verbinden wir daher mit dem Risiko-Neutralisator von Quarkundso.de. Wenden Sie ihn über die Feiertage bei jeder Mahlzeit an:

Ein gutes Weihnachtsessen ist automatisch gesund.

Alle traditionellen Zubereitungsweisen sind unschädlich.

Wer selbst kocht, macht alles richtig.

Dieser Risiko-Neutralisator gilt bis zum Ende der weihnachtlichen Festzeit und wird zu Ostern wieder aktiviert.

Frohes Fest!

©Johanna Bayer

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LINKS

Spiegel online warnt vor Weihnachtsplätzchen

Spiegel online gibt Entwarnung bei Zimtsternen und Weihnachtsgebäck, Artikel von Julia Merlot

Das BfR zu Acrylamid samt Risikorechner

 

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Visite beim NDR: Neues über Zucker und Kokain. Aus der Epoch Times.

In der NDR-Gesundheitssendung „Visite“ fällt eine Ärztin mit steilen Thesen über Zucker auf: Er wirke auf das „Suchtzentrum des Gehirns ähnlich wie Kokain“. Nicht nur Quarkundso.de fragt da nach. Aber leider kommt als Beleg ein Artikel der dubiosen Epoch Times. Ausgerechnet. Und das ist nicht der einzige Patzer. 

 

Quarkundso.de wird ja inzwischen als allgemeine Auskunftei zu Essen und Gesundheit betrachtet.

Die Leute haben keine Hemmungen.

Da fragt ein unbekannter Follower über Twitter an, warum die Butter so teuer geworden, aber Biobutter nicht genauso im Preis gestiegen ist.

Eine Kollegin möchte wissen, was dran ist an der Behauptung, Mikrowellen zerstörten wichtige Stoffe im Essen und ließen Gifte entstehen, angeblich schon vor 30 Jahren entdeckt von einem Schweizer Arzt, der seither im Untergrund kämpft (so ähnlich).

Andere Blogger-Freunde verwickeln Quarkundso.de in eine Diskussion über Zucker als Droge, mittels Markierung auf Facebook. Was da dran sei, was ich so meine, und überhaupt.

Ich verspreche allen Antragstellern: Wir sind bemüht, Fragen sofort und ausführlich zu beantworten. Dabei widmen wir uns auch den wildesten Verschwurbelungen, wenn es nur um Essen geht.

Die Mikrowelle und die Butter mussten aber etwas zurückstehen, denn langweilige Zucker-Nummer wuchs sich zu einer peinlichen kleinen Panne für den NDR aus. Und als gefundenes Fressen für Quarkundso.de.

Es geht um die Gesundheitssendung des NDR, die „Visite“. Das ist ein altes Flaggschiff in der Senderlandschaft. Eine der dort als Expertin auftretenden Fernsehärztinnen hatte in der Sendung vom 17.10.2017 vor Zucker gewarnt.

Ihren steilen Satz spielte die Redaktion online über Facebook, samt der Bemerkung, die WHO rate deshalb zur Begrenzung des Zuckerkonsums.

 

 

Zucker mit Kokain zu vergleichen ist einfach Quatsch

Bloggerin Irene Gronegger, ebenfalls im Gesundheitsbereich unterwegs, war darüber gestolpert. Zucker wirkt wie Kokain? Macht also wach, süchtig, hyperaktiv, ist eine gefährliche, suchterzeugende Droge, zerstört das Gehirn? Und das als Ärztin?

Die Kollegin fragte nach, und zwar bei der Pressestelle des NDR: Welche wissenschaftlichen Belege es denn gäbe? An diesem Punkt wurde Quarkundso.de herbeizitiert, man freute sich auf ein kleines Scharmützel.

Dabei passte uns das gerade gar nicht. Es war Mittag, wir waren hungrig, müde, erkältet, mussten trotzdem was abarbeiten und die Sache selbst ist doch schon längst ausgelutscht: Nein, Zucker als Stoff wirkt nicht wie harte Drogen, egal, was irgendwelche Amerikaner sagen, von Robert H. Lustig, dem Anti-Zucker-Aktivisten über David Ludwig von der Harvard-Universität bis zu Tosca Reno, der Clean-Eating-Päpstin.

Wissenschaftlich ist der Käse längst gegessen: Es gibt kein einziges Lebensmittel oder einen einzelnen Stoff in der Nahrung, der süchtig oder abhängig macht.

Auch nicht Zucker. Gegen Kokain, Heroin und selbst Nikotin sind alle Lebensmittel harmlos. Daher steht auch keines auf der Liste suchterzeugender Substanzen, sieht man mal vom Alkohol ab. Aber der ist kein Lebens-, sondern ein Genussmittel.

Quarkundso.de berichtete mehrfach.

Das rechtfertigt oder verharmlost nicht das übermäßige Verschlingen von Süßigkeiten. Aber es rückt die Verhältnisse gerade: Es ist nicht der Stoff Zucker, der körperlich abhängig macht und etwa wirkt wie ein Droge. Es ist das zwanghafte, übermäßige Essen, das Verhalten, das das Gehirn in einer bestimmten Region verändert, die die Fernsehärztin „Suchtzentrum“ nennt.

Korrekt heißt es Belohnungszentrum, und das erzeugt bei Dingen, die gelingen ebenso wie beim Naschen von Leckereien Glücksgefühle. Harte chemische Drogen ahmen diesen natürlichen Mechanismus nach und verzerren ihn stark, das macht sie so gefährlich.

Aber klar ist: Das ist schon eine ganz andere Nummer. Darüber sind sich alle Suchtforscher auf der Welt einig.

 

Immer wieder neu aufgekocht: Zucker als Droge

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Ob Essen oder irgendein Stoff im Essen trotzdem süchtig machen könnte, ist zur Sicherheit geklärt worden: Forscher haben im Auftrag der EU haben 2013 ein internationales Konsenspapier erstellt, das die Lage zum Thema Essen und Abhängigkeit – Food and Addiction – sondiert.

Demnach gibt es kein einzelnes Lebensmittel oder einen Inhaltsstoff, der abhängig macht wie eine Droge, die reinen Genussmitteln Alkohol und Kaffee ausgenommen.

Bisher sieht es nicht so aus, als ob sich die Einschätzung sich ändert.

Das heißt nicht, dass es nicht Menschen mit suchtartigem oder suchthaftem Essverhalten gibt. Und dass sie nicht genau die charakteristische Veränderungen im Gehirn aufweisen, die denen von Drogenkonsumenten ähneln. Oder tatsächlich eine suchtartige Gier nach Süßem, aber besonders auch nach Fettigem entwickeln könnten. Darauf sind wir nunmal biologisch geeicht.

Aber es geht dabei nicht um einen chemischen Stoff, der das Gehirn manipuliert. Sondern um das gestörte Verhalten und das ständige Wiederholen: Menschen werden nicht süchtig nach den Substanzen Zucker oder Fett. Sondern abhängig vom Essen als zwanghafte Handlung.

Die Mechanismen im Gehirn sind dabei tatsächlich immer dieselben. Die Veränderungen, die man beobachten kann, etwa im Kernspin, auch.

Egal, die Details mag jeder selbst nachlesen.

Hier geht es eher um die interessierten Kreise, die den wissenschaftlichen Konsens zu Zucker als Lebensmittel nicht akzeptieren. Sie haben auch nicht den gesunden Menschenverstand der Hausfrau, die Zucker in den Kuchenteig gibt, aber auch weiß, wann es zuviel ist.

Nein, die Verschwörer betrachten Zucker als Gift und kommen ständig mit denselben Behauptungen und Argumenten sowie angeblich neuen Belegen um die Ecke, spielen über Bande, schreiben oder zitieren unseriöse populistische Bücher, beziehen fragwürdige Informationen aus dem Internet und schwören auf angeblich neue Studien, wahlweise auch auf brisante Daten, die angeblich seit 60 Jahren unter Verschluss gehalten werden.

Darunter sind Fachleute, Ärzte und Journalisten. Erstaunlich, eigentlich. Das Ganze ist eine amerikanische Debatte, sogar eigentlich eine Kampagne, die nicht auf alle zu übertragen ist. Die entsprechenden Akteure sind auch alle von drüben, das ist kein Zufall.

 

Quellen: Epoch Times und das Interview mit einem Toten

Wir wollten also müde abwinken, dann aber wurde es lustig, denn Kollegin Gronegger bekam Antwort von der NDR-Pressestelle. Quarkundso.de erwachte aus der Lethargie, denn brühwarm landete die Mail des NDR bei uns auf dem Tisch.

Darin wurden als Belege zwei Links angegeben. Einer führte zur Epoch Times, einer zu den Deutschen Gesundheitsnachrichten.

Wie bitte, die Epoch Times? Das Kampagnenblatt der Falun-Gong-Bewegung, in seiner deutschen Ausgabe Lieblingspostille von AfD-Wählern und Rechtsextremen? So beschreibt zum Beispiel DIE ZEIT das fragwürdige Portal.

Auf keinen Fall kann ein Artikel aus einer solchen Schleuder als Quelle für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten, gar als Beleg für einen Sachverhalt aus Medizin und Wissenschaft.

Die andere Quelle leistet sich unter dem reißerischen Titel „Zucker wirkt auf den Körper wie Heroin“ leider ein peinliches Missverständnis. In wörtlicher Rede zitiert der Artikel Princeton-Forscher Bart Hoebel, als ob er gerade interviewt worden wäre.

Im Nucleus accumbens, dem Lustzentrum des Gehirns, löst „Zucker die Ausschüttung von Dopamin und Opioiden aus“, so Bart Hoebel von der Princeton University in New Jersey. Das Dopamin wird als Triebkraft hinter Drogensucht gesehen. Und die Opioide sind Substanzen, die eine betäubende Wirkung im Körper hervorrufen, indem sie sich an die Opioidrezeptoren binden. „Das Gehirn wird süchtig nach seinen eigenen Opioiden, wie es das auch bei Heroin und Morphin tun würde“, ergänzt Hoebel. Insgesamt erzielten Drogen eine größere Wirkung, aber im Wesentlichen sei der Prozess der gleiche, so Hoebel. Hoebel führt dies unter anderem auf eine durchgeführte Studie mit Ratten zurück.

Klingt gut, der Artikel ist allerdings von 2014. Und Bart Hoebel ist 2011 gestorben.

 

Huch, vertippt!

In solch einem Fall muss man leider feststellen: Das hätte der NDR nicht rausgeben sollen.

Bart Hoebel war übrigens ein sehr renommierter Forscher, dessen Arbeiten in Deutschland und anderswo fortgeführt wurden. Das Ergebnis ist aber nicht die platte Aussage, dass Zucker süchtig macht.

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hatte inzwischen selbst der NDR-Pressestelle geschrieben und gefragt, was es mit diesen seltsamen Quellenlinks auf sich habe.

Die Antwort kam am Abend: Nein, nein, das, äh, sei nur ein Versehen gewesen, die Ärztin habe die Links nur nebenher in der Praxis rausgesucht. Das seien weder ihre Quellen noch die der Redaktion. Und die Redaktion habe sie lediglich weitergegeben, das seien „allgemeinverständliche Medien“.

Interessante Einschätzung.

 

Unbestritten, aber umstritten – was denn nun?

Ansonsten wurde uns erklärt, dass es bei Zucker „unbestrittene gesundheitliche Risiken“ gäbe – aber wissenschaftlich sei die Sache umstritten, es gebe ja „unterschiedliche Einschätzungen und Veröffentlichungen.“

Ah ja. Das haben wir natürlich verstanden: Schrödingers Zucker.

Dazu kamen neue Belege, darunter wieder eine dubiose Quelle, ein „Sleuthjournal“, das zur Sache auf ein esoterisches Naturkostportal verlinkt, eine ältere Arbeit von Bart Hoebel, die ins Konsenspapier der EU von 2013 eingeflossen ist – Ergebnis: Zucker macht nicht süchtig wie Kokain. Eine verfehlt das Thema und dreht sich um Angststörungen, eine weitere beschäftigt sich auch mit einem anderen Thema, übrigens ebenfalls auf der Basis von Bart Hoebel (ja, das war ein hoch renommierter Suchtforscher).

Soll heißen: Diese Quellen ändern nichts am Stand der Wissenschaft. Der entspricht weiterhin dem EU-Konsenspapier, es wurde erst letztes Jahr, 2016, international bekräftigt.

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Die hartnäckigen Zucker-Verschwörer haben dagegen keine harten Fakten in der Hand. Sie zitieren selektiv, interpretieren tendenziös und einseitig oder suggerieren Ergebnisse und Erkenntnisse, die es gar nicht gibt. Meistens spielt sich das in den USA ab, und das hat seinen eigenen Charme.

Natürlich wollen alle dabei nur das Beste, nämlich die Gesundheit schützen. Das ist ehrenwert, aber ein wenig aufpassen und auf unseriöse Thesen verzichten sollte man schon. Der gute Zweck heiligt nicht alle Mittel.

Diese ganze Zucker-ist-Droge-Diskussion wollen wir jetzt nicht weiter aufrollen. Das können Interessierte ja nachlesen.

Wir hingegen blicken kurz noch einmal auf das journalistische Handwerk und die redaktionelle Verantwortung, die der NDR nunmal hat.

 

Online geht noch einer

Denn im Netz lief es leider auch nicht rund.

Der Facebook-Post der Redaktion nämlich bauscht nicht nur den steilen Satz der Ärztin auf. Dazu bekräftigen die Onliner der Redaktion Visite auf Facebook:

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb auch nicht mehr als 25g Zucker am Tag.

Deshalb, aha. Das klingt, als warne die WHO vor Zucker wegen seiner drogenähnlichen Wirkung. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht.

Die WHO warnte 2015 vor Übergewicht und Karies durch übermäßigen Zuckerverzehr. Das ist in der Begründung zur Empfehlung ganz klar. Von Sucht, Droge, Kokain oder sonstigen Gesundheitsgefahren ist nicht ansatzweise die Rede. Die WHO ist nämlich über den Stand der Wissenschaft orientiert.

Von wegen „deshalb“.*

Der Online-Kommentar ist einfach besinnungslos und ohne Kontrolle oder Recherche ins Netz geblasen worden. Wenn er nicht sogar aus der Redaktion stammt. Die hätte da doch besser aufpassen und nicht den tendenziösen Vereinfachungen aufsitzen sollen.

Die Sendung selbst sieht ihre Inhalte und Aussagen, gerade auch die vom 17.10. zum Zucker, als „wie immer gut recherchiert, und natürlich unbeeinflusst und unabhängig“ (aus der Moderation vom 17.10.2017). Schade, dass da niemandem, weder Pressestelle (Kommunikationsprofis) noch Redaktion (erfahrene Gesundheitsredakteure) aufgefallen ist, dass die Ärztin einen Link der Epoch Times verschickt.

Und keiner hat mal kurz in die Links geschaut und gesehen, was da zitiert wird. Keiner hat recherchiert, niemand hat kontrolliert und niemand schaut nach, was die Onliner treiben. Die geben einfach wieder, was Redaktion und O-Ton der Ärztin ihnen nahelegen.

Das wünscht man sich schon anderes, von einer Gesundheitsredaktion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Und in den heutigen Zeiten. Es spielt Verschwörungstheoretikern in die Hände. Das sind die Leute, die sich zum Beispiel aus der Epoch Times, esoterischen Gesundheitsportalen oder Angeboten mit „Alternative News“ wie dem Sleuthjournal informieren.

Und das nicht nur über Zucker. Sondern auch über Chemtrails, Invasionen aus dem All und Reptiloiden.

©Johanna Bayer

Hinweis: Die Deutschen Gesundheitsnachrichten haben umgehend auf die Kritik von Quarkundso.de reagiert und in ihrem Artikel von 2014 vermerkt, dass Bart Hoebel 2011 verstorben ist. Sie möchten auch nicht als „dubioses Portal“ bezeichnet und mit den Epoch Times in einen Topf geworfen werden, da sie nach den Grundsätzen des Deutschen Presserates (Pressekodex) arbeiten. Ich habe daher den Text an dieser Stelle geändert. Meine Kritik an den Formulierungen im Artikel über Zucker und Bart Hoebel wird von der Redaktion in der Sache akzeptiert.

*Die Online-Redaktion der Visite hat auf den Beitrag von Quarkundso.de reagiert und schnell ihren Facebook-Kommentar nach Erscheinen geändert. Das „deshalb“ ist gestrichen worden, Stand 30.10.2017 – ohne jede Anmerkung. Neuer Text: „Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nicht mehr als 25g Zucker am Tag“.

 

EU-Konsenspapier Food and Addiction

Sendung Visite beim NDR vom 17.10.2017

Über die „Zuckerlüge“ von ARTE und die US-Kampagne

 

 

Kurvige Models oder Dicke im Bild – BRIGITTE.de und das Problem mit dem Übergewicht

Auf einer Modenschau für Badeanzüge waren üppige Models auf dem Laufsteg, dagegen gab es Kritik: Mediziner fürchten ein falsches Körperideal. Das Frauenportal BRIGITTE.de verwahrt sich mit einem empörten Zwischenruf und findet, die Ärzte sollten die Klappe halten. Doch ist das wirklich sinnvoll? Zumal BRIGITTE.de vom Geschäftsfeld „Plus Size“ selbst ganz schön profitiert. 

 

Übergewichtige Frau posiert in braunem, elegantem Kleid in schöner Landhausküche

Dick und schön: Ja, das geht.

Nicht, dass es heißt, wir hätten irgendein Blatt oder einen Sender speziell auf dem Kieker, nur weil BRIGITTE.de wieder dran ist.

Ehrlich, die Kandidaten sind Legion, alle können jederzeit dran kommen.

Die Auswahl richtet sich nur nach den strengen journalistischen Kriterien von Quarkundso.de. Zum Beispiel danach, was gerade aktuell oder besonders platt oder, umgekehrt, eher verzwickt ist.

Aktuell ist zum Beispiel das Thema „Kurvige Models“, neudeutsch: „Curvy Models“, also füllige Frauen, oder sagen wir es deutlich: Dicke im Bild.

Dazu hat BRIGITTE.de einen empörten Zwischenruf gelandet. Es geht konkret um dicke Damen bei der Zeitschrift Sports Illustrated. Das ist eigentlich ein Sport-Magazin, aber einmal im Jahr bringt der Verlag ein Extraheft mit Bademoden heraus.

Im August 2017 hat das Magazin dazu eine Live-Modenschau in Miami veranstaltet und auch ungewohnt üppige Frauen auf den Laufsteg geschickt. So richtig große Figuren waren dabei, nicht unbedingt das, was man „normalgewichtig“ nennen würde.

 

Empörter Zwischenruf

Jedenfalls trug die Aktion Sports Illustrated weltweit Kommentare ein, unter anderem von einer australischen Lifestyle-Journalistin und einigen ebenfalls australischen Medizinern im Daily Telegraph.

Die vorgebrachten Einwände: Nur weil die Modeindustrie nicht mehr nur runtergehungerte Kleiderständer als Mannequins zeigt, sollte nicht gleich das andere Extrem gefeiert werden. Das propagiere ein falsches, ungesundes Körperideal.

Fettleibigkeit, so ein australischer Adipositas-Fachmann, sei gesundheitsschädlich und nicht erstrebenswert. Stark Übergewichtige als positive Vorbilder in Mode und Medien zu zeigen, setze das falsche Zeichen. BRIGITTE.de kommentiert:

„Da laufen endlich mal kurvige Models über den Catwalk und was passiert? Von diversen Seiten hagelt es Kritik.“

Und legt nach, die eingesetzten Models seien gar nicht fettleibig gewesen:

„Fettleibigkeit“? Wie bitte?! Die Models, die hier über den Catwalk liefen, wirken alles andere als krankhaft „fettleibig“. Sarina und ihre kurvigen Kolleginnen machen in der Bademode eine heiße Figur.“

Übergewicht ist ein Problem

Tja. Der Fall ist knifflig.

Einerseits ist der Zwischenruf von BRIGITTE.de natürlich lieb gemeint. Für die Leserinnen gedacht, für alle Frauen, für ihr Selbstwertgefühl und ihre Körper. Und natürlich verwahrt sich Quarkundso.de energisch gegen jedes Dicken-Bashing, Body-Shaming, Fat Shaming und generell gegen Diskriminierung.

Aber wenn man den Original-Kommentar der australischen Journalistin liest, und die Einschätzungen der Ärzte darin, wird deutlich: Sie argumentieren sehr vernünftig. Und überdies aus australischer Perspektive.

Die Kolumnistin spricht von Größen ab 46 aufwärts, so schätzt sie die Körper auf der Bühne ein. Von der trügerischen Normalität, die es hat, wenn sich eine Gesellschaft an so füllige Figuren gewöhnt und sie positiv bewertet. Von dem riesigen Adipositas-Problem in Australien, von erschreckenden Zahlen. Das Land ist von einer grassierenden Fettleibigkeitsepidemie betroffen, es gibt dort ungewöhnlich viele stark Übergewichtige.

Weltweit steht Australien damit recht weit oben im Ranking, hinter den Dicken-Hochburgen USA, Mexiko und Neuseeland. Die Situation macht Politikern Sorge, wegen der Gesundheit der Bevölkerung – und vor allem wegen der explodierenden Kosten. Im Debatten-Artikel des Daily Telegraph treten Mediziner auf, die alles bestätigen. Zumal der oben zitierte Adipositas-Experte.

Warum sollten aber ausgerechnet Ärzte nichts zu dem Thema sagen dürfen, aber die Online-Mädels von BRIGITTE.de? Und wer weiß eigentlich in der Sache besser Bescheid?

 

Lieber Experten fragen

Denn klar ist: Vorher, bei der jahrelangen Kritik am Magerwahn im Modelbusiness war Expertenrat von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern sehr gefragt. Die erzwungene Magerkeit der Models schädigt schließlich direkt die Gesundheit der jungen Frauen, noch dazu kann sie der Einstieg in eine lebensgefährliche Anorexie sein. Das mussten Mediziner dauernd erklären, damit die Warnungen auch Gewicht bekamen.

Jetzt aber sollen sie nichts sagen, zu den „curvy Models“. Schwierige Sache.

Im Fall der Online-Mädels von Gruner&Jahr geht es außerdem noch um so etwas wie die Deutungshoheit: Sind die gezeigten Frauen wirklich fettleibig? Oder nur übergewichtig, oder halt nur weiblich, „real women“, wie auf Twitter gejubelt wurde, also „kurvig“?
Die Frage ist, ob BRIGITTE.de das beurteilen kann. Und sollte.

Oder ob das nicht Ärzte besser tun sollten. Und können.

Schließlich ist Übergewicht, wir wissen es durch die unablässige Kritik am rechnerischen BMI, eine Blickdiagnose: Der Arzt sieht, wer Übergewicht hat und wer nicht. Dazu muss der Patient nicht einmal auf die Waage steigen.

Es gilt der alte Spruch aus den Zeiten der ersten Pornofilm-Urteile: „I know it when I see it“.

 

Screenshot BRIGITTE.de mit Titel zu Sports Illustrated

Screenshot: Titel von BRIGITTE.de, August 2017. Im Bild: Sarina Nowak

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Screenshot: Model bei Sports Illustrated auf BRIGITTE.de, August 2017.

Da stört dieser Journalismus

Es wäre wirklich spannend gewesen zu hören, was deutsche Adipositas-Experten zu den Fotos und dem gestreamten Video sagen – ob sie die Frauen für übergewichtig bis fettleibig oder für wohlgeformt und normal halten.

Denn was interessieren uns die Australier? Da kommt dieser Journalismus noch einmal ins Spiel: Relevanz und Nähe hätten gezählt, also, was deutsche Experten sagen.

Gut, online muss es immer schnell gehen, da kann man sich den Journalismus schon mal schenken. Außerdem sollte es wohl so etwas wie ein Kommentar sein. Ohne Recherche. Ohne zweite Meinung. Ohne Experteneinschätzung. Einfach so, schnell rausgeschossen.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Aber ein Kommentar funktioniert vor allem, wenn er Substanz hat. Meinung alleine genügt nicht.

Die Frage nach der Deutungshoheit ist dabei weiterhin interessant: Was ist normal? Und wurde auf dem Laufsteg von Sports Illustrated echte Vielfalt gezeigt, modisch „Diversity“?

Die Wirklichkeit, wie sie uns auf der Straße begegnet?

Letzteres natürlich nicht. Schließlich mussten die Hässlichen, Unansehnlichen mit ihren Pickeln und dünnen Haaren zuhause bleiben, und erst recht die Alten. Gammelfleisch im Bikini will schließlich keiner sehen, dabei soll Sport im Alter doch so gesund sein.

Scherz beiseite.

Es sollte klar sein, dass eine Modenschau nie die Realität abbildet, sondern Ideale zeigt. Nach denen strebt die Kundschaft, indem sie kauft. Es ist heuchlerisch, etwas anderes zu behaupten, wie es BRIGITTE.de und andere tun.

 

Die normative Kraft des Faktischen

Mann mit dickem Bauch versucht, Jeans zu schließen

Immer öfter im Weg: die Plautze. Die Mehrheit stört sich kaum mehr daran. Bild: Shutterstock

Im Alltag, auf der Straße, da ist die Realität aber zu sehen: Die Deutschen sind so dick wie nie.

So hieß es Anfang 2017, nachdem die DGE ihre neuesten Zahlen zum Übergewicht veröffentlich hatte.

Darunter sind viele Adipöse mit 20, 30, 40 Kilo zu viel auf den Rippen.

Rein statistisch gesehen ist rund die Hälfte der Deutschen zu dick, Ältere mehr als Jüngere, Männer noch mehr als Frauen, Frauen dafür teilweise extremer.

Augenfällig wird das oft auf dem Land und in bestimmten Situationen: Wirtshaus, Volksfest, Campingplatz, Kegelverein. Da sind Normalgewichtige in der Minderheit. Ab dem mittleren Lebensalter, so ab 40, scheint der Anblick von 15 bis 20 Kilo Übergewicht, zum Beispiel in Form eines imposanten Bauches oder ausladenden Hüftspecks, ganz selbstverständlich.

In höheren Altersklassen ist die Körperfülle vorherrschend: Dass Oma gemütlich aus dem Leim geht, wird geradezu erwartet. Das Gegenteil, die schlanke Oma oder der fitte Opa sind die Ausnahme („Wie haben Sie das nur geschafft…“).

Die normative Kraft des Faktischen prägt den Blick. Und in diesem Sinne wird Übergewicht von interessierten Kreisen gerne „normal“ genannt.

 

Lamento der Gesundheitsschützer

Dicke Frau mit Bikini am Strand beim Sonnenbaden

Normaler Anblick. Aber harmlos für die Gesundheit ist das nicht. Die Frage bleibt. Bild: Shutterstock

Die dazugehörigen Gebresten – darunter Diabetes, künstliche Hüften und Knie, Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Gallensteine, Fettleber – lassen zwar regelmäßig Krankenkassen, Politiker, Ärzteverbände und Gesundheitsschützer ein Lamento anstimmen.

Aber das ist, so Anti-Diskriminierungsgruppen wie die „Fat Acceptance“- und Body-Positivity-Bewegung, weder wissenschaftlich begründet noch politisch korrekt.

Was die Wissenschaft angeht, haben die Aktivisten zwar Unrecht, darüber ist man sich in allen Ländern einig. Aber das stört sie nicht im Geringsten.

Und so laufen gesellschaftlich relevante Anliegen unverbunden nebeneinander her ins Leere: Die Dicken kämpfen gegen Diskriminierung, Frauen wollen stolz auf ihren Körper sein, aber Ärzteverbände und Politiker wollen Übergewicht bekämpfen und verlangen eine Steuer auf Süßes und Fettiges.

Die Lage ist paradox, die Debatten sind kontraproduktiv und insgesamt sitzen wir damit in einer bösen Falle.

Wie wir aus dieser Nummer rauskommen sollen, ist vollkommen unklar. Denn so „normal“ Übergewicht erscheint: Es ist eine ernsthafte Gesundheitsgefahr für die Betroffenen und ein Problem für die Gesellschaft als Ganzes. Weltweit.

In der aktuellen Debatte rücken aber der Schutz vor Diskriminierung, der – unerwünschte – Normendruck durch die Gesellschaft und die Behinderung der persönlichen Freiheit – wie ich mich gut fühle, bestimme ich! – in den Vordergrund. Und so gibt es zur Bewegung der „Fat Acceptance“ selten Gegenstimmen.

 

Diskriminierung und Übergewicht bekämpfen – beides tut Not

Nur wenige wagen es, Klartext zu reden. Einer ist der Münchner Psychiater Dr. Peter Teuschel.
Er hat dazu einen Blogbeitrag auf dem Medizinportal Doccheck veröffentlicht. Darin betont er, dass Übergewichtige und Fettleibige vor Diskriminierung geschützt werden müssen und ein Recht auf Anerkennung haben – einerseits.

Andererseits warnt er entschieden davor, Übergewichtige zu Stolz auf ihren Körper zu motivieren und ihnen zu suggerieren, ihr Zustand sei wünschenswert, normal, ein Ausdruck von „Diversity“ oder ein politisches Statement.

Und er fordert klipp und klar, dass die Betroffenen sich der körperlichen und psychischen (!) Folgen bewusst werden und in Behandlung gehen sollten:

„Wie so oft bringt es nichts, sich in die eigene Tasche zu lügen und als jemand, der sowohl sehr viel mit Diskriminierung als auch mit medizinischen Folgen von Adipositas zu tun hat, kann ich nur sagen: Macht es euch nicht so einfach!“

Exakt das war auch die Stoßrichtung der Meinungen aus Australien: Es nützt nichts, die traurige Realität abzubilden oder ihre Abbildung einzuklagen, um Diskriminierung abzubauen. Übergewicht ist ein Problem und sollte kein Vorbild sein. Das gilt auch in Deutschland.

 

Es geht auch um Geld

Aber die Kasse muss ja stimmen. Und Frauen müssen was zum Anziehen haben. Da sieht sich  BRIGITTE.de in der Verantwortung.

Das neue Lebensgefühl von „Plus Size“ und „Curvy Models“ ist daher längst Thema und die Redaktion schlägt damit drei Fliegen mit einer Klappe: Sie feiert ein neues weibliches Selbstbewusstsein – Kurven! Echte Frauen! -, kämpft publikumswirksam gegen Diskriminierung und, Achtung, bindet neue Zielgruppen.

„Plus“ hat schon eine eigene Kategorie bei BRIGITTE.de und die Redaktion kooperiert unter anderem mit Happy Size, einem Hersteller von Kleidung für Üppige. Auch Bon Prix und C&A, stark im Übergrößen-Sortiment, zeigen Mode bei BRIGITTE.de.

Die Redaktion schreibt dazu gerne als Bericht getarnte Werbeanzeigen, die in redaktioneller Form daherkommen. Sie sind zwar als „Anzeige“ gekennzeichnet, aber wer schaut schon auf das Kleingedruckte, wenn der Artikel sich von anderen überhaupt nicht unterscheidet, weder in Layout noch in Stil und Duktus? Diese Werbeform ist erlaubt und außerdem clever, was das Erschließen neuer Kundenkreise angeht.

 

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So sieht das aus: Werbung für Happy Size, die Modefirma, im Gewand von BRIGITTE.de. Kein Unterschied zu normalen Artikeln, bis auf das Kleingedruckte. Bild: Screenshot, der Artikel ist inzwischen übrigens gelöscht (Stand 19.2.2018).

Nur erscheint der Maulkorb für Ärzte, den die Redaktion beim Thema dicke Models verhängen will, auf diesem Hintergrund in ganz neuem Licht: Steht bei BRIGITTE.de die Warnung vor Übergewicht und seinen Folgen aus geschäftlichen Gründen jetzt zurück?

Hemmt die neue Gewinnzone „Plus Size“ etwa kritisches Nachfragen, Nachdenken, Recherche, auch nur Reflexion?

 

25 Kilo und fünf Kleidergrößen

Der Verdacht liegt leider nahe, und der Zwischenruf ist dafür ein Beispiel.

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Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Außer dem Verzicht auf eine Expertenmeinung steckt nämlich noch eine kleine Bombe drin: Eines der kurvigen Models, die in Miami für Sports Illustrated über den Laufstieg gingen, war die Deutsche Sarina Nowak.

Sie war 2009 Kandidatin in Heidi Klums „Germany`s Next Top Model“ – und damals etliche Kilo leichter, wie die Redaktion schreibt:

„Zur Fashion Show in Miami zeigte das legendäre Bademoden-Magazin ‚Sports Illustrated‘ erstmals auch acht Plus-Size-Models in Bikinis und Badeanzügen.

Unter ihnen: Ex-GNTM-Kandidatin Sarina Nowak, die heute 25 Kilo mehr auf den Rippen hat als zu Zeiten der TV-Show.“

25 Kilo mehr. Das ist enorm, eine Gewichtsschwankung, die bedenklich ist. Es kann nicht sein, dass das der Redaktion einer Frauenzeitschrift komplett entgeht.

Zumal Sarina Nowak sich den halben Zentner, wie mehrere Klatschblätter übereinstimmend berichten, in ziemlich kurzer Zeit draufgeschafft hat, nämlich in nur etwa 10 Monaten. Das ist schon ein dicker Hund, sorry für das Bild, aber nun ja. So jemanden würde man normalerweise zum Arzt schicken (was mit den Drüsen?).

Selbst wenn Frau Nowak in, sagen wir mal, drei Jahren die 25 Kilo und damit vier bis fünf Kleidergrößen zugelegt hätte, ist der Sprung gewaltig. Sie selbst beklagt außerdem, ebenfalls in diversen Klatschblättern, dass sie vorher im Modelbusiness qualvoll habe hungern müssen, um auf Größe 34 zu kommen und jetzt einfach nur ihre natürliche Figur zurückgewonnen habe.

Das heißt: Erst Wohlfühlfigur, dann jahrelang hungern, sich quälen, dann wieder nachlassen und erheblich in die Breite gehen – das klingt alles nicht gut. Jedenfalls nicht so, dass man Frau Nowak zu dieser Achterbahnfahrt beglückwünschen möchte.

Wohl aber zur neuen Karriere, dazu gleich mehr.

 

Der gefährliche Jojo-Effekt

Vorerst fühlt man sich an Essgestörte erinnert, prominentes Beispiel: Joschka Fischer. Der hungerte sich vom Moppelchen zum drahtigen Marathonläufer herunter, ging danach wieder in die Breite und wiederholte den Ablauf mehrmals. Zurzeit ist er dick.

(Update April 2018: Sarina Nowak, Magersucht und Bulimie jetzt öffentlich, s. Link unten)

Dass dieser Jojo-Effekt gesundheitsschädlich ist, predigen Ärzte seit Jahrzehnten, und sie warnen ausdrücklich davor. Es ist erwiesen, dass Menschen, die schnell abnehmen – oder sehr stark zunehmen – häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle erleiden, auch steigt das Risiko für Gallensteine, Leberprobleme und schlechte Blutwerte.

Deshalb raten Ärzte dazu, nur langsam abzunehmen. Und nicht übermäßig zuzunehmen, aus vielen Gründen. Es ist erstaunlich, dass ein Frauenportal, das sich so mit Gesundheitsthemen beschäftigt wie BRIGITTE.de, diesen Aspekt völlig ausklammert.

 

Plus Size, Baby!

Was Frau Nowak angeht, muss man aber auch die Realitäten sehen. Bei ihr ging es vielleicht viel weniger um den Ausdruck ihres Selbst und das Wiedergewinnen einer natürlichen Figur als ums Geschäft.

Hier spekuliert Quarkundso.de gerne ein wenig: Die Modelbranche ist ein eiskaltes Business. Nowak hatte aber seit 2009, als sie bei Heidi Klum auftrat, nur mäßigen Erfolg: Platz 6 in der Show, danach dümpelte die Karriere vor sich hin.

Vielleicht hat die junge Frau sonst keine großen Berufsalternativen für sich gesehen, jedenfalls könnte sie bei einem wieder mal enttäuschend verlaufenen Casting von einem cleveren Agenten einen Tipp bekommen haben: „Deine Figur ist für uns nicht das Richtige, aber versuch es doch mal mit Plus Size, Baby! Da geht gerade was.“

Und – zack! – hat sie sich wie eine Leistungssportlerin auf Kampfgewicht gebracht: 25 Kilo mehr in zehn Monaten. Von Size Zero auf Größe 40. Pünktlich zur nächsten großen Saison war sie einsatzbereit.

Das würde die kurze Zeitspanne erklären, in der Nowak ihr Gewicht so enorm verändert hat: Sie hat begriffen, dass sich ein lohnendes Geschäftsfeld eröffnet und schnell gehandelt. Die Bereitschaft und die Fähigkeit zu diesem Körpereinsatz könnten allerdings auch riskant sein.

Quarkundso.de wird das daher nicht nachmachen. Wir empfehlen es auch anderen nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist nämlich hoch, dass wir keinen Modelvertrag bekommen, aber dafür vielleicht Diabetes. Oder eine künstliche Hüfte, irgendwann.

Das Ganze ist, wie gesagt, ausdrücklich reine Spekulation. Aber wir sind ja nicht doof. Und Sarina Nowak auch nicht.

©Johanna Bayer

Ein Hinweis zu KOMMENTAREN, aus gg. Anlass: Bitte im Impressum nachschauen. Dort steht, dass anonyme, beleidigende oder unsachliche Kommentare nicht veröffentlicht und nicht beantwortet werden.

 

BRIGITTE.de zur Modenschau von Sports Illustrated

Kommentar der australischen Lifestyle-Kolumnistin Soraiya Fuda zu Sports Illustrated

Australische Ärzte zum Thema

Psychiater und Medizin-Blogger Dr. Peter Teuschel über die Verharmlosung von Übergewicht

Tatsächlich: Unser Beitrag ist vom 6.10.2017. Was Sarina Nowak angeht, wurden wir dabei der bösen Spekulation bezichtigt. Aber die war als solche nicht schlecht: Am 5.4.2018 erklärt Sarina Nowak in der Promi-Show „Red“ auf ProSieben dass sie als Teenager magersüchtig war und an Bulimie litt, also an manifesten Essstörungen.