Bauchgefühl genügt: Der Fall Relotius, DER SPIEGEL und das Schreiben über Essen

DER SPIEGEL hat jahrelang einen Betrüger beschäftigt und will nichts gemerkt haben – dabei checkt die Redaktion angeblich akribisch alle Fakten in den Artikeln. Doch dieses System hat nicht nur beim talentierten Herrn Relotius versagt: Es funktioniert auch beim Thema Ernährung nicht.

Das Haus an der Ericus-Spitze in Hamburg. Hier hat keiner was gemerkt.

Zum Spiegel-Skandal rund um den Betrüger Claas Relotius kann sich Quarkundso.de ein paar Bemerkungen nicht verkneifen.

Schließlich dreht sich die Sache nicht nur um einen einzigen Hochstapler. Sondern um die Glaubwürdigkeit von Journalisten generell. Lügen die jetzt alle? Wem kann man glauben? Und was kann man überhaupt wissen? Diese Fragen stehen im Raum und verstärken die seit Jahren grassierende Medienskepsis.

Dabei ist klar, dass sich es nicht nur unter Journalisten Betrüger gibt: Wissenschaftler fälschen Daten, Ärzte panschen Medikamente, Politiker lassen sich schmieren, Banker zocken mit fremdem Geld. Und zwar dann, wenn sie sich schon einen Vertrauensvorschuss erworben haben.

Das ist das Perfide an den rund zwei Prozent Psychopathen unter uns: Sie können sich als besonders vertrauenswürdig, bescheiden, charmant und ehrlich geben, wie Psychologen gezeigt haben.

So wurde übrigens auch der talentierte Herr Relotius von seinen Spiegel-Kollegen beschrieben.

 

Ist da keinem was aufgefallen?

Der Betrug tut besonders weh, weil es sich bei den allen Berufsgruppen um Felder handelt, in denen Ehrlichkeit die zentrale Anforderung ist. Der bestimmende Wert, den der Bürger, Patient, Kunde voraussetzt – die Bedingung, unter der das Geschäft erfolgt.

Auch die Unternehmenskultur in den Verlagen und Medienhäusern steht in Frage, zu Recht. Hat da keiner etwas gemerkt, in all den Jahren? Ist keinem leitenden Redakteur oder Personaler mal aufgefallen, dass mit Relotius als Person und mit seinen Geschichten etwas nicht stimmt?

Über den Einzeltäter hinaus geht es also bei der Debatte um mehr: um die Einhaltung der Berufsgrundsätze, um die Ethik und das Handwerk im Journalismus, um Deformationen in diesem Metier, um Persönlichkeitsstörungen und Marotten, die sich einschleichen und unter Umständen die Wahrnehmung beeinflussen.

Und um das, was im Wirtschaftsjargon Qualitätssicherung heißt.

 

Essen kann doch jeder

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Diese wiederum ist das Ziel von Quarkundso.de: Wir sind 2014 angetreten, um einen bescheidenen Beitrag zur Qualität in der Ernährungsdebatte in den Medien zu leisten.

Na gut, das ist zu brav ausgedrückt.

Die Chefredakteurin war, nach intensiver Arbeit zu Ernährungsthemen für einschlägige Sendeanstalten, erstaunt ob der vielen irreführenden, schlecht recherchierten, schlampigen oder ideologischen Berichte von Kollegen. Und dachte, das könnte ein lustiger Blog werden.

Es wurde natürlich nur so mittellustig, weil es so viel Schrott über Essen und Ernährung gibt, dass wir gar nicht hinterherkommen.

Trotzdem, die jahrelange Wühlarbeit von Quarkundso.de hat ein Gutes: Wir konnten erstmals die geheime Maxime in deutschen Redaktionen aufdecken. Sie lautet: Essen kann doch jeder! Und einen eigenen Geschmack hat auch jeder – also munter drauflosgeschrieben, besonders als Praktikant oder Volontärin.

 

Die Regeln des Handwerks sollten reichen

Dazu gleich mehr, zuerst kehren wir kurz zum Spiegel zurück: Dort fasst man sich jetzt an die eigene Nase und hat die Verträge für die Redakteure, die Relotius jahrelang geführt und protegiert haben, ausgesetzt.

Zu ihrer Ehrenrettung stellte die Chefredaktion ausführlich dar, welche Sicherungsmaßnahmen das Haus trifft und dass es dazu eine grandiose Faktencheck-Abteilung, genannt „Dokumentation“, kurz „Dok“, unterhält: Es sei die beste im ganzen Land. Über 70 Mitarbeiter checken akribisch jede Zahl, Statistik oder Behauptung, die ins Blatt soll.

Dumm nur, dass dieses System bei Relotius versagt hat und bei Auslandsreportagen ohnehin überfordert ist. Da kann wirklich nicht alles überprüft werden. Stattdessen genießen verdiente Schreiber Vertrauen, die Einflugschneise für Betrüger.

Aber es bräuchte gar keine akribische Qualitätssicherung, wenn Journalisten und Redakteure die Grundsätze ihres Berufs einhalten würden – oder könnten. Die Pflicht zur Sorgfalt der Recherche und den Grundsatz der Wahrhaftigkeit müssen alle beachten, auch wenn ihnen keine Dokumentare auf die Finger sehen.

Wenn noch ein paar fachlich halbwegs informierte Redakteure ihre Textarbeit ernst nehmen, sollte außer Kleinigkeiten nicht viel schiefgehen.

Doch da liegt es immer öfter im Argen, im ganzen Metier: Schon länger beklagen Insider einen „abnehmenden Sachverstand in den Redaktionen“, vor allem aber verhindern Zeit- und Kostendruck die gute Qualität.

 

In den großen Ressorts sind alle vom Fach

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Interessanterweise kommen in dieser prekären Lage, die nun wirklich alle Verlage und Sender betrifft, die unscheinbaren Lokaljournalisten am besten weg: Sie können bei ihren Geschichten nicht schwindeln, erklärte Hannah Suppa vom Lokalzeitungshaus Madsack. Denn sonst haben sie sofort den Bürgermeister oder einen aufgebrachten Stammtisch vor der Tür.

Doch Kosten- und Zeitdruck hin oder her: Auf schlechtes Personal kann man auch nicht alles schieben.

Denn bei Qualitätsmedien ist es eigentlich Voraussetzung, dass die Autoren ihr Thema kennen. So schreiben in der Politik meist studierte Politikwissenschaftler, Historiker oder Soziologen; in der Wirtschaft Volkswirte und Juristen, im Sport natürlich Sportwissenschaftler und Aktive, im Feuilleton Literatur- und Kulturwissenschaftler.

Daher kommen Fehler zwar vor, aber sie sind nicht die Regel.

Analysen oder Positionen der Autoren müssen mindestens nachvollziehbar begründet sein und die Expertise des Autors zeigen. Plumpe Spekulationen oder populistischen Quark ins Blatt zu stellen, macht außer der Bild-Zeitung mit „Post von Wagner“ kein Haus, das einen Ruf zu verlieren hat.

 

Was qualifiziert für Schreiben über Essen?

Beim Essen aber ist alles anders. Da greifen keine Sicherheitsmaßnahmen. Und für das Thema Essen gibt es weder ein bestimmtes Ressort noch eine passgenaue Ausbildung. Stattdessen dominieren Bauchgefühl, eigene Gewohnheiten und Mut zur Lücke das Feld.

Eine Rolle spielt natürlich auch, dass Foodthemen meistens im Servicebereich landen, wo sie, wie Gesundheit, Wellness und Reisen, rücksichtslos den Marketinginteressen unterworfen sind: Nach Saison, nach Klicks, nach Quote wird durchformatiert, dass sich die Balken biegen.

Das Verzuckern von kritischen Berichten mit einem positiven Ende („nicht nur Verbote, da muss noch was rein, was man darf“) oder Tipps („Nutzwert, Leute, Nutzwert!“) verzerrt die kritische Betrachtung (Wir brauchen eine Take-Home-Message, oder wenigstens einen Kasten, kannst Du da nicht noch was machen?“),

Auch lassen sich die Bedürfnisse bestimmter kaufkräftiger Zielgruppen nach Super-, Beauty- oder Brainfood oft nur mit Humbug und Halbwahrheiten befriedigen. Es sei denn, man verlässt das Geschäftsfeld und bedient die Themen nicht.

Aber nun ja – wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer. Alte Kaufmannsweisheit.

 

Schlampige Montage statt Journalismus

In dieser Klemme stecken auch die Qualitätsmedien, daher hatten wir den Spiegel schon mehrfach vor der Flinte.

Es gab ein paar Missgriffe zu dokumentieren, zum Beispiel als Interview getarnte Zitate, obwohl die Autorin mit der Expertin gar nicht gesprochen hatte; oder frei Erfundenes über den Kaloriengehalt der ehrenwerten Schwarzwälder Kirschtorte. Dabei hatten sich weder die Autorin noch ihre Redakteure bemüht, in eine Kalorientabelle zu schauen. Das Ergebnis war grottenschlecht.

In einem anderen Fall wurden, weil gerade Saison war, DPA-Meldungen zu einem Artikel über Weihnachtsplätzchen montiert. Darin standen Aussagen, die in einem qualifizierten Stück im eigenen Haus schon ausdrücklich widerlegt und als Mythos entlarvt worden waren.

Die Service-Redaktion, in deren Ressort der Artikel zur Weihnachtsbäckerei fiel, entblödete sich aber nicht, beide Texte zu verlinken, weswegen der eine dem anderen widersprach, jeweils mit größten Aplomb.

So eine mechanische und sinnfreie Montage ohne Rücksicht auf die Inhalte ist vielleicht modernes Content-Management. Ordentlicher Journalismus ist das nicht.

 

Außer Kontrolle: Spiegel online

Nun handelte es sich bei diesen beiden schlechten Beispielen um Artikel von Spiegel online, dem digitalen Ableger. Da geht es anders zu als in der gedruckten Ausgabe, es gibt nämlich beim SPON keine Kontrolle durch die Dok.

Grund, nach Angaben des Hauses: Es wäre einfach zu viel Arbeit.

Ach ja? Ja. So steht es tatsächlich in einem Text, den zwei Mitarbeiterinnen der ehrenwerten Dokumentationsabteilung beim Spiegel 2017 über ihre Arbeit ins Netz stellten:

Auch in der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion unterstützen Dokumentare die Redakteure bei der täglichen Berichterstattung. Anders als beim SPIEGEL-Magazin kann hier nicht jeder einzelne Text überprüft werden; das wäre bei weit über hundert Artikeln pro Tag nicht zu bewältigen. Dazu bleibt hier auch oft zu wenig Zeit, anders als bei einem wöchentlich erscheinenden Magazin.

Quelle: Spiegel online vom 16.8.2017 „So arbeiten die Unsichtbaren“

Fazit für den Leser: Man kann und muss bei SPON davon ausgehen, dass ohne Bedenken auch Mumpitz ins Netz gestellt wird.

Aber gerade bei Online-Kanälen scheint es widersinnig, dass die schiere Masse der Grund dafür sein soll, in einem Qualitätshaus auf den Faktencheck zu verzichten: Sollte man nicht gerade im digitalen Kanal die Fakten prüfen, weil Fehler rasend schnell um die Welt gehen – und ewig im Netz stehen bleiben?

Natürlich, der Zeitdruck ist hier noch höher, und es muss alles noch viel billiger sein, in der schnelldrehenden Onlinewelt.

Aber schließlich segelt die digitale Ausgabe unter der Dachmarke, die die angeblich beste Dokumentationsabteilung des Landes hat. Also müsste man ehrlicherweise die Schnellschüsse des SPON mit einem Warnhinweis versehen:

„Vorsicht, nicht nach den strengen Qualitätskriterien des Hauses geprüft! Kein echtes Spiegel-Produkt!“

 

Disclaimer für SPON: Vorsicht, nicht geprüft!

Beim Focus kann man einen solchen Disclaimer lesen, wenn ein Beitrag von einer Agentur stammt:

„*Der Beitrag „Jörg Kachelmann: „Ich kriege mein Leben zurück““ stammt von Teleschau. Es gibt keine redaktionelle Prüfung durch FOCUS Online. Kontakt zum Verantwortlichen hier.“ (Gemeint ist der Verantwortliche bei der Teleschau, Anm. von Quarkundso.de)

Auch der Spiegel-Ableger Bento nutzt einen solchen Hinweis, denn Bento übernimmt Material von Reddit. Das ist ein Social-Media-Portal, auf dem jeder irgendwelche Geschichten oder Erlebnisse eintragen darf, bis auf Strafrechtliches völlig ungefiltert.

Diese Storys verwurstet Bento zu Artikeln und stellt dazu einen tapsigen Hinweis auf die Seite:

 

Quelle: Screenshot Bento.de

 

Dieser Text ist allerdings frech.

Denn Bento kommt vom Spiegel, hey, das ist doch der Laden mit der besten Dok des Landes, wenn nicht Europas! Da liegt es überhaupt nicht „in der Natur der Sache“, dass nicht alles „gegengecheckt“ werden kann.

Die Frage ist viel eher: Warum übernimmt man diese Räuberpistolen  von Reddit überhaupt? Welchen Wert haben wilde Geschichten in einem Erzeugnis mit Spiegel-Siegel, wenn von vornherein feststeht, dass sie keine journalistischen Texte sind und frei erfunden sein können?

Und wieso wird die Verantwortung auf den Leser abgewälzt, der eine „gesunde Skepsis“ wahren soll, während die Bento-Schreiberlinge ihren eigenen Verstand offensichtlich in der Ericus-Spitze am Empfang abgeben müssen? Wird sonst die Seite nicht voll?

Fairer wäre es, so klar wie beim Focus zu sagen, dass es keine redaktionelle Prüfung gibt.

Aber Quarkundso wäre nicht Quarkundso, wenn wir jetzt keinen Service liefern würden. Hier daher ein passender Disclaimer:

„HINWEIS ZU REDDIT

Reddit ist eine spannende Plattform, die viele unserer Leser interessiert. Oft liefern dort Insider ungewöhnliche Einblicke, und es gibt Storys, an die wir selbst nicht herankommen. Wir übernehmen daher Themen und Geschichten von Reddit, weisen aber darauf hin, dass wir sie nicht redaktionell prüfen.“

Bitte, gern geschehen.

 

Systematische Unschärfe

Wobei die schlechte Qualität der Online-Artikel für alle großen Häuser gilt, ob Stern oder Spiegel, SZ oder FAZ: Online bedeutet nicht nur schnell. Es bedeutet in der Regel auch billig. Die Masse der Artikel schaffen Jungautoren, Journalistenschüler oder Gelegenheitsschreiber ran, für erbärmliches Geld.

Trotzdem schlüpfen auch altgediente Kräfte, die im Hochsicherheitstrakt schreiben, durch das Netz der Dok.

Jörg Blech, lange Jahre Wissenschaftsredakteur beim Spiegel, stellte im April 2018 eine Anklageschrift zu Zucker ins Hauptblatt. Diese bestand zu einem guten Teil aus Passagen seines 2017 erschienenen Buches und nur ein einziger Mediziner wurde konkret zitiert, allerdings sehr einseitig.

Im Text spricht Blech mit systematischer Unschärfe von Zucker, wenn er Blutzucker meint, nämlich Glukose aus Verdauungsvorgängen. Damit suggeriert er den Lesern, dass der normale Haushaltszucker das Blut verklebt und die Adern ruiniert.

So ist es aber nicht, wie Quarkundso.de schon pedantisch anmerkte. Diese irreführende Darstellung hätte jemand in der Spiegel-Dok auflösen können. Schließlich sitzen dort angeblich Mediziner und Biologen. Eine kritische Prüfung hätte die reißerische Hauptthese – Zucker verklebt das Blut und macht daher Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes – gekippt.

Und damit die ganze Story.

 

Ausschnitt aus Anreißer-Text Spiegel-Online mit Artikel zu Zucker aus Ausgabe 15/2018, Text: "Übergewicht, Erblindung, Herzinfarkt -Forscher überführen Zucker als wahren Krankmacher. Doch die Ernährungsindustrie unternimmt alles, um die Gefahren zu verschleidern."

Zucker als Bösewicht, die Industrie als Giftmischer – und das im SPIEGEL. Der Artikel von April 2018 erschien nachträglich in voller Länge bei Spiegel online.

 

Nicht immer sachkundig: die heilige Dok

Das ist aber nicht geschehen – möglicherweise, weil in Wahrheit viel mehr Romanisten, Anglistinnen, Kunsthistoriker und Buchhändlerinnen in der Dok sitzen als Physiker, Biologen und Mediziner, die der Spiegel nennt.

Das legen Recherchen nahe, die die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de in einem vergleichbaren Qualitätshaus vorgenommen hat, verdeckt, versteht sich.

Dort googeln Teilzeitkräfte nach Zahlen und schauen nach, was so im Internet steht („Ich konnte dazu im Netz nichts finden, woher kommt die Statistik?“; „Sie haben einen Anatomie-Atlas verwendet? Den müssen Sie uns einscannen. Wir haben sowas nicht.“). Auch beziehen sie sich gerne auf fehlerhafte Artikel von Kollegen.

Wie auch immer: Es gibt berechtigten Grund zum Mäkeln an journalistischen Erzeugnissen, an Tendenz und Ideologie, an Fehlern oder Unschärfen.

Es ist auch gut, auf noch mehr Qualität zu dringen. Und es ist gut, dass die Debatte schon seit Längerem einen Selbstreinigungsprozess ausgelöst hat, was Formate wie Faktenchecks oder die „Was wir wissen“-Ticker bei Attentaten zeigen.

 

Schreiben nach bestem Gewissen

Meinungsbetonte Gattungen wie Kommentar, Essay, Kolumne oder Glosse deshalb aber abzuschaffen und von Journalisten „objektive“ und „neutrale“ Berichterstattung zu verlangen, wie es die Lügenpresse-Schreier tun, ist natürlich Unsinn.

Wer neutrale Berichterstattung will, kann sich die Aushänge der Stadtverwaltung ansehen.

Journalisten sind dazu da, Informationen einzuholen und sie auch einzuordnen. Sie bewerten die Fakten und sondieren die Lage, sie geben Prognosen und Einschätzungen ab, und zwar nach eigenen, profunden Kenntnissen, anhand gesicherter Zusammenhänge, seriöser Argumente oder auch plausibler Vermutungen.

Alles das ist möglich und legitim.

Quarkundso.de wird daher auf dem Feld der Ernährung auch im neuen Jahr kräftig mitmischen, insbesondere bei den plausiblen Vermutungen.

Wir gehen dabei, wie unsere Kollegen, beim Thema Essen nur nach dem eigenen Bauchgefühl vor, gestützt von Omas Wissen – und wir haben mehrere Omas, da ein Opa zweimal geheiratet hat und überhaupt die Familie weit verzweigt ist.

Dafür beschäftigen wir in der hauseigenen Dokumentation ausschließlich erfahrene Fachkräfte, die garantiert dieselben Bücher gelesen haben wie die Chefredakteurin, aber auf keinen Fall mehr wissen. So kann nichts schiefgehen.

©Johanna Bayer

 

SPON zur Arbeit der Dokumentation  von 2017 – und dass sie bei Spiegel online eben nicht alles checkt

Die SPIEGEL-Chefredaktion am 19.12.2018 zu ihrer berühmten Abteilung Dokumentation anlässlich des Falls Relotius: Physiker, Historiker, Biologen und Islamwissenschaftler

Ernährungsempfehlungen? Alles Unsinn – vergesst die DGE, sagt der SWR

Eine Autorin nimmt im SWR die deutschen Ernährungsempfehlungen unter die Lupe, genauer: Sie nimmt sie mit Hilfe von Experten gründlich auseinander. Heraus kommt: Vollkorn ist nicht gesünder, und im Grunde kann man essen, was man will. Das ist nicht schön für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, die DGE – besonders, weil diese sich im Beitrag selbst blamiert.

Brett, Vollkornbrot aufgeschnitten

Vollkornbrot soll ja so gesund sein. Stimmt nicht, zeigt der SWR

Der SWR hat gesundes Essen kaputt gemacht. Wirklich, die haben alles zerstört, was man über richtige Ernährung weiß: den Konsens dazu, was „ungesund“ ist, und das ganze neue Volkswissen über Lebensmittel, Nährwerte und Inhaltstoffe, die heilen oder krank machen.

Also das, was, mit den Worten des neuen Bundeszentrums für Ernährung beim naschhaften Bürger endlich „vom Wissen zum Handeln“ hätte führen können: Dass die Deutschen die „gesunde Wahl“ treffen und an Karotten knabbern statt an Chips.

Dabei hatte sich dieses Wissen gerade erst richtig durchgesetzt.

Es hat Jahre gedauert, bis die einfache Schablone von Gut und Böse beim Einteilen von Lebensmitteln in Deutschland fest etabliert war. Die Welle schwappte aus den USA und dem angelsächsischen Raum zu uns herüber, dort herrscht das rigide „healthy“ oder „unhealthy“ schon längst und bildet das Pendant zur nicht vorhandenen Esskultur.

Das zwanghafte Sortieren von Nahrung soll wohl Ernährungskompetenz simulieren, wirkt aber wie ein hilfloser Versuch, der nationalen Übergewichtskatastrophe zu entkommen.
Mit Erfolg, wie man sieht.

 

Fettarm, salzarm, Vollkorn und Margarine

Prompt stoßen aber auch in Deutschland Ernährungsberater, Blogs, in Schnellkursen geschulte Erzieherinnen, Lehrer, oberflächlich arbeitende Redaktionen und sogar Institutionen, die es besser wissen müssten, in dieses Horn: Schon Kleinkinder lernen, dass Weißbrot und Schokolade „ungesund“ sind, neuerdings ist auch der Primat von Vollkorn und Margarine in den 10 Regeln der DGE, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, zementiert.

Und erst im Frühjahr 2018 hat ein populärer Bestseller alles nochmal anschaulich erklärt, „Der Ernährungskompass“ von Bas Kast, Quarkundso.de berichtete natürlich. Der Autor hält Milch zum Beispiel für „schädlich“.

Vom Kindergarten bis zum Altenheim sind jetzt jedenfalls alle eingenordet: Gesund ist, was „leicht“, ohne tierisches oder gesättigtes Fett, ohne Weizen, Salz und Zucker, aus Vollkorn und außerdem „schonend zubereitet“ oder am besten gleich roh ist.

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Nur verhält es sich erstens ganz anders. Und zweitens isst niemand nach diesen Vorstellungen. Ein, ja, gesunder Instinkt hält die Menschen davon ab, sehr zum Ärger der Ernährungshüter.

Dazu kommt, dass die größten und besten Studien zu Ernährung und Sterblichkeit bewiesen haben, dass es völlig egal ist, was man isst, wenn man damit normalgewichtig und gesund bleibt. Man kann also wie die Franzosen nie Vollkorn und immer Baguette essen, oder wie die Chinesen nie Rohkost, und trotzdem gesund bleiben.

Sterblichkeit und Erkrankungsrisiko sind dagegen deutlich erhöht, wenn man Übergewicht hat – egal, ob viel oder wenig Vollkorn. Übergewicht ist der kritische Faktor. Fachleute wissen das, obwohl sie es nicht gerne sagen, weil man so keine Ernährungsempfehlungen begründen kann.

 

Aber schmecken muss es doch

Im SWR hat sich nun Reporterin Katharina Schickling aufgemacht, genau diese offiziellen Ernährungsempfehlungen und die Gesund-Ungesund-Schablone in der Ernährung zu hinterfragen.

Es ging im Beitrag speziell darum, ob alle Menschen tatsächlich das eine unbedingt essen und das andere lassen müssen, ob sich Diabetes oder andere Krankheiten vermeiden können, wenn man viele Ballaststoffe oder zusätzlich Vitamine zu sich nimmt und worauf die üblichen Ernährungsempfehlungen der DGE eigentlich beruhen.

Dazu ließ die Autorin zunächst Käufer auf einem Wochenmarkt Lebensmittel auf einem Tisch sortieren: Die „gesunden“ auf die eine Seite, die „ungesunden“ auf die andere. Erwartungsgemäß waren die Marktbesucher gut informiert: Vollkorn, Margarine und Pflanzenöl landeten auf der guten, Butter, Weißbrot und Semmeln auf die schlechte Seite.

Auf die Frage der Reporterin, was denn am liebsten gegessen werde und was am besten schmeckt, antworteten sie aber ehrlich: lieber Butter als Margarine, lieber Weißbrot und Baguette als Vollkornbrot.

Natürlich. Wie sollte es auch anders sein? Jeder, der halbwegs funktionierende Geschmacksnerven hat, weiß, dass ein Butterbrot schmeckt und ein Brot mit Margarine nicht. Und dass knuspriges Baguette zur feinen Vorspeise passt, nicht aber pappiges Vollkornbrot.

 

Vollkorn schützt nicht vor Diabetes

Anschließend befragte Autorin Schickling zwei Ernährungsmediziner dazu. Beide sind Experten für Diabetes und bekannt für ihre kritischen Positionen der DGE gegenüber.
Von Prof. Dr. Andreas Fritsche, Uni Tübingen, lässt sich die Autorin erstmal Blut abnehmen – und wird prompt damit konfrontiert, dass sie Trägerin einer Genvariante ist, die das Diabetes-Risiko um mehr als das Doppelte erhöht.

Ob sie denn nun mit viel Vollkorn den Ausbruch der Krankheit verhindern könne, fragt die sichtlich erschütterte Fernsehfrau den Mediziner. Schließlich werde das immer gesagt, unter anderem von der DGE. Und nicht weniger als 30 Prozent der Deutschen tragen dasselbe Gen, daher würden Millionen von Menschen sicherlich gerne guten Ratschlägen folgen.

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Doch Fritsche muss sie enttäuschen: Leider bewirkt Vollkorn bei diesen Menschen nichts. Das hängt ebenfalls mit der Genvariante zusammen. Sie setzt ein Darmhormon außer Kraft, das den Blutzucker senkt. Es wird normalerweise ausgeschüttet, wenn Vollkorn im Darm landet – nur ist das Hormon bei den Trägern der Diabetes-Variante eben nicht richtig aktiv, ob sie nun viel Vollkorn essen oder nicht.

Auch den 70 Prozent der anderen Deutschen, die dieses spezielle Diabetes-Gen nicht haben, bringe der pauschale Rat, „mehr Vollkorn“ zu essen nichts, schiebt Frische nach. Er zitiert dazu eine eigene Studie mit übergewichtigen Diabetes-Risikopatienten: Wenn sie an Gewicht verlieren, haben zusätzliche Ballaststoffe keinerlei Auswirkungen auf Zucker- oder Fettstoffwechsel.

Das einzige, was sich positiv ausgewirkt hat, sind auch in Fritsches eigener Studie weniger Kalorien und der Gewichtsverlust. Daher lautet der Ratschlag des Diabetes-Forschers für Gefährdete ganz einfach: weniger essen.

 

Demontage der DGE

Letzteres ist seit Jahrzehnten bekannt: Übergewicht ist bei Diabetes und weiteren Stoffwechselproblemen der wichtigste Auslöser, und zwar unabhängig davon, womit man es sich angefuttert hat. Die Sache mit der Genvariante ist auch seit über 10 Jahren klar, beides kann man nicht oft genug herausstellen.

Umso erschütternder ist das Bild, das die DGE dazu abgibt. Autorin Schickling interviewt in Bonn eine Mitarbeiterin des Referats Wissenschaft, das für die 10 Ernährungsregeln verantwortlich ist.

Auf die Frage, warum die DGE nun so viel Vollkorn und Ballaststoffe für alle empfiehlt, wenn sie doch laut Diabetes-Forscher Fritsche gar nicht helfen, blamiert Dr. Christina Breisselband die DGE nach Kräften.

Möglicherweise kann die Wissenschaftlerin nichts dafür. Scheinbar richtet sie sich nach einer Art Sprachregelung, hausintern und für die Öffentlichkeitsarbeit trainiert. Vielleicht war sie auch in einer Medienschulung, in der man ihr beigebogen hat, dass Fachleute sich Laien gegenüber ganz einfach und anschaulich ausdrücken müssen. Am besten in einprägsamen Bildern.

Und so verhaspelt sich die Forscherin, ringt nach Worten und fliegt komplett aus der Kurve: Sie spricht nicht spontan, versucht sich in angelernten PR-Phrasen wie „Ballaststoffe sind das Fitness-Studio für den Darm“ und versteigt sich sogar zu esoterischen Vokabeln, wenn sie erklärt, Ballaststoffe seien im Darm „für die Entgiftung“ zuständig.

Das lässt sich SWR-Autorin Schickling natürlich nicht entgehen. In einem direkt dagegen geschnittenen O-Ton darf der Mediziner Andreas Fritsche die Fachkraft von der DGE abwatschen, indem er Darmreinigung, Entschlackung oder Entgiftung als nicht belegt, altmodisch und rundheraus falsch bezeichnet.

 

Kein gutes Personal in den Fachgesellschaften?

Gläserne Zitronenpresse mit zwei halben Zitronen

Viel hilft viel? Beim Vitamin C können Experten verschiedener Meinung sein.

Der zweite O-Ton aus dem Referat Wissenschaft geht genauso daneben.

Da verstolpert sich Dr. Breidenassel bei Vitamin C. Sie kann nicht erklären, dass der Körper entgegen der landläufigen Meinung bei Vitamin C doch Reserven hat, auch kann sie nicht vermitteln, warum es in anderen Ländern andere Empfehlungen gibt.

Wieder ist Schickling gnadenlos.

Diesmal haut eine Gesundheitsforscherin der Universität Hamburg, eine Ärztin und Expertin für Prävention, im direkt angeschnittenen O-Ton drauf.

In diesen Fachgesellschaften, lässt Professorin Ingrid Mühlhauser bissig durchblicken, ist das Personal nunmal nicht das Beste: Viele Mitarbeiter dort seien nicht dazu in der Lage, Studienergebnisse korrekt zu interpretieren. Da arbeiteten Leute, die ihr eigenes Berufsfeld, die Ernährungswissenschaften, verteidigen wollten und daher nicht objektiv seien.

„Schwere Vorwürfe“, kommentiert Autorin Schickling mit Genugtuung.

Die Montage dieses unglücklichen Gestotteres von Seiten der DGE mit den O-Tönen anderer Fachexperten sind zwar fast ein wenig gemein.

Aber das Mitleid mit den Ernährungshütern hält sich bei Quarkundso.de in Grenzen. Wenn eine Institution nicht in der Lage ist, ihre eigenen Aussagen zu verteidigen und jemanden abzuordnen, der ein paar gerade Sätze in die Kamera sagen kann, dann hat sie den Reinfall durchaus verdient.

 

Die meinen es doch nur gut

Der Fairness halber muss man sagen, dass es natürlich in anderen Ländern – und unter Wissenschaftlern sowieso – divergierende Vorstellungen zu Ernährungsfragen geben kann. Warum auch nicht. Es gibt unterschiedliche Philosophien und Strategien, nationale Besonderheiten oder Trends in der Forschung, die keine endgültigen Ergebnisse gebracht haben.

Wir wollen gegenüber der DGE daher nicht so hartherzig sein wie Frau Schickling. Diese ehrenwerte Gesellschaft meint es nur gut. Außerdem muss man bedenken, dass die 10 Regeln der DGE für die breite Bevölkerung und nur als ganz grobe, allgemeine Richtschnur gedacht sind.

Sie gelten eigentlich nicht für Einzelfälle, Leute mit Stoffwechselkrankheiten, Übergewichtige oder Menschen mit Vorstufen von Diabetes Typ 2, auch nicht für Kinder, Senioren und Menschen in Pflegeheimen.

Das Problem ist nur, dass die DGE das nicht deutlich genug sagt.

 

Prädikat: Bitte anschauen

Außerdem sind die genannten Gruppen zusammen in der Mehrzahl: In Deutschland gibt es jetzt schon weniger Schlanke und Gesunde als Übergewichtige und Kranke. Letztere stellen zusammen einen Anteil von über 60 Prozent. Eigentlich bräuchten diese Menschen, wenn sie abnehmen oder gesund werden wollen, jeweils eine sehr individuelle Ernährungsberatung, die genau darauf eingeht, was den Betroffenen fehlt.

Mit anderen Worten: Die 10 Regeln der DGE können nur noch für den kleineren Teil der Deutschen eine Richtlinie sein – wenn sie denn überhaupt sinnvoll sind. Genau das stellt der SWR grundsätzlich in Frage, und nicht nur er: In den letzten Jahren häuft sich die Kritik an den Vorstellungen der DGE auch in Fachkreisen.

Hier bei Quarkundso.de gibt es diesmal aber nicht so viel Kritik, jedenfalls nicht an dem SWR-Beitrag. Aber dafür eine eindeutige Empfehlung: Bitte anschauen. Wer, wie die gesamte Redaktion, kein Vollkorn mag, Margarine verabscheut und immer dick Butter aufs Brot streicht, weiß danach, worauf es ankommt.

©Johanna Bayer

SWR – Betrifft: Was dürfen wir alles essen? vom 7.11.2018

 

Mittagessen: Das SZ-Magazin und die Feinde der Mittagskultur

Eine Autorin in SZ-Magazin stört sich daran, dass Kollegen schick „zum Lunch“ wollen statt sich nur schnöde Nahrung reinzuschaufeln, wie es mittags nunmal ansteht. Das ruft Quarkundso.de auf den Plan: Wir protestieren aufs Schärfste.

 

Mittagessen bei der Arbeit: Idealerweise als feiner Business-Lunch, sonst aber gerne auch in der Kantine das Menü 1. Denn wer arbeitet, muss auch essen.

Im SZ-Magazin kam was zum Mittagessen, ach nein, es ging um den „Lunch“. Man gehe nicht mehr zum Mittagessen, berichtet Sina Pousset, Autorin der Generation Y. In ihren Kreisen gehe man jetzt „lunchen“.

Das sei neumodischer Unsinn, beklagt Pousset, Jahrgang 1989.

Schließlich drehe es sich immer noch um eine höchst prosaische Mahlzeit mitten im Arbeitstag, die durch hippe Anglizismen keineswegs geadelt werde – Currywurst bleibt Currywurst.

Wer sich also einbildet, mit einem „Lunch“ besonders weltmännisch und nach „vielen Flugmeilen“ zu klingen, hat laut Pousset nicht verstanden, dass die meisten Leute mittags nur das Allernötigste essen. Diese schnöde Nahrungsaufnahme müsse man nicht unnötig aufblasen. Das gute alte Wort „Mittagessen“ scheint ihr daher viel passender als eine Angebervokabel aus dem Wortschatz urbaner Spießer:

„Denn der Anglizismus kann nicht zaubern. Er verwandelt Durchschnittsessen nicht in Kobe-Beef und den Italiener im Industriegebiet nicht in die Steakbar in Downtown Manhattan.“

Ihr selbst reiche, schiebt sie nach, mittags auch mal eine Schüssel Cornflakes mit kalter Milch.

 

„Fressen wie die Schweine“

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Natürlich muss Quarkundso.de da energisch einschreiten: Wir protestieren aufs Schärfste!

Denn der Artikel ist zwar teilweise amüsant, und Deppen-Anglizismen sind immer ein lohnendes Ziel. Aber die Autorin verfehlt auf gefährliche Weise den Kern der Sache.

Sie kritisiert nämlich nicht nur den Sprachgebrauch.

Nein, Pousset stänkert generell dagegen, dass man sich zum Mittagessen Zeit nimmt und an einem gedeckten Tisch sitzt. Dabei outet sie sich als Feindin der genüsslichen Hauptmahlzeit. Das Mittagessen sei „von Haus aus unglamourös“ und primitivster Trieb:

„Energiezufuhr, im rein praktischen Sinn. Wenig Zeit trifft auf viel Hunger. Das ist dann oft mehr Fressen als Essen. Wie die Schweine am Trog und hoffen, dass nichts daneben geht.“

Das ist unmöglich. Eine solche Entwertung des Mittagsmahls ist kulturlos und menschenfeindlich, ebenso der ganze Kontext, in den die Autorin Essen stellt.

Damit ist sie nicht alleine: Zwar sind nicht alle so unflätig, aber das warme Essen in der Mitte des Tages wird immer öfter abgewertet, als Leistungsbremse betrachtet und wegrationalisiert.

Und das nicht nur von ausbeuterischen Chefs. Nein, besonders von jungen Leuten.

Eine treibende Kraft sind die urbanen Vielarbeiter, die digitalen Nomaden, die Performer aus kreativen Etagen und Neu-Berliner wie Sina Pousset. Die stammen zwar meist aus der Provinz, wo man in der Regel noch ordentlich zu Mittag isst. Aber urban, wie sie jetzt sind, halten sie die warme Mittagsmahlzeit für unfein.

 

Mittagessen? Hält nur auf

Wir haben darüber schon ausführlich berichtet, genauer gesagt lamentiert. Das war 2017, in einem der längsten Artikel bei Quarkundso.de überhaupt.

Das ist kein Zufall. Denn das Thema ist zu wichtig, um es kurz abzuhandeln und wir werden nicht müde, darauf aufmerksam zu machen, wie genussfeindlich und ungesund die sich immer mehr durchsetzende Snack-Kultur ist.

Inzwischen sind sämtliche Ratgeber, Ernährungsportale, unzählige Blogs und alle Krankenkassen gleichgeschaltet: Mittags muss es auf jeden Fall schnell gehen, etwas anderes kommt nicht in Frage.

Dabei gilt schon ein Teller Nudeln mit Soße, auf jeden Fall aber Fleisch mit Beilagen als zu üppig, weil warmes Essen angeblich zu „schwer im Magen“ liegt.

Das ist physiologischer Unfug und dazu unzivilisiert. Es deckt sich aber mit verqueren Vorstellungen gewisser Rationalisierer und Globalisierer, nach denen menschliche Bedürfnisse willkürlich verschiebbar sind, damit ununterbrochen gearbeitet werden kann.

Entsprechend hat auch Autorin Pousset in der SZ Leute auf dem Kieker, die es anders halten und dem Mittagessen Wert zumessen – etwa Restaurants wie ihr kleiner Italiener an der Ecke, der, wie sie schreibt, seinen Mittagstisch neuerdings als „Business-Lunch“ anpreist. Dem Wirt verübelt sie, dass er sich an den Trend ranhängen will.

 

Das gute alte Geschäftsessen

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Gut, man kann kleine Gastronomen dafür abkanzeln, dass sie ein Geschäft machen wollen.

An der Sache selbst gibt es aber nichts zu meckern. Denn wenn der kleine Italiener von Frau Pousset ein echter Italiener ist, hält er natürlich auf das Mittagessen: In Italien isst man mittags warm, ebenso wie in Frankreich, beides Länder mit berühmter Esskultur.

Anders ist das in den USA und England. Von dort stammt der verhängnisvolle Trend zum kalten Happen am Mittag, wobei man dort vielleicht gerade deshalb riesige Probleme mit Übergewicht und Diabetes hat.

Und dabei ist der sogenannte „Business-Lunch“ gar nicht identisch mit den berüchtigten amerikanischen „Snacks“ aus der „Lunchbox“.

Beim Business-Lunch handelt es sich vielmehr um ein Ritual, das in der europäischen Esskultur viel tiefer wurzelt als das Knabbern an Salatblättern zum Mittag: um das gute alte Geschäftsessen.

Historische Betrachtungen zu Bankett und Symposium sparen wir uns, die Vorteile des Redens beim Essen liegen auf der Hand: Sie reichen von der Kontaktpflege über das unauffällige Checken von Manieren und Weltläufigkeit bis zur Entkrampfung bei schwierigen Themen.

Am besten ist aber der klare Konsens, der beim Business-Lunch besteht: Es gibt was Gescheites zu essen. Niemand speist Manager mit Salat, Apfelschnitzen und Nüssen ab, wie es die Krankenkassen gestressten Büroarbeitern „zum Mittagssnack“ empfehlen.

Nein, zum Business-Lunch gibt es ein feines, mindestens zwei- oder dreigängiges Menü, und zwar zu Recht: Babyfutter mit Jogurt und püriertem Obst aus der Tupperware ist nichts für Erwachsene, die oft einen Zehnstundentag haben.

 

„Snack am Mittag“ von der Techniker Krankenkasse – Brötchen statt Hauptmahlzeit

Gepose mit kaltem Körnerkram

Daher verläuft die Front zwischen uns und Frau Pousset klar: Wir stehen auf der anderen Seite.

Wir kämpfen für die warme, nahrhafte Hauptmahlzeit, in welcher Form auch immer, ob schlicht in der Kantine oder edel im Restaurant. Warmes, frisch gekochtes und in Ruhe eingenommenes Essen ist gesünder, nahrhafter, befriedigender und appetitlicher als der kalte Körnerkram, der uns für den „leichten Lunch“ aufgeschwatzt wird.

Und wir schlagen zurück: Für Quarkundso.de sind nicht diejenigen die Angeber und Wichtigtuer, die mittags zum Essen gehen. Sondern die, die im Büro aus der Tüte futtern und behaupten, sie hätten keine Zeit für eine richtige Mittagspause.

Deren Präsentismus und das Gepose um Mitgebrachtes geht uns auf den Geist – das ganze gequollene Quinoa-Zeug, die glitschigen kalten Nudeln, die unreifen Avocados, übergossen mit süßem Balsamico-Dressing, die durchgeweichten Wraps mit muffigem Ei, die matschigen Salate, die pappig-schweren Vollkornbriketts mit Belag aus Kunstkäse oder Putenlappen.

Es leuchtet uns auch absolut nicht ein, warum ein Salat mit Fertigdressing aus der Plastikdose mittags „gesünder“ sein sollte als eine Portion Krautwickel mit Kartoffelpüree aus der Kantine.

Er ist es nämlich nicht.

 

Weiße Plastikdose mit gerolltem Sandwich (Wrap)

Durchgeweichte Wraps aus der Tupperware – für uns ist das nichts

Ohne Manieren: Mampfen am Schreibtisch

Auch das Mampfen am Schreibtisch finden wir unästhetisch und unhygienisch, sogar belästigend für Kollegen in demselben Raum. Und wer, was öfter vorkommt, mit vollem Mund ans Telefon geht, hat definitiv keine Manieren und aus unserer Sicht eine Abmahnung verdient.

Frech, wie wir sind, hängen wir uns gerne auch etwas weiter aus dem Fenster: Wer dauerhaft keine Zeit zum Essen hat, kommt mit seiner Arbeit nicht klar.

Da muss der Chef mal nachsehen und seine Fürsorgepflicht wahrnehmen. Und umgekehrt: Wenn Vorgesetzte keine Rücksicht auf die Mittagszeit nehmen und ständig Meetings von 12 bis 14 Uhr ansetzen, sind sie in ihrer Position falsch.

Wir präferieren dabei entschieden den Gang in die Kantine – eine auch nur halbwegs vernünftige Großküche, die ein oder zwei Auswahlessen und ein kleines Salatschüsselchen bietet, macht uns leistungsfähig für den Rest des Arbeitstages.

Die Belegschaft von Quarkundso.de marschiert jedenfalls mittags geschlossen in die Kantine, wenn eine da ist. Immer. Auch lassen wir das Mittagessen nie ausfallen, in Worten: nie.

 

Ausschnitt aus Twitter, Text: Kollegin kriegt seit Tagen mit, dass i keine Zeit hab zu essen sie kommt in mein Büro stellt mir ungefragt essen auf Tisch und sagt iss

Opfer der modernen Arbeitswelt: Auf Twitter berichtet eine junge Userin, dass sie tagelang keine Zeit zum Essen hat – das darf nicht sein.

Die Feinde der Mittagskultur

Doch der Feldzug gegen das warme Essen in Deutschland läuft: Schon Kindern wird die Hauptmahlzeit am Mittag regelrecht aberzogen, teils mit absurden Begründungen. Der Blick in ein beliebiges Mütterforum im Internet zeigt das:

„Eine gesunde und ausgewogene Ernährung braucht keine warme Mahlzeit. Die meisten essen gerne warm, weil es angenehm ist und gut schmeckt, aber gesünder ist es nicht. Meine Tochter bekommt in der Woche mittags auch nichts warmes, denn gekocht wird bei uns erst abends, wenn mein Mann da ist. Da kann sie sich, dann aussuchen ob sie was warmes mitisst oder sie isst Butterbrot, Rohkost und Joghurt. Warmes Mittagessen gibts bei uns nur am Wochenende.“

„Ich finde, das ist jedem selber überlassen (…) Die bedenken deiner Schwiegermutter sind Quatsch. Gerade bei warmen Essen ist so schnell alles Gesunde rausgekocht, da ist nun wirklich Rohkost usw. das wertvollere Essen.“

„Kein Mensch braucht mittags ein warmes Essen“

Zitate aus „Mama-Forum“ im Internet.

Interessanterweise sind Ernährungsexperten und Familienratgeber durchaus anderer Meinung und in Ganztagsschulen ist das – warme – Mittagessen sogar gesetzlicher Anspruch und häufig auch Pflicht.

Aber Feinde der Mittagskultur erstreiten sich, dass sie ihre Kinder vom Essen abmelden dürfen.

 

Zum Schaden der Kinder

Gleichzeitig berichten Zeitungen seit Jahren darüber, dass Erziehungsberechtigte das Schulessen nicht bezahlen und ihre Kinder deshalb mittags weinend vor leeren Tellern sitzen – oft dieselben, die morgens schon ohne Frühstück in die Schule kommen.

In vielen Fällen geht es dabei nur um den Mindestbeitrag von einem Euro täglich, fünf Euro die Woche, 20 Euro im Monat.

Welche Gründe solche Eltern auch immer vorbringen mögen, ob Überschuldung, Leben von Hartz IV oder „Die ist das gewöhnt!“, „Der braucht mittags nichts“, und „Wir kochen doch abends warm!“, eines muss klar sein: Das schadet den Kindern.

Wie bei den Zitaten aus dem Mama-Forum oben zu sehen war, geht es dabei nicht immer um Geld. So berichtete der Tagesspiegel 2016 aus Berlin:

Etliche Ganztagsschulen haben Probleme, die Eltern von der Notwendigkeit eines warmen Mittagessens zu überzeugen. Nach Informationen des Tagesspiegels gibt es mindestens eine Ganztagsgrundschule in Berlin, in der nur ein Drittel der Familien einen Vertrag mit einem Caterer abgeschlossen hat. In anderen Schulen sind es mitunter 50 oder 60 Prozent – und das, obwohl laut Schulgesetz eigentlich alle Kinder in Ganztagsschulen ein warmes Mittagessen bekommen sollen.

Ist das Kindeswohl gefährdet? Ja. Punkt.

Auf Anfrage musste der Berliner Senat 2016 tatsächlich, so der Tagesspiegel, der peinlichen Fragen nach dem Kindeswohl nachgehen. Man war sich da nicht ganz sicher:

„Unklar ist, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, wenn Eltern ihre Kinder mehr als acht Stunden ohne Essen lassen.“

Wir beantworten die Frage mal schnell und hängen uns dabei wieder weit aus dem Fenster: Ein Grundschulkind den ganzen Tag ohne Essen zu lassen, gefährdet das Kindeswohl, ja. Und es von einem warmen Mittagessen fernzuhalten, das sein Körper in der Wachstumsphase braucht, ebenfalls.

Unregelmäßige Mahlzeiten ohne warmes Essen stehen genau deshalb in Kriterienkatalogen für die Gefährdung von Kindern in der Familie, wie sie Jugendämter und Sozialbehörden nutzen.

 

Nachts schlafen. Tagsüber arbeiten. Mittags essen.

Zum Glück sind die Feinde des Mittagessens noch in der Minderheit. Aber sie machen gewaltig Druck.

Interessanterweise neigen nämlich diejenigen, die mittags mit einem Müsliriegel auskommen, zu autoritärem Reinregieren in den Bauch der anderen: „Das muss auch mal so gehen!“, „Warum isst Du nicht einfach einen Apfel?“, „Du kannst doch heute Abend essen!“.

Solchen Menschen mangelt es an Rücksicht und sie gehen ausschließlich von ihren eigenen Bedürfnissen aus: Weil sie Hunger verschieben oder gleich gar keinen haben, können sie sich nicht vorstellen, dass es anderen anders geht.

Doch Hunger am Mittag ist so natürlich wie der Schlaf in der Nacht.

Und menschliche Bedürfnisse sind nicht beliebig disponierbar. Menschen werden krank, wenn sie ihrem physiologischen Rhythmus nicht folgen. Der mag – in Grenzen – individuell sein, doch die grobe Linie ist: Nachts schlafen. Tagsüber arbeiten. Mittags essen.

 

Das Mittagsmanifest von Quarkundso.de

Daher wiederholen wir besonders mit Blick auf Schwächere und Kinder die wichtigsten Forderungen zur vernünftigen Mittagspause (das vollständige Mittagsmanifest ist im Artikel von 2017 zu lesen):

Die Mittagspause ist gesund und wichtig. Ein ordentliches – warmes – Mittagessen muss drin sein, wenn Arbeitnehmer, Kinder, Teamkollegen, wer auch immer, das möchten.

Arbeitgeber und der Staat sind dabei in der Pflicht, Schwächere vor menschenfeindlichem Druck zu schützen: Wir fordern angemessene Pausenplanung, mehr Kantinen, warmes Schulessen für alle Kinder, finanziert vom Staat. Ohne Wenn und Aber.

Natürlich soll dabei niemand zum Essen gezwungen werden.

Umgekehrt ist entscheidend: Diejenigen, die essen möchten, dürfen nicht daran gehindert werden. Nichtesser dürfen daher in keiner Situation über Menschen bestimmen, die mittags was Warmes brauchen.

Wir werden an dieser Front beharrlich weiterkämpfen, denn das Mittagessen ist  es wert – Oberthema: „Essen ist ein Menschenrecht“. Fortsetzung folgt.

©Johanna Bayer

 

SZ-Magazin vom 3.10.2018 zum Thema Lunch

Der Tagesspiegel über Schulessen und den Elternbeitrag

WDR, Quarks&Co dazu, warum Menschen mittags essen sollten – „Fünf Fakten für das Mittagessen“   – handgeklöppelt von der Chefredakteurin

Ausführlicher Beitrag zum Kulturkampf um das Mittagessen von 2017 mit historischem Hintergrund

 

Viral um jeden Preis: Wie die Uni Freiburg mit Tiraden gegen Kokosöl einen Youtube-Hit landet

Eine rabiate Medizinerin wütet an der Uni Freiburg gegen Kokosöl, das Video von ihrem Vortrag geht viral, die Pressestelle platzt vor Stolz. Aber die Professorin hat komplett überzogen, dabei das Richtige verschwiegen und das Falsche maßlos dramatisiert. Darf man das?

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist von der Seite der Uni Freiburg verschwunden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Sieh mal einer an. Links s. unten

 

Kokosnuss ganz, zwei halbe Kokosnüsse und ein Glas mit reinem weißen Kokosnussfett

Kokosöl – so rein, so weiß und pures Gift: Kann das sein? Quarkundso.de klärt auf.

Youtube-Videos, die viral gehen, sind ohne Zweifel auch Medienphänomene und stehen daher auf der To-do-Liste von Quarkundso.de. Gerade hat zum Beispiel die Uni Freiburg einen Video-Hit auf Youtube gelandet, und zwar mit einem Vortrag über Superfood: seit Veröffentlichung im Juni schon über 1,3 Millionen Aufrufe.

Die Referentin ist Medizinerin, eine Prof. Dr. Dr. Karin Michels. Sie versprach, mit Ernährungsmythen aufzuräumen, insbesondere mit denen rund um Kokosöl.

Da strömte das Publikum nur so, und die hochdekorierte Medizinerin, die in Harvard studiert hat und dort auch lehrt, schoss gepfefferte Salven ab:

Kokosöl ist das reine Gift!

Kokosöl ist das Schlimmste, das Sie zu sich nehmen können!

Kokosöl ist gefährlicher für Sie als Schweineschmalz … weil es noch mehr gesättigte Fettsäuren hat.

Es ist ein hartes Fett und alles Feste geht direkt in Ihre Koronararterien.

Je mehr Kokosöl, je mehr verstopfte Herzkranzgefäße und die führen zum sicheren Herztod.

Es gibt nicht eine einzige Studie am Menschen, die eine einzige positive Wirkung von Kokosöl zeigt.

Das war ein Aufreger, ist doch Kokosöl nicht nur seit Jahrtausenden ein traditionelles Nahrungsfett in den Tropen, sondern neuerdings der Liebling der vegetarischen, veganen, cleanen und hippen Küche, in den Bioläden fest etabliert. Deshalb ist es sicher kein Wundermittel. Aber Gift?

Der SWR hat berichtet, der FOCUS, der Münchner Merkur, die HuffPost und ganz viele andere. Dazu kommt eine Flut von Mailanfragen an den Präsidenten der Uni Freiburg und die Leitung des Universitätsklinikums, wo Frau Prof. Dr. Dr. Michels tätig ist.

 

Frau Prof. Dr. Dr. widerspricht sich selbst

Natürlich ist Quarkundso.de von Fans gleich besorgt angefragt worden: Was da dran sein? Ob die Medizinerin Recht habe, und was wir davon halten?

Aber in die Falle gehen wir nicht.

Denn wir widersprechen auf keinen Fall Professoren und –innen, oder Leuten mit doppeltem Doktor.

Das lassen wir sie lieber selbst erledigen.

Frau Prof. Dr. Dr. musste nämlich nach ihren wüsten Ausfällen gegen Kokosfett zurückrudern: Sie hat ein ebenso zahmes wie verwirrendes und erstaunlich kurzes „Statement“ nachgeschoben, das jetzt beim Video im Netz steht.

Zu dieser Erklärung hat wohl die Unileitung oder die Pressestelle sie nachträglich aufgefordert, wegen der vielen Nachfragen und der Kritik. Doch in ihren „Erläuterungen“ klingt alles etwas anders.

Zum Beispiel so:

Der Konsum dieser Fettsäuren (aus Kokosöl, d. Red.) erhöht die Spiegel des schlechten LDL Cholesterins im Blut, was zum Herzinfarkt führen kann.
Laurinsäure (im Kokosöl) erhöht aber auch das gute HDL.

Genau gelesen? Ein erhöhter LDL-Spiegel KANN zum Herzinfarkt führen, schreibt sie jetzt.

Wir heben das absichtlich hervor, denn im Vortrag beschwor die Professorin dramatisch den sicheren Herztod herauf. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied.

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Im Übrigen ist ein erhöhter LDL-Spiegel keineswegs die Ursache für den Herzinfarkt, sondern nur ein Risikofaktor unter anderen. Auch das ist ein fundamentaler Unterschied.

Noch wichtiger ist, dass die wankelmütige Professorin plötzlich auch die günstige Wirkung der Laurinsäure aus dem Kokosöl auf das gute HDL-Cholesterin erwähnt. Dieses Eingeständnis findet sich nur im PDF, nicht im Vortrag.

Da heißt es vom Kokosöl, es sei „reines Gift“.

 

Butter für die Leber, Kokosöl für das Gehirn

Weiter geht es mit den Studien:

Studien, die zu diesem Thema durchgeführt wurden, verwendeten oft speziell hergestellte Öle aus 100 % mittelkettigen Fettsäuren, nicht das kommerziell erhältliche Kokosöl – also ein völlig anderes Produkt.

Ach, jetzt gibt es doch Studien? Ja, klar, die gab es auch vorher schon, das hätte Frau Prof. Dr. Dr. daher gleich in ihrem Vortrag erwähnen müssen.

Offensichtlich als Reaktion auf Kritik behauptet sie jetzt, dass die Spezialprodukte in bestimmten Studien nicht mit dem natürlichen Lebensmittel Kokosöl identisch sind.

Stimmt allenfalls teilweise. Denn erstens gibt es auch Humanstudien zu Kokosöl, insbesondere ganz neue zu Kokosöl zur Verbesserung von Alzheimer und Parkinson. Aber zweitens geht es tatsächlich in vielen Studien oft nicht um natürliche Lebensmittel.

Es ist nämlich für die Pharmaindustrie oder wer auch immer die Studien finanziert, höchst unergiebig, ein natürliches Nahrungsmittel zu testen. Das sind diffuse Gemische aus tausenden von Stoffen, von denen man nicht weiß, was genau wirkt.

Das aber wollen Forscher und Pharmaunternehmen – gezielt einen Wirkstoff finden.

Also engen sie die Auswahl auf Kandidaten ein, von denen man sich etwas verspricht. Das waren bei den Fettsäure-Studien die erwähnten mittelkettigen Fettsäuren. Deren Effekte hat man wissenschaftlich untersucht. Was Leber- und Magen-Darm-Erkrankungen angeht, konnte man die günstige Wirkung dieser Stoffe vor 25 Jahren dann wissenschaftlich bestätigen.

Seitdem werden Verdauungskranke mit diesen mittelkettigen Fettsäuren, sogenannten MCT-Fetten aus Spezialölen, in der Ernährungstherapie behandelt.

Die Laurinsäure, das Hauptfett im Kokosöl, gehört dazu. Zu rund 50 Prozent besteht Kokosfett aus Laurinsäure. Lustig, nicht wahr, dass das gut für Leber, Magen und Darm ist?

Ach so – früher hat der kundige Arzt seinen Leberkranken hierzulande, wo es weder Kokosöl noch moderne MCT-Öle gab, einfach die gute Butter verordnet. Die enthält auch viele MCTs und gesättigte Fettsäuren, für Magen-, Gallen- und Leberkranke sehr bekömmlich.

Das ist ganz besonders lustig, weil Butter ebenso wie Kokosöl von Frau Prof. Dr. Dr. inkriminiert wird.

 

Die amerikanische Krankheit: Obsession Herzinfarkt

Nun liegt es aber so, dass Krankheiten der Verdauungsorgane und der Leber nicht das Fachgebiet von Frau Prof. Dr. Dr. sind. Sie ist keine Internistin oder Ernährungsmedizinerin. Sie ist von Haus aus Gynäkologin und außerdem hat sie es mit Methodik und Statistik. Aber nicht mit Essen.

Umso erstaunlicher, dass sie sich so wüst zu einem traditionellen Nahrungsfett wie Kokosöl äußert.

Den Mut dazu gewinnt sie daraus, dass sie im Zusammenhang mit Frauenleiden epidemiologische Studien liest. Dort geht es um Prävention, und meist um die großen Volkskrankheiten – Krebs, Herzinfarkt, Diabetes, Übergewicht. Diese Studien liefern aber zu einzelnen Lebensmitteln allenfalls lose Korrelationen und nur sehr grobe Daten.

Für die gesamte Bewertung eines Nahrungsmittels und seiner Bedeutung für die menschliche Ernährung reicht das auf keinen Fall aus. Schon gar nicht bei einem Fett, das aus den Tropen stammt, wo über Jahrtausende Herzinfarkt und Diabetes nicht die größte Sorge der Menschen waren: Diese Krankheiten haben sie erst jetzt, seit sie auf die Nahrung der Industriestaaten umgestiegen sind. Mit viel „gesundem“ Pflanzenöl und vielen „wertvollem“ Getreide. Dazu, zur Gesundheit der Südseeinsulaner zum Beispiel, die traditionell viel Kokosöl verzehren, gibt es übrigens auch Studien.

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Interessanterweise ist aber das Schreckbild des Herzinfarkts der Punkt, um den die ganze Hysterie kreist: Denn wegen der – angeblichen – Risikoerhöhung bei Herzinfarkt verteufelt Frau Prof. Dr. Dr. Kokosöl, ebenso wie Butter und Schweineschmalz und überhaupt tierische gesättigte Fettsäuren.

Das lässt sich nur so erklären, dass sie durch ihre Arbeit in den USA von der amerikanischen Krankheit befallen ist: einer merkwürdigen Herzinfarkt-Hysterie beim Essen.

In den USA werden nämlich alle Lebensmittel sowie die gesamte Ernährung im Hinblick auf den Herzinfarkt beurteilt, weil man dort der Meinung ist, eine „gesunde“ und fettarme Ernährung könne den Herzinfarkt verhindern.

Umgekehrt wird der Herzinfarkt nahezu ausschließlich als Folge einer „ungesunden“ Ernährung betrachtet.

Rauchen, Bluthochdruck, Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress, Gene, Stoffwechselstörungen, also die richtig großen und wissenschaftlich anerkannten Risikofaktoren, die hohe Cholesterinwerte überhaupt erst gefährlich machen können?

Egal, Hauptsache, die Butter kommt vom Brot.

 

Fett als Feindbild und die Fakten

Diese grobe Verzerrung ist in Deutschland und dem Rest von Europa nicht üblich, mal abgesehen von ein paar Veganern oder Essgestörten im Magerwahn.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält sich inzwischen bedeckt: Nach Jahren der Fettverteufelung muss sie seit 2006 kleinere Brötchen backen, weil die wissenschaftliche Lage sie dazu zwingt. Denn es ist gar nicht sicher erwiesen, dass gesättigte Fettsäuren Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen.

Im Forschersprech: Die Evidenz dafür ist nicht sehr hoch.

Deshalb hat die DGE aus ihren 10 Regeln für Ernährung zum Beispiel die Behauptung gestrichen, dass zu viele gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt erhöhen und man unbedingt Fett sparen muss. Jahrelang stand das in der Fett-Regel, seit 2018 ist es weg.

Weil man aber nicht so leicht vom Feindbild Fett lassen kann, findet sich in den 10 Regeln immer noch was von ungünstigen Wirkungen gesättigter Fettsäuren auf die Blutfettwerte. Sicherheitshalber.

Gleichzeitig hat man die Argumentation umgestrickt: 2018 heißt es in den neuen 10 Regeln schlau, dass nicht die gesättigten Fettsäuren den Herzinfarkt auslösen – sondern dass weniger davon das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken können.

Vielleicht. Denn auch hier ist die Evidenz nicht sehr hoch.

Das bedeutet: Es ist nicht sicher erwiesen, dass weniger gesättigte Fettsäuren vor Herzinfarkt schützen. Es ist sogar so, räumt die DGE ein, dass es möglicherweise überhaupt keinen Zusammenhang gibt – weder zwischen gesättigten Fettsäuren und Herzinfarkt allgemein noch zwischen dem Austausch gesättigter Fettsäuren durch angeblich bessere Stoffe wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren aus Pflanzenöl.

Das alles steht in gewundenen Worten in der Fettleitlinie der DGE, einem Hintergrundpapier zur Forschungslage rund um Fett in der Ernährung. Und weil die Arbeitsgruppe umfassend die wissenschaftlichen Studien sondiert hat, ist die DGE gegenüber den Tiraden der Frau Prof. Dr. Dr. jetzt unsere Kronzeugin.

 

Nicht überzeugend: die Fettratschläge

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat nämlich in der DGE-Leitlinie zu Fett mal nachgelesen. Das war natürlich Schwerstarbeit: seitenweise verschlüsseltes Geheimvokabular, durch das man sich in Doppelschichten durchbuchstabieren musste.

Es ist aber gelungen, die brisantesten Stellen aus dem heißen Material herauszuziehen und hier zu übersetzen. Ergebnis: Was man der DGE nicht vorwerfen kann, ist, dass sie schwindelt oder was verschweigt, wie Frau Prof. Dr. Dr.

Nein, die DGE bleibt sauber und gibt den Stand der Forschung gewissenhaft wieder. Aus taktischen Gründen und mit festem Blick auf das Endziel – weg mit den gesättigten Fettsäuren, egal wie – allerdings von hinten durch die Brust ins Auge.

Dazu skandieren die beteiligten DGE-Wissenschaftler einen Kanon von möglichen Effekten bei Fetten durch. Aber an keiner Stelle können sie sagen, dass gesättigte Fettsäuren wissenschaftlich sicher belegt Herzinfarkt und koronare Herzkrankheiten auslösen oder auch nur das Risiko stark erhöhen.

In der Leitlinie Fett sieht das so aus:

Die Evidenz für eine primäre Prävention der KHK durch eine Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen PUFA wird als wahrscheinlich bewertet.

Das bedeutet: Wenn man gesättigte Fettsäuren (aus Butter, Fleisch oder Kokosöl) durch mehrfach ungesättigte (aus Fisch oder Nüssen) ersetzt, ist nicht sicher, dass sich ein Herzinfarkt verhüten lässt. Es ist nur wahrscheinlich, dass dadurch das allgemeine Risiko dafür sinkt.

Die höchste Evidenzstufe, bei der man von einem sicheren Beleg sprechen kann, wäre „überzeugend“.

„Wahrscheinlich“ ist nur die zweithöchste und zeigt, dass der Austausch der gesättigten Fettsäuren durch andere, für besser gehaltene, eben nicht sicher vor dem Herzinfarkt schützt. Genau gelesen? Fett austauschen schützt nicht.

Das bedeutet auch: Gesättigte Fettsäuren machen keinen Herzinfarkt.

 

Gesättigte Fettsäuren machen möglicherweise – gar nichts

Dann kommt noch eine interessante Wendung:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen MUFA oder Kohlenhydrate wird als möglich bewertet.

Hier geht es um die Kritik an der Fett-Hypothese. Und es bedeutet: Möglicherweise gibt es tatsächlich gar keinen Zusammenhang zwischen dem Herzinfarkt-Risiko und dem Versuch, statt gesättigter Fettsäuren zur Vorsorge mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Pflanzenöle) oder Kohlenhydrate zu sich zu nehmen.

Das heißt: Fett sparen und gesättigte Fettsäuren durch angeblich „gesunde“ Fette oder Kohlenhydrate zu ersetzen, ist vielleicht sogar kompletter Unsinn. Das kommt dann noch einmal:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA (ohne gezielten Austausch gegen andere Energieträger) wird als möglich bewertet.

Wie im Absatz vorher, nur stärker: Möglicherweise – dritte Evidenzstufe – gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen einem Risiko für koronare Herzkrankheiten samt Herzinfarkt und dem Weglassen von gesättigten Fettsäuren in der Ernährung.

Das ist schon ein ziemliches Zugeständnis und vielleicht deshalb so gut verschwurbelt und versteckt.

Denn es bedeutet: Die Kritiker der DGE und der Fetthysterie haben möglicherweise wirklich Recht. Und vielleicht muss die ehrenwerte Gesellschaft das irgendwann auch anerkennen: Es könnte sein, dass es überhaupt keine Folgen von gesättigten Fettsäuren für die Herzgesundheit gibt.

 

Was reitet Frau Prof. Dr. Dr.?

Stück Butter auf Backpapier, nah

Die gute Butter: Bekömmlich und gesund.

Die steilen Parolen von Frau Prof. Dr. Dr. sind damit komplett erledigt, das sollte damit klar sein.

Die Frage ist, was die Frau geritten hat.

Dazu hat der Pressesprecher der Universität Freiburg ein erfrischend offenes Statement abgegeben.

Ob der großen Aufmerksamkeit platzte er schier vor Stolz, und freute sich über tausende von neuen Abonnenten für seinen Videokanal, ein richtiger Social-Media-Erfolg, super für das Haus.

Man kann es so sehen. Das ist dann wie bei den Klatschblättern, die unentwegt Falschmeldungen zu Schwangerschaften, Scheidungen und Krankheiten verbreiten, obwohl die Redakteure genau wissen, dass alles erfunden ist.

Der Medienblog Topfvollgold.de beschreibt das so:

„Brot und Butter der Klatschblätter ist die Unterstellung, die Irreführung …

Diese Form der hysterischen Dramatisierung ist die Domäne der Regenbogenpresse, die bevorzugt Begriffe wie “Frau”, “Gold”, “Freizeit” und “Aktuell” im Titel trägt. …

Aber es ist unbestreitbar (…), dass die Regenbogenpresse regelmäßig die Grenze von der Irreführung zur glatten Lüge überschreitet, dass sie Persönlichkeitsrechte missachtet, Menschen verleumdet und öffentliche Pranger baut.“

Mit exakt derselben hysterischen Dramatisierung hat sich nun die Universität Freiburg in Gestalt der Institutsleiterin Michels, Prof. Dr. Dr., präsentiert. Das Opfer am Pranger ist das Kokosöl, die Leidtragenden sind die Verbraucher und Patienten.

 

Erfolg im Netz: Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Denn der von sich selbst begeisterte Pressesprecher zahlt für seine Videoabonnenten einen Preis: Es sind schwere Kollateralschäden bei der verunsicherten Bevölkerung, die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft und Universitäten betreffend.

Denn jetzt fragen Menschen, was mit dem Kokosöl und der Butter ist. Kann man das überhaupt noch essen? Oder fällt man – Gift! Sicherer Herzinfarkt! – tot um? Wenn eine Harvard-Professorin mit zwei Doktortiteln so etwas sagt, dann muss da doch was dran sein? Die Universität wird doch wohl wissen, was sie tut?

Anscheinend nicht. In Freiburg hat man nur blindwütig agiert, um Aufmerksamkeit zu heischen.

Der Skandalvortrag steht trotz der offensichtlichen Falschaussagen auch noch im Netz. Und die Lässigkeit, mit der die rabiate Medizinerin ein paar Sätze nachschiebt, ohne zu begründen, warum sie das Richtige verschwiegen und das Falsche völlig überzogen hat, ist bemerkenswert.

Auch ist sie peinlich. Der Pressesprecher des Universitätsklinikums dazu:

„Wir freuen uns, dass wir Dank der sozialen Medien den Inhalt einer öffentlichen Veranstaltung so vielen Menschen zugänglich machen können“, sagt Benjamin Waschow, Leiter der Unternehmenskommunikation des Universitätsklinikums Freiburg.

„Wir haben mit dem Thema wohl einen Nerv getroffen. Dass das Thema kontrovers diskutiert wird, nehmen wir als universitäre Einrichtung als Bereicherung wahr.“ Das Universitätsklinikum Freiburg ist seit mehreren Jahren in den sozialen Medien sehr aktiv. Der Facebook-Auftritt und der Youtube-Kanal des Universitätsklinikums Freiburg gehören zu den erfolgreichsten unter den deutschen Universitätskliniken.“

 

Toll gemacht. Aber seriös ist anders.

@Johanna Bayer

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist auf der Seite der Uni Freiburg nicht mehr zu finden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Überraschung! 

Unter diesem Link mit der Pressemitteilung war das Video – zack, weg.

Aber auf Youtube hat jemand den Ausschnitt reingestellt: Ausschnitt aus dem Video Uni Freiburg auf Youtube, Vortrag von Prof. Dr. Dr. Karin Michels zu Superfood und Kokosöl

Kanal der Uni Freiburg auf Youtube: nichts mehr von Frau Michels über Kokosöl

PDF mit „Statement“ von Michels zum Vortrag

Pressemitteilung der Universität Freiburgvorher mit Video, jetzt ist es gelöscht.

Ausführliche Gegendarstellung mit Forschungsbelegen gegen die Behauptungen von Prof. Dr. Dr. Karin Michels auf dem Portal für Sporternährung von Dr. Feil

Die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder mit einer Kritik der Kritik an Kokosöl

Buchempfehlung zum Nachlesen: „Mehr Fett!“ von Ulrike Gonder und Nicolai Worm, Systemed Verlag 2010

 

Hier noch ein Auszug aus einem früheren Beitrag von Quarkundso.de zu Kokosöl und der Position der American Heart Association (AHA) von 2017.

Die AHA hatte 2017 sowohl vor Kokosöl als auch vor Butter und gesättigten Fettsäuren gewarnt. Wie man sieht, folgt Prof. Dr. Dr. Michels aufs Haar genau dieser US-Doktrin, was zeigt, dass sich ihr wüster Vorstoß tatsächlich direkt aus der amerikanischen Perspektive nährt. 

Aus dem Beitrag „BRIGITTE – online first und Chaos mit Kokosöl“

Quarkundso.de, das Ernährungsportal Ihres Vertrauens, sieht sich demselben Druck ausgesetzt wie die billigen Online-Angebote – wir stehen nämlich auch unter dem Zwang, Nutzwert zu liefern und alles leicht, in Häppchen und verständlich zu servieren.

Daher kurz zur Sache: Was ist jetzt mit dem Kokosöl und der AHA?

– Die American Heart Association (AHA) hat am 26.6.2017 eine allgemeine Empfehlung zu Nahrungsfetten herausgegeben. Diese hat sich nicht ausschließlich mit Kokosöl beschäftigt. Es ist ein Positionspapier zu gesättigten Fettsäuren und Nahrungsfetten allgemein. Darin hat die AHA den kompletten Forschungsstand zusammengefasst, bis hin zu Fütterungsversuchen mit Affen und Studien aus den letzten 60 Jahren Forschungsgeschichte.

– Alles, was sie in ihrer Empfehlung schreibt, ist bekannt und nichts als die Wiederholung der alten amerikanischen Fett-Doktrin: Raus mit den gesättigten Fettsäuren aus der Nahrung! Diese Doktrin vertritt man in den USA schon seit den 1950er Jahren. Immerhin erwähnt die AHA nebenbei korrekt, dass es heute keine Begrenzung der Fettmenge in der Nahrung mehr gibt und dass, Achtung, der Ersatz von Fett durch Kohlenhydrate und Zucker negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Dass Kokosöl wegen der ungesättigten Fettsäuren angeblich ungünstig ist, steht aber auch schon in den amerikanischen Ernährungsempfehlungen von 2010, den Dietary Guidelines.

– In dasselbe Horn – gegen das Kokosöl – stoßen auch andere Institutionen wie 2016 die British Nutrition Foundation, eine nationale Ernährungseinrichtung in England – wieder ohne Zweifel ein Land mit höchster Ernährungskompetenz.

– Hintergrund ist natürlich, dass es in der Wissenschaft seit Jahren immer mehr Stimmen gibt, die traditionelle Nahrungsfette mit einem natürlichen Gehalt an gesättigten Fetten rehabilitieren. Die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Butter wurde vom TIME MAGAZINE schon 2014 auf den Titel gehievt („Eat Butter!“). Milchfett, das viele gesättigte Fettsäuren enthält, ist inzwischen schwer im Aufwind: Nein, es verursacht keinen Herzinfarkt und führt auch nicht langfristig zu schlechteren Cholesterinwerten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, speziell Milchfett wirkt sich günstig aus auf den Cholesterinspiegel und bei vielen Krankheiten aus. Kokosöl ist das neue Lieblingskind der Fettfreunde, und es werden ihm viele günstige Wirkungen auf Stoffwechsel, Gehirn und Immunsystem nachgesagt. Interessant ist das allemal, beinhart bewiesen aus Sicht der Kokos-Kritiker nicht.

– Es ist aber in dieser Lage barer Unsinn, was in der – von den Nachrichtenagenturen erfundenen Überschrift – steht: „Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter!“. Erstens ist Butter nicht ungesund, siehe oben. Zweitens hat selbst die AHA nicht gesagt, dass Kokosöl „so ungesund ist wie Butter“. Im Papier steht, dass das Austauschen von Butter gegen Kokosöl wegen des hohen Anteils von gesättigten Fettsäuren nicht das bringt, was man sich erwartet, da beide viele gesättigte Fettsäuren enthalten.

– Allerdings rät die AHA in ihrer Stellungnahme tatsächlich rundheraus von Kokosöl ab, und zwar nicht, weil Studien erwiesen hätten, dass Kokosöl Herzinfarkt und Schlaganfälle auslöst. Oder weil Menschen, die traditionell viel Kokosöl konsumieren – etwa in den Tropen – besonders oft an diesen Krankheiten sterben. Das ist nämlich nicht der Fall. Nein, es ist ein rein theoretischer Befund, eine Interpretation nicht über das Lebensmittel Kokosöl, sondern über isoliert betrachtete gesättigte Fettsäuren:

„Clinical trials that compared direct effects on CVD of coconut oil and other dietary oils have not been reported. However, because coconut oil increases LDL cholesterol, a cause of CVD, and has no known offsetting favorable effects, we advise against the use of coconut oil.”

– Das ist ein dicker Hund und die Freunde der Kokosnuss laufen Sturm dagegen. Sie betonen, dass weder den gesättigten Fettsäuren an sich, und schon gar nicht den traditionellen Nahrungsfetten in der Forschung wirklich nachgewiesen werden konnte, dass sie Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen. Tatsächlich ist die Interpretation der AHA nur die Sicht aus einer bestimmten Brille. Selbst die traditionell behäbige deutsche DGE konnte nicht umhin, anlässlich ihrer Fettleitlinie zuzugeben, dass gesättigte Fette nicht Schuld sind an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderem. Das liest sich einigermaßen verwirrend:

FAQ zur Leitlinie Fett der DGE“

1. Welche Krankheiten thematisiert die Leitlinie und warum?
Die Leitlinie thematisiert Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Metabolisches Syndrom, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Krebskrankheiten, weil sie zu den häufigsten chronischen Krankheiten in Deutschland zählen. Aus Kapazitätsgründen konnte die Leitlinienkommission nicht alle Krankheiten, bei denen die Fettzufuhr eventuell relevant ist, berücksichtigen.
(…)

4. Sind gesättigte Fettsäuren schlecht?
Eine hohe Zufuhr von gesättigten Fettsäuren erhöht die Gesamt- und LDL-Cholesterolkonzentration im Blut, ist aber bei den hier betrachteten Krankheiten mit keinen weiteren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden. Durch den Austausch von gesättigten durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren lässt sich allerdings das Risiko für Fettstoffwechelstörungen und die koronare Herzkrankheit senken. Deshalb empfiehlt die DGE, die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren … zu senken.“
(Ende Zitat DGE)

– Wo der Hund begraben liegt, ist also bei den von der AHA zitierten Studien zu Herzinfarkt und Schlaganfall im Verhältnis zur Aufnahme von gesättigten Fettsäuren. Sagen die was aus oder nicht? Sagen die Fütterungsversuche an Rhesusaffen was aus oder nicht? Zwar konnte bei Menschen mit Risikofaktoren konnte festgestellt werden, dass ihre schlechten Werte sich verbesserten, wenn sie gesättigte Fette verminderten und gegen ungesättigte Fettsäuren eintauschten. Im Klartext: Der LDL-Spiegel bei kranken Risikopatienten sank, die übergewichtig und fehlernährt waren, schon einen Herzinfarkt erlebt hatten oder eine koronare Herzkrankheit hatten. Auch sanken bei Studien mit solchen Gruppen die Raten für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Doch gerade die erwähnten finnischen Studien sind auf andere Länder nicht übertragbar, denn in Finnland gibt es eine genetische Häufung von frühen Herzinfarkten und hohem LDL. Und allgemein ist die Krux: Solche Studien mit Patienten sagen nicht wirklich etwas über Gesunde und die Zuträglichkeit der Lebensmittel aus. Ein kranker Körper funktioniert anders.

– In allen Interventionsstudien, die die AHA nennt, wurden die Nahrungsfette bei Menschen ausgetauscht, die gleich mehrere Risikofaktoren hatten. Dazu zählen auch Entzündungen im Körper, die inzwischen als die wahren Ursachen für Herzinfarkt und Schlaganfall gehandelt werden. Für allgemeine Ernährungsratschläge taugt so etwas also nicht. Und schon gar nicht für den Umgang mit einem traditionellen Nahrungsmittel wie Kokosöl. Man müsste sonst Millionen von Menschen in den Tropen ihre Esskultur und ihr Ernährungswissen absprechen. Das können sich die dicken Amis und Engländer mit ihrem Industriefraß weiß Gott nicht erlauben, um es mal ganz vorsichtig à la Quarkundso.de auszudrücken.

Damit sind wir mit unserer Weisheit aber auch am Ende.

Die Freunde der Kokosnuss wissen mehr, namentlich die großartige Ulrike Gonder, deutsche Expertin in dieser Sache. Links im Nutzwert-Teil ganz unten.

Weil bei Online aber immer das Persönliche zählt, gesteht die Chefredaktion von Quarkundso.de noch, dass sie an Fett nicht spart und sich obendrein jeden Tag einen Löffel voll mit nativem Bio-Kokosöl genehmigt. Das soll gut sein fürs Gehirn, und übrigens auch fürs Immunsystem.

Die Cholesterinwerte der gesamten Chefredaktion, namentlich der #Fettbeauftragten, entsprechen dabei denen eines neugeborenen Babys.

Kein Witz. Wir können daher den Konsum von Butter, Vollmilch, Sahne, Schweineschmalz und lecker Kokosöl nur empfehlen. Aber auf uns hört ja keiner.

©Johanna Bayer