Die SZ, das Fleisch und die Grüne Woche: Krumme Denke für das Klima

In der SZ empört sich eine Redakteurin über den „Fleisch-Irrsinn“ auf der Grünen Woche: der sei ungesund und umweltschädlich. Für einen möglichst großen Effekt treibt sie dabei ein Verwirrspiel mit Zahlen – und tut der Bauernschau Unrecht: Hier stehen Menschen, die ihre Esskultur präsentieren und über uraltes Wissen verfügen. Das wird auch in Zukunft gebraucht.

Auf der Grünen Woche in Berlin: der weltberühmte Mangalitza-Speck, die ungarische Delikatesse vom Wollschwein, einer uralten Haustierrasse

Von der Süddeutschen hätten wir das nicht gedacht: Verwirrspiel mit Zahlen, Polemik an der falschen Stelle, Hauptsache empört und ganz viel Meinung.

Was ist passiert? Die Grüne Woche stand bevor, die größte Landwirtschaftsmesse der Welt. Zu diesem Anlass melden sich jedes Jahr die Kritiker westlicher Völlerei und Umweltzerstörung, zu Recht.

Dass sich zu wenig und das auch noch zu langsam ändert, dass Tierqual dringend verringert und Böden und Trinkwasser geschützt werden müssen, stimmt.

Aber verquere Logik und reißerische Zahlen lassen sich damit nicht rechtfertigen. Auch nicht in der SZ und schon gar nicht von der renommierten Redakteurin im Ressort Wissen, Kathrin Zinkant.

 

Welche Studie überhaupt?

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In einem als „Meinung“ bezeichneten Text verlangt die Autorin am 19.1.2019, dass auf der Bauernmesse endlich die „Massen an Fleisch und Fleischprodukten“ inkriminiert werden sollten. Angeblich zieht die Ausstellung „Nachhaltigkeit und Tierwohl ins Lächerliche“.

Gerade erst habe „eine umfassende Studie führender internationaler Wissenschaftler“ gezeigt, dass „dieser Irrsinn so nicht weitergehen“ könne, weil er „ungesund und umweltschädigend“ sei.

Was das für eine Studie sein soll, sagt Zinkant in ihrem Kommentar nicht. Dabei wäre das leicht gewesen, denn die SZ hatte schon am Tag zuvor berichtet.

Schlechter Service der SZ-Onliner, das muss man sagen – Quarkundso.de springt natürlich ein: Die „Studie“ ist keine Studie. Es ist nur das Papier der sogenannten EAT-Lancet-Kommission, einer Gruppe von Experten, die Vorschläge zu einer globalen Ernährungs- und Landwirtschaftsstrategie erarbeiten will, finanziert von Stiftungen.

 

Einheitsfraß für alle?

Dazu will man definieren, was Menschen zum Leben brauchen – und es geht dabei um Begrenzung: Weg mit Verschwendung, Hunger und Völlerei. Stattdessen soll es klare wissenschaftliche Kriterien für das geben, was Menschen wirklich zum Leben brauchen.

Damit der Planet bei wachsender Weltbevölkerung nicht kollabiert, sucht die Kommission auch nach Kriterien für eine nachhaltige Landwirtschaft. Das ganze Essen muss ja irgendwo herkommen.

Ein wenig seltsam ist allerdings, dass überwiegend westliche Forscher, darunter der einschlägig bekannte Amerikaner Walter Willet, das Sagen haben – als ob diese Länder und speziell die USA mit ihrer kaputten Esskultur und ihrer industriellen Landwirtschaft in der Sache besonders glaubwürdig wären.

Erstaunlich ist auch die Vorstellung, eine globale „gesunde Ernährung“ definieren zu wollen.

Einheitsfraß für alle? Das kann nicht sein. Die eine gesunde Ernährung für jedermann gibt es nicht. Stattdessen existieren mehrere funktionierende Modelle – und einige, die das nicht tun.
Das weiß die Kommission natürlich und versichert, dass bei ihren Empfehlungen genügend Spielraum für regionale Besonderheiten bleibt.

 

Grundsätzlich gut: die Wende

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Aus dem Originaltext des Reports kann man trotzdem herauslesen: Alle Menschen sollten vornehmlich von Getreide, Gemüse und Obst leben – natürlich der Gesundheit wegen.

Die Datenbasis für das Gesundheitsargument ist unter anderem die fragwürdige Sieben-Länder-Studie von Ancel Keys. Ausgerechnet. Auch andere stark kritisierte Studien wie die PREDIMED ziehen die Forscher heran.

Weiter in Details gehen wir vielleicht in einem zweiten Beitrag, denn dieser Report mit seinen etwas einseitigen Empfehlungen wirft viele Fragen auf.

Aber das Hauptbestreben der EAT-Lancet-Gruppe ist sicher einigermaßen löblich: Es bedeutet die Abkehr von der westlichen Prasserei – genauer gesagt vom Ernährungsmuster der USA und der angelsächsischen Welt mit ihren Unmengen an Fleisch, Zucker und billigem Fett.

Denn die größte Sorge der Kommission ist, Achtung, nicht der Hunger auf der Welt, sondern das Übergewicht, das mit der industriellen Lebensweise auf der Welt zunimmt.

Und die Initiative ist ein Anlauf zu der von vielen angemahnten Landwirtschafts- und Ernährungswende. Der Zeitrahmen dafür ist 2050, in 30 Jahren, wenn womöglich 10 Milliarden Menschen den Globus bevölkern.

 

Verwirrspiel mit Zahlen

Kathrin Zinkant nimmt diese Zukunftsvision nun als Keule für unbekümmerte Fleischesser:

Demnach verzehren selbst unleidenschaftliche Tieresser in Deutschland mit 1150 Gramm Fleisch pro Woche ein Vielfaches von dem, was die Forscher für verantwortbar halten. Je 14 Gramm Rind und Schwein sollten Konsumenten pro Tag allerhöchstens essen, um dem Ökosystem Erde im Angesicht von bald zehn Milliarden Menschen noch eine Chance zu bewahren, Aufschnitt mit eingerechnet. Besser noch wären sieben Gramm. Die so ungeliebte Idee des Veggie-Days weicht damit einer noch viel radikaleren Ansage, dass nämlich ein Meaty-Day pro Woche zum Alltag werden müsste. Und zwar nicht bloß in Kantinen, sondern auch zu Hause.

Dabei verschweigt die Autorin, wie wirklich gerechnet wurde. Das kann man im Lancet-Report auf Seite 9 nachlesen: Die Kommission hat den Wert für das sogenannte „rote Fleisch“ – Rind, Schwein, Lamm – gerade nicht nach ökologischen Kriterien bemessen.

Also nicht danach, wie wenig Rindfleisch für den Planeten gerade noch „verantwortbar“ wäre. Sondern ausdrücklich danach, welche Gesundheitsfolgen ein besonders hoher Verzehr wie in den USA haben könnte.

Doch räumen die Experten gleich selbst ein, dass die Daten dafür immer noch dünn sind. Das gilt zum Beispiel bei der nur schwachen Assoziation zwischen rotem Fleisch und Herzinfarkt. Auch die Belege für Krebs durch rotes Fleisch sind nicht eindeutig.

Trotzdem bleibt das Gremium bei einer relativ kleinen Fleischration und stützt sich dazu auf das Konstrukt einer angeblich „mediterranen Ernährung“. Und auf die langlebigen Kreter der 1960er Jahre, die, ebenfalls angeblich, im Schnitt nur 35 Gramm am Tag gegessen haben – wieder Daten aus der berüchtigten Sieben-Länder-Studie von Ancel Keys.

Alle tierischen Lebensmitteln sind dabei im Nachhinein herunterkalkuliert –so viel wie gerade nötig und so wenig wie möglich, zugunsten der Umwelt und des Klimas.

 

300 Gramm Fleisch in der Woche

So sieht die neue Welternährung nun eine tägliche Fleischportion von 43 Gramm vor, gemischt aus allen Fleischsorten. Auch an diesem Punkt verzerrt Zinkant die Fakten: Sie geht von nur einer Fleischart, Rind, aus und nennt ein Minimum, das nicht den Aussagen des Reports entspricht.

Hier die Empfehlungen, wie sie am 17.1.2019 in Oslo präsentiert wurden:

Quelle: EAT-Lancet-Commission, Stockholm Resilience Center

 

Alle Lebensmittelgruppen werden in der Tabelle zusammengezählt. So kommt man am Ende auf die 2500 Kalorien am Tag, die arbeitende Menschen zum Überleben brauchen.

Dabei entsprechen diese 43 Gramm Fleisch täglich den 300 Gramm oder zwei Fleischportionen in der Woche, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bei ihren Ratschlägen im Auge hat, ebenso wie viele andere Fachgesellschaften.

Die Ernährungshüter vieler Länder haben sich dazu nämlich schon längst verabredet.
Ihre Motive sind die der EAT-Lancet-Kommission: Bei modernen Empfehlungen geht es heute mehr um Umweltschutz und Nachhaltigkeit als um Geschmack, Vorlieben, Wohlgefühl oder Sättigung – und vor allem geht es darum, Übergewicht einzudämmen.

 

Schreck für den Steak-Fan

Kross gebratenes Filet, innen rosa, in Stücken

Ende mit Lende: Ist ein dickes Steak bald verboten?

Was Zinkant aber unternimmt, ist ein reißerischer Zahlentrick:

Sie teilt die tägliche Fleischration für nur eine Fleischkategorie, das rote Fleisch, am Minimum durch die zwei häufigsten Sorten, Rind und Schwein.

Die daraus erzielten sieben Gramm bilden nun die Drohkulisse für den unbedarften Steak-Fan.

Hintergrund ist wohl der schlechte Ruf, der dem Rindfleisch in der überhitzen Fleischdebatte vorauseilt: als Klimakiller und Todesstoß für die Ökobilanz.

Dasselbe hat schon Zinkants SZ-Kollege Hanno Charisius getan, der den ersten Artikel zum EAT-Lancet-Report am 17.1.2019 schrieb und ebenfalls mit der Schreckensnachricht vom Mini-Steak à sieben Gramm anfing.

Aber die Zahl ist nur ein dramatischer Aufhänger und falsch dazu. Denn das ist es nicht, was die EAT-Lancet-Kommission über Fleisch in der Ernährung sagt. Von anderen Forschern mal ganz abgesehen.

 

Irrsinn ist das Billigfleisch beim Discounter

Rentier im Schnee

Lecker Rentier – da darf es auch mal das XXL-Steak sein

Schließlich umfasst „rotes Fleisch“ erstens neben Rind und Schwein auch Pferd, Esel, Ziege, Schaf, Kamel, Hase, Rentier, sonstiges Wild und alle Säugetierfleischarten, die Menschen auf der Welt halten, jagen und schlachten.

Zweitens werden bei weitem nicht alle diese Tiere in industriellen Mastbetrieben gehalten, die die Umwelt zerstören.

Schließlich betont die EAT-Lancet-Kommission ausdrücklich, wie wichtig Tiere und tierische Lebensmittel für eine nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung speziell in kargeren Landstrichen oder ärmeren Regionen sind.

Wenn also ein Hirte in Jordanien mehr Ziegenfleisch als „allerhöchstens 14 Gramm am Tag“ isst, zerstört er weder automatisch den Planeten noch seine Gesundheit. Dasselbe gilt für Samen in Lappland, die ihr Rentierfleisch  oder für Tibeter, die ihr Yakfleisch lieben, es gilt auch für die Argentinier und Brasilianer mit ihrem kunstvollen Churrasco, dem Grillen großer (!) Fleischstücke über Holz.

Doch Zinkant geht es gar nicht um genaue Zahlen und die Sinnhaftigkeit von Ernährungsempfehlungen. Ihr geht es um die Grüne Woche, deren Präsentation von Wurst, Schinken und Unmengen an Fleischprodukten sie „Irrsinn“ nennt.

Quarkundso.de hat dazu selbst – natürlich verdeckt – auf der Grünen Woche recherchiert.
Und wird an diesem Punkt sehr energisch: Was auf der Grünen Woche in Berlin zu sehen war, ist kein Irrsinn.

Dem Irrsinn begegnen wir beim Discounter, wo Billighähnchen und Schweinenacken zu Preisen von unter einem Euro pro 100 Gramm verramscht werden.

 

Grüne Woche: Spezialitäten und uraltes kulinarisches Wissen

Happen, Schwedenfähnchen, brauner Klumen, Schinkenröllchen

Schweden: Das Braune mit dem Fähnchen ist das Elchblut, eine Delikatesse.

Natürlich stimmen wir Kathrin Zinkant zu, wenn es um eine generelle Mäßigung und das Umdenken beim Essen zugunsten des Klimas angeht.

Aber die Grüne Woche ist nicht die Parade der Discountmetzger. Hier stehen Menschen aus Hunderten von Ländern, die ihre Esskultur repräsentieren.

Sie bieten Spezialitäten an, zeigen traditionelle Handwerkskunst und verfügen über uraltes kulinarisches Wissen zum Konservieren und Verarbeiten von Fleisch aller Art:

Die Schweden servieren gestocktes Elchblut, die Ungarn Speck vom Wollschwein, der alten Rasse Mangalitza, Tschechen und Polen braten schwarze Würste.

Überhaupt zeigen östliche und nördliche Länder von Finnland über Kasachstan und Georgien bis zur Ukraine eine unfassbare Vielfalt von heimischen Fleischtöpfen, -pfannen, -spießen, -ragouts und –kuchen.

Es ist eine über Jahrtausende gewachsene Ernährungstradition, die zu kalten Klimaregionen passt. Und diese alten Herstellungsweisen verwerten alles vom Tier, auch Innereien und Blut.
Darauf kommt es an, wenn man weniger Tiere halten und mästen will.

Daher bedeutet die Überfülle an Fleischexponaten auf der Grünen Woche genau nicht, dass man davon Unmengen essen und Tiere in Qualhaltung züchten soll.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Gerade wenn man weniger Fleisch essen und weniger Tiere schlachten will, ist das Wissen um diese traditionellen Speisen von Wurst über Schinken und Pasteten bis zum Kesselfleisch eminent wichtig.

 

Weniger vom Tier – aus guter Tradition

Schild an Stand mit Schrift "Reiche Auswahl an Fleischgerichten"

Reiche Auswahl und stolz drauf: die Esskultur der Ukraine, Weißrusslands und anderer östlicher Länder

Die Fantasie, dass Ukrainer und Nordländer jetzt Dinkel-Ravioli mit veganer Feigen-Tofu-Füllung rollen und an Rohkost knabbern, ist nicht nur diktatorisch und weltfremd.

Sie ist auch unnötig.

Denn es gilt: Ja, weniger Fleisch, wegen der Umwelt und der Tiere – aber unbedingt traditionell und handwerklich verarbeitet.

Fleischprodukte müssen vom ganzen Tier stammen wie in der Wurst, der eigene Speisezettel darf in Zukunft nicht nur Edelstücke wie Schnitzel oder Filet, sondern muss Bauch, Wade, Schulter, Rippchen, Hackfleisch und Innereien enthalten.

Rezepte für Eintöpfe, Schmorgerichte, Kesselfleisch, Haschee, Frikadellen sind dazu nötig, und die bieten die Stände in Berlin in Fülle. Wenn dann die Portionen etwas kleiner werden, ist die Grüne Woche eine Chance.

©Johanna Bayer

SZ-Meinungsartikel von Kathrin Zinkant vom  19.1.2019

SZ-Artikel zur EAT-Lancet-Studie vom 17.1.2019

 

Würste in Körben

Französische Würste: Stier, Knoblauch, Walnuss

Italien: klassisch luftgereift


Bauchgefühl genügt: Der Fall Relotius, DER SPIEGEL und das Schreiben über Essen

DER SPIEGEL hat jahrelang einen Betrüger beschäftigt und will nichts gemerkt haben – dabei checkt die Redaktion angeblich akribisch alle Fakten in den Artikeln. Doch dieses System hat nicht nur beim talentierten Herrn Relotius versagt: Es funktioniert auch beim Thema Ernährung nicht.

Das Haus an der Ericus-Spitze in Hamburg. Hier hat keiner was gemerkt.

Zum Spiegel-Skandal rund um den Betrüger Claas Relotius kann sich Quarkundso.de ein paar Bemerkungen nicht verkneifen.

Schließlich dreht sich die Sache nicht nur um einen einzigen Hochstapler. Sondern um die Glaubwürdigkeit von Journalisten generell. Lügen die jetzt alle? Wem kann man glauben? Und was kann man überhaupt wissen? Diese Fragen stehen im Raum und verstärken die seit Jahren grassierende Medienskepsis.

Dabei ist klar, dass sich es nicht nur unter Journalisten Betrüger gibt: Wissenschaftler fälschen Daten, Ärzte panschen Medikamente, Politiker lassen sich schmieren, Banker zocken mit fremdem Geld. Und zwar dann, wenn sie sich schon einen Vertrauensvorschuss erworben haben.

Das ist das Perfide an den rund zwei Prozent Psychopathen unter uns: Sie können sich als besonders vertrauenswürdig, bescheiden, charmant und ehrlich geben, wie Psychologen gezeigt haben.

So wurde übrigens auch der talentierte Herr Relotius von seinen Spiegel-Kollegen beschrieben.

 

Ist da keinem was aufgefallen?

Der Betrug tut besonders weh, weil es sich bei den allen Berufsgruppen um Felder handelt, in denen Ehrlichkeit die zentrale Anforderung ist. Der bestimmende Wert, den der Bürger, Patient, Kunde voraussetzt – die Bedingung, unter der das Geschäft erfolgt.

Auch die Unternehmenskultur in den Verlagen und Medienhäusern steht in Frage, zu Recht. Hat da keiner etwas gemerkt, in all den Jahren? Ist keinem leitenden Redakteur oder Personaler mal aufgefallen, dass mit Relotius als Person und mit seinen Geschichten etwas nicht stimmt?

Über den Einzeltäter hinaus geht es also bei der Debatte um mehr: um die Einhaltung der Berufsgrundsätze, um die Ethik und das Handwerk im Journalismus, um Deformationen in diesem Metier, um Persönlichkeitsstörungen und Marotten, die sich einschleichen und unter Umständen die Wahrnehmung beeinflussen.

Und um das, was im Wirtschaftsjargon Qualitätssicherung heißt.

 

Essen kann doch jeder

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Diese wiederum ist das Ziel von Quarkundso.de: Wir sind 2014 angetreten, um einen bescheidenen Beitrag zur Qualität in der Ernährungsdebatte in den Medien zu leisten.

Na gut, das ist zu brav ausgedrückt.

Die Chefredakteurin war, nach intensiver Arbeit zu Ernährungsthemen für einschlägige Sendeanstalten, erstaunt ob der vielen irreführenden, schlecht recherchierten, schlampigen oder ideologischen Berichte von Kollegen. Und dachte, das könnte ein lustiger Blog werden.

Es wurde natürlich nur so mittellustig, weil es so viel Schrott über Essen und Ernährung gibt, dass wir gar nicht hinterherkommen.

Trotzdem, die jahrelange Wühlarbeit von Quarkundso.de hat ein Gutes: Wir konnten erstmals die geheime Maxime in deutschen Redaktionen aufdecken. Sie lautet: Essen kann doch jeder! Und einen eigenen Geschmack hat auch jeder – also munter drauflosgeschrieben, besonders als Praktikant oder Volontärin.

 

Die Regeln des Handwerks sollten reichen

Dazu gleich mehr, zuerst kehren wir kurz zum Spiegel zurück: Dort fasst man sich jetzt an die eigene Nase und hat die Verträge für die Redakteure, die Relotius jahrelang geführt und protegiert haben, ausgesetzt.

Zu ihrer Ehrenrettung stellte die Chefredaktion ausführlich dar, welche Sicherungsmaßnahmen das Haus trifft und dass es dazu eine grandiose Faktencheck-Abteilung, genannt „Dokumentation“, kurz „Dok“, unterhält: Es sei die beste im ganzen Land. Über 70 Mitarbeiter checken akribisch jede Zahl, Statistik oder Behauptung, die ins Blatt soll.

Dumm nur, dass dieses System bei Relotius versagt hat und bei Auslandsreportagen ohnehin überfordert ist. Da kann wirklich nicht alles überprüft werden. Stattdessen genießen verdiente Schreiber Vertrauen, die Einflugschneise für Betrüger.

Aber es bräuchte gar keine akribische Qualitätssicherung, wenn Journalisten und Redakteure die Grundsätze ihres Berufs einhalten würden – oder könnten. Die Pflicht zur Sorgfalt der Recherche und den Grundsatz der Wahrhaftigkeit müssen alle beachten, auch wenn ihnen keine Dokumentare auf die Finger sehen.

Wenn noch ein paar fachlich halbwegs informierte Redakteure ihre Textarbeit ernst nehmen, sollte außer Kleinigkeiten nicht viel schiefgehen.

Doch da liegt es immer öfter im Argen, im ganzen Metier: Schon länger beklagen Insider einen „abnehmenden Sachverstand in den Redaktionen“, vor allem aber verhindern Zeit- und Kostendruck die gute Qualität.

 

In den großen Ressorts sind alle vom Fach

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Interessanterweise kommen in dieser prekären Lage, die nun wirklich alle Verlage und Sender betrifft, die unscheinbaren Lokaljournalisten am besten weg: Sie können bei ihren Geschichten nicht schwindeln, erklärte Hannah Suppa vom Lokalzeitungshaus Madsack. Denn sonst haben sie sofort den Bürgermeister oder einen aufgebrachten Stammtisch vor der Tür.

Doch Kosten- und Zeitdruck hin oder her: Auf schlechtes Personal kann man auch nicht alles schieben.

Denn bei Qualitätsmedien ist es eigentlich Voraussetzung, dass die Autoren ihr Thema kennen. So schreiben in der Politik meist studierte Politikwissenschaftler, Historiker oder Soziologen; in der Wirtschaft Volkswirte und Juristen, im Sport natürlich Sportwissenschaftler und Aktive, im Feuilleton Literatur- und Kulturwissenschaftler.

Daher kommen Fehler zwar vor, aber sie sind nicht die Regel.

Analysen oder Positionen der Autoren müssen mindestens nachvollziehbar begründet sein und die Expertise des Autors zeigen. Plumpe Spekulationen oder populistischen Quark ins Blatt zu stellen, macht außer der Bild-Zeitung mit „Post von Wagner“ kein Haus, das einen Ruf zu verlieren hat.

 

Was qualifiziert für Schreiben über Essen?

Beim Essen aber ist alles anders. Da greifen keine Sicherheitsmaßnahmen. Und für das Thema Essen gibt es weder ein bestimmtes Ressort noch eine passgenaue Ausbildung. Stattdessen dominieren Bauchgefühl, eigene Gewohnheiten und Mut zur Lücke das Feld.

Eine Rolle spielt natürlich auch, dass Foodthemen meistens im Servicebereich landen, wo sie, wie Gesundheit, Wellness und Reisen, rücksichtslos den Marketinginteressen unterworfen sind: Nach Saison, nach Klicks, nach Quote wird durchformatiert, dass sich die Balken biegen.

Das Verzuckern von kritischen Berichten mit einem positiven Ende („nicht nur Verbote, da muss noch was rein, was man darf“) oder Tipps („Nutzwert, Leute, Nutzwert!“) verzerrt die kritische Betrachtung (Wir brauchen eine Take-Home-Message, oder wenigstens einen Kasten, kannst Du da nicht noch was machen?“),

Auch lassen sich die Bedürfnisse bestimmter kaufkräftiger Zielgruppen nach Super-, Beauty- oder Brainfood oft nur mit Humbug und Halbwahrheiten befriedigen. Es sei denn, man verlässt das Geschäftsfeld und bedient die Themen nicht.

Aber nun ja – wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer. Alte Kaufmannsweisheit.

 

Schlampige Montage statt Journalismus

In dieser Klemme stecken auch die Qualitätsmedien, daher hatten wir den Spiegel schon mehrfach vor der Flinte.

Es gab ein paar Missgriffe zu dokumentieren, zum Beispiel als Interview getarnte Zitate, obwohl die Autorin mit der Expertin gar nicht gesprochen hatte; oder frei Erfundenes über den Kaloriengehalt der ehrenwerten Schwarzwälder Kirschtorte. Dabei hatten sich weder die Autorin noch ihre Redakteure bemüht, in eine Kalorientabelle zu schauen. Das Ergebnis war grottenschlecht.

In einem anderen Fall wurden, weil gerade Saison war, DPA-Meldungen zu einem Artikel über Weihnachtsplätzchen montiert. Darin standen Aussagen, die in einem qualifizierten Stück im eigenen Haus schon ausdrücklich widerlegt und als Mythos entlarvt worden waren.

Die Service-Redaktion, in deren Ressort der Artikel zur Weihnachtsbäckerei fiel, entblödete sich aber nicht, beide Texte zu verlinken, weswegen der eine dem anderen widersprach, jeweils mit größten Aplomb.

So eine mechanische und sinnfreie Montage ohne Rücksicht auf die Inhalte ist vielleicht modernes Content-Management. Ordentlicher Journalismus ist das nicht.

 

Außer Kontrolle: Spiegel online

Nun handelte es sich bei diesen beiden schlechten Beispielen um Artikel von Spiegel online, dem digitalen Ableger. Da geht es anders zu als in der gedruckten Ausgabe, es gibt nämlich beim SPON keine Kontrolle durch die Dok.

Grund, nach Angaben des Hauses: Es wäre einfach zu viel Arbeit.

Ach ja? Ja. So steht es tatsächlich in einem Text, den zwei Mitarbeiterinnen der ehrenwerten Dokumentationsabteilung beim Spiegel 2017 über ihre Arbeit ins Netz stellten:

Auch in der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion unterstützen Dokumentare die Redakteure bei der täglichen Berichterstattung. Anders als beim SPIEGEL-Magazin kann hier nicht jeder einzelne Text überprüft werden; das wäre bei weit über hundert Artikeln pro Tag nicht zu bewältigen. Dazu bleibt hier auch oft zu wenig Zeit, anders als bei einem wöchentlich erscheinenden Magazin.

Quelle: Spiegel online vom 16.8.2017 „So arbeiten die Unsichtbaren“

Fazit für den Leser: Man kann und muss bei SPON davon ausgehen, dass ohne Bedenken auch Mumpitz ins Netz gestellt wird.

Aber gerade bei Online-Kanälen scheint es widersinnig, dass die schiere Masse der Grund dafür sein soll, in einem Qualitätshaus auf den Faktencheck zu verzichten: Sollte man nicht gerade im digitalen Kanal die Fakten prüfen, weil Fehler rasend schnell um die Welt gehen – und ewig im Netz stehen bleiben?

Natürlich, der Zeitdruck ist hier noch höher, und es muss alles noch viel billiger sein, in der schnelldrehenden Onlinewelt.

Aber schließlich segelt die digitale Ausgabe unter der Dachmarke, die die angeblich beste Dokumentationsabteilung des Landes hat. Also müsste man ehrlicherweise die Schnellschüsse des SPON mit einem Warnhinweis versehen:

„Vorsicht, nicht nach den strengen Qualitätskriterien des Hauses geprüft! Kein echtes Spiegel-Produkt!“

 

Disclaimer für SPON: Vorsicht, nicht geprüft!

Beim Focus kann man einen solchen Disclaimer lesen, wenn ein Beitrag von einer Agentur stammt:

„*Der Beitrag „Jörg Kachelmann: „Ich kriege mein Leben zurück““ stammt von Teleschau. Es gibt keine redaktionelle Prüfung durch FOCUS Online. Kontakt zum Verantwortlichen hier.“ (Gemeint ist der Verantwortliche bei der Teleschau, Anm. von Quarkundso.de)

Auch der Spiegel-Ableger Bento nutzt einen solchen Hinweis, denn Bento übernimmt Material von Reddit. Das ist ein Social-Media-Portal, auf dem jeder irgendwelche Geschichten oder Erlebnisse eintragen darf, bis auf Strafrechtliches völlig ungefiltert.

Diese Storys verwurstet Bento zu Artikeln und stellt dazu einen tapsigen Hinweis auf die Seite:

 

Quelle: Screenshot Bento.de

 

Dieser Text ist allerdings frech.

Denn Bento kommt vom Spiegel, hey, das ist doch der Laden mit der besten Dok des Landes, wenn nicht Europas! Da liegt es überhaupt nicht „in der Natur der Sache“, dass nicht alles „gegengecheckt“ werden kann.

Die Frage ist viel eher: Warum übernimmt man diese Räuberpistolen  von Reddit überhaupt? Welchen Wert haben wilde Geschichten in einem Erzeugnis mit Spiegel-Siegel, wenn von vornherein feststeht, dass sie keine journalistischen Texte sind und frei erfunden sein können?

Und wieso wird die Verantwortung auf den Leser abgewälzt, der eine „gesunde Skepsis“ wahren soll, während die Bento-Schreiberlinge ihren eigenen Verstand offensichtlich in der Ericus-Spitze am Empfang abgeben müssen? Wird sonst die Seite nicht voll?

Fairer wäre es, so klar wie beim Focus zu sagen, dass es keine redaktionelle Prüfung gibt.

Aber Quarkundso wäre nicht Quarkundso, wenn wir jetzt keinen Service liefern würden. Hier daher ein passender Disclaimer:

„HINWEIS ZU REDDIT

Reddit ist eine spannende Plattform, die viele unserer Leser interessiert. Oft liefern dort Insider ungewöhnliche Einblicke, und es gibt Storys, an die wir selbst nicht herankommen. Wir übernehmen daher Themen und Geschichten von Reddit, weisen aber darauf hin, dass wir sie nicht redaktionell prüfen.“

Bitte, gern geschehen.

 

Systematische Unschärfe

Wobei die schlechte Qualität der Online-Artikel für alle großen Häuser gilt, ob Stern oder Spiegel, SZ oder FAZ: Online bedeutet nicht nur schnell. Es bedeutet in der Regel auch billig. Die Masse der Artikel schaffen Jungautoren, Journalistenschüler oder Gelegenheitsschreiber ran, für erbärmliches Geld.

Trotzdem schlüpfen auch altgediente Kräfte, die im Hochsicherheitstrakt schreiben, durch das Netz der Dok.

Jörg Blech, lange Jahre Wissenschaftsredakteur beim Spiegel, stellte im April 2018 eine Anklageschrift zu Zucker ins Hauptblatt. Diese bestand zu einem guten Teil aus Passagen seines 2017 erschienenen Buches und nur ein einziger Mediziner wurde konkret zitiert, allerdings sehr einseitig.

Im Text spricht Blech mit systematischer Unschärfe von Zucker, wenn er Blutzucker meint, nämlich Glukose aus Verdauungsvorgängen. Damit suggeriert er den Lesern, dass der normale Haushaltszucker das Blut verklebt und die Adern ruiniert.

So ist es aber nicht, wie Quarkundso.de schon pedantisch anmerkte. Diese irreführende Darstellung hätte jemand in der Spiegel-Dok auflösen können. Schließlich sitzen dort angeblich Mediziner und Biologen. Eine kritische Prüfung hätte die reißerische Hauptthese – Zucker verklebt das Blut und macht daher Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes – gekippt.

Und damit die ganze Story.

 

Ausschnitt aus Anreißer-Text Spiegel-Online mit Artikel zu Zucker aus Ausgabe 15/2018, Text: "Übergewicht, Erblindung, Herzinfarkt -Forscher überführen Zucker als wahren Krankmacher. Doch die Ernährungsindustrie unternimmt alles, um die Gefahren zu verschleidern."

Zucker als Bösewicht, die Industrie als Giftmischer – und das im SPIEGEL. Der Artikel von April 2018 erschien nachträglich in voller Länge bei Spiegel online.

 

Nicht immer sachkundig: die heilige Dok

Das ist aber nicht geschehen – möglicherweise, weil in Wahrheit viel mehr Romanisten, Anglistinnen, Kunsthistoriker und Buchhändlerinnen in der Dok sitzen als Physiker, Biologen und Mediziner, die der Spiegel nennt.

Das legen Recherchen nahe, die die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de in einem vergleichbaren Qualitätshaus vorgenommen hat, verdeckt, versteht sich.

Dort googeln Teilzeitkräfte nach Zahlen und schauen nach, was so im Internet steht („Ich konnte dazu im Netz nichts finden, woher kommt die Statistik?“; „Sie haben einen Anatomie-Atlas verwendet? Den müssen Sie uns einscannen. Wir haben sowas nicht.“). Auch beziehen sie sich gerne auf fehlerhafte Artikel von Kollegen.

Wie auch immer: Es gibt berechtigten Grund zum Mäkeln an journalistischen Erzeugnissen, an Tendenz und Ideologie, an Fehlern oder Unschärfen.

Es ist auch gut, auf noch mehr Qualität zu dringen. Und es ist gut, dass die Debatte schon seit Längerem einen Selbstreinigungsprozess ausgelöst hat, was Formate wie Faktenchecks oder die „Was wir wissen“-Ticker bei Attentaten zeigen.

 

Schreiben nach bestem Gewissen

Meinungsbetonte Gattungen wie Kommentar, Essay, Kolumne oder Glosse deshalb aber abzuschaffen und von Journalisten „objektive“ und „neutrale“ Berichterstattung zu verlangen, wie es die Lügenpresse-Schreier tun, ist natürlich Unsinn.

Wer neutrale Berichterstattung will, kann sich die Aushänge der Stadtverwaltung ansehen.

Journalisten sind dazu da, Informationen einzuholen und sie auch einzuordnen. Sie bewerten die Fakten und sondieren die Lage, sie geben Prognosen und Einschätzungen ab, und zwar nach eigenen, profunden Kenntnissen, anhand gesicherter Zusammenhänge, seriöser Argumente oder auch plausibler Vermutungen.

Alles das ist möglich und legitim.

Quarkundso.de wird daher auf dem Feld der Ernährung auch im neuen Jahr kräftig mitmischen, insbesondere bei den plausiblen Vermutungen.

Wir gehen dabei, wie unsere Kollegen, beim Thema Essen nur nach dem eigenen Bauchgefühl vor, gestützt von Omas Wissen – und wir haben mehrere Omas, da ein Opa zweimal geheiratet hat und überhaupt die Familie weit verzweigt ist.

Dafür beschäftigen wir in der hauseigenen Dokumentation ausschließlich erfahrene Fachkräfte, die garantiert dieselben Bücher gelesen haben wie die Chefredakteurin, aber auf keinen Fall mehr wissen. So kann nichts schiefgehen.

©Johanna Bayer

 

SPON zur Arbeit der Dokumentation  von 2017 – und dass sie bei Spiegel online eben nicht alles checkt

Die SPIEGEL-Chefredaktion am 19.12.2018 zu ihrer berühmten Abteilung Dokumentation anlässlich des Falls Relotius: Physiker, Historiker, Biologen und Islamwissenschaftler

Ernährungsempfehlungen? Alles Unsinn – vergesst die DGE, sagt der SWR

Eine Autorin nimmt im SWR die deutschen Ernährungsempfehlungen unter die Lupe, genauer: Sie nimmt sie mit Hilfe von Experten gründlich auseinander. Heraus kommt: Vollkorn ist nicht gesünder, und im Grunde kann man essen, was man will. Das ist nicht schön für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, die DGE – besonders, weil diese sich im Beitrag selbst blamiert.

Brett, Vollkornbrot aufgeschnitten

Vollkornbrot soll ja so gesund sein. Stimmt nicht, zeigt der SWR

Der SWR hat gesundes Essen kaputt gemacht. Wirklich, die haben alles zerstört, was man über richtige Ernährung weiß: den Konsens dazu, was „ungesund“ ist, und das ganze neue Volkswissen über Lebensmittel, Nährwerte und Inhaltstoffe, die heilen oder krank machen.

Also das, was, mit den Worten des neuen Bundeszentrums für Ernährung beim naschhaften Bürger endlich „vom Wissen zum Handeln“ hätte führen können: Dass die Deutschen die „gesunde Wahl“ treffen und an Karotten knabbern statt an Chips.

Dabei hatte sich dieses Wissen gerade erst richtig durchgesetzt.

Es hat Jahre gedauert, bis die einfache Schablone von Gut und Böse beim Einteilen von Lebensmitteln in Deutschland fest etabliert war. Die Welle schwappte aus den USA und dem angelsächsischen Raum zu uns herüber, dort herrscht das rigide „healthy“ oder „unhealthy“ schon längst und bildet das Pendant zur nicht vorhandenen Esskultur.

Das zwanghafte Sortieren von Nahrung soll wohl Ernährungskompetenz simulieren, wirkt aber wie ein hilfloser Versuch, der nationalen Übergewichtskatastrophe zu entkommen.
Mit Erfolg, wie man sieht.

 

Fettarm, salzarm, Vollkorn und Margarine

Prompt stoßen aber auch in Deutschland Ernährungsberater, Blogs, in Schnellkursen geschulte Erzieherinnen, Lehrer, oberflächlich arbeitende Redaktionen und sogar Institutionen, die es besser wissen müssten, in dieses Horn: Schon Kleinkinder lernen, dass Weißbrot und Schokolade „ungesund“ sind, neuerdings ist auch der Primat von Vollkorn und Margarine in den 10 Regeln der DGE, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, zementiert.

Und erst im Frühjahr 2018 hat ein populärer Bestseller alles nochmal anschaulich erklärt, „Der Ernährungskompass“ von Bas Kast, Quarkundso.de berichtete natürlich. Der Autor hält Milch zum Beispiel für „schädlich“.

Vom Kindergarten bis zum Altenheim sind jetzt jedenfalls alle eingenordet: Gesund ist, was „leicht“, ohne tierisches oder gesättigtes Fett, ohne Weizen, Salz und Zucker, aus Vollkorn und außerdem „schonend zubereitet“ oder am besten gleich roh ist.

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Nur verhält es sich erstens ganz anders. Und zweitens isst niemand nach diesen Vorstellungen. Ein, ja, gesunder Instinkt hält die Menschen davon ab, sehr zum Ärger der Ernährungshüter.

Dazu kommt, dass die größten und besten Studien zu Ernährung und Sterblichkeit bewiesen haben, dass es völlig egal ist, was man isst, wenn man damit normalgewichtig und gesund bleibt. Man kann also wie die Franzosen nie Vollkorn und immer Baguette essen, oder wie die Chinesen nie Rohkost, und trotzdem gesund bleiben.

Sterblichkeit und Erkrankungsrisiko sind dagegen deutlich erhöht, wenn man Übergewicht hat – egal, ob viel oder wenig Vollkorn. Übergewicht ist der kritische Faktor. Fachleute wissen das, obwohl sie es nicht gerne sagen, weil man so keine Ernährungsempfehlungen begründen kann.

 

Aber schmecken muss es doch

Im SWR hat sich nun Reporterin Katharina Schickling aufgemacht, genau diese offiziellen Ernährungsempfehlungen und die Gesund-Ungesund-Schablone in der Ernährung zu hinterfragen.

Es ging im Beitrag speziell darum, ob alle Menschen tatsächlich das eine unbedingt essen und das andere lassen müssen, ob sich Diabetes oder andere Krankheiten vermeiden können, wenn man viele Ballaststoffe oder zusätzlich Vitamine zu sich nimmt und worauf die üblichen Ernährungsempfehlungen der DGE eigentlich beruhen.

Dazu ließ die Autorin zunächst Käufer auf einem Wochenmarkt Lebensmittel auf einem Tisch sortieren: Die „gesunden“ auf die eine Seite, die „ungesunden“ auf die andere. Erwartungsgemäß waren die Marktbesucher gut informiert: Vollkorn, Margarine und Pflanzenöl landeten auf der guten, Butter, Weißbrot und Semmeln auf die schlechte Seite.

Auf die Frage der Reporterin, was denn am liebsten gegessen werde und was am besten schmeckt, antworteten sie aber ehrlich: lieber Butter als Margarine, lieber Weißbrot und Baguette als Vollkornbrot.

Natürlich. Wie sollte es auch anders sein? Jeder, der halbwegs funktionierende Geschmacksnerven hat, weiß, dass ein Butterbrot schmeckt und ein Brot mit Margarine nicht. Und dass knuspriges Baguette zur feinen Vorspeise passt, nicht aber pappiges Vollkornbrot.

 

Vollkorn schützt nicht vor Diabetes

Anschließend befragte Autorin Schickling zwei Ernährungsmediziner dazu. Beide sind Experten für Diabetes und bekannt für ihre kritischen Positionen der DGE gegenüber.
Von Prof. Dr. Andreas Fritsche, Uni Tübingen, lässt sich die Autorin erstmal Blut abnehmen – und wird prompt damit konfrontiert, dass sie Trägerin einer Genvariante ist, die das Diabetes-Risiko um mehr als das Doppelte erhöht.

Ob sie denn nun mit viel Vollkorn den Ausbruch der Krankheit verhindern könne, fragt die sichtlich erschütterte Fernsehfrau den Mediziner. Schließlich werde das immer gesagt, unter anderem von der DGE. Und nicht weniger als 30 Prozent der Deutschen tragen dasselbe Gen, daher würden Millionen von Menschen sicherlich gerne guten Ratschlägen folgen.

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Doch Fritsche muss sie enttäuschen: Leider bewirkt Vollkorn bei diesen Menschen nichts. Das hängt ebenfalls mit der Genvariante zusammen. Sie setzt ein Darmhormon außer Kraft, das den Blutzucker senkt. Es wird normalerweise ausgeschüttet, wenn Vollkorn im Darm landet – nur ist das Hormon bei den Trägern der Diabetes-Variante eben nicht richtig aktiv, ob sie nun viel Vollkorn essen oder nicht.

Auch den 70 Prozent der anderen Deutschen, die dieses spezielle Diabetes-Gen nicht haben, bringe der pauschale Rat, „mehr Vollkorn“ zu essen nichts, schiebt Frische nach. Er zitiert dazu eine eigene Studie mit übergewichtigen Diabetes-Risikopatienten: Wenn sie an Gewicht verlieren, haben zusätzliche Ballaststoffe keinerlei Auswirkungen auf Zucker- oder Fettstoffwechsel.

Das einzige, was sich positiv ausgewirkt hat, sind auch in Fritsches eigener Studie weniger Kalorien und der Gewichtsverlust. Daher lautet der Ratschlag des Diabetes-Forschers für Gefährdete ganz einfach: weniger essen.

 

Demontage der DGE

Letzteres ist seit Jahrzehnten bekannt: Übergewicht ist bei Diabetes und weiteren Stoffwechselproblemen der wichtigste Auslöser, und zwar unabhängig davon, womit man es sich angefuttert hat. Die Sache mit der Genvariante ist auch seit über 10 Jahren klar, beides kann man nicht oft genug herausstellen.

Umso erschütternder ist das Bild, das die DGE dazu abgibt. Autorin Schickling interviewt in Bonn eine Mitarbeiterin des Referats Wissenschaft, das für die 10 Ernährungsregeln verantwortlich ist.

Auf die Frage, warum die DGE nun so viel Vollkorn und Ballaststoffe für alle empfiehlt, wenn sie doch laut Diabetes-Forscher Fritsche gar nicht helfen, blamiert Dr. Christina Breisselband die DGE nach Kräften.

Möglicherweise kann die Wissenschaftlerin nichts dafür. Scheinbar richtet sie sich nach einer Art Sprachregelung, hausintern und für die Öffentlichkeitsarbeit trainiert. Vielleicht war sie auch in einer Medienschulung, in der man ihr beigebogen hat, dass Fachleute sich Laien gegenüber ganz einfach und anschaulich ausdrücken müssen. Am besten in einprägsamen Bildern.

Und so verhaspelt sich die Forscherin, ringt nach Worten und fliegt komplett aus der Kurve: Sie spricht nicht spontan, versucht sich in angelernten PR-Phrasen wie „Ballaststoffe sind das Fitness-Studio für den Darm“ und versteigt sich sogar zu esoterischen Vokabeln, wenn sie erklärt, Ballaststoffe seien im Darm „für die Entgiftung“ zuständig.

Das lässt sich SWR-Autorin Schickling natürlich nicht entgehen. In einem direkt dagegen geschnittenen O-Ton darf der Mediziner Andreas Fritsche die Fachkraft von der DGE abwatschen, indem er Darmreinigung, Entschlackung oder Entgiftung als nicht belegt, altmodisch und rundheraus falsch bezeichnet.

 

Kein gutes Personal in den Fachgesellschaften?

Gläserne Zitronenpresse mit zwei halben Zitronen

Viel hilft viel? Beim Vitamin C können Experten verschiedener Meinung sein.

Der zweite O-Ton aus dem Referat Wissenschaft geht genauso daneben.

Da verstolpert sich Dr. Breidenassel bei Vitamin C. Sie kann nicht erklären, dass der Körper entgegen der landläufigen Meinung bei Vitamin C doch Reserven hat, auch kann sie nicht vermitteln, warum es in anderen Ländern andere Empfehlungen gibt.

Wieder ist Schickling gnadenlos.

Diesmal haut eine Gesundheitsforscherin der Universität Hamburg, eine Ärztin und Expertin für Prävention, im direkt angeschnittenen O-Ton drauf.

In diesen Fachgesellschaften, lässt Professorin Ingrid Mühlhauser bissig durchblicken, ist das Personal nunmal nicht das Beste: Viele Mitarbeiter dort seien nicht dazu in der Lage, Studienergebnisse korrekt zu interpretieren. Da arbeiteten Leute, die ihr eigenes Berufsfeld, die Ernährungswissenschaften, verteidigen wollten und daher nicht objektiv seien.

„Schwere Vorwürfe“, kommentiert Autorin Schickling mit Genugtuung.

Die Montage dieses unglücklichen Gestotteres von Seiten der DGE mit den O-Tönen anderer Fachexperten sind zwar fast ein wenig gemein.

Aber das Mitleid mit den Ernährungshütern hält sich bei Quarkundso.de in Grenzen. Wenn eine Institution nicht in der Lage ist, ihre eigenen Aussagen zu verteidigen und jemanden abzuordnen, der ein paar gerade Sätze in die Kamera sagen kann, dann hat sie den Reinfall durchaus verdient.

 

Die meinen es doch nur gut

Der Fairness halber muss man sagen, dass es natürlich in anderen Ländern – und unter Wissenschaftlern sowieso – divergierende Vorstellungen zu Ernährungsfragen geben kann. Warum auch nicht. Es gibt unterschiedliche Philosophien und Strategien, nationale Besonderheiten oder Trends in der Forschung, die keine endgültigen Ergebnisse gebracht haben.

Wir wollen gegenüber der DGE daher nicht so hartherzig sein wie Frau Schickling. Diese ehrenwerte Gesellschaft meint es nur gut. Außerdem muss man bedenken, dass die 10 Regeln der DGE für die breite Bevölkerung und nur als ganz grobe, allgemeine Richtschnur gedacht sind.

Sie gelten eigentlich nicht für Einzelfälle, Leute mit Stoffwechselkrankheiten, Übergewichtige oder Menschen mit Vorstufen von Diabetes Typ 2, auch nicht für Kinder, Senioren und Menschen in Pflegeheimen.

Das Problem ist nur, dass die DGE das nicht deutlich genug sagt.

 

Prädikat: Bitte anschauen

Außerdem sind die genannten Gruppen zusammen in der Mehrzahl: In Deutschland gibt es jetzt schon weniger Schlanke und Gesunde als Übergewichtige und Kranke. Letztere stellen zusammen einen Anteil von über 60 Prozent. Eigentlich bräuchten diese Menschen, wenn sie abnehmen oder gesund werden wollen, jeweils eine sehr individuelle Ernährungsberatung, die genau darauf eingeht, was den Betroffenen fehlt.

Mit anderen Worten: Die 10 Regeln der DGE können nur noch für den kleineren Teil der Deutschen eine Richtlinie sein – wenn sie denn überhaupt sinnvoll sind. Genau das stellt der SWR grundsätzlich in Frage, und nicht nur er: In den letzten Jahren häuft sich die Kritik an den Vorstellungen der DGE auch in Fachkreisen.

Hier bei Quarkundso.de gibt es diesmal aber nicht so viel Kritik, jedenfalls nicht an dem SWR-Beitrag. Aber dafür eine eindeutige Empfehlung: Bitte anschauen. Wer, wie die gesamte Redaktion, kein Vollkorn mag, Margarine verabscheut und immer dick Butter aufs Brot streicht, weiß danach, worauf es ankommt.

©Johanna Bayer

SWR – Betrifft: Was dürfen wir alles essen? vom 7.11.2018

 

Mittagessen: Das SZ-Magazin und die Feinde der Mittagskultur

Eine Autorin in SZ-Magazin stört sich daran, dass Kollegen schick „zum Lunch“ wollen statt sich nur schnöde Nahrung reinzuschaufeln, wie es mittags nunmal ansteht. Das ruft Quarkundso.de auf den Plan: Wir protestieren aufs Schärfste.

 

Mittagessen bei der Arbeit: Idealerweise als feiner Business-Lunch, sonst aber gerne auch in der Kantine das Menü 1. Denn wer arbeitet, muss auch essen.

Im SZ-Magazin kam was zum Mittagessen, ach nein, es ging um den „Lunch“. Man gehe nicht mehr zum Mittagessen, berichtet Sina Pousset, Autorin der Generation Y. In ihren Kreisen gehe man jetzt „lunchen“.

Das sei neumodischer Unsinn, beklagt Pousset, Jahrgang 1989.

Schließlich drehe es sich immer noch um eine höchst prosaische Mahlzeit mitten im Arbeitstag, die durch hippe Anglizismen keineswegs geadelt werde – Currywurst bleibt Currywurst.

Wer sich also einbildet, mit einem „Lunch“ besonders weltmännisch und nach „vielen Flugmeilen“ zu klingen, hat laut Pousset nicht verstanden, dass die meisten Leute mittags nur das Allernötigste essen. Diese schnöde Nahrungsaufnahme müsse man nicht unnötig aufblasen. Das gute alte Wort „Mittagessen“ scheint ihr daher viel passender als eine Angebervokabel aus dem Wortschatz urbaner Spießer:

„Denn der Anglizismus kann nicht zaubern. Er verwandelt Durchschnittsessen nicht in Kobe-Beef und den Italiener im Industriegebiet nicht in die Steakbar in Downtown Manhattan.“

Ihr selbst reiche, schiebt sie nach, mittags auch mal eine Schüssel Cornflakes mit kalter Milch.

 

„Fressen wie die Schweine“

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Natürlich muss Quarkundso.de da energisch einschreiten: Wir protestieren aufs Schärfste!

Denn der Artikel ist zwar teilweise amüsant, und Deppen-Anglizismen sind immer ein lohnendes Ziel. Aber die Autorin verfehlt auf gefährliche Weise den Kern der Sache.

Sie kritisiert nämlich nicht nur den Sprachgebrauch.

Nein, Pousset stänkert generell dagegen, dass man sich zum Mittagessen Zeit nimmt und an einem gedeckten Tisch sitzt. Dabei outet sie sich als Feindin der genüsslichen Hauptmahlzeit. Das Mittagessen sei „von Haus aus unglamourös“ und primitivster Trieb:

„Energiezufuhr, im rein praktischen Sinn. Wenig Zeit trifft auf viel Hunger. Das ist dann oft mehr Fressen als Essen. Wie die Schweine am Trog und hoffen, dass nichts daneben geht.“

Das ist unmöglich. Eine solche Entwertung des Mittagsmahls ist kulturlos und menschenfeindlich, ebenso der ganze Kontext, in den die Autorin Essen stellt.

Damit ist sie nicht alleine: Zwar sind nicht alle so unflätig, aber das warme Essen in der Mitte des Tages wird immer öfter abgewertet, als Leistungsbremse betrachtet und wegrationalisiert.

Und das nicht nur von ausbeuterischen Chefs. Nein, besonders von jungen Leuten.

Eine treibende Kraft sind die urbanen Vielarbeiter, die digitalen Nomaden, die Performer aus kreativen Etagen und Neu-Berliner wie Sina Pousset. Die stammen zwar meist aus der Provinz, wo man in der Regel noch ordentlich zu Mittag isst. Aber urban, wie sie jetzt sind, halten sie die warme Mittagsmahlzeit für unfein.

 

Mittagessen? Hält nur auf

Wir haben darüber schon ausführlich berichtet, genauer gesagt lamentiert. Das war 2017, in einem der längsten Artikel bei Quarkundso.de überhaupt.

Das ist kein Zufall. Denn das Thema ist zu wichtig, um es kurz abzuhandeln und wir werden nicht müde, darauf aufmerksam zu machen, wie genussfeindlich und ungesund die sich immer mehr durchsetzende Snack-Kultur ist.

Inzwischen sind sämtliche Ratgeber, Ernährungsportale, unzählige Blogs und alle Krankenkassen gleichgeschaltet: Mittags muss es auf jeden Fall schnell gehen, etwas anderes kommt nicht in Frage.

Dabei gilt schon ein Teller Nudeln mit Soße, auf jeden Fall aber Fleisch mit Beilagen als zu üppig, weil warmes Essen angeblich zu „schwer im Magen“ liegt.

Das ist physiologischer Unfug und dazu unzivilisiert. Es deckt sich aber mit verqueren Vorstellungen gewisser Rationalisierer und Globalisierer, nach denen menschliche Bedürfnisse willkürlich verschiebbar sind, damit ununterbrochen gearbeitet werden kann.

Entsprechend hat auch Autorin Pousset in der SZ Leute auf dem Kieker, die es anders halten und dem Mittagessen Wert zumessen – etwa Restaurants wie ihr kleiner Italiener an der Ecke, der, wie sie schreibt, seinen Mittagstisch neuerdings als „Business-Lunch“ anpreist. Dem Wirt verübelt sie, dass er sich an den Trend ranhängen will.

 

Das gute alte Geschäftsessen

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Gut, man kann kleine Gastronomen dafür abkanzeln, dass sie ein Geschäft machen wollen.

An der Sache selbst gibt es aber nichts zu meckern. Denn wenn der kleine Italiener von Frau Pousset ein echter Italiener ist, hält er natürlich auf das Mittagessen: In Italien isst man mittags warm, ebenso wie in Frankreich, beides Länder mit berühmter Esskultur.

Anders ist das in den USA und England. Von dort stammt der verhängnisvolle Trend zum kalten Happen am Mittag, wobei man dort vielleicht gerade deshalb riesige Probleme mit Übergewicht und Diabetes hat.

Und dabei ist der sogenannte „Business-Lunch“ gar nicht identisch mit den berüchtigten amerikanischen „Snacks“ aus der „Lunchbox“.

Beim Business-Lunch handelt es sich vielmehr um ein Ritual, das in der europäischen Esskultur viel tiefer wurzelt als das Knabbern an Salatblättern zum Mittag: um das gute alte Geschäftsessen.

Historische Betrachtungen zu Bankett und Symposium sparen wir uns, die Vorteile des Redens beim Essen liegen auf der Hand: Sie reichen von der Kontaktpflege über das unauffällige Checken von Manieren und Weltläufigkeit bis zur Entkrampfung bei schwierigen Themen.

Am besten ist aber der klare Konsens, der beim Business-Lunch besteht: Es gibt was Gescheites zu essen. Niemand speist Manager mit Salat, Apfelschnitzen und Nüssen ab, wie es die Krankenkassen gestressten Büroarbeitern „zum Mittagssnack“ empfehlen.

Nein, zum Business-Lunch gibt es ein feines, mindestens zwei- oder dreigängiges Menü, und zwar zu Recht: Babyfutter mit Jogurt und püriertem Obst aus der Tupperware ist nichts für Erwachsene, die oft einen Zehnstundentag haben.

 

„Snack am Mittag“ von der Techniker Krankenkasse – Brötchen statt Hauptmahlzeit

Gepose mit kaltem Körnerkram

Daher verläuft die Front zwischen uns und Frau Pousset klar: Wir stehen auf der anderen Seite.

Wir kämpfen für die warme, nahrhafte Hauptmahlzeit, in welcher Form auch immer, ob schlicht in der Kantine oder edel im Restaurant. Warmes, frisch gekochtes und in Ruhe eingenommenes Essen ist gesünder, nahrhafter, befriedigender und appetitlicher als der kalte Körnerkram, der uns für den „leichten Lunch“ aufgeschwatzt wird.

Und wir schlagen zurück: Für Quarkundso.de sind nicht diejenigen die Angeber und Wichtigtuer, die mittags zum Essen gehen. Sondern die, die im Büro aus der Tüte futtern und behaupten, sie hätten keine Zeit für eine richtige Mittagspause.

Deren Präsentismus und das Gepose um Mitgebrachtes geht uns auf den Geist – das ganze gequollene Quinoa-Zeug, die glitschigen kalten Nudeln, die unreifen Avocados, übergossen mit süßem Balsamico-Dressing, die durchgeweichten Wraps mit muffigem Ei, die matschigen Salate, die pappig-schweren Vollkornbriketts mit Belag aus Kunstkäse oder Putenlappen.

Es leuchtet uns auch absolut nicht ein, warum ein Salat mit Fertigdressing aus der Plastikdose mittags „gesünder“ sein sollte als eine Portion Krautwickel mit Kartoffelpüree aus der Kantine.

Er ist es nämlich nicht.

 

Weiße Plastikdose mit gerolltem Sandwich (Wrap)

Durchgeweichte Wraps aus der Tupperware – für uns ist das nichts

Ohne Manieren: Mampfen am Schreibtisch

Auch das Mampfen am Schreibtisch finden wir unästhetisch und unhygienisch, sogar belästigend für Kollegen in demselben Raum. Und wer, was öfter vorkommt, mit vollem Mund ans Telefon geht, hat definitiv keine Manieren und aus unserer Sicht eine Abmahnung verdient.

Frech, wie wir sind, hängen wir uns gerne auch etwas weiter aus dem Fenster: Wer dauerhaft keine Zeit zum Essen hat, kommt mit seiner Arbeit nicht klar.

Da muss der Chef mal nachsehen und seine Fürsorgepflicht wahrnehmen. Und umgekehrt: Wenn Vorgesetzte keine Rücksicht auf die Mittagszeit nehmen und ständig Meetings von 12 bis 14 Uhr ansetzen, sind sie in ihrer Position falsch.

Wir präferieren dabei entschieden den Gang in die Kantine – eine auch nur halbwegs vernünftige Großküche, die ein oder zwei Auswahlessen und ein kleines Salatschüsselchen bietet, macht uns leistungsfähig für den Rest des Arbeitstages.

Die Belegschaft von Quarkundso.de marschiert jedenfalls mittags geschlossen in die Kantine, wenn eine da ist. Immer. Auch lassen wir das Mittagessen nie ausfallen, in Worten: nie.

 

Ausschnitt aus Twitter, Text: Kollegin kriegt seit Tagen mit, dass i keine Zeit hab zu essen sie kommt in mein Büro stellt mir ungefragt essen auf Tisch und sagt iss

Opfer der modernen Arbeitswelt: Auf Twitter berichtet eine junge Userin, dass sie tagelang keine Zeit zum Essen hat – das darf nicht sein.

Die Feinde der Mittagskultur

Doch der Feldzug gegen das warme Essen in Deutschland läuft: Schon Kindern wird die Hauptmahlzeit am Mittag regelrecht aberzogen, teils mit absurden Begründungen. Der Blick in ein beliebiges Mütterforum im Internet zeigt das:

„Eine gesunde und ausgewogene Ernährung braucht keine warme Mahlzeit. Die meisten essen gerne warm, weil es angenehm ist und gut schmeckt, aber gesünder ist es nicht. Meine Tochter bekommt in der Woche mittags auch nichts warmes, denn gekocht wird bei uns erst abends, wenn mein Mann da ist. Da kann sie sich, dann aussuchen ob sie was warmes mitisst oder sie isst Butterbrot, Rohkost und Joghurt. Warmes Mittagessen gibts bei uns nur am Wochenende.“

„Ich finde, das ist jedem selber überlassen (…) Die bedenken deiner Schwiegermutter sind Quatsch. Gerade bei warmen Essen ist so schnell alles Gesunde rausgekocht, da ist nun wirklich Rohkost usw. das wertvollere Essen.“

„Kein Mensch braucht mittags ein warmes Essen“

Zitate aus „Mama-Forum“ im Internet.

Interessanterweise sind Ernährungsexperten und Familienratgeber durchaus anderer Meinung und in Ganztagsschulen ist das – warme – Mittagessen sogar gesetzlicher Anspruch und häufig auch Pflicht.

Aber Feinde der Mittagskultur erstreiten sich, dass sie ihre Kinder vom Essen abmelden dürfen.

 

Zum Schaden der Kinder

Gleichzeitig berichten Zeitungen seit Jahren darüber, dass Erziehungsberechtigte das Schulessen nicht bezahlen und ihre Kinder deshalb mittags weinend vor leeren Tellern sitzen – oft dieselben, die morgens schon ohne Frühstück in die Schule kommen.

In vielen Fällen geht es dabei nur um den Mindestbeitrag von einem Euro täglich, fünf Euro die Woche, 20 Euro im Monat.

Welche Gründe solche Eltern auch immer vorbringen mögen, ob Überschuldung, Leben von Hartz IV oder „Die ist das gewöhnt!“, „Der braucht mittags nichts“, und „Wir kochen doch abends warm!“, eines muss klar sein: Das schadet den Kindern.

Wie bei den Zitaten aus dem Mama-Forum oben zu sehen war, geht es dabei nicht immer um Geld. So berichtete der Tagesspiegel 2016 aus Berlin:

Etliche Ganztagsschulen haben Probleme, die Eltern von der Notwendigkeit eines warmen Mittagessens zu überzeugen. Nach Informationen des Tagesspiegels gibt es mindestens eine Ganztagsgrundschule in Berlin, in der nur ein Drittel der Familien einen Vertrag mit einem Caterer abgeschlossen hat. In anderen Schulen sind es mitunter 50 oder 60 Prozent – und das, obwohl laut Schulgesetz eigentlich alle Kinder in Ganztagsschulen ein warmes Mittagessen bekommen sollen.

Ist das Kindeswohl gefährdet? Ja. Punkt.

Auf Anfrage musste der Berliner Senat 2016 tatsächlich, so der Tagesspiegel, der peinlichen Fragen nach dem Kindeswohl nachgehen. Man war sich da nicht ganz sicher:

„Unklar ist, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, wenn Eltern ihre Kinder mehr als acht Stunden ohne Essen lassen.“

Wir beantworten die Frage mal schnell und hängen uns dabei wieder weit aus dem Fenster: Ein Grundschulkind den ganzen Tag ohne Essen zu lassen, gefährdet das Kindeswohl, ja. Und es von einem warmen Mittagessen fernzuhalten, das sein Körper in der Wachstumsphase braucht, ebenfalls.

Unregelmäßige Mahlzeiten ohne warmes Essen stehen genau deshalb in Kriterienkatalogen für die Gefährdung von Kindern in der Familie, wie sie Jugendämter und Sozialbehörden nutzen.

 

Nachts schlafen. Tagsüber arbeiten. Mittags essen.

Zum Glück sind die Feinde des Mittagessens noch in der Minderheit. Aber sie machen gewaltig Druck.

Interessanterweise neigen nämlich diejenigen, die mittags mit einem Müsliriegel auskommen, zu autoritärem Reinregieren in den Bauch der anderen: „Das muss auch mal so gehen!“, „Warum isst Du nicht einfach einen Apfel?“, „Du kannst doch heute Abend essen!“.

Solchen Menschen mangelt es an Rücksicht und sie gehen ausschließlich von ihren eigenen Bedürfnissen aus: Weil sie Hunger verschieben oder gleich gar keinen haben, können sie sich nicht vorstellen, dass es anderen anders geht.

Doch Hunger am Mittag ist so natürlich wie der Schlaf in der Nacht.

Und menschliche Bedürfnisse sind nicht beliebig disponierbar. Menschen werden krank, wenn sie ihrem physiologischen Rhythmus nicht folgen. Der mag – in Grenzen – individuell sein, doch die grobe Linie ist: Nachts schlafen. Tagsüber arbeiten. Mittags essen.

 

Das Mittagsmanifest von Quarkundso.de

Daher wiederholen wir besonders mit Blick auf Schwächere und Kinder die wichtigsten Forderungen zur vernünftigen Mittagspause (das vollständige Mittagsmanifest ist im Artikel von 2017 zu lesen):

Die Mittagspause ist gesund und wichtig. Ein ordentliches – warmes – Mittagessen muss drin sein, wenn Arbeitnehmer, Kinder, Teamkollegen, wer auch immer, das möchten.

Arbeitgeber und der Staat sind dabei in der Pflicht, Schwächere vor menschenfeindlichem Druck zu schützen: Wir fordern angemessene Pausenplanung, mehr Kantinen, warmes Schulessen für alle Kinder, finanziert vom Staat. Ohne Wenn und Aber.

Natürlich soll dabei niemand zum Essen gezwungen werden.

Umgekehrt ist entscheidend: Diejenigen, die essen möchten, dürfen nicht daran gehindert werden. Nichtesser dürfen daher in keiner Situation über Menschen bestimmen, die mittags was Warmes brauchen.

Wir werden an dieser Front beharrlich weiterkämpfen, denn das Mittagessen ist  es wert – Oberthema: „Essen ist ein Menschenrecht“. Fortsetzung folgt.

©Johanna Bayer

 

SZ-Magazin vom 3.10.2018 zum Thema Lunch

Der Tagesspiegel über Schulessen und den Elternbeitrag

WDR, Quarks&Co dazu, warum Menschen mittags essen sollten – „Fünf Fakten für das Mittagessen“   – handgeklöppelt von der Chefredakteurin

Ausführlicher Beitrag zum Kulturkampf um das Mittagessen von 2017 mit historischem Hintergrund