Gefundenes Fressen

Der STERN über die Pleite von Alfons Schuhbeck: Nichts als Häme. Hat er das verdient?

Alfons Schuhbecks Restaurants in München sind geschlossen, Strafanzeigen laufen, nur noch der Gewürzladen ist geöffnet: Der Promikoch ist insolvent. Aber ist er deshalb am Ende? Vielleicht noch nicht.

 

Alle schreiben sie jetzt den Schuhbeck runter.

Er ist pleite, der alternde Koch, er selbst sagt, wegen Corona, andere behaupten, er habe sich mit seinen Gastro-Unternehmen verzockt.

Schon 2019 hatte die Staatsanwaltschaft München den Promikoch wegen Schulden im Visier. Zuerst stand eine Million Euro im Raum, dann waren es zwei Millionen, wegen falscher Buchführung und Steuerhinterziehung.

Seit April 2022 geht es um 14 Millionen – ungefähr so viel wie das geschätzte Vermögen von Schuhbeck privat. Die Summe, die Pleite, die Anklage gingen steil durch die Medien, und überaus akribisch recherchierte der STERN.

Die Redaktion brachte das Thema als große Geschichte, in der Ausgabe vom 21. April 2022 lächelt Schuhbeck vom Cover herunter, wie man ihn kennt: verschmitzt, halb clowneske, halb charmante Pose.

„Absturz eines Starkochs“ steht darunter.

Kein gutes Wort für Schuhbeck

Im Heft spekulieren zwei Autoren unter dem Titel „Ausgekocht?“ darüber, ob Schuhbeck nur ein schlechter Geschäftsmann war, oder zu gierig oder sich gar mit „vernebelten Sinnen und sagenhafter Betriebsamkeit“ als Maestro feierte:

„Alfons Schuhbeck war einer der reichsten und bekanntesten TV-Köche Deutschlands. Doch er wollte immer mehr – so viel, dass er nun vor den Trümmern seiner Existenz steht.“

Die Geschichte ist spannend, detailreich und stringent, sie ist auf Tragik und große Fallhöhe des Helden aufgebaut.

Aber sie ist auch besonders hämisch: Die beiden STERN-Autoren lassen kein gutes Haar an Alfons Schuhbeck.

Das wiederum ist nicht so schwer.

Schuhbeck ist seit Jahren skandalumwittert und hat den Ruf eines jähzornigen Chefs. Neben Pleiten und Finanzskandalen rund um sein Gastro-Imperium in der Münchner Innenstadt kursieren Gerüchte von fliegenden Pfannen, Prügeln, Gebrüll in der Küche und Erniedrigung von Angestellten.

Beim Fonse liegt alles offen

Die beiden Journalisten, die die Schuhbeck-Story im STERN gründlich aufgerollt haben, porträtieren den Fonse, wie die Bayern Alfons Schuhbeck liebevoll nennen, geschäftlich wie auch persönlich. Und weil es nicht die erste Geschichte über Schuhbeck im STERN ist, wissen die Autoren über sämtliche Pleiten und Skandale Schuhbecks gut Bescheid.

Die Akribie der beiden Journalisten dabei verwundert nicht, sie sind Spezialisten für Wirtschaftsskandale. Johannes Röhrig, einer der beiden, hat für den STERN auch die Story von Uli Hoeness und den VW-Skandal aufgearbeitet.

An Alfons Schuhbeck ist allerdings nicht viel aufzudecken: Da liegt alles offen.

Seit er in den 1990er Jahren zum wichtigsten deutschen Fernsehkoch wurde, hat Schuhbeck neben Michelinsternen auch eine ganze Reihe von Zockereien gedreht und sogar Strafmandate kassiert – genüsslich begleitet von der Presse und neugierig beäugt vom Publikum.

Letzteres misstraute Schuhbecks frechem Geschäftssinn, rannte aber in seine Läden und kaufte seine Kochbücher. Mehrere von ihnen sind Bestseller geworden, darunter die zu Gewürzen und besonders die Bände zur bayerischen und italienischen Küche.

Man kann man auch mal würdigen

Was dem großen STERN-Artikel  dabei völlig abgeht, ist, was das von Schuhbecks Finanz-Zirkus angegruseltes Publikum tut: den 72jährigen zu würdigen.

Dessen Lebenswerk sehen die beiden STERN-Autoren in Trümmern – stattdessen ist Schuhbeck nur pleite.

Da ist ein Unterschied.

Denn selbst wenn er gerade insolvent ist: Schuhbeck hat es geschafft, über Jahrzehnte ein in Deutschland beispielloses Gastro-Imperium aufzubauen. Seinen Michelin-Stern in München hielt er 14 Jahre, das gehört zu den längeren Erfolgsgeschichten der Branche.

Von Jugend an war Schuhbeck mutig und kreativ, mit seiner feinen Regionalküche in Bayern war er in den 1980er Jahren seiner Zeit voraus: „Hummer und Gänseleber kann jeder Depp“ spottete Schuhbeck in einer SWR-Doku und benannte damit den Unterschied zwischen der konservativen Edelküche und seinen geschmacklich aufgefrischten bayerischen Schmankerln – Quarkundso.de berichtete.

Den Trend, neue, exotische oder anders zusammengestellte Gewürzen zu  verwenden, hat er mit als erster aufgebracht – wenn es nach Schuhbeck geht, muss Ingwer rein, spotteten Kenner seiner Rezepte. Auch das niveauvolle Kochen im Durchschnittshaushalt und für kleines Geld hat er gefördert.

Der erste echte Fernsehkoch Deutschlands

Im STERN ist aber nichts über den Beitrag Schuhbecks zur deutschen Gastronomie zu lesen. Die beiden Wirtschaftsautoren sind kulinarisch völlig unbeleckt und breiten sich lieber über den Charakter Schuhbecks aus.

Tatsächlich aber war Alfons Schuhbeck der erste Fernsehstar, der wirklich kochen konnte – anders als Clemens Wilmenrod und Alfred Biolek.

Ausgerechnet diese beiden Laiendarsteller zitieren die STERN-Journalisten als Vorgänger von Schuhbeck, dabei war Schuhbeck noch vor Biolek am Start. Zudem  ging es bei Biolek gar nicht ums Kochen, sein Bahnhof war ein Promi-Talk-Format, reine Unterhaltung.

Tatsächlich wurde das Genre „Kochshow“ in Deutschland mit Schuhbeck erstmals um einen Meister bereichert.

Sein Darstellungstalent und sein charmantes Granteln taten ein Übriges. Mit seiner ganzen Person und seinem Können war Schuhbeck ein Trendsetter. Er ging als Sternekoch erfolgreich in die Breite, in die Haushalte, die Küchen der Normalos, und ins Showgeschäft.

Dieses Wirken hätte man in einer so langen und großen Geschichte, wie sie der STERN gebracht hat, durchaus fair in den Kontext einordnen könnten – dort, wo sich auch andere Küchengrößen tummeln. 

Das Business der Starköche

Denn welcher Starkoch strebt nicht danach, eine Marke zu werden, eine Kochschule aufzubauen, mehrere Läden zu eröffnen, ins Fernsehen zu kommen?

Werbung für Dosenware ist dabei beliebtes Mittel zum Zweck, selbst Paul Bocuse adelte für eine französische Supermarktkette Hechtklößchen mit seinem Namen.

Auch der legendäre Joel Robuchon, berühmt für das beste Kartoffelpüree der Welt, war sich für Convenience-Gerichte nicht zu schade.

Überhaupt, Robuchon: Der umtriebigste Superstar der Branche hat es geschafft, eine weltweite Kette von Restaurants und Bars zu etablieren, dazu war er Berater, Fernsehkoch und Autor.

Pleiten in der Gastronomie

Deutsche Wirte und Köche machen auch gerne Geschäfte, die Reihe reicht von Alexander Herrmann, Ralf Zacherl, Tim Raue, Johann Lafer, Cornelia Poletto, Sarah Wiener und Nelson Müller bis zu den Knallchargen der Branche, Steffen Henssler und Tim Mälzer.

Was soll daran falsch sein?

Nichts. Nichts ist falsch. Wenn sie dabei auf die Nase fallen, nun gut, das passiert anderen Unternehmern auch.

Ohnehin gehen Spitzenköche, Gourmet-Restaurants und Luxus-Hotels öfter mal pleite, das liegt am Metier: Die Gastronomie gehört zu den Branchen, die am stärksten insolvenzgefährdet sind.

Personalmangel, teure Rohware, geiziges Publikum, teure Mieten, wechselnde Trends, schwupps, rentiert sich die feine Küche nicht mehr. Dann wird zugemacht, ein neuer Pächter kommt drauf, der Koch eröffnet anderswo.

Das ist die gute Nachricht: Für Wirte geht immer was.

 

Aufstehen, weitermachen: Köche als Unternehmer

So sah es auch Christian Lohse, der in der westfälischen Provinz mit seinem Zwei-Sterne-Haus kurz vor der Insolvenz stand. Er ging nach Berlin, stellte sich neu auf und startete eine Fernsehkarriere.

Zwei Pleiten musste der mehrfach besternte Jens Jakobs im Saarland verkraften, im Frankfurter Hinterland ging Juan Amador mit Molekularküche unter, trotz zweier Michelin-Sterne. Jetzt hat er ein neues Konzept-Lokal in Wien und gleich drei Sterne.

Spektakulär war der große Konkurs des englischen Fernsehkochs Jamie Oliver nach dem Brexit. Er schloss 2019 eine ganze Kette von Betrieben, 25 Läden mit über 100 Mitarbeitern, die ihren Job verloren. Trotzdem vermarktet Oliver sich weiter erfolgreich und hat Kooperationen, darunter mit dem Ölmulti Shell.

In der Corona-Krise hagelte es schließlich Insolvenzen: Sarah Wiener musste schließen, Tim Mälzer sperrte seine Bullerei für Monate zu und klagte öffentlich über die schleppenden Corona-Hilfszahlungen, reihenweise ging in Cateringfirmen, Partyservices und Restaurants das Licht aus.

Jetzt, Anfang 2022, machen viele wieder auf: Mit der Insolvenz zogen viele nur die Reißleine. So ordnet man ein unrentables Geschäft, auch mit Rücksicht auf Mitarbeiter. Zudem waren in der Coronakrise die Insolvenzregeln gelockert – jetzt kann es weitergehen.

Die Marke Alfons Schuhbeck

Es könnte also sein, dass selbst der abgestürzte Alfons Schuhbeck nicht am Ende ist. Mal wieder. Er ist ein Typ, eine distinkte Figur der deutschen Kulinarik, ein wirklich guter Koch. Seine Leistungen kann er sich weiß Gott auf die Fahnen schreiben.

Was er sich den Steuerbehörden gegenüber mit Schlamperei, Vertuschung und Hinterziehung hat zuschulden kommen lassen, muss er büßen und zurückzahlen, für seine Zockerei blecht er auch privat.

Seine Charakterfehler wird er nicht ablegen, die muss man mit in die Konkursmasse rechnen: Schuhbeck ist und bleibt kantig und umstritten.

Aber schon haben sich Investoren, Freunde, Amigos, zusammengetan, um den Promikoch vor dem Bankrott zu retten. Seine Läden sind nicht alle geschlossen, man bekommt noch Gewürze und eine grandiose Auswahl an Salz am Platzl in München: So wie es aussieht, wird Alfons Schuhbeck wohl kaum untergehen.

Er bleibt als Marke, ebenso bleibt sein Lebenswerk – das kann ihm der STERN nicht wegschreiben.

Und immerhin ist er 72: Zeit, es etwas ruhiger angehen zu lassen.

@Johanna Bayer

Die Titelstory des STERN über den Absturz von Alfons Schuhbeck, 21.4.2021

Anzeige schon 2021 gegen Alfons Schuhbeck, Artikel aus der SZ

Quarkundso.de über das Porträt von Alfons Schuhbeck von SWR und WDR: „Hummer und Gänseleber kann jeder Depp“

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