Frontal 21 im ZDF: Fleisch, Wurst und das Geschäft mit dem Ekel

 

Gepanschtes Fleisch, Wurst mit Schlachtabfällen  und keiner merkt es, nicht einmal die DLG: Eine eindrucksvolle Recherche von Frontal 21 zeigt, wie die Hersteller den Verbraucher betrügen können. Das ist eine wichtige Recherche. Trotzdem bleibt ein leises Unbehagen bei Quarkundso.de. Denn einer der Image-Verlierer bei diesem Beitrag ist die Wurst.

 

Fleischtheken, Arbeiter in Schutzkleidung beim Zerlegen, Fleischrest groß im Vordergrund

Fleisch aus der Großindustrie: Beides verträgt sich schlecht.

Das ist ein dicker Hund, was Frontal 21 da aufgebracht hat: Bei Fleisch und Wurst können Hersteller unbehelligt panschen.

Ihre Tricks sind nämlich nicht nachzuweisen und sie können ohne Probleme die Kennzeichnungspflichten umgehen.

Das ist der Kern der Recherche, die ein Team von drei Autoren zusammen mit dem Wurstaktivisten Hendrik Haase alias Wurstsack auf sich genommen hat.

Haase spielte in der ersten Folge vom 20.3.2018 den Lockvogel und trat als Besitzer eines Fleischwaren-Startups auf, samt gemietetem Büro und durchgestylter Homepage mit Logo.

Er konnte sich samt Kamera in eine Firma für Zusatzstoffe einschmuggeln und dort auf einem Workshop für Kunden filmen, wie diese das Panschen direkt vom Lieferanten der künstlichen Hilfsstoffe lernten: Wasser und Proteinbausteine zufügen, Einfärben mit Blut, Fleischfetzen zusammenkleben, um ein ganzes Stück zu simulieren.

Alle Tricks täuschen ein höheres Gewicht, einen höheren Gehalt an hochwertigem Muskelfleisch oder echtes Fleisch vor und sind eindeutig Betrug.

 

Gepanschte Wurst gewinnt bei der DLG Silber

In der zweiten Folge vom 10.4.2018 rührte ein pensionierter Metzger im Auftrag des ZDF eine Wurst aus billigen Zutaten und viel Wasser zusammen, um sie an DLG, die Deutsche Landwirtschaftliche Gesellschaft, zwecks Prüfung und Prämierung zu schicken.

Die getürkte Wurst bekam prompt eine Silbermedaille – nur kleine Abweichungen in Geruch und Geschmack, sonst aber alle Qualitätskriterien erfüllt, bescheinigt die DLG der Scheinfirma. Ihre Marke nennt sich „Rheinsberger“, Slogan „Von hier. Für Euch.“

So weit, so fies. So widerlich. So gemein und verkommen, in seiner Betrugsabsicht.

Das ZDF geht in beiden Beiträgen an die Grenze des Erträglichen und zeigt in zahlreichen Großeinstellungen, was keiner wirklich essen will: Reste. Schlachtabfälle. Innereien. Knochen. Blut. Fleischbrei, der als „Separatorenfleisch“ verkauft wird und verarbeitet werden darf.

Die Autoren zitieren einen der Industriepanscher mit dem knackigen Satz: „Wir machen aus Scheiße Gold“, in der zweiten Folge darf es auch der biedere Metzgermeister nochmal deutsch und deutlich im öffentlich-rechtlichen Fernsehen sagen, wie sehr es ihn ekelt:

„Wir haben wirklich, wenn ich dieses Wort verwenden darf, Scheiße genommen. Das war ja keine Wurst … Und wenn wir trotzdem in der Lage sind, dafür eine Silbermedaille zu bekommen, dann ist das ein Schlag ins Gesicht für jeden Handwerker.“

Hilflose Pressemitteilung der DLG

Jetzt haben ganz viele ein Problem, die Fleischindustrie sowieso, dazu die Lebensmittelkontrollbehörden, die Politik und sogar die Leute, die Wurst essen und sie im Discounter kaufen, weil sie da so schön billig ist.

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Besonders dumm steht die DLG da, die noch am Abend der Sendung eine hilflose Pressemitteilung ins Netz stellte: Natürlich gelte ihre Silbermedaille nicht als vergeben, wenn bei den Zutaten gelogen wurde – wie man leider erst jetzt, nach der Sendung, wisse. Und das sei doch gemein.

Ja, schon. Nur war genau so der Plan. Das ist dieser investigative Journalismus.

Es lohnt sich, diese Pressemitteilung zu lesen, weil sie zeigt, wie sehr die DLG auf Treu und Glauben arbeiten muss, wofür sie nichts kann. Und wie schwer sie sich tut, den Reinfall zu verarbeiten.

Jedenfalls war die ZDF-Aktion super durchdacht, samt begleitender Medienarbeit durch den Stern.

Das Blatt stellte jeweils am Nachmittag vor der Ausstrahlung beider Folgen schon Artikel dazu ins Netz, die aus Pressematerial des ZDF bestanden, ohne eigene redaktionelle Leistung. Aber so spülte man das Thema schon im Vorfeld durch alle digitalen Kanäle.

 

Der Skandal ist der Betrug

Dass der Wurst- und Slow-Food-Aktivist Hendrik Haase auf die Panscherei aufmerksam macht, ist richtig. Er ist ungeheuer kreativ und clever, betreibt auch selbst einen Metzgerladen und hat Ahnung von der Materie.

Quarkundso.de unterstützt das und unterschreibt die Recherche-Ergebnisse zur Fleischpanscherei nachdrücklich.

Darüber hinaus stellen wir allerdings unsere eigenen Fragen.

Denn selbst Hendrik Haase scheint es teilweise etwas unbehaglich in der Inszenierung des ZDF-Teams zu werden.

Das ist einigermaßen auffallend, denn der Beitrag ist zustande gekommen, weil Hendrik Haase die Zusatzstoffe selbst auf Fleischmessen entdeckt und sich damit ans ZDF gewandt hat. Das erzählt er der Wirtschaftswoche in einem bemerkenswerten Interview, Link steht unten. Parallel hatte das ZDF das Thema entdeckt und recherchiert.

 

Mit Storytelling die Emotionsknöpfe drücken

Aber bei der ausgewalzten Inszenierung der Geschichte regt sich bei Quarkundso.de, ohnehin etwas widerspenstig, der Impuls, der Sache auch andere Aspekte abzugewinnen.

Der Grund ist dieses neumodische Storytelling. Das baut bekanntlich auf Emotionen auf. Und es gibt genau zwei Emotionen, zu denen Frontal 21 die Knöpfe drückt: Empörung über Betrug einerseits und Ekel vor Schlachtblut, Fleischresten, Teilen von Tieren und dem Produkt Wurst andererseits.

Beim Betrug die Empörung gerechtfertigt. Und ja, die erbarmungslosen Industriemethoden, mit denen Maschinen den letzten Rest aus Rohstoffen quetschen, mit Säuren herausätzen, durch Düsen jagen oder mit Chemie pimpen, haben mit natürlichen Lebensmitteln oft kaum mehr etwas zu tun.

Wir müssen das hinterfragen, ganz grundsätzlich, im Sinne der handwerklichen Tradition, der Esskultur, der Nachhaltigkeit, der Gesundheit und der Qualität unserer Lebensmittel.

 

Ekel sells

Was aber hat es mit der zweiten so wirksamen Emotion auf sich, dem Ekel?

Ekel vor Separatorenfleisch, dem „Fleischbrei“, Ekel vor Blut und Blutplasma – „aufgefangenes Schlachtblut“, „Schlachtabfälle“, wird das ZDF nicht müde zu betonen – Ekel vor Knochenmark und zerstoßenen Knochenresten, vor abgekratzten Fleischfetzen, der rosa Fleischmasse als Wurstbrät, und vor Wasser in der Wurst?

Ekel, das steht erstmal fest, verkauft sich gut. Ekel sells – mit Ekel kann man im Fernsehen unheimlich viel machen, wenn Sex ausnahmsweise nicht geht.

Von der Ekel-Drama leben Hotel- und Gastrotester, Messie- und Entrümpel-Showas, mit dem Ekel spielen Reporter, die aus fremden Ländern berichten, wo sie immer auf dem Markt oder in schmierigen Garküchen drehen, weil sich der Westler da herrlich gruseln kann. Mit Ekel operieren auch Veganer, wenn sie Fleisch „Leichenteile“ nennen und Milch „Drüsensekret“.

Und mit Ekel kriegt uns das ZDF.

Aber dieser Ekel ist in der Sache fast immer kontraproduktiv und unbegründet. Er entfremdet uns von echten Lebensmitteln. Er tritt auf, wenn man mit echtem Essen nichts mehr zu tun hat, sondern es aus der sterilen Plastikpackung kauft, in der nichts mehr an das Tier erinnert, und daran, wie das Tier überhaupt zu Essen wird.

Diese Ekel-Masche nimmt Quarkundso.de dem ZDF übel.

Sie ist oberflächlich, spekulativ und verantwortungslos. Sie zerstört einen natürlichen Zugang zu Essen und Lebensmittelherstellung und verschiebt die Verhältnisse.

 

Essen ist nicht ekelhaft

Denn rein technisch ist der Ekel beim ZDF auch nur ein dramaturgisches Mittel, ein Trick aus eben diesem Storytelling.

Hendrik Haase, nebenbei auch Betreiber einer Metzgerei in Berlin, sagt es selbst, im schon erwähnten Interview mit der Wirtschaftswoche: „Kein Teil des Tieres ist ekelhaft“.

Im ersten ZDF-Beitrag sagt er den Satz wieder, aber da versendet er sich so nebenbei. Sonst würde das ganze dramaturgische Gerüst zusammenfallen.

Schade, dass dieser Punkt nicht deutlicher rauskam, denn die Position des Protagonisten ist eigentlich: Ekelhaft sind die Tricks und Betrugsmaschen, die Methoden, die Zusatzstoffe. Nicht die Teile vom Tier, die zu verwerten sind.

Iiiiiih, Blut! Aber schon Homer und die Spartaner aßen das: Schwarzwurst aus gestocktem Blut mit Speck und Gewürzen.

Wir führen das gerne aus: Blut von Rindern und Schweinen kommt in Blut- und Schwarzwürste oder Blutkuchen und -suppen. Knochenmark, das beim Herstellen von Separatorenfleisch in die Masse gerät, ist eigentlich eine Delikatesse und äußerst wertvoll.

Und wer je ein gegrilltes Rippchen oder Kotelett abgenagt hat, weiß, dass das Fleisch am Knochen sowieso am besten schmeckt.

Das ist kein Zufall. Bindegewebe und Fett in diesen Fleischteilen sorgen für mehr Geschmack.

Auch die modischen Nose-to-Tail-Metzger und –Gastronomen verwenden alles vom Tier.

Sie verarbeiten Innereien in der Wurst eben jenen Knochenputz, der, wenn er aus der Industrie stammt, als Separatorenfleisch bekannt ist.

Das sind vom Knochen mit dem scharfen Messer abgeschälte Reste.

Sogar Wasser gehört in die Wurst: Das Brät für Koch- und Brühwürste wird mit Eis versetzt, damit die Masse im Kutter nicht zu heiß wird und homogen bleibt.

Es ist ärgerlich, dass das ZDF den Betrug, den es aufdecken will, so eng verzahnt mit dem Ekel des modernen Großstädters vor der Realität eines Tierkörpers. Und der Herstellung von echten Lebensmitteln.

Wer will denn jetzt noch Wurst essen, echte Wurst, in die alles reinkommt und deren Rezept – zu Recht – das Geheimnis des Metzgers ist?

 

Eine Klarstellung zum Separatorenfleisch

Unangenehm wird die Sache beim Separatorenfleisch.

Es muss auf der Packung eindeutig als Zutat angegeben werden und besteht bekanntlich aus maschinell vom Knochen getrennten Fasern, den letzten Resten, die man aus dem Tierkörper quetschen kann.

Es darf nicht „Fleisch“ genannt werden, weil die Muskelfasern aufgelöst werden und weil es so viel Knochenhaut, also Bindegewebe, enthält, außerdem zermalmte Knochensubstanz. Außerdem hat es viel Fett, das stammt zum Beispiel vom Knochenmark.

Separatorenfleisch ist nicht beliebt. Es lässt sich nicht wirklich gut verkaufen. Es ist nicht appetitlich. Aber es ist nicht verboten.

Das Produkt zu verwenden ist an sich weder Betrug noch Panscherei. Es ist nicht gefährlich, gesundheitsschädlich oder sonst problematisch.

Im Gegenteil, der Fleischindustrie gilt es als „wichtiges Rohmaterial“, wie das Bayerische Landesamt für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit unbefangen erklärt. Es ist bedeutend für

„die Herstellung von Fleischerzeugnissen und Fleischzubereitungen. So lässt sich der Nutzen der Fleischverarbeitung enorm steigern, ohne mehr Tiere schlachten zu müssen. Die Gesamtmenge des jährlich in der EU gewonnenen Separatorenfleisches beträgt fast 700 000 Tonnen.“

Auch die Verbraucherzentralen sehen das so und erklären, dass sicher „ein Teil der Konsumenten Separatorenfleisch als minderwertige Zutat“ ablehne. Andererseits

„sprechen zum Beispiel ökologische und wirtschaftliche Gründe für die Verwendung“.

Die Knochen, von denen die letzten Fleischfetzen abgerissen werden, sind übrigens in der Regel Rippen und Brustbein, und stammen in Deutschland, Achtung, weit überwiegend von Geflügel, nämlich zu 88 Prozent.

Deshalb hat der ZDF-Metzger auch eine Geflügel-Brühwurst zusammen gemischt, was im Film ein wenig unterging. Da sprach man lieber ganz allgemein von Wurst, zwecks möglichst großen Alarms.

Der Dokumentationsabteilung von Quarkundso.de ist aber nicht entgangen, dass eine Geflügelwurst zum Exempel diente.

Da ist nämlich, wenn schon getürkt wird, das Separatorenfleisch am gebräuchlichsten. Das ist kein unerhebliches Detail: Gerade jetzt will der Verbraucher ja wissen, wo der Fleischbrei wirklich landet.

 

Wo das Zeug wirklich drinsteckt: Döner und Geflügelwurst

Unter Verdachtsfällen bei Prüfungen waren, wie das Bayerische Landesamt angibt, zwar auch Brüh- und Kochwürste wie Wiener – aber, was aus den oben genannten Zahlen deutlich wird, vor allem das ganze Geflügelzeug: Geflügelwürste, Chicken Nuggets und Döner.

Döner? Ja, das ist seit Jahren bekannt. Tatsächlich haben die Verbraucherzentralen schon 2014 vor allem in Ware aus dem türkischen Lebensmittelhandel Separatorenfleisch gefunden, und zwar offen deklariert, unter anderem in vielen Wurstsorten.

Die Produzenten dafür sitzen angeblich vor allem im europäischen Ausland.

Der geringere Teil, 12 Prozent des Separatorenfleischs, stammt vom Schwein, von Rindern, Schafen und Ziegen darf in der EU seit der BSE-Krise nichts verwendet werden.

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Wenn aber, wie vorgeschrieben, das Separatorenfleisch auf der Zutatenliste steht, kauft es der deutsche Kunde nicht: Der empfindsame Verbraucher will keine Fleischreste, sondern immer nur Filet.

Und das bitte auch in der Wurst, obwohl die Wurst seit ihrer Erfindung vor zigtausenden von Jahren die ideale Resteverwertung für die Jagdbeute oder das Schlachtvieh war.

Auch im ZDF-Beitrag wollte kein Discounter, kein Hersteller zugeben, irgendwas mit Separatorenfleisch zu tun zu haben.

Grüne und Foodwatch sind zusammen mit den Verbraucherzentralen seit Jahren hinter dieser Frage her, das Thema ist nämlich ein Dauerbrenner und alles andere als neu.

Und die Misere, die sich an der hereingelegten DLG zeigt, ist: Es lässt sich immer noch nicht einfach nachweisen, ob wirklich im großen Stil betrogen wird. Die Analysemethoden reichen nicht aus, und rein von Geschmack und Geruch her kann man nichts feststellen.

 

Wenn Fleisch, dann auch Wurst

Das Dumme ist nur, dass mit der Silbermedaille für den gepanschten Hühnerbrei jetzt ein Generalverdacht im Raum steht: In Deutschland bleiben, zieht man Exporte und Tierfutter ab, 70.000 Tonnen Separatorenfleisch im Jahr.

Wo landet das? Lügen und betrügen alle Fleischwarenhersteller und mischen das Separatorenfleisch ohne Kennzeichnung einfach unter?

Tja. Auch das ist eine schon seit Jahren herumgeisternde Befürchtung. Der Sache näherkommen konnte das ZDF im Beitrag aber gar nicht.

Was übrig bleibt, wenn man die echten Betrugsfälle und den Generalverdacht abzieht, ist im besten Falle ein Weckruf. Die Käufer müssen vorsichtiger sein, die Hersteller korrekter und die Lebensmittelkontrolleure müssen bessere Methoden entwickeln und entschlossener handeln Einerseits.

Andererseits ist der Beitrag mit im Grunde alten Vorwürfen ein gigantischer Imageschaden – auch für die Wurst.

Auch das nimmt Quarkundso.de dem ZDF übel.

Auf die Wurst lassen wir nämlich nichts kommen. Nicht einmal den – immer noch nicht korrekt begründeten – Krebsverdacht der WHO.

Wir sind für das Prinzip Wurst. Die Wurst ist ein geniales Lebensmittel, mit dem – ja! – Reste verwertet und wunderbar verwandelt werden können, wenn ein Tier sterben muss. Wer Fleisch isst, muss auch Wurst essen. Denn schieres Fleisch ist Luxus. Wurst ist Hausmannskost.

 

Esst gute Wurst!

Daher ärgert es uns, dass ob der Fakten und Zahlen beim Separatorenfleisch nicht der Döner und Imbissbuden oder die billige Gastronomie aufs Korn genommen wurden. Gerade auch im Hinblick auf diese Techniken zum Zusammenkleben von Fleisch.

Warum musste die Wurst dran glauben?

Und wenn schon Wurst – warum wurde das Problem mit den Geflügelprodukten nicht klar benannt?

Wir hängen uns da gerne auch mit unseren persönlichen Vorlieben aus dem Fenster, denn Geflügelwurst ist Quarkundso.de ohnehin verdächtig. Die Inflation dieser angeblich leichten, mageren und „gesunden“ Wabbeldinger entstand mit dem Fitness- und Diätwahn. Da wurden Geflügelfleisch und insbesondere –wurst künstlich hochgejazzt.

Das hat den Markt für magere Wurstsorten enorm erweitert, ein gefundenes Fressen für die Industrie. Und, wie das ZDF vorgeführt hat, möglicherweise eine wunderbare Verwertung für das ungeliebte Separatorenfleisch.

Aber was eine rechte Wurst ist, ist nicht aus Hühnerbrei. Sondern aus Schweinefleisch, Schwarte und Speck. Unter anderem, wohlgemerkt.

Am Ende bleibt nur der Appell, weiter Wurst zu essen und sich weder vom Ekel-Drama noch von dem Generalverdacht verunsichern zu lassen.

Selbstverständlich aber gute Wurst. Also eine, die handwerklich hergestellt wurde, vom Metzger des Vertrauens. Der kann Auskunft darüber geben, ob er alles selbst gemacht und gewürzt hat, und woher die Tiere stammen, die er verwertet.

Was er nicht preisgeben wird, ist das Rezept. Und ob er auch ein paar Innereien verwurstet hat, und Fleisch vom Kopf, vom Maul oder vom Zwerchfell.

Das darf gerne sein Geheimnis bleiben.

©Johanna Bayer

Noch ein kleiner Einkaufstipp: In Biofleischwaren darf kein Separatorenfleisch verwendet und im Biobereich auch nicht erzeugt werden.

 

ZDF-Frontal 21 vom 20.3.2018

Die zweite Folge vom 10.4.2018

Stellungnahme der DLG zum Beitrag in Frontal 21 vom 10.4.2018

Interview der Wirtschaftswoche mit Wurstaktivist Hendrik Haase

 

 

Fasten ist für Doofe, sagt die FAZ. Aber was, bitte, ist das für ein Text?

In der FAZ ärgert man sich über das Fasten, eine Redakteurin polemisiert dagegen nach Kräften: Sie hält dieses „verstaubte religiöse Ritual“ für einen bloßen Vorwand, den verklemmte Selbstoptimierer nutzen, um sich Genüssen zu verweigern. Man kann dieser Meinung sein. Aber man kann es nicht schreiben – nicht so. Daher erlaubt sich Quarkundso.de ein paar Anmerkungen zum journalistischen Handwerkszeug und eine kleine Gegenrede zu stumpfen Büroritualen und dem heiligen Geburtstagskuchen. 

 

Drei gegrillte Sardinen

Fastenessen: traditionell Fisch.

Es ist Fastenzeit, daher kommt nach der Sache mit dem Übergewicht und Plasberg wieder was mit Verzicht. Das ist zwar langweilig, aber was sollen wir machen.

Wenn ein Thema so aktuell ist, müssen wir reagieren, da hat Quarkundso.de keine Wahl.

Wir sind das Opfer.

Zum Glück bietet aber der Fall, der heute behandelt wird, viel Abwechslung.

Es geht um die Berufsehre der Journalisten, ihr Handwerkszeug und ihre Kernkompetenz, gewisse redaktionelle Pflichten, außerdem natürlich ums Fasten im Allgemeinen und im Besonderen, und dann noch um Bürorituale, unfeine oder elegantere Ausflüchte und eine deutsche Obsession namens Geburtstagskuchen.

Ein buntes Programm, und alles abgehandelt an einem einzigen Artikel aus der FAZ. Das ist doch schön.

Bei der FAZ hat man sich nämlich mit dem Fasten vor Ostern beschäftigt, einem saisonalen Bedürfnis nach Pause vom Konsum, das zur vorösterlichen Bußzeit gehört und mit allerlei religiösen Pflichten einhergeht. Die Pfarrer freuen sich, dass das Konzept in den letzten Jahren auch bei einer wenig religiösen Klientel ins Blickfeld gerät.

Die FAZ aber ärgert sich.

In Frankfurt ist man gegen das Fasten. Schon letztes Jahr hat im FAZ-Blog eine Psychologin gegen Verzicht und Abnehmversuche polemisiert, Quarkundso.de berichtete.
Dieses Jahr hat das Ressort Gesellschaft eine Breitseite gegen das Fasten abgeschossen, übrigens am Tag der gesunden Ernährung, dem 7.3.2018.

 

Fasten? Alles Kokolores

Das ist insofern bemerkenswert, als dass eine Form des Fastens, das Intervallfasten, gerade ganz groß rauskommt. Viele entdecken, dass diese Art von Nahrungspause an nur ein oder zwei Tagen in der Woche sehr effektiv sind, um das Gewicht zu regulieren. Vor allem lässt sie sich ganz einfach praktizieren.

Die FAZ sagt: Alles Kokolores.

Das neue Gesundheitsheft von Gruner&Jahr hat mit dem Thema Intervallfasten einen Hit gelandet. Dort hat der Fernseharzt Eckart v. Hirschhausen von seinen persönlichen Erfahrungen mit dem Kurzzeitfasten berichtet: 10 Kilo abgenommen, Gewicht gehalten, einfaches System. Er berichtet auch über Studien und spricht mit einem Fastenexperten und Forscher. Das Heft war sofort ausverkauft, man musste nachdrucken.

Auch ohne Promi-Faktor erscheint ein Arzt nach dem anderen auf diversen Kanälen und betont, dass dieses Intervallfasten speziell Diabetikern und Übergewichtigen Kalorien ersparen kann, ohne dass übermäßiger Hungerstress auftritt. Intervallfasten ist nicht radikal, greift nicht tief in die Essgewohnheiten ein und bedeutet keinen langfristigen Stress wie Diäten mit strenger Kalorienreduktion, die man über Monate durchhalten muss.

Die FAZ: Der Quatsch nervt.

Forscher und Mediziner erklären dazu außerdem, dass der kurzzeitige Nahrungsverzicht und eine längere Nahrungspause am Tag geradezu artgerecht für den Menschen ist, weil das ständige Futtern zwischendurch, etwa von Kuchen, Schokoriegeln und Chips, den Stoffwechsel überfordert. Das Intervallfasten macht es laut Praxisberichten sogar möglich, dass der Körper sich umstellt und man schädliches Essverhalten mit dem Kurzzeit-Verzicht ganz loswerden kann.

Die FAZ höhnt: Spaßbremsen, elende!

Tatsächlich lehnt die Autorin des kleinen Artikels in der FAZ das Fasten rundheraus ab, hält es, was Mäßigung beim Essen angeht, für nur vorgeschützt und für einen „verstaubten religiösen Ritus“ (wörtlich), alles in allem nichts als Imagepolitur prahlerischer Selbstoptimierer, die zeigen wollen, wie gut sie sich selbst beherrschen können.

 

Eine Welt voller verklemmter Selbstoptimierer

Jetzt ist natürlich die Frage: Welche Gründe hat man in Frankfurt für das Verdammen der Fastenpraxis? Wo und wie hat die Autorin recherchiert, welche Argumente hat sie? Und was ist das eigentlich für ein Beitrag?

Letzteres, das journalistische Genre, ist nicht so einfach auszumachen: ein Kommentar? Eine Glosse? Ein Bericht?

Aufhänger ist ein Geburtstag in der Redaktion, von dem die Autorin erzählt.

Da hat ein Kollege Kuchen mitgebracht und nicht alle Stücke gingen weg; das sei doch traurig und unhöflich; in welcher Welt leben wir denn, dass nicht einmal einer Kuchen mitbringen kann, ohne dass Leute sagen „Nein danke, für mich nicht“, und zwar mit Berufung auf die Fastenzeit.

Dann entwickelt sie ihre Thesen: Die Verweigerer behaupten, dass sie fasten, weil das schicker und trendiger klingt als Diät oder Daueraskese.

„Fasten hingegen ist sexy, Fasten bedeutet, dass man sich selbst im Griff hat, zwar nur für vierzig Tage, aber hey … Und so treiben sie dahin, die Fastenden und Intervallfastenden: Frei von Wassereinlagerungen, fester Nahrung und Zwängen („Ich brauche kein Essen, um glücklich zu sein.“) schweben sie durch einen zucker- und spaßbefreiten Alltag.“

Den wenigen, die vielleicht doch aus religiösen Gründen fasten, bescheinigt die Autorin, dass sie das Ganze falsch verstehen. Verzicht auf Schokokuchen habe Jesus nämlich nicht gewollt. Im „religiös-traditionellen Sinne“ gehe es „selbstverständlich ums Entgiften“.

Kein Witz, das steht da wirklich, in der FAZ – Jesus auf Detox.

 

Das böse G-Wort

Gemeint ist das von der Autorin als Entgiften „im körperlichen und im geistigen Sinn“: „ungesunde Gewohnheiten loslassen, sich von höheren Gedanken leiten lassen.“

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Diese Definition ist so anachronistisch wie oberflächlich – Lifestyle-Wischiwaschi für eine Leserschaft, der das böse G-Wort gar nicht erst zugemutet werden kann: Gott.

Um den geht es aber beim Fasten vor Ostern, und zwar nach dem Verständnis der katholischen Kirche.

Denn die Protestanten haben keine Fastenpflicht, oder von welchen Religionen redet die Autorin? Im Besonderen geht es aber um Buße und Umkehr, um das Evangelium und die Vorbereitung auf Ostern.

Mit lästigen Fakten will sich die FAZ-Frau aber nicht aufhalten. Sie tut einfach, als gäbe es so etwas wie ein allgemeines „religiös-traditionelles“ Fasten, wie im spirituell beliebigen Retreat des Yoga-Zentrums um die Ecke.

Nach ihrem Verständnis ist es auch vollkommen egal, worauf man verzichtet, Hauptsache irgendwie „entgiften“. Am Ende fordert sie daher, dass Leute in der Fastenzeit lieber nicht auf das Essen von Süßigkeiten, sondern zum Beispiel auf das „Doof-Sein“ verzichten sollten.

Das sei doch wenigstens was Soziales und der arme Kollege hätte seine köstlichen Kuchen nicht wieder nach Hause tragen müssen.

Spätestens an dieser Stelle wird zumindest das Genre klar: Es sollte was Humoristisches sein. Was für die junge Zielgruppe, unter 30, zu der die FAZ-Frau selbst gehört.

 

Viel Meinung, schlechtes Handwerk

Nun liegt die gesamte Redaktion von Quarkundso.de ganz knapp außerhalb dieser Altersgrenze von „unter 30“. Mit dünnen, verkniffenen Lippen sitzt die Chefredakteurin vor dem Text, neben sich einen ungesüßter Kräutertee, denn es ist Fastenzeit.

Was Religiöses angeht, verstehen wir altersgemäß wenig Spaß. Noch weniger Spaß verstehen wir – aus Gründen – bei Recherchefragen rund ums Essen. Bei Textfehlern dagegen sind wir eher nachsichtig. Gerade, wenn es um Anfänger wie diese Autorin geht. In einem Online-Portal oder so.

Aber nicht bei der FAZ.

Wer so angibt mit seinem Renommee und diesem Slogan mit dem klugen Kopf, der muss auf einen groben Klotz auch einen groben Keil vertragen: Was ist das für ein Text? Hat da niemand drüber geschaut?

Wobei hier keineswegs billiges Personal aus der Riege der hungerleidenden Freien schreibt. Sondern eine fest angestellte Redakteurin des Ressorts Gesellschaft.

Da darf man ein paar unbequeme Fragen stellen.

Zuerst kommen die reinen Recherchepflichten dran: Auch bei einem humoristischen Stück ebenso wie bei Meinungsbeiträgen muss zur Sache selbst etwas kommen. In diesem Fall wäre das ein Wort zum medizinischen Fasten, neben dem religiösen.

Schließlich verdammt die Autorin auch das Intervallfasten, das aus der medizinischen Forschung stammt. Fasten aus gesundheitlichen Grünen haben aber schon antike Ärzte lange vor dem Aufkommen des Christentums verordnet und es gibt meterweise Literatur dazu, zum Beispiel bei Rheumakrankheiten.

Ein Satz hätte genügt. Diesen Hintergrund komplett auszulassen, ist ignorant.

Dann: Das religiöse Fasten hat mit „Entgiften“ wenig zu tun, und es ist offensichtlich, dass die Autorin keine Ahnung von den Fastenregeln etwa in der katholischen Kirche oder überhaupt in Religionen hat. Ganz abgesehen davon, dass die esoterische Modevokabel „Entgiftung“ an sich schon verdächtig ist. Hier aber wird sie höchst unbedarft verwendet und in der Definition des Fastenbegriffs von der Autorin sogar positiv besetzt.

Eine anständige Redaktion hätte da eingreifen müssen.

 

Gewollt und nicht gekonnt

So urteilt die Autorin nur, ohne den Sachverhalt zu kennen.

Ihren fastenden Kollegen wirft sie dabei Heuchelei und Angeberei vor. Denn „in der Welt der Selbstoptimierer“ komme jeder noch so „profane Vorwand gerade gelegen“ um „sich selbst zu geißeln und noch fitter zu werden.“

Moment – wieso „profan“? Das bedeutet doch „weltlich“, im Gegensatz zum Sakralen? Und die Autorin redet an dieser Stelle gerade von einem religiösen Grund, den die Spaßbremsen vorschützen, um ihre Selbstkasteiung zu rechtfertigen.

Sollte sie vielleicht so etwas gemeint haben wie: „jeder noch so abstruse Vorwand“? Oder „jeder unglaubwürdige“, „fragwürdige“, „zweifelhafte“, „abwegige“? Das hätte zu ihrer Aussage gepasst.

„Profan“ passt nicht und legt leider nahe, dass die Autorin nicht weiß, was dieses Wort bedeutet. Das wiederum passt zu ihren Bildungslücken bei der Religion, und auch hier hätte eine Redaktion klarstellen müssen, worum es geht.

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Damit wären wir in der Sphäre des journalistischen Texthandwerks.

Hätte es einen ordentlichen redaktionellen Durchgang gegeben, wäre der „Schokladenkuchen“ in der Bildunterschrift auch rausgeflogen.

So ein Tippfehler ist zwar eine lässliche Sünde, das kann passieren. Schlusskorrektoren gibt es ja kaum noch, schon gar nicht im Online-Bereich. Wobei sich die FAZ übrigens, wenn es um Fehler geht, gerne auf die schlampigen Onliner rausredet, wie wir aus gut informierten Kreisen wissen.

Aber richtig peinlich wird es, wenn die Autorin erklären will, warum es früher mal zwei Fastentage in der Woche gab. Da textet sie:

„Der Mittwoch erinnert an den Verrat Jesu, der Freitag an seine Kreuzigung.“

Das ist schon mehr als ein durchgerutschter Tippfehler. Das ist ein dicker Grammatikpatzer, der, ebenso wie die irreführende Verwendung von „profan“, in eine fatale Richtung geht: gewollt und nicht gekonnt.

 

Profis müssen das spüren

Der hochgestochene lateinische Genitiv der U-Deklination „Verrat Jesu“ gehört sowieso in eine Predigt, nicht in ein Publikumsblatt. Hier wirkt die Form aufgebläht und bemüht. „Der Verrat an Jesus“ hätte genügt, den Text davor hätte man dazu leicht anpassen können.

Autoren, die mit Latein angeben wollen, sollte aber auf jeden Fall klar sein, dass „der Verrat Jesu“ in erster Linie bedeutet: „der Verrat, den Jesus begangen hat“.

Also nicht: „der Verrat, dem Jesus zum Opfer fiel“. Und den folglich ein anderer begangen hat.

Zu schreiben, das Fasten am Mittwoch erinnere an den Verrat Jesu, obwohl es der Verrat des Judas war, ist nicht irgendein Lapsus. Er gehört zum Typ Kategorienfehler – wenn es mit der Logik hapert. Das ist mehr als nur ein Textproblem.

Wenn redigiert worden wäre, hätte man das rausgekämmt, ebenso die falsche Wortwahl an einer anderen Stelle:

„Allein, der ehemalig religiöse Brauch wurde von den Fitness-Influencern und Yoga-Lehrern dieser Welt zweckentfremdet.“

„Ehemals“ muss das heißen, „ehemalig“ ist, sorry, die falsche Wortart.

Auch das ist ein sprachlogischer Patzer der Art Kategorienfehler. Wer Profi ist, braucht die Wortarten aber nicht erst im Duden nachzuschlagen. Was geht und nicht geht, muss man spüren, das sind die absoluten Basics.

Dabei geht es nicht um – unvermeidliche – Betriebsunfälle wie kleine Tippfehler, und auch nicht um Deutschlehrer-Gemaule oder geschmäcklerische Kritik. Es geht um die Art von Sprachgefühl, das für Journalisten so etwas ist wie das Beherrschen der Grundrechenarten für Bankkaufleute.

Wobei es tatsächlich vorkommt, dass Autoren ordentliche Texte machen und erleben, dass ein Redakteur verschlimmbessert (wir können das beweisen).

Aber egal, wer es verbockt hat: Für ein Blatt wie die FAZ geht so etwas nicht. *

 

Die heiligen Bürorituale

Jetzt soll mit der Sprachpingelei aber Schluss sein. Wir kommen in Teufels Küche, wenn sämtliche FAZ-Praktikanten rachsüchtig bei Quarkundso.de auf die Suche nach Fehlern gehen. 

Kommen wir also endlich zu den Inhalten. Zum Kern der Sache, dem – vorgeschützten – Fasten. Das ist ja das Thema der Autorin, am Beispiel des verschmähten Geburtstagskuchens.

Sie fragt:

„Warum aber waren die Kollegen so wenig fress- und schokoladenwütig?“

Als ob Fress- und Schokoladenwut der Naturzustand des Menschen wäre.

Es ist doch mehr als verständlich, dass einige Kollegen dankend ablehnen. Wir jedenfalls verstehen es. Vielleicht haben die Ärmsten in ihrer Not das Fasten tatsächlich nur vorgeschützt, und zwar aus Höflichkeit. Schließlich fürchten nicht wenige die ständigen Feiern im Büro – Einstände, Ausstände, Beförderungen, Projektabschluss und dann die Geburtstage.

Denn seien wir mal ehrlich: Es hat doch dauernd jemand Geburtstag.

In Stoßzeiten, also im September und Oktober (die Weihnachtskinder) und im Januar und Februar (die von Ostern) stellt dreimal in der Woche einer Kuchen, Gummibärchen, Schokolade und Marshmellows auf den Tisch und entkorkt einen Sekt, wobei es zur Feier des Tages auch mal was Feineres sein darf – Freixenet semi seco. Dann strahlt er oder sie in die Runde und ist beleidigt, wenn man nicht kräftig zulangt. Durchaus zu Recht, aber das hält erheblich von der Arbeit ab. Die drängt bisweilen, gerade bei der Tageszeitung.

Wenn man Pech hat, wird das Ganze statt Mittagessen aufgetischt: „Du brauchst heute nicht in die Kantine, ich hab was Leckeres mitgebracht, in der Teeküche um 12. Du kommst doch?“.

Für Leute mit erwachsenem Geschmack und vernünftigem Essverhalten ist das tragisch. Denn man kann schlecht ablehnen, aus den von der FAZ genannten sozialen Gründen. Man mag ja die Kollegen gerne, aber manche Leute wollen mitten am Tag keinen Kuchen oder Süßzeug essen, und schon gar nicht das warme Mittagessen dafür ausfallen lassen. Der gesamten Redaktion von Quarkundso.de wird schon bei dem Gedanken daran schlecht.

Käsekuchen, hausgemacht

Geburtstagsterror im Büro: Käsekuchen. Mit Liebe gemacht.

Denn es gibt sie, Erwachsene, die sich wie Erwachsene ernähren. Also von einem gescheiten Mittagsgericht als Hauptmahlzeit. Nicht von Kuchen und Naschwaren.

Es gibt tatsächlich auch Leute, die, selbst wenn sie nicht gerade fasten, nicht jeden Tag Süßes mögen, sondern nur ab und an. Auch ist wahlloses Zwischendurchfuttern nicht jedermanns Sache.

Dazu müssen diese Menschen sich nicht kasteien. Es ist natürlich, nicht ständig Gier nach Süßem zu haben.

Das Gegenteil ist es nicht, das nur am Rande.

Und es gäbe dazu eine Menge zu sagen, was wir bei nächster Gelegenheit wortreich nachholen werden.

Jetzt aber nicht. Jetzt begnügen wir uns damit, zu konstatieren: Eine ganze Reihe von Menschen mag Süßes nicht besonders und nicht so oft. Viele bevorzugen Salziges und Herzhaftes, das ist normal.

 

Diät, Antibiotika oder Arzttermin

Beim Büro-Geburtstag kommt aber selten jemand auf den Gedanken, für diesen – erheblichen – Teil der Menschheit mittags einen schönen Aufschnitt zu servieren.

Käseplatte, drei Stück Käse, Schälchen mit Saucen und Fruchtzubereitungen

Bitte mal was anderes. Vielleicht eine Käseplatte?

Oder kaltes Roastbeef mit ein paar Gewürzgürkchen und Laugenbrezeln, vielleicht noch eine selbstgemachte Sauce Tartare dazu. Oder eine Käseplatte.

Nein, es muss ein Geburtstagskuchen sein.

Und erschreckend oft ist ein betonschwerer, nasser Käsekuchen im Spiel.

Gerne nach dem Rezept der sächsischen oder schlesischen Oma, dann gibt es statt Freixenet halbtrockenen Rotkäppchen-Sekt.

Die Variante im hippen Ambiente sind Donuts mit Zuckerguss in Giftfarben. In dieser Szene drohen auch vegane Kuchen, die eiskalt aus dem Kühlschrank kommen, weil sonst die Füllung vom Kekskrümel-Boden fällt.

Oder die trocken und extrem süß sind („der ist aber gesund, da ist kein Zucker drin, nur Agavendicksaft!“).

Ja, ist klar. Dankeschön, sehr lecker.

Ehrlich, es ist hochnotpeinlich, dem auszuweichen, wenn man nicht zur Fraktion der Süßesser und Liebhaber halbtrockener Kreszenzen gehört. Dann muss man halt manchmal was vorschützen: Fastenzeit, Diät, Antibiotika, ganz viel Arbeit oder einen Arzttermin in der Mittagspause.

Die elegante und faire Lösung ist es natürlich, einen Kaffee oder Tee (heimlich ohne Zucker) mitzutrinken und zu fragen, ob man sich von dem köstlichen Kuchen was einpacken kann.

Dann freut sich das Geburtstagskind, der Kuchen kommt weg und wer ihn wann isst, kann man selbst bestimmen.

Die bessere Lösung sind weniger stumpfe Fress-Rituale im Alltag.

Das aber ist der Beginn einer langen, langen Serie.

©Johanna Bayer

Artikel in der FAZ über Fasten als „bessere Diät“ vom 7.3.2018

Fasten mit der FAZ 2017 bei Quarkundso.de

 

* Den Stand des Textes mit Datum vom 11.3.2018 kann die Abteilung Dokumentation bei Quarkundso.de natürlich belegen, ist als PDF gesichert.

 

Hart aber fair in der ARD: Schluss mit Abnehmen, alle sind okay wie sie sind! Wirklich?

Bei Frank Plasberg ist sich die Gästerunde zum Thema Wampe oder Waschbrettbauch einig: Diäten machen dick und unglücklich, jeder soll sich so mögen wie er oder sie ist, Schlanke sind die falschen Vorbilder, alle sind sexy, ob dick oder dünn. Einerseits ist das sicher nicht ganz falsch. Dann aber ist es angesichts des dicken Problems mit dem Übergewicht etwas seltsam. Und worum ging es eigentlich in der Diskussion? Quarkundso.de stellt eigene Fragen – samt Faktencheck.

 

Dicke Frau von hinten

Übergewicht und Schönheit – schließt sich das aus? Das war eine der Fragen in der Sendung.

Bei „Hart aber fair“ müssen wir noch nachkarten.

Die Sendung ist schon etwas her, vom 8.1.2018, ganz am Anfang des Jahres.

Aber was sein muss, muss sein – schließlich werden nach Silvester immer die Weichen für das ganze Jahr gestellt.

Wegen der guten Vorsätze.

Ab dem 1. Januar wollen alle nämlich plötzlich abnehmen – und das, obwohl weihnachtliche Festzeit, Ballsaison und Fastnacht zu erhöhter Lebensfreude aufrufen. Und man doch erst vor Ostern wieder fasten muss.

Aber flagellantischer Eifer befällt das Land und seine Redaktionen, daher drehte sich auch bei „Hart aber fair“ die erste Folge des Jahres um Übergewicht, Schlankheit, Körpernormen und Schönheitsideale.

Das Thema war aber auf links gedreht: „Wampe oder Waschbrettbauch – gibt es ein gutes Leben ohne schlechtes Gewissen?“.

Gemeint war das so:

„Der Vorsatz im neuen Jahr: Endlich abnehmen, schlank, sexy und gesund werden! Aber wer hat überhaupt eine Chance auf einen perfekten Modelkörper? Und wer macht ein Geschäft damit? Oder liegt das Glück in der Mitte – mit kleinen Speckfalten?“

Was soll die Frage? Natürlich liegt das Glück in der Mitte. Es liegt immer in der Mitte!

Das ist von Alters her bekannt und kann nicht anders sein. Daher war sonnenklar, was bei der Sendung herauskommt, nämlich nichts.

 

Kuschelrunde mit Wohlfühlansage

Trotzdem hatte Frank Plasberg dazu wieder Leute eingeladen: den Fitness-Coach Detlev D. Soost, den Vorstandsvorsitzenden einer Krankenkasse, außerdem ein üppiges Model, eine Ernährungswissenschaftlerin und einen wohlbeleibten Schauspieler mit Diäterfahrung.

Da saßen also die Richtigen beisammen, einerseits.

Andererseits saß man davor und kaute an der sich selbst erklärenden Frage. Sind Wampe und Waschbrettbauch die richtigen Alternativen? Und was steht für was? Der Waschbrettbauch für das gute Leben oder für das schlechte? Wofür steht die Wampe? Worum geht es, um Schönheit, Lebensstil oder Gesundheit?

Da sich die Runde mit dem Moderator aber völlig einig war, ist es müßig, das wirklich ergründen zu wollen.

Diskussion oder Kontroverse gab es nämlich nicht.

Alle Teilnehmer erklärten, dass es sinnlos ist, Schlanksein anzustreben, normal sei Schlankheit schon gar nicht, da die Mehrheit ja dick ist, außerdem sollten Menschen sich einfach mit ihrem Wohlfühlgewicht zufrieden geben und nicht auf die vielen falschen – schlanken – Vorbilder in den Medien achten, denn die erzeugen nur übermäßigen Druck.

 

Recht auf Unvernunft?

Es ist erstaunlich, welch hoher Konsens da herrschte.

Niemand, nicht einmal der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse und der einzige Arzt in der Runde, Jens Baas, trat konsequent für das Abnehmen oder auch nur Normalgewicht ein.

Baas ließ sich zwar im Einspielfilm als Bedenkenträger angesichts der Übergewichtswelle einführen, kam aber in der Sendung kein einziges Mal aus der Deckung.

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Stattdessen war er eifrig bemüht, sich möglichst liberal zu geben – nein, natürlich wolle eine Krankenkasse niemandem in die persönliche Lebensführung reinreden.

Am Schluss schoss er steile Parolen raus:

„Es muss ein Recht auf Unvernunft geben!“

„Wir sind nicht dafür da, dass wir die Gesellschaft erziehen.“

Ach nein? Wir finden ja, dass man das durchaus mal diskutieren könnte, und zwar gerade angesichts des riesigen Problems mit dem Übergewicht.

Aber auch angesichts des Drucks, der auf andere Akteure ausgeübt wird, etwa auf Handel und Lebensmittelindustrie, Schulen, Behörden und Familien – allen wird vorgeworfen, zu wenig gegen Übergewicht und viel zu wenig für gesundes Ernährungsverhalten zu tun.

Alle müssen da eigentlich ran. Warum sollten sich ausgerechnet die Krankenkassen, die so finanzstark und überdies im Besitz von Einflussmöglichkeiten und Expertise sind, zurücklehnen?

 

Gesundheitspopulismus zwecks Kundenfang

Außerdem haben sie einen Auftrag. Beim Bundesgesundheitsministerium klingt der so:

Aufgabe der § 1 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch – Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) nennt als Aufgabe, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu verbessern sowie die Versicherten aufzuklären, zu beraten und auf eine gesunde Lebensführung hinzuwirken.

Damit hat die GKV einen umfassenden Auftrag von Gesundheitsförderung und Prävention über Krankenbehandlung bis hin zur Rehabilitation.
(Quelle: BMG)

Daher ist das mit dem angeblichen „Recht auf Unvernunft“ so eine Sache, die Herr Baas vielleicht besser begründen müsste.

Zumal, ebenfalls laut Sozialgesetzbuch, alle Bürger die Pflicht zur Mitwirkung haben. Machen, was man will und die Solidargemeinschaft zahlen lassen ist eigentlich nicht vorgesehen.

Baas spielt aber lieber den Gesundheitspopulisten.

Für sein angebliches Recht auf Unvernunft führt er Sportarten wie Bergsteigen, Skifahren oder Fußballspielen an. Die seien ja auch unvernünftig, da riskant. Trotzdem seien die Sportunfälle von der Krankenkasse versichert.

Bei so etwas wird Quarkundso.de sehr nachdenklich, sogar pingelig. Wir lieben deftige Vergleiche, aber hinken dürfen sich nicht. Das erscheint uns aber so, bei Herrn Baas.

Denn Sport treiben ist nicht unvernünftig – es ist vernünftig und gut für die Gesundheit.

Deshalb, wirft die Abteilung für Recht und Ordnung bei Quarkundso.de ein, ist es auch vernünftig, die dazugehörigen Risiken in Kauf zunehmen – ganz abgesehen davon, dass man sich sogar bei sanftem Sport wie Yoga verrenken oder auf dem Weg zum Nordic Walking die Treppe runterfallen kann.

Fußball, Beine eines Spielers in schwarzen Strümpfen

Ja, das kann schiefgehen. Aber nur auf der Couch sitzen aus Angst vor Verletzungen – ist das vernünftig?

Bei vielen verletzungsträchtigen Sportarten, könnte man argumentieren, federt die Solidargemeinschaft Unfallkosten ab, weil der Nutzen des Sports sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft höher ist als wenn das Individuum gar keinen Sport treibt.

Zu suggerieren, aktive Fußballspieler oder Bergsteiger seien so unvernünftig wie Leute, die faulenzen und eine fette Wampe kultivieren oder rauchen und saufen, ohne sich um die Folgen zu kümmern, erscheint uns zumindest recht rabulistisch.

Und dass sich die größte Krankenkasse Deutschlands bei der Seuche der modernen Zivilisation, dem Übergewicht, lieber heraushalten möchte, ist schwer zu glauben.

Es stimmt auch nicht. Sie können sich ja nicht heraushalten. Das Lamento der Kassen über explodierende Kosten wegen des zunehmenden Übergewichts, der vielen teuren Magenoperationen und der ungeheuren Diabetes-Welle ist ohnehin notorisch.

Allerdings übt sich auch Quarkundso.de im verstehenden Ansatz, was Jens Baas angeht: Seinen Auftritt kann man ihm nicht vorwerfen. Denn er ist bei der Techniker Krankenkasse nicht nur Vorstandsvorsitzender, sondern auch Marketing-Chef – und mit strengen Abnehmvorschriften lockt man keine Kunden.

 

Übergewicht: „So dick war Deutschland noch nie“

Doch die Misere liegt klar zutage: „So dick war Deutschland noch nie“ überschrieb die DGE erst 2017 eine Meldung, und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft warnte: „Übergewicht und Adipositas noch gefährlicher als angenommen – Neue Studien belegen Gefahren durch Übergewicht.“

Bei der DGE schildert man die Lage drastisch: „Im Erwachsenenalter ist nur noch eine Minderheit der Erwachsenen in der Lage, das Körpergewicht im Bereich des Normalgewichts zu halten“, sagt Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker. In Zahlen ausgedrückt sind 59 Prozent der erwachsenen Männer und 37 Prozent der Frauen übergewichtig, mit Mitte 60 sind es sogar 74 Prozent der Männer und 56 Prozent der Frauen.

Im Schnitt sind also 65 Prozent der Deutschen, ob Mann oder Frau, am Ende ihres Berufslebens zu dick. Zwei von drei. Die Mehrheit.

Auch beim Robert-Koch-Institut kann man das nachlesen:

Übergewicht und Adipositas

Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland sind übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 % der Männer und 24 % der Frauen) ist stark übergewichtig (adipös).“

Quelle Text und Grafik: RKI-Homepage

Bei „Hart aber fair“ spielen diese harten Fakten aber nur am Rande eine Rolle.

 

Wer hat hier das richtige Körpergefühl?

Stattdessen war man entschlossen, dem Thema die Brisanz zu nehmen und nur ein paar bedauernswerte Einzelfälle zu beklagen. Also genetisch vorbelastete Adipöse, die wirklich nichts dafür können und nicht leiden sollen.

Ansonsten gab es den Freifahrtschein für die Wampe nebst Seitenhieben auf die vielen Dummen, die sich vergebens im Fitnesskurs abstrampeln.

Auch die anwesende Ernährungswissenschaftlerin und Chefin des neuen Bundeszentrums für Ernährung, Margareta Büning-Fesel, war auf Wohlfühlkurs: Schlanke sind die falschen Vorbilder, macht euch bloß keinen Stress, so ihr erstes Statement.

Dabei schob sie am Anfang der Sendung Magerwahn, Schönheitsideale, Komplexe und falsche Körperideale von Frauen auf dünne Vorbilder, nämlich Models und Stars.

Plasberg hatte die Expertin zuvor gefragt, warum sich so viele Frauen – 60 Prozent, sagte er – zu dick fühlen:

60 Prozent aller Frauen fühlen sich zu dick…. wie kommt es zu so einem schlechten Körpergefühl vieler Menschen?“

Die Zahl mit den 60 Prozent wollte er aus einer Untersuchung der Deutschen Angestellten-Krankenkasse DAK bezogen haben. Die Quelle wurde in der Sendung angegeben, weswegen die Abteilung Dokumentation und Recherche von Quarkundso.de tätig wurde – Faktencheck. Dazu kommen wir gleich noch.

Laut den Zahlen für Übergewichtige jedenfalls, die man überall nachlesen kann, haben die Deutschen aber, anders als Plasberg meint, wohl kaum „ein schlechtes Körpergefühl“.

Das Gegenteil ist der Fall: Wenn sich wirklich 60 Prozent der Frauen zu dick finden, sehen sie die Sache richtig – sie sind wirklich zu dick. Und das ist ein Problem.

Solche Feinheiten interessierten im fest zementierten Konsens aber nicht. Und obwohl mindestens zwei der Anwesenden die Zahlen genau kannten, widersprach niemand.

 

Deutsche Durchschnittsfrau: 1,65 m groß bei Kleidergröße 44

Frau Büning-Fesel musste bei Plasbergs Frage jedenfalls keine Sekunde nachdenken:

„Naja, ich denke, zum einen liegt das daran, dass es viele Vorbilder gibt, bei Models eben, die sehr schlank sind, bei Stars, die sehr viel dünner sind als die Durchschnittsfrau, und das wird als Vorbild, als Ideal vorgestellt, und dann hat man das Gefühl „Ich bin nicht so schlank wie diese oder jene Person und möchte da gerne rankommen, möchte das umsetzen“. Aber die Bandbreite der möglichen Körpergewichte, die ist ja riesig … von daher wäre es toll, wenn es einfach mehr Vorbilder gibt, die eine größere Bandbreite darstellen, also von eher schlank bis eher mollig, um das als normal auch darzustellen. Also, das fände ich ganz wichtig, dass die Vorbilder einfach auch die normalen Körpergewichte, die normalen Körpergrößen abbilden.“

Die Frage ist schon schlecht, siehe oben.

Die Antwort ist zumindest unglücklich formuliert. Sie stellt in den Raum, dass bestimmte Akteure – Leute oder geheimnisvolle Organisationen – absichtlich Vorbilder und Ideale darstellen. So ist es natürlich nicht.

Dann rekurriert sie aber auch auf eine „Durchschnittsfrau“, die realistische Orientierung bieten sollte. Doch wer ist „die Durchschnittsfrau“ – das statistische Mittel, also das arithmetische? Kann das ein Richtwert sein? Und stimmt das mit dem medizinischen Begriff von Normalgewicht überein?

Eher nicht. Denn so sieht die deutsche Durchschnittsfrau im statistischen Mittel aus: 1,65 m groß, Kleidergröße 44, verkündete 2016 unter anderem Brigitte.de aufgrund von Zahlen des Statistischen Bundesamts.

Konfektion 44, das ist schon ziemlich ordentlich, wenn man unter 1,75 ist, sagen wir mal vorsichtig. Das ist Größe L, groß, nicht mehr M, mittel. Mit 1,65 ist man aber nicht groß.

Hm.

Schwer vorstellbar, dass diese „Durchschnittsfrau“ der Richtwert für das Normalgewicht sein soll.

Frau Büning-Fesel hat es vielleicht nicht so gemeint. Aber wie sie es gesagt hat, führt leider auf die falsche Fährte, nämlich zu einem trügerischen Begriff von „normal“. Der ist in der Sendung fest etabliert – die „normale Durchschnittsfrau“ trägt doch 44, warum schlanker sein?

So redet man ein Problem mit Zahlenspielen weg.

 

Schlanke als Vorbild – ist das so schlecht?

Das mit den falschen Vorbildern zielt aber auch auf die Medien. Nun ja, die verbreiten Bilder und zeigen schöne Menschen, das stimmt. Die meisten Schönen sind halt auch schlank. Schön und dick sind sie eher nicht, denn wer dick ist, gilt als weniger schön.

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Das ist so, in dieser Gesellschaft.

Daran sind nicht „die Medien“ schuld. Schlanke Menschen werden als attraktiver wahrgenommen, daran lässt sich nicht rütteln. Es gibt keine Umfrage, die je etwas anderes ergeben hätte.

Der Vorwurf an „die Medien“ – ihr zeigt die falschen Vorbilder! – und die Forderung an eine Erziehungsfunktion – jetzt zeigt endlich mal andere! – ist da eher unrealistisch.

Nicht ganz redlich ist es auch, ständig auf die Magersüchtigen und Essgestörten im Modelbusiness hinzuweisen, wie es etwa Jens Baas tut. Die gibt es ohne Zweifel.

Aber das gesundheits- und kostenmäßig weit größere Problem in Deutschland – und in ganz Europa sowie den USA – ist das Übergewicht. Davon ablenken, weil es auch ein paar Magersüchtige gibt, gilt nicht.

Worum es bei der Diskussion in der Sendung aber immer wieder geht, ist etwas anderes als das Körpergewicht, nämlich, ob man ein realistisches Selbstbild hat, eine realistische Wahrnehmung von der Welt und ob man sich unerreichbare Ziele setzt – Model werden, zum Beispiel.

Auch das ist keine Sache der Medien. Sondern eher der Persönlichkeitsentwicklung und der Fähigkeit, sich selbst einschätzen zu können.

Zu diesem Punkt hätte Plasberg vielleicht noch eine Soziologin, Psychologin oder Kulturwissenschaftlerin einladen sollen, die sich damit beschäftigt, warum Frauen seit Jahrtausenden stärker an bestimmten Schönheitsidealen gemessen werden und einer härteren Bewertung ihres Äußeren unterliegen als Männer.

Stattdessen schießt sich die Runde auf angeblich falsche Vorbilder ein. Dabei hätte auch jemand fragen können: Warum sollen eigentlich Schlanke das falsche Vorbild sein? Sind sie nicht eher – angesichts der Übergewichtskatastrophe – das richtige Vorbild?

Tja. Auf dieser ketzerischen Überlegung bleiben wir sitzen.

 

Sozial erwünschte Antworten

Mann in Sportkleidung macht Planken-Übung auf Mauer

Fitness lohnt sich, findet zumindest Detlev D. Soost.

Denn der Moderator antwortet auf Büning-Fesel: „Was ist normal? Das muss ja jeder erstmal auch für sich entscheiden…“

Hier werden wir wieder pingelig.

Denn so ist es eben nicht. Per definitionem – was normal ist, entscheidet genau nicht der Einzelne „für sich“.

Im Fall des Körpergewichts entscheiden zum Beispiel Ärzte und wissenschaftliche Einrichtungen, Versicherungen und Arbeitgeber.

Oder Designer von Flugzeugsitzen.

Detlev D. Soost, der Sportunternehmer, hatte in der Runde, was das angeht, den Schwarzen Peter: Er verdient Geld mit Fitnessprogrammen, für die er den Slogan „I make you sexy!“ verwendet.

Dafür musste er sich bei Frank Plasberg unentwegt rechtfertigen. Ob denn nur Schlanke sexy seien? Ob denn ein Waschbrettbauch nötig sei, um sexy zu sein? Ob denn alle einen Waschbrettbauch bräuchten? bohrte Plasberg an ihm herum.

Soost wand sich nach Kräften. Sein Geschäftsmodell konnte er natürlich nicht verleugnen. Aber als Spaßbremse wollte er auch nicht dastehen.

So zog er sich auf sicheres Terrain zurück, mit weichgespülten Botschaften: Natürlich sind alle sexy, egal, ob dick oder dünn. Es kommt auf den Einzelnen an. Was der oder die will. Wie man sich fühlt, ob man sich im Spiegel ansehen mag. Auf jeden Fall ist jeder okay so, wie er ist.

Das war so anregend für die Debatte wie eingeschlafene Füße und eine Binse, die der mit „falschen Vorbildern in den Medien“ vollkommen entsprach.

Schade, dass Soost nicht stärker für das eingetreten ist, was er macht.

Für ein erfolgreiches Fitness-Unternehmen muss man sich nicht entschuldigen und hey, ist doch super, dass es Menschen gibt, die schlank und fit sein wollen!

Das soll nämlich unter anderem gesund sein.

So aber wirkte die ganze Sendung wie eine Serie von sozial erwünschten Antworten, in denen jeder das von sich gab, was er glaubte liefern zu müssen: Es ist egal, wie man aussieht! Diäten machen unglücklich und dick! Schlanksein ist Terror! Wohlfühlbauch ist schön! Lasst euch nichts einreden! Bleib wie Du bist! Alle sind okay!

Und das, obwohl sie es in vielem besser wissen.

Interessanterweise hielt dabei nicht nur Moritz A. Sachs, der Schauspieler, 20 Kilo Übergewicht im Grunde für harmlos. Auch die beiden Fachleute in der Runde erklärten Übergewicht für unbedeutend, wenn es sich nicht gerade um extreme Fettleibigkeit handelt.

Zahlen und Studien sagen zwar etwas anderes, siehe oben.

Aber im ARD-Studio herrschte am, 8.1.2018 der Zwang zum Wohlfühlbauch. Kronzeugin dafür war Angelina Kirsch, das Curvy Model. Die gab ungefiltert wieder, was sie denkt und tut, zum Beispiel, dass sie noch nie eine Diät gemacht hat.

Kann man ihr glauben. Aber hochwahrscheinlich denkt, sagt und tut sie in 10 Jahren etwas anderes. Dann kommt sie nämlich in das Alter, in dem auch sie auf die Kalorien achten muss, um in Form zu bleiben.

 

Faktencheck: Wie war das mit den 60 Prozent?

Am Schluss steht bei „Hart aber fair“ immer der Faktencheck. Bei uns auch. Die Abteilung Dokumentation und Recherche von Quarkundso.de hat sich also die Untersuchung angesehen, die Plasberg zitiert hat.

Dazu gibt es in der Sendung einen Einspielfilm, in dem es wörtlich heißt: „Das eigene Gewicht, das ist für viele Frauen ein Problem – 60 Prozent finden sich zu dick.“

Das sind die Frauen, von denen Plasberg in seiner anschließenden Frage an Frau Büning-Fesel meinte, sie hätten ein „schlechtes Körpergefühl“. Angeblich stammt die Zahl aus einer Untersuchung der DAK, der Deutschen Angestellten Krankenkasse, im Beitrag ist die Quelle angegeben, hier der Screenshot:

 

Grafik mit Schrift "60 Prozent" und Quelle: XXL-Report DAK

Screenshot: Einspielfilm mit Zahlen und Quellenangabe bei Hart aber fair vom 8.1.2018

 

Der sogenannte XXL-Report der DAK steht im Internet, es ist eine repräsentative Befragung unter 1006 Männern und Frauen, durchgeführt von Forsa. Gefragt wird nach Körpergewicht, Aussehen und Meinungen zu Fettleibigkeit.

Was Plasberg gesagt hat – „60 Prozent der deutschen Frauen fühlen sich zu dick – warum haben so viele Menschen ein schlechtes Körpergefühl?“ – steht in den Ergebnissen aber nicht drin.

Wir haben es jedenfalls nicht gefunden. Wir haben folgendes gelesen:

„Die große Mehrheit der Befragten gibt an, dass es vollkommen bzw. eher zutrifft, dass sie sich in ihrer Kleidung gefallen (81 %) bzw. dass sie im Großen und Ganzen mit sich selbst zufrieden sind (73 %). 62 Prozent mögen ihr Aussehen so wie es ist.

Außerdem das:

„Normalgewichtige geben häufiger als unter- oder übergewichtige Befragte an, dass sie sich in ihrer Kleidung gefallen, im Großen und Ganzen mit sich selbst zufrieden sind, ihr Aussehen so wie es ist mögen, die meisten Menschen sie als gutaussehend bezeichnen würden und dass ihr Körper sexuelle Ausstrahlung hat.

Übergewichtige Personen meinen deutlich seltener als unter- oder normalgewichtige, dass sie ihr Aussehen mögen, wenn sie nichts anhaben. Häufiger sind Übergewichtige zudem unzufrieden mit ihrem Körperbau.“

Und das:

„Jeder Dritte (34 %) denkt, er sei normalgewichtig. Über die Hälfte der Befragten hält sich für etwas (45 %) oder sehr (15 %) übergewichtig.“

Falls wir jetzt keinen Brief von der „Hart aber fair“-Redaktion bekommen, bleibt es bei unserem Befund: Die Befragten schätzen sich sehr realistisch ein. Über die Hälfte aller Deutschen ist tatsächlich zu dick.

Von den befragten Frauen fanden sich im DAK-Report aber nicht 60 Prozent zu dick. Diese Zahl steht nirgendwo.

Wir lassen uns allerdings gerne belehren. Vielleicht bessert die Redaktion aber auch im eigenen Faktencheck nach. Es wäre ja nicht das erste Mal.

©Johanna Bayer

Hart aber fair vom 8.1.2018

 

WDR basht Rewe für Zuckertest bei Pudding, Experten machen mit. Aber wer liegt hier eigentlich falsch?

 

Bei Rewe dürfen Kunden über Süßgeschmack bei Pudding entscheiden und der WDR lässt kein gutes Haar daran. Beteiligt sind zwei Experten, die sich mit Kritik-Klischees überbieten und die Aktion geradezu böswillig interpretieren, darunter die Verbraucherzentrale NRW. Aber die billige Kritik-Schablone „Die Industrie verschaukelt uns doch nur!“ zielt an der Sache vorbei – schade eigentlich. (Aktualisierung: Der Test ist entschieden, Service-Link s. unten)

Gläschen mit Schokopudding, nah.

Schokopudding: Ein bisschen Zucker darf schon sein. Aber wieviel?

 

Seit dem 15.1.2018 dürfen bei Rewe die Kunden über Schokopudding abstimmen: Man kauft sich eine Stange mit vier Puddingproben und bewertet anschließend online. Dabei geht es um den Süßgeschmack. Die Proben enthalten unterschiedlich viel Zucker und sind, vom Originalrezept absteigend 20, 30 und 40 Prozent weniger gesüßt.

Das Ziel laut Rewe-Webseite: Bei den eigenen Produkten Zucker reduzieren.

Allerdings nur, wenn die Kunden das auch wollen. Denn der Pudding soll sich natürlich weiterhin gut verkaufen, also der Stammkundschaft schmecken.

Deshalb will der Lebensmittelriese mit der Aktion herausfinden, wie viel weniger Zucker im Pudding von den Kunden akzeptiert wird. Das Ganze ist der erhitzten Debatte rund um Zucker geschuldet, die 2017 tobte.

Und den Forderungen nach gesetzlichen Vorschriften für die Industrie. Gesetze wollen Händler und Hersteller natürlich nicht, sie postulieren ja gerne den berühmten „mündigen Verbraucher“.

Diesen also selbst entscheiden zu lassen, ist nur logisch: Der Kunde ist König, verkauft wird, was schmeckt.

Der Test ist deshalb ergebnisoffen. Sollte sich herausstellen, dass die meisten Kunden das Original mögen, bleibt es dabei. Wollen sie weniger Zucker, kriegen sie ihn. Das sagt Rewe auf seiner Homepage.

Kein Aufreger, sollte man meinen, sondern nur ein Produkttest.

 

Beim Bashing sind sich alle einig

Nun hat sich aber der WDR über die Aktion hergemacht, in der Sendung „Servicezeit“. Die Dramaturgie, neudeutsch auch „Storytelling“ oder „Narrativ“ genannt, ist klar: Die Industrie will uns doch nur verschaukeln!

Darin sind sich alle Beteiligten von vornherein einig – Moderator Könnes fragt vor dem Beitrag schon süffisant, ob es sich beim Puddingtest von Rewe etwa um eine „Trendwende hin zur gesunden Ernährung“ handele oder nur um einen „Marketing-Gag“.

Entsprechend war der Beitrag (nebenbei gesagt auch etwas schlampig: schlechter Ton mit Hall beim Ernährungsexperten und fehlende Bauchbinden im Video, Beitragsinfos zu Kamera und Schnitt fehlten auch, da ist mal wieder husch-husch das rohe Band in die Mediathek gestellt worden).

Wer waren also die Experten? Da hat sich natürlich sofort die Investigativabteilung von Quarkundso.de eingeschaltet.

Denn sie, die Experten, waren es, die wohl die Marschrichtung ins Klischee vorgegeben, den Autor beraten und ihm den Beitrag samt eigenem Geschmackstest gestrickt haben.

 

Geld verdienen – darf man das?

Einer ist Stephan Lück, Ernährungswissenschaftler und gelernter Koch, auch bekannt aus RTL, Galileo, ARD-Buffet, HR und eben dem WDR, vor allem in der Reihe „Servicezeit“.

Dort darf er zum Beispiel über vegane Ernährung für Kinder verzapfen, dass es doch gemein sei, Eltern, die ihre Kinder gesund, also vegan ernähren wollten, zu verunsichern und zu behaupten, die vegane Lebensweise sei nicht gut für die Kleinen. Wo doch Pflanzen so gesund und vielfältig seien.

Nun ja, damit verlässt er den Boden der Wissenschaft. Aber es geht hier nicht um ungeeignete Ernährung für Kinder, sondern um Schokopudding.

Ansonsten vertreibt Herr Lück einen selbst entwickelten Diätdrink und sagt auf seiner eigenen Homepage, es sei ihm damit gelungen, das Problem von Heißhunger und Jojo-Effekt beim Abnehmen zu lösen.

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Das wäre allerdings eine Sensation.

Viel gehört hat man von dem Saft bisher aber nicht, obwohl er schon seit mindestens 2012 auf dem Markt ist. Kritiker bemängeln den hohen Preis, Konsumenten schreiben im Internet über unerwünschte abführende Wirkung.

Das Business ist hart, und es geht bei so etwas um viel Geld, ein Mitbewerber mit ähnlichem Drink musste schon die Segel streichen.

Die Geschäfte des Herrn Lück sind in unserem Zusammenhang allerdings völlig uninteressant. Schließlich ist Geld verdienen wollen keine Schande, auch nicht mit Diätdrinks – es sei denn, es handelt sich um „die Industrie“ und die „Lebensmittelmultis“.

Dass die Geld verdienen wollen, ist höchst anrüchig. Für Herrn Lück.

 

Experten: von trivial bis böswillig

Er macht im O-Ton klar, dass jeder, der bei dem Rewe-Test mitmacht, dem Unternehmen auf den Leim geht: „Sobald ich das Produkt kaufe, mich darauf einlasse, hat Rewe in dem Fall das Ziel erreicht: Das Produkt wurde nicht nur verkauft. Sondern man fühlt sich sozusagen diesem Unternehmen näher.“

Das klingt verdächtig, ist aber erstens falsch, dann höchst trivial und außerdem täglich Brot in Unternehmen: die gute alte Kundenbindung, wie sie an allen BWL-Lehrstühlen des Landes unterrichtet wird.

So etwas taugt nicht zum Vorwurf, außerdem ist das Ziel von Rewe mit dem Kauf alleine wohl kaum erreicht. Die wollen Kundenmeinungen im großen Stil, um zu erfahren, ob der Pudding nun süß oder nicht so süß sein soll.

Dazu kommt: Ob und wie man testet, ist völlig freiwillig und hat keine Konsequenzen, außer einem – ebenfalls freiwilligen – Gewinnspiel. Der Vorwurf von Lück ist daher an den Haaren herbeigezogen und dämonisiert Methoden, die anderswo als „Partizipation“ von Pädagogen wärmstens empfohlen werden und im Übrigen höchst zeitgemäß sind.

Aber auch Expertin Nr. 2, Monika Vogelpohl von der Verbraucherzentrale NRW, ist sicher, dass der Zucker-Test des Teufels ist. Angekündigt wird ihr Statement vom Autor übrigens so:

„In der Verbraucherzentrale hat man diese Werbemethode so noch nie gesehen.“

Werbemethode? Wieso Werbemethode? Es ist doch eine Kundenbefragung. Ein Test. Freiwillig.

Bloße Werbemasche oder unlauter wäre das Ganze, wenn unter dem Vorwand der Mitbestimmung Kunden übers Ohr gehauen werden – indem sie zum Beispiel teure Verträge abschließen müssen. Oder nicht bekommen, was sie bestellt haben. Oder trotz Abstimmung das Wunschergebnis nicht produziert wird.

Frau Vogelpohl erhebt aber weitere Anklage:

„Das ist zunächst mal ganz positiv, dass Verbraucher gefragt werden nach ihren Geschmacksvorlieben. Auf der anderen Seite muss man bedenken: Der Verbraucher muss das Produkt erst kaufen, um es überhaupt bewerten zu können. Also im Grunde werden auch Kosten auf die Verbraucher abgewälzt.“

Das ist schon ein höherer Grad an Verdrehung. Um so etwas abzulassen, muss man nicht nur weltfremd sein, sondern eigentlich auch etwas böswillig.

Wir hängen uns da gerne aus dem Fenster: Diese Interpretation ist unlauter. Denn ein Recht auf kostenlose Warenproben gibt es nicht, obwohl viele Händler solche ausgeben – freiwillig.

Ansonsten kostet der Testpudding einen Euro (in Zahlen: 1.-), was Quarkundso.de selbstverständlich mit Beweismitteln gesichert hat. Hier wird keiner übers Ohr gehauen, sondern folgt für kleines Geld seiner Vorliebe für Pudding, wenn er sie denn hat.

 

Deppenargumentation schadet allen

Vor allem aber werden Konsumenten immer nach ihren Geschmacksvorlieben gefragt, nämlich bei der Produktentwicklung.

Denn wie soll ein Hersteller etwas auf den Markt bringen, wenn er seine Kunden nicht fragt, was ihnen schmeckt? Jedes Lebensmittelprodukt wird vorher getestet, und zwar von den Konsumenten der Zielgruppe, für die es gedacht ist. Die probieren und bewerten, danach arbeiten die Entwickler weiter.

Entschieden wird aber immer am Regal: Kaufen die Leute das neue Produkt oder nicht? Und wenn sie es kaufen, ja, dann müssen sie es natürlich bezahlen, ausprobieren und dann wieder kaufen. Oder liegenlassen.

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Es ist daher einigermaßen perfide, in die Welt zu setzen, dass hier „Kosten abgewälzt“ werden – als ob ein Unternehmen sich vor einer gesetzlichem Pflicht drückt wie ein gieriger Vermieter, der dem Mieter das Renovieren aufbrummt, obwohl er eigentlich dafür zuständig ist.

Eine so billige Argumentationsmasche mit vorgeblichem Verbraucherschutz wird der Sache nicht gerecht . Sie schadet auch der gesamten Debatte, weil sie Misstrauen schürt und sinnlos Fronten aufbaut, wo keine sind.

Gerade die Verbraucherzentralen tun sich mit dieser Deppenargumentation keinen Gefallen. Sie diskreditieren sich nur selbst als ernstzunehmender Gesprächspartner, der sie ja sein wollen, und zwar sowohl für Behörden als auch für Wissenschaft und Industrie.*

 

Die journalistische Seite

Wenn man nicht böswillig ist, sondern unvoreingenommen und weder auf der Gehaltsliste von Rewe noch einer Verbraucherzentrale steht, kann man ruhig zugeben: Der Pudding-Test ist clever, innovativ und durch die Vergleichsmöglichkeit interessant.

Aus Sicht des Unternehmens ist das sinnvoll. Die Marketing-Abteilung erhält viele Tausende von Bewertungen, eine Anzahl, die mit den üblichen Testreihen wohl nie erreicht werden könnte. Und ungefilterte Rückmeldung von den eigenen Kunden.

Sinnvoll und interessant ist der Test aber auch für die Verbraucher. Sie kriegen mit, wie die verschieden gesüßten Puddings schmecken. Den direkten Vergleich gibt es sonst selten.

Die Abteilung Methoden und Statistik von Quarkundso.de hat sich aber auch gemeldet und merkt spitzfindig an: Solche Online-Abstimmungen können sehr leicht beeinflusst werden. Denn Zuckergegner und Aktivisten könnten massenhaft Puddingproben einkaufen und so abstimmen, dass der Pudding mit dem geringsten Zuckergehalt gewinnt.

Dieser Aspekt kommt im Beitrag überhaupt nicht vor: Was taugt so eine Online-Aktion? Dazu hätte man Rewe fragen müssen, wie sie das sehen, was sie mit dem Test wirklich vorhaben, warum sie ihn so und nicht anders gestrickt haben, ob das Ergebnis des Tests aussagekräftig ist, ob sie mit Verfälschungen rechnen, was sie für Konsequenzen ziehen, ob die Abstimmung juristisch abgesichert ist.

Das wären so journalistische Fragen gewesen.

 

Was sagt Rewe eigentlich dazu?

Mit dem Journalismus ist es aber in dem Beitrag nicht weit her. Denn Rewe kommt gar nicht zu Wort. Kein O-Ton eines Marketing- oder Kampagnenleiters, kein Statement aus der Pressestelle.

Nichts.

Der WDR-Autor stellt nur die Puddingdosen vor die Kamera und folgt dann blind den Einschätzungen seiner Experten. Falls er überhaupt Rewe gefragt hat, gibt er die Stellungnahme nicht weiter. Handwerklich ist das schon sehr fragwürdig, Stichwort Recherche, journalistische Sorgfaltspflicht und Gelegenheit zur Stellungnahme für Betroffene.

Dafür darf sich aber Haus-Fachmann Stephan Lück am Testdesign austoben.

Puddingprobe von Rewe nah, auf Etiketet: -30 %

Wunschpudding laut WDR: minus 30 Prozent Zucker

Er erklärt rundheraus, die Sache sei völlig falsch aufgezogen. Man müsse die Puddingproben nicht in der Reihenfolge testen, die Rewe vorgibt, also beginnend mit dem Original und dann absteigend von 20 über 30 bis zu 40 Prozent Zucker.

Sondern umgekehrt „wenn man es richtig machen will“, so Lück.

Mit „richtig“ meint er: Wenn man Zucker „minimieren“ und den Leuten den Süßgeschmack abgewöhnen will.

Diesen Versuch macht der Autor dann im Beitrag und lässt Probanden auf der Straße zuerst den wenig gesüßten Pudding und am Ende den Gezuckerten  schmecken.

Ergebnis: „Den Originalen will plötzlich keiner mehr“. Die WDR-Probanden sind für den Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker.

Zack, wieder hat die Industrie einen vor den Latz bekommen.

 

Wer soll das Volk erziehen?

Aber auch hier wäre es korrekt gewesen, zu akzeptieren, was Sache ist: Rewe will seine Kunden nicht konditionieren oder umerziehen, und ihnen auch nicht vorschreiben, in welche Richtung ihr Geschmack gehen sollte. Und Rewe will Zucker nicht „minimieren“.

Der Laden will nur wissen, ob seine Kunden wirklich weniger Zucker akzeptieren und ob der Pudding jetzt weniger süß sein darf. Oder ob die Leute den gewohnten Geschmack wollen. Deshalb die Verkostung im Vergleich mit dem Original.

Dazu hätte man Rewe aber doch befragen können oder müssen. Das wäre wirklich interessant gewesen, journalistisch gesehen.

Auf der Internetseite des Ladens findet sich nämlich noch Erstaunliches: Die Supermarkt-Kette engagiert sich plötzlich für Clean Eating, bezeichnet sich als „verantwortlichen Lebensmittelhändler“ und bietet Ernährungsberatung sowie Tipps zur Zuckerreduktion an.

Das ist auch wieder so clever, wie es nur sein kann: Auf die Zuckerfrei-Welle aufspringen, und zwar als Händler. und sich als Anlaufstelle für „gesundes Leben“ gerieren.

Wobei man bei Rewe nach wie vor alles kaufen kann, von fettigen Pommes über Ravioli aus der Dose bis zu Feinkost, Räuchertofu und Biogurken.

So ticken Kaufleute – die bieten an, was die Leute wollen, und zwar weitgehend moral- und wertfrei. Wollen die Kunden bio, Vollkorn und Regionales ohne Zusatzstoffe, kommt das ins Sortiment. Wollen sie Industrieschrott und Fertigprodukte, bekommen sie es.

Man kann das kritisieren und hinterfragen. Man kann aber nicht voraussetzen. dass eine Supermarktkette Aufgaben der Volkserziehung zu übernehmen hat.

Diese Aufgabe haben andere.

Im übrigen könnte Rewe auch völlig ohne Befragung den Zucker in den Eigenmarken reduzieren – bei einer schrittweisen Reduktion von bis zu 25 Prozent würden es die Kunden nicht einmal merken. Das wissen Fachleute aus Tests mit zucker- und salzreduzierten Produkten. Aber Rewe will vielleicht mit seiner Kampagne etwas anderes, und es wäre spannend, das herauszufinden.

 

Schokopudding: Das Testergebnis von Quarkundso.de

Kleine Puddingbecher, geöffnet, von oben

Harte Arbeit im Labor von Quarkundso.de: Wir testen natürlich selbst.

Am Ende kommen wir endlich zur Sache, zum Pudding.

Den haben wir natürlich selbst getestet. Die Chefredakteurin ist sofort nach Beginn der Aktion in den örtlichen Rewe gestürmt, um sich eine Probenbatterie zu sichern.

Hier unsere Bewertung:

Original: pappsüß, unerträglich, würden wir nie freiwillig kaufen oder essen.

Minus 20 Prozent: immer noch pappsüß, geht auch nicht.

Minus 30 Prozent: interessanter, Schoko und Milch kommen mehr durch, schmeckt aber auch etwas mehlig. Da haben sie bestimmt irgendwas zum Füllen rein. Abgelehnt.

Minus 40 Prozent: schokoladig, nur dezent süß. Kann man essen. Muss man aber nicht kaufen.

Überflüssig zu sagen, dass wir keine Stammkäufer des Puddings von Rewe sind und das auch nicht werden. Aber natürlich haben wir wahrheitsgemäß für „minus 40 Prozent Zucker“ abgestimmt. Es ist ja für einen guten Zweck.

Dabei bekommt man auf der Seite von Rewe einen Zwischenstand: Am 18.1.2018 lag der Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker vorne.

Das zeigt – ja, was? Keine Ahnung.

Hätte man Rewe fragen müssen, also der WDR-Autor, natürlich.

Wir nicht. Wir arbeiten klandestin und gehen tatsächlich davon aus, dass die Zucker-Aktivisten diesen Test, wie oben beschrieben, für sich entdeckt haben.

Und dass in den Rewe-Läden sowieso nur die Leute probieren, die Neuem gegenüber aufgeschlossen und generell nicht so scharf auf Süßes sind. Wobei interessanterweise trotz des von Dr. Lück kritisierten Rewe-Testdesigns dasselbe herauskommt wie beim WDR-Versuch in anderer Reihenfolge.

Ansonsten finden wir den Test schlicht gut. Die Idee ist klasse. Die Perspektiven, die sich bieten, sind spannend – sofern man Supermarktprodukte und Fertiggerichte kauft oder ein Interesse daran hat.

Haben wir nicht, kaufen wir nicht, essen wir nicht. Aber den Test kann man mitmachen, er geht bis zum 12.2.2018. Daher, Fans und Freunde, stimmt ab! Danach kann man Rewe beim Wort nehmen.

©Johanna Bayer

 

*DISCLAIMER Falls der O-Ton von Frau Vogelpohl vom Autor nur zusammengeschnitten und gekürzt wurde, dann ist natürlich nur er Schuld. Und nix für ungut. Allerdings sieht es nicht danach aus. Frau Vogelpohl präsentiert ihre Aussage zusammenhängend und mit Überzeugung.

 

Der Beitrag des WDR in der Reihe Servicezeit vom 16.1.2018

Rewe-Webseite zur Kampagne, mit Test

Kleiner Nachtrag: Was die anderen sagen – Prof. Dr. Martin Smollich, Pharmazeut und Experte für Pharmanutrition auf Twitter zu Quarkundso.de:

Die Deutsche Diabetes-Hilfe findet, dass der Test eine gute Idee von Rewe ist, sie schreibt auf Twitter:

AKTUELL 19.2.2018: Der Test ist entschieden,

Ergebnis: Der Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker gewinnt, jeder zweite Teilnehmer stimmte dafür. Nur 5 Prozent waren für das süße Original, an zweiter Stelle landete die um 40 Prozent reduzierte Variante. Interessant, nicht wahr? Die ganzen Kunden bei Rewe haben also jahrelang einen Pudding gekauft, den sie gar nicht mögen! Das heißt das doch, oder? Rewe hat bislang nur eine nüchterne Presserklärung herausgegeben – es bleibt also spannend.

Vorsicht Gift! SPIEGEL online warnt vor Weihnachtsplätzchen

Es ist schon ein Ritual: vor traditionellem Essen warnen, besonders zu Weihnachten. Beim Spiegel schlagen sie diesmal mit Weihnachtsplätzchen komplett über die Stränge: Acrylamid, Salmonellen, Schimmelpilze, Leberschaden, teils wirr zusammengeschustert. Aber Quarkundso.de bringt Licht ins Dunkel. Und gibt allen Lesern praktischen Rat für das Fest: einfach unseren Risiko-Neutralisator einschalten. Dann kann nichts schiefgehen.

 

Nahaufnahme; Zimtsterne, Nüsse, Zimtstangen

Lecker, aber gefährlich? Zimtsterne. Bild: Pixabay

Es geht auf Weihnachten zu.

Gefühlige, besinnliche und gemütliche Themen sind gefragt, was mit Tradition und natürlich mit Essen.

Viel Essen: Stollen, Plätzchen, Lebkuchen, Glühwein, Feuerzangenbowle, Gänsebraten. „Comfort Food“ eben, Essen, das gute Gefühle macht.

Herrlich.

Allerdings gibt es auch die andere, die dunkle Seite des Essens: überall lauert Gift.

Deshalb hat Spiegel online pünktlich am Nikolaustag vor Weihnachtsplätzchen gewarnt: Sie enthalten laut Spiegel so viele potenziell gefährliche Stoffe, dass Experten bedenklich die Stirn runzeln und man wirklich aufpassen sollte.

 

Salmonellen, Schimmelpilze, Leberschaden

Größte Gefahr: das heimtückische Acrylamid, Aufhänger des Beitrags mit dem vielversprechenden Titel:

Acrylamid reduzieren
So gelingen gesündere Weihnachtsplätzchen

Den Stoff panscht keineswegs die Industrie das Acrylamid ins Backwerk, nein, er entsteht auch beim Selbermachen, aber Achtung: Zucker, Gewürze, Mandeln und Hirschhornsalz, die traditionellen Zutaten, lassen den Acrylamidgehalt noch mehr in die Höhe schießen, referiert der Spiegel gewissenhaft.

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Aber Acrylamid, Aufhänger des Beitrags, ist der Redaktion nicht genug.

Es folgt der ganz große Rundumschlag gegen die Weihnachtsbäckerei:

Vorsicht vor Zimt wegen Cumarin, dann sind noch Salmonellen in Eiern zu bedenken – sofort alles abspülen, was mit Ei in Kontakt gekommen ist und Kinder keinen rohen Teig naschen lassen! Und natürlich muss man auch bei Nüssen aufpassen, wegen Schimmelgiften.

Dicker auftragen kann man nicht.

Wirres Hin und Her

Mehr Unbehagen hervorrufen aber auch nicht.

Jetzt mal ehrlich – muss man die liebgewordene Hausmannskost vor Weihnachten so zwanghaft durch die Mangel der Lebensmittelsicherheit drehen?

Zumal Salmonelleninfektionen weit überwiegend im Sommer vorkommen und Zimt ein traditionelles Gewürz ist, an dem noch niemand gestorben ist, wenn er sich nicht gerade reines Zimtpulver reinlöffelt. Das hat gelegentlich als dümmliche Mutprobe schon Jugendliche ins Koma gestürzt. Es geht dabei allerdings um das Ersticken an dem reinen Pulver und nicht um den Inhaltsstoff Cumarin, das nur am Rande.

Vor allem aber: Warum bleibt die Redaktion nicht bei Acrylamid, wie angekündigt? Das ist doch Thema genug, steht im Titel und man hätte hier die Lage mal sinnvoll sondieren können. Stattdessen klotzt der Autor in den Artikel einfach alles rein, was sich an Angstmachern finden lässt.

Nicht, dass das neu wäre – es ist tatsächlich ein wiederkehrendes Ritual. Seit Jahren nudeln alle, von T-Online über Verbraucherzentralen bis zu seriösen oder weniger seriösen Blättern, im Advent den Kanon ab: Vorsicht vor Zimt, Eiern und rohem Teig, Achtung, Nüsse können mit Schimmel belastet sein.

 

Expertise im eigenen Haus

Speziell was den Zimt angeht, weiß es der Spiegel aber eigentlich besser.

Denn Spiegel-Redakteurin Julia Merlot hat schon 2012 und 2016 die ganze Hysterie um Zimt vom Kopf auf die Füße gestellt. Sie hat sogar ein richtiges Buch über allerlei Mythen zur Gesundheit geschrieben.

Bei Zimt stellt sie klar: Das Cumarin in Zimt wird nur dann ein Problem, wenn man es in ungewöhnlich hohen Dosen aufnimmt, nämlich als Medikament.

Denn, oh Wunder, Cumarin ist ein Heilwirkstoff. Er steckt in Mitteln gegen Veneninsuffizienz und koronare Herzkrankheit, gegen Schuppenflechte und Lymphödem. Dann aber hochdosiert, und nur wer solche Mittel einnimmt, sollte mit allzu vielen Zimtsternen vor Weihnachten vielleicht aufpassen.

Vielleicht. Denn in Zimt, einem der beliebtesten Gewürze überhaupt, steckt je nach Sorte gar nicht so viel Cumarin, dass es für Erwachsene gefährlich werden könnte. Für Kinder vielleicht, aber wirkliche Leberschäden durch Zimt in Lebensmitteln sind noch nie beobachtet worden. Auch nicht bei Kindern.

Die haben nur Tiere bekommen, denen man den isolierten Stoff Cumarin in großen Mengen zu geführt hat, wie man das halt so macht, in diesen Tierversuchen.

Zweimal hat Julia Merlot das alles zusammengetragen, im Spiegel. Aber jetzt wärmt irgendein Serviceredakteur (Name unbekannt), die olle Kamelle wieder auf: „Experten empfehlen, Zimt nur in Maßen zu verwenden“ – und verlinkt als Beleg dafür ausgerechnet auf Merlots Artikel von 2016:

„Nachdem das BfR Cumarin in Zimt 2012 neu bewertet hat, dürfen Erwachsene bei Zimtsternen offiziell wieder großzügig zugreifen: 24 kleine Kekse (120 Gramm) am Tag hält das BfR bei einem 60 Kilo schweren Erwachsenen für vertretbar, zumindest, wenn er ansonsten keinen Zimt verzehrt. 2006 waren es nur acht (ungefähr 40 Gramm).

Besonders schön aus Sicht aller Naschkatzen: Diese Menge Zimtsterne kann man theoretisch das ganze Jahr über jeden Tag aufnehmen, ohne Gesundheitsschäden durch Cumarin befürchten zu müssen. Aber das ziehen wohl nicht mal die härtesten Zimtsternfans durch.

Die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (Efsa) kam zudem zum Schluss, dass man über einen Zeitraum von ein bis zwei Wochen die dreifache Menge Cumarin aufnehmen darf, ohne dass Gesundheitsschäden drohen. Wer es in der Adventszeit also übertrieben hat mit Lebkuchen, Glühwein und Zimtsternen, muss sich nicht sorgen.“

Da wirkt es doch einigermaßen wirr, wenn der Spiegel zu Weihnachten 2017 vor Zimt warnt. Zumindest hat der übereifrige Serviceredakteur beim billigen Ausschlachten des Saisonthemas den Artikel der Kollegin vor dem Verlinken gar nicht erst gelesen.

 

Es trifft auch die Guten: Knäckebrot mit Körnern. Und Acrylamid.

 

Acrylamid: Schluss mit Wohlfühlfutter?

Wirklich schade ist auch, dass er bei Acrylamid nicht nachgehakt oder, besser noch, Frau Merlot drangesetzt hat. Die hätte das vernünftig aufgeklärt.

Jetzt muss wieder Quarkundso.de die ganze Arbeit machen.

Weil es aber um nichts weniger als die Esskultur geht, und das nicht nur zur Weihnachtszeit, springen wir selbstverständlich gerne ein.

Denn von der Acrylamid-Warnung sind wahrlich nicht nur Kekse und Weihnachtsplätzchen betroffen. Es geht auch um Pommes frites, Bratkartoffeln, Rösti, Toastbrot, Cornflakes, geröstete Müslis und Crunchies, Müsliriegel, Zwieback und Knäckebrot, sogar Kaffee und Kakao.

Das ist der blanke Horror. Einerseits.

Andererseits ist die Sache nur aufgekommen, weil schwedische Wissenschaftler 2002 die Substanz überraschend in Pommes gefunden haben.

Weil Acrylamid als synthetischer Stoff nicht unbekannt ist, sondern in Plastik oder bei der Wasseraufbereitung verwendet wird, gab es Alarm.

Denn aus der Industrie war bekannt, dass der Stoff über die Haut aufgenommen und eingeatmet wird. Arbeiter in China zeigten Nervenschäden, mit dem Stoff gefütterte Mäuse und Ratten bekamen Krebs.

Pommes frites, nah

Fritten – auf dem Acrylamid-Index.

Noch 1985 war die WHO aber davon überzeugt, dass Acrylamid in der Natur überhaupt nicht vorkommt, erst recht nicht in Lebensmitteln.

Deshalb waren die schwedischen Funde ein Aufreger erster Güte, bis sich herausstellte, dass Acrylamid beim Backen oder Braten von stärkehaltigen Lebensmitteln ganz natürlich entsteht.

Auch in den guten Lebensmitteln wohlgemerkt, von denen doch alle möglichst viel und immer mehr verzehren sollen, nämlich in Getreide und Kartoffeln.

Das war ein Rückschlag.

Aber „aus Gründen des vorsorgenden Gesundheitsschutzes“ haben die EU-Behörden im September 2017 Imbissbuden und Industrie vorgeschrieben, den Acrylamidgehalt in Pommes, Knäckebrot, Chips, Müsliriegeln und Keksen zu senken.

Nur sicherheitshalber, und ohne Grenzwert oder Richtlinie zur Menge, die tolerabel oder gefährlich wäre.

Man muss das ganz klarstellen.

Denn es ist weder beobachtet worden, dass Menschen, die viel Knäckebrot, Zwieback oder Pommes frites essen, öfter Krebs haben oder besondere Krebsarten im Verdauungstrakt entwickeln.

Noch konnten Forscher mit normalen Lebensmitteln, die natürliche Mengen von Acrylamid enthalten, im Tierversuch Krebs auslösen. Das ging nur mit dem reinen Chemie-Stoff, pur und in großen Mengen verfüttert.

 

Triviale Ratschläge, kein Grenzwert

Toastbrotscheiben im Toaster, nah

Schluss mit Kruste: Toast nicht anbrennen lassen. Nur noch vergolden. Ob das so noch durchgeht?

Deshalb gab es natürlich Proteste von denen, die betroffen waren, als die EU-Beamten die Paragraphen meißelten: Frittenbuden und Imbissketten, Restaurants, Bäcker, Industrie.

Die Vorschrift kam trotzdem.

Und damit jede Menge trivialer Ratschläge von Verbraucherschützern und Bedenkenträgern aller Art, auch für zuhause: Weihnachtsplätzchen nicht zu dunkel backen, Toast nicht anbrennen lassen!

Aber wer isst schon angebrannte Plätzchen?

Die schmecken doch nicht, sind steinhart und peinlich sind sie außerdem. Alle Hobbybäcker achten darauf, dass die Plätzchen schön golden aus dem Ofen kommen, und nicht verkokelt.

Dumm ist auch, dass es bis heute keinen Grenzwert gibt und nicht einmal einen Richtwert. Denn Acrylamid ist offiziell nur als wahrscheinlich krebserregend eingestuft, nicht als sicher – freilich nur der Stoff aus der Industrie. Nicht das, was natürlich in Lebensmitteln entsteht. Bei zubereitetem Essen sieht es ganz so aus, als sei das Acrylamid darin nicht krebserregend.

Deshalb müssen die Behörden ganz schön rumeiern. Das tut auch das deutsche Bundesinstitut für Risikobewertung. Das ist zuständig in der Sache und hat jetzt den Salat.

Auf einer FAQ-Seite warnt das BfR pflichtbewusst vor dem frisch inkriminierten Stoff. Aber die Zahlen, die es dazu angibt, zeigen, dass die mit der Nahrung aufgenommenen Mengen bei Menschen nicht im Entferntesten an die Dosen heranreichen, die Versuchstieren verfüttert wurden.

Die Daten: 300 bis 10.000 Mikrogramm reines synthetisches Acrylamid pro Kilo Körpergewicht macht bei Tieren Krebs.

Durchschnittliche Menge, die Menschen natürlich durch Gebackenes, Gebratenes oder Frittiertes aufnehmen: 0,3 bis 0,8 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht.

Noch dazu lautet das Ergebnis aller Beobachtungsstudien am Menschen bisher:

Festzustellen ist in diesem Kontext, dass epidemiologisch bisher kein eindeutiger Zusammenhang zwischen Krebserkrankungen und der Acrylamid-Exposition nachgewiesen werden konnte. Möglicherweise ist das Risiko einer Krebsentstehung – sofern beim Menschen vorhanden – bei der gegebenen Exposition praktisch kaum nachweisbar. (Quelle: BfR, Acrylamid in Lebensmitteln, erg. 21.1.2013)

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Deshalb gibt es bis heute keinen Richtwert zur Aufnahme oder einen Grenzwert für Lebensmittel. Und das BfR muss sich, was die Gefährdung angeht, auf Acrylamid als Stoff in der Industrie beziehen. Nicht auf natürliches Acrylamid aus Fritten oder Knäckebrot.

Das ist irreführend und verunsichert die Verbraucher. Gibt es nicht genügend handfeste Gefahren rund ums Essen und generell im Leben, vor denen man sinnvoll warnen könnte?

Scheinbar nicht, wie wir noch sehen werden.

 

 

Rechenspaß mit Risiko

Damit aber überhaupt etwas rumkommt, bietet das BfR wenigstens Service an: einen Acrylamid-Rechner.

Er besteht aus einer Excel-Tabelle und sieht aus wie im Fachreferat selbst gebastelt, weil kein Etat für eine kundenfreundliche Online-Programmierung da ist. Eigentlich auch lustig.

Jedenfalls gibt man sein Gewicht an, und wie oft und wie viel Müsli, Pommes frites oder Knabbergebäck man isst, dann bekommt man einen Wert.

Natürlich hat die Abteilung Experimentelles bei Quarkundso.de den Test sofort gemacht. Ergebnis: Unsere Acrylamid-Aufnahme liegt um 42 Prozent niedriger liegt als die von Berliner Schülern.

Was will uns das sagen? Nichts. Einfach gar nichts. Es gibt ja keinen Richtwert.

Der Gesamtdurchschnitt der Deutschen liegt bei den erwähnten 0,3 bis 0,8 Mikrogramm pro Kilo Körpergewicht, wir liegen am unteren Durchschnitt.

Wer höher liegt, darf sich vom BfR fragen lassen, ob er sein Risiko denn reduzieren möchte. Falls ja, dann einfach weniger Pommes und Kekse essen – und Toast nicht anbrennen lassen. Das ist aber wirklich freiwillig. Denn einen Grenzwert… wir wiederholen uns.

Seltsamerweise empfiehlt das BfR übrigens nicht, mit dem Rauchen aufzuhören. Es fragt im Rechner auch nicht ab, ob und wie viel man raucht. Raucher nehmen nämlich mehr als doppelt so viel Acrylamid wie Nichtraucher auf, oft sogar drei- bis fünfmal mehr:

Die stärkste für die Allgemeinbevölkerung zu berücksichtigende Acrylamidquelle ist das Rauchen. Es wird geschätzt, dass Raucher täglich mit 0,5 bis 2 Mikrogramm Acrylamid pro Kilogramm Körpergewicht belastet werden. (Quelle, BfR, FAQ zu Acylamid)

Das steht zwar irgendwo in einem FAQ-Text der BfR auf der Seite.

Nur so richtig in die Ratschläge kommt es nicht. Erstaunlich ist das schon – Millionen von Menschen die Freude an Fritten, Weihnachtsplätzchen und Toast vermiesen, aber die Zigaretten davonkommen lassen?

Rauchen, schreibt die deutsche Krebsgesellschaft, ist die häufigste vermeidbare Todesursache in den Industrieländern.

Wir lassen das mal so stehen.

 

Der Risiko-Neutralisator von Quarkundso.de

Aber natürlich muss es noch ein versöhnliches weihnachtliches Schlusswort geben. Und einen Ausblick auf das neue Jahr.

Fangen wir mit dem Ausblick an: Im neuen Jahr werden wir uns genauer mit diesen Risiko-Warnungen beschäftigen: Was ist an Essen wirklich gefährlich? Und warum?

Unseres Wissens sind es übrigens die überflüssigen Kalorien, gerade bei Plätzchen, Fritten, Toastbrot, Knabbergebäck und Chips. Vor zu vielen Kalorien hat aber in den oben genannten Zusammenhängen keiner gewarnt, weder Spiegel online noch das BfR.

Wir werden das lückenlos aufklären. Das ist Chefsache, und auch die Fettbeauftragte wird aktiv mitwirken.

Bis dahin gilt: Wenn man zu Weihnachten mit den Kalorien über die Stränge haut und für den Rest des Jahres das Gewicht im Lot ist, gibt es von Quarkundso.de die Lizenz zum Fressen: Plätzchen, Stollen, eine gute Weihnachtsgans und Schokolade sind dann überhaupt kein Problem.

Unsere guten Wünsche zu Weihnachten verbinden wir daher mit dem Risiko-Neutralisator von Quarkundso.de. Wenden Sie ihn über die Feiertage bei jeder Mahlzeit an:

Ein gutes Weihnachtsessen ist automatisch gesund.

Alle traditionellen Zubereitungsweisen sind unschädlich.

Wer selbst kocht, macht alles richtig.

Dieser Risiko-Neutralisator gilt bis zum Ende der weihnachtlichen Festzeit und wird zu Ostern wieder aktiviert.

Frohes Fest!

©Johanna Bayer

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LINKS

Spiegel online warnt vor Weihnachtsplätzchen

Spiegel online gibt Entwarnung bei Zimtsternen und Weihnachtsgebäck, Artikel von Julia Merlot

Das BfR zu Acrylamid samt Risikorechner

 

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