Archiv der Kategorie: Das Essen der Anderen

Alle Menschen müssen essen. Aber nicht alle dasselbe. In dieser Rubrik geht es um Essen aus und in anderen Ländern, verschiedenen Küchenstilen oder Weltanschauungen.

Auf Twitter: Frau Künast empört sich über Balsamico-Creme – aber aus dem falschen Grund

Balsamico, das Maggi der Hipster, steckt in allerlei Mischungen, die im Supermarkt als Salatsoße durchgehen. Die grüne Ex-Ministerin Renate Künast empört sich darüber, dass in dem Zeug Zucker steckt – damit blamiert sie sich gründlich.

Wenn er echt ist, ist er eine Rarität: italienischer Balsam-Essig, genannte Aceto balsamico / Bild: Harry Axalant

 

Natürlich besprechen wir auf Quarkundso.de auch Einlassungen aus den sozialen Medien. Schließlich brummt dort die Aufmerksamkeitsindustrie und prominente Akteure melden sich zu Wort.

Nun hat Renate Künast, Grüne, Juristin und außerdem Ernährungsministerin a.D., auf Twitter einen eigenen Hashtag geprägt: die #ZuckerbombederWoche.

Künast, die sich selbst „Foodie“ nennt, ist um Ernährung stets sehr bemüht und das mit dem Zucker ist ihr Steckenpferd: Sie ist für eine Zuckersteuer, für Ernährungsampel und NutriScore, und überhaupt für gesundes Essen mit weniger von allem – Kalorien, Salz, Fett und natürlich Zucker.

Zucker, die Qualitätsleser von Quarkundso.de wissen es, ist diese große Verschwörung, das weiße Gift, das süchtig macht und das uns die Lebensmittelmultis heimlich ins Essen mischen*. Es steckt einfach überall drin, ob die unschuldigen Verbraucher es wollen oder nicht. Und natürlich wollen sie es nicht.

Das glauben Aktivisten von Foodwatch ebenso wie Frau Künast und viele andere.

*Wir verweisen auf unser großes Zucker-Dossier und gehen auf die Diskussion hier nicht weiter ein.

 

Qualen nach Zahlen

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Unter ihrem neuen Hashtag hat Frau Künast schon zwei Bomben ausgemacht – Lebensmittel, in die aus ihrer Sicht kein oder viel weniger Zucker gehören. Das erste war ein Jogurt mit 14 Gramm Zucker auf 100 Gramm Jogurt.

Das sei schon ein Drittel der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Tagesmenge, grollt die Grüne.

Naja – die Tagesmenge kann doch nicht wirklich ein Problem sein. Schließlich können die Kunden selbst rechnen und nach Lektüre der Packungsangaben nur ihren Zuckerkonsum anpassen.

Also keine Schokolade mehr, kein Eis, kein Kuchen am Nachmittag, kein Zucker in den Kaffee. Zucker sparen kann nämlich jeder.

Aber das ist unzumutbar, so die Denke von Künast und Konsorten: Disziplin ist dem einfachen Bürger auf keinen Fall abzuverlangen. Stattdessen soll lieber die Industrie das Süße aus den Produkten nehmen, was diese wiederum heftig ablehnt.

Man will ja was verkaufen.

Das nehmen die Gesundheitsaktivisten der Industrie übel, und sie werden nicht müde, den Zuckergehalt in Lebensmitteln anzuprangern.

 

Peinlich, Frau Ex-Ministerin

Die Zuckerbombe am 22.7.2020 war nun diese hier: eine braune, klebrige Flüssigkeit in einer Plastikflasche, erhältlich bei Edeka, wie dem Etikett zu entnehmen ist.

Frau Künast, die vermutlich gerade im Supermarkt nach einem Essig suchte, macht in den Nährwertangaben auf dem Etikett ganze 43 Prozent Zucker aus, fast die Hälfte.

Entsprechend empört sich die Ex-Ministerin und alarmiert gleich die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ebenso wie FAZ, SZ und Tagesspiegel sowie die großen Nachrichtenagenturen dpa und AFP.

 

In diesem Kreis hat sich Frau Künast jetzt gründlich blamiert.

Denn das, was sie auf Twitter an den Pranger stellte, ist gar kein Essig. Deshalb steht auch nicht „Essig“ drauf. Nur das unverfängliche Wort „Creme“ ist auf dem Flasche zu sehen.

Und zwar aus gutem Grund.

Die dickflüssige, süß-klebrige Soße ist nur eine Würze, die aus allerlei Grundstoffen zusammengemischt werden darf. Sie kann deshalb nicht als Essig bezeichnet werden und ähnelt eher Salatsoßen und Fertigdressings.

Das sieht man auch daran, dass kein Säuregehalt auf dem Etikett steht. Bei echtem Essig ist das Pflicht, dafür gibt es sogar eine Essigverordnung im Gesetz. Auch stecken die Verdickungsmittel Xanthan und modifizierte Stärke in der abgebildeten Quetschflasche aus dem Supermarkt, wie auf dem Etikett ebenfalls zu lesen ist.

Wer einen guten Essig sucht, fasst so etwas nicht mit der Kneifzange an.

Übrigens steht auch auf der Vorderseite der von Künast inkriminierten Flasche nur die Bezeichnung „EDEKA Italia Crema con Aceto Balsamico di Modena I.G.P“. Das hat die Abteilung Recherche und Dokumentation der Vollständigkeit halber ermittelt.

Also nix mit Essig.

 

Balsamico ist das Maggi der Hipster

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Frau Künast hat die Pampe aber für edlen italienischen Balsamico gehalten, sie spricht von „cremigem Essig“ – und ihre Empörung darüber ist komplett haltlos.

Denn auch in reinem Aceto balsamico steckt sehr viel Zucker, oft sogar mehr als in der angeklagten Crema von Edeka.

Denn der echte Balsamico entsteht aus eingekochtem Traubenmost. Dessen natürlicher Zuckergehalt findet sich auf dem Etikett, oft beträgt er rund 20 Gramm auf 100 ml. Es können aber auch mehr als 50 (!) Gramm sein, je nach Alter und Art des – echten – Balsamicos.

Billige Sorten davon stehen in jedem Haushalt und in allen Pizzerien, als eine Art Maggi für Hipster – das Zeug kommt einfach überall rein. Nur nicht in Italien, echter Aceto balsamico ist nämlich sehr teuer und wird dort nur in homöopathischen Dosen verwendet.

Produktangaben von Qualitätsherstellern zeigen, welche Zuckerbomben die echten Balsamicos sein können: Die italienische Traditionsmarke Giusti führt einen hochwertigen Balsamico, in dem – Achtung, Frau Künast! – 62 Gramm Zucker pro 100 ml stecken.

 

Eine deutsche Liebe: Salat mit süßer Soße

Ertränkt in süßer Balsamico-Creme: Tomate-Mozzarella nach Art der Teutonen. Bild: Leo_65

Anders als der echte Aceto balsamico haben süße Würzsoßen der Art „Crema“, die in deutschen Supermärkten meterweise in den Regalen stehen, in Italien aber keine Tradition.

Das denken die Deutschen nur, weshalb clevere italienische Hersteller ein Bombengeschäft machen, auch mit Zubereitungen wie „Condimento bianco“ – eine weiße, süßliche Salatwürze mit mehr oder weniger Essig, die ebenfalls in diese Klasse von pseudo-italienischen Salatsoßen gehört.

All diese Mixturen, Condimentos und Cremas sind extra für den ausländischen Markt entwickelt worden: In den USA und in Deutschland mag man es gerne süß auf dem Salat, anders als in Italien.

So schüttet man bei uns die klebrige Creme über Tomaten, Salat, allerlei Rohkost oder Mozzarella, auch dekoriert man damit Teller, wobei das pappige Zeug Nudeln und Steaks ekelhaft kontaminiert.

Die Wirte italienischer Lokale in Deutschland haben längst begriffen, was sich die ansässige Bevölkerung unter „italienisch“ vorstellt. Sie geben lächelnd Tropfen aus Plastikflaschen auf Bruschetta, Salat und Tomaten, was soll`s, die Kunden wollen es so, wenn es sein muss, kriegen sie ja auch Pizza Hawaii.

Wenn schon, sollte sich Frau Künast darüber empören: Über diese kulturlose Panscherei unter dem Etikett „echt italienisch“, und über den Zwang der Deutschen, vom Fleisch über Gemüse bis hin zum Salat alles aufzusüßen.

 

Guter Essig ist ein Muss – und nie süß

Soweit die dürren Fakten aus der Warenkunde und zu den kulinarischen Vorlieben der Teutonen. Angesichts dieser Lage wird es Frau Künast nicht gelingen, wegen süßer Salatsoße eine Welle loszutreten.

Auch muss sich die Industrie nicht vorwerfen lassen, sie habe heimlich Zucker in ein Produkt gemischt, in das er nicht gehört.

Das aber erhoffte sich die Juristin Künast: Auf Twitter argumentierte sie sogar mit Täuschungsabsicht – ein „Trick“ sei es, die Crema mit „Aceto balsamico“ aufzuhübschen, um die Verbraucher auf die falsche Fährte zu locken. Denn die könnten die „Crema con Aceto balsamico“ für echten Essig halten.

 

 

 

 

 

 

 

Nun ja. Lesen wird man den Kunden im Supermarkt wohl noch zumuten dürfen.

Aber von der grünen Fachfrau hätte man eigentlich erwartet, dass sie als „Foodie“ etwas mehr kulinarische Bildung besitzt. Mindestens sollte sie wissen, was echter Essig ist und was nicht. Der wiederum ist ein absolutes Muss in der guten Küche, und zwar in Form eines Basisessigs.

Wir haben das schon mehrfach abgehandelt, insbesondere in den Beiträge zu Spargel mit Sauce hollandaise und Kochen im Urlaub – bitte umgehend nachlesen, wird abgefragt.

Hauptbotschaft ist jeweils: Der unentbehrliche Basisessig ist nie süß und vorzugsweise Weißweinessig aus Frankreich – auf keinen Fall gruseliges Condimento oder klebrige Crema mit Was-auch-immer.

©Johanna Bayer

Warenkunde: Die Stiftung Warentest über Aceto balsamico und gewisse abwegige Spielarten

Corona und Kochen: Pimp Dein Essen mit Quarkundso.de!

Der Corona-Kochkurs von Quarkundso.de geht los. Er vermittelt die wichtigsten Prinzipien für das Kochen – nicht nur in Krisenzeiten. Denn die eiserne Grundregel gilt immer: Was einfach ist, muss trotzdem schmecken.

Teller, weiß, mit Suppenteller, darin Eintopf, Nebenteller, Besteck.

Immer nur Eintopf ist öde – da geht mehr.

Langsam geht es aufwärts mit den Lockerungen. Aber die zweite Corona-Welle kommt bestimmt, außerdem drohen Klimawandel und andere Katastrophen, kurz und gut: Kochen kann nie schaden.

Der Lehrgang von Quarkundso.de vermittelt daher die wichtigsten Grundkenntnisse zum Kochen und Essen in Krisenzeiten.

Sie funktionieren aber auch sonst – wenn viele hungrige Mäuler zu füttern sind, wenn es schnell gehen soll, wenn Manieren, Esskultur und Geschmack beigebogen werden müssen, wenn man wenig Geld hat oder wenn man alleine isst und trotzdem genießen will.

Natürlich gibt es hier nicht die üblichen Rezepte.

Stattdessen erhalten die Qualitätsleser von Quarkundso.de Strukturhilfe: Prinzipien, auf denen man aufbauen kann. Es geht dabei um ein Basisniveau, unter das niemand fallen darf, selbst wenn es einmal Tütensuppe oder Fertigpizza sein sollten.

Dabei richten wir uns dezidiert gegen Plumpsküche und Tipps für „gesunde Ernährung“ aus einschlägigen Portalen. Und wir sind, wie immer, völlig undogmatisch. Unser einziges Leitkriterium ist der gute Geschmack: Pimp Dein Essen mit Quarkundso.de!

 

Die Grundfrage: Was ist Kochen?

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Schließlich kommt der Geschmack vor dem Kochen: Ein Baby lernt sofort nach der Geburt Schmecken und Essen, während bis zum Kochen gut und gern 20 Jahre vergehen.

Die Prägung in der Kindheit ist aber entscheidend und bestimmt das ganze Leben. Daher liegt es an den Eltern, wenn ihre Brut nur Pommes und Chicken Nuggets fordert, aber bei Fisch, Gemüse und Pilzen plärrt „Iiiiiihhh, mach das weg!!!“.

Tatsächlich verstehen viele Erwachsenen unter Kochen nur Stullen schmieren und Tüten aufreißen, wie wir im letzten Beitrag illustriert haben, kein Wunder, dass die Kinder keinen Geschmack entwickeln können.

Daher beginnen wir in der ersten Lektion des Kochkurses von Grund auf, mit der entscheidenden Frage: Was ist Kochen?

Unsere Antwort ist sehr einfach: Kochen ist das Zubereiten von Speisen.

Anders gewendet: Kochen ist das Bearbeiten von Lebensmitteln, um sie wohlschmeckend und bekömmlich zu machen.

Beide Definitionen sind nicht trivial.

In der ersten Variante geht es um Speisen, und zwar definierte Gerichte wie Gulasch, Risotto, Hühnersuppe oder Soufflee. Irgendetwas zusammenzuschütten, was gerade im Kühlschrank steht, oder das Öffnen von Dosen ist daher kein Kochen – diesen ersten Lehrsatz schreiben jetzt bitte alle mit:

Irgendwas zusammenschütten ist kein Kochen.

 

„Geschmack, Geschmack und nochmal Geschmack“

In der zweiten Variante der Definition steckt das Bearbeiten. Es verlangt, dass man mit den Lebensmitteln etwas anstellt. Wieder schließt es reines Tütenaufreißen aus, ebenso grobe, ungewürzte Rohkost.

Mit Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit stellt diese zweite Definition aber die beiden einzigen Kriterien fürs Kochen und damit den zweiten Lehrsatz, bitte mitschreiben:

Die Ziele des Kochens sind Geschmack und Bekömmlichkeit.

Alle anderen Attribute, die bei Definitionsversuchen gerne genannt werden, darunter das ominöse „gesund“, aber auch „ökologisch“ oder „nachhaltig“, sind Merkmale der Zutaten, des Ernährungsmusters oder des Lebensstils insgesamt. Nicht des Kochens. *

Dass die Speisen aber bekömmlich sind, also nicht schädlich, und dazu gut verdaulich, versteht sich von selbst – was ich nicht vertrage, esse ich nicht.

Also bleibt „wohlschmeckend“ als Kern der Kochkunst übrig.

Christian Jürgens, Drei-Sterne-Koch vom Tegernsee, hämmerte das in einer Kochshow auf VOX seinen Kandidaten ein: „Hier geht es nur um drei Dinge: Geschmack, Geschmack und nochmal Geschmack.“

 

Gesunde Ernährung: Salzlos, fettlos, ohne Reize

In dieser Hinsicht ist Deutschland ein kulinarisch unterentwickeltes Gebiet und muss aufgebaut werden. Denn zu einer von alters her primitiven Esskultur kommt hierzulande eine kollektive Gesundheitsneurose: Seit Jahrhunderten hängen die Deutschen asketischen Wasserheilern und Vollkornaposteln an.

Bis heute bestimmen diese Prediger die deutschen Ernährungsratschläge und folgerichtig die Kochrezepte in Corona-Zeiten: Vor allem „gesund“ muss es sein!

Doch leider bricht das, was sich Deutsche unter „gesund“ vorstellen, brutal mit den Naturgesetzen des Geschmacks: salzlos, fettlos, schlapp gegart, wässrig gedünstet, nicht scharf angebraten, ohne Kruste oder Bräunung, weitgehend ungewürzt und – die Kinder! – auf keinen Fall mit Alkohol.

Das ist das Todesurteil jeder guten Küche.

In kulinarisch entwickelten Ländern, etwa in Italien und Frankreich, den führenden Esskulturen Europas, wird stattdessen gewürzt, geschmort und gebraten, was das Zeug hält. Auch in Griechenland, Serbien oder Kroatien und überall, wo das Essen schmeckt, ist das so.

Und natürlich gehört Wein zum Würzen in die Gerichte, und zwar für alle, die am Tisch sitzen, ganz gleich, welchen Alters.

Fleisch mit Kruste, Soße mit Wein – so ist es korrekt.

 

Die ultimative Liste von Quarkundso.de

Nach dieser Lagebestimmung folgt die erste richtige Lektion: Gewürze und Zutaten nach Art des Hauses. Die folgende Liste enthält die Minimalausstattung für unseren Krisen-Kochkurs

  • Zwiebeln
  • Knoblauch
  • Thymian
  • Rosmarin
  • Oregano
  • Kümmel
  • Lorbeerblätter
  • Paprikapulver, edelsüß
  • Cayennepfeffer
  • schwarzer Pfeffer in ganzen Körnern, nicht als Pulver
  • Zitronen, naturrein
  • glatte Petersilie
  • eine Ingwer-Knolle
  • Salz
  • Zucker
  • Puderzucker
  • 2 Vanilleschoten oder Vanillezucker mit echter Vanille
  • Mehl
  • Eier, am besten bio
  • Butter
  • Sahne
  • Milch, und zwar Vollmilch mit mindestens 3,5 % Fett
  • Tomatenmark
  • Parmesan
  • gutes Olivenöl
  • neutrales Pflanzenöl
  • Weißweinessig ohne jedes Honig- oder Feigengedöns
  • scharfer Senf, ebenfalls ohne Honig- oder Feigengedöns
  • Weißwein, sehr trocken, mit etwas Säure
  • Rotwein, trocken
  • Likör, am besten Maraschino, sonst Amaretto, Cointreau oder Grand Marnier

Tabu, da bad taste und unnötig, sind:

  • fertige Gewürzmischungen wie Pizza-, Fisch-, Gulaschgewürz oder sonstige Zauberpulver.
  • süße Essige mit Traubenmost wie dieser unsägliche „Condimento Balsamico“, erfunden als Attrappe für den US-Markt und als „echt italienisch“ vertickt an die deutschen Supermarktkunden.
  • Fertigsoßen und Salatdressings aus der Tube. Die sind aus billigen Ersatzfetten, künstlich aromatisiert und aufgesüßt. Alle Salatdressings und Soßen können mit den Komponenten aus der Liste selbst gemacht werden.

Erlaubt, weil nützlich, sind dagegen:

  • körnige Rinderbrühe aus der Dose, also ein Suppenpulver, am besten aus dem Bioladen. Gemeint ist Fleischbrühe, nicht Gemüsebrühe. Letztere kann man nämlich sehr schnell selbst machen, indem man ein paar Karottenschalen und Reste von Suppengemüse auskocht.
  • weitere Zutaten wie saure Sahne oder Crème fraiche, Gewürze wie Rauchsalz, weißer Pfeffer oder geräuchertes Paprika-Pulver nach Wahl.
  • eine Ausnahme bei den Fertigsoßen: Pesto aus dem Glas. Wenn es wirklich mal ganz schnell gehen muss, darf man eins im Schrank haben. Qualitätsleser schauen aber bitte vorher nach, wer schummelt. Beim letzten Pesto-Test der Stiftung Warentest 2013 fielen fast alle durch, nur wenige erhielten ein „gut“, darunter ausgerechnet die Pestos von Aldi und Rewe. Aktuelle Tests sind online.
  • Dosen und gute Convenience-Produkte wie Nudeln, geschälte oder passierte Tomaten, außerdem alle Arten von Bohnen, Erbsen und Karotten sowie Tiefkühlgemüse.

 

Von den üblichen Geräten – Pfeffermühle, Messer, Reibe, Töpfe, Pfannen – gehen wir aus.

 

Richtig garen, richtig würzen

Brett mit Knoblauchzehe, Rosmarinzweig, Pfefferkörnern in einem Löffel, Chilischote

Würzen ist nicht trivial.

Weiter ist zum Einkaufen nichts zu sagen.

Mit marktüblichem Gemüse, Fleisch, Fisch, Kartoffeln und Obst, Nudeln und Reis sowie den oben genannten Zutaten kann jeder echte Gerichte kochen, und zwar ohne dass in Luxusware investiert werden muss.

Denn auch aus mittelmäßigem, sogar minderwertigem Ausgangsmaterial kann man Essen machen: Wer kochen kann, erzeugt Geschmack.

Das wäre der dritte Lehrsatz, und so hat es der berühmteste Koch der Welt, Jahrhunderttalent Paul Bocuse, gesagt.

Der antwortete auf die Frage, was Kochen ist, lakonisch:

„Richtig garen – richtig würzen.“

Beides ist kein Kinderspiel, sondern verlangt Übung und Fingerspitzengefühl. Fleisch oder Fisch richtig braten oder Soßen perfekt abschmecken ist aber für nicht wenige Kochanfänger Stress pur. Den umgehen sie lieber, indem sie eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben oder eine Tube über ihren Nudeln ausquetschen.

Laut Christoph Minhoff, Verbandssprecher der Lebensmittelindustrie, bewältigen viele nicht einmal das Kochen von Kartoffeln. Das halten wir allerdings für absichtlich übertrieben. An Kartoffeln kann man nicht scheitern: in kaltem Wasser aufsetzen, Salz dazu, kochen lassen, fertig.

Ob man sie geschält oder ungeschält kocht, ob man festkochende oder mehlig kochende nimmt, ist für den Anfang völlig egal. Der Rest ist nur Übung.

 

Kochen ist schön. Macht aber viel Arbeit.

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Damit wären wir beim zweiten Teil des Grundkurses, der Mahlzeit selbst.

Neben dem Stress durch das Kochen selbst baut sich hier die nächste Hürde auf: Ein vernünftiges Essen mit mehreren Komponenten auf den Tisch zu bringen macht Arbeit – viel Arbeit: planen, einkaufen, kochen, Tisch decken, Tisch abräumen, spülen, aufräumen, Reste verwerten, putzen.

Eigentlich ein Fulltime-Job.

Es ist blauäugig, von allen Berufstätigen oder Eltern mit Doppelbelastung zu erwarten, dass sie das nebenher hinkriegen, und zwar jeden Tag. So öffnet sich das Einfallstor der Industrie mit ihrer Fertigware; auch Kantinen, Restaurants, Fastfood- und Imbiss-Buden leben von diesem Dilemma.

Weil das hier ein Krisenkochkurs ist, gehen wir jedoch vom Ernstfall aus: geschlossene Restaurants, Kantinen und Imbisse, Ausgangssperre, Luxusware nicht erhältlich, im Supermarkt nur Grundbedarf.

Aber es gibt Zeit. Mindestens eine Person im Haushalt kann und will kochen.

In dieser Lage kommt es darauf an, aus Wenigem etwas zu machen, und das Einfache so zu verwandeln, dass es schmeckt und die richtigen Reize bietet.

Dafür folgen hier die ultimativen Tipps.

 

Die 7 Regeln für gutes Essen – nicht nur in Notzeiten

1. Es muss schmecken, auch wenn es einfach ist. Würzen Sie also beherzt und klassisch mit den Zutaten aus der Liste, unentbehrlich sind Zitrone, Wein und Knoblauch.

Brett, Messer, Pfeffermühle, Mörser, dazu Salbeiblätter, Rosmarinzweig, Knoblauch, gelbees Pulver, Kräuter

Richtig würzen ist der Königsweg zum Geschmack

 

2. Eintöpfe und Aufläufe gehen immer. Sie sind die ideale Resteverwertung, schnell und leicht zuzubereiten, dabei nahrhaft und befriedigend. Leider sind sie für sich genommen auch plump und langweilig. Daher gehört noch etwas dazu.

Topf auf Herd, darin Suppenkelle und Eintopf, sichtbar sind Würfel von Kartoffeln und Karotten

Eintopf alleine ist praktisch, reicht aber nicht.

 

3. Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch: Umrahmen Sie Aufläufe und Eintöpfe mit zwei einfachen Gängen. Solche kleinen Menüs sind leicht zuzubereiten, strecken das Essen, bringen Abwechslung und regen die Sinne an. Besonders für Kinder ist das wichtig, sie lernen dabei auch einen ordentlich gedeckten Tisch kennen – und helfen nachher gerne beim Abwasch.

Teller, Serviette mit Karomuster, Besteck

Ein schönes Gedeck und mehrere Gänge heben die Esskultur

 

4. Die einfachste Vorspeise der Welt geht in vielen Varianten: gut gewürzte Rohkost. Ein paar Gurkenscheiben oder -stäbe reichen, die mit Zitronensaft beträufelt, mit Salz und Cayennepfeffer bestreut und mit etwas Öl besprenkelt werden. Das funktioniert in unendlichen Variationen auch mit Tomaten, dünnen Paprikaringen, Karottenstäben oder Stangensellerie.

Grüner Salat ist natürlich der Klassiker, eine einfache Vinaigrette oder Sahnesoße schafft jeder. Dazu gibt es knuspriges Baguette, fertig ist der perfekte erste Gang.

Gurken, rechts in Stäbe geschnitten, mit Pfeffer, Salz, Cayenne. Links in Scheiben, mit Gewürzen, zusätzliche Zwiebeln

Die einfachste Vorspeise der Welt: Gurkenscheiben mit Cayennepfeffer, Zitrone, Zwiebeln.

 

5. Nachtisch ist ein Highlight und es ist weiß Gott keine Kunst, dafür einen Quark anzurühren. Vor dem Essen dazu noch frisches Obst kleinschneiden und mit Puderzucker marinieren, fertig. Das macht richtig was her und funktioniert auch mit Jogurt, Konserven oder Tiefkühlobst. Bei Dosenobst den Puderzucker weglassen. Klassisch verfeinern kann man mit Schlagsahne, Vanille und Likör. Praktisch sind auch einfache Kompotte oder schlichte Pfannkuchen.

Pfannkuchen mit Puderzucker bestäubt, Schnitze von Pfirsichen, goldgelb

Fast schon Luxus: Pfannkuchen mit Pfirsich.

 

6. Den Geschmack von Fastfood und Fertiggerichten pimpen: Hartgesottene Fans der Tütenware können den 08/15-Geschmack erheblich steigern. Bei Linseneintopf aus der Dose mit etwas Weißweinessig, bei Erbseneintopf mit saurer Sahne oder Crème fraiche, schön sind dazu Petersilie und Croutons. Cremesuppen aus der Tüte werden belebt von Sahne, Weißwein, saurer Sahne oder Crème fraiche, Petersilie und Croutons.

Bei fertigen Soßen für Nudeln oder andere warme Gerichte reißt Knoblauch alles raus, einen Kick gibt frisch geriebener Parmesan dazu. Verfeinern kann man wieder mit Butter, Sahne, Wein, Olivenöl, Petersilie oder Gewürzen wie Oregano oder frischem Schnittlauch. Die geben dem Industriefraß natürliche Noten und zeigen, was möglich wäre, wenn man es – demnächst – selbst macht. Für Gulasch, Chili con carne, andere fertige Fleischgerichte sind außerdem Rauchsalz, Paprikapulver, Pfeffer, Rotwein die Lösung. Manche vertragen auch einen Tropfen Zitronensaft oder Essig.

Suppenteller, nah, gefüllt mit grüner Suppe, Pfefferminzblatt als Dekoration, dazu weiße Sahneflecken und einzelne Erbsen

Erbsensuppe aus der Tüte, verfeinert.

 

 

 

 

 

 

7. Wasser: Zum Essen nur Leitungswasser trinken. Saft, Cola oder Schorlen machen den Geschmack kaputt. Gegen ein Gläschen Wein oder ein kleines Bier zum Essen am Abend spricht nicht viel.

Glas, in das im Bogen Wasser gegossen wird, Tropfen, Kunstbild

Wasser zum Essen – sonst nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Skala ist nach oben offen – nach unten nicht

Das wären die Grundregeln fürs erste. In folgenden Lektionen geht es um das Kochen an sich: Woher kommt der Widerstand? Eine Einheit wird sich auch mit der Philosophie des guten Geschmacks im Allgemeinen und bei einfachen Gerichten im Besonderen drehen.

Zwischendurch gibt es aber auch wieder was zu Corona. Denn es nicht vorbei.

Wer inzwischen Spaß am Krisenkochen gefunden hat und üben will, kann sich mit Hilfe der Grundregeln ohne Ende steigern und verkünsteln, immer mehr ausprobieren und seinen Geschmack schulen. Die Skala ist nach oben offen.

Nur nach unten nicht. Unter dieses Niveau dürfen Qualitätsesser bei Quarkundso.de nicht fallen.

*Wir freuen uns schon auf die vielen Zuschriften von Sachverständigen.

Essen in Zeiten von Corona: Können die Deutschen nicht mehr kochen?

Die Verkaufszahlen zeigen es: In der Corona-Pandemie greifen die Kunden zur Dose. „Die Deutschen können nicht mehr kochen!“ titeln daraufhin STERN und SPIEGEL. Doch ist das wirklich so? Über das Kochen als unentbehrliche Kulturtechnik – und über eine historische Chance.

Beitrag vom 5. Mai 2020

Kartoffeln auf Tisch, Topf, nah

Scheitern am Herd: Nichtmal Kartoffeln können die Deutschen kochen, sagt Christoph Minhoff laut STERN und SPIEGEL.

In Corona-Zeiten schlägt selbst die Ernährungsindustrie Alarm: Die Deutschen können nicht mehr kochen! Daher müssen sie angesichts geschlossener Restaurants auf Dosen und Fertigfutter zurückgreifen – ein Verfall der Kultur.

So oder so ähnlich hat sich Christoph Minhoff, Sprecher und Cheflobbyist der deutschen Ernährungsindustrie, in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur (dpa) geäußert.

Es wurde breit aufgenommen, unter anderem von SPIEGEL und STERN am 24.4.2020, mit folgenden Schlagzeilen:

Essen in Zeiten der Pandemie Ernährungsindustrie sorgt sich wegen mangelnder Kochkünste der Deutschen
(SPIEGEL)

Ernährungsindustrie: Deutsche können nicht mehr kochen
(STERN)

In Wahrheit sorgt sich Herr Minhoff natürlich nicht, und er hat sich keineswegs über die deutschen Kochmuffel beklagt. Wie denn auch? Er freut sich doch, dass die Leute seine Dosen und Tütensuppen kaufen!

Was er im Originalinterview gesagt hat, ist nur eine Feststellung: Die Kochkompetenz der Deutschen hat abgenommen, deshalb weicht das Volk auf Einfaches aus:

„Die Leute haben in der Krise etwas Bemerkenswertes gemacht: Sie haben beim Einkauf neue Prioritäten gesetzt. Wichtig war den Verbrauchern jetzt, dass Produkte möglichst lang haltbar sind. Konserven galten gegenüber der Frischware eher als unsexy, sind aber jetzt zum Zeichen für Sicherheit und Beständigkeit in der Krise geworden. Begehrt war alles, was lange haltbar und auch möglichst leicht zu kochen ist.“

Drastisch schildert Minhoff die gewaltigen Hürden, denen sich die Deutschen am Herd gegenüber sehen:

Der Wegfall des Angebots von Schnellrestaurant, Pommes-Buden und Italiener-um-die-Ecke wirft die Leute nun dramatisch zurück auf ihre eigenen Kochkünste. Und die sind wie gesagt begrenzt. Das erklärt auch leicht, warum die Leute Nudeln kaufen.

Schon eine Kartoffel zu kochen ist eine für manchen eine Herausforderung. Da müssen Sie wissen: Mit oder ohne Schale kochen? Wenn ja wie viel Salz muss da ins Wassern rein? Wie lange muss ich die dann kochen? Und was ist denn festkochend oder vorwiegend festkochend. Und wie bereite ich die Sorten dann überhaupt zu?

Da werden jetzt viele sagen: Na das ist doch ein Witz, das kann doch jeder! Nein, es kann eben nicht jeder. Es gibt ein Internetforum, da war die meistgestellte Frage: ‚Wie koche ich ein Ei?‘“

 

Worum es eigentlich ging

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Zuvor hatte die dpa allerlei Fragen zur Situation der Ernährungsindustrie gestellt, darunter zu Erntehelfern, Lieferketten, Engpässen und Nachschub, außerdem ging es um Hamsterkäufe und das allgemeine Kundenverhalten.

Die Nachrichtenleute wollte nämlich wissen, wie die Hersteller mit der Corona-Krise zurechtkommen.

Doch das spielte im Medienecho fast keine Rolle.

Geradezu raffiniert pickten sich die Redaktionen aus dem Branchenbericht von Minhoff – super, wir verkaufen wie verrückt und leisten Unglaubliches in Logistik und Hygiene! – nur die Sache mit dem Kochen heraus, um in das alte Lamento von „Die Deutschen können nicht mehr kochen“ zu verfallen.

Beim STERN dichtete man Minhoff dazu sogar pädagogischen Eros an:

Noch stärker als Toilettenpapier wurden vor dem Corona-Lockdown
Nudeln und Reis nachgefragt. Viel mehr bekämen die Deutschen halt
nicht mehr zubereitet, sagt Christoph Minhoff. Der Nahrungslobbyist
hofft auf einen Lerneffekt in der Pandemie.

(STERN, Teaser zum Beitrag)

Schön gedacht – aber Minhoff meinte nicht den Lerneffekt beim Kochen.

Im Original-Interview fordert er stattdessen Wertschätzung für die Ernährungsindustrie ein, statt der üblichen Prügel wegen Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern.

Jetzt, wo es drauf ankommt, so hofft Minhoff, werde die Bevölkerung anerkennen, dass die Branche für volle Regale und Bäuche sorgt – weil es nunmal Fakt ist, dass die Deutschen nicht kochen können.

Nachzulesen ist das auf der Seite des Lebensmittelverbandes BLV, der Link steht unten.

 

Ein Lobbyist wird unterlaufen

Der Dreh, den die Redaktionen den Worten Minhoffs geben, ist dabei mehr als clever.

Es war sicher ein Riesenspaß für die Journalisten, die Absichten des Industrie-Lobbyisten zu unterlaufen, indem sie gezielt das herauspicken, was in ihr Klischee passt.

Und nicht das, was der Verbandssprecher eigentlich ausdrücken wollte: Die Ernährungswirtschaft ist systemrelevant, und zwar auf Dauer!

Dass Minhoff einen bösen Brief schreiben wird, ist diesmal nicht anzunehmen. Das tut er sonst gerne, wenn faktenfreies Zeug zur Ernährungsindustrie aus irgendeinem Ressort für Vermischtes kommt.

Aber als Anwalt für das Kochen zu gelten schadet seinem Image garantiert nicht. Daher gab es bisher keinen öffentlichen Widerspruch, der Mann ist Profi.

 

Deutsche konnten noch nie kochen

Quarkundso.de kann das allerdings so nicht stehen lassen.

Die Chefin persönlich stößt sich an der kulturpessimistischen Plattitüde, mit der SPIEGEL und STERN ihre Beiträge gestrickt haben: Wie, die Deutschen können „nicht mehr kochen“?

Das konnten die Deutschen doch noch nie!

Deutschland ist seit Jahrhunderten für seine schlechte Küche bekannt, dahinter rangieren nur noch Engländer und Amerikaner.

Schon antike Autoren, darunter der römische Geschichtsschreiber Tacitus, haben die primitive Kost der Germanen dokumentiert: saure Milch, in Lederhaut gedroschenes Fleisch, ungeheure Mengen an Bier. Im Barock notierten Reiseschriftsteller, welch mieser Fraß in Deutschland die Gäste erwartete, aufgetischt von schroffen Wirtsleuten.

Aber natürlich geht es nicht um den Rang der Nationalküche, wenn die Jammerei mit den angeblich verlorenen Kochkenntnissen losgeht.

Bei dieser Schablone geht es eher ums Handwerkliche. Hier ist ein anderer, eher historisch-soziologischer Hintergrund einschlägig: Das „nicht mehr“ impliziert, dass früher mal alle kochen konnten.

So ist es aber nicht.

Volksküche: Wenn`s hoch kommt ein Eintopf

 

„Frau, koch was!“

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Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Noch nie in der Geschichte und noch nie in irgendeiner menschlichen Kultur war Kochen eine Kompetenz, die alle Mitglieder einer Gesellschaft erwerben: Kochen können ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Und es ist eine Spezialkompetenz, die man nicht nebenher lernt wie das Laufen.

Eine Hälfte der Gesellschaft war in der Geschichte schon immer kochfern, und zwar per Geschlecht, nämlich die Männer: Von Alters her gilt die Küche als Reich der Frau. In patriarchalischen Systemen war die niedrig bewertete Küchenarbeit auch Teil des Unterdrückungssystems.

Nur Männer, die das Kochen als Handwerk oder Gewerbe betrieben, lernten überhaupt kochen.

Alle anderen Männer hatten das Privileg, von Frauen versorgt zu werden. In vielen Ländern der Welt und gewissen Parallelwelten gilt das noch heute: Frau, koch was!

Noch bis Ende des 20. Jahrhunderts belegen Unmengen von Werbeclips in Deutschland diese Zuordnung: hungrige Männer, die von ihren Ehefrauen verwöhnt werden (Dr. Oetker); Filmschmonzetten, in denen tolpatschige Junggesellen oder Witwer sich in der Küche blamieren, bis sie eine Frau finden (Heinz Erhardt).

 

Mehlsuppen, Eintöpfe, kalter Räucherhering

Von den Frauen aber beherrschten bei weitem auch nicht alle die Kochkunst: Das Bild von der (klein-)bürgerlichen Hausfrau und Familienmutter, deren Ehre es ist, emsig zu braten und zu backen, ist ziemlich jung und stammt aus der Zeit um 1900.

Frauen von Stand haben nicht selbst gekocht, sondern hatten Personal. Höhere Töchter und Adelige lernten zwar Grundbegriffe der Küchenführung, sie wussten, wie das Essen schmecken sollte und konnten Küchenpersonal anleiten – aber das ist nicht Kochen.

In den unteren Schichten brillierten die Frauen auch nicht automatisch in der Küche. Ihnen mangelte es an Zeit, Geld und Material. Viel mehr als Mehlsuppen, Eintöpfe und kalter Räucherhering mit gekochten Kartoffeln war beim Industrieproletariat von 1800 bis in die 1930er Jahre nicht drin.

Wer also suggeriert, eine hoch entwickelte Kochkompetenz stürze neuerdings ab, geht von einem Zustand aus, den es so nie gab.

 

Eine unentbehrliche Kulturtechnik

Alle, Männer wie Frauen, sollten kochen lernen.

Trotzdem steht fest: Kochen ist eine unentbehrliche Kulturtechnik.

Jeder und jede tut heute gut daran, sich wenigstens elementare Kochkenntnisse anzueignen.

Ihr Wert zeigt sich in der der weltweiten Coronakrise, weil die, die gerne kochen, ebenso fein raus wie die, die es gut können.

Beide bewältigen die Isolation leichter, können ihre Kinder besser ernähren und haben mehr Spaß an Essen und Gemeinsamkeit, wenn die Restaurants und Mittagstische noch wochenlang geschlossen bleiben.

Die riesigen Hürden, die der Industrielobbyist beim Kartoffelkochen aufbaut, verschwinden dann schnell: An Kartoffeln kann man kaum scheitern, nach dem zweiten Mal hat man es raus.

Diese Krise ist daher eine Chance: Die Corona-Pandemie könnte dazu führen, dass angesichts drohender Gefahrenlagen in der Zukunft – Klima! Pandemien! Kriege! – Kochen als Kulturtechnik für alle obligatorisch wird.

Für Männer wie Frauen – erstmals in der Geschichte der Menschheit.

 

Kochen muss Schulfach werden – nicht „Ernährung“!

Quarkundso.de fordert daher energisch: Kochen muss Schulfach werden! Kochen, wohlgemerkt, nicht „Ernährung“ oder gar „gesunde Ernährung“.

Die sind zu abstrakt und bringen für Notzeiten überhaupt nichts, denn sie vermitteln keine handwerklichen Kenntnisse und sind so unsinnlich wie praxisfern.

Nein, das Kochen muss in die Schule, weil es in Familien aus verschiedenen Gründen nicht stattfindet.

Kinder sollten daher in der Schule Erwachsene kochen sehen, und zwar echtes Essen: Wie man Kartoffeln kocht oder einen Braten macht, wie eine gute Soße entsteht, eine Suppe, ein Gulasch, wie ein Pudding, ein Pizzateig gelingt; wie man Geschmack aus Grundzutaten erzeugt und wie man Essen anrichtet, das wäre mal so ein Curriculum fürs erste.

Das geht in Projekttagen oder –wochen und muss keine wichtigen Stunden verdrängen.

Nebenher lassen sich Regeln zur Hygiene und zum Verwerten von Resten vermitteln, dazu Lernstoff von Umwelt und Ökologie bis zu Chemie, Biologie und Physik, und natürlich zu Gesundheit und guter Lebensführung.

Aber nur nebenher, wohlgemerkt – Kochen als Handwerk muss im Vordergrund stehen.
Lehrkräfte können dafür natürlich nur echte Köchinnen und Köche sein, allenfalls Experten aus der Hauswirtschaft.

Auf keinen Fall darf der Kochkurs bei fachfremden Lehrkräften hängen bleiben, die sich schnell was anlesen und den Kindern dann ihre Privatvorstellungen über „gesunde Ernährung“ unterjubeln – womöglich der Art, dass Zucker „Gift“ ist, Obst und Vollkorn „gesund“ sind und dass in jedes Gericht Gemüse gepampt werden muss, damit es nur „ausgewogen“ ist.

 

Kinder sollten wissen, was richtiges Essen ist

 

Der Corona-Kochkurs: Gut essen in Krisenzeiten

Denn erstens ist das alles Quatsch.

Zweitens sind die Kinder als Erwachsene in der nächsten Notlage – Klima! Pandemie! Krieg! – wieder komplett aufgeschmissen und wissen nicht, was sie mit ihren Notvorräten machen sollen.

Damit wären wir endlich beim praktischen Teil – Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert! Der liegt der Chefredakteurin bekanntlich besonders am Herzen.

Wir kündigen daher schon den nächsten Beitrag zum Thema Essen in Krisenzeiten an. Dabei geht es natürlich nicht um die üblichen Rezepte. Davon quillt das Netz längst über, unkulinarischer Unsinn und Bad Taste eingeschlossen,

Der Krisenkochkurs von Quarkundso.de beschäftigt sich stattdessen mit den wichtigsten Prinzipien des guten Essens, mit Struktur und insbesondere mit Tipps zum guten Geschmack: Pimp Dein Essen mit Quarkundso.de!

Die Infos gelten auch später, wenn die Coronakrise vorbei ist – der Lernerfolg wird übrigens kontrolliert: Wir kommen zum Essen vorbei. Für Qualitätsleser von Quarkundso.de ist der wertvolle Kurs natürlich kostenlos. Alle anderen spenden bitte JETZT ins Sparschwein, und zwar zweistellig.

©Johanna Bayer

Originalinterview mit Christoph Minhoff – Titel: „dpa fragt nach der Situation der Branche“

SPIEGEL zum Interview mit Minhoff: „Ernährungsindustrie sorgt sich wegen mangelnder Kochkünste der Deutschen“

STERN zum Interview mit Minhoff, Titel: Ernährungsindustrie: Deutsche können nicht mehr kochen

 

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Arme Kinder und ihr Essen: Die Deutsche Welle fällt auf eine Foto-Schmonzette rein

Kinder in armen Ländern essen gesünder, meint der amerikanische Fotograf Gregg Segal und verzuckert das mit schönen Bildern. Die Deutsche Welle bejubelt das Projekt und gibt die Aussagen unreflektiert wieder – doch das ist naive Armutsromantik: Kinder in armen Ländern sind bedroht von Unterernährung und Krankheit. Ein Einspruch von Quarkundso.de

(Beitrag vom 3. 10. 2019)

Kleinkind, ca. 1 Jahr, sitzt auf Decke und isst, Spielzeug, Wassermelone, Kind lacht

Welche Kinder essen besser – arme oder reiche?

 

Jetzt müssen wir ganz vorsichtig sein. Wirklich, das ist ein sehr heißes Eisen, das wir hier anpacken: die gesunde Ernährung von Kindern.

Quarkundso.de hat sich schon zu oft in die Nesseln gesetzt, etwa beim Beitrag zu Fleisch und Klima neulich. Der hat interessierten Kreisen nicht gefallen, was allerdings nicht an uns liegt. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Jedenfalls schreiben wir trotz aufgebrachter Kevins und ihrer Freunde* weiter ins Internet, wie es wirklich ist, mit Essen und Ernährung. Schließlich ist das unser Markenkern. Nur wenn es um Kinder geht, hört der Spaß auf. Und zwar noch viel schneller als beim Rindersteak.

Bei Kindern wird das ganz große Rad gedreht und das Terrain ist moralisch vermint. Kinder sind schließlich unschuldig, Kinder sind Opfer, Kinder sind unsere Zukunft! An Kindern sieht man daher, wie es um die Welt bestellt ist, und was ist sinnvoll, wenn es nicht für unsere Kinder ist? Deshalb ist alles, was man für Kinder tut, eine gute Sache.

 

Fotoprojekt: Essen von Kindern rund um die Welt

Gerade beim Essen. Deshalb hat sich der amerikanische Fotograf Gregg Segal aufgemacht, Kinder aus der ganzen Welt mit ihrem Essen zu zeigen.

Ziel war es, „ungesunde Ernährungsmuster“ aufzudecken. Oder gesunde, je nachdem, wobei sich Segal selbst zurechtlegt, was „gesund“ oder „ungesund“ ist.

Für seinen Fotoband dokumentierte er, was 60 Kinder aus neuen Ländern innerhalb einer Woche verzehrt haben. Das wurde farbenfroh um sie herum dekoriert und abgelichtet. Die Deutsche Welle hat das Projekt vorgestellt und dazu ein Video über Twitter verbreitet, betitelt mit:

„Kinder aus reichen Ländern essen gesünder? Von wegen!“

In Wahrheit, so gibt der deutsche Sender die Meinung des Fotografen wieder, essen Kinder aus armen Ländern also gesünder.

Aber wir, auf Krawall gebürstet, erheben Einspruch: Quarkundso.de findet diese Behauptung mehr als gewagt. Sie ist bestenfalls naiv-romantisch, eher grob falsch und ideologisch.

Vielleicht ist sie sogar gefährlich.

 

Reiche Länder: Fettes Essen, dicke Kinder

Aber erstmal ist alles wunderhübsch anzusehen, im Video der Deutschen Welle. Zu sehen ist ein Making-Of des Fotobandes: Niedliche Kleine liegen auf farbenfrohen Stoffen ihrer Länder, um sie herum exotische Köstlichkeiten, alles sehr appetitlich, Assistenten und der Fotograf wuseln am Set herum, richten Essen her, die Kinder posieren.

Dann erklärt der Fotograf sein Projekt: Rund um die Welt gebe es eine Angleichung der Essgewohnheiten, und dazu immer mehr Herzleiden, Diabetes und Darmkrebs, alles Krankheiten, die mit der Ernährung zusammenhingen. Die Menschheit, so Gregg Segal, werde überzogen von dickmachendem Industriefutter.

Auf das Essen von Kindern habe er sich aber konzentriert, weil Essgewohnheiten früh geprägt werden und ein Leben lang bestehen: Wer mit zehn Jahren keine gesunden Gewohnheiten entwickelt habe, könne im Alter nicht mehr aufholen.

Unter diesen O-Ton sind im Video die Bilder mehrerer dicker Kinder geschnitten: ein pummeliges Kind aus Brasilien, ein dicker Junge aus den USA und ein fettes blasses Mädchen aus Deutschland, Duplo und Kinderschokolade mit im Bild.

 

Tweet mit Video der Deutschen Welle auf Twitter

 

Vom Kitsch zum groben Unfug

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Ganz allgemein kann man da natürlich zustimmen. Nebenbei hätte der besorgte Vater aber ruhig erwähnen können, dass der Fraß mit dem globalen Einheitsgeschmack, den er kritisiert, eine Erfindung amerikanischer Konzerne und Fastfood-Ketten ist.

Das Problem geht also von seinem eigenen Heimatland aus. Die Frage ist, wen der beseelte Fotograf also bekehren will: seine Landsleute, die US-Bürger? Die amerikanische Industrie? Oder will er die zukünftigen Opfer warnen, bevor sie in die Fänge der Foodmultis gelangen?

Letzteres könnte es sein. Aber lange kann man darüber nicht nachdenken, denn danach kippt das Ganze, und zwar vom Kitsch in den groben Unfug.

Segal fängt nämlich an, darüber zu sinnieren, dass noch vor einer Generation das Essen von Kindern aus verschiedenen Ländern völlig anders ausgesehen habe.

Er vergleicht Sizilien mit den USA, und findet, es sehe heute so aus, als würden alle Eltern das Essen für ihre Kinder in demselben globalen Supermarkt einkaufen. In anklagendem Ton zählt er auf, was er meint: „Pizza, Pasta, Weißbrot …“

Moment. Pizza und Pasta verderben die traditionelle Esskultur auf Sizilien?

Warum sollte ein sizilianischer Junge nicht Pizza und Pasta essen? Sie stammen doch von dort!

Und Weißbrot? Auf Sizilien gibt es nur Weißbrot, wie in ganz Italien. Dunkles Brot oder was immer Segal vorschwebt – Roggen-Vollkorn? – ist in Italien fremd. Das gibt es höchstens auf dem Campingplatz, für die deutschen Touristen.

Scheinbar fehlt es hier an den richtigen kulinarischen Koordinaten, und das nächste Beispiel bestätigt den Verdacht. Hier haut Segal fatal daneben, denn jetzt geht es um ein Kind aus Indien.

 

Indien: Mutter kocht jeden Tag frisch!

Anchal, ein indisches Mädchen in seinem Projekt, erzählt Segal, lebt in einer Aluminiumhütte, die nur 10 Quadratmeter groß ist, ihre Eltern sind bettelarm.

Trotzdem isst sie, findet Segal, gesund, „wholesome“, nämlich „traditionell indisch“: Sie bekommt Linsen, Blumenkohl, Okra, Reis und Brot. Alles kocht ihre Mutter jeden Tag frisch, auf dem Boden der Hütte.

Das geht richtig ans Herz.

Man sieht sie förmlich vor sich, die bescheidene indische Mutter, einen farbenfrohen Sari um sich gewickelt. Demütig das Haupt bedeckt, mahlt sie auf dem Lehmboden der Hütte Gewürze, schält Gemüse; still, reinlich trotz der Armut, genügsam lächelnd und erfüllt davon, dass sie ihren Lieben so viel Gutes tun kann.

Anchal, rabuliert der Fotograf, erhalte also eine gesündere Ernährung als viele Kinder der indischen Mittelschicht. Überhaupt sei die größte Erkenntnis aus dem Projekt, dass ärmere Länder oft die gesündere Ernährungsweise haben (bei TC 2:20).

Wenn er sich da mal nicht täuscht.

 

Bettelarm, aber gesund? Von wegen

Die Haussklavinnen: Indische Frauen in armen Schichten

Denn was Segal hier unbedarft zur Schau stellt, ist pure Armutsromantik:

Es ist ein uraltes Sozialklischee, nach dem es „den Armen“ besser geht als den verderbten, prasserischen, fetten „Reichen“ – arm, aber gesund; arm, aber glücklich; arm, aber kultiviert.

Nur ist es in Wahrheit nicht so.

Denn Armut ist bitter. Und sie hat viele gravierende Folgen für Ernährung und Gesundheit, die Segal, der übersatte Amerikaner mit Sendungsbewusstsein, ignoriert.

Vor allem verkennt er die Realität armer Mädchen und Frauen. Gerade in Indien. Denn nach wie vor werden indische Frauen vor allem in den unteren Schichten verachtet und brutal ausgebeutet. Die Mutter, die auf dem Lehmboden der Hütte kocht, ist eine Arbeitssklavin ihres Mannes.

Kleine Mädchen aber werden systematisch von Kindheit an schlechter ernährt als Jungen. Denn in der Unterschicht Indiens sind Mädchen immer noch eine Last, arme Familien investieren nicht in Mädchen – mit Nahrungsentzug fängt es an. Weibliche Säuglinge zu töten ist in manchen Gegenden des Nordens noch immer üblich.

 

Dicke, reiche Kinder leben länger

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Wenn sie aber heranwachsen und verheiratet werden – ein paar Frauen braucht es ja – unterliegen sie komplett der Herrschaft des Mannes. Arbeiten müssen sie ununterbrochen: Erst auf dem Bau, den Feldern oder in der Fabrik, danach bis zum Umfallen im Haus.

Morgens stehen die Frauen Stunden vor ihrem Mann auf, um für ihn und die Kinder ein warmes Essen zu kochen – jeden Tag frisch, wie der Romantiker Segal schwärmt –, bevor sie zu ihrer eigenen Arbeit gehen. Abends kochen sie wieder. So könnte es auch Anchals Mutter gehen.

Diese armen indischen Frauen und ihre Töchter ernähren sich dabei keineswegs automatisch „gesund“, weil „traditionell“. Sie leiden unter Eisen- und Mineralmangel, bekommen zu wenig Protein und ihre Lebenserwartung liegt unter dem weltweiten Durchschnitt. Gleichzeitig ist die Kindersterblichkeit in Indien weltweit mit am höchsten.

Anders ist das bei dem Amerikaner Segal und den Kindern, die auf den Fotos von Fastfood umgeben sind, etwa die aus den USA, Deutschland oder arabischen Staaten. Sie alle können  mit 80 einen sanften Tod sterben. Denn nichts ist im Wachstum so schlimm wie Unterernährung.

Zudem genießen Kinder in reichen Ländern die beste medizinische Versorgung – die indischen Mädchen nicht. Wenn es in armen Familien Geld für den Arzt gibt, dann kommen vor allem Männer und Söhne in seinen Genuss. Nicht Frauen und Töchter.

 

Armut bedeutet Unterernährung und Krankheit

Arme Kinder in Nordindien: Häufig unterernährt

Armut heißt in armen Ländern eben genau nicht: Traditionelle, frisch gekochte Nahrung aus gesunden Lebensmitteln. Sie heißt in erster Linie Unterernährung.

In Indien ist jedes zweite Kind unterernährt, von einigen Landstrichen Afrikas nicht zu reden.

Auch dort sind schon die Mütter betroffen, die brutale Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen und Mädchen in Afrika ist Legende.

Von allen Kindern, die durch jahrelange Unterernährung Wachstumsschäden davon getragen haben, leben aber 90 Prozent in Afrika und Asien, beschreibt die Welthungerhilfe.

„Stunting“ ist eine der Folgen, mangelndes körperliches Wachstum und verzögerte kognitive Entwicklung durch jahrelange Unterernährung, Unterernährung ist der Hauptgrund der Kindersterblichkeit.

Die Schäden können schon in der Schwangerschaft der – ebenfalls unterernährten – Mutter entstehen. Die Kinder holen das ihr Leben lang nicht mehr auf.

Und es sind so viele Millionen Kinder, in der Mehrzahl Mädchen, dass die Vorstellung geradezu absurd ist, ein armes indisches Mädchen aus einer Lehmhütte könne das Paradebeispiel für gesunde traditionelle Ernährung abgeben.

 

Die Deutsche Welle ist reingefallen

Afrika: Frauen arbeiten viel und sind oft unterernährt


Dass der Fotograf mit seinem naiv-dummen Projekt eine Lanze für „gesundes traditionelles Essen“ brechen will, gut und schön.

Hübsche Fotos kommen dabei heraus, und natürlich ist es wünschenswert, dass die Food-Multis nicht die ganze Welt mit ihrem künstlich aromatisierten Schrott überziehen. Dagegen kämpft im Übrigen auch Quarkundso.de.

Auch ist Übergewicht gefährlich – aber Unterernährung ist noch gefährlicher.

Deshalb sollte man nicht auf diese Foto-Schmonzette reinfallen wie die Deutsche Welle, und unreflektiert dem Klischee applaudieren. Denn die sozialromantische Brille des kulinarisch ahnungslosen Amerikaners führt komplett in die Irre.

Für seine Mission von einer angeblich gesunden, traditionellen Ernährung bringen seine Überlegungen gar nichts, sie schaden sogar.

 

Traditionelle Ernährung ist gut – aber nicht immer

Traditionelle Ernährung ist nämlich nur dann gut, wenn es genug davon gibt. Wenn nicht, ist die traditionelle Ernährung schlecht. Dann tun es Proteinpulver und Vitamintabletten besser, besonders bei Kindern.

Sie ist außerdem dann gut, wenn man nicht dick ist: Wer als Amerikaner bei seinem traditionellen Essen – das sind Industriefraß und Fastfood – normalgewichtig bleibt, hat gute Chancen auf einen sanften Tod mit 80 Jahren.

Und das gilt für die traditionelle Ernährung jedes Landes auf der ganzen Welt, von Australien bis Zypern. Wer nicht dick ist, fährt mit der ursprünglichen Ernährung seiner Vorfahren gut.
Wer übergewichtig oder, Achtung, unterernährt ist, lebt nicht gesund – Tradition hin oder her.

©Johanna Bayer

 

Tweet der Deutschen Welle mit Video zum Fotoprojekt von Gregg Segal

 

Der DUDEN und „umami“: Was für ein Geschmack ist das denn?

Der Duden, oberste Sprachinstanz, definiert das Wort für den fünften Geschmack, „umami“. Nicht. Also, sie tun es nicht. So steht es dann auch im Duden. Quarkundso.de springt gerne ein – es ist uns ein Fest.

Haufen von getrockneten Tomaten, rot.

Ein Berg von Umami – aber was ist das genau?

Dass wir das noch erleben – wir haben den Duden erwischt!

Dieses Kompendium deutscher Beckmesser verdient schon längst einen auf den Deckel. Die Gelegenheit bietet sich jetzt auf kulinarischem Gebiet, da zeigen sich gravierende Lücken, ein gefundenes Fressen für Quarkundso.de. Millionen von Schülern, emeritierten Professoren sowie Journalisten und Volontären haben mit uns darauf gewartet, jede Gruppe aus ihren eigenen Gründen.

Geschnappt wurde der Duden auf Twitter. Dort betreibt die Redaktion unter „@Dudenverlag“ ein Konto, auf dem Deutschlehrerinnen allerlei rund um „Sprache und Lernen“ schreiben, so die Twitter-Bio. Sie sind bieder, aber ganz lustig, schicken Bilder und Sprüche rum und küren ein „Wort des Tages“ sowie das „Wort der Woche“. Darüber dürfen ihre rund 22.000 Follower auf Twitter abstimmen, neulich war das Wort der Woche „Kabuff“.

Dazwischen jubelt die Duden-Redaktion dem Publikum Belehrendes unter, zum Beispiel zur Rechtschreibung oder zum Wortschatz. Das ist sprachpflegerisch gesehen geschickt, weil spielerisch und instruktiv zugleich.

 

 

 

Zank um das richtige Deutsch

Aber seit Jahrzehnten gibt es Streit um den Duden: Was soll rein, ist das noch Deutsch, was soll diese schreckliche neue Rechtschreibung, wer entscheidet, soll normativ oder nur beschreibend gearbeitet werden, warum gibt es so viele Wahlmöglichkeiten und warum gibt es den Duden überhaupt, wo Sprache doch etwas Lebendiges ist und sich ständig entwickelt und verändert?

Die Fragen kommen von Laien ebenso wie von Textprofis und Fachleuten, Sprachkennern und -künstlern.

Aber die Duden-Redaktion bügelt sie alle ab.

Dort arbeiten erwiesenermaßen keine Sprachkünstler, was man an den von der Redaktion selbst verfassten Texten sieht, etwa in ihrem Newsletter. Sprachlich und handwerklich gesehen sind das Verwaltungsbeamte, entsprechend oft kommen sie gefühllos, kritikimmun und selbstgerecht rüber: Steht das bei uns drin? Wenn ja, gilt das, was da steht. Wenn nicht, ist es uninteressant. Nächste Frage bitte.

Bei den Einträgen ist der Duden notorisch einseitig, nämlich flachländisch dominiert: Alles, was in Norddeutschland vorkommt, gilt den preußischen Deutschlehrerinnen in der Redaktion als gebräuchlich, verständlich oder allgemein umgangssprachlich.

Was aber südlich des Mains vorkommt oder von dort stammt, unterliegt dem dudenspezifischen Othering (hallo, Duden-Redaktion, bitte kommen!): Es wird als schrulliger Sonderfall, als „regional“ oder „süddeutsch“ abgestempelt, Wörter in Seppelhose, die man nicht kennen muss.

Das führt zu absurden Auswüchsen: Extrem seltene und allenfalls irgendwo im niederrheinischen Grenzland auftretende Exoten wie „verposematuckeln“ oder „Affenzeck“ und plattdeutsches Dialektgut wie „hibbelig“ werden von den Sprachhütern als normale Umgangssprache verortet. Sie stehen damit in einer Kategorie mit „bummeln“ und „grapschen“. Kennt doch jeder.

Gnadenlos abgeschoben wird dagegen „Würstel“. Das versteht man zwar im gesamten deutschen Sprachraum, wenn nicht auf der ganzen Welt. Aber im Duden gilt es als „österreichisch“.

 

Der Duden ist nicht der Brockhaus

Nun ist der Duden aber gar kein Wörterbuch der deutschen Sprache.

Er ist nur ein Nachschlagewerk für die Rechtschreibung: Der gelbe Band soll einfach sagen, wie etwas geschrieben wird. Für den Rechtschreib-Duden ist es egal, was das Wort bedeutet und wo es verwendet wird oder herkommt, Hauptsache, es wird richtig, also nach dem Duden, geschrieben.

Der Duden ist auch nicht der Brockhaus. Er ist kein Lexikon.

Es gibt zwar noch ein großes deutsches Duden-Universalwörterbuch. Aber das ist nicht „der Duden“.

Die Sachen hinter den Wörtern sind also nicht die Kernkompetenz des Dudens. Kurze Definitionen gibt es nur, dazu eine Einordnung, ob regional, umgangssprachlich, gehoben, derb, salopp. Aber dann ist schon Ende bei den Duden-Beamten. Mehr steht wohl nicht in der Dienstanweisung.

Das kam jetzt beim Wort des Tages raus.

 

Umami: Geschmacksrichtung unbekannt

Das war am 24.6.2019, nämlich „umami“.

Umami, was ist das? Irgendwas mit Geschmack, das konnten die Redakteure scheinbar gerade noch erahnen. Sonst nichts, also schrieben sie in ihr brandaktuelles, frisch gelaunchtes Online-Portal zur deutschen Rechtschreibung:

„Umami = Adjektiv, in einer Geschmacksrichtung liegend, die weder süß noch sauer, bitter oder salzig ist“. (Duden.de, Stand 24.6.2019)

Das schossen sie auch stolz auf Twitter raus:

 

 

Ach nee! Liegt dann sauer „in einer Geschmacksrichtung, die weder süß noch salzig, bitter oder umami ist“? Natürlich nicht. Salzig ist ja auch nicht „in einer Geschmacksrichtung liegend, die weder süß noch sauer, bitter oder umami ist“.

Solche negativen Definitionen – nach dem Ausschlussprinzip – sind grober Unfug.

Denn sie beschreiben nichts, machen nichts anschaulich und klären daher nichts zum Wort oder zu seiner Verwendung auf. Derartige Phrasen sind etwas für Logiker und Fans von Kreuzworträtseln. Nachschlagende und wissbegierige Bürger können damit überhaupt nichts anfangen.

Das weiß auch der Duden. Daher gibt es normalerweise Beispielsätze, Beschreibungen, Anwendungsfälle aus dem echten Leben: Salzig ist für den Duden zum Beispiel, etwas, das Salz enthält oder nach Salz schmeckt, wie salziges Gebäck.

Auch ist etwas sauer, wenn es „in der Geschmacksrichtung von Essig oder Zitronensaft liegt“ und die Schleimhäute des Mundes zusammen zieht oder den Speichelfluss anregt. Beispiele dafür sind laut Duden saure Äpfel, Drops, ein saurer Wein, eingelegte Gurken oder Heringe.

Nicht um Anschauung verlegen sind die Deutschlehrer natürlich bei „süß“: „In der Geschmacksrichtung von Zucker oder Honig liegend und meist angenehm schmeckend; nicht sauer, bitter“. Beim Bittergeschmack verfallen sie auf bittere Schokolade und Arznei: „Die Medizin ist sehr bitter“. Beschrieben wird der Bittergeschmack als herb, bis ins Unangenehme gehend.

Jetzt aber dieses umami. Was kann das sein?

 

Was ist das für 1 Deutsch?

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Interessanterweise gab es dazu beim Duden keine Vorstellung oder Fantasie. Und scheinbar auch keine Ahnung, wo man nachschauen könnte.

Als Beispiel für die sprachliche Verwendung kommt dieser Satz:

„Fleisch und Fisch schmecken umami.“

Was für ein Anwendungsbeispiel soll das sein? Und was für ein Satz? (Hallo, Duden-Redaktion, bitte kommen!).

Er könnte vielleicht aus dem Japanischen stammen, und die Duden-Deutschlehrerinnen haben ihn bei Google-Translate eingegeben. Eine gebräuchliche Verwendung ist das jedenfalls nicht. Dieser Satz steht so auch nicht im Textkorpus, das der Duden durchscannt, behaupten wir mal frech.

Mit allerhöchster Wahrscheinlichkeit hat das noch nie jemand gesagt.

Also, nicht in Deutschland.

Was sich die Duden-Autorinnen dabei gedacht haben, bleibt völlig im Dunkeln. Dass der Anwendungsfall von „umami“ als Adverb in einem solchen Satz wirklich dokumentiert ist, bezweifeln wir rundheraus (hallo, Duden-Redaktion, bitte kommen!). „Umami“ als Substantiv führen sie gleich gar nicht.

Anhand der Negativ-Definition und des an den Haaren herbeigezogenen, konstruierten Satzes weiß jedenfalls niemand, was „umami“ ist.

 

Wie schmeckt denn jetzt dieses „umami“?

Was tun? Natürlich kann Quarkundso.de, stets serviceorientiert, einspringen. Die Abteilung Recherche und Dokumentation hat sofort dicke Lexika angeschleppt und Linksammlungen zusammengetragen.

Nicht, dass das nötig gewesen wäre. Denn das Labor hatte die Definition samt Geschmacksprobe sofort zur Hand und die Chefredakteurin ist gesegnet mit einem Elternhaus, in dessen Küche ständig gekocht wurde und in der unter vielen Gewürzen auch eine Büchse Ajinomoto* stand. Sie kann die Geschmacksrichtung Umami daher aus dem Ärmel schütteln und todsicher in jedem Gericht erkennen, vor allem, wenn sie fehlt.

Aber wir stehen in der Pflicht: Seriöse Quellen müssen her.

Und da wird es überraschend finster – scheinbar kennen sich nur Japaner mit diesem geheimnisvollen Umami aus. Tatsächlich hat einer von ihnen, ein gewisser Ikeda, diesen fünften Grundgeschmack auch entdeckt, 1908 war das. Aber schmecken nur Japaner Umami, wissen nur sie wovon die Rede ist?

Das kann nicht sein, sonst wäre es ja kein eigenständiger Grundgeschmack, als solcher anerkannt übrigens 1985 bei einer internationalen Wissenschaftskonferenz auf Hawaii.

Umami wird tatsächlich von allen Menschen wahrgenommen, alle haben dafür dieselben spezialisierten Rezeptoren im Mund. Auch das ist inzwischen wissenschaftlich erwiesen.

Was also ist dieser Umami-Geschmack? Wie schmeckt umami?

 

Rumeiern auf Japanisch

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Im Duden braucht man nicht nachzuschauen, das wissen wir schon.

Und obwohl dieses Umami schon im Biologieunterricht der Mittelstufe vorkommt, wenn es um den Geschmackssinn geht, scheinen sich viele mit der Definition von „umami“ ebenso schwer zu tun wie die Deutschlehrerinnen beim Duden.

Auf der Suche erscheinen Unsicherheit und Rumeiern mit Übersetzungsversuchen aus dem Japanischen sowie hermetische Formeln aus der Wissenschaft, aber keine treffende Beschreibung.

Das Wissenschaftsmagazins Spektrum schreibt zum Beispiel in seinem Ernährungslexikon:

„Umami, sensorischer Eindruck. Umami ist japanisch und lässt sich am ehesten mit Schmackhaftigkeit (englisch: palatability), Saftfülle oder Köstlichkeit übersetzen. 1908 brachte der Japaner Ikeda den geschmacksverbessernden Effekt von Seetang mit Glutaminsäure in Verbindung und nannte den Effekt U. Laut Literatur haben Verbindungen, die einen U.-Effekt auslösen, keine verstärkende Wirkung auf die vier Grundgeschmackseindrücke süß, sauer, salzig und bitter (…)“.

Der Versuch, das japanische Wort einfach zu übersetzen kommt fast in allen Definitionen vor, hilft aber nicht weiter. Saftfülle? Köstlichkeit? Als ob saftiges Obst nicht auch eine Köstlichkeit wäre. Es schmeckt aber nicht nach Umami.

Bei Lebensmittel.de wird Umami zum reinen Geschmacksverstärker:

Der „Umami-Geschmack“

Umami-Substanzen wie z.B. Glutamat bewirken eine Verstärkung des Eigengeschmackes von Lebensmitteln, besonders von Fleisch und Fleischerzeugnissen. Diese Geschmacksverbesserung kann jedoch nicht mit den üblichen Geschmacksrichtungen süß, sauer, salzig und bitter erklärt werden. Daher wird Umami auch als fünfte Geschmackskomponente bezeichnet (…).“

Das heißt, dass Umami kein eigener, bestimmter Geschmack ist, sondern nur ein geheimnisvolles Verbesserungsmittel, ein Trick, der den Eigengeschmack hebt – eine weit verbreitete Fehlannahme.

Auch ein Lehrbuch der Lebensmittelchemie, der Belitz von 2011, legt nahe, dass Umami, hier als Stoff Glutamat, gar kein richtiger Eigengeschmack ist:

„Glutamat bewirkt eine Intensivierung des sensorischen Eindrucks insbesondere bei fleischähnlichen Aromen und wird in großem Umfang bei Gefrierprodukten, Trockenprodukten und Konserven auf Fischund Fleischbasis eingesetzt.

Beim Verbraucher-Informationsservice Bayern, VIS, kommt man der Sache näher.

Vorher muss man sich allerdings durch die üblichen Übersetzungsversuche aus dem Japanischen sowie umständliche Erklärungen zur Physiologie des Geschmackssinnes, zu Papillen im Mund und Rezeptoren sowie der Entdeckungsgeschichte des Umami-Geschmacks kämpfen.

Immerhin kennen sich die Bayern mit Lebensmitteln aus, daher wird Umami im chemischen Teil des Artikels so beschrieben:

„Natürliches Glutamat“

Glutaminsäure ist von Natur aus zum Beispiel in Tomaten, Hefe, Parmesan, Fleisch, Sardellen, Oliven und Sojasoße enthalten. Daher werden diese Lebensmittel gerne zur Abrundung von Gerichten verwendet. Eine Kombination dieser Lebensmittel wird als Gewürzpaste namens “Taste No. 5“ verkauft. Die Hauptzutaten sind Sardellen, Oliven, Parmesankäse und Steinpilze, also alles Lebensmittel, die von Natur aus glutaminreich sind. Geworben wird mit „magischem Geschmack“. Der Vorteil für den Produzenten besteht darin, dass diese Lebensmittel nicht als „Geschmacksverstärker“ gekennzeichnet werden müssen. Sie stehen als Zutaten lediglich in der Zutatenliste.

Die Beispiele sind interessant – nur schmecken Tomaten, Hefe, Sardellen, Oliven, Parmesan, Sojasoße, Fleisch und Steinpilze komplett unterschiedlich. Niemand würde sie miteinander verwechseln oder auch nur vergleichen: „Schmeckt wie Fleisch, also wie Oliven, also wie Parmesan, also nach Umami“ wäre Unsinn.

Daher bleibt auch hier unklar, was aus dieser Fülle das geheimnisvolle Umami sein soll, das sie alle angeblich gemeinsam haben

 

Das Geheimnis des Umami: die gute alte Bouillon

weißer Suppenteller mit klarer Brühe und einem Löffel

Traditionelle Umami-Quelle in Europa: einfache Brühe

Die Lösung liegt aber so nahe wie nur irgend möglich, obwohl schließlich doch die Japaner zu Hilfe kommen müssen.

Sie haben den Umami-Geschmack nicht nur als erste treffend beschrieben.

Sie können ihn auch zielsicher in allen anderen Küchen der Welt identifizieren: Umami ist ein herzhaft-deftiger, fleischiger Geschmack und typisch für Brühe – die gute alte Bouillon.

“Umami is an important taste element in natural foods; it is the main taste in the Japanese stock “dashi,” and in bouillon and other stocks in the West.”

„Umami ist ein bedeutender Geschmacksbestandteil in natürlichen Lebensmitteln, es ist die Hauptgeschmacksnote in der japanischen Brüh „Dashi“ und in Bouillon und anderen Brühen  im Westen.“ (Übers. Quarkundso.de)

Quelle: Shizuko Yamaguchi and Kumiko Ninomiya, Universität Tokio, 2000

Ob Hühnerbrühe, Fleischbrühe, Gemüsebrühe oder Fischbrühe, ein Braten- oder Saucenfonds – das sind die Umami-Bomben und jeder, auch im Westen, kennt den Geschmack.

In Japan extrahiert man Umami aus proteinreichen Algen und getrocknetem Fisch, die zusammen in Wasser ausgelaugt werden – die Brühe ergibt das oben genannte Dashi, eine geradezu unentbehrliche Basiszutat. Diverse ostasiatische Fischsaucen liefern ebenfalls das begehrte Umami, fertig zu kaufen in Tuben und Flaschen.

Das Prinzip Würzsauce aus fermentiertem Fisch war aber auch schon im Europa der Antike bekannt, und Omas Hühnerbrühe ist Umami pur.

Brillat-Savarin, der legendäre Feinschmecker-Philosoph des 18. Jahrhunderts, erkannte in gebratenem Fleisch auch schon einen besonderen Wohlgeschmack, den er „Osmazom“ nannte und als typisches Fleischaroma beschrieb, das sich erst beim Zubereiten verändert.

Denn das ist die Essenz von Umami: Es ist der Geschmack, der entsteht, wenn in proteinhaltigen Lebensmitteln das Eiweiß denaturiert – ausgekocht in der Brühe, fermentiert in der Fischsauce, gebraten oder gebacken im Fleisch, gereift im Käse. Und hinter proteinhaltiger Nahrung ist der Mensch nunmal her.

Tomaten entwickeln Umami auch durch Zubereitung, nämlich indem sie getrocknet oder geschmort werden, und zwar mit Schale. Auch alle anderen Umamisubstanzen bis hin zur Steinpilzsauce zu den Eiernudeln entstehen aus denaturiertem Protein und seinen Bestandteilen, den Aminosäuren, Maggi und Sojasauce inbegriffen.

 

Hallo, Duden-Redaktion, bitte kommen!

Das muss reichen. Den langen Exkurs über den Beginn der Menschheitsgeschichte, als die Menschen das Feuer entdeckten und sich dann über Fleisch hermachten, das mit dem Braten, Rösten und Backen so viel köstlicher – umami – wurde, sparen wir uns.

Auch die Verwendung in der Küche wäre ein langes Kapitel, und was passiert, wenn umami fehlt und Soßen, Vegetarisches, Suppen fade und dünn schmecken.

Für den guten alten Duden reicht ja eine Kurzbeschreibung.

Die liefern wir hier fix und fertig, die Deutschlehrerinnen brauchen sie nur noch abzuschreiben, bitte, gerne:

Der Umami-Geschmack ist herzhaft-fleischig wie der Geschmack von Bouillon, also von Hühner- oder Fleischbrühe; er findet sich auch in gereiftem Käse, getrockneten Tomaten und anderen eiweißhaltigen Lebensmitteln wie gebratenem Fleisch oder Fisch.

Das diskret platzierte Sparschwein im Menü oben rechts müssen wir nicht extra erwähnen (hallo, Duden-Redaktion, bitte kommen!).

©Johanna Bayer

 

*Ein, äh, sagen wir mal, veganes Algensalz, ja, vegan. Es wird traditionell in der ostasiatischen Küche verwendet, ganz natürlich! Aus Algen! Vegan! (für Kenner: MSG).

 

Verbraucher-Informationsservice Bayern VIS zu Umami

Richtig steht es ausgerechnet bei EDEKA.  Aber bei Lebensmittelexperten hat vom Duden natürlich niemand nachgefragt. Wo kommen die denn da hin, wenn die auch noch recherchieren müssten.

Guter, wirklich sehr guter Artikel zum Umami-Geschmack im Tagesspiegel

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt! Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein eigenes PayPal-Konto. Vielen Dank!