Kategorie-Archiv: Das Essen der Anderen

Alle Menschen müssen essen. Aber nicht alle dasselbe. In dieser Rubrik geht es um Essen aus und in anderen Ländern, verschiedenen Küchenstilen oder Weltanschauungen.

SPIEGEL online über Besseresser und “Essen 2.0″: Billiger geht’s nicht

Stück Sahnetorte mit Kirsche und Schokostreuseln auf Teller.

Traditionell köstlich: die unschuldige Schwarzwälder Kirschtorte kommt bei  SPON schlecht weg. Bild: Shutterstock / Gts

In der Not frisst der Teufel auch beim SPIEGEL Fliegen. Genauer: bei SPIEGEL online. Denn online, das heißt schnell reagieren, mal was Einfaches machen, Meldungen raushauen, Buzzwords reinflicken und ein Thema bringen, weil der STERN es gerade gemacht hat, und zwar genau das Gegenteil.

Sowas hat sich SPON jetzt über Essen geleistet: einen Artikel, überschrieben „Die Besseresser“.

Es geht darin um Trends, genauer: um „Essen 2.0 – aus alt mach neu“, unter dem Motto „Ersetzen statt Verzichten“, so die Überschriften.

Was sich die Autorin dabei gedacht hat, ist klar: wieder eine Arbeitsprobe beim renommierten SPIEGEL – wenn es dort schon kaum Geld gibt. Und der eine oder andere Hintergedanke war wohl auch dabei, dazu kommen wir später.

Ob sich die Redaktion außer gewissen strategischen Überlegungen in Richtung Clickbaiting was dabei gedacht hat, bleibt vorläufig im Dunkeln.

 

So kann man das nicht stehen lassen

Jedenfalls hatte der STERN Anfang Oktober eine große Titelgeschichte über „Das Märchen vom gesunden Essen“ gebracht und darin unbarmherzig festgestellt: Alles, was einem gewisse Webseiten, Portale, Esoteriker und selbsternannte Food-Experten über „gesunde Ernährung“ weismachen wollen, ist Humbug.

Abgewatscht wurden unterwegs ein paar prominente Ess-Gurus, darunter eine bekannte Bloggerin, die Clean Eating propagiert, Hannah Frey. Und es kamen Experten zu Wort, ausführlich zum Beispiel die international bekannte Food-Trendforscherin Hanni Rützler.

Fazit des STERN: Essen ist nur Essen.

Sektenähnliche Systeme und strenge Regeln sind unnötig, Hauptsache man ernährt sich vielfältig und achtet aufs Gewicht. Das ist Stand der Wissenschaft, wie am Ende Christoph Klotter, Ernährungspsychologe an der Hochschule Fulda, zu Protokoll gibt.

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Doch beim SPON konnte das jemand so nicht stehen lassen.

Und gab einen Text in Auftrag, der alles, was der STERN einem vermiesen wollte, blind bejubelt:

Clean Eating ist toll und total gesund, überhaupt ist gesundes Essen ganz toll, gesund essen geht ganz leicht, zum Beispiel nichts mehr vom Tier, und gesund ist total gesund, mit Avocados, Linsen, Bohnen und Soja, und tierische Produkte sind ungesund, und Fett, Fleisch und Zucker sind ungesund, und alle essen jetzt regional und bio, das  ist gesund, und beim gesunden Essen ist alles ganz einfach. Und gesund.

Das wären mal so die Hauptaussagen in Kürze.

 

Wenn der Praktikant mit dem SEO-Generator

Dieser SPON-Beitrag ist so grottenschlecht, dass man glauben könnte, ein SEO-Praktikant habe den Text zusammengeschustert, während die Redakteure vor dem SPIEGEL-Hochhaus gegen Etatkürzungen protestierten.

Nach einigem Fremdschämen hat Quarkundso.de angesichts dieses Machwerks allerdings die Fassung verloren. Wirklich – die Contenance, mit der hier sonst um geistreiche Kritik gerungen wird, ist perdu.

Das, was jetzt kommt, ist daher nicht gerade die feine Art. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Das liegt daran, dass in dem SPON-Artikel alle paar Zeilen ein dicker Klopper drin ist: von Klischee und Kitsch über haltlose Behauptungen und peinliche Falschaussagen, unrecherchierten Unsinn und fragwürdige Verwendung von Zitaten und Fachbegriffen bis zum Deppenkomma ist alles dabei.

Wie konnte das passieren? Das wird noch zu klären sein.

 

Von wegen Besseresser – wer isst denn so?

Fangen wir vorne an, bei Überschrift und Teasertext.

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Screenshot SPON-Artikel unter dem Titel “Die Besseresser”

Ernährung: Essen 2.0 – aus alt mach neu – Ersetzen statt verzichten

Die Besseresser

Bolognese mit Hackfleisch? Das war gestern. Heute gesellen sich Linsen zu Tomate und Zwiebeln. In traditionellen Gerichten werden Fleisch, Fisch und Weizen gegen Bohnen, Algen oder Gemüse getauscht – aus guten Gründen.

Das ist ein Einstieg wie aus dem Lehrbuch der Schmieren-PR: einfach mal was ins Blaue hinein behaupten, um dann hemmungslos darüber fantasieren zu können.

Bolognese mit Hackfleisch soll out sein und „von gestern“? Wer, bitte, streut sich Linsen über die Nudeln und tut so, als sei das „Bolognese“?

Exakt das Gegenteil ist der Fall: Unverändert und seit vielen Jahren stehen die Nudeln mit Hackfleischsoße an der Spitze der Liste beliebter Kantinengerichte in Deutschland. Darüber schafft es nur die Currywurst, selbst am Schnitzel sind Spaghetti Bolognese vorbeigezogen.

Also nochmal die Frage: Wer und wie viele simulieren eine italienische Nudelsoße aus Hülsenfrüchten? Welcher Koch kann es sich in einer Kantine erlauben, Nudeln mit Linsen zu servieren? Gut, drüben im Schwabenland. Da gibt es vielleicht mal Spätzle mit Linsen (und Würstchen, übrigens). Aber die Schwaben tun nicht so, als ob sie irgendetwas ersetzen würden, oder als fabrizierten sie etwa Bolognese.

Nun sind wir erst ganz am Anfang, und ein Teaser soll in den Beitrag reinziehen. Aber rechtfertigt das eine so steile Rampe ins Postfaktische?

Zumal dieselbe Autorin einige Monate früher ebenfalls auf SPON feststellt:

Zugegeben, Hülsenfrüchte haben keinen guten Ruf. Viele Menschen scheuen den Verzehr aus Angst vor Blähungen. Grund sind schwer verdauliche Kohlenhydrate, die im Enddarm landen und dort von Bakterien zersetzt werden, was zur Gasbildung führt.

Offensichtlich lautete diesmal der Redaktionsauftrag anders. Dann geht auch das Gegenteil. Wobei – nichts gegen Hülsenfrüchte. Es geht Quarkundso.de  nur um das Verhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Nicht darum, ob Erbsen, Linsen und Bohnen wertvoll in der Ernährung sind oder nicht.

 

Klassische Rezepte: ungesund?

Nach dem gewagten Anfang kommt jedenfalls genau jene Foodbloggerin zu Wort, die beim STERN als Beispiel für das schwer gehypte Clean-Eating-Konzept vorgeführt wurde, Hannah Frey.

Sie ist 28 Jahre alt, hat einen sehr erfolgreichen Blog und in Bremen Gesundheitswissenschaften studiert, Abschluss: Bachelor. Außerdem gibt sie Yoga- und Entspannungskurse, privat ernährt sie sich vegetarisch nach einer eigenen Variante von Clean Eating.

Dieses trendige Gesamtpaket hat wohl jemanden beim SPON in den Fingern gejuckt.

Während der STERN Frau Frey als eine unter vielen vorführt, die ein beliebiges Esskonzept clever vermarkten, preist SPON-Autorin Bettina Levecke die Bloggerin als „Gesundheitswissenschaftlerin“ an.

Und betrachtet sie als ausgewiesene Expertin für „gesunde Ernährung“.

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Dafür qualifiziert sich Hannah Frey mit sinnfreien Pauschalurteilen, etwa über die klassische Mousse au Chocolat: Solche traditionellen Rezepte enthielten „sehr viel tierisches Fett und Zucker“, und „beides ist nicht gesund”.

So etwas Plattes, Plumpes in den heutigen Zeiten auf einem Qualitätsportal zu lesen tut Quarkundso.de schon sehr weh.

 

Die gute, alte Küche kann einpacken

Nimmt man derlei ernst, kann nur eines daraus folgen: der Untergang des Abendlandes, kulinarisch gesehen.

Ernsthaft. Die ganze französische Hochküche, die bürgerliche Küche, die gepriesene italienische Kochkunst, die österreichische, die böhmische, die ungarische, überhaupt alle europäischen Landesküchen können einpacken.

Schluss mit Panna Cotta, mit Gulasch, Knödeln und Kaiserschmarrn – und mit all den Gerichten, die zum gloriosen „french paradox“ beigetragen haben: dem Phänomen, dass die Franzosen so viel mehr tierisches Fett konsumieren als andere und dabei weniger Herzinfarkt, Diabetes und Übergewicht haben. Aus ist es also für Crème brulée, Paté, Rilletes und Confit.

Das ist nämlich alles „ungesund“. Die „Besseresser“ à la Frey haben das erkannt und tauschen das Zeug aus – „aus guten Gründen”. Ist das allgemeiner Konsens? Wohl nicht. Es ist auch nicht der Kern des Clean-Eating-Konzepts, nebenbei bemerkt. Da geht es eigentlich gerade um natürliche, hochwertige Produkte, handgemacht und nicht industriell prozessiert.

 

Phrasen aus der Folterkammer der Diätassistenten

Müßig zu erwähnen, dass Hannah Frey sogar bei ihrem Imitat aus zerdrückten Avocados, Kakaopulver und Agavensirup vor höllischen Folgen warnt. Sie spricht tatsächlich von „Sünde“:

„… der „Fettgehalt der Avocado und die Süße der Agave“ sorge zwar auch nicht schlanke Hüften, „”aber wenn man schon mal sündigt, dann eben wenigstens ohne schlechtes Gewissen”, so Frey.“

Das sind Phrasen aus der Folterkammer der Diätassistenten, wie sie seit den 1960er Jahren unendlichen Schaden angerichtet haben.

Und seit Jahren ringen Tausende von modernen Medizinern, Ernährungswissenschaftlern und Ökotrophologen darum, diese Parolen aus den Köpfen der Menschen wieder rauszubringen.

 

Kann Essen wirklich Sünde sein?

Denn inzwischen ist längst klar: Es ist kontraproduktiv, im Zusammenhang mit Lebensmitteln von „Sünde“ und „sündigen“ zu reden, es macht Übergewichtigen ihr Leben noch schwerer und ruiniert ein gesundes, entspanntes Essverhalten – mal ganz davon abgesehen, dass es sachlich haltlos ist.

Nein, niemand „sündigt“, wenn er eine – klassische – Mousse au Chocolat zum Nachtisch isst. Und ein „schlechtes Gewissen“ muss man erst recht nicht haben.

Man kann das tun. Jeden Tag. Wie die Franzosen. Man muss halt aufs Gewicht achten, das ist alles.

Aber warum betet die SPIEGEL-Autorin solche Dummheiten her, als ob es keine anderen Fakten, keine Zusammenhänge, kein Wissen, keinen Hintergrund, keinen Kontext gäbe?

Als ob nicht Ernährungsexperten davon abraten, einzelne Lebensmittel oder Nährstoffe zu verteufeln? Und wieder und wieder betonen, dass alles von der Mischung, dem Maß, der Verträglichkeit und ganz besonders davon abhängt, ob man sein Gewicht im Griff hat?

Ja, warum, SPON? Vor allem: Warum kommt keine andere Position im Artikel vor? Warum fehlt die von Berufs wegen eigentlich verpflichtende Nachfrage dazu, ob das denn stimmt, was Frau Frey verzapft?

 

Geschickte Montage von Zitaten

Doch gehen wir weiter im Text: Die Autorin hat nämlich noch richtige Experten in petto, Promis aus der Ernährungsszene. Zumindest gibt es Zitate, nämlich von Thomas Ellrott und von Hanni Rützler, die auch im STERN auftrat.

Beide scheinen zu bestätigen, was die Clean-Eating-Frau zuvor ausgeführt hat und was Autorin Levecke uns gerne glauben machen möchte: Fett ist ungesund. Zucker ist ungesund. Fleisch und tierische Produkte sind ungesund, klassische Rezepte und Zutaten sind ungesund.

Direkt hinter das Gesundheitsgefasel aus der Clean-Eating-Privatversion montiert die SPON-Autorin daher die Statements der Experten:

Keine Frage, gesundes Essen ist im Trend. “Die Zeiten, in denen Essen vor allem günstig und schnell sein sollte, gehen langsam zu Ende”, sagt Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie in Göttingen. “Verbraucheranalysen zeigen deutlich, dass bei der Lebensmittelauswahl Gesundheit ein immer wichtigeres Motiv wird.”

Klar, oder? „Aus guten Gründen” gilt: Die Käufer haben eingesehen, dass man „ungesunde Zutaten“ wie Fett, Zucker und überhaupt Tierisches lieber ersetzen sollte.

Weg mit der Gesundheitskeule

Aber Thomas Ellrott spricht in Wahrheit lediglich von dem Motiv „Gesundheit“ beim Einkaufen, Kochen und Essen. Der Beweggrund vieler Kunden mag dabei zwar „Gesundheit“ sein – aber das bedeutet auf keinen Fall, dass das, was Fanatiker für „gesund“ halten und was die Clean-Eating-Paläo-Gluten-Frei-von-Rohkost-Vegan-Front uns glauben machen will, tatsächlich „gesund“ ist.

Vor allem heißt es nicht, dass Thomas Ellrott derlei glaubt oder bestätigt.

Das glaubt er nämlich nicht und sagt es auch nicht. Ellrott ist Profi. Er sitzt im Präsidium der DGE und weiß es besser: Seit Jahren plädiert er ausdrücklich dafür, die Gesundheitskeule aus der Ernährungserziehung herauszuhalten.

Wenn Eltern ihren Kindern dauernd in den Ohren liegen, dass sie dies essen und das lassen sollten, weil das angeblich „gesund“ sei, so Ellrott, störe das die Entwicklung eines, ja, gesunden Essverhaltens. Dazu hat er der ZEIT ein Interview gegeben, und man kann seine Position überall nachlesen.

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Soll Schluss sein mit traditionellen Desserts wie diesem Flan Caramel: zu viel Tier, zu fett, zu süß?

Nur – warum stellt die SPON-Autorin seine Aussagen anders dar? Warum montiert sie das Zitat, als ob Thomas Ellrott bei Hannah Frey einen Clean-Eating-Kurs besucht hätte?

 

Ein Trend ist nicht die Wirklichkeit

Auch Trendforscherin Hanni Rützler kommt zur Sprache, es geht um „Ersatzprodukte ohne tierische Bestandteile“, im Klartext: vegan.

„Ersatzprodukte ohne tierische Bestandteile landen mittlerweile nicht mehr nur bei überzeugten Veggies auf den Tellern”, sagt Rützler, “auch immer mehr Omnivoren versuchen, Fleisch zu ersetzen.”

Abgesehen davon, dass „Omnivoren“ als Fachbegriff hier falsch benutzt wird, (denn alle Menschen, egal, was sie essen, sind Omnivoren) ist die Frage, was hier „versuchen“ heißt.

Mal was Neues probieren, eine Mandelmilch oder einen Haferdrink, zum Beispiel? Das ist für viele interessant. Vielleicht essen einige auch statt Fleisch öfter Nudeln mit Tomatensoße, oder ein Käse-Omelett. Aber auf Dauer vegan, mit „Ersatzprodukten ohne tierische Bestandteile?“

Das ist definitiv nicht die Realität von mehr als 99 Prozent der Deutschen.

Natürlich wollen viele ihren Fleischkonsum reduzieren und qualitativ verbessern. Zumindest behaupten sie das.

Und zwar dann, wenn ihnen ein Reporter ein Mikro oder ein Wissenschaftler einen Fragebogen unter die Nase hält. Deshalb kommt immer wieder raus, dass angeblich ein Drittel, die Hälfte, zwei Drittel oder gleich alle dazu bereit sind, mehr Geld für besseres Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren auszugeben, weniger Fleisch zu essen, kein Fleisch mehr zu essen und sich „gesünder zu ernähren“.

Die Zahlen aber zeigen die Wahrheit: Weder bricht der Fleischkonsum drastisch ein noch steigt der Verkauf von Hülsenfrüchten oder der Marktanteil von Ersatzprodukten dramatisch an. Bio-Fleisch bleibt in der teuren Nische, und weder ernährt sich die Masse der Deutschen vollkommen anders noch kaufen sie „keine Tierprodukte mehr“. Auch nehmen die Dicken hierzulande weder im großen Stil ab noch werden die Deutschen „gesünder“.

Der eigentliche Punkt aber ist: Hanni Rützler spürt von Berufs wegen Trends und Tendenzen nach, übrigens höchst seriös und international anerkannt.

In ihren „Food-Reports“, etwa in dem von 2017, benennt sie viele aktuelle Richtungen. Dabei entwirft sie ein ganzes Mosaik von unterschiedlichen Strömungen, die sich in verschiedenen Milieus beobachten lassen, diesmal zum Beispiel Trends zum Aromastoffen, zu noch mehr Convenience oder zu „brutal lokal“, also zur Regionalität.

Einer unter vielen ist in diesem Jahr Trend zu Imitaten, zum „Doubeln von Food“, wie Rützler schreibt. Motto: „Beyond Food“. Wie passend – vielleicht ist die Ersatzwirtschaft tatsächlich das Ende dessen, was wir bisher unter Genuss verstanden haben? Könnte gut sein.

Wie sich solche Trends aber entwickeln, ob sie zur Ernährungsrealität werden, ob sie bleiben, steht auf einem anderen Blatt: Zwischen Hype, Trend, Entwicklung und Wirklichkeit bestehen Unterschiede.

Frau Rützler weiß das. Frau Levecke beim SPON weiß es aber besser. Vor allem will sie es anders haben.

 

Die Schwarzwälder Kirschtorte ist die Krönung

Deshalb deklariert sie den aus Blogs und Laien-Rezepten herausgelesenen Ersatzhype „Essen 2.0“ als gemachte Sache und faselt darüber munter weiter.

Dann kommt die Krönung – etwas, was beim SPIEGEL eigentlich gar nicht passieren dürfte. Schließlich verfügen große Häuser über ausgebildete Redakteure. Außerdem gibt es noch eine Qualitätskontrolle durch die Abteilung Dokumentation.

Die geht akribisch durch das Geschreibsel der armen Freien und verlangt selbst für die simpelsten Fakten aus der Allgemeinbildung Belege: „Woher wollen Sie wissen, dass der Magen Säure produziert? Wir haben das im Internet nicht gefunden. Bitte kopieren Sie uns das Fachbuch, das Sie verwendet haben und schicken Sie es uns umgehend als Beleg zu.“

Das dient dazu, dass das Renommee des Blattes von fahrlässigen Autoren nicht beschädigt wird und die klagefreudigen Gegner des Hauses keine Angriffsfläche finden.

Nun scheint aber – online first – beim digitalen Ableger SPON die Abteilung Dokumentation gar nicht erst tätig zu werden. Oder es musste halt mal schnell gehen, oder man hat das Ding einfach auf Treu und Glauben durchgewunken.

Schließlich kann beim Essen jeder mitreden, und im Übrigen geht es doch um die Story, nicht wahr? Wie auch immer – Frau Levecke serviert einen fetten Patzer:

Sogar aus der Schwarzwälder Kirschtorte – der Kalorienqueen der ungesunden Sünden – lässt sich mit Mandeln, Datteln und frischen Kirschen eine Rohkostvariante nachbauen.

Muss ich es sagen?

Nein, nicht dass Schwarzwälder Kirschorte selbstverständlich keine „ungesunde Sünde“ ist, das ist ja schon geklärt. Sondern dass sich das mit der „Kalorienqueen“ beim Blick in eine Kalorientabelle erledigt hätte.

Denn die Schwarzwälder Kirschtorte ist nicht die größte Kalorienschleuder in der Kuchentheke.

Das ist ein Lapsus, der aus echter Unkenntnis (keine Ahnung von der Sache), aus Faulheit (ich brauche nicht in ein Buch zu gucken, wird schon stimmen) und aus – Achtung! – mangelnder beruflicher Integrität und fehlender Ausbildung zustande kommt.

Brownies, Nahaufnahme

US-Bomber: Brownies sind der Hammer, mit 411 Kalorien auf 100 Gramm.

Ach so, wer es wissen will: Die Schwarzwälder Kirschtorte rangiert weit hinter Schweinsöhrchen aus Blätterteig, Donauwelle, Baumkuchen, Nussecke, Linzer Torte und den US-Bombern Cheesecake und Brownies, die gerade in Foodie-Kreisen besonders beliebt sind.

Das kann man in jeder handelsüblichen Kalorientabelle nachsehen, man weiß es aber auch, wenn man rudimentäre Kenntnisse von echtem Essen hat – und nicht, wie Autorin Levecke und Bloggerin Frey, auf Imitate und Ersatzprodukte steht: Schlagsahne, Kirschen und luftiger Biskuit bringen weniger Kalorien auf die Waage als Buttercreme, Frischkäse und Rührteig mit Schokolade

Spätestens hier hätte die Redaktion schalten müssen – wenn sie die Floskel mit der „Kalorienqueen“ nicht sogar selbst in den Artikel reinredigiert hat. Denn merke: Patzt der Autor, ist die Redaktion Schuld, weil sie nicht aufgepasst hat. Verantwortlich im Sinne des Presserechts.

 

Gehen wir ans Eingemachte

An so einem Punkt schaut die Abteilung Dokumentation bei Quarkundso.de übrigens nicht nur in die Kalorientabelle.

Sondern googelt auch den Namen der Autorin. Ergebnis: Frau Levecke macht erst seit Kurzem in Ernährungsthemen, und das für einschlägige Szene-Postillen aus dem Lager Schrot&Korn, veganes Leben etc. Da hat sie zu veganer Ernährung, vegan für Schwangere und veganen Eltern geschrieben.

Möglicherweise ersetzt hier eine private Lebenserfahrung Berufs- und Fachwissen, und so wird der SPON-Artikel nichts weniger als tendenziös: es fehlt die Distanz zum Thema, es fehlt eine Einordnung, es fehlt eine andere Sichtweise, dafür dominieren schlichte Unkenntnis und verzerrte Wahrnehmung.

Das merkt man gerade am Umgang mit den Zitaten der Experten – und von Anfang an beschlich Quarkundso.de dabei ein ganz böser Verdacht:

Könnte es etwa sein, dass Frau Levecke für diesen Beitrag weder mit Hanni Rützler noch mit Thomas Ellrott persönlich gesprochen hat?

Hat sie vielleicht nur ein paar Zitate aus deren Veröffentlichungen verwurstet und sich diese per E-Mail von den Pressestellen der beiden Experten freigegeben lassen? Und dabei nicht gesagt, wie später ihr Artikel aussieht? Oder in einem echten Telefoninterview herausgefunden, was die beiden wirklich wollen und meinen? Wollte sie einfach ihre Meinung verbreiten, und nicht die der Experten?

Und hat die SPON-Redaktion das geschluckt, weil es ja nur online ist?

 

Was soll das?

Der Verdacht hat die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de auf den Plan gerufen.

Und tatsächlich: Die hat – jeweils aus erster Hand – erfahren, dass Frau Levecke tatsächlich nie mit Hanni Rützler persönlich gesprochen hat, und dass Thomas Ellrott den Artikel und insbesondere den Einbau seiner Zitate alles andere als ideal findet.

Auch wusste er nichts über den Gesamtaussage des Artikels und würde nie unterstützen, dass das Ersetzen von Zutaten generell als „gesund“ oder dass Clean Eating, Frei von, Vegan und welches System auch immer per se als besonders “gesund“ etikettiert werden.

Tja. Das war dem Text anzumerken, aber es bleibt die Frage: Wer oder was wollte das bei SPON? Und was wollte er oder sie uns damit sagen?

 

Aufhören, wenn es am schönsten ist

Ganz am Ende hat „Gesundheitswissenschaftlerin“ Hannah Frey, wie sollte es anders ein, das letzte Wort.

Sie darf, zusammen mit Ernährungsfachfrau Levecke, zum Schluss dem Psychologen Ellrott noch einmal in die Parade fahren. Denn aus seinen Zitaten lässt sich leider doch ein wenig herauslesen, dass das mit dem angeblich gesunden Essen vor allem der Selbstsuggestion dient:

Laut Ellrott sei bewusste Ernährung damit auch eine moderne Form der Selbstpflege. Der Ernährungspsychologe spricht vom sogenannten Halo-Effekt – “Halo” ist das englische Wort für Heiligenschein: “Das gesunde Essen strahlt auf unser inneres Empfinden aus, wir fühlen uns besser, gesünder, umweltbewusster oder auch moralisch überlegen.”

Das kann Frau Levecke natürlich nicht unkommentiert lassen. Sie stellt es richtig:

Aber neben den möglichen philosophischen Hintergründen gibt es auch ganz praktische Vorteile: “Gesunde Zutaten wie Obst und Gemüse sind leichter verdaulich”, sagt Hannah Frey. “Eine Linsenbolognese mit Zucchininudeln liegt einfach nicht so schwer im Magen wie das Original.”

Das ist so schlecht, dass es fast schon wieder gut ist, und nein, ich führe das jetzt nicht mehr aus (die dummen Italiener, wie konnten sie nur Spaghetti mit Fleischsauce erfinden, ungesund und schwer wie Blei im Magen, schön doof).

Ich erwäge nur noch kurz, dass Frau L. sich wohl verschrieben hat und nicht „philosophisch“, sondern „psychologisch“ meinte, das Fachgebiet von Thomas Ellrott. Aber an dieser Stelle auch noch begriffliche Schärfe zu verlangen, sprengt jetzt wirklich den Rahmen.

Screenshot vom Blog der Hannah Frey

Nein, keine Ernährungsberatung – zum Glück. So frei aus der Hüfte zu schießen kann nämlich ins Auge gehen.

 

Zum Glück ist aber die Clean-Eating-Propagandistin Hannah Frey wenigstens so schlau, zwar Kochbücher zu schreiben, aber keine Ernährungsberatung anzubieten. Das kann man auf ihrer Webseite nachlesen.

 

 

Sie würde auch in Teufels Küche kommen, mit dem dummen Zeug.

Macht aber nichts – für SPIEGEL online reicht es ja.

©Johanna Bayer

 

SPON-Artikel „Die Besseresser“ von Bettina Levecke vom 17.11.2016 – und Achtung, er ist schon geändert worden, nach Intervention. Vielleicht wird er bald nochmal geändert. Dann bitte bei der Abteilung Dokumentation von Quarkundso.de nachfragen, da gibt es das Original als PDF mit Stand vom 28.11.2016.

Autorin Levecke über Hülsenfrüchte in SPON am 3.3.2016

Thomas Ellrott im ZEIT-Interview: “Eltern, hört endlich auf, von gesundem Essen zu reden!”

… und was Hanni Rützler wirklich über das Gesundheitsgefasel denkt

Hannah Frey bietet KEINE Ernährungsberatung an, sie weiß wohl, warum, s. ganz unten in ihren FAQ.

Was wirklich Trend ist, steht zum Beispiel in diesem Artikel über die neue regionale Bewegung. Oder in diesem aus der TAZ, zur Foodszene in Berlin und dem Frust der Otto Normalesser.

Wo wir gerade von echten Lebensmitteln sprechen: Kalorienübersicht von der Apotheken-Umschau, eine unter vielen. Die Quelle von Quarkundso.de ist die Kalorien-&Nährtwerttabelle von Gräfe und Unzer (so ein Buch).

Gesund oder ungesund? Schwarz-Weiß-Denken schadet bei der Gewichtskontrolle(Studienzusammenfassung auf Englisch)

DIE WELT: Der Hipster-Laden als Nobelrestaurant – finde den Fehler

Mann mit Männerdutt sitzt mit anderen beim Essen

Essen bei Hipsters: Männerdutt, Traveller-Küche, keine weiße Tischdecke – das volle Programm. Bild: Shutterstock / Syda Productions

 

Jetzt ist mal wieder DIE WELT dran.

Aber diesmal mache ich mit denen kurzen Prozess, nach dem langen Riemen neulich über die Klimadebatte. Sonst kommen wieder Klagen wegen zu vieler Buchstaben.

Also: Der Oliver Rasche hat in seiner lustigen Kolumne darüber geschrieben, „wie uns durchgestylte Nobel-Restaurants für dumm verkaufen.“ (Titel der WELT).

Die Geschichte geht so: Rasche wollte mit einem Kumpel einfach mal eine Pizza essen gehen und geriet in einen urbanen Hipster-Laden, der sich „Pizza-Manufaktur“ nannte. Dort herrschten hohe Männerdutt-Dichte und aufgesetzter Industrie-Chic, und von der Speisekartenlyrik über den Designer-Tresen bis zu den arroganten Möchtegern-Models, die Kellnerinnen mimten, war alles affig aufgebrezelt.

Weil die Pizza aber vegan und noch dazu aus Vollkorn war, schmeckte sie nicht und lag im Magen wie Schusterleim. In der Eisdiele, in der sich die Jungs anschließend trösten wollen, gibt es nur exotisches Zeug wie Schokoladeneis mit Lindenblüten- oder Kaktusfeigen-Extrakt. Auch die nennt sich aber „Manufaktur“.

Da platzt dem Rasche der Kragen.

In seinem Beitrag regt er sich fürchterlich über den Manufaktur-Quatsch auf und sehnt sich nach der guten, alten, ehrlichen Pizza von seinem guten, alten, schlampigen Italiener im Ruhrpott, wo der Boden klebt und das Gesundheitsamt immer Freibier hat.

Dabei wendet sich der Kolumnist auch gegen die Idee einer „Manufaktur“, also gegen handgemachte Speisen und die Absage an Massenware.

Solche Vorhaben beschimpft er als abwegige Ess-Nostalgie, die dazu führt, dass man „isst wie im Museum“, während der Gast aufs Übelste verschaukelt wird, weil weder Geschmack noch Qualität dem hochtrabend formulierten Manufaktur-Anspruch gerecht werden.

„Was soll dieser Manufaktur-Quatsch? Warum lassen wir uns derart für dumm verkaufen? Haben wir uns in unserer Zivilisationsbequemlichkeit so sehr vom Ursprung der Dinge entfernt, dass uns eine Sehnsucht nach pseudo-historischem Handwerk plagt? Nach echten, nach handgemachten Produkten?“

Die falschen Feinde

Jetzt will man dem Rasche bei seinem Wüten gegen überkandidelte Hipster-Läden natürlich von Herzen beipflichten und mit ihm vom Leder ziehen, dass es kracht.

Vorher muss Quarkundso.de aber entschieden einschreiten und etwas richtig stellen.

Denn O. Rasche will die Hipster treffen, schießt jedoch über sein Ziel hinaus und erledigt die kleinen Manufakturen sowie ehrwürdige Nobelrestaurants gleich mit.

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Das ist schade, denn das wahre Übel beleuchtet er zu wenig. Dafür werden ausgerechnet Läden verdammt, in denen Menschen Essen so zubereiten, wie es sein sollte: sorgfältig, von Hand, nach der Tradition und den Regeln der Kunst, mit ausgewählten, hochwertigen Zutaten.

Sowohl in guten Manufakturen als auch in Nobelrestaurants ist das Fall. Doch die landen bei Rasche alle mit den Hipster-Buden in einem Topf. Mag übrigens sein, dass das nur am Titel liegt, den vielleicht ein unkundiger Online-CvD vergeigt hat. Aber da steht er jetzt, und die Nobelrestaurants stehen mit am Pranger.

Genau hier liegt der Hund begraben. Denn urbaner Hipster-Konzept-Krampf ist nicht nobel.

In der Regel ist alles, was unter „urban“ (sprich neudeutsch: „örben“) läuft, weder nobel noch hochwertig noch professionell.

Es ist sogar genau das Gegenteil: Ungelerntes Personal wurschtelt mit Lebensmitteln rum. Und das geht oft gehörig schief, wie im Fall des Opfers O. Rasche.

 

Auf der kulinarischen Flughöhe von Imbissbuden

Hipster-Läden werden nämlich weit überwiegend von gastronomischen Laien und Quereinsteigern geführt oder konzipiert. Die waren früher wahlweise in der Werbung, in den Medien oder in der Bank, haben Marketing studiert, arbeiteten als Musiker oder versuchten sich an Schauspielschulen.

Häufig sind sie gleich ganz ungelernt, dafür aber beseelt von Visionen zur Rettung der Welt durch Essen.

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Das heißt nicht, dass diese Jungunternehmer nicht hohe Ansprüche hätten. Regelmäßig wollen sie gutes, besseres oder das beste Essen machen, gesundes oder gesünderes, frischeres, regionaleres, ökologischeres, leichteres, schnelleres oder echtes, handwerklich hergestelltes.

Leider haben sie oft aber weder Kenntnisse noch Erfahrungen noch Geschmack. Damit sind übrigens der Geschmack beim Kochen und die Stilsicherheit bei Gerichten gemeint.

Gemeint ist nicht das Design. Natürlich sind die Lokale durchgestylt. Aber urban halt – zwecks Kundenfang auf der kulinarischen Flughöhe von Burgern, Pizza, Wraps und Avocado-Quinoa-Salat, kurz: von Imbissbuden mit Sitzgelegenheit.

 

Nichtmal mit Wein kann man sich trösten

Natürlich heißt das nicht, dass Quereinsteiger nicht auch gute Köche sein können. Es gibt einige Beispiele dafür. Und selbstverständlich findet man in den Hipster-Läden auch gelernte Köche als Angestellte. Denen aber diktiert der beseelte Chef meistens sein eigenes Konzept, das er mit Freunden, in der WG oder bei ausgedehnten Weltreisen selbst „entwickelt“ hat.

Heraus kommen dann Sachen wie Salat mit grünem Spargel, Avocado und Erdbeeren (ein Klassiker der Hipster-Küche), Kimchi mit Ananas, Äpfeln und Sweet Chili (Berlin), Flammkuchen mit Brie, Erdbeeren, Rucola und Birne (Pizza-Manufaktur in Hamburg), Gazpacho mit Obst und Nüssen, süß-scharf abgeschmeckt (München), Gemüsecurry mit Kokosmilch und Honig (ebenfalls München), Fisch im Bierteig mit süßem Feigen-Chutney (Bern, Schweiz). *

Wenn man Glück hat, sind Biozutaten im Spiel. Wenn man Pech hat, gerät man an Veganer. Dann schmeckt es nicht nur nicht, es macht auch nicht satt.

Mit einem guten Wein kann man sich bei Hipstern auch nicht trösten, denn die Weinkarte ist aus dem halbtrockenen Sortiment bestückt. Ansonsten liegt der Getränke-Schwerpunkt auf aromatisiertem Bier und Spirituosen wie Gin, Wodka oder Whisky. Dazu gibt es eine lange Liste von Kindergetränken: Obstsäfte, Smoothies, Brausen, Limonaden, Milch- und Joghurtdrinks, Kakao, Chai latte.

Alles bio, versteht sich.

 

Gute Idee – aber ausgeführt von Dilettanten

Das Problem, auch für Rasche, ist: Der Anspruch, eine Manufaktur zu sein, also alles sorgfältig von Hand zu machen, mit ausgewählten Zutaten, ist dabei ehrenhaft und richtig. Nur geht das gerne in die Hose, wenn Dilettanten ohne kulinarische Bildung am Werk sind. Ganz gefährlich wird es, wenn sie auch noch “experimentieren”, wie in dem Laden, von dem Rasche berichtet.

Deshalb gleich den Manufaktur-Gedanken in die Tonne zu treten, ist falsch: Gute Manufakturen sind das Bollwerk gegen Fastfood und Einheitsbrei, gegen Massenware, gegen Industriefraß und gegen Verbraucherverarsche schlechthin.

Und es gibt massenweise solche guten Manufakturen: kleine Läden, Familienbetriebe, Landgasthäuser, Metzger, Bäcker und Produzenten, die ausgezeichnete Qualität liefern. Feinschmecker-Magazine, Restaurantguides oder der Slow-Food-Genussführer sind voll mit guten Adressen.

Nobelrestaurants, in denen normalerweise Profis am Werk sind – was die hohen Preise rechtfertigt – gehören im Sinne des Wortes auch zu den Manufakturen: Dort wird praktisch alles von Hand gemacht, aus bester Ware, dazu ist das Personal hotelfachgeschult und zuvorkommend, ein Sommelier berät bei der Weinauswahl und es gibt vernünftigen Wein samt richtigen Weingläsern.

Vor allem aber beherrschen die Küchenchefs in diesen Läden ihr Metier und haben fast immer bei berühmten Meistern gelernt, deren Namen sie stolz auf der Speisekarte führen.

Ein entscheidendes Kriterium für ein Nobelrestaurant ist auch, dass alles der Konzentration aufs Essen dient: Nichts soll den Genuss stören, daher gibt es keine laute Musik, keine großen Blumengestecke, keine Duftkerzen, keine Bildschirme und praktisch immer eine zurückhaltende Inneneinrichtung.

Surfen im Internet und Telefonieren mit dem Handy sind unerwünscht, nicht selten wird man schon am Empfang freundlich dazu aufgefordert, doch bitte dem Personal das Gerät zu überlassen.

 

Alles unkompliziert durcheinander

Urbane Hipster-Läden verstehen sich aber geradezu als Gegenmodell zu diesen Weihehallen. Trotzig lehnen sie sich gegen korrekte Tischmanieren, sonstige Benimmregeln und die Vorschriften verzopfter Innungen auf. Daher auch die Liebe zum Imbisswagen (Streetfood) und zu improvisierten Interieurs.

Urban Food ist folglich „unkompliziert“, in der Regel mit den Händen zu essen – Burger, Pizza – und betont im Gegensatz zum Nobelrestaurant genau das, was beim Essen nervt: Surfen im Internet und Telefonieren (kostenloses WLAN), wummernde Beats, eine Hallenatmosphäre mit rohen Holztischen und Bierbänken sowie seltsame Essgeschirre wie Blechnäpfe, Einweckgläser, Schiefertafeln, Holzschaufeln oder Trinkgläser, in denen die Suppe – ohne Löffel – serviert wird.

Nicht selten ahmen sie in Aufmachung und Speisenangebot die Buden an den Stränden von Südostasien oder Indien nach, in denen Traveller auf ihren Rucksackreisen von lächelnden Einheimischen bewirtet werden.

Dass diese Einheimischen die Westler für bekloppt halten und zuhause völlig anders speisen, dass sie niemals Obstsäfte zum Essen trinken oder Klappstullen (Sandwiches, Burger) als Hauptmahlzeit betrachten würden, erfahren die Globetrotter nie.

Schließlich beschäftigen sie sich auf ihren Reisen nur mit sich selbst und ihresgleichen.

Aber sie nehmen begeistert solche Inspirationen mit nach Hause und machen daraus ein „internationales“ Menü: kulinarische Wahllosigkeit gemixt mit Plumpsküche, Urlaubsessen und Studenten-WG.

So tummeln sich indische Linseneintöpfe, balinesische Spießchen mit Erdnusssoße, endlose Currywurst-Variationen, pseudo-italienische Nudelgerichte („Pasta“), die unvermeidlichen Burger und bunte Salate mit übersüßten Dressings auf der liebevoll gemalten Karte.

Teller mit Sandwich und Chips aus Süßkartoffeln

Berlin, Markthalle Neun, Urban Cuisine: nie ohne Klappstulle. Mega-hippe Beilage: Süßkartoffel-Chips.

 

Fazit von O. Rasche: Echt gutes Essen ist immer handgemacht

Wenn der WELT-Autor angesichts dieser kulinarischen Verwirrung sehnsüchtig an seine schmuddelige Stamm-Pizzeria im Ruhrpott denkt, in der keine Stilpolizei die Musik vorschreibt, stimmt man ihm zu: Wo der Chef jeden Pizzaboden von Hand dreht, bevor die Pizza in den echten Holzofen wandert, ist es egal, ob das Ambiente stylisch ist – das ist eine Manufaktur.

Denn natürlich muss man nicht ins teure Nobelrestaurant, um echt und gut zu essen. Es reicht, wenn man jemanden findet, der was vom Handwerk versteht und Geschmack hat.

Und da ist der geschätzte O. Rasche auf der richtigen Spur: Ja, echtes, gutes Essen ist immer handgemacht und stammt öfter aus unscheinbaren kleinen Läden als von “urbanen Selbstüberschätzern”.

©Johanna Bayer

* alles selbst probiert – ja, auch Quarkundso.de ist ein Opfer.

PS: Okay, das war nicht richtig kurz. Aber kürzer als sonst.

Der Artikel von O. Rasche in der WELT online

“Über uns” des Urban-Food-Konzeptstores Dean&David

Großartige Charakterisierung von Szenerestaurants in der SZ

O. Rasche von der WELT schreibt auf Twitter:  o_rasche_twitter

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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Küchenzeile: Kochen im Urlaub? Ohne mich

 

Grill mit Fleischspießen am Strand, Leute im Hintergrund

Toll, Grillen im Urlaub! Und alle tragen etwas dazu bei. Bild: Shutterstock / A StockStudio

Wenn ein verlängertes Wochenende oder ein Urlaub geplant wird, kommt immer jemand auf die Idee, dass wir ja auch kochen könnten anstatt ständig essen zu gehen.

Weil das doch viel toller ist, zusammen viel mehr Spaß macht und außerdem besser schmeckt. Und Geld spart! Und überhaupt.

Ich sitze dann still daneben, verschränke die Arme abwehrend vor der Brust und starre mit glasigen Augen aus dem Fenster.

Denn ebenso unzweifelhaft juchzt irgendwann einer “DU kochst doch gerne – JOHANNA kann ja für uns alle kochen!”

Freudig gerötete Gesichter wenden sich mir zu, faseln von leichter Sommerküche, bestellen rustikale Landgerichte, schwärmen von Grillbüffets unterm Sternenhimmel und versprechen, beim Einkaufen, Kochen und Abspülen zu helfen.

Das Ansinnen verweigere ich immer komplett. Also, dass ich koche oder dass jeden Tag gemeinsam gekocht wird. Denn ich persönlich möchte im Urlaub möglichst oft essen gehen.

Ich möchte die Küche des Landes kennenlernen, Neues probieren – und nicht als Küchensklavin hundert Extrawürste braten müssen. Oder als Opfer leiden, weil jeden Tag Nudeln mit dubioser „Gemüsesose“ auf den Tisch kommen.

Es ist mir außerdem schleierhaft, wie jemand die Vorstellung haben kann, dass eine Person, die gerne kocht, Lust hat, in ihrem eigenen Urlaub eine gefräßige Reisegruppe zu versorgen.

Das ist etwas grundlegend anderes.

Den anwesenden Ingenieur bittet man ja auch nicht, alle Fahrräder und Autos der Gruppe zu warten. Der Bankerin bringt man nicht die Reste der Steuererklärung samt dem Hinweis mit, sie habe es doch so mit Zahlen, da könne sie das schnell erledigen.

 

teller_frau

Nur sind die Vorstellungen in der Gruppe durchaus unterschiedlich: Teller einer Frau…

teller_mann

… und der Beitrag eines Mannes an demselben Abend.

 

Das Konzept „Helfen“ funktioniert beim Kochen nicht

Leute, die von „Wir kochen zusammen!“ fantasieren, können sowieso meistens überhaupt nicht kochen und haben keine Vorstellung davon, was es heißt, ein vernünftiges Essen für sechs bis sechzehn Personen auf den Tisch zu bringen.

Und zwar rechtzeitig, so, dass alle satt werden und dass es schmeckt.

Von Kindern rede ich gar nicht erst. Kinder können heutzutage nur, ich betone, NUR, von ihren eigenen Eltern abgefüttert werden. Alles andere endet in der Katastrophe und führt zu schweren Traumatisierungen der Kinder und des Küchenpersonals.

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Außerdem ist zusammen kochen riskant. Mal grillen, und jeder bringt was mit, okay. Aber das war´s dann auch.

Denn das Konzept “Helfen” funktioniert beim Kochen nicht.

Das wird nur was, wenn alle über einen ähnlichen Geschmack verfügen, dieselben Kenntnisse haben und wissen, was zu tun ist. Mindestens müssen Leute, die in der Küche “helfen” wollen, dazu in der Lage sein, strikt auf Anweisung zu arbeiten.

Das können und wollen die meisten aber nicht.

 

Schnippeln, schwätzen und schön einen picheln

Sie verstehen unter “Helfen”, dass sie sich in der gemütlichen Küche mit Wein einen anschickern, die Zutaten auffuttern und sich lustige Geschichten erzählen, während sie irgendwas “schnippeln”. Das Essen, davon gehen sie aus, materialisiert sich auf geheimnisvolle Weise, ohne dass sie eine Ahnung davon haben müssen, was passiert.

Schlimm sind auch die, die zwischendurch beschwipst in die Küche schlendern und ihre ungewaschenen Finger oder abgeschleckte Löffel in alles reinstecken. Mitten in komplexen chemisch-physikalischen Vorgängen heben sie Deckel von Töpfen und reißen Ofentüren auf, um zu kreischen: „Mmmmhh, das sieht aber lecker aus!“

Das Soufflee ist dann zusammengefallen, die Schmorflüssigkeit verdampft, das Essen muss gerettet werden, sie aber sind längst wieder draußen, um den Wartenden neuen Wein mitzubringen und herumzutrompeten, dass in der Küche totales Chaos herrscht und die Köchin einen unmenschlichen Stress macht.

Die solle sich mal entspannen, man sei schließlich im Urlaub.

 

Was man zum Kochen braucht – die Grundausstattung

Im Vorbereitungsgespräch gibt es aber immer Leute, die trotz meiner Abwehr insistieren. Dann sage ich, dass ich grundsätzlich nur in meinem eigenen Labor koche.

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Bleiben sie hartnäckig, werde ich offensiv. Und zwar mit einer schlichten Zutatenliste – okay, was habt ihr im Haus, was können wir mitnehmen, Folgendes ist zwingend nötig, darunter fange ich gar nicht erst an:

Butter
Sahne
Milch
Weißwein
Rotwein
Zwiebeln
Knoblauch
Thymian
Rosmarin
Kümmel
Lorbeerblätter
Paprikapulver
Cayennepfeffer
Zitronen, naturrein
glatte Petersilie
Meersalz
Zucker
schwarzer Pfeffer in ganzen Körnern, nicht als Pulver
Mehl
Tomatenmark
Parmesan
gutes Olivenöl
neutrales Pflanzenöl
Weißweinessig
scharfer Senf ohne jedes Honig- oder Feigengedöns
Eier
3 Töpfe: ein großer, zwei kleine
eine große Pfanne
eine kleine Pfanne
Schneebesen
Kochlöffel
Pfannenwender
vernünftige Messer
zwei Schneidbretter unterschiedlicher Größe
Arbeitsteller und Arbeitsbesteck (genügend)
feuerfeste Auflaufformen

Das ist kein Witz. Das ist mein voller Ernst. Ohne diese bescheidenen Ingredienzen und Werkzeuge kann man nicht richtig kochen. Besonders wichtig sind sie, wenn man, wie ich und die allermeisten, kein Profi ist.

Profis können aus allem was machen. Aber Amateure brauchen einen sicheren Halt im bewährten Rüstzeug. Nur das versetzt sie in die Lage, Geschmack zu erzeugen und wirkliche Gerichte mit erkennbarem Charakter herzustellen – ich spreche nicht von Spiegeleiern und Urlauberpampe, für die eine Flasche Ketchup und ein Würfel Gemüsebrühe als Universalgewürz ausreichen.

 

Essen als Provisorium

Mit den Zutaten habe ich sie jedenfalls.

Denn jetzt geht es los: “Aber das ist nur ein Ferienhaus. Wir haben da nicht so viel.” “Wofür brauchst Du denn das alles?”, “Man muss doch nicht immer so viel Aufwand treiben”, “Nein, Kümmel geht nicht, wir hassen Kümmel, wir beide”, “Aber nicht so viel Knoblauch!”, „Och nö. Wenn das schon so anfängt, habe ich keinen Bock mehr.“

Pech gehabt. Das sind meine allgemeinen Geschäftsbedingungen. Davon weiche ich keinen Millimeter ab. Wenn schon kochen, dann richtig. Deshalb koche ich übrigens in einer fremden Küche auch nur, wenn sie einer der Personen gehört, auf deren Ausstattung und Verständnis ich vertrauen kann.

Ihre Anzahl liegt übrigens genau bei sechs, auf meine Lebenszeit gerechnet, wohlgemerkt.

Das Argument „Nicht so viel Aufwand, es geht auch mal provisorisch“ kommt dabei in vielen Varianten auf den Tisch. Den gerne untergeschobenen Luxus-Vorwurf kann ich leicht kontern: Das sind alles Sachen sind, die es billig im Supermarkt gibt.

Mein zweiter Einwand ist grundsätzlich: Das Improvisierte, schnell Zusammengeschusterte haben wir doch schon dauernd – wann ist im berühmten Alltagsstress wirklich Zeit zum sorgfältigen, kunstgerechten Kochen?

An Arbeitstagen wird doch bei den meisten die Schnellküche bemüht, zumindest unter der Woche. Und dann soll im Urlaub, wenn man sich erholen und entspannen will, genießen und sich was Gutes tun möchte, schon wieder improvisiert werden? Ausgerechnet beim Essen?

Kommt nicht in Frage.

 

Die „hidden agenda“: Es soll schmecken wie zuhause

Ich glaube allerdings, dass Essen als Provisorium die hidden agenda derjenigen ist, die im Urlaub das Selberkochen vorschlagen: Sie fühlen sich unwohl, wenn es „richtiges Essen“ gibt. Für sie ist das ein Bremsklotz in ihrer Leistungskurve.

Oft sind das Leute, die am liebsten von Salat, Obst und Stullen leben, weil das schnell geht. Die improvisierte Camping-Küche kommt ihnen da gerade recht und verleiht ihrem Aktiv-Urlaub erst das richtige Flair.

Vermutlich gibt es noch tiefer liegende Gründe: Viele möchten kein Risiko eingehen. Sie wollen die Küche des Reiselandes gar nicht kennenlernen und sich mühsam durch eine fremdsprachige Speisekarte buchstabieren, um womöglich etwas ohne Soße zu bekommen, Pommes ohne Mayonnaise und Ketchup oder Schnitzel ohne Panade.

Sie wollen das essen, was sie gewöhnt sind, und schmecken soll es wie zuhause.

Also scheußlich. Zumindest für meine Begriffe.

Denn nicht wenige packen zu diesem Zweck Tüten mit künstlichen Gewürzmischungen und Plastikflaschen mit ihren bevorzugten Fertig-Grillsaucen für die eigens gemietete Ferienwohnung ein, sogar Küchengeräte, Sahnesprühdosen, Aufbackbrötchen und Konserven.

Dieses Bedürfnis nach dem gewohnten Wohlfühlgeschmack ist auch der Grund, warum in Ländern wie Italien, Spanien und Griechenland Lokale mit deutscher, holländischer und britischer Küche entstehen – samt Jägerschnitzel, Hamburgern, Pfannkuchen und Nudeln in Schinken-Käse-Sahne-Soße auf der Karte.

 

Essen im Ausland ist teuer, so oder so

Die Diskussion um die gemeinsame Verpflegung endet spätestens damit, dass ich ankündige, notfalls alleine essen zu gehen. Dann einigen sich die anderen darauf, dass reihum gekocht wird, falls sie nicht ausgehen. Damit bin ich zufrieden.

Ich für meinen Teil wärme im Urlaub jedenfalls keine mitgebrachte Dosenware auf, wenn um mich herum Einheimische Spezialitäten servieren, die sie nach den Regeln der Kunst zubereiten.

Denn öfter als bei uns stehen vor allem in den südlichen Urlaubsländern ausgebildete Köche oder zumindest Leute mit viel authentischer Erfahrung am Herd. Da lässt sich einiges über Geschmackstraditionen und handwerklich zubereitetes Essen lernen.

Geld spart das Selberkochen übrigens nicht immer. Man darf sich nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem in Italien und Frankreich, aber auch in anderen europäischen Ländern frische Lebensmittel um einiges teurer sind als bei uns. Besonders Fleisch, Fisch, Butter, Käse und Milchprodukte.

Der tägliche Einkauf im Supermarkt zwecks Selbstversorgung kann an den Betrag, den dieselbe Anzahl von Personen in einem einfachen einheimischen Lokal ausgeben würde, locker heranreichen. Und dabei ist weder die Arbeitszeit noch die Kunstfertigkeit enthalten.

 

Was für ein schöner Abend

Da ich aber vorzugsweise mittags essen gehe, zur Hauptmahlzeit, bin ich abends nicht ausgehungert. Daher kann ich es mir leisten, den Sonnenuntergang zu genießen und mit wenigen Gleichgesinnten und einem Weinchen gemütlich vor der Hütte zu sitzen, während sich um uns herum fröhliches Treiben entfaltet:

Männer kommen um halb neun Uhr abends angetrunken vom Strand und wollen schnell noch den Grill anwerfen, der zwei Stunden Anfeuerzeit braucht.

Paare streiten, weil einer von ihnen keine Lust hatte, bei der Hitze einkaufen zu gehen, alle jetzt aber tierischen Hunger haben.

Kleinkinder wälzen sich schreiend auf dem Boden, während entnervte Mütter irgendwelche Nudeln ins Wasser werfen und mit Ketchup Gesichter auf Teller malen. Das soll die Kinder davon ablenken, dass es erst weit nach ihrer Schlafenszeit vernünftiges Essen gibt und sie nichts abbekommen.

Die Pubertierenden haben derweil die Weinvorräte geplündert und sind mit den teuersten Flaschen Richtung Strand verschwunden.

Wirklich, es ist total schön, wenn im Urlaub alle zusammen kochen. Aber ohne mich.

©Johanna Bayer

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EDEKA und die unkulinarische Revolution: So geht Kochen heute

Bild: shutterstock / margouillat photo

Kochen ist ganz einfach: Alles in einen Topf.

 

Über Werbung darf Quarkundso.de auch schreiben, denn Werbefilme oder Anzeigen sind Medien. Außerdem sind sie fette Beute, weil sie so schön doof sind, wenn es um Essen geht.

Besonders schön doof war in der letzten Zeit EDEKA.

Die haben mit ihrem Kitschdrama, in dem ein Opa seine ganze Familie in den moralischen Schwitzkasten nimmt, im letzten Winter Furore gemacht. Die Nummer mit dem vorgetäuschten Tod, damit alle zu Weihnachten wieder zusammen kommen, war ein plumpes Schmierenmelodram erster Ordnung, mit einer höchst fragwürdigen Botschaft von emotionaler Erpressung, Lüge und Manipulation.

Aber erstklassig gedreht, natürlich. Kein Wunder. Das Video stammt ja auch von der Hamburger Top-Agentur Jung von Matt. Wenn die was machen, kostet es ein Heidengeld, aber es ist meistens ziemlich gut, zumindest handwerklich.

Die Werber nämlich sind gar nicht doof. Sie können sich in die Welt ihrer Zielgruppe versetzen und dann genau die richtigen Knöpfe drücken.

Versatzstücke aus der Hipster-Welt

Jetzt hat EDEKA einen neuen kleinen Werbefilm auf Facebook gestellt. Es ist ein reines Koch-Video nach modernem Rezept, gebastelt aus Versatzstücken der Hipster-Welt: Ein lustiger Panda steht für die zu rettende Umwelt, wie süß; gekocht wird mit nachhaltig erzeugter EDEKA-Ware und die Anleitung erfolgt nach Art der Tasty-Videos von Buzzfeed.

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Buzzfeed ist dieses Katzenvideo-Portal im Internet, und die Kochfilme der Rubrik „Tasty“ sind sowas wie der Cat-Content der Küche: Kurze Clips mit sehr wenigen Einstellungen, immer von oben gefilmt, in denen körperlose Hände Zutaten zusammenschütten. Ruck-zuck ist alles fertig, und am Ende lach-stöhnt eine männliche Stimme verzückt: „Oh – yes!“.

Diese Tasty-Videos sind Kult. Sie werden millionenfach geklickt und stammen aus den USA. Deshalb kommen die simplen Speisen, die dort ins Bild gesetzt werden, auch sämtlich aus der amerikanischen Schnellküche – fabriziert mit viel Frischkäse, vielen Eiern, Gewürzmischungen, Soßen aus der Tube und Kuchenböden aus Kekskrümeln.

Diese Clips sind das Muster für das neue EDEKA-Video, und damit es ganz sicher viral geht und viele junge Leute anspricht, haben die Macher noch einen US-Trend reingemixt: die One-Pot-Pasta.

 

Ein amerikanisches Phänomen

One-Pot- oder One-Pan-Pasta geht auf ein weiteres amerikanisches Phänomen zurück, auf Martha Stewart, eine clevere Millionärsgattin. Die betreibt ein Internet-Portal, auf dem sie Rezepte, Haushalts- und Einrichtungstipps veröffentlicht. 2013 erfand sie ein Rezept für „One-Pan-Pasta“.

Die Idee dahinter ist, alle Zutaten für eine Nudelsoße wie Tomaten, Zwiebeln und Gewürze zusammen mit den Nudeln in einen einzigen Topf zu geben und mit Wasser in einem Gang zu kochen. Angeblich stammt die Idee wirklich aus Italien und von einem apulischen Koch, aber den Amerikanern darf man nicht alles glauben, wenn es um Essen geht.

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Screenshot von einer Google-Bildersuche nach “One-Pot-Pasta”.

Jedenfalls drehten Internet, Food-Magazine und Food-Blogger nach diesem ersten One-Pan-Pasta-Rezept durch. Die Methode verbreitete sich rasend schnell um die ganze Welt, schwappte von den USA nach Europa und die Varianten für den schnellen Nudel-Topf gehen inzwischen ins Unendliche: von mexikanisch mit Hack und Mais über asiatisch mit Fischsauce bis hin zu Kreationen mit Birnen und Brie oder veganen Varianten mit Brokkoli und Pilzen.

EDEKA präsentiert jetzt so eine One-Pot-Pasta nach amerikanischem Muster, gekocht vom lustigen Panda. Was kommt rein? Natürlich Nudeln, dazu gewürfelter Lachs, Frischkäse, Tomaten, Spinat, Erbsen, Frühlingszwiebeln, Brühepulver und Sahne, alles auf einmal. Heißes Wasser dazu, 10 Minuten kochen, fertig.

 

Der Topf des Grauens

Das ist mein Untergang. Wirklich. Das ist so fies. Schon der Gedanke an Frischkäse, der sich in kochendem Wasser auflöst – igitt!

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Dann der arme Lachs. Lachs ist ein köstlicher Fettfisch, der seinen Geschmack verliert, wenn er in Wasser gekocht wird. Lachs kann man grillen, braten, in Öl oder Butter garziehen lassen, ja. Aber man kann ihn nicht kochen.

Man kocht sowieso keinen Fisch, allenfalls dünstet oder pochiert man ihn ein wenig, aber nicht einfach in Wasser. Überhaupt sollte Fisch bitte kein Wasser sehen, sobald er tot ist. Lachswürfel 10 Minuten in Wasser zu kochen verleiht ihnen todsicher die Konsistenz von 15 Jahre alten Marshmellows.

Und erst dieses alberne Getue mit der pseudo-italienischen Dekoration.

Denn am Schluss bekommt das Nudelgemisch noch ein Finish, das für den nötigen Schuss Italianità sorgen soll: Pinienkerne drüberstreuen, Parmesan draufhobeln (in Zeitlupe), als Krönung noch Basilikumblätter, in Nahaufnahme von schlanken Fingern liebevoll auf dem dampfenden Teller platziert.

Aber wer Frischkäse an Nudeln schmiert, hat garantiert noch nie in Italien gegessen. Sondern nur in der oben genannten amerikanischen Schnellküche, nach dem Prinzip „Alles was im Kühlschrank ist, kommt rein“.

Noch dazu würden Italiener nie, nie, nie Käse über Fisch geben, oder Parmesan an Nudeln, die mit Fisch oder Meeresfrüchten gemacht sind.

Herrlich ist dazu der Kommentar einer Italienerin auf der Facebook-Seite von EDEKA:

“bitte NICHT! es ist so richtig ekelhaft sowas anzuschauen, als Italienerin kriege Gänsehaut! pasta braucht richtig viel wasser zum kochen (alleine) und Parmesan mit fisch tut man nicht!!! bleah!! nur richtige ignoranten über Essen dürfen sowas mögen! holt ihr lieber ein Döner!”

 

Das ist kein Kochen

In mir ruft der Gruseltopf von EDEKA traumatische Erinnerungen an meine Studentenzeit hervor – an WGs, in denen „mit Freunden gekocht“ wurde. Damals, als wir von Mamas Fleischtöpfen weg plötzlich auf uns selbst gestellt waren.

Das Ergebnis waren Eintöpfe und Aufläufe mit Dosenpilzen, Dosenmais, Tiefkühlerbsen und Formschinken in Eierpampe; Nudelsoßen mit, äh, Dosenpilzen, Dosenmais, Formschinken und Ketschup; oder kreative Lasagne mit Dosenpilzen, Dosenmais, Dosenerbsen, Formschinken, Ketschup, überbacken mit Schmelzkäse und cremig gemacht mit, ja, damals schon, Frischkäse.

Das wichtigste Kriterium war, dass es nicht viel Arbeit macht, keine Vorkenntnisse verlangte, in einem Gang zu erledigen ist und wenig Abwasch produziert. Ob man ein Rezept hatte, oder ob die Zutaten wirklich zusammen passten, spielte keine wirkliche Rolle.

Gut, wir waren jung. Wir wussten es nicht besser. Und wir hatten ja nichts.

Aber heute? Heute sage ich rundheraus: Das war kein Kochen. Und was EDEKA uns da zeigt, ist es auch nicht.

 

Woher der Geschmack kommt

Wobei – nichts gegen das Prinzip Eintopf. Das ist was anderes. Aber selbst ein Eintopf kann nur gut werden, wenn er nach den Regeln der Kunst zubereitet wurde.

Dazu gehören mehrere Arbeitsgänge und oft auch mehr als ein Topf. Zwiebeln werden zuerst angebraten oder in Fett gedünstet, Fleisch oder Speck ebenfalls angebraten, Gemüse kommt unter Berücksichtigung verschiedener Garzeiten nach und nach dazu und wird vorher vielleicht ebenfalls getrennt angeröstet.

Der Hintergrund ist natürlich, dass nur so wirklich Geschmack erzeugt werden kann. Den lockt man erst mit den richtigen Techniken und mit Hilfe von Fett und Hitze aus den Zutaten raus. Und wenn es nicht gerade eine Suppe werden soll, geht das Ganze grundsätzlich mit möglichst wenig Wasser einher.

Die One-Pot-Mode aber ignoriert bewusst das uralte Wissen um Geschmack, Aromen, Texturen und Konsistenzen, auch die Wirkung verschiedener Techniken.

Im Grunde ist sie ein barbarischer Rückfall, der Siegeszug der primitivsten Kochform, die es gibt: der Camping-Küche. Passenderweise steht der Topf im EDEKA-Video auch auf so einer einzelnen Camping-Kochplatte.

 

Die unkulinarische Revolution

Dabei ist das EDEKA-Video nicht irgendein Kochclip. Sondern ein Symptom für einen viel weiter gehenden Wandel. Denn wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel: Es ist nichts weniger als die Rebellion der kulinarischen Underdogs.

Nach Jahrhunderten italienischer und französischer Vorherrschaft, nach der erdrückenden Dominanz der feinen französischen Hochküche mit ihren Ritualen überrollt uns jetzt eine Welle von neuem Essen aus Übersee.

Hauptkriterium: schnell und einfach.

Die Amerikaner und Engländer, also die, von denen Jahrhundertelang klar war, dass sie nicht kochen können und keinen Geschmack haben, sind plötzlich das Maß aller Dinge. Treiber sind das Internet und Hunderttausende von Food-Blogs aus dem angelsächsischen Raum.

Und es wimmelt jetzt auch bei uns nur so von Cheesecakes, Muffins, Brownies, von Avocado-Zubereitungen, vorzugsweise mit Eiern, von Dekorationen mit Smarties und Marshmellows, von Ahornsirup und Erdnussbutter, von kalten Nudelsalaten mit Zitronengras, von Wraps und Enchiladas, von Cranberries und Blueberries. Und von Burgern, der modernen Stulle.

Verkauft werden sie altmodischen Gourmets als der neueste Foodie-Schrei. In den USA scheint die neue simple Küche eine Art Gegenbewegung zum Fastfood darzustellen. Deswegen findet sich in den Texten dazu oft so etwas wie „healthy“, „real food“, „wholesome“ und was dergleichen Beschönigungen mehr sind.

 

Lustige Kinderküche und anti-bourgeoises Programm

Es zeigt sich aber auch eine mehr oder wenige bewusste Abkehr von von den traditionellen europäischen Küchen-Prinzipien, und fast so etwas wie ein anti-bourgeoises Programm: Kochen ist keine Kunst, Kochen geht schnell, Traditionen braucht man nicht, man muss nur mutig und fantasievoll genug sein.

Also weg mit dem überheblichen Brimborium, mit vielen Gängen und Extras bei der Zubereitung, weg auch mit Tischmanieren und korrekten Gedecken.

Man isst jetzt ganz unverkrampft und locker, dabei hat der neue Stil fast schon etwas Infantiles. Denn es dominieren weiche, breiige, zusammengekochte Speisen wie Eintöpfe, One-Pot-Wonders, Nudelgerichte und Aufläufe. Es gibt keine flachen Teller, sondern überwiegend Schüsselchen wie beim Kindergeburtstag, aus rustikalem Steingut statt aus feinem Porzellan. Dazu gehören bunte, fröhliche Farben statt nüchterner, weißer Eleganz, gegessen wird weit überwiegend mit dem Löffel statt mit Messer und Gabel. Langstielige Weingläser haben auch ausgedient, Safthumpen aus Pressglas stehen auf rohen Holztischen.

Zur Betonung der entspannten Gemeinsamkeit kann auch vollends jede bürgerliche Form aufgelöst werden, wie im ZEIT-Magazin zu Ostern 2014. Da ging es um „Kochen für Freunde“: In der Fotostrecke aßen alle, Erwachsene und Kinder, aus einem Topf, wie im Mittelalter am Gesindetisch, und steckten ihre abgeschleckten Löffel in den Nachtisch.

 

Das beste Restaurant der Welt: Fusion Food im US-Stil

Die neuen US-Trends jazzen auch Ingredienzien hoch, die bislang eher unter „ferner liefen“ gehandelt wurden. „Clean-Eating“ zum Beispiel feiert die Verbindung von Avocado mit Ei. Ist schonmal jemandem aufgefallen, wie viele Rezepte es plötzlich mit Avocado und Ei, und überhaupt mit Ei gibt? Und mit Hühnerfleisch?

Solche Kombinationen stammen von der kalifornischen Küste, wo sich Tex-Mex-Küche, südamerikanische, pazifische und asiatische Einflüsse sowie Schlankheits-, Gesundheits- und Anti-Aging-Wahn aufs Übelste paaren.

Den Trend bildet auch das neue „beste Restaurant der Welt“ ab, die Osteria Francescana in Modena. Der Koch, Massimo Bottura, hat in den USA lange Jahre verbracht und ist mit einer Amerikanerin verheiratet.

Wäre er bloß nach Frankreich gegangen und hätte eine Französin geheiratet.

Aber so gibt es in seinem – italienischen – Restaurant astreines Fusion Food mit Tempura, süßsauren Soßen und, horribile dictu, einem Caesar Salad. Das ist das „signature dish“ der italo-amerikanischen Küche, erfunden, wen wundert‘s, während der Prohibitionszeit in Mexiko.

Es gibt zu dieser unkulinarischen Revolution so viel zu sagen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Sicherheitshalber höre ich vorläufig auf. Aber nur vorläufig. Denn das Thema taugt auch zu einer langen Reihe – in der Rubrik “Bad Taste”.

©Johanna Bayer

 

One-Pot-Paste von EDEKA auf Facebook

Die Ehrenrettung des Eintopfs steckt in diesem Beitrag von Februar 2016 bei Quarkundso.de


Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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Kesselfleisch und Milzwurst – ein Tabu? Über Innereien, Manieren und Vegetarier

 

In der Rubrik „Küchenzeile“ geht es ans Eingemachte. Das ist meine persönliche Ecke, hier dreht sich alles um mich – das heißt, um mein Essen, natürlich. Hier darf ich einfach drauflos schreiben, ohne erst Erzeugnisse von Kollegen durchkauen zu müssen. Das ist auch mal schön.

So frei von der Leber weg geht nämlich nicht immer, auch nicht im wirklichen Leben. Ich muss aufpassen. Denn ich finde mich oft in Diskussionen wieder, in denen ich die Zielscheibe bin. Dann muss ich mich rechtfertigen, warum ich etwas esse und warum anderes nicht, warum ich dies bestelle und nicht das, warum ich beim Kellner nachfrage und Wünsche äußere, warum es mir auf dieses ankommt und auf nicht auf jenes.

Wahrscheinlich liegt das daran, dass ich „irgendwas mit Essen“ mache, das spricht sich rum.

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Dann erwarten die Leute bestimmte Dinge und wundern sich, wenn die nicht kommen. Regelmäßig fallen sie zum Beispiel aus allen Wolken, wenn ich eine Portion Sahne zum Nachtisch extra bestelle, obwohl ich vorher ein Schweinsschnitzel mit Pommes frites vertilgt habe.

Sie erwarten auch, dass ich ihr Essen analysiere und kommentiere, und zwar im Hinblick auf Gesundheit. Dabei kommentiere ich das Essen anderer Leute nie, wenn ich mit ihnen am Tisch sitze.

Das ist schon alleine eine Frage der Höflichkeit und der Erziehung. Das macht man einfach nicht. Gut, ich habe einen Blog, da ziehe ich ab und zu vom Leder, und ja, ich kommentiere auf Quarkundso.de Essen, Esskultur, Essverhalten.

Aber das ist nicht am Tisch, über den Tellern der anderen. Sondern in den unendlichen Weiten des Internets. Wenn ich mit anderen am Tisch sitze, halte ich den Mund.

 

Kesselfleisch, Milzwurst und Pfälzer Saumagen

Denn Essen ist etwas sehr Sensibles. Man verleibt es sich ein, es ist Teil der eigenen Identität, es steht für ganze Kulturen, Familientraditionen, für das Andenken an Mutter, Oma und Urgroßmutter, für jahrhundertealte Bräuche.

Nicht umsonst gilt es in allen Ländern der Welt als Affront, wenn der Gast das angebotene Essen ablehnt. Man muss Respekt vor dem Essen haben, und insbesondere vor dem Essen anderer.

Soweit die Theorie. In der Praxis passiert Schreckliches.

Schlachtessen: Innereien, Pfoten, Kopf vom Schwein, appetitlich angerichtet mit Kräutern

Alles vom Tier: Ja, das kann man essen. Und es schmeckt. Bild: Shutterstock, denio109

Neulich zum Beispiel sitze ich in einer Geburtstagsgesellschaft, ein Gespräch entspinnt sich über Dorffeste. Eine echte Bayerin sitzt am Tisch, es fällt das Wort “Kesselfleisch”.

Ah, Kesselfleisch, bemerke ich interessiert, ja, sagt sie, das gab es bei Schlachtfesten, aber auch nach der Wildschweinjagd, das war das Essen der Jäger, die waren für das Kesselfleisch zuständig. Die haben das nach dem Zerlegen für alle angerichtet.

Ich bin begeistert, ich will alles wissen. Da kamen die Reste rein, erzählt sie, die letzten Fetzen von den Knochen, alles, was nicht in die Wurst kam, und auch der Kopf des Wildschweins: Da wird die Haut abgezogen, alle Haare entfernt, und der Kopf wird mitgekocht, ich glaube, das war auch so ein spezieller Sud, in dem das gekocht wurde.

Gemeinsam räsonieren wir über Gewürze, die wohl im Sud waren: Lorbeerblatt, Nelken, Majoran? Sie erzählt von den Sachen, die traditionell zu Fleisch gereicht werden, darunter rohe Zwiebeln und Knoblauch, das sind die Fleischgewürze. Noch heute gibt es auf dem Land rohe Zwiebeln zu Schweinefleisch, und Innereien wurden bei Schlachtfesten besonders gewürzt.

Ich nehme den Faden auf, erinnere an den Pfälzer Saumagen, den mit Kartoffelfarce gefüllten Schweinemagen, der in Scheiben geschnitten und dann lecker aufgebraten wird, und der von Helmut Kohl bewusst als Küchenklassiker sogar Staatsoberhäuptern serviert wurde, ja, sagt die Bayerin, man hat früher einfach das ganze Tier gegessen, from nose to tail.

 

Ist es unanständig, bei Tisch über Innereiengerichte zu reden?

Als ich gerade die bayerische Milzwurst zur Sprache bringe, schreit plötzlich eine am Tisch sitzende Vegetarierin auf: “Also ehrlich, das ist ja wohl unmöglich – ich esse hier!”

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Wir schauen sie verdutzt an, wieso, wir essen doch auch und reden über Essen? Sie, empört: “Spinnt ihr, dieses ekelhafte Zeug, diese Innereien, das ist doch widerlich, wenn man beim Essen sitzt!”

Ich frage, warum. Schließlich sind das traditionelle, wertvolle Gerichte und Zubereitungsweisen. Wir reden ja nicht über Fäkalien, Geschlechtskrankheiten oder Ungeziefer – Themen, die nach allgemeinem Verständnis bei Tisch zu meiden sind. Aber Kesselfleisch, Milzwurst und alte Bräuche?

Die Vegetarierin pocht gebieterisch mit dem Zeigefinger auf den Tisch: “Solange ich hier beim Essen sitze, erwarte ich, dass man sich nicht über ekelhaftes Gekröse auslässt. Ich kotze gleich! ”

Ich: “Aber ich bitte Dich, Du kannst doch nicht unser Essen so abwerten, wir werten Dein Essen doch auch nicht ab!” Die Vegetarierin rigoros: “Ihr habt ja nicht über Steak und Schnitzel geredet, das würde noch gehen. Sondern über widerliche Innereien. Das gehört sich einfach nicht!”

Die Bayerin lenkt ein: Ja, man esse ja sowieso zu viel Fleisch, und auch von der Massentierhaltung her, und wegen der Umwelt…

Da platze ich. Wirklich, ich habe geradezu die Beherrschung verloren. Im Nachhinein ist mir das sehr peinlich. Aber irgendwie ist bei mir was durchgebrannt, als ausgerechnet diese Vegetarierin Manieren und Erziehung ins Feld geführt hat – von wegen „das gehört sich nicht“.

 

Willkommen in der Veggie-Diktatur

Jetzt haue auch ich empört auf den Tisch und schleudere ihr entgegen: “Wie bitte? Wir führen hier eine interessante Unterhaltung und ich habe die Chance, von einer echten Bayerin etwas über traditionelle Esskultur zu erfahren, und dann will hier jemand totalitär das Gespräch bestimmen? Und jetzt kommt nur noch 08/15 und ökologisch korrekter Müll? Das ist doch wohl das Letzte! Das lasse ich mir nicht bieten!”

Die Vegetarierin ist stocksauer. Sie geht eine rauchen, ist ja auch rein pflanzlich. Ich rauche vor Wut. Die Bayerin ist betreten und schämt sich. Sie kommt vom Lande, ist auf einem Bauernhof aufgewachsen, sie hat von Erlebnissen aus ihrer Kindheit berichtet und weiß jetzt gar nicht, was sie sagen soll.

Ich weiß schon, was ich sagen soll. Als die Vegetarierin wiederkommt, setze ich ihr mit kalter Rhetorik auseinander, dass die Art und Weise, in der sie das Gespräch zerstört hat, faschistisch ist. Sie hat höchst übergriffig die Sphäre anderer Menschen verletzt, sie will diktatorisch Themen vorschreiben.

Und sie entwertet wichtige Nahrungsmittel, die auf der ganzen Welt gegessen werden und vielen Menschen das Leben retten. Diese Gerichte als ekelhaft abzuqualifizieren steht ihr nicht zu.

Sie faucht, dass ich ja wohl einen an der Klatsche habe.

Ich fauche, sie soll sich gefälligst zusammenreißen, anstatt andere zu terrorisieren. Wenn sie etwas an den Gesprächen anderer Leute stört, hat sie das Problem, nicht wir. „Du hast das Problem“, drücke ich ihr so richtig rein. Sie kontert: „Die einzige, die hier ein Problem hat, bist Du, weil Du nicht verstehst, dass sich andere Leute vor dem Zeug ekeln!“

Die Stimmung an unserer Ecke ist im Eimer.

 

Scham über Deinen Teller

Natürlich fangen wir uns wieder, schon dem Geburtstagskind zuliebe. Aber mich hat der Vorfall schwer erschüttert. Die Sache hat so viele Implikationen: Was Manieren und Höflichkeit angeht, was unterschiedliche Essgewohnheiten und Weltanschauungen angeht, was Gesprächsthemen angeht, und das Verhältnis von Vegetariern einerseits zu Leuten, die alles essen andererseits.

Ich kann das nicht alles auf einmal abhandeln. Schon alleine der Punkt „Ekel“ und „sich ekeln“ vor Essen und “Ekel laut äußern” ist einen eigenen Beitrag wert. Ebenso der Punkt “Manieren” – darf ich anderen den Mund verbieten, wenn mir ihr Gesprächsthema nicht gefällt?

Vielleicht muss ich doch eine ganze Reihe aus dem Thema machen.

Mit einem Aspekt fange ich schonmal an: mit dieser Unsitte, das Essen anderer oder überhaupt Essen und Nahrungsmittel reflexhaft zu kommentieren. Und das auch noch in einer das Gegenüber möglichst beschämenden Art und Weise. Das ist entsetzlich. Und hat in den letzten Jahren leider extrem zugenommen.

Ja, scheinbar ist es in Deutschland inzwischen ein Ausweis von Kennerschaft, Gesundheitsbewusstsein, überhaupt Bewusstsein und dazu noch sozialer Anteilnahme, dem anderen auf den Teller zu starren und zu stöhnen:

„Oh Gott, sowas ziehst Du Dir rein, so eine Kalorienbombe?“ „Igitt, das könnte ich nicht essen, das ist ja nicht meins.“ „Du sündigst aber ordentlich heute, naja, Du kannst es Dir ja leisten.“ „Hast Du Deinen Cholesterinspiegel im Griff?“ „Boah, so ne Riesenportion, da fällst Du doch nach dem Essen ins Koma und kannst nicht mehr arbeiten!“, „Was, auch noch extra Sahne zu dem Nachtisch? Der ist doch schon so fett!“, „Das ist aber ungesund.“

Ich habe schon unendlich viele solcher Kommentare kassiert.

 

Menschen haben ein Recht auf Illusionen

Meistens schweige ich dazu. Denn was soll ich schon sagen?
„Du hast aber schlechte Manieren“, „Du hast doch gar keine Ahnung“, „Kannst Du das denn überhaupt beurteilen?“, „Alles, was Du über Essen denkst, ist falsch, das sieht man an Deiner Figur“, „Das geht Dich einen feuchten Kehricht an“ – derlei wäre vielleicht das Richtige.

Ist aber auch nicht gerade die feine Art. Ich schweige daher höflich. Meine gute Erziehung lasse ich mir von vulgären Äußerungen nicht verderben.

Selbst wenn ich ausdrücklich zur Stellungnahme aufgefordert werde, sage ich oft nichts. Letzten Samstag zum Beispiel war das so, als wir in lustiger Runde bei unserem Stamm-Italiener saßen. Einer war dabei, der großen Wert auf das legt, was er für „gesunde Ernährung“ hält.

Für ihn ist das bei Fleisch ausschließlich Huhn, weil „rotes Fleisch ungesund“ ist. Ohne jede Hemmung kauft er pfundweise Hühnerzeug bei Aldi. Den billigsten, mit Antibiotika verseuchten Kram aus Qualhaltung – aber „gesund“. Auch Smoothies hält er für „gesund“, und, wie sich herausstellte, „Superfoods“.

Darüber wollte er mit mir reden, weil er glaubt, dass, wer sich mit Essen beschäftigt, vor allem an die Gesundheit denkt. Ein anderes Attribut als „gesund“ gibt es bei ihm nämlich für Essen nicht. Das ist übrigens für erstaunlich viele Leute so.

„Superfoods kennst Du doch bestimmt“, sagt D. also zu mir, „Du bist angeblich Spezialistin für Ernährung, dann weiß Du ja, wie gesund die sind.“ Er setzt zu einem Referat an – Superfoods, doziert er, haben Mengen von Inhaltsstoffen, die extrem hoch sind, und für die man kiloweise normales Obst essen oder gar Pillen nehmen müsste, um an diese Dosis zu kommen. Er zum Beispiel isst jetzt jeden Morgen Goji-Beeren, hat sich auch diese Acai-Beeren zugelegt, trinkt Smoothies mit Grünkohl und streut Chia-Samen in sein Müsli.

Ich murmele irgendetwas Neutrales. Es soll ihm meine Aufmerksamkeit vorgaukeln. In Wahrheit bin ich mit meinen gratinierten Jakobsmuscheln und dem köstlichen Vermentino des Hauses beschäftigt.

Nicht die Bohne interessiert mich irgendwelches exotisches Grünzeug, und den Teufel werde ich tun und ihm sagen, dass Goji-Beeren mit Schadstoffen belastet, Acai-Beeren in Südamerika ganz normales Gemüse und Chia-Samen überteuerter Humbug sind.

Und dass es kein Superfood gibt, Fett vielleicht ausgenommen. Das glaubt er mir sowieso nicht. Und wer bin ich, um die Illusionen anderer zu zerstören?

Außerdem gibt es auch bei der Ernährung den Plazebo-Effekt, nachdem sich Leute, wenn sie nur bestimmte Sachen essen oder weglassen, besser fühlen. Des Menschen Wille ist sein Himmelreich. Schon deshalb sind Diskussionen darüber, was „gesünder“ ist, völlig fruchtlos.

Ich sage also gar nichts.

 

Worauf es beim Essen ankommt

Na gut. Manchmal rutscht mir doch was raus.

Auf einem Ausflug in den Bergen habe ich mir zum Mittagessen ein Wiener Schnitzel mit Pommes frites bestellt. Ein Tischgenosse bestellt das Schnitzel mit Kartoffelsalat. Dann wendet er sich mir zu und intoniert süffisant, mit hochgezogenen Augenbrauen: „Na, dass Du sowas Ungesundes nimmst! Pommes frites sind doch viel ungesünder als Kartoffelsalat – das müsstest Du doch eigentlich wissen.“

Meine Synapsen schnapsten in dem Moment etwas unkontrolliert. Ich hörte mich heiter antworten: „Weißt Du, Essen hat auch sehr viel mit Geschmacksvorlieben und sensorischen Erfahrungen zu tun. Es gibt Leute, die mögen knusprige, rösche Texturen. Andere lieben breiige, schleimige Konsistenzen.“

Das war genau in dem Moment, als die Bedienung seinen Teller mit dem matschigen Kartoffelsalat auf den Tisch stellte.

Er war sprachlos, warum, weiß ich nicht. Eine aus unserem Kreis rang aber hörbar nach Luft: „Du bist aber frech!“

Ich habe das einfach mal so stehen lassen. Ich fand mich jetzt nicht so frech. Er hat mich als Fachfrau adressiert und wollte mich vorführen. Ich habe etwas Fachliches geantwortet. Das war garantiert nicht schlimmer als sein herablassender, provozierender Kommentar über mein Essen und die Unterstellung mangelnder Kenntnisse über „gesunde Ernährung“.

Natürlich arbeite ich an mir. Derlei wird nicht wieder vorkommen, bei Tisch.

Schließlich habe ich das Internet. Daher ist das nur der erste Teil einer lange Serie. Thema: “Ungefragt reingesagt”.

©Johanna Bayer


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