Archiv der Kategorie: Gefundenes Fressen

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Nach dem Fest: Der SWR warnt vor Sodbrennen und Verstopfung – muss das sein?

Im Januar sind alle auf Diät, weil die Festtage so schrecklich waren: Dieses Feiern und Essen! Das hat schwere Nebenwirkungen wie Sodbrennen, Blähungen und Verstopfung. Vom SWR gibt es dazu bemerkenswerte Tipps und Hausmittel. Doch die sind nicht nur medizinisch fragewürdig: Sie schaden auch Genuss und Esskultur – und verschleiern die wahren Ursachen.

Tasse aus Glas mit grünem Kräutertee und Schälchen mit Kräutern, darunter Pfefferminze

Kräutertee statt Gänsebraten, wegen der Verdauung? Von wegen!

Die Feiertage sind vorbei und sie waren schrecklich. Dieses Essen! Das Trinken! So viel Rumsitzen! Grauenvoll. Das macht krank, das will doch kein Mensch.

Deshalb freuen sich jetzt alle, dass sie im Januar endlich wieder auf Diät gehen können, wie sonst immer. Die elende Feierei ruiniert nämlich in jedem Jahr auf die letzten Meter das Idealgewicht.

Hahaha. Das war natürlich nur ein Scherz. Satire, grob überzeichnet wie bei Oma, der Umweltsau.

Denn es ist genau andersrum: Die Deutschen schlemmen zu jeder Jahreszeit, dass die Schwarte kracht – Wochenende, Grillsaison, Urlaub, Geburtstage, Sonntagsbrunch, Jubiläen, Firmenfeiern, Einstände, Ausstände, Oktoberfest, Karneval, Kuchenessen, Eisbecher, und dazu jeden Abend beruhigendes Trostessen, nebst diversen Feierabendbieren, versteht sich.

Erstaunlich, dass dann ausgerechnet am Jahresende, wenn richtig gefeiert werden soll, die German Angst aufbricht: Wir werden alle sterben! Plötzlich steht vor Augen, dass Fett und Süßigkeiten auf die Hüften gehen und Alkohol aufs Gehirn.

 

Was genau sind und wann helfen eigentlich Hausmittel?

Weil diese Erkenntnis die deutschen Normalverbraucher jedes Jahr aufs Neue überrascht, leisten sämtliche Service-Redaktionen erste Hilfe.

In dieser Saison kam sie beispielhaft vom SWR, der „Hausmittel gegen Feiertagssünden“ parat hatte, und zwar als „Schnelle Hilfe gegen Sodbrennen, Bauchweh und Kopfschmerzen“. Damit gerieten die Kollegen auf den Radar von Quarkundso.de, denn es waren medizinisch und kulturhistorisch bemerkenswerte Tipps. Schon der Vorspann, der ins Thema einführt, macht klar, dass Essen gefährlich ist:

„Viel essen und viel sitzen an Weihnachten hat leider unliebsame Nebenwirkungen: der Bauch zwickt und der Kopf schmerzt. Doch Hausmittel schaffen schnell Erleichterung.“

Die Abteilung Dokumentation bei Quarkundso.de wurde hier sofort aktiv: Was genau ist ein Hausmittel? Wozu dient, wann hilft es, und wie gut?

Nach gründlicher Recherche lag ein Dossier vor: Hausmittel sind Arzneien oder medizinische Maßnahmen von Laien, meist von Oma.

Sie können helfen, wenn man sich verletzt hat, krank wird, an einem Gebrechen leidet und etwas heilen oder lindern will, was einem ungebeten zustößt. Hausmittel haben also etwas mit Krankheiten zu tun, und die hat man selten freiwillig. Man zieht sie sich auch nicht bewusst zu.

Aber viel essen und lange rumsitzen an den Feiertagen sind keine Krankheiten. Beides kommt zu Weihnachten auch nicht wirklich überraschend oder ungebeten. Es wird sogar gezielt herbeigeführt.

 

Gefährliches Festessen

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Dass es dagegen „Hausmittel“ geben muss, ist also medizinisch gesehen ziemlich verdreht und entbehrt der Logik. Denn die Maläse lässt sich zuverlässig vermeiden: Man muss nur mit dem Essen aufhören, sobald man wirklich satt ist, und sich ab und zu die Beine vertreten.

So ordinär arbeitet der SWR aber nicht.

Die Redaktion erwähnt zwar den Verdauungsspaziergang. Wichtiger ist es ihr jedoch, die Leser in ihrem irdischen Jammertal zu begleiten und die unvermeidlichen Folgen des Feierns im Text deutlich herauszustellen:

„Was gibt es Schöneres, als an den Feiertagen mit der Familie oder Freunden ein besonderes Festessen zu genießen, leckeren Wein zu trinken und sich dabei ausgiebig zu unterhalten?

Danach kommt dann der Plätzchenteller auf den Tisch, dazu noch ein Schnaps für die Verdauung – und kurz darauf gehen die Beschwerden los: Sodbrennen, Blähungen, Bauchschmerzen und dann fängt auch noch der Kopf an weh zu tun….

Wenn nach dem Essen der Druck im Darm durch die entstehenden Gase schmerzhaft wird, sollten Sie sich eine Tasse Fenchel- oder Kümmeltee aufbrühen.

Sodbrennen und schmerzhafte Blähungen, Bauch- und Kopfweh als typische Beschwerden nach gutem Essen?

Im mildesten Fall kann man das für einen nachlässig getexteten Aufhänger halten, genährt aus kleinbürgerlichen Plattitüden, wie sie her müssen, wenn man kurz vor Weihnachten einen Servicetext hinschludern muss.

 

Sodbrennen nach dem Essen ist nicht natürlich

Harmlos sind die Phrasen allerdings nicht..

Es ist nämlich grundfalsch, allen Menschen das „besondere Festessen“ zu vermiesen, indem man behauptet, dass danach als „Nebenwirkungen“, also zwangsläufig, „die Beschwerden losgehen“.

Physiologisch ist das Unsinn, Quarkundso.de kann das bestätigen, und zwar aufgrund vieler Feld- und Selbstversuche.

Gänsebraten und Blaukraut zum Beispiel sind zum Beispiel günstige Speisen, die die Verdauung befördern und keineswegs den Darm lahm legen. Das lässt sich in jedem Ernährungsratgeber nachlesen.

Aber auch Mediziner wissen es: Beschwerden wie Sodbrennen, Blähungen oder Verstopfung folgen nicht, weil man einmal zu viel isst, oder etwas besonders Gutes. Auch nicht, wenn das an den Feiertagen an zwei, drei Tagen hintereinander geschieht.

Sie müssen überhaupt nicht kommen. Sie sind alles andere als zwangsläufig, auch wenn sie – aus Gründen – recht häufig auftreten.

Dazu gleich mehr.

Vor allem ist es aber kulturlos, üppiges Essen und Feiern allgemein als gefährlich hinzustellen. Beides ist wichtig für unsere Zivilisation, und zwar seit der Urgeschichte: Ausgiebige Gelage mit großen Mengen an Essen – und Alkohol! – zu bestimmten Anlässen gehören geradezu zum Menschsein.

 

Das Leiden ist schon da

Das verlogene Gerede von den „Feiertagssünden“ ist dazu noch gefährlich, und zwar für die Betroffenen: Es schiebt die Schuld für Verdauungsprobleme auf das besonders gute Essen an wenigen Tagen und verschleiert die wahren Ursachen für Verstopfung, Blähungen und Sodbrennen.

Die treten an den Feiertagen bei vielen Menschen tatsächlich auf. Aber diese Erkrankungen oder Syndrome bestehen in der Regel auch vom 2. Januar bis zum 23. Dezember, oft sogar seit Jahren.

Das Leiden ist schon da: beim Sodbrennen zum Beispiel eine Refluxkrankheit, eine Schwäche des Magenpförtners oder der Muskulatur der Speiseröhre, oder eine übermäßige Produktion von Magensäure.

Verstopfungen kommen auch nicht von heute auf morgen, sondern gehen auf Darmträgheit und viele Ursachen zurück, ebenso wie die Neigung zu Blähungen und sonstigen Verdauungsstörungen, die Mediziner als „dyspeptisch“ bezeichnen.

Depressionen und Stress spielen dabei eine besonders große Rolle, außerdem Diabetes, Divertikel oder Hormonstörungen. Blähungen treten unter anderem während der Schwangerschaft und durch Medikamente auf, außerdem bei zahlreichen Unverträglichkeiten oder einem Reizdarm.

Nun kann es zwar sein, dass viele zu Weihnachten besonders depressiv oder gestresst sind. Aber auch das liegt nicht am Essen. Gesunde stecken ein Festessen jedenfalls locker weg, sogar mehrere, nebst leckerem Wein.

 

Quarkundso.de-Homestory von den Festtagen: Gänsebraten mit Orangen-Rotkraut, gebackenen Kastanien und Semmelknödel nach Art der Chefredakteurin . Ein ganz leichtes, köstliches, leckeres Festessen – aufgenommen vor dem Verdauungsschlaf.

 

Die wichtigste Ursache für fast alles

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Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Allerdings gibt es einen großen Risikofaktor für das alles zusammen – für Sodbrennen, Verstopfung, allerlei dyspeptische Leiden, für Depressionen, Diabetes, Darmträgheit, Hormonstörungen und Blähungen.

Es ist das Übergewicht.

Zu viele Kilos auf den Rippen, die den Verdauungstrakt und den Stoffwechsel belasten. Die bringen die Leidenden schon mit, wenn sie zu den Feiertagen am Tisch sitzen.

In Deutschland ist bekanntlich mehr als die Hälfte aller Erwachsenen übergewichtig, und das geht auf Jahre und Jahrzehnte zurück, in denen nicht nur an den Feiertagen gegessen wird. Wenn dann zum Fest noch mehr gegessen wird, kommt es zu den bekannten, mit viel Körperfett verbundenen Beschwerden.

Man muss es so brutal sagen: Übergewichtige leiden zu Weihnachten besonders und besonders häufig. Sie sind vor allem betroffen, und sie kennen die Probleme schon.

 

Revolutionär: Prävention hilft!

Das wagen aber weder die Onliner des SWR noch sonst eine Redaktion anzusprechen. Lieber vermiesen sie allen die Festtage und behaupten, die Delikatessen seien Schuld und es könne jeden treffen.

Verlogenes Verallgemeinern hilft den Betroffenen aber nicht. Sie könnten anders gegensteuern, wenn man ihnen klarer sagen würde, dass Sodbrennen, Verstopfung und Blähungen nicht ursächlich vom Festtagsessen kommen.

Diese Desinformation zerstört Wissen rund um Verdauung, Körper und Ernährung für alle und blockiert übrigens auch Wege zur Behandlung – schließlich ist Sodbrennen ist gefährlich und kann üble Folgen bis hin zum Speiseröhrenkrebs haben. Wer an Sodbrennen leidet, sollte sich daher mit Hausmitteln nicht abgeben. Damit muss man zum Arzt.

Gegen die Wurzel aller Festtagsfolgen, die der SWR an die Wand malt, gibt es aber wirklich ein altes Hausmittel. Es lässt sich vor Weihnachten präventiv anwenden und wirkt garantiert: Abspecken.

Wenige Kilos helfen oft schon. Dann geht am Jahresende auch wieder ein Festessen.

©Johanna Bayer

 

Beitrag vom SWR: „Schnelle Hilfe gegen Sodbrennen, Bauchweh und Kopfschmerzen – die besten Hausmittel gegen Feiertagssünden.“

Information zu Übergewicht und Verdauungsbeschwerden von der Adipositas-Stiftung

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Küchenzeile: Der Hype um Protein und Essen aus dem Chemiebaukasten – mit großem Geschmackstest

Der Protein-Hype grassiert, gepimpte Produkte überschwemmen den Markt, von Protein-Riegeln über Eiweiß-Kekse bis zu Protein-Pudding. Food-Designer entwerfen diese Produkte am grünen Tisch, zusammengemischt werden sie im Labor, Doch was passiert dabei mit dem Geschmack? Quarkundso.de testet Käse und Pudding mit extra viel Protein. 

(Beitrag vom 20.11.2019)

Spiegelei in schwarzer Pfanne, nah

Natürliches Eiweiß – als ob das nicht reicht.

Was haben die nur plötzlich alle mit diesem Protein? Heimlich hat sich der Stoff zu einem Mega-Trend entwickelt, der quer zur vorherrschenden Essromantik verläuft. Die dreht sich momentan eigentlich um Omas Küche, friedliches Essen aus Schüsselchen und biedere Landgerichte.

Aber der Protein-Hype killt sie alle, denn er hat mit Omas Soulfood nichts am Hut. Er entstammt vielmehr Kunstnahrung von Bodybuildern, Astronauten, Triathleten und Kraftsportlern in der Mucki-Bude. Gerne tarnt Protein sich auch als artgerechtes Futter aus der Steinzeit. Die steckt uns bekanntlich in den Knochen, Mammut auf dem Teller und so.

Jetzt ist Eiweiß also der heiße Scheiß: Es soll fit, schlank und schön machen, intelligent, stark, muskulös, groß, fruchtbar, jugendlich und ausdauernd.

Dabei ist Protein gar kein Essen.

 

Rohstoff für die Retorte: Protein aus Milch, Ei, Erbsen, Soja oder Käfern

Ehrlich. Protein ist kein Lebensmittel. Es steckt nur drin, im Essen. Protein ist ein Baustein von vielen. Echte Lebensmittel bestehen aus viel mehr.

Doch die Körper-Optimierer und auch viele Gesundheitserzieher sehen Essbares lieber als Chemiebaukasten und zerlegen es in seine Bestandteile. Sie sprechen nicht von Fisch, Hühnchen, Spinat, Blumenkohl, Quark, Spiegeleiern, Bohnen, Nudeln, Brot oder Kirschen. Sondern von Kohlenhydraten, Aminosäuren, Fettsäuren, Protein, Vitaminen, Mikronährstoffen, Spurenelementen, Mineralien, Ballaststoffe, Polyphenolen und sekundären Pflanzenstoffen.

Dass das modische Protein aus der Retorte kommt, akzeptiert die Käufer-Klientel ebenso wie bei Vitaminen und Mineralstoffen. Diese werfen sich Fitness-Freaks ja auch gerne als Pillen ein, und so ist es kein Problem, wenn Protein als Pulver, aus Dosen oder als irgendein Quark daher kommt, vielleicht aus Insekten, egal, Hauptsache Protein.

Das Zeug ist nämlich nicht leicht zu haben, wenn man glaubt, viel davon essen zu müssen: Kaum ein Lebensmittel und schon gar kein unverarbeitetes kommt über einen Eiweißgehalt von 35 Prozent, weder Fleisch noch Fisch, Eier, Milch, Linsen, Erbsen oder Soja; auch Mandeln und andere Nüsse nicht.

 

Moderne Molkereiprodukte: Der Sieg der Lebensmitteltechnik

Am natürlichsten sind dabei noch die traditionellen Proteinbomben Käse und Quark. Wenn man es genau nimmt, sind allerdings auch sie schon Artefakte der Biotechnologie: versetzt mit Bakterien, geimpft mit Pilzen, gelaugt, gepresst und gewalkt, gesalzen, gewaschen, gelagert und gereift.

Das gilt selbstverständlich als hehre Tradition und hohe Kunst.

Aber man darf sich nichts vormachen: Moderne Molkereiprodukte sind alle aus Einzelbausteinen neu zusammengemischt. Auch die Milch hat ihre Unschuld verloren. Sie wird in riesigen Stahltanks gekühlt, durch Schläuche und Düsen gejagt, in Zentrifugen geschleudert, in ihre Einzelteile getrennt und neu zusammen gemischt.

Milch und Eier sind aber hervorragende Proteinquellen, weil sie viel billiger sind als Fleisch und Fisch, auch bei Vegetariern durchgehen und sehr interessante, gut verdauliche Proteine mitbringen, fein säuberlich separiert von den Technologen.

Daher nehmen die Produktentwickler für den Protein-Hype gerne Eiklar oder Milcheiweiß, etwa Molke, um ihre Kreationen anzureichern. Es gibt mit Protein gepimpte Früchteriegel, Shakes, Kekse sowie vegetarische Fleischimitate wie Pseudo-Wurst oder Pseudo-Schinken, deren Proteinanteil aus Eiern oder Milch stammt.

 

Marketing und Food-Design: Die wollen es doch so!

Und die Retortenköche setzen noch einen drauf: Zwecks Verkaufe kombinieren sie mehrere Trends, wobei massig Protein reinkommt und anderes dafür rausfliegt, vor allem Fett.

Denn die Food-Designer bekommen ihr Briefing von der Marketing-Abteilung, die sagt: Unsere Kunden sind gesundheitsbewusst, die wollen das so! Viel Eiweiß, wenig Fett!

Dabei verbinden sich die fiesesten Trends der letzten Jahrzehnte: fettfrei, light, salzarm, künstlich aromatisiert, künstliche Süßstoffe – zuckerfrei! – und strotzend vor Protein. Müßig zu sagen, dass „Laktosefrei“ und „Glutenfrei“ oft auch noch draufsteht.

Die Frage ist, was dabei mit dem Essen passiert. Und ob das schmeckt.

 

Im Geschmackstest von Quarkundso.de: Proteinkäse und Proteinpudding

Das Labor von Quarkundso.de hat dazu einen Test aufgesetzt: Eine aufwändige Kontrastprobe von mit Protein angereichertem Weichkäse und Schokopudding, die hochsensible Prüferin in Person der Chefredakteurin wurde zuvor sorgfältig auftrainiert.

 

In den Geschmackstest kamen

– Blauschimmelkäse der Marke Bavaria blu von Bergader – das Original verglichen mit dem neuen Protein-Käse derselben Marke.

 

Zwei Käsepackungen, blau

Links der Protein-Käse, rechts das Original.

 

– „High Protein“-Pudding von Ehrmann im Vergleich mit dem normalen Schokopudding von Rewe und dem Bio-Sahne-Schokopudding von Andechser.

 

Drei Puddingbecher Rewe, Andechser und Ehrmann

Die Testkandidaten: Schokopudding mal mit Sahne, mal mit ganz viel Protein

 

 

Und das sind die Ergebnisse

 

1. Blauschimmelkäse Bavaria blu

Rein optisch gab beim ganzen Käse von außen keinen Unterschied, etwa in der Pilzdecke – links der Proteinkäse, rechts das Original.

 

Beim Anschnitt sichtbar: Der Proteinkäse links im Bild hat größere Schimmelpunkte und wirkt blasser, weniger gelblich, er glänzt nicht sondern ist matt, anders als das Original (rechts)

 

Das kommt nicht überraschend, denn der Proteinkäse hat nicht nur doppelt so viel Eiweiß, sondern um die Hälfte weniger Fett, links der Proteinkäse, rechts das Original.

Dann der ultimative Geschmackstest, mit Brot und ohne, hier das Original mit mehr Fett.

 

Ergebnis: Der Proteinkäse hat eine feste, leicht gummiartige Konsistenz und schmeckt weniger intensiv nach Blauschimmel, insgesamt wenig aromatisch.

Das könnte erklären, warum die Entwickler beim Proteinkäse den Schimmel mehr haben wachsen lassen – damit der Gummikäse etwas Aroma bekommt. Denn beim Original mit vollem Fettgehalt von 43 % bringt das Fett den Geschmack.

Klarer Testsieger: Das Original. Es ist cremiger, aromatischer, würziger und hat im Übrigen schon einen beachtlich hohen Proteingehalt von 13,7 %, das entspricht bekannt eiweißhaltigen Lebensmitteln wie Aal, Amaranth, Brathering, Büffelmozzarella oder Leberkäse. Wozu Extra-Protein?

 

2. Schokopudding

Diese Testreihe hatte es in sich, denn die Kandidaten bedienten jeder für sich schon einen Trend: zuckerreduziert bei Rewe, Bio bei Andechser, High-Protein bei Ehrmann. Hier die Ergebnisse:

 

Rewe Schoko-Pudding

Optisch dickflüssig, mitteldunkel, fließt cremig vom Löffel.
Schmeckt schokoladig und sahnig, eine vertraute Note von gekochter Milch ist dabei, die Konsistenz im Mund ist cremig-sahnig und trifft die Erwartung, die der fließende Pudding beim Ansehen weckt. Der Kakaogeschmack kommt mit einer ganz leicht herben Note sehr echt durch.

Mit 5 % Schoko- und Kakaopulver liegen hier die geschmacksgebenden Inhaltsstoffe am höchsten von allen drei Puddings. Die Süße ist nicht zu hoch und angenehm, der Zuckeranteil  laut Packung bei 9,7 %. Hauptbestandteil ist Sahne, rein rechnerisch ca. 85 % (keine genaue Angabe).

 

Andechser Bio-Sahnepudding

Der Bio-Pudding ist etwas fester und nicht ganz so gleitend-cremig wie der von Rewe, etwas heller in der Farbe, schmeckt weniger nach Schokolade und Kakao, ist dafür sehr süß, im Vergleich mit dem Rewe-Pudding sogar sehr viel süßer.

Das zeigt sich auf der Packung, offensichtlich ist der Zuckeranteil hoch, denn Zucker steht als Zutat an dritter Stelle vorne, eine genaue Angabe findet sich auf der Packung nicht.

Dafür ist der Anteil von Schokopulver genannt, nämlich 3 %, das ist deutlich weniger als bei Rewe und erklärt den weniger intensiven Schokoladengeschmack.

Herbheit oder Bitternoten von Kakaopulver kommen nicht raus, dafür etwas von süßer Milchschokolade. Dass Vanille-Extrakt als Aromazutat angegeben ist, passt ins Bild.

Laut Packungsangabe sind außer dem Verdickungsmittel Carrageen auch Reis- und Maisstärke drin, es fragt sich, warum.

 

Ehrmann High-Protein-Pudding Chocolate

Der High-Protein-Pudding gleicht den beiden anderen in nichts.

Die Farbe ist schwarz-braun, intensiv dunkel, die Konsistenz ist kompakt, schwer, tatsächlich ist der Pudding stichfest und bleibt am Löffel kleben.

Im Geschmack auffallend, sogar penetrant süß, das Mundgefühl ist erst kompakt und pappig, dann mehlig.

Ein Blick auf die Packung zeigt, dass die künstlichen Zucker Acesulfam und Sucralose drinstecken, letzteres erklärt die intensive Süße, die spät kommt und lange anhält, typisch für Sucralose. Hersteller Ehrmann wirbt damit, dass kein Zucker zugesetzt sei, was ein kleiner Trick mit der Definition von „Zucker“ als Haushaltszucker ist.

Nach Kakao oder Schokolade schmeckt der Pudding wenig, sowohl Geruch als auch Geschmack sind verfremdet, mit deutlichen Noten von Vanille und Milchpulver.

Die Packungsangabe gibt natürliche Aromen an, außerdem diverse Zusatzstoffe, darunter alleine drei Verdickungsmittel einschließlich modifizierter Stärke, das könnte den pappigen Eindruck erklären.

Hauptbestandteil ist Magermilch, angegeben ist dazu Milcheiweiß, das den Proteinanteil ausmacht. Der Sahneanteil liegt bei 8,5 %, zum Vergleich siehe oben: Andechser enthält 84 %, Rewe vergleichbar (keine genaue Angabe).

Der Eiweißgehalt des Ehrmann-Puddings liegt bei 10 Prozent. Weil der Becher erheblich größer ist als bei den anderen Puddings und ganze 200 Gramm enthält, bringt ein Becher also 20 Gramm Protein mit. Das ist in etwa die Größenordnung von 100 Gramm Thunfisch.

Sehr niedrig ist dafür der Fettgehalt, nur 1,5 Prozent, das passt zum Viel-Protein-wenig-Fett-Design und zum Hauptbestandteil Magermilch. Die muss so mager gewesen sein, dass die Sahne schließlich den Pudding auf 1,5 % Fett gebracht hat.

Kakaopulver steckt weniger drin als bei den anderen Kandidaten, insgesamt nur 2 %, das erklärt den wenig wahrnehmbaren Kakao-Geschmack.

Wie der Pudding bei so wenig Kakao so intensiv schwarz-braun sein kann, ist allerdings die Frage. Nicht, dass wir spekulieren wollen: Ein Farbstoff kann eigentlich nicht drin sein, wenn keiner angegeben ist.

In Frage kämen etwa Pflanzenkohle (E 153), Brillantschwarz (E 151), oder Braun HT (E 155). Sie stecken oft in Süßwaren wie Lakritz oder in Kuchen und Keksen mit Schokolade. In bestimmten Kombinationen oder als Bestandteil anderer Zutaten müssen sie aber gar nicht erst deklariert werden. Wer weiß.

Fazit zum „High-Protein-Pudding“: Zwei Löffel, dann weg damit. Schon der penetrante Süßgeschmack und die aufdringlichen Aromen nerven, die pappige Konsistenz ist unangenehm.

Das ist Frankenfood, wie die Amerikaner sagen, eine nette Wortbildung für am grünen Tisch designtes, im Labor gemixtes künstliches Zeug, angelehnt an „Frankenstein“. So etwas kann man nicht selbst kochen. Es ist Astronautenfutter, Ersatznahrung. Ein „Produkt“, kein Lebensmittel.

Klarer Testsieger für die absolut unbestechliche Redaktion von Quarkundso.de: der Schokopudding von Rewe. Schmeckt am besten, höchster Kakao-Anteil, nicht zu süß, gute Zutaten und mit nur 49 Cent für 150 Gramm auch am billigsten.

Und wer Protein will: Wir empfehlen Hartkäse, Quark (Fettstufe natürlich), Eier, gerne auch Linsen, Bohnen – und ab und an ein gutes Stück Fleisch. Einfach echtes Essen.

Arme Kinder und ihr Essen: Die Deutsche Welle fällt auf eine Foto-Schmonzette rein

Kinder in armen Ländern essen gesünder, meint der amerikanische Fotograf Gregg Segal und verzuckert das mit schönen Bildern. Die Deutsche Welle bejubelt das Projekt und gibt die Aussagen unreflektiert wieder – doch das ist naive Armutsromantik: Kinder in armen Ländern sind bedroht von Unterernährung und Krankheit. Ein Einspruch von Quarkundso.de

(Beitrag vom 3. 10. 2019)

Kleinkind, ca. 1 Jahr, sitzt auf Decke und isst, Spielzeug, Wassermelone, Kind lacht

Welche Kinder essen besser – arme oder reiche?

 

Jetzt müssen wir ganz vorsichtig sein. Wirklich, das ist ein sehr heißes Eisen, das wir hier anpacken: die gesunde Ernährung von Kindern.

Quarkundso.de hat sich schon zu oft in die Nesseln gesetzt, etwa beim Beitrag zu Fleisch und Klima neulich. Der hat interessierten Kreisen nicht gefallen, was allerdings nicht an uns liegt. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Jedenfalls schreiben wir trotz aufgebrachter Kevins und ihrer Freunde* weiter ins Internet, wie es wirklich ist, mit Essen und Ernährung. Schließlich ist das unser Markenkern. Nur wenn es um Kinder geht, hört der Spaß auf. Und zwar noch viel schneller als beim Rindersteak.

Bei Kindern wird das ganz große Rad gedreht und das Terrain ist moralisch vermint. Kinder sind schließlich unschuldig, Kinder sind Opfer, Kinder sind unsere Zukunft! An Kindern sieht man daher, wie es um die Welt bestellt ist, und was ist sinnvoll, wenn es nicht für unsere Kinder ist? Deshalb ist alles, was man für Kinder tut, eine gute Sache.

 

Fotoprojekt: Essen von Kindern rund um die Welt

Gerade beim Essen. Deshalb hat sich der amerikanische Fotograf Gregg Segal aufgemacht, Kinder aus der ganzen Welt mit ihrem Essen zu zeigen.

Ziel war es, „ungesunde Ernährungsmuster“ aufzudecken. Oder gesunde, je nachdem, wobei sich Segal selbst zurechtlegt, was „gesund“ oder „ungesund“ ist.

Für seinen Fotoband dokumentierte er, was 60 Kinder aus neuen Ländern innerhalb einer Woche verzehrt haben. Das wurde farbenfroh um sie herum dekoriert und abgelichtet. Die Deutsche Welle hat das Projekt vorgestellt und dazu ein Video über Twitter verbreitet, betitelt mit:

„Kinder aus reichen Ländern essen gesünder? Von wegen!“

In Wahrheit, so gibt der deutsche Sender die Meinung des Fotografen wieder, essen Kinder aus armen Ländern also gesünder.

Aber wir, auf Krawall gebürstet, erheben Einspruch: Quarkundso.de findet diese Behauptung mehr als gewagt. Sie ist bestenfalls naiv-romantisch, eher grob falsch und ideologisch.

Vielleicht ist sie sogar gefährlich.

 

Reiche Länder: Fettes Essen, dicke Kinder

Aber erstmal ist alles wunderhübsch anzusehen, im Video der Deutschen Welle. Zu sehen ist ein Making-Of des Fotobandes: Niedliche Kleine liegen auf farbenfrohen Stoffen ihrer Länder, um sie herum exotische Köstlichkeiten, alles sehr appetitlich, Assistenten und der Fotograf wuseln am Set herum, richten Essen her, die Kinder posieren.

Dann erklärt der Fotograf sein Projekt: Rund um die Welt gebe es eine Angleichung der Essgewohnheiten, und dazu immer mehr Herzleiden, Diabetes und Darmkrebs, alles Krankheiten, die mit der Ernährung zusammenhingen. Die Menschheit, so Gregg Segal, werde überzogen von dickmachendem Industriefutter.

Auf das Essen von Kindern habe er sich aber konzentriert, weil Essgewohnheiten früh geprägt werden und ein Leben lang bestehen: Wer mit zehn Jahren keine gesunden Gewohnheiten entwickelt habe, könne im Alter nicht mehr aufholen.

Unter diesen O-Ton sind im Video die Bilder mehrerer dicker Kinder geschnitten: ein pummeliges Kind aus Brasilien, ein dicker Junge aus den USA und ein fettes blasses Mädchen aus Deutschland, Duplo und Kinderschokolade mit im Bild.

 

Tweet mit Video der Deutschen Welle auf Twitter

 

Vom Kitsch zum groben Unfug

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Ganz allgemein kann man da natürlich zustimmen. Nebenbei hätte der besorgte Vater aber ruhig erwähnen können, dass der Fraß mit dem globalen Einheitsgeschmack, den er kritisiert, eine Erfindung amerikanischer Konzerne und Fastfood-Ketten ist.

Das Problem geht also von seinem eigenen Heimatland aus. Die Frage ist, wen der beseelte Fotograf also bekehren will: seine Landsleute, die US-Bürger? Die amerikanische Industrie? Oder will er die zukünftigen Opfer warnen, bevor sie in die Fänge der Foodmultis gelangen?

Letzteres könnte es sein. Aber lange kann man darüber nicht nachdenken, denn danach kippt das Ganze, und zwar vom Kitsch in den groben Unfug.

Segal fängt nämlich an, darüber zu sinnieren, dass noch vor einer Generation das Essen von Kindern aus verschiedenen Ländern völlig anders ausgesehen habe.

Er vergleicht Sizilien mit den USA, und findet, es sehe heute so aus, als würden alle Eltern das Essen für ihre Kinder in demselben globalen Supermarkt einkaufen. In anklagendem Ton zählt er auf, was er meint: „Pizza, Pasta, Weißbrot …“

Moment. Pizza und Pasta verderben die traditionelle Esskultur auf Sizilien?

Warum sollte ein sizilianischer Junge nicht Pizza und Pasta essen? Sie stammen doch von dort!

Und Weißbrot? Auf Sizilien gibt es nur Weißbrot, wie in ganz Italien. Dunkles Brot oder was immer Segal vorschwebt – Roggen-Vollkorn? – ist in Italien fremd. Das gibt es höchstens auf dem Campingplatz, für die deutschen Touristen.

Scheinbar fehlt es hier an den richtigen kulinarischen Koordinaten, und das nächste Beispiel bestätigt den Verdacht. Hier haut Segal fatal daneben, denn jetzt geht es um ein Kind aus Indien.

 

Indien: Mutter kocht jeden Tag frisch!

Anchal, ein indisches Mädchen in seinem Projekt, erzählt Segal, lebt in einer Aluminiumhütte, die nur 10 Quadratmeter groß ist, ihre Eltern sind bettelarm.

Trotzdem isst sie, findet Segal, gesund, „wholesome“, nämlich „traditionell indisch“: Sie bekommt Linsen, Blumenkohl, Okra, Reis und Brot. Alles kocht ihre Mutter jeden Tag frisch, auf dem Boden der Hütte.

Das geht richtig ans Herz.

Man sieht sie förmlich vor sich, die bescheidene indische Mutter, einen farbenfrohen Sari um sich gewickelt. Demütig das Haupt bedeckt, mahlt sie auf dem Lehmboden der Hütte Gewürze, schält Gemüse; still, reinlich trotz der Armut, genügsam lächelnd und erfüllt davon, dass sie ihren Lieben so viel Gutes tun kann.

Anchal, rabuliert der Fotograf, erhalte also eine gesündere Ernährung als viele Kinder der indischen Mittelschicht. Überhaupt sei die größte Erkenntnis aus dem Projekt, dass ärmere Länder oft die gesündere Ernährungsweise haben (bei TC 2:20).

Wenn er sich da mal nicht täuscht.

 

Bettelarm, aber gesund? Von wegen

Die Haussklavinnen: Indische Frauen in armen Schichten

Denn was Segal hier unbedarft zur Schau stellt, ist pure Armutsromantik:

Es ist ein uraltes Sozialklischee, nach dem es „den Armen“ besser geht als den verderbten, prasserischen, fetten „Reichen“ – arm, aber gesund; arm, aber glücklich; arm, aber kultiviert.

Nur ist es in Wahrheit nicht so.

Denn Armut ist bitter. Und sie hat viele gravierende Folgen für Ernährung und Gesundheit, die Segal, der übersatte Amerikaner mit Sendungsbewusstsein, ignoriert.

Vor allem verkennt er die Realität armer Mädchen und Frauen. Gerade in Indien. Denn nach wie vor werden indische Frauen vor allem in den unteren Schichten verachtet und brutal ausgebeutet. Die Mutter, die auf dem Lehmboden der Hütte kocht, ist eine Arbeitssklavin ihres Mannes.

Kleine Mädchen aber werden systematisch von Kindheit an schlechter ernährt als Jungen. Denn in der Unterschicht Indiens sind Mädchen immer noch eine Last, arme Familien investieren nicht in Mädchen – mit Nahrungsentzug fängt es an. Weibliche Säuglinge zu töten ist in manchen Gegenden des Nordens noch immer üblich.

 

Dicke, reiche Kinder leben länger

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Wenn sie aber heranwachsen und verheiratet werden – ein paar Frauen braucht es ja – unterliegen sie komplett der Herrschaft des Mannes. Arbeiten müssen sie ununterbrochen: Erst auf dem Bau, den Feldern oder in der Fabrik, danach bis zum Umfallen im Haus.

Morgens stehen die Frauen Stunden vor ihrem Mann auf, um für ihn und die Kinder ein warmes Essen zu kochen – jeden Tag frisch, wie der Romantiker Segal schwärmt –, bevor sie zu ihrer eigenen Arbeit gehen. Abends kochen sie wieder. So könnte es auch Anchals Mutter gehen.

Diese armen indischen Frauen und ihre Töchter ernähren sich dabei keineswegs automatisch „gesund“, weil „traditionell“. Sie leiden unter Eisen- und Mineralmangel, bekommen zu wenig Protein und ihre Lebenserwartung liegt unter dem weltweiten Durchschnitt. Gleichzeitig ist die Kindersterblichkeit in Indien weltweit mit am höchsten.

Anders ist das bei dem Amerikaner Segal und den Kindern, die auf den Fotos von Fastfood umgeben sind, etwa die aus den USA, Deutschland oder arabischen Staaten. Sie alle können  mit 80 einen sanften Tod sterben. Denn nichts ist im Wachstum so schlimm wie Unterernährung.

Zudem genießen Kinder in reichen Ländern die beste medizinische Versorgung – die indischen Mädchen nicht. Wenn es in armen Familien Geld für den Arzt gibt, dann kommen vor allem Männer und Söhne in seinen Genuss. Nicht Frauen und Töchter.

 

Armut bedeutet Unterernährung und Krankheit

Arme Kinder in Nordindien: Häufig unterernährt

Armut heißt in armen Ländern eben genau nicht: Traditionelle, frisch gekochte Nahrung aus gesunden Lebensmitteln. Sie heißt in erster Linie Unterernährung.

In Indien ist jedes zweite Kind unterernährt, von einigen Landstrichen Afrikas nicht zu reden.

Auch dort sind schon die Mütter betroffen, die brutale Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen und Mädchen in Afrika ist Legende.

Von allen Kindern, die durch jahrelange Unterernährung Wachstumsschäden davon getragen haben, leben aber 90 Prozent in Afrika und Asien, beschreibt die Welthungerhilfe.

„Stunting“ ist eine der Folgen, mangelndes körperliches Wachstum und verzögerte kognitive Entwicklung durch jahrelange Unterernährung, Unterernährung ist der Hauptgrund der Kindersterblichkeit.

Die Schäden können schon in der Schwangerschaft der – ebenfalls unterernährten – Mutter entstehen. Die Kinder holen das ihr Leben lang nicht mehr auf.

Und es sind so viele Millionen Kinder, in der Mehrzahl Mädchen, dass die Vorstellung geradezu absurd ist, ein armes indisches Mädchen aus einer Lehmhütte könne das Paradebeispiel für gesunde traditionelle Ernährung abgeben.

 

Die Deutsche Welle ist reingefallen

Afrika: Frauen arbeiten viel und sind oft unterernährt


Dass der Fotograf mit seinem naiv-dummen Projekt eine Lanze für „gesundes traditionelles Essen“ brechen will, gut und schön.

Hübsche Fotos kommen dabei heraus, und natürlich ist es wünschenswert, dass die Food-Multis nicht die ganze Welt mit ihrem künstlich aromatisierten Schrott überziehen. Dagegen kämpft im Übrigen auch Quarkundso.de.

Auch ist Übergewicht gefährlich – aber Unterernährung ist noch gefährlicher.

Deshalb sollte man nicht auf diese Foto-Schmonzette reinfallen wie die Deutsche Welle, und unreflektiert dem Klischee applaudieren. Denn die sozialromantische Brille des kulinarisch ahnungslosen Amerikaners führt komplett in die Irre.

Für seine Mission von einer angeblich gesunden, traditionellen Ernährung bringen seine Überlegungen gar nichts, sie schaden sogar.

 

Traditionelle Ernährung ist gut – aber nicht immer

Traditionelle Ernährung ist nämlich nur dann gut, wenn es genug davon gibt. Wenn nicht, ist die traditionelle Ernährung schlecht. Dann tun es Proteinpulver und Vitamintabletten besser, besonders bei Kindern.

Sie ist außerdem dann gut, wenn man nicht dick ist: Wer als Amerikaner bei seinem traditionellen Essen – das sind Industriefraß und Fastfood – normalgewichtig bleibt, hat gute Chancen auf einen sanften Tod mit 80 Jahren.

Und das gilt für die traditionelle Ernährung jedes Landes auf der ganzen Welt, von Australien bis Zypern. Wer nicht dick ist, fährt mit der ursprünglichen Ernährung seiner Vorfahren gut.
Wer übergewichtig oder, Achtung, unterernährt ist, lebt nicht gesund – Tradition hin oder her.

©Johanna Bayer

 

Tweet der Deutschen Welle mit Video zum Fotoprojekt von Gregg Segal