Archiv der Kategorie: Gefundenes Fressen

Gute und nicht so gute Berichte, Artikel, Bücher oder Blogs. Wenn nötig, auch mal gepfeffert kommentiert.

Küchenzeile: Zigeunersoße und Mohrenkopf – was man noch sagen darf

Seit Jahren kommt immer wieder Kritik, jetzt prescht ein Hersteller medienwirksam vor: Knorr benennt seine „Zigeunersauce“ um. Was als politische Empfindsamkeit daherkommt, ist aber nichts als Marketing.

Die Deutschen lieben das sogenannte Zigeunerschnitzel – trotz Kritik / Bild: Stockcreations

Knorr hat seine Zigeunersoße umbenannt. „Paprikasauce Ungarische Art“ soll die Tütenware jetzt heißen, andere Hersteller denken über „Balkansauce“, „Puszta-Sauce“ oder sonst irgendwas mit Paprika nach.

Eigentlich ist das keiner Erwähnung wert.

Aber die Aufregung war groß: Was ist schlimm an Zigeunersoße oder Zigeunerschnitzel? Darf man denn gar nichts mehr sagen? Empörte Sprachschützer warfen sich für einen Bestandsschutz in die Bresche, empfindsame Pädagogen pochten darauf, dass das Wort „Zigeuner“ rassistisch und diskriminierend sei und am besten ganz aus dem Wortschatz verschwindet.

Quarkundso.de äußert sich in dieser verzwickten Lage wie immer völlig neutral. Diesmal übernimmt die Chefredakteurin persönlich, die im Nebenberuf was mit Sprache gelernt hat. Zu irgendwas muss das ja mal gut sein.

Am Anfang  jeder nüchternen Betrachtung steht ein Blick aufs Reelle: Hersteller benennen ihre Produkte grundsätzlich nach Marketinggesichtspunkten – Namen sind ein Kalkül mit Klang und Konnotation.

Weil sie die Käufer ansprechen sollen, tüfteln Werbeagenturen für viel Geld die Bezeichnungen für neue Produkte oder Marken aus und prüfen, wie sie wirken.

 

„Raider heißt jetzt Twix – danke für nix“

Namen werden aber auch wieder geändert, wenn Verkaufsstrategen es für richtig halten.

Das passiert zum Beispiel, wenn ein Produkt international auf den Markt kommen soll und ein nationaler Name nicht mehr passt.

So geschah es einem Schokoriegel der Firma Mars, „Twix“ genannt, ab Ende der 1960er Jahre erhältlich – allerdings nicht in Deutschland.

Hier gab es die Süßigkeit erst seit 1976, unter einem anderen Namen.

1991 wollte der Hersteller das internationale „Twix“ auch in Deutschland einführen, doch die Kundschaft machte nicht mit: Bis heute hat hier niemand vergessen, dass der Riegel eigentlich „Raider“ heißt.

Dafür ist der Slogan „Raider heißt jetzt Twix“, mit dem Mars die Umbenennungskampagne führte, zum geflügelten Wort für Floskeln und viel Lärm um Nichts geworden.

Alle paar Jahr macht Mars in Deutschland jetzt Neuauflagen mit limitierten Raider-Riegeln, weil, wie die Firma erklärte, Retro-Produkte einen Riesenhype erfahren. Das ist kein Zufall.

 

Mohr im Hemd und Negerkuss

weiße Schale, zwei Schoko-Schaumküsse, früher "Mohrenkopf" oder "Negerkuss"

„Schokokuss“ ist ein gelungener Ersatz. Oder nicht?

Denn besonders wenn Namen schon lange bekannt sind, beharren die Konsumenten auf Vertrautem.

Leckereien ihrer Kindheit wollen sie so und nicht anders nennen; Negerkuss, Mohr im Hemd, Mohrenkopf, Zigeunerschnitzel.

In bayerischen Landgasthöfen kann ein gewisses Cola-Bier-Gemisch deshalb immer noch als „Neger“ bestellt werden.

Meist geschieht das unter viel Gejohle und mit Witzen über politisch korrekte Sprache.

Aber sind diese ebenso hergebrachten wie unbedachten Bezeichnungen ganz neutral? Oder zumindest „nicht böse gemeint“?

Und überhaupt: Darf man Speisen nach Randgruppen und deren Aussehen benennen? Die Frage wühlt neben der rein kaufmännische Entscheidung – neue Zielgruppe, neue Trends, neuer Name – tiefe Gefühle auf.

 

Zigeunerwagen TV auf Youtube

Plakat mit Schrift "Kölner ZIgeunernacht", 12.12.2019

Quelle: Maro Drom e.V.

Dass man Gruppen von Menschen nicht einfach fremde Etiketten aufkleben sollte, ist dabei weitgehend Konsens.

Wenn deutsche Sinti und Roma von anderen nicht „Zigeuner“ genannt werden wollen, sollte man darauf Rücksicht nehmen.

Trotzdem ist die Lage nicht eindeutig, denn auch unter den Sinti und Roma selbst gibt es verschiedene Ansichten zur Bezeichnung „Zigeuner“.

Anders als der Verband der deutschen Sinti und Roma e.V. hat zum Beispiel die Deutsche Sinti Allianz e.V. nichts gegen „Zigeuner“, sofern es neutral und als Gruppenbezeichnung verwendet wird.

Auch ein Kölner Sinti-Verein will den alten Namen positiv besetzen und veranstaltet regelmäßig „Zigeunerfestivals“, der eigene Youtube-Kanal heißt „Zigeunerwagen TV“.

Im Ausland ist der Name im neutralen Sinn noch häufig: französisch „tsiganes“, italienisch „zingara“, ungarisch „ciganyok“, den Wortstamm gibt es in Europa in vielen Sprachen.

Eine andere Wurzel ist spanisch „gitanos“ und englisch „gypsy“, ebenfalls eher unverdächtig.

 

„Eskimo“ geht wieder

Grönland-Bewohner: Ob das ein Inuit ist, weiß man nicht

Eine ungeliebte „Fremdbezeichnung“ kann sich im Nachhinein auch als neutraler Sammelname entpuppen, so geschehen mit dem vormals verdächtigen „Eskimo“.

Diese Bezeichnung für arktische Volksgruppen ist inzwischen vom Rassismusverdacht freigesprochen, denn Linguisten haben belegt, dass „Eskimo“ keineswegs abwertend „Rohfleischesser“ bedeuten muss.

Auch ist „Eskimo“ in Alaska als Sammelbezeichnung für Arktisbewohner akzeptiert, wie der Duden vermerkt – das angeblich politisch korrekte „Inuit“ aber nicht.

 

Die bösen alten Römer

Sklaven: im alten Rom selbstverständlich

Auch „Mohr“ in „Mohrenkopf“ oder „Mohr im Hemd“ hat es in sich.

Sprachsäuberer verstehen es als rassistisch, weil es angeblich dem Kolonialismus entstammt und an Sklavenhandel und den Exoten-Status von deportierten Afrikanern an deutschen Fürstenhöfen erinnert.

„Mohr“ gab es aber schon im Althochdeutschen, wahrscheinlich entlehnt aus dem lateinischen „maurus“, schwarz, mit dem die alten Römer die dunkelhäutigen Bewohner Nordafrikas nannten.

Die Bezeichnung entspringt also nicht dem mitteleuropäischen Kolonialzeitalter, sondern ist viel älter. Das stützt die Position der Sprachbewahrer, denen die Zensur der politisch Korrekten auf die Nerven geht.

Dumm ist nur, dass die alten Römer natürlich Kolonialherren und Ausbeuter reinsten Wassers waren, die Unmengen von Sklaven aus besiegten Völkern verkauften, in der Mehrzahl übrigens keine Dunkelhäutigen.

Damit machen, was Fremdbezeichnungen und Kolonialismus angeht, wieder die besorgten Sozialpädagogen einen Punkt.

 

Mauren gibt es wirklich

Mauretanien, Land der echten Mauren

Aber dann kommt das:

Die Bezeichnung „Mauren“ gibt es tatsächlich auch unabhängig von den antiken Sklavenhändlern, nämlich für Berberstämme in Nordafrika.

Das Wort stammt wahrscheinlich aus einer ihrer Sprachen, möglicherweise aus dem Phönizischen, so ganz geklärt ist das nicht.

Jedenfalls gibt es noch heute südlich von Marokko ein afrikanisches Land namens Mauretanien: eine islamische Republik, deren Bewohner sich Mauretanier nennen.

Noch heute sollen obere Schichten dort Sklaven halten, wie man bei Amnesty International nachlesen kann. Aber das gehört nicht hierher.

Mit der Wortherkunft lässt sich dem „Mohr“ jedenfalls kein eindeutig diskriminierender Sinn bescheinigen.

 

Neger, Feger, Kabelträger

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Für Sprachwissenschaftler zählt der Wortursprung für die Bedeutung ohnehin nicht. Entscheidend ist der Kontext, in dem ein Wort auftritt, nicht eine ferne Wurzel: Der Sprachgebrauch bestimmt die Bedeutung, er zeigt, wie das Wort verwendet wird und welche Konnotationen mitschwingen.

Ziemlich klar ist das beim inzwischen inkriminierten „Neger“.

Den hat der Deutsche von alters her im Kopf, dabei versichern nicht wenige treuherzig: „In dem schwäbischen Dorf, aus dem ich komme, hieß das aber immer so, da ist das ganz normal. Neger oder Negerle, das war lieb gemeint!“.

Mag sein, dass es in einem schwäbischen Dorf so zugeht. Linguistische Daten zeigen aber, dass „Neger“ schon seit dem 19. Jahrhundert als abwertend verstanden und herabwürdigend verwendet wurde.

Im modernen Sprachgebrauch ist es überwiegend negativ belegt: Das Wort kommt vor allem in Verbindung mit verächtlichen Attributen vor, darunter „dreckiger Neger“, „dummer Neger“, „fauler Neger“, „Neger stinken“ und „Negerschlampe“.

Bauarbeiter, Soldaten und Filmleute sprechen ebenfalls vom „Neger“, gerne auch vom „Bongo“: Gemeint sind Lehrlinge, Praktikanten und Leute für niedere Dienste wie Kabeltragen, Bierholen oder Botengänge. Was ein Neger halt so machen muss.

Schon 1999 vermerkte daher der Duden die negativen Konnotationen des Wortes. Das Bewusstsein dafür ist seitdem gestiegen, inzwischen ist klar: „Neger“ ist ein Schimpfwort.

 

Vom Sarotti-Mohr zum Sarotti-Magier

Eine der bekanntesten Werbefiguren in Deutschland der Sarotti-Mohr

Bei „Mohr“ sieht das anders aus.

Zwar brandmarkt der Duden „Mohr“ auch als diskriminierend, aber das Wort ist schon verblasst und altmodisch.

Niemand verwendet es im Deutschen noch, um Afrikaner oder Menschen mit dunkler Hautfarbe zu bezeichnen, allenfalls kommt es im Zusammenhang mit Süßigkeiten oder Namen von historischen Apotheken und Restaurants vor.

Außerdem taucht es in christlichen Bräuchen auf, bei denen „der Mohr“ in der Regel ein König, ein Weiser oder ein Heiliger ist. Das würdigt Menschen nicht gerade herab.

Abwertende Wortbildungen analog zu „Negermusik“ oder „vernegern“ gibt es mit „Mohr“ auch nicht, darauf weist Matthias Heine hin, Redakteur bei der WELT, studierter Germanist und Experte für Sprachwandel.

Trotzdem hat die Firma Sarotti schon 2004 ihren Sarotti-Mohr in einen – hellhäutigen – Sarotti-Magier verwandelt, um dem Vorwurf zu entgehen, man zementiere rassistische Stereotype vom schwarzen Kindersklaven, der den Kakao bringt.

Dabei beruhen die negativen Klischees hier mehr auf dem Bild im Logo als auf dem Wort „Mohr“: dicke Lippen, große, rollende Augen, diensteifrig, tollpatschig.

Das zeigt auch: Es geht um viel mehr als um ein Wort.

 

Ist das Zigeunerschnitzel ein Lotterschnitzel?

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Bei Zigeunerschnitzel, Zigeunerspieß und Zigeunersoße verhält es sich wieder anders.

Der Duden vermerkt zwar auch hier, das Wort „Zigeuner“ werde als diskriminierend empfunden, bezieht sich als Quelle aber nur auf den Verband der deutschen Sinti und Roma e.V.

Bei „Zigeunerschnitzel“ räumen die Sprachexperten jedoch ein, dass der Begriff nur „gelegentlich als diskriminierend“ verstanden oder gebraucht werde. Ebenfalls nicht per se abwertend sind viele andere Verbindungen: Zigeunerjazz, Zigeunerprimas, Zigeunerkapelle.

Im Klartext: Die Sprachgemeinschaft betrachtet „Zigeuner“ keineswegs immer und beim Schnitzel erst recht nicht als etwas, das ein schlechtes Licht auf – ja, auf was wirft?

Auf das Denotat, wie Linguisten sagen würden, also auf den Gegenstand, den das Wort bezeichnet? Ist das Zigeunerschnitzel ein Lotterschnitzel, ein unsteter, diebischer, schmutziger Fetzen Fleisch?

Natürlich nicht. Die negativen Konnotationen und Stereotype, die „Zigeuner“ für einige – nicht für alle – mit sich bringt, treffen das Schnitzel ebenso wenig wie die Soße.

 

„Nach Art der Zigeuner“

Foto aus Lexikoneintrag Brockhaus: Zigeunerart, à la Tzigane mit Rezept

Aus dem Brockhaus Kochkunst: nach Zigeunerart

Tatsächlich ist „Zigeuner“ in der Küche nur ein Fachbegriff aus der Küchensprache, eine klassische Garnitur und Zubereitungsart. 1903 bei Escoffier hieß sie „à la tzigane“, nach Art der Zigeuner.

Nicht einmal Paprika ist bei Escoffier drin, das Gewürz, ohne das in Deutschland eine Zigeunersoße undenkbar ist. Stattdessen besteht die Sauce a la tzigane aus Kalbs- oder Rinderfond, Tomaten, Champignons, Streifen von gekochtem Schinken und gepökelter Rinderzunge sowie edlen Trüffeln.

So beschreibt es der Brockhaus Kochkunst unter „Zigeunerart, à la Tzigane“ nüchtern, ebenso der Große Pellaprat und andere Standardwerke.

Nirgends steht aber, dass das Rezept auf Küchentraditionen von Völkern wie den Sinti oder den Roma beruht. Über deren Küche weiß kaum jemand etwas, das Rezept für die klassische Soße „nach Art der Zigeuner“ ist vermutlich eine Erfindung aus dem Paris des 19. Jahrhunderts.

Auch die Paprika-Variante, die als „Zigeunersauce“ in Deutschland so beliebt ist, entstammt laut dem Zentralrat der deutschen Sinti und Roma nicht deren Küche.

Überhaupt haben blumige Namen von Speisen oft wenig Verbindung mit Völkern oder Orten in ihren Bestandteilen: Die klassische weiße Grundsoße heißt „sauce allemande“, deutsche Soße, obwohl sie der französischen Küche entstammt, Dafür heißt die – ebenfalls klassische – braune Soße „espagnole“, obwohl die Spanier sie gar nicht machen.

Der große Escoffier hat die deutsche Soße 1914 übrigens flugs umbenannt, denn zum Kriegsausbruch war etwas „nach Art der Deutschen“ natürlich nicht opportun. Escoffier taufte sie „sauce parisienne“, Pariser Soße. Nach dem Krieg bekam sie ihren alten Namen wieder.

 

Namen sind Schall und Rauch

Mit dem Fachwortschatz aus der Küchensprache wollten sich früher auch Hersteller und Gastronomen zu verteidigen, wenn politische Befindlichkeitsträger gegen „Zigeuner“ im Kombination mit „Schnitzel“ oder „Soße“ protestierten.

Doch auf die Industrie und die Fachwelt hört erstens niemand, wenn es ums Essen geht.

Zweitens sind für politisch bewusste Sprachaktivisten Wissenschaft, Fachsprache oder Linguistik keine Argumente – das Wort muss weg, obwohl der Zentralrat der deutschen Sinti und Roma bekannt gab, dass es für ihn nicht von erstem Interesse sei, die Zigeunersoße auszumerzen. Es gibt Wichtigeres.

Drittens reagieren Knorr und andere aber rein auf den Zeitgeist, und der hat sich geändert. Eine stark sprachempfindliche, wenn auch eher unwissende Klientel darf nicht verloren gehen.

Das ist schlichtes Marketing. Um mehr geht es nicht, weder um Bedeutungslehre noch um das Funktionieren von Wörtern und Namen noch um andere linguistische Argumente.

Es geht nur um Empfindungen, Image und Kundenfang.

Technisch gesehen ist dabei klar: Namen, in welcher Kombination auch immer, können einen Sinn und einen Bezug zum Gegenstand haben, müssen aber nicht. Sie funktionieren selbstständig, wie ein Etikett, das man aufklebt und wieder abzieht: Namen sind Schall und Rauch.

 

Ehren mit Essen

Eiscreme, Farben in Schichten rosa, weiß und braun - Erdbeer, Vanille, Schokolade

Ein Klassiker: das Eis, das nach dem Fürsten von Pückler-Muskau benannt wurde.

Also kann sich einerseits kein Mensch aufregen, wenn ein Hersteller den Namen seines Produkts ändert, um sein Image aufzupolieren oder Kunden zu halten.

Andererseits trägt die Kulinarik auch zur Rettung des Zigeunerschnitzels bei.

Denn der Sinn traditioneller Speisenamen ist oft der, eine Person zu ehren oder der Kreation einen edlen Anstrich zu geben: von Pfirsich Melba, Tournedos Rossini oder Boeuf Stroganoff bis zum Chateaubriand, dem Huhn Marengo oder dem Rahmkäse Brillat-Savarin.

Es wimmelt nur so von solchen Ehrenbezeichnungen in der Küchensprache. Dabei funktionieren diese schlicht als lexikalischer Eintrag: Sie sagen den Gästen, was sie bekommen.

Das gilt auch für einfachere Namen wie Bayerische Creme, Coupe Danmark, Pommes Duchesse oder Forelle Müllerin : Sie verweisen auf ein bestimmtes Rezept, aber ihr Ursprung bleibt, wie bei der Garnitur á la tzigane, oft im Dunkeln.

Klang und Prestige herrschen dabei vor – aber Speisebezeichnungen funktionieren selbst, wenn sie „Nonnenfürzchen“, oder, wie die italienischen Nockerln, „strangolapreti“ – Pfaffenwürger – heißen: Davon lässt sich niemand abschrecken.

©Johanna Bayer

Knorr benennt die „Zigeunersauce“ um, andere ziehen nach

Beitrag von Matthias Heinen in der WELT zu „Mohr“, „Neger“ und Sprachwandel

Verein Maro Drom e.v.mit Zigeunerfestival und Zigeunerwagen in Köln

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig – einfach ins Sparschwein stecken, Sie finden mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Auf Twitter: Frau Künast empört sich über Balsamico-Creme – aber aus dem falschen Grund

Balsamico, das Maggi der Hipster, steckt in allerlei Mischungen, die im Supermarkt als Salatsoße durchgehen. Die grüne Ex-Ministerin Renate Künast empört sich darüber, dass in dem Zeug Zucker steckt – damit blamiert sie sich gründlich.

Wenn er echt ist, ist er eine Rarität: italienischer Balsam-Essig, genannte Aceto balsamico / Bild: Harry Axalant

 

Natürlich besprechen wir auf Quarkundso.de auch Einlassungen aus den sozialen Medien. Schließlich brummt dort die Aufmerksamkeitsindustrie und prominente Akteure melden sich zu Wort.

Nun hat Renate Künast, Grüne, Juristin und außerdem Ernährungsministerin a.D., auf Twitter einen eigenen Hashtag geprägt: die #ZuckerbombederWoche.

Künast, die sich selbst „Foodie“ nennt, ist um Ernährung stets sehr bemüht und das mit dem Zucker ist ihr Steckenpferd: Sie ist für eine Zuckersteuer, für Ernährungsampel und NutriScore, und überhaupt für gesundes Essen mit weniger von allem – Kalorien, Salz, Fett und natürlich Zucker.

Zucker, die Qualitätsleser von Quarkundso.de wissen es, ist diese große Verschwörung, das weiße Gift, das süchtig macht und das uns die Lebensmittelmultis heimlich ins Essen mischen*. Es steckt einfach überall drin, ob die unschuldigen Verbraucher es wollen oder nicht. Und natürlich wollen sie es nicht.

Das glauben Aktivisten von Foodwatch ebenso wie Frau Künast und viele andere.

*Wir verweisen auf unser großes Zucker-Dossier und gehen auf die Diskussion hier nicht weiter ein.

 

Qualen nach Zahlen

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Unter ihrem neuen Hashtag hat Frau Künast schon zwei Bomben ausgemacht – Lebensmittel, in die aus ihrer Sicht kein oder viel weniger Zucker gehören. Das erste war ein Jogurt mit 14 Gramm Zucker auf 100 Gramm Jogurt.

Das sei schon ein Drittel der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Tagesmenge, grollt die Grüne.

Naja – die Tagesmenge kann doch nicht wirklich ein Problem sein. Schließlich können die Kunden selbst rechnen und nach Lektüre der Packungsangaben nur ihren Zuckerkonsum anpassen.

Also keine Schokolade mehr, kein Eis, kein Kuchen am Nachmittag, kein Zucker in den Kaffee. Zucker sparen kann nämlich jeder.

Aber das ist unzumutbar, so die Denke von Künast und Konsorten: Disziplin ist dem einfachen Bürger auf keinen Fall abzuverlangen. Stattdessen soll lieber die Industrie das Süße aus den Produkten nehmen, was diese wiederum heftig ablehnt.

Man will ja was verkaufen.

Das nehmen die Gesundheitsaktivisten der Industrie übel, und sie werden nicht müde, den Zuckergehalt in Lebensmitteln anzuprangern.

 

Peinlich, Frau Ex-Ministerin

Die Zuckerbombe am 22.7.2020 war nun diese hier: eine braune, klebrige Flüssigkeit in einer Plastikflasche, erhältlich bei Edeka, wie dem Etikett zu entnehmen ist.

Frau Künast, die vermutlich gerade im Supermarkt nach einem Essig suchte, macht in den Nährwertangaben auf dem Etikett ganze 43 Prozent Zucker aus, fast die Hälfte.

Entsprechend empört sich die Ex-Ministerin und alarmiert gleich die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ebenso wie FAZ, SZ und Tagesspiegel sowie die großen Nachrichtenagenturen dpa und AFP.

 

In diesem Kreis hat sich Frau Künast jetzt gründlich blamiert.

Denn das, was sie auf Twitter an den Pranger stellte, ist gar kein Essig. Deshalb steht auch nicht „Essig“ drauf. Nur das unverfängliche Wort „Creme“ ist auf dem Flasche zu sehen.

Und zwar aus gutem Grund.

Die dickflüssige, süß-klebrige Soße ist nur eine Würze, die aus allerlei Grundstoffen zusammengemischt werden darf. Sie kann deshalb nicht als Essig bezeichnet werden und ähnelt eher Salatsoßen und Fertigdressings.

Das sieht man auch daran, dass kein Säuregehalt auf dem Etikett steht. Bei echtem Essig ist das Pflicht, dafür gibt es sogar eine Essigverordnung im Gesetz. Auch stecken die Verdickungsmittel Xanthan und modifizierte Stärke in der abgebildeten Quetschflasche aus dem Supermarkt, wie auf dem Etikett ebenfalls zu lesen ist.

Wer einen guten Essig sucht, fasst so etwas nicht mit der Kneifzange an.

Übrigens steht auch auf der Vorderseite der von Künast inkriminierten Flasche nur die Bezeichnung „EDEKA Italia Crema con Aceto Balsamico di Modena I.G.P“. Das hat die Abteilung Recherche und Dokumentation der Vollständigkeit halber ermittelt.

Also nix mit Essig.

 

Balsamico ist das Maggi der Hipster

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Frau Künast hat die Pampe aber für edlen italienischen Balsamico gehalten, sie spricht von „cremigem Essig“ – und ihre Empörung darüber ist komplett haltlos.

Denn auch in reinem Aceto balsamico steckt sehr viel Zucker, oft sogar mehr als in der angeklagten Crema von Edeka.

Denn der echte Balsamico entsteht aus eingekochtem Traubenmost. Dessen natürlicher Zuckergehalt findet sich auf dem Etikett, oft beträgt er rund 20 Gramm auf 100 ml. Es können aber auch mehr als 50 (!) Gramm sein, je nach Alter und Art des – echten – Balsamicos.

Billige Sorten davon stehen in jedem Haushalt und in allen Pizzerien, als eine Art Maggi für Hipster – das Zeug kommt einfach überall rein. Nur nicht in Italien, echter Aceto balsamico ist nämlich sehr teuer und wird dort nur in homöopathischen Dosen verwendet.

Produktangaben von Qualitätsherstellern zeigen, welche Zuckerbomben die echten Balsamicos sein können: Die italienische Traditionsmarke Giusti führt einen hochwertigen Balsamico, in dem – Achtung, Frau Künast! – 62 Gramm Zucker pro 100 ml stecken.

 

Eine deutsche Liebe: Salat mit süßer Soße

Ertränkt in süßer Balsamico-Creme: Tomate-Mozzarella nach Art der Teutonen. Bild: Leo_65

Anders als der echte Aceto balsamico haben süße Würzsoßen der Art „Crema“, die in deutschen Supermärkten meterweise in den Regalen stehen, in Italien aber keine Tradition.

Das denken die Deutschen nur, weshalb clevere italienische Hersteller ein Bombengeschäft machen, auch mit Zubereitungen wie „Condimento bianco“ – eine weiße, süßliche Salatwürze mit mehr oder weniger Essig, die ebenfalls in diese Klasse von pseudo-italienischen Salatsoßen gehört.

All diese Mixturen, Condimentos und Cremas sind extra für den ausländischen Markt entwickelt worden: In den USA und in Deutschland mag man es gerne süß auf dem Salat, anders als in Italien.

So schüttet man bei uns die klebrige Creme über Tomaten, Salat, allerlei Rohkost oder Mozzarella, auch dekoriert man damit Teller, wobei das pappige Zeug Nudeln und Steaks ekelhaft kontaminiert.

Die Wirte italienischer Lokale in Deutschland haben längst begriffen, was sich die ansässige Bevölkerung unter „italienisch“ vorstellt. Sie geben lächelnd Tropfen aus Plastikflaschen auf Bruschetta, Salat und Tomaten, was soll`s, die Kunden wollen es so, wenn es sein muss, kriegen sie ja auch Pizza Hawaii.

Wenn schon, sollte sich Frau Künast darüber empören: Über diese kulturlose Panscherei unter dem Etikett „echt italienisch“, und über den Zwang der Deutschen, vom Fleisch über Gemüse bis hin zum Salat alles aufzusüßen.

 

Guter Essig ist ein Muss – und nie süß

Soweit die dürren Fakten aus der Warenkunde und zu den kulinarischen Vorlieben der Teutonen. Angesichts dieser Lage wird es Frau Künast nicht gelingen, wegen süßer Salatsoße eine Welle loszutreten.

Auch muss sich die Industrie nicht vorwerfen lassen, sie habe heimlich Zucker in ein Produkt gemischt, in das er nicht gehört.

Das aber erhoffte sich die Juristin Künast: Auf Twitter argumentierte sie sogar mit Täuschungsabsicht – ein „Trick“ sei es, die Crema mit „Aceto balsamico“ aufzuhübschen, um die Verbraucher auf die falsche Fährte zu locken. Denn die könnten die „Crema con Aceto balsamico“ für echten Essig halten.

 

 

 

 

 

 

 

Nun ja. Lesen wird man den Kunden im Supermarkt wohl noch zumuten dürfen.

Aber von der grünen Fachfrau hätte man eigentlich erwartet, dass sie als „Foodie“ etwas mehr kulinarische Bildung besitzt. Mindestens sollte sie wissen, was echter Essig ist und was nicht. Der wiederum ist ein absolutes Muss in der guten Küche, und zwar in Form eines Basisessigs.

Wir haben das schon mehrfach abgehandelt, insbesondere in den Beiträge zu Spargel mit Sauce hollandaise und Kochen im Urlaub – bitte umgehend nachlesen, wird abgefragt.

Hauptbotschaft ist jeweils: Der unentbehrliche Basisessig ist nie süß und vorzugsweise Weißweinessig aus Frankreich – auf keinen Fall gruseliges Condimento oder klebrige Crema mit Was-auch-immer.

©Johanna Bayer

Warenkunde: Die Stiftung Warentest über Aceto balsamico und gewisse abwegige Spielarten

Essen in Zeiten von Corona: Können die Deutschen nicht mehr kochen?

Die Verkaufszahlen zeigen es: In der Corona-Pandemie greifen die Kunden zur Dose. „Die Deutschen können nicht mehr kochen!“ titeln daraufhin STERN und SPIEGEL. Doch ist das wirklich so? Über das Kochen als unentbehrliche Kulturtechnik – und über eine historische Chance.

Beitrag vom 5. Mai 2020

Kartoffeln auf Tisch, Topf, nah

Scheitern am Herd: Nichtmal Kartoffeln können die Deutschen kochen, sagt Christoph Minhoff laut STERN und SPIEGEL.

In Corona-Zeiten schlägt selbst die Ernährungsindustrie Alarm: Die Deutschen können nicht mehr kochen! Daher müssen sie angesichts geschlossener Restaurants auf Dosen und Fertigfutter zurückgreifen – ein Verfall der Kultur.

So oder so ähnlich hat sich Christoph Minhoff, Sprecher und Cheflobbyist der deutschen Ernährungsindustrie, in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur (dpa) geäußert.

Es wurde breit aufgenommen, unter anderem von SPIEGEL und STERN am 24.4.2020, mit folgenden Schlagzeilen:

Essen in Zeiten der Pandemie Ernährungsindustrie sorgt sich wegen mangelnder Kochkünste der Deutschen
(SPIEGEL)

Ernährungsindustrie: Deutsche können nicht mehr kochen
(STERN)

In Wahrheit sorgt sich Herr Minhoff natürlich nicht, und er hat sich keineswegs über die deutschen Kochmuffel beklagt. Wie denn auch? Er freut sich doch, dass die Leute seine Dosen und Tütensuppen kaufen!

Was er im Originalinterview gesagt hat, ist nur eine Feststellung: Die Kochkompetenz der Deutschen hat abgenommen, deshalb weicht das Volk auf Einfaches aus:

„Die Leute haben in der Krise etwas Bemerkenswertes gemacht: Sie haben beim Einkauf neue Prioritäten gesetzt. Wichtig war den Verbrauchern jetzt, dass Produkte möglichst lang haltbar sind. Konserven galten gegenüber der Frischware eher als unsexy, sind aber jetzt zum Zeichen für Sicherheit und Beständigkeit in der Krise geworden. Begehrt war alles, was lange haltbar und auch möglichst leicht zu kochen ist.“

Drastisch schildert Minhoff die gewaltigen Hürden, denen sich die Deutschen am Herd gegenüber sehen:

Der Wegfall des Angebots von Schnellrestaurant, Pommes-Buden und Italiener-um-die-Ecke wirft die Leute nun dramatisch zurück auf ihre eigenen Kochkünste. Und die sind wie gesagt begrenzt. Das erklärt auch leicht, warum die Leute Nudeln kaufen.

Schon eine Kartoffel zu kochen ist eine für manchen eine Herausforderung. Da müssen Sie wissen: Mit oder ohne Schale kochen? Wenn ja wie viel Salz muss da ins Wassern rein? Wie lange muss ich die dann kochen? Und was ist denn festkochend oder vorwiegend festkochend. Und wie bereite ich die Sorten dann überhaupt zu?

Da werden jetzt viele sagen: Na das ist doch ein Witz, das kann doch jeder! Nein, es kann eben nicht jeder. Es gibt ein Internetforum, da war die meistgestellte Frage: ‚Wie koche ich ein Ei?‘“

 

Worum es eigentlich ging

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Zuvor hatte die dpa allerlei Fragen zur Situation der Ernährungsindustrie gestellt, darunter zu Erntehelfern, Lieferketten, Engpässen und Nachschub, außerdem ging es um Hamsterkäufe und das allgemeine Kundenverhalten.

Die Nachrichtenleute wollte nämlich wissen, wie die Hersteller mit der Corona-Krise zurechtkommen.

Doch das spielte im Medienecho fast keine Rolle.

Geradezu raffiniert pickten sich die Redaktionen aus dem Branchenbericht von Minhoff – super, wir verkaufen wie verrückt und leisten Unglaubliches in Logistik und Hygiene! – nur die Sache mit dem Kochen heraus, um in das alte Lamento von „Die Deutschen können nicht mehr kochen“ zu verfallen.

Beim STERN dichtete man Minhoff dazu sogar pädagogischen Eros an:

Noch stärker als Toilettenpapier wurden vor dem Corona-Lockdown
Nudeln und Reis nachgefragt. Viel mehr bekämen die Deutschen halt
nicht mehr zubereitet, sagt Christoph Minhoff. Der Nahrungslobbyist
hofft auf einen Lerneffekt in der Pandemie.

(STERN, Teaser zum Beitrag)

Schön gedacht – aber Minhoff meinte nicht den Lerneffekt beim Kochen.

Im Original-Interview fordert er stattdessen Wertschätzung für die Ernährungsindustrie ein, statt der üblichen Prügel wegen Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern.

Jetzt, wo es drauf ankommt, so hofft Minhoff, werde die Bevölkerung anerkennen, dass die Branche für volle Regale und Bäuche sorgt – weil es nunmal Fakt ist, dass die Deutschen nicht kochen können.

Nachzulesen ist das auf der Seite des Lebensmittelverbandes BLV, der Link steht unten.

 

Ein Lobbyist wird unterlaufen

Der Dreh, den die Redaktionen den Worten Minhoffs geben, ist dabei mehr als clever.

Es war sicher ein Riesenspaß für die Journalisten, die Absichten des Industrie-Lobbyisten zu unterlaufen, indem sie gezielt das herauspicken, was in ihr Klischee passt.

Und nicht das, was der Verbandssprecher eigentlich ausdrücken wollte: Die Ernährungswirtschaft ist systemrelevant, und zwar auf Dauer!

Dass Minhoff einen bösen Brief schreiben wird, ist diesmal nicht anzunehmen. Das tut er sonst gerne, wenn faktenfreies Zeug zur Ernährungsindustrie aus irgendeinem Ressort für Vermischtes kommt.

Aber als Anwalt für das Kochen zu gelten schadet seinem Image garantiert nicht. Daher gab es bisher keinen öffentlichen Widerspruch, der Mann ist Profi.

 

Deutsche konnten noch nie kochen

Quarkundso.de kann das allerdings so nicht stehen lassen.

Die Chefin persönlich stößt sich an der kulturpessimistischen Plattitüde, mit der SPIEGEL und STERN ihre Beiträge gestrickt haben: Wie, die Deutschen können „nicht mehr kochen“?

Das konnten die Deutschen doch noch nie!

Deutschland ist seit Jahrhunderten für seine schlechte Küche bekannt, dahinter rangieren nur noch Engländer und Amerikaner.

Schon antike Autoren, darunter der römische Geschichtsschreiber Tacitus, haben die primitive Kost der Germanen dokumentiert: saure Milch, in Lederhaut gedroschenes Fleisch, ungeheure Mengen an Bier. Im Barock notierten Reiseschriftsteller, welch mieser Fraß in Deutschland die Gäste erwartete, aufgetischt von schroffen Wirtsleuten.

Aber natürlich geht es nicht um den Rang der Nationalküche, wenn die Jammerei mit den angeblich verlorenen Kochkenntnissen losgeht.

Bei dieser Schablone geht es eher ums Handwerkliche. Hier ist ein anderer, eher historisch-soziologischer Hintergrund einschlägig: Das „nicht mehr“ impliziert, dass früher mal alle kochen konnten.

So ist es aber nicht.

Volksküche: Wenn`s hoch kommt ein Eintopf

 

„Frau, koch was!“

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Noch nie in der Geschichte und noch nie in irgendeiner menschlichen Kultur war Kochen eine Kompetenz, die alle Mitglieder einer Gesellschaft erwerben: Kochen können ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Und es ist eine Spezialkompetenz, die man nicht nebenher lernt wie das Laufen.

Eine Hälfte der Gesellschaft war in der Geschichte schon immer kochfern, und zwar per Geschlecht, nämlich die Männer: Von Alters her gilt die Küche als Reich der Frau. In patriarchalischen Systemen war die niedrig bewertete Küchenarbeit auch Teil des Unterdrückungssystems.

Nur Männer, die das Kochen als Handwerk oder Gewerbe betrieben, lernten überhaupt kochen.

Alle anderen Männer hatten das Privileg, von Frauen versorgt zu werden. In vielen Ländern der Welt und gewissen Parallelwelten gilt das noch heute: Frau, koch was!

Noch bis Ende des 20. Jahrhunderts belegen Unmengen von Werbeclips in Deutschland diese Zuordnung: hungrige Männer, die von ihren Ehefrauen verwöhnt werden (Dr. Oetker); Filmschmonzetten, in denen tolpatschige Junggesellen oder Witwer sich in der Küche blamieren, bis sie eine Frau finden (Heinz Erhardt).

 

Mehlsuppen, Eintöpfe, kalter Räucherhering

Von den Frauen aber beherrschten bei weitem auch nicht alle die Kochkunst: Das Bild von der (klein-)bürgerlichen Hausfrau und Familienmutter, deren Ehre es ist, emsig zu braten und zu backen, ist ziemlich jung und stammt aus der Zeit um 1900.

Frauen von Stand haben nicht selbst gekocht, sondern hatten Personal. Höhere Töchter und Adelige lernten zwar Grundbegriffe der Küchenführung, sie wussten, wie das Essen schmecken sollte und konnten Küchenpersonal anleiten – aber das ist nicht Kochen.

In den unteren Schichten brillierten die Frauen auch nicht automatisch in der Küche. Ihnen mangelte es an Zeit, Geld und Material. Viel mehr als Mehlsuppen, Eintöpfe und kalter Räucherhering mit gekochten Kartoffeln war beim Industrieproletariat von 1800 bis in die 1930er Jahre nicht drin.

Wer also suggeriert, eine hoch entwickelte Kochkompetenz stürze neuerdings ab, geht von einem Zustand aus, den es so nie gab.

 

Eine unentbehrliche Kulturtechnik

Alle, Männer wie Frauen, sollten kochen lernen.

Trotzdem steht fest: Kochen ist eine unentbehrliche Kulturtechnik.

Jeder und jede tut heute gut daran, sich wenigstens elementare Kochkenntnisse anzueignen.

Ihr Wert zeigt sich in der der weltweiten Coronakrise, weil die, die gerne kochen, ebenso fein raus wie die, die es gut können.

Beide bewältigen die Isolation leichter, können ihre Kinder besser ernähren und haben mehr Spaß an Essen und Gemeinsamkeit, wenn die Restaurants und Mittagstische noch wochenlang geschlossen bleiben.

Die riesigen Hürden, die der Industrielobbyist beim Kartoffelkochen aufbaut, verschwinden dann schnell: An Kartoffeln kann man kaum scheitern, nach dem zweiten Mal hat man es raus.

Diese Krise ist daher eine Chance: Die Corona-Pandemie könnte dazu führen, dass angesichts drohender Gefahrenlagen in der Zukunft – Klima! Pandemien! Kriege! – Kochen als Kulturtechnik für alle obligatorisch wird.

Für Männer wie Frauen – erstmals in der Geschichte der Menschheit.

 

Kochen muss Schulfach werden – nicht „Ernährung“!

Quarkundso.de fordert daher energisch: Kochen muss Schulfach werden! Kochen, wohlgemerkt, nicht „Ernährung“ oder gar „gesunde Ernährung“.

Die sind zu abstrakt und bringen für Notzeiten überhaupt nichts, denn sie vermitteln keine handwerklichen Kenntnisse und sind so unsinnlich wie praxisfern.

Nein, das Kochen muss in die Schule, weil es in Familien aus verschiedenen Gründen nicht stattfindet.

Kinder sollten daher in der Schule Erwachsene kochen sehen, und zwar echtes Essen: Wie man Kartoffeln kocht oder einen Braten macht, wie eine gute Soße entsteht, eine Suppe, ein Gulasch, wie ein Pudding, ein Pizzateig gelingt; wie man Geschmack aus Grundzutaten erzeugt und wie man Essen anrichtet, das wäre mal so ein Curriculum fürs erste.

Das geht in Projekttagen oder –wochen und muss keine wichtigen Stunden verdrängen.

Nebenher lassen sich Regeln zur Hygiene und zum Verwerten von Resten vermitteln, dazu Lernstoff von Umwelt und Ökologie bis zu Chemie, Biologie und Physik, und natürlich zu Gesundheit und guter Lebensführung.

Aber nur nebenher, wohlgemerkt – Kochen als Handwerk muss im Vordergrund stehen.
Lehrkräfte können dafür natürlich nur echte Köchinnen und Köche sein, allenfalls Experten aus der Hauswirtschaft.

Auf keinen Fall darf der Kochkurs bei fachfremden Lehrkräften hängen bleiben, die sich schnell was anlesen und den Kindern dann ihre Privatvorstellungen über „gesunde Ernährung“ unterjubeln – womöglich der Art, dass Zucker „Gift“ ist, Obst und Vollkorn „gesund“ sind und dass in jedes Gericht Gemüse gepampt werden muss, damit es nur „ausgewogen“ ist.

 

Kinder sollten wissen, was richtiges Essen ist

 

Der Corona-Kochkurs: Gut essen in Krisenzeiten

Denn erstens ist das alles Quatsch.

Zweitens sind die Kinder als Erwachsene in der nächsten Notlage – Klima! Pandemie! Krieg! – wieder komplett aufgeschmissen und wissen nicht, was sie mit ihren Notvorräten machen sollen.

Damit wären wir endlich beim praktischen Teil – Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert! Der liegt der Chefredakteurin bekanntlich besonders am Herzen.

Wir kündigen daher schon den nächsten Beitrag zum Thema Essen in Krisenzeiten an. Dabei geht es natürlich nicht um die üblichen Rezepte. Davon quillt das Netz längst über, unkulinarischer Unsinn und Bad Taste eingeschlossen,

Der Krisenkochkurs von Quarkundso.de beschäftigt sich stattdessen mit den wichtigsten Prinzipien des guten Essens, mit Struktur und insbesondere mit Tipps zum guten Geschmack: Pimp Dein Essen mit Quarkundso.de!

Die Infos gelten auch später, wenn die Coronakrise vorbei ist – der Lernerfolg wird übrigens kontrolliert: Wir kommen zum Essen vorbei. Für Qualitätsleser von Quarkundso.de ist der wertvolle Kurs natürlich kostenlos. Alle anderen spenden bitte JETZT ins Sparschwein, und zwar zweistellig.

©Johanna Bayer

Originalinterview mit Christoph Minhoff – Titel: „dpa fragt nach der Situation der Branche“

SPIEGEL zum Interview mit Minhoff: „Ernährungsindustrie sorgt sich wegen mangelnder Kochkünste der Deutschen“

STERN zum Interview mit Minhoff, Titel: Ernährungsindustrie: Deutsche können nicht mehr kochen

 

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Leben mit Corona: Das Virus als Prozess und worauf es jetzt ankommt.

Die Botschaft der letzten Tage ist: Das Virus bleibt. Es ist weiterhin hoch ansteckend, wird schon beim Sprechen übertragen und selbst wenn man nicht auf die Intensivstation kommt, kann die Infektion Schäden hinterlassen. Zu verstehen, wie Viren funktionieren, und sich ihnen anzupassen, kann jetzt helfen – ein Ausblick von Quarkundso.de

Beitrag vom 22.4.2020

Mehr zu den aktuellen Corona-Artikeln siehe unten, Quarkundso.de schreibt in der Krise nicht nur zu Ernährungsthemen

Coronaviren / Bild: Wikipedia Commons

Der Corona-Krisenstab von Quarkundso.de ist ununterbrochen im Einsatz.

Denn pünktlich zur Diskussion um die Lockerung von Kontaktverbot und Ladenschließungen rückt neben den Toten, die oft alt und schwach waren, anderes in den Blick. Es sind die Folgen für Überlebende: Ärzte melden, dass Corona-Infektionen bleibende Schäden hinterlassen können.

Über die Sache mit den Folgeschäden hatte Quarkundso.de schon am 15.4. berichtet, als es darum ging, wer ein erhöhtes Risiko hat: Es sind möglicherweise 30 Prozent der Deutschen, über 24 Millionen Menschen.

Am 17.4. brachte DER SPIEGEL die Nachricht, dass in Schleswig-Holstein eine Biodatenbank zu den Folgeschäden an Lunge, Herz und Blutgefäßen entsteht. Das Blatt zitiert den Leiter der Gruppe, Joachim Thiery, so:

Thiery: Wir wissen, dass Covid-19 eine Systemerkrankung ist; es mehren sich Berichte beispielsweise zu neurologischen Störungen und Schädigungen des Herzens. Über die Ursachen und die Bekämpfung dieser Folgeschäden wissen wir praktisch noch nichts.

SPIEGEL: Heißt das, wenn ich Jahre nach einer Corona-Infektion einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleide, könnte das Virus dahinterstecken?

Thiery: Das ist zu befürchten. Die überschießende Entzündung verursacht bei manchen Covid-19 Patienten schwere Schädigungen der inneren Aderhaut, die Mikrogerinnsel auslösen könnten, auch Blutdruckregulation und Leber sind betroffen

Auch Sportärzte in Innsbruck schlugen Alarm. Sie hatten an den Lungen von Hobbytauchern nach überstandener Corona-Infektion pathologische Veränderungen beobachtet.
Diese Patienten müssen sich jetzt einen anderen Zeitvertreib suchen: Ihre Lungen sind nach der Infektion so geschädigt, dass sie die Druckwechsel unter Wasser nicht mehr aushalten.

 

Mit dem Virus oder an dem Virus?

Die Lunge leidet möglicherweise auf Dauer an der Infektion / Bild: oracast

Vielleicht hat sich damit die optimistische Sicht von Professor Püschel, dem unerschrockenen Rechtsmediziner aus Hamburg – wir berichteten – erledigt.

Püschel erklärt seit Anfang April in Zeitungen und Talkshows, dass die Corona-Toten, die er obduzierte, alle schwere Vorerkrankungen hatten, vor allem Diabetes, Herzkrankheiten und andere. Sie starben daher nicht an dem Virus, wie er betont, sondern mit dem Virus. Und sie hätten es sowieso nicht mehr lange gemacht.

Zur ethischen Seite dieser Einstellung haben wir uns schon geäußert. Inzwischen haben aber andere Pathologen Corona-Fälle unter dem Messer gehabt.

Auch ihre Toten hatten Vorschäden am Herzen, den Gefäßen, den Nieren, waren fettleibig oder litten an Diabetes. Die typische Lungenentzündung fehlte, trotzdem stimmte etwas nicht: Das Blut der Toten enthielt zu wenig Sauerstoff, und zwar massiv zu wenig.

Die Süddeutsche Zeitung zitiert einen Pathologen aus Basel so:

„Die wenigsten Patienten hatten eine Lungenentzündung“, sagt er, „sondern das, was wir unter dem Mikroskop gesehen haben, war eine schwere Störung der Mikrozirkulation der Lunge.“ Das bedeute, dass der Sauerstoffaustausch nicht mehr funktioniere, und erkläre die Schwierigkeiten bei der Beatmung von Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen: „Man kann dem Patienten so viel Sauerstoff geben, wie man will, der wird dann einfach nicht mehr weiter transportiert.“

Entzündung und Organversagen

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Laut den Basler Experten geht auch der Herzinfarkt, der viele Corona-Tote ereilt hat und den der Hamburger Kollege dem Virus nicht zurechnet, auf die Covid-Infektion zurück. Dabei tragen Vorerkrankungen natürlich dazu bei, dass der Körper besonders anfällig ist.

Aus Zürich kommt jetzt noch eine Studie. Sie zeigt, dass Entzündungen in den Blutgefäßen und in Organen zu einem Multiorganversagen von Herz, Leber, Darm und Nieren bei Corona-Patienten führen kann – mit, aber auch ohne typische Lungenentzündung.

„Mit dem Virus sterben“ gewinnt hier ein besonderes Geschmäckle, Entwarnungen und das Pochen auf Lockern der Vorsichtsmaßnamen – die „Öffnungsdiskussionsorgien“ – auch.

Es lohnt sich, den Artikel der SZ und den Bericht im Ärzteblatt zur Züricher Studie zu lesen, sie sind unten verlinkt – auch deshalb, weil Herr Püschel auf die Fragen der Journalisten nicht antworten wollte.

 

Es bleibt dabei: Corona ist gefährlich

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Wie auch immer, so richtig überraschend kommt die Sache mit den unerwarteten Folgen nicht, auch das erwähnten wir schon im Beitrag vom 15.4.

Einer, der schon seit Wochen davor warnt, ist der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Dem studierten Harvard-Epidemiologen, bisher oft als schrullig belächelt, kann jetzt niemand mehr die Expertise absprechen: Er ist einer der wenigen Politiker, die wirklich mitreden können

Dabei macht er eine gute Figur: Er kann die Regeln und Maßnahmen gut begründen, dabei hat er keine Angst vor offenen Worten. Auch er plädiert er für eine allgemeine Maskenpflicht, weil die Coronaviren so ansteckend sind.

Seit Mitte April ist nämlich eines klar geworden: Die Viren und ihre aktiven Bestandteile können schon beim normalen Sprechen übertragen werden, nicht nur beim explosiven Niesen oder Husten. Wenn Infizierte nur sprechen und atmen, schweben Virenl in der Luft – sie halten sich dort über Stunden.

Schon ein normales Gespräch von 15 Minuten genügt, wie englische Forscher gezeigt haben. Übrigens halten sich die Viren auch erstaunlich hartnäckig auf Oberflächen aus Plastik oder Metall, bis zu drei Tagen.

Dringen sie in den Körper ein, können sie sich schon im Rachen vermehren. Danach beginnt ihre gefährliche Wanderung hinab in die Lunge, die sie gerne besiedeln, weil im empfindlichen Lungengewebe viele Rezeptoren sitzen, an sie andocken können.

 

Was nicht geht: Keuchen und Schwitzen mit anderen

Frau links, Mann rechts dicht an dicht in Tanzhaltung, Köpfe aneinandergelehnt

Tango mit Corona: das perfekte Paar / Bild: fsHH

Damit sollte klar sein, was man für die nächsten Monate, vielleicht bis ins nächste Jahr hinein vermeiden muss, bis es einen Impfstoff gibt: tiefes Einatmen dicht neben anderen.

Beim Sport zum Beispiel. Und beim Feiern.

Karneval, Apres-Ski und Großveranstaltungen haben sich schon als die wahren Virenschleudern entpuppt, ob in Ischgl, in Tirschenreuth beim Bockbier oder auf der Kappensitzung von Gangelt.

Bis auf weiteres fallen also – vor allem für Risikogruppen – aus: Singen, Chorproben, gemütvolles Grölen und Schunkeln auf dem Oktoberfest, das gemeinsame Keuchen und Schwitzen an Kraftmaschinen, Gymnastik im Übungsraum, Fußballspielen mit Körpereinsatz, Tangotanzen, Judo, Karate; alles, bei dem Menschen dicht an dicht den Atem anderer inhalieren.

Dazu gehören auch enge Kneipen, Bars und Clubs ebenso wie Rock- und Pop-Konzerte im Freien: Wacken ist abgesagt, und das Oktoberfest in München. Letzteres wäre erst im September gewesen, wäre dann nicht alles schon wieder vorbei?

Nein. Gerade an der frühen Entscheidung in München sieht man, wie ernst die Lage ist. Wahrscheinlich fällt daher der nächste Fasching, der von 2021, ebenfalls aus. Denn bis dahin gibt es wohl noch keinen Impfstoff. Und genau den braucht die Welt, um die berühmte Herdenimmunität herbeizuführen.

Auch der von den Deutschen heißersehnte Sommerurlaub steht auf dem Spiel, warnte der unbestechliche Karl Lauterbach am 22. April: Reisen im Sommer kann wahrscheinlich ganz Europa vergessen.

Vieles andere geht aber, Arbeiten in Büros und Fabriken mit Abstand und Masken, Volkshochschulkurse und Weiterbildungen, Bahnfahren und Einkaufen mit Hygieneregeln, Spazierengehen, Joggen und Radfahren, dazu Einzelsportarten im Freien, bei denen man viel Platz hat: Tennis, Kanufahren, Standup-Paddeln, Golf, vielleicht sogar Schwimmen im Badesee.

 

Viren funktionieren wie Unkraut

Hände, nah, mit Gartenhandschuhen, halten Unkraut - grüne Kräuter - ins Bild

Unkraut im Garten: Das hört nie auf. / Bild: photoAC

Dass die eingesperrten Bürger gegen die Einschränkungen rebellieren und volle Freiheit, ihr früheres Leben, Perspektiven wollen, ist angesichts der Lage durchaus nachvollziehbar.

Theoretisch. Praktisch nicht.

Denn es gibt nur eine Perspektive: Dieses Virus wird nicht verschwinden. Vielleicht nie.

Die Vorstellung, dass nach wenigen Wochen Quarantäne und Absperrung die Corona-Pandemie verschwindet, ist falsch.

Sie gehört zu einem Denkmuster, das vielleicht Ingenieure oder Chirurgen haben, die von genau identifizierbaren Problemen ausgehen.

Die müssen sie nur finden, diese eine, einzige Ursache des Übels: Ein Furunkel schneidet man auf, ein Loch dichtet man ab, ein zu schwacher Stützbalken wird verstärkt, einen entzündeten Blinddarm nimmt man heraus. Damit ist die Ursache des Übels beseitigt und das Problem ein für alle Mal gelöst.

Aber so funktionieren Viren nicht.

Viren funktionieren wie Unkraut. Oder wie Schnecken im Beet: Sie sind einfach da. Und sie kommen immer wieder, verteilen sich, wandern, kommen von allen Seiten. Wenn man nicht jedes Jahr systematisch und regelmäßig arbeitet, wenn man nicht versteht, wo und wann sie sich ansiedeln, breiten sie sich wieder aus.

Auch sind sie immer da, viele von ihnen, wohl sogar die meisten, sind gar nicht schädlich, sondern dienen nützlichen Symbiosen im Körper, ein Prinzip der Evolution.

 

Das Virus als Prozess

Der Biologe Emanuel Wyler vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin schlägt daher vor, sich das Corona-Virus nicht als einen Zustand oder ein Ding vorzustellen, das man auslöschen oder bekämpfen kann.

Sondern eher als Prozess, der stetig anhält.

Er gehört zur Umgebung, er strömt wie ein Fluss. Und je mehr man ihn versteht, desto besser kann man mit ihm leben. Diese Idee stammt von zwei Naturphilosophen, John Dupré und Stephan Guttinger, die sie 2016 veröffentlicht haben.

Ihre Sicht auf Viren als biochemische Prozesse der Umwelt könnte es einfacher machen, mit der Epidemie zurechtzukommen.

Denn Viren, das ist die Botschaft, gehen nie wieder weg.

Selbst die „größte Errungenschaft der Medizingeschichte“, wie ein Forscher über die Ausrottung der Pocken durch weltweites Impfen schrieb, ist inzwischen nicht mehr sicher.

Da seit 30 Jahren nicht mehr geimpft wird, sind die Menschen wieder anfällig für Affen- und Kuhpockenviren. Diese verbreiten sich in Afrika, aber auch in Europa. Hier werden sie zum Beispiel von den bei manchen Städtern beliebten Ratten übertragen, die sich die Nager als Schmusetiere halten.

Ein neues Pockenvirus rafft auch das niedliche Rote Eichhörnchen dahin, das in ganz Europa und in Kanada seit Jahren immer mehr verschwindet.

 

Pocken in Berlin

Der neue Erreger wurde schon akribisch untersucht, und bevor jemand glaubt, Kanada sei weit weg: Das Virus heißt nach seinem Entdeckungsort „Berlin Squirrel Poxvirus“, denn es grassierte 2015 unter Eichhörnchen in Berliner Stadtparks.

Wenn von diesen Pockenviren ein Stamm mutiert, sind die guten alten Blattern aus dem Mittelalter wieder da – und zwar ohne dass gleich ein Impfstoff oder ein Medikament verfügbar wäre. AIDS, Ebola und SARS haben die Welt in dieser Hinsicht schon das Fürchten gelehrt.

Das Corona-Virus hat dasselbe Wandel- und Prozess-Potenzial: Es könnte mutieren wie die Grippeviren, so dass jedes Jahr ein neuer Impfstoff gebaut werden muss, es kann sich dabei bösartig verändern, es kann, wie viele Viren, Krebs und Autoimmunkrankheiten verursachen.

Viren als Auslöser von Leberkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Haut- und Darmkrebs oder Leukämie sind schon bekannt.

 

Hygieneregeln halten und Hände waschen

Was das Corona-Virus wirklich macht, wissen wir aber erst in fünf oder 10 Jahren.

Unter anderem könnte es sein, wagt Quarkundso.de zu spekulieren, dass ein Anstieg von Allergien und Autoimmunkrankheiten in den nächsten Jahren zu verzeichnen ist, zum Beispiel bei Kindern. Die merken jetzt oft nichts von der Corona-Infektion, haben dafür aber vielleicht mit 13 Jahren Neurodermitis, Diabetes Typ 1, kreisrunden Haarausfall oder Asthma.

Das alles ist nicht so schlimm wie Sterben. Auch kommt man damit nicht gleich auf die Intensivstation.

Die Folgen reichen aber, um sich zusammenzureißen und die Infektion so gut wie möglich zu vermeiden, bis ein sicherer Impfstoff da ist. Oder genügend Tests.

Das wird noch eine Weile dauern, während Wirtschaft und Politik ungeheuer viel tun müssen, um die Folgen abzufedern. Bis dahin tun alle, wirklich alle, gut daran, sich nicht anzustecken. Die Regeln sind bekannt: die Husten-Hygiene einhalten, Menschenmengen meiden, in Läden oder in der Bahn eine Maske tragen. Und immer schön die Hände waschen.

Eigentlich ist es einfach.

@Johanna Bayer

+++Hinweis der Redaktion+++Während der Corona-Krise unterbricht Quarkundso.de das Nörgeln zu Ernährungsthemen und nörgelt direkt zu Corona-Unfug+++

Der Dekan der Universität Kiel, Joachim Thiery, über die Corona-Datenbank, Interview in DER SPIEGEL

Der SZ-Artikel zu Obduktionen und dem Bericht von Professor Püschel. Er wollte nicht weiter kommentieren.

Das Ärzteblatt zur Züricher Studie: Entzündungen und Multiorganversagen

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

DIE WELT: Muss man vor einer Corona-Infektion Angst haben? Ein Rechtsmediziner dreht auf

+++Achtung, Eilmeldung+++Quarkundso.de unterbricht das Nörgeln zu Ernährungsthemen und nörgelt direkt zu Corona-Unfug+++Anlass ist ein Bericht in der WELT+++Rechtsmediziner erklärt, die Angst vor dem Virus sei überzogen+++Quarkundso.de widerspricht+++

Beitrag vom 15.4.2020

Es war der Tag, an dem der britische Premierminister Boris Johnson auf die Intensivstation gekommen ist, und an dem in den USA innerhalb von 24 Stunden mehr als 2000 Menschen am Coronavirus gestorben sind: An diesem 7. April 2020 erklärte ein prominenter Rechtsmediziner in Hamburg, das mit dieser Epidemie sei nicht so schlimm. Die Sache werde in der deutschen Sterbestatistik des Landes keine Spuren hinterlassen und die Angst vor dem Virus sei übertrieben.

So berichtet es die Tageszeitung DIE WELT. Zwei Tage später saß der Mann bei Markus Lanz im ZDF und breitete dasselbe nochmal aus.

Die Chefredakteurin hat nach dieser Einlassung sofort einen Corona-Krisenstab eingerichtet. Das Team darf unter ihrer Leitung ausnahmsweise direkt zu Corona-Themen schreiben, wenn Klärungsbedarf besteht, was steile Thesen angeht.

Das ist jetzt der Fall, bei dem prominenten Rechtsmediziner Klaus Püschel aus Hamburg. Weil er dort Corona-Tote obduziert und in ihren Körpern allerlei Abweichendes findet, meint er, das Virus sei „nur der letzte Tropfen gewesen“, denn in Hamburg sei „bisher kein einziger nicht vorerkrankter Mensch an dem Virus gestorben“.

 

Der Mann für schwere Fälle

Professor Püschel ist ein bekannter Mann. Er kommt aus dem Osten und hat schon viele Tote gesehen, darunter die Opfer von Serienkillern, mittelalterliche Moorleichen und den in der Badewanne aufgefundenen Uwe Barschel.

Dass man abgebrüht sein muss, wenn man jeden Tag Leichen aufschneidet, ist klar. Aber Püschel scheut sich auch nicht, lebenden Menschen etwas zuzumuten: Er ist dafür, den genetischen Code sämtlicher Bewohner Deutschlands zu speichern, um Verbrechern besser auf die Spur zu kommen – eine Vision, bei der Datenschützern die Haare zu Berge stehen.

Auch hatte er vor Jahren den zwangsweisen Einsatz von Brechmitteln bei einem Delinquenten befürwortet, der wegen Drogenhandels unter Verdacht stand. Der Mann starb, nachdem ihm gegen seinen Widerstand das Mittel über eine Sonde eingeflößt worden war, keiner der beteiligten Rechtsmediziner wurde je verurteilt.

Ansonsten rät der Professor zwecks Organspende zu einem „rationaleren Umgang mit Leichen“ seitens der Angehörigen (in der TAZ), und wünscht sich ein „distanziertes Verhältnis zum Tod“ (DIE WELT).

Das erklärt vielleicht seine Sicht auf die Corona-Pandemie, nach der es nur Leute trifft, die sowieso bald den Löffel abgeben müssen. Alle anderen brauchen sich kaum Sorgen zu machen, sagt Herr Püschel.

DIE WELT zitiert den Arzt so:

„Es gebe keinen Grund für Todesangst im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Krankheit in der Region: „Alle, die wir bisher untersucht haben, hatten Krebs, eine chronische Lungenerkrankung, waren starke Raucher oder schwer fettleibig, litten an Diabetes oder hatten eine Herz-Kreislauf-Erkrankung.“ Das Virus sei in diesen Fällen der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.“

Zu Ende gedacht lautet diese Position so: „Wer an Corona stirbt, kann sowieso weg“.

 

Unwertes Leben und die Angst vor dem Risiko

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Derlei geht – ganz böse ausgedeutet – in Richtung „unwertes Leben“, und landet beim Euthanasie-Gedanken der Nazis, aber das wollte Herr Püschel bestimmt nicht sagen. Hoffen wir, wer weiß das schon.

Wenn ein Arzt sich so dezidiert in der Presse äußert, muss er sich jedoch etwas gedacht haben. Und es sollte nicht ganz dumm sein, das unterstellen wir zu seinen Gunsten.

Wie es scheint, hebt Professor Püschel tatsächlich auf so etwas wie Risikowahrnehmung ab: die persönliche Einschätzung von Gefahren, die im Leben auftreten können, auch: das Wissen um die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Unglück oder eine Gefahr einen selbst treffen könnte.

Menschen wägen dabei ab – sie steigen zum Beispiel in Massen und regelmäßig ins Flugzeug, obwohl Flugzeuge abstürzen können, wobei meistens alle Passagiere ums Leben kommen. Aber Flugzeuge stürzen eben selten ab, seltener als ein Auto gegen einen Baum fährt.

Deshalb fliegen Leute trotz der Gefahren, und noch häufiger fahren sie Auto, weil sie beim Autofahren schlicht den Nutzen gegen die Gefahr abwägen. Und ohne Auto ist man in Deutschland nur ein halber Mensch, daher sagen sich an die 30 Millionen deutsche Autofahrer: „Ich fahre so vorsichtig – oder so gut – wie möglich, damit kann ich das Risiko klein halten.“

Das Gefühl, eine Gefahr einschätzen zu können, ist zumindest psychologisch sehr wichtig für die Frage, wie ob man im Alltag handlungsfähig bleibt.

Der Rechtsmediziner Püschel setzt jetzt das Corona-Risiko für alle herab: Todesangst ist bei dem neuen Virus komplett „überzogen“, überhaupt muss man keine Angst haben, denn in Deutschland stirbt man aus anderen Gründen.

 

Die kranke Gesellschaft

Allerdings widerspricht sich Herr Püschel dabei selbst. Denn wenn man seine Aufzählung zu den Vorerkrankungen ernst nimmt, dann haben viele Leute ein höheres Risiko – sogar sehr viele.

Leider nennt Püschel hier keine Zahlen, genau die wären aber interessant: Wie viele Menschen sind denn betroffen von diesen Erkrankungen, die Püschel als Todesursache identifiziert?

Die Abteilung Dokumentation & Recherche von Quarkundso.de hat den Anteil dieser Betroffenen an der Bevölkerung mal quantifiziert, was nicht so einfach ist. Deshalb machen das die Fachgesellschaften nicht, da will sie niemand festlegen, wenigstens nicht öffentlich. Quarkundso.de schätzt daher beherzt – näherungsweise kamen folgende Zahlen heraus, alle Werte gerundet:

Schwer fettleibig: 20 %

Starke Raucher: 10 %

Diabetiker: 10 %

Herz-Kreislauf-Erkrankung: 10 %

Chronische Lungenerkrankung 6 %

Asthma 6 %

Krebs 2 %

(Quellen: Robert-Koch-Institut – Gesundheitsmonitoring, Herold – Innere Medizin, Krebsinformationsdienst am DKFZ Heidelberg u.a.)

 

Natürlich darf man nicht alle einfach zusammenzählen, weil unter den Älteren viele Diabetiker und Fettleibige sind, unter den Lungenkranken viele Raucher und so weiter. Die Schnittmengen sind groß.

Trotzdem: Die Gesamtschätzung von Quarkundso.de ergibt, dass alleine in der Aufzählung des Hamburger Experten ein Anteil von 30 Prozent der Deutschen steckt. Mindestens.

Und das sind noch nicht alle: Rheumakranke kommen dazu, die Kortison nehmen, Menschen mit Multipler Sklerose, die Immunmedikamente bekommen, Transplantierte und Patienten mit seltenen Krankheiten, deren Immunsystem unterdrückt wird und die deshalb anfälliger für Virusinfektionen sind.

 

Geburtenstarke Jahrgänge: mal wieder vorn

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Damit sollte klar sein: Selbst vorsichtig geschätzt gehören so viele Deutsche zur Risikogruppe, dass es in Ordnung ist, wenn Angst vor dem Coronavirus herrscht.

So sieht es auch das Robert-Koch-Institut:

Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland wird derzeit insgesamt als hoch eingeschätzt, für Risikogruppen als sehr hoch. Die Wahrscheinlichkeit für schwere Krankheitsverläufe nimmt mit zunehmendem Alter und bestehenden Vorerkrankungen zu.

(Quelle: RKI, abgerufen am 11.4.2020)

Mit „Gefährdung“ meint das Robert-Koch-Institut übrigens die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken und so schwer zu erkranken, dass man auf der Intensivstation landet.

Zu den „Älteren“ rechnet das Robert-Koch-Institut aber schon Menschen zwischen 50 und 60 Jahren, Grund: Ab diesem Alter lassen die Abwehrkräfte nach, das Immunsystem altert.

Weil in dieser Gruppe die geburtenstarken Jahrgänge stecken, ist der Anteil dieser Älteren sehr groß. Sie stellen alleine fast die Hälfte der Deutschen, rund 47 Prozent: Jede und jeder Zweite hat also schon kein normales oder geringes Risiko mehr, sondern alleine aufgrund des Alters eine erhöhtes.

Wie hoch die Gefahr für Senioren dabei ist, sieht man an den Bewohnern mehrerer Pflegeheime, die wie die Fliegen starben, als das Virus eindrang, sowohl in Deutschland als auch anderswo, zum Beispiel in Belgien.

Auf diesem Hintergrund sind die Aussagen des Herrn Püschel geradezu zynisch.

 

Das Glück der Deutschen

Auch in deutschen Kliniken gibt es Probleme mit Krankenhauskeimen.

Aber der Professor will Hoffnung machen und weist auf das Wesentliche hin:

„Wir haben in Deutschland keine italienischen Verhältnisse.

Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, und ich bin überzeugt, dass wir die Pandemie gut beherrschen können.“

Dieser Vergleich klingt nicht nur kaltherzig. Er klingt auch chauvinistisch – als ob ein Land, das viel hat, sich von den nächsten Nachbarn und Bündnispartnern abschotten und ihnen überdies hämisch auf den Kopf spucken könnte: „Haha, diese Italiener, ist doch klar, dass die es nicht hinkriegen mit ihrer Schlamperei, aber wir Deutschen, wir beherrschen die Lage!“

Von solchen Untertönen abgesehen kann man auch die Aussage selbst hinterfragen. Denn mit dieser Haltung könnten Artisten auf ihr Netz verzichten, Bergsteiger auf ihr Seil und Bauarbeiter auf ihren Schutzhelm – schließlich haben wir doch ein gutes Gesundheitssystem!

Aber so ist es natürlich nicht. Fast alle Leute vermeiden Verletzungen lieber als dass sie in ein Krankenhaus gehen, sei es auch das Beste im ganzen Land. Das liegt daran, dass es in Kliniken immer Risiken gibt. Schon die künstliche Beatmung und das Intubieren mit dem Schlauch in die Luftröhre zum Beispiel kann Komplikationen und Infektionen nach sich ziehen.

Gefährliche resistente Krankenhauskeime treiben nicht nur in schlampigen Mittelmeerländern, sondern auch in deutschen Hospitälern ihr Unwesen. Darunter ist ein Lungenbakterium, das besonders gerne Intensivpatienten befällt, die künstlich beatmet werden.

Sicher, die Coronainfektion überleben bisher die meisten, viele sogar symptomlos, und wer ins Krankenhaus muss, wird danach oft wieder gesund.

Aber das kann lange Zeit, einige Monate, dauern. Und vielleicht bleibt etwas zurück, Kurzatmigkeit, zum Beispiel. Denn noch weiß man nichts Genaues über Spätfolgen. Dazu zählt eine eingeschränkte Lungenfunktion und eine später einsetzende Vernarbung der Lunge, die sogenannte Lungenfibrose; möglicherweise sind auch Herz und Blutgefäße gefährdet.

Hinweise darauf gibt es schon, zum Beispiel aus der früheren SARS-Epidemie von 2002/2003 und aus chinesischen Studien zum neuen Corona-Virus, wie unter anderem der NDR in seinem Podcast mit Christian Drosten berichtet.

Das wird Herr Püschel, der Tote seziert, vielleicht nicht ganz so gut im Blick haben wie Mediziner, die Covid-Patienten untersuchen.

 

Leben mit Corona: Check Dein Risiko!

Leben mit Corona bedeutet: Hände waschen!

Um das alles aufzuklären, braucht man weiterhin Zeit – für Studien und für die Beobachtung vieler Menschen, die die Infektion überstehen.

Übervolle Intensivstationen und Kranke auf den Gängen kann man da nicht gebrauchen.

Die gefährliche Ansteckung also weiterhin so gut wie möglich zu vermeiden, daran geht wohl kein Weg vorbei, wie das Robert-Koch-Institut um Ostern 2020 verkündet hat.

Eine individuelle Risikowahrnehmung von „Ich krieg das nicht!“ bis zu „Wir haben doch ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem!“ ist davon unabhängig.

Aber sie ist unrealistisch.

Realistisch ist es, sich der eigenen Risikofaktoren von Alter über Gewicht bis zum Lebensstil bewusst zu werden. Denn selbst wenn der gewohnte Alltag ab Mai 2020 – vielleicht – wieder anlaufen kann, ist deshalb das Virus nicht verschwunden. Und angesichts der Millionen von gefährdeten Menschen mit Risikofaktoren fragt sich, was jeder Einzelne tun kann.

Sich vor Ansteckung zu schützen, mit einfachen Maßnahmen, so gut es geht – Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen – ist das eine.

Etwas anderes wäre ein Aufruf an die Bevölkerung, den eigenen Körper in einem Zustand zu halten, dass er Viren bekämpfen und Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Den Aufruf haben wir im Beitrag vom 3.4.2020 schon geleistet.

Nach der Einlassung des Leichenfachmanns juckt es die Abteilung Dokumentation & Recherche, etwas zu ergänzen: Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes führen genau zu den Krankheiten, die das Risiko für schwere Corona-Verläufe eindeutig erhöhen und die Herr Püschel aufgezählt hat.

Man kann sie durch einen gesunden Lebensstil tatsächlich vermeiden. Man kann also mit dem Rauchen aufhören (jetzt!), den Alkoholkonsum reduzieren und sich mehr an der frischen Luft bewegen, man kann abnehmen und sein Gewicht kontrollieren.

Aber so etwas zu fordern ist natürlich extrem pauschal und überdies unpopulär, wenn nicht unzumutbar. Die Chefredakteurin hat einen so moralinsauren Aufruf daher untersagt – wozu haben wir denn unser ausgezeichnetes Gesundheitssystem.

©Johanna Bayer

 

Artikel zu den Aussagen von Prof. Dr. Klaus Püschel in DIE WELT vom 8.4.2020

Das Robert-Koch-Institut zur Risikogruppen

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein eigenes PayPal-Konto. Vielen Dank

Satt essen und abnehmen – das Buch ist da! Unter maßgeblicher Beteiligung von Quarkundso.de. Die Chefin hat ihr Bestes gegeben.

In jeder Buchhandlung vorrätig oder bestellbar. Natürlich auch bei Amazon: Satt essen und abnehmen

Rückmeldungen, Rezensionen und Kritik gerne hier oder auf Amazon.