Kategorie-Archiv: Gefundenes Fressen

Gute und nicht so gute Berichte, Artikel, Bücher oder Blogs. Wenn nötig, auch mal gepfeffert kommentiert.

Visite beim NDR: Neues über Zucker und Kokain. Aus der Epoch Times.

In der NDR-Gesundheitssendung „Visite“ fällt eine Ärztin mit steilen Thesen über Zucker auf: Er wirke auf das „Suchtzentrum des Gehirns ähnlich wie Kokain“. Nicht nur Quarkundso.de fragt da nach. Aber leider kommt als Beleg ein Artikel der dubiosen Epoch Times. Ausgerechnet. Und das ist nicht der einzige Patzer. 

 

Quarkundso.de wird ja inzwischen als allgemeine Auskunftei zu Essen und Gesundheit betrachtet.

Die Leute haben keine Hemmungen.

Da fragt ein unbekannter Follower über Twitter an, warum die Butter so teuer geworden, aber Biobutter nicht genauso im Preis gestiegen ist.

Eine Kollegin möchte wissen, was dran ist an der Behauptung, Mikrowellen zerstörten wichtige Stoffe im Essen und ließen Gifte entstehen, angeblich schon vor 30 Jahren entdeckt von einem Schweizer Arzt, der seither im Untergrund kämpft (so ähnlich).

Andere Blogger-Freunde verwickeln Quarkundso.de in eine Diskussion über Zucker als Droge, mittels Markierung auf Facebook. Was da dran sei, was ich so meine, und überhaupt.

Ich verspreche allen Antragstellern: Wir sind bemüht, Fragen sofort und ausführlich zu beantworten. Dabei widmen wir uns auch den wildesten Verschwurbelungen, wenn es nur um Essen geht.

Die Mikrowelle und die Butter mussten aber etwas zurückstehen, denn langweilige Zucker-Nummer wuchs sich zu einer peinlichen kleinen Panne für den NDR aus. Und als gefundenes Fressen für Quarkundso.de.

Es geht um die Gesundheitssendung des NDR, die „Visite“. Das ist ein altes Flaggschiff in der Senderlandschaft. Eine der dort als Expertin auftretenden Fernsehärztinnen hatte in der Sendung vom 17.10.2017 vor Zucker gewarnt.

Ihren steilen Satz spielte die Redaktion online über Facebook, samt der Bemerkung, die WHO rate deshalb zur Begrenzung des Zuckerkonsums.

 

 

Zucker mit Kokain zu vergleichen ist einfach Quatsch

Bloggerin Irene Gronegger, ebenfalls im Gesundheitsbereich unterwegs, war darüber gestolpert. Zucker wirkt wie Kokain? Macht also wach, süchtig, hyperaktiv, ist eine gefährliche, suchterzeugende Droge, zerstört das Gehirn? Und das als Ärztin?

Die Kollegin fragte nach, und zwar bei der Pressestelle des NDR: Welche wissenschaftlichen Belege es denn gäbe? An diesem Punkt wurde Quarkundso.de herbeizitiert, man freute sich auf ein kleines Scharmützel.

Dabei passte uns das gerade gar nicht. Es war Mittag, wir waren hungrig, müde, erkältet, mussten trotzdem was abarbeiten und die Sache selbst ist doch schon längst ausgelutscht: Nein, Zucker als Stoff wirkt nicht wie harte Drogen, egal, was irgendwelche Amerikaner sagen, von Robert H. Lustig, dem Anti-Zucker-Aktivisten über David Ludwig von der Harvard-Universität bis zu Tosca Reno, der Clean-Eating-Päpstin.

Wissenschaftlich ist der Käse längst gegessen: Es gibt kein einziges Lebensmittel oder einen einzelnen Stoff in der Nahrung, der süchtig oder abhängig macht.

Auch nicht Zucker. Gegen Kokain, Heroin und selbst Nikotin sind alle Lebensmittel harmlos. Daher steht auch keines auf der Liste suchterzeugender Substanzen, sieht man mal vom Alkohol ab. Aber der ist kein Lebens-, sondern ein Genussmittel.

Quarkundso.de berichtete mehrfach.

Das rechtfertigt oder verharmlost nicht das übermäßige Verschlingen von Süßigkeiten. Aber es rückt die Verhältnisse gerade: Es ist nicht der Stoff Zucker, der körperlich abhängig macht und etwa wirkt wie ein Droge. Es ist das zwanghafte, übermäßige Essen, das Verhalten, das das Gehirn in einer bestimmten Region verändert, die die Fernsehärztin „Suchtzentrum“ nennt.

Korrekt heißt es Belohnungszentrum, und das erzeugt bei Dingen, die gelingen ebenso wie beim Naschen von Leckereien Glücksgefühle. Harte chemische Drogen ahmen diesen natürlichen Mechanismus nach und verzerren ihn stark, das macht sie so gefährlich.

Aber klar ist: Das ist schon eine ganz andere Nummer. Darüber sind sich alle Suchtforscher auf der Welt einig.

 

Immer wieder neu aufgekocht: Zucker als Droge

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Ob Essen oder irgendein Stoff im Essen trotzdem süchtig machen könnte, ist zur Sicherheit geklärt worden: Forscher haben im Auftrag der EU haben 2013 ein internationales Konsenspapier erstellt, das die Lage zum Thema Essen und Abhängigkeit – Food and Addiction – sondiert.

Demnach gibt es kein einzelnes Lebensmittel oder einen Inhaltsstoff, der abhängig macht wie eine Droge, die reinen Genussmitteln Alkohol und Kaffee ausgenommen.

Bisher sieht es nicht so aus, als ob sich die Einschätzung sich ändert.

Das heißt nicht, dass es nicht Menschen mit suchtartigem oder suchthaftem Essverhalten gibt. Und dass sie nicht genau die charakteristische Veränderungen im Gehirn aufweisen, die denen von Drogenkonsumenten ähneln. Oder tatsächlich eine suchtartige Gier nach Süßem, aber besonders auch nach Fettigem entwickeln könnten. Darauf sind wir nunmal biologisch geeicht.

Aber es geht dabei nicht um einen chemischen Stoff, der das Gehirn manipuliert. Sondern um das gestörte Verhalten und das ständige Wiederholen: Menschen werden nicht süchtig nach den Substanzen Zucker oder Fett. Sondern abhängig vom Essen als zwanghafte Handlung.

Die Mechanismen im Gehirn sind dabei tatsächlich immer dieselben. Die Veränderungen, die man beobachten kann, etwa im Kernspin, auch.

Egal, die Details mag jeder selbst nachlesen.

Hier geht es eher um die interessierten Kreise, die den wissenschaftlichen Konsens zu Zucker als Lebensmittel nicht akzeptieren. Sie haben auch nicht den gesunden Menschenverstand der Hausfrau, die Zucker in den Kuchenteig gibt, aber auch weiß, wann es zuviel ist.

Nein, die Verschwörer betrachten Zucker als Gift und kommen ständig mit denselben Behauptungen und Argumenten sowie angeblich neuen Belegen um die Ecke, spielen über Bande, schreiben oder zitieren unseriöse populistische Bücher, beziehen fragwürdige Informationen aus dem Internet und schwören auf angeblich neue Studien, wahlweise auch auf brisante Daten, die angeblich seit 60 Jahren unter Verschluss gehalten werden.

Darunter sind Fachleute, Ärzte und Journalisten. Erstaunlich, eigentlich. Das Ganze ist eine amerikanische Debatte, sogar eigentlich eine Kampagne, die nicht auf alle zu übertragen ist. Die entsprechenden Akteure sind auch alle von drüben, das ist kein Zufall.

 

Quellen: Epoch Times und das Interview mit einem Toten

Wir wollten also müde abwinken, dann aber wurde es lustig, denn Kollegin Gronegger bekam Antwort von der NDR-Pressestelle. Quarkundso.de erwachte aus der Lethargie, denn brühwarm landete die Mail des NDR bei uns auf dem Tisch.

Darin wurden als Belege zwei Links angegeben. Einer führte zur Epoch Times, einer zu den Deutschen Gesundheitsnachrichten.

Wie bitte, die Epoch Times? Das Kampagnenblatt der Falun-Gong-Bewegung, in seiner deutschen Ausgabe Lieblingspostille von AfD-Wählern und Rechtsextremen? So beschreibt zum Beispiel DIE ZEIT das fragwürdige Portal.

Auf keinen Fall kann ein Artikel aus einer solchen Schleuder als Quelle für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten, gar als Beleg für einen Sachverhalt aus Medizin und Wissenschaft.

Die andere Quelle leistet sich unter dem reißerischen Titel „Zucker wirkt auf den Körper wie Heroin“ leider ein peinliches Missverständnis. In wörtlicher Rede zitiert der Artikel Princeton-Forscher Bart Hoebel, als ob er gerade interviewt worden wäre.

Im Nucleus accumbens, dem Lustzentrum des Gehirns, löst „Zucker die Ausschüttung von Dopamin und Opioiden aus“, so Bart Hoebel von der Princeton University in New Jersey. Das Dopamin wird als Triebkraft hinter Drogensucht gesehen. Und die Opioide sind Substanzen, die eine betäubende Wirkung im Körper hervorrufen, indem sie sich an die Opioidrezeptoren binden. „Das Gehirn wird süchtig nach seinen eigenen Opioiden, wie es das auch bei Heroin und Morphin tun würde“, ergänzt Hoebel. Insgesamt erzielten Drogen eine größere Wirkung, aber im Wesentlichen sei der Prozess der gleiche, so Hoebel. Hoebel führt dies unter anderem auf eine durchgeführte Studie mit Ratten zurück.

Klingt gut, der Artikel ist allerdings von 2014. Und Bart Hoebel ist 2011 gestorben.

 

Huch, vertippt!

In solch einem Fall muss man leider feststellen: Das hätte der NDR nicht rausgeben sollen.

Bart Hoebel war übrigens ein sehr renommierter Forscher, dessen Arbeiten in Deutschland und anderswo fortgeführt wurden. Das Ergebnis ist aber nicht die platte Aussage, dass Zucker süchtig macht.

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hatte inzwischen selbst der NDR-Pressestelle geschrieben und gefragt, was es mit diesen seltsamen Quellenlinks auf sich habe.

Die Antwort kam am Abend: Nein, nein, das, äh, sei nur ein Versehen gewesen, die Ärztin habe die Links nur nebenher in der Praxis rausgesucht. Das seien weder ihre Quellen noch die der Redaktion. Und die Redaktion habe sie lediglich weitergegeben, das seien „allgemeinverständliche Medien“.

Interessante Einschätzung.

 

Unbestritten, aber umstritten – was denn nun?

Ansonsten wurde uns erklärt, dass es bei Zucker „unbestrittene gesundheitliche Risiken“ gäbe – aber wissenschaftlich sei die Sache umstritten, es gebe ja „unterschiedliche Einschätzungen und Veröffentlichungen.“

Ah ja. Das haben wir natürlich verstanden: Schrödingers Zucker.

Dazu kamen neue Belege, darunter wieder eine dubiose Quelle, ein „Sleuthjournal“, das zur Sache auf ein esoterisches Naturkostportal verlinkt, eine ältere Arbeit von Bart Hoebel, die ins Konsenspapier der EU von 2013 eingeflossen ist – Ergebnis: Zucker macht nicht süchtig wie Kokain. Eine verfehlt das Thema und dreht sich um Angststörungen, eine weitere beschäftigt sich auch mit einem anderen Thema, übrigens ebenfalls auf der Basis von Bart Hoebel (ja, das war ein hoch renommierter Suchtforscher).

Soll heißen: Diese Quellen ändern nichts am Stand der Wissenschaft. Der entspricht weiterhin dem EU-Konsenspapier, es wurde erst letztes Jahr, 2016, international bekräftigt.

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Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Die hartnäckigen Zucker-Verschwörer haben dagegen keine harten Fakten in der Hand. Sie zitieren selektiv, interpretieren tendenziös und einseitig oder suggerieren Ergebnisse und Erkenntnisse, die es gar nicht gibt. Meistens spielt sich das in den USA ab, und das hat seinen eigenen Charme.

Natürlich wollen alle dabei nur das Beste, nämlich die Gesundheit schützen. Das ist ehrenwert, aber ein wenig aufpassen und auf unseriöse Thesen verzichten sollte man schon. Der gute Zweck heiligt nicht alle Mittel.

Diese ganze Zucker-ist-Droge-Diskussion wollen wir jetzt nicht weiter aufrollen. Das können Interessierte ja nachlesen.

Wir hingegen blicken kurz noch einmal auf das journalistische Handwerk und die redaktionelle Verantwortung, die der NDR nunmal hat.

 

Online geht noch einer

Denn im Netz lief es leider auch nicht rund.

Der Facebook-Post der Redaktion nämlich bauscht nicht nur den steilen Satz der Ärztin auf. Dazu bekräftigen die Onliner der Redaktion Visite auf Facebook:

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb auch nicht mehr als 25g Zucker am Tag.

Deshalb, aha. Das klingt, als warne die WHO vor Zucker wegen seiner drogenähnlichen Wirkung. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht.

Die WHO warnte 2015 vor Übergewicht und Karies durch übermäßigen Zuckerverzehr. Das ist in der Begründung zur Empfehlung ganz klar. Von Sucht, Droge, Kokain oder sonstigen Gesundheitsgefahren ist nicht ansatzweise die Rede. Die WHO ist nämlich über den Stand der Wissenschaft orientiert.

Von wegen „deshalb“.*

Der Online-Kommentar ist einfach besinnungslos und ohne Kontrolle oder Recherche ins Netz geblasen worden. Wenn er nicht sogar aus der Redaktion stammt. Die hätte da doch besser aufpassen und nicht den tendenziösen Vereinfachungen aufsitzen sollen.

Die Sendung selbst sieht ihre Inhalte und Aussagen, gerade auch die vom 17.10. zum Zucker, als „wie immer gut recherchiert, und natürlich unbeeinflusst und unabhängig“ (aus der Moderation vom 17.10.2017). Schade, dass da niemandem, weder Pressestelle (Kommunikationsprofis) noch Redaktion (erfahrene Gesundheitsredakteure) aufgefallen ist, dass die Ärztin einen Link der Epoch Times verschickt.

Und keiner hat mal kurz in die Links geschaut und gesehen, was da zitiert wird. Keiner hat recherchiert, niemand hat kontrolliert und niemand schaut nach, was die Onliner treiben. Die geben einfach wieder, was Redaktion und O-Ton der Ärztin ihnen nahelegen.

Das wünscht man sich schon anderes, von einer Gesundheitsredaktion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Und in den heutigen Zeiten. Es spielt Verschwörungstheoretikern in die Hände. Das sind die Leute, die sich zum Beispiel aus der Epoch Times, esoterischen Gesundheitsportalen oder Angeboten mit „Alternative News“ wie dem Sleuthjournal informieren.

Und das nicht nur über Zucker. Sondern auch über Chemtrails, Invasionen aus dem All und Reptiloiden.

©Johanna Bayer

Hinweis: Die Deutschen Gesundheitsnachrichten haben umgehend auf die Kritik von Quarkundso.de reagiert und in ihrem Artikel von 2014 vermerkt, dass Bart Hoebel 2011 verstorben ist. Sie möchten auch nicht als „dubioses Portal“ bezeichnet und mit den Epoch Times in einen Topf geworfen werden, da sie nach den Grundsätzen des Deutschen Presserates (Pressekodex) arbeiten. Ich habe daher den Text an dieser Stelle geändert. Meine Kritik an den Formulierungen im Artikel über Zucker und Bart Hoebel wird von der Redaktion in der Sache akzeptiert.

*Die Online-Redaktion der Visite hat auf den Beitrag von Quarkundso.de reagiert und schnell ihren Facebook-Kommentar nach Erscheinen geändert. Das „deshalb“ ist gestrichen worden, Stand 30.10.2017 – ohne jede Anmerkung. Neuer Text: „Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nicht mehr als 25g Zucker am Tag“.

 

EU-Konsenspapier Food and Addiction

Sendung Visite beim NDR vom 17.10.2017

Über die „Zuckerlüge“ von ARTE und die US-Kampagne

 

 

Kurvige Models oder Dicke im Bild – BRIGITTE.de und das Problem mit dem Übergewicht

Auf einer Modenschau für Badeanzüge waren üppige Models auf dem Laufsteg, dagegen gab es Kritik: Mediziner fürchten ein falsches Körperideal. Das Frauenportal BRIGITTE.de verwahrt sich mit einem empörten Zwischenruf und findet, die Ärzte sollten die Klappe halten. Doch ist das wirklich sinnvoll? Zumal BRIGITTE.de vom Geschäftsfeld „Plus Size“ selbst ganz schön profitiert. 

 

Übergewichtige Frau posiert in braunem, elegantem Kleid in schöner Landhausküche

Dick und schön: Ja, das geht.

Nicht, dass es heißt, wir hätten irgendein Blatt oder einen Sender speziell auf dem Kieker, nur weil BRIGITTE.de wieder dran ist.

Ehrlich, die Kandidaten sind Legion, alle können jederzeit dran kommen.

Die Auswahl richtet sich nur nach den strengen journalistischen Kriterien von Quarkundso.de. Zum Beispiel danach, was gerade aktuell oder besonders platt oder, umgekehrt, eher verzwickt ist.

Aktuell ist zum Beispiel das Thema „Kurvige Models“, neudeutsch: „Curvy Models“, also füllige Frauen, oder sagen wir es deutlich: Dicke im Bild.

Dazu hat BRIGITTE.de einen empörten Zwischenruf gelandet. Es geht konkret um dicke Damen bei der Zeitschrift Sports Illustrated. Das ist eigentlich ein Sport-Magazin, aber einmal im Jahr bringt der Verlag ein Extraheft mit Bademoden heraus.

Im August 2017 hat das Magazin dazu eine Live-Modenschau in Miami veranstaltet und auch ungewohnt üppige Frauen auf den Laufsteg geschickt. So richtig große Figuren waren dabei, nicht unbedingt das, was man „normalgewichtig“ nennen würde.

 

Empörter Zwischenruf

Jedenfalls trug die Aktion Sports Illustrated weltweit Kommentare ein, unter anderem von einer australischen Lifestyle-Journalistin und einigen ebenfalls australischen Medizinern im Daily Telegraph.

Die vorgebrachten Einwände: Nur weil die Modeindustrie nicht mehr nur runtergehungerte Kleiderständer als Mannequins zeigt, sollte nicht gleich das andere Extrem gefeiert werden. Das propagiere ein falsches, ungesundes Körperideal.

Fettleibigkeit, so ein australischer Adipositas-Fachmann, sei gesundheitsschädlich und nicht erstrebenswert. Stark Übergewichtige als positive Vorbilder in Mode und Medien zu zeigen, setze das falsche Zeichen. BRIGITTE.de kommentiert:

„Da laufen endlich mal kurvige Models über den Catwalk und was passiert? Von diversen Seiten hagelt es Kritik.“

Und legt nach, die eingesetzten Models seien gar nicht fettleibig gewesen:

„Fettleibigkeit“? Wie bitte?! Die Models, die hier über den Catwalk liefen, wirken alles andere als krankhaft „fettleibig“. Sarina und ihre kurvigen Kolleginnen machen in der Bademode eine heiße Figur.“

 

Übergewicht ist ein Problem

Tja. Der Fall ist knifflig.

Einerseits ist der Zwischenruf von BRIGITTE.de natürlich lieb gemeint. Für die Leserinnen gedacht, für alle Frauen, für ihr Selbstwertgefühl und ihre Körper. Und natürlich verwahrt sich Quarkundso.de energisch gegen jedes Dicken-Bashing, Body-Shaming, Fat Shaming und generell gegen Diskriminierung.

Aber wenn man den Original-Kommentar der australischen Journalistin liest, und die Einschätzungen der Ärzte darin, wird deutlich: Sie argumentieren sehr vernünftig. Und überdies aus australischer Perspektive.

Die Kolumnistin spricht von Größen ab 46 aufwärts, so schätzt sie die Körper auf der Bühne ein. Von der trügerischen Normalität, die es hat, wenn sich eine Gesellschaft an so füllige Figuren gewöhnt und sie positiv bewertet. Von dem riesigen Adipositas-Problem in Australien, von erschreckenden Zahlen. Das Land ist von einer grassierenden Fettleibigkeitsepidemie betroffen, es gibt dort ungewöhnlich viele stark Übergewichtige.

Weltweit steht Australien damit recht weit oben im Ranking, hinter den Dicken-Hochburgen USA, Mexiko und Neuseeland. Die Situation macht Politikern Sorge, wegen der Gesundheit der Bevölkerung – und vor allem wegen der explodierenden Kosten. Im Debatten-Artikel des Daily Telegraph treten Mediziner auf, die alles bestätigen. Zumal der oben zitierte Adipositas-Experte.

Warum sollten aber ausgerechnet Ärzte nichts zu dem Thema sagen dürfen, aber die Online-Mädels von BRIGITTE.de? Und wer weiß eigentlich in der Sache besser Bescheid?

 

Lieber Experten fragen

Denn klar ist: Vorher, bei der jahrelangen Kritik am Magerwahn im Modelbusiness war Expertenrat von Ärzten und Ernährungswissenschaftlern sehr gefragt. Die erzwungene Magerkeit der Models schädigt schließlich direkt die Gesundheit der jungen Frauen, noch dazu kann sie der Einstieg in eine lebensgefährliche Anorexie sein. Das mussten Mediziner dauernd erklären, damit die Warnungen auch Gewicht bekamen.

Jetzt aber sollen sie nichts sagen, zu den „curvy Models“. Schwierige Sache.

Im Fall der Online-Mädels von Gruner&Jahr geht es außerdem noch um so etwas wie die Deutungshoheit: Sind die gezeigten Frauen wirklich fettleibig? Oder nur übergewichtig, oder halt nur weiblich, „real women“, wie auf Twitter gejubelt wurde, also „kurvig“?
Die Frage ist, ob BRIGITTE.de das beurteilen kann. Und sollte.

Oder ob das nicht Ärzte besser tun sollten. Und können.

Schließlich ist Übergewicht, wir wissen es durch die unablässige Kritik am rechnerischen BMI, eine Blickdiagnose: Der Arzt sieht, wer Übergewicht hat und wer nicht. Dazu muss der Patient nicht einmal auf die Waage steigen.

Es gilt der alte Spruch aus den Zeiten der ersten Pornofilm-Urteile: „I know it when I see it“.

 

Screenshot BRIGITTE.de mit Titel zu Sports Illustrated

Screenshot: Titel von BRIGITTE.de, August 2017. Im Bild: Sarina Nowak

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Screenshot: Model bei Sports Illustrated auf BRIGITTE.de, August 2017.

Da stört dieser Journalismus

Es wäre wirklich spannend gewesen zu hören, was deutsche Adipositas-Experten zu den Fotos und dem gestreamten Video sagen – ob sie die Frauen für übergewichtig bis fettleibig oder für wohlgeformt und normal halten.

Denn was interessieren uns die Australier? Da kommt dieser Journalismus noch einmal ins Spiel: Relevanz und Nähe hätten gezählt, also, was deutsche Experten sagen.

Gut, online muss es immer schnell gehen, da kann man sich den Journalismus schon mal schenken. Außerdem sollte es wohl so etwas wie ein Kommentar sein. Ohne Recherche. Ohne zweite Meinung. Ohne Experteneinschätzung. Einfach so, schnell rausgeschossen.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Aber ein Kommentar funktioniert vor allem, wenn er Substanz hat. Meinung alleine genügt nicht.

Die Frage nach der Deutungshoheit ist dabei weiterhin interessant: Was ist normal? Und wurde auf dem Laufsteg von Sports Illustrated echte Vielfalt gezeigt, modisch „Diversity“?

Die Wirklichkeit, wie sie uns auf der Straße begegnet?

Letzteres natürlich nicht. Schließlich mussten die Hässlichen, Unansehnlichen mit ihren Pickeln und dünnen Haaren zuhause bleiben, und erst recht die Alten. Gammelfleisch im Bikini will schließlich keiner sehen, dabei soll Sport im Alter doch so gesund sein.

Scherz beiseite.

Es sollte klar sein, dass eine Modenschau nie die Realität abbildet, sondern Ideale zeigt. Nach denen strebt die Kundschaft, indem sie kauft. Es ist heuchlerisch, etwas anderes zu behaupten, wie es BRIGITTE.de und andere tun.

 

Die normative Kraft des Faktischen

Mann mit dickem Bauch versucht, Jeans zu schließen

Immer öfter im Weg: die Plautze. Die Mehrheit stört sich kaum mehr daran. Bild: Shutterstock

Im Alltag, auf der Straße, da ist die Realität aber zu sehen: Die Deutschen sind so dick wie nie.

So hieß es Anfang 2017, nachdem die DGE ihre neuesten Zahlen zum Übergewicht veröffentlich hatte.

Darunter sind viele Adipöse mit 20, 30, 40 Kilo zu viel auf den Rippen.

Rein statistisch gesehen ist rund die Hälfte der Deutschen zu dick, Ältere mehr als Jüngere, Männer noch mehr als Frauen, Frauen dafür teilweise extremer.

Augenfällig wird das oft auf dem Land und in bestimmten Situationen: Wirtshaus, Volksfest, Campingplatz, Kegelverein. Da sind Normalgewichtige in der Minderheit. Ab dem mittleren Lebensalter, so ab 40, scheint der Anblick von 15 bis 20 Kilo Übergewicht, zum Beispiel in Form eines imposanten Bauches oder ausladenden Hüftspecks, ganz selbstverständlich.

In höheren Altersklassen ist die Körperfülle vorherrschend: Dass Oma gemütlich aus dem Leim geht, wird geradezu erwartet. Das Gegenteil, die schlanke Oma oder der fitte Opa sind die Ausnahme („Wie haben Sie das nur geschafft…“).

Die normative Kraft des Faktischen prägt den Blick. Und in diesem Sinne wird Übergewicht von interessierten Kreisen gerne „normal“ genannt.

 

Lamento der Gesundheitsschützer

Dicke Frau mit Bikini am Strand beim Sonnenbaden

Normaler Anblick. Aber harmlos für die Gesundheit ist das nicht. Die Frage bleibt. Bild: Shutterstock

Die dazugehörigen Gebresten – darunter Diabetes, künstliche Hüften und Knie, Bluthochdruck, Herzkrankheiten, Gallensteine, Fettleber – lassen zwar regelmäßig Krankenkassen, Politiker, Ärzteverbände und Gesundheitsschützer ein Lamento anstimmen.

Aber das ist, so Anti-Diskriminierungsgruppen wie die „Fat Acceptance“- und Body-Positivity-Bewegung, weder wissenschaftlich begründet noch politisch korrekt.

Was die Wissenschaft angeht, haben die Aktivisten zwar Unrecht, darüber ist man sich in allen Ländern einig. Aber das stört sie nicht im Geringsten.

Und so laufen gesellschaftlich relevante Anliegen unverbunden nebeneinander her ins Leere: Die Dicken kämpfen gegen Diskriminierung, Frauen wollen stolz auf ihren Körper sein, aber Ärzteverbände und Politiker wollen Übergewicht bekämpfen und verlangen eine Steuer auf Süßes und Fettiges.

Die Lage ist paradox, die Debatten sind kontraproduktiv und insgesamt sitzen wir damit in einer bösen Falle.

Wie wir aus dieser Nummer rauskommen sollen, ist vollkommen unklar. Denn so „normal“ Übergewicht erscheint: Es ist eine ernsthafte Gesundheitsgefahr für die Betroffenen und ein Problem für die Gesellschaft als Ganzes. Weltweit.

In der aktuellen Debatte rücken aber der Schutz vor Diskriminierung, der – unerwünschte – Normendruck durch die Gesellschaft und die Behinderung der persönlichen Freiheit – wie ich mich gut fühle, bestimme ich! – in den Vordergrund. Und so gibt es zur Bewegung der „Fat Acceptance“ selten Gegenstimmen.

 

Diskriminierung und Übergewicht bekämpfen – beides tut Not

Nur wenige wagen es, Klartext zu reden. Einer ist der Münchner Psychiater Dr. Peter Teuschel.
Er hat dazu einen Blogbeitrag auf dem Medizinportal Doccheck veröffentlicht. Darin betont er, dass Übergewichtige und Fettleibige vor Diskriminierung geschützt werden müssen und ein Recht auf Anerkennung haben – einerseits.

Andererseits warnt er entschieden davor, Übergewichtige zu Stolz auf ihren Körper zu motivieren und ihnen zu suggerieren, ihr Zustand sei wünschenswert, normal, ein Ausdruck von „Diversity“ oder ein politisches Statement.

Und er fordert klipp und klar, dass die Betroffenen sich der körperlichen und psychischen (!) Folgen bewusst werden und in Behandlung gehen sollten:

„Wie so oft bringt es nichts, sich in die eigene Tasche zu lügen und als jemand, der sowohl sehr viel mit Diskriminierung als auch mit medizinischen Folgen von Adipositas zu tun hat, kann ich nur sagen: Macht es euch nicht so einfach!“

Exakt das war auch die Stoßrichtung der Meinungen aus Australien: Es nützt nichts, die traurige Realität abzubilden oder ihre Abbildung einzuklagen, um Diskriminierung abzubauen. Übergewicht ist ein Problem und sollte kein Vorbild sein. Das gilt auch in Deutschland.

 

Es geht auch um Geld

Aber die Kasse muss ja stimmen. Und Frauen müssen was zum Anziehen haben. Da sieht sich  BRIGITTE.de in der Verantwortung.

Das neue Lebensgefühl von „Plus Size“ und „Curvy Models“ ist daher längst Thema und die Redaktion schlägt damit drei Fliegen mit einer Klappe: Sie feiert ein neues weibliches Selbstbewusstsein – Kurven! Echte Frauen! -, kämpft publikumswirksam gegen Diskriminierung und, Achtung, bindet neue Zielgruppen.

„Plus“ hat schon eine eigene Kategorie bei BRIGITTE.de und die Redaktion kooperiert unter anderem mit Happy Size, einem Hersteller von Kleidung für Üppige. Auch Bon Prix und C&A, stark im Übergrößen-Sortiment, zeigen Mode bei BRIGITTE.de.

Die Redaktion schreibt dazu gerne als Bericht getarnte Werbeanzeigen, die in redaktioneller Form daherkommen. Sie sind zwar als „Anzeige“ gekennzeichnet, aber wer schaut schon auf das Kleingedruckte, wenn der Artikel sich von anderen überhaupt nicht unterscheidet, weder in Layout noch in Stil und Duktus? Diese Werbeform ist erlaubt und außerdem clever, was das Erschließen neuer Kundenkreise angeht.

 

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So sieht das aus: Werbung für Happy Size, die Modefirma, im Gewand von BRIGITTE.de. Kein Unterschied zu normalen Artikeln, bis auf das Kleingedruckte. Bild: Screenshot, zum Artikel geht es unten bei den weiterführenden Links

 

Nur erscheint der Maulkorb für Ärzte, den die Redaktion beim Thema dicke Models verhängen will, auf diesem Hintergrund in ganz neuem Licht: Steht bei BRIGITTE.de die Warnung vor Übergewicht und seinen Folgen aus geschäftlichen Gründen jetzt zurück?

Hemmt die neue Gewinnzone „Plus Size“ etwa kritisches Nachfragen, Nachdenken, Recherche, auch nur Reflexion?

 

25 Kilo und fünf Kleidergrößen

Der Verdacht liegt leider nahe, und der Zwischenruf ist dafür ein Beispiel.

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Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Außer dem Verzicht auf eine Expertenmeinung steckt nämlich noch eine kleine Bombe drin: Eines der kurvigen Models, die in Miami für Sports Illustrated über den Laufstieg gingen, war die Deutsche Sarina Nowak.

Sie war 2009 Kandidatin in Heidi Klums „Germany`s Next Top Model“ – und damals etliche Kilo leichter, wie die Redaktion schreibt:

„Zur Fashion Show in Miami zeigte das legendäre Bademoden-Magazin ‚Sports Illustrated‘ erstmals auch acht Plus-Size-Models in Bikinis und Badeanzügen.

Unter ihnen: Ex-GNTM-Kandidatin Sarina Nowak, die heute 25 Kilo mehr auf den Rippen hat als zu Zeiten der TV-Show.“

25 Kilo mehr. Das ist enorm, eine Gewichtsschwankung, die bedenklich ist. Es kann nicht sein, dass das der Redaktion einer Frauenzeitschrift komplett entgeht.

Zumal Sarina Nowak sich den halben Zentner, wie mehrere Klatschblätter übereinstimmend berichten, in ziemlich kurzer Zeit draufgeschafft hat, nämlich in nur etwa 10 Monaten. Das ist schon ein dicker Hund, sorry für das Bild, aber nun ja. So jemanden würde man normalerweise zum Arzt schicken (was mit den Drüsen?).

Selbst wenn Frau Nowak in, sagen wir mal, drei Jahren die 25 Kilo und damit vier bis fünf Kleidergrößen zugelegt hätte, ist der Sprung gewaltig. Sie selbst beklagt außerdem, ebenfalls in diversen Klatschblättern, dass sie vorher im Modelbusiness qualvoll habe hungern müssen, um auf Größe 34 zu kommen und jetzt einfach nur ihre natürliche Figur zurückgewonnen habe.

Das heißt: Erst Wohlfühlfigur, dann jahrelang hungern, sich quälen, dann wieder nachlassen und erheblich in die Breite gehen – das klingt alles nicht gut. Jedenfalls nicht so, dass man Frau Nowak zu dieser Achterbahnfahrt beglückwünschen möchte.

Wohl aber zur neuen Karriere, dazu gleich mehr.

 

Der gefährliche Jojo-Effekt

Vorerst fühlt man sich an Essgestörte erinnert, prominentes Beispiel: Joschka Fischer. Der hungerte sich vom Moppelchen zum drahtigen Marathonläufer herunter, ging danach wieder in die Breite und wiederholte den Ablauf mehrmals. Zurzeit ist er dick.

Dass dieser Jojo-Effekt gesundheitsschädlich ist, predigen Ärzte seit Jahrzehnten, und sie warnen ausdrücklich davor. Es ist erwiesen, dass Menschen, die schnell abnehmen – oder sehr stark zunehmen – häufiger Herzinfarkte und Schlaganfälle erleiden, auch steigt das Risiko für Gallensteine, Leberprobleme und schlechte Blutwerte.

Deshalb raten Ärzte dazu, nur langsam abzunehmen. Und nicht übermäßig zuzunehmen, aus vielen Gründen. Es ist erstaunlich, dass ein Frauenportal, das sich so mit Gesundheitsthemen beschäftigt wie BRIGITTE.de, diesen Aspekt völlig ausklammert.

 

Plus Size, Baby!

Was Frau Nowak angeht, muss man aber auch die Realitäten sehen. Bei ihr ging es vielleicht viel weniger um den Ausdruck ihres Selbst und das Wiedergewinnen einer natürlichen Figur als ums Geschäft.

Hier spekuliert Quarkundso.de gerne ein wenig: Die Modelbranche ist ein eiskaltes Business. Nowak hatte aber seit 2009, als sie bei Heidi Klum auftrat, nur mäßigen Erfolg: Platz 6 in der Show, danach dümpelte die Karriere vor sich hin.

Vielleicht hat die junge Frau sonst keine großen Berufsalternativen für sich gesehen, jedenfalls könnte sie bei einem wieder mal enttäuschend verlaufenen Casting von einem cleveren Agenten einen Tipp bekommen haben: „Deine Figur ist für uns nicht das Richtige, aber versuch es doch mal mit Plus Size, Baby! Da geht gerade was.“

Und – zack! – hat sie sich wie eine Leistungssportlerin auf Kampfgewicht gebracht: 25 Kilo mehr in zehn Monaten. Von Size Zero auf Größe 40. Pünktlich zur nächsten großen Saison war sie einsatzbereit.

Das würde die kurze Zeitspanne erklären, in der Nowak ihr Gewicht so enorm verändert hat: Sie hat begriffen, dass sich ein lohnendes Geschäftsfeld eröffnet und schnell gehandelt. Die Bereitschaft und die Fähigkeit zu diesem Körpereinsatz könnten allerdings auch riskant sein.

Quarkundso.de wird das daher nicht nachmachen. Wir empfehlen es auch anderen nicht. Die Wahrscheinlichkeit ist nämlich hoch, dass wir keinen Modelvertrag bekommen, aber dafür vielleicht Diabetes. Oder eine künstliche Hüfte, irgendwann.

Das Ganze ist, wie gesagt, ausdrücklich reine Spekulation. Aber wir sind ja nicht doof. Und Sarina Nowak auch nicht.

©Johanna Bayer

Ein Hinweis zu KOMMENTAREN, aus gg. Anlass: Bitte im Impressum nachschauen. Dort steht, dass anonyme, beleidigende oder unsachliche Kommentare nicht veröffentlicht und nicht beantwortet werden.

 

BRIGITTE.de zur Modenschau von Sports Illustrated

Kommentar der australischen Lifestyle-Kolumnistin Soraiya Fuda zu Sports Illustrated

Australische Ärzte zum Thema

Psychiater und Medizin-Blogger Dr. Peter Teuschel über die Verharmlosung von Übergewicht

Beitrag auf BRIGITTE.de – ach nee, Werbung für Plusgrößenhersteller

 

DIE ZEIT: Pizza im postmodernen Deutungswahn und ein schweigender Experte

In der ZEIT haben zwei Journalisten mit zwei Forschern über Essen gesprochen. Einer ist der Food-Ethnologe Marin Trenk, der sich ganz ausgezeichnet mit fremden Kulturen und exotischen Gerichten auskennt. Die andere ist Christine Ott, eine Romanistin und Literaturwissenschaftlerin. Sie tritt als Expertin für alles auf, von frühkindlichen Prägungen bis zu politischer Soziologie. Und unvermittelt stehen wir im Gruselkabinett der Laberfächer. 

 

Pizza mit Tomate, Mozzarella, Basilikum

Die legendäre Pizza-Margherita – das Nationalgericht Italiens? Bild: Pixabay

Zwei Reporter und zwei Forscher auf lustiger Food-Safari, das klingt eigentlich nach leichter Kost. Zumal das interview in ZEIT-Campus erschien, dem Uni-Ableger der ZEIT.

Daher sollte es wohl etwas für Studenten und leicht verdaulich sein.

Das Ergebnis ist aber in Teilen so falsch und irritierend, dass die Sache auf Quarkundso.de gründlich behandelt werden muss.

Dabei war alles so nett und lustig aufgezogen – eine kurzweilige „Food-Safari“ durch die Frankfurter Kleinmarkthalle sollte es sein, ein „Menü in vier Gängen“.

Die Fragen waren auch nett und harmlos, sie galten den Lieblingstrends der jungen Generation, Pizza, Döner, Instagram und so. Einer der beiden Wissenschaftler, die antworten sollten, war Marin Trenk. Er ist Spezialist für Kulinarische Ethnologie und kennt sich ganz ausgezeichnet mit Essen, fremden Esskulturen und globalen Trends aus.

Die andere war die Literaturwissenschaftlerin Christine Ott, Professorin für italienische und französische Literaturwissenschaft. Von der ZEIT wird sie beschrieben als eine Forscherin, die untersucht, wie „Kultur, Nation und Ernährung zusammenhängen“.

Aha? Das ist die Aufgabe einer Romanistin? Klingt eher nach einem großen internationalen Sonderforschungsbereich zur Soziologie der Agrarwirtschaft. Wie sich noch herausstellen wird, ist diese Profilbeschreibung alles andere als zufällig.

 

Nur nach Bauchgefühl

Jedenfalls hat Christine Ott im Frühjahr 2017 ein Buch bei S. Fischer veröffentlicht, Titel: „Identität geht durch den Magen. Mythen der Esskultur“.

Den dicken Schinken, ein 500-Seiten-Opus, haben wir übrigens nicht gelesen, anders als das faszinierende Buch von Marin Trenk über globalisiertes Essen.

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Was die Romanistin angeht, begnügt sich Quarkundso.de also mit dem ZEIT-Interview. Wir gehen dabei nur nach dem unmittelbaren Augenschein vor – und natürlich nach Bauchgefühl, bei Quarkundso.de das Maß aller Dinge.

Die Fragen der Journalisten waren naheliegend: Warum fotografieren Menschen ihr Essen, warum ist die Avocado hip, warum gilt die Pizza als italienisches Nationalgericht, woher kommt der Döner – was Studenten halt so wissen wollen.

Trenk antwortet präzise und aufschlussreich, er ist weitgereister Ethnologe und weiß, woher das Essen kommt.

Ott antwortet auch. Aber keineswegs als Literaturwissenschaftlerin. Nur ein einziges Mal nimmt sie Bezug auf einen Roman.

 

Delikatessen essen als „Inszenierung“

Hand hält Teller mit geöffneten rohen Austern

Austern – Sinnbild der Dekadenz oder Fingerfood? Bild: Pixabay

Stattdessen spricht sie über Essen ganz allgemein, genauer gesagt deutet oder interpretiert sie alles rund ums Essen.

Und erklärt dabei schlechterdings die Welt: frühkindliche Prägungen, die Entwicklung von Ich und Identität, Distinktion und Abgrenzung zwischen Menschen, Schichten und Nationen, religiöse Tabus, die sexuelle Befreiung, Transkulturalität, Europaskepsis, Nationalchauvinismus, das Wesen der Küchen Italiens, Japans und Frankreichs sowie Geschichte und Charakteristik einzelner Gerichte.

Das ist schon erstaunlich dafür, dass sie ihr Spezialgebiet eigentlich die Literatur ist. Dabei kommt man bei ihren Auslegungen ins Grübeln, zum Beispiel, als es um Austern geht.

ZEIT Campus: In der Austernbar hier in der Markthalle bezahlt man für vier Austern mit Champagner 24 Euro. Ziemlich teuer!

Ott: Austern zu essen ist ein Zeichen von Distinktion. Allein die Inszenierung mit dem feinen Besteck, mit Porzellangeschirr und Schampus. Beim Schlürfen der Auster muss man gewisse Hemmungen überwinden, weil sie so glitschig ist und wie ein Glas Meerwasser schmeckt. Austern zu mögen muss man erst lernen. Der Soziologe Pierre Bourdieu hat die These aufgestellt, dass Menschen höherer Klassen Nahrungsmittel bevorzugen, die zum Beispiel bitter sind oder, wie die Austern, eine rohe Meeresfrucht. So hebt man sich vom Geschmack der Masse ab.

Die Sache mit der angeblichen Distinktion ist so gestrig, wir hatten das ja schon im Fall einer Soziologin am Wickel. Dass Menschen, die mehr Geld haben, sich öfter teure Sachen leisten können, ist nur ein oberflächlicher Befund, er reicht bei kulinarischen Phänomenen nicht weit.

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Denn richtig hingesehen hat Ott nicht – von einer Inszenierung mit feinem Besteck kann man bei rohen Austern nicht sprechen: Sie werden in die Hand genommen und lautstark aus der Schale geschlürft.

Otts Kritik an eingebildeten Schnöseln, die zwecks Abgrenzung vom Pöbel ihren Ekel unterdrücken und glitschige Meerestiere lutschen, ist viel eher eine angelesene Schablone als eine treffende Analyse oder auch nur Beobachtung.

Überhaupt – vielleicht war die ganze Truppe gar nicht erst am Austernstand, sondern nur an der Dönerbude. Dafür spricht einiges in diesem Interview.

Dass man das Genießen von rohen Austern angeblich erst lernen muss, ist auch nur eine klassenkämpferische Luftnummer. Schließlich müssen wir alles beim Essen mögen lernen, was anders schmeckt als Muttermilch.

Das gilt besonders für so bittere Gebräue wie Kaffee oder Bier. Die sind uns weiß Gott nicht in die Wiege gelegt, aber erfreuen sich größter Beliebtheit gerade in den proletarischen Schichten.

Im Fall von Muscheln steht außerdem fest, dass sie seit Hunderttausenden von Jahren ja, seit den Anfängen der Menschheit bevorzugt verzehrt werden. Nebenbei gesagt ist das Austernessen in Frankreich nichts Luxuriöses, ebenso wenig in Asien, wo der Großteil an Austern weltweit gezüchtet und verspeist wird.

In beiden Regionen gelten diese fetten Muscheln als höchst lecker, gesund, nahrhaft und bekömmlich. Für alle. In England und den USA waren sie bis Mitte des 19. Jahrhunderts sowieso ein Armenessen, da billig und in Massen aus dem Meer zu haben.

 

Innereien: eine Frage, keine Antwort

Leber- und Blutwürste, aufgeschnitten

Steckt im Darm der Wurst: Innereien, hier Blut- und Leberwurst. Bild: Pixabay

Egal, das Steckenpferd von Frau Ott ist die Abgrenzung, dazu braucht sie dringend das Austern-Klischee.

Eine andere Platte hat sie auch gar nicht drauf, das zeigt sich bei der Frage nach den Innereien.

ZEIT Campus: Austern sind schick, Innereien finden viele eklig. Wieso?

Ott: Speisetabus haben der Forschung immer schon Rätsel aufgegeben. Das fängt bereits bei den religiösen Speisegeboten und Speiseverboten an, zum Beispiel im Judentum.
(…)

Es gibt die funktionalistische Theorie, die besagt, dass man ein Gesetz etabliert und es einhält, um sich von anderen Kulturen abzugrenzen. Das könnte man auch auf die jüdischen oder die muslimischen Tabus beziehen. Oder auf nicht religiös fundierte Tabus.

Hier verfehlt Ott satt das Thema. Was hat das Essen von Innereien bei uns mit religiösen Speisevorschriften von Juden oder Moslems zu tun?

Und sie verzerrt die Fakten: Innereien unterliegen in Deutschland keinem Tabu, auch gab es keines in der Vergangenheit. Sie sind heute nur aus dem Blickfeld geraten. Trotzdem essen wir sie immer noch, sogar in rauen Mengen, nämlich in der Wurst.

Denn was ist der Darm, in den die Wurst gestopft wird? Auch Anteile in Wurstbrät, von Leber-, Blut-, Zungen- und Milzwurst mal ganz zu schweigen, bestehen aus Innereien. Deutschland muss sogar jede Menge Schafs- und Schweinedärme importieren, um den Hunger auf Wurst zu stillen.

Natürlich ist das nicht das, was Frau Ott meint. Aber sie haut trotzdem daneben, wenn sie auf Knopfdruck mit unpassenden Begriffen wie „Tabu“ um sich wirft, um auf ihre fixe Idee von der Abgrenzung zu sprechen zu kommen.

Diesmal haken die Journalisten aber ausnahmsweise nach: „Was ist mit Innereien?“.
Zum Glück greift dann der Fachmann ein: Marin Trenk stellt trocken fest, dass die Ablehnung von Innereien in Deutschland ein norddeutsches Phänomen ist und dass im Süden weiterhin, wenn auch rückläufig, Leber, Lunge, Milz, Zunge oder Herz in der Pfanne landen. Und ein Tabu gab es nie.

 

Falscher Mythos von der Pizza

Grillrost mit Holzscheit, Steak Bistecca Fiorentina

Die Fleischküche der Toskana – hier gibt es keine Pizza. Bild: Pixabay

Der Experte, hätte ruhig öfter reingrätschen sollen, etwa bei der Pizza.

ZEIT Campus: Die Pizza gilt als eines der italienischen Nationalgerichte. Wie kam es dazu?

Ott: Es gibt einen Mythos der Pizza. Wir wissen nicht, ob es damals wirklich so abgelaufen ist, aber die Erzählung geht so:

Im 19. Jahrhundert kam das Königspaar der noch jungen italienischen Nation zu Besuch nach Neapel. Es ging damals darum, Nord- und Süditalien ideologisch zu einen. Also erfand ein junger Pizzabäcker eine Pizza in den italienischen Nationalfarben Grün, Weiß und Rot, mit Basilikum, Mozzarella und Tomaten. Er benannte seine Erfindung nach dem Vornamen der Königin: Margherita.

Interessanterweise ist Otts Replik wieder keine Antwort auf die Frage. Damit hat sie wohl Probleme. Stattdessen verweist sie auf eine unbestätigte Anekdote, die sie zum „Mythos“ hochstilisiert, neben der Abgrenzung ihr erklärtes Lieblingsthema.

Aber sie liegt wieder daneben. Denn die Pizza gilt im Ausland nicht wegen eines cleveren Bäckers als italienisches Nationalgericht (die Legende ist von Historikern sowieso schon längst widerlegt worden, aber egal).

Auch sind die Italiener nicht begeistert davon, dass im Ausland ihre diversen ausgefeilten Hoch- und Regionalküchen mit dem Teigfladen aus Neapel gleichgesetzt werden. Zumal eine Pizza in einem regulären italienischen Mittag- oder Abendessen nichts zu suchen hat.

Wie es wirklich ist, weiß Marin Trenk, der schweigend daneben steht.

Er hat es in seinem Buch über globalisiertes Essen genau aufgeschrieben: Populär wurde die Pizza außerhalb Italiens zuerst in den USA, und zwar durch süditalienische Auswanderer vor Mitte des 20. Jahrhunderts.

In Deutschland trug die Reisewelle nach dem zweiten Weltkrieg dazu bei, dass erste Pizzerien entstanden. Sie befeuerten den Irrtum, dass die gesamte italienische Küche mit der Pizza gleichzusetzen sei.

Wie es aber im 19. Jahrhundert zur Bezeichnung der „Pizza Margherita“ (angeblich) gekommen ist, auf die Frau Ott anspielt, hat damit überhaupt nichts zu tun.

 

Die Hochküchen der Welt: nur Gastro-Chauvinismus?

Japanische Köche, Arbeitstheke, Fisch

Was Japaner können, können nur Japaner – zum Beispiel das spezielle Schneiden von Fisch. Bild: Pixabay

Es ist erstaunlich, dass der Ethnologe Trenk, ausgewiesener Kenner internationaler Esskulturen, im ZEIT-Interview die fachfremde Kollegin drauflos schwadronieren lässt.

Man kann sich gar nicht vorstellen, wie das zustande kommt:  Wurde das Interview im Nachhinein zusammengekürzt, so dass falsche Aussagen entstanden?

Damit wäre Frau Ott zumindest teilweise entschuldigt. Wahrscheinlich aber ist Trenk einfach nur zu bescheiden und höflich, um ständig zu unterbrechen. Leider.

Denn die Romanistin treibt es ziemlich bunt. Die italienische Kochkunst ist für sie eine „klassische Armenküche“ – eine absichtliche Verzerrung, die historisch und kulinarisch falsch ist. Diese gezielte Umwertung wird übrigens öfter von Veganern vorgebracht, die damit ihre restriktive Ernährungsform historisch legitimieren wollen („gab es schon immer, Esskultur Italiens, eine Armenküche ohne Fleisch, deshalb so gesund!“).

Dann deutet Ott den Stolz großer Kochnationen als Hang zu gefährlichem Gedankengut:

ZEIT Campus: Welche nationalen Unterschiede gibt es heute noch beim Essen?

Trenk: In Deutschland wurde gutes Essen lange als dekadent verachtet. Stolz war man hier nur auf die Hausmannskost. Das hat sich geändert, heute essen wir mit Vorliebe global, ob Pizza, Sushi oder Thai-Curry.

Christine Ott: In Italien, Frankreich oder Japan ist das ganz anders. Nehmen wir den Gastro-Chauvinismus, der in Italien sehr ausgeprägt ist. Manche behaupten dort, nur Italiener hätten eine angeborene Kompetenz, die ideale Komposition von Nudelsorte und Soße zu bestimmen. Ich finde das bedenklich, weil das auch ein Statement gegen Transkulturalität sein kann, das sich mit Europaskepsis und nationalistischen Tendenzen verbinden lässt.

Schlimmer kann es nicht kommen.

Alle drei genannten Küchen gehören zu den größten der Welt. Es sind höchste Kulturleistungen, von der UNESCO als Welterbe anerkannt. Will sich Frau Ott mit der UNESCO anlegen? Bestimmt nicht. Daher wirken die politischen Bedenken der Literaturwissenschaftlerin abstrus.

Und wieder sieht die kulturelle Praxis ganz anders aus: Zu Tausenden pilgern Profis wie ambitionierte Amateure nach Frankreich, Italien und Japan, um die wahre Küche dieser Länder zu ergründen. Wenigstens ein bisschen, so gut es geht, wenn man in diese Länder nicht hineingeboren ist – jeder kennt den Unterschied zwischen von Kindheit an gelernter Kultur und angelesenem Wissen aus zweiter Hand.

Das mit der Transkulturalität wirkt auch begrifflich etwas wirr. Als ob Transkulturalität eine Art politischer oder ethischer Pflicht wäre, das ist sie natürlich nicht. Sie ist bestenfalls ein Konzept oder ein Phänomen, vielleicht aber auch nur ein Konstrukt und überhaupt umstritten.

Dabei ignoriert Ott, was in der Welt gerade vor sich geht: Überall bemühen sich Bauern, Erzeuger, Händler und Köche, vor allem aber Politiker, Gesundheitsschützer, Ämter, Vereine und NGOs darum, das traditionelle Wissen authentischer Esskulturen zu erhalten. Das ist auch die Idee des UNESCO-Weltkulturerbes. Frau Ott ist offensichtlich keine Freundin davon, bemerkenswert.

 

Im Gruselkabinett der Laberfächer

Jetzt stellt sich natürlich die Frage: Wie kommt die Professorin auf all das? Woher bezieht sie ihr Gedankengut und diese befremdlichen Deutungen?

Googeln hilft, und man ist nicht überrascht. Aus dem Interview in der ZEIT, aber auch anderen Interviews, Statements und Artikeln kann man Otts theoretischen Hintergrund herauslesen.

Er stammt aus dem Gruselkabinett gewisser Laberfächer: Strukturalismus und Poststrukturalismus, der Urschlamm der Psychoanalyse nach Sigmund Freud, moderne Soziologie mit der Habitus-Theorie von Pierre Bourdieu, dazu Jean Baudrillard, Roland Barthes und allerlei Postmodernes, natürlich auch Lacan und Derrida, oder, wie ein Kritiker des Schwurbels schrieb: „Lacancan und Derridada“.

Die haben schon in vielen literaturwissenschaftlichen Oberseminaren Studenten verzweifeln lassen. In anderen akademischen Disziplinen spielen sie dagegen nur selten eine Rolle, die Soziologie partiell ausgenommen. Aber die schreibt sich damit auch kein Ruhmesblatt.

Als wissenschaftlich erachtet wird der ganze Quark jedenfalls nicht. Das gilt selbst für die ehrwürdige Psychoanalyse von Sigmund Freud – den „Tiefenschwindel“ (Kritiker). Bei Freuds Person liegen die Bewertungen bis heute zwischen „Genie“ und „Scharlatan“.

So halten die Ottschen Denkstützen fast nur in literaturwissenschaftlichen Seminaren zur Analyse von Texten her, die niemand verstehen soll. Also, die Analyse. Nicht die schönen Texte. So jedenfalls formulierte es der Germanist Klaus Laermann schon 1986, als er zur Kritik des Schwurbels in seinem eigenen Fach ansetzte, übrigens in der ZEIT.

Er benannte auch das Grundübel:

„Diese Autoren „können“ grundsätzlich alles: von der Linguistik über Philosophie, Psychoanalyse, Nationalökonomie und Kunstgeschichte bis hin zur Theologie oder Judaistik.“

Auch in den Naturwissenschaften plünderten die Alleskönner munter, wie der berüchtigte Soziologe Jean Baudrillard, der sich bei Quantenphysik und Relativitätstheorie bediente.

 

Jetzt aber einen Schnaps

So kam es zehn Jahre nach Laermanns Kritik zu einem lustigen Skandal: Ein Physiker brachte 1996 in einer kulturwissenschaftlichen Fachzeitschrift einen Nonsens-Artikel unter, in dem er die Sprache der Schwurbler nachäffte.

Damit wollte er zeigen, dass die Zunft weder weiß, wovon sie redet noch was sie liest. Der Artikel wurde tatsächlich als Fachbeitrag veröffentlicht, nachher war der Ärger groß. Der Fall ist bekannt als Sokal-Affäre.

So viel zu dem praxisfernen Deutungswahn der Romanistin Ott und ihren verzerrten Wahrnehmungen. Es ist wohl der Pressearbeit des Verlages zu verdanken, dass sie damit seit Erscheinen ihres Buches durch die Redaktionen gereicht wird.

Zum Beispiel war sie auch bei der TAZ, wo sie offen über ihr Ziel sprach:

Mein Buch ist nicht zuletzt ein Versuch, die heute so erfolgreichen Ansätze der Ernährungswissenschaft infrage zu stellen.

Oha. Das ist sportlich.

Allerdings wurde die Grundlage ihres Zerstörungswerks, ihr dickes Buch, von wichtigen Rezensenten ziemlich zerrissen: „Eine Geschichte von fast allem“; verquaste, geschraubte Sprache, fragwürdige Deutungen, komisches Zeug, mangelnde Erfahrung und Empirie, nichts passt zusammen, „akademischer Heavy Metal, und leider ein Beispiel dafür, warum der Graben zwischen Wissenschaft und Gesellschaft tief ist“. Das warfen ihr SPIEGEL und FAZ vor.

Natürlich lassen wir uns bei Quarkundso.de nicht von böswilligen, neidischen Kritikern beeinflussen. Die schreiben über das Buch, wir dagegen haben nur ein einziges Interview kommentiert und ein bisschen gegoogelt.

Aber das reicht.

Wir schließen uns daher dem letzten Satz des FAZ-Rezensenten rückhaltlos an: „Jetzt brauchen wir einen Schnaps“.

©Johanna Bayer

 

Das ZEIT-Interview mit Marin Trenk und Christine Ott

Ott erklärt der TAZ, dass sie die Ernährungswissenschaften entthronen möchte

Rezension in der FAZ von Jakob Strobel y Serra

Rezension im SPIEGEL von Gastro-Autor Ullrich Fichtner

Der FOCUS lässt Leute 30 Tage nur Wasser trinken – das ist fast genial

Der FOCUS hat zu einer Mitmach-Aktion aufgerufen, neudeutsch „Challenge“: 30 Tage nur Wasser trinken. Das scheint hart, ist aber nicht so schwer, wie es klingt – und außerdem genial. Denn Wassertrinken könnte dazu beitragen, die Epidemie an Übergewicht und Diabetes einzudämmen. Selbst die DGE kann da noch etwas lernen.

 

Glas, Wasser wird von oben reingegossen

Wasser, Wasser, nichts als Wasser. Ist das alltagstauglich? Bild: Pixabay

30 Tage nichts als Wasser! Dazu ruft der FOCUS auf, in seiner „Wasser-Challenge“.

Gemeint ist allerdings keine Nulldiät.

Sondern nur, dass alle sonst gewohnten Getränke für einen Monat durch reines Wasser ersetzt werden: kein Kaffee, kein Tee, keine Limos, und natürlich keine Cola, kein Kakao, keine Smoothies und keine Säfte.

Auch Bier, Wein oder sonstige Prozente sind verboten .

Das einzige erlaubte Getränk ist Wasser. Davon aber zwei bis drei Liter am Tag.

Natürlich kommt die Idee mal wieder aus dem Internet und vor allem aus den USA.  Sich solchen „Challenges“, Herausforderungen, zu stellen, ist ein ziemlich amerikanisches Phänomen. Der Hintergrund sind pubertäre Schülerspäße, Aufnahmerituale und Mutproben: Nackt über den Campus laufen oder literweise Bier trinken ohne aufs Klo gehen zu dürfen (wer hält am längsten ein?) sind noch die harmlosen.

Auf Youtube gibt es Unmengen von Videos, in denen Leute um die Wette essen, trinken, von irgendwo herunterspringen, sich öffentlich daneben benehmen oder sich mit etwas beschmieren, weil sie eine Wette oder Herausforderung angenommen haben.

Natürlich geht es bei so etwas um Spieltrieb und Sportsgeist. Aber Herausforderungen sind auch ein antikes, geradezu archaisches Ritual des Übergangs und seit Jahrtausenden eine spirituelle Übung: Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen und Selbstüberwindung sind höchste Tugenden in allen Religionen.

 

Gesundheits-Challenges: gegen den inneren Schweinehund

Daher sind Challenges auch beliebt, wenn es darum geht, irgendwie den Lebensstil zu ändern und Leute bei ihrem Ehrgeiz zu packen.

So nennen zum Beispiel die Weight Watchers ihr Einstiegsprogramm zum Abnehmen  „Challenge“. Auch Promi-Veganer Attila Hildmann ruft seit Jahren zur 30-Tage-vegan-Challenge auf. Hannah Frey, Clean-Eating-Bloggerin, hat ebenfalls eine Challenge ausgerufen. Bei ihr geht es um Zucker, für Clean-Eating-Leute das reinste Gift. Im „Projekt: Zuckerfrei“ soll man 40 Tage auf alles verzichten, was zugesetzten Zucker enthält.

Das ist gar nicht so einfach, denn Zucker steckt in so vielen Lebensmitteln von Ketchup bis Sauerkraut, dass man nahezu auf alles verzichten muss, was man nicht selbst gekocht hat. Natürlich ist das der Hintersinn der Sache, das nur am Rande.

Einige Challenges sind, wie das Zuckerfrei-Projekt oder viele Fastenkuren, dabei ausgesprochen unrealistisch und gar nicht erst für den Alltag oder auf Dauer ausgelegt. Pädagogisch wertvoll sind sie trotzdem: Wer sich einige Wochen lang mäßigen kann, qualifiziert sich für höhere Ziele und lernt, den inneren Schweinehund zu besiegen.

Der Lohn der Plackerei ist am Ende nicht nur, einmal für kurze Zeit eine neue Erfahrung gemacht zu haben.

Nein, potenziell geht es um mehr: um einen Durchbruch zur Selbstwirksamkeit, um Transformation und vielleicht sogar den Übergang in ein ganz neues Dasein. Das ist kein Witz. Die Erfahrung, dass man Ziele durch den eigenen Willen erreichen kann, egal welche, stärkt das Selbstbewusstsein ungemein und macht Veränderung möglich.

 

Betreutes Trinken

Jetzt also der FOCUS mit seiner Challenge, 30 Tage nicht als Wasser zu trinken.

Aktionen mit „Nur Wasser!“ stehen schon seit Jahren im Netz und auf Youtube. Pummelige Teenager berichten dort davon, wie sie durch Wasser von ihrer Cola-Sucht runtergekommen sind, junge Mütter schwärmen von Gewichtsverlust und besserer Haut.

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Das hat beim FOCUS eine Nachwuchsredakteurin gesehen und sich daran gemacht, selbst die Challenge anzunehmen und darüber zu berichten.

Einfach so, weil Challenges halt Mode sind.

Sie postet Videos von sich selbst, schreibt Artikel dazu, wie es ihr auf dem Mädelsabend, dem Weinfest oder im Büro geht (kein Kaffee im Büro ist in Deutschland eigentlich undenkbar). Dazu gibt es informative Beiträge, etwa über die Qualität von Leitungswasser und Mineralwasser.

Außerdem hat sie eine geschlossene Facebook-Gruppe gegründet, die über 2000 Mitglieder hat. Es gibt für die zu ermittelnde Wassermenge im Verhältnis zum Körpergewicht einen Wasserrechner und viele Experten-Infos, darunter von der DGE.

 

Crossmedial und strategisch clever

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat sich natürlich sofort Zugang zu der Gruppe verschafft. Zu lesen sind dort Berichte von Leuten, denen plötzlich ihre gewohnte Cola nicht mehr schmeckt oder die nach ein paar Tagen Wassertrinken feststellen, dass sie weniger Süßes essen.

Viele haben ein bis drei Kilo abgenommen, einigen macht der Koffeinentzug in den ersten Tagen schwer zu schaffen, sie haben die typischen Kopfschmerzen oder sind dauermüde.

Anderen fällt auf, dass das Saufen am Wochenende und ihre gewohnt schlechte Ernährung hinderlich sind, wenn man gesünder leben will. Wieder andere berichten, dass sie mehr Süßes gegessen haben als vorher, aber trotzdem in den 30 Tagen nicht zugenommen haben.

 

Titelbild Artikel Focus Online mit Redakteurin, die sich ein Glas Wasser eingießt

Screenshot von der FOCUS-Wasserchallenge

 

Logisch, schließlich fielen ja viele Kalorien weg, die in Saft, Cola, Bier und Wein stecken.
Am Ende wollen alle weitermachen, wenigstens in abgespeckter Form, also mit morgendlichem Kaffee oder dem einen oder anderen Glas Wein.

Und alle sind froh, dass sie von Softdrinks und oft auch Süßigkeiten allgemein etwas weggekommen sind. Viele nehmen sich vor, noch mehr an ihrem Leben zu ändern.

Ob sich der FOCUS irgendetwas Besonderes dabei gedacht hat? Vermutlich nicht.

Es ist ein Spaß und lässt sich gut crossmedial ausbauen. Medienstrategisch gesehen ist das clever und modern.

Wenn aber alles, was die Teilnehmer berichten – abgenommen, weniger Süßigkeiten,  neues Geschmacksempfinden, besseres Gefühl, motiviert, etwas zu ändern – das Ergebnis der albernen Challenge ist, was soll man dazu sagen?

 

Wasser – what else?

Es gibt nur eine Antwort: Die Sache ist genial.

Ja, Wassertrinken ist genial und die Wasser-Challenge des FOCUS als Anstoß, es zu tun, ist auch genial.

Fast, na gut, weil zu radikal, das ist nichts für das echte Leben – man muss nicht komplett auf Kaffee, Tee, Wein und Bier verzichten, ebenso wie es Unsinn ist, überhaupt keinen Zucker zu essen oder gar kein Salz.

Diese 30-Tage-Challenge kann nur ein Übergang in eine praktikable Alltagsstrategie sein, in der auch die Tasse Kaffee am Morgen und das gelegentliche Glas Wein erlaubt sind.

Aber der Kern der Sache ist: Mehr oder überwiegend Wasser trinken ist genial, weil es eine große Hilfe im Kampf gegen die Probleme mit Übergewicht und Diabetes sein kann.

Vielleicht sogar die Lösung.

Die unsäglichen Eingriffe mit industrieller Rumpfuscherei an unseren Lebensmitteln, um hier das Fett und da den Zucker rauszukriegen, würden abgewehrt. Ebenso fruchtlöse Diät-Tipps und sinnlose Ernährungsratschläge.

Tatsächlich ist Wassertrinken auf jeden Fall ein einfacher Weg, um jede Menge Kalorien zu sparen, den Stoffwechsel zu entlasten, den Blutzucker nicht stressen und verfettete Lebern zu retten.

 

Die Deutschen sind Saftweltmeister

Glas Orangensaft, zwei Orangen im Hintergrund

Es hilft nichts: Auch Orangensaft macht dick. Bild: Pixabay

Denn Mediziner und Gesundheitsforscher sprechen es längst laut aus:

Die größten Dickmacher sind heute die Getränke.

Limo, Cola, Säfte, gezuckerte Softdrinks und dann noch Bier und Alkohol mehrmals am Tag, samt Extra-Schluck am Wochenende – da kommt ordentlich was zusammen.

Nur eine einzige (!) Saftschorle täglich kann im Jahr 2,5 Kilo Fettgewebe auf die Hüften bringen, hat der begnadete Ernährungsmediziner Volker Schusdziarra schon mal ausgerechnet, übrigens im FOCUS. Die Deutschen hängen aber ganz besonders an ihren Säften und trinken sogar mehr davon als jedes andere Volk der Erde: Deutschland ist Saftweltmeister, vermelden stolz Hersteller und Fachzeitschriften.

Das ist nicht ganz unpikant.

Denn gleichzeitig ertönt jeden Tag das Lamento über die Epidemie der Dicken in Deutschland.

Zu den über 30 Litern Saft kommen rund 120 Liter Liter Cola und Limo sowie mehr als 100 Liter Bier pro Kopf und Jahr. Mehr Bier trinken nur die Tschechen, die übrigens mit Deutschland um den ersten Platz in der Tabelle der dicksten Europäer wetteifern.

Wenn man die Kaloriengehalte dazu umrechnet in normale Portionsgrößen, vielleicht ein Viertelliter Saft und Cola oder einen halben Liter Bier am Tag, und dabei bedenkt, dass die Hälfte der Bevölkerung kein Bier trinkt, dafür aber zusätzlich Cola und Limo, bringen diese Getränke irrwitzige Mengen an komplett überflüssigen Kalorien zusammen.

Kaum jemand berücksichtigt diese Kalorien in seiner täglichen Energiebilanz und zieht sie etwa vom Essen ab. Da liegt es auf der Hand, dass man mit Wassertrinken wirklich etwas gegen die Übergewichtsepidemie ausrichten kann.

 

„Da kriegst Du Läuse“

Trinkflasche, Wasser, grün gefärbt, zwei Becher, Obst auf Tisch

Es muss was drin sein, sonst kickt es nicht. Bild: Pixabay

Aber der Widerstand gegen das Wasser, unser natürlichstes Lebensmittel, ist hoch. „Nur Wasser“, das klingt nach Knast und trocken Brot.

Viele versetzt das in Panik. Einfaches Wasser bietet ihnen nicht genügend Reize, mindestens Blubber muss drin sein. Am besten aber hat Wasser irgendeinen Geschmack, vornehmlich süßen.

Schon Babys werden daher mit Tee und Saft auf den Süßgeschmack beim Trinken konditioniert:  Viele Eltern haben wegen ihrer eigenen Vorlieben Hemmungen, kleinen Kindern Wasser zum Trinken zu geben.

Die Hemmung hat alte Wurzeln: Bis ins frühe 20. Jahrhundert war Trinkwasser nicht immer sicher, auch in der Natur Wasser aus Bächen oder Viehbrunnen zu trinken, barg Gefahren. Omas Spruch „Von Wasser kriegt man Läuse“ haben viele noch im Ohr.

Aber das ist heute längst passé. Deutschland hat allen Unkenrufen zum Trotz immer noch hervorragendes Leitungswasser, die meisten anderen europäischen Länder haben längst keine so gute Trinkwasserqualität.

 

Die Angst der Fachleute vor Klartext

Trotzdem gibt es Unbehagen, Wasser eindeutig als das Getränk Nr. 1 zu empfehlen. Selbst die DGE, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, wagt es nicht, Klartext zu reden, obwohl sie es am besten weiß.  Andere Länder haben da keine Hemmungen, etwa Italien oder Japan.

Aber die DGE  spricht unter Punkt 7 ihrer 10 Ernährungsregeln lieber verschwurbelt von „Flüssigkeit“. Dabei steht die Hintertür zur geliebten Saftschorle weit offen:

7. Reichlich Flüssigkeit
Wasser ist lebensnotwendig. Trinken Sie rund 1,5 Liter Flüssigkeit jeden Tag. Bevorzugen Sie Wasser – ohne oder mit Kohlensäure – und energiearme Getränke. Trinken Sie zuckergesüßte Getränke nur selten. Diese sind energiereich und können bei gesteigerter Zufuhr die Entstehung von Übergewicht fördern. Alkoholische Getränke sollten wegen der damit verbundenen gesundheitlichen Risiken nur gelegentlich und nur in kleinen Mengen konsumiert werden.

Wasser und energiearme Getränke auf einer Stufe, das ist ja prima! Denn energiearm sind Saftschorlen ja wohl, und Bier auch, beide kommen mit nur 22 bis 30 Kalorien pro 100 ml daher. Damit haben sie viel weniger als Wein oder Milch, Cola oder Vollfruchtsäfte, das ist doch im Vergleich energiearm. Oder?

Eben nicht. Denn die Kalorien aus Getränken sind trotzdem überflüssig.

Allerdings wäre es möglich, die Regel eindeutig zu formulieren und keine Hintertüren mehr offenzulassen.

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Nur haben Sachverständige mit klarer, einfacher Sprache oft Schwierigkeiten. Sie neigen dazu, alle möglichen Zweifelsfälle abzudecken,  statt echte Ratschläge auszusprechen. Und sie fürchten sehr, wegen Unvollständigkeit ins Kreuzfeuer von Kollegen zu geraten.

Deshalb stecken Experten-Regeln, die simpel und eindeutig sein könnten – trinkt Wasser! – voller weichgespülter, abstrakter Phrasen. Darin hat dann zwar alles Platz, was unter der Sonne ist, zum Beispiel, dass es Wasser mit und ohne Kohlensäure gibt.

Aber eine echte Empfehlung ist das nicht. Denn die sollte doch gerade eine spitze Aussage sein: Was raten wir? Was ist am besten? Wonach sollen wir streben?

Und nicht: Es gibt eine Möglichkeit, aber es gibt immer auch andere Möglichkeiten, und dabei kommt es natürlich auf ganz viele Faktoren an – die Umwelt, sonstige Flüssigkeitsgehalte, etwa in Gemüse, vor allem individuelle Vorlieben und Gewohnheiten, so dass man nicht das eine erwähnen kann, ohne auch das andere aufzuführen, damit man auf jeden Fall fachlich ganz sauber bleibt, aber auf keinen Fall als der Oberlehrer mit erhobenem Zeigefinger daher kommt, der man von Amts wegen ist, was aber keiner merken soll.

 

Challenge für Quarkundso: die DGE-Regel umschreiben

Da bietet Quarkundso.de gerne Hilfe an: Wir schreiben die Regel um.

Wir betrachten das als Challenge, als Herausforderung. Die Aufgabe ist knifflig: Die Empfehlung muss einfach und verständlich sein, Sinn und Duktus innerhalb der 10 Regeln der DGE müssen erhalten und alle bisherigen Themen drin bleiben, aber der Text darf nicht länger werden.

Das wagen wir.

Bestehen wir die Probe, wird das die Menschheit vor dem Übergewicht retten und außerdem Steuergelder sparen, von denen die DGE immerhin fünf Millionen pro Jahr kassiert.

Das Problem in Regel Nr. 7 ist aus Sicht von Quarkundso.de, dass sie zu abstrakt ist: Da will jemand erklären, was Flüssigkeitszufuhr ist, anstatt eine klare Richtung vorzugeben.

Also packen wir die Sache an: Zuerst kommt die Binse am Anfang raus („Wasser ist lebensnotwendig“). Das lernt jeder in der 3. Klasse und tut hier nichts zur Sache. Und dumm ist der trinkfeste Bürger ja nicht, er weiß: Bier, Saft und Cola bestehen zu über 90 Prozent aus Wasser – meinen Flüssigkeitsbedarf kann ich damit prima decken!

Das ist aber das Problem. Davon wollen wir weg.

Weiter mit der Challenge – worum geht es bei einer Regel? Sie muss klar sein. Keine Unschärfen. Wassertrinken muss also an erster Stelle stehen.

Das Proseminar über den Flüssigkeitsbedarf des Menschen im Allgemeinen und den Flüssigkeitsgehalt von Lebensmitteln sowie die tägliche Flüssigkeitsbilanz im Einzelnen („aber Gurken enthalten doch auch Wasser, da zählt doch dazu, und was ist mit Kaffee und Tee?“) halten wir andernorts.

 

Hürden und Hintertüren

Bierglas vor blauem Himmel

Bier ist gut. Macht aber auch dick. Bild: Pixabay

Dann kommt die gefährlichste Hürde: das Rumeiern um das Übergewicht. Bei der DGE klingt das so:

„Trinken Sie zuckergesüßte Getränke nur selten. Diese sind energiereich und können bei gesteigerter Zufuhr die Entstehung von Übergewicht fördern.“

Ganze Marketingabteilungen und wissenschaftliche Beratungsgremien der Getränkeindustrie betonen unermüdlich, dass ihre Säfte nicht automatisch dick machen und dass man damit Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe aufnehmen kann.

Das hat die DGE brav berücksichtigt und gleich mehrere Modalitäten eingebaut, anstatt das Kind beim Namen zu nennen.

Auch ist „selten“ zu vage – was ist „selten“, und was kann schlecht sein an Bio-Säften aus frischen Früchten der Region?

So hat Regel Nr. 7 hinten ein weit offenes Scheunentor – und genau die, die gemeint sind, flüchten dort hindurch in den Saftladen: „Ich trinke doch nur ein oder zwei Gläser am Tag!“,  „Orangensaft deckt auch einen Teil des Vitamin-C-Bedarfs, das ist erwiesen.“, „Smoothies sind aber gesund!“.

Ja. Es sind trotzdem überflüssige Kalorien. Du brauchst sie nicht. Und Vitamine sind anderswo besser zu holen als aus Getränken. Also Schluss damit. Wir wissen es alle: Was nicht Wasser ist, ist ein Dickmacher. Seht der Sache ins Auge.

Was den Alkohol angeht, muss man sich damit extra auseinandersetzen. Bier, Wein, Schnaps und Cocktails gehören zwar für viele zu Lebensstil, Genuss und Esskultur. Das ist in Ordnung, wenn man damit umgehen kann. Und wenn man kein Übergewicht hat.

Ehrlicherweise aber gehören Alkoholika nicht in einen Kanon mit Ratschlägen zur Ernährung, schlicht, weil wir Alkohol nicht brauchen. Deshalb hat er in den 10 Regeln der DGE nichts zu suchen.

Um aber die Challenge „Schreibe die Regel um!“ korrekt zu erfüllen und alle Bestandteile zu erhalten, wird der Alkohol zwar erwähnt, aber an seinen Platz verwiesen. Der ist anderswo.

 

Die ultimative Trinkregel für den Rest Ihres Lebens

Daher kommt hier die Regel Nr. 7 der DGE in der neuen Fassung von Quarkundso.de:

7. Trinken Sie Wasser!
Wasser ist köstlich und der einzig sinnvolle Durstlöscher. Menschen brauchen etwa 1,5 Liter Wasser am Tag – alle anderen Getränke sind nur Genussmittel. Sie fördern meistens Übergewicht, daher dürfen Erfrischungsgetränke wie Cola und Limo nicht täglich getrunken werden. Das gilt auch für Fruchtsaft und Schorle. Bier, Wein und Alkoholhaltiges müssen Sie bewusst begrenzen: Alkohol kann schon in kleinen Mengen schaden. Dazu gibt es gesonderte Regeln.

Das Spendenkonto von Quarkundso.de finden DGE, Gesundheitsämter, Krankenkassen und andere interessierte Kreise oben rechts. Wir bitten für die Neuerstellung der Nr. 7 von 10 Regeln um den gerechten Anteil vom Haushalt der DGE.

Macht 500.000 Euro. Vielen Dank.

Der Dank gebührt aber auch dem FOCUS, der zur absolut zukunftsträchtigen Wasser-Challenge ausgerufen hat.

Wir fordern daher alle Leser auf, dort mitzumachen. Der Link steht unten. Danach gehen Sie nach der – neuen – Regel Nr. 7 vor. Dann kann für den Rest Ihres Lebens nichts mehr schiefgehen.

©Johanna Bayer

Die Wasser-Challenge im FOCUS

AKTUELLER NACHTRAG: Die DGE ändert ihre 10 Regeln nach diesem Beitrag von Quarkundso.de!

Die 10 Regeln der DGE hat die DGE – Überraschung! – geändert, und zwar NACH Erscheinen dieses Blogbeitrages. Der Beitrag auf Quarkundso.de mit unserer neuen Regel Nr. 7 und vielen Hinweisen dazu ging am 11.8.2017 online.

Am 30.8.2017 hat die DGE nun ihre 10 Regeln umformuliert in eine einfachere und „knackigere“ Form, wie sie schreibt. Und jetzt steht da auf der Homepage unter Regel 7: „Am besten Wasser trinken!“ . Weiter heißt es:

„Trinken Sie rund 1,5 Liter jeden Tag. Am besten Wasser oder andere kalorienfreie Getränke wie ungesüßten Tee. Zuckergesüßte und alkoholische Getränke sind nicht empfehlenswert.

Ihr Körper braucht Flüssigkeit in Form von Wasser. Zuckergesüßte Getränke liefern unnötige Kalorien und kaum wichtige Nährstoffe. Der Konsum kann die Entstehung von Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2 fördern.

Alkoholische Getränke sind ebenfalls kalorienreich. Außerdem fördert Alkohol die Entstehung von Krebs und ist mit weiteren gesundheitlichen Risiken verbunden.

Nicht, dass wir uns da was einbilden – natürlich war, wie die DGE auf Anfrage antwortete, die Überarbeitung der 10 Regeln schon längst geplant. aber interessant ist die Übereinstimmung  schon. Hier der Beleg für das Original, wie es bis 30.August 2017 online war, oben im Text schon zitiert wurde und auf das sich unsere – konstruktive – Kritik bezieht:

Die 10 Regeln der DGE – online bis 30.8.2017

Wir rechnen in den nächsten Tagen mit dem Eingang von 500.000 Euro auf das Sparschwein.  Verbindlichsten Dank!

BRIGITTE.de: Online first und Chaos mit Kokosöl

Eine einzige Schlagzeile kann den Ruf ruinieren. Sowas hat jetzt ein altehrwürdiges Nahrungsmittel getroffen, nämlich das Kokosöl: statt Superfood sei das Killerfett, schrieben gerade alle irgendwo ab. Mit ollen Kamellen über Fettsäuren und eine zusammengeklitterte Meldung ging auch ein Produkt von Gruner&Jahr ans Werk, BRIGITTE.de

 

coconut-1125_1280Die Kokosnuss und ihr Fett sind traditionelle und sehr geschätzte Nahrungsmittel rund um die Welt – in Süd- und Südostasien, Afrika und Südamerika, im ganzen Pazifik, in der Karibik.

Überall, wo Kokospalmen gedeihen, sind Kokosfleisch, Kokosmilch und Kokosöl jeden Tag im Essen. Im Ayurveda und in anderen Volksheilkunden genießt die Kokosnuss sogar den Status eines Heilmittels.

Nicht aber in den USA. Dort und in gewissen westlichen Industrieländern, deren Kernkompetenz bekanntlich gesunde Ernährung ist – zum Beispiel in England – beäugt man das Fett der Kokosnuss missgünstig.

Das duftende native Kokosöl hat in den letzten Jahren nämlich gewaltige Verbreitung gefunden, seit hippe Clean-Eating-Vertreter, die gesamte Low-Carb-Fraktion, Fans der Keto-Ernährung sowie Veganer das Kokosfett entdeckt haben.

Seit 1980 hat sich die Kokosnussanbau verdoppelt, und das hat seinen Grund: Natives Kokosöl eignet sich zum Braten, etwa von Gemüse und Fisch, schmeckt gut und ist in der Küche vielseitig zu verarbeiten, Tiere müssen dafür nicht sterben und als nachhaltiges Bioprodukt ist es auch noch zu haben.

 

Olle Kamellen über Fettsäuren – und die Wildcard für Quarkundso.de

Die American Heart Association (AHA) wollte im Juni 2017 diesem Treiben Einhalt gebieten – mal wieder. Das ist nicht das erste Mal, dazu kommen wir noch.

Jedenfalls hat die AHA eine aktuelle Empfehlung zum Thema Nahrungsfett verbreitet, in der sie olle Kamellen zu gesättigten Fettsäuren wiederkäut und sich neben Milchfett auch das Kokosöl im Vergleich zu mehrfach ungesättigten Fettsäuren aus Pflanzenölen vornimmt.

Die Sache ging gewaltig durch die Presse, und zwar unter diesem Titel „Kokosöl genauso ungesund wie Butter“; international klang es noch schlimmer: „Coconut is as unhealthy as beef fat and butter“.

 

Screenshot Google-Suche zu "Kokosöl so ungesund wie Butter", lauter identische Überschriften

Screenshot Google-Suche zu „Kokosöl so ungesund wie Butter“

Schlagzeile_englScreenshot Google-Suche zu "Coconut Oil as Unhealthy as Butter" auf Englisch, identische Schlagzeilen

Screenshot Google-Suche zu „Coconut Oil as Unhealthy as Butter“ auf Englisch

An der hysterischen Fledderei nahm auch BRIGITTE.de teil, der Online-Ableger des alten Gruner&Jahr-Flaggschiffs BRIGITTE. Nicht, dass sie im Kern etwas anderes getan hätte als die anderen. Aber die flotte Digital-Brigitte war in der Behandlung der Materie so mustergültig kurz wie doof.

Das hat ihr eine der begehrten Wildcards für Quarkundso.de eingebracht.

 

Salopp abgefertigt

Das Portal für die junge Zielgruppe der BRIGITTE hat also mit schönen Kokosnussbildern die saftige Schlagzeile aufgenommen. Die stammt vermutlich aus der Agenturmeldung der DPA, darauf weist das stereotype Erscheinen in Dutzenden von Publikationen hin, wie im Screenshot oben zu sehen: Alle hatten dieselbe Überschrift.

 

Screenshot BRIGITTE.de: "Experten warnen: Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter" - Bild mit Schlagzeile und Koksonüssen

Screenshot BRIGITTE.de: „Experten warnen: Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter“

Im Artikel fertigt die Autorin das Kokosöl kurz und salopp ab: „Wir“ haben uns in den letzten Jahren Kokosöl auf die Haut, in die Haare und insbesondere ins Essen geschmiert. Doch das sei gar nicht gesund, wie US-Forscher festgestellt hätten: Kokosöl sei kein Wundermittel, denn es enthalte überwiegend gesättigte Fettsäuren, mehr als Butter oder Schweineschmalz.

Gesättigte Fettsäuren, so der Text weiter, erhöhen den LDL-Cholesterinspiegel, das sei ein Risikofaktor für Herzinfarkt. Außerdem sei in Studien bewiesen worden, dass Menschen, die mehr ungesättigte Fettsäuren zu sich nehmen, ein um 30 Prozent geringeres Risiko haben, an Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben.

Daher solle man statt zu Kokosöl lieber zu ungesättigten Fettsäuren greifen – „die stecken in Avocados, Nüssen, Olivenöl und Fisch.“

 

Meldungsklittern nach Schema F

Der kleine Artikel ist so oberflächlich und lieblos gestrickt, dass klar wird: Die Autorin hat nur die DPA-Meldung gelesen, natürlich nicht das Original-Paper der AHA. Sie hat auch nicht weiter recherchiert oder sich über Kokosöl informiert. Sie hat keine Experten befragt und geht auch nonchalant darüber hinweg, dass das eigene Blatt endlos Rezepte mit Kokos und Kokosfett angeboten hat, die noch online stehen.

Überdies hat sie keine Vorstellung davon, was man mit Kokosöl in der Küche macht, sondern einfach den Agenturtext umgeschrieben – nach dem plattesten Schema F: Eine Studie? Was sagen die Forscher laut Meldung? Aha, man soll kein Kokosöl nehmen? Weil es so viele gesättigte Fettsäuren enthält?

Dann wird das wohl das Thema der Studie sein, folgert die Autorin:

„Wie Experten der „American Heart Association“ jetzt herausgefunden haben, enthält Kokosöl sehr viele gesättigte Fettsäuren – und die sind bekanntlich nicht allzu gesund für unseren Körper.“

Einem CvD oder sonst einer Kontrollinstanz ist das nicht weiter aufgefallen. Das ist dumm. Denn natürlich war es gar nicht Thema der Studie, zu untersuchen, woraus Kokosöl besteht. Die Herzfachleute der AHA sind keine Chemiker.

Deshalb haben diese Wissenschaftler auch gar nicht „jetzt“ herausgefunden, dass Kokosöl voller gesättigter Fettsäuren steckt.

Auch nicht früher – sie haben es überhaupt nicht herausgefunden.

Dass Kokosöl zu 90 Prozent aus ungesättigten Fettsäuren besteht, ist schon bekannt, seit man weiß, was Fettsäuren sind – so etwa seit 1823. Noch im 19. Jahrhundert wurden sämtliche Fette und Öle chemischen Analysen unterzogen, für die Industrie, aber auch, weil Fett kriegswichtig war: der Nährstoff, dessen Verfügbarkeit an erster Stelle gesichert werden musste.

Nicht, dass das alles im Artikel hätte stehen müssen, Gott bewahre. Nur haben die AHA-Experten weder untersucht noch entdeckt, was im Kokosöl steckt.

 

Kokosöl in der Küche

Genauso unbedarft und unfreiwillig komisch ist der unvermeidliche Nutzwert-Tipp am Ende:

(…) Kokosöl nur in Maßen genießen und stattdessen lieber zu ungesättigten Fettsäuren greifen. Diese stecken etwa in Avocados, Nüssen, Hülsenfrüchten und Fisch.

Nun verwendet man Kokosöl überwiegend zum Braten, zumindest, wenn man in der eigenen Küche steht. Die Industrie verarbeitet es in Süßigkeiten, etwa in Kuvertüren von Konfekt und in der Füllung von Waffeln.

Da ist es natürlich barer Unsinn, als „Ersatz“ Avocados, Nüsse und Fisch vorzuschlagen – entstanden aus dem unsäglichen Zusammenklittern von Ernährungsempfehlungen aus Tabellen oder anderen, nur halb verstandenen Texten.

Das ist für ein renommiertes Frauenmagazin blamabel und kein gutes Zeugnis für Redaktion und die Autorin selbst. Dem Kürzel „jg“ nach, der unter dem Artikel steht, ist es übrigens eine Redakteurin, die Gesundheit und Ernährung als Spezialgebiet angibt. Ah ja.

 

„BRIGITTE – Igitte!“

Ein Wunder ist die Misere allerdings nicht.

Seit Print tot ist, müssen die alten Flaggschiffe auf Online setzen, doch was in den digitalen Ablegern, Portalen und Facebookseiten steht, segelt oft weit unter der redaktionellen Flughöhe des Hauptblatts.

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Und das wohl mit Absicht.

Gruner&Jahr schießt dabei mit der Qualitätsschere zwischen Print- und Online-Angeboten den Vogel ab. Das hat neulich auch Bildblog.de festgestellt, unter der schönen Überschrift „BRIGITTE – Igitte!“:

„Brigitte“ war mal eine ganz respektable Frauenzeitschrift. Bei Facebook ist „Brigitte“ zu einer Klickmaschine mutiert, die mit effekthascherischen oder gefühligen oder andeutenden oder irreführenden Überschriften und Teasern möglichst viele Leserinnen und Leser auf Brigitte.de locken will.

Der offensichtliche Qualitätsunterschied bringt selbst die altgedienten Redakteurinnen der BRIGITTE-Redaktion in München in Verlegenheit.

Nach dem Online-Angebot befragt und wie das denn kommen könne, hob eine abwehrend beide Hände: Um Gottes Willen, also, damit habe man nichts, aber auch gar nichts zu tun! Das sei redaktionell komplett getrennt, ganz andere Leute, die seien in Hamburg und man selbst arbeite natürlich ganz anders!

Bestimmt. Ganz sicher sogar.

Verantwortlich für die Onliner in Hamburg ist seit 2016 aber eine neue Digital-Chefin, eine frühere Springer-Journalisten mit dem schönen Namen Eva Pfundflasche. Über sie meldet Gruner&Jahr stolz:

Seit ihrem Start konnte die ausgewiesene Digital-Expertin die Reichweite von brigitte.de verdoppeln und die Marke zurück an die Spitze des Wettbewerbs führen. Brigitte zeigt heute auf allen digitalen Kanälen ein junges, modernes Gesicht. Die Leserschaft insbesondere in den begleitenden Social Media Angeboten hat sich deutlich verjüngt, hier adressiert Brigitte erfolgreich die Zielgruppe 20-34 Jahre.

Ach so. Dann haben wir das jetzt verstanden.

 

Was ist denn nun mit dem Kokosöl?

Damit darf die Sache aber nicht enden. Denn Quarkundso.de, das Ernährungsportal Ihres Vertrauens, sieht sich demselben Druck ausgesetzt wie die billigen Online-Angebote: Wir stehen nämlich auch unter dem Zwang, Nutzwert zu liefern und alles leicht, lustig, in Häppchen und verständlich zu servieren.

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Daher kurz zur Sache: Was ist mit dem Kokosöl und der AHA?

Die American Heart Association (AHA) hat am 26.6.2017 eine allgemeine Empfehlung zu Nahrungsfetten herausgegeben. Sie gilt nicht ausschließlich dem Kokosöl. Es ist ein Positionspapier zu gesättigten Fettsäuren und Nahrungsfetten allgemein. Darin hat die AHA Studien aus 60 Jahren kommentiert, bis hin zu Fütterungsversuchen mit Affen.

Alles, was sie in ihrer Empfehlung schreibt, ist bekannt und nichts als die Wiederholung der alten amerikanischen Anti-Fett-Doktrin: Raus mit den gesättigten Fettsäuren aus der Nahrung! Diese Doktrin vertritt man in den USA schon seit den 1950er Jahren. Immerhin erwähnt die AHA nebenbei korrekt, dass es heute keine Begrenzung der Fettmenge in der Nahrung mehr gibt und dass, Achtung, der Ersatz von Fett durch Kohlenhydrate und Zucker negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Dass Kokosöl wegen der ungesättigten Fettsäuren angeblich ungünstig sein soll, stand aber auch schon in den amerikanischen Ernährungsempfehlungen von 2010, den Dietary Guidelines.

In dasselbe Horn – gegen das Kokosöl – stoßen auch andere Institutionen wie 2016 die British Nutrition Foundation, eine nationale Ernährungseinrichtung in England, wieder ohne Zweifel ein Land mit höchster Ernährungskompetenz.

Hintergrund ist natürlich, dass es in der Wissenschaft seit Jahren immer mehr Stimmen gibt, die traditionelle Nahrungsfette mit einem natürlichen Gehalt an gesättigten Fetten rehabilitieren. Die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Butter wurde vom TIME MAGAZINE schon 2014 auf den Titel gehievt („Eat Butter!“). Milchfett, das viele gesättigte Fettsäuren enthält, ist gerade schwer im Aufwind: Nein, es verursacht keinen Herzinfarkt und führt auch nicht langfristig zu schlechteren Cholesterinwerten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, speziell Milchfett wirkt sich sogar günstig aus auf den Cholesterinspiegel und bei vielen Krankheiten aus. Kokosöl ist zurzeit das Lieblingskind der Fettfreunde, und es werden ihm viele günstige Wirkungen auf Stoffwechsel, Gehirn und Immunsystem nachgesagt. Interessant ist das allemal, beinhart bewiesen aus Sicht der Kokos-Kritiker noch nicht.

Es ist aber in dieser Lage barer Unsinn, was in der – von den Nachrichtenagenturen erfundenen – Überschrift steht: „Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter!“. Erstens ist Butter nicht ungesund, siehe oben. Zweitens hat selbst die AHA nicht gesagt, dass Kokosöl „so ungesund ist wie Butter“. Im Papier steht nur, dass das Austauschen von Butter gegen Kokosöl nichts bringt, wenn man glaubt, damit gesättigte Fettsäuren vermeiden zu können.

Allerdings rät die AHA in ihrer Stellungnahme tatsächlich rundheraus von Kokosöl ab, und zwar nicht, weil Studien erwiesen hätten, dass Kokosöl Herzinfarkt und Schlaganfälle auslöst. Oder weil Menschen, die traditionell viel Kokosöl konsumieren – etwa in den Tropen – besonders oft an diesen Krankheiten sterben. Das ist nämlich nicht der Fall. Nein, es ist ein rein theoretischer Befund, eine Interpretation – nicht über das Lebensmittel Kokosöl, sondern über isoliert betrachtete gesättigte Fettsäuren:

„Clinical trials that compared direct effects on CVD of coconut oil and other dietary oils have not been reported. However, because coconut oil increases LDL cholesterol, a cause of CVD, and has no known offsetting favorable effects, we advise against the use of coconut oil.”

Das ist ein dicker Hund und die Freunde der Kokosnuss laufen Sturm dagegen. Sie betonen, dass weder den gesättigten Fettsäuren an sich, und schon gar nicht den traditionellen Nahrungsfetten wissenschaftlich wirklich nachgewiesen werden konnte, dass sie Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen.

Tatsächlich ist die Interpretation der AHA nur die Sicht aus einer bestimmten Brille. Selbst die traditionell behäbige deutsche DGE ist da schon weiter. Sie konnte nicht umhin, anlässlich ihrer Fettleitlinie zuzugeben, dass gesättigte Fette nicht Schuld sind an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderem. Das ist ihr offensichtlich schwer gefallen, die gewundene Stellungnahme liest sich einigermaßen verwirrend:

FAQ zur Leitlinie Fett der DGE

1. Welche Krankheiten thematisiert die Leitlinie und warum?
Die Leitlinie thematisiert Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Metabolisches Syndrom, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Krebskrankheiten, weil sie zu den häufigsten chronischen Krankheiten in Deutschland zählen. Aus Kapazitätsgründen konnte die Leitlinienkommission nicht alle Krankheiten, bei denen die Fettzufuhr eventuell relevant ist, berücksichtigen.
(…)

4. Sind gesättigte Fettsäuren schlecht?
Eine hohe Zufuhr von gesättigten Fettsäuren erhöht die Gesamt- und LDL-Cholesterolkonzentration im Blut, ist aber bei den hier betrachteten Krankheiten mit keinen weiteren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden. Durch den Austausch von gesättigten durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren lässt sich allerdings das Risiko für Fettstoffwechelstörungen und die koronare Herzkrankheit senken. Deshalb empfiehlt die DGE, die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren … zu senken.“

Wo der Hund begraben liegt, ist bei den von der AHA zitierten Studien zu Herzinfarkt und Schlaganfall im Verhältnis zur Aufnahme von gesättigten Fettsäuren. Sagen die was aus oder nicht? Sagen die Fütterungsversuche an Rhesusaffen was aus oder nicht? Zwar konnte bei Menschen mit Risikofaktoren festgestellt werden, dass ihre schlechten Werte sich verbesserten, wenn sie gesättigte Fette gegen ungesättigte Fettsäuren austauschten.

Im Klartext: In einigen Studien sank der LDL-Spiegel bei kranken Risikopatienten, die übergewichtig und fehlernährt waren, schon einen Herzinfarkt erlebt oder eine koronare Herzkrankheit hatten. Auch verringerten sich in solchen Gruppen die Herzinfarkte und Schlaganfälle. Doch gerade die an dieser Stelle von der AHA zitierten finnischen Arbeiten, sagen Kritiker, sind auf andere Länder nicht übertragbar, denn in Finnland gibt es eine Häufung von frühen Herzinfarkten und hohem LDL, die genetisch bedingt ist (vulgo: durch Inzucht entstanden).

Allgemein ist aber die Krux: Solche Studien mit Patienten sagen nicht wirklich etwas über Gesunde und die Zuträglichkeit der Lebensmittel aus. Ein kranker Körper funktioniert anders.

In fast allen Interventionsstudien, die die AHA nennt, wurden die Nahrungsfette bei Menschen ausgetauscht, die gleich mehrere Risikofaktoren hatten. Dazu zählen neben den Genen auch Entzündungen, die inzwischen als die wahren Ursachen für Herzinfarkt und Schlaganfall gehandelt werden.

Für allgemeine Ernährungsratschläge taugt so etwas also nicht. Und schon gar nicht für den Umgang mit einem traditionellen Nahrungsmittel wie Kokosöl. Man müsste sonst buchstäblich Milliarden von Menschen in den Tropen ihre Esskultur und ihr Ernährungswissen absprechen. Das können sich die dicken Amis und Engländer mit ihrem Industriefraß weiß Gott nicht erlauben, um es mal ganz vorsichtig à la Quarkundso.de auszudrücken.

 

Damit sind wir mit unserer Weisheit aber auch am Ende.

Die Freunde der Kokosnuss wissen mehr, namentlich die großartige Ulrike Gonder, deutsche Expertin in dieser Sache; nutzwertiger Link unten.

Weil bei Online aber immer das Persönliche zählt, gesteht die Chefredaktion von Quarkundso.de jetzt noch, dass sie an Fett nicht spart und sich obendrein jeden Tag einen Löffel voll mit nativem Bio-Kokosöl genehmigt. Das soll gut sein fürs Gehirn.

Die Cholesterinwerte der gesamten Chefredaktion, namentlich der #Fettbeauftragten, entsprechen dabei denen eines neugeborenen Babys. Kein Witz. Wir können daher den Konsum von Butter, Vollmilch, Sahne, Schweineschmalz und lecker Kokosöl nur empfehlen. Aber auf uns hört ja keiner.

©Johanna Bayer

BRIGITTE.de über Kokosöl und die AHA-Stellungnahme

Ernährungsexpertin Ulrike Gonder über Kokosöl