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SPIEGEL online über Besseresser und „Essen 2.0“: Billiger geht’s nicht

 

Online, das heißt auch mal was Einfaches machen, Buzzwords reinflicken und schnell was raushauen. Bei SPIEGEL online ist dabei ein Artikel entstanden, der wirkt, als hätte der SEO-Praktikant ihn zusammengeschustert. Schlimm ist der Umgang mit Experten – mit einer wurde trotz Zitat gar nicht gesprochen, ein anderer fühlt sich falsch wiedergegeben. Wie kann das passieren?

 

 

Stück Sahnetorte mit Kirsche und Schokostreuseln auf Teller.

Traditionell köstlich: die unschuldige Schwarzwälder Kirschtorte kommt bei  SPON schlecht weg. Bild: Shutterstock / Gts

In der Not frisst der Teufel auch beim SPIEGEL Fliegen. Genauer: bei SPIEGEL online. Denn online muss es schnell gehen, da muss man reagieren und ein Thema bringen, weil die Konkurrenz es gerade auch gemacht hat, und zwar genau das Gegenteil.

Sowas hat sich SPON jetzt über Essen geleistet: einen Artikel, überschrieben „Die Besseresser“.

Es geht darin um Trends, genauer: um „Essen 2.0 – aus alt mach neu“, unter dem Motto „Ersetzen statt Verzichten“, so die Überschriften.

Was sich die Autorin dabei gedacht hat, ist klar: wieder eine Arbeitsprobe beim renommierten SPIEGEL – wenn es dort schon kaum Geld gibt. Und der eine oder andere Hintergedanke war wohl auch dabei, dazu kommen wir später.

Ob sich die Redaktion außer gewissen strategischen Überlegungen in Richtung Clickbaiting was dabei gedacht hat, bleibt vorläufig im Dunkeln.

 

So kann man das nicht stehen lassen

Jedenfalls hatte der STERN Anfang Oktober eine große Titelgeschichte über „Das Märchen vom gesunden Essen“ gebracht und darin unbarmherzig festgestellt: Alles, was einem gewisse Webseiten, Portale, Esoteriker und selbsternannte Food-Experten über „gesunde Ernährung“ weismachen wollen, ist Humbug.

Abgewatscht wurden unterwegs ein paar prominente Ess-Gurus, darunter eine bekannte Bloggerin, die Clean Eating propagiert, Hannah Frey. Und es kamen Experten zu Wort, ausführlich zum Beispiel die international bekannte Food-Trendforscherin Hanni Rützler.

Fazit des STERN: Essen ist nur Essen.

Sektenähnliche Systeme und strenge Regeln sind unnötig, Hauptsache man ernährt sich vielfältig und achtet aufs Gewicht. Das ist Stand der Wissenschaft, wie am Ende Christoph Klotter, Ernährungspsychologe an der Hochschule Fulda, zu Protokoll gibt.

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Doch beim SPON konnte das jemand so nicht stehen lassen.

Und gab einen Text in Auftrag, der alles, was der STERN einem vermiesen wollte, blind bejubelt:

Clean Eating ist toll und total gesund, überhaupt ist gesundes Essen ganz toll, gesund essen geht ganz leicht, zum Beispiel nichts mehr vom Tier, und gesund ist total gesund, mit Avocados, Linsen, Bohnen und Soja, und tierische Produkte sind ungesund, und Fett, Fleisch und Zucker sind ungesund, und alle essen jetzt regional und bio, das  ist gesund, und beim gesunden Essen ist alles ganz einfach. Und gesund.

Das wären mal so die Hauptaussagen in Kürze.

 

Wenn der Praktikant mit dem SEO-Generator

Dieser SPON-Beitrag ist so grottenschlecht, dass man glauben könnte, ein SEO-Praktikant habe den Text zusammengeschustert, während die Redakteure vor dem SPIEGEL-Hochhaus gegen Etatkürzungen protestierten.

Nach einigem Fremdschämen hat Quarkundso.de angesichts dieses Machwerks allerdings die Fassung verloren. Wirklich – die Contenance, mit der hier sonst um geistreiche Kritik gerungen wird, ist perdu.

Das, was jetzt kommt, ist daher nicht gerade die feine Art. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Das liegt daran, dass in dem SPON-Artikel alle paar Zeilen ein dicker Klopper drin ist: von Klischee und Kitsch über haltlose Behauptungen und peinliche Falschaussagen, unrecherchierten Unsinn und fragwürdige Verwendung von Zitaten und Fachbegriffen bis zum Deppenkomma ist alles dabei.

Wie konnte das passieren? Das wird noch zu klären sein.

 

Von wegen Besseresser – wer isst denn so?

Fangen wir vorne an, bei Überschrift und Teasertext.

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Screenshot SPON-Artikel unter dem Titel „Die Besseresser“

Ernährung: Essen 2.0 – aus alt mach neu – Ersetzen statt verzichten

Die Besseresser

Bolognese mit Hackfleisch? Das war gestern. Heute gesellen sich Linsen zu Tomate und Zwiebeln. In traditionellen Gerichten werden Fleisch, Fisch und Weizen gegen Bohnen, Algen oder Gemüse getauscht – aus guten Gründen.

Das ist ein Einstieg wie aus dem Lehrbuch der Schmieren-PR: einfach mal was ins Blaue hinein behaupten, um dann hemmungslos darüber fantasieren zu können.

Bolognese mit Hackfleisch soll out sein und „von gestern“? Wer, bitte, streut sich Linsen über die Nudeln und tut so, als sei das „Bolognese“?

Exakt das Gegenteil ist der Fall: Unverändert und seit vielen Jahren stehen die Nudeln mit Hackfleischsoße an der Spitze der Liste beliebter Kantinengerichte in Deutschland. Darüber schafft es nur die Currywurst, selbst am Schnitzel sind Spaghetti Bolognese vorbeigezogen.

Also nochmal die Frage: Wer und wie viele simulieren eine italienische Nudelsoße aus Hülsenfrüchten? Welcher Koch kann es sich in einer Kantine erlauben, Nudeln mit Linsen zu servieren? Gut, drüben im Schwabenland. Da gibt es vielleicht mal Spätzle mit Linsen (und Würstchen, übrigens). Aber die Schwaben tun nicht so, als ob sie irgendetwas ersetzen würden, oder als fabrizierten sie etwa Bolognese.

Nun sind wir erst ganz am Anfang, und ein Teaser soll in den Beitrag reinziehen. Aber rechtfertigt das eine so steile Rampe ins Postfaktische?

Zumal dieselbe Autorin einige Monate früher ebenfalls auf SPON feststellt:

Zugegeben, Hülsenfrüchte haben keinen guten Ruf. Viele Menschen scheuen den Verzehr aus Angst vor Blähungen. Grund sind schwer verdauliche Kohlenhydrate, die im Enddarm landen und dort von Bakterien zersetzt werden, was zur Gasbildung führt.

Offensichtlich lautete diesmal der Redaktionsauftrag anders. Dann geht auch das Gegenteil. Wobei – nichts gegen Hülsenfrüchte. Es geht Quarkundso.de  nur um das Verhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Nicht darum, ob Erbsen, Linsen und Bohnen wertvoll in der Ernährung sind oder nicht.

 

Klassische Rezepte: ungesund?

Nach dem gewagten Anfang kommt jedenfalls genau jene Foodbloggerin zu Wort, die beim STERN als Beispiel für das schwer gehypte Clean-Eating-Konzept vorgeführt wurde, Hannah Frey.

Sie ist 28 Jahre alt, hat einen sehr erfolgreichen Blog und in Bremen Gesundheitswissenschaften studiert, Abschluss: Bachelor. Außerdem gibt sie Yoga- und Entspannungskurse, privat ernährt sie sich vegetarisch nach einer eigenen Variante von Clean Eating.

Dieses trendige Gesamtpaket hat wohl jemanden beim SPON in den Fingern gejuckt.

Während der STERN Frau Frey als eine unter vielen vorführt, die ein beliebiges Esskonzept clever vermarkten, preist SPON-Autorin Bettina Levecke die Bloggerin als „Gesundheitswissenschaftlerin“ an.

Und betrachtet sie als ausgewiesene Expertin für „gesunde Ernährung“.

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Dafür qualifiziert sich Hannah Frey mit sinnfreien Pauschalurteilen, etwa über die klassische Mousse au Chocolat: Solche traditionellen Rezepte enthielten „sehr viel tierisches Fett und Zucker“, und „beides ist nicht gesund“.

So etwas Plattes, Plumpes in den heutigen Zeiten auf einem Qualitätsportal zu lesen tut Quarkundso.de schon sehr weh.

 

Die gute, alte Küche kann einpacken

Nimmt man derlei ernst, kann nur eines daraus folgen: der Untergang des Abendlandes, kulinarisch gesehen.

Ernsthaft. Die ganze französische Hochküche, die bürgerliche Küche, die gepriesene italienische Kochkunst, die österreichische, die böhmische, die ungarische, überhaupt alle europäischen Landesküchen können einpacken.

Schluss mit Panna Cotta, mit Gulasch, Knödeln und Kaiserschmarrn – und mit all den Gerichten, die zum gloriosen „french paradox“ beigetragen haben: dem Phänomen, dass die Franzosen so viel mehr tierisches Fett konsumieren als andere und dabei weniger Herzinfarkt, Diabetes und Übergewicht haben. Aus ist es also für Crème brulée, Paté, Rilletes und Confit.

Das ist nämlich alles „ungesund“. Die „Besseresser“ à la Frey haben das erkannt und tauschen das Zeug aus – „aus guten Gründen“. Ist das allgemeiner Konsens? Wohl nicht. Es ist auch nicht der Kern des Clean-Eating-Konzepts, nebenbei bemerkt. Da geht es eigentlich gerade um natürliche, hochwertige Produkte, handgemacht und nicht industriell prozessiert.

 

Phrasen aus der Folterkammer der Diätassistenten

Müßig zu erwähnen, dass Hannah Frey sogar bei ihrem Imitat aus zerdrückten Avocados, Kakaopulver und Agavensirup vor höllischen Folgen warnt. Sie spricht tatsächlich von „Sünde“:

„… der „Fettgehalt der Avocado und die Süße der Agave“ sorge zwar auch nicht schlanke Hüften, „“aber wenn man schon mal sündigt, dann eben wenigstens ohne schlechtes Gewissen“, so Frey.“

Das sind Phrasen aus der Folterkammer der Diätassistenten, wie sie seit den 1960er Jahren unendlichen Schaden angerichtet haben.

Und seit Jahren ringen Tausende von modernen Medizinern, Ernährungswissenschaftlern und Ökotrophologen darum, diese Parolen aus den Köpfen der Menschen wieder rauszubringen.

 

Kann Essen wirklich Sünde sein?

Denn inzwischen ist längst klar: Es ist kontraproduktiv, im Zusammenhang mit Lebensmitteln von „Sünde“ und „sündigen“ zu reden, es macht Übergewichtigen ihr Leben noch schwerer und ruiniert ein gesundes, entspanntes Essverhalten – mal ganz davon abgesehen, dass es sachlich haltlos ist.

Nein, niemand „sündigt“, wenn er eine – klassische – Mousse au Chocolat zum Nachtisch isst. Und ein „schlechtes Gewissen“ muss man erst recht nicht haben.

Man kann das tun. Jeden Tag. Wie die Franzosen. Man muss halt aufs Gewicht achten, das ist alles.

Aber warum betet die SPIEGEL-Autorin solche Dummheiten her, als ob es keine anderen Fakten, keine Zusammenhänge, kein Wissen, keinen Hintergrund, keinen Kontext gäbe?

Als ob nicht Ernährungsexperten davon abraten, einzelne Lebensmittel oder Nährstoffe zu verteufeln? Und wieder und wieder betonen, dass alles von der Mischung, dem Maß, der Verträglichkeit und ganz besonders davon abhängt, ob man sein Gewicht im Griff hat?

Ja, warum, SPON? Vor allem: Warum kommt keine andere Position im Artikel vor? Warum fehlt die von Berufs wegen eigentlich verpflichtende Nachfrage dazu, ob das denn stimmt, was Frau Frey verzapft?

 

Geschickte Montage von Zitaten

Doch gehen wir weiter im Text: Die Autorin hat nämlich noch richtige Experten in petto, Promis aus der Ernährungsszene. Zumindest gibt es Zitate, nämlich von Thomas Ellrott und von Hanni Rützler, die auch im STERN auftrat.

Beide scheinen zu bestätigen, was die Clean-Eating-Frau zuvor ausgeführt hat und was Autorin Levecke uns gerne glauben machen möchte: Fett ist ungesund. Zucker ist ungesund. Fleisch und tierische Produkte sind ungesund, klassische Rezepte und Zutaten sind ungesund.

Direkt hinter das Gesundheitsgefasel aus der Clean-Eating-Privatversion montiert die SPON-Autorin daher die Statements der Experten:

Keine Frage, gesundes Essen ist im Trend. „Die Zeiten, in denen Essen vor allem günstig und schnell sein sollte, gehen langsam zu Ende“, sagt Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie in Göttingen. „Verbraucheranalysen zeigen deutlich, dass bei der Lebensmittelauswahl Gesundheit ein immer wichtigeres Motiv wird.“

Klar, oder? „Aus guten Gründen“ gilt: Die Käufer haben eingesehen, dass man „ungesunde Zutaten“ wie Fett, Zucker und überhaupt Tierisches lieber ersetzen sollte.

Weg mit der Gesundheitskeule

Aber Thomas Ellrott spricht in Wahrheit lediglich von dem Motiv „Gesundheit“ beim Einkaufen, Kochen und Essen. Der Beweggrund vieler Kunden mag dabei zwar „Gesundheit“ sein – aber das bedeutet auf keinen Fall, dass das, was Fanatiker für „gesund“ halten und was die Clean-Eating-Paläo-Gluten-Frei-von-Rohkost-Vegan-Front uns glauben machen will, tatsächlich „gesund“ ist.

Vor allem heißt es nicht, dass Thomas Ellrott derlei glaubt oder bestätigt.

Das glaubt er nämlich nicht und sagt es auch nicht. Ellrott ist Profi. Er sitzt im Präsidium der DGE und weiß es besser: Seit Jahren plädiert er ausdrücklich dafür, die Gesundheitskeule aus der Ernährungserziehung herauszuhalten.

Wenn Eltern ihren Kindern dauernd in den Ohren liegen, dass sie dies essen und das lassen sollten, weil das angeblich „gesund“ sei, so Ellrott, störe das die Entwicklung eines, ja, gesunden Essverhaltens. Dazu hat er der ZEIT ein Interview gegeben, und man kann seine Position überall nachlesen.

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Soll Schluss sein mit traditionellen Desserts wie diesem Flan Caramel: zu viel Tier, zu fett, zu süß?

Nur – warum stellt die SPON-Autorin seine Aussagen anders dar? Warum montiert sie das Zitat, als ob Thomas Ellrott bei Hannah Frey einen Clean-Eating-Kurs besucht hätte?

 

Ein Trend ist nicht die Wirklichkeit

Auch Trendforscherin Hanni Rützler kommt zur Sprache, es geht um „Ersatzprodukte ohne tierische Bestandteile“, im Klartext: vegan.

„Ersatzprodukte ohne tierische Bestandteile landen mittlerweile nicht mehr nur bei überzeugten Veggies auf den Tellern“, sagt Rützler, „auch immer mehr Omnivoren versuchen, Fleisch zu ersetzen.“

Abgesehen davon, dass „Omnivoren“ als Fachbegriff hier falsch benutzt wird, (denn alle Menschen, egal, was sie essen, sind Omnivoren) ist die Frage, was hier „versuchen“ heißt.

Mal was Neues probieren, eine Mandelmilch oder einen Haferdrink, zum Beispiel? Das ist für viele interessant. Vielleicht essen einige auch statt Fleisch öfter Nudeln mit Tomatensoße, oder ein Käse-Omelett. Aber auf Dauer vegan, mit „Ersatzprodukten ohne tierische Bestandteile?“

Das ist definitiv nicht die Realität von mehr als 99 Prozent der Deutschen.

Natürlich wollen viele ihren Fleischkonsum reduzieren und qualitativ verbessern. Zumindest behaupten sie das.

Und zwar dann, wenn ihnen ein Reporter ein Mikro oder ein Wissenschaftler einen Fragebogen unter die Nase hält. Deshalb kommt immer wieder raus, dass angeblich ein Drittel, die Hälfte, zwei Drittel oder gleich alle dazu bereit sind, mehr Geld für besseres Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren auszugeben, weniger Fleisch zu essen, kein Fleisch mehr zu essen und sich „gesünder zu ernähren“.

Die Zahlen aber zeigen die Wahrheit: Weder bricht der Fleischkonsum drastisch ein noch steigt der Verkauf von Hülsenfrüchten oder der Marktanteil von Ersatzprodukten dramatisch an. Bio-Fleisch bleibt in der teuren Nische, und weder ernährt sich die Masse der Deutschen vollkommen anders noch kaufen sie „keine Tierprodukte mehr“. Auch nehmen die Dicken hierzulande weder im großen Stil ab noch werden die Deutschen „gesünder“.

Der eigentliche Punkt aber ist: Hanni Rützler spürt von Berufs wegen Trends und Tendenzen nach, übrigens höchst seriös und international anerkannt.

In ihren „Food-Reports“, etwa in dem von 2017, benennt sie viele aktuelle Richtungen. Dabei entwirft sie ein ganzes Mosaik von unterschiedlichen Strömungen, die sich in verschiedenen Milieus beobachten lassen, diesmal zum Beispiel Trends zum Aromastoffen, zu noch mehr Convenience oder zu „brutal lokal“, also zur Regionalität.

Einer unter vielen ist in diesem Jahr Trend zu Imitaten, zum „Doubeln von Food“, wie Rützler schreibt. Motto: „Beyond Food“. Wie passend – vielleicht ist die Ersatzwirtschaft tatsächlich das Ende dessen, was wir bisher unter Genuss verstanden haben? Könnte gut sein.

Wie sich solche Trends aber entwickeln, ob sie zur Ernährungsrealität werden, ob sie bleiben, steht auf einem anderen Blatt: Zwischen Hype, Trend, Entwicklung und Wirklichkeit bestehen Unterschiede.

Frau Rützler weiß das. Frau Levecke beim SPON weiß es aber besser. Vor allem will sie es anders haben.

 

Die Schwarzwälder Kirschtorte ist die Krönung

Deshalb deklariert sie den aus Blogs und Laien-Rezepten herausgelesenen Ersatzhype „Essen 2.0“ als gemachte Sache und faselt darüber munter weiter.

Dann kommt die Krönung – etwas, was beim SPIEGEL eigentlich gar nicht passieren dürfte. Schließlich verfügen große Häuser über ausgebildete Redakteure. Außerdem gibt es noch eine Qualitätskontrolle durch die Abteilung Dokumentation.

Die geht akribisch durch das Geschreibsel der armen Freien und verlangt selbst für die simpelsten Fakten aus der Allgemeinbildung Belege: „Woher wollen Sie wissen, dass der Magen Säure produziert? Wir haben das im Internet nicht gefunden. Bitte kopieren Sie uns das Fachbuch, das Sie verwendet haben und schicken Sie es uns umgehend als Beleg zu.“

Das dient dazu, dass das Renommee des Blattes von fahrlässigen Autoren nicht beschädigt wird und die klagefreudigen Gegner des Hauses keine Angriffsfläche finden.

Nun scheint aber – online first – beim digitalen Ableger SPON die Abteilung Dokumentation gar nicht erst tätig zu werden. Oder es musste halt mal schnell gehen, oder man hat das Ding einfach auf Treu und Glauben durchgewunken.

Schließlich kann beim Essen jeder mitreden, und im Übrigen geht es doch um die Story, nicht wahr? Wie auch immer – Frau Levecke serviert einen fetten Patzer:

Sogar aus der Schwarzwälder Kirschtorte – der Kalorienqueen der ungesunden Sünden – lässt sich mit Mandeln, Datteln und frischen Kirschen eine Rohkostvariante nachbauen.

Muss ich es sagen?

Nein, nicht dass Schwarzwälder Kirschorte selbstverständlich keine „ungesunde Sünde“ ist, das ist ja schon geklärt. Sondern dass sich das mit der „Kalorienqueen“ beim Blick in eine Kalorientabelle erledigt hätte.

Denn die Schwarzwälder Kirschtorte ist nicht die größte Kalorienschleuder in der Kuchentheke.

Das ist ein Lapsus, der aus echter Unkenntnis (keine Ahnung von der Sache), aus Faulheit (ich brauche nicht in ein Buch zu gucken, wird schon stimmen) und aus – Achtung! – mangelnder beruflicher Integrität und fehlender Ausbildung zustande kommt.

Brownies, Nahaufnahme

US-Bomber: Brownies sind der Hammer, mit 411 Kalorien auf 100 Gramm.

Ach so, wer es wissen will: Die Schwarzwälder Kirschtorte rangiert weit hinter Schweinsöhrchen aus Blätterteig, Donauwelle, Baumkuchen, Nussecke, Linzer Torte und den US-Bombern Cheesecake und Brownies, die gerade in Foodie-Kreisen besonders beliebt sind.

Das kann man in jeder handelsüblichen Kalorientabelle nachsehen, man weiß es aber auch, wenn man rudimentäre Kenntnisse von echtem Essen hat – und nicht, wie Autorin Levecke und Bloggerin Frey, auf Imitate und Ersatzprodukte steht: Schlagsahne, Kirschen und luftiger Biskuit bringen weniger Kalorien auf die Waage als Buttercreme, Frischkäse und Rührteig mit Schokolade

Spätestens hier hätte die Redaktion schalten müssen – wenn sie die Floskel mit der „Kalorienqueen“ nicht sogar selbst in den Artikel reinredigiert hat. Denn merke: Patzt der Autor, ist die Redaktion Schuld, weil sie nicht aufgepasst hat. Verantwortlich im Sinne des Presserechts.

 

Gehen wir ans Eingemachte

An so einem Punkt schaut die Abteilung Dokumentation bei Quarkundso.de übrigens nicht nur in die Kalorientabelle.

Sondern googelt auch den Namen der Autorin. Ergebnis: Frau Levecke macht erst seit Kurzem in Ernährungsthemen, und das für einschlägige Szene-Postillen aus dem Lager Schrot&Korn, veganes Leben etc. Da hat sie zu veganer Ernährung, vegan für Schwangere und veganen Eltern geschrieben.

Möglicherweise ersetzt hier eine private Lebenserfahrung Berufs- und Fachwissen, und so wird der SPON-Artikel nichts weniger als tendenziös: es fehlt die Distanz zum Thema, es fehlt eine Einordnung, es fehlt eine andere Sichtweise, dafür dominieren schlichte Unkenntnis und verzerrte Wahrnehmung.

Das merkt man gerade am Umgang mit den Zitaten der Experten – und von Anfang an beschlich Quarkundso.de dabei ein ganz böser Verdacht:

Könnte es etwa sein, dass Frau Levecke für diesen Beitrag weder mit Hanni Rützler noch mit Thomas Ellrott persönlich gesprochen hat?

Hat sie vielleicht nur ein paar Zitate aus deren Veröffentlichungen verwurstet und sich diese per E-Mail von den Pressestellen der beiden Experten freigegeben lassen? Und dabei nicht gesagt, wie später ihr Artikel aussieht? Oder in einem echten Telefoninterview herausgefunden, was die beiden wirklich wollen und meinen? Wollte sie einfach ihre Meinung verbreiten, und nicht die der Experten?

Und hat die SPON-Redaktion das geschluckt, weil es ja nur online ist?

 

Was soll das?

Der Verdacht hat die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de auf den Plan gerufen.

Und tatsächlich: Die hat – jeweils aus erster Hand – erfahren, dass Frau Levecke tatsächlich nie mit Hanni Rützler persönlich gesprochen hat, und dass Thomas Ellrott den Artikel und insbesondere den Einbau seiner Zitate alles andere als ideal findet.

Auch wusste er nichts über den Gesamtaussage des Artikels und würde nie unterstützen, dass das Ersetzen von Zutaten generell als „gesund“ oder dass Clean Eating, Frei von, Vegan und welches System auch immer per se als besonders „gesund“ etikettiert werden.

Tja. Das war dem Text anzumerken, aber es bleibt die Frage: Wer oder was wollte das bei SPON? Und was wollte er oder sie uns damit sagen?

 

Aufhören, wenn es am schönsten ist

Ganz am Ende hat „Gesundheitswissenschaftlerin“ Hannah Frey, wie sollte es anders ein, das letzte Wort.

Sie darf, zusammen mit Ernährungsfachfrau Levecke, zum Schluss dem Psychologen Ellrott noch einmal in die Parade fahren. Denn aus seinen Zitaten lässt sich leider doch ein wenig herauslesen, dass das mit dem angeblich gesunden Essen vor allem der Selbstsuggestion dient:

Laut Ellrott sei bewusste Ernährung damit auch eine moderne Form der Selbstpflege. Der Ernährungspsychologe spricht vom sogenannten Halo-Effekt – „Halo“ ist das englische Wort für Heiligenschein: „Das gesunde Essen strahlt auf unser inneres Empfinden aus, wir fühlen uns besser, gesünder, umweltbewusster oder auch moralisch überlegen.“

Das kann Frau Levecke natürlich nicht unkommentiert lassen. Sie stellt es richtig:

Aber neben den möglichen philosophischen Hintergründen gibt es auch ganz praktische Vorteile: „Gesunde Zutaten wie Obst und Gemüse sind leichter verdaulich“, sagt Hannah Frey. „Eine Linsenbolognese mit Zucchininudeln liegt einfach nicht so schwer im Magen wie das Original.“

Das ist so schlecht, dass es fast schon wieder gut ist, und nein, ich führe das jetzt nicht mehr aus (die dummen Italiener, wie konnten sie nur Spaghetti mit Fleischsauce erfinden, ungesund und schwer wie Blei im Magen, schön doof).

Ich erwäge nur noch kurz, dass Frau L. sich wohl verschrieben hat und nicht „philosophisch“, sondern „psychologisch“ meinte, das Fachgebiet von Thomas Ellrott. Aber an dieser Stelle auch noch begriffliche Schärfe zu verlangen, sprengt jetzt wirklich den Rahmen.

Screenshot vom Blog der Hannah Frey

Nein, keine Ernährungsberatung – zum Glück. So frei aus der Hüfte zu schießen kann nämlich ins Auge gehen.

 

Zum Glück ist aber die Clean-Eating-Propagandistin Hannah Frey wenigstens so schlau, zwar Kochbücher zu schreiben, aber keine Ernährungsberatung anzubieten. Das kann man auf ihrer Webseite nachlesen.

 

 

Sie würde auch in Teufels Küche kommen, mit dem dummen Zeug.

Macht aber nichts – für SPIEGEL online reicht es ja.

©Johanna Bayer

 

SPON-Artikel „Die Besseresser“ von Bettina Levecke vom 17.11.2016 – und Achtung, er ist schon geändert worden, nach Intervention. Vielleicht wird er bald nochmal geändert. Dann bitte bei der Abteilung Dokumentation von Quarkundso.de nachfragen, da gibt es das Original als PDF mit Stand vom 28.11.2016.

Autorin Levecke über Hülsenfrüchte in SPON am 3.3.2016

Thomas Ellrott im ZEIT-Interview: „Eltern, hört endlich auf, von gesundem Essen zu reden!“

… und was Hanni Rützler wirklich über das Gesundheitsgefasel denkt

Hannah Frey bietet KEINE Ernährungsberatung an, sie weiß wohl, warum, s. ganz unten in ihren FAQ.

Was wirklich Trend ist, steht zum Beispiel in diesem Artikel über die neue regionale Bewegung. Oder in diesem aus der TAZ, zur Foodszene in Berlin und dem Frust der Otto Normalesser.

Wo wir gerade von echten Lebensmitteln sprechen: Kalorienübersicht von der Apotheken-Umschau, eine unter vielen. Die Quelle von Quarkundso.de ist die Kalorien-&Nährtwerttabelle von Gräfe und Unzer (so ein Buch).

Gesund oder ungesund? Schwarz-Weiß-Denken schadet bei der Gewichtskontrolle(Studienzusammenfassung auf Englisch)

In der TAZ: Das Klima retten durch Fleischverzicht und Fleischsteuer? Vielleicht lieber anders.

Das Klima lässt sich nur retten, wenn wir weniger Fleisch essen, heißt es bei der TAZ. Doch so viel Fleisch essen wir gar nicht – dafür sollten wir lieber von anderen Dingen nur die Hälfte konsumieren: Kuchen, Schokolade, Bier. Aus Gründen. Gut wäre auch nur noch halb so viel Autofahren – Quarkundso.de mit unschlagbaren Argumenten zur Rettung der Welt.

 

Fleischtheke und Verkäuferin

Weg von der Fleischtheke! Wir wollen doch das Klima retten. Bild: Shutterstock/racom

Damit niemand denkt, Quarkundso.de würde nur rumkritteln, wird jetzt gelobt. Dafür habe ich mir die TAZ ausgesucht.

Die ist an sich für Quarkundso.de kein lohnendes Ziel, weil aus Berlin, einem kulinarisch öden Gebiet.

Dort ansässige Redakteure und Journalisten sind als Ex-Hausbesetzer und/oder grünbewegte Kiezbewohner an Essen nur als Mittel zur Politik interessiert.

Schnödes Genießen ist nicht ihr Ding. Schreiben können die aber. Wenn sie also was zum Thema Essen machen, dann scharfe Kommentare, die sich gegen unseren exzessiven Konsum richten. Oder schöne Reportagen.

Letztere drehen sich dann um politisch korrekte Ernährungsthemen, also um Imker und Bienen, oder um neue Restaurants von Veganern, oder alte Gemüsesorten, die in den Gärten verwitterter Datschen von Hand gezogen werden.

Das qualifiziert aber nur ausnahmsweise für Quarkundso.de, da im Allgemeinen zu vorhersehbar und zu langweilig. Aber jetzt kommen sie dran, und zwar im Guten.

 

Irgendjemand muss die Welt ja retten

An dieser Stelle sollen auf keinen Fall Missverständnisse aufkommen: Quarkundso.de bekennt sich ausdrücklich zu Umweltschutz und bewusstem Essen, zu verantwortungsvollem Konsum und zu ebensolchem Umgang mit der Natur.

Die Welt muss gerettet werden und irgendjemand muss den Job ja machen. Danke, Berlin.

Aber ein bisschen Spaß beim Essen darf schon noch sein. Ehrlich. Wenn wir wegen der Klimakatastrophe bald nicht mehr Auto fahren, in Urlaub fliegen, pro Kleinfamilie ein Reihenhaus besitzen und zweimal im Jahr den Inhalt des Kleiderschranks komplett erneuern dürfen, wollen wir doch wenigstens was Gutes essen.

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Allerdings scheint es eher so zu sein, dass kaum jemand daran denkt, sich des Klimas wegen beim Autofahren, beim Häuslebauen oder beim Shoppen wesentlich einzuschränken: Die Deutschen bewegen unnötig viel Blech mit bulligen SUVs und Spaßmaschinen, auf Autobahnen rasen sie weiterhin wie die Irren, Millionen fliegen Kurzstrecke und wehe, im gemütlichen Reihenhaus schafft die Heizung weniger als 24 Grad Wohlfühltemperatur.

Aber am Essen wollen plötzlich alle rumschrauben.

Essen, diesen unnötigen Luxus, hat man jetzt im Visier, besonders jene Gier nach Fleisch, die das Volk beherrscht. Dass Fleischessen von vielfältigem Übel und einzudämmen sei , ist im Moment flächendeckender Konsens, und dafür macht sich auch die TAZ stark.

Ein Weg wäre die Fleischsteuer, damit Fleisch teurer wird, aber man ist bei der TAZ auch grundsätzlich für eine massive Verringerung des Fleischkonsums: Alle Deutschen sollen höchstens halb so viel Fleisch essen wie bisher.

Denn das sei nicht nur gut für das Klima, sondern auch viel gesünder, schreibt TAZ-Autor Jost Maurin in mehreren Artikeln, darunter einem Kommentar mit dem Titel „Schlechtes Klima für Fleischfresser“ vom 2.11.2016.

 

Nur ein Vorschlag schafft es in die Öffentlichkeit

Diese Diskussion um Fleischkonsum und Fleischsteuer besteht seit einiger Zeit, auch ausgelöst durch den aktuellen Klimaschutzplan 2050.

Den hat Umweltministerin Hendricks gerade vorgelegt und darin Hunderte von Maßnahmen beschrieben, um Treibhausgase einzudämmen: Industrie, Verkehr, Handel, Landwirtschaft, Energieunternehmen, Hausbesitzer, alle sollen einen Beitrag leisten und Emissionen einsparen.

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In die öffentliche Diskussion schaffte es aber kaum ein Detailvorschlag – einer der wenigen ist der mit der Halbierung des Fleischkonsums.

Den hatte Hendricks mal in einen Entwurf geschrieben: Die Deutschen sollten von ihren durchschnittlichen 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr auf ungefähr 30 Kilo runterkommen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, DGE, empfehle das ja auch, wegen der Gesundheit, heißt es zur Begründung: So viel Fleisch, 60 Kilo im Jahr, etwa ein Kilo in der Woche, sei ungesund.

Der Vorschlag flog zwar wieder raus, weil Wirtschaftsministerium und Kanzleramt den Passus strichen. Aber er hält sich hartnäckig in der Diskussion.

Und TAZ-Autor Maurin bringt auf seiner Mission – höchstens noch halb so viel Fleisch essen – dazu den Vorschlag mit der Mehrwertsteuer aufs Tapet: Fleisch wird bisher mit sieben Prozent ermäßigt besteuert, man könnte es teurer machen und 19 Prozent draufschlagen, den normalen Mehrwertsteuersatz. Das würde den Fleischkonsum verringern.

Diese Idee stammt nicht aus dem Klimaschutzplan, sondern von Agrarexperten aus dem Umfeld des Landwirtschaftsministeriums. Aber leider, so Maurin, hört Landwirtschaftsminister Schmidt nicht einmal auf seine eigenen Leute und lehnt jede Verteuerung ab.

Dem widerborstigen Beamen hält der TAZ-Mann entgegen, dass die Landwirtschaft ganze acht Prozent Anteil vom Ausstoß von Treibhausgasen hat.

 

Ob der Minister so Unrecht hat?

Acht Prozent? Das ist wenig.

Bei diesem geringen Anteil geht es laut TAZ schon um die Wurst? Die Landwirtschaft muss massiv Emissionen einsparen und die Bevölkerung muss mindestens auf die Hälfte, am besten aber ganz auf Fleisch verzichten – bei diesem geringen Anteil der gesamten Landwirtschaft an den Treibhausgasen?

Hm. Ob da nicht der Minister ein wenig Recht hat? So klingt das wirklich nicht plausibel. Sondern eher konstruiert.

Zwar könnte man, wie es Jost Maurin auch tut, den Anteil der „Agrarbranche“ noch nach Kräften hochrechnen, aber solche Zahlenspiele geraten leicht unlauter und geben kein klares Bild ab.

Da kann man sich getrost an diese Grafik des Umweltministeriums halten: Der Treibgas-Anteil der Bauern bleibt bei unter zehn Prozent.© BUMB

Natürlich gilt: Keiner kann sich rausreden, die Klimaziele müssen erreicht werden und jeder muss beitragen. Trotzdem ist wirklich die Frage, welcher Bereich welche Einschnitte wofür hinnehmen muss und was sinnvoll ist.

Und da hat der Minister Schmidt, obwohl er von der CSU ist, nicht ganz Unrecht: Essen ist ein Grundrecht und die Landwirtschaft hat eine wirklich besondere Bedeutung – die sollten wir nicht leichtfertig an den Pranger stellen, sondern genau hinsehen. Und vielleicht anderswo mehr einsparen.

 

In derselben Redaktion: andere Meinung

Die TAZ lässt aber auch jemand anderen zu Wort kommen, das ist das Schöne. Es ist ein Kollege des Autors Maurin, ebenfalls aus dem Ressort Wirtschaft und Umwelt. Der sieht das Ganze erfrischend anders. Zwei Tage später, am 4.11., schreibt er seinen Kommentar zur Sache und nimmt den Vorschlag mit der Fleischverteuerung auseinander.

Diesen Kommentar muss man sich in Ruhe durchlesen, unten steht der Link.

Treffend argumentiert Richard Rother, dass man mit dem Klimaargument wirklich jede Steuererhöhung beim Essen begründen könnte – schließlich findet sich immer ein Lebensmittel, das noch klimafreundlicher ist, bis runter zum Leitungswasser.

Fleisch, sagt er dann richtig, ist aber zu wertvoll, ein Grundnahrungsmittel, das gerade für niedrige Einkommensgruppen und deren Kinder wichtig ist. Die würden benachteiligt, selbst wenn etwa Hartz-IV-Familien mehr Geld für die Lebenshaltung bekommen würde: Es wäre einfach der falsche Anreiz und würde keine ausgewogene Ernährung fördern.

Stattdessen könnte man, so Rother, wirklich unsinnige Steuerermäßigungen abschaffen, etwa beim Tierfutter, und überhaupt müsste man den Mehrwertsteuerdschungel mal lichten. Da ist noch viel Luft drin – Einnahmen, die man zugunsten einer tier- und klimafreundlichen Landwirtschaft verwenden könnte.

Rothe plädiert dann für Verantwortung und gute Ernährungsbildung, um vernünftige Essgewohnheiten zu entwickeln – gegen Verschwendung und riesige Fleischberge auf dem Teller.

 

Schluss mit dem Geschummel

Der Kommentar ist einfach großartig, weil er den Kern der Sache trifft und nicht so platt auf dem Generalvorwurf „Wir essen doch alle viel zu viel Fleisch – so viel Fleisch ist ungesund“ herumreitet.

Und ja, dass weniger Fleisch besser wäre und Fleisch teurer werden muss, ist trotzdem richtig – damit die Massentierhaltung endlich eingedämmt und der Tierbestand reduziert wird.

Allerdings ist die Frage, wieviel weniger das sein muss.

Und es ist die Frage, was wir damit erreichen wollen. Die Nitratbelastung, das Grundwasser, Kosten für Kläranlagen, der Gestank und das Leid der Tiere sind bei der Massentierhaltung tatsächlich große Probleme – nicht in erster Linie ihr Anteil an den emittierten Treibhausgasen.

Da sind vornehmlich andere Player gefragt, ganz vorne: Kohlekraftwerke, zum Beispiel. Auch private Haushalte. Und die lieben Autofahrer. Dazu kommen wir noch.

Auf jeden Fall muss dieses Geschummel mit dem Klimaschutz durch Fleischverzicht endlich aufhören. Und das Getrickse mit der angeblichen Gesundheit.

Beides ist Unsinn, weil Fleischverzicht nicht das Klima rettet. Weil Fleisch nicht pauschal ungesund ist. Und weil Fleischverzicht nicht pauschal gesund ist.

 

Eine Lektion in Küchenpsychologie

Warum wir unseren Fleischverzehr, wenn nicht gleich ganz aufgeben, dann mindestens halbieren müssen, leuchtet Quarkundso.de nicht ein.

10, 20 oder 30 Prozent reduzieren wären doch ein leichterer Einstieg in eine Veränderung? So viel Küchenpsychologie müsste doch inzwischen durchgesickert sein: Ernährungsgewohnheiten kann man nicht von heute auf morgen umkrempeln.

Das haben die öden Diättipps der Art „Müssen es denn Chips vor dem Fernseher sein? Knabbern Sie doch an Karotten!“ gezeigt, die keiner befolgt. Auf einer unrealistischen Maximalforderung zu bestehen führt eben nicht zum Ziel.

Funktionierende Diätkonzepte von Medizinern setzen stattdessen auf kleine Veränderungen, bei denen die persönlichen Vorlieben erhalten bleiben. Es darf dann mal ein Stück Schokolade sein, und die geliebten Kartoffelchips haben auch ihren Platz. Gespart wird anderswo.

Auch dazu gleich noch mehr.

 

So viel Fleisch essen wir gar nicht

Dass die Deutschen doppelt so viel Fleisch essen, wie es angeblich laut DGE gesund ist, ist auch so ein Gerücht.

Dabei behandeln TAZ-Autor Jost Maurin, aber auch viele andere, die Umweltministerin eingeschlossen, die DGE-Regel von maximal zwei- bis dreimal die Woche Fleisch (300 – 600 Gramm) wie den Grenzwert einer gefährlichen Chemikalie: Huhuhu, doppelt so hoch wie erlaubt – ungesund!!!

Das ist absichtlich irreführend.

Nicht nur, weil die Menge von 300 bis 600 Gramm natürlich überhaupt kein Grenzwert ist, nur eine unverbindliche Empfehlung.

Sondern auch, weil die DGE schon seit Jahren auf dem Ökotrip ist und die Nachhaltigkeit als Grund für ihre Fleischration anführt. Nicht die Gesundheit. Der Öko-Effekt hat viel mehr zu dem Richtwert von 300 bis 600 Gramm beigetragen als jedes andere Argument.

Das Gespenst vom überhöhten Fleischkonsum an die Wand zu malen, ist auch faktisch falsch, weil die Deutschen nicht reihenweise tot umfallen, obwohl sie schon seit 60 Jahren viel mehr Fleisch essen als es die DGE empfiehlt.

In dieser Zeit, seit 1950, hat sich der Fleischkonsum verdoppelt und parallel dazu ist die Lebenserwartung gestiegen: von 64 beziehungsweise 68 Jahren (Männer/Frauen) auf 78 und 83 Jahre (Männer/Frauen). Das sind in beiden Fällen über 20 Prozent – und sie steigt weiter.

Mit unseren 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr liegen wir im Vergleich unter Industriestaaten sowieso nur im Mittelfeld. Die großen Fleischesser sind andere: die USA, Brasilien, Argentinien, Kanada, Australien. Die kommen auf bis zu 120 Kilo pro Kopf und Jahr. Über zwei Kilo in der Woche.

Wenn man von viel reden will: Das ist viel.

Selbstverständlich kann man sich nicht damit aus der Affäre ziehen, dass man mit dem Finger auf andere zeigt. Aber welche Karten man in der Debatte ausspielt, sollte man sich schon gut überlegen: Sparen – ja. Aber nicht, weil es angeblich so grauenvoll viel und ungesund ist, was wir verschlingen.

Sondern weil wir die Umwelt schonen und den Tieren ein besseres Leben gönnen müssen, bevor wir sie aufessen. Auf diese Argumente kommt es an. Alles andere ist Volksverdummung und kontraproduktiv.

 

Für Klima und Gesundheit: nur noch halb so viel!

Andererseits sticht etwas bei der Formel „Höchstens die Hälfte, für Klima und Gesundheit“ ins Auge: Sie ist betörend simpel, für jeden verständlich und einfach anzuwenden.

Möglicherweise ist das der Grund, warum Klimaschützer und Umweltaktivisten so auf die Halbierung des Fleischkonsums drängen.

Wenn man darüber nachdenkt, wird die Sache immer einleuchtender. Ehrlich – das ist super: Einfach nur noch Hälfte von, sagen wir, unnützem Kram, dann sind Klima und Gesundheit ruckzuck wieder im Lot!

Quarkundso.de wird daher bei der Weltrettung selbstverständlich nicht kneifen und hat den eigenen Fleischverzehr bereits reduziert (Details auf Anfrage).

Dafür fordert Quarkundso.de aber zum Ausgleich, bei anderen – überflüssigen – Lebensmitteln und schlechten Gewohnheiten von Privatleuten diese unschlagbare Faustregel anzuwenden: „Höchstens halb so viel – für Klima und Gesundheit!“.

Hier die kreativen Vorschläge der Redaktion*:

 

Höchstens halb so viel Bier! 2015 lag der Bierkonsum bei 105 Litern pro Kopf und Jahr – das ist für jeden, vom Baby bis zum Greis, ein Bier am Tag. Was das in absolutem Saufen für die notorischen Feierabendtrinker heißt, mag man sich gar nicht ausdenken. Dabei ist Bier für die Ernährung höchst nutzlos und noch nicht einmal ein Lebensmittel. Außerdem enthält es nicht nur den giftigen Alkohol, sondern macht auch noch dick und lässt Männern Brüste wachsen. Ab sofort also nur noch die Hälfte: Höchstens jeden zweiten Tag ein Bier, lieber aber überhaupt keins. Das spart Emissionen im Hopfenanbau und wird auch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen empfohlen.

Halb so viel Schokolade! Die Deutschen essen mehr Schokolade als die Schweizer, 11,5 Kilo pro Kopf und Jahr, 31 Gramm am Tag. Das sind für jeden etwa zwei Riegel einer Schokotafel. Aber Schokolade ist teures Importzeug, der Kakao-Ernte beruht auf unfairen Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit, von klimaschädlicher Verpackung (Alufolie!) und dem Transport mal ganz abgesehen. Ab sofort also höchstens noch die Hälfte – aber am besten gar keine Schokolade mehr. Das macht Freude, gerade zur Weihnachtszeit, weil man das Klima rettet. Aber der Verzicht lohnt sich, das sagt auch der Verband Deutscher Zahnärzte.

Ganz wichtig: Nur noch halb so viel Kuchen! Der wird weit überwiegend aus Weizenmehl gebacken, und Deutschland muss Weizen importieren, darunter fast zwei Millionen Tonnen aus Tschechien. Da fallen also wieder Emissionen im Transport an, und seien wir mal ehrlich: Kuchen, Stückchen, Torten und Kekse machen doch nur dick und jagen den Blutzucker in die Höhe. Diabetes lässt grüßen. Also bitte gar nichts mehr oder maximal die Hälfte – nicht mehr jeden Tag süße Backwaren in sich reinstopfen, sondern höchstens zweimal die Woche. Das empfiehlt übrigens auch die DGE. Wegen des Übergewichts.

Entscheidend: Halb so viel Autofahren! Die Emissionen aus dem Straßenverkehr sind doppelt so hoch wie die aus der Landwirtschaft. Wir hatten das oben schon. Damit ist die Richtung klar: Nur noch jeden zweiten Tag Autofahren. Die Fahrzeuganzahl pro Familie wird halbiert: Wo es zwei Autos gibt, bleibt nur noch eine Familienkutsche übrig. Höchstens. Dafür werden Fahrräder angeschafft. Das ist auch viel gesünder und wird vom Deutschen Sportbund empfohlen.

Dass es ein Tempolimit geben muss, ist sowieso klar und stand auch schon einmal im Klimaschutzplan: 130 km/h auf der Autobahn, 30 km/h in Ortschaften. Quarkundso.de geht jetzt weiter und verlangt die Hälfte: Überall dort, wo es schon eine Geschwindigkeitsbeschränkung gab, gilt davon das halbe Tempo. Vorher 80 bedeutet jetzt also Tempo 40, vorher 30 bedeutet jetzt 15. Am besten geht man gleich zu Fuß. Auf Autobahnen gilt generell nur 100. Das ist die Hälfte von 200, wer je schneller gefahren ist, hat eh ein Rad ab. Und glaubt mir – das Tempolimit würde richtig was bringen, was Spritverbrauch und Emissionen angeht. Auch für die Gesundheit – man denke an die tödlichen Unfälle durch Raser. Diese Position vertritt auch die Deutsche Verkehrswacht.

 Zuletzt, weil der Winter kommt: Halb so viel heizen! Nicht in jedem Raum, sondern nur in jedem zweiten Zimmer die Heizung aufdrehen. Wer das toppen will, reduziert überall die Raumtemperatur auf die Hälfte – 12 Grad statt 24 Grad. Dicken Pulli an, wie Thilo Sarrazin riet, dann geht das schon. In den privaten Haushalten liegt nämlich noch viel Einsparpotenzial. Übrigens empfiehlt ähnliche Temperaturen auch der Deutsche Kneipp-Bund: Gezielte Kältereize stärken das Immunsystem, und ständig überheizte Räume schaden der Haut und der Lunge.

 

Diese Vorschläge zum umfassenden Klima- und Gesundheitsschutz sind natürlich erst der Anfang. Sobald Quarkundso.de das Gesundheits- und das Ernährungsministerium übernommen hat, werden Maßnahmen nach diesem Rezept flächendeckend eingeführt.

Sie werden die Welt retten.

Und bei optimaler Klimabilanz durch das „Höchstens noch die Hälfte“-Programm ist dann ein Stückchen Fleisch wieder drin. Versprochen.

*Achtung! Teilweise ernst gemeint.

©Johanna Bayer

TAZ-Kommentar „Schechtes Klima für Fleischfresser“ vom 2.11.2016

TAZ-Kommentar „Ran an die Buletten!“ vom 4.11.2016

Spiegel-Meldung zur Besteuerung von Milch und Fleisch

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich. Einfach ins Sparschwein stecken. sparschwein_spenden

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Küchenzeile: Kochen im Urlaub? Ohne mich

 

Im Urlaub kochen finden viele toll. Warum ständig essen gehen, wo zusammen kochen viel mehr Spaß macht? Außerdem schmeckt es viel besser – wie zuhause! Tja. Das ist es eben. Warum ich im Urlaub möglichst oft essen gehen und nicht mit allen kochen will.

 

Grill mit Schaschlik-Spießen, im Hintergrund unscharf Strand und Leute

Toll, Grillen im Urlaub! Und alle tragen etwas dazu bei. Bild: Shutterstock / A StockStudio

 

Wenn ein verlängertes Wochenende oder ein Urlaub geplant wird, kommt immer jemand auf die Idee, dass wir ja auch kochen könnten anstatt ständig essen zu gehen. Weil das doch viel toller ist, zusammen viel mehr Spaß macht und außerdem besser schmeckt. Und Geld spart! Und überhaupt.

Ich sitze dann still daneben, verschränke die Arme abwehrend vor der Brust und starre mit glasigen Augen aus dem Fenster.

Denn ebenso unzweifelhaft juchzt irgendwann einer „DU kochst doch gerne – JOHANNA kann ja für uns alle kochen!“

Freudig gerötete Gesichter wenden sich mir zu, faseln von leichter Sommerküche, bestellen rustikale Landgerichte, schwärmen von Grillbüffets unterm Sternenhimmel und versprechen, beim Einkaufen, Kochen und Abspülen zu helfen.

Das Ansinnen verweigere ich immer komplett. Also, dass ich koche oder dass jeden Tag gemeinsam gekocht wird. Denn ich persönlich möchte im Urlaub möglichst oft essen gehen.

Ich möchte die Küche des Landes kennenlernen, Neues probieren – und nicht als Küchensklavin hundert Extrawürste braten müssen. Oder als Opfer leiden, weil jeden Tag Nudeln mit dubioser „Gemüsesose“ auf den Tisch kommen.

Es ist mir außerdem schleierhaft, wie jemand die Vorstellung haben kann, dass eine Person, die gerne kocht, Lust hat, in ihrem eigenen Urlaub eine gefräßige Reisegruppe zu versorgen.

Das ist etwas grundlegend anderes.

Den anwesenden Ingenieur bittet man ja auch nicht, alle Fahrräder und Autos der Gruppe zu warten. Der Bankerin bringt man nicht die Reste der Steuererklärung samt dem Hinweis mit, sie habe es doch so mit Zahlen, da könne sie das schnell erledigen.

 

teller_frau

Toll, im Urlaub zusammen grillen! Die Vorstellungen in der Gruppe sind dabei unterschiedlich: Teller einer Frau…

teller_mann

… und der Beitrag eines Mannes an demselben Abend.

 

Das Konzept „Helfen“ funktioniert beim Kochen nicht

Leute, die von „Wir kochen zusammen!“ fantasieren, können sowieso meistens überhaupt nicht kochen und haben keine Vorstellung davon, was es heißt, ein vernünftiges Essen für sechs bis sechzehn Personen auf den Tisch zu bringen.

Und zwar rechtzeitig, so, dass alle satt werden und dass es schmeckt.

Von Kindern rede ich gar nicht erst. Kinder können heutzutage nur, ich betone, NUR, von ihren eigenen Eltern abgefüttert werden. Alles andere endet in der Katastrophe und führt zu schweren Traumatisierungen der Kinder und des Küchenpersonals.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Außerdem ist zusammen kochen riskant. Mal grillen, und jeder bringt was mit, okay. Aber das war´s dann auch.

Denn das Konzept „Helfen“ funktioniert beim Kochen nicht.

Das wird nur was, wenn alle über einen ähnlichen Geschmack verfügen, dieselben Kenntnisse haben und wissen, was zu tun ist. Mindestens müssen Leute, die in der Küche „helfen“ wollen, dazu in der Lage sein, strikt auf Anweisung zu arbeiten.

Das können und wollen die meisten aber nicht.

 

Schnippeln, schwätzen und schön einen picheln

Sie verstehen unter „Helfen“, dass sie sich in der gemütlichen Küche mit Wein einen anschickern, die Zutaten auffuttern und einander lustige Geschichten erzählen, während sie irgendwas „schnippeln“. Das Essen, davon gehen sie aus, materialisiert sich auf geheimnisvolle Weise, ohne dass sie eine Ahnung davon haben müssen, was passiert.

Schlimm sind auch die, die zwischendurch beschwipst in die Küche schlendern und ihre ungewaschenen Finger oder abgeschleckte Löffel in alles reinstecken. Mitten in komplexen chemisch-physikalischen Vorgängen heben sie Deckel von Töpfen und reißen Ofentüren auf, um zu kreischen: „Mmmmhh, das sieht aber lecker aus!“

Das Soufflee ist dann zusammengefallen, die Schmorflüssigkeit verdampft, das Essen muss gerettet werden, sie aber sind längst wieder draußen, um den Wartenden neuen Wein mitzubringen und herumzutrompeten, dass in der Küche totales Chaos herrscht und die Köchin einen unmenschlichen Stress macht.

Die solle sich mal entspannen, man sei schließlich im Urlaub.

 

Was man zum Kochen braucht – die Grundausstattung

Deshalb wehre ich das immer ab. Im Vorbereitungsgespräch gibt es aber jedes Mal Leute, die insistieren. Dann sage ich, dass ich grundsätzlich nur in meinem eigenen Labor koche.

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Bleiben sie hartnäckig, werde ich offensiv. Und zwar mit einer schlichten Zutatenliste – okay, was habt ihr im Haus, was können wir mitnehmen, Folgendes ist zwingend nötig, darunter fange ich gar nicht erst an:

Butter
Sahne
Milch
Weißwein
Rotwein
Zwiebeln
Knoblauch
Thymian
Rosmarin
Kümmel
Lorbeerblätter
Paprikapulver
Cayennepfeffer
Zitronen, naturrein
glatte Petersilie
Meersalz
Zucker
schwarzer Pfeffer in ganzen Körnern, nicht als Pulver
Mehl
Tomatenmark
Parmesan
gutes Olivenöl
neutrales Pflanzenöl
Weißweinessig ohne jedes Honig- oder Feigengedöns
scharfer Senf, ebenfalls ohne Honig- oder Feigengedöns
Eier
3 Töpfe: ein großer, zwei kleine
eine große Pfanne
eine kleine Pfanne
Schneebesen
Kochlöffel
Pfannenwender
vernünftige Messer
zwei Schneidbretter unterschiedlicher Größe
Arbeitsteller und Arbeitsbesteck (genügend)
feuerfeste Auflaufformen

Das ist kein Witz. Das ist mein voller Ernst. Ohne diese bescheidenen Ingredienzen und Werkzeuge kann man nicht richtig kochen. Besonders wichtig sind sie, wenn man, wie ich und die allermeisten, kein Profi ist.

Profis können aus allem was machen. Aber Amateure brauchen einen sicheren Halt im bewährten Rüstzeug. Nur das versetzt sie in die Lage, Geschmack zu erzeugen und Gerichte mit erkennbarem Charakter herzustellen – ich spreche nicht von Spiegeleiern und Urlauberpampe, für die eine Flasche Ketchup und ein Würfel Gemüsebrühe als Universalgewürz ausreichen.

 

Essen als Provisorium

Mit den Zutaten habe ich sie jedenfalls.

Denn jetzt geht es los: „Aber das ist nur ein Ferienhaus. Wir haben da nicht so viel.“ „Wofür brauchst Du denn das alles?“, „Man muss doch nicht immer so viel Aufwand treiben“, „Nein, Kümmel geht nicht, wir hassen Kümmel, wir beide“, „Aber nicht so viel Knoblauch!“, „Och nö. Wenn das schon so anfängt, habe ich keinen Bock mehr.“

Pech gehabt. Das sind meine allgemeinen Geschäftsbedingungen. Davon weiche ich keinen Millimeter ab. Wenn schon kochen, dann richtig. Deshalb koche ich übrigens in einer fremden Küche auch nur, wenn sie einer der Personen gehört, auf deren Ausstattung und Verständnis ich vertrauen kann.

Ihre Anzahl liegt übrigens genau bei sechs, auf meine Lebenszeit gerechnet, wohlgemerkt.

Das Argument „Nicht so viel Aufwand, es geht auch mal provisorisch“ kommt dabei in vielen Varianten auf den Tisch. Den gerne mit untergeschobenen Luxus-Vorwurf kann ich leicht kontern: Das sind alles Sachen sind, die es billig im Supermarkt gibt.

Mein zweiter Einwand ist grundsätzlich: Das Improvisierte, schnell Zusammengeschusterte haben wir doch schon dauernd – wann ist im berühmten Alltagsstress wirklich Zeit zum sorgfältigen, kunstgerechten Kochen?

An Arbeitstagen wird doch bei den meisten die Schnellküche bemüht, zumindest unter der Woche. Und dann soll im Urlaub, wenn man sich erholen und entspannen will, genießen und sich was Gutes tun möchte, schon wieder improvisiert werden? Ausgerechnet beim Essen?

Kommt nicht in Frage.

 

Die „hidden agenda“: Es soll schmecken wie zuhause

Ich glaube allerdings, dass Essen als Provisorium die hidden agenda derjenigen ist, die im Urlaub das Selberkochen vorschlagen: Sie fühlen sich unwohl, wenn es „richtiges Essen“ gibt. Für sie ist das ein Bremsklotz in ihrer Leistungskurve.

Oft sind das Leute, die am liebsten von Salat, Obst und Stullen leben, weil das schnell geht. Die improvisierte Camping-Küche kommt ihnen da gerade recht und verleiht ihrem Aktiv-Urlaub erst das richtige Flair.

Vermutlich gibt es noch tiefer liegende Gründe: Viele möchten kein Risiko eingehen. Sie wollen die Küche des Reiselandes gar nicht kennenlernen und sich mühsam durch eine fremdsprachige Speisekarte buchstabieren, um womöglich etwas ohne Soße zu bekommen, Pommes ohne Mayonnaise und Ketchup oder Schnitzel ohne Panade.

Sie wollen das essen, was sie gewöhnt sind, und schmecken soll es wie zuhause.

Also scheußlich. Zumindest für meine Begriffe.

Denn nicht wenige packen zu diesem Zweck Tüten mit künstlichen Gewürzmischungen und Plastikflaschen mit ihren bevorzugten Fertig-Grillsaucen für die eigens gemietete Ferienwohnung ein, sogar Küchengeräte, Sahnesprühdosen, Aufbackbrötchen und Konserven. Kein Witz, selbst erlebt.

Dieses Bedürfnis nach dem gewohnten Wohlfühlgeschmack ist auch der Grund, warum in Ländern wie Italien, Spanien und Griechenland Lokale mit deutscher, holländischer und britischer Küche entstehen – samt Jägerschnitzel, Hamburgern, Pfannkuchen und Nudeln in Schinken-Käse-Sahne-Soße auf der Karte.

 

Essen im Ausland ist teuer, so oder so

Die Diskussion um die gemeinsame Verpflegung endet spätestens damit, dass ich ankündige, notfalls alleine essen zu gehen. Dann einigen sich die anderen darauf, dass sie selbst reihum kochen, falls wir nicht ausgehen. Damit bin ich zufrieden.

Ich für meinen Teil wärme im Urlaub jedenfalls keine mitgebrachte Dosenware auf, während um mich herum Einheimische Spezialitäten servieren, die sie nach den Regeln der Kunst zubereiten.

Denn öfter als bei uns stehen vor allem in südlichen Urlaubsländern ausgebildete Köche oder zumindest Leute mit viel authentischer Erfahrung am Herd. Da lässt sich einiges über Geschmackstraditionen und handwerklich zubereitetes Essen lernen.

Geld spart das Selberkochen übrigens nicht immer. Man darf sich nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem in Italien und Frankreich, aber auch in anderen europäischen Ländern frische Lebensmittel um einiges teurer sind als bei uns. Besonders Fleisch, Fisch, Butter, Käse und Milchprodukte.

Der tägliche Einkauf im Supermarkt zwecks Selbstversorgung kann an den Betrag, den dieselbe Anzahl von Personen in einem einfachen einheimischen Lokal ausgeben würde, locker heranreichen. Und dabei ist weder die Arbeitszeit noch die Kunstfertigkeit enthalten.

 

Was für ein schöner Abend

Da ich aber vorzugsweise mittags essen gehe, zur Hauptmahlzeit, bin ich abends nicht ausgehungert. Daher kann ich es mir leisten, den Sonnenuntergang zu genießen und mit wenigen Gleichgesinnten und einem Weinchen gemütlich vor der Hütte zu sitzen, während sich um uns herum fröhliches Treiben entfaltet:

Männer kommen um halb neun Uhr abends angetrunken vom Strand und wollen schnell noch den Grill anwerfen, der zwei Stunden Anfeuerzeit braucht.

Paare streiten, weil einer von ihnen keine Lust hatte, bei der Hitze einkaufen zu gehen, alle jetzt aber tierischen Hunger haben.

Kleinkinder wälzen sich schreiend auf dem Boden, während entnervte Mütter irgendwelche Nudeln ins Wasser werfen und mit Ketchup Gesichter auf Teller malen. Das soll die Kinder davon ablenken, dass es erst weit nach ihrer Schlafenszeit vernünftiges Essen gibt und sie nichts abbekommen.

Die Pubertierenden haben derweil die Weinvorräte geplündert und sind mit den teuersten Flaschen Richtung Strand verschwunden.

Wirklich, es ist total schön, wenn im Urlaub alle zusammen kochen. Aber ohne mich.

©Johanna Bayer

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EDEKA und die unkulinarische Revolution: So geht Kochen heute

Alles in einen Topf, das ist verführerisch, weil es schnell geht und sicher scheint. Zu Tausenden zeigen Kochvideos einfache One-Pot-Gerichte, auch die Supermarktkette EDEKA springt auf den Zug auf. Doch genau besehen sind zeigen diese Produkte aus der WG- und Camping-Küche nur eins: Das ist kein Kochen.

Topf mit rohen Zwiebeln, Tomaten, Pilzen, Basilikumblättern und Spaghetti (roh)

Nudeln mit allem zugleich kochen – nichts einfacher als das? Bild: Shutterstock

 

Über Werbung darf Quarkundso.de auch schreiben, denn Werbefilme oder Anzeigen sind Medien. Außerdem sind sie fette Beute, weil sie so schön doof sind, wenn es um Essen geht.

Besonders schön doof war in der letzten Zeit EDEKA.

Die haben mit ihrem Kitschdrama, in dem ein Opa seine ganze Familie in den moralischen Schwitzkasten nimmt, im letzten Winter Furore gemacht. Die Nummer mit dem vorgetäuschten Tod, damit alle zu Weihnachten wieder zusammen kommen, war ein plumpes Schmierenmelodram erster Ordnung, mit einer höchst fragwürdigen Botschaft von emotionaler Erpressung, Lüge und Manipulation.

Aber erstklassig gedreht, natürlich. Kein Wunder. Das Video stammt ja auch von der Hamburger Top-Agentur Jung von Matt. Wenn die was machen, kostet es ein Heidengeld, aber es ist meistens ziemlich gut, zumindest handwerklich.

Die Werber nämlich sind gar nicht doof. Sie können sich in die Welt ihrer Zielgruppe versetzen und dann genau die richtigen Knöpfe drücken.

 

Versatzstücke aus der Hipster-Welt

Jetzt hat EDEKA einen neuen kleinen Werbefilm auf Facebook gestellt. Es ist ein reines Koch-Video nach modernem Rezept, gebastelt aus Versatzstücken der Hipster-Welt: Ein lustiger Panda steht für die zu rettende Umwelt, wie süß; gekocht wird mit nachhaltig erzeugter EDEKA-Ware und die Anleitung erfolgt nach Art der Tasty-Videos von Buzzfeed.

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Buzzfeed ist dieses Katzenvideo-Portal im Internet, und die Kochfilme der Rubrik „Tasty“ sind sowas wie der Cat-Content der Küche: Kurze Clips mit sehr wenigen Einstellungen, immer von oben gefilmt, in denen körperlose Hände Zutaten zusammenschütten. Ruck-zuck ist alles fertig, und am Ende lach-stöhnt eine männliche Stimme verzückt: „Oh – yes!“.

Diese Tasty-Videos sind Kult. Sie werden millionenfach geklickt und stammen aus den USA. Deshalb kommen die simplen Speisen, die dort ins Bild gesetzt werden, auch sämtlich aus der amerikanischen Schnellküche – fabriziert mit viel Frischkäse, vielen Eiern, Gewürzmischungen, Soßen aus der Tube und Kuchenböden aus Kekskrümeln.

Diese Clips sind das Muster für das neue EDEKA-Video, und damit es ganz sicher viral geht und viele junge Leute anspricht, haben die Macher noch einen US-Trend reingemixt: die One-Pot-Pasta.

 

Ein amerikanisches Phänomen

One-Pot- oder One-Pan-Pasta geht auf ein weiteres amerikanisches Phänomen zurück, auf Martha Stewart, eine clevere Millionärsgattin. Die betreibt ein Internet-Portal, auf dem sie Rezepte, Haushalts- und Einrichtungstipps veröffentlicht. 2013 erfand sie ein Rezept für „One-Pan-Pasta“.

Die Idee dahinter ist, alle Zutaten für eine Nudelsoße wie Tomaten, Zwiebeln und Gewürze zusammen mit den Nudeln in einen einzigen Topf zu geben und mit Wasser in einem Gang zu kochen. Angeblich stammt die Idee wirklich aus Italien und von einem apulischen Koch, aber den Amerikanern darf man nicht alles glauben, wenn es um Essen geht.

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Screenshot von einer Google-Bildersuche nach „One-Pot-Pasta“.

Jedenfalls drehten Internet, Food-Magazine und Food-Blogger nach diesem ersten One-Pan-Pasta-Rezept durch. Die Methode verbreitete sich rasend schnell um die ganze Welt, schwappte von den USA nach Europa und die Varianten für den schnellen Nudel-Topf gehen inzwischen ins Unendliche: von mexikanisch mit Hack und Mais über asiatisch mit Fischsauce bis hin zu Kreationen mit Birnen und Brie oder veganen Varianten mit Brokkoli und Pilzen.

EDEKA präsentiert jetzt so eine One-Pot-Pasta nach amerikanischem Muster, gekocht vom lustigen Panda. Was kommt rein? Natürlich Nudeln, dazu gewürfelter Lachs, Frischkäse, Tomaten, Spinat, Erbsen, Frühlingszwiebeln, Brühepulver und Sahne, alles auf einmal. Heißes Wasser dazu, 10 Minuten kochen, fertig.

 

Der Topf des Grauens

Das ist mein Untergang. Wirklich. Das ist so fies. Schon der Gedanke an Frischkäse, der sich in kochendem Wasser auflöst – igitt!

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Dann der arme Lachs. Lachs ist ein köstlicher Fettfisch, der seinen Geschmack verliert, wenn er in Wasser gekocht wird. Lachs kann man grillen, braten, in Öl oder Butter garziehen lassen, ja. Aber man kann ihn nicht kochen.

Man kocht sowieso keinen Fisch, allenfalls dünstet oder pochiert man ihn ein wenig, aber nicht einfach in Wasser. Überhaupt sollte Fisch bitte kein Wasser sehen, sobald er tot ist. Lachswürfel 10 Minuten in Wasser zu kochen verleiht ihnen todsicher die Konsistenz von 15 Jahre alten Marshmellows.

Und erst dieses alberne Getue mit der pseudo-italienischen Dekoration.

Denn am Schluss bekommt das Nudelgemisch noch ein Finish, das für den nötigen Schuss Italianità sorgen soll: Pinienkerne drüberstreuen, Parmesan draufhobeln (in Zeitlupe), als Krönung noch Basilikumblätter, in Nahaufnahme von schlanken Fingern liebevoll auf dem dampfenden Teller platziert.

Aber wer Frischkäse an Nudeln schmiert, hat garantiert noch nie in Italien gegessen. Sondern nur in der oben genannten amerikanischen Schnellküche, nach dem Prinzip „Alles was im Kühlschrank ist, kommt rein“.

Noch dazu würden Italiener nie, nie, nie Käse über Fisch geben, oder Parmesan an Nudeln, die mit Fisch oder Meeresfrüchten gemacht sind.

Herrlich ist dazu der Kommentar einer Italienerin auf der Facebook-Seite von EDEKA:

„bitte NICHT! es ist so richtig ekelhaft sowas anzuschauen, als Italienerin kriege Gänsehaut! pasta braucht richtig viel wasser zum kochen (alleine) und Parmesan mit fisch tut man nicht!!! bleah!! nur richtige ignoranten über Essen dürfen sowas mögen! holt ihr lieber ein Döner!“

 

Das ist kein Kochen

In mir ruft der Gruseltopf von EDEKA traumatische Erinnerungen an meine Studentenzeit hervor – an WGs, in denen „mit Freunden gekocht“ wurde. Damals, als wir von Mamas Fleischtöpfen weg plötzlich auf uns selbst gestellt waren.

Das Ergebnis waren Eintöpfe und Aufläufe mit Dosenpilzen, Dosenmais, Tiefkühlerbsen und Formschinken in Eierpampe; Nudelsoßen mit, äh, Dosenpilzen, Dosenmais, Formschinken und Ketschup; oder kreative Lasagne mit Dosenpilzen, Dosenmais, Dosenerbsen, Formschinken, Ketschup, überbacken mit Schmelzkäse und cremig gemacht mit, ja, damals schon, Frischkäse.

Das wichtigste Kriterium war, dass es nicht viel Arbeit macht, keine Vorkenntnisse verlangte, in einem Gang zu erledigen ist und wenig Abwasch produziert. Ob man ein Rezept hatte, oder ob die Zutaten wirklich zusammen passten, spielte keine wirkliche Rolle.

Gut, wir waren jung. Wir wussten es nicht besser. Und wir hatten ja nichts.

Aber heute? Heute sage ich rundheraus: Das war kein Kochen. Und was EDEKA uns da zeigt, ist es auch nicht.

 

Woher der Geschmack kommt

Wobei – nichts gegen das Prinzip Eintopf. Das ist was anderes. Aber selbst ein Eintopf kann nur gut werden, wenn er nach den Regeln der Kunst zubereitet wurde.

Dazu gehören mehrere Arbeitsgänge und oft auch mehr als ein Topf. Zwiebeln werden zuerst angebraten oder in Fett gedünstet, Fleisch oder Speck ebenfalls angebraten, Gemüse kommt unter Berücksichtigung verschiedener Garzeiten nach und nach dazu und wird vorher vielleicht ebenfalls getrennt angeröstet.

Der Hintergrund ist natürlich, dass nur so wirklich Geschmack erzeugt werden kann. Den lockt man erst mit den richtigen Techniken und mit Hilfe von Fett und Hitze aus den Zutaten raus. Und wenn es nicht gerade eine Suppe werden soll, geht das Ganze grundsätzlich mit möglichst wenig Wasser einher.

Die One-Pot-Mode aber ignoriert bewusst das uralte Wissen um Geschmack, Aromen, Texturen und Konsistenzen, auch die Wirkung verschiedener Techniken.

Im Grunde ist sie ein barbarischer Rückfall, der Siegeszug der primitivsten Kochform, die es gibt: der Camping-Küche. Passenderweise steht der Topf im EDEKA-Video auch auf so einer einzelnen Camping-Kochplatte.

 

Die unkulinarische Revolution

Dabei ist das EDEKA-Video nicht irgendein Kochclip. Sondern ein Symptom für einen viel weiter gehenden Wandel. Denn wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel: Es ist nichts weniger als die Rebellion der kulinarischen Underdogs.

Nach Jahrhunderten italienischer und französischer Vorherrschaft, nach der erdrückenden Dominanz der feinen französischen Hochküche mit ihren Ritualen überrollt uns jetzt eine Welle von neuem Essen aus Übersee.

Hauptkriterium: schnell und einfach.

Die Amerikaner und Engländer, also die, von denen Jahrhundertelang klar war, dass sie nicht kochen können und keinen Geschmack haben, sind plötzlich das Maß aller Dinge. Treiber sind das Internet und Hunderttausende von Food-Blogs aus dem angelsächsischen Raum.

Und es wimmelt jetzt auch bei uns nur so von Cheesecakes, Muffins, Brownies, von Avocado-Zubereitungen, vorzugsweise mit Eiern, von Dekorationen mit Smarties und Marshmellows, von Ahornsirup und Erdnussbutter, von kalten Nudelsalaten mit Zitronengras, von Wraps und Enchiladas, von Cranberries und Blueberries. Und von Burgern, der modernen Stulle.

Verkauft werden sie altmodischen Gourmets als der neueste Foodie-Schrei. In den USA scheint die neue simple Küche eine Art Gegenbewegung zum Fastfood darzustellen. Deswegen findet sich in den Texten dazu oft so etwas wie „healthy“, „real food“, „wholesome“ und was dergleichen Beschönigungen mehr sind.

 

Lustige Kinderküche und anti-bourgeoises Programm

Es zeigt sich aber auch eine mehr oder wenige bewusste Abkehr von von den traditionellen europäischen Küchen-Prinzipien, und fast so etwas wie ein anti-bourgeoises Programm: Kochen ist keine Kunst, Kochen geht schnell, Traditionen braucht man nicht, man muss nur mutig und fantasievoll genug sein.

Also weg mit dem überheblichen Brimborium, mit vielen Gängen und Extras bei der Zubereitung, weg auch mit Tischmanieren und korrekten Gedecken.

Man isst jetzt ganz unverkrampft und locker, dabei hat der neue Stil fast schon etwas Infantiles. Denn es dominieren weiche, breiige, zusammengekochte Speisen wie Eintöpfe, One-Pot-Wonders, Nudelgerichte und Aufläufe. Es gibt keine flachen Teller, sondern überwiegend Schüsselchen wie beim Kindergeburtstag, aus rustikalem Steingut statt aus feinem Porzellan. Dazu gehören bunte, fröhliche Farben statt nüchterner, weißer Eleganz, gegessen wird weit überwiegend mit dem Löffel statt mit Messer und Gabel. Langstielige Weingläser haben auch ausgedient, Safthumpen aus Pressglas stehen auf rohen Holztischen.

Zur Betonung der entspannten Gemeinsamkeit kann auch vollends jede bürgerliche Form aufgelöst werden, wie im ZEIT-Magazin zu Ostern 2014. Da ging es um „Kochen für Freunde“: In der Fotostrecke aßen alle, Erwachsene und Kinder, aus einem Topf, wie im Mittelalter am Gesindetisch, und steckten ihre abgeschleckten Löffel in den Nachtisch.

 

Das beste Restaurant der Welt: Fusion Food im US-Stil

Die neuen US-Trends jazzen auch Ingredienzien hoch, die bislang eher unter „ferner liefen“ gehandelt wurden. „Clean-Eating“ zum Beispiel feiert die Verbindung von Avocado mit Ei. Ist schonmal jemandem aufgefallen, wie viele Rezepte es plötzlich mit Avocado und Ei, und überhaupt mit Ei gibt? Und mit Hühnerfleisch?

Solche Kombinationen stammen von der kalifornischen Küste, wo sich Tex-Mex-Küche, südamerikanische, pazifische und asiatische Einflüsse sowie Schlankheits-, Gesundheits- und Anti-Aging-Wahn aufs Übelste paaren.

Den Trend bildet auch das neue „beste Restaurant der Welt“ ab, die Osteria Francescana in Modena. Der Koch, Massimo Bottura, hat in den USA lange Jahre verbracht und ist mit einer Amerikanerin verheiratet.

Wäre er bloß nach Frankreich gegangen und hätte eine Französin geheiratet.

Aber so gibt es in seinem – italienischen – Restaurant astreines Fusion Food mit Tempura, süßsauren Soßen und, horribile dictu, einem Caesar Salad. Das ist das „signature dish“ der italo-amerikanischen Küche, erfunden, wen wundert‘s, während der Prohibitionszeit in Mexiko.

Es gibt zu dieser unkulinarischen Revolution so viel zu sagen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Sicherheitshalber höre ich vorläufig auf. Aber nur vorläufig. Denn das Thema taugt auch zu einer langen Reihe – in der Rubrik „Bad Taste“.

©Johanna Bayer

 

One-Pot-Pasta von EDEKA auf Facebook

Die Ehrenrettung des Eintopfs steckt in diesem Beitrag von Februar 2016 bei Quarkundso.de


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VOX: Rudelkochen, schlechte Manieren und ein Moderationsroboter. Aber lernen kann man was!

 

Ja, ich gucke das. Außer mir wohl fast keiner, aber ich habe mir den Dienstagabend bis auf weiteres für „Game of Chefs“ auf VOX reserviert: Drei echte (!) Spitzenköche bewerten in der neuen Kochshow ambitionierte Laien und Profis, die um die Wette kochen. Star der Jury ist der smarte Christian Jürgens, der drei Sterne am Tegernsee hält, mit ihm dürfen Christian Lohse aus Berlin und Holger Bodendorf von Sylt an fremden Tellern rummäkeln, beide seit vielen Jahren besternt. Mehr Kompetenz war in einer deutschen Kochsendung noch nie.

Deutschlands Sterneköche: arrogante Angeber?

Hier aber erstmal die nackten Fakten: Miese Quoten, Häme von der TV-Kritik, und die Zuschauer-Kommentare, zum Beispiel auf Twitter, sind bösartig bis enttäuscht und gelangweilt. Die junge, völlig unbekannte Moderatorin wirkt, wie einer treffend feststellt, wie ein „Moderationsroboter“, viele bemängeln, die Show sei nicht originell, vor allem seien die drei Sterneköche arrogant, und „unglaublich hochnäsig“ (T-Online). Überhaupt seien sie völlig unbekannt (nanu?) und wen interessiere es schon, was drei überhebliche Pinsel über ein Gericht denken, das mit viel Liebe gekocht worden sei und ganz bestimmt toll schmecke.

Nur ich bin begeistert. Gut, die Manieren der drei Stars sind wirklich eine Katastrophe: Sie schmatzen beim Probieren, stecken sich das Messer in den Mund und essen mit den Fingern. Bei Tisch geht sowas natürlich nicht, da bin ich sehr streng. Aber in Profi-Küchen, also hinten in der Werkstatt, hat man mich wissen lassen, sei das unappetitliche Gestochere üblich. Für meine Begriffe hat da die Mutter versagt. Aber egal – als Köche sind die drei VOX-Küchenchefs große Künstler. Und Künstler dürfen einigermaßen exzentrisch sein. Außerdem haben sie immer schlechte Manieren.

In der Küche lernt man fürs Leben

Dazu gehört auch, dass die Chefköche nicht gerade zimperlich mit den Kandidaten umgehen. Genauer gesagt: Sie gerieren sich wie Ausbilder der Handwerkskammer, die den Lehrling vor der Prüfung schleifen; sie bellen Kommandos, machen Druck, kanzeln ab, und die Antwort muss immer heißen: „Ja, Chef!“. Das versteht der gemeine Küchenchef dann unter Teamarbeit. Und so lernen die Kandidaten in der Sendung nicht nur Kochen, sondern auch fürs Leben: Wie kooperiert man, wie erschafft man ein perfektes Produkt, wie hält man den Arbeitsplatz sauber, wie benimmt man sich im Allgemeinen ( „Sagt schön ‚Guten Tag‘“) und dem Chef gegenüber im Besonderen („Ja, Chef!“).

Mit Genuss fügen sich die Aspiranten den strengen Anweisungen und akzeptieren die Hackordnung. Ich muss schon sagen, das hat was. Von asiatischer Hingabe an die Arbeit, von Zen-Kloster und von einer Tugend, die viele nicht kennen: Achtung vor dem Meister. Da hört die schlaffe Siebzehnjährige auf, zu motzen, der Jungkoch mit der schweren Kindheit reißt sich zusammen, die Dicken kommen in Schwung. Das macht Eindruck. Und wo kann man schon sehen, wie es in so einer Küche wirklich zugeht? In den geschönten Gourmet-Dokus beugen sich meistens lächelnde Feingeister über Teller und malen mit Pinselchen Striche in die Soße. Da brüllt keiner durch die Küche: „Bei Dir sieht´s aus wie im Puff!“ (Christian Jürgens). Ich finde, es ist ehrlich, das mal zu zeigen. Ja, junge Leute, so ist es im richtigen Leben, wenn ihr was lernen und vorankommen wollt!

Worauf es beim Essen ankommt

Die Meister jedenfalls sind sich ihres Ranges voll bewusst. Daher akzeptieren sie bei den Wettkampf-Gerichten auch nur das Beste, und zwar ausschließlich nach den Regeln ihrer eigenen Kunst. Und nach keiner anderen. Zumal es um das geht, was wirklich wichtig ist beim Essen, ach was, im Leben. Der Chef der Chefs, Christian Jürgens, macht es klar. „Hier geht es nur um drei Dinge: Geschmack, Geschmack und nochmal Geschmack.“

Großartig. Das ist mein Credo. Schon allein deshalb muss ich das gucken! Denn Essen muss weder gesund noch „leicht“ sein. Es muss weder schön machen noch schlank, weder schlau noch jung, fit oder dauerleistungsfähig. Es muss nur – schmecken. Das reicht. Der Rest ergibt sich dann nämlich von selbst, meine ich. (Die dazugehörige gastrosophische Abhandlung spare ich mir, wer sie möchte, kann sich aber gerne melden.)

Multi-Kulti-Köche fliegen raus

Immerhin – durch die Strenge der eigenen Kunst ist der Wahrnehmungshorizont der Jury beschränkt, nämlich auf die klassische, französisch dominierte Hochküche. Soulfood von Mutti, wild Improvisiertes und Ethno-Gerichte haben keine Chance. So flogen gleich mehrere Multi-Kulti-Kochpromis hochkant aus der ersten Runde, zum Beispiel Mary Appiah, VIP-Köchin aus Hamburg, die schon im NDR zu sehen war und mit einem Gericht aus ihrer Heimat Ghana antrat: ein Teller mit Wurzelgemüse, Kartoffeln und Hühnerstücken samt dicker Haut, langsam geschmort. Typisch afrikanisch, alles in einem Topf, schön suppig und – für den europäischen Geschmack – überwürzt. Die Jury tippte unbefangen auf „was Kreolisches“, konnte das Gericht sichtlich nicht einordnen und vergab keinen Punkt. Auch die Promiköchin vom Dao Thai in Berlin scheiterte, die es schon ins ZDF geschafft hat, weil sie den Asia-Trend so perfekt verkörpert und in strahlend bunten Seiden-Sarongs Kochkurse zum Umgang mit Ingwer und Zitronengras gibt. Nix da – Christian Jürgens war das Gericht viel zu scharf, und auch Holger Bodendorf verweigerte dem Urlauber-Teller das Messer.

Veganer Szene-Koch krass abgewatscht

Den spektakulärsten Flop der Auswahlrunde landete Björn Moschinski, veganer Star-Koch aus Berlin. Von dem sagt nicht nur seine eigene Webseite, er sei einer der besten veganen Köche Deutschlands, das stand auch schonmal im „Feinschmecker“. Moschinski coacht andere Veganer-Köche, hat ein bekanntes Restaurant in Berlin, das in der Szene brummt, reist durch die ganze Republik und das von VOX vorher gezeigte Kandidaten-Video betonte seine „unglaubliche Kreativität“ im Umgang mit Gemüse. Dazu waren fein ziselierte Häppchen unter der Wärmelampe schön ins Bild gesetzt. Auf seiner Facebook-Seite steht: „Björn Moschinski kocht nicht nur vegan, sondern vor allem auf höchstem Niveau.“ Der Tierfreund selbst wirkt unter dem persönlichen Slogan „Geiler Geschmack braucht kein Fleisch“. Bevor seine Teller, verdeckt unter silbernen Clochen, vor die Nasen der Chefköche rollten, raunte er in die Kamera: „Ich schau einfach mal, ob es wirklich auffällt, dass da gar kein Fleisch drin ist“.

Nun ja, da ist er an die Falschen geraten. Auf den ersten Blick war den Profis klar, dass es sich „um was Veganes“ handelt, um „Ersatzbums“, beim Probieren überzeugt nichtmal das simple Erbsenpüree, da, wie auch die Curry-Karotten-Paste, zu süß. Das Urteil, verkündet von Christian Jürgens: „Du bist ein cooler Typ. Aber lass das bitte mit der Kocherei. Das ist nicht Dein Ding. Das schmeckt definitiv nicht.“

Das ist der Untergang. Eine Total-Havarie, in der dem Kandidaten mit eigenem Restaurant der Geschmackssinn komplett abgesprochen wird. Derlei hat sonst niemand kassiert, nicht mal der Burger-Fan, der Stierhoden verarbeitete und dazu Brötchen fabrizierte, die er mit pürierten Beeren versetzte, damit sie „schön fruchtig“ werden. Auch nicht der Paleo-Koch, der ein Herz zu Gulasch schnetzelte. Beide wurden übrigens zusammen mit dem Veganer rausgeschmissen.

Essen, was man kennt. Und die Kunst der Komposition

Auf Twitter und Facebook war es dazu erstaunlich ruhig. Null Resonanz, kein Aufbegehren, keine empörten Fans, bis auf zwei zaghafte Tweets: „Für Neues scheinen die Sterneköche nicht wirklich offen zu sein“, und „Was sie nicht kennen, essen sie nicht.“ Wie wahr, und es stört mich gar nicht, dass das engstirnig wirkt. Schließlich hat sich so über Jahrmillionen die Menschheit entwickelt – essen, was man kennt. Klar, ab und an probierten unsere frühen Vorfahren auch mal das, was der Nachbar-Affe mochte. Aber nur, wenn er es zum zweiten Mal aß.

Der Vollständigkeit halber füge ich brav hinzu: Natürlich muss es nicht immer Haute Cuisine sein. Natürlich ist Geschmack gelernt. Natürlich mag nicht jeder alles.

Aber zum Glück mag ich genau das, was die drei Sterneköche mögen, daher komme zumindest ich voll auf meine Kosten. Es freut mich, dass der Lohse flucht, wenn etwas nicht abgeschmeckt oder gar süß ist, wo nicht angebracht (die Pest); ich jubele, als sie die Nase über eine belanglose Tomatenscheibe im Gemüse rümpfen – meine Rede. Was sollen diese penetranten Tomaten in jedem, aber auch jedem Salat, die im Winter nach nichts schmecken und abwechselnd mehlig oder viel zu fest sind? Jetzt endlich kann ich mich wenigstens auf Lohse, Jürgens und Bodendorf berufen, na, der nächste Salatpanscher kann was erleben.

Als Christian Jürgens das Hack für eine primitive Bulette beim Motto „Fast Food“ auf Vordermann bringt, Säure, Schärfe, Hintergrund hinzufügt (Gurkensud!) krieche ich fast in den Fernseher, und als ausgerechnet seinem Star-Team die Mayonnaise misslingt, weiß ich, dass die Götter der Küche gerecht sind: Warum soll es Profiköchen besser gehen als mir? Bei der Runde mit den Fischgerichten auf Ansage war es erstaunlich, auf was für Ideen die Kandidaten kamen. Forelle in allen Variationen, pochiert, gebraten, gebacken, sous-vide, eine besonders Kreative brät die Fischhaut und frittiert ein Eigelb, irre, die bodenständige, aber hochbegabte Hausfrau macht die Forelle klassisch und serviert sie gebraten, mit Nussbutter und Pilzen. Das wollte ich sofort nachmachen, nur hatte ich gerade keine Forelle da und es war fast Mitternacht. So weit kommt es dann mit mir. Was die Komposition von Gerichten und Aromen angeht, kann man also bei VOX echt was lernen.

Kritik vom Profi: Teilt euer Wissen!

Der Profi Steffen Sinzinger von der Speisemeisterei bemängelt aber, dass sich von den Bewertungskriterien der Köche nichts erschließt, und wünscht sich, dass sie davon mehr preisgeben, weil viele Urteile ungereimt wirken. Hat natürlich recht, der Mann, er ist selbst Koch. Aber man sollte bedenken: Das ist Fernsehen. Wir sehen nicht alles. Da stehen wahrscheinlich noch drei Assistenten mit Schreibblöcken hinter den Köchen, wenn es an die Bewertung geht, da gibt es ein Raster, das abgehakt wird. Womöglich lauert der Notar im Hintergrund, der Regisseur und der Drehbuchautor unterbrechen mit Anweisungen, und dann stehen noch mehrere professionelle Köche und Berufsschullehrer bereit, ebenso wie zwei Psychologen und drei Aufnahmeleiter, die die Kandidaten in Schach halten. Und wir kriegen nur ein paar Bröckchen mit, die schnell und spitz zusammen geschnitten werden.

Bitte mal ein „Making-Of“

Tatsächlich wäre der Hintergrund echt interessant, was kostet sowas? Was haben die den Luxus-Köchen dafür bezahlt, dass sie mindestens 10 Tage von ihrem Laden weg waren? Und die gigantische Logistik – das muss doch alles exakt durchgeplant sein, von Einkauf und Warenlager über Geräte und Geschirr bis hin zum Putzplan. Dann noch die Regie und die Kameraperspektiven: Diese Totalen über das ganze Studio mit mehreren Kochstationen und so vielen Leuten, jeder Kandidat wird einzeln beim Kochen befragt, besondere Ereignisse wie die Nervtöle Nine aus dem Osten, die sich ständig helfen lässt, wollen treffend eingefangen werden – da sind mindestens noch sechs bis acht Kameras samt Autoren im Spiel. Die koksen vorher wahrscheinlich, damit sie das durchhalten, denn kein Take kann wiederholt werden – wenn der Teig durch ist, ist er durch. Über jeder Station ist noch eine Kamera an der Decke montiert und liefert von oben den Blick in den Topf, das alles bedeutet nächtelange Sitzungen im Schneideraum.

Auch die Reihenfolge der Gerichte, wie sie vor der Jury erscheinen, ist eindeutig genau durchdacht, da nach Intensität und Aromen sortiert. Das können nur Koch-Profis vorbereiten, die im Studio rumwuseln, abfragen und planen. Alle müssen aber rausrennen, wenn der Regisseur „Totale!“ durchsagen lässt und eine der großen Studiokameras alles in den Blick nimmt. Welcher Kandidat was kochen will, und wie, das muss vor der eigentlichen Wettbewerbslaufzeit abgesprochen werden, natürlich ohne dass wir es sehen. Bei der Auswertung sind die bunten Teller, die auf dem Band rausrollen, garantiert auch ausgeklügelt sortiert, damit die Spannung möglichst hoch und die Überraschung am Ende möglichst groß ist.

Warum macht nicht mal jemand ein „Making-Of“ von so einer Sendung? Das wäre toll, für mich zumindest. Und ich hoffe, das liest jetzt jemand von VOX und setzt es gleich um. Besser noch: Lässt es mich machen, samt einem ausgiebigen Testessen bei Christian Jürgens in der „Überfahrt“ am Tegernsee, auf Kosten von VOX. Ich bringe den Bericht auch groß hier auf Quarkundso.de, diesmal mit vielen Bildern. Versprochen.

©Johanna Bayer

 Häme von der FAZ…  … auch von T-Online…  … und eine qualifizierte Kritik von Steffen Sinzinger, Speisemeisterei Berlin

Nachschlag: 3. April 2015: VOX nimmt die Sendung aus der Primetime, wegen der schlechten Quoten. Ab sofort ist „Game of Chefs“ nur am Sonntag um Mitternacht im Programm, ansonsten – für Fans – dienstags im Internet. Grund: Die werberelevante Zielgruppe zwischen 14 und 49 habe die Sendung nicht akzeptiert, war bei DWDL und T-Online zu lesen. Eigentlich keine Überraschung, hätte ich vorher sagen können. Wen wundert es, dass Gourmet-Küche das deutsche Massenpublikum eher nicht interessiert? Und die anvisierte Altersklasse ist ja wohl auch die falsche.  Aber es gibt sie. Sie sind viele – und es gibt eine Heimat für die Sterneköche. Quark und so fordert: „Game of Chefs“  in die ARD!

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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