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Der Pressetext zum neuen DGE-Report: Essen die Deutschen wirklich gesünder?

Eine Pressemitteilung der DGE zum 14. Ernährungsbericht verleitet Redaktionen dazu, von „gesundem Essen“ zu schreiben. Aber in Wahrheit essen die Deutschen laut Report gar nicht gesünder – Quarkundso.de übernimmt.

(Beitrag vom 2.2.2021)

Glasschüssel mit Salat, umgeben von kleinen Schüsseln mit Erdbeeren, Pilzen, Trauben, Nüssen, Rotkraut, Tomaten, Weißkohl

Obst und Gemüse sind gesund – irgendwie. Bild: silviarita / Pixabay

In den ersten Wochen des Jahres kommen immer die ganz großen Themen: Was essen wir? Was ist gesunde Ernährung? Wer ist gesund, weil er oder sie oder dies oder das isst – oder nicht isst? Ist man auch gesünder, wenn man gesünder isst?

Und hören die Menschen auf Ratschläge dazu, was gesundes Essen ist?

Anlass zu diesen Fragen gibt nicht nur das neue Jahr, sondern auch der 14. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, DGE. Alle vier Jahre soll der Report erfassen, was hierzulande so auf den Tisch kommt, und jetzt ist der neue am 24.11.2020 erschienen.

Ergebnis: „An einigen Punkten“, so die Pressemitteilung der DGE, habe sich die Ernährungssituation „verbessert“. Insgesamt aber – eigentlich nicht.

Denn die Deutschen werden ungebremst dicker, zeigt der Bericht. Und auf die Ernährungsratschläge der DGE hören sie auch nicht. Das ist die wichtigste Botschaft, nachzulesen in der Pressemitteilung der DGE vom 24.11.2020.

 

Gesundes Essen, ungesundes Gewicht

Das ist ein eher mageres Ergebnis. Denn was nützt gesundes Essen – was auch immer das sein soll – wenn man davon dick wird?

Und wenn der Genuss von Schweinefleisch „erfreulicherweise“ zurückgeht, wie es in der DGE-Pressemitteilung heißt: Was hilft das, wenn der Anteil der Übergewichtigen und Fettleibigen in Deutschland steigt?

Falls es da überhaupt einen Zusammenhang gibt, wäre der einzige Schluss, der daraus zu ziehen ist, dieser: „Aha, Schweinefleisch ist nicht Schuld am Übergewicht!“.

Aber das folgert natürlich niemand.

Stattdessen freut sich die DGE über „mehr Gemüse“. Doch da ist es wieder: Was nützt mehr Gemüse, wenn die Deutschen noch dicker werden? Übergewicht ist das Problem: Hohes Körpergewicht gehört zu den größten Risikofaktoren für Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Arbeitsunfähigkeit und eine ganze Reihe von Krebsarten.

Dagegen haben Normalgewichtige, ganz gleich, was sie essen, ein wesentlich geringeres Risiko, an diesen Erkrankungen zu leiden oder zu sterben. Das haben große Studien ergeben, darunter die Nurses Health Study aus den USA.

Zudem sagen Konsumzahlen, wie sie der Ernährungsbericht der DGE anhand der Agrarstatistiken erhebt, nichts über die Ursachen von Krankheiten in der Bevölkerung.

Oder über Übergewicht. Oder über den Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Übergewicht. Oder über die Verbindung von Essgewohnheiten und Übergewicht.

 

Gute Stimmung ist alles

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Die von der DGE wissen das natürlich.

Deshalb formulieren die Forscher ihre Erkenntnisse sehr vorsichtig: In ihrer ausgeklügelten Pressemitteilung vermeiden sie es, von „gesund“ oder „gesünder essen“ zu sprechen.

Ganz sein lassen können sie es aber nicht. Denn die Verbindung von „essen“ und „gesund“ ist im Hirn der Deutschen so fest verdrahtet wie die von „Sommer“ und „Grillabend“.

Daher schlagen die Autoren der Pressemitteilung einen populistischen Haken und stellen an den Anfang das, was das Volk unter „gesünder essen“ versteht:

„Mehr Gemüse, Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetees, weniger Schweinefleisch und Alkohol – die Ernährungssituation in Deutschland hat sich in einigen Punkten verbessert“,

lässt sich Helmut Heseker, Chef des wissenschaftlichen Präsidiums der DGE, zitieren.

Damit war der Trigger gesetzt und die Redaktionen sprangen darauf an.

 

Keine weiteren Fragen

Blätter und Portale übernahmen die Pressemitteilung der DGE komplett und dichteten – natürlich – etwas mit „gesund“ dazu. Niemand fasste nach.

Die ZEIT etwa, die es nun wirklich hat – Geld, Recherchepower, Mediziner in der Redaktion – schrieb:

Bürger essen gesünder – und werden trotzdem immer dicker.
Mehr Gemüse, Tee und Wasser, weniger Schweinefleisch: Auf Deutschlands Esstischen hat sich einiges getan. Die Quote der Übergewichtigen aber steigt laut einer Studie.

Schade, dass einem Leitmedium wie der ZEIT nichts weiter einfällt, als den Text der DGE abzudrucken und nicht selbst zu recherchieren, was genau hier „gesünder“ sein soll – ganz davon abgesehen, dass sich keineswegs „einiges getan“ hat, auf den Tellern.

Dem Bayerischen Rundfunk, ebenfalls Qualitätsanbieter, war der Pressetext auch nur einen Abguss wert:

Deutsche essen etwas gesünder, werden aber immer dicker
Mehr Gemüse, aber weniger Obst; mehr Mineralwasser und weniger Alkohol: Die Deutschen ernähren sich etwas gesünder, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) in ihrem aktuellen 14. Ernährungsbericht. Aber das reicht den Experten nicht.

Im folgenden Artikel gab es wieder nur die Pressemitteilung der DGE. Über die Verbindung von Verkaufszahlen aus der Agrarstatistik mit Übergewicht oder Gesundheit wollte auch beim BR niemand nachdenken.

Dabei ist die Annahme, dass etwa ein höherer Gemüseanteil bei verkauften Lebensmitteln automatisch die Volksgesundheit hebt, bloße Fiktion.

 

Zahlen sind Schall und Rauch

So essen die Deutschen heute doppelt so viel Gemüse pro Kopf und Jahr wie 1960: Damals waren es knapp 50 Kilo, heute sind es laut DGE-Bericht rund 104 Kilo.

Aber viel hilft nicht viel – in derselben Zeit ist nämlich die Zahl der Übergewichtigen, Adipösen und Diabetiker vom Typ 2 ebenso gestiegen wie der Gemüseverzehr: Seit 1960 erhöhte sich die Zahl der Übergewichtigen unter den Männern auf jetzt rund 60 Prozent, dazu gibt es heute mehr als doppelt so viele schwer Fettleibige unter den Deutschen.

Die Übergewichtigen werden aber nicht nur mehr, sie werden auch dicker: der durchschnittliche BMI in der Bevölkerung steigt und unter den Adipösen gibt es mehr extrem Fettleibige.

Das veranlasste die DGE jetzt zu einem düsteren Befund: Bei Männern ist inzwischen „Übergewicht der Normalzustand“, so Helmut Heseker in der Pressekonferenz vom 24.11.2020.

So schlimm stand es übrigens schon beim letzten Mal, als der Ernährungsbericht von 2017 herauskam, die Nummer 13: „Die Deutschen sind so dick wie nie“ musste die DGE feststellen, und zwar trotz viel Gemüse (Quarkundso.de berichtete).

 

Frustrierendes Ergebnis

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Nicht einmal klimafreundlicher oder nachhaltiger isst das Volk, zeigt der neue Bericht noch dazu. Denn der Gesamtverzehr von Fleisch ist auch im Jahr Zwei nach Greta gleich geblieben:

Die Konsumzahlen verzeichnen zwar weniger Schwein, dafür aber mehr Rind-, Kalb- und Geflügelfleisch. Insgesamt bleibt es daher bei den rund 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr.

Das ist nicht gerade das, worauf Klimaschützer gehofft haben.

Ärgerlicherweise hat Schweinefleisch aber einen besseren CO2-Fußabdruck als Rindfleisch. Es ist also nichts gewonnen, wenn statt Schnitzel mehr Steaks auf den Tisch kommen.

So verfehlt die DGE gleich mehrere Ziele: dass die Deutschen endlich „pflanzenbetont“ essen, dass sie abnehmen oder wenigstens nicht weiter zunehmen, und dass sie sich an die 10 Regeln der DGE halten – frustrierend für die Ernährungshüter.

 

Die Lage ist dramatisch

Aber es ist nicht nur frustrierend. Es ist eine Katastrophe, wenn man sich die Zahlen zum Übergewicht genauer ansieht, die der neue Bericht Nr. 14 ebenfalls liefert.

Besonders die Angaben zu Schwangeren und jungen Müttern sind alarmierend: Fast 40 Prozent der Schwangeren brachten in der Erstuntersuchung zu viele Kilos mit und waren übergewichtig oder adipös.

In der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren, in der viele Frauen inzwischen Kinder zur Welt bringen, sind es 42 Prozent – fast jede Zweite, und der Trend geht nach oben. Auch steigt der Anteil der schwer Übergewichtigen mit BMI über 30.

Das ist dramatisch. Denn eine übergewichtige Schwangere prägt über ihren vom Übergewicht gestörten Stoffwechsel das Kind schon im Mutterleib. Auch Diabetes Typ 2 in der Schwangerschaft ist eine Folge des Übergewichts, ebenfalls mit fatalen Auswirkungen auf das Ungeborene.

 

Dauerhaft erfolglos

Dass sich daran nichts tut, dass die Welle des Übergewichts wieder nicht gebrochen werden konnte, wirft unangenehme Fragen auf: Warum verfangen die Ernährungsratschläge nicht?

Warum hält sich niemand daran, warum gelingt es nicht, die Menschen zu einem vernünftigen Essverhalten zu bewegen – so dass sie gar nicht erst dick werden?

Sind die Ratschläge vielleicht nicht die richtigen, muss man anders vorgehen? Auf alle diese Fragen gibt der Ernährungsbericht keine Antworten.

Es wäre unfair, das den aufrechten DGE-Forschern vorzuwerfen. Schließlich beißt sich die ganze Welt an dem Problem die Zähne aus, und niemand hat eine Lösung.

Sich dann Themen zuzuwenden, die lohnender erscheinen, ist menschlich verständlich. Die DGE-Forscher stellten sich jedenfalls unter dem Stichwort „Prävention chronischer Erkrankungen“ nicht die Frage, wie Übergewicht als gefährlicher Risikofaktor zu verhüten wäre.

Stattdessen fragen sie im 14. Ernährungsbericht, wie das, was Menschen essen, mit bestimmten Krankheiten zu tun haben könnte. Dazu gibt es schon eine Menge Übersichtsstudien, bisher kam nicht so richtig was dabei raus.

Also hat es die DGE nochmal versucht.

 

Dünne Beweise, nichts Konkretes

Tisch, Notebook, Block und Stift, alles nah, Monitor im Anschnitt, unscharfe Statistiken und Felder

Viel Arbeit, mäßiger Erfolg: die DGE mit ihren Studien. Bild: Goumbik / Pixabay

Ein sogenannter Umbrella-Review, ein Überblick über 38 Übersichtsstudien, sollte zeigen, wie es wissenschaftlich steht: bei Gemüse und Schlaganfall, Obst und Herzinfarkt, Gemüse und Diabetes, Fleisch und Brustkrebs, Wurst und Darmkrebs.

Heraus kam – nicht viel: Die Beweislage für konkrete Zusammenhänge zwischen Lebensmitteln einerseits und Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs andererseits ist und bleibt dünn.

Sie ist sogar so dünn, dass keine konkreten Mengenangaben für Gemüse und Obst daraus abgeleitet werden können.

Oder gar so etwas wie ein Grenzwert für Fleisch und Zucker, den viele gerne hätten. Das stellen die DGE-Forscher am Ende ihres Berichts fest:

„Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die in dieser Arbeit identifizierten Studien bei der Bewertung der Metaevidenz maximal mit moderat abgeschnitten haben. Konkrete Zufuhrmengen lassen sich aus der vorliegenden Arbeit nicht ableiten, jedoch lässt sich untermauern, dass eine pflanzenbasierte Ernährung mit einem geringen Verzehr an Fleisch gesundheitsförderlich ist.“ (DGE-Ernährungsbericht 14, Seite 386)

„Moderat“ ist in der Forschung ungefähr so viel wert wie eine 4- in der Schule – nicht ganz ausreichend, eigentlich ungenügend.

Einzelbefunde in der Auswertung zeigen, dass sich durch mehr Gemüse etwa das relative Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, laut einigen Studien vielleicht um 12 bis 14 Prozent verringert.

Beim Darmkrebs konnte wiederum ein geringeres Risiko von 2 Prozent errechnet werden, pro 100 Gramm Gemüse mehr – das fällt eher unter statistisches Rauschen.

Bei Diabetes Typ 2 stellt die DGE fest, dass viel Gemüse und Obst das Risiko nicht wirklich verringern – kein Zusammenhang. Dasselbe gilt interessanterweise für rotes Fleisch und Diabetes, die Ergebnisse bei Fleisch und Wurst sind insgesamt uneinheitlich.

 

Risiko Übergewicht: überzeugend

Bei Übergewicht sieht die Sache anders aus: Hier gilt der Zusammenhang zwischen vermehrtem Körperfett und vielen Krankheiten als gesichert.

Er ist sogar so gut gesichert, dass pro BMI-Punkt mehr über dem Normalgewicht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ 2 eindeutig steigt.

Fünf Kilo mehr bedeuten 10 Prozent Risikoerhöhung, gibt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie bekannt. Ein Mann mit 15 Kilo Übergewicht hat es also schon mit einem 30 Prozent höherem Risiko gegenüber einem schlanken Pendant zu tun.

Für Diabetes Typ 2 ist Übergewicht eindeutig der wichtigste Auslöser. Bei Lungenkrebs ist zu viel Körperfett gerade dabei, dem Rauchen als Risikofaktor Nr. 1 den Rang abzulaufen: Die Raucher werden weniger, die Dicken mehr, so rückt Übergewicht als Grund für Lungenkrebs nach oben.

Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Krebsarten, für die die internationale Krebsforschungsagentur IARC 2016 bei Übergewicht eine statistisch gesicherte Risikoerhöhung festgestellt hat:

„Durch Übergewicht treten beispielsweise Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, Eierstockkrebs und das Multiple Myelom sowie Adenokarzinome im oberen Teil des Magens, der sogenannten Cardia vermehrt auf. Insgesamt weisen die Daten der von uns ausgewerteten Studien auf einen Zusammenhang von Dosis und Wirkung: Je stärker ausgeprägt die Fettleibigkeit ist, desto höher das Krebsrisiko.“ (Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg, DKFZ)

Im Vergleich dazu sind die paar Prozente an möglicher Schutzwirkung, die die DGE in ihrem neuen Bericht Gemüse oder Obst zuschreibt, unerheblich: Die wahre Gefahr droht durch Übergewicht.

Anders gewendet: Wer viel isst, wird dick, und das erhöht massiv die Risiken. Dass viel Gemüse oder Obst dabei schützen könnten, kann man vergessen. Zumindest, wenn man die Zahlen nüchtern betrachtet.

 

Normalgewicht als Ziel

Waage, Zeiger steht auf fast 120 Kilo, Beine im Anschnitt, nur Füße zu sehen

Essen, Wiegen, Abnehmen: aktiv das Gewicht steuern. Bild: Nancy Muriel / Pixabay

Angesichts dieser Lage fordert Quarkundso.de energisch, die Suche nach angeblich gesunden oder ungesunden Lebensmitteln sofort einzustellen.

Genug geforscht. Jetzt müssen Taten folgen.

Erstes Mittel: klare Worte.

Mündigen Bürgern ist die Wahrheit zumutbar: Übergewicht ist gefährlich und wer zu dick ist, kann sich nicht mit mehr Obst und Gemüse aus der Affäre ziehen.

Da gleicht sich nichts aus. Auch garantieren viel Gemüse und noch mehr Obst keine schlanke Linie.

Normalgewicht muss in den Vordergrund rücken – Normalgewicht halten als echter Wert, als Ziel bei der Ernährung. Jede und jeder sollte das aktiv anstreben.

An diesem Punkt sind die Ernährungsregeln der DGE bisher leider vage: „Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben“, heißt es in der Regel Nr. 10 lapidar.

Warum nicht: „Halten Sie Normalgewicht!“? Warum kann man Menschen nicht dezidiert raten, gar nicht erst dick zu werden?

Schließlich sind die meisten bis zum Erwachsenenalter noch in Form. Zur rechten Zeit aktiv das Gewicht zu steuern wäre daher wichtig. Entscheidend sind dafür bestimmte Zeitschwellen, zum Beispiel die zum mittleren Erwachsenenalter ab Ende 20, die rund um das Klimakterium ab Mitte 40 und die Zeit der Rente.

Doch weder in der Kurz- noch in der Langfassung der 10 Regeln taucht bei der DGE das Wort „Normalgewicht“ auf.

Quarkundso.de hat das schon 2018 moniert und angeregt, diese Regel eindeutig zu formulieren (hier nachzulesen, wird abgefragt): Normalgewicht als Ziel in die 10 Regeln!

Denn sonst bleibt es auch nach dem 14. Ernährungsbericht mit seiner aufwändigen Studienarbeit nur bei diffusem Rat: Gemüse und Obst sind irgendwie gut, Bratwurst und Haxen müssen nicht jeden Tag sein.

Aber das wusste schon Oma.

©Johanna Bayer

Pressetext der DGE zum 14. Ernährungsbericht, erschienen am 24.11.2020 

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Essen in Zeiten von Corona: Mit Ernährung das Immunsystem gegen Viren stärken? Vorsicht!

Wer sich jetzt gegen das Corona-Virus wappnen will, denkt ans Essen: Viel Obst und Gemüse, wegen der Vitamine! Doch so einfach geht es nicht – Quarkundso.de klärt auf.

Beitrag vom 18.3.2020, 0.15 Uhr

Angriff der Corona-Viren: Die Pandemie hat Anfang 2020 die ganze Welt ergriffen.

 

Wir haben Corona-Krise und Quarkundso.de unterbricht die übliche Nörgelei, um für seriöse Informationen zu sorgen. Wir gehen jetzt energisch gegen Fake-News, falsche Versprechen, Scharlatane, Esoterik und Panikmache vor.

Na gut, damit bleibt alles beim Alten. Nur achten wir jetzt besonders auf Nutzwert, weswegen es in jedem Beitrag dieser Tage handfeste Tipps gibt.

Heute geht es um die Gefahr, sich anzustecken, und um das Immunsystem, wobei automatisch das Essen ins Spiel kommt: Wie stärke ich durch richtige Ernährung mein Immunsystem gegen die Viren?

Ja, das ist eine gute Frage. Die stellen jetzt nicht nur viele, es gibt auch viele, die Antworten geben – leider die falschen.

Das Muster ist immer gleich: Natürlich muss es „ausgewogene Ernährung“ sein, was immer damit gemeint ist. Es folgt der heiße Tipp, viele Vitamine zu sich zu nehmen, dann kommt die Liste der Lebensmittel, aus denen letztere stammen sollen. Das sind immer „viel Obst und Gemüse“.

 

Schluss mit dem Quatsch

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Damit machen wir jetzt ein für alle Mal Schluss, dieser Unsinn muss aufhören.

Erstens gehört zu einem fitten Immunsystem vor allem Schlaf, Bewegung, frische Luft, Sonnenlicht, gute Gene und allgemeine Gesundheit, das vorab. Vor allem aber lässt sich das Immunsystem nicht mal eben mit ein paar Tellern Salat oder ein paar Äpfeln auf Vordermann bringen.

Die Körperabwehr ist nämlich eine komplizierte Sache. Wer allgemein gesund ist und ein- oder zweimal im Jahr einen Schnupfen hat, muss sie jetzt jedenfalls nicht besonders stärken.

Er oder sie macht alles richtig und sollte lieber möglichst wenig an seinen Ernährungsgewohnheiten ändern, damit das so bleibt.

Nebenbei gesagt ist auch die allgemeine Vorstellung, das Immunsystem sei unbedingt „zu stärken“, durchaus fragwürdig, für erstaunlich viele Menschen: Mehr als ein Drittel aller Deutschen hat ein anderes Problem.

Das betrifft alle Allergiker, Asthmatiker, dazu Menschen, die an Neurodermitis, diversen Arten von Rheuma; Multipler Sklerose, Morbus Crohn und anderen Autoimmunkrankheiten leiden, außerdem Patienten, denen ein Organ eingepflanzt wurde: Sie sollen ihr Immunsystem gerade nicht extra aktivieren.

Die große Gruppe der Allergiker und Autoimmunkranken haben diese Krankheiten nämlich, weil ihr Immunsystem nicht zu schwach, sondern zu stark, weil überaktiv ist. Darüber hinaus ist es gestört und falsch programmiert.

Deshalb soll es nicht weiter angeregt, sondern lieber gedämpft und reguliert werden, damit die aggressiven Immunzellen das körpereigene Gewebe nicht angreifen, oder etwa eingepflanzte Spenderorgane.

 

Nicht stärken, sondern beruhigen

Hinter Niesanfällen kann eine Allergie stecken.

Daher greift der Schluss zu kurz, dass Leute, die oft Infekte oder eine laufende Nase haben, automatisch an einem schwachen Immunsystem leiden.

Ihre Nase kann auch laufen, weil ein überaktives Immunsystem auf jeden Reiz oder Eindringling zu scharf schießt.

Ärzte raten diesen Betroffenen also eher nicht, zum Beispiel die beliebten Immunmittel aus Sonnenhut (Echinacea) oder exotischen Pflanzen auf eigene Faust einzunehmen.

Das stereotyp empfohlene „frische Obst und Gemüse“ taugt zur Regulierung des Immunsystems auch nicht, jedenfalls nicht alleine.

Anderes muss mit ins Spiel kommen, und das gilt auch für alle Gesunden oder nur saisonal Geschwächten: Omega-3-Fette, die vor allem in tierischen Lebensmitteln stecken, bestimmte Bakterienkulturen, wie sie in Sauerkraut, Jogurt oder auch speziellen Jogurt-Drinks mit zugesetzten Bakterienkulturen vorkommen, überhaupt auch in Milch, Fisch, Butter und Eier, weil diese unter anderem gute Fette, Zink und gleich mehrere wichtige Vitamine, darunter Vitamin D, liefern.

Zink und Vitamin D zum Beispiel gelten als stabilisierend für das Immunsystem – und Überraschung! Frisches Obst und Gemüse sind dafür nicht die Hauptlieferanten.

 

Wo stecken die Vitamine drin?

Obst ist gut. Reicht aber nicht, um das Immunsystem fit zu halten.

Aber genau bei diesem Thema fliegen viele Ratgeber aus der Kurve: Sie reiten auf den Vitaminen herum, nennen dann aber genau die Lebensmittel nicht, in denen diese drinstecken.

So geschehen zum Beispiel bei Netdoktor.at:

„9 Tipps gegen ein schwaches Immunsystem“ kündigt das Portal an, und erwähnt ausdrücklich die Pandemie:

„Wir haben 9 Tipps, die Ihr schwaches Immunsystem stärken und sich vor Viren schützen. In Zeiten des grassierenden Coronavirus besonders wichtig.“

Die ersten Ratschläge lauten dann auch gleich:

„Ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und Obst
Sonnenlicht und Vitamin D“

Weiter heißt es:

Bakterien, Viren, Pilze und andere Parasiten: Um uns herum tummeln sich unzählige schädliche Mikroorganismen, manche sind vor allem für Ältere und Immungeschwächte bedrohlich, wie zum Beispiel das Coronavirus.

Ob Schnupfen oder andere Infektionen: Warum werden manche Menschen krank, und andere nicht? Viele sind deutlich anfälliger für Virusinfektionen. Schuld daran ist oft ein schwaches Immunsystem.

Wir haben für Sie einige Tipps gesammelt, wie man mit einfachen Maßnahmen ein schwaches Immunsystem stärken kann.

1. Richtige Ernährung für die Abwehrkräfte

Für ein gut funktionierendes Immunsystem braucht der Körper viele verschiedene Vitamine und Nährstoffe. Dazu zählen insbesondere:

• Vitamin A
• Vitamin B6
• Vitamin B12
• Vitamin C
• Vitamin D
• Vitamin E
• sekundäre Pflanzenstoffe
• Zink
• Selen
• Eisen
• Kupfer

Immer mehr Wissenschafter vermuten einen direkten Zusammenhang zwischen der Darmgesundheit und dem gesamten Immunsystem – daher ist auch ballaststoffreiche Kost bei einem schwachen Immunsystem ein guter Tipp. Bio-Lebensmitteln aus heimischem Anbau wird zusätzlich ein besonderer Gesundheitsnutzen zugesagt.

Die meisten dieser Inhaltsstoffe sind durch eine ausgewogene Ernährung ausreichend gedeckt. Als besonders gut für die Immunabwehr gelten jedoch beispielsweise:

• Brokkoli
• Kohl
• Karotten
• Tomaten
• Knoblauch
• Spinat
• Zitrusfrüchte
• Dunkle Beeren und Trauben
• Nüsse

Fleisch: wertvoll für das Immunsystem.

Doch der Blick in eine Vitamintabelle zeigt:

Für die Vitamine A, B6, B12 und D, dazu Zink, Selen und Eisen sind Fleisch, Fisch, Eier und Milch hervorragende, wenn nicht sogar die besten Quellen.

B-Vitamine kommen in pflanzlichen Lebensmitteln so gut wie gar nicht vor, weshalb strenge Vegetarier dafür Pillen schlucken müssen.

Auch Eisen wird aus Pflanzen vom Köper nicht so gut aufgenommen, und für Zink ist Fleisch die beste Ressource.

Dazu verliert der Netdoktor aber kein Wort, auch nicht, dass Immunzellen, Achtung, aus Protein bestehen. Und um diese zwecks Abwehr in Massen herzustellen, damit sie Krankheitserreger attackieren können, braucht der Körper, nun ja, wiederum Protein.

Fast reflexhaft wiederholen selbst Fachleute diese Leier mit Obst und Gemüse für das Immunsystem, als ob verschaltete Synapsen mit „Vitaminen“ automatisch „Obst und Gemüse“ verbinden – wider besseres Wissen.

Sollte das Verschweigen des richtigen Zusammenhanges aber bewusst sein, ist die Ideologie klar: Fleisch, Fisch, Eier und Milch mögen zwar voller Vitamine, Mineralstoffe und wertvoller Proteine stecken. Aber man will die tierischen Produkte nicht empfehlen.

Erstens, weil sie aus unbestimmten Gründen als „ungesund“ gelten, was von interessierten Kreisen, darunter Fastenkliniken, Naturheiler, Homöopathen, Veganern und Vegetariern, befeuert wird.

Zweitens, weil man wegen Klima und Tierschutz jetzt in Bezug auf Essen nicht gerne die Wahrheit sagt, sondern lieber umlenkt auf „pflanzliche Kost für das Klima“.

Dabei könnte und sollte man gerade den Corona-Infizierten und den Risikogruppen reinen Wein einschenken – den Abwehrkräften zuliebe: „Ab und an sollte es ein Stück Fleisch sein, oder Fisch, oder ein Ei. Brate Dir doch mal eine Leber für das Vitamin A. Und wenn Du Dir ab und an noch ein schönes Bio-Frühstücksei machst und ein Glas Weidemilch trinkst oder einen Jogurt isst, dann freut sich Dein Immunsystem!“.

„Ab und an“ heißt übrigens: ein- oder zweimal in der Woche, zum Beispiel. Ein Glas ist ein kleines Glas von 250 Milliliter, Jogurt, Butter und Käse gehen täglich. Und das ist alles im Rahmen sämtlicher Klimadiäten, keine Sorge.

 

Unbemerkt angesteckt: die Superverbreiter

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Das Geraune um die Vitamine in Gemüse und Obst „für das Immunsystem“ ist zurzeit jedenfalls irreführend, ebenso wie das Bewerben von angeblich immunstärkenden Vitamingaben.

Scharlatane versuchen, damit ein Geschäft machen, davor haben gerade die Verbraucherzentralen gewarnt, am 17.3.2020.

Es ging, siehe Link unten, um fragwürdige Hersteller und vorgebliche Heiler, die auf der Vitamin- und Mineralstoffwelle reiten und versuchen, die Angst der Menschen vor Corona-Infektionen auszunutzen.

In Zeiten der allgemeinen Verunsicherung ist dieser Betrug doppelt schamlos und schädlich, weil diese Schwindler nicht nur der Gesundheit, sondern auch der Aufklärung und der Bildung von Wissen schaden.

Wie es aber wirklich mit dem neuen Corona-Virus und dem Immunsystem steht, sollte sich jeder klarmachen, der sich um seine eigene Gesundheit und die seiner Lieben sorgt: Das Virus kann alle Menschen befallen – auch die mit starken Abwehrkräften.

Das ist ein böser Trick, denn die Widerstandsfähigen merken davon nichts.

Sie haben einen symptomfreien oder unauffälligen Verlauf, und stecken Schwächere, Ältere und Risikopersonen an – sie werden sogenannte Superverbreiter.

Das ist aus der Perspektive des Bevölkerungsschutzes ein Teil des Problems, deshalb hat die Regierung dieser Tage Notfallmaßnahmen erlassen, Geschäfte und Grenzen geschlossen, Versammlungen verboten und Heimarbeit empfohlen.

Eine wirklich spannende Geschichte zur Erforschung des Phänomens der Superverbreiter hat 2015 die WELT aufgeschrieben, steht gleich unten in den Links, bitte lesen, wird nächstes Mal abgefragt.

(UPDATE: Auch der SPIEGEL hat jetzt das Thema aufgegriffen: Vorsicht, junge Leute können Superverbreiter werden, wichtig, bitte lesen, Link steht unten)

 

Männer und Raucher gefährdet

Grafik mit runden Virenkörpern, die viele stachelige Fortsätze haben

Viren mutieren und wandeln sich ständig.

Noch ein Wort zu den Risikogruppen:

Bekanntlich sind das Alte, Schwache und Menschen mit Vorerkrankungen, darunter Asthmatiker und Diabetiker.

Doch es gibt mehr: Raucher sind stärker gefährdet, was kein Wunder ist, denn ihre Lunge ist vorgeschädigt, die Atemwege gereizt.

So kann sich das Corona-Virus leichter einnisten. Eine eiserne Regel lautet daher: Nicht rauchen.

Auch zeigen die Daten aus China und Korea, dass in allen Alters- und Betroffenengruppen Männer häufiger an dem Corona-Virus sterben. Der Grund steht noch nicht fest, einer kann aber wieder das Rauchen sein, denn weltweit rauchen mehr Männer als Frauen.

Dahinter könnte aber auch Achtung, ein unbekannter Faktor aus dem Immunsystem stecken.

Das Immunsystem von Männern reagiert etwas anders als das von Frauen, viel Testosteron unterdrückt zum Beispiel eine Immunantwort, das ist schon lange bekannt.

Die körpereigene Abwehr gibt weitere Rätsel auf, wenn neue Viren irgendwo auf der Welt der tierisch-menschlichen Ursuppe entspringen. Darauf weist der Verlauf besonders schwerer Grippewellen hin, etwa in der Pandemie von 1918 mit der sogenannten Spanischen Grippe.

In allen Ländern fielen dieser Virenvariante auffallend viele Erwachsene aus der jüngeren Lebensphase zum Opfer, zwischen 20 und 40 Jahre. Das ist ein Alter, in dem die körpereigenen Abwehrkräfte voll auf der Höhe sind. Bei anderen Grippeepidemien starben dagegen mehr Kinder, Ältere und Vorerkrankte.

Bis heute rätseln Forscher, was der Grund dafür sein könnte, dass ein neuartiges Virus gerade robuste, gesunde Menschen dahinrafft. Eine Spur führt zum Immunsystem, denn hier liegt der Unterschied zu den anderen Gruppen. Doch die Frage ist bis heute offen.

 

Essen gegen die Pandemie – die ultimativen Tipps von Quarkundso.de

Hühnersuppe hilft traditionell gegen Erkältungen.

Aber Schluss mit Rätselraten, kommen wir zu Lösungen und zur Praxis: Wie soll man denn nun wirklich essen?

Wir legen uns fest: Wenn Sie gesund sind, essen Sie eine vielfältige Mischkost mit Gemüse, Fisch, Fleisch, Milch, Jogurt, Käse, Nudeln, Brot, ganz normalen Sachen, die Sie mögen.

Und essen Sie möglichst abwechslungsreich.

Wenn Sie gerade erkrankt sind, hoffentlich nicht an Corona, sondern nur an einem harmlosen Schnupfen oder einem grippalen Infekt: Essen Sie wie oben.

Nur weniger, vielleicht auch einfach nach Lust und Laune. Denn wer Fieber hat, hat weniger Hunger oder mag nur bestimmte Dinge. Das ist eine ganz normale Reaktion des Körpers, der man nachgeben sollte.

Erwiesenermaßen hilft hier übrigens ein ganz altes Hausrezept, das weder frisches Obst noch frisches Gemüse enthält: Omas Hühnersuppe.

Die Brühe aus einem lange ausgekochten Huhn – bis drei Stunden und mehr – hilft bei Erkältungen und grippalen Infekten wirklich, wie Forscher zeigen konnten. Der Hintergrund ist die entzündungshemmende Wirkung des lange ausgekochten Kollagens aus Knochen und Haut des Suppenhuhns, eine Rolle könnten auch die günstigen tierischen Fettsäuren aus dem Geflügelfett spielen.

Wie auch immer: Vielfalt und Abwechslung sind wichtig für das Immunsystem, vor allem aber das allgemeine Wohlbefinden, damit der Körper nicht aus dem Gleis gerät. Das würde Stress bedeuten, und der wiederum schädigt nachweislich das Immunsystem.

©Johanna Bayer

Leider irreführend: Netdoktor.at zu Ernährung bei Corona

Die Verbraucherzentralen warnen vor unseriösen Heilsversprechen rund um Vitamine

Geniale Geschichte: DIE WELT von 2015 über Superverbreiter

UPDATE: Nachdem dieser Beitrag auf Quarkundso.de am 18.3.2020 um 0.15 erschienen ist, berichtet auch der SPIEGEL am Nachmittag des Tages über Superverbreiter: Junge Menschen unter 30 könnten zu Virenschleudern werden. Das sind die mit dem „starken Immunsystem“ – lesen! Wir bleiben dran!

 

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Arme Kinder und ihr Essen: Die Deutsche Welle fällt auf eine Foto-Schmonzette rein

Kinder in armen Ländern essen gesünder, meint der amerikanische Fotograf Gregg Segal und verzuckert das mit schönen Bildern. Die Deutsche Welle bejubelt das Projekt und gibt die Aussagen unreflektiert wieder – doch das ist naive Armutsromantik: Kinder in armen Ländern sind bedroht von Unterernährung und Krankheit. Ein Einspruch von Quarkundso.de

(Beitrag vom 3. 10. 2019)

Kleinkind, ca. 1 Jahr, sitzt auf Decke und isst, Spielzeug, Wassermelone, Kind lacht

Welche Kinder essen besser – arme oder reiche?

 

Jetzt müssen wir ganz vorsichtig sein. Wirklich, das ist ein sehr heißes Eisen, das wir hier anpacken: die gesunde Ernährung von Kindern.

Quarkundso.de hat sich schon zu oft in die Nesseln gesetzt, etwa beim Beitrag zu Fleisch und Klima neulich. Der hat interessierten Kreisen nicht gefallen, was allerdings nicht an uns liegt. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Jedenfalls schreiben wir trotz aufgebrachter Kevins und ihrer Freunde* weiter ins Internet, wie es wirklich ist, mit Essen und Ernährung. Schließlich ist das unser Markenkern. Nur wenn es um Kinder geht, hört der Spaß auf. Und zwar noch viel schneller als beim Rindersteak.

Bei Kindern wird das ganz große Rad gedreht und das Terrain ist moralisch vermint. Kinder sind schließlich unschuldig, Kinder sind Opfer, Kinder sind unsere Zukunft! An Kindern sieht man daher, wie es um die Welt bestellt ist, und was ist sinnvoll, wenn es nicht für unsere Kinder ist? Deshalb ist alles, was man für Kinder tut, eine gute Sache.

 

Fotoprojekt: Essen von Kindern rund um die Welt

Gerade beim Essen. Deshalb hat sich der amerikanische Fotograf Gregg Segal aufgemacht, Kinder aus der ganzen Welt mit ihrem Essen zu zeigen.

Ziel war es, „ungesunde Ernährungsmuster“ aufzudecken. Oder gesunde, je nachdem, wobei sich Segal selbst zurechtlegt, was „gesund“ oder „ungesund“ ist.

Für seinen Fotoband dokumentierte er, was 60 Kinder aus neuen Ländern innerhalb einer Woche verzehrt haben. Das wurde farbenfroh um sie herum dekoriert und abgelichtet. Die Deutsche Welle hat das Projekt vorgestellt und dazu ein Video über Twitter verbreitet, betitelt mit:

„Kinder aus reichen Ländern essen gesünder? Von wegen!“

In Wahrheit, so gibt der deutsche Sender die Meinung des Fotografen wieder, essen Kinder aus armen Ländern also gesünder.

Aber wir, auf Krawall gebürstet, erheben Einspruch: Quarkundso.de findet diese Behauptung mehr als gewagt. Sie ist bestenfalls naiv-romantisch, eher grob falsch und ideologisch.

Vielleicht ist sie sogar gefährlich.

 

Reiche Länder: Fettes Essen, dicke Kinder

Aber erstmal ist alles wunderhübsch anzusehen, im Video der Deutschen Welle. Zu sehen ist ein Making-Of des Fotobandes: Niedliche Kleine liegen auf farbenfrohen Stoffen ihrer Länder, um sie herum exotische Köstlichkeiten, alles sehr appetitlich, Assistenten und der Fotograf wuseln am Set herum, richten Essen her, die Kinder posieren.

Dann erklärt der Fotograf sein Projekt: Rund um die Welt gebe es eine Angleichung der Essgewohnheiten, und dazu immer mehr Herzleiden, Diabetes und Darmkrebs, alles Krankheiten, die mit der Ernährung zusammenhingen. Die Menschheit, so Gregg Segal, werde überzogen von dickmachendem Industriefutter.

Auf das Essen von Kindern habe er sich aber konzentriert, weil Essgewohnheiten früh geprägt werden und ein Leben lang bestehen: Wer mit zehn Jahren keine gesunden Gewohnheiten entwickelt habe, könne im Alter nicht mehr aufholen.

Unter diesen O-Ton sind im Video die Bilder mehrerer dicker Kinder geschnitten: ein pummeliges Kind aus Brasilien, ein dicker Junge aus den USA und ein fettes blasses Mädchen aus Deutschland, Duplo und Kinderschokolade mit im Bild.

 

Tweet mit Video der Deutschen Welle auf Twitter

 

Vom Kitsch zum groben Unfug

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Ganz allgemein kann man da natürlich zustimmen. Nebenbei hätte der besorgte Vater aber ruhig erwähnen können, dass der Fraß mit dem globalen Einheitsgeschmack, den er kritisiert, eine Erfindung amerikanischer Konzerne und Fastfood-Ketten ist.

Das Problem geht also von seinem eigenen Heimatland aus. Die Frage ist, wen der beseelte Fotograf also bekehren will: seine Landsleute, die US-Bürger? Die amerikanische Industrie? Oder will er die zukünftigen Opfer warnen, bevor sie in die Fänge der Foodmultis gelangen?

Letzteres könnte es sein. Aber lange kann man darüber nicht nachdenken, denn danach kippt das Ganze, und zwar vom Kitsch in den groben Unfug.

Segal fängt nämlich an, darüber zu sinnieren, dass noch vor einer Generation das Essen von Kindern aus verschiedenen Ländern völlig anders ausgesehen habe.

Er vergleicht Sizilien mit den USA, und findet, es sehe heute so aus, als würden alle Eltern das Essen für ihre Kinder in demselben globalen Supermarkt einkaufen. In anklagendem Ton zählt er auf, was er meint: „Pizza, Pasta, Weißbrot …“

Moment. Pizza und Pasta verderben die traditionelle Esskultur auf Sizilien?

Warum sollte ein sizilianischer Junge nicht Pizza und Pasta essen? Sie stammen doch von dort!

Und Weißbrot? Auf Sizilien gibt es nur Weißbrot, wie in ganz Italien. Dunkles Brot oder was immer Segal vorschwebt – Roggen-Vollkorn? – ist in Italien fremd. Das gibt es höchstens auf dem Campingplatz, für die deutschen Touristen.

Scheinbar fehlt es hier an den richtigen kulinarischen Koordinaten, und das nächste Beispiel bestätigt den Verdacht. Hier haut Segal fatal daneben, denn jetzt geht es um ein Kind aus Indien.

 

Indien: Mutter kocht jeden Tag frisch!

Anchal, ein indisches Mädchen in seinem Projekt, erzählt Segal, lebt in einer Aluminiumhütte, die nur 10 Quadratmeter groß ist, ihre Eltern sind bettelarm.

Trotzdem isst sie, findet Segal, gesund, „wholesome“, nämlich „traditionell indisch“: Sie bekommt Linsen, Blumenkohl, Okra, Reis und Brot. Alles kocht ihre Mutter jeden Tag frisch, auf dem Boden der Hütte.

Das geht richtig ans Herz.

Man sieht sie förmlich vor sich, die bescheidene indische Mutter, einen farbenfrohen Sari um sich gewickelt. Demütig das Haupt bedeckt, mahlt sie auf dem Lehmboden der Hütte Gewürze, schält Gemüse; still, reinlich trotz der Armut, genügsam lächelnd und erfüllt davon, dass sie ihren Lieben so viel Gutes tun kann.

Anchal, rabuliert der Fotograf, erhalte also eine gesündere Ernährung als viele Kinder der indischen Mittelschicht. Überhaupt sei die größte Erkenntnis aus dem Projekt, dass ärmere Länder oft die gesündere Ernährungsweise haben (bei TC 2:20).

Wenn er sich da mal nicht täuscht.

 

Bettelarm, aber gesund? Von wegen

Die Haussklavinnen: Indische Frauen in armen Schichten

Denn was Segal hier unbedarft zur Schau stellt, ist pure Armutsromantik:

Es ist ein uraltes Sozialklischee, nach dem es „den Armen“ besser geht als den verderbten, prasserischen, fetten „Reichen“ – arm, aber gesund; arm, aber glücklich; arm, aber kultiviert.

Nur ist es in Wahrheit nicht so.

Denn Armut ist bitter. Und sie hat viele gravierende Folgen für Ernährung und Gesundheit, die Segal, der übersatte Amerikaner mit Sendungsbewusstsein, ignoriert.

Vor allem verkennt er die Realität armer Mädchen und Frauen. Gerade in Indien. Denn nach wie vor werden indische Frauen vor allem in den unteren Schichten verachtet und brutal ausgebeutet. Die Mutter, die auf dem Lehmboden der Hütte kocht, ist eine Arbeitssklavin ihres Mannes.

Kleine Mädchen aber werden systematisch von Kindheit an schlechter ernährt als Jungen. Denn in der Unterschicht Indiens sind Mädchen immer noch eine Last, arme Familien investieren nicht in Mädchen – mit Nahrungsentzug fängt es an. Weibliche Säuglinge zu töten ist in manchen Gegenden des Nordens noch immer üblich.

 

Dicke, reiche Kinder leben länger

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Wenn sie aber heranwachsen und verheiratet werden – ein paar Frauen braucht es ja – unterliegen sie komplett der Herrschaft des Mannes. Arbeiten müssen sie ununterbrochen: Erst auf dem Bau, den Feldern oder in der Fabrik, danach bis zum Umfallen im Haus.

Morgens stehen die Frauen Stunden vor ihrem Mann auf, um für ihn und die Kinder ein warmes Essen zu kochen – jeden Tag frisch, wie der Romantiker Segal schwärmt –, bevor sie zu ihrer eigenen Arbeit gehen. Abends kochen sie wieder. So könnte es auch Anchals Mutter gehen.

Diese armen indischen Frauen und ihre Töchter ernähren sich dabei keineswegs automatisch „gesund“, weil „traditionell“. Sie leiden unter Eisen- und Mineralmangel, bekommen zu wenig Protein und ihre Lebenserwartung liegt unter dem weltweiten Durchschnitt. Gleichzeitig ist die Kindersterblichkeit in Indien weltweit mit am höchsten.

Anders ist das bei dem Amerikaner Segal und den Kindern, die auf den Fotos von Fastfood umgeben sind, etwa die aus den USA, Deutschland oder arabischen Staaten. Sie alle können  mit 80 einen sanften Tod sterben. Denn nichts ist im Wachstum so schlimm wie Unterernährung.

Zudem genießen Kinder in reichen Ländern die beste medizinische Versorgung – die indischen Mädchen nicht. Wenn es in armen Familien Geld für den Arzt gibt, dann kommen vor allem Männer und Söhne in seinen Genuss. Nicht Frauen und Töchter.

 

Armut bedeutet Unterernährung und Krankheit

Arme Kinder in Nordindien: Häufig unterernährt

Armut heißt in armen Ländern eben genau nicht: Traditionelle, frisch gekochte Nahrung aus gesunden Lebensmitteln. Sie heißt in erster Linie Unterernährung.

In Indien ist jedes zweite Kind unterernährt, von einigen Landstrichen Afrikas nicht zu reden.

Auch dort sind schon die Mütter betroffen, die brutale Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen und Mädchen in Afrika ist Legende.

Von allen Kindern, die durch jahrelange Unterernährung Wachstumsschäden davon getragen haben, leben aber 90 Prozent in Afrika und Asien, beschreibt die Welthungerhilfe.

„Stunting“ ist eine der Folgen, mangelndes körperliches Wachstum und verzögerte kognitive Entwicklung durch jahrelange Unterernährung, Unterernährung ist der Hauptgrund der Kindersterblichkeit.

Die Schäden können schon in der Schwangerschaft der – ebenfalls unterernährten – Mutter entstehen. Die Kinder holen das ihr Leben lang nicht mehr auf.

Und es sind so viele Millionen Kinder, in der Mehrzahl Mädchen, dass die Vorstellung geradezu absurd ist, ein armes indisches Mädchen aus einer Lehmhütte könne das Paradebeispiel für gesunde traditionelle Ernährung abgeben.

 

Die Deutsche Welle ist reingefallen

Afrika: Frauen arbeiten viel und sind oft unterernährt


Dass der Fotograf mit seinem naiv-dummen Projekt eine Lanze für „gesundes traditionelles Essen“ brechen will, gut und schön.

Hübsche Fotos kommen dabei heraus, und natürlich ist es wünschenswert, dass die Food-Multis nicht die ganze Welt mit ihrem künstlich aromatisierten Schrott überziehen. Dagegen kämpft im Übrigen auch Quarkundso.de.

Auch ist Übergewicht gefährlich – aber Unterernährung ist noch gefährlicher.

Deshalb sollte man nicht auf diese Foto-Schmonzette reinfallen wie die Deutsche Welle, und unreflektiert dem Klischee applaudieren. Denn die sozialromantische Brille des kulinarisch ahnungslosen Amerikaners führt komplett in die Irre.

Für seine Mission von einer angeblich gesunden, traditionellen Ernährung bringen seine Überlegungen gar nichts, sie schaden sogar.

 

Traditionelle Ernährung ist gut – aber nicht immer

Traditionelle Ernährung ist nämlich nur dann gut, wenn es genug davon gibt. Wenn nicht, ist die traditionelle Ernährung schlecht. Dann tun es Proteinpulver und Vitamintabletten besser, besonders bei Kindern.

Sie ist außerdem dann gut, wenn man nicht dick ist: Wer als Amerikaner bei seinem traditionellen Essen – das sind Industriefraß und Fastfood – normalgewichtig bleibt, hat gute Chancen auf einen sanften Tod mit 80 Jahren.

Und das gilt für die traditionelle Ernährung jedes Landes auf der ganzen Welt, von Australien bis Zypern. Wer nicht dick ist, fährt mit der ursprünglichen Ernährung seiner Vorfahren gut.
Wer übergewichtig oder, Achtung, unterernährt ist, lebt nicht gesund – Tradition hin oder her.

©Johanna Bayer

 

Tweet der Deutschen Welle mit Video zum Fotoprojekt von Gregg Segal

 

Die Tagesschau: Fleischessen und das Klima – eine Abrechnung

Der Weltklimabericht ist erschienen. Doch anstatt ihn gründlich zu lesen, schreien alle nach einer einzigen Lösung: Weg mit dem Fleisch! Vor allem das Steak muss dran glauben, weshalb Rindfleisch plakativ mit dem klimatechnisch harmlosen Gemüse verglichen wird. Aber der Vergleich stimmt hinten und vorne nicht – Quarkundso.de rechnet ab. (Beitrag vom 9. August 2019)

Rindfleisch in Metzgertheke: Entrecote, Rumpsteak, verschiedene Stücke

Bei Steaks soll jetzt Schluss mit lustig sein. Aber für wen?

 

Jetzt hat es so richtig geknallt, mit dem Fleisch und dem Klima.

Tagelang diskutierte Deutschland schon die Fleischsteuer, dann kam am 8. August der Bericht des Weltklimarates und jetzt ist es raus: Wir müssen dramatisch weniger Fleisch essen, vor allem Rindfleisch – das ist ja der Wahnsinn, dieser Sojaanbau, die Regenwälder in Brasilien, die ganzen furzenden Kühe!

So die Tagesschau am 8.8.2019 in gleich zwei Einspielern. Einer war speziell zum Fleischkonsum gemacht, und es wurde vorgerechnet, was die Produktion von einem Kilo Rindfleisch an klimaschädlichem CO2 ausstößt, und zwar im Vergleich mit Gemüse in Gestalt einer symbolischen Karotte.

Mal wieder. Wir können ihn nicht mehr sehen, diesen Vergleich zwischen Gemüse und Rindfleisch, mit den vielen Tausend Gramm CO2-Ausstoß, oder gerne auch den 15.000 verbrauchten Litern Wasser, die beim Fleisch vorgeblich anfallen.

Die CO2-Variante sieht dabei so aus wie in dieser Grafik, die die Tagesschau am 8.8.2019 einspielte und die hundertfach seit Jahren kursiert – Karotte gegen Steak:

 

Screenshot der Tagesschau-Grafik vom 8.8.2019: Karotte gegen Steak.

 

Fleisch, Klima und CO2: Natürlich müssen wir reduzieren – aber rational

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Vorab: Ja, es geht nicht mehr so weiter wie bisher mit dem Raubbau an der Erde. Industrie, Verkehr, industrielle Landwirtschaft und viel zu viele Menschen ruinieren den Planeten, Tiere werden qualvoll gehalten und getötet. Das muss sich massiv ändern.

Und wir, vor allem die Bewohner der reichen Industriestaaten, müssen unseren Konsum eindämmen. Daran geht kein Weg vorbei.

Doch diese billigen Plattitüden mit dem Rindfleisch und überhaupt dem Fleisch gegen Karotten, Gurken oder Salat, die müssen auch aufhören. Sie stehen so auch gar nicht im Bericht des Weltklimarates.

Die ganze Debatte rund um die Klimawirkung von Ernährung muss endlich korrekt, sinnvoll und rational geführt werden. Dafür – und für das Klima, die Nachhaltigkeit und gutes Essen für alle! – zieht Quarkundso heute ins Feld.

Es muss schnell gehen, schließlich müssen wir die Welt retten.

Daher werfen wir jetzt einen schmutzigen und bösen kleinen Beitrag zum Konsum von Fleisch und speziell Rindfleisch in das ganze deutsche Verzichtsgeschwurbel für das Klima – los geht’s:

 

1. Die Deutschen liegen beim Fleischessen nur im Mittelfeld. Unter den Industriestatten isst eine ganze Reihe von Nationen mehr Fleisch aus die Deutschen, insbesondere mehr Rind. Vom weltweiten Durchschnitt – 44 Kilo – sind wir gar nicht so weit weg. Denn wir essen nur, ja, nur rund 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr. Das ist nicht besonders viel – und es wird seit über 10 Jahren nicht mehr, der Verzehr stagniert. Das Gerede von „unserem exzessiven Fleischkonsum“ und der „Gier nach Fleisch“ ist für Deutschland also Unsinn.

2. Die ganz großen Player beim Rindfleisch sind die USA. Amerikaner, aber auch Australier und überhaupt die Länder des angelsächsischen Kulturkreises, dazu Brasilien und Argentinien sind die Fleischfresser. Diese Länder sind alle mit mehr als 90 Kilo pro Kopf und Jahr dabei, die USA mit über 100 Kilo. In Europa essen unter anderen Spanier, Österreicher, Italiener, Franzosen sowie Briten erheblich mehr Fleisch als die Deutschen, nämlich um die 80 Kilo pro Kopf und Jahr. Aufsteiger sind in Europa die Russen, dort nimmt der Konsum massiv zu, weltweit steigt er am meisten in China.

3. Rind ist die Fleischsorte, die in Deutschland am wenigsten verzehrt wird. Rindfleisch ist teuer und der Deutsche ist geizig. Außerdem lieben die Deutschen von jeher das Schwein, deshalb essen sie davon 35,7 Kilo pro Kopf und Jahr, zwei Drittel vom Gesamtfleischverzehr. Es folgen Huhn und Pute mit 13,2 Kilo pro Kopf und Jahr, und dann erst das Rind mit weniger als 10 Kilo. Mit Schweinefleisch wäre die Grafik aber nicht ganz so plakativ gewesen, denn ein Schwein verbraucht vier- bis fünfmal weniger Futter als ein Mastbulle. Die CO2-Bilanz des Schweineschnitzels liegt auch nicht, wie die des Steaks, 90 Mal höher als das sinnbildliche Gemüse, sondern nur etwa 20 Mal: Die Produktion von einem Kilo Schweinefleisch erzeugt rund 3250 Gramm CO2 im Vergleich zu den 13.300 pro Kilo beim Rind. Noch weniger fällt bei der Aufzucht von Hühnern und Hühnerfleisch an.

Der echte Massenkonsum in Deutschland vollzieht sich also am Schwein, nicht am Rind. Jeder Deutsche isst statistisch gesehen am Tag nur 27 Gramm Rindfleisch – aber jeder Amerikaner 70 Gramm, bei seinen 25 Kilo Rindfleisch pro Kopf und Jahr. Im Wochenvergleich ist das beeindruckend: Deutsche essen ein Steak in der Woche, ein kleines von 180 Gramm. Amerikaner futtern dagegen praktisch ein ganzes Pfund, 480 Gramm Rindfleisch. Und die anderen Massenkonsumenten wie Australien auch.

4. „Wir“, die Deutschen, müssen nicht viel weniger Fleisch essen. Nur ein bisschen weniger – dafür müssen die anderen ran, die Fleischfresser-Nationen: Konsum auf die Hälfte, zack, Ende. Der Raubbau am Regenwald geschieht nicht wegen Deutschland. Natürlich müssen die Deutschen auch verzichten. Aber auf was anderes, dazu kommen wir gleich noch.

 

Gemüse macht nicht satt

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5. Die Karotte in der Grafik ist falsch – als Symbolbild, und überhaupt. Es ist irreführend, von „Gemüse“ im Vergleich zu Fleisch oder Steak zu sprechen und die Zahlen zu vergleichen. Denn was da steht, ist weder der CO2-Wert von Gemüse noch der einer Karotte, diese 153 Gramm CO2: Es sollte laut Tagesschau ein Durchschnittswert von „pflanzlicher Nahrung“ sein, so der Text im Beitrag. Genau genommen also von Gemüse, Obst und Getreide zusammen. Gemüse hat aber einen CO2-Fußabdruck von 100 bis 300 Gramm CO2 pro Kilo, Getreide wie Weizen liegt in der Nähe, um die von der Tagesschau genannten 153 Gramm pro Kilo. Nur essen wir den Weizen nicht einfach so, sondern als Brot oder Nudeln – das sind verarbeitete Produkte, deren CO2-Werte wieder wesentlich höher liegen.

Von Karotten und Salat aber, die unter 153 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilo liegen, kann niemand leben: Man wird davon nicht satt, nicht einmal als Vegetarier. Menschen werden satt von Fleisch, und wenn sie das nicht kriegen können, von Getreide – also von Brot, Reis und Nudeln. Allenfalls kommen noch Kartoffeln und Hülsenfrüchte dazu. Letztere und der Weizen enthalten außerdem relevante Mengen von Eiweiß und Kalorien, im Gegensatz zu Gemüse. Deshalb sind Getreide, Knollen und Hülsenfrüchte die pflanzlichen Hauptlebensmittel. Nicht Karotten.

Das ewige Gerede von Gemüse gegen Fleisch zeichnet also ein sehr falsches Bild von der menschlichen Ernährung, auch für die Zukunft. Die symbolische Karotte und der symbolische Salatkopf, die da immer stehen, müssen aus den Grafiken weg. Die sind nur Beilage, Essen ist was anderes.

6. Noch CO2-intensiver als Fleisch sind Butter, Käse und Milch. Nur setzt die niemand gerne in die Grafiken. Das passt einfach nicht in die Sündensymbolik der ungebremsten Fleischeslust. Auch würde es Vegetarier, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und ganz viele andere verunsichern, von den Bauern und Molkereien mal ganz abgesehen. Butter, Käse und Milch sind mit bestimmten Werten aufgeladene Lebensmittel, Milch einzuschränken ist fast sakrosankt. Lieber geht man ans Fleisch. Seltsam, eigentlich. Gleichzeitig gilt: Wer sich vegetarisch ernährt, braucht auch Butter, Käse und Milch, schon aus ernährungsphysiologischen Gründen. Das gilt weltweit und selbst für die Vorzeigevegetarier, die Inder. Da können wir in Deutschland noch so auf Rindfleisch verzichten, aus der Nummer mit Milch, Fleisch und Käse kommt die Welt ziemlich schlecht raus – weniger Fleisch an sich ist gar nicht die Lösung. Nachhaltige Tierprodukte und nachhaltige Tierhaltung, das wär`s.

7. Nicht das Essen an sich ruiniert das Klima. Es ist eine fehlgesteuerte Landwirtschaft, die ganze Ökoregionen und Landstriche verwüstet, namentlich der Exportwahn in Südamerika, weil man dort das billig produzierte Fleisch an die reichen Ländern verkaufen will und dafür den Regenwald rodet. Derselbe Wahn grassiert in Deutschland, wo die Schweinemäster Fleisch, das sie in Deutschland nicht loswerden, nach Russland und China verkaufen, und zwar möglichst teuer. Das hat nichts mit „unserer Gier nach Fleisch“ oder „unserem exzessiven Fleischhunger“ zu tun. Sondern mit einer Landwirtschaftspolitik, die Land und Tiere als ihre Produktionsmasse betrachtet und der es nicht ums Essen geht. Sondern um Wachstum und Profit. Dafür nimmt die Branche auch eine ungesunde Konzentration in Kauf: Tausende von kleinen Betrieben müssen jedes Jahr aufgeben, dafür pferchen die größeren immer mehr Tiere auf engem Raum zusammen und brüsten sich mit „Effizienz“. Genau die aber schindet die Tiere und ruiniert Land und Grundwasser. Hier muss man ansetzen. Es ist nicht die Landwirtschaft an sich, die der Umwelt schadet. Denn die brauchen wir auch in Zukunft – aber eine nachhaltige. Denn Alternativen gibt es nicht: Menschen müssen immer essen. Die Welt braucht also Bauern, die mit der Umwelt gut umgehen und gute Nahrungsmittel liefern. Was die Welt nicht braucht, dazu mehr weiter unten.

8. Bei Obst und Gemüse treten wir gerne noch nach. Obst und Gemüse kommen von überall her auf die deutschen Märkte, aus Spanien, Holland, Chile, China, Nordafrika, der ganzen Welt. Besonders Obst reist um den Globus. Der exzessive Anbau von wasserreichen Sorten wie Gurken, Tomaten, Erdbeeren und Salat ist aber in vielen Regionen dramatisch umweltschädlich, in Südspanien vertrocknen ganze Landstriche wegen der Frischware für gesundheitsbewusste Deutsche. Das Hipster-Gemüse Avocado ist auch schon als Wasserfresser und Landschaftsschädling entlarvt, ebenso die trendigen, sündteuren Mandeln. Das für die Ernährung unerhebliche Frischobst ist wiederum ein Luxusprodukt, das man gut und gerne zugunsten von ein paar Konserven streichen kann – Obst wird überschätzt. Tut mir Leid, wir müssen es sagen: Frischer Salat und frisches Obst im Winter sind unnötig. Darauf können wir in Deutschland gut und gerne verzichten. Wir haben ja Kohl und heimische Wintergemüse, damit haben unsere Urgroßeltern und alle Generationen vor uns die langen harten Winter überlebt. Oder etwa nicht? Und warum wir nicht? Also bitte. Weg mit dem überflüssigen Zeug. Spart auch sehr viel CO2, dafür darf es dann ab und an ein Steak, Schnitzel oder Braten sein.

9. Jetzt aber: Wie klimaschädlich sind unser Leben und unser Essen denn eigentlich? Wo müssen wir sparen, in Deutschland?

Dazu veröffentlichte die Tagesschau, ebenfalls anlässlich der Klimadebatte, schon im Juli diese Grafik:

 

Tortengrafik

Screenshot aus der Tagesschau vom 11.7.2019: CO2-Emissionen aus privaten Haushalten.

Die Botschaft der Torte

Die sinnigerweise als Torte darstellten Zahlen stammen vom Statistischen Bundesamt, sind also über Zweifel einigermaßen erhaben.

Und sie zeigen, dass Essen und Ernährung nur einen kleinen Teil der CO2-Belastung durch private Haushalte ausmachen: Heizen, Wohnen und Autofahren sind fünfmal schlimmer. Fünfmal!

Die Botschaft der Torte ist tatsächlich, dass Ernährung mit dem kleinen Anteil von 12,3 Prozent auf der vorletzten Stelle des klimaschädlichen Privatverbrauchs steht – fast das kleinste Stück vom Kuchen. Wohnen und Verkehr sind mit über 62,6 Prozent hauptsächlich verantwortlich für die CO2-Emissionen der Deutschen.

Im Klartext: Autofahren, Heizen, Strom, Kamin, Ausflüge, Swimming-Pool, Sauna im Haus, Urlaubsreisen, Kurzstreckenflüge, Motorrad, Rasenmäher, Shoppingtrips, Kaffeeautomaten, Thermomix, Repräsentationsküchen, Monsterglotze, Internet im Dauerbetrieb – das sind die Klimakiller in Deutschland. Und nicht nur hier.

 

Verzichten: Jeder, wo er kann – der Klimakatalog von Quarkundso.de

10. Und jetzt kommen wir richtig zur Sache: Verzichte, wer verzichten muss. Und zwar jeder auf seinen Fetisch. Das ist die pragmatische Sanktion von Quarkundso.de. Wir haben dafür schon einen visionären Maßnahmenkatalog, den wir der Menschheit zur Verfügung stellen, samt Sündenböcken und Problemkindern bei Umwelt und Klima – bitte lesen, wird demnächst abgefragt.

    • Der Fetisch der USA, Australiens und einiger anderer – nicht der Deutschen – ist das Fleisch. Halb so viel Fleisch in den USA und den einschlägigen Fleischfresserländern, vor allem Rindfleisch, Ende der Diskussion.
    • Die Deutschen kommen anderswo dran: Ihr größter Fetisch ist das Auto. Da müssen sie sich eindeutig einschränken und wir scheuen nicht vor radikalen Vorschlägen zurück: Pro Familie nur ein Auto. Allein lebende und kinderlose Großstädter dürfen kein Auto besitzen, Rentner müssen rechtzeitig den Führerschein abgeben, Bau von großmotorigen SUV-Panzern mit Monster-Spritverbrauch wird beendet, außer es sind Nutzfahrzeuge auf dem Land und dienen dem Transport. Sonst reichen E-Autos und Kleinwagen, die Bahn wird gefördert, der öffentliche Nahverkehr wird kostenlos – geht alles ganz schnell per Dekret, ebenfalls Ende der Diskussion.
    • Wichtig auch: Ende mit der unsäglichen Formel 1 und mit allen Autorennen als Sport, Ende mit Motorrädern als Zweit- oder Drittfahrzeig, Ende auch mit allen stinkenden, lärmenden Spaßgefährten wie Karts. Diesen Wert muss die Gesellschaft eindeutig setzen, denn Verbrennungsmotoren sind nicht zum Spaß da. Wenn, dann dienen sie in Nutz- und Lastenfahrzeugen vernünftigen Zwecken. Wer Spaß will, soll auf den Rummelplatz gehen oder Räuber und Gendarm spielen. Gar keine Diskussion.
    • Der zweite Fetisch der Deutschen ist eindeutig das Reisen: Die Deutschen sind nämlich Urlaubsweltmeister. Sie reisen am meisten, Flüge in den Urlaub sind zum Statussymbol geworden. Die Zahlen der Flüge und Fluggäste steigen dabei ungebrochen an, weil Fliegen viel zu billig ist und immer mehr Leute sich längere Flugreisen leisten können. Geschäftsmänner wiederum fliegen lieber von München nach Köln, als vier Stunden mit dem Zug zu fahren, auch aus Statusgründen. Und weil sie schnell wieder nach Hause wollen, um in ihren fetten SUV zu steigen und in ihr Wochenendhaus zu fahren. Das wahnwitzige Urlaubsfliegen muss aufhören, da neigen wir durchaus zur Strenge: jeder nur noch halb so viel, ehrlicherweise reicht sowieso ein Flug pro Jahr. Wer drei- oder viermal im Jahr wegfliegt, zum Tauchen, zum Relaxen oder Detoxen, der muss sich einschränken, Ende. Was die Inlandsflüge der statusbewussten Geschäftsleute angeht, ist das Verbot zum Glück schon greifbar.
    • Wohnen und Heizen sind in Deutschland natürlich ein Riesenthema, sagt die Torte. Da müssen wirklich alle sparen. Besonders Gutverdiener, Reiche und Villenbesitzer sind am Zug, da kann es wirkungsvolle Einschnitte geben: Heizöl und Strom nach Einkommen besteuern, oder per CO2-Abgabe, wäre eine Idee. Und natürlich mehr Anreize zum Sparen für alle, denn wie sagte Thilo Sarrazin noch zu den Heizkosten bei Hartz-IV- Empfängern: „Ziehen Sie einen dicken Pulli an“. Für Gutverdiener und Reiche gilt daher: „Hüllen Sie sich in Ihr Kaschmir und sparen Sie bitte wirkungsvoll CO2. Ja, gerade Sie.“
    • Das alles würde dafür sorgen, dass wir erheblich näher ans Klimaziel kommen könnten. Dabei muss der Fleischkonsum in Deutschland gar nicht drastisch, sondern nur moderat gesenkt werden, auf den jetzt weltweiten Durchschnitt von 44 Kilo pro Kopf und Jahr. Das ist schnell machbar, sogar leicht. In Deutschland bleibt, wenn man das durchrechnet, ein Pfund Fleisch pro Woche für jeden übrig. Ein ganzes Pfund! Das ist ein Fest.
    • Ganz wichtig: Nachhaltige Tieraufzucht – Schweine zum Beispiel müssen wieder Essenreste bekommen. Die EU hat das Füttern damit verboten, weil es mal einen Skandal um Maul- und Klauenseuche gab. Das Verbot muss aufgehoben werden, inzwischen gibt es gute Erhitzungsmethoden, mit denen man Essensreste aus Gastronomie, Großküchen und Industrie sterilisieren kann – zack, wird die Schweinemast umweltschonender, Sojaimporte für Schweinefutter gehen dann massiv zurück und den Schweinen geht es auch viel besser. Das Thema „Teller statt Tonne“, die Lebensmittelverschwendung, wäre damit auch abgefrühstückt: Essensreste und abgelaufene oder nicht verkäufliche Lebensmittel gehen wieder in die Nahrungskette.
    • Deutschland kann seinen Inlandsbedarf an Fleisch, Milch, Butter und Käse komplett selbst decken. Und das sollte es auch tun, nicht mehr. Schluss mit dem Export für ausländische „Märkte“. In der bedrohlichen, klimagestörten Zukunft gibt es nämlich keine „Märkte“ mehr. Es gibt nur noch klimatisch begünstigte Regionen und Klimaverlierer in den heißen Ländern. Der Weg zu einer global nachhaltigen Landwirtschaft sind regionale Versorgungsstrukturen und Fairness in Erzeugung und Verteilung.

Das wäre er fürs Erste, der Klimakatalog von Quarkundso.de. Mehr gerne auf Anfrage, verbunden mit der Übernahme des Klima- und Ernährungsministeriums. Und natürlich der Fütterung des Sparschweins oben rechts im Menü.

©Johanna Bayer

 

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Für Kevin und seine Veganer-Freunde: Spammen und Haten sinnlos. Justiziables geht direkt an den Anwalt, Rest siehe Kommentare zu diesem Beitrag.

 

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