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Das ZDF testet Luxus aus dem Discounter – Gourmet geht auch billig. Hallo?

 

Viele Champagner-Gläser auf einem Tablett, nah.

Luxus für alle – her mit dem Champagner aus dem Discounter!

Das ZDF ist inzwischen ja Schnäppchen-TV, ein Shoppingkanal für Billigkäufer. Unentwegt beweist dort Sternekoch Nelson Müller mit der Hilfe angeblicher Freunde, wie gut Lebensmittel aus dem Discounter sind.

Seine Redaktion von ZDF:zeit denkt sich dazu einen Test nach dem anderen aus, das Ergebnis ist immer: Netto, Aldi und Lidl haben nicht nur Schrott im Sortiment, man kann dort eine Menge Geld sparen, und das teure Zeug aus dem Einzelhandel muss nicht sein – es geht auch billig.

Abgesehen davon, dass das keine Nachricht ist, befremdet der Ansatz inzwischen. Denn selbst wenn Lebensmittel im Discounter billiger und nicht immer schlecht sind – wollen wir da kaufen?

Wollen wir dieses System?

Wissen wir nicht schon genug über das Preisdumping, das Verramschen hochwertiger Lebensmittel, die Ausbeutung der Produzenten und Bauern, die niedrigen Löhne und oft schlechten Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter?

Sind wir uns nicht inzwischen einig, dass es gutes Essen nicht zu Schleuderpreisen geben sollte, bekunden wir nicht wieder und wieder in Umfragen, wir seien bereit, mehr Geld für gute Ware auszugeben, wenn es dafür den Tieren und der Umwelt besser geht?

Tja. Scheinbar nicht, oder nicht genug.

Das ZDF jedenfalls beraubt die Deutschen ihrer Lebenslügen, vielleicht holt es die Menschen aber auch einfach dort ab, wo sie sind. Deshalb appelliert es Folge für Folge an die niedrigsten Instinkte des kleinen Mannes und führt vor, dass es sich gar nicht erst lohnt, mehr Geld für Essen auszugeben, wenn man auch billig Futter horten kann.

 

Lieblingsplattitüden der Geiz-ist-geil-Denke

Und so hämmert der treuherzige Nelson Müller den Zuschauern neben scheinbarer Konsumkritik unaufhörlich die Lieblingsplattitüden der Geiz-ist-geil-Denke ins Hirn: „Ich bin doch nicht blöd!”, “Ich gebe doch nicht mehr Geld aus als ich muss!“, „Billig ist nicht immer schlecht, und teuer ist nicht immer gut!“

Passend dazu ging es letzten Dienstag, am 21.3.2017, um Feinkost aus dem Discounter, also um Produkte, die oben im Regal stehen, optisch etwas aufgemotzt, leicht höher im Preis als das sonstige Sortiment, und bedruckt mit Bezeichnungen wie „Gourmet“, „Feine Welt“ oder „Delikatess“.

Ja, Luxus gibt es nämlich auch beim Discounter!

Nein, gibt es natürlich nicht. Wie soll das auch gehen, im Massengeschäft. Und warum.

Aber das konnte das ZDF ja nicht wissen, also, es musste so tun, als wisse es das nicht. Sonst hätten die Macher ihre Sendungsfrage nicht stellen können: Was kriegt der Verbraucher für sein Geld? Ist Luxus drin, wo Luxus draufsteht? Wie gut sind die Gourmetangebote, schlagen sie gar echte Delikatessen aus dem Feinkostladen?

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Jeder normale Mensch mit einem Funken Restverstand im Gierzentrum konnte an der Stelle umschalten. Denn auch dem dümmsten Verbraucher muss inzwischen klar sein, dass es im Discounter keinen Luxus geben kann.

Bei Kik gibt es ja auch keine Lagerfeld-Couture. Und den japanischen Reiskocher mit scheppernden Türen hält keiner für einen Jaguar mit Ledersitzen und Mahagoni-Armatur.

Das merkt doch keiner!

Bei Lebensmitteln allerdings gilt der Sinn für Qualität, wie man ihn bei Mode oder Autos schlicht voraussetzt, als nicht existent. Nie. Da sind sich alle Schnäppchenjäger-Redaktionen einig: Das merkt doch keiner! Da schmeckt man doch gar keinen Unterschied! Das ist doch genauso gut, auch wenn es billig ist!

Nur weil es diesen versteckten Konsens gibt, kann das ZDF beharrlich seine Tests nach dem Strickmuster „Billiges gegen Markenware“ auflegen.

Das Ergebnis muss aber auch stimmen, sonst schalten die Zuschauer ab, das Storytelling funktioniert nicht und die Redaktionsleiterin schimpft, weil sie Budgetkürzungen fürchtet, wenn die Quote absackt.

Auch wenn also durchaus Kritisches und Aufklärendes im Beitrag ist – es muss todsicher an den entscheidenden Stellen das Richtige rauskommen, damit das Aldi-Einfach-gut-Weltbild des Verbraucher/Zuschauers ungeschoren bleibt. Dazu gibt es in der Trickkiste des Service-Genres das passende Werkzeug:

Trick 1: Tests mit ein paar Hausfrauen, Schrebergärtnern, Stammtischbrüdern, Rentnern oder Normalos in der Fußgängerzone. Wenn beim ZDF vier Omas am Kaffeetisch Eierlikör oder Schnapspralinen nach ihren Vorlieben bewerten, kommt mehrheitlich sicher raus: Das Billige schmeckt aber auch gut!

Trick 2: Vergleiche von Ware aus industrieller Massenproduktion wie No-Name-Discounterzeug grundsätzlich nur mit Produkten aus industrieller Massenproduktion, also von Großfirmen, die ebenfalls in riesigen Mengen Supermärkte beliefern. Denn merke: Alles, was in großen Massen produziert wird, entsteht in denselben Industrieprozessen, besteht schon aus technischen Gründen aus ähnlichem Material und ist im Geschmack sehr ähnlich, da an die Vorlieben der breiten Masse angepasst. Deshalb kommt praktisch immer raus, dass die Unterschiede nicht groß oder gar nicht erst vorhanden sind.

Trick 3: Grundprodukte mit wenigen Zutaten nehmen – Schinken, Lachs, Käse, Kaffee. Da kann es nur große Differenzen geben, wenn die Discounter wirklich im Warenwert pfuschen oder so runtergehen, dass sie im Wettbewerb mit Supermärkten Nachteile befürchten müssten. Das tun die aber nicht. Die sind doch nicht doof. Die wollen verkaufen. Deshalb drücken sie lieber bei ihren Lieferanten die Preise, machen eine Mischkalkulation und verkaufen teils gute Ware zum Schleuderpreis. Dann kommt beim Test garantiert raus: Billig kann auch gut sein!

Trick 4: Einen aufwändigen Test an einem wissenschaftlichen Institut machen, ihn aber hinterher so interpretieren, dass er das gewünschte Ergebnis bringt. Einen dabei nicht ins Konzept passenden O-Ton des Fachmannes kann man ignorieren, aus dem Zusammenhang reißen, schneiden oder verzerren, um das genehme Fazit zu ziehen, wie das Doku-Team von ZDF:zeit bravourös vorführt.

 

Was wem schmeckt, ist kein Zufall

Alle Tricks sind auch miteinander kombinierbar, und Trick 4 ist natürlich die Königsklasse.

Der Sender kann sich Kategorie 4 locker leisten, immerhin stehen pro Hochglanz-Produktion von ZDF:zeit im Schnitt 250.000 Euro zur Verfügung, da darf es auch mal ein eigener Versuch mit 100 Probanden sein. Also hat man ein seriöses Institut beauftragt, das auf Konsumenten- und Marktstudien spezialisiert ist. Das hat die Versuchsteilnehmer nach repräsentativen Gesichtspunkten ausgewählt und die Proben blind verkosten lassen. Schließlich sollte es ja wissenschaftlich zugehen.

Lachs, Schinken, Parmesan und Champagner vom Discounter schmeckten – Überraschung! – den 100 Probanden trotz erheblicher Preisunterschiede ziemlich gleich gut. Die exakten Ergebnisse hat das ZDF sicherheitshalber natürlich nicht präsentiert. Wo kämen wir denn da hin. Nein, die Rede ist von „kann mithalten“, „schmeckt so gut wie“ oder „schmeckt genauso gut“.

Fazit Sprechertext:

„Die Wissenschaftler messen bei diesen vier Produkten keine signifikanten Geschmacksunterschiede. No-Name – so lecker wie Markenluxus.“

Quarkundso.de, von Haus aus kleinlich, muss da natürlich beckmessern: Dieses Fazit ist schonmal raffiniert falsch formuliert, ganz, wie es die Trickkiste vorschreibt.

Denn was der Test gezeigt hat, ist nur das: Die 100 Leute haben kleine Unterschiede in der Geschmacksbewertung abgegeben, sonst haben ihnen die Produkte im Großen und Ganzen gleich gut gefallen wie teurere Ware aus dem Einzelhandel.

Solche subjektiven Geschmacksurteile sagen aber überhaupt nichts über die Eigenschaften der Produkte, ihre Qualität, und etwaige Unterschiede aus. Sie sagen nur etwas über die Vorlieben der Versuchsteilnehmer, die, da repräsentativ zusammengestellt, dem Durchschnittsdeutschen entsprechen.

Schon die Frage hat das wohl so vorgegeben, die lautete nämlich sicher nicht: „Beschreiben Sie den Geschmack genau und finden Sie Unterschiede zwischen den Produkten heraus“. Die Frage war: „Wie schmecken Ihnen diese beiden Produkte? Benoten Sie auf einer Skala von 1, sehr gut, bis 6, ungenügend.“

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat das knallhart recherchiert, indem sie sich nächtens im Keller Frame für Frame durch die Doku gequält und in der richtigen Millisekunde angehalten hat. Hier der Beleg im Bild, die Bewertungsmaske im Labor des Marktforschungs-Instituts, aus der ZDF-Doku bei TC 7:23:

 

Kleiner Bildschirm mit Bewertungen von 1 bis 6, Hand

Screenshot aus der ZDF-Doku

 

Ist Luxus nur Schwindel?

Man kann sich das auch von einer anderen Warte ansehen. Beim Champagner hält der Billigfusel angeblich im Vergleich zu Moet&Chandon mit. Dabei ist er weniger als halb so teuer!

Was sagt uns das? Dass die echten Luxushersteller uns alle betrügen? Das mag Konsens in der Schnäppchenjäger-Branche sein, stimmt aber nicht.

Es sagt gar nichts. Denn erstens ist Moet nur ein bestenfalls mittlerer Champagner, dessen Hersteller gerne auch günstige Abfüllungen in die Supermärkte drückt – ein Großerzeuger gemäß Trick 2.

Dann kommt noch hinzu, dass Otto Normalverbraucher halt kein Feinschmecker ist, mit einem differenzierten Gaumen und weitläufiger Erfahrung ist. Der mag es eher mittel und schätzt ganz bestimmte, recht gut definierbare Reize. Ein Champagner gefällt, wenn er nicht so trocken sondern eher süßer und fruchtiger ist, er schmeckt, wenn die Brause etwas kräftiger im Glas perlt und nicht so stark riecht.

Das generell Süßlichere ist übrigens die dominante Geschmacksmerkmal im Massenvertrieb. Darauf sind Billigflaschen ausgerichtet, siehe Trick 1 und Trick 2, beim ZDF noch In Kombination mit Trick 4.

In diesem Setting muss der billige Champagner gewinnen, übrigens ist es da auch kein Zufall, dass sogar der gepanschte Frizzante-Fusel bei Nelsons Gästen gar nicht schlecht ankommt. Auch derlei schmeckt der einschlägigen Zielgruppe besser als hochwertige, komplexe Winzeroriginale. Die gibt es handverlesen im Weinladen, aber nicht im Supermarkt und schon gar nicht im Discounter.

Aber so etwas haben die ZDF-Tester gar nicht erst in die Verkostung genommen, und wenn, wäre eine solche Flasche bei dem Normalo-„Schmeckt-mir“-Test komplett durchgefallen.

Ach ja, wer das nachlesen will: Es gab schon Bewertungen des Penny-Champagners „Comtesse Marie Louise“, der beim ZDF mit Moet “mithalten” konnte. Da waren feinere Zungen am Werk, Weinkenner. Das Manager-Magazin hält die Comtesse zum Beispiel gar nicht erst für satisfaktionsfähig – probiert und gleich weggeschüttet.

Auch die Stiftung Warentest hat sich schon einschlägig geäußert. Da wurde der Marie Louise 2010 bescheinigt, dass sie „relativ viel Zucker enthält“ und daher fast aus der Kategorie brut, herb, rausfliegt, typisch für den Discounter-Geschmack. Der Kunde mag das so. Deshalb mag er echte Luxusprodukte gar nicht erst – zu sauer, zu bitter, zu komische Aromen.

 

 

Auf Masse getrimmt

Das muss man erstmal schlucken: Alles, was im Supermarkt und noch mehr im Discounter vertrieben wird, ist auf diesen Geschmack der Masse getrimmt, sonst läuft es im Sortiment nicht.

Typische Kundenvorlieben werden daher schon von den Herstellern und Einkäufern als Messlatte angelegt, und oft in eigenen Konsumenten-Befragungen geprüft.

Dem gesamten Drehteam samt Nelson Müller sind solche Feinheiten aber völlig wurscht. Die blieben stringent bei der eigenen Story: „Schmeckt mir“ bedeutet, dass der Fusel mit Namen Marie Louise genauso gut ist wie das immerhin solide Haus (der “Marke”) Moet.

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Der aufrechte Versuchsleiter des Konsumforschungsinstituts hat gegen die festgelegte Dramaturgie keine Chance.

Beim Kaffee versucht er es:

Das Interessante ist, dass hier eben im Gegensatz zu dem teureren und augenscheinlich besseren Produkt aus einer Kaffeerösterei das Produkt aus dem Supermarkt gewonnen hat. Das teurere Produkt aus der Rösterei ist nicht der schlechtere Kaffee. Sondern der Geschmack des Rewe-Kaffees scheint massentauglicher, da er ausgewogener erscheint.

Der Mann ist vom Fach und hat natürlich Recht. Hier liegt der Hase im Pfeffer. Der Manufaktur-Kaffee hat wohl ein paar Ecken und Kanten gehabt, vielleicht mehr Säure, andere Aromen, mehr Röst- und Bitterstoffe. Das mag der Normalkaffeetrinker nicht. Der mag Standard, am besten jeden Tag im Leben gleich.

Was der Experte aber sagt, kümmert das ZDF beim Fazit zum ganzen Test nicht die Bohne – Sprechertext:

Unsere repräsentative Untersuchung zeigt: Luxus vom Discounter schmeckt so gut wie teure Feinkost.

Und Sternekoch Nelson Müller setzt noch einen drauf:

Das ist wirklich absolut überraschend – ob Lachs, Kaffee, Schinken, sogar Champagner als No-Name-Produkt genauso lecker wie teure Feinkost, bedeutet für mich: Geschmack muss nicht unbedingt teuer sein.

Der Mann weiß es eigentlich besser. Aber das ZDF zahlt ihn gut, da muss er das sagen, was dem Discounter-Kunden und dem eigenen Publikum (Schnittmenge L = 100) gefällt. Selbst wenn es genau das Gegenteil von dem ist, was der Fachmann im O-Ton klarstellt.

Königsklasse halt.

 

Fake-Gourmet und Luxusattrappen

Nun ist Quarkundso.de zwar bekannt streng. Aber auch  gerecht. Daher darf festgestellt werden: Beim ZDF hat man sich stets sehr bemüht.

Die Kritik an dem Büffel-Mozzarella ist gut – es ist wichtig, zu zeigen, dass eine blinde Schlaraffenland-Illusion mit “Luxus für alle” auf Kosten von Tieren und Umwelt geht.

Auch gibt es im Film unter anderem einen Test mit Parmesan, da darf eine Käse-Spezialistin ran. Die rammt den Billig-Riegel in Grund und Boden und lobt den teureren Parmesan von Rewe “Feine Welt”. Auch eine angebliche Luxus-Leberwurst von Lidl “mit Preiselbeeren”, angeblich „Delikatess“, fällt durch, als ein Metzgermeister sie sich vornimmt.

Richtig so. Fachleute bewerten halt nach den Regeln ihres Handwerks. Und das hält der Sprechertext immerhin fest: Angeblicher No-Name-Luxus ist allzu oft eine Luftnummer.

Der amüsanteste Test ist der mit den Sushi-Packungen, die von einem echten japanischen Sushi-Meister zerlegt werden. Herrlich, wie er mal spuckt und prustet, sich schüttelt vor ästhetischem Ekel, oder sich kaputt lacht.

Und da geht`s lang: Besondere Lebensmittel haben nicht nur ihren Preis. Sie entstammen hoher handwerklicher Kunst, haben Tradition und ihren eigenen Charakter. In Sushi gehört keine Paprika, in eine gute Leberwurst passen keine Preiselbeeren.

Das ist alles Fake-Gourmet – Luxus-Attrappen, die den unkundigen Billigkäufer einfach nur zum Geldausgeben verführen sollen. Noch dazu ist es Gepansche aus dem Brevier des schlechten Geschmacks. Aber es sind keine Delikatessen.

Echte Luxusware gibt es nicht im Supermarkt und schon gar nicht im Discounter – dieser Schwindel muss endlich aufhören. Wer meint, sich Luxus bei Lidl kaufen zu können, reißt sich auch eine Tüte Hühnersuppe auf und findet: „Schmeckt wie bei Oma!“.

Und er hat immer Recht. Erstens, weil es nunmal sein Geschmack ist.

Dann aber auch, weil schon seine Oma Tüten aufgerissen hat – seit Generationen verlieren Massen von Menschen ihren guten Geschmack.

Auch, weil seit 170 Jahren Lebensmittel verpfuscht und verpanscht werden, weil man Echtes billig nachbaut und dem Verbraucher als angeblichen „Luxus“ präsentiert, weil der industrielle Einheitsgeschmacks in Fertiggerichten und dem Massenvertrieb die ganze Bevölkerung durchseucht.

Es hilft daher nichts: Wer zum Discounter geht, kann teilweise annehmbare Grundprodukte zu beschämend niedrigen Preisen bekommen. Wer Luxus will, muss ihn bezahlen und das teure Feinkostgeschäft seines Vertrauens aufsuchen. Aber nicht Netto, Aldi, Lidl und Co.

 

©Johanna Bayer

Die ganze Doku vom 21.3.2017 in der ZDF-Mediathek

Manager-Magazin zu Billigchampagner, u.a. “Comtesse Marie Louise” von Penny

Stiftung Warentest von 2010 – Achtung, natürlich kann sich seitdem die Qualität der Comtesse geändert haben. Ist aber unwahrscheinlich.

DIE WELT: Der Hipster-Laden als Nobelrestaurant – finde den Fehler

Mann mit Männerdutt sitzt mit anderen beim Essen

Essen bei Hipsters: Männerdutt, Traveller-Küche, keine weiße Tischdecke – das volle Programm. Bild: Shutterstock / Syda Productions

 

Jetzt ist mal wieder DIE WELT dran.

Aber diesmal mache ich mit denen kurzen Prozess, nach dem langen Riemen neulich über die Klimadebatte. Sonst kommen wieder Klagen wegen zu vieler Buchstaben.

Also: Der Oliver Rasche hat in seiner lustigen Kolumne darüber geschrieben, „wie uns durchgestylte Nobel-Restaurants für dumm verkaufen.“ (Titel der WELT).

Die Geschichte geht so: Rasche wollte mit einem Kumpel einfach mal eine Pizza essen gehen und geriet in einen urbanen Hipster-Laden, der sich „Pizza-Manufaktur“ nannte. Dort herrschten hohe Männerdutt-Dichte und aufgesetzter Industrie-Chic, und von der Speisekartenlyrik über den Designer-Tresen bis zu den arroganten Möchtegern-Models, die Kellnerinnen mimten, war alles affig aufgebrezelt.

Weil die Pizza aber vegan und noch dazu aus Vollkorn war, schmeckte sie nicht und lag im Magen wie Schusterleim. In der Eisdiele, in der sich die Jungs anschließend trösten wollen, gibt es nur exotisches Zeug wie Schokoladeneis mit Lindenblüten- oder Kaktusfeigen-Extrakt. Auch die nennt sich aber „Manufaktur“.

Da platzt dem Rasche der Kragen.

In seinem Beitrag regt er sich fürchterlich über den Manufaktur-Quatsch auf und sehnt sich nach der guten, alten, ehrlichen Pizza von seinem guten, alten, schlampigen Italiener im Ruhrpott, wo der Boden klebt und das Gesundheitsamt immer Freibier hat.

Dabei wendet sich der Kolumnist auch gegen die Idee einer „Manufaktur“, also gegen handgemachte Speisen und die Absage an Massenware.

Solche Vorhaben beschimpft er als abwegige Ess-Nostalgie, die dazu führt, dass man „isst wie im Museum“, während der Gast aufs Übelste verschaukelt wird, weil weder Geschmack noch Qualität dem hochtrabend formulierten Manufaktur-Anspruch gerecht werden.

„Was soll dieser Manufaktur-Quatsch? Warum lassen wir uns derart für dumm verkaufen? Haben wir uns in unserer Zivilisationsbequemlichkeit so sehr vom Ursprung der Dinge entfernt, dass uns eine Sehnsucht nach pseudo-historischem Handwerk plagt? Nach echten, nach handgemachten Produkten?“

Die falschen Feinde

Jetzt will man dem Rasche bei seinem Wüten gegen überkandidelte Hipster-Läden natürlich von Herzen beipflichten und mit ihm vom Leder ziehen, dass es kracht.

Vorher muss Quarkundso.de aber entschieden einschreiten und etwas richtig stellen.

Denn O. Rasche will die Hipster treffen, schießt jedoch über sein Ziel hinaus und erledigt die kleinen Manufakturen sowie ehrwürdige Nobelrestaurants gleich mit.

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Das ist schade, denn das wahre Übel beleuchtet er zu wenig. Dafür werden ausgerechnet Läden verdammt, in denen Menschen Essen so zubereiten, wie es sein sollte: sorgfältig, von Hand, nach der Tradition und den Regeln der Kunst, mit ausgewählten, hochwertigen Zutaten.

Sowohl in guten Manufakturen als auch in Nobelrestaurants ist das Fall. Doch die landen bei Rasche alle mit den Hipster-Buden in einem Topf. Mag übrigens sein, dass das nur am Titel liegt, den vielleicht ein unkundiger Online-CvD vergeigt hat. Aber da steht er jetzt, und die Nobelrestaurants stehen mit am Pranger.

Genau hier liegt der Hund begraben. Denn urbaner Hipster-Konzept-Krampf ist nicht nobel.

In der Regel ist alles, was unter „urban“ (sprich neudeutsch: „örben“) läuft, weder nobel noch hochwertig noch professionell.

Es ist sogar genau das Gegenteil: Ungelerntes Personal wurschtelt mit Lebensmitteln rum. Und das geht oft gehörig schief, wie im Fall des Opfers O. Rasche.

 

Auf der kulinarischen Flughöhe von Imbissbuden

Hipster-Läden werden nämlich weit überwiegend von gastronomischen Laien und Quereinsteigern geführt oder konzipiert. Die waren früher wahlweise in der Werbung, in den Medien oder in der Bank, haben Marketing studiert, arbeiteten als Musiker oder versuchten sich an Schauspielschulen.

Häufig sind sie gleich ganz ungelernt, dafür aber beseelt von Visionen zur Rettung der Welt durch Essen.

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Das heißt nicht, dass diese Jungunternehmer nicht hohe Ansprüche hätten. Regelmäßig wollen sie gutes, besseres oder das beste Essen machen, gesundes oder gesünderes, frischeres, regionaleres, ökologischeres, leichteres, schnelleres oder echtes, handwerklich hergestelltes.

Leider haben sie oft aber weder Kenntnisse noch Erfahrungen noch Geschmack. Damit sind übrigens der Geschmack beim Kochen und die Stilsicherheit bei Gerichten gemeint.

Gemeint ist nicht das Design. Natürlich sind die Lokale durchgestylt. Aber urban halt – zwecks Kundenfang auf der kulinarischen Flughöhe von Burgern, Pizza, Wraps und Avocado-Quinoa-Salat, kurz: von Imbissbuden mit Sitzgelegenheit.

 

Nichtmal mit Wein kann man sich trösten

Natürlich heißt das nicht, dass Quereinsteiger nicht auch gute Köche sein können. Es gibt einige Beispiele dafür. Und selbstverständlich findet man in den Hipster-Läden auch gelernte Köche als Angestellte. Denen aber diktiert der beseelte Chef meistens sein eigenes Konzept, das er mit Freunden, in der WG oder bei ausgedehnten Weltreisen selbst „entwickelt“ hat.

Heraus kommen dann Sachen wie Salat mit grünem Spargel, Avocado und Erdbeeren (ein Klassiker der Hipster-Küche), Kimchi mit Ananas, Äpfeln und Sweet Chili (Berlin), Flammkuchen mit Brie, Erdbeeren, Rucola und Birne (Pizza-Manufaktur in Hamburg), Gazpacho mit Obst und Nüssen, süß-scharf abgeschmeckt (München), Gemüsecurry mit Kokosmilch und Honig (ebenfalls München), Fisch im Bierteig mit süßem Feigen-Chutney (Bern, Schweiz). *

Wenn man Glück hat, sind Biozutaten im Spiel. Wenn man Pech hat, gerät man an Veganer. Dann schmeckt es nicht nur nicht, es macht auch nicht satt.

Mit einem guten Wein kann man sich bei Hipstern auch nicht trösten, denn die Weinkarte ist aus dem halbtrockenen Sortiment bestückt. Ansonsten liegt der Getränke-Schwerpunkt auf aromatisiertem Bier und Spirituosen wie Gin, Wodka oder Whisky. Dazu gibt es eine lange Liste von Kindergetränken: Obstsäfte, Smoothies, Brausen, Limonaden, Milch- und Joghurtdrinks, Kakao, Chai latte.

Alles bio, versteht sich.

 

Gute Idee – aber ausgeführt von Dilettanten

Das Problem, auch für Rasche, ist: Der Anspruch, eine Manufaktur zu sein, also alles sorgfältig von Hand zu machen, mit ausgewählten Zutaten, ist dabei ehrenhaft und richtig. Nur geht das gerne in die Hose, wenn Dilettanten ohne kulinarische Bildung am Werk sind. Ganz gefährlich wird es, wenn sie auch noch “experimentieren”, wie in dem Laden, von dem Rasche berichtet.

Deshalb gleich den Manufaktur-Gedanken in die Tonne zu treten, ist falsch: Gute Manufakturen sind das Bollwerk gegen Fastfood und Einheitsbrei, gegen Massenware, gegen Industriefraß und gegen Verbraucherverarsche schlechthin.

Und es gibt massenweise solche guten Manufakturen: kleine Läden, Familienbetriebe, Landgasthäuser, Metzger, Bäcker und Produzenten, die ausgezeichnete Qualität liefern. Feinschmecker-Magazine, Restaurantguides oder der Slow-Food-Genussführer sind voll mit guten Adressen.

Nobelrestaurants, in denen normalerweise Profis am Werk sind – was die hohen Preise rechtfertigt – gehören im Sinne des Wortes auch zu den Manufakturen: Dort wird praktisch alles von Hand gemacht, aus bester Ware, dazu ist das Personal hotelfachgeschult und zuvorkommend, ein Sommelier berät bei der Weinauswahl und es gibt vernünftigen Wein samt richtigen Weingläsern.

Vor allem aber beherrschen die Küchenchefs in diesen Läden ihr Metier und haben fast immer bei berühmten Meistern gelernt, deren Namen sie stolz auf der Speisekarte führen.

Ein entscheidendes Kriterium für ein Nobelrestaurant ist auch, dass alles der Konzentration aufs Essen dient: Nichts soll den Genuss stören, daher gibt es keine laute Musik, keine großen Blumengestecke, keine Duftkerzen, keine Bildschirme und praktisch immer eine zurückhaltende Inneneinrichtung.

Surfen im Internet und Telefonieren mit dem Handy sind unerwünscht, nicht selten wird man schon am Empfang freundlich dazu aufgefordert, doch bitte dem Personal das Gerät zu überlassen.

 

Alles unkompliziert durcheinander

Urbane Hipster-Läden verstehen sich aber geradezu als Gegenmodell zu diesen Weihehallen. Trotzig lehnen sie sich gegen korrekte Tischmanieren, sonstige Benimmregeln und die Vorschriften verzopfter Innungen auf. Daher auch die Liebe zum Imbisswagen (Streetfood) und zu improvisierten Interieurs.

Urban Food ist folglich „unkompliziert“, in der Regel mit den Händen zu essen – Burger, Pizza – und betont im Gegensatz zum Nobelrestaurant genau das, was beim Essen nervt: Surfen im Internet und Telefonieren (kostenloses WLAN), wummernde Beats, eine Hallenatmosphäre mit rohen Holztischen und Bierbänken sowie seltsame Essgeschirre wie Blechnäpfe, Einweckgläser, Schiefertafeln, Holzschaufeln oder Trinkgläser, in denen die Suppe – ohne Löffel – serviert wird.

Nicht selten ahmen sie in Aufmachung und Speisenangebot die Buden an den Stränden von Südostasien oder Indien nach, in denen Traveller auf ihren Rucksackreisen von lächelnden Einheimischen bewirtet werden.

Dass diese Einheimischen die Westler für bekloppt halten und zuhause völlig anders speisen, dass sie niemals Obstsäfte zum Essen trinken oder Klappstullen (Sandwiches, Burger) als Hauptmahlzeit betrachten würden, erfahren die Globetrotter nie.

Schließlich beschäftigen sie sich auf ihren Reisen nur mit sich selbst und ihresgleichen.

Aber sie nehmen begeistert solche Inspirationen mit nach Hause und machen daraus ein „internationales“ Menü: kulinarische Wahllosigkeit gemixt mit Plumpsküche, Urlaubsessen und Studenten-WG.

So tummeln sich indische Linseneintöpfe, balinesische Spießchen mit Erdnusssoße, endlose Currywurst-Variationen, pseudo-italienische Nudelgerichte („Pasta“), die unvermeidlichen Burger und bunte Salate mit übersüßten Dressings auf der liebevoll gemalten Karte.

Teller mit Sandwich und Chips aus Süßkartoffeln

Berlin, Markthalle Neun, Urban Cuisine: nie ohne Klappstulle. Mega-hippe Beilage: Süßkartoffel-Chips.

 

Fazit von O. Rasche: Echt gutes Essen ist immer handgemacht

Wenn der WELT-Autor angesichts dieser kulinarischen Verwirrung sehnsüchtig an seine schmuddelige Stamm-Pizzeria im Ruhrpott denkt, in der keine Stilpolizei die Musik vorschreibt, stimmt man ihm zu: Wo der Chef jeden Pizzaboden von Hand dreht, bevor die Pizza in den echten Holzofen wandert, ist es egal, ob das Ambiente stylisch ist – das ist eine Manufaktur.

Denn natürlich muss man nicht ins teure Nobelrestaurant, um echt und gut zu essen. Es reicht, wenn man jemanden findet, der was vom Handwerk versteht und Geschmack hat.

Und da ist der geschätzte O. Rasche auf der richtigen Spur: Ja, echtes, gutes Essen ist immer handgemacht und stammt öfter aus unscheinbaren kleinen Läden als von “urbanen Selbstüberschätzern”.

©Johanna Bayer

* alles selbst probiert – ja, auch Quarkundso.de ist ein Opfer.

PS: Okay, das war nicht richtig kurz. Aber kürzer als sonst.

Der Artikel von O. Rasche in der WELT online

“Über uns” des Urban-Food-Konzeptstores Dean&David

Großartige Charakterisierung von Szenerestaurants in der SZ

O. Rasche von der WELT schreibt auf Twitter:  o_rasche_twitter

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Dürfen Köche Geld verdienen? WDR und SWR porträtieren Alfons Schuhbeck

Löffel mit Paprika, Curry, Gewürzen, Salzkörner, Nahaufnahme

Reich mit Gewürzen – darf das ein Koch?
Bild: Shutterstock / Eugenia Lucasenco

 

Das klang spannend: Eine Sendung darüber, womit Promi-Köche, die im Fernsehen auftreten, “wirklich” ihr Geld verdienen, Titel: „Kochende Geschäfte“.

Die Dokumentation ist von WDR und SWR und lief 2015 beim WDR in der investigativen Reihe „die story“, der SWR wiederholte den Beitrag im September 2016. Da geriet er auf den Radar von Quarkundso.de, zumal knallharter Journalismus in Aussicht gestellt wurde:

„die story fragt nach den Nebengeschäften der Fernsehköche. Sie zeigt die Küchenglitzerwelt und das, was daraus entsteht.“a

Nebengeschäfte! Unfassbar. Was könnte das sein, bei einem Koch?

Sklaven- und Mädchenhandel, um billig an Küchenpersonal zu kommen, Drogenschmuggel in der Kühlkammer, illegale Chemikalien in Lebensmitteln, vielleicht Scheinfirmen: ein Briefkasten auf den Bahamas, hinter dem sich ein Pferdefleisch-Großhändler auf dem Balkan verbirgt, der unter dem Namen des TV-Kochs auffallend günstige Delikatess-Lasagne unters Volk bringt.

Oder so.

Aber das war es alles nicht.

 

Gewürze, Restaurants, Partyservice

Stattdessen listete der Film das Portfolio von Gastro-Unternehmern auf, vor allem das des Alfons Schuhbeck: neben dem Führen von Restaurants unterschiedlicher Niveaus und eines Partyservice sind das diverse Medienauftritte, der Handel mit Gewürzen und allerlei Viktualien, die Entwicklung von Fertiggerichten unter dem eigenen Namen, das Bekochen eines Fußballvereins, Werbeverträge für Lebensmittel, das Verfassen von Kochbüchern und das Abhalten von Kochkursen für Hobbyköche.

Alles ganz normale und legale Aktivitäten, zu deren Erfolg man den Unternehmer eigentlich beglückwünschen möchte. Aber wenn so ein Koch den öffentlich-rechtlichen Investigativformaten vor die Flinte gerät, ist was anderes gefragt.

Autorin und Regisseurin Katharina Schickling begab sich also im Auftrag von WDR und SWR auf die heikle Mission, die dunklen Machenschaften der Küchenkünstler aufzudecken. Normalerweise macht Frau Schickling eher Kultur-Dokus für den BR, meist mit schönen schwarz-weiß-Bildern aus dem Archiv.

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Den Alfons Schuhbeck, ihren Protagonisten, hat sie 24 Stunden durch seinen Tagesablauf begleitet, beginnend um Mitternacht. Da stemmt der Kraftmensch Hanteln im Fitness-Studio, denn erst nächtens hat er dafür Zeit.

Wir werden auf diesen bemerkenswerten roten Faden – 24 Stunden im Leben eines Promi-Kochs, in seinen eigenen Häusern, an Originalschauplätzen – noch zurückkommen.

Aber erstmal weiter in der Story: Im anschließenden O-Ton erklärt Schuhbeck, schön ausgeleuchtet vor einem Weinregal seines Ladens sitzend, dass er sich im Moment pudelwohl mit seinem Erfolg fühlt und mit seinen Auftritten den Nerv der Zeit trifft.

In der Tat, das tut er. Mit bayerischem Charme, raffinierter Heimatküche und seiner Gewürzmasche hat er sich eine eigene Marke erschaffen, wobei er ja schon vorher erfolgreich war: In Waging hielt der Alfons, den seine Fans liebevoll „Fonse“ nennen, 20 Jahre einen Michelin-Stern, in München hat er sich am Platzl auch sofort einen erkocht, wenn er auch inzwischen nicht mehr selbst am Herd steht.

Eines ist klar: Der Mann kann wirklich was.

 

„Ein super Geschäftsmodell“

Jetzt, nach vielen Jahrzehnten im Geschäft, nach Pleiten, Gerichtsverfahren, Anfeindungen, unklaren Geldsachen und dem üblichen Auf und Ab des Metiers, läuft es beim Fonse: sein Image ist aufpoliert, auch dank einer Medienstrategie, die gut ausgeklügelt ist von einem Team von Beratern, neuerdings auch auf Facebook.

Einzigartig ist seine Stellung im BR. Dort hat man ihn seit 30 Jahren erst als bayerisches Urgestein am Herd, dann systematisch als „Gesundheitskoch“ aufgebaut und der Fonse hat begriffen, wie der Hase läuft. Zum Glück für ihn und seinen Haussender BR ist er clever, charmant, schlagfertig und wirkt authentisch bayerisch. Heute erntet er die Früchte und findet speziell ob seines persönlichen Medientalents: „Des is scho super!“

Süffisanter Kommentar der Autorin direkt dazu:

„Und ein super Geschäftsmodell! Diese Geschäfte möchte ich genauer betrachten. Womit verdienen unsere Koch-Gurus tatsächlich ihr Geld? Wo sind die Grenzen der Vermarktung?“

Über den süffisanten Ton und die unverhohlene Insinuation, dass etwas faul ist an der Sache, stolpert man: Der Sternekoch Alfons Schuhbeck, dem es gelungen ist, sich als echte Marke zu erschaffen und erfolgreich zu etablieren, soll aus seinem Talent und seiner Medienwirksamkeit kein Geschäftsmodell machen?

Ja – was denn sonst?

Ich meine – woraus soll man denn sonst ein Geschäftsmodell machen?

Das habe ich am Anfang des Films nicht verstanden, deshalb habe ich ihn bis zum Ende geguckt. Ich wollte wissen, was genau gemeint ist mit den scheinbar fragwürdigen Machenschaften, und ob da was Dunkles aufgedeckt wird.

 

Alte Hüte aus der Foodwatch-Kampagne von 2009

Im Verlauf des Films gibt sich die Autorin scheinbar die größte Mühe, glühende Kohlen auf dem Haupt der Köche und insbesondere von Alfons Schuhbeck zu sammeln – Werbung für Industrieprodukte und Fertiggerichte, Verkauf von Tee, was doch vom Kerngeschäft Kochen sehr weit weg sei.

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Aber die Vorwürfe sind alte Hüte, längst abgefrühstückt. Sie gehen zurück auf eine Foodwatch-Kampagne von 2009, in der die Essensretter anprangerten, dass bekannte Köche für Fertigprodukte, Tütensuppen oder Imitate wie künstliche Bratcremes werben.

Notorisch war damals der Auftritt des Sternekochs Martin Baudrexel für den Fettersatz Rama cremefine des Margarine-Multis Unilever. Die Liste der Angeklagten ist lang und führt fast alle großen Namen der deutschen TV-Kochszene: von Lafer und Lichter über Poletto bis zu Baudrexel, Herrmann und Schuhbeck – allesamt vom Guide Michelin schonmal mit einem Stern versehen.

Im Kern hat Foodwatch Recht – dass ausgerechnet Meister ihrer Kunst Werbung für billige Ersatzware machen, macht sie, was ihre kulinarische Kultur angeht, nicht besonders sympathisch.

Doch sind die alten Werbeverträge längst ausgelaufen, die Köche sensibilisiert und es wirkt einfach billig, dass WDR und SWR die komplette Kampagne von damals aufkochen, auch noch anhand der alten Vorwürfe und mit alten Werbespots.

Es ist nichts neu daran, es ist keine Eigenleistung, auch von eigenständiger Recherche kann keine Rede sein. Alles, was im Film vorkommt, kann man bei Foodwatch online nachlesen – das Drehbuch war schnell geschrieben.

 

Pseudo-Journalismus: Banales skandalisieren

Um den investigaten Schein zu wahren, muss aber die als Reporterin auftretende Autorin überall neuen Betrug wittern. Das führt zu teils grotesker Krittelei: So moniert sie bei den Gewürzen, dass Schuhbeck die Rohware für seine eigenen Mischungen vom größten europäischen Gewürzhändler Fuchs bezieht.

Skandal! Wo Schuhbeck draufsteht, ist nur Fuchs drin, der beim Netto-Markt auf dem Regalbrett über der Tiefkühltruhe steht? Da tütet einer einfach was um und verlangt dann das Doppelte?

Nun ja. Der Effekt verpufft.

Wenn Schuhbeck Gewürze für eigene Mischungen einkauft, etwa Paprikapulver, Zimt, Chilischote oder getrocknete Zitronenschalen für sein Gulaschgewürz– warum denn nicht beim Marktführer?

Seien wir froh, dass er keine schlechtere Adresse genommen hat. Ihm den Lieferanten Fuchs zum Vorwurf zu machen, ist absurd. Da müsste man auch Karl Lagerfeld anklagen, weil er die Stoffe nicht selbst webt, aus denen er seine Kleider schneidert, sondern sie von Textilhändlern kauft.

Mit einer schlichten Zimt-Zucker-Mischung marschiert die Autorin – vorhersehbar – zur Verbraucherzentrale: Ob es für so eine einfache Sache nicht unstatthaft sei, Geld zu verlangen, wo doch jeder Zimt und Zucker zuhause mischen können?

Beflissen rechnet die Verbraucherschützerin vor, wie billig die Zutaten und wie teuer das Gläschen mit Schuhbecks Konterfei ist.

Ja, toll. Das hätte es auch nicht gebraucht, dafür einen Drehtag für Tausende von Euros zu verschwenden.

Denn bei Zimt-Zucker-Streu liegt doch alles auf der Hand. Muss man da die Bedenkenträgerin von der Verbraucherzentrale bemühen und den Vorwurf in den Raum stellen, Menschen würden betrogen?

Es gibt hier keinen Schwindel. Leute kaufen das Zeug, der Schuhbeck verdient daran, fertig.

Wer zu unsicher, zu faul oder zu doof ist, um selbst Zimt und Zucker zu mischen, der zahlt beim Schuhbeck halt das Zehnfache. Dasselbe gilt für Gulaschgewürz, Grillgewürz, Steakgewürz, Fischgewürz, Butterbrotsalz und was all der Mischungen mehr sind: Wer sich nicht traut, zuhause selbst zu würzen, der zahlt. Meistens sogar gerne.

 

Alles läuft seltsam ins Leere

Alle Anklagepunkte, die scheinbar gesammelt werden, verfangen auf diese oder auf andere Weise nicht. Ein Grund dafür ist auch, dass der Meister persönlich zu jedem Punkt dezidiert Stellung nimmt, und das macht er sehr gut.

Sogar auffallend gut – das wird uns noch beschäftigen.

Jedenfalls kontert er die Frage, warum in einigen seiner Gewürze oder Tees (nicht in allen) Aromastoffe sind, klar und korrekt damit, dass diese Mischungen sonst nicht stabil im Geschmack bleiben und dass es natürliche Aromen sind, weithin gebräuchlich.

Anders geht es nicht, wenn man so ein Produkt will, Punkt. Wer künstlichen Geschmack mag – und das sind erschreckend viele – kauft ihn, und fährt beim Schuhbeck wahrscheinlich besser als anderswo.

Den Vorwurf, dass er sich für Fertiggerichte hergibt, die seinem Niveau als Sternekoch nicht entsprechen, beantwortet er lässig mit einer politisch durchaus raffinierten Botschaft: Er könne doch nicht von allen Leuten verlangen, dass sie sein Sternerestaurant besuchen. Nicht jeder habe das Geld. Also mache er auch was für Leute, die sich ein Essen beim Schuhbeck eben nicht leisten können.

 

“Hummer und Gänseleber kann jeder Depp”

Dass die Gerichte einer Testerrunde aus Kollegen nicht schmeckten, begründet er sehr clever: Man habe es bei preiswerten Gerichten viel schwerer als in der Sterneküche. Denn bei den billigen Fertigprodukten muss man sich um den Geschmack echt bemühen – in der Sterneküche leisten das die exquisiten Zutaten, so der Meisterkoch: „Einen Hummer abzubraten, eine Gänseleber – das kann jeder Depp.“

Dass er Hühnerbrühe als Pulver verkauft, erklärt der Fonse schlicht damit, dass es sein Job sei, der Hausfrau zu helfen, die nicht jedes Mal ein Huhn auskochen könne.

Tja. Dagegen kann man wirklich nichts sagen, zumal es schon seit Jahrhunderten das Prinzip Brühwürfel und Instantbrühe gibt.

Eher kann man fragen: Muss derlei als vorgeblich kritische Frage in einer teuren Dokumentation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aufgeworfen werden? Dass es so etwas wie Suppenwürfel gibt und nicht jeder Fonds und Brühen selbst kocht? Wie kann eine so weltfremde Krittelei als investigativer Journalismus verkauft werden?

Gerade wegen der aufgesetzen Fragen kommt der Schuhbeck aber umso besser weg. Denn er kann die doofen Vorwürfe handfest kontern und geht als bodenständiger, vernünftiger Geschäftsmann und netter Kerl aus der Sache raus.

Nebenbei erklärt er sehr überzeugend seine Medienstrategie – dass er sich bereitwillig von jedem fotografieren lässt. dass er Autogramme gibt, sich selbst und seinen Stress zurücknimmt, alles tut für Kunden und Fans und immer Antwort gibt.

Am Ende glaubt man ihm.

Alfons Schuhbeck am Tisch, drei Personen, Gesichter unkenntlich

Knallharte Recherche von Quarkundso.de: dem Schuhbeck in München aufgelauert, Foto geschossen. Na gut, vorher natürlich gefragt. Er hat ja gesagt und nett gelächelt.

 

Massenprodukte sind nicht für Profis gemacht

Die Tests, zu denen andere Profis bemüht werden – lokale Gastronomen aus der Münchner Szene – ergeben auch nicht allzu viel. Bei einigen sind die jüngeren Kollegen sehr höflich und fahren dem großen alten Herrn Schuhbeck nicht zu offensichtlich an den Karren.

Beim Verkosten der Fertiggerichte verfehlt das Design des Tests knapp den Punkt. Wenn die Autorin drei Köche und Geschmacksspezialisten Schuhbecks Gerichte gegen Aldi-Ware verkosten lässt, muss klar sein: Alle diese Produkte sind genau nicht für die feinen Zungen der Profis gemacht.

Deren Geschmack ist hier gar nicht gefragt, sondern der Geschmack des Publikums, das das Zeug kauft. Die Hersteller münzen auf die Masse, nicht auf die wenigen Ausnahmeschmecker aus dem Profi-Bereich.

Wenn also andere Promi-Köche und Geschmacksspezialisten ein Fertiggericht beurteilen, heißt das erstmal nur: falsche Zielgruppe. Der Hersteller hatte eine bestimmtes Segment im Auge und wollte dessen Geschmacksvorstellung treffen. Wie dort die Konsumentenbefragungen ausfallen, danach schmeckt das Produkt.

Dabei geht, was einem Feinschmecker nicht auf den Tisch kommt, im Handel millionenfach über den Ladentisch.

Leider, das darf man schon sagen. Aber so ist es halt.

 

Wo beim Schuhbeck der Hase im Pfeffer liegt

Sogar die Geschichte, dass Schuhbeck für die Bezeichnung „Gewürz-Apotheke“ abgemahnt worden ist, kann der Delinquent kommentieren und für sich verwandeln: Er erklärt, dass er sich selbstverständlich den Gesetzen beugt, dass die anderen aber vor allem neidisch sind und die “Kraft seiner Gewürze” (neuer Markenname) ungebrochen ist. Aus die Maus.

Ausgerechnet dieser Part ist überraschend knapp gehalten. Er endet damit, dass Schuhbeck das Etikett wechselt und so dem Gesetz Genüge tut.. Dabei hätte man hier dem Fonse die Suppe auch ein wenig versalzen können – wenn man das gewollt hätte.

Über Gesundheit und die Wirkung von Gewürzen und Kräutern lässt er sich nämlich inzwischen aus wie weiland der legendäre Schein-Professor Hademar Bankhofer, der in der ARD jahrelang als Experte Gesundheitstipps geben durfte, bis er wegen Schleichwerbung und Scharlatanerie geschasst wurde.

In dessen Fußstapfen tritt jetzt der Schuhbeck mit seinen Zauber-Gewürzen, die er geradezu für Medikamente mit pharmakologischer Wirkung hält – die cholesterinsenkende Wirkung von Knoblauch und Ingwer kann für das Herz-Kreislaufsystem „von entscheidender Bedeutung sein“, Schwarzkümmel wirkt bei Kopfweh besser als Aspirin, „Chili treibt die Fettzelle in den Zelltod“ und wer für den Restkörper „Zellfitness“ will, sollte von Schuhbeck zusammengestellte Gewürzkapseln schlucken, klar.

Hier legt die Autorin den Finger erstaunlicherweise nicht richtig in die Wunde, was sie leicht hätte tun können, wenn sie einige von Schuhbecks Facebook-Videos, seine Broschüren oder seine Auslassungen in Kochshows analysiert hätte. Aber sie verzichtet großmütig – auch darauf werden wir noch zurückkommen.

Allerdings ist auch klar: Es gibt in diesem Geschäft weiß Gott Schlimmeres, etwa homöopathische Zubereitungen aus Kakerlaken und Krötengift, oder Finsteres aus der Mittelalterapotheke wie Nosoden. Das sind Pillen aus dem eigenen Nasenschleim oder dem eigenen Kot, nur mal als Beispiel.

Sowas kaufen Leute wirklich in der Apotheke – dann doch lieber die Gewürzkapseln des Herrn Schuhbeck.

 

Ein subtiles Werk der Imagepflege

Nun kann man sich kaum vorstellen, dass das Schweigen an dieser Stelle Zufall ist.

Ein Alfons Schuhbeck würde nie im Leben zulassen, dass er öffentlich demontiert wird. Dass ihn ein Filmteam tagelang blockiert und in seinen Läden die schönsten Bilder dreht, um ihn nachher in die Pfanne zu hausen.

Ebenso wenig würde es der BR zulassen, dass sein Haus- und Gesundheitskoch von einer hauseigenen Autorin (!) für einen anderen Sender in die Pfanne gehauen wird, und dass dazu im BR-Radiostudio gedreht wird.

Deshalb ist dieser als aufklärerisch angekündigte Film über „Nebengeschäfte“ kein investigativer Journalismus. Er ist gutes Dokutainment, das Drehbuch abgekupfert bei Foodwatch. Man darf sogar davon ausgehen, dass die Organisation Tipps, Testdesigns, Material und jede Menge Informationen beigesteuert hat.

Und jetzt, Achtung, spekuliert Quarkundso.de mal frech: Die Aussagen und Fragen, das Drehbuch, die O-Töne der anderen Köche wurden alle dem Schuhbeck vorgelegt und mit ihm abgesprochen. Der konnte sich dann in aller Ruhe die Antworten von seinem Medienteam konzipieren lassen und sie einüben.

Anders sind diese wohlgesetzten O-Töne in Schuhbeck-Szenerie überhaupt nicht zu erklären.

Derlei ist im Doku-Business auch der Lauf der Dinge – eine aufwendig gedrehte Geschichte ist monatelange Arbeit, man braucht das Einverständnis des Hauptprotagonisten, wenn man ihn den ganzen Tag lang begleiten will, und man braucht viele, viele Drehgenehmigungen.

Das funktioniert nur, wenn alles nach Absprache geht, schöne Bilder gibt es nicht umsonst. Es sei denn, man arbeitet mit schmutzigen Wackelbildern wie die politischen Magazine, und blendet gedruckte Statements ein, weil eine Person oder ein Unternehmen nicht als Zielscheibe vor die Kamera will. Das kommt für die Macher von Hochglanzformaten aber nicht in Frage.

Und so ist der Beitrag auf jeden Fall ein gefälliges, interessantes Porträt von Alfons Schuhbeck. Der geniale Zug ist dabei, dass Schuhbeck der einzige TV-Koch ist, der zur Sache und den ganzen persönlichen Vorwürfen offen Rede und Antwort steht. Poletto, Lichter und Baudrexel haben es nämlich abgelehnt, sich zu der alten Nummer überhaupt noch zu äußern.

Verständlich, aber schwupps – wieder ein Punkt für Großmeister Schuhbeck.

 

Promis und Werbeverträge: Wer ko, der ko*

Dass der Beitrag jedoch so aufdringlich auf investigativ gepimpt wurde, dass Skandale suggeriert werden, wo keine sind und der Zuschauer auf die falsche Fährte gelockt wird, ist ärgerliches Clickbaiting und ausgefeiltes Storytelling.

Und natürlich ist die Kampfvokabel „Nebengeschäfte“, was unternehmerische Aktivitäten eines Kochs mit Lebensmitteln angeht, tendenziös und verfehlt.

Andere Promis verdienen auch einen Haufen Geld mit Dingen, die ihrem eigentlichen Metier wirklich fernliegen: Boris Becker warb für Baumärkte, für AOL („Bin ich schon drin?“), für Mercedes und für Bier. Fußballer Bastian Schweinsteiger für Computerspiele und Kartoffelchips, sein Kollege Thomas Müller für Grillgeräte.

Hier könnte man viel eher von branchenfremden Nebengeschäften sprechen und nörgeln: „Sie haben doch gar keine Ahnung von Lebensmitteln und Computern, warum machen Sie Werbung dafür? Sie bekommen doch weiß Gott Millionen für Ihr tumbes Gekicke, kriegen Sie den Hals nicht voll oder warum verkaufen Sie Ihr Gesicht?“

Auch dazu hat Foodwatch übrigens schon eine Kampagne gefahren. Aber millionenschwere Sportidole vor der Kamera zu demontieren und dazu tagelang mit ihnen zu drehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Da ist es schon leichter, den hauseigenen Koch von der hauseigenen Autorin porträtieren zu lassen, eine schöne Doku über Promi-Köche zu stricken und dem Schuhbeck zu versprechen, dass er nicht schlecht wegkommt dabei.

Hat geklappt.

©Johanna Bayer

*Wer ko, der ko: Bayerische Redensart, die nichts anderes besagt als: Mia san mia. Noch nicht verständlich? Dann im Klartext: Wir machen, was uns passt und alle anderen können uns mal den Buckel runterrutschen.

Dank an Peter Posse von Reisewege-Ungarn.de, der Quarkundso.de auf die Doku zu Promi-Köchen und Schuhbeck aufmerksam gemacht hat. Er hat sich in erster Linie wohl für den Paprika-Lieferanten Fuchs interessiert…  ;-)

DISCLAIMER Quarkundso.de vertritt weder Fertiggerichte noch künstlich aromatisierte Würzmischungen oder korrupte Köche. Im Gegenteil: Quarkundso.de lehnt das alles ab. Im Prinzip. Gute Convenience-Produkte, sogar bestimmte Fertiggerichte, oder besondere Zutaten sind deshalb aber nicht immer des Teufels. Kommt wirklich drauf an, was drinsteckt und wozu man es braucht.

Außerdem musste im Zuge der Recherchen der faszinierende Gewürzladen von Alfons Schuhbeck betreten werden. Dabei ließ sich der Ankauf zweier stinkteurer Gourmet-Salze nicht vermeiden. Undercover und zum vollen Preis, versteht sich. Es handelt sich um australisches Murray-River-Salz und Dänisches Rauchsalz. Sie schmecken toll und außer dem Schuhbeck hat in ganz München keiner so ein Sortiment.

 

WDR-SWR-Doku über Köche und ihre Geschäfte

Alte Foodwatch-Kampagne zu Promi-Köchen und Fertigfraß von 2009

DER SPIEGEL 2010 über die Foodwatch-Kampagne

Alte Foodwatch-Kampagner von 2011 zur Sportler-Werbung

Foodwatch arbeitet selbst auch gerne mit den TV-Köchen zusammen, wenn es opportun ist

Wer sich für alte Geschichten interessiert: der Schuhbeck-Skandal von 1999 im SPIEGEL

 

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Küchenzeile: Kochen im Urlaub? Ohne mich

 

Grill mit Fleischspießen am Strand, Leute im Hintergrund

Toll, Grillen im Urlaub! Und alle tragen etwas dazu bei. Bild: Shutterstock / A StockStudio

Wenn ein verlängertes Wochenende oder ein Urlaub geplant wird, kommt immer jemand auf die Idee, dass wir ja auch kochen könnten anstatt ständig essen zu gehen.

Weil das doch viel toller ist, zusammen viel mehr Spaß macht und außerdem besser schmeckt. Und Geld spart! Und überhaupt.

Ich sitze dann still daneben, verschränke die Arme abwehrend vor der Brust und starre mit glasigen Augen aus dem Fenster.

Denn ebenso unzweifelhaft juchzt irgendwann einer “DU kochst doch gerne – JOHANNA kann ja für uns alle kochen!”

Freudig gerötete Gesichter wenden sich mir zu, faseln von leichter Sommerküche, bestellen rustikale Landgerichte, schwärmen von Grillbüffets unterm Sternenhimmel und versprechen, beim Einkaufen, Kochen und Abspülen zu helfen.

Das Ansinnen verweigere ich immer komplett. Also, dass ich koche oder dass jeden Tag gemeinsam gekocht wird. Denn ich persönlich möchte im Urlaub möglichst oft essen gehen.

Ich möchte die Küche des Landes kennenlernen, Neues probieren – und nicht als Küchensklavin hundert Extrawürste braten müssen. Oder als Opfer leiden, weil jeden Tag Nudeln mit dubioser „Gemüsesose“ auf den Tisch kommen.

Es ist mir außerdem schleierhaft, wie jemand die Vorstellung haben kann, dass eine Person, die gerne kocht, Lust hat, in ihrem eigenen Urlaub eine gefräßige Reisegruppe zu versorgen.

Das ist etwas grundlegend anderes.

Den anwesenden Ingenieur bittet man ja auch nicht, alle Fahrräder und Autos der Gruppe zu warten. Der Bankerin bringt man nicht die Reste der Steuererklärung samt dem Hinweis mit, sie habe es doch so mit Zahlen, da könne sie das schnell erledigen.

 

teller_frau

Nur sind die Vorstellungen in der Gruppe durchaus unterschiedlich: Teller einer Frau…

teller_mann

… und der Beitrag eines Mannes an demselben Abend.

 

Das Konzept „Helfen“ funktioniert beim Kochen nicht

Leute, die von „Wir kochen zusammen!“ fantasieren, können sowieso meistens überhaupt nicht kochen und haben keine Vorstellung davon, was es heißt, ein vernünftiges Essen für sechs bis sechzehn Personen auf den Tisch zu bringen.

Und zwar rechtzeitig, so, dass alle satt werden und dass es schmeckt.

Von Kindern rede ich gar nicht erst. Kinder können heutzutage nur, ich betone, NUR, von ihren eigenen Eltern abgefüttert werden. Alles andere endet in der Katastrophe und führt zu schweren Traumatisierungen der Kinder und des Küchenpersonals.

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Außerdem ist zusammen kochen riskant. Mal grillen, und jeder bringt was mit, okay. Aber das war´s dann auch.

Denn das Konzept “Helfen” funktioniert beim Kochen nicht.

Das wird nur was, wenn alle über einen ähnlichen Geschmack verfügen, dieselben Kenntnisse haben und wissen, was zu tun ist. Mindestens müssen Leute, die in der Küche “helfen” wollen, dazu in der Lage sein, strikt auf Anweisung zu arbeiten.

Das können und wollen die meisten aber nicht.

 

Schnippeln, schwätzen und schön einen picheln

Sie verstehen unter “Helfen”, dass sie sich in der gemütlichen Küche mit Wein einen anschickern, die Zutaten auffuttern und sich lustige Geschichten erzählen, während sie irgendwas “schnippeln”. Das Essen, davon gehen sie aus, materialisiert sich auf geheimnisvolle Weise, ohne dass sie eine Ahnung davon haben müssen, was passiert.

Schlimm sind auch die, die zwischendurch beschwipst in die Küche schlendern und ihre ungewaschenen Finger oder abgeschleckte Löffel in alles reinstecken. Mitten in komplexen chemisch-physikalischen Vorgängen heben sie Deckel von Töpfen und reißen Ofentüren auf, um zu kreischen: „Mmmmhh, das sieht aber lecker aus!“

Das Soufflee ist dann zusammengefallen, die Schmorflüssigkeit verdampft, das Essen muss gerettet werden, sie aber sind längst wieder draußen, um den Wartenden neuen Wein mitzubringen und herumzutrompeten, dass in der Küche totales Chaos herrscht und die Köchin einen unmenschlichen Stress macht.

Die solle sich mal entspannen, man sei schließlich im Urlaub.

 

Was man zum Kochen braucht – die Grundausstattung

Im Vorbereitungsgespräch gibt es aber immer Leute, die trotz meiner Abwehr insistieren. Dann sage ich, dass ich grundsätzlich nur in meinem eigenen Labor koche.

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Bleiben sie hartnäckig, werde ich offensiv. Und zwar mit einer schlichten Zutatenliste – okay, was habt ihr im Haus, was können wir mitnehmen, Folgendes ist zwingend nötig, darunter fange ich gar nicht erst an:

Butter
Sahne
Milch
Weißwein
Rotwein
Zwiebeln
Knoblauch
Thymian
Rosmarin
Kümmel
Lorbeerblätter
Paprikapulver
Cayennepfeffer
Zitronen, naturrein
glatte Petersilie
Meersalz
Zucker
schwarzer Pfeffer in ganzen Körnern, nicht als Pulver
Mehl
Tomatenmark
Parmesan
gutes Olivenöl
neutrales Pflanzenöl
Weißweinessig
scharfer Senf ohne jedes Honig- oder Feigengedöns
Eier
3 Töpfe: ein großer, zwei kleine
eine große Pfanne
eine kleine Pfanne
Schneebesen
Kochlöffel
Pfannenwender
vernünftige Messer
zwei Schneidbretter unterschiedlicher Größe
Arbeitsteller und Arbeitsbesteck (genügend)
feuerfeste Auflaufformen

Das ist kein Witz. Das ist mein voller Ernst. Ohne diese bescheidenen Ingredienzen und Werkzeuge kann man nicht richtig kochen. Besonders wichtig sind sie, wenn man, wie ich und die allermeisten, kein Profi ist.

Profis können aus allem was machen. Aber Amateure brauchen einen sicheren Halt im bewährten Rüstzeug. Nur das versetzt sie in die Lage, Geschmack zu erzeugen und wirkliche Gerichte mit erkennbarem Charakter herzustellen – ich spreche nicht von Spiegeleiern und Urlauberpampe, für die eine Flasche Ketchup und ein Würfel Gemüsebrühe als Universalgewürz ausreichen.

 

Essen als Provisorium

Mit den Zutaten habe ich sie jedenfalls.

Denn jetzt geht es los: “Aber das ist nur ein Ferienhaus. Wir haben da nicht so viel.” “Wofür brauchst Du denn das alles?”, “Man muss doch nicht immer so viel Aufwand treiben”, “Nein, Kümmel geht nicht, wir hassen Kümmel, wir beide”, “Aber nicht so viel Knoblauch!”, „Och nö. Wenn das schon so anfängt, habe ich keinen Bock mehr.“

Pech gehabt. Das sind meine allgemeinen Geschäftsbedingungen. Davon weiche ich keinen Millimeter ab. Wenn schon kochen, dann richtig. Deshalb koche ich übrigens in einer fremden Küche auch nur, wenn sie einer der Personen gehört, auf deren Ausstattung und Verständnis ich vertrauen kann.

Ihre Anzahl liegt übrigens genau bei sechs, auf meine Lebenszeit gerechnet, wohlgemerkt.

Das Argument „Nicht so viel Aufwand, es geht auch mal provisorisch“ kommt dabei in vielen Varianten auf den Tisch. Den gerne untergeschobenen Luxus-Vorwurf kann ich leicht kontern: Das sind alles Sachen sind, die es billig im Supermarkt gibt.

Mein zweiter Einwand ist grundsätzlich: Das Improvisierte, schnell Zusammengeschusterte haben wir doch schon dauernd – wann ist im berühmten Alltagsstress wirklich Zeit zum sorgfältigen, kunstgerechten Kochen?

An Arbeitstagen wird doch bei den meisten die Schnellküche bemüht, zumindest unter der Woche. Und dann soll im Urlaub, wenn man sich erholen und entspannen will, genießen und sich was Gutes tun möchte, schon wieder improvisiert werden? Ausgerechnet beim Essen?

Kommt nicht in Frage.

 

Die „hidden agenda“: Es soll schmecken wie zuhause

Ich glaube allerdings, dass Essen als Provisorium die hidden agenda derjenigen ist, die im Urlaub das Selberkochen vorschlagen: Sie fühlen sich unwohl, wenn es „richtiges Essen“ gibt. Für sie ist das ein Bremsklotz in ihrer Leistungskurve.

Oft sind das Leute, die am liebsten von Salat, Obst und Stullen leben, weil das schnell geht. Die improvisierte Camping-Küche kommt ihnen da gerade recht und verleiht ihrem Aktiv-Urlaub erst das richtige Flair.

Vermutlich gibt es noch tiefer liegende Gründe: Viele möchten kein Risiko eingehen. Sie wollen die Küche des Reiselandes gar nicht kennenlernen und sich mühsam durch eine fremdsprachige Speisekarte buchstabieren, um womöglich etwas ohne Soße zu bekommen, Pommes ohne Mayonnaise und Ketchup oder Schnitzel ohne Panade.

Sie wollen das essen, was sie gewöhnt sind, und schmecken soll es wie zuhause.

Also scheußlich. Zumindest für meine Begriffe.

Denn nicht wenige packen zu diesem Zweck Tüten mit künstlichen Gewürzmischungen und Plastikflaschen mit ihren bevorzugten Fertig-Grillsaucen für die eigens gemietete Ferienwohnung ein, sogar Küchengeräte, Sahnesprühdosen, Aufbackbrötchen und Konserven.

Dieses Bedürfnis nach dem gewohnten Wohlfühlgeschmack ist auch der Grund, warum in Ländern wie Italien, Spanien und Griechenland Lokale mit deutscher, holländischer und britischer Küche entstehen – samt Jägerschnitzel, Hamburgern, Pfannkuchen und Nudeln in Schinken-Käse-Sahne-Soße auf der Karte.

 

Essen im Ausland ist teuer, so oder so

Die Diskussion um die gemeinsame Verpflegung endet spätestens damit, dass ich ankündige, notfalls alleine essen zu gehen. Dann einigen sich die anderen darauf, dass reihum gekocht wird, falls sie nicht ausgehen. Damit bin ich zufrieden.

Ich für meinen Teil wärme im Urlaub jedenfalls keine mitgebrachte Dosenware auf, wenn um mich herum Einheimische Spezialitäten servieren, die sie nach den Regeln der Kunst zubereiten.

Denn öfter als bei uns stehen vor allem in den südlichen Urlaubsländern ausgebildete Köche oder zumindest Leute mit viel authentischer Erfahrung am Herd. Da lässt sich einiges über Geschmackstraditionen und handwerklich zubereitetes Essen lernen.

Geld spart das Selberkochen übrigens nicht immer. Man darf sich nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem in Italien und Frankreich, aber auch in anderen europäischen Ländern frische Lebensmittel um einiges teurer sind als bei uns. Besonders Fleisch, Fisch, Butter, Käse und Milchprodukte.

Der tägliche Einkauf im Supermarkt zwecks Selbstversorgung kann an den Betrag, den dieselbe Anzahl von Personen in einem einfachen einheimischen Lokal ausgeben würde, locker heranreichen. Und dabei ist weder die Arbeitszeit noch die Kunstfertigkeit enthalten.

 

Was für ein schöner Abend

Da ich aber vorzugsweise mittags essen gehe, zur Hauptmahlzeit, bin ich abends nicht ausgehungert. Daher kann ich es mir leisten, den Sonnenuntergang zu genießen und mit wenigen Gleichgesinnten und einem Weinchen gemütlich vor der Hütte zu sitzen, während sich um uns herum fröhliches Treiben entfaltet:

Männer kommen um halb neun Uhr abends angetrunken vom Strand und wollen schnell noch den Grill anwerfen, der zwei Stunden Anfeuerzeit braucht.

Paare streiten, weil einer von ihnen keine Lust hatte, bei der Hitze einkaufen zu gehen, alle jetzt aber tierischen Hunger haben.

Kleinkinder wälzen sich schreiend auf dem Boden, während entnervte Mütter irgendwelche Nudeln ins Wasser werfen und mit Ketchup Gesichter auf Teller malen. Das soll die Kinder davon ablenken, dass es erst weit nach ihrer Schlafenszeit vernünftiges Essen gibt und sie nichts abbekommen.

Die Pubertierenden haben derweil die Weinvorräte geplündert und sind mit den teuersten Flaschen Richtung Strand verschwunden.

Wirklich, es ist total schön, wenn im Urlaub alle zusammen kochen. Aber ohne mich.

©Johanna Bayer

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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DIE WELT: Bio ist gar nicht besser – Totschlagargumente eines Klima-Skeptikers

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Die gute alte Biokiste – alles Schwindel? Keine Sorge. Bild: Shutterstock / Elena Dijour

 

Die WELT hat auf den Tisch gehauen, was den ganzen Bio-Schwindel angeht.

Bio ist nicht besser, steht in einem Artikel vom 8.8.2016, der ausdrücklich als „Meinung“ gekennzeichnet ist. Also als Einlassung, die fundiert sein soll, aber die eigene Haltung des Autors ausdrückt. Dabei darf der Journalist als Person sichtbar werden.

In diesem Fall schreibt aber kein Journalist, sondern ein Akteur, der in der Klima-Debatte nicht unbekannt ist: Björn Lomborg, dänischer Politikberater und Statistiker.

Lomborg lässt sich grob dem Spektrum der Klimawandel-Skeptiker zuordnen, kritisiert grüne und linke Umweltpolitik und ist nicht ganz unumstritten. Vorwürfen, er arbeite nicht seriös, entging er nur knapp, weil sich das dänische Forschungsministerium schützend vor ihn stellte.

Im Großen und Ganzen meint der Däne, dass die Erde nicht so bald untergeht, der Klimawandel nicht nur Schlechtes mit sich bringt und viel zu viel Geld in sinnlose Umweltschutzprojekte gesteckt wird.

Die ökologische Landwirtschaft ist ihm dabei ein Dorn im Auge: Biohöfe können laut Lomborg die Probleme der Menschheit mit Hunger, Wasser und Krankheiten nicht lösen.

 

Im Schweinsgalopp durch die Öko-Debatte

In einem Rundumschlag watscht er nun in der WELT den Biozirkus ab: Bioware sei weder besser noch gesünder, nahrhafter oder sicherer als konventionelle, das hätten schon zwei große Studien ergeben.

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Auch die Tiere seien nicht gesünder als die aus der Industriehaltung, und noch weniger sparen die Ökobauern Ressourcen ein. Im Gegenteil – sie verbrauchen laut Lomborg mehr Land und Wasser, während sie gleichzeitig mehr Emissionen erzeugen. Fazit: Wer Bio-Lebensmittel kaufe, fühle sich zwar besser, tue aber weder sich selbst noch der Umwelt etwas Gutes.

Natürlich widerspricht Quarkundso.de auf keinen Fall weltberühmten Experten. Das wäre wirklich vermessen.

Auch lassen sich die gesamte Klimafrage und das Für und Wider von ökologischer Landwirtschaft nicht in einem einzigen Blogbeitrag abhandeln.

Allerdings bestehen von Seiten der Chefredaktion keinerlei Hemmungen, sich der Frage anzunehmen, was es mit Ökoprodukten sonst so auf sich hat. Und mit welchen Argumenten in der WELT Biokunden und Produzenten in die Pfanne gehauen werden.

Denn schließlich geht es hier um Essen.

Und da hängt sich Quarkundso.de mindestens ebenso gern und weit aus dem Fenster wie die WELT. Warum auch nicht. Wenn die einen Klima-Optimisten im Schweinsgalopp durch die Bewertung von Ökolebensmitteln und das Welthungerproblem rasen lassen, überholt Quarkundso.de gerne mal rechts.

 

Die Stanford-Studie von 2012: „junk science“

Also zur Sache: Zur Qualität der biologischen Lebensmittel selbst schreibt Lomborg eigentlich nicht viel. Er serviert das Thema ab, indem er kurz auf zwei Studien verweist:

Das Zentrum für Gesundheitspolitik der Stanford University jedenfalls hat 2012 in der bislang größten Studie ökologische mit konventionellen Lebensmitteln verglichen und keine belastbaren Beweise gefunden, dass “bio” besser sei.

Eine neue Studie bestätigt diese Ergebnisse: “Die Erkenntnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen nicht, dass Bio-Produkte nahrhafter und sicherer sind als konventionelle Nahrungsmittel.”

Studien zitieren ist ja immer gut, vor allem, wenn es größte oder neue sind.

Aber beim Stichwort Stanford 2012 klingelt es warnend im Hinterkopf: Ist das nicht diese Studie, um die es damals großen Medienlärm gab?  Die von Kritikern, darunter der Forschungsleiterin der Columbia Foundation und dem Food-Chef Marc Bittman in der New York Times, als „junk science“, Schrott-Wissenschaft, bezeichnet wurde?

Ja, das ist die.

Wobei „junk science“ in den USA nicht nur „schlecht gemacht“ bedeutet. Es ist auch der Ausdruck für die Manipulation von Daten, und zwar im Auftrag von interessierten Kreisen. Vulgo: „junk science“ ist gekaufte Wissenschaft, die Meinung lenken soll und bei der es nicht mit rechten Dingen zugeht.

Es gab dazu Vorwürfe, dass einige Autoren dunkle Verbindungen zur Agro-Gen-Industrie haben und mindestens ein Autor der Studie ein mit der Tabakindustrie verbandelter Verdächtiger ist. Mission: kritische Aussagen in Studien verhindern und statistische Ergebnisse erzeugen, die für seine Auftraggeber günstig sind.

Das mit der Tabak-Industrie ist zwar wiederum so ein US-amerikanischer Topos, der mit Vorsicht zu genießen ist.

Doch diese Stanford-Studie sagt insgesamt nur Plattes, das zu einer echten Bewertung von Bioprodukten nicht taugt. Es ist eine Meta-Analyse von 200 höchst heterogenen Untersuchungen, also eine Auswertung von Arbeiten, die nicht wirklich miteinander vergleichbar sind. Der Analyse wurden außerdem statistische und andere methodische Fehler vorgeworfen.

 

Die Frage produziert das Ergebnis

Denn von Anfang an war die Fragestellung, nach der konventionelle und ökologisch erzeugte Lebensmittel bewertet wurden, für das Ergebnis entscheidend: „Enthalten Biolebensmittel mehr Vitamine und Nährstoffe, und sind sie sicherer?“

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Damit reduziert sich ein Vergleich auf genau bestimmte, ausgewählte Inhaltsstoffe. Ob ein einzelnes Bio-Lebensmittel „gesünder“ ist als sein konventionell erzeugtes Pendant, misst sich dann zum Beispiel am Kaliumgehalt der Kartoffel. Ergebnis der Stanforder Autoren: Nein, es gibt keine großen Unterschiede.

Klar, wie auch – Kartoffel bleibt Kartoffel, sie wird nicht zu Superfood, wenn der Bauer bei Vollmond Kuhhörner im Acker vergräbt.

Dann: Man kann gezielt auswählen, was man in den Vergleich einbezieht und was nicht – und hier manipulieren, was den Autoren auch vorgeworfen wurde.

Bei Fragen der „Sicherheit“ von Lebensmitteln geht es um Dinge wie Hygiene, Belastung mit Schadstoffen und ähnliches. Da derlei staatlich durch Gesetze geregelt wird und gar nichts in den Handel kommt, das die Auflagen nicht erfüllt, können auch hier Tests keine riesigen Unterschiede finden.

Die Stanforder Forscher mussten aber einräumen, dass Ökoprodukte eindeutig weniger mit Schadstoffen, Pestiziden und Antibiotikaresten belastet sind als konventionelle Produkte. Faktor: 30 Prozent. Das ist nicht wenig, das ist sogar viel.

Bei der Bewertung zogen sie jedoch die Trumpfkarte mit den staatlichen Regeln aus dem Ärmel: Ja, Ökoessen ist weniger belastet – aber nicht völlig frei von Pestiziden und Rückständen, was sich die Käufer erhofften. Und relevant sei der Unterschied eh nicht, da die konventionellen Produkte sich im Rahmen der Vorschriften bewegten.

 

Biolebensmittel: weniger Schadstoffe, mehr Nutzstoffe

Diese Trickserei und der Ansatz der Studie stieß Kritikern auf, denn die Fragestellung – Vitamin- und Nährstoffgehalt, Sicherheit – wird den echten Vorteilen von Biolebensmitteln aus ihrer Sicht nicht gerecht.

Im Klartext: Es könnte ja günstige Effekte geben, die nicht von den ausgewählten Vitaminen und Nährstoffen abhängen, die die Stanforder Autoren betrachtet haben.

Genau darauf hatten zuvor andere Studien hingewiesen, darunter eine Arbeit von Kristen Brandt aus England 2011, an der Universität Newcastle. Es ist ebenfalls eine Meta-Analyse, aber dort kamen die Forscher zu einem anderen Ergebnis: Ökologisch erzeugte Lebensmittel enthalten auffallend mehr sekundäre Pflanzenstoffe wie Abwehrgifte und Aromastoffe, die berühmten Antioxidanzien, Flavonoide und andere bioaktive Substanzen.

Von diesen nimmt man an, dass sie tatsächlich gewisse gesundheitliche Effekte haben, wenn das auch mangels Studien noch nicht im großen Stil bewiesen ist. Nach diesen Substanzen hatten die Stanforder Autoren aber gar nicht erst gefragt. Darüber hinaus ergab die Studie aus Newcastle, dass Öko-Gemüse und -Obst im Schnitt 12 Prozent mehr an wichtigen Vitaminen enthält, darunter mehr Vitamin C.

Die Stanforder Studie sollte wohl als Antwort auf Pro-Ökö-Studien einfach Bio-Romantiker auf den Teppich holen, was überhöhte Gesundheitshoffnungen angeht. Laut Pressetext der Universität dient das der „informierten Entscheidung“ des Verbrauchers.

Nun gut. Das ist ehrenhaft, aber rechtfertigt nicht das Runterschreiben der Unterschiede auf praktisch Null. Und der Vorwurf, dass die Aussagen gezielt auf die Lenkung der Debatte kontra Ökolandbau zugeschnitten waren, blieb weiterhin im Raum. Die Beliebtheit der Bioware schmälern konnte die Stanforder Gruppe auch nicht.

 

Als ob nichts gewesen wäre

Das versucht jetzt Björn Lomborg in der WELT, und zwar so plump wie möglich. Nicht nur, dass er die Stanforder „junk science“ von 2012 zitiert, als wäre nichts gewesen. Er führt noch eine brandneue italienische Studie von 2016 dazu ins Feld. In dieser Arbeit geht es nur um tierische Produkte, also um Eier, Milch und Fleisch.

Daraus zitiert Lomborg selektiv und durchaus tendenziös.

Wörtlich übernimmt er einen Satz aus der Einleitung, der auf die Stanforder Studie Bezug nimmt: „Die Erkenntnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen nicht, dass Bio-Produkte nahrhafter und sicherer sind als konventionelle Nahrungsmittel.”

Aber das ist nur die Einleitung, die Betrachtung des früheren Standes durch die Autoren – es ist nicht das Ergebnis der Studie. Denn im Schlussteil steht etwas ganz anderes, und das zitiert Lomborg nicht:

The different composition of fatty acids found repeatedly in organic products is certainly an advantage for the consumer’s health.

In fact, the polyunsaturated fatty acids found in greater concentrations in organic foods are associated with the prevention of various diseases. Therefore, the consumer would also benefit from the fatty acid composition of organic food.

However, as reported by almost all the researchers, other aspects must be considered, such as race, age, the season, before starting with absolute certainty that these differences are the consequence of the farming system alone. Further investigations are necessary to understand more clearly the role of “organic effect” on animal foods.

Es gibt also Unterschiede: Bio-Milch, Fleisch und Eier enthalten mehr wichtige, gesundheitlich eindeutig relevante Fettsäuren.

Ob diese wirklich auf die ökologische Tierhaltung oder eher auf die Rassen der Tiere, ihr Alter oder anderes zurückgeht, wagen die Forscher noch nicht sicher zu sagen, aber immerhin: Im Großen und Ganzen handelt sich der Biokäufer bei tierischen Produkten mindestens das günstigere Fettsäureprofil ein.

Es steht noch eine ganze Menge anderer Ergebnisse in dem Papier, darunter zur Textur von Fleisch oder zum höheren Proteingehalt von Eidotter bei den Bio-Varianten.

Erstaunlich, dass Lomborg diese Befunde und die Schlussfolgerung der Forscher komplett unter den Tisch fallen lässt.

 

Bio macht einen Unterschied

Was auch immer der dänische Öko-Kritiker damit im Sinn hatte: Um gute Lebensmittel und Produkte geht es ihm nicht.

Und den entscheidenden Vorteil von Bioprodukten ignoriert er: Obst, Gemüse, Milchprodukte, Eier und Fleisch aus Bioproduktion schmecken besser. Sie haben weit überwiegend die höhere Geschmacksqualität.

Das ist unbestritten unter Leuten, die sich auskennen. Der größte aller deutschen Gastro-Autoren, Wolfram Siebeck, polemisierte gegen den konventionellen „Massenschund“ und kaufte Bio-Eier und Bio-Knoblauch, Spitzenköche schwören auf Bio-Metzger und Bio-Molkereien. Und was Obst und Gemüse angeht, darunter Gurken, Tomaten, Karotten, Zwiebeln und Knoblauch, so macht bio im Geschmack einen deutlichen Unterschied.

Grund: Im Bio-Anbau werden andere Sorten verwendet.

Sie müssen widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Wettereinflüsse sein, genügsamer und robuster. Das bedeutet in der Regel, dass sie auch mehr Abwehrgifte und die oben schon erwähnten sekundären Pflanzenstoffe enthalten.

Und das macht einen Unterschied im Geschmack.

Wer schonmal in ein um seine Senföle kastriertes Supermarkt-Radieschen gebissen hat, und im direkten Vergleich dazu in eine scharfe Bio-Wurz, weiß, wovon die Rede ist.

 

Manchen schmeckt “bio” nicht besser

Das mit den unterschiedlichen Sorten macht es übrigens sehr schwer, Unterschiede zwischen beiden Anbaumethoden wirklich wissenschaftlich zu untersuchen. Das gilt auch für Tierrassen.

Wobei die Unterschiede, die man feststellen kann, wohl wirklich weniger in den Anbaumethoden liegen: Dass konventionelle Obst- und Gemüsesorten oft nach nichts, schlapp, fade, nicht aromatisch schmecken, liegt nämlich daran, dass sie gezielt so gezüchtet werden.

Der Massengeschmack verlangt Sorten, die mild, süßlich und reizlos sind.

Die gehen im Supermarkt bei der Durchschnittskundschaft einfach gut. Das gilt besonders für Zwiebeln, Knoblauch, Meerrettich, Salat, Spinat und alles, was von Natur aus über Würze, Schärfe und Bitterkeit verfügt.

Wer das Fade mag, dem schmeckt konventionelles Gemüse und Obst tatsächlich besser – auch das ist ein Mosaikstein im Puzzle der Bewertung von Bio-Lebensmitteln. Bei allgemeinen Verbraucherbefragungen kommt dann nämlich heraus, dass viele die milde Massenware den Biosorten vorziehen – für die ist bio also wirklich nicht besser.

Bei einem Bio-Geschmackstest, den ich mal für den WDR gemacht habe, konnten wir das auch beobachten, in einer interessanten Variante: Die Probanden bewerteten das, was ihnen besser schmeckte, als „bio“.

Im Fall von Karotten waren das die süßeren Rüben – aber genau die stammten aus konventionellem Handel. Dort werden Karottensorten auf hohen Zuckergehalt getrimmt, weil das beim Kunden besser ankommt. Da viele Käufer auf dem Marktplatz, auf dem wir den Test machten, die positive Vorerwartung hatten, dass das Bioprodukte „besser schmecken“, tippten sie bei der süßen Karotte auf „bio“.

Aus solchen Phänomenen lassen sich in einer Kampfdebatte Argumente stricken: Bio ist nicht besser, weil es viele es gar nicht erkennen, die wirkliche Bioware ihnen gar nicht besser schmeckt, und weil viele weitere erst gar keinen Unterschied wahrnehmen.

Natürlich ergaben auch Untersuchungen wie die der Stiftung Warentest von 2015, dass Bioware nicht automatisch „besser“ im Sinne von bestimmten Erwartungen der Kunden sind.

 

Totschlagargumente verfehlen das Wesentliche

Trotzdem – wer Obst, Fleisch, Gemüse und Milchprodukte aus der Öko-Landwirtschaft kauft, weiß, dass sie anders schmecken und will das auch. Auch das haben seitdem viele sensorische Tests und Warenuntersuchungen ergeben.

Was die Gesundheit angeht, machen nun genau die pflanzlichen Abwehrgifte, die im Bioanbau die Pflanze vor Schädlingen schützen sollen, den kernigen, kräftigen, typischen Geschmack aus – und zugleich die vermutete günstige Wirkung auf den Organismus. Der Effekt mag zwar (noch) unbewiesen und insgesamt klein sein, aber er wird wissenschaftlich breit diskutiert.

Die öden Totschlagargumente mit gleichem Vitamingehalt und gleicher Sicherheit gehen daher am zentralen Punkt vorbei.

Denn was ist am wichtigsten beim Essen? Dass es schmeckt.

Wer würde schon behaupten, Gänseleberpastete sei nicht besser als Leberkäse aus Separatorenfleisch, weil beide ähnliche Vitamingehalte haben und hygienisch einwandfrei sind?

Für Lomborg aber spielt der Geschmack von Lebensmitteln keine Rolle. Geschmack als Kriterium taucht gar nicht erst auf, wenn er im Artikel provozierend fragt, ob Biolebensmittel „besser“ sind. Der Horizont solcher Leute ist definiert von einer Nüchternheitsethik und der Welt der Zahlen.

Mit gutem Essen verträgt sich das nicht.

 

Lasst euch nicht irre machen

Wer Bioware kauft, kann mit einem guten Produkt rechnen. Das heißt nicht, dass nicht auch Bioware fehlerhaft sein kann, wie die Stiftung Warentest nicht müde wird, nachzuweisen. Auch gibt es konventionelle Erzeuger, die gute Produkte liefern, ja. Und unsere Lebensmittel sind sicher, auch die konventionellen.

Aber alles in allem lohnt sich der Biokauf für den guten Geschmack, eindeutig. Er lohnt sich auch für die Tierhaltung, und wenn man weniger schadstoffbelastete Lebensmittel will.

Ob die Biolandwirtschaft die Welt retten kann, wird hier nicht entschieden. Könnte sein, dass das schiefgehen würde. Es könnte aber auch sein, dass die großindustrielle Landwirtschaft die Welt vor die Wand fährt. Und zwar in absehbarer Zeit.

Dann will man vorher wenigstens gut gegessen haben.

 ©Johanna Bayer

DIE WELT vom 8.8.2016 mit „Wer „bio“ kauft, fühlt sich besser. Gutes tut er nicht“

„junk science“ – der Kommentar zur Stanford—Studie von 2012 in der New York Times

Die italienische Studie von 2016 zu tierischen Bioprodukten

WDR: Quarks&Co zu Bioprodukten mit Geschmackstest bio und konventionell – Skript zur Sendung als pdf

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