Archiv des Autors: Johanna Bayer

Mittagessen: Das SZ-Magazin und die Feinde der Mittagskultur

Eine Autorin in SZ-Magazin stört sich daran, dass Kollegen schick „zum Lunch“ wollen statt sich nur schnöde Nahrung reinzuschaufeln, wie es mittags nunmal ansteht. Das ruft Quarkundso.de auf den Plan: Wir protestieren aufs Schärfste.

 

Mittagessen bei der Arbeit: Idealerweise als feiner Business-Lunch, sonst aber gerne auch in der Kantine das Menü 1. Denn wer arbeitet, muss auch essen.

Im SZ-Magazin kam was zum Mittagessen, ach nein, es ging um den „Lunch“. Man gehe nicht mehr zum Mittagessen, berichtet Sina Pousset, Autorin der Generation Y. In ihren Kreisen gehe man jetzt „lunchen“.

Das sei neumodischer Unsinn, beklagt Pousset, Jahrgang 1989.

Schließlich drehe es sich immer noch um eine höchst prosaische Mahlzeit mitten im Arbeitstag, die durch hippe Anglizismen keineswegs geadelt werde – Currywurst bleibt Currywurst.

Wer sich also einbildet, mit einem „Lunch“ besonders weltmännisch und nach „vielen Flugmeilen“ zu klingen, hat laut Pousset nicht verstanden, dass die meisten Leute mittags nur das Allernötigste essen. Diese schnöde Nahrungsaufnahme müsse man nicht unnötig aufblasen. Das gute alte Wort „Mittagessen“ scheint ihr daher viel passender als eine Angebervokabel aus dem Wortschatz urbaner Spießer:

„Denn der Anglizismus kann nicht zaubern. Er verwandelt Durchschnittsessen nicht in Kobe-Beef und den Italiener im Industriegebiet nicht in die Steakbar in Downtown Manhattan.“

Ihr selbst reiche, schiebt sie nach, mittags auch mal eine Schüssel Cornflakes mit kalter Milch.

 

„Fressen wie die Schweine“

Natürlich muss Quarkundso.de da energisch einschreiten: Wir protestieren aufs Schärfste!

Denn der Artikel ist zwar teilweise amüsant, und Deppen-Anglizismen sind immer ein lohnendes Ziel. Aber die Autorin verfehlt auf gefährliche Weise den Kern der Sache.

Sie kritisiert nämlich nicht nur den Sprachgebrauch. Nein, Pousset stänkert generell dagegen, dass man sich zum Mittagessen Zeit nimmt und an einem gedeckten Tisch sitzt. Dabei outet sie sich als Feindin der genüsslichen Hauptmahlzeit. Das Mittagessen sei „von Haus aus unglamourös“ und primitivster Trieb, mehr nicht:

„Energiezufuhr, im rein praktischen Sinn. Wenig Zeit trifft auf viel Hunger. Das ist dann oft mehr Fressen als Essen. Wie die Schweine am Trog und hoffen, dass nichts daneben geht.“

Das ist unmöglich. Eine solche Entwertung des Mittagsmahls ist kulturlos und menschenfeindlich, ebenso der ganze Kontext, in den die Autorin Essen stellt.

Damit ist sie nicht alleine: Zwar sind nicht alle so unflätig, aber das warme Essen in der Mitte des Tages wird immer öfter abgewertet, als Leistungsbremse betrachtet und wegrationalisiert.

Und das nicht nur von ausbeuterischen Chefs. Nein, besonders von jungen Leuten.

Eine treibende Kraft sind die urbanen Vielarbeiter, die digitalen Nomaden, die Performer aus kreativen Etagen und Neu-Berliner wie Sina Pousset. Die stammen zwar meist aus der Provinz, wo man in der Regel noch ordentlich zu Mittag isst. Aber urban, wie sie jetzt sind, halten sie die warme Mittagsmahlzeit für unfein.

 

Mittagessen? Hält nur auf

Wir haben darüber schon ausführlich berichtet, genauer gesagt lamentiert. Das war 2017, in einem der längsten Artikel bei Quarkundso.de überhaupt, was kein Zufall ist.

Denn das Thema ist zu wichtig, um es kurz abzuhandeln und wir werden nicht müde, darauf aufmerksam zu machen, wie genussfeindlich und ungesund die sich immer mehr durchsetzende Snack-Kultur ist.

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Inzwischen sind sämtliche Ratgeber, Ernährungsportale, unzählige Blogs und alle Krankenkassen gleichgeschaltet: Mittags muss es auf jeden Fall schnell gehen, etwas anderes kommt nicht in Frage.

Dabei gilt schon ein Teller Nudeln mit Soße, auf jeden Fall aber Fleisch mit Beilagen als zu üppig, weil warmes Essen angeblich zu „schwer im Magen“ liegt.

Das ist physiologischer Unfug und dazu unzivilisiert. Es deckt sich aber mit verqueren Vorstellungen gewisser Rationalisierer und Globalisierer, nach denen menschliche Bedürfnisse willkürlich verschiebbar sind, damit ununterbrochen gearbeitet werden kann.

Entsprechend hat Pousset Leute auf dem Kieker, die es anders halten und dem Mittagessen Wert zumessen.

Dazu gehören auch Restaurants wie ihr kleiner Italiener an der Ecke, der, wie sie schreibt, seinen Mittagstisch neuerdings als „Business-Lunch“ anpreist. Dem verübelt sie, dass er sich an den Trend ranhängen will.

 

Das gute alte Geschäftsessen

Gut, man kann kleine Gastronomen dafür abkanzeln, dass sie ein Geschäft machen wollen.

An der Sache selbst gibt es aber nichts zu meckern. Denn wenn der kleine Italiener von Frau Pousset ein echter Italiener ist, hält er natürlich auf das Mittagessen: In Italien isst man mittags warm, ebenso wie in Frankreich, beides Länder mit berühmter Esskultur. Anders ist das in den USA und England. Von dort stammt der verhängnisvolle Trend zum kalten Happen am Mittag, wobei man dort vielleicht gerade deshalb riesige Probleme mit Übergewicht und Diabetes hat.

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Trotzdem: Der sogenannte „Business-Lunch“ ist nicht identisch mit den berüchtigten „Snacks“ aus der „Lunchbox“.

Es handelt sich vielmehr um ein Ritual, das in der europäischen Esskultur viel tiefer wurzelt als das Knabbern an Salatblättern zum Mittag: das gute alte Geschäftsessen.

Historische Betrachtungen zu Bankett und Symposium sparen wir uns, die Vorteile des Redens beim Essen liegen auf der Hand: Sie reichen von der Kontaktpflege über das unauffällige Checken von Manieren und Weltläufigkeit bis zur Entkrampfung bei schwierigen Themen.

Am besten ist aber der klare Konsens, der beim Business-Lunch besteht: Es gibt was Gescheites zu essen. Niemand speist Manager mit Salat, Apfelschnitzen und Nüssen ab, wie es die Krankenkassen gestressten Büroarbeitern „zum Mittagssnack“ empfehlen.

Nein, zum Business-Lunch gibt es ein feines, mindestens zwei- oder dreigängiges Menü, und zwar zu Recht: Babyfutter mit Jogurt und püriertem Obst aus der Tupperware ist nichts für Erwachsene, die oft einen Zehnstundentag haben.

 

„Snack am Mittag“ von der Techniker Krankenkasse – Brötchen statt Hauptmahlzeit

Gepose mit kaltem Körnerkram

Daher verläuft die Front zwischen uns und Frau Pousset klar: Wir stehen auf der anderen Seite.

Wir kämpfen für die warme, nahrhafte Hauptmahlzeit, in welcher Form auch immer, ob schlicht in der Kantine oder edel im Restaurant, wenn es der Geldbeutel hergibt. Warmes, frisch gekochtes und in Ruhe eingenommenes Essen ist gesünder, nahrhafter, befriedigender und appetitlicher als der kalte Körnerkram, der uns für den „leichten Lunch“ aufgeschwatzt wird.

Und wir schlagen zurück: Für Quarkundso.de sind nicht diejenigen die Angeber und Wichtigtuer, die mittags zum Essen gehen. Sondern die, die im Büro aus der Tüte futtern und behaupten, sie hätten keine Zeit für eine richtige Mittagspause.

Deren Präsentismus und das Gepose um Mitgebrachtes geht uns auf den Geist – das ganze gequollene Quinoa-Zeug, die glitschigen kalten Nudeln, die unreifen Avocados, übergossen mit süßem Balsamico-Dressing, die durchgeweichten Wraps mit muffigem Ei, die matschigen Salate, die pappig-schweren Vollkornbriketts mit Belag aus Kunstkäse oder Putenlappen.

Es leuchtet uns auch absolut nicht ein, warum ein Salat mit Fertigdressing aus der Plastikdose mittags „gesünder“ sein sollte als eine Portion Krautwickel mit Kartoffelpüree aus der Kantine. Er ist es nämlich nicht.

 

Weiße Plastikdose mit gerolltem Sandwich (Wrap)

Durchgeweichte Wraps aus der Tupperware – für uns ist das nichts

Ohne Manieren: Mampfen am Schreibtisch

Auch das Mampfen am Schreibtisch finden wir unästhetisch und unhygienisch, sogar belästigend für Kollegen in demselben Raum. Und wer, was öfter vorkommt, mit vollem Mund ans Telefon geht, hat definitiv keine Manieren und aus unserer Sicht eine Abmahnung verdient.

Frech, wie wir sind, hängen wir uns gerne auch etwas weiter aus dem Fenster: Wer dauerhaft keine Zeit zum Essen hat, kommt mit seiner Arbeit nicht klar. Da muss der Chef mal nachsehen und seine Fürsorgepflicht wahrnehmen. Und umgekehrt: Wenn Vorgesetzte keine Rücksicht auf die Mittagszeit nehmen und ständig Meetings von 12 bis 14 Uhr ansetzen, sind sie in ihrer Position falsch.

Wir präferieren dabei entschieden den Gang in die Kantine – eine auch nur halbwegs vernünftige Großküche, die ein oder zwei Auswahlessen und ein kleines Salatschüsselchen bietet, macht uns leistungsfähig für den Rest des Arbeitstages. Die Belegschaft von Quarkundso.de marschiert mittags geschlossen in die Kantine, wenn eine da ist. Immer. Auch lassen wir das Mittagessen nie ausfallen, in Worten: nie.

 

Ausschnitt aus Twitter, Text: Kollegin kriegt seit Tagen mit, dass i keine Zeit hab zu essen sie kommt in mein Büro stellt mir ungefragt essen auf Tisch und sagt iss

Opfer der modernen Arbeitswelt auf Twitter: Tagelang keine Zeit zu essen – das darf nicht sein.

Die Feinde der Mittagskultur

Doch der Feldzug gegen das warme Essen in Deutschland läuft: Schon Kindern wird die Hauptmahlzeit am Mittag regelrecht aberzogen, teils mit absurden Begründungen. Der Blick in ein beliebiges Mütterforum im Internet zeigt das:

„Eine gesunde und ausgewogene Ernährung braucht keine warme Mahlzeit. Die meisten essen gerne warm, weil es angenehm ist und gut schmeckt, aber gesünder ist es nicht. Meine Tochter bekommt in der Woche mittags auch nichts warmes, denn gekocht wird bei uns erst abends, wenn mein Mann da ist. Da kann sie sich, dann aussuchen ob sie was warmes mitisst oder sie isst Butterbrot, Rohkost und Joghurt. Warmes Mittagessen gibts bei uns nur am Wochenende.“

„Ich finde, das ist jedem selber überlassen (…) Die bedenken deiner Schwiegermutter sind Quatsch. Gerade bei warmen Essen ist so schnell alles Gesunde rausgekocht, da ist nun wirklich Rohkost usw. das wertvollere Essen.“

„Kein Mensch braucht mittags ein warmes Essen“

Zitate aus „Mama-Forum“ im Internet.

Interessanterweise sind Ernährungsexperten und Familienratgeber durchaus anderer Meinung und in Ganztagsschulen ist das – warme – Mittagessen sogar gesetzlicher Anspruch und häufig auch Pflicht.

Aber Feinde der Mittagskultur erstreiten sich, dass sie ihre Kinder vom Essen abmelden dürfen. Gleichzeitig berichten Zeitungen seit Jahren darüber, dass Erziehungsberechtigte das Schulessen nicht bezahlen und Kinder mittags weinend vor leeren Tellern sitzen – oft dieselben, die morgens schon ohne Frühstück in die Schule kommen.

In vielen Fällen geht es dabei nur um den Mindestbeitrag von einem Euro täglich, fünf Euro die Woche, 20 Euro im Monat.

Welche Gründe solche Eltern auch immer vorbringen mögen, ob Überschuldung, Leben von Hartz IV oder „Die ist das gewöhnt!“, „Der braucht mittags nichts“, und „Wir kochen doch abends warm!“, eines muss klar sein: Das schadet den Kindern.

Wie bei den Zitaten aus dem Mama-Forum oben zu sehen war, geht es dabei nicht immer um Geld. So berichtete der Tagesspiegel 2016 aus Berlin:

Etliche Ganztagsschulen haben Probleme, die Eltern von der Notwendigkeit eines warmen Mittagessens zu überzeugen. Nach Informationen des Tagesspiegels gibt es mindestens eine Ganztagsgrundschule in Berlin, in der nur ein Drittel der Familien einen Vertrag mit einem Caterer abgeschlossen hat. In anderen Schulen sind es mitunter 50 oder 60 Prozent – und das, obwohl laut Schulgesetz eigentlich alle Kinder in Ganztagsschulen ein warmes Mittagessen bekommen sollen.

Zum Schaden der Kinder

Auf Anfrage musste der Berliner Senat 2016 tatsächlich, so der Tagesspiegel, der peinlichen Fragen nach dem Kindeswohl nachgehen. Man war sich da nicht ganz sicher:

„Unklar ist, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, wenn Eltern ihre Kinder mehr als acht Stunden ohne Essen lassen.“

Wir beantworten die Frage mal schnell und hängen uns dabei wieder weit aus dem Fenster: Ein Grundschulkind den ganzen Tag ohne Essen zu lassen, gefährdet das Kindeswohl, ja. Und es von einem warmen Mittagessen fernzuhalten, das sein Körper in der Wachstumsphase braucht, ebenfalls.

Unregelmäßige Mahlzeiten ohne warmes Essen sind genau deshalb in Kriterienkatalogen für die Gefährdung von Kindern in der Familie, wie sie Jugendämter und Sozialbehörden nutzen.

 

Das Mittagsmanifest von Quarkundso.de

Zum Glück sind die Feinde des Mittagessens noch in der Minderheit. Aber sie machen gewaltig Druck.

Interessanterweise neigen nämlich diejenigen, die mittags mit einem Müsliriegel auskommen, zu autoritärem Reinregieren in den Bauch der anderen: „Das muss auch mal so gehen!“, „Warum isst Du nicht einfach einen Apfel?“, „Du kannst doch heute Abend essen!“.

Solchen Menschen mangelt es an Rücksicht, sie gehen ausschließlich von ihren eigenen Bedürfnissen aus: Weil sie Hunger verschieben oder gleich gar keinen haben, können sie sich nicht vorstellen, dass es anderen anders geht.

Doch Hunger am Mittag ist so natürlich wie der Schlaf in der Nacht: Menschliche Bedürfnisse sind nicht beliebig disponierbar. Und Menschen werden krank, wenn sie ihrem physiologischen Rhythmus nicht folgen. Der mag in gewissen Grenzen individuell sein, doch die grobe Linie ist: Nachts schlafen. Tagsüber arbeiten. Mittags essen.

Daher wiederholen wir besonders mit Blick auf Schwächere die wichtigsten Forderungen zur vernünftigen Mittagspause (das vollständige Mittagsmanifest ist im Artikel von 2017 zu lesen):

Die Mittagspause ist gesund und wichtig. Ein ordentliches – warmes – Mittagessen muss drin sein, wenn Arbeitnehmer, Kinder, Teamkollegen, wer auch immer, das möchten.

Arbeitgeber und der Staat sind dabei in der Pflicht, Schwächere vor menschenfeindlichem Druck zu schützen: Angemessene Pausenplanung, mehr Kantinen, warmes Schulessen für alle Kinder, finanziert vom Staat. Ohne Wenn und Aber.

Natürlich soll dabei niemand zum Essen gezwungen werden. Umgekehrt ist entscheidend, dass diejenigen, die essen möchten, nicht daran gehindert werden. Nichtesser dürfen daher in keiner Situation über Menschen bestimmen, die mittags was Warmes brauchen.

Wir werden an dieser Front beharrlich weiterkämpfen, denn das Mittagessen ist  es wert – Oberthema: „Essen ist ein Menschenrecht“. Fortsetzung folgt.

©Johanna Bayer

 

SZ-Magazin vom 3.10.2018 zum Thema Lunch

Der Tagesspiegel über Schulessen und den Elternbeitrag

WDR, Quarks&Co dazu, warum Menschen mittags essen sollten – „Fünf Fakten für das Mittagessen“   – handgeklöppelt von der Chefredakteurin

Ausführlicher Beitrag zum Kulturkampf um das Mittagessen von 2017 mit historischem Hintergrund

 

Viral um jeden Preis: Wie die Uni Freiburg mit Tiraden gegen Kokosöl einen Youtube-Hit landet

Eine rabiate Medizinerin wütet an der Uni Freiburg gegen Kokosöl, das Video von ihrem Vortrag geht viral, die Pressestelle platzt vor Stolz. Aber die Professorin hat komplett überzogen, dabei das Richtige verschwiegen und das Falsche maßlos dramatisiert. Darf man das?

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist von der Seite der Uni Freiburg verschwunden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Sieh mal einer an. Links s. unten

 


Youtube-Videos, die viral gehen, sind ohne Zweifel auch Medienphänomene und stehen daher auf der To-do-Liste von Quarkundso.de.

Gerade hat zum Beispiel die Uni Freiburg einen Video-Hit auf Youtube gelandet, und zwar mit einem Vortrag über Superfood: seit Veröffentlichung im Juni schon über 1,3 Millionen Aufrufe.

Die Referentin ist Medizinerin, eine Prof. Dr. Dr. Karin Michels. Sie versprach, mit Ernährungsmythen aufzuräumen, insbesondere mit denen rund um Kokosöl.

Da strömte das Publikum nur so, und die hochdekorierte Medizinerin, die in Harvard studiert hat und dort auch lehrt, schoss gepfefferte Salven ab:

Kokosöl ist das reine Gift!

Kokosöl ist das Schlimmste, das Sie zu sich nehmen können!

Kokosöl ist gefährlicher für Sie als Schweineschmalz … weil es noch mehr gesättigte Fettsäuren hat.

Es ist ein hartes Fett und alles Feste geht direkt in Ihre Koronararterien.

Je mehr Kokosöl, je mehr verstopfte Herzkranzgefäße und die führen zum sicheren Herztod.

Es gibt nicht eine einzige Studie am Menschen, die eine einzige positive Wirkung von Kokosöl zeigt.

Das war ein Aufreger, ist doch Kokosöl nicht nur seit Jahrtausenden ein traditionelles Nahrungsfett in den Tropen, sondern neuerdings der Liebling der vegetarischen, veganen, cleanen und hippen Küche, in den Bioläden fest etabliert. Deshalb ist es sicher kein Wundermittel. Aber Gift?

Der SWR hat berichtet, der FOCUS, der Münchner Merkur, die HuffPost und ganz viele andere. Dazu kommt eine Flut von Mailanfragen an den Präsidenten der Uni Freiburg und die Leitung des Universitätsklinikums, wo Frau Prof. Dr. Dr. Michels tätig ist.

 

Frau Prof. Dr. Dr. widerspricht sich selbst

Natürlich ist Quarkundso.de von Fans gleich besorgt angefragt worden: Was da dran sein? Ob die Medizinerin Recht habe, und was wir davon halten?

Aber in die Falle gehen wir nicht.

Denn wir widersprechen auf keinen Fall Professoren und –innen, oder Leuten mit doppeltem Doktor.

Das lassen wir sie lieber selbst erledigen.

Frau Prof. Dr. Dr. musste nämlich nach ihren wüsten Ausfällen gegen Kokosfett zurückrudern: Sie hat ein ebenso zahmes wie verwirrendes und erstaunlich kurzes „Statement“ nachgeschoben, das jetzt beim Video im Netz steht.

Zu dieser Erklärung hat wohl die Unileitung oder die Pressestelle sie nachträglich aufgefordert, wegen der vielen Nachfragen und der Kritik. Doch in ihren „Erläuterungen“ klingt alles etwas anders.

Zum Beispiel so:

Der Konsum dieser Fettsäuren (aus Kokosöl, d. Red.) erhöht die Spiegel des schlechten LDL Cholesterins im Blut, was zum Herzinfarkt führen kann.
Laurinsäure (im Kokosöl) erhöht aber auch das gute HDL.

Genau gelesen? Ein erhöhter LDL-Spiegel KANN zum Herzinfarkt führen, schreibt sie jetzt.

Wir heben das absichtlich hervor, denn im Vortrag beschwor die Professorin dramatisch den sicheren Herztod herauf. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied.

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Im Übrigen ist ein erhöhter LDL-Spiegel keineswegs die Ursache für den Herzinfarkt, sondern nur ein Risikofaktor unter anderen. Auch das ist ein fundamentaler Unterschied.

Noch wichtiger ist, dass die wankelmütige Professorin plötzlich auch die günstige Wirkung der Laurinsäure aus dem Kokosöl auf das gute HDL-Cholesterin erwähnt. Dieses Eingeständnis findet sich nur im PDF, nicht im Vortrag.

Da heißt es vom Kokosöl, es sei „reines Gift“.

 

Butter für die Leber, Kokosöl für das Gehirn

Weiter geht es mit den Studien:

Studien, die zu diesem Thema durchgeführt wurden, verwendeten oft speziell hergestellte Öle aus 100 % mittelkettigen Fettsäuren, nicht das kommerziell erhältliche Kokosöl – also ein völlig anderes Produkt.

Ach, jetzt gibt es doch Studien? Ja, klar, die gab es auch vorher schon, das hätte Frau Prof. Dr. Dr. daher gleich in ihrem Vortrag erwähnen müssen.

Offensichtlich als Reaktion auf Kritik behauptet sie jetzt, dass die Spezialprodukte in bestimmten Studien nicht mit dem natürlichen Lebensmittel Kokosöl identisch sind.

Stimmt allenfalls teilweise. Denn erstens gibt es auch Humanstudien zu Kokosöl, insbesondere ganz neue zu Kokosöl zur Verbesserung von Alzheimer und Parkinson. Aber zweitens geht es tatsächlich in vielen Studien oft nicht um natürliche Lebensmittel.

Es ist nämlich für die Pharmaindustrie oder wer auch immer die Studien finanziert, höchst unergiebig, ein natürliches Nahrungsmittel zu testen. Das sind diffuse Gemische aus tausenden von Stoffen, von denen man nicht weiß, was genau wirkt.

Das aber wollen Forscher und Pharmaunternehmen – gezielt einen Wirkstoff finden.

Also engen sie die Auswahl auf Kandidaten ein, von denen man sich etwas verspricht. Das waren bei den Fettsäure-Studien die erwähnten mittelkettigen Fettsäuren. Deren Effekte hat man wissenschaftlich untersucht. Was Leber- und Magen-Darm-Erkrankungen angeht, konnte man die günstige Wirkung dieser Stoffe vor 25 Jahren dann wissenschaftlich bestätigen.

Seitdem werden Verdauungskranke mit diesen mittelkettigen Fettsäuren, sogenannten MCT-Fetten aus Spezialölen, in der Ernährungstherapie behandelt.

Die Laurinsäure, das Hauptfett im Kokosöl, gehört dazu. Zu rund 50 Prozent besteht Kokosfett aus Laurinsäure. Lustig, nicht wahr, dass das gut für Leber, Magen und Darm ist?

Ach so – früher hat der kundige Arzt seinen Leberkranken hierzulande, wo es weder Kokosöl noch moderne MCT-Öle gab, einfach die gute Butter verordnet. Die enthält auch viele MCTs und gesättigte Fettsäuren, für Magen-, Gallen- und Leberkranke sehr bekömmlich.

Das ist ganz besonders lustig, weil Butter ebenso wie Kokosöl von Frau Prof. Dr. Dr. inkriminiert wird.

 

Die amerikanische Krankheit: Obsession Herzinfarkt

Nun liegt es aber so, dass Krankheiten der Verdauungsorgane und der Leber nicht das Fachgebiet von Frau Prof. Dr. Dr. sind. Sie ist keine Internistin oder Ernährungsmedizinerin. Sie ist von Haus aus Gynäkologin und außerdem hat sie es mit Methodik und Statistik. Aber nicht mit Essen.

Umso erstaunlicher, dass sie sich so wüst zu einem traditionellen Nahrungsfett wie Kokosöl äußert.

Den Mut dazu gewinnt sie daraus, dass sie im Zusammenhang mit Frauenleiden epidemiologische Studien liest. Dort geht es um Prävention, und meist um die großen Volkskrankheiten – Krebs, Herzinfarkt, Diabetes, Übergewicht. Diese Studien liefern aber zu einzelnen Lebensmitteln allenfalls lose Korrelationen und nur sehr grobe Daten.

Für die gesamte Bewertung eines Nahrungsmittels und seiner Bedeutung für die menschliche Ernährung reicht das auf keinen Fall aus. Schon gar nicht bei einem Fett, das aus den Tropen stammt, wo über Jahrtausende Herzinfarkt und Diabetes nicht die größte Sorge der Menschen waren: Diese Krankheiten haben sie erst jetzt, seit sie auf die Nahrung der Industriestaaten umgestiegen sind. Mit viel „gesundem“ Pflanzenöl und vielen „wertvollem“ Getreide. Dazu, zur Gesundheit der Südseeinsulaner zum Beispiel, die traditionell viel Kokosöl verzehren, gibt es übrigens auch Studien.

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Interessanterweise ist aber das Schreckbild des Herzinfarkts der Punkt, um den die ganze Hysterie kreist: Denn wegen der – angeblichen – Risikoerhöhung bei Herzinfarkt verteufelt Frau Prof. Dr. Dr. Kokosöl, ebenso wie Butter und Schweineschmalz und überhaupt tierische gesättigte Fettsäuren.

Das lässt sich nur so erklären, dass sie durch ihre Arbeit in den USA von der amerikanischen Krankheit befallen ist: einer merkwürdigen Herzinfarkt-Hysterie beim Essen.

In den USA werden nämlich alle Lebensmittel sowie die gesamte Ernährung im Hinblick auf den Herzinfarkt beurteilt, weil man dort der Meinung ist, eine „gesunde“ und fettarme Ernährung könne den Herzinfarkt verhindern.

Umgekehrt wird der Herzinfarkt nahezu ausschließlich als Folge einer „ungesunden“ Ernährung betrachtet.

Rauchen, Bluthochdruck, Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress, Gene, Stoffwechselstörungen, also die richtig großen und wissenschaftlich anerkannten Risikofaktoren, die hohe Cholesterinwerte überhaupt erst gefährlich machen können?

Egal, Hauptsache, die Butter kommt vom Brot.

 

Fett als Feindbild und die Fakten

Diese grobe Verzerrung ist in Deutschland und dem Rest von Europa nicht üblich, mal abgesehen von ein paar Veganern oder Essgestörten im Magerwahn.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält sich inzwischen bedeckt: Nach Jahren der Fettverteufelung muss sie seit 2006 kleinere Brötchen backen, weil die wissenschaftliche Lage sie dazu zwingt. Denn es ist gar nicht sicher erwiesen, dass gesättigte Fettsäuren Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen.

Im Forschersprech: Die Evidenz dafür ist nicht sehr hoch.

Deshalb hat die DGE aus ihren 10 Regeln für Ernährung zum Beispiel die Behauptung gestrichen, dass zu viele gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt erhöhen und man unbedingt Fett sparen muss. Jahrelang stand das in der Fett-Regel, seit 2018 ist es weg.

Weil man aber nicht so leicht vom Feindbild Fett lassen kann, findet sich in den 10 Regeln immer noch was von ungünstigen Wirkungen gesättigter Fettsäuren auf die Blutfettwerte. Sicherheitshalber.

Gleichzeitig hat man die Argumentation umgestrickt: 2018 heißt es in den neuen 10 Regeln schlau, dass nicht die gesättigten Fettsäuren den Herzinfarkt auslösen – sondern dass weniger davon das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken können.

Vielleicht. Denn auch hier ist die Evidenz nicht sehr hoch.

Das bedeutet: Es ist nicht sicher erwiesen, dass weniger gesättigte Fettsäuren vor Herzinfarkt schützen. Es ist sogar so, räumt die DGE ein, dass es möglicherweise überhaupt keinen Zusammenhang gibt – weder zwischen gesättigten Fettsäuren und Herzinfarkt allgemein noch zwischen dem Austausch gesättigter Fettsäuren durch angeblich bessere Stoffe wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren aus Pflanzenöl.

Das alles steht in gewundenen Worten in der Fettleitlinie der DGE, einem Hintergrundpapier zur Forschungslage rund um Fett in der Ernährung. Und weil die Arbeitsgruppe umfassend die wissenschaftlichen Studien sondiert hat, ist die DGE gegenüber den Tiraden der Frau Prof. Dr. Dr. jetzt unsere Kronzeugin.

 

Nicht überzeugend: die Fettratschläge

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat nämlich in der DGE-Leitlinie zu Fett mal nachgelesen. Das war natürlich Schwerstarbeit: seitenweise verschlüsseltes Geheimvokabular, durch das man sich in Doppelschichten durchbuchstabieren musste.

Es ist aber gelungen, die brisantesten Stellen aus dem heißen Material herauszuziehen und hier zu übersetzen. Ergebnis: Was man der DGE nicht vorwerfen kann, ist, dass sie schwindelt oder was verschweigt, wie Frau Prof. Dr. Dr.

Nein, die DGE bleibt sauber und gibt den Stand der Forschung gewissenhaft wieder. Aus taktischen Gründen und mit festem Blick auf das Endziel – weg mit den gesättigten Fettsäuren, egal wie – allerdings von hinten durch die Brust ins Auge.

Dazu skandieren die beteiligten DGE-Wissenschaftler einen Kanon von möglichen Effekten bei Fetten durch. Aber an keiner Stelle können sie sagen, dass gesättigte Fettsäuren wissenschaftlich sicher belegt Herzinfarkt und koronare Herzkrankheiten auslösen oder auch nur das Risiko stark erhöhen.

In der Leitlinie Fett sieht das so aus:

Die Evidenz für eine primäre Prävention der KHK durch eine Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen PUFA wird als wahrscheinlich bewertet.

Das bedeutet: Wenn man gesättigte Fettsäuren (aus Butter, Fleisch oder Kokosöl) durch mehrfach ungesättigte (aus Fisch oder Nüssen) ersetzt, ist nicht sicher, dass sich ein Herzinfarkt verhüten lässt. Es ist nur wahrscheinlich, dass dadurch das allgemeine Risiko dafür sinkt.

Die höchste Evidenzstufe, bei der man von einem sicheren Beleg sprechen kann, wäre „überzeugend“.

„Wahrscheinlich“ ist nur die zweithöchste und zeigt, dass der Austausch der gesättigten Fettsäuren durch andere, für besser gehaltene, eben nicht sicher vor dem Herzinfarkt schützt. Genau gelesen? Fett austauschen schützt nicht.

Das bedeutet auch: Gesättigte Fettsäuren machen keinen Herzinfarkt.

 

Gesättigte Fettsäuren machen möglicherweise – gar nichts

Dann kommt noch eine interessante Wendung:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen MUFA oder Kohlenhydrate wird als möglich bewertet.

Hier geht es um die Kritik an der Fett-Hypothese. Und es bedeutet: Möglicherweise gibt es tatsächlich gar keinen Zusammenhang zwischen dem Herzinfarkt-Risiko und dem Versuch, statt gesättigter Fettsäuren zur Vorsorge mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Pflanzenöle) oder Kohlenhydrate zu sich zu nehmen.

Das heißt: Fett sparen und gesättigte Fettsäuren durch angeblich „gesunde“ Fette oder Kohlenhydrate zu ersetzen, ist vielleicht sogar kompletter Unsinn. Das kommt dann noch einmal:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA (ohne gezielten Austausch gegen andere Energieträger) wird als möglich bewertet.

Wie im Absatz vorher, nur stärker: Möglicherweise – dritte Evidenzstufe – gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen einem Risiko für koronare Herzkrankheiten samt Herzinfarkt und dem Weglassen von gesättigten Fettsäuren in der Ernährung.

Das ist schon ein ziemliches Zugeständnis und vielleicht deshalb so gut verschwurbelt und versteckt.

Denn es bedeutet: Die Kritiker der DGE und der Fetthysterie haben möglicherweise wirklich Recht. Und vielleicht muss die ehrenwerte Gesellschaft das irgendwann auch anerkennen: Es könnte sein, dass es überhaupt keine Folgen von gesättigten Fettsäuren für die Herzgesundheit gibt.

 

Was reitet Frau Prof. Dr. Dr.?

Stück Butter auf Backpapier, nah

Die gute Butter: Bekömmlich und gesund.

Die steilen Parolen von Frau Prof. Dr. Dr. sind damit komplett erledigt, das sollte damit klar sein.

Die Frage ist, was die Frau geritten hat.

Dazu hat der Pressesprecher der Universität Freiburg ein erfrischend offenes Statement abgegeben.

Ob der großen Aufmerksamkeit platzte er schier vor Stolz, und freute sich über tausende von neuen Abonnenten für seinen Videokanal, ein richtiger Social-Media-Erfolg, super für das Haus.

Man kann es so sehen. Das ist dann wie bei den Klatschblättern, die unentwegt Falschmeldungen zu Schwangerschaften, Scheidungen und Krankheiten verbreiten, obwohl die Redakteure genau wissen, dass alles erfunden ist.

Der Medienblog Topfvollgold.de beschreibt das so:

„Brot und Butter der Klatschblätter ist die Unterstellung, die Irreführung …

Diese Form der hysterischen Dramatisierung ist die Domäne der Regenbogenpresse, die bevorzugt Begriffe wie “Frau”, “Gold”, “Freizeit” und “Aktuell” im Titel trägt. …

Aber es ist unbestreitbar (…), dass die Regenbogenpresse regelmäßig die Grenze von der Irreführung zur glatten Lüge überschreitet, dass sie Persönlichkeitsrechte missachtet, Menschen verleumdet und öffentliche Pranger baut.“

Mit exakt derselben hysterischen Dramatisierung hat sich nun die Universität Freiburg in Gestalt der Institutsleiterin Michels, Prof. Dr. Dr., präsentiert. Das Opfer am Pranger ist das Kokosöl, die Leidtragenden sind die Verbraucher und Patienten.

 

Erfolg im Netz: Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Denn der von sich selbst begeisterte Pressesprecher zahlt für seine Videoabonnenten einen Preis: Es sind schwere Kollateralschäden bei der verunsicherten Bevölkerung, die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft und Universitäten betreffend.

Denn jetzt fragen Menschen, was mit dem Kokosöl und der Butter ist. Kann man das überhaupt noch essen? Oder fällt man – Gift! Sicherer Herzinfarkt! – tot um? Wenn eine Harvard-Professorin mit zwei Doktortiteln so etwas sagt, dann muss da doch was dran sein? Die Universität wird doch wohl wissen, was sie tut?

Anscheinend nicht. In Freiburg hat man nur blindwütig agiert, um Aufmerksamkeit zu heischen.

Der Skandalvortrag steht trotz der offensichtlichen Falschaussagen auch noch im Netz. Und die Lässigkeit, mit der die rabiate Medizinerin ein paar Sätze nachschiebt, ohne zu begründen, warum sie das Richtige verschwiegen und das Falsche völlig überzogen hat, ist bemerkenswert.

Auch ist sie peinlich. Der Pressesprecher des Universitätsklinikums dazu:

„Wir freuen uns, dass wir Dank der sozialen Medien den Inhalt einer öffentlichen Veranstaltung so vielen Menschen zugänglich machen können“, sagt Benjamin Waschow, Leiter der Unternehmenskommunikation des Universitätsklinikums Freiburg.

„Wir haben mit dem Thema wohl einen Nerv getroffen. Dass das Thema kontrovers diskutiert wird, nehmen wir als universitäre Einrichtung als Bereicherung wahr.“ Das Universitätsklinikum Freiburg ist seit mehreren Jahren in den sozialen Medien sehr aktiv. Der Facebook-Auftritt und der Youtube-Kanal des Universitätsklinikums Freiburg gehören zu den erfolgreichsten unter den deutschen Universitätskliniken.“

 

Toll gemacht. Aber seriös ist anders.

@Johanna Bayer

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist auf der Seite der Uni Freiburg nicht mehr zu finden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Überraschung! 

Unter diesem Link mit der Pressemitteilung war das Video – zack, weg: Video Uni Freiburg, Youtube, Vortrag von Prof. Dr. Dr. Karin Michels zu Superfood und Kokosöl

Kanal der Uni Freiburg auf Youtube: nichts mehr von Frau Michels über Kokosöl

PDF mit „Statement“ von Michels zum Vortrag

Pressemitteilung der Universität Freiburgvorher mit Video, jetzt ist es gelöscht.

Ausführliche Gegendarstellung mit Forschungsbelegen gegen die Behauptungen von Prof. Dr. Dr. Karin Michels auf dem Portal für Sporternährung von Dr. Feil

Die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder mit einer Kritik der Kritik an Kokosöl

Buchempfehlung zum Nachlesen: „Mehr Fett!“ von Ulrike Gonder und Nicolai Worm, Systemed Verlag 2010

 

Hier noch ein Auszug aus einem früheren Beitrag von Quarkundso.de zu Kokosöl und der Position der American Heart Association (AHA) von 2017.

Die AHA hatte 2017 sowohl vor Kokosöl als auch vor Butter und gesättigten Fettsäuren gewarnt. Wie man sieht, folgt Prof. Dr. Dr. Michels aufs Haar genau dieser US-Doktrin, was zeigt, dass sich ihr wüster Vorstoß tatsächlich direkt aus der amerikanischen Perspektive nährt. 

Aus dem Beitrag „BRIGITTE – online first und Chaos mit Kokosöl“

Quarkundso.de, das Ernährungsportal Ihres Vertrauens, sieht sich demselben Druck ausgesetzt wie die billigen Online-Angebote – wir stehen nämlich auch unter dem Zwang, Nutzwert zu liefern und alles leicht, in Häppchen und verständlich zu servieren.

Daher kurz zur Sache: Was ist jetzt mit dem Kokosöl und der AHA?

– Die American Heart Association (AHA) hat am 26.6.2017 eine allgemeine Empfehlung zu Nahrungsfetten herausgegeben. Diese hat sich nicht ausschließlich mit Kokosöl beschäftigt. Es ist ein Positionspapier zu gesättigten Fettsäuren und Nahrungsfetten allgemein. Darin hat die AHA den kompletten Forschungsstand zusammengefasst, bis hin zu Fütterungsversuchen mit Affen und Studien aus den letzten 60 Jahren Forschungsgeschichte.

– Alles, was sie in ihrer Empfehlung schreibt, ist bekannt und nichts als die Wiederholung der alten amerikanischen Fett-Doktrin: Raus mit den gesättigten Fettsäuren aus der Nahrung! Diese Doktrin vertritt man in den USA schon seit den 1950er Jahren. Immerhin erwähnt die AHA nebenbei korrekt, dass es heute keine Begrenzung der Fettmenge in der Nahrung mehr gibt und dass, Achtung, der Ersatz von Fett durch Kohlenhydrate und Zucker negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Dass Kokosöl wegen der ungesättigten Fettsäuren angeblich ungünstig ist, steht aber auch schon in den amerikanischen Ernährungsempfehlungen von 2010, den Dietary Guidelines.

– In dasselbe Horn – gegen das Kokosöl – stoßen auch andere Institutionen wie 2016 die British Nutrition Foundation, eine nationale Ernährungseinrichtung in England – wieder ohne Zweifel ein Land mit höchster Ernährungskompetenz.

– Hintergrund ist natürlich, dass es in der Wissenschaft seit Jahren immer mehr Stimmen gibt, die traditionelle Nahrungsfette mit einem natürlichen Gehalt an gesättigten Fetten rehabilitieren. Die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Butter wurde vom TIME MAGAZINE schon 2014 auf den Titel gehievt („Eat Butter!“). Milchfett, das viele gesättigte Fettsäuren enthält, ist inzwischen schwer im Aufwind: Nein, es verursacht keinen Herzinfarkt und führt auch nicht langfristig zu schlechteren Cholesterinwerten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, speziell Milchfett wirkt sich günstig aus auf den Cholesterinspiegel und bei vielen Krankheiten aus. Kokosöl ist das neue Lieblingskind der Fettfreunde, und es werden ihm viele günstige Wirkungen auf Stoffwechsel, Gehirn und Immunsystem nachgesagt. Interessant ist das allemal, beinhart bewiesen aus Sicht der Kokos-Kritiker nicht.

– Es ist aber in dieser Lage barer Unsinn, was in der – von den Nachrichtenagenturen erfundenen Überschrift – steht: „Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter!“. Erstens ist Butter nicht ungesund, siehe oben. Zweitens hat selbst die AHA nicht gesagt, dass Kokosöl „so ungesund ist wie Butter“. Im Papier steht, dass das Austauschen von Butter gegen Kokosöl wegen des hohen Anteils von gesättigten Fettsäuren nicht das bringt, was man sich erwartet, da beide viele gesättigte Fettsäuren enthalten.

– Allerdings rät die AHA in ihrer Stellungnahme tatsächlich rundheraus von Kokosöl ab, und zwar nicht, weil Studien erwiesen hätten, dass Kokosöl Herzinfarkt und Schlaganfälle auslöst. Oder weil Menschen, die traditionell viel Kokosöl konsumieren – etwa in den Tropen – besonders oft an diesen Krankheiten sterben. Das ist nämlich nicht der Fall. Nein, es ist ein rein theoretischer Befund, eine Interpretation nicht über das Lebensmittel Kokosöl, sondern über isoliert betrachtete gesättigte Fettsäuren:

„Clinical trials that compared direct effects on CVD of coconut oil and other dietary oils have not been reported. However, because coconut oil increases LDL cholesterol, a cause of CVD, and has no known offsetting favorable effects, we advise against the use of coconut oil.”

– Das ist ein dicker Hund und die Freunde der Kokosnuss laufen Sturm dagegen. Sie betonen, dass weder den gesättigten Fettsäuren an sich, und schon gar nicht den traditionellen Nahrungsfetten in der Forschung wirklich nachgewiesen werden konnte, dass sie Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen. Tatsächlich ist die Interpretation der AHA nur die Sicht aus einer bestimmten Brille. Selbst die traditionell behäbige deutsche DGE konnte nicht umhin, anlässlich ihrer Fettleitlinie zuzugeben, dass gesättigte Fette nicht Schuld sind an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderem. Das liest sich einigermaßen verwirrend:

FAQ zur Leitlinie Fett der DGE“

1. Welche Krankheiten thematisiert die Leitlinie und warum?
Die Leitlinie thematisiert Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Metabolisches Syndrom, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Krebskrankheiten, weil sie zu den häufigsten chronischen Krankheiten in Deutschland zählen. Aus Kapazitätsgründen konnte die Leitlinienkommission nicht alle Krankheiten, bei denen die Fettzufuhr eventuell relevant ist, berücksichtigen.
(…)

4. Sind gesättigte Fettsäuren schlecht?
Eine hohe Zufuhr von gesättigten Fettsäuren erhöht die Gesamt- und LDL-Cholesterolkonzentration im Blut, ist aber bei den hier betrachteten Krankheiten mit keinen weiteren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden. Durch den Austausch von gesättigten durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren lässt sich allerdings das Risiko für Fettstoffwechelstörungen und die koronare Herzkrankheit senken. Deshalb empfiehlt die DGE, die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren … zu senken.“
(Ende Zitat DGE)

– Wo der Hund begraben liegt, ist also bei den von der AHA zitierten Studien zu Herzinfarkt und Schlaganfall im Verhältnis zur Aufnahme von gesättigten Fettsäuren. Sagen die was aus oder nicht? Sagen die Fütterungsversuche an Rhesusaffen was aus oder nicht? Zwar konnte bei Menschen mit Risikofaktoren konnte festgestellt werden, dass ihre schlechten Werte sich verbesserten, wenn sie gesättigte Fette verminderten und gegen ungesättigte Fettsäuren eintauschten. Im Klartext: Der LDL-Spiegel bei kranken Risikopatienten sank, die übergewichtig und fehlernährt waren, schon einen Herzinfarkt erlebt hatten oder eine koronare Herzkrankheit hatten. Auch sanken bei Studien mit solchen Gruppen die Raten für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Doch gerade die erwähnten finnischen Studien sind auf andere Länder nicht übertragbar, denn in Finnland gibt es eine genetische Häufung von frühen Herzinfarkten und hohem LDL. Und allgemein ist die Krux: Solche Studien mit Patienten sagen nicht wirklich etwas über Gesunde und die Zuträglichkeit der Lebensmittel aus. Ein kranker Körper funktioniert anders.

– In allen Interventionsstudien, die die AHA nennt, wurden die Nahrungsfette bei Menschen ausgetauscht, die gleich mehrere Risikofaktoren hatten. Dazu zählen auch Entzündungen im Körper, die inzwischen als die wahren Ursachen für Herzinfarkt und Schlaganfall gehandelt werden. Für allgemeine Ernährungsratschläge taugt so etwas also nicht. Und schon gar nicht für den Umgang mit einem traditionellen Nahrungsmittel wie Kokosöl. Man müsste sonst Millionen von Menschen in den Tropen ihre Esskultur und ihr Ernährungswissen absprechen. Das können sich die dicken Amis und Engländer mit ihrem Industriefraß weiß Gott nicht erlauben, um es mal ganz vorsichtig à la Quarkundso.de auszudrücken.

Damit sind wir mit unserer Weisheit aber auch am Ende.

Die Freunde der Kokosnuss wissen mehr, namentlich die großartige Ulrike Gonder, deutsche Expertin in dieser Sache. Links im Nutzwert-Teil ganz unten.

Weil bei Online aber immer das Persönliche zählt, gesteht die Chefredaktion von Quarkundso.de noch, dass sie an Fett nicht spart und sich obendrein jeden Tag einen Löffel voll mit nativem Bio-Kokosöl genehmigt. Das soll gut sein fürs Gehirn, und übrigens auch fürs Immunsystem.

Die Cholesterinwerte der gesamten Chefredaktion, namentlich der #Fettbeauftragten, entsprechen dabei denen eines neugeborenen Babys.

Kein Witz. Wir können daher den Konsum von Butter, Vollmilch, Sahne, Schweineschmalz und lecker Kokosöl nur empfehlen. Aber auf uns hört ja keiner.

©Johanna Bayer

Die große Serie bei Quarkundso.de: Was wirklich dick macht – und wo die DGE kneift

Endlich ist sie da, die neue Folge zu den größten Dickmachern. Diesmal geht es ums Grundsätzliche: Wer hat eigentlich das Problem? In der Zucker-Debatte scheinbar vor allem Kinder, die es zu schützen gilt. Doch die Dicken, das sind die Erwachsenen. Und denen will keiner was verbieten: Nicht einmal die DGE wagt in ihren 10 Regeln eine klare Ansage – Quarkundso.de übernimmt.

 

Dicker Mann mit Bauch in rotem T-Shirt, nah

Wampe und Wohlfühlgewicht: Man gönnt sich ja sonst nichts.

Jetzt geht es also endlich weiter mit der Serie zu den größten Dickmachern.

Vorab möchten wir warnen. Es geht um Regeln und Vorschriften, es wird also trocken und auch etwas streng.

Aber ab und an muss man ein Thema mal gründlich durchdenken. Am Ende gibt es dafür wieder handfesten Service und eine schöne Take-Home-Message.

Unser heutiger Beitrag zu den wahren Dickmachern dreht sich also um eine grundsätzliche Frage: Wer hat eigentlich das Problem?

Die erste Folge vom 5.4.2018 war da praktischer ausgerichtet, es ging um Bier als Dickmacher, und zwar im Vergleich zu Zucker (bitte nachlesen). Letzterer ist zu Unrecht alleiniger Sündenbock in der Debatte, an das heilige Bier will keiner ran.

Das geht schon aus kulturellen Gründen nicht, und damit sind nicht nur Bierbrauen und Saufen gemeint. Sondern auch die nationale Psyche, die Mentalität. Der Geist eines Volkes.

Denn es ist nunmal so: Deutschland ist das Land der Schulmeister.

Für Kinder, wohlgemerkt.

 

Angstgegner: der ausgewachsene Deutsche

Über die zerbricht man sich unentwegt den Kopf – wie sie zu unterrichten, zu belehren, anzuleiten, zu fördern sind, wie man sie am besten trainieren, drillen oder zur Entwicklung anregen kann; wie man ihnen Grenzen setzt, sie schont, vor Schaden bewahrt, aufklärt und für den Ernst des Lebens rüstet.

Deshalb ist Zucker so ein willfähriges Opfer: Die Akteure der Debatte haben vor allem Kindernahrung, Kinderlebensmittel und Werbung für Kinder im Blick. Da darf man sich mit Regeln, Verboten und Bewahren austoben. Ist ja für eine gute Sache, für die Kleinen – Kinder sind unsere Zukunft!

In Deutschland hat man also viele Freunde, wenn man Kindern den Zucker verbietet. Den Erwachsenen aber die Dickmacher wegzunehmen, das traut sich keiner.

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Denn der ausgewachsene Deutsche ist kein leichter Gegner. Das hat das Veggie-Day-Trauma der Grünen aus dem Jahr 2013 gezeigt. Und auch sonst ist der Deutsche auf der Hut vor Regeln, die die persönliche Freiheit einschränken.

Da mutiert er sofort zu einem Schreckgespenst: zum mündigen Bürger.

Der lässt sich nichts sagen, ist gegen Tempolimit, Fahr- und Parkverbote und zieht bei Nachbarschaftsstreitigkeiten gerne vor Gericht. Einfach mal einlenken, weil der andere berechtigte Gründe hat, das geht nicht. Da steht sofort die Freiheit auf dem Spiel.

Und so hält er es auch mit dem Übergewicht.

 

Nur die Minderheit kann nichts für ihr Übergewicht

Fetter Mann in blauem T-Shirt mit Glas Bier und Fernbedienung in der Hand

Auf seine Feierabendrituale lässt der Deutsche nichts kommen.

Weniger essen, um nicht aus dem Leim zu gehen? Auf keinen Fall.

Sich zurückhalten bei Bier, Currywurst, Pommes-Mayo, Kuchen? Man gönnt sich ja sonst nichts. Abnehmen, weil man schon zu fett ist? Unmöglich, bei dem Stress.

Natürlich sind hier nicht die gemeint, die für ihre Korpulenz nichts können – Menschen mit Krankheiten, auch psychischen.

Oder Leute, die schon als Kinder dick waren, Patienten, die Medikamente nehmen müssen, Kinder, die von ihren Eltern vollgestopft und sonst wenig beachtet werden.

Das ist aber die Minderheit. Wir wiederholen: Das ist die Minderheit.

Die Mehrheit war noch als junge Erwachsene bis etwa 25 oder 30 normalgewichtig bis schlank. Mit steigendem Lebensalter ändert sich das: Zwei Drittel der Erwachsenen nehmen zwischen dem 25 und dem 50 Lebensjahr 11 bis 20 Kilo zu, Tendenz im Alter steigend.

Das ist nicht naturgegeben: Ursprünglich lebende Jäger- und Sammlervölker halten ihr Gewicht nach der Pubertät weitgehend.

 

Noch nie war Deutschland so dick

Anders in der modernen Welt. Hier betrachtet man die Speckrollen des Erwachsenen als Schicksal. Daher sieht man Männer um die 50, die trotz Riesenwampe nicht auf ihre drei bis fünf Feierabendbiere verzichten wollen. Und Frauen, die mit 30 Kilo Übergewicht davon reden, dass sie stolz auf ihre Kurven sind, aber das Sodbrennen nicht in den Griff kriegen, weshalb sie den Arzt wechseln wollen.

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Der Befund ist erschütternd: Noch nie gab es in Deutschland so viele Übergewichtige und insbesondere Fettleibige, also Leute mit schwerem Übergewicht über Body-Mass-Index 30 (abgek. BMI 30, rund 18 Kilo über Normalgewicht).

Das Problem ist so gravierend, dass die Normalgewichtigen schon in der Minderzahl sind, wie die DGE 2017 bekanntgab:

In der Altersklasse der Berufstätigen ist das Dicksein heutzutage so weit verbreitet, dass es keine Ausnahme mehr darstellt, sondern der Normalzustand ist.

Männer sind besonders häufig zu dick: Am Ende ihres Berufslebens sind 74,2 % übergewichtig. Bei den Frauen im gleichen Alter sind es 56,3 %.

(Quelle: 13. DGE-Ernährungsbericht von 2017).

 

Da ist nichts versteckt

Der „versteckte Zucker“ in Grillsaucen und Sauerkraut ist daran nicht schuld. Das zeigen die Zahlen dazu, was erwachsene Deutsche im Schnitt täglich verputzen, an Süßwaren, Kuchen oder Schokolade, zum Beispiel,

Nachzulesen ist das in der Nationalen Verzehrsstudie (NVS): Zum Beispiel gönnen sich die mündigen Bürger jeden Tag 50 bis 60 Gramm Süßigkeiten, das sind mindestens 300 überflüssige Kalorien am Tag.

Plus Bier. Plus Kuchen. Plus Saft, Limo und Cola. Plus Eis, gerade im Sommer so erfrischend, mal zwischendurch. Da kommt ganz schön was zusammen, was weder nötig noch „versteckt“ ist.

Zwar gibt es einen erheblichen Teil von Dicken, die nicht so viel Süßes essen. Sie halten sich an Brot, Wurst, Nudeln, Pommes und andere herzhafte Genüsse, wozu das heilige Bier immer am besten passt. Aber es hilft ja nichts – auch die müssten bereit sein, ihre Gewohnheiten zu überdenken.

Was sie nicht sind. Und da liegt der Hase im Pfeffer.

 

10 Regeln der DGE: Keine klare Ansage zum Gewicht

Die DGE beklagt das schon seit Jahren und Experten wissen es: Viele Menschen sind einfach nicht dazu bereit, ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern, selbst wenn sie erheblich zunehmen.

Daher sollte man – Stichwort mündiger Bürger – mit ihnen Tacheles reden: Es braucht eine klare Ansage gegen Übergewicht, zum Beispiel von der DGE.

Doch ausgerechnet die obersten Ernährungshüter, die der ganzen Welt eine fade Körnerkost verordnen wollen, eiern in ihren Vorschriften herum: Keine einzige der 10 DGE-Regeln für vollwertige Ernährung widmet sich konzentriert dem Problem Übergewicht.

Dabei sollen diese einfachen Richtlinien doch „dem Verbraucher“ helfen, also allen; und sie sollen für jedermann verständlich sein. Deshalb wurden sie gerade umständlich überarbeitet. Nur fehlt die klare Positionierung zur größten Falle beim Essen: zum Zuviel. Selbst an den Stellen, an denen von Genussmitteln und gesüßten Getränken die Rede ist, wagt die DGE nur vorsichtig zu erwähnen, dass sie „das Risiko für Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 erhöhen.“

Dass Menschen nicht dick werden sollen und Übergewicht aktiv vermeiden müssen, steht nirgendwo.

Auch nicht in der letzten Regel, der Nr. 10. Da ist zwar die Rede vom Gewicht, aber ganz vage. Der Text dazu dreht sich um den Zusammenhang von Ernährung mit Bewegung und besagt im Kern nur, dass Bewegung gesund ist.

Als ob der mündige Bürger das nicht längst wüsste.

 

Zu allgemein – und Thema verfehlt

Hier die Kurzfassung:

Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben

Vollwertige Ernährung und körperliche Aktivität gehören zusammen. Dabei ist nicht nur regelmäßiger Sport hilfreich, sondern auch ein aktiver Alltag, indem Sie z. B. öfter zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren.

Schon die Überschrift ist so unklar wie platt. Außerdem steht sie in keinem erkennbaren Zusammenhang zu dem Text darunter. Der lässt das Thema Gewicht und Überernährung gleich ganz weg, um möglichst wenig konkret von „körperlicher Aktivität“ zu schwurbeln. Thema verfehlt – zumal ein irgendwie gesunder Alltag eigentlich nicht ins Aufgabengebiet der DGE fällt.

Und was soll das überhaupt heißen, auf das Gewicht achten? Um welches Gewicht geht es denn, vielleicht das Wohlfühlgewicht? Soll man daher einfach so bleiben, wie man gerade ist? Warum schreiben die Ernährungshüter so windelweich?

Es gibt noch eine Langfassung, ganz neu, von Juli 2018. Darin findet sich eine Abhandlung über den gesundheitlichen Segen von Bewegung im Allgemeinen. Ohne Zusammenhang zählen die Verfasser am Ende noch die Folgen von Übergewicht und Untergewicht auf, und zwar gleichwertig.

Wir finden das bemerkenswert. Denn die Mageren stellen in Deutschland nur eine winzige Minderheit, es sind nur etwa vier Prozent der Bevölkerung. Dagegen ist der Anteil der Übergewichtigen so hoch – über zwei Drittel aller Männer, die Hälfte der Frauen – dass die Kosten dafür demnächst unser Gesundheitssystem sprengen.

Das ist nicht verhältnismäßig.

 

Die Angst der Fachleute vor dem Text

Dicke Frau in Badeanzug am Strand

Übergewicht: Die meisten könnten etwas tun.

Daher wäre es gut, Farbe zu bekennen und den mündigen Dicken sowie allen Erwachsenen in den 10 Regeln eine klare Ansage zu geben.

Wir schlagen also vor, dass die Regel neu geschrieben wird.

Und wenn die DGE es nicht macht, dann muss Quarkundso.de mal wieder einspringen.

Wir hatten das ja schon. Das war bei der DGE-Regel Nr. 7, der Trinkregel, Link steht unten. Die haben wir im Sommer 2017 exemplarisch umgeschrieben, als Fingerübung Challenge, und auch als kleines Beispiel für, nun ja, Interessierte.

Knapp drei Wochen später stand auf der DGE-Homepage eine neue Trinkregel Nr. 7, die unserer Fassung auffallend ähnelte.

Den Trick versuchen wir jetzt nochmal. Es ist ja für einen guten Zweck, und vielleicht ist dieses Jahr auch die Zahlungsmoral der DGE besser (bitte oben auf das Sparschwein klicken, vielen Dank).

Was das Problem haben wir 2017 schon benannt: Es waren Fachleute am Werk. Also Ernährungswissenschaftler.

Die stehen unter dem Zwang, sämtliche Eventualitäten zu bedenken, den ganzen komplexen Sachverhalt abzubilden und bei Adam und Eva anzufangen. Also bei Ernährung und Bewegung, nicht zu vergessen das Untergewicht.

Ihre größte Angst ist, dass man ihnen Nachlässigkeit oder Unvollständigkeit vorwirft, weil sie wichtige Einzelfälle nicht erwähnt oder sich absolut geäußert haben, wo es doch Ausnahmen gibt. Klar und prägnant können sie deshalb nicht schreiben. Stattdessen operieren sie mit abstrakten Phrasen, in die alles reinpasst.

 

Man muss Prioritäten setzen

Da sind wir von Quarkundso.de ganz anders. Wir gehen beherzt zur Sache: Was ist das große Problem unserer Zeit bei der Ernährung? Übergewicht.

Also muss das eindeutig rein, schon in den Titel. Alles andere ist untergeordnet, zum Beispiel die winzige Randgruppen der Dünnen mit Body-Mass-Index unter 18,5.

Wir wollen aber auf keinen Fall hartherzig sein. Die Belegschaft der Fachabteilung steht nämlich schon händeringend vor unserem inneren Auge, voller Angst, dass nicht alles, alles in der Regel drin ist.

Keine Sorge, wir lassen uns was einfallen.

Fangen wir mit der Überschrift an. Die muss klar sein, und sie muss die ansprechen, um die es geht: die Erwachsenen, insbesondere die jungen Erwachsenen. Der ängstlichen Fachabteilung zuliebe natürlich auch alle anderen Menschen. Selbst das geht, wenn man das alte Wischiwaschi durch eine eindeutige Aufforderung ersetzt. Die sieht so aus:

Halten Sie Normalgewicht und bewegen Sie sich viel!

Noch Fragen? Sicher nicht, denn mit „Normalgewicht“ ist alles gesagt: Übergewicht und Wampe verbieten sich damit ebenso wie Abmagern.

Dieser neue Titel bietet eine sehr einfache, eindeutige Richtlinie für den Alltag, für jedermann – und für den Rest des Lebens. Großzügig und realistisch ist sie auch noch, denn sie enthält die ganze Spannbreite der BMI-Skala von BMI 18,5 bis 25. Eine Frau von 1,70 Körpergröße kann demnach zwischen 55 und 71 Kilo wiegen, ein Mann von 1,82 zwischen 66 und 84 Kilo. Das lässt für alle Körperbautypen genügend Spielraum.

 

Die neue Regel 10 zum Körpergewicht

Unser neuer Kurztext präzisiert das. Dabei setzen wir dieselben Prioritäten: Der wichtigste und häufigste Fall kommt nach vorne, das ist das Übergewicht. Das Allgemeine steht hinten.

Halten Sie Normalgewicht und bewegen Sie sich viel!

Vermeiden Sie Übergewicht. Wenn Sie zunehmen, steuern Sie aktiv gegen. Sprechen Sie bei Übergewicht mit Ihrem Arzt. Auch Untergewicht ist gesundheitsschädlich. Gut ist auf jeden Fall Bewegung – vollwertige Ernährung und Bewegung gehören zusammen.

Damit ist alles gelöst: Das Thema aus dem Titel taucht im Text wieder auf, das Übergewicht ist prominent und Untergewicht wird mit abgefrühstückt, damit das Fachreferat keinen Verweis bekommt.

In der Langfassung könnte man dann noch allerlei erklären: zum Beispiel den BMI-Spielraum für Normalgewicht, oder warum Menschen ab etwa dem 25. Lebensjahr ihre Ernährungsgewohnheiten an den langsameren Stoffwechsel anpassen müssen.

Wie wir die DGE kennen, wird sie die Vorlage von Quarkundso.de natürlich gleich retuschieren. Vor allem, indem sie die Überschrift abschwächt und in ihren geliebten Infinitiv umwandelt: „Normalgewicht halten und in Bewegung bleiben“. Bloß kein Ausrufezeichen, sowas klingt nach Befehl!

Die DGE ist lieber sanft im Ton, das soll den mündigen Bürgern vortäuschen, dass sie nicht so streng ist, alles ganz lieb meint und auf keinen Fall irgendjemandem Vorschriften machen will.

In Wahrheit ist das natürlich ganz anders, im Land der Schulmeister, und gerade bei der DGE.

Vor allem aber bei Quarkundso.de. Wir meinen es ernst und sind besonders streng: Wer im Erwachsenenalter unbändig zunimmt, muss aktiv etwas dagegen tun. Wie mündige Bürger das angehen können, davon handeln die nächsten Folgen.

©Johanna Bayer

HINWEIS: Bitte vor dem Kommentieren die Kommentarregeln durchlesen. Sie stehen im Impressum und auf der Seite „Was soll das?“. Die Regeln betreffen unsachliche, beleidigende und anonyme Kommentare. 

Ganz neu: Die 10 Regeln der DGE zur „vollwertigen Ernährung“

Unser Vorschlag zur Trinkregel Nr. 7 von Juli 2017 , danach hat die DGE den Text geändert.

Lokaltermin: Alpine Esskultur im Savoy Schwabing

 

Das Savoy in München-Schwabing hat Blogger zum Testessen eingeladen. Wir treffen auf ein Konzept, das den Spagat zwischen Gemütlichkeit für Nachbarn und gehobener Alpenküche wagt. Highlights: Ein Küchenchef, der beherzt mit Gewürzen umgeht und Weine quer durch die Alpen von Slowenien bis Frankreich.

Alpenküche ist immer gut. Sie macht satt, zufrieden und ist erstaunlich vielfältig. Eine sichere Bank, selbst ohne Knödel-Klischee. Im Savoy präsentieren Stefan Schmalschläger und Küchenchef Michael Meyerhof jetzt eine moderne Variante der alpinen Kulinarik, gepaart mit einer Prise New York.

Von dort hat sich Besitzer Schmalschläger die Inspiration für die Innengestaltung geholt: rohe Backsteinwände und dicke Rohre an den Wänden simulieren eine alte Fabrikhalle, dazu gibt es Lampen im Industriechic.

Das ist zwar weniger alpin, verhindert aber aufdringlichen Alpenkitsch mit Blümchen und Leinendecken. Früher war hier das Le Sud, eines der klassischen französischen Restaurants in München, lange eine Kultstätte. Der neue Chef Stefan Schmalschläger, früherer Besitzer des Edel-Steakhauses „Goldens Kalb“, muss sich den Kultstatus aber erst erarbeiten.

Weil er sowohl gehobene Alpenkulinarik präsentieren als auch den Nachbarn einen gemütlichen Treffpunkt bieten will, gibt es neben ambitionierten Gerichten und dem großen Menü auch Einfacheres zu vertretbaren Preisen, darunter Tatar mit geröstetem Bergbauernbrot, warmer Spinatsalat oder Wildkräutersuppe.

Backsteinwand, dicke Rohrverkleidung

Industriechick trifft auf Alpenküche: Interieur im Savoy

Alpine Jakobsmuscheln aus Knochenmark

Gehoben, aber nicht abgehoben soll es also zugehen, und die Blogger bekommen ein Degustationsmenü mit Probierportionen.

Das Konzept ist sehr streng: Die Gerichte sind alle aus regionalen Zutaten, selbst gemacht und alpin durchdekliniert. So gibt es zwar Garnelen, die stammen aber aus bayerischer Salzwasser-Zucht (!), ansonsten gibt es keine Exoten.

Stattdessen kommt alles von ausgewählten Bauern, Züchtern und Produzenten, aus der Alpenregion. Wild bezieht der Küchenchef von einzelnen Jägern, die die Tiere selbst zerlegen und direkt anliefern, es gibt ausschließlich heimische Fische wie Seesaibling, Hecht und Forelle, das Fleisch stammt von alten Rassen wie dem Murnau-Werdenfelser Rind, dem Mölltaler Glocknerlamm, einem Sulmtaler Huhn oder dem berühmten ungarischen Wollschwein, Mangalitza.

Aus Mangalitza-Fleisch ist auch die erste kleine Vorspeise: mariniertes Filet vom Mangalitza mit Roter Beete, eine Art Carpaccio, das an Thunfisch erinnern soll und daher fantasievoll „Thunferkel“ heißt.

Das ist witzig, und Prinzip des Küchenchefs, der damit nach Nose-to-Tail-Prinzip die Traditionen wieder an den Gast bringt: Neben dem experimentellen Thunferkel ist das auch eine „Alpine Jakobsmuschel“ – aus Knochenmark vom Kalb.

 

Beherzter Umgang mit Gewürzen

Vorher gibt es aber erstmal Brot mit dreierlei Aufstrich, darunter ein delikates Griebenschmalz. Auch das Brot ist selbst gebacken, und zur Freude der Chefredakteurin mit den klassischen Brotgewürzen Koriander und Kümmel aromatisiert, wie in den Bergen üblich.

Teller mit Graubrot, drei Schälchen mit Aufstrich, nah

Im Savoy ist alles selbst gemacht, auch das Brot.

Die sensiblen Geschmacksknospen von Großstädtern mit traditionellen Gewürzen zu konfrontieren traut sich allerdings kaum jemand im Flachland, daher vermerken wir das Wagnis sehr anerkennend.

Das Brot ist also authentisch, das Thunferkel originell, und die folgende Wildkräutersuppe sehr ordentlich.

Dann kommt ein Saibling auf Matjes-Art, herrlich cremig, mit Sauerrahm, Lauchzwiebeln und Ofenkartoffeln.

Hier macht sich ein wenig bemerkbar, dass der Küchenchef aus Norddeutschland stammt.

Etwas schwerer einzuordnen ist dann das, was folgt, nämlich ein süßes Zwischengericht: mit Kerbel, Koriander und Estragon gewürzte, marinierte Gurkenwürfel unter Schaum von weißer Schokolade.

Süß mitten im Menü, das muss man mögen – und das käme in den Alpen nicht auf den Tisch, weder in Österreich noch in Frankreich oder in Italien. Tatsächlich steht diese ausgefallene Kreation im Savoy sonst auf der Dessertkarte. Die Chefredakteurin von Quarkundso.de lässt die Schoko-Gurke nach höflichem Probieren diskret stehen, kann jedoch beobachten, wie die anderen Blogger begeistert ihre Gläser leer schlecken. Geschmackssache.

Aber immerhin, Mut hat er, Küchenchef Michael Meyerhof, der bei Promikoch Martin Baudrexel gelernt hat. Sein beherzter und teils experimenteller Umgang mit Gewürzen und Aromen verdient auf jeden Fall Respekt.

 

Frikadelle schlägt Bisonbraten

Beim nächsten Probierteller bewährt sich das, denn es folgt ein Fleischpflanzerl, für Nicht-Bayern: eine Frikadelle, für Berliner: Bulette. Das Pflanzerl ist ein Volltreffer, weil herrlich würzig, kernig und meilenweit entfernt von den lieblosen, schlapp gebratenen Klopsen, die im Biergarten kalten Fettrand ansetzen.

Der folgende Gang, ein Bisonbraten auf schwarzen Linsen, ist auch gut, reicht an die Star-Frikadelle aber nicht ran, auch wenn man gerade Bison nicht jeden Tag bekommt.

Beim Dessert herrscht wieder einhellige Begeisterung, es gibt Heidelbeereis mit cremiger Sauermilchmousse. Heimlich lassen wir uns noch einen zweiten Teller kommen und dazu einen Dessertwein reichen, einen Jurançon aus Südwestfrankreich. Hat auch nicht jeder auf der Karte, übrigens, und wo bekommt man schon einen Dessertwein für 4,50 das Glas?

Vorher hatte uns ein solider trockener Grauburgunder aus Baden (von der Mark) durch das ganze Menü begleitet, der Einfachheit halber – aber da geht einiges mehr. Denn was Weine und Spirituosen angeht, ist das Savoy ausgesprochen vielfältig bestückt, von der exzellent sortierten Bar bis zur Weinkarte.

Hier steckt viel Herzblut von Stefan Schmalschläger, der alpine Weine in ihrer ganzen Breite präsentieren will. Dazu hat er die Weinkarte als Weinreise von Ost nach West gestaltet, so dass man sich von Slowenien im Osten über Steiermark, Südtirol und die Schweiz bis nach Frankreich trinken kann. Wer nicht gleich flaschenweise die große Alpendurchquerung  absolvieren will, findet aber unter den offenen Weinen eine anständige Auswahl.

©Johanna Bayer

Savoy Schwabing

Impressionen vom Bloggeressen am 29.6.2018

 

Münchner Blogger-Prominenz: Petra Hammerstein von „Der Mut anderer“ und Bru vom Männerblog „Bru`s“

Bar im Hintergrund mit div. Edelspirtuosen, im Vordergrund Blumenstrauß

An der Bar gibt es alles, wirklich alles – extrem gut sortiert.

Teller, dunkelrotes Fleisch, Paprikastreifen als Garnitur, nah

Das Thunferkel als Amuse geuele: roh mariniertes Filet vom Mangalitza-Schwein – wir machen uns Notizen.

Marnierte Gurken und weiße Schokolade als – süßes – Zwischengericht: Die Blogger waren begeistert. Fast alle.

 

Der Matjes-Teller mit frischen Frühlingszwiebeln

Mann und Frau am Tisch, es ist dunkel, sie beleuchten einen Teller mit Handlampe und fotografieren.

Als das Dessert kommt, ist es im Garten ist es schon dunkel. Aber Blogger müssen Bilder machen.

 

Bas Kast und sein „Ernährungskompass“: Ist Fastfood Schuld am Herzanfall?

Eine gute Story muss sein, sonst verkauft sich ein Buch nicht. Und so beginnt „Der Ernährungskompass“ von Bas Kast mit einem Herzanfall des Autors, ausgelöst durch unbekümmertes Essen von Chips, Schokolade und Junk-Food. Sein Herz will Kast danach mit gesunder Ernährung geheilt haben – kann das sein? Ein Fall für Quarkundso.de.

 

Gemüse: Grüner Spargel, Tomaten, Avocado (aufgeschnitten), Knoblauch

Herzgesunde Ernährung: viel Gemüse ist auf jeden Fall gut.

Also, nächstes Mal geht es garantiert mit der Serie zu den echten Dickmachern weiter, versprochen.

Aber Aktuelles hat Vorrang.

Das ist schon immer so gewesen, in der Branche: Das Metier ist gierig nach Neuem.

Und unerbittlich auf der Suche nach Sensationsgeschichten, die erzählt und Geheimnissen, die aufgedeckt werden müssen.

Daher gehen wir kurz auf ein Buch ein, das im März 2018 erschienen ist und sich gerade zum Bestseller entwickelt: „Der Ernährungskompass“ von Bas Kast, Untertitel: „Das Fazit aller wissenschaftlichen Studien zum Thema Ernährung.“

Vorab: Wir haben es nicht gelesen, so weit kommt es noch. Für sowas haben wir keine Zeit.

Zum Glück hat der Autor, ein Wissenschaftsjournalist, in Stern, Focus, Zeit sowie Fernseh- und Radiosendungen seine Motivation, seine wichtigsten Aussagen und ultimative Ernährungstipps niedergelegt.

Und das erste Kapitel haben wir mal schnell durchgeblättert, das muss reichen.

 

Überflüssig und anmaßend oder bestes Buch zum Thema?

Das ganze Werk wäre sicherlich auch lohnenswert, aber dazu ist schon alles gesagt: Bei Amazon schwören begeisterte Käufer, dass sie noch nie ein besseres Buch über Ernährung gelesen haben, dass es wunderbar geschrieben ist, Aussagen und Ratschläge großartig sind und dass sie jetzt sofort ihr Leben ändern.

Kritiker nehmen den Autor dagegen ziemlich auseinander. Sie bezeichnen das Buch als enttäuschend, oberflächlich, irreführend, widersprüchlich, das Geld nicht wert oder rundheraus als anmaßend. Es gebe nichts anderes her als die 10 Regeln der DGE und biete keine einzige neue Erkenntnis.

Die Fans sind allerdings in der Überzahl, was für den Autor spricht. Schreiben kann er, und Erfahrung hat er auch: Seit 2003 hat Kast alle drei Jahre ein Buch auf den Markt gebracht, immer zu populären Themen wie Gehirn, Liebe, Kreativität. Jetzt war Ernährung dran.

Wenn dabei nur Ratschläge zu mehr Olivenöl, Gemüse und Fisch herausgekommen sind, kann das jedenfalls kaum schaden. Deshalb sagen wir dazu weiter nichts und betrachten das Grobe als erledigt. Stattdessen kümmern wir uns um die Feinheiten – um den Dreh- und Angelpunkt der Sache: die wahre Geschichte.

 

Nur eine Ursache kommt in Frage: die Ernährung

Mann in blauem T-Shirt greift sich ans Herz

Herzattacke: Schmerzen hinter dem Brustbein, Übelkeit, Schweißausbruch, und das bis zu 15 Minuten lang.

Es geht uns um einen Aspekt, der bei Bestsellern im Bereich Ernährung regelmäßig auftaucht: um die Motivation des Autors.

Kast, Jahrgang 1973, sagt dazu, dass er erst vor wenigen Jahren angefangen hat, sich für Ernährung zu interessieren.

Zuvor war er ein bedenkenloser Esser, der sich gerne mal Chips zum Abendbrot und Schokolade zum Frühstück gönnte. Gerade war er 40 und Vater geworden, als der Wendepunkt seines Leben eintrat – eine Herzattacke, ausgerechnet  beim Sport:

„Ich joggte los wie üblich, als das für mich total Unerwartete geschah. Damals hielt ich mich nämlich für fit wie ein Turnschuh. Nach kaum einem Kilometer brach ich zusammen. Ein Gefühl, als würde ich mit voller Wucht gegen eine Mauer rennen. Als packte eine stählerne Hand mein Herz und presste es fest und ruckartig zusammen. Dieser Moment war beängstigend. Und schmerzhaft.

Der Schmerz aber war bei Weitem nicht das Schlimmste. Schlimmer war diese vollkommene Machtlosigkeit. Du stehst da, hustend, atmend, und hoffst, dass es vorbeigeht: dass du diesmal noch verschont bleibst und davonkommst. Da war ich gerade 40 Jahre alt, soeben Vater geworden – und schon ein körperliches Wrack.“

(Quelle: Artikel von Bas Kast in der ZEIT)

Nach dem Schrecken zieht Kast messerscharf einen einzigen Schluss: Seine Ernährung war schuld.

 

Keine Herzprobleme mehr nach Diät

Dabei war er zuvor niemals wirklich übergewichtig, fühlte sich topfit und ist immer „sehr gerne joggen“ gegangen, hat also regelmäßig Sport getrieben. Lediglich einen kleinen, aber „hartnäckigen Schwimmring aus Speck“ um den Bauch hatte er angesammelt, doch hat er weder geraucht noch viel Alkohol getrunken.

Durch den Herzanfall sah er sich jedoch mit einer „existenziellen Frage konfrontiert“:

„Hatte ich mit meiner Junkfood-Diät meine Gesundheit ruiniert? Was würde geschehen, falls ich so weitermachen würde? … Das Ziel war klar: Ich wollte mich selbst heilen. Wieder fit werden. Dem unausweichlichen Altern die Stirn bieten. Für meine Herzprobleme lag in meinem Fall keine andere Erklärung näher als eine seit Jahren unüberlegte Ernährung.“

Kast stellt seine Ernährung um – weniger Fleisch und Zucker, mehr Fisch, Gemüse, Vollkorn, Hülsenfrüchte, kein Fertigfutter. Und er arbeitet sich durch Tausende von Studien zur Ernährung, „20 bis 30 am Tag“. Zwecks Selbstheilung.

Nach drei Jahren, sagt er, hatte er die gesamte Forschungslage durchdrungen und das Buch geschrieben. Die Herzanfälle seien inzwischen vollständig verschwunden, und der kleine Speckgürtel am Bauch ist auch weg.

So weit die Story.

 

Erlöst durch Essen

Nun kann kein Mensch innerhalb von drei Jahren alle Ernährungsstudien analysieren und die komplette Forschungslage durchdringen, oder, wie der SWR über Bas Kast schreibt, “auswerten“. Gestandene Professoren brauchen dafür 15 bis 20 Jahre und verstehen die komplizierte Statistik und Methodik trotzdem nur teilweise.

Doch darum geht es hier nicht. Ein populäres Sachbuch ist ja keine Wissenschaft. Es geht um diese Story, die Wende durch den Herzanfall.

Wir kennen sie als funktionierendes Geschäftsmodell: Menschen, denen Essen früher total egal war, die Junk-Food in sich reingestopft haben, vielleicht sogar essgestört waren und null Wert auf Qualität legten, wenden sich urplötzlich der „richtigen Ernährung“ zu.

Der Grund: ernsthafte Gesundheitsprobleme.

Dann geht alles ganz schnell: Ernährung umgestellt, jetzt gesund, schön, fit – und ab sofort Botschafter des guten Geschmacks und der eigenen Lehre. So war es bei Schauspielerin Gwyneth Paltrow oder Supermarkt-Erbin Ella Woodward („Deliciously Ella“). Manche werden Kochbuchautor und Fitness-Coach wie der Veganer Attila Hildmann, laut SZ sogar gleich ein „Ernährungsexperte“.

Wir hatten das Thema schon 2015 am Wickel, in einem Beitrag über die VOX-Kochshow „Das perfekte Promidinner“.

 

Ein bekanntes Strickmuster

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Die meisten Gesundheitsaussagen, die solche Protagonisten vergeben, sind nichts Besonderes, oft sogar völliger Quark.

Aber die Erlösungsgeschichten ziehen. Sie holen die Menschen in dem ab, was sie selbst erleiden, hoffen oder fürchten – Krankheiten, Herzinfarkt, o je, und Chips esse ich auch!

So fühlen sie mit und lassen sich von Geschichte und Botschaften überzeugen. Die Erlösungsgeschichte ist daher ein beliebtes Erzählmuster, modern als „Storytelling“ bezeichnet.

Bas Kast, ausgebildeter Journalist, weiß das natürlich. Daher erwähnt er in einem Fernsehinterview mit dem SWR den dramaturgischen Fachbegriff „Fallhöhe“: vorher ganz oben, dann mit Karacho ganz nach unten (die Herzattacke), dann, nach Prüfungen, Lektionen und ernsthaftem Ringen, wieder rauf in ungeahnte Höhen.

Dabei ist die große Frage, ob alleine das Essen die Verwandlung bewirkt hat.

Die meisten Promis und Food-Protagonisten ändern nämlich außer dem Essen ziemlich viel: Sie treiben Sport, nehmen ab, kündigen ihren Job, lassen sich scheiden oder operieren, ziehen um, machen eine Psychotherapie, nehmen Medikamente oder setzen sie ab.

 

Wie war es wirklich?

Der Bericht vom Herzanfall und die Folgerungen, die Bas Kast daraus gezogen hat, werfen entsprechende Fragen auf: Ist es plausibel, dass der Autor sein Herz mit Junk Food ruiniert hat? Dass nur das Essen am Herzanfall schuld ist?

Sollten Menschen nach einer beängstigenden Herzattacke einfach auf eigene Faust an der Ernährung rumschrauben, um sich selbst zu heilen? Geht das überhaupt – kann man Herzprobleme durch Ernährung beseitigen?

Das ist natürlich ein gefundenes Fressen für das Investigativ-Ressort von Quarkundso.de. Die wittern eine Geschichte hinter der Geschichte. Des Pudels Kern. The Beef. Dann verbeißt sich dieses Geschwader in die Sache, bis Blut fließt.

Die Truppe reitet auch jetzt der Teufel, bei Bas Kast: Wie sollen Chips und Schokolade das Herz ruinieren? Bei einem sonst gesunden, relativ jungen, relativ fitten Mann, nicht dick, kein Raucher? Was steckt hinter dem Herzanfall?

Zahlen, Studien, physiologische Mechanismen und alles, was man über die Folgen von Chips und Schokolade in Kombination mit Normalgewicht und regelmäßigem Sport weiß, sagen nämlich, dass so ein Herzanfall zwar bei einem sonst gesunden jungen Mann auftreten kann.

Aber er kommt nicht einfach vom Essen.

 

Herzstillstand beim Sport: Es trifft Hunderte jedes Jahr

Reihe Männer beim Dauerlauf, in Sportkleidung und mit Startnummern

Herzanfall beim Sport ist häufiger bei Männern.

Die Investigativ-Abteilung hat dazu ein internes Dossier angelegt und der Chefredaktion triumphierend auf den Tisch geknallt.

Darin stehen brisante und geheime Fakten zum Herzanfall beim Sport: Tatsächlich treffen Herzattacken und der plötzliche Herztod jedes Jahr Hunderte von Männern – scheinbar gesunde, auch junge und oft gut trainierte Sportler.

Die Betroffenen hatten vorher nie nennenswerte Probleme, zumindest kam es ihnen so vor.

Dann aber fallen sie plötzlich um: beim Straßenrennen wie der belgische Radfahrer Michael Goolaerts, 23 Jahre alt. Im Olympia-Trainingslager unter der Dusche, wie der norwegische Schwimmer Dale Oen, 26.  Auf dem Spielfeld wie der Fußballer Miklós Fehér, 25 Jahre, der vor laufender Kamera am Herzstillstand starb.

Die Ursache sind unerkannte Herzkrankheiten, darunter Herzrhythmusstörungen, Kammerflimmern, Entzündungen des Herzmuskels, Veränderungen der Arterien, angeborene Herzfehler oder ein erblich stark erhöhter Cholesterinspiegel.

Dazu kommt ein typischer Auslöser: hohe oder ungewohnte Belastung, zum Beispiel Trainingsanfang im Frühjahr, Stress oder ein großer Wettkampf. Das gilt auch für Freizeitsportler. Die Sportarten, bei denen es die meisten Amateure trifft, sind übrigens Joggen und Fußball.

Das Thema ist in der Medizin so wichtig, dass es dazu sogar ein Stichwort bei Wikipedia gibt. Dort steht unter „Plötzlicher Herztod“:

Wie auch allgemein beim plötzlichen Herztod müssen drei Komponenten aus struktureller Herzerkrankung, Arrhythmie-Mechanismus und vorübergehendem Auslöser zusammenkommen.

Und weil man sich darum Sorgen macht, speziell bei Sportlern, führen Mediziner an der Universität Saarbrücken ein Herz-Register eigens für den plötzlichen Herztod, unter dem englischen Namen „Sudden Cardiac Death“. Dort liest man:

Ungewohnt hohe Belastungsintensitäten erhöhen das relative Risiko eines plötzlichen Herztodes vor allem bei Freizeitsportlern mit schlechtem Trainingszustand bzw. Wiedereinsteigern um ein Vielfaches. (…) Die Häufigkeit plötzlicher Herztodesfälle bei jungen Sportlern wird mit 0,5 bis 3 pro 100.000 und Jahr angegeben und steigt ab dem 35. bis 40. Lebensjahr an. Das Risiko eines plötzlichen Herztodes ist abhängig vom Geschlecht (in 90% sind Männer betroffen), vom Alter (am häufigsten bei 40- bis 50-Jährigen) und von der Belastungsintensität (höheres Risiko bei höherer Belastungsintensität).

 

Typisch: Herzstolpern ignoriert

In vielen Fällen gibt es frühe Anzeichen wie gelegentliches Herzstolpern, also Herzrhythmusstörungen. Aber die Betroffenen nehmen sie nicht ernst und das Problem bleibt unerkannt.

Was auch immer es bei Bas Kast war, außer den Chips zum Abendessen – Herzstolpern hatte er vorher, und ignoriert hat er es auch.

Das offenbart er in dem SWR1-Radio-Interview. Weiter geht er darauf nicht ein, sonst funktioniert die Story im Buch nicht, und um das Buch dreht sich die Sendung.

Ärzte wiederum haben Schweigepflicht – sicher war Bas Kast nach dem beängstigenden Herzanfall beim Arzt? Nein, sagt er im Radio-Interview. Nach dem Ereignis, das er als „angina pectoris“ einordnet – Vorbote des Herzinfarkts – will er nichts unternommen haben, zumindest „erstmal“.

Wenn die Geschichte mit der Herzattacke wahr sein sollte, ist das extrem unwahrscheinlich.

In seinem Buch berichtet Kast sogar von nächtlichen Herzkrämpfen, die ihn in Panik aufwachen ließen. Da geht jeder normale Mensch zum Arzt, erst recht ein Wissenschaftsjournalist, der noch dazu studierter Biologe und Familienvater ist.

Man muss da auch hin, zum Arzt. Alles andere ist lebensgefährlich.

In einem Fernsehinterview mit dem SWR-Magazin Odysso lässt Kast dann auch durchblicken, dass er einen Mediziner konsultiert hat. Es geht dort gerade um seine Recherchen zum Thema Bypass, er war davon „im Innersten betroffen“, sagt er. Es gab wohl doch eine Diagnose.

Dass er die nicht öffentlich breit tritt, kann man ihm natürlich nicht übelnehmen.

 

Koronare Herzkrankheit ab 35

Aber was könnte bei einer – möglichen – Untersuchung herausgekommen sein? Neben angeborenen, unbekannten Herzfehlern oder Anomalien zum Beispiel eine koronare Herzkrankheit, KHK, mit verengten Herzkranzgefäßen, eine satte Atherosklerose. Da droht der Bypass, von dem Kast in der Sendung Odysso spricht.

Die Diagnose ist gar nicht so selten bei Männern über 35, wenn sie ein paar Risikofaktoren haben, zum Beispiel eine erbliche Belastung und einen genetisch erhöhten Cholesterinwert, oder eine unerkannte Fettleber. Die KHK ist auch der häufigste Grund für den plötzlichen Herzstillstand beim Sport in dieser Altersgruppe.

Spannend wäre es zu erfahren, was der Arzt dazu gesagt hat. Wohl kaum: „Oh, das liegt daran, dass Sie abends Chips und morgens Schokolade gegessen haben – jeder weiß doch, dass man davon einen Herzinfarkt bekommt!“

Eher war es so etwas in der Richtung, dass die KHK wohl schon länger bestanden hat, wenn es zu so gravierenden Anfällen kommt, sogar nachts im Schlaf, und dass der Patient wohl genetisch ein paar Risikofaktoren hat.

Und dass man bei Herzrhythmusstörungen, koronarer Herzkrankheit und anderen Herzproblemen beim Sport aufpassen und nach der Winterpause sehr langsam und vorsichtig mit dem Joggen anfangen sollte.

Zufällig war es auch „ein Frühlingsabend“, als das Herz von Bas Kast streikte.

 

Herzgesunde Ernährung kann helfen – aber nicht heilen

Mit Essen lässt sich das Grundproblem aber nicht ohne Weiteres beseitigen – eine Herzkrankheit, der erblich erhöhte Cholesterinspiegel, eine angeborene Anomalie, eine schwere Verkalkung. Manchmal steht eine Operation an, in der Regel gibt es Medikamente: Beta-Blocker, Blutverdünner, Blutdrucksenker, Fettsenker wie Statine.

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Mit Ernährung kann man nur das Risiko für weitere Herzanfälle und den tödlichen Infarkt verringern. Man kann zum Beispiel erreichen, dass – sicherheitshalber – wenigstens der Blutfettspiegel leicht sinkt.

Herzpatienten sollten sich dazu „herzgesund“ ernähren, nachlesen kann man das bei Ärzteverbänden oder der Herzstiftung. Aber auch dabei ist klar, dass der Cholesterinspiegel durch eine Ernährungsumstellung nur um ein paar Prozent sinken kann. Der Rest ist hausgemacht, eine Gen- und Stoffwechselfrage.

Heilen kann man das Herz mit Ernährung also nicht einfach so. Das sollte man daher auch nicht suggerieren.

Wenn überhaupt, lässt sich eine Verkalkung der Herzkrankgefäße nur in einem sehr frühen Stadium beeinflussen.

 

Fragwürdiges aus Esoteriker-Kreisen

Kast aber erklärt im ersten Teil seines Buches, dass sich schwere Herzprobleme durch Ernährung geradezu in Luft auflösen – sich nicht nur lindern, sondern sogar „rückgängig machen“ lassen.

Als Beleg dafür zitiert er ausgerechnet einen gewissen Dr. Esselstyn, und setzt Befunde aus dessen Arbeiten ins Bild: Durch vegane Diät soll eine massive Verkalkung in einer Arterie verschwunden sein.

Dr. Caldwell Esselstyn, oft zitiert in homöopathischen, veganen und naturheilkundlichen Kreisen, ist leider nicht die beste Quelle. Denn ebenso oft wie bei den Esoterikern taucht Esselstyn bei Skeptikern, Kritikern und Journalisten als Beispiel für „Junk-Science“ auf – Schrott-Wissenschaft. Gefälschtes, getrickstes Zeug, unsaubere Designs von Studien, deren Ergebnis von vornherein feststand.

Wir gehen mal davon aus, dass Bas Kast, renommierter Wissenschaftsautor, das später in seinem Buch noch einordnet. Hoffen wir. Vorne hat er keine Hemmungen und verspricht Wunder – diese beiden Seiten aus dem ersten Teil des „Ernährungskompass“ hat das Investigativ-Ressort mit versteckter Kamera in einem Buchladen aufgenommen. Wir lassen das mal so stehen.

Buchseiten

Buchseiten aus dem  Ernährungskompass, Einführung: Selbst schwere, lebensbedrohliche Herzkrankheiten können durch Ernährung rückgängig gemacht werden, auch im Fall eines Patienten mit drei Bypässen.

Buchseiten

Bilder aus den Arbeiten von Caldwell Esselstyn als Beleg. Die Anmerkungen Nr. 9, vorige Seite unten, und Nr. 10, diese Seite oben, verweisen auf Esselstyn.

 

Herzinfarkt: Größter Killer ist Rauchen

Die  seriöse Forschung gibt jedenfalls bislang nicht her, dass spezielle Ernährungsformen das Problem der koronaren Herzkrankheit zum Verschwinden gebracht und die Kardiologie revolutioniert haben.

Es ist vielmehr so: Warum sich bei einer Atherosklerose die Wände der Adern krankhaft verändern, wissen Mediziner nicht genau. Entzündungen spielen eine Rolle, bestimmte Immunfaktoren.

Klar ist nur, dass die Verkalkung gar nicht innen beginnt, dort, wo die Gefäßwand Kontakt mit dem Blut hat und wo sich etwas ablagern könnte. Sondern tief in den Wänden der Adern, möglicherweise sogar an ihrer Außenseite.

Ernährung oder einzelne Lebensmittel sind dafür nicht die stärksten Risikofaktoren – der größte Gefäßkiller ist Rauchen. Es folgen Bewegungsmangel und Übergewicht. Letzteres bringt einen ganzen Strauß von weiteren Risikofaktoren mit: Bluthochdruck, Diabetes, hohen Blutzucker, erhöhte Blutfettwerte, Entzündungen.

Nun gibt es Leute, die werden von Chips dick, andere von Süßigkeiten, Säften und Limos, Kuchen, Bier oder Schweinshaxen. Soll heißen: Das Übergewicht an sich ist gefährlich für das Herz. Nicht, wodurch man es sich angefressen hat.

Bas Kast aber war weder übergewichtig noch Raucher oder ein Faulenzer, der keinen Sport trieb.

 

So herum wird ein Schuh draus

Plausibler ist die Story mit dem Herzanfall daher so: Herzproblem ist da und unerkannt, Anzeichen werden ignoriert. Dann joggt Kast nach dem Winter in schlechtem Trainingszustand – Herzattacke. Fortan will er Schlimmeres verhindern, wie einen Infarkt oder eine Bypass-Operation. Dazwischen war er beim Arzt.

Dessen Ratschläge befolgt er, und selbst will er auch etwas tun. Ob er Medikamente einnimmt oder nicht (die meisten nehmen sie), auf jeden Fall erscheint ihm Essen als die Stellschraube, an der er als Patient am ehesten drehen kann.

Deshalb stürzt er sich in die Recherche und schreibt sie gleich als Buch auf. Sein Verlag jubelt, weil die Story so emotional und authentisch wird. 

Die gute Nachricht dabei ist: Mit ein paar Chips und etwas Schokolade kann ein gesunder, normalgewichtiger Nicht-Raucher sein Herz nicht einfach ruinieren.

Trotzdem sollte man sich vernünftig ernähren, wegen des Herzens, aber auch sonst. Daher ist gegen einen Ernährungskompass, der die 10 Regeln der DGE und der herzgesunden Ernährung wiedergibt, nichts zu sagen.

Aber Leute, die beim Joggen oder gar im Schlaf Herzkrämpfe kriegen, sollten lieber schnell zum Arzt.

©Johanna Bayer

Artikel von Bas Kast über sein eigenes Buch in DIE ZEIT

Radio-Interview mit Bas Kast im SWR

Bericht des Wissenschaftsmagazins Odysso im SWR über Bas Kast und sein Buch