Archiv der Kategorie: Bad Taste – einfach schlecht gemacht

Miese Rezepte und primitive Küchentipps

Küchenzeile: Spargel. Mit Sauce hollandaise. Und ohne Erdbeeren!

In der Reihe „Küchenzeile“ gibt es immer mal was Saisonales. Das lockert auf, schließlich beginnt bald die Serie zu den wahren Dickmachern. Da gönnen wir uns vorher ganz was Leichtes – also Spargel mit Sauce hollandaise, dem berühmt bekömmlichen Butter-Ei-Schaum. Dazu gibt es jede Menge Service, Links zu Anleitungsvideos, Rezeptanalysen, und die Ermutigung zum Selbermachen. Aber auch ein unbeirrbares Fazit: Von Obst im Essen, Kreationen mit Karamellsauce sowie Hollandaise aus der Packung raten wir ab. Aus Gründen.

 

Eigentlich wollte ich mit meiner Serie zu den wahren Dickmachern anfangen, wie im letzten Beitrag angekündigt.

Die Leser erwarten schließlich, dass Quarkundso.de Wort hält, anders als die anderen.

Aber das wird wieder so schwere Kost – schmerzhafte Analysen, bittere Wahrheiten und unabsehbare Folgen, nicht nur für das Leben jedes Einzelnen, sondern auch für Wirtschaft und Gesellschaft.

Machen wir uns vorher also ein bisschen locker.

Dazu ist was Saisonales schön, wie letztes Jahr beim Gurkensandwich. Und Saison hat jetzt der Spargel.

 

Spargel ist deutscher als Sauerkraut

Spargel, das ist eine deutsche Liebesgeschichte, wie sie unerwarteter nicht um die Ecke kommen kann.

Denn eigentlich mag der Deutsche kein Grünzeug. Schon gar keines mit Bittergeschmack, wie Rosenkohl, Brokkoli oder gar Radicchio und Endivien. Wenn es den ersten Spargel gibt, vergisst er das aber.

Denn Spargel essen alle.

Ab April dreht das Land schier durch und es gibt kaum ein besseres Restaurant, das zwischen April und Ende Juni keine „Spargelkarte“ führt.

Wahrscheinlich ist der Spargel, von Goethe zum „König der Gemüse“ geadelt, schon längst typischer für Deutschland als Sauerkraut. Im gesamten europäischen Umland gibt es keine vergleichbare Spargel-Anbetung, zumal nicht für die weißen Stangen. Wenn, dann isst man die grünen, ohne großes Brimborium, als ein Gemüse unter anderen.

In Deutschland sorgen stattdessen blasse Spargelsorten für einen kollektiven Rausch und besondere Nationalgefühle. Denn Gourmets und Hausfrauen halten ihrem regionalen Anbaugebiet die Treue: in Bayern muss der Spargel aus Schrobenhausen kommen, in Baden-Württemberg aus Schwetzingen, in Köln aus Bornheim, im Norden aus Diepholz, Walbeck oder Beelitz.

Daher ist der Spargel das am häufigsten angebaute Freilandgemüse in Deutschland, man glaubt es kaum.

 

Spargel-Esser: eine kleine Typologie

Beim Essen gibt es aber verschiedene Lager: Die Bürgerlichen schätzen vor allem üppige Beilagen, von so ein bisschen Gemüse wird man ja nicht satt.

Außerdem will dieser Typ sehen, was er für sein Geld bekommt. Ein einziger überladener Teller ist ihm lieber als portionsweises Essen in mehreren Gängen, wie es die Franzosen und Italiener machen.

Der deutsche Wirt erweist sich nur als vertrauenswürdig, wenn er zum Spargel möglichst viel auf den Teller schichtet. Die Spargelkarten präsentieren sich also mit soliden Garnituren: Schinken gekocht oder geräuchert, Schnitzel paniert oder natur, Schweinefilet, Lenden- oder Rumpsteak, Bratwurst, Lachs, Zander, gegrillte Gambas.

Den unmittelbaren Gegensatz dazu suchen die Puristen: Sie erlauben nur zerlassene Butter oder eine Sauce hollandaise, und höchstens ein oder zwei Kartoffeln. Und der Spargel hat seinen Star-Auftritt als eigener Gang.

Die dritte Gruppe sind die fröhlichen Mampfer.

Bis zum 24. Juni wollen sie so oft wie möglich Spargel unterm Messer haben und stellen mit den Stangen alles Mögliche an: gratiniert, mit Käse überbacken, auf Flammkuchen, eingerollt in Schinkenspeck und dann gegrillt, als Salat, mit gekochtem Ei und Vinaigrette drüber, Spargelcremesuppe, Spargel-Bruschetta, Spargel-Auflauf, Spargel-Omelette, Spargel auf Rührei oder, Achtung, Spargel-Pizza mit Teig aus Magerquark (Tim Mälzer).

 

Gemüse mit Obst – warum?

Die seltsamste Entwicklung in all diesen Rezepten für die unbefangenen Spargelfans ist dabei die Kombination von Spargel mit Obst: Spargel mit Orangensauce, Spargel mit Orangen-Mohn-Sahne-Sauce, Spargel mit Vanille (Fernsehkoch Andreas Geitl im Bayerischen Rundfunk), Spargel mit Honigmelone, Spargel mit Aprikosen, Preiselbeeren oder Ananas, und die Krönung der Verirrungen: Spargel mit Erdbeeren.

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Die Mode ist nur ein paar Jahre alt, 2014 hatte der Stern einen Salat von grünem Spargel mit Erdbeeren auf dem Titelblatt. Spätestens seitdem geistert die ebenso abenteuerliche wie unnötige Kombination durch die Rezeptsammlungen und Speisekarten. Beim Portal „Eat Smarter“ gilt sie sogar schon als „Klassiker“ – allerdings findet man in keinem der klassischen Kochbücher so etwas,

Die ungute Mischung kommt, wen wundert`s, aus den USA. Das älteste Rezept, das die Abteilung Dokumentation von Quarkundso.de im Netz gefunden hat, ist von 2012: „Asparagus with Strawberries“. Auch eine Kombinationen von gegrilltem Spargel mit Speck, Pinienkernen, Schafskäse und Erdbeerpüree (wird auf den Spargel gestrichen) aus dem Jahr 2013 sticht irritierend heraus.

Wir geben zu: Dieses Konzept verstehen wir nicht.

Spargel ist Gemüse. Obst ist Obst. Erst kommt das Essen. Dann das Dessert.

Warum sollte man das mischen? Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen, wo das funktioniert, dazu zählen Birnen, Bohnen und Speck, ein Klassiker der Bauernküche. Allerdings kommen da saure kleine Augustbirnen rein, keine süße, saftige Williams Christ. Auch die Aprikosen, die in Nordafrika in einigen Tajine-Rezepten landen, sind säuerlich und schmecken nicht süß vor.

Und sonst? Gibt es in kulinarisch entwickelten Regionen keine weiteren Beispiele, etwa mit anderem Gemüse. Was könnte das auch sein – Blumenkohl mit Pfirsichen? Spinat mit Erdbeeren?

Drüben in Amiland freilich ist alles möglich. Da gibt es das. Der gesamte Kontinent zählt bekanntlich nicht zu den kulinarisch entwickelten Regionen, und man kombiniert in dieser wüsten Ödnis alles, wirklich alles, mit Obst. Daher gibt es in den USA auch alles mit Erdbeeren, selbst Spargel.

 

Wir raten ab

Eine treibende Kraft scheint, auch das ist kein Wunder, ein Anbauverband sein, die Florida Strawberry Growers Association. Die haben eine Seite, auf der unter „Strawberry Sue“ Rezepte vorgestellt werden – halt, Vorsicht, nicht draufgehen!

Da stehen gerade „Chicken Fajitas with Strawberry-Jalapeno Salsa“, Tex-Mex-Küche mit Erdbeeren gemischt! Um Gottes Willen.

Es gibt außerdem Erdbeer-Avocado-Wrap oder eine „Pizza“ mit Mozzarella, Basilikum, Balsamico-Essig und Erdbeeren – eine Abteilung von Marketingleuten und Rezeptentwicklern schreibt zwecks Verkaufsförderung Erdbeeren in alle möglichen Rezepte rein und grast US-Blogs ab, um dort die wildesten Erdbeer-Kombinationen zu finden.

Die finden sie auch – und bei uns gibt es viele Leute, darunter zahlreiche Redakteure in Kochbuchverlagen und bei Magazinen, außerdem unzählige Blogger und Köche, die sich auf US-Seiten umschauen und so etwas in Deutschland als „kreativ“, „neu“ und „mal was anderes“ präsentieren.

Wir kommentieren das nicht weiter. Wir raten nur rigoros ab.

Wer kein Bittergemüse mag und es sich verzuckern muss, kann gleich das Obst essen oder von uns aus überhaupt essen, was er oder sie will. Aber ohne uns.

Wir wollen das Gemüse. Pur.

Seine Bitterkeit und seine vielen Aromen, die vom Bitteren hervorgehoben werden. Wir wollen Fett, das das Ganze transportiert und verstärkt, wir wollen es pikant und raffiniert, fein und würzig, herb und kräftig, den Kontrast von Säure und Butter, wir wollen aromatischen, scharfen Essig, wir wollen reines Salz, vermischt mit sanftem Ei, wir wollen Wein.

Und keinerlei Obst, Zucker oder Karamell, die das alles abstumpfen und überdecken.

 

Die Sauce der Königsklasse

Überflüssig zu sagen, dass die Chefredakteurin vor Quarkundso.de daher zu den Puristen gehört. Treue Leser haben sich das bestimmt schon gedacht.

Außerdem ist sie im Team Hollandaise. Das ist innerhalb der Puristen ein besonderer Kader, eine Eliteeinheit, die der bequemen Butter-Fraktion haushoch überlegen ist. Denn Butter zerlassen ist einfach – eine Hollandaise aufschlagen gehört dagegen zu den Prüfsteinen der Kochkunst.

Nur die Mutigen wagen sich daran, diejenigen, die sich nicht scheuen, an der Alchemie der wenigen Zutaten wieder und wieder krachend zu scheitern: zu scharfer Essig, zu viel Essig, falscher Essig, falscher Wein, zu viel Zitrone, Ei zu alt, Wasserbad zu heiß, Wasserbad zu kalt, kein Wasserbad, dann Herdplatte zu heiß; falsche Butter (Sauer- statt Süßrahm), zu wenig Butter, zu viel Butter, Butter zu früh rein, Butter zu schnell rein, Ei stockt nicht.

Egal, wie man es anstellt, über Jahre täppischer Versuche gerinnt die Masse mindestens jedes zweite Mal. Dann scheidet sie sich so unappetitlich, dass man die Schlotze niemandem vorsetzen kann.

Alles das ist der Grund dafür, dass die Hollandaise seit jeher der Schrecken der Hausfrauen und Jungköche ist.

Und dass die Industrie seit über 100 Jahren künstliche Gemische produziert, die das Scheitern beenden sollen – „mit Geling-Garantie“.

 

Frisch aus dem Eimer

Das ist ein ganz eigenes Kapitel. Denn gerade in der Gastronomie, wo man doch eine professionelle Hollandaise erwarten kann, kommt sie aus dem Eimer.

Und zwar auch dann, wenn „hausgemacht“ auf der Spargelkarte steht.

Das hat das ZDF-Magazin Frontal 21 in einem Bericht zur Spargelzeit 2017 mit einem Test gezeigt, sehr lohnenswert anzusehen.

Der Film offenbart sowohl den verbreiteten Schwindel in den Restaurants („Ist die Sauce frisch gemacht?“ „Ja, natürlich, hier ist alles frisch!“) als auch die gesamte Misere der Branche: Viel weniger junge Leute wollen Koch oder Köchin werden, Zeitdruck und Preisdruck erhöhen den Anteil an Fertiggerichten und Zutaten aus Chemie, von denen der Gast nichts ahnt.

Die beliebte Buttersauce ist dabei laut Gastro-Experten sogar zum erfolgreichsten Convenience-Produkt überhaupt geworden. Das lässt für die Gastronomie schon sehr tief blicken.

In noch tiefere Abgründe schaut man aber, wenn man in die Privathaushalte schaut.

Denn was hindert Privatleute, Hausfrauen oder Hobbyköche daran, ihre Sauce frisch aufzuschlagen? Zuhause herrschen Zeit- und Kostendruck doch eigentlich kaum, oder viel weniger. Eine Portion Spargel kostet nicht die Welt, und Spargel isst man ja auch nicht zwischendurch: Für „wenn es mal schnell gehen muss“ ist Spargel nicht geeignet. Das ist für Fischstäbchen mit Kartoffelbrei aus der Tüte.

Spargel geht nie schnell, und wenn doch, kann man einfach Butter zerlassen. Aber wer sich die Mühe mit dem Schälen macht, der hat auch Zeit, Ei, Butter und Wein zu verschlagen.

 

Schlechter Geschmack seit Generationen

Der Erfolg der Packungssaucen im Privathaushalt ist daher so etwas wie der Offenbarungseid der deutschen Esskultur.

Der Schlamassel geht auf mehr zurück als auf Zeitdruck und Geiz: neben der Angst vor dem Scheitern, also der Feigheit, sind das auch Faulheit und, nun ja, ein kollektiv schlechter Geschmack.

Mildernde Umstände für die Normalverbraucher gibt es nur, weil sich schon ganze Generationen von Packungsessern an die Tütenware gewöhnt haben: Sie kennen es nicht anders. Deshalb mögen sie sie und akzeptieren das Kunstprodukt auch als „echt“ – schließlich hat schon Oma in den 1950er Jahren die Soße aus der Packung genommen.

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Dazu beigetragen hat die im Untergrund noch immer wabernde Propaganda gegen Ei und Butter dazu: kein Ei wegen Cholesterin, natürlich möglichst wenig Fett, also wenig Butter, oder gleich gar keine, weil es auf dem Teller ja „leicht“ zugehen soll.

Dafür stecken in der Industrieware angeblich „gesunde“ Pflanzenöle, oder allerlei Ersatz-Stoffe bis hin zum Ei-Ersatz. Dann kann das Gebräu als „vegan“ vermarktet werden.

Es kommen gruselige Retortenmischungen dabei heraus, die dem unübertroffen schlichten, uralten Butter-Ei-Schaum Hohn sprechen.

Das Labor von Quarkundso.de entdeckte unter anderem:

Palmöl, Mehl, Reismehl, Stärke, Margarine, Sojagemische, Mandelmilch, mit künstlichem Butteraroma versetztes billiges Pflanzenöl aus Raps oder Sonnenblumen, Guarkernmehl zum Andicken, Apfelsaft, Magermilchpulver, Hühnereipulver, Hefeextrakt sowie Gewürze, die definitiv nicht in eine Hollandaise gehören: Muskat, Kurkuma, Curry, Chili, Muskatblüte, Nelke und eine Menge Kräuter wie Liebstöckel, Estragon und Petersilie, Basilikum, Schnittlauch und Thymian.

 

Plädoyer fürs Selbermachen

Gegen das Original, das nur aus Butter, Ei, Wein, Essig oder Zitrone sowie Pfeffer und Salz besteht, sind das Nachbauten, die die eigentliche Geschmacksidee bis zur Unkenntlichkeit verzerren.

Theke mit Packungen (Sauce hollandaisen), zwei Frauen, links graue Bluse, rechts rote Bluse.

Screenshot aus der Sendung: Wie schmeckt die Sauce aus der Packung? Expertinnen testen im ARD-Buffet.

Was Profis dazu sagen, erhellt ein großartiger Beitrag des ARD-Buffets von April 2018: Fernsehköchin Jaqueline Amirfallah probiert diverse Packungen, eine Ernährungsberaterin erklärt, was drinsteckt und warum eine echte Hollandaise so viel befriedigender ist und besser schmeckt.

Zwar gibt eines der dazugehörigen Kochvideos an, dass Kräuter wie Estragon in die Sauce gehören.

Dagegen protestiert Quarkundso.de energisch, gestützt auf Sekundärliteratur, insbesondere das Rezept des heiligen Paul Bocuse, Gott hab ihn selig.

Schüssel, Schneebesen, gelbe Creme (Sauce Hollandaise)

Screenshot aus dem Anleitungsvideo: Hollandaise gut erklärt im ARD-Buffet.

Aber das Plädoyer fürs Selbermachen in der ARD ist sehr gut und die Informationen im Hauptbeitrag mit dem Test auch, deshalb stehen die Links unten im Serviceteil.

Die Tendenz zu artfremden Zusätzen gibt es übrigens in vielen Rezepten.

Sehr häufig sind es allerlei Geschmacksverstärker, außer den oben aufgeführten Kräutern Schalotten, Zwiebeln, aber auch Tomatenmark, Paprikapulver, Gemüsebrühe, Pilzsud oder Pilzpulver.

Klassischerweise sind das eigentlich Saucen, die besser zu anderen Gerichten passen – die Bearnaise mit Estragon, Schalotten und Senf zu Fleisch, ebenso die Choron mit Tomatenmark und Schalotten.

Die vielen Rezepte für Hollandaise ohne Butter, dafür mit Öl (vegan!), sind wohl eher als Mayonnaise einzuordnen, zumal sie meistens auch Senf enthalten. Und eine Mayonnaise ist kalt und fest, nicht warm und schaumig, wie die großartige Hollandaise.

 

Hauptsache weiß und fettig

Teller, grüner Spargel, kleine Kartoffeln, Löffel, gelbe Schaumsoße

Der Stolz der Amateurköchin: Hollandaise, nicht geronnen, sondern schaumig und stabil. Dieses Mal.

Den Wein verschweigen dafür die meisten Autoren. Die Mehrzahl führt nur Zitronensaft auf.

Der Grund dafür erhellt sich uns nicht. Wir können lediglich vermuten, dass das wegen mitessender Kinder geschieht.

Die fallen in Deutschland sofort tot um, wenn Wein im Essen ist, während italienische und französische Kinder damit zu Feinschmeckern heranwachsen. Tja, das ist vermutlich genetisch bedingt.

Mindestens die Hälfte aller Rezepte arbeitet auch mit der guten alten Mehlschwitze oder einer Mehlbindung.

Mit Mehl bekommt man eine weiße Grundsauce, die zwar vielseitig ist, aber eigentlich nicht zu den feineren Kreationen gehört. Das ist einfach die Tunke, die Oma früher immer über den Blumenkohl gekippt hat.

Aber auch das geht heute unter „Sauce hollandaise“ durch: Hauptsache weiß und fettig.

 

Das klassische Rezept nach Saint Paul Bocuse

Die Puristen schütteln sich. Nein, wir bestehen auf den fünf reinen Zutaten Butter, Ei, Wein/Essig, Salz, Pfeffer. Ende.

Und wir meinen es ernst. Natürlich nehmen wir frische Bio-Eier. Und echten Weißweinessig aus Frankreich.

Und nein, weißer Balsamico ist kein Essig. Wir wiederholen: Das ist kein Essig.

Die Butter sollte Süßrahmbutter sein, und zwar ungesalzen. Wer Wein nimmt, muss einen trockenen nehmen, und einen, der nicht aus einer Aromasorte besteht. Also keinen Riesling, Sauvignon blanc oder Muskateller, sondern Grauburgunder, Weißburgunder, Silvaner, Chardonnay (ohne Holz), Grüner Veltliner, Müller-Thurgau oder trockene italienische oder französische, einfache Kochweine (gibt’s tatsächlich für 2.- Euro im Supermarkt). Nur süß darf der Wein nicht sein.

Die saure Komponente kann man auch mischen, also Weißweinessig und Weißwein, dazu ein paar Tropfen Zitronensaft, oder laut einigen ebenfalls klassischen Rezepten ausschließlich Zitronensaft. Paul Bocuse beschränkt sich allerdings auf guten Essig, verdünnt mit Wasser.

Dann braucht es nur noch ein wenig, also jahrelange, Übung. An den Zutaten liegt es jedenfalls nicht.

©Johanna Bayer

 

 

ZDF-Frontal 21 über Schwindel mit Sauce in der Gastronomie

ARD-Buffet vom 18.4.2018 über Sauce hollandaise mit Test von Saucen aus der Packung

ARD-Video: Wie eine Sauce Hollandaise geht (nicht ganz klassisch, aber immerhin)

 

Küchenzeile: Ein englischer Klassiker – über Gurkensandwiches und wie man sie nicht macht

 

Im Sommer tut sich außer in der Kategorie „Bad Taste“ nicht so viel – doch dafür geht in diesem Bereich einiges. Besonders beliebt: Klassiker „neu interpretieren“. Das führt verlässlich zum Panschen mit Käse, Honig, falschen Zutaten und unnötigen Saucen. Heute betroffen; das arme, einfache, kleine Gurkensandwich.

 

Bild Gurkensandwiches aus Weißbrot

Gurkensandwiches: klassisch nur mit Weißbrot und, eben, Gurken.

Es ist Sommer, ungewohnt schnell ungewöhnlich heiß und daher Saure-Gurken-Zeit. Dank der Picknick- und Grillfraktion kommen aber immer wieder Freude und neue Themen auf, auch und besonders in der Kategorie Bad Taste.

Grillen ist allerdings einen eigenen Beitrag wert. Schon alleine deswegen, weil es stark überschätzt wird, kulinarisch gesehen.

Auch das Picknick ist zwar ein schönes Erlebnis, bewegt sich aber küchentechnisch ebenfalls in engen Grenzen.

Doch eins nach dem anderen – fangen wir mit dem Picknick an. Auch, weil mich Freundin P. neulich vor einem Ausflug nach dem Rezept für Gurkensandwiches gefragt hat. Meine Antwort kommt wie aus der Pistole geschossen: „Für Gurkensandwiches braucht man doch kein Rezept!“

Gleich darauf muss ich zurückrudern und einräumen, dass das grundfalsch ist. Sehr wohl braucht man für Gurkensandwiches ein Rezept. Ich bin nämlich überhaupt nicht repräsentativ, da erblich vorbelastet: Gurkensandwiches gehörten in meiner Kindheit immer in den Picknickkorb und zu langen Autofahrten. Das liegt daran, dass meine Mutter als Kind auf einem englischen Internat war.

Andere Mütter waren vielleicht in Instituten, in denen die weltbesten Schinkennudeln, Apfelstrudel oder Königsberger Klopse gereicht wurden. Kann ich alles nicht, aber ich kann Gurkensandwiches: Kastenweißbrot vom Bäcker, darauf dünn gute, leicht gesalzene Butter verstreichen, ganz dünne Gurkenscheiben, Salz und Pfeffer, sonst nichts außer ein paar Kniffen zuvor, damit die Gurken nicht zu wässrig und die Brote nicht zu labbrig werden.

Alles schreibe ich in die Mail an P. Danach schaue ich – nur zur Sicherheit – noch schnell im Internet nach. Dort überrollt mich eine ganze Reihe von Kandidaten für meine Rubrik „Bad Taste“.

 

Kardinalfehler: Toastbrot aus der Tüte

Tatsächlich empfehlen zahlreiche Portale Toastbroat aus der Tüte, gerne auch in der Vollkorn-Version, weil das doch „gesünder“ ist. Das ist es nicht wirklich, dafür ähnelt die Vollkornversion in der Konsistenz aber noch mehr feuchten Sägespänen als die weiße Variante. Beide Tütenbrote sind ohnehin vollkommen geschmacklos, in mehrfacher Hinsicht.

Das Zeug von der Industrie muss aber auf jeden Fall vor dem Essen geröstet werden, sonst kriegt man es überhaupt nicht runter, anders als ein gutes Kastenweißbrot vom Bäcker.

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Toasten ist aber ist nicht original – das Brot für Gurkensandwiches wird nicht getoastet.

Auch nicht original, dafür aber so einfältig wie schwerfällig sind Empfehlungen, herkömmliches Vollkornbrot zu nehmen, diese schweren, pappigen Scheiben. Wegen der Gesundheit, natürlich.

Kann man machen. Dann ist das Resultat aber definitiv weder englisch noch ein Sandwich. Sondern eine schwere Stulle aus der norddeutschen Plumpsküche.

Zum Glück habe ich P. diesbezüglich aber schon instruiert. Sie wird also ein Kastenweißbrot beim Bäcker meines (!) Vertrauens bestellen, und zwar am Tag vorher. Ja, das Brot muss einen Tag unabgedeckt in der Küche ruhen. Das macht die Kruste fester und es lässt sich besser schneiden.

 

Schlichte Schnitten aufgemotzt

Zweite Sünde in den Rezepten: Margarine statt Butter. Dass jemand überhaupt diese Maschinenschmiere im Haus hat, ist schon ein Angriff auf die Esskultur. In den Rezepten findet sich aber sogar mehrheitlich Margarine. Warum, bleibt im Dunkeln, bis auf die Vorgaben einiger Foodblogs. Da zeigt man gerne Packungen gewisser Hersteller. Aus Gründen.

Vielleicht ist es aber wirklich so, dass eilige Zeitgenossen gerne das Kunstfett verstreichen, weil es leichter geht. Aber das ist nur ein Schwindel des Industriezeitalters. In Wahrheit ist es so: Wer sich nicht die Zeit nimmt, gute Butter eine halbe Stunde vor dem Broteschmieren aus dem Kühlschrank zu nehmen, ist echter Sandwiches nicht würdig.

Aber viele Rezepteanbieter motzen den Belag der ursprünglich schlichten Schnitten sowieso noch ordentlich auf: allerlei Frischkäse-Zubereitungen werden angeraten, nicht gespart wird auch an Kräuterbutter, Senf, Soßen und Mayonnaise.

Ein Blogrezept gibt zu den Gurken Frischkäse, Senf, Salatblätter, Kresse und Ei. Das alles zwischen soliden Vollkornbriketts, versteht sich.

Die BRIGITTE schreibt Ricotta vor, das klingt echt britisch. Dazu empfiehlt sie, wie viele andere auch, überflüssigerweise Dill – der Deutsche kann ja Gurke nicht ohne Dill. Viele üben sich in falsch verstandener Authentizität und schütten Worcestersauce übers Brot oder in den Aufstrich.

Auch der Griff in die Exoten-Kiste ist beliebt: Zutaten wie Räucherlachs, Krabben und Garnelen sollen sich zu den bescheidenen Gurken gesellen. Alle beteuern dabei, dass sie sich nur ans Original halten: CHEFKOCH versichert treuherzig zu seiner skandinavisch-russischen Variante mit Lachs, Krabben, Garnelen, Frischkäse und Worcestersauce (also mit allem), das sei „der typisch britische Snack zum Tee“.

EAT SMARTER erklärt sogar, seine „raffinierte Räucherlachscreme“ verleihe dem Snack „ein würzigeres, intensiveres Aroma, als ihn der englische Klassiker besaß“.

Ja, richtig! Wer will schon einen Klassiker – die Briten mit ihren schlappen Happen sollen von uns erstmal lernen, was ‘ne ordentliche Stulle ist! Ich liebe diese Logik, vor allem sprachlich gesehen.

 

And the winner is: das Honig-Desaster

Dann aber kommt die Krönung: Rezepte mit Honig. Bei HELPSTER finde ich allen Ernstes die Anweisung, die Butter erst mit Honig zu verrühren und dann aufs Brot zu streichen, darauf die Gurkenscheiben. Von Salz und Pfeffer steht da nichts.

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Nichts? Nichts. Also eine süßliche Angelegenheit – Gurken mit Honig. Ach nein, Dill war noch dabei. Den hatte mein Gehirn wohl ausgeblendet, vor Schreck. Dill-Gurken mit Honig also.

Das Portal betont übrigens ausdrücklich, es handele sich bei seiner Kreation um ein echtes Original-Rezept, typisch britisch, als Klassiker im Repertoire jeder englischen Lady zu finden (wörtlich).

Kurz vor der Zielgeraden überholt aber souverän LECKER.de.

Dort rührt man nicht nur Honig in die Butter, sondern hobelt am Ende noch Käse über die gesüßten Gurken. Cheddar natürlich, echt britisch, da lassen sie sich nicht lumpen.

Das Honig-Desaster ist die Krönung. Quarkundso.de muss sofort ein starkes Gegengift nehmen und die Pulle „Magenbitter extra stark“ ansetzen. Anschließend lesen wir dreimal hintereinander den Artikel über das perfekte Gurkensandwich, den Felicity Cloake im GUARDIAN geschrieben hat.

Auch fordern wir ein Staatsarchiv für kulinarische Klassiker! Nur wirkliche Originalrezepte dürfen dort gesammelt werden, niemand darf etwas dazu mogeln oder die Klassiker etwa „kreativ interpretieren“. Die strenge Prüfung übernimmt selbstverständlich die Chefredaktion von Quarkundso.de.

Die Petition an den Bundestag geht morgen raus. Unterstützer drücken bitte oben rechts auf den Link mit dem Sparschwein und spenden einen angemessenen Betrag. Er wird garantiert für die nächsten Folgen der Küchenzeile verwendet: den Beitrag übers Grillen.

©Johanna Bayer

  LINK: „How to make the perfect cucumber Sandwich“ aus dem GUARDIAN  

DIE WELT: Der Hipster-Laden als Nobelrestaurant – finde den Fehler

Der Kolumnist der WELT gerät in einen trendigen Laden: Das Essen schmeckt nicht, das alberne Gewese um „Manufakturen“ nervt, er sehnt sich nach seiner gewohnten Schmuddel-Pizzeria. Quarkundso.de stimmt zu: Oft machen urbane Hipster-Läden viel Lärm um nichts – Ungelernte wurschteln rum und erreichen die kulinarische Flughöhe von Imbissbuden.

 

Gruppe Menschen, nah, beim Essen, Mann mit Dutt

Essen bei Hipsters: Männerdutt, Traveller-Küche, keine weiße Tischdecke – das volle Programm. Bild: Shutterstock / Syda Productions

 

Jetzt ist mal wieder DIE WELT dran.

Aber diesmal mache ich mit denen kurzen Prozess, nach dem langen Riemen neulich über die Klimadebatte. Sonst kommen wieder Klagen wegen zu vieler Buchstaben.

Also: Der Oliver Rasche hat in seiner lustigen Kolumne darüber geschrieben, „wie uns durchgestylte Nobel-Restaurants für dumm verkaufen.“ (Titel der WELT).

Die Geschichte geht so: Rasche wollte mit einem Kumpel einfach mal eine Pizza essen gehen und geriet in einen urbanen Hipster-Laden, der sich „Pizza-Manufaktur“ nannte. Dort herrschten hohe Männerdutt-Dichte und aufgesetzter Industrie-Chic, und von der Speisekartenlyrik über den Designer-Tresen bis zu den arroganten Möchtegern-Models, die Kellnerinnen mimten, war alles affig aufgebrezelt.

Weil die Pizza aber vegan und noch dazu aus Vollkorn war, schmeckte sie nicht und lag im Magen wie Schusterleim. In der Eisdiele, in der sich die Jungs anschließend trösten wollen, gibt es nur exotisches Zeug wie Schokoladeneis mit Lindenblüten- oder Kaktusfeigen-Extrakt. Auch die nennt sich aber „Manufaktur“.

Da platzt dem Rasche der Kragen.

In seinem Beitrag regt er sich fürchterlich über den Manufaktur-Quatsch auf und sehnt sich nach der guten, alten, ehrlichen Pizza von seinem guten, alten, schlampigen Italiener im Ruhrpott, wo der Boden klebt und das Gesundheitsamt immer Freibier hat.

Dabei wendet sich der Kolumnist auch gegen die Idee einer „Manufaktur“, also gegen handgemachte Speisen und die Absage an Massenware.

Solche Vorhaben beschimpft er als abwegige Ess-Nostalgie, die dazu führt, dass man „isst wie im Museum“, während der Gast aufs Übelste verschaukelt wird, weil weder Geschmack noch Qualität dem hochtrabend formulierten Manufaktur-Anspruch gerecht werden.

„Was soll dieser Manufaktur-Quatsch? Warum lassen wir uns derart für dumm verkaufen? Haben wir uns in unserer Zivilisationsbequemlichkeit so sehr vom Ursprung der Dinge entfernt, dass uns eine Sehnsucht nach pseudo-historischem Handwerk plagt? Nach echten, nach handgemachten Produkten?“

 

Die falschen Feinde

Jetzt will man dem Rasche bei seinem Wüten gegen überkandidelte Hipster-Läden natürlich von Herzen beipflichten und mit ihm vom Leder ziehen, dass es kracht.

Vorher muss Quarkundso.de aber entschieden einschreiten und etwas richtig stellen.

Denn O. Rasche will die Hipster treffen, schießt jedoch über sein Ziel hinaus und erledigt die kleinen Manufakturen sowie ehrwürdige Nobelrestaurants gleich mit.

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Das ist schade, denn das wahre Übel beleuchtet er zu wenig. Dafür werden ausgerechnet Läden verdammt, in denen Menschen Essen so zubereiten, wie es sein sollte: sorgfältig, von Hand, nach der Tradition und den Regeln der Kunst, mit ausgewählten, hochwertigen Zutaten.

Sowohl in guten Manufakturen als auch in Nobelrestaurants ist das Fall. Doch die landen bei Rasche alle mit den Hipster-Buden in einem Topf. Mag übrigens sein, dass das nur am Titel liegt, den vielleicht ein unkundiger Online-CvD vergeigt hat. Aber da steht er jetzt, und die Nobelrestaurants stehen mit am Pranger.

Genau hier liegt der Hund begraben. Denn urbaner Hipster-Konzept-Krampf ist nicht nobel.

In der Regel ist alles, was unter „urban“ (sprich neudeutsch: „örben“) läuft, weder nobel noch hochwertig noch professionell.

Es ist sogar genau das Gegenteil: Ungelerntes Personal wurschtelt mit Lebensmitteln rum. Und das geht oft gehörig schief, wie im Fall des Opfers O. Rasche.

 

Auf der kulinarischen Flughöhe von Imbissbuden

Hipster-Läden werden nämlich weit überwiegend von gastronomischen Laien und Quereinsteigern geführt oder konzipiert. Die waren früher wahlweise in der Werbung, in den Medien oder in der Bank, haben Marketing studiert, arbeiteten als Musiker oder versuchten sich an Schauspielschulen.

Häufig sind sie gleich ganz ungelernt, dafür aber beseelt von Visionen zur Rettung der Welt durch Essen.

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Das heißt nicht, dass diese Jungunternehmer nicht hohe Ansprüche hätten. Regelmäßig wollen sie gutes, besseres oder das beste Essen machen, gesundes oder gesünderes, frischeres, regionaleres, ökologischeres, leichteres, schnelleres oder echtes, handwerklich hergestelltes.

Leider haben sie oft aber weder Kenntnisse noch Erfahrungen noch Geschmack. Damit sind übrigens der Geschmack beim Kochen und die Stilsicherheit bei Gerichten gemeint.

Gemeint ist nicht das Design. Natürlich sind die Lokale durchgestylt. Aber urban halt – zwecks Kundenfang auf der kulinarischen Flughöhe von Burgern, Pizza, Wraps und Avocado-Quinoa-Salat, kurz: von Imbissbuden mit Sitzgelegenheit.

 

Nichtmal mit Wein kann man sich trösten

Natürlich heißt das nicht, dass Quereinsteiger nicht auch gute Köche sein können. Es gibt einige Beispiele dafür. Und selbstverständlich findet man in den Hipster-Läden auch gelernte Köche als Angestellte. Denen aber diktiert der beseelte Chef meistens sein eigenes Konzept, das er mit Freunden, in der WG oder bei ausgedehnten Weltreisen selbst „entwickelt“ hat.

Heraus kommen dann Sachen wie Salat mit grünem Spargel, Avocado und Erdbeeren (ein Klassiker der Hipster-Küche), Kimchi mit Ananas, Äpfeln und Sweet Chili (Berlin), Flammkuchen mit Brie, Erdbeeren, Rucola und Birne (Pizza-Manufaktur in Hamburg), Gazpacho mit Obst und Nüssen, süß-scharf abgeschmeckt (München), Gemüsecurry mit Kokosmilch und Honig (ebenfalls München), Fisch im Bierteig mit süßem Feigen-Chutney (Bern, Schweiz). *

Wenn man Glück hat, sind Biozutaten im Spiel. Wenn man Pech hat, gerät man an Veganer. Dann schmeckt es nicht nur nicht, es macht auch nicht satt.

Mit einem guten Wein kann man sich bei Hipstern auch nicht trösten, denn die Weinkarte ist aus dem halbtrockenen Sortiment bestückt. Ansonsten liegt der Getränke-Schwerpunkt auf aromatisiertem Bier und Spirituosen wie Gin, Wodka oder Whisky. Dazu gibt es eine lange Liste von Kindergetränken: Obstsäfte, Smoothies, Brausen, Limonaden, Milch- und Joghurtdrinks, Kakao, Chai latte.

Alles bio, versteht sich.

 

Gute Idee – aber ausgeführt von Dilettanten

Das Problem, auch für Rasche, ist: Der Anspruch, eine Manufaktur zu sein, also alles sorgfältig von Hand zu machen, mit ausgewählten Zutaten, ist dabei ehrenhaft und richtig. Nur geht das gerne in die Hose, wenn Dilettanten ohne kulinarische Bildung am Werk sind. Ganz gefährlich wird es, wenn sie auch noch „experimentieren“, wie in dem Laden, von dem Rasche berichtet.

Deshalb gleich den Manufaktur-Gedanken in die Tonne zu treten, ist falsch: Gute Manufakturen sind das Bollwerk gegen Fastfood und Einheitsbrei, gegen Massenware, gegen Industriefraß und gegen Verbraucherverarsche schlechthin.

Und es gibt massenweise solche guten Manufakturen: kleine Läden, Familienbetriebe, Landgasthäuser, Metzger, Bäcker und Produzenten, die ausgezeichnete Qualität liefern. Feinschmecker-Magazine, Restaurantguides oder der Slow-Food-Genussführer sind voll mit guten Adressen.

Nobelrestaurants, in denen normalerweise Profis am Werk sind – was die hohen Preise rechtfertigt – gehören im Sinne des Wortes auch zu den Manufakturen: Dort wird praktisch alles von Hand gemacht, aus bester Ware, dazu ist das Personal hotelfachgeschult und zuvorkommend, ein Sommelier berät bei der Weinauswahl und es gibt vernünftigen Wein samt richtigen Weingläsern.

Vor allem aber beherrschen die Küchenchefs in diesen Läden ihr Metier und haben fast immer bei berühmten Meistern gelernt, deren Namen sie stolz auf der Speisekarte führen.

Ein entscheidendes Kriterium für ein Nobelrestaurant ist auch, dass alles der Konzentration aufs Essen dient: Nichts soll den Genuss stören, daher gibt es keine laute Musik, keine großen Blumengestecke, keine Duftkerzen, keine Bildschirme und praktisch immer eine zurückhaltende Inneneinrichtung.

Surfen im Internet und Telefonieren mit dem Handy sind unerwünscht, nicht selten wird man schon am Empfang freundlich dazu aufgefordert, doch bitte dem Personal das Gerät zu überlassen.

 

Alles unkompliziert durcheinander

Urbane Hipster-Läden verstehen sich aber geradezu als Gegenmodell zu diesen Weihehallen. Trotzig lehnen sie sich gegen korrekte Tischmanieren, sonstige Benimmregeln und die Vorschriften verzopfter Innungen auf. Daher auch die Liebe zum Imbisswagen (Streetfood) und zu improvisierten Interieurs.

Urban Food ist folglich „unkompliziert“, in der Regel mit den Händen zu essen – Burger, Pizza – und betont im Gegensatz zum Nobelrestaurant genau das, was beim Essen nervt: Surfen im Internet und Telefonieren (kostenloses WLAN), wummernde Beats, eine Hallenatmosphäre mit rohen Holztischen und Bierbänken sowie seltsame Essgeschirre wie Blechnäpfe, Einweckgläser, Schiefertafeln, Holzschaufeln oder Trinkgläser, in denen die Suppe – ohne Löffel – serviert wird.

Nicht selten ahmen sie in Aufmachung und Speisenangebot die Buden an den Stränden von Südostasien oder Indien nach, in denen Traveller auf ihren Rucksackreisen von lächelnden Einheimischen bewirtet werden.

Dass diese Einheimischen die Westler für bekloppt halten und zuhause völlig anders speisen, dass sie niemals Obstsäfte zum Essen trinken oder Klappstullen (Sandwiches, Burger) als Hauptmahlzeit betrachten würden, erfahren die Globetrotter nie.

Schließlich beschäftigen sie sich auf ihren Reisen nur mit sich selbst und ihresgleichen.

Aber sie nehmen begeistert solche Inspirationen mit nach Hause und machen daraus ein „internationales“ Menü: kulinarische Wahllosigkeit gemixt mit Plumpsküche, Urlaubsessen und Studenten-WG.

So tummeln sich indische Linseneintöpfe, balinesische Spießchen mit Erdnusssoße, endlose Currywurst-Variationen, pseudo-italienische Nudelgerichte („Pasta“), die unvermeidlichen Burger und bunte Salate mit übersüßten Dressings auf der liebevoll gemalten Karte.

Teller mit Sandwich und Chips aus Süßkartoffeln

Berlin, Markthalle Neun, Urban Cuisine: nie ohne Klappstulle. Mega-hippe Beilage: Süßkartoffel-Chips.

 

Fazit von O. Rasche: Echt gutes Essen ist immer handgemacht

Wenn der WELT-Autor angesichts dieser kulinarischen Verwirrung sehnsüchtig an seine schmuddelige Stamm-Pizzeria im Ruhrpott denkt, in der keine Stilpolizei die Musik vorschreibt, stimmt man ihm zu: Wo der Chef jeden Pizzaboden von Hand dreht, bevor die Pizza in den echten Holzofen wandert, ist es egal, ob das Ambiente stylisch ist – das ist eine Manufaktur.

Denn natürlich muss man nicht ins teure Nobelrestaurant, um echt und gut zu essen. Es reicht, wenn man jemanden findet, der was vom Handwerk versteht und Geschmack hat.

Und da ist der geschätzte O. Rasche auf der richtigen Spur: Ja, echtes, gutes Essen ist immer handgemacht und stammt öfter aus unscheinbaren kleinen Läden als von „urbanen Selbstüberschätzern“.

©Johanna Bayer

* alles selbst probiert – ja, auch Quarkundso.de ist ein Opfer.

PS: Okay, das war nicht richtig kurz. Aber kürzer als sonst.

Der Artikel von O. Rasche in der WELT online

„Über uns“ des Urban-Food-Konzeptstores Dean&David

Großartige Charakterisierung von Szenerestaurants in der SZ

O. Rasche von der WELT schreibt auf Twitter:  o_rasche_twitter

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

EDEKA und die unkulinarische Revolution: So geht Kochen heute

Alles in einen Topf, das ist verführerisch, weil es schnell geht und sicher scheint. Zu Tausenden zeigen Kochvideos einfache One-Pot-Gerichte, auch die Supermarktkette EDEKA springt auf den Zug auf. Doch genau besehen sind zeigen diese Produkte aus der WG- und Camping-Küche nur eins: Das ist kein Kochen.

Topf mit rohen Zwiebeln, Tomaten, Pilzen, Basilikumblättern und Spaghetti (roh)

Nudeln mit allem zugleich kochen – nichts einfacher als das? Bild: Shutterstock

 

Über Werbung darf Quarkundso.de auch schreiben, denn Werbefilme oder Anzeigen sind Medien. Außerdem sind sie fette Beute, weil sie so schön doof sind, wenn es um Essen geht.

Besonders schön doof war in der letzten Zeit EDEKA.

Die haben mit ihrem Kitschdrama, in dem ein Opa seine ganze Familie in den moralischen Schwitzkasten nimmt, im letzten Winter Furore gemacht. Die Nummer mit dem vorgetäuschten Tod, damit alle zu Weihnachten wieder zusammen kommen, war ein plumpes Schmierenmelodram erster Ordnung, mit einer höchst fragwürdigen Botschaft von emotionaler Erpressung, Lüge und Manipulation.

Aber erstklassig gedreht, natürlich. Kein Wunder. Das Video stammt ja auch von der Hamburger Top-Agentur Jung von Matt. Wenn die was machen, kostet es ein Heidengeld, aber es ist meistens ziemlich gut, zumindest handwerklich.

Die Werber nämlich sind gar nicht doof. Sie können sich in die Welt ihrer Zielgruppe versetzen und dann genau die richtigen Knöpfe drücken.

 

Versatzstücke aus der Hipster-Welt

Jetzt hat EDEKA einen neuen kleinen Werbefilm auf Facebook gestellt. Es ist ein reines Koch-Video nach modernem Rezept, gebastelt aus Versatzstücken der Hipster-Welt: Ein lustiger Panda steht für die zu rettende Umwelt, wie süß; gekocht wird mit nachhaltig erzeugter EDEKA-Ware und die Anleitung erfolgt nach Art der Tasty-Videos von Buzzfeed.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Buzzfeed ist dieses Katzenvideo-Portal im Internet, und die Kochfilme der Rubrik „Tasty“ sind sowas wie der Cat-Content der Küche: Kurze Clips mit sehr wenigen Einstellungen, immer von oben gefilmt, in denen körperlose Hände Zutaten zusammenschütten. Ruck-zuck ist alles fertig, und am Ende lach-stöhnt eine männliche Stimme verzückt: „Oh – yes!“.

Diese Tasty-Videos sind Kult. Sie werden millionenfach geklickt und stammen aus den USA. Deshalb kommen die simplen Speisen, die dort ins Bild gesetzt werden, auch sämtlich aus der amerikanischen Schnellküche – fabriziert mit viel Frischkäse, vielen Eiern, Gewürzmischungen, Soßen aus der Tube und Kuchenböden aus Kekskrümeln.

Diese Clips sind das Muster für das neue EDEKA-Video, und damit es ganz sicher viral geht und viele junge Leute anspricht, haben die Macher noch einen US-Trend reingemixt: die One-Pot-Pasta.

 

Ein amerikanisches Phänomen

One-Pot- oder One-Pan-Pasta geht auf ein weiteres amerikanisches Phänomen zurück, auf Martha Stewart, eine clevere Millionärsgattin. Die betreibt ein Internet-Portal, auf dem sie Rezepte, Haushalts- und Einrichtungstipps veröffentlicht. 2013 erfand sie ein Rezept für „One-Pan-Pasta“.

Die Idee dahinter ist, alle Zutaten für eine Nudelsoße wie Tomaten, Zwiebeln und Gewürze zusammen mit den Nudeln in einen einzigen Topf zu geben und mit Wasser in einem Gang zu kochen. Angeblich stammt die Idee wirklich aus Italien und von einem apulischen Koch, aber den Amerikanern darf man nicht alles glauben, wenn es um Essen geht.

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Screenshot von einer Google-Bildersuche nach „One-Pot-Pasta“.

Jedenfalls drehten Internet, Food-Magazine und Food-Blogger nach diesem ersten One-Pan-Pasta-Rezept durch. Die Methode verbreitete sich rasend schnell um die ganze Welt, schwappte von den USA nach Europa und die Varianten für den schnellen Nudel-Topf gehen inzwischen ins Unendliche: von mexikanisch mit Hack und Mais über asiatisch mit Fischsauce bis hin zu Kreationen mit Birnen und Brie oder veganen Varianten mit Brokkoli und Pilzen.

EDEKA präsentiert jetzt so eine One-Pot-Pasta nach amerikanischem Muster, gekocht vom lustigen Panda. Was kommt rein? Natürlich Nudeln, dazu gewürfelter Lachs, Frischkäse, Tomaten, Spinat, Erbsen, Frühlingszwiebeln, Brühepulver und Sahne, alles auf einmal. Heißes Wasser dazu, 10 Minuten kochen, fertig.

 

Der Topf des Grauens

Das ist mein Untergang. Wirklich. Das ist so fies. Schon der Gedanke an Frischkäse, der sich in kochendem Wasser auflöst – igitt!

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Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Dann der arme Lachs. Lachs ist ein köstlicher Fettfisch, der seinen Geschmack verliert, wenn er in Wasser gekocht wird. Lachs kann man grillen, braten, in Öl oder Butter garziehen lassen, ja. Aber man kann ihn nicht kochen.

Man kocht sowieso keinen Fisch, allenfalls dünstet oder pochiert man ihn ein wenig, aber nicht einfach in Wasser. Überhaupt sollte Fisch bitte kein Wasser sehen, sobald er tot ist. Lachswürfel 10 Minuten in Wasser zu kochen verleiht ihnen todsicher die Konsistenz von 15 Jahre alten Marshmellows.

Und erst dieses alberne Getue mit der pseudo-italienischen Dekoration.

Denn am Schluss bekommt das Nudelgemisch noch ein Finish, das für den nötigen Schuss Italianità sorgen soll: Pinienkerne drüberstreuen, Parmesan draufhobeln (in Zeitlupe), als Krönung noch Basilikumblätter, in Nahaufnahme von schlanken Fingern liebevoll auf dem dampfenden Teller platziert.

Aber wer Frischkäse an Nudeln schmiert, hat garantiert noch nie in Italien gegessen. Sondern nur in der oben genannten amerikanischen Schnellküche, nach dem Prinzip „Alles was im Kühlschrank ist, kommt rein“.

Noch dazu würden Italiener nie, nie, nie Käse über Fisch geben, oder Parmesan an Nudeln, die mit Fisch oder Meeresfrüchten gemacht sind.

Herrlich ist dazu der Kommentar einer Italienerin auf der Facebook-Seite von EDEKA:

„bitte NICHT! es ist so richtig ekelhaft sowas anzuschauen, als Italienerin kriege Gänsehaut! pasta braucht richtig viel wasser zum kochen (alleine) und Parmesan mit fisch tut man nicht!!! bleah!! nur richtige ignoranten über Essen dürfen sowas mögen! holt ihr lieber ein Döner!“

 

Das ist kein Kochen

In mir ruft der Gruseltopf von EDEKA traumatische Erinnerungen an meine Studentenzeit hervor – an WGs, in denen „mit Freunden gekocht“ wurde. Damals, als wir von Mamas Fleischtöpfen weg plötzlich auf uns selbst gestellt waren.

Das Ergebnis waren Eintöpfe und Aufläufe mit Dosenpilzen, Dosenmais, Tiefkühlerbsen und Formschinken in Eierpampe; Nudelsoßen mit, äh, Dosenpilzen, Dosenmais, Formschinken und Ketschup; oder kreative Lasagne mit Dosenpilzen, Dosenmais, Dosenerbsen, Formschinken, Ketschup, überbacken mit Schmelzkäse und cremig gemacht mit, ja, damals schon, Frischkäse.

Das wichtigste Kriterium war, dass es nicht viel Arbeit macht, keine Vorkenntnisse verlangte, in einem Gang zu erledigen ist und wenig Abwasch produziert. Ob man ein Rezept hatte, oder ob die Zutaten wirklich zusammen passten, spielte keine wirkliche Rolle.

Gut, wir waren jung. Wir wussten es nicht besser. Und wir hatten ja nichts.

Aber heute? Heute sage ich rundheraus: Das war kein Kochen. Und was EDEKA uns da zeigt, ist es auch nicht.

 

Woher der Geschmack kommt

Wobei – nichts gegen das Prinzip Eintopf. Das ist was anderes. Aber selbst ein Eintopf kann nur gut werden, wenn er nach den Regeln der Kunst zubereitet wurde.

Dazu gehören mehrere Arbeitsgänge und oft auch mehr als ein Topf. Zwiebeln werden zuerst angebraten oder in Fett gedünstet, Fleisch oder Speck ebenfalls angebraten, Gemüse kommt unter Berücksichtigung verschiedener Garzeiten nach und nach dazu und wird vorher vielleicht ebenfalls getrennt angeröstet.

Der Hintergrund ist natürlich, dass nur so wirklich Geschmack erzeugt werden kann. Den lockt man erst mit den richtigen Techniken und mit Hilfe von Fett und Hitze aus den Zutaten raus. Und wenn es nicht gerade eine Suppe werden soll, geht das Ganze grundsätzlich mit möglichst wenig Wasser einher.

Die One-Pot-Mode aber ignoriert bewusst das uralte Wissen um Geschmack, Aromen, Texturen und Konsistenzen, auch die Wirkung verschiedener Techniken.

Im Grunde ist sie ein barbarischer Rückfall, der Siegeszug der primitivsten Kochform, die es gibt: der Camping-Küche. Passenderweise steht der Topf im EDEKA-Video auch auf so einer einzelnen Camping-Kochplatte.

 

Die unkulinarische Revolution

Dabei ist das EDEKA-Video nicht irgendein Kochclip. Sondern ein Symptom für einen viel weiter gehenden Wandel. Denn wir erleben gerade einen Paradigmenwechsel: Es ist nichts weniger als die Rebellion der kulinarischen Underdogs.

Nach Jahrhunderten italienischer und französischer Vorherrschaft, nach der erdrückenden Dominanz der feinen französischen Hochküche mit ihren Ritualen überrollt uns jetzt eine Welle von neuem Essen aus Übersee.

Hauptkriterium: schnell und einfach.

Die Amerikaner und Engländer, also die, von denen Jahrhundertelang klar war, dass sie nicht kochen können und keinen Geschmack haben, sind plötzlich das Maß aller Dinge. Treiber sind das Internet und Hunderttausende von Food-Blogs aus dem angelsächsischen Raum.

Und es wimmelt jetzt auch bei uns nur so von Cheesecakes, Muffins, Brownies, von Avocado-Zubereitungen, vorzugsweise mit Eiern, von Dekorationen mit Smarties und Marshmellows, von Ahornsirup und Erdnussbutter, von kalten Nudelsalaten mit Zitronengras, von Wraps und Enchiladas, von Cranberries und Blueberries. Und von Burgern, der modernen Stulle.

Verkauft werden sie altmodischen Gourmets als der neueste Foodie-Schrei. In den USA scheint die neue simple Küche eine Art Gegenbewegung zum Fastfood darzustellen. Deswegen findet sich in den Texten dazu oft so etwas wie „healthy“, „real food“, „wholesome“ und was dergleichen Beschönigungen mehr sind.

 

Lustige Kinderküche und anti-bourgeoises Programm

Es zeigt sich aber auch eine mehr oder wenige bewusste Abkehr von von den traditionellen europäischen Küchen-Prinzipien, und fast so etwas wie ein anti-bourgeoises Programm: Kochen ist keine Kunst, Kochen geht schnell, Traditionen braucht man nicht, man muss nur mutig und fantasievoll genug sein.

Also weg mit dem überheblichen Brimborium, mit vielen Gängen und Extras bei der Zubereitung, weg auch mit Tischmanieren und korrekten Gedecken.

Man isst jetzt ganz unverkrampft und locker, dabei hat der neue Stil fast schon etwas Infantiles. Denn es dominieren weiche, breiige, zusammengekochte Speisen wie Eintöpfe, One-Pot-Wonders, Nudelgerichte und Aufläufe. Es gibt keine flachen Teller, sondern überwiegend Schüsselchen wie beim Kindergeburtstag, aus rustikalem Steingut statt aus feinem Porzellan. Dazu gehören bunte, fröhliche Farben statt nüchterner, weißer Eleganz, gegessen wird weit überwiegend mit dem Löffel statt mit Messer und Gabel. Langstielige Weingläser haben auch ausgedient, Safthumpen aus Pressglas stehen auf rohen Holztischen.

Zur Betonung der entspannten Gemeinsamkeit kann auch vollends jede bürgerliche Form aufgelöst werden, wie im ZEIT-Magazin zu Ostern 2014. Da ging es um „Kochen für Freunde“: In der Fotostrecke aßen alle, Erwachsene und Kinder, aus einem Topf, wie im Mittelalter am Gesindetisch, und steckten ihre abgeschleckten Löffel in den Nachtisch.

 

Das beste Restaurant der Welt: Fusion Food im US-Stil

Die neuen US-Trends jazzen auch Ingredienzien hoch, die bislang eher unter „ferner liefen“ gehandelt wurden. „Clean-Eating“ zum Beispiel feiert die Verbindung von Avocado mit Ei. Ist schonmal jemandem aufgefallen, wie viele Rezepte es plötzlich mit Avocado und Ei, und überhaupt mit Ei gibt? Und mit Hühnerfleisch?

Solche Kombinationen stammen von der kalifornischen Küste, wo sich Tex-Mex-Küche, südamerikanische, pazifische und asiatische Einflüsse sowie Schlankheits-, Gesundheits- und Anti-Aging-Wahn aufs Übelste paaren.

Den Trend bildet auch das neue „beste Restaurant der Welt“ ab, die Osteria Francescana in Modena. Der Koch, Massimo Bottura, hat in den USA lange Jahre verbracht und ist mit einer Amerikanerin verheiratet.

Wäre er bloß nach Frankreich gegangen und hätte eine Französin geheiratet.

Aber so gibt es in seinem – italienischen – Restaurant astreines Fusion Food mit Tempura, süßsauren Soßen und, horribile dictu, einem Caesar Salad. Das ist das „signature dish“ der italo-amerikanischen Küche, erfunden, wen wundert‘s, während der Prohibitionszeit in Mexiko.

Es gibt zu dieser unkulinarischen Revolution so viel zu sagen, dass ich gar nicht weiß, wo ich anfangen soll. Sicherheitshalber höre ich vorläufig auf. Aber nur vorläufig. Denn das Thema taugt auch zu einer langen Reihe – in der Rubrik „Bad Taste“.

©Johanna Bayer

 

One-Pot-Pasta von EDEKA auf Facebook

Die Ehrenrettung des Eintopfs steckt in diesem Beitrag von Februar 2016 bei Quarkundso.de


Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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