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SPIEGEL online über Besseresser und “Essen 2.0″: Billiger geht’s nicht

Stück Sahnetorte mit Kirsche und Schokostreuseln auf Teller.

Traditionell köstlich: die unschuldige Schwarzwälder Kirschtorte kommt bei  SPON schlecht weg. Bild: Shutterstock / Gts

In der Not frisst der Teufel auch beim SPIEGEL Fliegen. Genauer: bei SPIEGEL online. Denn online, das heißt schnell reagieren, mal was Einfaches machen, Meldungen raushauen, Buzzwords reinflicken und ein Thema bringen, weil der STERN es gerade gemacht hat, und zwar genau das Gegenteil.

Sowas hat sich SPON jetzt über Essen geleistet: einen Artikel, überschrieben „Die Besseresser“.

Es geht darin um Trends, genauer: um „Essen 2.0 – aus alt mach neu“, unter dem Motto „Ersetzen statt Verzichten“, so die Überschriften.

Was sich die Autorin dabei gedacht hat, ist klar: wieder eine Arbeitsprobe beim renommierten SPIEGEL – wenn es dort schon kaum Geld gibt. Und der eine oder andere Hintergedanke war wohl auch dabei, dazu kommen wir später.

Ob sich die Redaktion außer gewissen strategischen Überlegungen in Richtung Clickbaiting was dabei gedacht hat, bleibt vorläufig im Dunkeln.

 

So kann man das nicht stehen lassen

Jedenfalls hatte der STERN Anfang Oktober eine große Titelgeschichte über „Das Märchen vom gesunden Essen“ gebracht und darin unbarmherzig festgestellt: Alles, was einem gewisse Webseiten, Portale, Esoteriker und selbsternannte Food-Experten über „gesunde Ernährung“ weismachen wollen, ist Humbug.

Abgewatscht wurden unterwegs ein paar prominente Ess-Gurus, darunter eine bekannte Bloggerin, die Clean Eating propagiert, Hannah Frey. Und es kamen Experten zu Wort, ausführlich zum Beispiel die international bekannte Food-Trendforscherin Hanni Rützler.

Fazit des STERN: Essen ist nur Essen.

Sektenähnliche Systeme und strenge Regeln sind unnötig, Hauptsache man ernährt sich vielfältig und achtet aufs Gewicht. Das ist Stand der Wissenschaft, wie am Ende Christoph Klotter, Ernährungspsychologe an der Hochschule Fulda, zu Protokoll gibt.

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Doch beim SPON konnte das jemand so nicht stehen lassen.

Und gab einen Text in Auftrag, der alles, was der STERN einem vermiesen wollte, blind bejubelt:

Clean Eating ist toll und total gesund, überhaupt ist gesundes Essen ganz toll, gesund essen geht ganz leicht, zum Beispiel nichts mehr vom Tier, und gesund ist total gesund, mit Avocados, Linsen, Bohnen und Soja, und tierische Produkte sind ungesund, und Fett, Fleisch und Zucker sind ungesund, und alle essen jetzt regional und bio, das  ist gesund, und beim gesunden Essen ist alles ganz einfach. Und gesund.

Das wären mal so die Hauptaussagen in Kürze.

 

Wenn der Praktikant mit dem SEO-Generator

Dieser SPON-Beitrag ist so grottenschlecht, dass man glauben könnte, ein SEO-Praktikant habe den Text zusammengeschustert, während die Redakteure vor dem SPIEGEL-Hochhaus gegen Etatkürzungen protestierten.

Nach einigem Fremdschämen hat Quarkundso.de angesichts dieses Machwerks allerdings die Fassung verloren. Wirklich – die Contenance, mit der hier sonst um geistreiche Kritik gerungen wird, ist perdu.

Das, was jetzt kommt, ist daher nicht gerade die feine Art. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Das liegt daran, dass in dem SPON-Artikel alle paar Zeilen ein dicker Klopper drin ist: von Klischee und Kitsch über haltlose Behauptungen und peinliche Falschaussagen, unrecherchierten Unsinn und fragwürdige Verwendung von Zitaten und Fachbegriffen bis zum Deppenkomma ist alles dabei.

Wie konnte das passieren? Das wird noch zu klären sein.

 

Von wegen Besseresser – wer isst denn so?

Fangen wir vorne an, bei Überschrift und Teasertext.

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Screenshot SPON-Artikel unter dem Titel “Die Besseresser”

Ernährung: Essen 2.0 – aus alt mach neu – Ersetzen statt verzichten

Die Besseresser

Bolognese mit Hackfleisch? Das war gestern. Heute gesellen sich Linsen zu Tomate und Zwiebeln. In traditionellen Gerichten werden Fleisch, Fisch und Weizen gegen Bohnen, Algen oder Gemüse getauscht – aus guten Gründen.

Das ist ein Einstieg wie aus dem Lehrbuch der Schmieren-PR: einfach mal was ins Blaue hinein behaupten, um dann hemmungslos darüber fantasieren zu können.

Bolognese mit Hackfleisch soll out sein und „von gestern“? Wer, bitte, streut sich Linsen über die Nudeln und tut so, als sei das „Bolognese“?

Exakt das Gegenteil ist der Fall: Unverändert und seit vielen Jahren stehen die Nudeln mit Hackfleischsoße an der Spitze der Liste beliebter Kantinengerichte in Deutschland. Darüber schafft es nur die Currywurst, selbst am Schnitzel sind Spaghetti Bolognese vorbeigezogen.

Also nochmal die Frage: Wer und wie viele simulieren eine italienische Nudelsoße aus Hülsenfrüchten? Welcher Koch kann es sich in einer Kantine erlauben, Nudeln mit Linsen zu servieren? Gut, drüben im Schwabenland. Da gibt es vielleicht mal Spätzle mit Linsen (und Würstchen, übrigens). Aber die Schwaben tun nicht so, als ob sie irgendetwas ersetzen würden, oder als fabrizierten sie etwa Bolognese.

Nun sind wir erst ganz am Anfang, und ein Teaser soll in den Beitrag reinziehen. Aber rechtfertigt das eine so steile Rampe ins Postfaktische?

Zumal dieselbe Autorin einige Monate früher ebenfalls auf SPON feststellt:

Zugegeben, Hülsenfrüchte haben keinen guten Ruf. Viele Menschen scheuen den Verzehr aus Angst vor Blähungen. Grund sind schwer verdauliche Kohlenhydrate, die im Enddarm landen und dort von Bakterien zersetzt werden, was zur Gasbildung führt.

Offensichtlich lautete diesmal der Redaktionsauftrag anders. Dann geht auch das Gegenteil. Wobei – nichts gegen Hülsenfrüchte. Es geht Quarkundso.de  nur um das Verhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Nicht darum, ob Erbsen, Linsen und Bohnen wertvoll in der Ernährung sind oder nicht.

 

Klassische Rezepte: ungesund?

Nach dem gewagten Anfang kommt jedenfalls genau jene Foodbloggerin zu Wort, die beim STERN als Beispiel für das schwer gehypte Clean-Eating-Konzept vorgeführt wurde, Hannah Frey.

Sie ist 28 Jahre alt, hat einen sehr erfolgreichen Blog und in Bremen Gesundheitswissenschaften studiert, Abschluss: Bachelor. Außerdem gibt sie Yoga- und Entspannungskurse, privat ernährt sie sich vegetarisch nach einer eigenen Variante von Clean Eating.

Dieses trendige Gesamtpaket hat wohl jemanden beim SPON in den Fingern gejuckt.

Während der STERN Frau Frey als eine unter vielen vorführt, die ein beliebiges Esskonzept clever vermarkten, preist SPON-Autorin Bettina Levecke die Bloggerin als „Gesundheitswissenschaftlerin“ an.

Und betrachtet sie als ausgewiesene Expertin für „gesunde Ernährung“.

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Dafür qualifiziert sich Hannah Frey mit sinnfreien Pauschalurteilen, etwa über die klassische Mousse au Chocolat: Solche traditionellen Rezepte enthielten „sehr viel tierisches Fett und Zucker“, und „beides ist nicht gesund”.

So etwas Plattes, Plumpes in den heutigen Zeiten auf einem Qualitätsportal zu lesen tut Quarkundso.de schon sehr weh.

 

Die gute, alte Küche kann einpacken

Nimmt man derlei ernst, kann nur eines daraus folgen: der Untergang des Abendlandes, kulinarisch gesehen.

Ernsthaft. Die ganze französische Hochküche, die bürgerliche Küche, die gepriesene italienische Kochkunst, die österreichische, die böhmische, die ungarische, überhaupt alle europäischen Landesküchen können einpacken.

Schluss mit Panna Cotta, mit Gulasch, Knödeln und Kaiserschmarrn – und mit all den Gerichten, die zum gloriosen „french paradox“ beigetragen haben: dem Phänomen, dass die Franzosen so viel mehr tierisches Fett konsumieren als andere und dabei weniger Herzinfarkt, Diabetes und Übergewicht haben. Aus ist es also für Crème brulée, Paté, Rilletes und Confit.

Das ist nämlich alles „ungesund“. Die „Besseresser“ à la Frey haben das erkannt und tauschen das Zeug aus – „aus guten Gründen”. Ist das allgemeiner Konsens? Wohl nicht. Es ist auch nicht der Kern des Clean-Eating-Konzepts, nebenbei bemerkt. Da geht es eigentlich gerade um natürliche, hochwertige Produkte, handgemacht und nicht industriell prozessiert.

 

Phrasen aus der Folterkammer der Diätassistenten

Müßig zu erwähnen, dass Hannah Frey sogar bei ihrem Imitat aus zerdrückten Avocados, Kakaopulver und Agavensirup vor höllischen Folgen warnt. Sie spricht tatsächlich von „Sünde“:

„… der „Fettgehalt der Avocado und die Süße der Agave“ sorge zwar auch nicht schlanke Hüften, „”aber wenn man schon mal sündigt, dann eben wenigstens ohne schlechtes Gewissen”, so Frey.“

Das sind Phrasen aus der Folterkammer der Diätassistenten, wie sie seit den 1960er Jahren unendlichen Schaden angerichtet haben.

Und seit Jahren ringen Tausende von modernen Medizinern, Ernährungswissenschaftlern und Ökotrophologen darum, diese Parolen aus den Köpfen der Menschen wieder rauszubringen.

 

Kann Essen wirklich Sünde sein?

Denn inzwischen ist längst klar: Es ist kontraproduktiv, im Zusammenhang mit Lebensmitteln von „Sünde“ und „sündigen“ zu reden, es macht Übergewichtigen ihr Leben noch schwerer und ruiniert ein gesundes, entspanntes Essverhalten – mal ganz davon abgesehen, dass es sachlich haltlos ist.

Nein, niemand „sündigt“, wenn er eine – klassische – Mousse au Chocolat zum Nachtisch isst. Und ein „schlechtes Gewissen“ muss man erst recht nicht haben.

Man kann das tun. Jeden Tag. Wie die Franzosen. Man muss halt aufs Gewicht achten, das ist alles.

Aber warum betet die SPIEGEL-Autorin solche Dummheiten her, als ob es keine anderen Fakten, keine Zusammenhänge, kein Wissen, keinen Hintergrund, keinen Kontext gäbe?

Als ob nicht Ernährungsexperten davon abraten, einzelne Lebensmittel oder Nährstoffe zu verteufeln? Und wieder und wieder betonen, dass alles von der Mischung, dem Maß, der Verträglichkeit und ganz besonders davon abhängt, ob man sein Gewicht im Griff hat?

Ja, warum, SPON? Vor allem: Warum kommt keine andere Position im Artikel vor? Warum fehlt die von Berufs wegen eigentlich verpflichtende Nachfrage dazu, ob das denn stimmt, was Frau Frey verzapft?

 

Geschickte Montage von Zitaten

Doch gehen wir weiter im Text: Die Autorin hat nämlich noch richtige Experten in petto, Promis aus der Ernährungsszene. Zumindest gibt es Zitate, nämlich von Thomas Ellrott und von Hanni Rützler, die auch im STERN auftrat.

Beide scheinen zu bestätigen, was die Clean-Eating-Frau zuvor ausgeführt hat und was Autorin Levecke uns gerne glauben machen möchte: Fett ist ungesund. Zucker ist ungesund. Fleisch und tierische Produkte sind ungesund, klassische Rezepte und Zutaten sind ungesund.

Direkt hinter das Gesundheitsgefasel aus der Clean-Eating-Privatversion montiert die SPON-Autorin daher die Statements der Experten:

Keine Frage, gesundes Essen ist im Trend. “Die Zeiten, in denen Essen vor allem günstig und schnell sein sollte, gehen langsam zu Ende”, sagt Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie in Göttingen. “Verbraucheranalysen zeigen deutlich, dass bei der Lebensmittelauswahl Gesundheit ein immer wichtigeres Motiv wird.”

Klar, oder? „Aus guten Gründen” gilt: Die Käufer haben eingesehen, dass man „ungesunde Zutaten“ wie Fett, Zucker und überhaupt Tierisches lieber ersetzen sollte.

Weg mit der Gesundheitskeule

Aber Thomas Ellrott spricht in Wahrheit lediglich von dem Motiv „Gesundheit“ beim Einkaufen, Kochen und Essen. Der Beweggrund vieler Kunden mag dabei zwar „Gesundheit“ sein – aber das bedeutet auf keinen Fall, dass das, was Fanatiker für „gesund“ halten und was die Clean-Eating-Paläo-Gluten-Frei-von-Rohkost-Vegan-Front uns glauben machen will, tatsächlich „gesund“ ist.

Vor allem heißt es nicht, dass Thomas Ellrott derlei glaubt oder bestätigt.

Das glaubt er nämlich nicht und sagt es auch nicht. Ellrott ist Profi. Er sitzt im Präsidium der DGE und weiß es besser: Seit Jahren plädiert er ausdrücklich dafür, die Gesundheitskeule aus der Ernährungserziehung herauszuhalten.

Wenn Eltern ihren Kindern dauernd in den Ohren liegen, dass sie dies essen und das lassen sollten, weil das angeblich „gesund“ sei, so Ellrott, störe das die Entwicklung eines, ja, gesunden Essverhaltens. Dazu hat er der ZEIT ein Interview gegeben, und man kann seine Position überall nachlesen.

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Soll Schluss sein mit traditionellen Desserts wie diesem Flan Caramel: zu viel Tier, zu fett, zu süß?

Nur – warum stellt die SPON-Autorin seine Aussagen anders dar? Warum montiert sie das Zitat, als ob Thomas Ellrott bei Hannah Frey einen Clean-Eating-Kurs besucht hätte?

 

Ein Trend ist nicht die Wirklichkeit

Auch Trendforscherin Hanni Rützler kommt zur Sprache, es geht um „Ersatzprodukte ohne tierische Bestandteile“, im Klartext: vegan.

„Ersatzprodukte ohne tierische Bestandteile landen mittlerweile nicht mehr nur bei überzeugten Veggies auf den Tellern”, sagt Rützler, “auch immer mehr Omnivoren versuchen, Fleisch zu ersetzen.”

Abgesehen davon, dass „Omnivoren“ als Fachbegriff hier falsch benutzt wird, (denn alle Menschen, egal, was sie essen, sind Omnivoren) ist die Frage, was hier „versuchen“ heißt.

Mal was Neues probieren, eine Mandelmilch oder einen Haferdrink, zum Beispiel? Das ist für viele interessant. Vielleicht essen einige auch statt Fleisch öfter Nudeln mit Tomatensoße, oder ein Käse-Omelett. Aber auf Dauer vegan, mit „Ersatzprodukten ohne tierische Bestandteile?“

Das ist definitiv nicht die Realität von mehr als 99 Prozent der Deutschen.

Natürlich wollen viele ihren Fleischkonsum reduzieren und qualitativ verbessern. Zumindest behaupten sie das.

Und zwar dann, wenn ihnen ein Reporter ein Mikro oder ein Wissenschaftler einen Fragebogen unter die Nase hält. Deshalb kommt immer wieder raus, dass angeblich ein Drittel, die Hälfte, zwei Drittel oder gleich alle dazu bereit sind, mehr Geld für besseres Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren auszugeben, weniger Fleisch zu essen, kein Fleisch mehr zu essen und sich „gesünder zu ernähren“.

Die Zahlen aber zeigen die Wahrheit: Weder bricht der Fleischkonsum drastisch ein noch steigt der Verkauf von Hülsenfrüchten oder der Marktanteil von Ersatzprodukten dramatisch an. Bio-Fleisch bleibt in der teuren Nische, und weder ernährt sich die Masse der Deutschen vollkommen anders noch kaufen sie „keine Tierprodukte mehr“. Auch nehmen die Dicken hierzulande weder im großen Stil ab noch werden die Deutschen „gesünder“.

Der eigentliche Punkt aber ist: Hanni Rützler spürt von Berufs wegen Trends und Tendenzen nach, übrigens höchst seriös und international anerkannt.

In ihren „Food-Reports“, etwa in dem von 2017, benennt sie viele aktuelle Richtungen. Dabei entwirft sie ein ganzes Mosaik von unterschiedlichen Strömungen, die sich in verschiedenen Milieus beobachten lassen, diesmal zum Beispiel Trends zum Aromastoffen, zu noch mehr Convenience oder zu „brutal lokal“, also zur Regionalität.

Einer unter vielen ist in diesem Jahr Trend zu Imitaten, zum „Doubeln von Food“, wie Rützler schreibt. Motto: „Beyond Food“. Wie passend – vielleicht ist die Ersatzwirtschaft tatsächlich das Ende dessen, was wir bisher unter Genuss verstanden haben? Könnte gut sein.

Wie sich solche Trends aber entwickeln, ob sie zur Ernährungsrealität werden, ob sie bleiben, steht auf einem anderen Blatt: Zwischen Hype, Trend, Entwicklung und Wirklichkeit bestehen Unterschiede.

Frau Rützler weiß das. Frau Levecke beim SPON weiß es aber besser. Vor allem will sie es anders haben.

 

Die Schwarzwälder Kirschtorte ist die Krönung

Deshalb deklariert sie den aus Blogs und Laien-Rezepten herausgelesenen Ersatzhype „Essen 2.0“ als gemachte Sache und faselt darüber munter weiter.

Dann kommt die Krönung – etwas, was beim SPIEGEL eigentlich gar nicht passieren dürfte. Schließlich verfügen große Häuser über ausgebildete Redakteure. Außerdem gibt es noch eine Qualitätskontrolle durch die Abteilung Dokumentation.

Die geht akribisch durch das Geschreibsel der armen Freien und verlangt selbst für die simpelsten Fakten aus der Allgemeinbildung Belege: „Woher wollen Sie wissen, dass der Magen Säure produziert? Wir haben das im Internet nicht gefunden. Bitte kopieren Sie uns das Fachbuch, das Sie verwendet haben und schicken Sie es uns umgehend als Beleg zu.“

Das dient dazu, dass das Renommee des Blattes von fahrlässigen Autoren nicht beschädigt wird und die klagefreudigen Gegner des Hauses keine Angriffsfläche finden.

Nun scheint aber – online first – beim digitalen Ableger SPON die Abteilung Dokumentation gar nicht erst tätig zu werden. Oder es musste halt mal schnell gehen, oder man hat das Ding einfach auf Treu und Glauben durchgewunken.

Schließlich kann beim Essen jeder mitreden, und im Übrigen geht es doch um die Story, nicht wahr? Wie auch immer – Frau Levecke serviert einen fetten Patzer:

Sogar aus der Schwarzwälder Kirschtorte – der Kalorienqueen der ungesunden Sünden – lässt sich mit Mandeln, Datteln und frischen Kirschen eine Rohkostvariante nachbauen.

Muss ich es sagen?

Nein, nicht dass Schwarzwälder Kirschorte selbstverständlich keine „ungesunde Sünde“ ist, das ist ja schon geklärt. Sondern dass sich das mit der „Kalorienqueen“ beim Blick in eine Kalorientabelle erledigt hätte.

Denn die Schwarzwälder Kirschtorte ist nicht die größte Kalorienschleuder in der Kuchentheke.

Das ist ein Lapsus, der aus echter Unkenntnis (keine Ahnung von der Sache), aus Faulheit (ich brauche nicht in ein Buch zu gucken, wird schon stimmen) und aus – Achtung! – mangelnder beruflicher Integrität und fehlender Ausbildung zustande kommt.

Brownies, Nahaufnahme

US-Bomber: Brownies sind der Hammer, mit 411 Kalorien auf 100 Gramm.

Ach so, wer es wissen will: Die Schwarzwälder Kirschtorte rangiert weit hinter Schweinsöhrchen aus Blätterteig, Donauwelle, Baumkuchen, Nussecke, Linzer Torte und den US-Bombern Cheesecake und Brownies, die gerade in Foodie-Kreisen besonders beliebt sind.

Das kann man in jeder handelsüblichen Kalorientabelle nachsehen, man weiß es aber auch, wenn man rudimentäre Kenntnisse von echtem Essen hat – und nicht, wie Autorin Levecke und Bloggerin Frey, auf Imitate und Ersatzprodukte steht: Schlagsahne, Kirschen und luftiger Biskuit bringen weniger Kalorien auf die Waage als Buttercreme, Frischkäse und Rührteig mit Schokolade

Spätestens hier hätte die Redaktion schalten müssen – wenn sie die Floskel mit der „Kalorienqueen“ nicht sogar selbst in den Artikel reinredigiert hat. Denn merke: Patzt der Autor, ist die Redaktion Schuld, weil sie nicht aufgepasst hat. Verantwortlich im Sinne des Presserechts.

 

Gehen wir ans Eingemachte

An so einem Punkt schaut die Abteilung Dokumentation bei Quarkundso.de übrigens nicht nur in die Kalorientabelle.

Sondern googelt auch den Namen der Autorin. Ergebnis: Frau Levecke macht erst seit Kurzem in Ernährungsthemen, und das für einschlägige Szene-Postillen aus dem Lager Schrot&Korn, veganes Leben etc. Da hat sie zu veganer Ernährung, vegan für Schwangere und veganen Eltern geschrieben.

Möglicherweise ersetzt hier eine private Lebenserfahrung Berufs- und Fachwissen, und so wird der SPON-Artikel nichts weniger als tendenziös: es fehlt die Distanz zum Thema, es fehlt eine Einordnung, es fehlt eine andere Sichtweise, dafür dominieren schlichte Unkenntnis und verzerrte Wahrnehmung.

Das merkt man gerade am Umgang mit den Zitaten der Experten – und von Anfang an beschlich Quarkundso.de dabei ein ganz böser Verdacht:

Könnte es etwa sein, dass Frau Levecke für diesen Beitrag weder mit Hanni Rützler noch mit Thomas Ellrott persönlich gesprochen hat?

Hat sie vielleicht nur ein paar Zitate aus deren Veröffentlichungen verwurstet und sich diese per E-Mail von den Pressestellen der beiden Experten freigegeben lassen? Und dabei nicht gesagt, wie später ihr Artikel aussieht? Oder in einem echten Telefoninterview herausgefunden, was die beiden wirklich wollen und meinen? Wollte sie einfach ihre Meinung verbreiten, und nicht die der Experten?

Und hat die SPON-Redaktion das geschluckt, weil es ja nur online ist?

 

Was soll das?

Der Verdacht hat die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de auf den Plan gerufen.

Und tatsächlich: Die hat – jeweils aus erster Hand – erfahren, dass Frau Levecke tatsächlich nie mit Hanni Rützler persönlich gesprochen hat, und dass Thomas Ellrott den Artikel und insbesondere den Einbau seiner Zitate alles andere als ideal findet.

Auch wusste er nichts über den Gesamtaussage des Artikels und würde nie unterstützen, dass das Ersetzen von Zutaten generell als „gesund“ oder dass Clean Eating, Frei von, Vegan und welches System auch immer per se als besonders “gesund“ etikettiert werden.

Tja. Das war dem Text anzumerken, aber es bleibt die Frage: Wer oder was wollte das bei SPON? Und was wollte er oder sie uns damit sagen?

 

Aufhören, wenn es am schönsten ist

Ganz am Ende hat „Gesundheitswissenschaftlerin“ Hannah Frey, wie sollte es anders ein, das letzte Wort.

Sie darf, zusammen mit Ernährungsfachfrau Levecke, zum Schluss dem Psychologen Ellrott noch einmal in die Parade fahren. Denn aus seinen Zitaten lässt sich leider doch ein wenig herauslesen, dass das mit dem angeblich gesunden Essen vor allem der Selbstsuggestion dient:

Laut Ellrott sei bewusste Ernährung damit auch eine moderne Form der Selbstpflege. Der Ernährungspsychologe spricht vom sogenannten Halo-Effekt – “Halo” ist das englische Wort für Heiligenschein: “Das gesunde Essen strahlt auf unser inneres Empfinden aus, wir fühlen uns besser, gesünder, umweltbewusster oder auch moralisch überlegen.”

Das kann Frau Levecke natürlich nicht unkommentiert lassen. Sie stellt es richtig:

Aber neben den möglichen philosophischen Hintergründen gibt es auch ganz praktische Vorteile: “Gesunde Zutaten wie Obst und Gemüse sind leichter verdaulich”, sagt Hannah Frey. “Eine Linsenbolognese mit Zucchininudeln liegt einfach nicht so schwer im Magen wie das Original.”

Das ist so schlecht, dass es fast schon wieder gut ist, und nein, ich führe das jetzt nicht mehr aus (die dummen Italiener, wie konnten sie nur Spaghetti mit Fleischsauce erfinden, ungesund und schwer wie Blei im Magen, schön doof).

Ich erwäge nur noch kurz, dass Frau L. sich wohl verschrieben hat und nicht „philosophisch“, sondern „psychologisch“ meinte, das Fachgebiet von Thomas Ellrott. Aber an dieser Stelle auch noch begriffliche Schärfe zu verlangen, sprengt jetzt wirklich den Rahmen.

Screenshot vom Blog der Hannah Frey

Nein, keine Ernährungsberatung – zum Glück. So frei aus der Hüfte zu schießen kann nämlich ins Auge gehen.

 

Zum Glück ist aber die Clean-Eating-Propagandistin Hannah Frey wenigstens so schlau, zwar Kochbücher zu schreiben, aber keine Ernährungsberatung anzubieten. Das kann man auf ihrer Webseite nachlesen.

 

 

Sie würde auch in Teufels Küche kommen, mit dem dummen Zeug.

Macht aber nichts – für SPIEGEL online reicht es ja.

©Johanna Bayer

 

SPON-Artikel „Die Besseresser“ von Bettina Levecke vom 17.11.2016 – und Achtung, er ist schon geändert worden, nach Intervention. Vielleicht wird er bald nochmal geändert. Dann bitte bei der Abteilung Dokumentation von Quarkundso.de nachfragen, da gibt es das Original als PDF mit Stand vom 28.11.2016.

Autorin Levecke über Hülsenfrüchte in SPON am 3.3.2016

Thomas Ellrott im ZEIT-Interview: “Eltern, hört endlich auf, von gesundem Essen zu reden!”

… und was Hanni Rützler wirklich über das Gesundheitsgefasel denkt

Hannah Frey bietet KEINE Ernährungsberatung an, sie weiß wohl, warum, s. ganz unten in ihren FAQ.

Was wirklich Trend ist, steht zum Beispiel in diesem Artikel über die neue regionale Bewegung. Oder in diesem aus der TAZ, zur Foodszene in Berlin und dem Frust der Otto Normalesser.

Wo wir gerade von echten Lebensmitteln sprechen: Kalorienübersicht von der Apotheken-Umschau, eine unter vielen. Die Quelle von Quarkundso.de ist die Kalorien-&Nährtwerttabelle von Gräfe und Unzer (so ein Buch).

Gesund oder ungesund? Schwarz-Weiß-Denken schadet bei der Gewichtskontrolle(Studienzusammenfassung auf Englisch)

Das Frühstück als Fetisch: WISO, Schwindel mit Müsli – und warum jeder frühstücken kann, was er mag

Frühstückstisch mit Kaffee, Obst, Ei, Croissan, Müsli

“Gesundes Frühstück”: Der Tisch muss sich biegen von allem, was der Kühlschrank hergibt. Bild: Shutterstock / monticello

 

 

 

 

 

 

 

 

Darauf hat Quarkundso.de schon lange gewartet – auf das mit dem Frühstück. Also, auf einen passenden Bericht über das Frühstück. Damit endlich mal gesagt werden kann, was gesagt werden muss: Das Frühstück wird überschätzt.

Das Verbrauchermagazin WISO vom ZDF hat Quarkundso.de letzte Woche die passende Steilvorlage geliefert. Ich bin dafür sehr dankbar.

Wobei ich persönlich überhaupt nichts gegen ein ausgiebiges Frühstück habe. Wirklich nicht. Aber ich brauche keines. Das Mittagessen ist mir viel wichtiger.

Morgens reichen mir wenige Dinge: ein belegtes Brot oder Brötchen (in Zahlen: 1), ein paar Tassen Tee. Wenn mal keine Zeit zum Frühstücken ist, reicht nur das Brot. Oder nur der Tee. Süßes vertrage ich morgens nicht, da wird mir schlecht. Übergangslos kann ich dann mittags reinhauen, dass es kracht.

So aber bin ich ein Komplettausfall für die Frühstücksindustrie. Eine Anti-Zielgruppe. Schließlich designen die Hersteller rund um das bescheidene Mahl am Morgen eine riesige Palette von Spezialprodukten.

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Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion “Wissenschaft kommuniziert”

 

Die Hidden Agenda: Wir sind morgens alle depressiv

Wegen dieses Marktes hat das Frühstück eine feste Ikonografie: Immer findet es in lichtdurchfluteten Wohnküchen statt, immer scheint die Sonne, immer gibt es buntes Bullerbü-Geschirr, immer biegt sich der Tisch von allem, was der Kühlschrank hergibt, immer ist da ein gerade geköpftes Ei, immer frisch gepresster (!) Orangensaft, immer gibt es nicht nur Brot und Brötchen sondern auch Croissants, immer eine Kanne (!) Milch und ganz viel frisch aufgeschnittenes Obst.

In der Mitte prangen dann die Packungen, um die es geht: wahlweise Marmeladen, Nutella oder andere Brotaufstriche, Honig, Margarine, Jogurt, Frischkäse, Wurst mit Gesicht und vor allem die berühmten „Frühstückscerealien“: Müsli, Flocken und allerlei Knusperzeug.

Schön zu sehen ist das in der Werbung, den Fernsehbeiträgen und der Fotografie, und wenn man eine Google-Bildersuche zum Thema eingibt. Die Überfülle und die goldene, sonnige Symbolik verraten die Hidden Agenda: Morgens sind wir alle depressiv. Wir müssen mit Essen gegensteuern.

Und nicht nur deshalb ist ausgemacht: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.

 

Google_Bildersuche "Frühstück" mit lauter Collagen aus Orangensaft, Brötchen, Ei und allem, was im Kühlschrank ist

Screenshot von einer Google-Bildersuche zum Stichwort “Frühstück”.

 

Das Märchen von der wichtigsten Mahlzeit des Tages

Diese in Stein gemeißelte Wahrheit verkündet denn auch WISO in seinem Bericht vom 21.3.2016, veredelt durch den Rekurs auf Fachleute:

„Das Frühstück ist für viele Ernährungsexperten die wichtigste Mahlzeit.“

Das ist schon deswegen interessant, weil es im doppelten Sinne nicht stimmt: Echte Ernährungsexperten und alle Mediziner wissen, dass das Frühstück nur eine Mahlzeit unter anderen ist.

Doppelt heißt: Erstens ist das Frühstück auf keinen Fall die wichtigste Mahlzeit. Zweitens sagen Experten derlei nicht. Es steht auch weder in den Richtlinien der DGE noch in irgendwelchen Lehrbüchern, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit (des Tages, für den Menschen, weltweit?) wäre.

Es ist schlicht und einfach nicht so.

Alle Versuche, wissenschaftlich zu belegen, dass ein ausgiebiges Frühstück die wichtigste Mahlzeit sei und helfe, das Gewicht zu regulieren, wie oft behauptet wurde, sind gescheitert. Die Studienlage, selbst zum Frühstück bei Schulkindern, ist unklar.

Man kann nur vermuten, dass Kinder, die frühstücken, insgesamt besser versorgt werden und deshalb fitter und gesünder sind. Und natürlich ist es für Schüler, die im Unterricht aufmerksam sein müssen, nicht schlecht, etwas zu frühstücken und vor allem zu trinken. Aber manche Kinder weigern sich, morgens etwas zu essen. Zwingen kann und sollte man sie nicht.

Bei Erwachsenen ist die Lage ziemlich anders. Und für Übergewichtige ist es eher so, dass ein üppiges Frühstück die Gesamtkalorienmenge erhöht. Mit anderen Worten: Wer abnehmen will, kann schon beim Frühstück mit dem Kaloriensparen anfangen.

Inzwischen schlagen neue Ernährungskonzepte wie das Intervallfasten sogar ausdrücklich vor, mehrmals in der Woche zum Beispiel das Frühstück auszulassen.  Damit liegt eine lange Essenspause zwischen dem Abend und dem nächsten Mittag, was nachweislich günstig für den Fettabbau und den Stoffwechsel ist.

Soweit die wissenschaftliche Lage. Die WISO-Redaktion verlässt sich aber lieber auf den Volksglauben. Natürlich kann man so mal ein Thema einführen, warum nicht. Aber dann sollte die Recherche kommen.

Den Quark als Expertenwissen zu verkaufen, das ist schon keck.

 

Omas Wissen führt auch nicht weiter

Dabei gehört der Frühstücksmythos nicht einmal zur traditionellen Esskultur. Denn früher war klar: Das Frühstück ist ein kleiner Happen – zentral ist das warme Mittagessen.

Wer an diesem Punkt der Spurensuche das Oma-Argument ausspielt, muss sich Fragen stellen lassen. Mag sein, dass Oma – die alles über Essen wusste – sagt, man müsse morgens „essen wie ein Kaiser“.  Aber dann sollte sie auch die Karten auf den Tisch legen: Was meint sie eigentlich, und hat sie wirklich Recht?

Vor allem: Was frühstückte denn so ein Kaiser?

Vom österreichischen Franz Joseph I. ist bekannt, dass er vor Tau und Tag aufstand, meistens um halb vier Uhr früh. Das Frühstück kam erst nach sechs, wenn er schon ein paar Akten durchgearbeitet hatte. Dann genehmigte sich der Franzl Tee oder Kaffee und etwas Gebäck, am liebsten seinen legendären Gugelhupf, oder ein Milchweck.

Wilhelm II in Preußen genoss als Kind eine streng militärische Erziehung, da gab es nur trockenen Zwieback zum Frühstück, ebenfalls im Morgengrauen. Das später berühmte Gabelfrühstück bei Hofe war wiederum keine Morgenmahlzeit, sondern schon ein Mittagessen. Es fand nicht vor 11.00 Uhr statt, und diente vor allem Einladungen und besonderen Anlässen.

 

Erst arbeiten, dann essen

Auch sonst frühstückten Monarchen, die auf sich hielten, einfach: der Sonnenkönig Ludwig XIV. von Frankreich nahm nach seinem Lever morgens um neun Uhr nur etwas Bouillon, Brot und Wein zu sich. Erst mittags wurde groß aufgetischt, nicht vor 13.00 Uhr.

Im Mittelalter wiederum war in höheren Kreisen der Verzicht aufs Frühstück angesagt. Nach dem Aufstehen wurde nicht gegessen, erst später.

Denn der Tag begann bei Sonnenaufgang. Im Frankfurter Römer saßen die Ratsherren schon um sechs Uhr zusammen – ein üppiges Mahl vor Sitzungsbeginn verbot sich schon aus organisatorischen Gründen: Der Ofen rauchte noch nicht, die Küche war kalt.

Gegen 10.00 oder 11.00 Uhr gab es dann das frühe warme Mittagessen, prandium genannt. Wohlgemerkt Stunden nach dem Aufstehen.

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Nordeuropa und USA: Mittags nichts, abends nichts Gutes

Wie man es auch dreht und wendet, alles deutet auf eine schlichte Mahlzeit am frühen Morgen hin, der nicht viel Gewicht beigemessen wurde. Aus der Historie stammt der moderne Frühstücksmythos jedenfalls nicht. Eher ist er wohl in neuerer Zeit aus dem Ausland eingewandert.

Wenn ich mich richtig erinnere, schrieb der große Wolfram Siebeck, das Frühstücksmärchen komme „aus Ländern, die den ganzen Tag nichts Gescheites mehr auf den Tisch bringen“: aus Skandinavien und dem angelsächsischen Raum. Das klingt einleuchtend.

Denn dort firmiert das Mittagessen nur als „Lunch“, ist in der Regel kalt und besteht aus Klappstullen oder Salat in Plastikdosen. Klar muss man unter diesen Umständen morgens auf Vorrat essen.

Die Mutter dieser Frühstücksform stammt wohl aus dem England des frühen 19. Jahrhunderts und nennt sich „full english breakfast“ mit Eiern, Speck, Räucherfisch, Fleisch, gebratenen Nieren, Blut- und Bratwürsten. Unnötig zu sagen, dass das nur wohlhabenden Bürgern möglich war.

Dieses üppige Mahl ist in die USA importiert worden, wo es bombenfest mit Erdnussbutter, Pfannkuchen in Ahornsirup, Cornflakes, Donuts und pappsüßem Orangensaft verleimt wurde. Von dort schwappt das Ganze jetzt wieder zurück nach Europa.

Übrigens mitsamt der Ideologie von der Bedeutung des Frühstücks. Sie ist in den USA besonders aufgeblasen  – nie ohne gutes Frühstück aus dem Haus, heißt es da. Ein amerikanisches Frühstück mit den oben genannten Zutaten, versteht sich.

Das Gewichtsproblem, das die Nation hat, ist bekannt. Aber jetzt soll sich bloß niemand etwas dabei denken.

 

Das Frühstück als Fetisch

In Deutschland ist es durch derlei internationale Frühstückspropaganda aber inzwischen fast asozial, nicht zu frühstücken. Und das, obwohl 20 bis 45 Prozent der Deutschen morgens nicht viel Hunger haben.

Das trauen sie sich aber nicht zu sagen, im Zeitalter der Selbstoptimierung durch bewusstes Essen. Denn die Frühstücksfront ist in der Übermacht. Für ihre Abgesandten ist das Frühstück geradezu ein Fetisch.

Im Büro schinden sie morgens eine ausgiebige Frühstückspause raus, weil sie sonst nicht arbeiten können. Das Wochenende ist ruiniert, wenn sie nicht stundenlang „gemütlich frühstücken“  – in Cafés, die bis 18.00 Uhr Frühstück servieren. Das heißt, sie frühstücken eigentlich nur noch, richtige Mahlzeiten kennen sie kaum.

Im Urlaub verklagen solche Leute gerne den Reiseveranstalter, wenn es morgens kein riesiges kalt-warmes Buffett gibt, dabei bestehen sie auf heimischem Müsli, Aufschnittplatten und Vollkornbrötchen. Heimlich schmieren sie noch schnell ein paar unter dem Tisch, um das Mittagessen zu sparen.

Dieses deutsche Frühstücksgewese befremdet die Einheimischen und ist für die meisten Urlaubsländer total untypisch, besonders im Süden.

 

Weltfrühstück: salzig bis scharf am Morgen

Ihrerseits können sich die Touristen auf keinen Fall den Frühstücksgewohnheiten ihrer Gastgeber anpassen. Das würde den Urlaubsgenuss empfindlich stören.

Erste Hürde für viele: Nirgends außer in Europa ist das Frühstück süß. In Japan gibt es eine Schale Fischsuppe, im Nahen Osten ein paar Reste des Abendessens, in Indien ebenfalls, aber granatenscharf, in Südamerika Bohnen und Maismehltortillas, in Tibet salzigen Tee mit Yakbutter drin, dazu getrocknetes Yakfleisch und Gerstenbrot.

Zweite Hürde: Das Frühstück ist für viele Menschen eine stark ritualisierte Mahlzeit. Sie essen immer dasselbe und brauchen ganz bestimmte Zutaten. Konditioniert auf einen Kanon von Wohlfühlspeisen, gelingt es ihnen nicht, sich für den kurzen Urlaub umzustellen.

Nun gut. Das muss ja auch nicht sein. Man will sich schließlich erholen.

Daher bieten die Hotels in den Reiseländern das Frühstück „western style“. Und sicherheitshalber wimmelt es im Netz von Reiseberichten und Blogs, die für alle möglichen Länder den verzweifelten Urlaubern zeigen, wo es „ein gutes Frühstück“ gibt.

 

Noch ein Mythos: der Müsli-Schwindel

Da lacht das Herz der Frühstücksindustrie. Sie ernährt auch die vielen Serviceredaktionen, die ihre wunderbaren Extraprodukte besprechen, empfehlen, bewerten und wieder und wieder testen können.

An erster Stelle steht hier das Müsli.

Müsli, wir erinnern uns, ist ein Kunstgericht, das ein esoterischer Diätarzt im 19. Jahrhundert erfunden hat, ein gewisser Bircher-Benner. Er behauptete, bei seiner Mischung aus gezuckerter Kondensmilch, geriebenem Apfel, Zitronensaft und Getreideschrot handele es sich um die ursprüngliche Ernährung gesunder Bergvölker.

Der Mann schwindelte. Das war ihm aber egal. Schließlich wollte er übergewichtigen, gichtgeplagten Großstädtern etwas Rohkost unterjubeln, und für diesen guten Zweck war ihm jedes Mittel recht. Danach gewann die Diätspeise, die Bircher-Benner seinen Dicken verordnete, in Deutschland den Nimbus des idealen Frühstücksgerichts.

 

Frühstücksmythen noch und noch

Bei WISO war also Müsli wieder im Test, Früchtemüsli, wie schon 2010 einmal, übrigens mit demselben Ergebnis. Nach dem steilen Eingangssatz von der “wichtigsten Mahlzeit” des Tages kam bei WISO aber tatsächlich noch eine Frau vom Fach zu Wort. Es ist eine Ökotrophologin von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, Susanne Umbach.

Die sagte Erstaunliches über Nährwerte von Dörrobst und zementierte auch gleich den nächsten Frühstücksmythos: den von den „leeren Energiespeichern“, die morgens angeblich dringend und langanhaltend mit Kohlenhydraten aufgefüllt werden müssen.

Falls sie mit „Energiespeichern“ die üppigen Fettdepots meint, über die mehr als die Hälfte der Bevölkerung verfügt – die müssen definitiv nicht aufgefüllt, sondern abgebaut werden.

Aber die meint Frau Umbach nicht. Schade eigentlich.

Stattdessen befördert sie die Mär von der notwendigen Stärkekost zwecks angeblich lebenswichtigen Kohlenhydratnachschubs. Das ist der zweite große Frühstückshumbug.

Die physiologische Grundlage: Nachts läuft der Körper von Natur aus auf Reserve, weil nichts reinkommt. Er leert dann bestimmte Kohlenhydratspeicher in der Leber, was im Grunde gut ist.

Wenn man morgens viel Stärkehaltiges oder Süßes isst, füllt das die kurzfristigen Leberspeicher wieder auf, und zwar, weil der Körper überschüssige Kohlenhydrate dort bunkert. Denn die meisten essen viel zu viele Kohlenhydrate – mehr sie brauchen.

Gleichzeitig schaltet der Organismus aufgrund der eingehenden Signale – es ist hell draußen und Futter kommt rein! – vom Reservemodus zurück in den Tagesbetrieb. Dann wartet er auf Nachschub von außen.

Er würde sonst tatsächlich die eigenen Energiespeicher, die Fettdepots, weiter angreifen und seine Energie daraus beziehen. Das ist von Natur aus so vorgesehen.

 

Ist nicht das tibetische Frühstück das ideale?

Aus diesem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus und dem Reservehaushalt des Körpers stricken bestimmte Ernährungsberater vom Reißbrett weg die Forderung, dass morgens vor allem Kohlenhydrate ins Frühstück gehören – wegen der Energieversorgung.

Nur hat die Sache einen Haken: Mit demselben Recht könnte man sagen, dass der Körper morgens Eiweiß und Fett, Salz und Wasser braucht, weil das ja alles über Nacht gefehlt hat – und viel wichtiger ist als Kohlenhydrate.

Denn über Energiereserven verfügt der Körper in der Tat ausreichend, für nicht weniger als sechs Wochen. Dazu sind die Fettdepots da, so lange reicht der Speckgürtel. Bei Dicken sogar noch länger. Aber besonders bei Protein, Wasser und Salz wird es schnell kritisch. Da reichen die körpereigenen Reserven nur wenige Tage.

Auch bei Fett ist ein Mangel kritischer als bei Kohlenhydraten, weil Fett als Zellbaustoff und für das Gehirn essenziell ist, außerdem ist es wichtig für die Verwertung von Vitaminen. So gesehen gäbe es viele gute Gründe für das Frühstück der Tibeter: gesalzener Tee mit viel Fett – lecker Yakbutter! Dazu Fleisch vom Yak und Gerstenmehlfladen oder -suppe mit noch mehr Yakbutter – ohne jedes Obst.

Nicht nur, weil das da nicht wächst. Hart arbeitende Menschen aus widrigen Breiten wissen offenbar, worauf es ankommt. Anhänger der Bullet-Proof-Diät haben sich das abgeschaut und machen daraus clevere Geschäftsmodelle.

 

Frühstück in Deutschland: Obst- und Vollkorn-Folklore

Nicht so die akademischen Ökotrophologen aus Mitteleuropa. Dieser Szene passen der salzige Tee und die Yakbutter natürlich überhaupt nicht ins Konzept, vom Fleisch ganz zu schweigen. Hier müssen es morgens reine Kohlenhydrate mit süßem Obst sein, und wenn Milch, dann fettarm.

Diese Obst- und Vollkorn-Folklore entbehrt einer vernünftigen Grundlage und schmeckt vielen Menschen offensichtlich auch nicht. Interessant ist nämlich die Stelle, an der WISO Zahlen nennt:

“Jeder Vierte isst mindestens einmal in der Woche Müsli.”

Ach – nur jeder Vierte? Nur 25 Prozent? Die Gesundes-Müsli-Leier erweckt eigentlich den Eindruck, als ob 90 Prozent Müsli äßen, wenn nicht alle. Weil es doch so „gesund“ und „ausgewogen“ ist.

Aber nichts da. Wie man sieht, stimmt das Ganze hinten und vorne nicht. Die Leier wird wohl dauernd gedreht, weil aus Sicht der Ernährungsberater immer noch zu wenige Menschen zu dem von ihnen als ideal eingestuften Frühstück greifen: Wenn die Zahlen von WISO valide sind, essen 75 Prozent der Deutschen morgens lieber etwas anderes als süßliches Körnerfutter.

Das ist verständlich. Aber die öden Versuche, jedem, aber auch jedem das Müsli aufzuschwatzen, sind totalitär. Sie respektieren nicht den Geschmack der Menschen, und nicht die vielfältigen Vorlieben und Bedürfnisse. Dafür gilt jener Lehrsatz, den der legendäre Ernährungsmediziner Volker Schusdziarra geprägt hat:

“Es gibt nicht die eine gesunde Ernährung für alle.”

 

Frühstückt, was ihr wollt. Oder auch gar nicht

In Wahrheit ist es wohl völlig wurscht, was man frühstückt, wenn man nur etwas trinkt und insgesamt vielfältig und ausgewogen isst. Also über den Tag oder über die Woche gesehen. Wirklich. Wer morgens keinen Hunger hat und partout nichts oder nur wenig runterbringt, kann sich beruhigt zurücklehnen: Das ist völlig normal, übrigens auch bei Kindern. Man kann es später am Tag nachholen.

Denn nach dem Nachtmodus dauert es einfach eine Weile, bis der Körper morgens wieder in den Normalbetrieb schaltet. Essen funktioniert dabei als Taktgeber: Sobald irgendetwas reinkommt – egal was – gilt das als Signal, den Stoffwechsel umzustellen.

In diesem Sinne reicht zig Millionen von Menschen ein kleines Frühstück, etwa in Italien und Frankreich, und hält sie offensichtlich trotzdem leistungsfähig. Dazu sind sie schlanker als ihre Nachbarn.

Der Signal-Mechanismus könnte auch erklären, warum weltweit ein schnelles, kurzes Frühstück nach dem Aufstehen die Regel ist. Manche Forscher sagen sogar, dass das Ganze von Natur aus so vorgesehen ist, damit das tagaktive Lauftier Mensch morgens schnell in Gang kommt.

Und nicht erst stundenlang beim Frühstück sitzt. Da ist die Beute weg und der Tag verloren.

©Johanna Bayer

Der WISO-Beitrag über Früchtemüsli im ZDF vom 21.3.2016. Und Vorsicht – es sind noch mehr Böcke drin. Aber herrje. Man kann nicht alles besprechen.

Ein interessantes Interview aus der FAZ über Fasten, Mahlzeitenrhythmus und Stoffwechsel, mit einer  Ernährungforscherin vom DIFE-Deutsches Institut für Ernährungsforschung in Potsdam.

Ein Artikel in ZEIT -Wissen über Frühstück in der Steinzeit – und warum der Mythos von der wichtigsten Mahlzeit “Quatsch” ist (Originalzitat).

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

 

Diät – endlich abnehmen, leichter schlank! Der STERN weiß, wie es geht. Von wegen.

 

 

 

Es ist Januar, die Diätratschläge sind da. Ich weiß nicht, ob das wirklich an den wenigen Feiertagen liegt, an denen es lecker was zu essen gibt. Oder an den paar guten Vorsätzen, zu denen sich Leute zu Neujahr verpflichtet fühlen. Manche zumindest.

Aber mit dem guten Essen ist es ja nicht so weit her, wenn man hört, was viele zu Weihnachten auf den Tisch stellen. Der Renner sind Würstchen mit Kartoffelsalat, danach kommen meist Fondue und Raclette, soll ja alles schnell gehen und keine Arbeit machen.

Also ist es doch höchst unplausibel, dass alle über die Feiertage enorm zunehmen und danach sofort Diät machen müssen, um wieder auf Normalgewicht zu kommen. Wenn die Plätzchen aufgefuttert sind, erledigt sich das doch von selbst.

Nein, die nackte Wahrheit sieht anders aus: Viele, laut Statistik sogar jeder Zweite, sind vorher schon zu dick. Über Weihnachten will sich natürlich keiner kasteien. Das ist nur zu verständlich. Aber danach soll alles anders werden.

Tja. Hier kommt die schlechte Nachricht: Nichts wird anders. So jedenfalls nicht.

 

Alle wissen es schon: Diäten funktionieren nicht

Es hat sich ja schon längst rumgesprochen, dass Diäten nicht funktionieren. Warum, weiß zwar auch keiner so genau. Aber fest steht, dass kaum jemand das, was man so gemeinhin unter „Diät“ versteht, durchhält.

Nach etwa einem Jahr Diät gleich welcher Couleur sind alle Abnehmwilligen wieder auf ihrem Ausgangsgewicht. Das haben die Langzeitstudien, die dazu schon gemacht wurden, übereinstimmend ergeben.

Wobei diese Studien zu Diätmethoden ein ganz eigenes Thema sind. Die meisten gehen nämlich über recht kurze Zeiträume, weniger als ein Jahr, meist nicht länger als ein paar Wochen, maximal drei Monate.

Das heißt, auch bei positivem Ausgang – ja! Die Teilnehmer haben toll abgenommen! – sagen die Studien nichts über den Erfolg des Programms im wirklichen Leben aus. Da muss man schon länger durchhalten.

Im Zweifelsfall lebenslang.

Dass die Studien kurz sind, hat natürlich Gründe, vor allem logistischer Art. Denn Menschen über längere Zeit zu überwachen, ihr Essen zu kontrollieren, sie zu wiegen und zu messen, Blut abzunehmen und die Daten zu erfassen ist gar nicht so einfach.

Das sieht man auch daran, dass in jeder Studie Teilnehmer noch während der Laufzeit aussteigen: „Tschuldigung, echt jetzt, Leute, ich schaff das nicht. Der Fraß, den ihr uns da vorsetzt, geht gar nicht. Ich bin raus.“ Oder so ähnlich.

Dropout-Rate, Ausfallrate, nennen das die Diät-Forscher. Die Ausfallrate bei Diät-Studien schwankt zwischen 10 und 80 Prozent. 80 Prozent! Das ist ein dicker Hund. Gut, bei kürzeren Studien bleiben die Leute eher bei der Stange, also bei Versuchen, die so über zwei bis vier Wochen gehen. Dauert die Studie aber länger, steigen immer mehr Leute aus.

Bei einem Verlauf von sechs Monaten sind es im Schnitt 50 Prozent. Das ist die Hälfte. Wieder so ein Klopper: Die Hälfte aller Teilnehmer hält noch nicht einmal unter kontrollierten Bedingungen den Versuch durch, ein paar Wochen oder Monate weniger zu essen.

 

Abnehmen ist ein dickes Ding

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. So schwer ist das mit dem Abnehmen also, wenn man diese Ausfallrate der Studien als Beweis heranzieht? Allerdings ist es das – wobei dieser Schluss auch einen kleinen Haken hat: In der Regel nehmen an Diät-Studien keine gesunden oder gar schlanken Menschen teil.

Warum auch. Noch nicht einmal moderat Moppelige sind da drin. Also Leute, die ein paar Kilos loswerden wollen, bevor die Bikini-Saison beginnt. Oder bei denen nach Weihnachten oder dem Urlaub die Lieblingsjeans zwickt. Bei denen geht es um zwei bis fünf Kilo. Höchstens.

Nur sind die Probanden in Diätstudien in aller Regel keine Leute mit einem kleinen Figurproblem. Und die Betonung liegt hier auf „klein“.

 

Keine urbanen Selbstoptimierer

In Diät-Studien landen nämlich viele Leute mit einem riesengroßen Figurproblem. Kranke. Leute in Kliniken, wie dicke Diabetiker, oder Adipöse mit 15 bis 30 Kilo Übergewicht, was etwa BMI 30 entspricht. Das ist die gefährliche Grenze, ab der sich das Risiko für übergewichtsbedinge Krankheiten massiv erhöht.

Oder es sind gleich Schweradipöse, die 120 bis 150 Kilo und mehr Lebendgewicht auf die Waage bringen. Und das schon so lange, dass sie mit ernsthaften Folgeschäden rechnen müssen, oder diese schon haben.

Das sind keine urbanen Selbstoptimierer, die mit einem Sixpack liebäugeln.

Kranke Menschen haben viele Probleme. Und dass sie sich schwer damit tun, eine Diät und strenge Regeln durchzuhalten, bei denen sie schlimmstenfalls völlig anders essen müssen als gewohnt oder hungern, leuchtet einigermaßen ein.

Auch, dass sie vielleicht nie richtig schlank werden, weil ihr schon jahrelang gestörter Stoffwechsel das nicht mehr zulässt, ist verständlich. Und dass es fast übermenschlich ist, von heute auf morgen ein festgefahrenes Ernährungsmuster zu ändern, weiß jeder.

 

Die bittere Wahrheit

Was aber wirklich Sache ist, wird selten ausgesprochen. Manchmal flüstert sie einer vor Fachpublikum hinter verschlossenen Türen, wie 2012 Professor Hans Hauner, prominenter Ernährungsmediziner von der TU München, damals Chef der Deutschen Adipositasgesellschaft:

„Adipositas ist nicht heilbar“.

Zumindest nicht nach dem heutigen Stand der Forschung. Das ist eine echt bittere Pille. Bitter ist auch, dass man nicht sicher weiß, was dieses chronische Übergewicht verursacht. Die Gene sind es keinesfalls alleine und noch nicht einmal überwiegend.

Die Anfänge werden schon in der Schwangerschaft der Mutter vermutet, auch bei der Babyernährung und im Kleinkindalter. Fehlprogrammierter Stoffwechsel, zu wenig Bewegung, schlechte Gewohnheiten, möglicherweise kommt da viel schon in der Jugend zusammen. Wie viele Faktoren es sind und wie man sie günstig beeinflussen kann, daran rätseln Mediziner weltweit herum.

Gleichzeitig müssen sie die Folgen des grassierenden Übergewichts lindern und sich irgendwas zur Prävention ausdenken, wobei sie weitgehend im Nebel stochern. Kein leichter Job.

 

Menschen wollen träumen

Immerhin können wir froh sein, wenn nicht noch mehr Leute dick werden und die ohnehin schon Dicken extrem zulegen. Das wären amerikanische Zustände, und da sind wir zum Glück nicht.

Noch nicht.

Aber damit kann man sich natürlich nicht zufrieden geben. Man muss es wenigstens versuchen. Schon der Gesundheit wegen, aber auch wegen der Jugend, der öffentlichen Finanzen und überhaupt.

Außerdem darf man Menschen ihre Träume nicht rauben.

Also gibt es doch jeden Januar und jeden Mai die ultimativen Diät-Tipps. Jetzt wieder von allen, und auch vom STERN am 7. Januar 2016, mit dem üblichen Nackedei auf dem Titel. Das Versprechen auf dem Cover:

„Leichter schlank. So nehmen Sie erfolgreich ab: mehr Lebensfreude, weniger Verzicht. Was Forscher empfehlen.“

Wer jetzt misstrauisch wird, liegt richtig. Wir wissen ja schon, dass Diäten nicht funktionieren und starkes Übergewicht noch immer als unheilbar gilt.

 

Diskretes Schweigen bei wichtigen Daten

Tatsächlich macht der STERN auf dem Titel frech ein Versprechen, dass er gar nicht erst einzulösen vorhat. Denn im Artikel schafft es Autorin Nicole Heißmann virtuos, die Totalkapitulation der Übergewichtsforscher vor der unheilbaren Krankheit Adipositas als neues, entspanntes Abnehmkonzept zu verkaufen.

Der wesentliche Punkt wird raffiniert verschleiert: Ums Schlankwerden geht es gar nicht. Niemand wird hier schlank, auch nicht von neuen Konzepten.

Den Beweis liefert die ausgefeilte Erfolgsstory der Hauptprotagonistin: Eine Frau, die zuvor 150 Kilo wog, hat 66 Kilo abgenommen. Rein zahlenmäßig und auch für ihre Gesundheit bedeutet das natürlich enorm viel. Aber schlank ist sie nicht.

Damit das keiner so schnell merkt, steht nirgendwo im Text die Zahl, die für das Ergebnis interessant ist: Was wiegt sie heute? Das muss man sich als Leser fix selbst ausrechnen, die Redaktion verschweigt es diskret.

84 Kilo sind also noch da. Das ist natürlich ins Verhältnis zur Körpergröße zu setzen. Eine Frau von 1,80 wäre mit 84 Kilo fast normalgewichtig. Nur schweigt auch hier die Autorin. Da wird man schon etwas unwillig, denn die Körpergröße ist in diesem Zusammenhang wichtig.

Nicht um einen Erfolg kleinzureden und Menschen abzuurteilen. Sondern um die Fakten ehrlich darzustellen.

Sonst gaukelt man tausenden von unglücklichen Übergewichtigen vor, dass sie von 150 Kilo mir nichts, dir nichts auf Normalgewicht kommen oder gar gertenschlank werden können, und das mit „mehr Lebensfreude, weniger Verzicht“.

Denn 84 Kilo sind eine Menge. Ist die Frau 1,65 groß, was dem deutschen Durchschnitt entspricht, hat sie immer noch rund 25 Kilo Übergewicht und einen BMI von 31. Sie wäre damit adipös. Stark übergewichtig. Nicht schlank, wie man uns versprochen hat.

Wobei – den BMI erfahren wir im Text gar nicht erst. Auch den verschweigt die Autorin. Falls die Frau etwas kleiner ist als 1,65, hätte sie sicher gefährliches Übergewicht um BMI 30. Aber selbst wenn sie 1,70 groß wäre, hätte sie mit 84 Kilo immer noch einen BMI von 29,1. Immer noch an der Grenze zur Adipositas. Zu dick.

 

Die Abteilung Grafik hat ganze Arbeit geleistet

Auf den Bildern erkennt man das aber nicht. Da ist sie entweder alleine oder mit einem Mann zusammen, der optisch kleiner wirkt, zum Beispiel, weil er im Hintergrund steht. Die Daten des Mannes, dessen Geschichte auch erzählt wird, stehen mit einer Angabe mehr im Text, er ist 1,78 groß und wiegt 102 Kilo. Von 115 Kilo runtergekommen. Er hat also immer noch BMI 32, mit über 20 Kilo Übergewicht.

Damit liegt auch er in der Kategorie „adipös“, oder, wie die Autorin sich nicht scheut zu sagen, „fettleibig“. In demselben Atemzug wischt sie allerdings schnell die Gewichtsklassifizierung über den BMI und überhaupt „solche Kategorien“ als „beschränkt“ vom Tisch.

Beschränkt, nun ja. Bis heute gibt es keine Kategorie, die besser geeignet ist als der BMI, um eine erste Einschätzung zu Gewicht und Körperfett zu geben. Wohl nur eine erste Einschätzung, aber eine guter Anhaltspunkt. Das kann man nicht ernsthaft leugnen, auch nicht, wenn man es gut meint und Menschen unbedingt Hoffnung machen will.

Aber egal – auf dem Bild, auf dem beide Protagonisten zusammen an einem Tisch sitzen, sind sie jedenfalls gleich groß und gleich vollschlank. Das wirkt unplausibel. Da es sich um eine Kombination von Zeichnung und Foto handelt, lässt sich nicht genau ermessen, ob die beiden wirklich an einem Tisch gesessen haben. Photoshop lässt grüßen.

 

Hauptsache, das Storytelling stimmt!

Irgendwie bleibt ein mulmiges Gefühl bei dem ganzen Ding.  Fünfmal die Woche, liest man am Ende, geht die Kronzeugin der Geschichte  ins Fitness-Studio. Ach so, das ist “leichter schlank”?

Auch wird nirgendwo gesagt, wie lange die beiden Betroffenen gebraucht haben, um abzunehmen. Wie lange hat es gedauert, die 66 Kilo zu verlieren? Jahre, davon kann man ausgehen. Mindestens fünf, nicht darunter. Das ist eine lange Zeit.

Wie lange hat der korpulente junge Mann gebraucht, um  von BMI 36 auf BMI 32 zu kommen? 13 Kilo hat er abgenommen. Zuvor kann man dem Text entnehmen, dass der nur mittelgroße Schauspieler noch mit 105 Kilo Gewicht weder sich selbst noch seiner Mutter als übergewichtig vorkam. Erst bei 115 Kilo fragte sie nach. Dann kam auch er drauf.

Egal – das Storytelling ist straff aufs Ergebnis hin frisiert: Weg mit allen Fakten, die von der Suggestion der neuen Leichtigkeit ablenken könnten. Eliminieren, was den Service-Charakter stört.

So entstehen zwei tröstliche Erfolgsgeschichten, nette Zeichnungen, und versöhnliche Botschaften: Ihr könnt nichts dafür, aber ihr könnt es schaffen, irgendwann und irgendwie, Hauptsache, ihr fangt mal an.

 

Faktisch: Schadensbegrenzung

Worum es aber wirklich geht in dem Artikel, ist in allen Punkten ein Abweichen auch nur von der Vorstellung stark Übergewichtiger, schlank zu werden.

Es geht letztlich um Schadensbegrenzung bei Adipositas. Um das Verhüten von Schlimmerem, also weiterer Gewichtszunahme und Folgeschäden. Ein möglicherweise zumindest pragmatischer, gangbarer Weg.

Und im Übrigen überhaupt nicht neu. Allerdings auch alles andere als ein Königsweg zur Figur des drahtigen Nacktmodels auf dem Titel.

Was bei der Schadensbegrenzung helfen könnte, führen diverse Forscher im Artikel aus: Muskeltraining, allgemein Bewegung, besserer Umgang mit Stress, Umstellungen in der Ernährung, die auf Dauer durchgehalten werden können. Keine Rosskuren, keine unrealistischen Erwartungen. Ganz kleine Schritte.

Auch der wesentliche Faktor Willenskraft kommt zur Sprache. Er lässt sich trainieren, ein Psychologe tritt sehr ein für das Einüben von gesunden Lebenseinstellungen und neuen, guten Gewohnheiten in Etappen. Das ist vielleicht der interessanteste Punkt an dem ganzen Dossier.

 

Dick bleibt dick. Man kann aber gesünder leben

Nur das große Abnehmen für stark Übergewichtige – das haben die Forscher abgeschrieben.

Professor Joachim Hebebrand, Interviewpartner im Artikel, hat selbst 5000 Abnehmprogramme für Kinder und Jugendliche ausgewertet – mit enttäuschendem Ergebnis: Nach zwei Jahren waren alle Kinder immer noch dick. Das sähe bei Erwachsenen leider ähnlich aus, seufzt der arme Arzt im Interview.

„Unter Umständen“ könne man etwas abnehmen, formuliert es Hebebrand vorsichtig. Aber im Grunde kommt es ihm darauf an, dass seine Patienten, wenn sie schon nicht abnehmen, wenigstens etwas für ihre Gesundheit tun.

Mehr Bewegung, einen Anfang machen mit Spaziergängen und Tanzen, vielleicht sich einen Hund zulegen, damit man öfter vor die Tür kommt. Muskelaufbau ist wichtig, für alle und gerade für Übergewichtige.

Aber leichter schlank? Von wegen.

 

©Johanna Bayer

Der STERN-Artikel ist noch nicht online, die aktuelle Ausgabe gibt es am Kiosk. Aber dafür gibt es ausnahmsweise  einen Servicelink: den BMI-Rechner von der Apotheken-Umschau. Aus gg. Anlass! :-)

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Und noch ein Anlass: Bei der Wahl zum Wissenschaftsblog des Jahres 2015 gab es für Quarkundso.de den Sonderpreis der Redaktion! Hier geht es zum Bericht. Quarkundso.de ist außerdem nominiert zum Foodblog des Jahres 2015 bei den Goldenen Bloggern! Bitte Daumen drücken – am 25.1.2016 entscheidet die Jury in Berlin.goldener-blogger-klein-gif-1

Zuckerlüge, Wurstgate – nur Luftnummern? 1x Nachschlag zu Wurst und Zucker, Krebs und Industrie

 

Wie war das noch gleich, im Oktober 2015? Da war doch der große Zucker- und Wurstalarm. Über beides hat Quarkundso.de ausführlich berichtet.

Seitdem ist aber in beiden Fällen nichts passiert, rein gar nichts. Keine neuen Gesetze, Richtlinien, Verbote, Empfehlungen. Übrigens auch keine weitere Diskussion. Das verstört die hilflosen Verbraucher und Esser, Eltern wie Kinder. Daher muss Quarkundso in die Bresche springen – mit dem Nachschlag.

Also, was ist geschehen? Die WHO bereitete der Wurst ihren 11. September und stufte sie als krebserregend ein. Kurz zuvor hatte ARTE in der „großen Zuckerlüge“ behauptet: Die Industrie streut uns Gift ins Essen und gaukelt uns vor, es wäre gesund!

Danach war Schweigen. Dabei hatte sich gerade ARTE die größte Mühe gegeben, einen Aufschrei zu provozieren und die von der Zuckerindustrie gekauften Politiker und Gesundheitsschützer endlich zum Handeln zu bewegen.

Aber erstens kam die Wurst dazwischen. Die Meldung der WHO zur Krebsgefahr durch rotes Fleisch und Fleischwaren erschien nur zwei Wochen nach der Ausstrahlung der pompösen Zuckerlügen-Doku.

Falls da gerade einige Politiker aus ihrem Zuckerkoma erwacht waren und zur Tat schreiten wollten, mussten sie erst ein wichtigeres Kulturgut verteidigen.

 

Olle Kamellen

Zweitens hatte ARTE wirklich nicht viel zu bieten. Die Industrie will uns abhängig machen, belügt uns, Zucker ist Gift – alles olle Kamellen. Speziell diese Vorstellung von einer Vergiftung – weil „versteckter Zucker überall drin“ ist, und uns süchtig macht, ist so überzogen, dass der gesunde Menschenverstand genervt abwinkt.

Darum hat auch kein seriöses Medium die ARTE-Doku von der „großen Zuckerlüge“ besprochen oder weiter aufgenommen. Das ganze Ding ist verpufft.

Selbst wenn von Zucker-Gegnern hundertmal vorgerechnet wird, wie viele Zuckerwürfel in einer ganzen Ketchup-Flasche stecken – 9 Stück! – es bleibt dabei: Ein Teelöffel Ketchup auf einem Hamburger oder ein Esslöffel davon über den Pommes Frites führen nicht zur Zucker-Vergiftung der gesamten Bevölkerung.

Für die allgemeine Gefräßigkeit, was Hamburger, Fritten und alles andere angeht, kann der Zucker aber nichts. Die haben sich die Deutschen selbst zuzuschreiben. Das Problem ist dabei weder der Zucker als Stoff noch die Zucker-Industrie.

Und wenn schon, müsste man die wahren Dealer ausheben – die Bäckereien, die Konditoreien, die Cafés und Eiscafès, die Schokoladen- und Pralinengeschäfte, die Süßwarenläden. Ich schätze, das gäbe einen Volksaufstand, und zwar völlig zu Recht.

 

Schlechte Gewohnheiten, schlechter Geschmack

Vielleicht wäre es auch gut, sich mal an die an die eigene Nase zu fassen, was das angeblich von der Industrie versteckte Gift angeht. Der größte Anteil des Zuckerkonsums geht nämlich auf das Konto des eigenen Geschmacks.

Und zwar des schlechten Geschmacks – den beschreibe ich als die Einengung auf aromalose, „milde“, süßliche, allenfalls salzige Geschmacksrichtungen. Das ist in der Regel verbunden mit einer Scheu vor Bitterem, vor Kräutern, Knoblauch, Zwiebeln und anderen aromatischen Knollen, vor sauren Früchten, bitteren Gemüsesorten und scharfen Gewürzen.

Menschen mit diesem Ernährungsstil wagen ihren kleinen Kindern nichts anzubieten, was nicht süß ist. So werden schon Babys hierzulande auf gezuckerte Breie und Fruchtsäfte abgerichtet, aber von allem anderem, nach dem sie am Tisch neugierig die Händchen ausstrecken, ängstlich ferngehalten.

Das ist fatal für die Prägung eines vielseitigen Geschmacks und gesunder Essgewohnheiten.

Viele kennen es aber nicht anders. Und damit es nie an Zucker fehlt, trinken sie zum Essen sicherheitshalber Cola, sehr gerne auch süßen Saft, bio natürlich. Zuhause setzen sie, falls sie jemals etwas selbst machen, überall Zucker zu und servieren süße Vorspeisen und Beilagen. Saures und Pikantes, etwa Krautsalat oder Rotkohl, wird extra mit Zucker oder Gelee abgemildert.

Und genau das bedient die Lebensmittelindustrie mit ihren Produkten. Sie verdient nicht schlecht daran.

 

Marotten aus dem Mittelalter

Die Vorliebe für eine deutliche Süßnote ist leider eine nordeuropäische Geschmacksverirrung, die direkt aus dem Mittelalter stammt. Sie entstand in Europa in finsteren Zeiten, als man an den Fürstenhöfen sehr großzügig Zucker über alle Gerichte vom Braten bis zur Leberpastete streute.

Das galt damals als Zeichen von Reichtum, denn Zucker kam mit Spezereienschiffen aus dem Orient. Da man aber gleichzeitig sauren, eingedickten Traubenmost in Saucen und Speisen kippte, entstand praktisch durchweg eine süß-säuerliche Note zu pikanten Gerichten.

Diese mittelalterliche Untugend feiert heute fröhliche Urständ. Vor allem die Marotte, angeblich exotische, aus Asien oder vom Mittelmeer stammende Würzsaucen zu verzuckern, zeugt davon.

Der Ketchup, als gesüßte Tomatensauce erfunden im England des 19. Jahrhunderts und schon damals wohl aus Marketing-Gründen den unschuldigen Indonesiern in die Schuhe geschoben, ist nur ein Auswuchs davon.

 

Marmelade zu allem

Traditionell gibt es besonders in England und den USA, aber auch in Deutschland einen Hang zu süßlichen Grillsaucen, Barbecue-Dips und furchterregenden Mischungen aus Senf, Honig und Obst zu Braten, Spareribs, Salaten und sogar zu Fisch.

Auch die Skandinavier schätzen süße Saucen und Marmelade zu allem, sei es Fleisch, Fisch, Wurst oder Käse. Touristen berichten mit Schaudern von gesüßten Heringshappen und süßem Brot.

Insgesamt zeigen diese infantilen Essvorlieben ein deutliches Nord-Süd-Gefälle – mild und süßlich im Norden, herzhaft, scharf und aromatisch im Süden. Das gilt für Europa, aber auch schon innerhalb Deutschlands.

Kulinarisch hoch entwickelte Nationen wie Frankreich und Italien hingegen trinken Leitungswasser oder herbe Weine zum Essen, schätzen Bittergemüse und Knoblauch, und geben Zucker nicht in Fleischsaucen sondern ins Dessert. Süßspeisen zum Nachtisch lieben und zelebrieren sie, aber naschen nicht ständig zwischendurch.

Folgerichtig verzehren sie – trotz exzellenter Patisserie – auch erheblich weniger Zucker: Pro Kopf und Jahr beträgt der Durchschnittsverzehr in Frankreich und Italien rund 25 Kilo Zucker, das sind über 10 Kilo weniger als in Deutschland.

Auch sonst auf der Welt kommt der überwiegende Teil der Esskulturen mit sehr wenig Zucker aus. Selbst Schuld, könnte man also den Deutschen sagen – schüttet halt nicht überall Zucker rein. Es geht nämlich auch anders.

 

Die Jagd nach „verstecktem Zucker“

Dabei gibt es nicht erst seit dem ARTE-Aufruf gleichzeitig eine Art Zucker-Paranoia: Unzählige Warnungen und Listen, mit denen auf „versteckten Zucker“ hingewiesen wird, mit bösen Unterstellungen in Richtung Hersteller, die das Gift angeblich unter falschem Namen einschmuggeln: als Malz- Milch- und Traubenzucker oder sonstige Tarnstoffe.

Um es nochmal deutlich zu sagen: Nicht der „versteckte Zucker“ ist ein Gesundheitsproblem. Sondern das literweise Schlürfen von Säften und Limos und das ständige Schlecken an Süßem zwischendurch.

Allerdings scheint es leichter zu sein, naive Käufer von einer Industrieverschwörung zu überzeugen als sie von ihrer Nascherei und ihren süßen Nuckelpullen abzubringen.

Diesen Weg des geringsten Widerstandes gehen esoterische Zucker-Gegner gerne, unfreiwillig unterstützt von den ehrwürdigen Verbraucherzentralen.

Auf der Jagd nach verstecktem Zucker haben diese eine Liste zusammengestellt, auf der typische Lebensmittel stehen, die im Supermarkt massenweise über die Theke gehen. Man kann damit in etwa überschlagen, wieviel Zucker man aufnimmt – theoretisch.

Praktisch zählt natürlich die Portionsgröße. Wieviel Nutella man sich aufs Brot streicht, oder wieviel Müsli man löffelt. Diese Portionsrechnerei macht alles kompliziert. Aber die Liste gibt erstmal einen Überblick darüber, wo „weißes Gift“ drinsteckt.

 

Zucker in Lebensmitteln (pro 100 g / 100 ml)
Frühstückscerealien 28 g
Nuss-Nougat-Cremes 40-55 g
Plunderteil (wie Mohnschnecke) 20 g
Süße Hefeteilchen 10 g
Apfelmus 16-18 g
Obstkonserven 10-20 g
Trockenfrüchte 40-50 g
Gezuckerte Tiefkühlkost 10 g
Kaffeegetränke aus Instantpulver 8-11 g
Latte Macchiato aus dem Kühlregal 9 g
Eistee 6-8 g
Limonade 8-10 g
Milchdrinks für Kinder 10 g
Müsliriegel 5-40 g
Vanilleeis 25 g
Gummizuckerwaren (wie Bärchen) 45-60 g
Instant-Kakaopulver 75 g (zubereitetes Kakaogetränk enthält laut Hersteller 19 g Zucker)
Milchreis klassisch 10 g
Ketchup 16-22 g
Grillsaucen 10-20 g
Salatdressings 4-8 g
Milchreis mit Frucht- oder Karamellsaucen 12-15 g
Quelle: aus dem Internet, nach “Achtung, Zucker!” – Ratgeber der Verbraucherzentrale

 

 

Warum uns die Industrie nicht reinlegen kann

Das sieht schon beeindruckend aus. Aber die Liste ist eigentlich komplett überflüssig, wenn man mich fragt. Wer den eigenen Zuckerkonsum zurückfahren will, dem genügt nämlich eine simple Faustregel:

Was süß schmeckt, enthält Zucker in irgendeiner Form.

So einfach ist es. Und da man schon vorher weiß, was süß ist – vom Müsli bis zu den Gummibärchen – muss man nicht einmal alles probieren, um den Zucker zu vermeiden. Man kauft es einfach nicht. Oder isst weniger davon.

Für das, was übrig bleibt, gibt es den ultimativ leichten Test: Schmeckt es süß?  Dann weg damit,  selbst machen, reduzieren. Wenn man das befolgt, stimmt die Zuckerbilanz. So einfach ist es. Ein Nachtisch nach dem Sonntagsessen, ein Stück Torte am Wochenende, die sind dann ohne jede Rechnerei drin.

Um Zucker zu sparen, braucht man also keine Tabellen und Ratgeber, die Unmündigkeit suggerieren und der Industrie üble Tricks unterstellen. Man kann sich einfach auf seinen Geschmack verlassen. Niemand muss studiert haben, um den „versteckten Zucker“ auf Zutatenlisten zu entlarven. Man muss nicht einmal lesen können.

Man muss nur schmecken.

 

Zurück zur Mündigkeit

Was wiederum nicht vordergründig süß schmeckt, enthält zwar manchmal etwas Zucker, wie Leberwurst oder Bratenfonds. Diese homöopathischen Dosen spielen aber wirklich keine Rolle.

Natürlich ist damit nicht gleich das Problem gelangweilter, benachteiligter, schlecht versorgter Kinder und gestresster Erwachsener beseitigt, die sich aus Frust mit Süßigkeiten vollstopfen. Aber das Gefühl, vergiftet zu werden und keine Wahl zu haben, das kann man auf diese Weise loswerden. Das ist doch auch schon was.

Wenn dann noch die Erwachsenen mit gutem Beispiel voran gehen, den Süßkram reduzieren, nicht ständig naschen und auf das eigene Gewicht achten, ist das schon die halbe Miete, würde ich sagen.

 

Meine persönliche Zuckerbilanz

Falls jemand mein persönliches Testergebnis wissen will: Versteckter Zucker aus diesen Lebensmitteln schlägt bei mir kaum zu Buche.

Denn keines der Produkte von dieser Liste habe ich in den letzten vier Wochen gegessen oder gekauft. Apfelmus, ja, mal ein Glas, das war aber im August. Dörrpflaumen habe ich im Haus, die kommen in bestimmte Desserts bei mir (als Beigabe in Cognac gekocht, zu meinem legendären Safranparfait, und nein, es gibt kein Foto und kein Rezept).

Saucen mache ich grundsätzlich selbst, Obst in jeder Form halte generell für überbewertet, fertige Milchdrinks und Milchreis für Kinder sind unnötig, die macht man besser selbst. Gegen Durst oder zum Essen trinke ich persönlich nur Leitungswasser – oder trockenen Wein. Morgens gibt es Tee oder Kaffee mit Milch, ungesüßt.

Da spart man schon eine Menge versteckten Zucker ein. Über die freigewordenen Kalorien verfüge ich großzügig: Ich investiere sie in Käse, Fleisch, Sahne und Butter.

Na gut, einige auch in Nachtisch und Torte. Bei Wahrung des Normalgewichts, versteht sich.

Vor allem morgens mag ich gar nichts Süßes, weswegen auch Marmelade, Nutella, Müsli und fragwürdige Erfindungen wie „Frühstückscerealien“ bei mir wegfallen. Davon wird mir schlecht, auf nüchternen Magen. Nein, morgens brauche ich was Herzhaftes, Kräftiges als Start in den Tag.

Zum Beispiel ein Wurstbrot.

 

Wurstgate: Rauchende Köpfe bei der WHO

Apropos Wurst: Bei der Wurst steht noch was aus. Da ist ja auch nichts passiert, genau wie beim Zucker. Aber aus anderen Gründen: Nach ihrer Krebswarnung haben die Welt-Gesundheitshüter nichts weiter von sich hören lassen. Der übliche Bericht, der zur Entscheidung gehört, ist noch nicht veröffentlicht.

Das ist sehr ungeschickt.

Das weiß die WHO natürlich auch. Aber ihre Krebsforscher sitzen jetzt mit rauchenden Köpfen an möglichst wasserdichten Formulierungen und Quellenverweisen. Denn sie wissen, dass sie komplett auseinander genommen werden, wenn sie das Ding rausbringen.

Deshalb sind sie ja schon vier Tage nach der Entscheidung wegen des weltweiten Sturms der Entrüstung mit ihrer Botschaft zurückgerudert, wie berichtet.

 

Ein Teil dieser Antwort wird Sie verunsichern

Vorerst hat die Organisation einen Frage-Antwort-Katalog ins Netz gestellt. Die ganze Eierei wird da recht deutlich sichtbar. Hier eine einschlägige Passage im Wortlaut der WHO, nachzulesen bei Frage/Antwort 4. Thema: Warum Fleisch und Wurst ins Visier der Krebsforscher gerieten.

Why did IARC choose to evaluate red meat and processed meat?

(…) based on epidemiological studies suggesting that small increases in the risk of several cancers may be associated with high consumption of red meat or processed meat. Although these risks are small, they could be important for public health because many people worldwide eat meat and meat consumption is increasing in low- and middle-income countries.

Das macht klar, dass es sich bei dem ganzen Vorgang wirklich um eine Präventionsmaßnahme handelt. Sie soll Menschen, die Fleisch essen, daran hindern, zu viel Fleisch zu essen. Und sie soll die, die viel Fleisch essen, daran hindern, noch mehr zu essen.

Denn das nur leicht erhöhte Risiko, von dem die WHO spricht, gibt es – möglicherweise – bei hohen Mengen von Fleisch und/oder Wurst und Schinken. Mit „hoch“ ist sowas um 300 Gramm pro Tag gemeint. Das schaffen zum Beispiel Amerikaner, Argentinier, Neuseeländer oder Brasilianer, große Fleischesser-Nationen, die auf Verzehrmengen von 100 bis 120 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr kommen.

Dagegen sind die Deutschen mit ihren 60 Kilo Fleisch pro Jahr Waisenkinder, allesamt vorsichtige Flexitarier.

 

Vielleicht muss die WHO zurückrudern

Aber natürlich sagt so eine Durchschnittszahl nichts aus. Denn auch in Deutschland gibt es Vegetarier, die kein Fleisch essen (und trotzdem Darmkrebs bekommen). Andere peilen dagegen die 300-Gramm-Portion an, essen also viel Fleisch, Wurst und Schinken. Wenn die dazu noch, was nicht selten vorkommt, Alkohol trinken, rauchen und übergewichtig sind, hat nicht nur der Darmkrebs leichtes Spiel.

Weil das alles nicht so ganz einfach ist und in einigen der Studien, wie schon berichtet, Vegetarier sogar ein leicht erhöhtes Darmkrebsrisiko hatten, muss die WHO vielleicht bald noch mehr zurückrudern.

Einerseits müssen sie ihren Job machen und vor potenziellen Krebsauslösern warnen, auf wissenschaftlicher Grundlage. Aber die Einstufung von Lebensmitteln ins Krebsregister wird man vielleicht grundlegend überdenken. Lebensmittel enthalten viele Stoffe gleichzeitig, werden zubereitet, gehen verschlungene Wege im Organismus – und haben außerdem viele Vorteile: Sie machen satt und versorgen den Organismus mit dem Nötigen. Ohne sie geht es ja nicht.

Es ist viel einfacher, einzelne Substanzen auf eine krebserregende Wirkung zu überprüfen als ein komplexes Lebensmittel, für das so viel mehr zu beachten ist, darunter auch sonstige Ess- und Lebensgewohnheiten.

Deshalb haben die Krebsforscher zwar die Einstufung vornehmen können, so weit, so gut. Aber mit allem anderen – wasserdichte Begründung, Empfehlungen und Folgen – tun sie und alle anderen sich sehr schwer.

Es könnte daher übrigens sein, dass es sinnvoll ist, für Lebensmittel und bestimmte menschliche Verhaltensweisen eine eigene Krebsrisiko-Kategorie bei der WHO einzurichten, eine Sonderliste. Da könnten dann auch Sachen draufkommen wie Rauchen, Übergewicht haben, Sonnenbaden, Grillen, Saufen und Faulenzen.

Ernsthaft. Das ist kein Witz. Das mit der Sonderkategorie sage ich hier und jetzt einfach mal voraus. Präventiv, sozusagen.

Zurückrudern kann ich später ja immer noch.

© Johanna Bayer

 Fragen und Antworten bei der WHO – der Katalog im Internet.

Nochmal nachlesen? Quarkundso.de zu “Wurstgate” und “Die Zuckerlüge”

Artikel aus der TAZ –  ein Dokument der Zucker-Paranoia, von 2013, abgeschrieben von den Verbraucherzentralen. Schildert die „Trickkiste der Hersteller“ und führt den unmündigen Verbraucher vor.

Aktueller, vom 24.11., mit dem vollen Programm: Marktcheck SWR/ARD

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

ARD: Mensch, Maischberger! Gesundes Essen, eine coole Laien-Runde und ewige Wahrheiten

 

Bei der ARD hat man sich gesagt: Die Maischberger muss jetzt was mit Essen machen. Alle machen was mit Essen. Und es gibt doch gerade so einen Hype um Gluten und so. Was mit Essen läuft wie geschnitten Brot. Also machte die Maischberger das am vorletzten Sonntag und nahm sich die „Gesundesser“ vor. Das sind Leute, die sich auf eine ganz bestimmte Weise ernähren und das für gesund halten oder seitdem gesünder sind oder das glauben. Es gibt viele davon, schon seit der Antike.

Eine fröhliche, friedliche Laien-Runde

Eingeladen war dazu eine Runde von sechs Gästen, die alle auf ihre Art Promis sind. Einer ist sogar richtig wichtig, nämlich der amtierende Bundesernährungsminister Christian Schmidt von der CSU. Vier von sechs waren aber Laien, darunter zwei Schauspielerinnen, ein ehemaliger Internet-Fuzzi, und auch der Minister, was kein Widerspruch ist. Der Mann ist erst seit gut einem Jahr für die Bundes-Ernährung zuständig und von Haus aus gelernter Jurist. Ins Amt gekommen ist Schmidt, weil er vorher im Verteidigungsministerium war.

Ja, wirklich! Ist doch klar – Ernährung ist Kampf, es geht schließlich ums Überleben. Vielleicht hat er den Job aber auch bekommen, weil er aus einer Bäckersfamilie stammt. Egal, jedenfalls ist er abgesehen von seinen fachlichen Qualifikationen sehr freundlich, tolerant, vermittelnd und sympathisch. Das, muss man einräumen, ist in der Politik eine wohltuende Ausnahme und in jedem Ministerium schon die halbe Miete. Also richtet er hoffentlich nicht allzuviel Schaden an. Man wird sehen. Aber immerhin zwei der Gäste waren vom Fach, ein Arzt und das enfant terrible der Ernährungsszene, Udo Pollmer.

Wer jetzt glaubt, dass die Fetzen flogen, wie normalerweise bei solchen Runden, liegt falsch. Es war geradezu ein Ponyhof. Weitgehend herrschte Frieden, man ließ andere das Gesicht wahren und alle waren beeindruckend cool. Das hat vor allem Sandra Maischberger geschafft – La Maischberger, wie sie auf Quarkundso.de ab jetzt respektvoll genannt wird.

Gefühlte Experten? Nichts für La Maischberger

Denn die war spektakulär – sie zeigte offen ihre Ahnungslosigkeit, was das Thema angeht und konnte keine einzige fachliche Frage stellen. Deshalb ließ sie jeden seine Position darstellen, was Frieden stiftete, sogar bei Pollmer, der nur halb so viel polterte wie sonst. Gleichzeitig schaffte sie es aber, intelligent einzuhaken, das Gespräch zu lenken, und jeden subtil vorzuführen, wenn er oder sie dummes Zeug erzählte. Und es war ihr deutlich anzumerken, dass ihr das gesunde Essen samt den Gesundessern gehörig auf den Geist geht: Sie glaubt den ganzen Quatsch nicht und ist auf keinen Fall dazu bereit, auch nur einen überflüssigen Gedanken an Essen zu verschwenden, komme er nun von einem gefühlten Experten oder nicht. Und sei er nun gesund, der gefühlte Experte, oder nicht.

Natürlich würde sie das nie zugeben. Aber ich glaube, ich kann das beweisen. Dazu greife ich einige Stellen heraus, die einen stimmigen Eindruck von der ganzen Sendung bieten: La Maischberger mit treffsicheren Nachfragen, andere mit geniale Paraden, wieder andere, die geschickt ausweichen, und am Ende bleiben ewige Wahrheiten über das Essen.

Noch dazu kann man aus diesen wenigen Ausschnitten einiges darüber erfahren, was wirklich gesund macht, und das hat nichts mit Essen zu tun. Es gibt also auch echte Erkenntnisse über Essen und Gesundheit in dieser ARD-Sendung, und am Ende einen fröhlichen Konsens. Was will man mehr?

Fangen wir also an, und zwar mit

Michaela Merten, ausgebildete Schauspielerin. Vertreibt zusammen mit ihrem Mann, einem Motivationsguru und Lebensfreude- Coach, unter anderem Engelkarten, macht Engel-Coaching, Atem-Beratung und Wunscherfüllungs-Seminare. Mit letzteren zog das höchst erfolgreiche Paar auch schon die Aufmerksamkeit von Sekten-Experten auf sich. Ihre Ernährung hat sie als junge Frau völlig umgestellt, sie isst seit 25 Jahren nach den Prinzipien des altindischen Ayurveda, was Einläufe und Fleischverzicht beinhaltet. So viele Leute wollen ihren Rat, sagt sie, dass sie inzwischen hauptsächlich als Autorin von Ernährungsbüchern arbeitet.

Maischberger: „Das finde ich ja überhaupt interessant, dass Menschen, die sich damit wirklich beschäftigen, irgendwann mal vom Fokus her rüber wechseln – Sie haben das zum Beruf gemacht… muss man das denn, wenn man gesund leben möchte? Muss man sich da so reinvertiefen, dass man am Ende gar nicht mehr normal – Entschuldigung… verzeihen Sie – dass man keinen anderen Beruf mehr nebenbei haben kann?“

Ist das nicht cool? So rundheraus zu sagen, dass es ihr völlig unverständlich ist, wenn Leute sich nur noch mit Essen und Gedöns beschäftigen, traut sich doch sonst niemand! Nebenbei zielte La Maischberger damit auch auf den anwesenden Ex-Wirtschaftsingenieur, der ebenfalls sein Essen zum Beruf gemacht hat, allerdings isst er ganz anders als Frau Merten: Es ist

Nico Richter, deutscher Protagonist der „Paleo“-Bewegung, das ist Essen wie in der Steinzeit – angeblich. Der Mann war früher im Internet-Gewerbe unterwegs, lebt jetzt aber vom Bücherschreiben und von der Steinzeit-Idee: Früher gab es keine Milch, keinen Rübenzucker, kein hochgezüchtetes Getreide und keine Zusatzstoffe, also lassen wir das alles weg, es passt nicht zu unseren Genen. Darauf gekommen ist er, weil er bei einer Routine-Kontrolle des Hausarztes „schlechte Blutwerte“ hatte.

Interessanterweise kann man seiner Schilderung in der Sendung, aber auch einem SZ-Artikel entnehmen, dass das Werte waren, die übermäßigen Stress anzeigten, darunter der Langzeit-Blutzucker und erhöhtes Cholesterin. Trotzdem beschloss Richter, dass die Ursache für alles seine Ernährung sein müsse. Das ist von bestechender Logik und kommt öfter vor. Richter drehte jedenfalls sein Essen auf Steinzeit und ist seitdem gesund. Zur selben Zeit änderte er sein ganzes Leben: Er wechselte den Beruf, schlief mehr, trieb mehr Sport, sorgte für mehr Entspannung und weniger Stress. Jetzt ist geht es ihm so gut wie nie zuvor.

Logisch – wenn man alles ändert, ändert sich viel oder eben alles, vor allem auch gesundheitlich. Es muss überhaupt nicht an der Ernährung liegen. Das ist eine der tiefen Wahrheiten, die man hier erfahren kann, wenn man genau hinhört. La Maischberger jedenfalls traf mit diesem Tenor sehr instinktsicher den Punkt.

Mit diesem Gespür für das Wesentliche ging sie weiter vor, nochmal bei Michaela Merten. Die erzählt von ihrem falschen Lebensstil als junge Schauspielerin – sehr unregelmäßiger Tagesablauf, wenig Schlaf, viel Arbeit, Unmengen von Kaffee und Alkohol, Essen meist spät nachts. Sie wurde krank, nahm Antibiotika, alles wurde noch schlimmer, bis sie zum Heilpraktiker ging. Der identifizierte zielsicher das Essen als Ursache und riet zu Ernährungsumstellung und Darmsanierung. Merten verzichtete daraufhin auf Zucker, Pizza, Fastfood, Fleisch, ist seither gesund und fühlt sich jetzt 20 Jahre jünger als sie ist. An sich ist das beeindruckend. Aber da hat sie nicht mit La Maischberger gerechnet.

Maischberger: Haben Sie aufgehört, Alkohol zu trinken, nebenbei?

Merten: Ja.

Maischberger: Da würden viele schon sagen, das alleine würde schon reichen und man fühlt sich morgens besser.

Muss man das weiter kommentieren? Nein. Das ist einfach groß. Das ist La Maischberger, mehr ist nicht zu sagen, ansonsten siehe oben: Es hängt nicht alles vom Essen ab.

Aber die Merten war auch cool. Sie blieb heiter, fühlte sich nicht beleidigt und gab unbeirrt Einzelheiten ihrer Bekehrung zum Besten. Dabei spielte die Darmreinigung eine große Rolle, zu der ihr der Heilpraktiker damals riet, da sie „komplett übersäuert“ sei. Merten lässt sanieren und macht seit 25 Jahren regelmäßig „Darm-Wäschen“. Das stehe „schon in der Bibel, dass man das machen soll“, verkündet sie. Neuerdings lässt sie auch Gluten weg, obwohl sie gar keine Unverträglichkeit dagegen hat. Aber wenn sie Getreide und Zucker isst, sagt Merten, spürt sie, wie beides zusammen ihre „Darm-Zoten“ verklebt. Das ist sehr niedlich, wie sie das sagt – sie meint die Darmzotten, spricht es aber so aus: „meine Darm-Zoten“.

Maischberger: „Die Darm – was?“

Herrlich. Das war nicht einstudiert, sondern echt. La Maischberger sagt nicht brav: „Können Sie das erklären, was das ist…“ oder „… das müssen wir vielleicht erklären, für die Zuschauer…“, wie es etwa Herr Plasberg gesagt hätte, oder besserwisserisch: „Heißt das nicht „Darmzotten“?“, wie Günther Jauch. Nein, sie sagt völlig baff: „Darm – was?“ Kann man anhören, ab 55:47.

In aller Seelenruhe liefert Merten die Erklärung:

Merten: „Die Darm-Zoten. Das sind diese Tentakel, die die Vitamine und Spurenelemente und Mineralstoffe aus der Nahrung herausziehen sollen, die sitzen hier an den Darmwänden“ (deutet unbestimmt auf die Bauchregion und berichtet, wie sie bei den Einläufen an ihren Darm-Zoten fühlt, dass all das Verklebte von ihr weicht).

Udo Pollmer, studierter Lebensmittelchemiker, ist fassungslos, als er das hört. Ihm, dem Fachmann, fällt – im Bild zu sehen bei 55:49 – die Kinnlade runter. Weiß er nicht, was „Darm-Zoten“ sind? Er weiß es ganz gut, denn er ist seit vielen Jahren ein äußerst streitbarer Akteur in der Ernährungsszene und kennt sich im Verdauungstrakt leidlich aus. Dass die Darmzotten Nährstoffe aus der Nahrung holen, und zwar nicht nur Vitamine und Spurenelemente, sondern auch sonst alle, ist ihm bekannt, wo sie sitzen, auch. Pollmer hat bekannte Bücher geschrieben, darunter den Klassiker „Das Lexikon der populären Ernährungsirrtümer“, und damit vielem Unsinn ein für alle Mal den Boden entzogen. Was Leute, die Unsinn glauben wollen, allerdings überhaupt nicht beeindruckt. Aber auch andere sind dem Pollmer nicht grün. Bei einer Reihe von Ärzten und Wissenschaftlern hat er sich unbeliebt gemacht, weil er gerne absichtlich polemisiert und provoziert. Für Feinheiten ist der Mann jedenfalls nicht zu haben, für Esoterik, Hypochondrie und Neurosen auch nicht. Er ist ein alter Grantler, weiß unglaublich viel und hat keine Lust auf Streichelzoo. Aus der Reserve locken lässt er sich aber auch nicht:

Maischberger: „Diese Spülung, diese Darm-Sanierung, halten Sie was davon, Herr Pollmer?“

Pollmer: „Bitte – ich bohre nicht in fremder Leute Arschlöcher“ (gibt die Frage weiter an den anwesenden Arzt).

Großartig! Pollmer ist keiner, der auf Zuruf pöbelt, das macht er nur selbstbestimmt.

Der anwesende Arzt aber ist Dr. Carsten Lekutat, lustiger Fernseh-Doktor beim WDR, unterwegs in mehreren Coaching-Formaten („Der Gesundmacher“, „Raus aus dem Stress“). Im Nebenberuf ist er Vegetarier. Deswegen möchte er den beiden anderen Vegetarierinnen im Studio, Michaela Merten und Marion Kracht, nicht wirklich am Zeug flicken und ist sehr vorsichtig. Er sagt Richtiges, Gemäßigtes, Vorsichtiges, oder er schweigt. Zum Beispiel zu den gefühlten, verklebten und gewaschenen Darm-Zoten. Da stellt er nur in einem knappen Satz klar, dass der Darm nicht regelmäßig gereinigt werden muss, das könne der schon selbst. Dann lenkt er schnell ab, auf die Gene und sonstiges, und dass die Wissenschaft über Ernährung und Gesundheit eigentlich gar nichts weiß.

Nun, ein bisschen was weiß sie schon – und er hätte sagen können, dass eine Darmreinigung nicht nur unnötig, sondern auch unmöglich ist. Viele glauben ja, dass sie ihren Darm mit rektalen Manipulationen von schädlichen Pilzen und Bakterien befreien können. Aber die bleiben bei der Spülung drin, sie sitzen auf der Schleimhaut wie ein fester Film. Insbesondere erreichen Einlauf und Darmreinigung von hinten gar nicht erst die „Darm-Zoten“. Ein Einlauf spült nur den Enddarm und vielleicht noch einen Teil des Dickdarms, das sind maximal 30 cm hinten rein. Dann ist Schluss. Und dort, im Dickdarm, sind gar keine Darmzotten. Die sitzen ganz woanders, nämlich gut 5 bis 6 Meter und viele Verschlingungen weiter oben im Dünndarm und lachen sich ins Fäustchen, wenn der Enddarm die kalte Dusche kriegt.

Aber das alles verschweigt der Arzt, um den Frieden nicht zu gefährden, schließlich war in dieser Runde Konsens, dass jeder nach seiner Fasson glücklich werden soll.

Ewige Wahrheiten und kein Widerspruch

Diese Parole hatte der Ernährungsminister ausgegeben, weil er niemandem vorschreiben will, was er auf dem Teller haben soll – außer Kindern. Denen muss man natürlich was vorschreiben, darüber waren sich alle einig. Was genau, blieb unklar, schließlich waren sich inklusive Minister alle darüber einig, dass die Wissenschaft in punkto Ernährung total versagt. Das ist ja schon einigermaßen erstaunlich, doch am Ende trug es – beim Essen von Insektenkost – zur guten Stimmung bei.

Und wenn man die Positionen mal zusammenfasst, die da kamen, hat man Folgendes gelernt: Jeder kann essen, was er will. Ernährungsstudien widersprechen sich dauernd und Wissenschaftler wissen nichts. Aber Kinder sollen nicht so viel Pizza, Nudeln und Pommes essen. Wer will da noch widersprechen? Niemand.

©Johanna Bayer

Die ARD-Sendung mit Sandra Maischberger “Haben die Gesundesser Recht?” vom 21.4.2015 ist nicht mehr online (Stand 2016)

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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