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Der Pressetext zum neuen DGE-Report: Essen die Deutschen wirklich gesünder?

Eine Pressemitteilung der DGE zum 14. Ernährungsbericht verleitet Redaktionen dazu, von „gesundem Essen“ zu schreiben. Aber in Wahrheit essen die Deutschen laut Report gar nicht gesünder – Quarkundso.de übernimmt.

(Beitrag vom 2.2.2021)

Glasschüssel mit Salat, umgeben von kleinen Schüsseln mit Erdbeeren, Pilzen, Trauben, Nüssen, Rotkraut, Tomaten, Weißkohl

Obst und Gemüse sind gesund – irgendwie. Bild: silviarita / Pixabay

In den ersten Wochen des Jahres kommen immer die ganz großen Themen: Was essen wir? Was ist gesunde Ernährung? Wer ist gesund, weil er oder sie oder dies oder das isst – oder nicht isst? Ist man auch gesünder, wenn man gesünder isst?

Und hören die Menschen auf Ratschläge dazu, was gesundes Essen ist?

Anlass zu diesen Fragen gibt nicht nur das neue Jahr, sondern auch der 14. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, DGE. Alle vier Jahre soll der Report erfassen, was hierzulande so auf den Tisch kommt, und jetzt ist der neue am 24.11.2020 erschienen.

Ergebnis: „An einigen Punkten“, so die Pressemitteilung der DGE, habe sich die Ernährungssituation „verbessert“. Insgesamt aber – eigentlich nicht.

Denn die Deutschen werden ungebremst dicker, zeigt der Bericht. Und auf die Ernährungsratschläge der DGE hören sie auch nicht. Das ist die wichtigste Botschaft, nachzulesen in der Pressemitteilung der DGE vom 24.11.2020.

 

Gesundes Essen, ungesundes Gewicht

Das ist ein eher mageres Ergebnis. Denn was nützt gesundes Essen – was auch immer das sein soll – wenn man davon dick wird?

Und wenn der Genuss von Schweinefleisch „erfreulicherweise“ zurückgeht, wie es in der DGE-Pressemitteilung heißt: Was hilft das, wenn der Anteil der Übergewichtigen und Fettleibigen in Deutschland steigt?

Falls es da überhaupt einen Zusammenhang gibt, wäre der einzige Schluss, der daraus zu ziehen ist, dieser: „Aha, Schweinefleisch ist nicht Schuld am Übergewicht!“.

Aber das folgert natürlich niemand.

Stattdessen freut sich die DGE über „mehr Gemüse“. Doch da ist es wieder: Was nützt mehr Gemüse, wenn die Deutschen noch dicker werden? Übergewicht ist das Problem: Hohes Körpergewicht gehört zu den größten Risikofaktoren für Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Arbeitsunfähigkeit und eine ganze Reihe von Krebsarten.

Dagegen haben Normalgewichtige, ganz gleich, was sie essen, ein wesentlich geringeres Risiko, an diesen Erkrankungen zu leiden oder zu sterben. Das haben große Studien ergeben, darunter die Nurses Health Study aus den USA.

Zudem sagen Konsumzahlen, wie sie der Ernährungsbericht der DGE anhand der Agrarstatistiken erhebt, nichts über die Ursachen von Krankheiten in der Bevölkerung.

Oder über Übergewicht. Oder über den Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Übergewicht. Oder über die Verbindung von Essgewohnheiten und Übergewicht.

 

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Die von der DGE wissen das natürlich.

Deshalb formulieren die Forscher ihre Erkenntnisse sehr vorsichtig: In ihrer ausgeklügelten Pressemitteilung vermeiden sie es, von „gesund“ oder „gesünder essen“ zu sprechen.

Ganz sein lassen können sie es aber nicht. Denn die Verbindung von „essen“ und „gesund“ ist im Hirn der Deutschen so fest verdrahtet wie die von „Sommer“ und „Grillabend“.

Daher schlagen die Autoren der Pressemitteilung einen populistischen Haken und stellen an den Anfang das, was das Volk unter „gesünder essen“ versteht:

„Mehr Gemüse, Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetees, weniger Schweinefleisch und Alkohol – die Ernährungssituation in Deutschland hat sich in einigen Punkten verbessert“,

lässt sich Helmut Heseker, Chef des wissenschaftlichen Präsidiums der DGE, zitieren.

Damit war der Trigger gesetzt und die Redaktionen sprangen darauf an.

 

Keine weiteren Fragen

Blätter und Portale übernahmen die Pressemitteilung der DGE komplett und dichteten – natürlich – etwas mit „gesund“ dazu. Niemand fasste nach.

Die ZEIT etwa, die es nun wirklich hat – Geld, Recherchepower, Mediziner in der Redaktion – schrieb:

Bürger essen gesünder – und werden trotzdem immer dicker.
Mehr Gemüse, Tee und Wasser, weniger Schweinefleisch: Auf Deutschlands Esstischen hat sich einiges getan. Die Quote der Übergewichtigen aber steigt laut einer Studie.

Schade, dass einem Leitmedium wie der ZEIT nichts weiter einfällt, als den Text der DGE abzudrucken und nicht selbst zu recherchieren, was genau hier „gesünder“ sein soll – ganz davon abgesehen, dass sich keineswegs „einiges getan“ hat, auf den Tellern.

Dem Bayerischen Rundfunk, ebenfalls Qualitätsanbieter, war der Pressetext auch nur einen Abguss wert:

Deutsche essen etwas gesünder, werden aber immer dicker
Mehr Gemüse, aber weniger Obst; mehr Mineralwasser und weniger Alkohol: Die Deutschen ernähren sich etwas gesünder, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) in ihrem aktuellen 14. Ernährungsbericht. Aber das reicht den Experten nicht.

Im folgenden Artikel gab es wieder nur die Pressemitteilung der DGE. Über die Verbindung von Verkaufszahlen aus der Agrarstatistik mit Übergewicht oder Gesundheit wollte auch beim BR niemand nachdenken.

Dabei ist die Annahme, dass etwa ein höherer Gemüseanteil bei verkauften Lebensmitteln automatisch die Volksgesundheit hebt, bloße Fiktion.

 

Zahlen sind Schall und Rauch

So essen die Deutschen heute doppelt so viel Gemüse pro Kopf und Jahr wie 1960: Damals waren es knapp 50 Kilo, heute sind es laut DGE-Bericht rund 104 Kilo.

Aber viel hilft nicht viel – in derselben Zeit ist nämlich die Zahl der Übergewichtigen, Adipösen und Diabetiker vom Typ 2 ebenso gestiegen wie der Gemüseverzehr: Seit 1960 erhöhte sich die Zahl der Übergewichtigen unter den Männern auf jetzt rund 60 Prozent, dazu gibt es heute mehr als doppelt so viele schwer Fettleibige unter den Deutschen.

Die Übergewichtigen werden aber nicht nur mehr, sie werden auch dicker: der durchschnittliche BMI in der Bevölkerung steigt und unter den Adipösen gibt es mehr extrem Fettleibige.

Das veranlasste die DGE jetzt zu einem düsteren Befund: Bei Männern ist inzwischen „Übergewicht der Normalzustand“, so Helmut Heseker in der Pressekonferenz vom 24.11.2020.

So schlimm stand es übrigens schon beim letzten Mal, als der Ernährungsbericht von 2017 herauskam, die Nummer 13: „Die Deutschen sind so dick wie nie“ musste die DGE feststellen, und zwar trotz viel Gemüse (Quarkundso.de berichtete).

 

Frustrierendes Ergebnis

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Nicht einmal klimafreundlicher oder nachhaltiger isst das Volk, zeigt der neue Bericht noch dazu. Denn der Gesamtverzehr von Fleisch ist auch im Jahr Zwei nach Greta gleich geblieben:

Die Konsumzahlen verzeichnen zwar weniger Schwein, dafür aber mehr Rind-, Kalb- und Geflügelfleisch. Insgesamt bleibt es daher bei den rund 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr.

Das ist nicht gerade das, worauf Klimaschützer gehofft haben.

Ärgerlicherweise hat Schweinefleisch aber einen besseren CO2-Fußabdruck als Rindfleisch. Es ist also nichts gewonnen, wenn statt Schnitzel mehr Steaks auf den Tisch kommen.

So verfehlt die DGE gleich mehrere Ziele: dass die Deutschen endlich „pflanzenbetont“ essen, dass sie abnehmen oder wenigstens nicht weiter zunehmen, und dass sie sich an die 10 Regeln der DGE halten – frustrierend für die Ernährungshüter.

 

Die Lage ist dramatisch

Aber es ist nicht nur frustrierend. Es ist eine Katastrophe, wenn man sich die Zahlen zum Übergewicht genauer ansieht, die der neue Bericht Nr. 14 ebenfalls liefert.

Besonders die Angaben zu Schwangeren und jungen Müttern sind alarmierend: Fast 40 Prozent der Schwangeren brachten in der Erstuntersuchung zu viele Kilos mit und waren übergewichtig oder adipös.

In der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren, in der viele Frauen inzwischen Kinder zur Welt bringen, sind es 42 Prozent – fast jede Zweite, und der Trend geht nach oben. Auch steigt der Anteil der schwer Übergewichtigen mit BMI über 30.

Das ist dramatisch. Denn eine übergewichtige Schwangere prägt über ihren vom Übergewicht gestörten Stoffwechsel das Kind schon im Mutterleib. Auch Diabetes Typ 2 in der Schwangerschaft ist eine Folge des Übergewichts, ebenfalls mit fatalen Auswirkungen auf das Ungeborene.

 

Dauerhaft erfolglos

Dass sich daran nichts tut, dass die Welle des Übergewichts wieder nicht gebrochen werden konnte, wirft unangenehme Fragen auf: Warum verfangen die Ernährungsratschläge nicht?

Warum hält sich niemand daran, warum gelingt es nicht, die Menschen zu einem vernünftigen Essverhalten zu bewegen – so dass sie gar nicht erst dick werden?

Sind die Ratschläge vielleicht nicht die richtigen, muss man anders vorgehen? Auf alle diese Fragen gibt der Ernährungsbericht keine Antworten.

Es wäre unfair, das den aufrechten DGE-Forschern vorzuwerfen. Schließlich beißt sich die ganze Welt an dem Problem die Zähne aus, und niemand hat eine Lösung.

Sich dann Themen zuzuwenden, die lohnender erscheinen, ist menschlich verständlich. Die DGE-Forscher stellten sich jedenfalls unter dem Stichwort „Prävention chronischer Erkrankungen“ nicht die Frage, wie Übergewicht als gefährlicher Risikofaktor zu verhüten wäre.

Stattdessen fragen sie im 14. Ernährungsbericht, wie das, was Menschen essen, mit bestimmten Krankheiten zu tun haben könnte. Dazu gibt es schon eine Menge Übersichtsstudien, bisher kam nicht so richtig was dabei raus.

Also hat es die DGE nochmal versucht.

 

Dünne Beweise, nichts Konkretes

Tisch, Notebook, Block und Stift, alles nah, Monitor im Anschnitt, unscharfe Statistiken und Felder

Viel Arbeit, mäßiger Erfolg: die DGE mit ihren Studien. Bild: Goumbik / Pixabay

Ein sogenannter Umbrella-Review, ein Überblick über 38 Übersichtsstudien, sollte zeigen, wie es wissenschaftlich steht: bei Gemüse und Schlaganfall, Obst und Herzinfarkt, Gemüse und Diabetes, Fleisch und Brustkrebs, Wurst und Darmkrebs.

Heraus kam – nicht viel: Die Beweislage für konkrete Zusammenhänge zwischen Lebensmitteln einerseits und Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs andererseits ist und bleibt dünn.

Sie ist sogar so dünn, dass keine konkreten Mengenangaben für Gemüse und Obst daraus abgeleitet werden können.

Oder gar so etwas wie ein Grenzwert für Fleisch und Zucker, den viele gerne hätten. Das stellen die DGE-Forscher am Ende ihres Berichts fest:

„Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die in dieser Arbeit identifizierten Studien bei der Bewertung der Metaevidenz maximal mit moderat abgeschnitten haben. Konkrete Zufuhrmengen lassen sich aus der vorliegenden Arbeit nicht ableiten, jedoch lässt sich untermauern, dass eine pflanzenbasierte Ernährung mit einem geringen Verzehr an Fleisch gesundheitsförderlich ist.“ (DGE-Ernährungsbericht 14, Seite 386)

„Moderat“ ist in der Forschung ungefähr so viel wert wie eine 4- in der Schule – nicht ganz ausreichend, eigentlich ungenügend.

Einzelbefunde in der Auswertung zeigen, dass sich durch mehr Gemüse etwa das relative Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, laut einigen Studien vielleicht um 12 bis 14 Prozent verringert.

Beim Darmkrebs konnte wiederum ein geringeres Risiko von 2 Prozent errechnet werden, pro 100 Gramm Gemüse mehr – das fällt eher unter statistisches Rauschen.

Bei Diabetes Typ 2 stellt die DGE fest, dass viel Gemüse und Obst das Risiko nicht wirklich verringern – kein Zusammenhang. Dasselbe gilt interessanterweise für rotes Fleisch und Diabetes, die Ergebnisse bei Fleisch und Wurst sind insgesamt uneinheitlich.

 

Risiko Übergewicht: überzeugend

Bei Übergewicht sieht die Sache anders aus: Hier gilt der Zusammenhang zwischen vermehrtem Körperfett und vielen Krankheiten als gesichert.

Er ist sogar so gut gesichert, dass pro BMI-Punkt mehr über dem Normalgewicht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ 2 eindeutig steigt.

Fünf Kilo mehr bedeuten 10 Prozent Risikoerhöhung, gibt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie bekannt. Ein Mann mit 15 Kilo Übergewicht hat es also schon mit einem 30 Prozent höherem Risiko gegenüber einem schlanken Pendant zu tun.

Für Diabetes Typ 2 ist Übergewicht eindeutig der wichtigste Auslöser. Bei Lungenkrebs ist zu viel Körperfett gerade dabei, dem Rauchen als Risikofaktor Nr. 1 den Rang abzulaufen: Die Raucher werden weniger, die Dicken mehr, so rückt Übergewicht als Grund für Lungenkrebs nach oben.

Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Krebsarten, für die die internationale Krebsforschungsagentur IARC 2016 bei Übergewicht eine statistisch gesicherte Risikoerhöhung festgestellt hat:

„Durch Übergewicht treten beispielsweise Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, Eierstockkrebs und das Multiple Myelom sowie Adenokarzinome im oberen Teil des Magens, der sogenannten Cardia vermehrt auf. Insgesamt weisen die Daten der von uns ausgewerteten Studien auf einen Zusammenhang von Dosis und Wirkung: Je stärker ausgeprägt die Fettleibigkeit ist, desto höher das Krebsrisiko.“ (Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg, DKFZ)

Im Vergleich dazu sind die paar Prozente an möglicher Schutzwirkung, die die DGE in ihrem neuen Bericht Gemüse oder Obst zuschreibt, unerheblich: Die wahre Gefahr droht durch Übergewicht.

Anders gewendet: Wer viel isst, wird dick, und das erhöht massiv die Risiken. Dass viel Gemüse oder Obst dabei schützen könnten, kann man vergessen. Zumindest, wenn man die Zahlen nüchtern betrachtet.

 

Normalgewicht als Ziel

Waage, Zeiger steht auf fast 120 Kilo, Beine im Anschnitt, nur Füße zu sehen

Essen, Wiegen, Abnehmen: aktiv das Gewicht steuern. Bild: Nancy Muriel / Pixabay

Angesichts dieser Lage fordert Quarkundso.de energisch, die Suche nach angeblich gesunden oder ungesunden Lebensmitteln sofort einzustellen.

Genug geforscht. Jetzt müssen Taten folgen.

Erstes Mittel: klare Worte.

Mündigen Bürgern ist die Wahrheit zumutbar: Übergewicht ist gefährlich und wer zu dick ist, kann sich nicht mit mehr Obst und Gemüse aus der Affäre ziehen.

Da gleicht sich nichts aus. Auch garantieren viel Gemüse und noch mehr Obst keine schlanke Linie.

Normalgewicht muss in den Vordergrund rücken – Normalgewicht halten als echter Wert, als Ziel bei der Ernährung. Jede und jeder sollte das aktiv anstreben.

An diesem Punkt sind die Ernährungsregeln der DGE bisher leider vage: „Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben“, heißt es in der Regel Nr. 10 lapidar.

Warum nicht: „Halten Sie Normalgewicht!“? Warum kann man Menschen nicht dezidiert raten, gar nicht erst dick zu werden?

Schließlich sind die meisten bis zum Erwachsenenalter noch in Form. Zur rechten Zeit aktiv das Gewicht zu steuern wäre daher wichtig. Entscheidend sind dafür bestimmte Zeitschwellen, zum Beispiel die zum mittleren Erwachsenenalter ab Ende 20, die rund um das Klimakterium ab Mitte 40 und die Zeit der Rente.

Doch weder in der Kurz- noch in der Langfassung der 10 Regeln taucht bei der DGE das Wort „Normalgewicht“ auf.

Quarkundso.de hat das schon 2018 moniert und angeregt, diese Regel eindeutig zu formulieren (hier nachzulesen, wird abgefragt): Normalgewicht als Ziel in die 10 Regeln!

Denn sonst bleibt es auch nach dem 14. Ernährungsbericht mit seiner aufwändigen Studienarbeit nur bei diffusem Rat: Gemüse und Obst sind irgendwie gut, Bratwurst und Haxen müssen nicht jeden Tag sein.

Aber das wusste schon Oma.

©Johanna Bayer

Pressetext der DGE zum 14. Ernährungsbericht, erschienen am 24.11.2020 

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DIE WELT: Muss man vor einer Corona-Infektion Angst haben? Ein Rechtsmediziner dreht auf

+++Achtung, Eilmeldung+++Quarkundso.de unterbricht das Nörgeln zu Ernährungsthemen und nörgelt direkt zu Corona-Unfug+++Anlass ist ein Bericht in der WELT+++Rechtsmediziner erklärt, die Angst vor dem Virus sei überzogen+++Quarkundso.de widerspricht+++

Beitrag vom 15.4.2020

Es war der Tag, an dem der britische Premierminister Boris Johnson auf die Intensivstation gekommen ist, und an dem in den USA innerhalb von 24 Stunden mehr als 2000 Menschen am Coronavirus gestorben sind: An diesem 7. April 2020 erklärte ein prominenter Rechtsmediziner in Hamburg, das mit dieser Epidemie sei nicht so schlimm. Die Sache werde in der deutschen Sterbestatistik des Landes keine Spuren hinterlassen und die Angst vor dem Virus sei übertrieben.

So berichtet es die Tageszeitung DIE WELT. Zwei Tage später saß der Mann bei Markus Lanz im ZDF und breitete dasselbe nochmal aus.

Die Chefredakteurin hat nach dieser Einlassung sofort einen Corona-Krisenstab eingerichtet. Das Team darf unter ihrer Leitung ausnahmsweise direkt zu Corona-Themen schreiben, wenn Klärungsbedarf besteht, was steile Thesen angeht.

Das ist jetzt der Fall, bei dem prominenten Rechtsmediziner Klaus Püschel aus Hamburg. Weil er dort Corona-Tote obduziert und in ihren Körpern allerlei Abweichendes findet, meint er, das Virus sei „nur der letzte Tropfen gewesen“, denn in Hamburg sei „bisher kein einziger nicht vorerkrankter Mensch an dem Virus gestorben“.

 

Der Mann für schwere Fälle

Professor Püschel ist ein bekannter Mann. Er kommt aus dem Osten und hat schon viele Tote gesehen, darunter die Opfer von Serienkillern, mittelalterliche Moorleichen und den in der Badewanne aufgefundenen Uwe Barschel.

Dass man abgebrüht sein muss, wenn man jeden Tag Leichen aufschneidet, ist klar. Aber Püschel scheut sich auch nicht, lebenden Menschen etwas zuzumuten: Er ist dafür, den genetischen Code sämtlicher Bewohner Deutschlands zu speichern, um Verbrechern besser auf die Spur zu kommen – eine Vision, bei der Datenschützern die Haare zu Berge stehen.

Auch hatte er vor Jahren den zwangsweisen Einsatz von Brechmitteln bei einem Delinquenten befürwortet, der wegen Drogenhandels unter Verdacht stand. Der Mann starb, nachdem ihm gegen seinen Widerstand das Mittel über eine Sonde eingeflößt worden war, keiner der beteiligten Rechtsmediziner wurde je verurteilt.

Ansonsten rät der Professor zwecks Organspende zu einem „rationaleren Umgang mit Leichen“ seitens der Angehörigen (in der TAZ), und wünscht sich ein „distanziertes Verhältnis zum Tod“ (DIE WELT).

Das erklärt vielleicht seine Sicht auf die Corona-Pandemie, nach der es nur Leute trifft, die sowieso bald den Löffel abgeben müssen. Alle anderen brauchen sich kaum Sorgen zu machen, sagt Herr Püschel.

DIE WELT zitiert den Arzt so:

„Es gebe keinen Grund für Todesangst im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Krankheit in der Region: „Alle, die wir bisher untersucht haben, hatten Krebs, eine chronische Lungenerkrankung, waren starke Raucher oder schwer fettleibig, litten an Diabetes oder hatten eine Herz-Kreislauf-Erkrankung.“ Das Virus sei in diesen Fällen der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.“

Zu Ende gedacht lautet diese Position so: „Wer an Corona stirbt, kann sowieso weg“.

 

Unwertes Leben und die Angst vor dem Risiko

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Derlei geht – ganz böse ausgedeutet – in Richtung „unwertes Leben“, und landet beim Euthanasie-Gedanken der Nazis, aber das wollte Herr Püschel bestimmt nicht sagen. Hoffen wir, wer weiß das schon.

Wenn ein Arzt sich so dezidiert in der Presse äußert, muss er sich jedoch etwas gedacht haben. Und es sollte nicht ganz dumm sein, das unterstellen wir zu seinen Gunsten.

Wie es scheint, hebt Professor Püschel tatsächlich auf so etwas wie Risikowahrnehmung ab: die persönliche Einschätzung von Gefahren, die im Leben auftreten können, auch: das Wissen um die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Unglück oder eine Gefahr einen selbst treffen könnte.

Menschen wägen dabei ab – sie steigen zum Beispiel in Massen und regelmäßig ins Flugzeug, obwohl Flugzeuge abstürzen können, wobei meistens alle Passagiere ums Leben kommen. Aber Flugzeuge stürzen eben selten ab, seltener als ein Auto gegen einen Baum fährt.

Deshalb fliegen Leute trotz der Gefahren, und noch häufiger fahren sie Auto, weil sie beim Autofahren schlicht den Nutzen gegen die Gefahr abwägen. Und ohne Auto ist man in Deutschland nur ein halber Mensch, daher sagen sich an die 30 Millionen deutsche Autofahrer: „Ich fahre so vorsichtig – oder so gut – wie möglich, damit kann ich das Risiko klein halten.“

Das Gefühl, eine Gefahr einschätzen zu können, ist zumindest psychologisch sehr wichtig für die Frage, wie ob man im Alltag handlungsfähig bleibt.

Der Rechtsmediziner Püschel setzt jetzt das Corona-Risiko für alle herab: Todesangst ist bei dem neuen Virus komplett „überzogen“, überhaupt muss man keine Angst haben, denn in Deutschland stirbt man aus anderen Gründen.

 

Die kranke Gesellschaft

Allerdings widerspricht sich Herr Püschel dabei selbst. Denn wenn man seine Aufzählung zu den Vorerkrankungen ernst nimmt, dann haben viele Leute ein höheres Risiko – sogar sehr viele.

Leider nennt Püschel hier keine Zahlen, genau die wären aber interessant: Wie viele Menschen sind denn betroffen von diesen Erkrankungen, die Püschel als Todesursache identifiziert?

Die Abteilung Dokumentation & Recherche von Quarkundso.de hat den Anteil dieser Betroffenen an der Bevölkerung mal quantifiziert, was nicht so einfach ist. Deshalb machen das die Fachgesellschaften nicht, da will sie niemand festlegen, wenigstens nicht öffentlich. Quarkundso.de schätzt daher beherzt – näherungsweise kamen folgende Zahlen heraus, alle Werte gerundet:

Schwer fettleibig: 20 %

Starke Raucher: 10 %

Diabetiker: 10 %

Herz-Kreislauf-Erkrankung: 10 %

Chronische Lungenerkrankung 6 %

Asthma 6 %

Krebs 2 %

(Quellen: Robert-Koch-Institut – Gesundheitsmonitoring, Herold – Innere Medizin, Krebsinformationsdienst am DKFZ Heidelberg u.a.)

 

Natürlich darf man nicht alle einfach zusammenzählen, weil unter den Älteren viele Diabetiker und Fettleibige sind, unter den Lungenkranken viele Raucher und so weiter. Die Schnittmengen sind groß.

Trotzdem: Die Gesamtschätzung von Quarkundso.de ergibt, dass alleine in der Aufzählung des Hamburger Experten ein Anteil von 30 Prozent der Deutschen steckt. Mindestens.

Und das sind noch nicht alle: Rheumakranke kommen dazu, die Kortison nehmen, Menschen mit Multipler Sklerose, die Immunmedikamente bekommen, Transplantierte und Patienten mit seltenen Krankheiten, deren Immunsystem unterdrückt wird und die deshalb anfälliger für Virusinfektionen sind.

 

Geburtenstarke Jahrgänge: mal wieder vorn

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Damit sollte klar sein: Selbst vorsichtig geschätzt gehören so viele Deutsche zur Risikogruppe, dass es in Ordnung ist, wenn Angst vor dem Coronavirus herrscht.

So sieht es auch das Robert-Koch-Institut:

Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland wird derzeit insgesamt als hoch eingeschätzt, für Risikogruppen als sehr hoch. Die Wahrscheinlichkeit für schwere Krankheitsverläufe nimmt mit zunehmendem Alter und bestehenden Vorerkrankungen zu.

(Quelle: RKI, abgerufen am 11.4.2020)

Mit „Gefährdung“ meint das Robert-Koch-Institut übrigens die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken und so schwer zu erkranken, dass man auf der Intensivstation landet.

Zu den „Älteren“ rechnet das Robert-Koch-Institut aber schon Menschen zwischen 50 und 60 Jahren, Grund: Ab diesem Alter lassen die Abwehrkräfte nach, das Immunsystem altert.

Weil in dieser Gruppe die geburtenstarken Jahrgänge stecken, ist der Anteil dieser Älteren sehr groß. Sie stellen alleine fast die Hälfte der Deutschen, rund 47 Prozent: Jede und jeder Zweite hat also schon kein normales oder geringes Risiko mehr, sondern alleine aufgrund des Alters eine erhöhtes.

Wie hoch die Gefahr für Senioren dabei ist, sieht man an den Bewohnern mehrerer Pflegeheime, die wie die Fliegen starben, als das Virus eindrang, sowohl in Deutschland als auch anderswo, zum Beispiel in Belgien.

Auf diesem Hintergrund sind die Aussagen des Herrn Püschel geradezu zynisch.

 

Das Glück der Deutschen

Auch in deutschen Kliniken gibt es Probleme mit Krankenhauskeimen.

Aber der Professor will Hoffnung machen und weist auf das Wesentliche hin:

„Wir haben in Deutschland keine italienischen Verhältnisse.

Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, und ich bin überzeugt, dass wir die Pandemie gut beherrschen können.“

Dieser Vergleich klingt nicht nur kaltherzig. Er klingt auch chauvinistisch – als ob ein Land, das viel hat, sich von den nächsten Nachbarn und Bündnispartnern abschotten und ihnen überdies hämisch auf den Kopf spucken könnte: „Haha, diese Italiener, ist doch klar, dass die es nicht hinkriegen mit ihrer Schlamperei, aber wir Deutschen, wir beherrschen die Lage!“

Von solchen Untertönen abgesehen kann man auch die Aussage selbst hinterfragen. Denn mit dieser Haltung könnten Artisten auf ihr Netz verzichten, Bergsteiger auf ihr Seil und Bauarbeiter auf ihren Schutzhelm – schließlich haben wir doch ein gutes Gesundheitssystem!

Aber so ist es natürlich nicht. Fast alle Leute vermeiden Verletzungen lieber als dass sie in ein Krankenhaus gehen, sei es auch das Beste im ganzen Land. Das liegt daran, dass es in Kliniken immer Risiken gibt. Schon die künstliche Beatmung und das Intubieren mit dem Schlauch in die Luftröhre zum Beispiel kann Komplikationen und Infektionen nach sich ziehen.

Gefährliche resistente Krankenhauskeime treiben nicht nur in schlampigen Mittelmeerländern, sondern auch in deutschen Hospitälern ihr Unwesen. Darunter ist ein Lungenbakterium, das besonders gerne Intensivpatienten befällt, die künstlich beatmet werden.

Sicher, die Coronainfektion überleben bisher die meisten, viele sogar symptomlos, und wer ins Krankenhaus muss, wird danach oft wieder gesund.

Aber das kann lange Zeit, einige Monate, dauern. Und vielleicht bleibt etwas zurück, Kurzatmigkeit, zum Beispiel. Denn noch weiß man nichts Genaues über Spätfolgen. Dazu zählt eine eingeschränkte Lungenfunktion und eine später einsetzende Vernarbung der Lunge, die sogenannte Lungenfibrose; möglicherweise sind auch Herz und Blutgefäße gefährdet.

Hinweise darauf gibt es schon, zum Beispiel aus der früheren SARS-Epidemie von 2002/2003 und aus chinesischen Studien zum neuen Corona-Virus, wie unter anderem der NDR in seinem Podcast mit Christian Drosten berichtet.

Das wird Herr Püschel, der Tote seziert, vielleicht nicht ganz so gut im Blick haben wie Mediziner, die Covid-Patienten untersuchen.

 

Leben mit Corona: Check Dein Risiko!

Leben mit Corona bedeutet: Hände waschen!

Um das alles aufzuklären, braucht man weiterhin Zeit – für Studien und für die Beobachtung vieler Menschen, die die Infektion überstehen.

Übervolle Intensivstationen und Kranke auf den Gängen kann man da nicht gebrauchen.

Die gefährliche Ansteckung also weiterhin so gut wie möglich zu vermeiden, daran geht wohl kein Weg vorbei, wie das Robert-Koch-Institut um Ostern 2020 verkündet hat.

Eine individuelle Risikowahrnehmung von „Ich krieg das nicht!“ bis zu „Wir haben doch ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem!“ ist davon unabhängig.

Aber sie ist unrealistisch.

Realistisch ist es, sich der eigenen Risikofaktoren von Alter über Gewicht bis zum Lebensstil bewusst zu werden. Denn selbst wenn der gewohnte Alltag ab Mai 2020 – vielleicht – wieder anlaufen kann, ist deshalb das Virus nicht verschwunden. Und angesichts der Millionen von gefährdeten Menschen mit Risikofaktoren fragt sich, was jeder Einzelne tun kann.

Sich vor Ansteckung zu schützen, mit einfachen Maßnahmen, so gut es geht – Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen – ist das eine.

Etwas anderes wäre ein Aufruf an die Bevölkerung, den eigenen Körper in einem Zustand zu halten, dass er Viren bekämpfen und Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Den Aufruf haben wir im Beitrag vom 3.4.2020 schon geleistet.

Nach der Einlassung des Leichenfachmanns juckt es die Abteilung Dokumentation & Recherche, etwas zu ergänzen: Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes führen genau zu den Krankheiten, die das Risiko für schwere Corona-Verläufe eindeutig erhöhen und die Herr Püschel aufgezählt hat.

Man kann sie durch einen gesunden Lebensstil tatsächlich vermeiden. Man kann also mit dem Rauchen aufhören (jetzt!), den Alkoholkonsum reduzieren und sich mehr an der frischen Luft bewegen, man kann abnehmen und sein Gewicht kontrollieren.

Aber so etwas zu fordern ist natürlich extrem pauschal und überdies unpopulär, wenn nicht unzumutbar. Die Chefredakteurin hat einen so moralinsauren Aufruf daher untersagt – wozu haben wir denn unser ausgezeichnetes Gesundheitssystem.

©Johanna Bayer

 

Artikel zu den Aussagen von Prof. Dr. Klaus Püschel in DIE WELT vom 8.4.2020

Das Robert-Koch-Institut zur Risikogruppen

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Nach dem Fest: Der SWR warnt vor Sodbrennen und Verstopfung – muss das sein?

Im Januar sind alle auf Diät, weil die Festtage so schrecklich waren: Dieses Feiern und Essen! Das hat schwere Nebenwirkungen wie Sodbrennen, Blähungen und Verstopfung. Vom SWR gibt es dazu bemerkenswerte Tipps und Hausmittel. Doch die sind nicht nur medizinisch fragewürdig: Sie schaden auch Genuss und Esskultur – und verschleiern die wahren Ursachen.

Tasse aus Glas mit grünem Kräutertee und Schälchen mit Kräutern, darunter Pfefferminze

Kräutertee statt Gänsebraten, wegen der Verdauung? Von wegen!

Die Feiertage sind vorbei und sie waren schrecklich. Dieses Essen! Das Trinken! So viel Rumsitzen! Grauenvoll. Das macht krank, das will doch kein Mensch.

Deshalb freuen sich jetzt alle, dass sie im Januar endlich wieder auf Diät gehen können, wie sonst immer. Die elende Feierei ruiniert nämlich in jedem Jahr auf die letzten Meter das Idealgewicht.

Hahaha. Das war natürlich nur ein Scherz. Satire, grob überzeichnet wie bei Oma, der Umweltsau.

Denn es ist genau andersrum: Die Deutschen schlemmen zu jeder Jahreszeit, dass die Schwarte kracht – Wochenende, Grillsaison, Urlaub, Geburtstage, Sonntagsbrunch, Jubiläen, Firmenfeiern, Einstände, Ausstände, Oktoberfest, Karneval, Kuchenessen, Eisbecher, und dazu jeden Abend beruhigendes Trostessen, nebst diversen Feierabendbieren, versteht sich.

Erstaunlich, dass dann ausgerechnet am Jahresende, wenn richtig gefeiert werden soll, die German Angst aufbricht: Wir werden alle sterben! Plötzlich steht vor Augen, dass Fett und Süßigkeiten auf die Hüften gehen und Alkohol aufs Gehirn.

 

Was genau sind und wann helfen eigentlich Hausmittel?

Weil diese Erkenntnis die deutschen Normalverbraucher jedes Jahr aufs Neue überrascht, leisten sämtliche Service-Redaktionen erste Hilfe.

In dieser Saison kam sie beispielhaft vom SWR, der „Hausmittel gegen Feiertagssünden“ parat hatte, und zwar als „Schnelle Hilfe gegen Sodbrennen, Bauchweh und Kopfschmerzen“. Damit gerieten die Kollegen auf den Radar von Quarkundso.de, denn es waren medizinisch und kulturhistorisch bemerkenswerte Tipps. Schon der Vorspann, der ins Thema einführt, macht klar, dass Essen gefährlich ist:

„Viel essen und viel sitzen an Weihnachten hat leider unliebsame Nebenwirkungen: der Bauch zwickt und der Kopf schmerzt. Doch Hausmittel schaffen schnell Erleichterung.“

Die Abteilung Dokumentation bei Quarkundso.de wurde hier sofort aktiv: Was genau ist ein Hausmittel? Wozu dient, wann hilft es, und wie gut?

Nach gründlicher Recherche lag ein Dossier vor: Hausmittel sind Arzneien oder medizinische Maßnahmen von Laien, meist von Oma.

Sie können helfen, wenn man sich verletzt hat, krank wird, an einem Gebrechen leidet und etwas heilen oder lindern will, was einem ungebeten zustößt. Hausmittel haben also etwas mit Krankheiten zu tun, und die hat man selten freiwillig. Man zieht sie sich auch nicht bewusst zu.

Aber viel essen und lange rumsitzen an den Feiertagen sind keine Krankheiten. Beides kommt zu Weihnachten auch nicht wirklich überraschend oder ungebeten. Es wird sogar gezielt herbeigeführt.

 

Gefährliches Festessen

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Dass es dagegen „Hausmittel“ geben muss, ist also medizinisch gesehen ziemlich verdreht und entbehrt der Logik. Denn die Maläse lässt sich zuverlässig vermeiden: Man muss nur mit dem Essen aufhören, sobald man wirklich satt ist, und sich ab und zu die Beine vertreten.

So ordinär arbeitet der SWR aber nicht.

Die Redaktion erwähnt zwar den Verdauungsspaziergang. Wichtiger ist es ihr jedoch, die Leser in ihrem irdischen Jammertal zu begleiten und die unvermeidlichen Folgen des Feierns im Text deutlich herauszustellen:

„Was gibt es Schöneres, als an den Feiertagen mit der Familie oder Freunden ein besonderes Festessen zu genießen, leckeren Wein zu trinken und sich dabei ausgiebig zu unterhalten?

Danach kommt dann der Plätzchenteller auf den Tisch, dazu noch ein Schnaps für die Verdauung – und kurz darauf gehen die Beschwerden los: Sodbrennen, Blähungen, Bauchschmerzen und dann fängt auch noch der Kopf an weh zu tun….

Wenn nach dem Essen der Druck im Darm durch die entstehenden Gase schmerzhaft wird, sollten Sie sich eine Tasse Fenchel- oder Kümmeltee aufbrühen.

Sodbrennen und schmerzhafte Blähungen, Bauch- und Kopfweh als typische Beschwerden nach gutem Essen?

Im mildesten Fall kann man das für einen nachlässig getexteten Aufhänger halten, genährt aus kleinbürgerlichen Plattitüden, wie sie her müssen, wenn man kurz vor Weihnachten einen Servicetext hinschludern muss.

 

Sodbrennen nach dem Essen ist nicht natürlich

Harmlos sind die Phrasen allerdings nicht..

Es ist nämlich grundfalsch, allen Menschen das „besondere Festessen“ zu vermiesen, indem man behauptet, dass danach als „Nebenwirkungen“, also zwangsläufig, „die Beschwerden losgehen“.

Physiologisch ist das Unsinn, Quarkundso.de kann das bestätigen, und zwar aufgrund vieler Feld- und Selbstversuche.

Gänsebraten und Blaukraut zum Beispiel sind zum Beispiel günstige Speisen, die die Verdauung befördern und keineswegs den Darm lahm legen. Das lässt sich in jedem Ernährungsratgeber nachlesen.

Aber auch Mediziner wissen es: Beschwerden wie Sodbrennen, Blähungen oder Verstopfung folgen nicht, weil man einmal zu viel isst, oder etwas besonders Gutes. Auch nicht, wenn das an den Feiertagen an zwei, drei Tagen hintereinander geschieht.

Sie müssen überhaupt nicht kommen. Sie sind alles andere als zwangsläufig, auch wenn sie – aus Gründen – recht häufig auftreten.

Dazu gleich mehr.

Vor allem ist es aber kulturlos, üppiges Essen und Feiern allgemein als gefährlich hinzustellen. Beides ist wichtig für unsere Zivilisation, und zwar seit der Urgeschichte: Ausgiebige Gelage mit großen Mengen an Essen – und Alkohol! – zu bestimmten Anlässen gehören geradezu zum Menschsein.

 

Das Leiden ist schon da

Das verlogene Gerede von den „Feiertagssünden“ ist dazu noch gefährlich, und zwar für die Betroffenen: Es schiebt die Schuld für Verdauungsprobleme auf das besonders gute Essen an wenigen Tagen und verschleiert die wahren Ursachen für Verstopfung, Blähungen und Sodbrennen.

Die treten an den Feiertagen bei vielen Menschen tatsächlich auf. Aber diese Erkrankungen oder Syndrome bestehen in der Regel auch vom 2. Januar bis zum 23. Dezember, oft sogar seit Jahren.

Das Leiden ist schon da: beim Sodbrennen zum Beispiel eine Refluxkrankheit, eine Schwäche des Magenpförtners oder der Muskulatur der Speiseröhre, oder eine übermäßige Produktion von Magensäure.

Verstopfungen kommen auch nicht von heute auf morgen, sondern gehen auf Darmträgheit und viele Ursachen zurück, ebenso wie die Neigung zu Blähungen und sonstigen Verdauungsstörungen, die Mediziner als „dyspeptisch“ bezeichnen.

Depressionen und Stress spielen dabei eine besonders große Rolle, außerdem Diabetes, Divertikel oder Hormonstörungen. Blähungen treten unter anderem während der Schwangerschaft und durch Medikamente auf, außerdem bei zahlreichen Unverträglichkeiten oder einem Reizdarm.

Nun kann es zwar sein, dass viele zu Weihnachten besonders depressiv oder gestresst sind. Aber auch das liegt nicht am Essen. Gesunde stecken ein Festessen jedenfalls locker weg, sogar mehrere, nebst leckerem Wein.

 

Quarkundso.de-Homestory von den Festtagen: Gänsebraten mit Orangen-Rotkraut, gebackenen Kastanien und Semmelknödel nach Art der Chefredakteurin . Ein ganz leichtes, köstliches, leckeres Festessen – aufgenommen vor dem Verdauungsschlaf.

 

Die wichtigste Ursache für fast alles

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Allerdings gibt es einen großen Risikofaktor für das alles zusammen – für Sodbrennen, Verstopfung, allerlei dyspeptische Leiden, für Depressionen, Diabetes, Darmträgheit, Hormonstörungen und Blähungen.

Es ist das Übergewicht.

Zu viele Kilos auf den Rippen, die den Verdauungstrakt und den Stoffwechsel belasten. Die bringen die Leidenden schon mit, wenn sie zu den Feiertagen am Tisch sitzen.

In Deutschland ist bekanntlich mehr als die Hälfte aller Erwachsenen übergewichtig, und das geht auf Jahre und Jahrzehnte zurück, in denen nicht nur an den Feiertagen gegessen wird. Wenn dann zum Fest noch mehr gegessen wird, kommt es zu den bekannten, mit viel Körperfett verbundenen Beschwerden.

Man muss es so brutal sagen: Übergewichtige leiden zu Weihnachten besonders und besonders häufig. Sie sind vor allem betroffen, und sie kennen die Probleme schon.

 

Revolutionär: Prävention hilft!

Das wagen aber weder die Onliner des SWR noch sonst eine Redaktion anzusprechen. Lieber vermiesen sie allen die Festtage und behaupten, die Delikatessen seien Schuld und es könne jeden treffen.

Verlogenes Verallgemeinern hilft den Betroffenen aber nicht. Sie könnten anders gegensteuern, wenn man ihnen klarer sagen würde, dass Sodbrennen, Verstopfung und Blähungen nicht ursächlich vom Festtagsessen kommen.

Diese Desinformation zerstört Wissen rund um Verdauung, Körper und Ernährung für alle und blockiert übrigens auch Wege zur Behandlung – schließlich ist Sodbrennen ist gefährlich und kann üble Folgen bis hin zum Speiseröhrenkrebs haben. Wer an Sodbrennen leidet, sollte sich daher mit Hausmitteln nicht abgeben. Damit muss man zum Arzt.

Gegen die Wurzel aller Festtagsfolgen, die der SWR an die Wand malt, gibt es aber wirklich ein altes Hausmittel. Es lässt sich vor Weihnachten präventiv anwenden und wirkt garantiert: Abspecken.

Wenige Kilos helfen oft schon. Dann geht am Jahresende auch wieder ein Festessen.

©Johanna Bayer

 

Beitrag vom SWR: „Schnelle Hilfe gegen Sodbrennen, Bauchweh und Kopfschmerzen – die besten Hausmittel gegen Feiertagssünden.“

Information zu Übergewicht und Verdauungsbeschwerden von der Adipositas-Stiftung

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Arme Kinder und ihr Essen: Die Deutsche Welle fällt auf eine Foto-Schmonzette rein

Kinder in armen Ländern essen gesünder, meint der amerikanische Fotograf Gregg Segal und verzuckert das mit schönen Bildern. Die Deutsche Welle bejubelt das Projekt und gibt die Aussagen unreflektiert wieder – doch das ist naive Armutsromantik: Kinder in armen Ländern sind bedroht von Unterernährung und Krankheit. Ein Einspruch von Quarkundso.de

(Beitrag vom 3. 10. 2019)

Kleinkind, ca. 1 Jahr, sitzt auf Decke und isst, Spielzeug, Wassermelone, Kind lacht

Welche Kinder essen besser – arme oder reiche?

 

Jetzt müssen wir ganz vorsichtig sein. Wirklich, das ist ein sehr heißes Eisen, das wir hier anpacken: die gesunde Ernährung von Kindern.

Quarkundso.de hat sich schon zu oft in die Nesseln gesetzt, etwa beim Beitrag zu Fleisch und Klima neulich. Der hat interessierten Kreisen nicht gefallen, was allerdings nicht an uns liegt. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Jedenfalls schreiben wir trotz aufgebrachter Kevins und ihrer Freunde* weiter ins Internet, wie es wirklich ist, mit Essen und Ernährung. Schließlich ist das unser Markenkern. Nur wenn es um Kinder geht, hört der Spaß auf. Und zwar noch viel schneller als beim Rindersteak.

Bei Kindern wird das ganz große Rad gedreht und das Terrain ist moralisch vermint. Kinder sind schließlich unschuldig, Kinder sind Opfer, Kinder sind unsere Zukunft! An Kindern sieht man daher, wie es um die Welt bestellt ist, und was ist sinnvoll, wenn es nicht für unsere Kinder ist? Deshalb ist alles, was man für Kinder tut, eine gute Sache.

 

Fotoprojekt: Essen von Kindern rund um die Welt

Gerade beim Essen. Deshalb hat sich der amerikanische Fotograf Gregg Segal aufgemacht, Kinder aus der ganzen Welt mit ihrem Essen zu zeigen.

Ziel war es, „ungesunde Ernährungsmuster“ aufzudecken. Oder gesunde, je nachdem, wobei sich Segal selbst zurechtlegt, was „gesund“ oder „ungesund“ ist.

Für seinen Fotoband dokumentierte er, was 60 Kinder aus neuen Ländern innerhalb einer Woche verzehrt haben. Das wurde farbenfroh um sie herum dekoriert und abgelichtet. Die Deutsche Welle hat das Projekt vorgestellt und dazu ein Video über Twitter verbreitet, betitelt mit:

„Kinder aus reichen Ländern essen gesünder? Von wegen!“

In Wahrheit, so gibt der deutsche Sender die Meinung des Fotografen wieder, essen Kinder aus armen Ländern also gesünder.

Aber wir, auf Krawall gebürstet, erheben Einspruch: Quarkundso.de findet diese Behauptung mehr als gewagt. Sie ist bestenfalls naiv-romantisch, eher grob falsch und ideologisch.

Vielleicht ist sie sogar gefährlich.

 

Reiche Länder: Fettes Essen, dicke Kinder

Aber erstmal ist alles wunderhübsch anzusehen, im Video der Deutschen Welle. Zu sehen ist ein Making-Of des Fotobandes: Niedliche Kleine liegen auf farbenfrohen Stoffen ihrer Länder, um sie herum exotische Köstlichkeiten, alles sehr appetitlich, Assistenten und der Fotograf wuseln am Set herum, richten Essen her, die Kinder posieren.

Dann erklärt der Fotograf sein Projekt: Rund um die Welt gebe es eine Angleichung der Essgewohnheiten, und dazu immer mehr Herzleiden, Diabetes und Darmkrebs, alles Krankheiten, die mit der Ernährung zusammenhingen. Die Menschheit, so Gregg Segal, werde überzogen von dickmachendem Industriefutter.

Auf das Essen von Kindern habe er sich aber konzentriert, weil Essgewohnheiten früh geprägt werden und ein Leben lang bestehen: Wer mit zehn Jahren keine gesunden Gewohnheiten entwickelt habe, könne im Alter nicht mehr aufholen.

Unter diesen O-Ton sind im Video die Bilder mehrerer dicker Kinder geschnitten: ein pummeliges Kind aus Brasilien, ein dicker Junge aus den USA und ein fettes blasses Mädchen aus Deutschland, Duplo und Kinderschokolade mit im Bild.

 

Tweet mit Video der Deutschen Welle auf Twitter

 

Vom Kitsch zum groben Unfug

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Ganz allgemein kann man da natürlich zustimmen. Nebenbei hätte der besorgte Vater aber ruhig erwähnen können, dass der Fraß mit dem globalen Einheitsgeschmack, den er kritisiert, eine Erfindung amerikanischer Konzerne und Fastfood-Ketten ist.

Das Problem geht also von seinem eigenen Heimatland aus. Die Frage ist, wen der beseelte Fotograf also bekehren will: seine Landsleute, die US-Bürger? Die amerikanische Industrie? Oder will er die zukünftigen Opfer warnen, bevor sie in die Fänge der Foodmultis gelangen?

Letzteres könnte es sein. Aber lange kann man darüber nicht nachdenken, denn danach kippt das Ganze, und zwar vom Kitsch in den groben Unfug.

Segal fängt nämlich an, darüber zu sinnieren, dass noch vor einer Generation das Essen von Kindern aus verschiedenen Ländern völlig anders ausgesehen habe.

Er vergleicht Sizilien mit den USA, und findet, es sehe heute so aus, als würden alle Eltern das Essen für ihre Kinder in demselben globalen Supermarkt einkaufen. In anklagendem Ton zählt er auf, was er meint: „Pizza, Pasta, Weißbrot …“

Moment. Pizza und Pasta verderben die traditionelle Esskultur auf Sizilien?

Warum sollte ein sizilianischer Junge nicht Pizza und Pasta essen? Sie stammen doch von dort!

Und Weißbrot? Auf Sizilien gibt es nur Weißbrot, wie in ganz Italien. Dunkles Brot oder was immer Segal vorschwebt – Roggen-Vollkorn? – ist in Italien fremd. Das gibt es höchstens auf dem Campingplatz, für die deutschen Touristen.

Scheinbar fehlt es hier an den richtigen kulinarischen Koordinaten, und das nächste Beispiel bestätigt den Verdacht. Hier haut Segal fatal daneben, denn jetzt geht es um ein Kind aus Indien.

 

Indien: Mutter kocht jeden Tag frisch!

Anchal, ein indisches Mädchen in seinem Projekt, erzählt Segal, lebt in einer Aluminiumhütte, die nur 10 Quadratmeter groß ist, ihre Eltern sind bettelarm.

Trotzdem isst sie, findet Segal, gesund, „wholesome“, nämlich „traditionell indisch“: Sie bekommt Linsen, Blumenkohl, Okra, Reis und Brot. Alles kocht ihre Mutter jeden Tag frisch, auf dem Boden der Hütte.

Das geht richtig ans Herz.

Man sieht sie förmlich vor sich, die bescheidene indische Mutter, einen farbenfrohen Sari um sich gewickelt. Demütig das Haupt bedeckt, mahlt sie auf dem Lehmboden der Hütte Gewürze, schält Gemüse; still, reinlich trotz der Armut, genügsam lächelnd und erfüllt davon, dass sie ihren Lieben so viel Gutes tun kann.

Anchal, rabuliert der Fotograf, erhalte also eine gesündere Ernährung als viele Kinder der indischen Mittelschicht. Überhaupt sei die größte Erkenntnis aus dem Projekt, dass ärmere Länder oft die gesündere Ernährungsweise haben (bei TC 2:20).

Wenn er sich da mal nicht täuscht.

 

Bettelarm, aber gesund? Von wegen

Die Haussklavinnen: Indische Frauen in armen Schichten

Denn was Segal hier unbedarft zur Schau stellt, ist pure Armutsromantik:

Es ist ein uraltes Sozialklischee, nach dem es „den Armen“ besser geht als den verderbten, prasserischen, fetten „Reichen“ – arm, aber gesund; arm, aber glücklich; arm, aber kultiviert.

Nur ist es in Wahrheit nicht so.

Denn Armut ist bitter. Und sie hat viele gravierende Folgen für Ernährung und Gesundheit, die Segal, der übersatte Amerikaner mit Sendungsbewusstsein, ignoriert.

Vor allem verkennt er die Realität armer Mädchen und Frauen. Gerade in Indien. Denn nach wie vor werden indische Frauen vor allem in den unteren Schichten verachtet und brutal ausgebeutet. Die Mutter, die auf dem Lehmboden der Hütte kocht, ist eine Arbeitssklavin ihres Mannes.

Kleine Mädchen aber werden systematisch von Kindheit an schlechter ernährt als Jungen. Denn in der Unterschicht Indiens sind Mädchen immer noch eine Last, arme Familien investieren nicht in Mädchen – mit Nahrungsentzug fängt es an. Weibliche Säuglinge zu töten ist in manchen Gegenden des Nordens noch immer üblich.

 

Dicke, reiche Kinder leben länger

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Wenn sie aber heranwachsen und verheiratet werden – ein paar Frauen braucht es ja – unterliegen sie komplett der Herrschaft des Mannes. Arbeiten müssen sie ununterbrochen: Erst auf dem Bau, den Feldern oder in der Fabrik, danach bis zum Umfallen im Haus.

Morgens stehen die Frauen Stunden vor ihrem Mann auf, um für ihn und die Kinder ein warmes Essen zu kochen – jeden Tag frisch, wie der Romantiker Segal schwärmt –, bevor sie zu ihrer eigenen Arbeit gehen. Abends kochen sie wieder. So könnte es auch Anchals Mutter gehen.

Diese armen indischen Frauen und ihre Töchter ernähren sich dabei keineswegs automatisch „gesund“, weil „traditionell“. Sie leiden unter Eisen- und Mineralmangel, bekommen zu wenig Protein und ihre Lebenserwartung liegt unter dem weltweiten Durchschnitt. Gleichzeitig ist die Kindersterblichkeit in Indien weltweit mit am höchsten.

Anders ist das bei dem Amerikaner Segal und den Kindern, die auf den Fotos von Fastfood umgeben sind, etwa die aus den USA, Deutschland oder arabischen Staaten. Sie alle können  mit 80 einen sanften Tod sterben. Denn nichts ist im Wachstum so schlimm wie Unterernährung.

Zudem genießen Kinder in reichen Ländern die beste medizinische Versorgung – die indischen Mädchen nicht. Wenn es in armen Familien Geld für den Arzt gibt, dann kommen vor allem Männer und Söhne in seinen Genuss. Nicht Frauen und Töchter.

 

Armut bedeutet Unterernährung und Krankheit

Arme Kinder in Nordindien: Häufig unterernährt

Armut heißt in armen Ländern eben genau nicht: Traditionelle, frisch gekochte Nahrung aus gesunden Lebensmitteln. Sie heißt in erster Linie Unterernährung.

In Indien ist jedes zweite Kind unterernährt, von einigen Landstrichen Afrikas nicht zu reden.

Auch dort sind schon die Mütter betroffen, die brutale Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen und Mädchen in Afrika ist Legende.

Von allen Kindern, die durch jahrelange Unterernährung Wachstumsschäden davon getragen haben, leben aber 90 Prozent in Afrika und Asien, beschreibt die Welthungerhilfe.

„Stunting“ ist eine der Folgen, mangelndes körperliches Wachstum und verzögerte kognitive Entwicklung durch jahrelange Unterernährung, Unterernährung ist der Hauptgrund der Kindersterblichkeit.

Die Schäden können schon in der Schwangerschaft der – ebenfalls unterernährten – Mutter entstehen. Die Kinder holen das ihr Leben lang nicht mehr auf.

Und es sind so viele Millionen Kinder, in der Mehrzahl Mädchen, dass die Vorstellung geradezu absurd ist, ein armes indisches Mädchen aus einer Lehmhütte könne das Paradebeispiel für gesunde traditionelle Ernährung abgeben.

 

Die Deutsche Welle ist reingefallen

Afrika: Frauen arbeiten viel und sind oft unterernährt


Dass der Fotograf mit seinem naiv-dummen Projekt eine Lanze für „gesundes traditionelles Essen“ brechen will, gut und schön.

Hübsche Fotos kommen dabei heraus, und natürlich ist es wünschenswert, dass die Food-Multis nicht die ganze Welt mit ihrem künstlich aromatisierten Schrott überziehen. Dagegen kämpft im Übrigen auch Quarkundso.de.

Auch ist Übergewicht gefährlich – aber Unterernährung ist noch gefährlicher.

Deshalb sollte man nicht auf diese Foto-Schmonzette reinfallen wie die Deutsche Welle, und unreflektiert dem Klischee applaudieren. Denn die sozialromantische Brille des kulinarisch ahnungslosen Amerikaners führt komplett in die Irre.

Für seine Mission von einer angeblich gesunden, traditionellen Ernährung bringen seine Überlegungen gar nichts, sie schaden sogar.

 

Traditionelle Ernährung ist gut – aber nicht immer

Traditionelle Ernährung ist nämlich nur dann gut, wenn es genug davon gibt. Wenn nicht, ist die traditionelle Ernährung schlecht. Dann tun es Proteinpulver und Vitamintabletten besser, besonders bei Kindern.

Sie ist außerdem dann gut, wenn man nicht dick ist: Wer als Amerikaner bei seinem traditionellen Essen – das sind Industriefraß und Fastfood – normalgewichtig bleibt, hat gute Chancen auf einen sanften Tod mit 80 Jahren.

Und das gilt für die traditionelle Ernährung jedes Landes auf der ganzen Welt, von Australien bis Zypern. Wer nicht dick ist, fährt mit der ursprünglichen Ernährung seiner Vorfahren gut.
Wer übergewichtig oder, Achtung, unterernährt ist, lebt nicht gesund – Tradition hin oder her.

©Johanna Bayer

 

Tweet der Deutschen Welle mit Video zum Fotoprojekt von Gregg Segal