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Essen in Zeiten von Corona: Können die Deutschen nicht mehr kochen?

Die Verkaufszahlen zeigen es: In der Corona-Pandemie greifen die Kunden zur Dose. „Die Deutschen können nicht mehr kochen!“ titeln daraufhin STERN und SPIEGEL. Doch ist das wirklich so? Über das Kochen als unentbehrliche Kulturtechnik – und über eine historische Chance.

Beitrag vom 5. Mai 2020

Kartoffeln auf Tisch, Topf, nah

Scheitern am Herd: Nichtmal Kartoffeln können die Deutschen kochen, sagt Christoph Minhoff laut STERN und SPIEGEL.

In Corona-Zeiten schlägt selbst die Ernährungsindustrie Alarm: Die Deutschen können nicht mehr kochen! Daher müssen sie angesichts geschlossener Restaurants auf Dosen und Fertigfutter zurückgreifen – ein Verfall der Kultur.

So oder so ähnlich hat sich Christoph Minhoff, Sprecher und Cheflobbyist der deutschen Ernährungsindustrie, in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur (dpa) geäußert.

Es wurde breit aufgenommen, unter anderem von SPIEGEL und STERN am 24.4.2020, mit folgenden Schlagzeilen:

Essen in Zeiten der Pandemie Ernährungsindustrie sorgt sich wegen mangelnder Kochkünste der Deutschen
(SPIEGEL)

Ernährungsindustrie: Deutsche können nicht mehr kochen
(STERN)

In Wahrheit sorgt sich Herr Minhoff natürlich nicht, und er hat sich keineswegs über die deutschen Kochmuffel beklagt. Wie denn auch? Er freut sich doch, dass die Leute seine Dosen und Tütensuppen kaufen!

Was er im Originalinterview gesagt hat, ist nur eine Feststellung: Die Kochkompetenz der Deutschen hat abgenommen, deshalb weicht das Volk auf Einfaches aus:

„Die Leute haben in der Krise etwas Bemerkenswertes gemacht: Sie haben beim Einkauf neue Prioritäten gesetzt. Wichtig war den Verbrauchern jetzt, dass Produkte möglichst lang haltbar sind. Konserven galten gegenüber der Frischware eher als unsexy, sind aber jetzt zum Zeichen für Sicherheit und Beständigkeit in der Krise geworden. Begehrt war alles, was lange haltbar und auch möglichst leicht zu kochen ist.“

Drastisch schildert Minhoff die gewaltigen Hürden, denen sich die Deutschen am Herd gegenüber sehen:

Der Wegfall des Angebots von Schnellrestaurant, Pommes-Buden und Italiener-um-die-Ecke wirft die Leute nun dramatisch zurück auf ihre eigenen Kochkünste. Und die sind wie gesagt begrenzt. Das erklärt auch leicht, warum die Leute Nudeln kaufen.

Schon eine Kartoffel zu kochen ist eine für manchen eine Herausforderung. Da müssen Sie wissen: Mit oder ohne Schale kochen? Wenn ja wie viel Salz muss da ins Wassern rein? Wie lange muss ich die dann kochen? Und was ist denn festkochend oder vorwiegend festkochend. Und wie bereite ich die Sorten dann überhaupt zu?

Da werden jetzt viele sagen: Na das ist doch ein Witz, das kann doch jeder! Nein, es kann eben nicht jeder. Es gibt ein Internetforum, da war die meistgestellte Frage: ‚Wie koche ich ein Ei?‘“

 

Worum es eigentlich ging

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Zuvor hatte die dpa allerlei Fragen zur Situation der Ernährungsindustrie gestellt, darunter zu Erntehelfern, Lieferketten, Engpässen und Nachschub, außerdem ging es um Hamsterkäufe und das allgemeine Kundenverhalten.

Die Nachrichtenleute wollte nämlich wissen, wie die Hersteller mit der Corona-Krise zurechtkommen.

Doch das spielte im Medienecho fast keine Rolle.

Geradezu raffiniert pickten sich die Redaktionen aus dem Branchenbericht von Minhoff – super, wir verkaufen wie verrückt und leisten Unglaubliches in Logistik und Hygiene! – nur die Sache mit dem Kochen heraus, um in das alte Lamento von „Die Deutschen können nicht mehr kochen“ zu verfallen.

Beim STERN dichtete man Minhoff dazu sogar pädagogischen Eros an:

Noch stärker als Toilettenpapier wurden vor dem Corona-Lockdown
Nudeln und Reis nachgefragt. Viel mehr bekämen die Deutschen halt
nicht mehr zubereitet, sagt Christoph Minhoff. Der Nahrungslobbyist
hofft auf einen Lerneffekt in der Pandemie.

(STERN, Teaser zum Beitrag)

Schön gedacht – aber Minhoff meinte nicht den Lerneffekt beim Kochen.

Im Original-Interview fordert er stattdessen Wertschätzung für die Ernährungsindustrie ein, statt der üblichen Prügel wegen Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern.

Jetzt, wo es drauf ankommt, so hofft Minhoff, werde die Bevölkerung anerkennen, dass die Branche für volle Regale und Bäuche sorgt – weil es nunmal Fakt ist, dass die Deutschen nicht kochen können.

Nachzulesen ist das auf der Seite des Lebensmittelverbandes BLV, der Link steht unten.

 

Ein Lobbyist wird unterlaufen

Der Dreh, den die Redaktionen den Worten Minhoffs geben, ist dabei mehr als clever.

Es war sicher ein Riesenspaß für die Journalisten, die Absichten des Industrie-Lobbyisten zu unterlaufen, indem sie gezielt das herauspicken, was in ihr Klischee passt.

Und nicht das, was der Verbandssprecher eigentlich ausdrücken wollte: Die Ernährungswirtschaft ist systemrelevant, und zwar auf Dauer!

Dass Minhoff einen bösen Brief schreiben wird, ist diesmal nicht anzunehmen. Das tut er sonst gerne, wenn faktenfreies Zeug zur Ernährungsindustrie aus irgendeinem Ressort für Vermischtes kommt.

Aber als Anwalt für das Kochen zu gelten schadet seinem Image garantiert nicht. Daher gab es bisher keinen öffentlichen Widerspruch, der Mann ist Profi.

 

Deutsche konnten noch nie kochen

Quarkundso.de kann das allerdings so nicht stehen lassen.

Die Chefin persönlich stößt sich an der kulturpessimistischen Plattitüde, mit der SPIEGEL und STERN ihre Beiträge gestrickt haben: Wie, die Deutschen können „nicht mehr kochen“?

Das konnten die Deutschen doch noch nie!

Deutschland ist seit Jahrhunderten für seine schlechte Küche bekannt, dahinter rangieren nur noch Engländer und Amerikaner.

Schon antike Autoren, darunter der römische Geschichtsschreiber Tacitus, haben die primitive Kost der Germanen dokumentiert: saure Milch, in Lederhaut gedroschenes Fleisch, ungeheure Mengen an Bier. Im Barock notierten Reiseschriftsteller, welch mieser Fraß in Deutschland die Gäste erwartete, aufgetischt von schroffen Wirtsleuten.

Aber natürlich geht es nicht um den Rang der Nationalküche, wenn die Jammerei mit den angeblich verlorenen Kochkenntnissen losgeht.

Bei dieser Schablone geht es eher ums Handwerkliche. Hier ist ein anderer, eher historisch-soziologischer Hintergrund einschlägig: Das „nicht mehr“ impliziert, dass früher mal alle kochen konnten.

So ist es aber nicht.

Volksküche: Wenn`s hoch kommt ein Eintopf

 

„Frau, koch was!“

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Noch nie in der Geschichte und noch nie in irgendeiner menschlichen Kultur war Kochen eine Kompetenz, die alle Mitglieder einer Gesellschaft erwerben: Kochen können ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Und es ist eine Spezialkompetenz, die man nicht nebenher lernt wie das Laufen.

Eine Hälfte der Gesellschaft war in der Geschichte schon immer kochfern, und zwar per Geschlecht, nämlich die Männer: Von Alters her gilt die Küche als Reich der Frau. In patriarchalischen Systemen war die niedrig bewertete Küchenarbeit auch Teil des Unterdrückungssystems.

Nur Männer, die das Kochen als Handwerk oder Gewerbe betrieben, lernten überhaupt kochen.

Alle anderen Männer hatten das Privileg, von Frauen versorgt zu werden. In vielen Ländern der Welt und gewissen Parallelwelten gilt das noch heute: Frau, koch was!

Noch bis Ende des 20. Jahrhunderts belegen Unmengen von Werbeclips in Deutschland diese Zuordnung: hungrige Männer, die von ihren Ehefrauen verwöhnt werden (Dr. Oetker); Filmschmonzetten, in denen tolpatschige Junggesellen oder Witwer sich in der Küche blamieren, bis sie eine Frau finden (Heinz Erhardt).

 

Mehlsuppen, Eintöpfe, kalter Räucherhering

Von den Frauen aber beherrschten bei weitem auch nicht alle die Kochkunst: Das Bild von der (klein-)bürgerlichen Hausfrau und Familienmutter, deren Ehre es ist, emsig zu braten und zu backen, ist ziemlich jung und stammt aus der Zeit um 1900.

Frauen von Stand haben nicht selbst gekocht, sondern hatten Personal. Höhere Töchter und Adelige lernten zwar Grundbegriffe der Küchenführung, sie wussten, wie das Essen schmecken sollte und konnten Küchenpersonal anleiten – aber das ist nicht Kochen.

In den unteren Schichten brillierten die Frauen auch nicht automatisch in der Küche. Ihnen mangelte es an Zeit, Geld und Material. Viel mehr als Mehlsuppen, Eintöpfe und kalter Räucherhering mit gekochten Kartoffeln war beim Industrieproletariat von 1800 bis in die 1930er Jahre nicht drin.

Wer also suggeriert, eine hoch entwickelte Kochkompetenz stürze neuerdings ab, geht von einem Zustand aus, den es so nie gab.

 

Eine unentbehrliche Kulturtechnik

Alle, Männer wie Frauen, sollten kochen lernen.

Trotzdem steht fest: Kochen ist eine unentbehrliche Kulturtechnik.

Jeder und jede tut heute gut daran, sich wenigstens elementare Kochkenntnisse anzueignen.

Ihr Wert zeigt sich in der der weltweiten Coronakrise, weil die, die gerne kochen, ebenso fein raus wie die, die es gut können.

Beide bewältigen die Isolation leichter, können ihre Kinder besser ernähren und haben mehr Spaß an Essen und Gemeinsamkeit, wenn die Restaurants und Mittagstische noch wochenlang geschlossen bleiben.

Die riesigen Hürden, die der Industrielobbyist beim Kartoffelkochen aufbaut, verschwinden dann schnell: An Kartoffeln kann man kaum scheitern, nach dem zweiten Mal hat man es raus.

Diese Krise ist daher eine Chance: Die Corona-Pandemie könnte dazu führen, dass angesichts drohender Gefahrenlagen in der Zukunft – Klima! Pandemien! Kriege! – Kochen als Kulturtechnik für alle obligatorisch wird.

Für Männer wie Frauen – erstmals in der Geschichte der Menschheit.

 

Kochen muss Schulfach werden – nicht „Ernährung“!

Quarkundso.de fordert daher energisch: Kochen muss Schulfach werden! Kochen, wohlgemerkt, nicht „Ernährung“ oder gar „gesunde Ernährung“.

Die sind zu abstrakt und bringen für Notzeiten überhaupt nichts, denn sie vermitteln keine handwerklichen Kenntnisse und sind so unsinnlich wie praxisfern.

Nein, das Kochen muss in die Schule, weil es in Familien aus verschiedenen Gründen nicht stattfindet.

Kinder sollten daher in der Schule Erwachsene kochen sehen, und zwar echtes Essen: Wie man Kartoffeln kocht oder einen Braten macht, wie eine gute Soße entsteht, eine Suppe, ein Gulasch, wie ein Pudding, ein Pizzateig gelingt; wie man Geschmack aus Grundzutaten erzeugt und wie man Essen anrichtet, das wäre mal so ein Curriculum fürs erste.

Das geht in Projekttagen oder –wochen und muss keine wichtigen Stunden verdrängen.

Nebenher lassen sich Regeln zur Hygiene und zum Verwerten von Resten vermitteln, dazu Lernstoff von Umwelt und Ökologie bis zu Chemie, Biologie und Physik, und natürlich zu Gesundheit und guter Lebensführung.

Aber nur nebenher, wohlgemerkt – Kochen als Handwerk muss im Vordergrund stehen.
Lehrkräfte können dafür natürlich nur echte Köchinnen und Köche sein, allenfalls Experten aus der Hauswirtschaft.

Auf keinen Fall darf der Kochkurs bei fachfremden Lehrkräften hängen bleiben, die sich schnell was anlesen und den Kindern dann ihre Privatvorstellungen über „gesunde Ernährung“ unterjubeln – womöglich der Art, dass Zucker „Gift“ ist, Obst und Vollkorn „gesund“ sind und dass in jedes Gericht Gemüse gepampt werden muss, damit es nur „ausgewogen“ ist.

 

Kinder sollten wissen, was richtiges Essen ist

 

Der Corona-Kochkurs: Gut essen in Krisenzeiten

Denn erstens ist das alles Quatsch.

Zweitens sind die Kinder als Erwachsene in der nächsten Notlage – Klima! Pandemie! Krieg! – wieder komplett aufgeschmissen und wissen nicht, was sie mit ihren Notvorräten machen sollen.

Damit wären wir endlich beim praktischen Teil – Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert! Der liegt der Chefredakteurin bekanntlich besonders am Herzen.

Wir kündigen daher schon den nächsten Beitrag zum Thema Essen in Krisenzeiten an. Dabei geht es natürlich nicht um die üblichen Rezepte. Davon quillt das Netz längst über, unkulinarischer Unsinn und Bad Taste eingeschlossen,

Der Krisenkochkurs von Quarkundso.de beschäftigt sich stattdessen mit den wichtigsten Prinzipien des guten Essens, mit Struktur und insbesondere mit Tipps zum guten Geschmack: Pimp Dein Essen mit Quarkundso.de!

Die Infos gelten auch später, wenn die Coronakrise vorbei ist – der Lernerfolg wird übrigens kontrolliert: Wir kommen zum Essen vorbei. Für Qualitätsleser von Quarkundso.de ist der wertvolle Kurs natürlich kostenlos. Alle anderen spenden bitte JETZT ins Sparschwein, und zwar zweistellig.

©Johanna Bayer

Originalinterview mit Christoph Minhoff – Titel: „dpa fragt nach der Situation der Branche“

SPIEGEL zum Interview mit Minhoff: „Ernährungsindustrie sorgt sich wegen mangelnder Kochkünste der Deutschen“

STERN zum Interview mit Minhoff, Titel: Ernährungsindustrie: Deutsche können nicht mehr kochen

 

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Arme Kinder und ihr Essen: Die Deutsche Welle fällt auf eine Foto-Schmonzette rein

Kinder in armen Ländern essen gesünder, meint der amerikanische Fotograf Gregg Segal und verzuckert das mit schönen Bildern. Die Deutsche Welle bejubelt das Projekt und gibt die Aussagen unreflektiert wieder – doch das ist naive Armutsromantik: Kinder in armen Ländern sind bedroht von Unterernährung und Krankheit. Ein Einspruch von Quarkundso.de

(Beitrag vom 3. 10. 2019)

Kleinkind, ca. 1 Jahr, sitzt auf Decke und isst, Spielzeug, Wassermelone, Kind lacht

Welche Kinder essen besser – arme oder reiche?

 

Jetzt müssen wir ganz vorsichtig sein. Wirklich, das ist ein sehr heißes Eisen, das wir hier anpacken: die gesunde Ernährung von Kindern.

Quarkundso.de hat sich schon zu oft in die Nesseln gesetzt, etwa beim Beitrag zu Fleisch und Klima neulich. Der hat interessierten Kreisen nicht gefallen, was allerdings nicht an uns liegt. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Jedenfalls schreiben wir trotz aufgebrachter Kevins und ihrer Freunde* weiter ins Internet, wie es wirklich ist, mit Essen und Ernährung. Schließlich ist das unser Markenkern. Nur wenn es um Kinder geht, hört der Spaß auf. Und zwar noch viel schneller als beim Rindersteak.

Bei Kindern wird das ganz große Rad gedreht und das Terrain ist moralisch vermint. Kinder sind schließlich unschuldig, Kinder sind Opfer, Kinder sind unsere Zukunft! An Kindern sieht man daher, wie es um die Welt bestellt ist, und was ist sinnvoll, wenn es nicht für unsere Kinder ist? Deshalb ist alles, was man für Kinder tut, eine gute Sache.

 

Fotoprojekt: Essen von Kindern rund um die Welt

Gerade beim Essen. Deshalb hat sich der amerikanische Fotograf Gregg Segal aufgemacht, Kinder aus der ganzen Welt mit ihrem Essen zu zeigen.

Ziel war es, „ungesunde Ernährungsmuster“ aufzudecken. Oder gesunde, je nachdem, wobei sich Segal selbst zurechtlegt, was „gesund“ oder „ungesund“ ist.

Für seinen Fotoband dokumentierte er, was 60 Kinder aus neuen Ländern innerhalb einer Woche verzehrt haben. Das wurde farbenfroh um sie herum dekoriert und abgelichtet. Die Deutsche Welle hat das Projekt vorgestellt und dazu ein Video über Twitter verbreitet, betitelt mit:

„Kinder aus reichen Ländern essen gesünder? Von wegen!“

In Wahrheit, so gibt der deutsche Sender die Meinung des Fotografen wieder, essen Kinder aus armen Ländern also gesünder.

Aber wir, auf Krawall gebürstet, erheben Einspruch: Quarkundso.de findet diese Behauptung mehr als gewagt. Sie ist bestenfalls naiv-romantisch, eher grob falsch und ideologisch.

Vielleicht ist sie sogar gefährlich.

 

Reiche Länder: Fettes Essen, dicke Kinder

Aber erstmal ist alles wunderhübsch anzusehen, im Video der Deutschen Welle. Zu sehen ist ein Making-Of des Fotobandes: Niedliche Kleine liegen auf farbenfrohen Stoffen ihrer Länder, um sie herum exotische Köstlichkeiten, alles sehr appetitlich, Assistenten und der Fotograf wuseln am Set herum, richten Essen her, die Kinder posieren.

Dann erklärt der Fotograf sein Projekt: Rund um die Welt gebe es eine Angleichung der Essgewohnheiten, und dazu immer mehr Herzleiden, Diabetes und Darmkrebs, alles Krankheiten, die mit der Ernährung zusammenhingen. Die Menschheit, so Gregg Segal, werde überzogen von dickmachendem Industriefutter.

Auf das Essen von Kindern habe er sich aber konzentriert, weil Essgewohnheiten früh geprägt werden und ein Leben lang bestehen: Wer mit zehn Jahren keine gesunden Gewohnheiten entwickelt habe, könne im Alter nicht mehr aufholen.

Unter diesen O-Ton sind im Video die Bilder mehrerer dicker Kinder geschnitten: ein pummeliges Kind aus Brasilien, ein dicker Junge aus den USA und ein fettes blasses Mädchen aus Deutschland, Duplo und Kinderschokolade mit im Bild.

 

Tweet mit Video der Deutschen Welle auf Twitter

 

Vom Kitsch zum groben Unfug

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Ganz allgemein kann man da natürlich zustimmen. Nebenbei hätte der besorgte Vater aber ruhig erwähnen können, dass der Fraß mit dem globalen Einheitsgeschmack, den er kritisiert, eine Erfindung amerikanischer Konzerne und Fastfood-Ketten ist.

Das Problem geht also von seinem eigenen Heimatland aus. Die Frage ist, wen der beseelte Fotograf also bekehren will: seine Landsleute, die US-Bürger? Die amerikanische Industrie? Oder will er die zukünftigen Opfer warnen, bevor sie in die Fänge der Foodmultis gelangen?

Letzteres könnte es sein. Aber lange kann man darüber nicht nachdenken, denn danach kippt das Ganze, und zwar vom Kitsch in den groben Unfug.

Segal fängt nämlich an, darüber zu sinnieren, dass noch vor einer Generation das Essen von Kindern aus verschiedenen Ländern völlig anders ausgesehen habe.

Er vergleicht Sizilien mit den USA, und findet, es sehe heute so aus, als würden alle Eltern das Essen für ihre Kinder in demselben globalen Supermarkt einkaufen. In anklagendem Ton zählt er auf, was er meint: „Pizza, Pasta, Weißbrot …“

Moment. Pizza und Pasta verderben die traditionelle Esskultur auf Sizilien?

Warum sollte ein sizilianischer Junge nicht Pizza und Pasta essen? Sie stammen doch von dort!

Und Weißbrot? Auf Sizilien gibt es nur Weißbrot, wie in ganz Italien. Dunkles Brot oder was immer Segal vorschwebt – Roggen-Vollkorn? – ist in Italien fremd. Das gibt es höchstens auf dem Campingplatz, für die deutschen Touristen.

Scheinbar fehlt es hier an den richtigen kulinarischen Koordinaten, und das nächste Beispiel bestätigt den Verdacht. Hier haut Segal fatal daneben, denn jetzt geht es um ein Kind aus Indien.

 

Indien: Mutter kocht jeden Tag frisch!

Anchal, ein indisches Mädchen in seinem Projekt, erzählt Segal, lebt in einer Aluminiumhütte, die nur 10 Quadratmeter groß ist, ihre Eltern sind bettelarm.

Trotzdem isst sie, findet Segal, gesund, „wholesome“, nämlich „traditionell indisch“: Sie bekommt Linsen, Blumenkohl, Okra, Reis und Brot. Alles kocht ihre Mutter jeden Tag frisch, auf dem Boden der Hütte.

Das geht richtig ans Herz.

Man sieht sie förmlich vor sich, die bescheidene indische Mutter, einen farbenfrohen Sari um sich gewickelt. Demütig das Haupt bedeckt, mahlt sie auf dem Lehmboden der Hütte Gewürze, schält Gemüse; still, reinlich trotz der Armut, genügsam lächelnd und erfüllt davon, dass sie ihren Lieben so viel Gutes tun kann.

Anchal, rabuliert der Fotograf, erhalte also eine gesündere Ernährung als viele Kinder der indischen Mittelschicht. Überhaupt sei die größte Erkenntnis aus dem Projekt, dass ärmere Länder oft die gesündere Ernährungsweise haben (bei TC 2:20).

Wenn er sich da mal nicht täuscht.

 

Bettelarm, aber gesund? Von wegen

Die Haussklavinnen: Indische Frauen in armen Schichten

Denn was Segal hier unbedarft zur Schau stellt, ist pure Armutsromantik:

Es ist ein uraltes Sozialklischee, nach dem es „den Armen“ besser geht als den verderbten, prasserischen, fetten „Reichen“ – arm, aber gesund; arm, aber glücklich; arm, aber kultiviert.

Nur ist es in Wahrheit nicht so.

Denn Armut ist bitter. Und sie hat viele gravierende Folgen für Ernährung und Gesundheit, die Segal, der übersatte Amerikaner mit Sendungsbewusstsein, ignoriert.

Vor allem verkennt er die Realität armer Mädchen und Frauen. Gerade in Indien. Denn nach wie vor werden indische Frauen vor allem in den unteren Schichten verachtet und brutal ausgebeutet. Die Mutter, die auf dem Lehmboden der Hütte kocht, ist eine Arbeitssklavin ihres Mannes.

Kleine Mädchen aber werden systematisch von Kindheit an schlechter ernährt als Jungen. Denn in der Unterschicht Indiens sind Mädchen immer noch eine Last, arme Familien investieren nicht in Mädchen – mit Nahrungsentzug fängt es an. Weibliche Säuglinge zu töten ist in manchen Gegenden des Nordens noch immer üblich.

 

Dicke, reiche Kinder leben länger

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Wenn sie aber heranwachsen und verheiratet werden – ein paar Frauen braucht es ja – unterliegen sie komplett der Herrschaft des Mannes. Arbeiten müssen sie ununterbrochen: Erst auf dem Bau, den Feldern oder in der Fabrik, danach bis zum Umfallen im Haus.

Morgens stehen die Frauen Stunden vor ihrem Mann auf, um für ihn und die Kinder ein warmes Essen zu kochen – jeden Tag frisch, wie der Romantiker Segal schwärmt –, bevor sie zu ihrer eigenen Arbeit gehen. Abends kochen sie wieder. So könnte es auch Anchals Mutter gehen.

Diese armen indischen Frauen und ihre Töchter ernähren sich dabei keineswegs automatisch „gesund“, weil „traditionell“. Sie leiden unter Eisen- und Mineralmangel, bekommen zu wenig Protein und ihre Lebenserwartung liegt unter dem weltweiten Durchschnitt. Gleichzeitig ist die Kindersterblichkeit in Indien weltweit mit am höchsten.

Anders ist das bei dem Amerikaner Segal und den Kindern, die auf den Fotos von Fastfood umgeben sind, etwa die aus den USA, Deutschland oder arabischen Staaten. Sie alle können  mit 80 einen sanften Tod sterben. Denn nichts ist im Wachstum so schlimm wie Unterernährung.

Zudem genießen Kinder in reichen Ländern die beste medizinische Versorgung – die indischen Mädchen nicht. Wenn es in armen Familien Geld für den Arzt gibt, dann kommen vor allem Männer und Söhne in seinen Genuss. Nicht Frauen und Töchter.

 

Armut bedeutet Unterernährung und Krankheit

Arme Kinder in Nordindien: Häufig unterernährt

Armut heißt in armen Ländern eben genau nicht: Traditionelle, frisch gekochte Nahrung aus gesunden Lebensmitteln. Sie heißt in erster Linie Unterernährung.

In Indien ist jedes zweite Kind unterernährt, von einigen Landstrichen Afrikas nicht zu reden.

Auch dort sind schon die Mütter betroffen, die brutale Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen und Mädchen in Afrika ist Legende.

Von allen Kindern, die durch jahrelange Unterernährung Wachstumsschäden davon getragen haben, leben aber 90 Prozent in Afrika und Asien, beschreibt die Welthungerhilfe.

„Stunting“ ist eine der Folgen, mangelndes körperliches Wachstum und verzögerte kognitive Entwicklung durch jahrelange Unterernährung, Unterernährung ist der Hauptgrund der Kindersterblichkeit.

Die Schäden können schon in der Schwangerschaft der – ebenfalls unterernährten – Mutter entstehen. Die Kinder holen das ihr Leben lang nicht mehr auf.

Und es sind so viele Millionen Kinder, in der Mehrzahl Mädchen, dass die Vorstellung geradezu absurd ist, ein armes indisches Mädchen aus einer Lehmhütte könne das Paradebeispiel für gesunde traditionelle Ernährung abgeben.

 

Die Deutsche Welle ist reingefallen

Afrika: Frauen arbeiten viel und sind oft unterernährt


Dass der Fotograf mit seinem naiv-dummen Projekt eine Lanze für „gesundes traditionelles Essen“ brechen will, gut und schön.

Hübsche Fotos kommen dabei heraus, und natürlich ist es wünschenswert, dass die Food-Multis nicht die ganze Welt mit ihrem künstlich aromatisierten Schrott überziehen. Dagegen kämpft im Übrigen auch Quarkundso.de.

Auch ist Übergewicht gefährlich – aber Unterernährung ist noch gefährlicher.

Deshalb sollte man nicht auf diese Foto-Schmonzette reinfallen wie die Deutsche Welle, und unreflektiert dem Klischee applaudieren. Denn die sozialromantische Brille des kulinarisch ahnungslosen Amerikaners führt komplett in die Irre.

Für seine Mission von einer angeblich gesunden, traditionellen Ernährung bringen seine Überlegungen gar nichts, sie schaden sogar.

 

Traditionelle Ernährung ist gut – aber nicht immer

Traditionelle Ernährung ist nämlich nur dann gut, wenn es genug davon gibt. Wenn nicht, ist die traditionelle Ernährung schlecht. Dann tun es Proteinpulver und Vitamintabletten besser, besonders bei Kindern.

Sie ist außerdem dann gut, wenn man nicht dick ist: Wer als Amerikaner bei seinem traditionellen Essen – das sind Industriefraß und Fastfood – normalgewichtig bleibt, hat gute Chancen auf einen sanften Tod mit 80 Jahren.

Und das gilt für die traditionelle Ernährung jedes Landes auf der ganzen Welt, von Australien bis Zypern. Wer nicht dick ist, fährt mit der ursprünglichen Ernährung seiner Vorfahren gut.
Wer übergewichtig oder, Achtung, unterernährt ist, lebt nicht gesund – Tradition hin oder her.

©Johanna Bayer

 

Tweet der Deutschen Welle mit Video zum Fotoprojekt von Gregg Segal

 

Mittagessen: Das SZ-Magazin und die Feinde der Mittagskultur

Eine Autorin in SZ-Magazin stört sich daran, dass Kollegen schick „zum Lunch“ wollen statt sich nur schnöde Nahrung reinzuschaufeln, wie es mittags nunmal ansteht. Das ruft Quarkundso.de auf den Plan: Wir protestieren aufs Schärfste.

 

Mittagessen bei der Arbeit: Idealerweise als feiner Business-Lunch, sonst aber gerne auch in der Kantine das Menü 1. Denn wer arbeitet, muss auch essen.

Im SZ-Magazin kam was zum Mittagessen, ach nein, es ging um den „Lunch“. Man gehe nicht mehr zum Mittagessen, berichtet Sina Pousset, Autorin der Generation Y. In ihren Kreisen gehe man jetzt „lunchen“.

Das sei neumodischer Unsinn, beklagt Pousset, Jahrgang 1989.

Schließlich drehe es sich immer noch um eine höchst prosaische Mahlzeit mitten im Arbeitstag, die durch hippe Anglizismen keineswegs geadelt werde – Currywurst bleibt Currywurst.

Wer sich also einbildet, mit einem „Lunch“ besonders weltmännisch und nach „vielen Flugmeilen“ zu klingen, hat laut Pousset nicht verstanden, dass die meisten Leute mittags nur das Allernötigste essen. Diese schnöde Nahrungsaufnahme müsse man nicht unnötig aufblasen. Das gute alte Wort „Mittagessen“ scheint ihr daher viel passender als eine Angebervokabel aus dem Wortschatz urbaner Spießer:

„Denn der Anglizismus kann nicht zaubern. Er verwandelt Durchschnittsessen nicht in Kobe-Beef und den Italiener im Industriegebiet nicht in die Steakbar in Downtown Manhattan.“

Ihr selbst reiche, schiebt sie nach, mittags auch mal eine Schüssel Cornflakes mit kalter Milch.

 

„Fressen wie die Schweine“

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Natürlich muss Quarkundso.de da energisch einschreiten: Wir protestieren aufs Schärfste!

Denn der Artikel ist zwar teilweise amüsant, und Deppen-Anglizismen sind immer ein lohnendes Ziel. Aber die Autorin verfehlt auf gefährliche Weise den Kern der Sache.

Sie kritisiert nämlich nicht nur den Sprachgebrauch.

Nein, Pousset stänkert generell dagegen, dass man sich zum Mittagessen Zeit nimmt und an einem gedeckten Tisch sitzt. Dabei outet sie sich als Feindin der genüsslichen Hauptmahlzeit. Das Mittagessen sei „von Haus aus unglamourös“ und primitivster Trieb:

„Energiezufuhr, im rein praktischen Sinn. Wenig Zeit trifft auf viel Hunger. Das ist dann oft mehr Fressen als Essen. Wie die Schweine am Trog und hoffen, dass nichts daneben geht.“

Das ist unmöglich. Eine solche Entwertung des Mittagsmahls ist kulturlos und menschenfeindlich, ebenso der ganze Kontext, in den die Autorin Essen stellt.

Damit ist sie nicht alleine: Zwar sind nicht alle so unflätig, aber das warme Essen in der Mitte des Tages wird immer öfter abgewertet, als Leistungsbremse betrachtet und wegrationalisiert.

Und das nicht nur von ausbeuterischen Chefs. Nein, besonders von jungen Leuten.

Eine treibende Kraft sind die urbanen Vielarbeiter, die digitalen Nomaden, die Performer aus kreativen Etagen und Neu-Berliner wie Sina Pousset. Die stammen zwar meist aus der Provinz, wo man in der Regel noch ordentlich zu Mittag isst. Aber urban, wie sie jetzt sind, halten sie die warme Mittagsmahlzeit für unfein.

 

Mittagessen? Hält nur auf

Wir haben darüber schon ausführlich berichtet, genauer gesagt lamentiert. Das war 2017, in einem der längsten Artikel bei Quarkundso.de überhaupt.

Das ist kein Zufall. Denn das Thema ist zu wichtig, um es kurz abzuhandeln und wir werden nicht müde, darauf aufmerksam zu machen, wie genussfeindlich und ungesund die sich immer mehr durchsetzende Snack-Kultur ist.

Inzwischen sind sämtliche Ratgeber, Ernährungsportale, unzählige Blogs und alle Krankenkassen gleichgeschaltet: Mittags muss es auf jeden Fall schnell gehen, etwas anderes kommt nicht in Frage.

Dabei gilt schon ein Teller Nudeln mit Soße, auf jeden Fall aber Fleisch mit Beilagen als zu üppig, weil warmes Essen angeblich zu „schwer im Magen“ liegt.

Das ist physiologischer Unfug und dazu unzivilisiert. Es deckt sich aber mit verqueren Vorstellungen gewisser Rationalisierer und Globalisierer, nach denen menschliche Bedürfnisse willkürlich verschiebbar sind, damit ununterbrochen gearbeitet werden kann.

Entsprechend hat auch Autorin Pousset in der SZ Leute auf dem Kieker, die es anders halten und dem Mittagessen Wert zumessen – etwa Restaurants wie ihr kleiner Italiener an der Ecke, der, wie sie schreibt, seinen Mittagstisch neuerdings als „Business-Lunch“ anpreist. Dem Wirt verübelt sie, dass er sich an den Trend ranhängen will.

 

Das gute alte Geschäftsessen

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Gut, man kann kleine Gastronomen dafür abkanzeln, dass sie ein Geschäft machen wollen.

An der Sache selbst gibt es aber nichts zu meckern. Denn wenn der kleine Italiener von Frau Pousset ein echter Italiener ist, hält er natürlich auf das Mittagessen: In Italien isst man mittags warm, ebenso wie in Frankreich, beides Länder mit berühmter Esskultur.

Anders ist das in den USA und England. Von dort stammt der verhängnisvolle Trend zum kalten Happen am Mittag, wobei man dort vielleicht gerade deshalb riesige Probleme mit Übergewicht und Diabetes hat.

Und dabei ist der sogenannte „Business-Lunch“ gar nicht identisch mit den berüchtigten amerikanischen „Snacks“ aus der „Lunchbox“.

Beim Business-Lunch handelt es sich vielmehr um ein Ritual, das in der europäischen Esskultur viel tiefer wurzelt als das Knabbern an Salatblättern zum Mittag: um das gute alte Geschäftsessen.

Historische Betrachtungen zu Bankett und Symposium sparen wir uns, die Vorteile des Redens beim Essen liegen auf der Hand: Sie reichen von der Kontaktpflege über das unauffällige Checken von Manieren und Weltläufigkeit bis zur Entkrampfung bei schwierigen Themen.

Am besten ist aber der klare Konsens, der beim Business-Lunch besteht: Es gibt was Gescheites zu essen. Niemand speist Manager mit Salat, Apfelschnitzen und Nüssen ab, wie es die Krankenkassen gestressten Büroarbeitern „zum Mittagssnack“ empfehlen.

Nein, zum Business-Lunch gibt es ein feines, mindestens zwei- oder dreigängiges Menü, und zwar zu Recht: Babyfutter mit Jogurt und püriertem Obst aus der Tupperware ist nichts für Erwachsene, die oft einen Zehnstundentag haben.

 

„Snack am Mittag“ von der Techniker Krankenkasse – Brötchen statt Hauptmahlzeit

Gepose mit kaltem Körnerkram

Daher verläuft die Front zwischen uns und Frau Pousset klar: Wir stehen auf der anderen Seite.

Wir kämpfen für die warme, nahrhafte Hauptmahlzeit, in welcher Form auch immer, ob schlicht in der Kantine oder edel im Restaurant. Warmes, frisch gekochtes und in Ruhe eingenommenes Essen ist gesünder, nahrhafter, befriedigender und appetitlicher als der kalte Körnerkram, der uns für den „leichten Lunch“ aufgeschwatzt wird.

Und wir schlagen zurück: Für Quarkundso.de sind nicht diejenigen die Angeber und Wichtigtuer, die mittags zum Essen gehen. Sondern die, die im Büro aus der Tüte futtern und behaupten, sie hätten keine Zeit für eine richtige Mittagspause.

Deren Präsentismus und das Gepose um Mitgebrachtes geht uns auf den Geist – das ganze gequollene Quinoa-Zeug, die glitschigen kalten Nudeln, die unreifen Avocados, übergossen mit süßem Balsamico-Dressing, die durchgeweichten Wraps mit muffigem Ei, die matschigen Salate, die pappig-schweren Vollkornbriketts mit Belag aus Kunstkäse oder Putenlappen.

Es leuchtet uns auch absolut nicht ein, warum ein Salat mit Fertigdressing aus der Plastikdose mittags „gesünder“ sein sollte als eine Portion Krautwickel mit Kartoffelpüree aus der Kantine.

Er ist es nämlich nicht.

 

Weiße Plastikdose mit gerolltem Sandwich (Wrap)

Durchgeweichte Wraps aus der Tupperware – für uns ist das nichts

Ohne Manieren: Mampfen am Schreibtisch

Auch das Mampfen am Schreibtisch finden wir unästhetisch und unhygienisch, sogar belästigend für Kollegen in demselben Raum. Und wer, was öfter vorkommt, mit vollem Mund ans Telefon geht, hat definitiv keine Manieren und aus unserer Sicht eine Abmahnung verdient.

Frech, wie wir sind, hängen wir uns gerne auch etwas weiter aus dem Fenster: Wer dauerhaft keine Zeit zum Essen hat, kommt mit seiner Arbeit nicht klar.

Da muss der Chef mal nachsehen und seine Fürsorgepflicht wahrnehmen. Und umgekehrt: Wenn Vorgesetzte keine Rücksicht auf die Mittagszeit nehmen und ständig Meetings von 12 bis 14 Uhr ansetzen, sind sie in ihrer Position falsch.

Wir präferieren dabei entschieden den Gang in die Kantine – eine auch nur halbwegs vernünftige Großküche, die ein oder zwei Auswahlessen und ein kleines Salatschüsselchen bietet, macht uns leistungsfähig für den Rest des Arbeitstages.

Die Belegschaft von Quarkundso.de marschiert jedenfalls mittags geschlossen in die Kantine, wenn eine da ist. Immer. Auch lassen wir das Mittagessen nie ausfallen, in Worten: nie.

 

Ausschnitt aus Twitter, Text: Kollegin kriegt seit Tagen mit, dass i keine Zeit hab zu essen sie kommt in mein Büro stellt mir ungefragt essen auf Tisch und sagt iss

Opfer der modernen Arbeitswelt: Auf Twitter berichtet eine junge Userin, dass sie tagelang keine Zeit zum Essen hat – das darf nicht sein.

Die Feinde der Mittagskultur

Doch der Feldzug gegen das warme Essen in Deutschland läuft: Schon Kindern wird die Hauptmahlzeit am Mittag regelrecht aberzogen, teils mit absurden Begründungen. Der Blick in ein beliebiges Mütterforum im Internet zeigt das:

„Eine gesunde und ausgewogene Ernährung braucht keine warme Mahlzeit. Die meisten essen gerne warm, weil es angenehm ist und gut schmeckt, aber gesünder ist es nicht. Meine Tochter bekommt in der Woche mittags auch nichts warmes, denn gekocht wird bei uns erst abends, wenn mein Mann da ist. Da kann sie sich, dann aussuchen ob sie was warmes mitisst oder sie isst Butterbrot, Rohkost und Joghurt. Warmes Mittagessen gibts bei uns nur am Wochenende.“

„Ich finde, das ist jedem selber überlassen (…) Die bedenken deiner Schwiegermutter sind Quatsch. Gerade bei warmen Essen ist so schnell alles Gesunde rausgekocht, da ist nun wirklich Rohkost usw. das wertvollere Essen.“

„Kein Mensch braucht mittags ein warmes Essen“

Zitate aus „Mama-Forum“ im Internet.

Interessanterweise sind Ernährungsexperten und Familienratgeber durchaus anderer Meinung und in Ganztagsschulen ist das – warme – Mittagessen sogar gesetzlicher Anspruch und häufig auch Pflicht.

Aber Feinde der Mittagskultur erstreiten sich, dass sie ihre Kinder vom Essen abmelden dürfen.

 

Zum Schaden der Kinder

Gleichzeitig berichten Zeitungen seit Jahren darüber, dass Erziehungsberechtigte das Schulessen nicht bezahlen und ihre Kinder deshalb mittags weinend vor leeren Tellern sitzen – oft dieselben, die morgens schon ohne Frühstück in die Schule kommen.

In vielen Fällen geht es dabei nur um den Mindestbeitrag von einem Euro täglich, fünf Euro die Woche, 20 Euro im Monat.

Welche Gründe solche Eltern auch immer vorbringen mögen, ob Überschuldung, Leben von Hartz IV oder „Die ist das gewöhnt!“, „Der braucht mittags nichts“, und „Wir kochen doch abends warm!“, eines muss klar sein: Das schadet den Kindern.

Wie bei den Zitaten aus dem Mama-Forum oben zu sehen war, geht es dabei nicht immer um Geld. So berichtete der Tagesspiegel 2016 aus Berlin:

Etliche Ganztagsschulen haben Probleme, die Eltern von der Notwendigkeit eines warmen Mittagessens zu überzeugen. Nach Informationen des Tagesspiegels gibt es mindestens eine Ganztagsgrundschule in Berlin, in der nur ein Drittel der Familien einen Vertrag mit einem Caterer abgeschlossen hat. In anderen Schulen sind es mitunter 50 oder 60 Prozent – und das, obwohl laut Schulgesetz eigentlich alle Kinder in Ganztagsschulen ein warmes Mittagessen bekommen sollen.

Ist das Kindeswohl gefährdet? Ja. Punkt.

Auf Anfrage musste der Berliner Senat 2016 tatsächlich, so der Tagesspiegel, der peinlichen Fragen nach dem Kindeswohl nachgehen. Man war sich da nicht ganz sicher:

„Unklar ist, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, wenn Eltern ihre Kinder mehr als acht Stunden ohne Essen lassen.“

Wir beantworten die Frage mal schnell und hängen uns dabei wieder weit aus dem Fenster: Ein Grundschulkind den ganzen Tag ohne Essen zu lassen, gefährdet das Kindeswohl, ja. Und es von einem warmen Mittagessen fernzuhalten, das sein Körper in der Wachstumsphase braucht, ebenfalls.

Unregelmäßige Mahlzeiten ohne warmes Essen stehen genau deshalb in Kriterienkatalogen für die Gefährdung von Kindern in der Familie, wie sie Jugendämter und Sozialbehörden nutzen.

 

Nachts schlafen. Tagsüber arbeiten. Mittags essen.

Zum Glück sind die Feinde des Mittagessens noch in der Minderheit. Aber sie machen gewaltig Druck.

Interessanterweise neigen nämlich diejenigen, die mittags mit einem Müsliriegel auskommen, zu autoritärem Reinregieren in den Bauch der anderen: „Das muss auch mal so gehen!“, „Warum isst Du nicht einfach einen Apfel?“, „Du kannst doch heute Abend essen!“.

Solchen Menschen mangelt es an Rücksicht und sie gehen ausschließlich von ihren eigenen Bedürfnissen aus: Weil sie Hunger verschieben oder gleich gar keinen haben, können sie sich nicht vorstellen, dass es anderen anders geht.

Doch Hunger am Mittag ist so natürlich wie der Schlaf in der Nacht.

Und menschliche Bedürfnisse sind nicht beliebig disponierbar. Menschen werden krank, wenn sie ihrem physiologischen Rhythmus nicht folgen. Der mag – in Grenzen – individuell sein, doch die grobe Linie ist: Nachts schlafen. Tagsüber arbeiten. Mittags essen.

 

Das Mittagsmanifest von Quarkundso.de

Daher wiederholen wir besonders mit Blick auf Schwächere und Kinder die wichtigsten Forderungen zur vernünftigen Mittagspause (das vollständige Mittagsmanifest ist im Artikel von 2017 zu lesen):

Die Mittagspause ist gesund und wichtig. Ein ordentliches – warmes – Mittagessen muss drin sein, wenn Arbeitnehmer, Kinder, Teamkollegen, wer auch immer, das möchten.

Arbeitgeber und der Staat sind dabei in der Pflicht, Schwächere vor menschenfeindlichem Druck zu schützen: Wir fordern angemessene Pausenplanung, mehr Kantinen, warmes Schulessen für alle Kinder, finanziert vom Staat. Ohne Wenn und Aber.

Natürlich soll dabei niemand zum Essen gezwungen werden.

Umgekehrt ist entscheidend: Diejenigen, die essen möchten, dürfen nicht daran gehindert werden. Nichtesser dürfen daher in keiner Situation über Menschen bestimmen, die mittags was Warmes brauchen.

Wir werden an dieser Front beharrlich weiterkämpfen, denn das Mittagessen ist  es wert – Oberthema: „Essen ist ein Menschenrecht“. Fortsetzung folgt.

©Johanna Bayer

 

SZ-Magazin vom 3.10.2018 zum Thema Lunch

Der Tagesspiegel über Schulessen und den Elternbeitrag

WDR, Quarks&Co dazu, warum Menschen mittags essen sollten – „Fünf Fakten für das Mittagessen“   – handgeklöppelt von der Chefredakteurin

Ausführlicher Beitrag zum Kulturkampf um das Mittagessen von 2017 mit historischem Hintergrund

 

Vegan ist nicht gesünder, sagt die DGE. DGE abschaffen, sagt die SZ.

Die DGE hat ihre lang erwartete neue Bewertung zur veganen Ernährung veröffentlicht. Ergebnis: nicht generell empfehlenswert. Vegan ist nicht gesünder als Mischkost, nicht gut für Babys, Kinder, Schwangere, Stillende, Alte. Das ist der Stand der Wissenschaft. Interessierten Kreisen gefällt das nicht. (Beitrag von 2016)

 

Weiße Flüssigkeit in Gläsern, Mandeln, Sojabohnen

Kann man essen. Muss man aber nicht, zumindest nicht aus gesundheitlichen Gründen: vegane Ersatzprodukte. Hier: Milchimitate. Bild: Shutterstock

 

Das hatten sich die Veganer anders erhofft.

Das lange erwartete neue Positionspapier zur veganen Ernährung sollte tierfreies Essen endlich der Mischkost und der vegetarischen Kost mit Milch und Eiern gleichstellen.

Aber die DGE hat am 12.4.2016 ihren Standpunkt klargemacht – sie bleibt bei der Einschätzung: Vegane Ernährung wird nicht allgemein empfohlen. Besonders nicht für Kinder, Jugendliche, Schwangere, Stillende, Alte und Kranke.

Wer alles Tierische weglässt, also außer Fleisch auch Milch, Eier, Butter, alle tierischen Fette, Proteine und sonstigen Produkte, riskiert einen Mangel an wichtigen Nährstoffen und Vitaminen. Das ist besonders für Babys, Kinder und Jugendliche gefährlich, schreiben die obersten Ernährungshüter.

Im Klartext lautet die Position: Wer sich als gesunder, gut informierter Erwachsener vegan ernähren will, kann das machen. Doch selbst dann sollte man sich von Arzt und Ernährungsberater betreuen lassen und sicherheitshalber die wichtigsten Vitamine als Pille einwerfen. Sonst geht es schief.

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Die neue Richtung ist also die alte. Geändert hat sich nichts.

Zuvor war man in der Szene von der Basis bis in prominente Kreise hinein anderer Meinung. Es gäbe, behaupteten die Veganer und ihre Freunde in NGOs, Stiftungen und Verbänden, inzwischen viele wissenschaftliche Belege dafür, dass vegane Ernährung mindestens so gut sei wie Mischkost. Wenn nicht sogar „gesünder“ oder „am gesündesten“, wie gelegentlich kolportiert wurde.

Aber das war nur Wunschdenken. Denn es ist nicht so. Nicht, wenn es nach der Wissenschaft geht.

 

Nicht alle wollen die Kröte schlucken

Und nach der DGE, der wissenschaftlichen Fachgesellschaft für Ernährung. Die DGE, der alte, schwerfällige Tanker, hat dazu in einem umständlichen Prozedere alte und neue Studien gesichtet, und sich Einschätzungen von Kinderärzten und Ernährungsmedizinern geholt.

Jetzt ist die neue alte Position in Stein gemeißelt. Das ist ein dicker Brocken.

Viele wollen den nicht schlucken. Die Veganer nicht, das ist klar. Interessierte Kreise nicht, wie die Albert-Schweitzer-Stiftung. Die schafft es auf ihrer Homepage, das DGE-Papier in eine Empfehlung für vegane Ernährung umzudeuten – ein Meisterstück der selektiven Textauslegung.

Und bei der SZ wollen auch nicht alle die Kröte runterwürgen.

Aufmerksame Leser des Blattes wundert das. Denn bei der SZ ist ein Arzt der Leiter des Ressorts Wissenschaft, Medizin und Gesundheit, der legendäre Werner Bartens. Seit Jahren wird der Promi-Journalist nicht müde zu erklären, dass jeder Glaube an besondere Ernährungsformen müßig, da wissenschaftlich nicht belegt ist.

Mit diesem Credo tingelt der ausgebildete Internist durch Talkshows von Plasberg bis Maischberger und plädiert für Genuss und Wohlbefinden beim Essen. Alles andere sei verkrampft und führe zu nichts, meint Bartens.

Klipp und klar sagt er in einem Video vom 7.4.2015, das auf der SZ-Homepage zu sehen ist:

„Ein medizinischer Nutzen der fleischlosen oder veganen Ernährung ist nicht bewiesen.“

So weit der Chef.

 

Die SZ leistet sich eine andere Meinung

Man darf aber innerhalb der SZ durchaus anderer Meinung sein. Und daher hat eine Redakteurin aus Bartens` Ressort einen gepfefferten Kommentar zur neuen Veganer-Position geschrieben. Sie sitzt nicht wie der genießerische Bartens in München, sondern in Berlin, der Hauptstadt der Veganer, heißt Kathrin Zinkant und ist keine Freundin der DGE.

Logo Goldener Blogger

Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015 bei der Wahl zu den Goldenen Bloggern 2016

Denn sie verpasst dem hauptsächlich vom Bund finanzierten Ernährungsverein eine unerhörte Breitseite: Das Papier zu Veganern sei an abstrakten Messwerten von Nährstoffen orientiert und sinnlos. Mehr noch, die gesamte, ehrwürdige DGE sei eine Luftnummer, giftet Zinkant gleich am Anfang:

„Es gibt nur wenige Institutionen in Deutschland die sich als wissenschaftlich bezeichnen und trotzdem das uneingeschränkte Vertrauen der Bevölkerung genießen. Und das dann auch noch ohne jeden triftigen Grund. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung zum Beispiel.“

Härter geht es nicht.

Dann erklärt die Autorin, dass die DGE in ihrem Veganer-Papier fragwürdige Laborwerte zur Doktrin erhebe, wenn sie auf die kritische Unterversorgung aufmerksam macht, zum Beispiel bei Vitamin B12. Vitamin B12 ist tatsächlich wichtig für Hirn und Nervensystem, ein Mangel kann bei Kindern schwere neurologische Schäden hervorrufen. Davor zu warnen hält Zinkant für falsch.

Das ist wirklich erstaunlich. Wie kann man es für falsch halten, wenn vor einer Gefahr gewarnt wird? Immer wieder gibt es Fälle von vegan ernährten Babys und Kleinkindern, die mit schweren, nicht mehr rückgängig zu machenden Schäden in den Praxen von Kinderärzten landen.

Und worauf sollte man sonst schauen als auf wichtige Nährstoffe? Auf Geschmack? Den muss man schon den Bürgern selbst überlassen. Die Versorgung mit essenziellen Nährstoffen und das Verhüten von Schäden sind faktisch das Einzige, worauf staatlich bestellte Ernährungshüter achten können.

Aber Zinkant hält das ganze Problem für irrelevant und generell das Pochen auf Nährstoffmengen für verfehlt:

„Was aber noch wichtiger ist: Wieder fällt niemandem auf, wie frappierend einseitig diese Art der Nahrungsbetrachtung bleibt. Es dreht sich alles darum, eine Tabelle von Nährstoff-Sollwerten einzuhalten. Die Wahrnehmung von Lebensmitteln ist fixiert auf die Frage, ob etwas besonders „reich“ oder „arm“ an X und Y ist. Wie es dem Veganer oder der Veganerin geht, spielt keine Rolle. Ob solches Essen schmeckt oder gut tut. Oder ob es wirklich krank macht.“

Jetzt ist die DGE ja schon Kummer gewohnt. Viele flicken ihr am Zeug: Ihre Nährstoffempfehlungen seien nicht belegt, die Lebensmittelpyramide falsch aufgebaut, die empfohlene Menge an Protein willkürlich, Fett zu Unrecht inkriminiert, Kohlenhydrate und Vollkorn ebenso zu Unrecht bevorzugt, die gesamte DGE sei verbohrt, unterwandert von Nazis, verschwende Steuergelder – alles schonmal dagewesen.

Man kann das sogar bei Wikipedia nachlesen, samt Alt-Kritik von 1999.

 

Mein Bauch gehört mir

Tatsächlich hat sich die DGE bei vielen ihrer Aufgaben nicht mit Ruhm bekleckert, etwa bei den Empfehlungen zum Schulessen, zur Kinderernährung und zur Bekämpfung des Übergewichts, aber auch bei der generellen Ernährungsdoktrin.

Da fruchtet nämlich nichts. Kindern Magermilch statt Vollmilch aufzuzwingen, ist für den gesunden Menschenverstand widersinnig und inzwischen auch wissenschaftlich stark in der Kritik. Und von den öden Ratschlägen, mehr Vollkorn, Äpfel und Karotten zu essen, werden die Deutschen nicht dünner.

Nicht nur, weil es möglicherweise die falschen Ratschläge sind. Sondern auch, weil die Menschen sich generell nicht an „Ernährungsempfehlungen“ halten. Das gilt international, alle Institutionen klagen darüber: Die Leute essen einfach, was sie wollen.

Vielleicht wirklich, weil die genormten, sterilen Regeln an Esskultur und Geschmacksvorlieben vorbei gehen. Selbst wenn alle gebetsmühlenartig das hohe Lied von Vollkorn, Obst und Gemüse singen – der überwältigenden Anzahl von Menschen schmeckt und bekommt das nicht.

Sicher aber auch deshalb, weil das Feld der Ernährungswissenschaft von Haus aus mit Unschärfen belastet und von Ideologien bedroht ist. Deshalb ist das Anliegen selbst, irgendwie für „gesunde“ Ernährung sorgen zu wollen, immer noch legitim. Aber auch das gilt international: Keiner macht es besser als die DGE. Alle sind praktisch gleich erfolglos und einseitig.

 

Wie Veganer sich so fühlen, ist kein Maßstab

Trotzdem schießt Zinkant ihren Giftpfeil auf das falsche Ziel. Denn erstens ist die DGE nicht dafür da, Leute dabei zu beraten, wie sie eine spezielle, selbst erfundene Kostform praktizieren.

Die DGE gibt Empfehlungen für die breite Bevölkerung, nicht für winzige Randgruppen. Schön ist im Papier nochmal nachzulesen, dass der Anteil der Veganer daran verschwindend gering ist. Offizielle Zahlen gibt es sowieso nicht, Schätzungen liegen bei nur 0,1 Prozent bis höchstens einem Prozent. Letzteres ist übrigens nicht gesichert und geht zurück auf interessierte Kreise, deren Anliegen es ist, die Zahl der Veganer hoch erscheinen zu lassen.

Dafür die Maschinerie eines Positionspapiers anzuwerfen, ist fast schon unverhältnismäßig. Aber Anlass war wohl das hohe Presseinteresse, wie eine Mitarbeiterin der DGE-Pressestelle am Telefon durchblicken ließ. Dort häuften sich in den letzten Jahren die Anfragen zu veganer Ernährung – was übrigens in interessantem Missverhältnis zur Zahl der echten Veganer steht.

Wie auch immer: Wie sich einzelne Veganer so fühlen, wenn sie ihr Gemüse verdrücken, können die Ernährungshüter nicht berücksichtigen. Auch nicht, wie sie sich fühlen, wenn die wissenschaftliche Lage klar sagt, dass vegane Ernährung ein Risiko darstellt.

Was Zinkant aber verlangt, ist eine Spezialberatung für engagierte Tierfreunde mit restriktiven Kostformen (ja, restriktiv, so steht das – richtig – im DGE-Papier).

Wie es den restriktiven Essern also mit der wissenschaftlichen Einschätzung geht, und ob ihnen ihre Lebensmittelimitate schmecken oder guttun, kann kein Problem der Allgemeinheit sein. Die finanziert schließlich die DGE.

 

Fünf Millionen für die Aussage des Jahres

Ganz wüst wird Zinkant am Ende. Sie unterstellt der DGE, dass sie von Interessen geleitet ist und schlägt vor, den Laden aufzulösen:

„Aber die DGE genießt das Vertrauen. Oft wird es auch damit begründet, dass der Verein zu 75 Prozent staatlich finanziert wird. Das klingt so unabhängig. Vielleicht gehört ja doch einmal infrage gestellt, ob die öffentliche Hand jährlich mehr als fünf Millionen Euro in redundante Nährstoffpredigten investieren muss.“

Zur Beruhigung von Frau Zinkant kann man jetzt aber hervorheben, dass das Veganer-Papier so nutzlos nicht ist. Denn die Ernährungshüter destillieren aus der aktuellen Studienlage noch etwas heraus: Gleich welche vegetarische Ernährungsweise, sie ist einer maßvollen Mischkost mit Fleisch, Milch, Butter und Eiern nicht überlegen.

Wörtlich:

„Unter Berücksichtigung dieser Ergebnisse kann derzeit nicht von einem gesundheitlichen Vorteil von Vegetariern gegenüber sich vergleichbar ernährenden Mischköstlern mit einem geringen Fleischanteil in der Ernährung ausgegangen werden.“

Die vegetarische Fama, an der seit 2010 gestrickt wird, lautet ganz anders. Denn das Selbstverständnis und die PR-Maschinerie der Vegetarier-Veganer beruhen zu einem großen Teil auf dem angenommen Gesundheitsvorteil. Er heißt: Der Verzicht auf Tierprodukte schützt vor Übergewicht und schlimmen Krankheiten wie Krebs, Diabetes, Herzinfarkt, Rheuma oder Gicht und verleiht ein längeres Leben.

Aber nochmal: Es ist nicht so. Mit Fleisch, Eiern, Speck, Milch und Butter kann man auch länger und gesünder leben.

Welche Erleichterung: Wir haben die Wahl. Und 80 Millionen Bundesbürger müssen sich nicht grämen, wenn sie Butter aufs Brot schmieren oder die Grillwurst auf den Rost werfen.

Allein dafür haben sich die fünf Millionen für die DGE dieses Jahr schon gelohnt.

 

©Johanna Bayer

Das DGE-Positionspapier zur veganen Ernährung

Der Kommentar von Kathrin Zinkant in der SZ

Das Video zum Zitat von Werner Bartens, 7.4.2015, SZ

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig – 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich. Einfach ins Sparschwein stecken, entweder rechts oben im Menü oder hier. Wer draufklickt, landet bei PayPal.
 

Essen mit Kindern: Erzählt mehr von zuhause! In der SZ tobt der Wahnsinn am Familientisch

Ein Familienessen wird zum Desaster, weil die Kinder nörgeln und die gestressten Eltern nicht anders können als entnervt zu reagieren – normaler Alltag, findet eine Autorin in der SZ. Quarkundso.de findet das nicht. Wir finden: Weder mit Kindern noch mit Essen noch mit der kostbaren Familienzeit geht man so um. (Beitrag von 2015)

Kind hält sich Teller vor das Gesicht, um ihn abzulecken.

Wenigstens schmeckt’s: Essen mit Kindern

 

Kinder tarnen sich nur als unfertige Erwachsene – in Wahrheit kommen sie von einem anderen Stern: Ihre Körper funktionieren nicht normal, deshalb können und mögen sie die natürlichsten Dinge nicht, schlafen, zum Beispiel. Oder auf den Topf gehen und sich erleichtern.

Lieber ärgern sie die Mutter. Dann halten sie bösartig ein, wie Psychoanalytiker genau wissen. Vor allem aber befriedigen sie einen der elementarsten Triebe des Menschen nicht: Sie wollen nicht essen.

Natürlich stimmt das alles nicht. Davon bin ich zutiefst überzeugt, nicht nur aus eigener Erfahrung. Es ist sogar genau umgekehrt: Ein normales, gesundes Kind ist müde, schläft und geht gerne aufs Töpfchen, weil letzteres überaus interessant ist.  Außerdem isst es gerne, weil es Hunger hat, denn sein Körper wächst rasant.

Nur wenn Mutter, Vater und sonstige Erziehungsberechtigte es dabei stören, etwa mit Beschimpfungen, Strafen und schlechtem, lieblos serviertem Essen, klappt es nicht mit den natürlichen Trieben. Oder das Kind ist krank.

 

Eindrucksvoller Unterschied zwischen Mensch und Tier

Wie sollte es anders sein? Warum sollten Kinder die Bedürfnisse ihres Körpers nicht erfüllen wollen? Warum sollte ausgerechnet der Nachwuchs allesfressender Großaffen mit Attrappen und Ritualen zum Essen getrickst werden?

Wo doch in der gesamten Tierwelt die Eltern von dem Moment an, in dem die Jungen auf der Welt sind, kaum damit hinterher kommen, den Kalorienbedarf der gefräßigen Brut zu befriedigen?

Aber natürlich gibt es einen Unterschied zwischen Mensch und Tier. Das bezeugen Regale voller künstlicher Kinderprodukte im Supermarkt unwiderlegbar: Wurst mit Gesicht, Käse mit bunten Flecken, Fruchtzwerge. Ebenso eindrucksvoll ist das Heer von Vorschlägen, wie man Kindern Gemüse, Fisch, Fleisch, Salat, Obst, Rohkost oder Käse unterjubelt. Also alles außer Pizza, Pommes und Nudeln mit Soße, den erklärten Lieblingsgerichten vieler Kinder.

Diese Tipps reichen von albern über ekelhaft bis ungehörig: Geben Sie Gemüse lustige Namen, lassen Sie die Kinder mit dem Essen spielen, ruhig auch mal werfen (!), empfiehlt zum Beispiel DER SPIEGEL.

 

Ist das wirklich normal?

Wie es dann beim Essen zugeht in der modernen Durchschnitts-Familie, beschreibt Katja Schnitzler in der Süddeutschen Zeitung. Da hat sie eine Kolumne „Der ganz normale Wahnsinn – Leben mit Kindern“, und sie klagt: „Essen mit Kindern könnte so schön sein!“.

Wenn es nicht so traurig wäre, würde man darüber lachen und rufen: „Hey, erzähl doch mehr von zuhause!“. Aber leider ist die Szene ein Lehrstück für den entwertenden Umgang mit Kindern – und mit Essen.

Ein Fall für die Super-Nanny: Die Tochter im Schulkindalter möchte Nudeln ohne Soße. Weil sie aber Nudeln mit Soße bekommt, fängt sie an, mit den Fingern die Soße von den Nudeln abzustreifen, der kleine Bruder springt vom Stuhl auf, um der Schwester zuzusehen, der Vater herrscht beide Kinder an, vor Schreck verschluckt sich die Tochter, beim Krampfhusten stößt sie ein Glas Wasser um, der Sohn kippt vom Stuhl, sein Nudelteller zerschellt, die Eltern müssen die Scherben aufkehren und die Mutter ist am Ende so entnervt, dass sie den Kindern den Nachtisch wegreißt und einen sehr unappetitlichen hysterischen Anfall bekommt.

Das mal als Abriss. Ich verstehe die Eskalation in keinem einzigen Schritt. Der Kern ist: Die Tochter will ihre Nudeln ohne Soße – normal. Warum klatscht die Mutter ihr trotzdem Soße drauf? Und warum zwingt sie das Kind, diese Nudeln mit Soße zu essen, warum macht sie nicht einfach einen neuen Teller? Wieso weiß eine Mutter nicht, was ihre Tochter mag?

Und wenn sie es schon nicht weiß – was ist schwer daran, vor dem Servieren zu fragen: „Wie möchtest Du Deine Nudeln, Schatz?“ Vor allem: Warum darf sich ein Schulkind, das mindestens 7 Jahre alt ist, nicht selbst am Tisch bedienen?

 

Eltern am Rande der Ess-Störung

In dieser Familie hätte ich auch nichts gegessen.

Wobei der Fisch natürlich vom Kopf her stinkt, denn die Eltern haben selbst eigenartige Essgewohnheiten. Das beschreibt die Autorin am Anfang ganz offen: Die Mutter macht bei der Arbeit keine Mittagspause, sondern verdrückt schnell ein Brot am Schreibtisch. Der Vater haut sich in der Kantine ohne Besinnung etwas rein und schmeckt nichts davon.

Beide Eltern halten das für den ganz normalen Alltag: nichts oder achtlos essen, sich nicht entspannen, nichts schmecken. Aber wenn die Eltern keinen Wert aufs Essen und auf sich selbst legen, was erwarten sie dann von ihren Kindern?

Kein Wunder also, dass es in dieser modernen Musterfamilie normal ist, einem Kind, das sich verschluckt hat, vorzuwerfen, man müsse jetzt seine „Sauerei“ wegwischen. Oder den Kindern das Essen wegzureißen, wenn sie sich – altersgemäß – um Süßigkeiten zanken. Da fegt die Mutter das ganze Dessert vom Tisch.

Bei uns in der Familie gab es einmal sonntags Eistorte zum Nachtisch. Als die geteilt werden sollte, herrschten verschärfte Bedingungen – meine Schwester und mein Bruder verdächtigten sich gegenseitig der Gier und des Betrugs. Ich bin die Mittlere und galt als etwas neutraler, deshalb haben die beiden mich damit beauftragt, zu teilen. Ich zog mit dem Messer Linien ins Eis – sofort haben die anderen mit dem Lineal nachgemessen, ob die Stücke gleich groß sind. Sie waren es nicht, ich musste nachjustieren.

Übrigens haben wir das unter uns in der Küche erledigt. Meine Eltern saßen derweil am Esstisch, tranken noch ein Glas Wein und amüsierten sich darüber, mit welcher Ernsthaftigkeit wir verhandeln. Als wir mit den geometrisch abgemessenen Stücken auf den Tellern wieder rauskamen, war alles geregelt.

 

Einblick in die Esskultur: amerikanische Verhältnisse

Aber zurück zur modernen Musterfamilie, in der die Mutter den Kindern das Dessert wegreißt. Nicht, dass der Nachtisch an sich das wert gewesen wäre – denn es gibt eine Handvoll Gummibärchen.

Wie bitte, Gummibärchen? Dieser künstlich gefärbte und aromatisierte, durch Düsen gedrückte Industrieschaumstoff?

Ich meine, jetzt mal ehrlich, es ist schon okay, dass Kinder ab und zu Gummibärchen essen. Aber so etwas hat doch bei einem Familienessen nichts zu suchen? Wie sollen Kinder lernen, echte, gute Speisen von Industrieimitaten zu unterscheiden, wenn die Eltern nicht imstande sind, zum Nachtisch einen Quark anzurühren? Wie sollen Kinder Geschmack entwickeln und Freude am Essen haben, wenn die Familie solches Zeug aus der Tüte frisst und die Mutter es sich händevollweise in den Mund stopft, wie im Beitrag der SZ?

Da sollte vielleicht doch mal das Jugendamt vorbeischauen. Wobei – natürlich ist ein einziges Abendessen nur eine Momentaufnahme. Sicher machen Mutter oder Vater sonst immer köstliche Nachspeisen aus guten Grundstoffen: Milch, Sahne, Eier, Vanille, Schokolade, reifen Früchten.

Leider sprechen die „Nachtischvorräte“ dagegen, die die Familie offensichtlich für den ständigen Gebrauch gleich kistenweise lagert. Gezuckerter Bauschaum ist also fester Bestandteil der Esskultur in der modernen Familie.

Amerikanische Verhältnisse. Die Folgen sind bekannt.

 

Vom Umgang mit den wichtigsten Dingen

Wer also wissen möchte, wie man es nicht macht, sollte sich jetzt aufmerksam den lustigen Artikel in der SZ-Erziehungskolumne durchlesen. Ich empfehle ihn allen Eltern mit Kindern zur Abschreckung: Das ist weder normal noch natürlich.

Und wenn so etwas trotzdem mal vorkommt, sollte man nicht um Verständnis heischen und das eigene Niveau runterschrauben. Sondern lieber massiv gegensteuern, und zwar bei sich selbst und dem eigenen Verhalten: Weder mit Kindern noch mit Essen noch mit der kostbaren Familienzeit noch mit dem eigenen Körper geht man so um.

UPDATE: Die SZ hat den Text aus der Erziehungskolumne nachträglich geändert, massiv gekürzt und bearbeitet – ohne Kommentar oder Änderungsmitteilung. Der entwertende Vorwurf mit der „Sauerei“ ist raus, ebenso der ganze Part mit dem Nachtisch aus Gummibärchen. Interessant. Das Original, das um ein Drittel länger ist als die von der SZ bearbeitete Version, haben wir natürlich gesichert.

Erziehungskolumne in der SZ:  „Der ganz normale Wahnsinn“ über Essen mit Kindern 

 

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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