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Der FOCUS lässt Leute 30 Tage nur Wasser trinken – das ist fast genial

Der FOCUS hat zu einer Mitmach-Aktion aufgerufen, neudeutsch „Challenge“: 30 Tage nur Wasser trinken. Das scheint hart, ist aber nicht so schwer, wie es klingt – und außerdem genial. Denn Wassertrinken könnte dazu beitragen, die Epidemie an Übergewicht und Diabetes einzudämmen. Selbst die DGE kann da noch etwas lernen.

 

Glas, Wasser wird von oben reingegossen

Wasser, Wasser, nichts als Wasser. Ist das alltagstauglich? Bild: Pixabay

30 Tage nichts als Wasser! Dazu ruft der FOCUS auf, in seiner „Wasser-Challenge“.

Gemeint ist allerdings keine Nulldiät.

Sondern nur, dass alle sonst gewohnten Getränke für einen Monat durch reines Wasser ersetzt werden: kein Kaffee, kein Tee, keine Limos, und natürlich keine Cola, kein Kakao, keine Smoothies und keine Säfte.

Auch Bier, Wein oder sonstige Prozente sind verboten .

Das einzige erlaubte Getränk ist Wasser. Davon aber zwei bis drei Liter am Tag.

Natürlich kommt die Idee mal wieder aus dem Internet und vor allem aus den USA.  Sich solchen „Challenges“, Herausforderungen, zu stellen, ist ein ziemlich amerikanisches Phänomen. Der Hintergrund sind pubertäre Schülerspäße, Aufnahmerituale und Mutproben: Nackt über den Campus laufen oder literweise Bier trinken ohne aufs Klo gehen zu dürfen (wer hält am längsten ein?) sind noch die harmlosen.

Auf Youtube gibt es Unmengen von Videos, in denen Leute um die Wette essen, trinken, von irgendwo herunterspringen, sich öffentlich daneben benehmen oder sich mit etwas beschmieren, weil sie eine Wette oder Herausforderung angenommen haben.

Natürlich geht es bei so etwas um Spieltrieb und Sportsgeist. Aber Herausforderungen sind auch ein antikes, geradezu archaisches Ritual des Übergangs und seit Jahrtausenden eine spirituelle Übung: Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen und Selbstüberwindung sind höchste Tugenden in allen Religionen.

 

Gesundheits-Challenges: gegen den inneren Schweinehund

Daher sind Challenges auch beliebt, wenn es darum geht, irgendwie den Lebensstil zu ändern und Leute bei ihrem Ehrgeiz zu packen.

So nennen zum Beispiel die Weight Watchers ihr Einstiegsprogramm zum Abnehmen  „Challenge“. Auch Promi-Veganer Attila Hildmann ruft seit Jahren zur 30-Tage-vegan-Challenge auf. Hannah Frey, Clean-Eating-Bloggerin, hat ebenfalls eine Challenge ausgerufen. Bei ihr geht es um Zucker, für Clean-Eating-Leute das reinste Gift. Im „Projekt: Zuckerfrei“ soll man 40 Tage auf alles verzichten, was zugesetzten Zucker enthält.

Das ist gar nicht so einfach, denn Zucker steckt in so vielen Lebensmitteln von Ketchup bis Sauerkraut, dass man nahezu auf alles verzichten muss, was man nicht selbst gekocht hat. Natürlich ist das der Hintersinn der Sache, das nur am Rande.

Einige Challenges sind, wie das Zuckerfrei-Projekt oder viele Fastenkuren, dabei ausgesprochen unrealistisch und gar nicht erst für den Alltag oder auf Dauer ausgelegt. Pädagogisch wertvoll sind sie trotzdem: Wer sich einige Wochen lang mäßigen kann, qualifiziert sich für höhere Ziele und lernt, den inneren Schweinehund zu besiegen.

Der Lohn der Plackerei ist am Ende nicht nur, einmal für kurze Zeit eine neue Erfahrung gemacht zu haben.

Nein, potenziell geht es um mehr: um einen Durchbruch zur Selbstwirksamkeit, um Transformation und vielleicht sogar den Übergang in ein ganz neues Dasein. Das ist kein Witz. Die Erfahrung, dass man Ziele durch den eigenen Willen erreichen kann, egal welche, stärkt das Selbstbewusstsein ungemein und macht Veränderung möglich.

 

Betreutes Trinken

Jetzt also der FOCUS mit seiner Challenge, 30 Tage nicht als Wasser zu trinken.

Aktionen mit „Nur Wasser!“ stehen schon seit Jahren im Netz und auf Youtube. Pummelige Teenager berichten dort davon, wie sie durch Wasser von ihrer Cola-Sucht runtergekommen sind, junge Mütter schwärmen von Gewichtsverlust und besserer Haut.

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Das hat beim FOCUS eine Nachwuchsredakteurin gesehen und sich daran gemacht, selbst die Challenge anzunehmen und darüber zu berichten.

Einfach so, weil Challenges halt Mode sind.

Sie postet Videos von sich selbst, schreibt Artikel dazu, wie es ihr auf dem Mädelsabend, dem Weinfest oder im Büro geht (kein Kaffee im Büro ist in Deutschland eigentlich undenkbar). Dazu gibt es informative Beiträge, etwa über die Qualität von Leitungswasser und Mineralwasser.

Außerdem hat sie eine geschlossene Facebook-Gruppe gegründet, die über 2000 Mitglieder hat. Es gibt für die zu ermittelnde Wassermenge im Verhältnis zum Körpergewicht einen Wasserrechner und viele Experten-Infos, darunter von der DGE.

 

Crossmedial und strategisch clever

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat sich natürlich sofort Zugang zu der Gruppe verschafft. Zu lesen sind dort Berichte von Leuten, denen plötzlich ihre gewohnte Cola nicht mehr schmeckt oder die nach ein paar Tagen Wassertrinken feststellen, dass sie weniger Süßes essen.

Viele haben ein bis drei Kilo abgenommen, einigen macht der Koffeinentzug in den ersten Tagen schwer zu schaffen, sie haben die typischen Kopfschmerzen oder sind dauermüde.

Anderen fällt auf, dass das Saufen am Wochenende und ihre gewohnt schlechte Ernährung hinderlich sind, wenn man gesünder leben will. Wieder andere berichten, dass sie mehr Süßes gegessen haben als vorher, aber trotzdem in den 30 Tagen nicht zugenommen haben.

 

Titelbild Artikel Focus Online mit Redakteurin, die sich ein Glas Wasser eingießt

Screenshot von der FOCUS-Wasserchallenge

 

Logisch, schließlich fielen ja viele Kalorien weg, die in Saft, Cola, Bier und Wein stecken.
Am Ende wollen alle weitermachen, wenigstens in abgespeckter Form, also mit morgendlichem Kaffee oder dem einen oder anderen Glas Wein.

Und alle sind froh, dass sie von Softdrinks und oft auch Süßigkeiten allgemein etwas weggekommen sind. Viele nehmen sich vor, noch mehr an ihrem Leben zu ändern.

Ob sich der FOCUS irgendetwas Besonderes dabei gedacht hat? Vermutlich nicht.

Es ist ein Spaß und lässt sich gut crossmedial ausbauen. Medienstrategisch gesehen ist das clever und modern.

Wenn aber alles, was die Teilnehmer berichten – abgenommen, weniger Süßigkeiten,  neues Geschmacksempfinden, besseres Gefühl, motiviert, etwas zu ändern – das Ergebnis der albernen Challenge ist, was soll man dazu sagen?

 

Wasser – what else?

Es gibt nur eine Antwort: Die Sache ist genial.

Ja, Wassertrinken ist genial und die Wasser-Challenge des FOCUS als Anstoß, es zu tun, ist auch genial.

Fast, na gut, weil zu radikal, das ist nichts für das echte Leben – man muss nicht komplett auf Kaffee, Tee, Wein und Bier verzichten, ebenso wie es Unsinn ist, überhaupt keinen Zucker zu essen oder gar kein Salz.

Diese 30-Tage-Challenge kann nur ein Übergang in eine praktikable Alltagsstrategie sein, in der auch die Tasse Kaffee am Morgen und das gelegentliche Glas Wein erlaubt sind.

Aber der Kern der Sache ist: Mehr oder überwiegend Wasser trinken ist genial, weil es eine große Hilfe im Kampf gegen die Probleme mit Übergewicht und Diabetes sein kann.

Vielleicht sogar die Lösung.

Die unsäglichen Eingriffe mit industrieller Rumpfuscherei an unseren Lebensmitteln, um hier das Fett und da den Zucker rauszukriegen, würden abgewehrt. Ebenso fruchtlöse Diät-Tipps und sinnlose Ernährungsratschläge.

Tatsächlich ist Wassertrinken auf jeden Fall ein einfacher Weg, um jede Menge Kalorien zu sparen, den Stoffwechsel zu entlasten, den Blutzucker nicht stressen und verfettete Lebern zu retten.

 

Die Deutschen sind Saftweltmeister

Glas Orangensaft, zwei Orangen im Hintergrund

Es hilft nichts: Auch Orangensaft macht dick. Bild: Pixabay

Denn Mediziner und Gesundheitsforscher sprechen es längst laut aus:

Die größten Dickmacher sind heute die Getränke.

Limo, Cola, Säfte, gezuckerte Softdrinks und dann noch Bier und Alkohol mehrmals am Tag, samt Extra-Schluck am Wochenende – da kommt ordentlich was zusammen.

Nur eine einzige (!) Saftschorle täglich kann im Jahr 2,5 Kilo Fettgewebe auf die Hüften bringen, hat der begnadete Ernährungsmediziner Volker Schusdziarra schon mal ausgerechnet, übrigens im FOCUS. Die Deutschen hängen aber ganz besonders an ihren Säften und trinken sogar mehr davon als jedes andere Volk der Erde: Deutschland ist Saftweltmeister, vermelden stolz Hersteller und Fachzeitschriften.

Das ist nicht ganz unpikant.

Denn gleichzeitig ertönt jeden Tag das Lamento über die Epidemie der Dicken in Deutschland.

Zu den über 30 Litern Saft kommen rund 120 Liter Liter Cola und Limo sowie mehr als 100 Liter Bier pro Kopf und Jahr. Mehr Bier trinken nur die Tschechen, die übrigens mit Deutschland um den ersten Platz in der Tabelle der dicksten Europäer wetteifern.

Wenn man die Kaloriengehalte dazu umrechnet in normale Portionsgrößen, vielleicht ein Viertelliter Saft und Cola oder einen halben Liter Bier am Tag, und dabei bedenkt, dass die Hälfte der Bevölkerung kein Bier trinkt, dafür aber zusätzlich Cola und Limo, bringen diese Getränke irrwitzige Mengen an komplett überflüssigen Kalorien zusammen.

Kaum jemand berücksichtigt diese Kalorien in seiner täglichen Energiebilanz und zieht sie etwa vom Essen ab. Da liegt es auf der Hand, dass man mit Wassertrinken wirklich etwas gegen die Übergewichtsepidemie ausrichten kann.

 

„Da kriegst Du Läuse“

Trinkflasche, Wasser, grün gefärbt, zwei Becher, Obst auf Tisch

Es muss was drin sein, sonst kickt es nicht. Bild: Pixabay

Aber der Widerstand gegen das Wasser, unser natürlichstes Lebensmittel, ist hoch. „Nur Wasser“, das klingt nach Knast und trocken Brot.

Viele versetzt das in Panik. Einfaches Wasser bietet ihnen nicht genügend Reize, mindestens Blubber muss drin sein. Am besten aber hat Wasser irgendeinen Geschmack, vornehmlich süßen.

Schon Babys werden daher mit Tee und Saft auf den Süßgeschmack beim Trinken konditioniert:  Viele Eltern haben wegen ihrer eigenen Vorlieben Hemmungen, kleinen Kindern Wasser zum Trinken zu geben.

Die Hemmung hat alte Wurzeln: Bis ins frühe 20. Jahrhundert war Trinkwasser nicht immer sicher, auch in der Natur Wasser aus Bächen oder Viehbrunnen zu trinken, barg Gefahren. Omas Spruch „Von Wasser kriegt man Läuse“ haben viele noch im Ohr.

Aber das ist heute längst passé. Deutschland hat allen Unkenrufen zum Trotz immer noch hervorragendes Leitungswasser, die meisten anderen europäischen Länder haben längst keine so gute Trinkwasserqualität.

 

Die Angst der Fachleute vor Klartext

Trotzdem gibt es Unbehagen, Wasser eindeutig als das Getränk Nr. 1 zu empfehlen. Selbst die DGE, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, wagt es nicht, Klartext zu reden, obwohl sie es am besten weiß.  Andere Länder haben da keine Hemmungen, etwa Italien oder Japan.

Aber die DGE  spricht unter Punkt 7 ihrer 10 Ernährungsregeln lieber verschwurbelt von „Flüssigkeit“. Dabei steht die Hintertür zur geliebten Saftschorle weit offen:

7. Reichlich Flüssigkeit
Wasser ist lebensnotwendig. Trinken Sie rund 1,5 Liter Flüssigkeit jeden Tag. Bevorzugen Sie Wasser – ohne oder mit Kohlensäure – und energiearme Getränke. Trinken Sie zuckergesüßte Getränke nur selten. Diese sind energiereich und können bei gesteigerter Zufuhr die Entstehung von Übergewicht fördern. Alkoholische Getränke sollten wegen der damit verbundenen gesundheitlichen Risiken nur gelegentlich und nur in kleinen Mengen konsumiert werden.

Wasser und energiearme Getränke auf einer Stufe, das ist ja prima! Denn energiearm sind Saftschorlen ja wohl, und Bier auch, beide kommen mit nur 22 bis 30 Kalorien pro 100 ml daher. Damit haben sie viel weniger als Wein oder Milch, Cola oder Vollfruchtsäfte, das ist doch im Vergleich energiearm. Oder?

Eben nicht. Denn die Kalorien aus Getränken sind trotzdem überflüssig.

Allerdings wäre es möglich, die Regel eindeutig zu formulieren und keine Hintertüren mehr offenzulassen.

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Nur haben Sachverständige mit klarer, einfacher Sprache oft Schwierigkeiten. Sie neigen dazu, alle möglichen Zweifelsfälle abzudecken,  statt echte Ratschläge auszusprechen. Und sie fürchten sehr, wegen Unvollständigkeit ins Kreuzfeuer von Kollegen zu geraten.

Deshalb stecken Experten-Regeln, die simpel und eindeutig sein könnten – trinkt Wasser! – voller weichgespülter, abstrakter Phrasen. Darin hat dann zwar alles Platz, was unter der Sonne ist, zum Beispiel, dass es Wasser mit und ohne Kohlensäure gibt.

Aber eine echte Empfehlung ist das nicht. Denn die sollte doch gerade eine spitze Aussage sein: Was raten wir? Was ist am besten? Wonach sollen wir streben?

Und nicht: Es gibt eine Möglichkeit, aber es gibt immer auch andere Möglichkeiten, und dabei kommt es natürlich auf ganz viele Faktoren an – die Umwelt, sonstige Flüssigkeitsgehalte, etwa in Gemüse, vor allem individuelle Vorlieben und Gewohnheiten, so dass man nicht das eine erwähnen kann, ohne auch das andere aufzuführen, damit man auf jeden Fall fachlich ganz sauber bleibt, aber auf keinen Fall als der Oberlehrer mit erhobenem Zeigefinger daher kommt, der man von Amts wegen ist, was aber keiner merken soll.

 

Challenge für Quarkundso: die DGE-Regel umschreiben

Da bietet Quarkundso.de gerne Hilfe an: Wir schreiben die Regel um.

Wir betrachten das als Challenge, als Herausforderung. Die Aufgabe ist knifflig: Die Empfehlung muss einfach und verständlich sein, Sinn und Duktus innerhalb der 10 Regeln der DGE müssen erhalten und alle bisherigen Themen drin bleiben, aber der Text darf nicht länger werden.

Das wagen wir.

Bestehen wir die Probe, wird das die Menschheit vor dem Übergewicht retten und außerdem Steuergelder sparen, von denen die DGE immerhin fünf Millionen pro Jahr kassiert.

Das Problem in Regel Nr. 7 ist aus Sicht von Quarkundso.de, dass sie zu abstrakt ist: Da will jemand erklären, was Flüssigkeitszufuhr ist, anstatt eine klare Richtung vorzugeben.

Also packen wir die Sache an: Zuerst kommt die Binse am Anfang raus („Wasser ist lebensnotwendig“). Das lernt jeder in der 3. Klasse und tut hier nichts zur Sache. Und dumm ist der trinkfeste Bürger ja nicht, er weiß: Bier, Saft und Cola bestehen zu über 90 Prozent aus Wasser – meinen Flüssigkeitsbedarf kann ich damit prima decken!

Das ist aber das Problem. Davon wollen wir weg.

Weiter mit der Challenge – worum geht es bei einer Regel? Sie muss klar sein. Keine Unschärfen. Wassertrinken muss also an erster Stelle stehen.

Das Proseminar über den Flüssigkeitsbedarf des Menschen im Allgemeinen und den Flüssigkeitsgehalt von Lebensmitteln sowie die tägliche Flüssigkeitsbilanz im Einzelnen („aber Gurken enthalten doch auch Wasser, da zählt doch dazu, und was ist mit Kaffee und Tee?“) halten wir andernorts.

 

Hürden und Hintertüren

Bierglas vor blauem Himmel

Bier ist gut. Macht aber auch dick. Bild: Pixabay

Dann kommt die gefährlichste Hürde: das Rumeiern um das Übergewicht. Bei der DGE klingt das so:

„Trinken Sie zuckergesüßte Getränke nur selten. Diese sind energiereich und können bei gesteigerter Zufuhr die Entstehung von Übergewicht fördern.“

Ganze Marketingabteilungen und wissenschaftliche Beratungsgremien der Getränkeindustrie betonen unermüdlich, dass ihre Säfte nicht automatisch dick machen und dass man damit Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe aufnehmen kann.

Das hat die DGE brav berücksichtigt und gleich mehrere Modalitäten eingebaut, anstatt das Kind beim Namen zu nennen.

Auch ist „selten“ zu vage – was ist „selten“, und was kann schlecht sein an Bio-Säften aus frischen Früchten der Region?

So hat Regel Nr. 7 hinten ein weit offenes Scheunentor – und genau die, die gemeint sind, flüchten dort hindurch in den Saftladen: „Ich trinke doch nur ein oder zwei Gläser am Tag!“,  „Orangensaft deckt auch einen Teil des Vitamin-C-Bedarfs, das ist erwiesen.“, „Smoothies sind aber gesund!“.

Ja. Es sind trotzdem überflüssige Kalorien. Du brauchst sie nicht. Und Vitamine sind anderswo besser zu holen als aus Getränken. Also Schluss damit. Wir wissen es alle: Was nicht Wasser ist, ist ein Dickmacher. Seht der Sache ins Auge.

Was den Alkohol angeht, muss man sich damit extra auseinandersetzen. Bier, Wein, Schnaps und Cocktails gehören zwar für viele zu Lebensstil, Genuss und Esskultur. Das ist in Ordnung, wenn man damit umgehen kann. Und wenn man kein Übergewicht hat.

Ehrlicherweise aber gehören Alkoholika nicht in einen Kanon mit Ratschlägen zur Ernährung, schlicht, weil wir Alkohol nicht brauchen. Deshalb hat er in den 10 Regeln der DGE nichts zu suchen.

Um aber die Challenge „Schreibe die Regel um!“ korrekt zu erfüllen und alle Bestandteile zu erhalten, wird der Alkohol zwar erwähnt, aber an seinen Platz verwiesen. Der ist anderswo.

 

Die ultimative Trinkregel für den Rest Ihres Lebens

Daher kommt hier die Regel Nr. 7 der DGE in der neuen Fassung von Quarkundso.de:

7. Trinken Sie Wasser!
Wasser ist köstlich und der einzig sinnvolle Durstlöscher. Menschen brauchen etwa 1,5 Liter Wasser am Tag – alle anderen Getränke sind nur Genussmittel. Sie fördern meistens Übergewicht, daher dürfen Erfrischungsgetränke wie Cola und Limo nicht täglich getrunken werden. Das gilt auch für Fruchtsaft und Schorle. Bier, Wein und Alkoholhaltiges müssen Sie bewusst begrenzen: Alkohol kann schon in kleinen Mengen schaden. Dazu gibt es gesonderte Regeln.

Das Spendenkonto von Quarkundso.de finden DGE, Gesundheitsämter, Krankenkassen und andere interessierte Kreise oben rechts. Wir bitten für die Neuerstellung der Nr. 7 von 10 Regeln um den gerechten Anteil vom Haushalt der DGE.

Macht 500.000 Euro. Vielen Dank.

Der Dank gebührt aber auch dem FOCUS, der zur absolut zukunftsträchtigen Wasser-Challenge ausgerufen hat.

Wir fordern daher alle Leser auf, dort mitzumachen. Der Link steht unten. Danach gehen Sie nach der – neuen – Regel Nr. 7 vor. Dann kann für den Rest Ihres Lebens nichts mehr schiefgehen.

©Johanna Bayer

Die Wasser-Challenge im FOCUS

AKTUELLER NACHTRAG: Die DGE ändert ihre 10 Regeln nach diesem Beitrag von Quarkundso.de!

Die 10 Regeln der DGE hat die DGE – Überraschung! – geändert, und zwar NACH Erscheinen dieses Blogbeitrages. Der Beitrag auf Quarkundso.de mit unserer neuen Regel Nr. 7 und vielen Hinweisen dazu ging am 11.8.2017 online.

Am 30.8.2017 hat die DGE nun ihre 10 Regeln umformuliert in eine einfachere und „knackigere“ Form, wie sie schreibt. Und jetzt steht da auf der Homepage unter Regel 7: „Am besten Wasser trinken!“ . Weiter heißt es:

„Trinken Sie rund 1,5 Liter jeden Tag. Am besten Wasser oder andere kalorienfreie Getränke wie ungesüßten Tee. Zuckergesüßte und alkoholische Getränke sind nicht empfehlenswert.

Ihr Körper braucht Flüssigkeit in Form von Wasser. Zuckergesüßte Getränke liefern unnötige Kalorien und kaum wichtige Nährstoffe. Der Konsum kann die Entstehung von Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2 fördern.

Alkoholische Getränke sind ebenfalls kalorienreich. Außerdem fördert Alkohol die Entstehung von Krebs und ist mit weiteren gesundheitlichen Risiken verbunden.

Nicht, dass wir uns da was einbilden – natürlich war, wie die DGE auf Anfrage antwortete, die Überarbeitung der 10 Regeln schon längst geplant. aber interessant ist die Übereinstimmung  schon. Hier der Beleg für das Original, wie es bis 30.August 2017 online war, oben im Text schon zitiert wurde und auf das sich unsere – konstruktive – Kritik bezieht:

Die 10 Regeln der DGE – online bis 30.8.2017

Wir rechnen in den nächsten Tagen mit dem Eingang von 500.000 Euro auf das Sparschwein.  Verbindlichsten Dank!

BRIGITTE.de: Online first und Chaos mit Kokosöl

Eine einzige Schlagzeile kann den Ruf ruinieren. Sowas hat jetzt ein altehrwürdiges Nahrungsmittel getroffen, nämlich das Kokosöl: statt Superfood sei das Killerfett, schrieben gerade alle irgendwo ab. Mit ollen Kamellen über Fettsäuren und eine zusammengeklitterte Meldung ging auch ein Produkt von Gruner&Jahr ans Werk, BRIGITTE.de

 

coconut-1125_1280Die Kokosnuss und ihr Fett sind traditionelle und sehr geschätzte Nahrungsmittel rund um die Welt – in Süd- und Südostasien, Afrika und Südamerika, im ganzen Pazifik, in der Karibik.

Überall, wo Kokospalmen gedeihen, sind Kokosfleisch, Kokosmilch und Kokosöl jeden Tag im Essen. Im Ayurveda und in anderen Volksheilkunden genießt die Kokosnuss sogar den Status eines Heilmittels.

Nicht aber in den USA. Dort und in gewissen westlichen Industrieländern, deren Kernkompetenz bekanntlich gesunde Ernährung ist – zum Beispiel in England – beäugt man das Fett der Kokosnuss missgünstig.

Das duftende native Kokosöl hat in den letzten Jahren nämlich gewaltige Verbreitung gefunden, seit hippe Clean-Eating-Vertreter, die gesamte Low-Carb-Fraktion, Fans der Keto-Ernährung sowie Veganer das Kokosfett entdeckt haben.

Seit 1980 hat sich die Kokosnussanbau verdoppelt, und das hat seinen Grund: Natives Kokosöl eignet sich zum Braten, etwa von Gemüse und Fisch, schmeckt gut und ist in der Küche vielseitig zu verarbeiten, Tiere müssen dafür nicht sterben und als nachhaltiges Bioprodukt ist es auch noch zu haben.

 

Olle Kamellen über Fettsäuren – und die Wildcard für Quarkundso.de

Die American Heart Association (AHA) wollte im Juni 2017 diesem Treiben Einhalt gebieten – mal wieder. Das ist nicht das erste Mal, dazu kommen wir noch.

Jedenfalls hat die AHA eine aktuelle Empfehlung zum Thema Nahrungsfett verbreitet, in der sie olle Kamellen zu gesättigten Fettsäuren wiederkäut und sich neben Milchfett auch das Kokosöl im Vergleich zu mehrfach ungesättigten Fettsäuren aus Pflanzenölen vornimmt.

Die Sache ging gewaltig durch die Presse, und zwar unter diesem Titel „Kokosöl genauso ungesund wie Butter“; international klang es noch schlimmer: „Coconut is as unhealthy as beef fat and butter“.

 

Screenshot Google-Suche zu "Kokosöl so ungesund wie Butter", lauter identische Überschriften

Screenshot Google-Suche zu „Kokosöl so ungesund wie Butter“

Schlagzeile_englScreenshot Google-Suche zu "Coconut Oil as Unhealthy as Butter" auf Englisch, identische Schlagzeilen

Screenshot Google-Suche zu „Coconut Oil as Unhealthy as Butter“ auf Englisch

An der hysterischen Fledderei nahm auch BRIGITTE.de teil, der Online-Ableger des alten Gruner&Jahr-Flaggschiffs BRIGITTE. Nicht, dass sie im Kern etwas anderes getan hätte als die anderen. Aber die flotte Digital-Brigitte war in der Behandlung der Materie so mustergültig kurz wie doof.

Das hat ihr eine der begehrten Wildcards für Quarkundso.de eingebracht.

 

Salopp abgefertigt

Das Portal für die junge Zielgruppe der BRIGITTE hat also mit schönen Kokosnussbildern die saftige Schlagzeile aufgenommen. Die stammt vermutlich aus der Agenturmeldung der DPA, darauf weist das stereotype Erscheinen in Dutzenden von Publikationen hin, wie im Screenshot oben zu sehen: Alle hatten dieselbe Überschrift.

 

Screenshot BRIGITTE.de: "Experten warnen: Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter" - Bild mit Schlagzeile und Koksonüssen

Screenshot BRIGITTE.de: „Experten warnen: Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter“

Im Artikel fertigt die Autorin das Kokosöl kurz und salopp ab: „Wir“ haben uns in den letzten Jahren Kokosöl auf die Haut, in die Haare und insbesondere ins Essen geschmiert. Doch das sei gar nicht gesund, wie US-Forscher festgestellt hätten: Kokosöl sei kein Wundermittel, denn es enthalte überwiegend gesättigte Fettsäuren, mehr als Butter oder Schweineschmalz.

Gesättigte Fettsäuren, so der Text weiter, erhöhen den LDL-Cholesterinspiegel, das sei ein Risikofaktor für Herzinfarkt. Außerdem sei in Studien bewiesen worden, dass Menschen, die mehr ungesättigte Fettsäuren zu sich nehmen, ein um 30 Prozent geringeres Risiko haben, an Herzinfarkt oder Schlaganfall zu sterben.

Daher solle man statt zu Kokosöl lieber zu ungesättigten Fettsäuren greifen – „die stecken in Avocados, Nüssen, Olivenöl und Fisch.“

 

Meldungsklittern nach Schema F

Der kleine Artikel ist so oberflächlich und lieblos gestrickt, dass klar wird: Die Autorin hat nur die DPA-Meldung gelesen, natürlich nicht das Original-Paper der AHA. Sie hat auch nicht weiter recherchiert oder sich über Kokosöl informiert. Sie hat keine Experten befragt und geht auch nonchalant darüber hinweg, dass das eigene Blatt endlos Rezepte mit Kokos und Kokosfett angeboten hat, die noch online stehen.

Überdies hat sie keine Vorstellung davon, was man mit Kokosöl in der Küche macht, sondern einfach den Agenturtext umgeschrieben – nach dem plattesten Schema F: Eine Studie? Was sagen die Forscher laut Meldung? Aha, man soll kein Kokosöl nehmen? Weil es so viele gesättigte Fettsäuren enthält?

Dann wird das wohl das Thema der Studie sein, folgert die Autorin:

„Wie Experten der „American Heart Association“ jetzt herausgefunden haben, enthält Kokosöl sehr viele gesättigte Fettsäuren – und die sind bekanntlich nicht allzu gesund für unseren Körper.“

Einem CvD oder sonst einer Kontrollinstanz ist das nicht weiter aufgefallen. Das ist dumm. Denn natürlich war es gar nicht Thema der Studie, zu untersuchen, woraus Kokosöl besteht. Die Herzfachleute der AHA sind keine Chemiker.

Deshalb haben diese Wissenschaftler auch gar nicht „jetzt“ herausgefunden, dass Kokosöl voller gesättigter Fettsäuren steckt.

Auch nicht früher – sie haben es überhaupt nicht herausgefunden.

Dass Kokosöl zu 90 Prozent aus ungesättigten Fettsäuren besteht, ist schon bekannt, seit man weiß, was Fettsäuren sind – so etwa seit 1823. Noch im 19. Jahrhundert wurden sämtliche Fette und Öle chemischen Analysen unterzogen, für die Industrie, aber auch, weil Fett kriegswichtig war: der Nährstoff, dessen Verfügbarkeit an erster Stelle gesichert werden musste.

Nicht, dass das alles im Artikel hätte stehen müssen, Gott bewahre. Nur haben die AHA-Experten weder untersucht noch entdeckt, was im Kokosöl steckt.

 

Kokosöl in der Küche

Genauso unbedarft und unfreiwillig komisch ist der unvermeidliche Nutzwert-Tipp am Ende:

(…) Kokosöl nur in Maßen genießen und stattdessen lieber zu ungesättigten Fettsäuren greifen. Diese stecken etwa in Avocados, Nüssen, Hülsenfrüchten und Fisch.

Nun verwendet man Kokosöl überwiegend zum Braten, zumindest, wenn man in der eigenen Küche steht. Die Industrie verarbeitet es in Süßigkeiten, etwa in Kuvertüren von Konfekt und in der Füllung von Waffeln.

Da ist es natürlich barer Unsinn, als „Ersatz“ Avocados, Nüsse und Fisch vorzuschlagen – entstanden aus dem unsäglichen Zusammenklittern von Ernährungsempfehlungen aus Tabellen oder anderen, nur halb verstandenen Texten.

Das ist für ein renommiertes Frauenmagazin blamabel und kein gutes Zeugnis für Redaktion und die Autorin selbst. Dem Kürzel „jg“ nach, der unter dem Artikel steht, ist es übrigens eine Redakteurin, die Gesundheit und Ernährung als Spezialgebiet angibt. Ah ja.

 

„BRIGITTE – Igitte!“

Ein Wunder ist die Misere allerdings nicht.

Seit Print tot ist, müssen die alten Flaggschiffe auf Online setzen, doch was in den digitalen Ablegern, Portalen und Facebookseiten steht, segelt oft weit unter der redaktionellen Flughöhe des Hauptblatts.

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Und das wohl mit Absicht.

Gruner&Jahr schießt dabei mit der Qualitätsschere zwischen Print- und Online-Angeboten den Vogel ab. Das hat neulich auch Bildblog.de festgestellt, unter der schönen Überschrift „BRIGITTE – Igitte!“:

„Brigitte“ war mal eine ganz respektable Frauenzeitschrift. Bei Facebook ist „Brigitte“ zu einer Klickmaschine mutiert, die mit effekthascherischen oder gefühligen oder andeutenden oder irreführenden Überschriften und Teasern möglichst viele Leserinnen und Leser auf Brigitte.de locken will.

Der offensichtliche Qualitätsunterschied bringt selbst die altgedienten Redakteurinnen der BRIGITTE-Redaktion in München in Verlegenheit.

Nach dem Online-Angebot befragt und wie das denn kommen könne, hob eine abwehrend beide Hände: Um Gottes Willen, also, damit habe man nichts, aber auch gar nichts zu tun! Das sei redaktionell komplett getrennt, ganz andere Leute, die seien in Hamburg und man selbst arbeite natürlich ganz anders!

Bestimmt. Ganz sicher sogar.

Verantwortlich für die Onliner in Hamburg ist seit 2016 aber eine neue Digital-Chefin, eine frühere Springer-Journalisten mit dem schönen Namen Eva Pfundflasche. Über sie meldet Gruner&Jahr stolz:

Seit ihrem Start konnte die ausgewiesene Digital-Expertin die Reichweite von brigitte.de verdoppeln und die Marke zurück an die Spitze des Wettbewerbs führen. Brigitte zeigt heute auf allen digitalen Kanälen ein junges, modernes Gesicht. Die Leserschaft insbesondere in den begleitenden Social Media Angeboten hat sich deutlich verjüngt, hier adressiert Brigitte erfolgreich die Zielgruppe 20-34 Jahre.

Ach so. Dann haben wir das jetzt verstanden.

 

Was ist denn nun mit dem Kokosöl?

Damit darf die Sache aber nicht enden. Denn Quarkundso.de, das Ernährungsportal Ihres Vertrauens, sieht sich demselben Druck ausgesetzt wie die billigen Online-Angebote: Wir stehen nämlich auch unter dem Zwang, Nutzwert zu liefern und alles leicht, lustig, in Häppchen und verständlich zu servieren.

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Daher kurz zur Sache: Was ist mit dem Kokosöl und der AHA?

Die American Heart Association (AHA) hat am 26.6.2017 eine allgemeine Empfehlung zu Nahrungsfetten herausgegeben. Sie gilt nicht ausschließlich dem Kokosöl. Es ist ein Positionspapier zu gesättigten Fettsäuren und Nahrungsfetten allgemein. Darin hat die AHA Studien aus 60 Jahren kommentiert, bis hin zu Fütterungsversuchen mit Affen.

Alles, was sie in ihrer Empfehlung schreibt, ist bekannt und nichts als die Wiederholung der alten amerikanischen Anti-Fett-Doktrin: Raus mit den gesättigten Fettsäuren aus der Nahrung! Diese Doktrin vertritt man in den USA schon seit den 1950er Jahren. Immerhin erwähnt die AHA nebenbei korrekt, dass es heute keine Begrenzung der Fettmenge in der Nahrung mehr gibt und dass, Achtung, der Ersatz von Fett durch Kohlenhydrate und Zucker negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Dass Kokosöl wegen der ungesättigten Fettsäuren angeblich ungünstig sein soll, stand aber auch schon in den amerikanischen Ernährungsempfehlungen von 2010, den Dietary Guidelines.

In dasselbe Horn – gegen das Kokosöl – stoßen auch andere Institutionen wie 2016 die British Nutrition Foundation, eine nationale Ernährungseinrichtung in England, wieder ohne Zweifel ein Land mit höchster Ernährungskompetenz.

Hintergrund ist natürlich, dass es in der Wissenschaft seit Jahren immer mehr Stimmen gibt, die traditionelle Nahrungsfette mit einem natürlichen Gehalt an gesättigten Fetten rehabilitieren. Die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Butter wurde vom TIME MAGAZINE schon 2014 auf den Titel gehievt („Eat Butter!“). Milchfett, das viele gesättigte Fettsäuren enthält, ist gerade schwer im Aufwind: Nein, es verursacht keinen Herzinfarkt und führt auch nicht langfristig zu schlechteren Cholesterinwerten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, speziell Milchfett wirkt sich sogar günstig aus auf den Cholesterinspiegel und bei vielen Krankheiten aus. Kokosöl ist zurzeit das Lieblingskind der Fettfreunde, und es werden ihm viele günstige Wirkungen auf Stoffwechsel, Gehirn und Immunsystem nachgesagt. Interessant ist das allemal, beinhart bewiesen aus Sicht der Kokos-Kritiker noch nicht.

Es ist aber in dieser Lage barer Unsinn, was in der – von den Nachrichtenagenturen erfundenen – Überschrift steht: „Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter!“. Erstens ist Butter nicht ungesund, siehe oben. Zweitens hat selbst die AHA nicht gesagt, dass Kokosöl „so ungesund ist wie Butter“. Im Papier steht nur, dass das Austauschen von Butter gegen Kokosöl nichts bringt, wenn man glaubt, damit gesättigte Fettsäuren vermeiden zu können.

Allerdings rät die AHA in ihrer Stellungnahme tatsächlich rundheraus von Kokosöl ab, und zwar nicht, weil Studien erwiesen hätten, dass Kokosöl Herzinfarkt und Schlaganfälle auslöst. Oder weil Menschen, die traditionell viel Kokosöl konsumieren – etwa in den Tropen – besonders oft an diesen Krankheiten sterben. Das ist nämlich nicht der Fall. Nein, es ist ein rein theoretischer Befund, eine Interpretation – nicht über das Lebensmittel Kokosöl, sondern über isoliert betrachtete gesättigte Fettsäuren:

„Clinical trials that compared direct effects on CVD of coconut oil and other dietary oils have not been reported. However, because coconut oil increases LDL cholesterol, a cause of CVD, and has no known offsetting favorable effects, we advise against the use of coconut oil.”

Das ist ein dicker Hund und die Freunde der Kokosnuss laufen Sturm dagegen. Sie betonen, dass weder den gesättigten Fettsäuren an sich, und schon gar nicht den traditionellen Nahrungsfetten wissenschaftlich wirklich nachgewiesen werden konnte, dass sie Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen.

Tatsächlich ist die Interpretation der AHA nur die Sicht aus einer bestimmten Brille. Selbst die traditionell behäbige deutsche DGE ist da schon weiter. Sie konnte nicht umhin, anlässlich ihrer Fettleitlinie zuzugeben, dass gesättigte Fette nicht Schuld sind an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderem. Das ist ihr offensichtlich schwer gefallen, die gewundene Stellungnahme liest sich einigermaßen verwirrend:

FAQ zur Leitlinie Fett der DGE

1. Welche Krankheiten thematisiert die Leitlinie und warum?
Die Leitlinie thematisiert Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Metabolisches Syndrom, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Krebskrankheiten, weil sie zu den häufigsten chronischen Krankheiten in Deutschland zählen. Aus Kapazitätsgründen konnte die Leitlinienkommission nicht alle Krankheiten, bei denen die Fettzufuhr eventuell relevant ist, berücksichtigen.
(…)

4. Sind gesättigte Fettsäuren schlecht?
Eine hohe Zufuhr von gesättigten Fettsäuren erhöht die Gesamt- und LDL-Cholesterolkonzentration im Blut, ist aber bei den hier betrachteten Krankheiten mit keinen weiteren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden. Durch den Austausch von gesättigten durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren lässt sich allerdings das Risiko für Fettstoffwechelstörungen und die koronare Herzkrankheit senken. Deshalb empfiehlt die DGE, die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren … zu senken.“

Wo der Hund begraben liegt, ist bei den von der AHA zitierten Studien zu Herzinfarkt und Schlaganfall im Verhältnis zur Aufnahme von gesättigten Fettsäuren. Sagen die was aus oder nicht? Sagen die Fütterungsversuche an Rhesusaffen was aus oder nicht? Zwar konnte bei Menschen mit Risikofaktoren festgestellt werden, dass ihre schlechten Werte sich verbesserten, wenn sie gesättigte Fette gegen ungesättigte Fettsäuren austauschten.

Im Klartext: In einigen Studien sank der LDL-Spiegel bei kranken Risikopatienten, die übergewichtig und fehlernährt waren, schon einen Herzinfarkt erlebt oder eine koronare Herzkrankheit hatten. Auch verringerten sich in solchen Gruppen die Herzinfarkte und Schlaganfälle. Doch gerade die an dieser Stelle von der AHA zitierten finnischen Arbeiten, sagen Kritiker, sind auf andere Länder nicht übertragbar, denn in Finnland gibt es eine Häufung von frühen Herzinfarkten und hohem LDL, die genetisch bedingt ist (vulgo: durch Inzucht entstanden).

Allgemein ist aber die Krux: Solche Studien mit Patienten sagen nicht wirklich etwas über Gesunde und die Zuträglichkeit der Lebensmittel aus. Ein kranker Körper funktioniert anders.

In fast allen Interventionsstudien, die die AHA nennt, wurden die Nahrungsfette bei Menschen ausgetauscht, die gleich mehrere Risikofaktoren hatten. Dazu zählen neben den Genen auch Entzündungen, die inzwischen als die wahren Ursachen für Herzinfarkt und Schlaganfall gehandelt werden.

Für allgemeine Ernährungsratschläge taugt so etwas also nicht. Und schon gar nicht für den Umgang mit einem traditionellen Nahrungsmittel wie Kokosöl. Man müsste sonst buchstäblich Milliarden von Menschen in den Tropen ihre Esskultur und ihr Ernährungswissen absprechen. Das können sich die dicken Amis und Engländer mit ihrem Industriefraß weiß Gott nicht erlauben, um es mal ganz vorsichtig à la Quarkundso.de auszudrücken.

 

Damit sind wir mit unserer Weisheit aber auch am Ende.

Die Freunde der Kokosnuss wissen mehr, namentlich die großartige Ulrike Gonder, deutsche Expertin in dieser Sache; nutzwertiger Link unten.

Weil bei Online aber immer das Persönliche zählt, gesteht die Chefredaktion von Quarkundso.de jetzt noch, dass sie an Fett nicht spart und sich obendrein jeden Tag einen Löffel voll mit nativem Bio-Kokosöl genehmigt. Das soll gut sein fürs Gehirn.

Die Cholesterinwerte der gesamten Chefredaktion, namentlich der #Fettbeauftragten, entsprechen dabei denen eines neugeborenen Babys. Kein Witz. Wir können daher den Konsum von Butter, Vollmilch, Sahne, Schweineschmalz und lecker Kokosöl nur empfehlen. Aber auf uns hört ja keiner.

©Johanna Bayer

BRIGITTE.de über Kokosöl und die AHA-Stellungnahme

Ernährungsexpertin Ulrike Gonder über Kokosöl

Die WELT: Gute und schlechte Kohlenhydrate – bis zum Killer-O-Ton

In der WELT macht eine Autorin daran, den Ruf der Kohlenhydrate zu retten. Denn gegenüber der Front von Paläo-, Clean- und Low-Carb-Essern steht die biedere Vollkornfraktion immer öfter mit dem Rücken an der Wand. Doch nach einer Reihe fragwürdiger Thesen funkt ihr ausgerechnet der berühmteste ihrer Experten dazwischen. Anstatt zu erklären, wie viele „gute“ Kohlenhydrate wir essen sollen, gibt er den Killer-O-Ton schlechthin: Es ist egal.

 

Muffin / Napfkuchen mit Zuckerstreuseln

Kuchen, Brot und Süßes: böse oder gut? Egal, es schmeckt. Nur zu viel darf es nicht sein.

Brot, Süßes und Kuchen machen dick.

Das kann kein vernünftiger Mensch bezweifeln.

Natürlich nur, wenn man zu viel davon isst. Bei Brot, Croissants, Süßem, Kuchen, Schokolade und Keksen passiert das aber gerne.

Deshalb sollte man, wenn man abnehmen möchte, derlei bevorzugt einsparen.

Schon bei Tolstoi kann man das nachlesen, in „Anna Karenina“: Da reißt sich der fesche Leutnant Wronskij seiner Figur zuliebe zusammen, denn er will sein Gewicht halten. Also versagt er sich „Mehlspeisen und Süßigkeiten“, stattdessen isst er Beefsteak.

Im französischen Kochbuchklassiker „Gastronomie pratique“ von Henri Babinski stand es auch schon vor 100 Jahren: Backwaren machen dick.

Dieses alte Erfahrungswissen haben heute Bodybuilder, Fitness-Freaks, magere Yoga-Mädels von der Clean-Eating-Fraktion, Paleo- und Atkins-Jünger sowie viele Veganer in ganze Systeme verwandelt. Einige der Akteure sind sogar sicher, dass alle Kohlenhydrate und besonders Zucker des Teufels sind.

Das ist natürlich übertrieben.

Trotzdem gewinnt die Low-Carb-Welle dauerhaft Anhänger, während die biedere alte Vollkorn-Front mit dem Rücken an der Wand steht. Diese Ungerechtigkeit und das Lamento der Verlierer findet gerne Gehör im Ressort „Gesundheit“.

Dort erklären Journalisten vereint mit Ökotrophologen wieder und wieder, dass man unbedingt Kohlenhydrate braucht, warum das so ist, und dass man bloß nicht zu viel Fleisch und Fett, dafür aber ganz viele Vollkornprodukte essen soll. Experten sekundieren.

Auch die WELT hat sich neulich dieser guten Sache angenommen und alles noch einmal richtig erklärt: Welche die guten und welche die schlechten Kohlenhydrate sind, welche man essen soll und welche nicht.

 

Alles richtig gemacht. Fast.

Der Artikel ist nach den Regeln des Handwerks gestrickt: Ein griffiger Befund am Anfang, weiter geht es mit einer steilen These, dann werden die Fronten zwischen den Widersachern gezogen, anschließend wird möglichst kurz möglichst viel erklärt, und dazwischen sorgen knackige Statements von Fachleuten für die nötige Glaubwürdigkeit.

Normalerweise ist damit die Sache im Kasten.

Nur sind leider die meisten Aussagen im Text wahlweise trivial oder gleich krachend falsch, und die Argumentation ist wirr. Am schönsten ist aber, dass einer der befragten Experten der Autorin dazwischen funkt. Er liefert ein Statement, das ihre Bemühungen komplett konterkariert – doch die Autorin zieht ihr Ding durch.

Das ist erstaunlich und schade. Endlich sagt mal einer was Knackiges zu dem Thema, und dann merkt es keiner, weder Autorin noch Redaktion.

Jetzt bleibt die Drecksarbeit mal wieder an Quarkundso.de hängen. Das ist gemein.

Aber wir drücken uns natürlich nicht. Denn es ist ja für einen guten Zweck, daher stürzen wir uns unverdrossen in eine öde Beitragsanalyse, um am Ende die einzig wahren Fakten zu Kohlenhydraten ein für alle Mal – so richtig! – zu servieren.

Aber Achtung, hier kommt ein Warnhinweis: Es wird grauenvoll.

Zartbesaitete, Clean-Eating-Fans und Studenten der Ernährungswissenschaften lesen bitte nicht weiter, sondern widmen sich der Vorbereitung ihres gesunden Müslis mit vielen guten Kohlenhydraten für morgen früh.

 

Wir brauchen keine Kohlenhydrate. Aber wir essen sie gerne

Kohlenhydrate, heißt es also zum Einstieg beim WELT-Artikel, seien in Verruf geraten und als Dickmacher verschrien, dabei gehörten sie zu einer ausgewogenen Ernährung. Es sei aber entscheidend, die richtigen Kohlenhydrate zu essen.

Ach ja? Entscheidend, und sie gehören unbedingt in eine ausgewogene Ernährung? Dass Zucker, Limos und Süßigkeiten gestrichen werden können, ist sicher Konsens.

Aber auch alle anderen Kohlenhydrate scheinen nicht wirklich wichtig zu sein: Es ist unproblematisch, den Anteil der Kohlenhydrate auf nur 10 Prozent zu reduzieren, kann man im Atlas der Physiologie nachlesen. Das bedeutet: Der Mensch kann mit einer Ernährung zurechtkommen, die mindestens zu 90 Prozent aus Fett und Eiweiß besteht.

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Andererseits kann man auch viel mehr Kohlenhydrate essen, sogar so viele, wie es die DGE empfiehlt, nämlich 60 Prozent Anteil an den täglichen Kalorien. Nur ist das weder notwendig noch entscheidend für den Menschen. Zumindest nicht aus physiologischen oder medizinischen Gründen.

Unzweifelhaft macht es aber Spaß, Kohlenhydrate zu essen.

Das liegt an den Lebensmitteln, in denen sie stecken: Die schmecken gut und sind meistens sehr nützlich, weil sie Ballaststoffe, Vitamine, Protein und Mineralien enthalten und so schön satt machen. Natürlich nur, wenn man echte Lebensmittel nimmt, und kein Industrie-Süßzeug oder Limos und Säfte.

Es ist in diesem Zusammenhang sowieso die Frage, warum ständig der abstrakte Makronährstoff „Kohlenhydrate“ umständlich erklärt, aber nicht über Lebensmittel gesprochen wird: über Brot, Nudeln, Pizza, Reis oder Kartoffeln, über Spinat, Kohl, Rüben, alles, was irgendwie Kohlenhydrate enthält (unter anderem) und unser Essen so schön bereichert.

Vielleicht wäre es dann eleganter zu begründen, warum es gut ist, diese Dinge zu essen.

 

Wirres Zeug über Insulin

Die WELT-Autorin hat aber den Auftrag, abstrakte Kohlenhydrate zu erklären. Sie leiert also alles noch einmal runter: Der böse Haushaltszucker hat zwei Moleküle, das ist schlecht, Traubenzucker und Fruchtzucker haben gar nur eines, das ist ganz schlecht, weil es so schnell ins Blut geht.

Was aus Vollkornmehl ist, hat aber viele Ketten von Molekülen, das ist gut, weil der Zucker dann nicht so schnell ins Blut geht. Alle Kohlenhydrate sind nämlich nichts als, nun ja, Zucker.

Dann ergeht sich die Autorin über Insulin und den Zuckerstoffwechsel. Dabei wirft sie einiges durcheinander – Insulin und Blutzucker, die Blutzuckerwirkung von Lebensmitteln, den Anstieg und Abfall des Blutzuckers, die physiologische Ausschüttung von Insulin, die Mechanismen der Sättigung.

Da heißt es einmal, der Körper schütte bei jeder Mahlzeit das Hormon Insulin aus (richtig), dann wieder: Wird Insulin „über einen längeren Zeitraum kontinuierlich ausgeschüttet, macht das satt.“ (falsch, und direkter textlicher Widerspruch zur ersten Behauptung).

Dann heißt es, Süßes und Weißmehl würden den Blutzuckerspiegel gefährlich hoch schießen lassen (falsch, wird aber dauernd behauptet, nicht nur hier), danach habe man deshalb (?) schnell wieder Appetit, schneller als nach einem Vollkornbrot (stimmt so nicht).

Es geht weiter damit, dass Einfachzucker und „leere Kohlenhydrate“ der Grund dafür seien, dass Menschen, die häufig snacken, von Diabetes bedroht seien, denn sie hielten ihren Blutzuckerspiegel dauerhaft hoch (falsch; gemeint ist in diesem Fall die häufige Insulinausschüttung, die zur Abstumpfung der Zellen gegen das Hormon führt, eine Ursache für Diabetes Typ II. Es ist aber nicht der Blutzuckerspiegel, der besonders erhöht ist).

 

Die Fakten in Kürze

Dass bei all dem Verwirrung entsteht, wundert nicht. Die Sachlage ist extrem komplex.

Außerdem steckt die Tücke im System: Den Apologeten der guten Kohlenhydrate, die Journalisten Informationen liefern, geht es darum, den Kohlenhydratanteil an der Ernährung möglichst hoch zu halten.

Wie die „Bösen“ auf den Stoffwechsel wirken, muss dabei möglichst verteufelt, die Rolle der angeblich guten Kohlenhydrate aber ordentlich geschönt werden. Beides geht nur, wenn man etwas trickst. Die reinen Fakten geben das nämlich nicht her.

Deshalb arbeiten die Vollkornfreunde mit verzerrten physiologischen Erklärungen und werfen viele Nebelkerzen. Kein Wunder, dass Journalisten dabei aufs Glatteis geraten.

Tatsächlich verhält es sich, wie Quarkundso.de aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat, so:

Größere Mengen an Insulin werden nach den Hauptmahlzeiten freigesetzt, und nach stärke- oder zuckerreicher Nahrung. Dann macht es satt, zusammen mit anderen Faktoren. Wenn die Mahlzeit nahrhaft war, ist man auch länger satt. Allerdings macht viel Insulin auch Hunger, das gehört zu seiner Doppelgesichtigkeit.

Das Hormon wird ansonsten tagsüber in kleinen Mengen, in Minutenabständen pulsierend, ins Blut abgegeben und hat viele Aufgaben im Stoffwechsel. Das macht nicht satt, sorgt aber dafür, dass die Zellen Energienachschub und Baustoffe bekommen.

Was die WELT-Autorin auf die falsche Fährte lockt, ist die Tatsache, dass komplexe Zucker (Kohlenhydrate), übrigens auch Eiweiß und Fett, auf Stoffwechsel und Blutzucker teilweise anders wirken als einfache Kohlenhydrate – die „Bösen“.

Die „Guten“ kommen etwas langsamer ins Blut, erhöhen daher den Blutzucker langsamer und über eine längere Zeit. Dabei schonen sie aber keineswegs das Insulin. Denn ausnahmslos alle Kohlenhydrate werden mit Hilfe des Insulins verstoffwechselt und wirken stärker auf den Blutzucker ein als Eiweiß und Fett.

Die „Bösen“ strömen nur etwas schneller ins Blut, was Insulin in kürzerer Zeit anfordert, das stimmt schon. Aber ein gesunder Körper kann das bewältigen. Es darf nur nicht ständig geschehen.

Dagegen sind viele von den komplexen, „guten“ auch nicht ohne: Wer eine Menge davon isst, braucht auch viel Insulin. Ständig viel Insulin im Blut kann aber unter Umständen die Zellen abstumpfen, das ist die gefürchtete Insulinresistenz, eine Vorstufe des Diabetes. Wer dann noch (von den vielen guten Kohlenhydraten) dick wird, kann sich auch ohne Weißmehl und Süßigkeiten Diabetes und eine Fettleber einhandeln.

 

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die „guten“ Kohlenyhdrate

Noch dazu reagieren Menschen in ihrer Insulinantwort auf Kohlenhydrate sehr individuell. Bei den einen gibt es eine stärkere Insulinausschüttung als bei anderen, und zwar auch nach Vollkornbrot und komplexen Kohlenhydraten.

Manche Menschen reagieren zum Beispiel auf Sushi – Fisch und Reis – mit einer stärkeren Insulinausschüttung als bei süßem Speiseeis. Das haben Forscher des israelischen Weizmann-Instituts festgestellt.

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In einem neuen Test hat dasselbe Institut gerade auch den Vollkornmythos zerlegt: Vollkornbrot und konventionelles Toastbrot verändern Blutzucker, Insulin und weitere Werte erstmal nicht weiter – und beide nehmen sich nichts.

In dieser Studie aß die Hälfte der Probanden eine Woche lang konventionelles Weizentoast aus der Tüte, die andere Hälfte „gesundes“ Vollkornbrot aus Weizen. Beide Gruppen aßen danach eine Woche lang jeweils auch das andere Brot, um zu testen, wie sie auf die Brotsorten reagieren. Ergebnis: Im Großen und Ganzen keine klinische Auswirkung auf Parameter wie Blutzucker, Insulin, Leber-, Nieren- und Cholesterinwerte.

Aber bei der Hälfte der Probanden ließ sich trotzdem messen, dass der Blutzuckerwert nach dem Essen von Vollkornbrot sogar noch stärker ansteigt als beim Toastbrot. Beim Industriebrot wiederum zeigte nur die Hälfte aller Probanden eine relativ hohe Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel und die Insulinausschüttung.

Fazit der Forscher: Menschen reagieren sehr individuell auf die Kohlenhydrate im Brot, und keine dieser Reaktionen ist krankheitswertig. Grund für die Unterschiede ist übrigens die Zusammensetzung ihrer Darmflora. Anhand der Bakterienarten im Darm konnten die Forscher sogar vorhersagen, wer wie reagiert, ein spannender Befund.

Aber dass feines Weißbrot keineswegs den Stoffwechsel durcheinander bringt, ist schon längst bekannt. Der Volksmund weiß das bestens: Seit Jahrtausenden bevorzugen Menschen  ausgemahlenes Weizenmehl und genießen köstliches, nahrhaftes Weißbrot.

Die Apologeten der „guten“ Kohlenhydrate verschweigen solche Forschungsergebnisse tunlichst und befeuern unentwegt den Mythos vom „ungesunden“ Weißbrot, das den Blutzuckerspiegel gefährlich Achterbahn fahren lässt, wogegen Vollkorn angeblich den ganzen Tag satt macht. Beides ist falsch.

 

Der Killer-O-Ton

So folgt auch die WELT-Autorin brav ihrem Ziel, das Image der „guten“ Kohlenhydrate zu stärken. Nach dem schwierigen Erklärungsteil geht sie zur Praxis über: Welche und wie viele von den guten Kohlenhydraten soll man nun essen? Wo sie doch so gesund sind.

Jetzt sind die Experten am Zug. Eine Ökotrophologin sagt das Gewünschte (immer schön die Guten), aber ein Ernährungswissenschaftler, Stefan Kabisch vom DiFE in Potsdam, gibt zu, dass Abnehmen mit dem Einsparen von Kohlenhydraten ebenso gelingt wie mit Fettsparen. Die wissenschaftlichen Daten sprechen hier übrigens sogar eher für größere Erfolge der Low-Carb-Diäten und nicht für die Fettspar-Varianten (was Kabisch nicht sagt).

Dann aber ist der berühmte Professor Hans Hauner vom Präsidium der DGE, Chef der Abteilung Ernährungsmedizin an der Exzellenz-Uni TU München, an der Reihe.

Er ist offensichtlich in der Zwickmühle.

Die Autorin will wohl hören, dass man viele „gute“ Kohlenhydrate essen soll, wegen der Gesundheit und weil das doch zur ausgewogenen Ernährung gehört. Aber den Gefallen kann Hauner ihr nicht tun – der Mann ist Wissenschaftler.

Anfangs windet sich der Mediziner geschickt um den Kern der Frage herum. Zuerst versucht er, mit den Ballaststoffen zu punkten: Zufällig enthalten die Lebensmittel, in denen viele gute Kohlenhydrate stecken, auch viele von diesen wertvollen Ballaststoffen. Deshalb seien die guten Kohlenhydrate gut.

Laib Vollkornbrot, braun, bieder

Das gefürchtete Kommissbrot. Heute befördert zu guten, gesunden Kohlenhydraten.

Hm. Ja. Aber das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Wie viele und welche von den Guten soll man essen?

Jetzt schweift Hauner zur Ökologie ab:

Es werde bei einem hohen Kohlenhydratanteil an der Nahrung nicht so viel Fleisch und Milch konsumiert. Das schone die Umwelt.

Und von Low-Carb-Diäten würde nur die Agrarindustrie profitieren.

Hm. Das war auch nicht die Frage.

Die Frage war: Wie viele Kohlenhydrate soll man denn nun essen, von den Guten, versteht sich, damit der Blutzucker und das Insulin im Lot bleiben? Wie soll ich meine gesunde Ernährung mit den guten Kohlenhydraten zusammenstellen?

(Sapperlot, WELCHE guten Kohlenhydrate und WIE VIELE, verdammt nochmal, das werden Sie doch wohl noch sagen können? SIE sind doch der Experte! Und die Leser brauchen jetzt einen PRAXISTIPP! Also los, heraus mit der Sprache!)*

Und da legt der renommierte Forscher die Karten auf den Tisch:

„Wir sind in der Ernährungsmedizin davon abgekommen Menschen vorzuschreiben, wovon sie wie viel essen sollen“.

Das sagt der Mann glatt. Dann schiebt er nach:

„Essen ist schließlich auch Ausdruck von Identität und Individualität. Jeder sollte verschiedene Lebensmittel und Rezepte ausprobieren“.

Man muss das mehrmals lesen und sich durch Kopf und Bauch gehen lassen: Er gibt keine Menge von „guten Kohlenhydraten“ an, die man täglich essen soll. Es gibt keine Empfehlungen von Ärzten zu den Anteilen von „guten“ Kohlenhydraten im Essen.

Es gibt für Gesunde überhaupt keine Ess-Vorschriften mehr aus der Ernährungsmedizin.

 

Ende der Diskussion

Hauner hält sich im Gegensatz zu vielen anderen an den Stand der Forschung, und das ist ihm hoch anzurechnen: Es ist aus medizinischer Sicht egal, was Menschen essen, und in welchem Verhältnis. Es kann mehr oder weniger Fett sein, mehr oder weniger Fleisch, und viele oder wenige oder fast keine Kohlenhydrate.

Hauptsache, man bleibt dabei gesund, hält das Normalgewicht und trinkt nur mäßig Alkohol. Dann sind nach einhelliger Meinung die wesentlichen Klippen bei der Ernährung umschifft.

Und damit erledigt sich auch die ganze Ehrenrettung der angeblich so wichtigen „guten“ Kohlenhydrate.

Das ganze Geschwurbel über den Stoffwechsel und die Tipps der beflissenen Ökotrophologin, die dann doch das letzte Wort hat, hätte die Redaktion streichen können. Das Hauner-Zitat macht den Artikel eigentlich komplett überflüssig. Ende der Diskussion.

 

©Johanna Bayer

 *fiktiver innerer Monolog der entnervten WELT-Journalistin

LINKS:

Der Artikel über Kohlenhydrate in der WELT vom 17.5.2017

Die SZ am 8.6.2017 über die Studie zu Toastbrot versus Vollkornbrot

Fasten mit der FAZ – der tägliche Ess-Wahnsinn

 

Gegen Essen sind wir machtlos – dieses Klischee dient einer FAZ-Autorin zur Konstruktion ihres Beitrags zum Thema Fasten. Dabei schreibt sie über Essen praxisfern und wie vom Reißbrett, während allerlei Schreckbilder aus dem Bereich essgestörter Verzichtsrituale auftauchen. Menschen, die sich mäßigen können, erscheinen dabei als sozial verdächtige Selbstkontrollmonster. Ist das so?

 

Papaya, Karotten, Gurken

Gemüsesticks und Obst für den Fastentag – und am Ende dreht man durch.

Die Fastenzeit ist vorbei, jeder kann wieder alles essen. Wobei die wenigsten aus Glaubensgründen verzichtet haben.

Nein, auch ganz ohne Religion ist es seit Jahren in, den Körper im Frühjahr durch Fasten zu „entlasten“, zu „entschlacken“, zu „entgiften“.

Nun sind religiöse Motive immer ehrenvoll, außerdem haben sich Verzicht und Mäßigung pädagogisch seit Jahrtausenden bewährt.

Warum tage- oder gar wochenlanges Hungern aber entgiften oder entlasten sollte, hat sich Quarkundso.de bisher noch nicht erschlossen.

Hier hingegen ist man primitiven Denkweisen verhaftet und glaubt an den Umkehrschluss: Entgiften und Entlasten durch Fasten, das würde ja bedeuten, dass Essen Gift ist und den Körper belastet, und dass man es folglich am besten ganz einstellt, so oft und so lange wie möglich.

Das ist natürlich Unsinn.

Damit hat sich das Thema Fasten erledigt, zumindest für Quarkundso.de.

Wer normalgewichtig ist und ein vernünftiges Essverhalten pflegt, braucht keine wochenlange Fastenkur. Sich zwischendurch ab und an zu mäßigen ist wiederum selbstverständlich und erwachsenen, vernunftbegabten Menschen zumutbar. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

 

 

Was ist normal beim Essen?

Jetzt fragt sich natürlich: Wer ist schon normalgewichtig oder ernährt sich vernünftig? Was ist das überhaupt, gesundes Essverhalten? Und wie geht Maß halten?

Da liegt der Hund begraben: Es ist scheinbar sehr schwierig zu benennen, was normal ist. Ist es normal, ständig zu naschen, dick zu werden, am Essen zu verzweifeln, weil das unsere Triebe so vorschreiben? Oder ist es normal, zur Essenszeit zu essen und sonst nicht, das Essen zu genießen, wenn es da ist und trotzdem sein Gewicht zu halten, indem man sich gelegentlich mäßigt?

Es gibt Experten, die ersteres als unausweichlich betrachten. Für sie sind Dauerfuttern, Entgleisungen, das Geschüttelt sein von Verlangen, Heißhunger und unkontrollierbare Fressattacken von der Natur vorgegeben.

Mäßigung und Struktur beim Essen halten sie dagegen für unmöglich. Sie sehen uns als Opfer unserer Essgelüste, fatal programmiert von der Evolution.

 

 

„Wir sind alle kleine Sünderlein“

Eine solche Expertin schreibt bei der FAZ. Sie ist Psychologin und hat auf dem hauseigenen Foodblog „Food Affair“, die ganze Misere diagnostiziert. Ihr Artikel handelt vom Fasten. Das stand zumindest als Thema drüber: „Fasten – Himmel oder Hölle?“

Der Text ist eine Parabel, die uns vor Augen führen soll, dass temporäres Verzichten unmöglich ist, dass wir den Untiefen beim Essen nicht entkommen können und grauenhaft scheitern müssen.

Irgendwie.

Geschildert wird das Ganze am Tagesablauf eines Mannes, der fasten will oder soll, und dem das nicht gelingt, weil er im Büro dem Gruppendruck unterliegt.

Nun könnte Quarkundso.de es einerseits kurz machen: Der Text ist mau, das Sujet ist aufgesetzt, die Aussagen höchst fragwürdig, die Story unangenehm konstruiert.

Schon das alles überspannende Motiv ist ein einziges Klischee, als dramaturgisches Strickmuster. Es lautet: „Wir sind alle kleine Sünderlein“ – soll heißen: Gegen Essen sind wir machtlos. Ein Gemeinplatz, der in tausenden von Varianten auftaucht, auch neulich in der SZ. Da schrieb einer:

„Wer eine Tüte Chips öffnet, isst sie auch auf. Punkt. Wer etwas anderes sagt, flunkert oder hat sich so sehr unter Kontrolle, dass er auch Marathon läuft.“

Eine herrliche Denkschablone, und so universell verwendbar – sie passt auch für andere lässliche Sünden wie den Umgang mit Alkohol und Zigaretten, Pornos, Steuerhinterziehung und Ladendiebstahl: Wer einmal damit anfängt, hört nicht mehr auf, und wer sich zurückhalten kann, ist nicht normal, sondern ein sozial verdächtiges Selbstkontrollmonster.

Wir wissen alle: Es ist nicht so.

 

 

Eine Parabel von Verzicht, Verlangen und Fressanfällen

Das Maß in diesen Dingen ist nur eine Frage der persönlichen Werte und von ein wenig Disziplin. Dabei hat der Mensch jeden Tag die Wahl – vernünftiges Verhalten ist auch ohne Extreme machbar.

Andererseits ist das, was die FAZ-Psychologin in ihrer Geschichte schreibt, gleichzeitig interessant, denn unfreiwillig offenbart sie interessante Details zu Durchschnittsdeutschland und seinem täglichen Ess-Wahnsinn.

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Das ist kultursoziologisch wertvoll. Daher lohnt eine gründliche Behandlung auf Quarkundso.de.

Die vielen Fragen, die der Text aufwirft, müssen unterwegs aber laut gestellt werden. Aus heuristischen Gründen, zwecks Wahrheitsfindung, aber auch zur Rettung des gesunden Menschenverstandes.

Sonst verlieren wir, wie die Psychologin und ihr Protagonist, jeden Maßstab. Achten wir daher auf die Stolpersteine, wenn wir Peter, dem kleinen Sünderlein, durch seinen Tag folgen.

Tag eines deutschen Durchschnittessers

Morgens, logisch, geht es los: Peter ist auf dem Weg ins Büro. Natürlich fährt er mit dem Auto zur Arbeit, nein, er „reist an“, wie es im schönsten Blähsprech heißt (Redaktion, bitte kommen!).

Peter hat Essen dabei:

„Auf dem Beifahrersitz lag eine lindgrüne runde Dose. Durch den milchigen Plastikdeckel ließen sich Farben erahnen, rot, gelb, orange, grün – Farben von Paprika, Karotten, Papaya, Gurke und Sellerie. In einer weiteren Dose, einer etwas kleineren Kopie der ersten, waren Mandeln und ein Stück Nusskuchen. Peters Frühstück.

Da ist schon der erste Stolperstein: diese Frühstücksdosen. Wieso hat Peter sein Frühstück im Auto dabei?

Warum frühstückt der Mann nicht zuhause? Man frühstückt doch, bevor man zur Arbeit geht, und nicht im Büro? Ist der zu faul, um rechtzeitig aufzustehen? Wirklich, das muss man sich bei dieser Exposition der Geschichte schon fragen: Für die Psychologin beginnt ein ganz normaler Tag mit dem Frühstück im Büro?

Stimmt aber schon auch. Nicht wenige Leute sparen auf diese Weise morgens Zeit. Schlaf gibt es ja nie genug, dafür ist das Fernsehprogramm abends zu spannend, die Bars sind zu lange auf, das Feierabendbier läuft zu gut rein, und mit quengelnden Kindern kann man sich auch gut rausreden, wenn man morgens schlecht organisiert ist.

Also beginnt das kleine Sünderlein den Arbeitstag mit einer ausgiebigen Pause. Wir kennen sie alle: Es sind die Kollegen, die morgens mit der Zeitung und der Brötchentüte unterm Arm ins Büro schlendern, sich erstmal einen Kaffee kochen („Meinen Kaffee brauch ich morgens“), und dann gemütlich frühstücken.

Eine Dreiviertelstunde später fahren sie den Computer hoch, nicht ohne dabei lautstark über Stress und zu viele E-Mails zu klagen. Sobald die Kiste läuft, brauchen sie unbedingt noch einen Kaffee. Mittags machen sie dafür länger Pause, weil sie „morgens nicht mal Zeit zum Frühstücken“ hatten.

 

 

Fastenkur mit Nusskuchen

Warum in Peters Dosen aber Rohkost, Mandeln und Nusskuchen stecken, erklärt uns die Psychologin gleich darauf:

„Er solle auf seine Gesundheit achten, meinte der Arzt. Weniger Zucker, Kaffee in Maßen, mehr Gemüse.“

Das ist der nächste Stolperstein: Diese seltsamen Ratschläge sollen von einem Arzt kommen?

Was soll der gesagt haben – „auf die Gesundheit achten“? Ging das nicht konkreter? Gemeinhin raten Ärzte zu Maßnahmen, die nachweislich helfen. Also zu weniger Alkohol. Oder klipp und klar zum Nichtrauchen. Oder zum Abnehmen, oder zum Stressabbau, wenn es schon gesünder zugehen soll. Da hat man valide Daten, dass das was bringt. Aber „weniger Zucker“ und „Kaffee in Maßen“? Noch nie gehört.

Obendrein ist allgemeines Achten auf die Gesundheit gar nicht das Thema des Beitrags. Das Thema ist Fasten, so steht es drüber: „Fasten – Himmel oder Hölle?“. Was hat nun der Rat des fantasierten Arztes, Kaffee in Maßen zu trinken, mit Fasten zu tun?

Nichts, man muss es sagen. Einfach gar nichts.

Auch der Nusskuchen in Peters Frühstücksdose irritiert in dem Zusammenhang schwer.

Was hat der da zu suchen, erstens zum Frühstück, zweitens, wenn es ums Fasten geht, drittens, wenn der Arzt gesagt hat, dass es weniger Zucker geben und Peter überhaupt auf seine Gesundheit achten soll? Was macht dann der Kuchen da?

Kuchen ist gemeinhin süß, und Peter wird sich wohl kaum ein zuckerfreies Low-Carb-High-Protein-and-Fat-Spezial-Nussbrot gebacken haben. So faul, wie der ist und so spät, wie der morgens aus dem Bett kommt.

Aus dem Inhalt der Dosen im Verhältnis zu den rätselhaften Ratschlägen des Arztes kann man nur messerscharf schließen: Peter ist essgestört. Deshalb versteht er unter „auf die Gesundheit achten“ das Futtern von Nusskuchen.

Seine Schöpferin, die FAZ-Psychologin, könnte ähnliche Probleme haben. Denn sie hat Peter den Nusskuchen in die Dose gepackt. Außerdem hat sie alles samt dem Rat des Arztes an den Haaren herbeigezogen.

Nusskuchen. Fasten. Nusskuchen. Ich komme nicht darüber weg.

 

 

Meeting mit Krapfen ist wie Arbeitstreffen mit Sekt

Aber wir müssen da durch. Denn in der Firma lauert die Versuchung:

„Zu seiner Überraschung waren sämtliche Kollegen schon eingetroffen. Jemand hatte vom Bahnhofsbäcker Berliner mitgebracht und spendierte eine Runde. Peter lehnte dankend ab, obschon er kurz zögerte. Aus den Berlinern quoll eine Cremefüllung. Er dachte an den Inhalt in seiner Vorratsdose. Wahrscheinlich wäre es einfacher, im Frankfurter Westend zu koksen, als in Mörfelden Karotten zu frühstücken.“

Gefüllte Berliner im Meeting am Morgen? Und die frühstücken da alle? Interessant. Noch dazu will die Erzählerin uns glauben machen, es sei peinlich, vor Werbe- oder IT-Fuzzis Rohkost zu knabbern.

Ehrlich, das ist unrealistisch. Ganz sicher wäre das Gegenteil der Fall: Die Hipster würden an Karotten nagen und sich gegenseitig überbieten mit über Nacht eingeweichten Wunderkörnern, die sie, ganz wie Peter, in bunten Dosen präsentieren.

Die Frage ist aber, warum da überhaupt gegessen wird – Meeting mit Krapfen, das ist wie eine Konferenz mit Sekt. Oder wie Frühstücken im Büro: ernsthafte Arbeit ist nicht intendiert.

Davon abgesehen sind Krümel, Geschmiere, klebrige Finger und Puderzucker auf Unterlagen Ausdruck mangelnden Stils und schlechter Manieren. Für unsere Psychologin natürlich nicht, was alleine schon tief blicken lässt. Aber sonst hätte sie die Szene nicht so selbstverständlich dargestellt – und nicht als so verführerisch für Peter geschildert.

Wobei es in Deutschland, dem Land der kleinen Sünderlein, leider nicht ganz ungewöhnlich ist, Schmalzgebäck in einer Sitzung zu servieren. Schließlich muss uns jemand den harten Arbeitsalltag versüßen, wenn wir uns schon aus dem Bett gequält haben.

 

 

Ohne Trösterchen geht es nicht

Der Süßterror wird auch gerne zum Test für den Corpsgeist. Wer nicht mitmacht, ist nicht teamfähig: „Och komm! Ich hab sie extra für euch mitgebracht! Jetzt nimm schon. Kannst auch zwei haben. Es ist genug da!“.

In jedem Büro gibt es diese Menschen, die Schalen voll mit krisselbunten Gelatinebrocken, überzuckerten Keksen und plumpen Brownies herumreichen und beleidigt sind, wenn man nichts davon mag.

Diese Infantilisierung des Arbeitstages ist so typisch deutsch wie kaum etwas sonst. In Frankreich, Italien oder England würde niemals jemand Fettballen, aus denen auch noch Marmelade aufs Hemd tropft, in eine Sitzung mitbringen.

Undenkbar. Ebenso wie Frühstücken im Büro, übrigens.

Bei uns kommt das vor. Und deshalb übersteigt nicht nur das Durchschnittsgewicht der Deutschen das der meisten anderen Europäer, das Verzichten übersteigt auch fast Peters Kräfte:

Jansen von der IT-Abteilung verwickelte ihn in ein Gespräch. In seinem Bart klebte noch Zucker vom Berliner. Peter trat von einem Bein aufs andere. Seit sechzehn Stunden hatte er nichts mehr gegessen.

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Sechzehn Stunden nichts gegessen und dann schon am Rande des Kollapses? Da übertreibt die  Psychologin aber, das kann man ganz nüchtern feststellen: Für Erwachsene sind sechzehn Stunden ohne Essen gar nichts, wenn eine Nacht dazwischen liegt.

Denn der nächtliche Ruhestoffwechsel läuft bis in den Morgen, der Appetit ist von Hormonen gezügelt und sechzehn oder noch mehr Stunden über Nacht nichts zu essen ist ohne Probleme möglich. Millionen von Nicht-Frühstückern machen es jeden Tag vor.

Daran glaubt die Psychologin aber sichtlich nicht. Für sie wacht der Mensch morgens mit einem Schmacht auf, der sofort beseitigt werden muss.

 

 

Wer Hunger hat, will was Gescheites

Zum Beispiel mittels süßer Krapfen. Die auf nüchternen Morgen – Quarkundso.de wird bei der Vorstellung schon schlecht. Unsereiner könnte sich danach für den Rest des Meetings in den Sanitätsraum legen.

Aber hier, in dieser Geschichte, wird keinem schlecht. Hier sind alle samt Peter begeistert von dem Süßkram. Das ist kein Zufall, die Psychologin will das so: Die, die – so menschlich – Süßes essen, sind „normal“ und denen geht es gut. Wer „fastet“ und sich das Zuckerzeug verkneift, bekommt Probleme.

Das wird uns von allen Seiten unaufhörlich eingehämmert – Süßhunger ist natürlich, Süßpräferenz ist von der Evolution vorgesehen, Süßes hellt die Stimmung auf, fördert die Konzentration und gibt Energie, gerade morgens.

Es ist auch das Lieblingsmotiv der Lebensmittelindustrie, wenn sie für ihre Riegel wirbt. Unvergessen: „Knoppers, das Frühstückchen“, der Spot mit hemdsärmeligen Bauarbeitern, die statt in Wurstbrote in niedliche Nusswaffeln beißen. Dabei weiß jeder: Wenn Schwerarbeiter Hunger haben, muss was Gescheites her – Leberkäse, kalter Braten oder am besten gleich Schnitzel Pommes. Darunter geht nichts.

Die Vorstellung von einem angeblich evolutionären Vorrang des Süßen, weil das „schnelle Energie“ bringt, ist ohnehin nur ein Popanz. Der Mythos wird ständig runtergeleiert von interessierten Kreisen, die das Element der Konditionierung beim Essen nicht wahrhaben und dem Menschen die Fähigkeit zu vernünftigem Verhalten absprechen wollen.

Wer das nachbetet, ignoriert, dass Menschen sehr unterschiedlich essen und dass es viele gibt, die nichts Süßes mögen oder nur wenig davon vertragen. Er ignoriert auch, dass in den meisten Esskulturen der Welt süße Gerichte und Naschereien eine absolut nebensächliche Rolle spielen und nur selten oder auch gar nicht vorkommen.

 

 

Fatale Fressanfälle

Aber Peter steckt als deutscher Mustermann natürlich in der Zuckerfalle, außerdem hat er Angst vor Autoritäten. Fatal, dass der Doktor zu Gemüse geraten hat (und Peter daher Nusskuchen, aber keinen Krapfen essen darf). Trotz heimlich genaschter Mandeln ereilt ihn jetzt eine ausgewachsene Hungerattacke:

„Eine Viertelstunde und eine halbe Tasse Kaffee später meldete sich der Hunger zurück. Mit einem entschuldigenden Lächeln in die Runde verließ er den Raum (…) nahm die größere der beiden Dosen heraus, stopfte Papaya in sich hinein, dann ein paar Scheiben Gurke und hinterher noch ein Stück Karotte, das er kaute, während er sich im Bad die Hände wusch. Vorsorglich spülte er den Mund mit Leitungswasser aus und hielt dem Spiegel die entblößten Zähne entgegen.“

So lebensnah von der Psychologin entworfen – Heißhungeranfall nach 15 Minuten Meeting. Und dann nur Gemüse da, das man in sich hinein stopfen muss. Das ist hart.

Allerdings hat sich die Fachkraft wieder nur etwas ausgemalt, was möglichst drastisch klingen sollte. Und Abhilfe wäre möglich gewesen – denn es gab Kaffee im Konferenzraum. Das Koffein darin ist ein wirkungsvoller Appetitzügler, das ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Mit Kaffee und Tee ließ sich die unterernährte Arbeiterschaft bei Laune halten, wenn der Magen knurrte, ohne dass sie im Kopf benebelt wurde wie beim sättigenden Alkohol.

Hätte Peter also seinem gesunden Menschenverstand vertraut und eine ganze Tasse Kaffee getrunken, am besten noch mit Milch, hätte sich der Doktor nicht beschwert und Peter hätte die Sitzung mit Anstand bewältigt. Tee mit Milch wäre auch gegangen.

Da ist aber die Psychologin davor. Die will ihre Story durchbringen, also muss der Heißhungeranfall her.

 

 

Normal ist das nicht

Und schon eine halbe Stunde später folgt der nächste. Peter stiehlt sich unter einem Vorwand aus der Sitzung und versteckt sich auf den Parkplatz in seinen Wagen. Dort

„verdrückte er in Windeseile etwas Kuchen und ein paar Nüsse, biss noch einmal ein Stück Karotte, schob Paprika und Gurke hinterher, als ausgerechnet auf dem Parkplatz neben ihm ein verspäteter Kollege einfuhr. Er beugte sich nach unten, traute sich aber nicht, das rohe Gemüse kopfüber zu schlucken. Das Blut pochte in seinen Schläfen.“

Ach du lieber Himmel! Was ist das für eine Halluzination? Wahlloses Durcheinanderessen von Kuchen, Nüssen, rohem Gemüse, Obst in peinlicher Hast, dazu das Verschämte – man muss schon fragen: Was ist mit Peter los? Warum kann der Mann nicht bis zur Mittagspause warten?

Spätestens jetzt ist klar, dass unser Sünderlein ein Riesenproblem hat. So verhält sich kein vernünftiger Mensch. Im Klartext: Normal ist das nicht.

Wer will, kann das auch im Lehrbuch nachschlagen, bei „Unterzucker“, „Hypoglykämie“ oder „Heißhunger“. Nein, ein gesunder Mensch gerät nicht einfach in solche Zustände. Nur Leute, die ausgewachsene Essprobleme haben. Oder Insulin spritzen.

Dann aber kommt endlich die Mittagspause – der Fastenpatient bestellt nur Salat.

„Mittags einigten sich die Kollegen auf Pizzadienst. Der Bestellzettel wanderte reihum, er tat, als sei er in sein Smartphone vertieft und ließ den Zettel an sich vorüber gehen. Der Chef bestellte als Einziger Salat, mit der Begründung er sei abends zum Essen eingeladen. Peter nuschelte etwas wie „ich auch“, obwohl es gar nicht stimmte, und bestellte ebenfalls Salat. Die Pizzen waren groß und duftend, die Salate klein. Er verfolgte ein mit Sardellen belegtes Dreieck, bis es vollständig in Jansens Mund verschwand. Müde fischte er zwei Würfel Käse aus dem Salat.“

Wieder ein Stolperstein, in der Konsequenz diesmal tragisch, denn Peter kasteit sich völlig grundlos. Schließlich hatte der Doktor nur zu weniger Zucker und mehr Gemüse geraten. Was spricht dann gegen eine schön belegte Pizza zum Mittagessen? Oder gegen Spaghetti mit leckerer Fleischsauce plus Salat?

Nichts, wenn man mit gesundem Menschenverstand an die Sache rangeht.

 

 

Fasten am Limit: Der Protagonist dreht durch

Aber natürlich steckt wieder die Psychologin dahinter.

Sie will Peter aus dramaturgischen Gründen in eine möglichst große Klemme bringen, deshalb interpretiert sie die – sinnlosen – Ratschläge des Arztes absichtlich falsch. Leider macht sie damit ihre Hauptfigur zu einem astreinen Essgestörten, der Ratschläge nicht umsetzen kann, kein Maß und Ziel kennt und von einem Extrem ins andere fällt.

Und so kommt es am Ende zum Äußersten. Was geschieht, weist nicht nur auf Peters Krankheit hin, sondern ist auch typisch für Plots, die sich Psychologen ausdenken: Der Protagonist dreht durch.

„Er war wütend, abwechselnd auf sich selbst, dann auf Sybille. Kompromisse waren was für Paartherapeuten, er für seinen Teil hatte genug davon. Er wollte essen, kompromisslos. Heute Abend würde er zu Toni gehen und sich den Bauch voll schlagen, Pizza mit Sardellen und Vitello Tonnato oder ein saftiges Steak.“

Das war´s also mit Peters Fastenkur.

Tja. Ein richtig katastrophales Ende ist das aber nicht. Es gibt weiß Gott Schlimmeres als abends beim Italiener zu landen. Dabei sollte der Schluss wohl nur zeigen, dass Leute, die fasten oder Diät halten, zwangsläufig in die Völlerei abgleiten.

Quarkundso.de stellt das gnadenlos richtig: Zwei Gänge beim Italiener keine Völlerei. Alles unter drei Gängen ist Diät. Wir bestätigen das gerne allen Betroffenen schriftlich.

Das Ende der Geschichte ist daher so schwer zu deuten wie der Anfang. Nichts, was in der Story als normal oder unnormal präsentiert wird, haut hin. Hier schreibt jemand einfach vom Reißbrett, der mit Essen nichts am Hut hat.

©Johanna Bayer

Artikel „Fasten – Himmel oder Hölle?“ auf dem FAZ-Blog

Die SZ über Chipstüten und Portionsgrößen

Ach, und weil es zur Botschaft so schön passt, unvergesslich: Willy Millowitsch singt „Wir sind alle kleine Sünderlein“

In der TAZ: Das Klima retten durch Fleischverzicht und Fleischsteuer? Vielleicht lieber anders.

Das Klima lässt sich nur retten, wenn wir weniger Fleisch essen, heißt es bei der TAZ. Doch so viel Fleisch essen wir gar nicht – dafür sollten wir lieber von anderen Dingen nur die Hälfte konsumieren: Kuchen, Schokolade, Bier. Aus Gründen. Gut wäre auch nur noch halb so viel Autofahren – Quarkundso.de mit unschlagbaren Argumenten zur Rettung der Welt.

 

Fleischtheke und Verkäuferin

Weg von der Fleischtheke! Wir wollen doch das Klima retten. Bild: Shutterstock/racom

Damit niemand denkt, Quarkundso.de würde nur rumkritteln, wird jetzt gelobt. Dafür habe ich mir die TAZ ausgesucht.

Die ist an sich für Quarkundso.de kein lohnendes Ziel, weil aus Berlin, einem kulinarisch öden Gebiet.

Dort ansässige Redakteure und Journalisten sind als Ex-Hausbesetzer und/oder grünbewegte Kiezbewohner an Essen nur als Mittel zur Politik interessiert.

Schnödes Genießen ist nicht ihr Ding. Schreiben können die aber. Wenn sie also was zum Thema Essen machen, dann scharfe Kommentare, die sich gegen unseren exzessiven Konsum richten. Oder schöne Reportagen.

Letztere drehen sich dann um politisch korrekte Ernährungsthemen, also um Imker und Bienen, oder um neue Restaurants von Veganern, oder alte Gemüsesorten, die in den Gärten verwitterter Datschen von Hand gezogen werden.

Das qualifiziert aber nur ausnahmsweise für Quarkundso.de, da im Allgemeinen zu vorhersehbar und zu langweilig. Aber jetzt kommen sie dran, und zwar im Guten.

 

Irgendjemand muss die Welt ja retten

An dieser Stelle sollen auf keinen Fall Missverständnisse aufkommen: Quarkundso.de bekennt sich ausdrücklich zu Umweltschutz und bewusstem Essen, zu verantwortungsvollem Konsum und zu ebensolchem Umgang mit der Natur.

Die Welt muss gerettet werden und irgendjemand muss den Job ja machen. Danke, Berlin.

Aber ein bisschen Spaß beim Essen darf schon noch sein. Ehrlich. Wenn wir wegen der Klimakatastrophe bald nicht mehr Auto fahren, in Urlaub fliegen, pro Kleinfamilie ein Reihenhaus besitzen und zweimal im Jahr den Inhalt des Kleiderschranks komplett erneuern dürfen, wollen wir doch wenigstens was Gutes essen.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Allerdings scheint es eher so zu sein, dass kaum jemand daran denkt, sich des Klimas wegen beim Autofahren, beim Häuslebauen oder beim Shoppen wesentlich einzuschränken: Die Deutschen bewegen unnötig viel Blech mit bulligen SUVs und Spaßmaschinen, auf Autobahnen rasen sie weiterhin wie die Irren, Millionen fliegen Kurzstrecke und wehe, im gemütlichen Reihenhaus schafft die Heizung weniger als 24 Grad Wohlfühltemperatur.

Aber am Essen wollen plötzlich alle rumschrauben.

Essen, diesen unnötigen Luxus, hat man jetzt im Visier, besonders jene Gier nach Fleisch, die das Volk beherrscht. Dass Fleischessen von vielfältigem Übel und einzudämmen sei , ist im Moment flächendeckender Konsens, und dafür macht sich auch die TAZ stark.

Ein Weg wäre die Fleischsteuer, damit Fleisch teurer wird, aber man ist bei der TAZ auch grundsätzlich für eine massive Verringerung des Fleischkonsums: Alle Deutschen sollen höchstens halb so viel Fleisch essen wie bisher.

Denn das sei nicht nur gut für das Klima, sondern auch viel gesünder, schreibt TAZ-Autor Jost Maurin in mehreren Artikeln, darunter einem Kommentar mit dem Titel „Schlechtes Klima für Fleischfresser“ vom 2.11.2016.

 

Nur ein Vorschlag schafft es in die Öffentlichkeit

Diese Diskussion um Fleischkonsum und Fleischsteuer besteht seit einiger Zeit, auch ausgelöst durch den aktuellen Klimaschutzplan 2050.

Den hat Umweltministerin Hendricks gerade vorgelegt und darin Hunderte von Maßnahmen beschrieben, um Treibhausgase einzudämmen: Industrie, Verkehr, Handel, Landwirtschaft, Energieunternehmen, Hausbesitzer, alle sollen einen Beitrag leisten und Emissionen einsparen.

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Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

In die öffentliche Diskussion schaffte es aber kaum ein Detailvorschlag – einer der wenigen ist der mit der Halbierung des Fleischkonsums.

Den hatte Hendricks mal in einen Entwurf geschrieben: Die Deutschen sollten von ihren durchschnittlichen 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr auf ungefähr 30 Kilo runterkommen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, DGE, empfehle das ja auch, wegen der Gesundheit, heißt es zur Begründung: So viel Fleisch, 60 Kilo im Jahr, etwa ein Kilo in der Woche, sei ungesund.

Der Vorschlag flog zwar wieder raus, weil Wirtschaftsministerium und Kanzleramt den Passus strichen. Aber er hält sich hartnäckig in der Diskussion.

Und TAZ-Autor Maurin bringt auf seiner Mission – höchstens noch halb so viel Fleisch essen – dazu den Vorschlag mit der Mehrwertsteuer aufs Tapet: Fleisch wird bisher mit sieben Prozent ermäßigt besteuert, man könnte es teurer machen und 19 Prozent draufschlagen, den normalen Mehrwertsteuersatz. Das würde den Fleischkonsum verringern.

Diese Idee stammt nicht aus dem Klimaschutzplan, sondern von Agrarexperten aus dem Umfeld des Landwirtschaftsministeriums. Aber leider, so Maurin, hört Landwirtschaftsminister Schmidt nicht einmal auf seine eigenen Leute und lehnt jede Verteuerung ab.

Dem widerborstigen Beamen hält der TAZ-Mann entgegen, dass die Landwirtschaft ganze acht Prozent Anteil vom Ausstoß von Treibhausgasen hat.

 

Ob der Minister so Unrecht hat?

Acht Prozent? Das ist wenig.

Bei diesem geringen Anteil geht es laut TAZ schon um die Wurst? Die Landwirtschaft muss massiv Emissionen einsparen und die Bevölkerung muss mindestens auf die Hälfte, am besten aber ganz auf Fleisch verzichten – bei diesem geringen Anteil der gesamten Landwirtschaft an den Treibhausgasen?

Hm. Ob da nicht der Minister ein wenig Recht hat? So klingt das wirklich nicht plausibel. Sondern eher konstruiert.

Zwar könnte man, wie es Jost Maurin auch tut, den Anteil der „Agrarbranche“ noch nach Kräften hochrechnen, aber solche Zahlenspiele geraten leicht unlauter und geben kein klares Bild ab.

Da kann man sich getrost an diese Grafik des Umweltministeriums halten: Der Treibgas-Anteil der Bauern bleibt bei unter zehn Prozent.© BUMB

Natürlich gilt: Keiner kann sich rausreden, die Klimaziele müssen erreicht werden und jeder muss beitragen. Trotzdem ist wirklich die Frage, welcher Bereich welche Einschnitte wofür hinnehmen muss und was sinnvoll ist.

Und da hat der Minister Schmidt, obwohl er von der CSU ist, nicht ganz Unrecht: Essen ist ein Grundrecht und die Landwirtschaft hat eine wirklich besondere Bedeutung – die sollten wir nicht leichtfertig an den Pranger stellen, sondern genau hinsehen. Und vielleicht anderswo mehr einsparen.

 

In derselben Redaktion: andere Meinung

Die TAZ lässt aber auch jemand anderen zu Wort kommen, das ist das Schöne. Es ist ein Kollege des Autors Maurin, ebenfalls aus dem Ressort Wirtschaft und Umwelt. Der sieht das Ganze erfrischend anders. Zwei Tage später, am 4.11., schreibt er seinen Kommentar zur Sache und nimmt den Vorschlag mit der Fleischverteuerung auseinander.

Diesen Kommentar muss man sich in Ruhe durchlesen, unten steht der Link.

Treffend argumentiert Richard Rother, dass man mit dem Klimaargument wirklich jede Steuererhöhung beim Essen begründen könnte – schließlich findet sich immer ein Lebensmittel, das noch klimafreundlicher ist, bis runter zum Leitungswasser.

Fleisch, sagt er dann richtig, ist aber zu wertvoll, ein Grundnahrungsmittel, das gerade für niedrige Einkommensgruppen und deren Kinder wichtig ist. Die würden benachteiligt, selbst wenn etwa Hartz-IV-Familien mehr Geld für die Lebenshaltung bekommen würde: Es wäre einfach der falsche Anreiz und würde keine ausgewogene Ernährung fördern.

Stattdessen könnte man, so Rother, wirklich unsinnige Steuerermäßigungen abschaffen, etwa beim Tierfutter, und überhaupt müsste man den Mehrwertsteuerdschungel mal lichten. Da ist noch viel Luft drin – Einnahmen, die man zugunsten einer tier- und klimafreundlichen Landwirtschaft verwenden könnte.

Rothe plädiert dann für Verantwortung und gute Ernährungsbildung, um vernünftige Essgewohnheiten zu entwickeln – gegen Verschwendung und riesige Fleischberge auf dem Teller.

 

Schluss mit dem Geschummel

Der Kommentar ist einfach großartig, weil er den Kern der Sache trifft und nicht so platt auf dem Generalvorwurf „Wir essen doch alle viel zu viel Fleisch – so viel Fleisch ist ungesund“ herumreitet.

Und ja, dass weniger Fleisch besser wäre und Fleisch teurer werden muss, ist trotzdem richtig – damit die Massentierhaltung endlich eingedämmt und der Tierbestand reduziert wird.

Allerdings ist die Frage, wieviel weniger das sein muss.

Und es ist die Frage, was wir damit erreichen wollen. Die Nitratbelastung, das Grundwasser, Kosten für Kläranlagen, der Gestank und das Leid der Tiere sind bei der Massentierhaltung tatsächlich große Probleme – nicht in erster Linie ihr Anteil an den emittierten Treibhausgasen.

Da sind vornehmlich andere Player gefragt, ganz vorne: Kohlekraftwerke, zum Beispiel. Auch private Haushalte. Und die lieben Autofahrer. Dazu kommen wir noch.

Auf jeden Fall muss dieses Geschummel mit dem Klimaschutz durch Fleischverzicht endlich aufhören. Und das Getrickse mit der angeblichen Gesundheit.

Beides ist Unsinn, weil Fleischverzicht nicht das Klima rettet. Weil Fleisch nicht pauschal ungesund ist. Und weil Fleischverzicht nicht pauschal gesund ist.

 

Eine Lektion in Küchenpsychologie

Warum wir unseren Fleischverzehr, wenn nicht gleich ganz aufgeben, dann mindestens halbieren müssen, leuchtet Quarkundso.de nicht ein.

10, 20 oder 30 Prozent reduzieren wären doch ein leichterer Einstieg in eine Veränderung? So viel Küchenpsychologie müsste doch inzwischen durchgesickert sein: Ernährungsgewohnheiten kann man nicht von heute auf morgen umkrempeln.

Das haben die öden Diättipps der Art „Müssen es denn Chips vor dem Fernseher sein? Knabbern Sie doch an Karotten!“ gezeigt, die keiner befolgt. Auf einer unrealistischen Maximalforderung zu bestehen führt eben nicht zum Ziel.

Funktionierende Diätkonzepte von Medizinern setzen stattdessen auf kleine Veränderungen, bei denen die persönlichen Vorlieben erhalten bleiben. Es darf dann mal ein Stück Schokolade sein, und die geliebten Kartoffelchips haben auch ihren Platz. Gespart wird anderswo.

Auch dazu gleich noch mehr.

 

So viel Fleisch essen wir gar nicht

Dass die Deutschen doppelt so viel Fleisch essen, wie es angeblich laut DGE gesund ist, ist auch so ein Gerücht.

Dabei behandeln TAZ-Autor Jost Maurin, aber auch viele andere, die Umweltministerin eingeschlossen, die DGE-Regel von maximal zwei- bis dreimal die Woche Fleisch (300 – 600 Gramm) wie den Grenzwert einer gefährlichen Chemikalie: Huhuhu, doppelt so hoch wie erlaubt – ungesund!!!

Das ist absichtlich irreführend.

Nicht nur, weil die Menge von 300 bis 600 Gramm natürlich überhaupt kein Grenzwert ist, nur eine unverbindliche Empfehlung.

Sondern auch, weil die DGE schon seit Jahren auf dem Ökotrip ist und die Nachhaltigkeit als Grund für ihre Fleischration anführt. Nicht die Gesundheit. Der Öko-Effekt hat viel mehr zu dem Richtwert von 300 bis 600 Gramm beigetragen als jedes andere Argument.

Das Gespenst vom überhöhten Fleischkonsum an die Wand zu malen, ist auch faktisch falsch, weil die Deutschen nicht reihenweise tot umfallen, obwohl sie schon seit 60 Jahren viel mehr Fleisch essen als es die DGE empfiehlt.

In dieser Zeit, seit 1950, hat sich der Fleischkonsum verdoppelt und parallel dazu ist die Lebenserwartung gestiegen: von 64 beziehungsweise 68 Jahren (Männer/Frauen) auf 78 und 83 Jahre (Männer/Frauen). Das sind in beiden Fällen über 20 Prozent – und sie steigt weiter.

Mit unseren 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr liegen wir im Vergleich unter Industriestaaten sowieso nur im Mittelfeld. Die großen Fleischesser sind andere: die USA, Brasilien, Argentinien, Kanada, Australien. Die kommen auf bis zu 120 Kilo pro Kopf und Jahr. Über zwei Kilo in der Woche.

Wenn man von viel reden will: Das ist viel.

Selbstverständlich kann man sich nicht damit aus der Affäre ziehen, dass man mit dem Finger auf andere zeigt. Aber welche Karten man in der Debatte ausspielt, sollte man sich schon gut überlegen: Sparen – ja. Aber nicht, weil es angeblich so grauenvoll viel und ungesund ist, was wir verschlingen.

Sondern weil wir die Umwelt schonen und den Tieren ein besseres Leben gönnen müssen, bevor wir sie aufessen. Auf diese Argumente kommt es an. Alles andere ist Volksverdummung und kontraproduktiv.

 

Für Klima und Gesundheit: nur noch halb so viel!

Andererseits sticht etwas bei der Formel „Höchstens die Hälfte, für Klima und Gesundheit“ ins Auge: Sie ist betörend simpel, für jeden verständlich und einfach anzuwenden.

Möglicherweise ist das der Grund, warum Klimaschützer und Umweltaktivisten so auf die Halbierung des Fleischkonsums drängen.

Wenn man darüber nachdenkt, wird die Sache immer einleuchtender. Ehrlich – das ist super: Einfach nur noch Hälfte von, sagen wir, unnützem Kram, dann sind Klima und Gesundheit ruckzuck wieder im Lot!

Quarkundso.de wird daher bei der Weltrettung selbstverständlich nicht kneifen und hat den eigenen Fleischverzehr bereits reduziert (Details auf Anfrage).

Dafür fordert Quarkundso.de aber zum Ausgleich, bei anderen – überflüssigen – Lebensmitteln und schlechten Gewohnheiten von Privatleuten diese unschlagbare Faustregel anzuwenden: „Höchstens halb so viel – für Klima und Gesundheit!“.

Hier die kreativen Vorschläge der Redaktion*:

 

Höchstens halb so viel Bier! 2015 lag der Bierkonsum bei 105 Litern pro Kopf und Jahr – das ist für jeden, vom Baby bis zum Greis, ein Bier am Tag. Was das in absolutem Saufen für die notorischen Feierabendtrinker heißt, mag man sich gar nicht ausdenken. Dabei ist Bier für die Ernährung höchst nutzlos und noch nicht einmal ein Lebensmittel. Außerdem enthält es nicht nur den giftigen Alkohol, sondern macht auch noch dick und lässt Männern Brüste wachsen. Ab sofort also nur noch die Hälfte: Höchstens jeden zweiten Tag ein Bier, lieber aber überhaupt keins. Das spart Emissionen im Hopfenanbau und wird auch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen empfohlen.

Halb so viel Schokolade! Die Deutschen essen mehr Schokolade als die Schweizer, 11,5 Kilo pro Kopf und Jahr, 31 Gramm am Tag. Das sind für jeden etwa zwei Riegel einer Schokotafel. Aber Schokolade ist teures Importzeug, der Kakao-Ernte beruht auf unfairen Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit, von klimaschädlicher Verpackung (Alufolie!) und dem Transport mal ganz abgesehen. Ab sofort also höchstens noch die Hälfte – aber am besten gar keine Schokolade mehr. Das macht Freude, gerade zur Weihnachtszeit, weil man das Klima rettet. Aber der Verzicht lohnt sich, das sagt auch der Verband Deutscher Zahnärzte.

Ganz wichtig: Nur noch halb so viel Kuchen! Der wird weit überwiegend aus Weizenmehl gebacken, und Deutschland muss Weizen importieren, darunter fast zwei Millionen Tonnen aus Tschechien. Da fallen also wieder Emissionen im Transport an, und seien wir mal ehrlich: Kuchen, Stückchen, Torten und Kekse machen doch nur dick und jagen den Blutzucker in die Höhe. Diabetes lässt grüßen. Also bitte gar nichts mehr oder maximal die Hälfte – nicht mehr jeden Tag süße Backwaren in sich reinstopfen, sondern höchstens zweimal die Woche. Das empfiehlt übrigens auch die DGE. Wegen des Übergewichts.

Entscheidend: Halb so viel Autofahren! Die Emissionen aus dem Straßenverkehr sind doppelt so hoch wie die aus der Landwirtschaft. Wir hatten das oben schon. Damit ist die Richtung klar: Nur noch jeden zweiten Tag Autofahren. Die Fahrzeuganzahl pro Familie wird halbiert: Wo es zwei Autos gibt, bleibt nur noch eine Familienkutsche übrig. Höchstens. Dafür werden Fahrräder angeschafft. Das ist auch viel gesünder und wird vom Deutschen Sportbund empfohlen.

Dass es ein Tempolimit geben muss, ist sowieso klar und stand auch schon einmal im Klimaschutzplan: 130 km/h auf der Autobahn, 30 km/h in Ortschaften. Quarkundso.de geht jetzt weiter und verlangt die Hälfte: Überall dort, wo es schon eine Geschwindigkeitsbeschränkung gab, gilt davon das halbe Tempo. Vorher 80 bedeutet jetzt also Tempo 40, vorher 30 bedeutet jetzt 15. Am besten geht man gleich zu Fuß. Auf Autobahnen gilt generell nur 100. Das ist die Hälfte von 200, wer je schneller gefahren ist, hat eh ein Rad ab. Und glaubt mir – das Tempolimit würde richtig was bringen, was Spritverbrauch und Emissionen angeht. Auch für die Gesundheit – man denke an die tödlichen Unfälle durch Raser. Diese Position vertritt auch die Deutsche Verkehrswacht.

 Zuletzt, weil der Winter kommt: Halb so viel heizen! Nicht in jedem Raum, sondern nur in jedem zweiten Zimmer die Heizung aufdrehen. Wer das toppen will, reduziert überall die Raumtemperatur auf die Hälfte – 12 Grad statt 24 Grad. Dicken Pulli an, wie Thilo Sarrazin riet, dann geht das schon. In den privaten Haushalten liegt nämlich noch viel Einsparpotenzial. Übrigens empfiehlt ähnliche Temperaturen auch der Deutsche Kneipp-Bund: Gezielte Kältereize stärken das Immunsystem, und ständig überheizte Räume schaden der Haut und der Lunge.

 

Diese Vorschläge zum umfassenden Klima- und Gesundheitsschutz sind natürlich erst der Anfang. Sobald Quarkundso.de das Gesundheits- und das Ernährungsministerium übernommen hat, werden Maßnahmen nach diesem Rezept flächendeckend eingeführt.

Sie werden die Welt retten.

Und bei optimaler Klimabilanz durch das „Höchstens noch die Hälfte“-Programm ist dann ein Stückchen Fleisch wieder drin. Versprochen.

*Achtung! Teilweise ernst gemeint.

©Johanna Bayer

TAZ-Kommentar „Schechtes Klima für Fleischfresser“ vom 2.11.2016

TAZ-Kommentar „Ran an die Buletten!“ vom 4.11.2016

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