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Die Tagesschau: Fleischessen und das Klima – eine Abrechnung

Der Weltklimabericht ist erschienen. Doch anstatt ihn gründlich zu lesen, schreien alle wieder nur nach einer Lösung: Weg mit dem Fleisch! Vor allem das Steak muss dran glauben, wenn Rindfleisch beharrlich mit dem klimatechnisch harmlosen Gemüse verglichen wird. Aber der Vergleich stimmt hinten und vorne nicht – Quarkundso.de rechnet ab.

 

Rindfleisch in Metzgertheke: Entrecote, Rumpsteak, verschiedene Stücke

Bei Steaks soll jetzt Schluss mit lustig sein. Aber für wen?

 

Jetzt hat es so richtig geknallt, mit dem Fleisch und dem Klima.

Tagelang diskutierte Deutschland schon die Fleischsteuer, dann kam der Bericht des Weltklimarates und jetzt ist es raus: Wir müssen dramatisch weniger Fleisch essen, vor allem Rindfleisch – das ist ja der Wahnsinn, dieser Sojaanbau, die Regenwälder in Brasilien, die ganzen furzenden Kühe!

So die Tagesschau am 8.8.2019 in gleich zwei Einspielern. Einer war speziell zum Fleischkonsum gemacht, und es wurde vorgerechnet, was die Produktion von einem Kilo Rindfleisch an klimaschädlichem CO2 ausstößt, und zwar im Vergleich mit Gemüse in Gestalt einer symbolischen Karotte.

Mal wieder. Wir können ihn nicht mehr sehen, diesen Vergleich zwischen vorgeblichem Gemüse und Rindfleisch, mit den vielen Tausend Gramm CO2-Ausstoß, oder gerne auch den 15.000 verbrauchten Litern Wasser.

Die CO2-Variante sieht dabei so aus wie in dieser Grafik, die die Tagesschau am 8.8.2019 einspielte und die hundertfach seit Jahren kursiert – Karotte gegen Steak:

 

Screenshot der Tagesschau-Grafik vom 8.8.2019: Karotte gegen Steak.

 

Fleisch, Konsum und CO2: Natürlich müssen wir reduzieren – aber sinnvoll und rational

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Vorab: Ja, es geht nicht mehr so weiter wie bisher mit dem Raubbau an der Erde. Industrie, Verkehr, industrielle Landwirtschaft und viel zu viele Menschen ruinieren den Planeten, Tiere werden qualvoll gehalten und getötet. Damit muss Schluss sein.

Und wir, vor allem die Bewohner der reichen Industriestaaten, müssen unseren Konsum eindämmen. Daran geht kein Weg vorbei.

Doch diese billigen Plattitüden mit dem Rindfleisch und überhaupt dem Fleisch gegen Karotten, Gurken oder Salat, die müssen auch aufhören. Sie stehen so übrigens gar nicht im Bericht des Weltklimarates. Die Debatte rund um die Klimawirkung von Ernährung muss endlich korrekt, sinnvoll und rational geführt werden.

Dafür – und für das Klima, die Nachhaltigkeit und gutes Essen für alle! – zieht Quarkundso heute ins Feld.

Es muss schnell gehen, schließlich müssen wir die Welt retten.

Daher werfen wir jetzt einen schmutzigen und bösen kleinen Beitrag zum Konsum von Fleisch und speziell Rindfleisch in das ganze deutsche Verzichtsgeschwurbel für das Klima – los geht’s:

 

1. Die Deutschen liegen beim Fleischessen nur im Mittelfeld. Unter den Industriestatten isst eine ganze Reihe von Nationen mehr Fleisch aus die Deutschen, insbesondere mehr Rind. Vom weltweiten Durchschnitt – 44 Kilo – sind wir gar nicht so weit weg. Denn wir essen nur, ja, nur rund 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr. Das ist nicht besonders viel – und es wird seit über 10 Jahren nicht mehr, der Verzehr stagniert. Das Gerede von „unserem exzessiven Fleischkonsum“ und der „Gier nach Fleisch“ ist für Deutschland also Unsinn.

2. Die ganz großen Player beim Rindfleisch sind die USA. Amerikaner, aber auch Australier und überhaupt die Länder des angelsächsischen Kulturkreises, dazu Brasilien und Argentinien. Die sind alle mit mehr als 90 Kilo pro Kopf und Jahr dabei. In Europa essen unter anderen Spanier, Österreicher und Franzosen sowie Briten erheblich mehr Fleisch als die Deutschen, nämlich um die 80 Kilo pro Kopf und Jahr, Aufsteiger sind in Europa die Russen, dort nimmt der Konsum massiv zu, weltweit steigt er am meisten in China.

3. Rind ist die Fleischsorte, die in Deutschland am wenigsten verzehrt wird. Denn Rindfleisch ist teuer und der Deutsche ist geizig. Die Deutschen essen hauptsächlich Schwein, nämlich mit 35,7 Kilo pro Kopf und Jahr, zwei Drittel vom Gesamtfleischverzehr. Es folgen Huhn und Pute mit 13,2 Kilo pro Kopf und Jahr, und dann erst das Rind mit weniger als 10 Kilo. Mit Schweinefleisch wäre die Grafik allerdings nicht so plakativ gewesen, denn ein Schwein verbraucht vier- bis fünfmal weniger Futter als ein Mastbulle. Die CO2-Bilanz des Schweinschnitzels liegt auch nicht, wie die des Steaks, 90 Mal höher als das sinnbildliche Gemüse, sondern nur etwa 20 Mal: Die Produktion von einem Kilo Schweinefleisch erzeugt rund 3250 Gramm CO2 im Vergleich zu den 13.300 pro Kilo beim Rind. Noch weniger fällt bei der Aufzucht von Hühnern und Hühnerfleisch an.

Der echte Massenkonsum in Deutschland vollzieht sich aber am Schwein, nicht am Rind. Davon ist jeder Deutsche statisch gesehen am Tag nur 27 Gramm – aber jeder Amerikaner 70 Gramm, bei 25 Kilo Rindfleisch pro Kopf und Jahr. Im Wochenvergleich ist das beeindruckend: Deutsche essen ein Steak pro Woche, ein kleines von 180 Gramm, Amerikaner aber fast ein ganzes Pfund: 480 Gramm Rindfleisch. Und die anderen Massenkonsumenten wie Australien auch.

4. „Wir“, die Deutschen, müssen nicht viel weniger Fleisch essen. Diese Fleischfresser-Nationen müssen ran. Die müssen verzichten: Konsum auf die Hälfte, zack, Ende. Der Raubbau am Regenwald geschieht nicht wegen Deutschland. Natürlich müssen die Deutschen auch verzichten. Aber auf was anderes, dazu kommen wir gleich noch.

 

Gemüse macht nicht satt

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5. Die Karotte in der Grafik ist falsch – als Symbolbild, und überhaupt. Es ist falsch, von „Gemüse“ im Vergleich zu Fleisch oder Steak zu sprechen. Denn was da steht, ist weder der CO2-Wert von Gemüse noch der einer Karotte, diese 153 Gramm CO2. Es sollte nämlich ein Durchschnittswert von „pflanzlicher Nahrung“ sein, so der Text der Tagesschau dazu. Genau genommen also: von Gemüse, Obst und Getreide zusammen. Gemüse hat aber einen CO2-Fußabdruck von 100 bis 300 Gramm CO2 pro Kilo, Getreide wie Weizen liegt in der Nähe um die von der Tagesschau genannten 153 Gramm pro Kilo – nur essen wir den Weizen meist als Brot, und das ist ein verarbeitetes Produkt, dessen CO2-Wert wieder wesentlich höher liegt. Von Karotten und Salat aber, die unter 153 Gramm CO2-Ausstoß pro Kilo liegen, kann niemand leben: Man wird davon nicht satt, nicht einmal als Vegetarier. Menschen werden satt von Fleisch, und wenn sie das nicht kriegen können, von Getreide – also von Brot, Reis und Nudeln. Allenfalls kommen noch Kartoffeln und Hülsenfrüchte dazu. Letztere und der Weizen enthalten außerdem relevante Mengen von Eiweiß und Kalorien, im Gegensatz zu Gemüse. Deshalb sind sie die pflanzlichen Hauptlebensmittel. Nicht Karotten.

Das ewige Gerede von Gemüse gegen Fleisch zeichnet also ein sehr falsches Bild von der menschlichen Ernährung, auch für die Zukunft. Die symbolische Karotte und der symbolische Salatkopf, die da immer stehen, müssen aus den Grafiken weg. Die sind nur Beilage, Essen ist was anderes.

6. Noch CO2-intensiver als Fleisch sind Butter, Käse und Milch. Nur setzt die niemand gerne in die Grafiken. Das passt einfach nicht in die Sündensymbolik der ungebremsten Fleischeslust. Auch würde es Vegetarier, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) und ganz viele andere verunsichern, von den Bauern und Molkereien mal ganz abgesehen. Butter, Käse und Milch sind mit bestimmten Werten aufgeladene Lebensmittel, Milch einzuschränken ist fast sakrosankt. Lieber geht man ans Fleisch. Seltsam, eigentlich. Gleichzeitig gilt: Wer Gemüse und Getreide oder sich gar vegetarisch ernährt, braucht auch Butter, Käse und Milch, schon aus ernährungsphysiologischen Gründen. Das gilt weltweit und selbst für die Vorzeigevegetarier, die Inder. Da können wir in Deutschland noch so auf Rindfleisch verzichten, aus der Nummer mit Milch, Fleisch und Käse kommt die Welt ziemlich schlecht raus – weniger Fleisch an sich ist gar nicht die Lösung. Nachhaltige Tierprodukte, das wär`s.

7. Nicht das Essen an sich ruiniert das Klima. Es ist eine fehlgesteuerte Landwirtschaft, die ganze Ökoregionen und Landstriche verwüstet, namentlich der Exportwahn in Südamerika, weil man dort das billig produzierte Fleisch in den reichen Ländern verkaufen will und dafür den Regenwald rodet. Derselbe Wahn grassiert in Deutschland, wo die Schweinemäster Fleisch, das sie in Deutschland nicht loswerden, nach Russland und China verkaufen, und zwar möglichst teuer. Das hat nichts mit „unserer Gier nach Fleisch“ oder „unserem exzessiven Fleischhunger“ zu tun. Sondern mit einer Landwirtschaftspolitik, die Land und Tiere als ihre Produktionsmasse betrachtet und der es nicht ums Essen geht. Sondern um Wachstum und Profit. Dafür nimmt die Branche auch eine ungesunde Konzentration in Kauf: Tausende von kleinen Betrieben müssen jedes Jahr aufgeben, dafür pferchen die größeren immer mehr Tiere auf engem Raum zusammen und brüsten sich mit „Effizienz“. Genau die aber schindet die Tiere und ruiniert Land und Grundwasser. Hier muss man ansetzen. Es ist nicht die Landwirtschaft an sich, die der Umwelt schadet. Noch dazu brauchen wir die Landwirtschaft auch in Zukunft, aber eine nachhaltige. Denn Alternativen gibt es nicht: Menschen müssen immer essen. Die Welt braucht also Bauern, die mit der Umwelt gut umgehen und gute Nahrungsmittel liefern. Was die Welt nicht braucht, dazu mehr weiter unten.

8. Bei Obst und Gemüse treten wir gerne noch nach: Das kommt von überall her auf die deutschen Märkte, aus Spanien, Holland und Nordafrika und der ganzen Welt. Besonders Obst reist um die Welt. Der exzessive Anbau von wasserreichen Sorten wie Gurken, Tomaten, Erdbeeren und Salat ist aber in vielen Regionen dramatisch umweltschädlich, in Südspanien vertrocknen ganze Landstriche wegen der Frischware für gesundheitsbewusste Deutsche. Das Hipster-Gemüse Avocado ist auch schon als Wasserfresser und Landschaftsschädling entlarvt, ebenso die trendigen, sündteuren Mandeln. Das für die Ernährung komplett unerhebliche Obst ist wiederum ein Luxusprodukt, das man gut und gerne zugunfsten von ein paar Konserven streichen kann – Obst wird überschätzt. Tut mir Leid, wir müssen es sagen: Frischer Salat und frisches Obst im Winter sind absolut unnötig. Darauf können wir in Deutschland gut und gerne verzichten. Wir haben ja Kohl und heimische Wintergemüse, damit haben unsere Urgroßeltern und alle Generationen vor uns die langen harten Winter überlebt. Oder etwa nicht? Und warum wir nicht? Also bitte. Weg mit dem überflüssigen Zeug. Spart auch sehr viel CO2, dafür darf es dann ab und an ein Steak, Schnitzel oder Braten sein.

9. Jetzt aber: Wie klimaschädlich sind unser Leben und unser Essen denn eigentlich? Wo müssen wir wirklich sparen, in Deutschland?

Am 11.7.2019 veröffentlichte die Tagesschau, ebenfalls zur der Klimadebatte, schon diese Grafik:

 

Tortengrafik

Screenshot aus der Tagesschau vom 11.7.2019: CO2-Emissionen aus privaten Haushalten.

Die Botschaft der Torte

Die sinnigerweise als Torte darstellten Zahlen stammen vom Statistischen Bundesamt, sind also über Zweifel einigermaßen erhaben.

Und sie zeigen, dass Essen und Ernährung nur einen kleinen Teil der CO2-Belastung durch private Haushalte ausmachen: Heizen, Wohnen und Autofahren sind fünfmal schlimmer. Fünfmal!

Die Botschaft der Torte ist tatsächlich, dass Ernährung mit dem kleinen Anteil von 12,3 Prozent auf der vorletzten Stelle des klimaschädlichen Privatverbrauchs steht – fast das kleinste Stück vom Kuchen. Wohnen und Verkehr sind mit über 62,6 Prozent hauptsächlich verantwortlich für die CO2-Emissionen der Deutschen.

Im Klartext: Autofahren, Heizen, Strom, Kamin, Ausflüge, Swimming-Pool, Sauna im Haus, Urlaubsreisen, Kurzstreckenflüge, Motorrad, Rasenmäher, Shoppingtrips, Kaffeeautomaten, Thermomix, Repräsentationsküchen, Monsterglotze, Internet im Dauerbetrieb – das sind die Klimakiller in Deutschland. Und nicht nur hier.

 

Verzichten: Jeder, wo er kann – der Klimakatalog von Quarkundso.de

10. Und jetzt kommen wir richtig zur Sache: Verzichte, wer verzichten muss. Und zwar jeder auf seinen Fetisch. Das ist die pragmatische Sanktion von Quarkundso.de. Wir haben dafür schon einen visionären Maßnahmenkatalog, den wir der Menschheit zur Verfügung stellen, samt Sündenböcken und Problemkindern bei Umwelt und Klima – bitte lesen, wird demnächst abgefragt.

    • Der Fetisch der USA, Australiens und einiger anderer – nicht der Deutschen – ist das Fleisch. Halb so viel Fleisch in den USA und den einschlägigen Fleischfresserländern, vor allem Rindfleisch, Ende der Diskussion.
    • Die Deutschen kommen anderswo dran: Ihr größter Fetisch ist das Auto. Da müssen sie sich eindeutig einschränken und wir scheuen nicht vor radikalen Vorschlägen zurück: Pro Familie nur ein Auto. Allein lebende und kinderlose Großstädter dürfen kein Auto besitzen, Rentner müssen rechtzeitig den Führerschein abgeben, Bau von großmotorigen SUV-Panzern mit Monster-Spritverbrauch wird beendet, außer es sind Nutzfahrzeuge auf dem Land und dienen dem Transport. Sonst reichen E-Autos und Kleinwagen, die Bahn wird gefördert, der öffentliche Nahverkehr wird kostenlos – geht alles ganz schnell per Dekret, ebenfalls Ende der Diskussion.
    • Wichtig auch: Ende mit der unsäglichen Formel 1 und mit allen Autorennen als Sport, Ende mit Motorrädern als Zweit- oder Drittfahrzeig, Ende auch mit allen stinkenden, lärmenden Spaßgefährten wie Karts. Verbrennungsmotoren sind nicht zum Spaß da, sondern wenn, dann für Nutz- und Lastenfahrzeuge. Wer Spaß will, soll sich eine Gaming-Station kaufen oder Räuber und Gendarm spielen. Gar keine Diskussion.
    •  Der zweite Fetisch der Deutschen ist eindeutig das Reisen: Die Deutschen sind nämlich Urlaubsweltmeister. Sie reisen am meisten, Flüge in den Urlaub sind zum Statussymbol geworden. Die Zahlen der Flüge und Fluggäste steigen dabei ungebrochen an, weil Fliegen viel zu billig ist und immer mehr Leute sich längere Flugreisen leisten können. Geschäftsmänner wiederum fliegen lieber von München nach Köln, als vier Stunden mit dem Zug zu fahren, auch aus Statusgründen. Und weil sie schnell wieder nach Haus wollen, um in ihren fetten SUV zu steigen und in ihr Wochenendhaus zu fahren. Das wahnwitzige Urlaubsfliegen muss aufhören, da neigen wir durchaus zur Strenge: jeder nur noch halb so viel, ehrlicherweise reicht sowieso ein Flug pro Jahr. Wer drei- oder viermal im Jahr wegfliegt, zum Tauchen, zum Relaxen oder Detoxen, der muss sich einschränken, Ende. Was die Inlandsflüge der statusbewussten Geschäftsleute angeht, ist das Verbot zum Glück schon greifbar.
    • Wohnen und Heizen sind in Deutschland natürlich ein Riesenthema, sagt die Torte. Da müssen wirklich alle sparen. Besonders Gutverdiener, Reiche und Villenbesitzer sind am Zug, da kann es wirkungsvolle Einschnitte geben: Heizöl und Strom nach Einkommen besteuern, oder per CO2-Abgabe, wäre eine Idee. Und natürlich mehr Anreize zum Sparen für alle, denn wie sagte Thilo Sarrazin noch zu den Heizkosten bei Hartz-IV- Empfängern: „Ziehen Sie einen dicken Pulli an“. Für Gutverdiener und Reiche gilt daher: „Hüllen Sie sich in Ihr Kaschmir und sparen Sie bitte endlich wirkungsvoll CO2.“
    • Das alles würde dafür sorgen, dass wir erheblich näher ans Klimaziel kommen könnten. Dabei muss Fleischkonsum in Deutschland gar nicht drastisch, sondern nur moderat gesenkt werden, auf den jetzt weltweiten Durchschnitt von 44 Kilo pro Kopf und Jahr. Das ist schnell machbar, sogar leicht. In Deutschland bleibt, wenn man das durchrechnet, ein Pfund Fleisch pro Woche für jeden übrig. Ein ganzes Pfund! Das ist ein Fest.
    • Ganz wichtig: Nachhaltige Tieraufzucht – Schweine müssen wieder Essenreste bekommen. Die EU hat das Füttern damit verboten, weil es mal einen Skandal um Maul- und Klauenseuche gab. Das Verbot muss aufgehoben werden, inzwischen gibt es gute Erhitzungsmethoden, mit denen man Essensreste aus Gastronomie, Großküchen und Industrie sterilisieren kann – zack, wird die Schweinmast umweltschonender, Sojaimporte für Schweinefutter gehen massiv zurück und den Schweinen geht es auch viel besser. Das Thema „Teller statt Tonne“, also die große Verschwendung, wäre damit auch abgefrühstückt: Essens- und Lebensmittelreste gehen wieder in die Nahrungskette und sind damit nicht verloren.
    • Deutschland kann seinen Inlandsbedarf an Fleisch, Milch, Butter und Käse komplett selbst decken. Und das sollte es auch tun, nicht mehr. Schluss mit dem Export für ausländische „Märkte“. In der bedrohlichen, klimagestörten Zukunft gibt es nämlich keine „Märkte“ mehr. Es gibt nur noch klimatisch begünstigte Regionen und die Klimaverlierer in den heißen Ländern. Der Weg zu einer global nachhaltigen Landwirtschaft sind regionale Versorgungsstrukturen und Fairness in Erzeugung und Verteilung.

Das wäre er fürs Erste, der Klimakatalog von Quarkundso.de. Mehr gerne auf Anfrage, verbunden mit der Übernahme des Klima- und Ernährungsministeriums in der Hand der Redaktion. Und natürlich der Fütterung des Sparschweins oben rechts im Menü.

©Johanna Bayer

 

Wir weisen nochmals auf unsere Kommentarregeln hin: Beleidigende und anonyme Kommentare werden nicht veröffentlicht oder beantwortet. Für die Freunde von Kevin: Spammen und Haten sinnlos. Justiziables geht direkt an den Anwalt.

 

 

Die SZ kritisiert eine Studie zur Ernährung methodisch – aber was soll das Ganze eigentlich?

Der Chef des Wissenschaftsressorts bei der SZ, Werner Bartens, zerreißt eine Ernährungsstudie wegen ihrer Methodik. Richtig so – doch der wahre Sinn oder Unsinn dieser Forschung bleibt verborgen. Quarkundso.de enthüllt, worum es wirklich geht und wer aus welcher Ecke schießt.

Spaghetti mit Hackfleischsoße

Spaghetti Bolognese schmecken einfach zu gut – lieber nicht essen?

Werner Bartens von der SZ ist einer der großen alten Männer der Ernährungskritik, genauer: der Kritik an den Ernährungswissenschaften überhaupt.

Deren Arbeit hält er für nicht aussagekräftig bis irreführend, ihre großen Beobachtungsstudien für sinnlos, allgemeine Ernährungsratschläge für Humbug.

Er ist nicht der Einzige, der so denkt, die Position teilt er sich mit Udo Pollmer und noch ein paar notorischen Nörglern. Auch Quarkundso.de gehört im weitesten Sinn zur Nörgel-Fraktion, daher sind wir meistens auf der Seite von Werner Bartens.

Da unsere Kernkompetenz aber das Nörgeln in alle Richtungen ist, hatten wir auch Herrn Bartens schon vor der Flinte. Der Artikel „Stuss mit Nuss“ etwa, in dem er die Ernährungsforschung generell abwatscht, ist zu pauschal und trifft die Falschen – denn die emsigsten Experimentierer sind Ärzte, nicht Ernährungswissenschaftler (hier bitte nachlesen, wird abgefragt).

 

Der wahre Unsinn bleibt versteckt

Aber immer nur Mosern bringt nichts, man muss auch mal konstruktiv sein und assistieren.

Denn Bartens hat in der SZ gerade eine Ernährungsstudie aus den USA zu Recht kritisiert. Nur wollte er es nicht zu kompliziert machen und ist weder ins Detail gegangen noch hat er den wahren Sinn und Unsinn der Studie enthüllt. Er begnügt sich mit dem üblichen Zerreißen von Zahlen und Versuchsdesign.

Das erfüllt zwar seinen Zweck: beim SZ-Leser Zweifel an dieser Art von Studien zu säen. Aber es fehlt die Erklärung, warum in solche Forschung Millionen gesteckt werden.

Das fragen sich die Leser sicher, wie jeder vernünftige Mensch, der wissen will, warum abstrus wirkende Versuche finanziert werden, nicht aber Kindergartenplätze, Lesebrillen oder Radwege.

Diese Kärrnerarbeit muss mal wieder Quarkundso.de übernehmen, wie so oft, wenn die anderen sich die Arbeit nicht machen wollen.

Allerdings lohnt sich es sich diesmal. Denn in Rede stehen Annahmen, die nicht nur ein paar Studiendesigns, sondern ganze Debatten über Ernährung bestimmen. Sie wuchern im Internet und haben sich in den Köpfen dauerhaft eingenistet, als wirkmächtiges Denkschema.

Daher springen wir Herrn Bartens mit ein paar zusätzlichen Infos zur Seite – schließlich zieht die Nörgelfraktion an einem Strang.

 

Western Diet: viel Fett, Zucker und Fleisch

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Hier erstmal die dürren Fakten: Eine Wissenschaftlerin hat an der Wake Forest University im Süden der USA mit knapp 40 Affenweibchen einen Nahrungstest gemacht. Die Hälfte der Gruppe bekam Futter, das wie die typisch amerikanisch-urbane Ernährung zusammengestellt war, mit viel tierischem Fett, tierischem Eiweiß, Zucker, Salz, Maissirup, Maisöl, Milch, Schmalz und Butter.

Unter Forschern heißt das auch „Western“ oder „Cafeteria Diet“ und beschreibt laut Shively das, was Amerikanerinnen im Allgemeinen so zu sich nehmen (WEST-Futter).

Wohlgemerkt: Amerikanerinnen.

Die andere Gruppe bekam Nahrung, die eine „mediterrane Ernährung“ simulieren sollte (MED-Futter). Also irgendwas vom Mittelmeer – wie man es sich in den USA vorstellt: hauptsächlich Pflanzliches; darunter viel Obst, Nüsse, Gemüse, etwas Fisch, wenig Fleisch und sehr viel Olivenöl.

Wohlgemerkt: Wie man es sich in den USA vorstellt. Nicht, wie man in Italien, Südfrankreich oder Spanien wirklich isst. Bekanntlich sieht das sehr anders aus.

Ergebnis: Diejenigen Äffinnen, die die „Western Diet“ bekamen, fraßen mehr, wurden dicker und entwickelten öfter Fettlebern und Diabetes Typ 2. Die Tiere, die das angebliche Mittelmeerfutter bekamen, fraßen nicht ganz so viel, nahmen nicht ganz so arg zu und bekamen nicht so oft eine Fettleber.

 

Fragen an die Forschung: Was soll das?

Werner Bartens dekliniert dazu nun die bekannte Mängelliste herunter:

Von Tieren kann man nicht auf Menschen schließen.

Es waren viel zu wenige Affen, 38 insgesamt. Das sind nur wenige Tiere oder Probanden pro Gruppe, daher nicht aussagekräftig.

Die Versuchszeit war zu kurz.

Die Lebenszeit von Affen entspricht nicht der von Menschen.

Es sei nur ein Aufblasen der Statistik, wenn die Forscher etwa die Lebenszeit der Affen in die von Menschen umrechnen. Und eine so kleine Probandenzahl reiche heute nicht einmal für eine normale medizinische Doktorarbeit, höhnt Bartens.

Tja. Speziell Letzteres stimmt nicht. Studien mit kleinen Probandenzahlen können sehr wohl solide gemacht sein und sind gerade bei biologischen und physiologischen Effekten sogar üblich.

Aber es drängt sich auch die Frage auf, ob die Forscherin, die das Experiment geleitet hat, die Kritikpunkte nicht selbst hätte bedenken können. Treibt man jahrelang Studien und bringt unschuldige Tiere um, weil man nicht kapiert hat, dass Affen keine Menschen sind?

Noch dazu ist die Arbeit in einem renommierten wissenschaftlichen Journal erschienen, in „Obesity“, und von der obersten nationalen Gesundheitsbehörde der USA, dem NIH, finanziert worden. Erste Adresse, landesweite Bedeutung.

Warum also gibt es solche teuren Versuche? Ging es wirklich darum, die „Überlegenheit der mediterranen Ernährung“ zu beweisen, wie es im Teaser zum Artikel in der SZ heißt? Die ist doch längst bewiesen, oder nicht?

 

Tiermodell statt Menschenversuch

Das plumpe Bashing, mit dem sich Herr Bartens begnügt, erhellt die Lage nicht. Daher hat sich die Rechercheabteilung von Quarkundso.de dahinter geklemmt.

Folgendes kommt ans Licht: Carol A. Shively, Leiterin der Studie, ist keine Ernährungswissenschaftlerin. Sie ist Ärztin und spezialisiert auf Neurowissenschaften. In erster Linie beschäftigt sie sich mit dem Gehirn, dem Belohnungssystem und dazugehörigen Botenstoffen.

Auf diesem Feld ist sie auch Expertin für „Tiermodelle“, wie es im Jargon so schön heißt. Das sind Versuchstiere, die auf bestimmte Eigenschaften gezüchtet werden, die auch Menschen haben und an denen man Medikamente, Ernährungsweisen, Therapien oder Haltungsbedingungen testen kann, als Modell eben.

Für allerlei Forschungsvorhaben, gerne auch zur Gesundheit von Frauen, verwendet Shively Makaken, meerkatzenartige Primaten. Deren Gehirne, Verhalten und Stoffwechsel ähneln viel mehr dem Menschen als bei Mäusen und Ratten, die sonst für Versuche herhalten müssen.

Und Shively hat schon eine ganze Reihe von Versuchen an diesen Primaten gemacht, sogar in Nature publiziert, dem wichtigsten Forschungsmagazin der Welt. Dumm ist sie also nicht, methodisch kann sie was, ihre Affenmodelle sind etabliert. Grobe Fehler kann man ihr kaum vorwerfen.

 

Um Essen wie am Mittelmeer geht es nicht

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Wenn man sich also anschaut, was die Wissenschaftlerin sonst so treibt, ahnt man, welche Stoßrichtung die Studie hat: Es geht nicht wirklich um Essen wie am Mittelmeer.

Stattdessen geht es um Überfressen in den USA. Und um Auslöser, die dazu verführen, mehr zu essen als gut ist, und zwar speziell bei Frauen im mittleren Lebensalter.

Im Klartext: Im Hintergrund geht es um Sucht.

Das ist ein Spezialgebiet von Shively, sie beschäftigt sich besonders mit dem Belohnungssystem im Gehirn und seiner Rolle bei Depression; Stress und Sucht.

Und so hat sie auch die Studie angelegt: Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Überfressen („hyperphagia“) und übermäßige Kalorienaufnahme („increased caloric intake“) zu beleuchten und zu erklären, so steht es auch im Studienpapier.

Was nun die amerikanischen Frauen im mittleren Lebensalter angeht, die als Folie für das Versuchsdesign herhalten mussten: In dieser Gruppe sind Übergewicht ebenso wie Depressionen häufig, Stress spielt eine Rolle und sowohl Ärzte als auch Sozialarbeiter versuchen verzweifelt, der Gesundheit zuliebe wenigstens am Essverhalten der Betroffenen zu schrauben.

Aber alle scheitern seit Jahrzehnten daran – und Carol A. Shively hat sich scheinbar in den Kopf gesetzt, den Grund im Essen zu finden. Genauer: an Stoffen im Essen, an seiner Zusammensetzung. Und am Geschmack: Wohlgeschmack triggert das Belohnungssystem. Unter Umständen kann das zu suchtartigem Verhalten – Überessen – beitragen.

 

Was nicht schmeckt, hält schlank – logisch

Diese Vorstellung Shivelys erwähnt Werner Bartens auch in seinem SZ-Artikel, dazu zitiert er am Ende ein Interview mit der Forscherin zu ihrem Fütterungsexperiment:

„Die westliche Diät wurde von der Industrie entwickelt, die ihre Erzeugnisse besonders schmackhaft macht, sodass wir zu viel davon essen“, lässt sich Carol Shively zitieren, die Hauptautorin der Studie. „Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse die Menschen ermutigen, sich gesünder zu ernähren.“

Eine markante Position. Zu Ende gedacht würde sie bedeuten. dass man lieber Dinge essen sollte, die nicht so gut schmecken, damit man schlank bleibt – eine schier übermenschliche Forderung, die jeder biologischen und kulturellen Grundlage entbehrt.

Denn Geschmack in tote Dinge wie Gemüse, Körner oder rohes Fleisch zu bringen, war ein Motor der menschlichen Evolution. Es wird nie gelingen, Menschen dazu zu bewegen, von sich aus zu essen, was ihnen nicht schmeckt, weil das angeblich schlank macht – außer man zwingt sie dazu.

So ging es den Makaken im Labor: Sie hatten keine Alternative. Sie mussten das Zeug fressen.

 

Mütter, Omas, Köche, Konditoren: Sie bringen uns um!

Omas Himbeertorte: absichtlich besonders schmackhaft. Aus Liebe.

Der Vorwurf an die Industrie, sie würde Lebensmittel absichtlich besonders schmackhaft machen, damit Menschen zu viel davon essen, ist erst recht sinnlos.

Man müsste genau denselben Vorwurf in erster Linie an Mütter und Omas richten, die ihre Lieben verwöhnen, und natürlich an alle meisterhaften Köche, Bäcker und Konditoren auf der Welt.

Folgt man aber den Gedanken von Shively konsequent, bleibt der Schluss:

Essen wie am Mittelmeer, das in der Studie – angeblich – getestet wurde, schmeckt nicht so gut wie industriell gefertigtes Fastfood aus der amerikanischen Industrie.

Deshalb essen Affen – und Menschen – nicht so viel davon und bleiben schlank.

Der Gedanke ist natürlich komplett abstrus. Aber das ist die Logik.

Nur weiß jeder, dass das Essen am Mittelmeer ganz besonders köstlich ist und deshalb einen Siegeszug rund um den Globus angetreten hat.

 

Von wegen Mittelmeer-Diät

Liest man daraufhin das Papier der Forscherinnen noch einmal genau durch, dann zeigt sich: Das MED-Futter für die Affen entspricht gar nicht der echten Kost in Mittelmeerländern.

Es wurde für die Studie eigens entwickelt. Und enthielt konzentriertes Pulver aus Walnüssen, Extra-Portionen an Olivenöl, es war sehr speziell zusammengestellt – ein Kunstfraß, überwiegend vegetarisch, orientiert unter anderem an griechisch-orthodoxen Fastenspeisen, ohne Wein (!) und angereichert mit hohen Dosen von Superfoods, die so in der echten mediterranen Ernährung gar nicht vorkommen.

Diese Mischung wurde, berichten die Autoren, vor dem Versuch zwei Jahre lang darauf getestet, ob sie den Affen schmeckt. Das hat wohl nicht ganz geklappt: Nicht weniger als fünf Tiere im Versuch machten nicht mit, drei gingen sogar ein – alle scheinbar in der MED-Gruppe.

Dass das wohlschmeckende WEST-Futter Affen dazu animiert, viel davon zu fressen und dass in der MED-Gruppe die Tiere insgesamt weniger dick wurden, ist dann nicht mehr schwer nachzuvollziehen. Bei Menschen würde mit Sicherheit Ähnliches herauskommen.

 

Macht dick, was schmeckt?

Hamburger mit Pommes frites

Schmeckt Fastfood wirklich besser? Das ist die Frage

Wenn aber das WEST-Futter im Experiement, die industrielle „Cafeteria-Diet“, besser schmeckte als das künstliche MED-Futter und die Affen in der WEST-Gruppe deshalb mehr gefressen haben, was sind dann die Folgerungen aus der Studie?

Was schmeckt, macht dick?

Wenn etwas schmeckt – iss es nicht?

Was nicht schmeckt, ist gesund?

Wenn etwas nicht schmeckt – unbedingt essen?

Und in letzter Konsequenz: Wenn Menschen essen, was ihnen schmeckt, muss man sie dann dazu zwingen, etwas zu essen, was ihnen nicht schmeckt? Wegen der Gesundheit?

Das ist alles ist biologischer und psychologischer Unsinn. Außerdem zeigen gerade die echten Mittelmeerbewohner mit ihrem grandiosen Essen: Was schmeckt, muss nicht dick machen! Man kann damit sein Gewicht halten, gesund bleiben und länger leben als anderswo.

 

Einheitsfraß aus der Retorte

Was angesichts dieses Experiments aber aufscheint, ist die Horror-Vision von einem Einheitsfraß aus dem Labor: eine einzige, „gesunde Ernährung“ für alle; eine normierte pflanzliche Kost, im Labor angereichert, die sicherheitshalber nicht so gut schmeckt, damit Menschen nicht zu viel davon essen.

Es gibt tatsächlich nicht wenige, die solche asketischen Diktatorenfantasien haben: Bekannte Größen der Ernährungsszene schwärmen von Buchweizengrütze und Steckrüben wie im Krieg, andere von veganen Imitaten und Rohkost für alle, damit die angeborene Lust auf Fleisch und Fett gar nicht erst aufkommt.

Auch die Verschwörungstheorie, dass die Industrie absichtlich Superreize ins Essen mischt, um Menschen abhängig zu machen, gehört in dieses Denkschema.

Sie ist weit verbreitet und extrem hartnäckig. Spätestens seit dem Film „Supersize me“ ist die halbe Welt davon überzeugt, dass Fastfood süchtig macht, entweder, weil es den Geschmackssinn besonders anregt oder weil Suchtstoffe reingemischt werden; zu den üblichen Verdächtigen gehören Glutamat und Zucker.

Zwar ist wissenschaftlich längst geklärt, dass nichts davon stimmt.

Aber viele Aktivisten aus der Verbraucherschutzszene hängen an ihrem Feindbild, einzelne Autoren und Verbände machen den Generalverdacht sogar zu ihrem Glaubenssatz: „Die Industrie macht uns süchtig und krank!“.

Dabei ist schon die Grundannahme falsch: dass das industrielle Essen besonders gut schmeckt.

Sie ist sogar grundfalsch. Frisch gekochtes Essen ist Fertiggerichten immer überlegen. Fastfood, Frittiertes, Cola und überzuckerter Süßkram sind auf die Dauer extrem öde und geradezu abstoßend, wenn man die Alternative kennt: echtes Essen.

 

Affen essen anders

Makaken oder Menschen – darin sind sie gleich: Wenn sie dick werden, werden sie krank.

Wem das Industriezeug besser schmeckt, so dass er oder sie sich systematisch damit überfrisst, hat Probleme, die mit Essen nichts zu tun haben. Eher mit Armut, mangelnden Alternativen, Arbeitslosigkeit, Drogen, Depression oder Gruppendruck.

In diesem Punkt hat Werner Bartens Recht, der davor warnt, solche Tierversuche einfach auf den Menschen zu übertragen.

Denn erstens werden die Affen nicht artgerecht gefüttert in diesen Experimenten und wurden es auch nicht bei Carol Shively – kein Wunder, dass sie krank werden.

Vor allem aber können die Faktoren, die dazu führen, dass Menschen sich so einseitig ernähren wie gewisse Bevölkerungsgruppen in den USA, in Studien kaum nachgebildet werden.

Wenn man aber akzeptiert, dass die Makaken der Forscherin Shively als gutes Modell für den Menschen dienen, wie es Forscher weithin tun, dann bedeutet das am Ende: Der gesündeste Einheitsfraß nützt nichts, wenn man dick ist.

 

Das Problem ist das Übergewicht

Das zeigt die Studie nämlich, wenn man ein Detail beachtet: Die Äffinnen von Carol A. Shively waren schon übergewichtig, bevor der Versuch überhaupt losging. Sie kamen schon mit BMI 40 und Leberverfettung ins Labor.

Schließlich sollten sie als Modell für menschliches Übergewicht dienen, also wurden fettleibige Affen geliefert. Dazu kam das kalorienreiche Futter im Test, für beide Gruppen übrigens gleich kalorienhaltig und mit gleichem Fettanteil, nur aus unterschiedlichen Quellen. Da wurden alle Tiere noch dicker, ob WEST – oder MED-Gruppe.

Die Gruppe mit dem Mittelmeerfutter verlor nämlich keineswegs Gewicht. Sie nahm ebenfalls zu, wenn auch nur leicht. Trotzdem litten auch die MED-Tiere an den bekannten Folgen: Diabetes Typ 2, metabolisches Syndrom, Fettleber. Stimmt schon, etwas weniger als bei den anderen, und der eine oder andere Wert war etwas günstiger.

Aber sie fraßen auch nicht ganz so viel – das lag vielleicht am Geschmack des Retortenfutters. Tatsächlich heilte die MED-Diät die vorhandenen Fettlebern nicht, sie führt dazu, dass das Leberfett um 14 Prozent weiter anstieg.

So bleibt am Ende ein solider Befund, der für Affen und Menschen gilt: Wenn sie dick werden, werden sie krank.

©Johanna Bayer

 

Werner Bartens in der SZ: „Gib dem Affen Oliven“

Sciencedaily-Interview mit Carol A. Shivers

Originalstudie von Shivers et.al. 2019

Quarkundso.de zur Generalkritik von Werner Bartens an den Ernährungsstudien: Vorsicht, der Mann ist Arzt!

 

 

Framing-Alarm! Sprache schafft Bewusstsein – auch beim Essen?

ist das neue Überzeugen und polt das Denken um, sagen Kommunikationsberater. Mag sein – doch die Erfahrung bei der Ernährung zeigt: Beim Essen funktioniert Framing schmerzhaft nicht. Dafür erweist sich als überraschend schädlich, wie Essen permanent geframed wird, und zwar in „gesund“ und „ungesund“. Das ist kontraproduktiv – Quarkundso.de fordert ein Gesetz gegen Ungesundheitsgeschwätz.

 

Teller, zwei Toastscheiben, zwei Spiegeleier

Alles, aber auch alles „ungesund“: Eier (vom Tier!). Toast (Weizen!). Röstung (Acrylamid!). Wahrscheinlich auch noch in Butter gebraten – wie hat Oma das nur überlebt?

 

Wir müssen jetzt framen. Framing gehört einfach dazu. Framing ist das neue Überzeugen, diesmal mit Tricks aus der Kognitionspsychologie und Kognitionslinguistik.

Was mit Kognition macht nämlich immer Eindruck.

Deshalb berufen sich Leute, die andere beeinflussen oder nur schnell die Welt ändern wollen, gerne auf Geheimnisse des Gehirns: von Coaches über fragwürdige Psychoklempner wie Neurolinguistische Programmierer oder die Scientology-Sekte zu Lehrern und Sozialpädagogen bis hin zu Genderaktivisten und natürlich Politikern.

Framing soll dabei als subtile Technik das Denken anderer kapern, indem man eindrucksvolle Wörter prägt. Die legen einen Deutungsrahmen fest, dem das Gegenüber nicht entkommt, wie Wissenschaftler herausgefunden haben sollen.

 

Wenn was weg soll: einfach umbenennen

Framen geht so: Etwas, das unerwünscht oder schlecht angesehen ist und das man Leuten unterjubeln will, benennt man um: in Schönes, Beliebtes, gut Klingendes oder moralisch Hochstehendes. Damit weckt man positive Assoziationen und appelliert an eigene Werte.

Gleichzeitig nimmt man sich Begriffe der Gegner vor. Diese etikettiert man auch neu, nämlich mit Negativem, Unmoralischem oder Abstoßendem. So ändert man Wahrnehmung und Denken bei der Zielgruppe – Sprache schafft Bewusstsein! – und schwupps, ist sie umgepolt.

Wichtig sind dabei das ständige Aufrufen des Deutungsrahmens und das Einschleifen der neuen Sprachbilder. Dann bringt das Wörding (*neusprech) die Gegner zur Strecke. Denn wenn man es richtig anstellt, werden sie dann moralisch diskreditiert.

So ungefähr hat es gerade die Linguistin Elisabeth Wehling den ARD-Sendern empfohlen, womit sie einen Sturm der Entrüstung auslöste. Der war eigentlich unberechtigt – natürlich können sich öffentlich-rechtliche Sender zur strategischen Kommunikation beraten lassen.

Ob das Angebot gut war oder nicht, sei allerdings dahingestellt.

Und ob das Framing so funktioniert, wie es Frau Wehling verkauft hat, auch.

 

Framing beim Thema Ernährung

Damit kommen wir zur Kernkompetenz von Quarkundso.de: dem Verhältnis von Essen und Medien. Und zum Framing.

Essen wird nämlich brutal geframed. Wirklich brutal. Seit vielen Jahren, und nicht nur von Journalisten. Sondern auch von Ämtern, Verbänden und Institutionen, Ärzten und Politikern, Aktivisten und Lobbyisten.

Dabei ist die Auswahl an Frames mehr als dünn: Es gibt nur noch einen einzigen Deutungsrahmen für Essen und Ernährung.

Und das ist „Gesundheit“.

Dieses Etikett pappt inzwischen überall drauf. „Gesund“ zu essen ist geradezu eine nationale Obsession geworden: Laut Ernährungsreport der Ministerin Klöckner hat das Merkmal „gesund“ schon die Geiz-ist-Geil-Haltung überholt. Nur noch 32 Prozent schauen beim Essen auf den Preis, dagegen ist es 91 Prozent wichtig, dass Essen „gesund“ ist.

Das ist neu, schließlich sind die Deutschen in Europa berüchtigt für ihre Billig-Mentalität beim Essen. Zumindest für die Selbstdarstellung haben sie diese also abgelegt.

 

Das Framing-Paradox: Anders reden als man isst

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Man darf sich nämlich nichts vormachen: In Umfragen neigen Menschen dazu, sich besser zu geben als sie sind – ökologischer, bescheidener, gemeinwohlorientierter, vernünftiger, tierfreundlicher und bedacht auf die Figur.

Wenn sie dann mit dem Fragebogen fertig sind, gehen sie zum Discounter, kaufen Hähnchenfleisch für 0,99 Euro und zischen zwei, drei Feierabendbier. Ab morgen machen sie Diät.

Für das Framing beim Essen ist dies nichts weniger als eine Bankrotterklärung: Das Dauerfeuer mit „gesunder Ernährung“ und „gesunder Wahl“ kommt nicht an.

Schon 2005 hielt der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Volker Pudel, diesen mentalen Zustand im Spiegel-Magazin fest:

„Die Deutschen essen so, wie sie immer gegessen haben. Nur heute mit schlechtem Gewissen.“ (Spiegel-Spezial vom 28.6.2005).

Das zeigt schmerzhaft: Weder der Gesundheitsrahmen noch das ständige Einschleifen der Parolen funktionieren beim Thema Ernährung – anders als Framing-Experten es versprechen.

 

„Vom Wissen zum Handeln“ ist das Problem

Jetzt, gut 15 Jahre später, sind die Ernährungshüter noch verzweifelter. Denn nie waren die Deutschen so dick wie heute, eine Welle von Übergewicht und seinen Folgekrankheiten rollt über das Land.

Unter Berufstätigen und Rentnern ist Normalgewicht schon nicht mehr die Regel, beklagte erst 2017 die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, (DGE). Der mündige Bürger gibt sich derweil weiterhin gesundheits-, figur- und umweltbewusst.

„Vom Wissen zum Handeln“ lautete daher erst 2018 ein hilfloser Kampagnenspruch des Ernährungsministeriums zu einem Ideenwettbewerb: Wie bringt man Leute dazu, das, was sie bereitwillig als Absicht herbeten, auch zu tun?

Schließlich haben schon Vierjährige das Framing intus und deuten auf Toastbrot, wenn sie zeigen sollen, was „ungesund“ ist, und auf Roggenbrot, wenn es um „gesund“ geht.

Was sie lieber essen, liegt aber auf der falschen Seite, und zwar quer durch alle Altersklassen.

 

Gesund oder ungesund – und sonst nichts?

Doch schauen wir uns das Framing bei der Ernährung, den Deutungsrahmen, noch etwas genauer an. Der Kontext „Gesundheit“, in dem Essen fixiert ist, bringt bestimmte Vorstellungen mit sich, darunter die, Lebensmittel könnten wirken wie ein Medikament.

Das aktiviert Begriffe aus Medizin, Pharmazie und Therapie: Heilmittel, Iss Dich gesund, wirksame Inhaltsstoffe, starke Antioxidantien, Droge, Gift, Sucht, Suchtmittel, Entzug, Ausnüchtern, Selbstheilung, Entgiftung.

Vor allem bringt das Gesundheitsframing aber die rigide Einteilung von Lebensmitteln in „gesund“ oder „ungesund“ mit sich.

Diese stammt aus den USA und England, wo sie seit Jahrzehnten üblich ist, begleitet von einer Explosion der Fettleibigkeitsepidemie – wohl kaum ein Zufall ist

Hierzulande haben sich Ernährungsfachkräfte dagegen jahrzehntelang abgemüht zu erklären, dass das Verteufeln einzelner Lebensmittel oder Inhaltstoffe Unsinn ist: Der Mensch ist ein Allesfresser und braucht verschiedene Nahrungsmittel, außerdem gehören zur Gesundheit viele Faktoren, darunter Bewegung, Schlaf und Stress.

Problematisch sind daher nicht einzelne Inhaltsstoffe oder Produkte, sondern in allererster Linie das Übergewicht, ganz gleich, womit man es sich angefuttert hat.  Dazu kommen mangelnde Bewegung, zu wenig Schlaf, zu viel Stress. Die Vorstellung aber, dass man durch bestimmte Lebensmittel – „die gesunde Wahl“ – alles steuern kann, ist verfehlt.

Denn ein einzelnes Lebensmittel ist nicht „ungesund“ – es ist der Lebensstil, der gesund oder ungesund sein kann.

 

Jetzt „ungesund“: Küchenklassiker der Deutschen

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Doch mit dieser Weisheit ist es vorbei, seit die Kategorien gesund/ungesund Front machen in Texten, Webseiten, Stellungnahmen, Studien und Ernährungsratschlägen: Was früher genossen werden durfte, dazugehörte, in Maßen erlaubt oder einfach toleriert wurde, ist jetzt „ungesund“.

Das trifft nicht nur die üblichen Verdächtigen Cola, Chips und Süßigkeiten. Nein, auch traditionelle Viktualien stehen unter dem Bann. Denn „ungesund“ sind inzwischen Fleisch, Wurst, Milch, Käse, Eier, Weizen, weißes Mehl und natürlich Zucker.

An konkreten Gerichten trifft es unter anderen Pommes frites, Currywurst, Salami, Leberkäse, Bratwurst, Schweinebraten, Schnitzel, Hamburger, Sahnetorten, Kekse, Eis, Käsespätzle, Kakao, weißen Reis, Wild wie Rehbraten (rotes Fleisch!), Weißbrot, Baguette, Laugenbrezeln (Schweineschmalz!) und sogar den früher gerne empfohlenen Fisch (zu viel tierisches Protein! Schwermetalle! Mikroplastik! Antibiotika! Parasiten!).

 

Absurde Widersprüche

Teilweise entstehen dabei absurde Widersprüche, etwa beim jüngst lancierten EAT-Lancet-Report.

Das Papier, stark unter dem Einfluss von notorischen Fett- und Fleischfeinden entstanden, etikettiert rotes Fleisch von Rind, Schwein, Lamm, Ziegen, Kühen und anderen Säugetieren rundheraus als „unhealthy food“.

Das ist Unsinn. Und die Daten aus der Forschung geben das auch gar nicht her.

Entsprechend müssen die Experten in ihrem eigenen Papier konstatieren, dass tierische Lebensmittel wie Milch, Eier und natürlich rotes Fleisch besonders segensreich für das Wachstum und die Gesundheit von Kindern sind, zum Beispiel in Afrika:

In observational studies, high intake of animal source foods has been associated with improved growth, micronutrient status, cognitive performance, and motor development, and increased activity in children. (Quelle: EAT-Lancet-Report Food in the Anthropocene, Seite 10).

Weltfremd und gegen die Esskultur

Schräg ist auch die Sicht der EAT-Lancet-Experten auf die gesättigten Fette. Die Gruppe favorisiert nämlich moderne pflanzliche Industrieöle, die von Lebensmittelmultis vermarktet werden.

Gesättigte Fettsäuren, wie sie auch in Butter, Schweineschmalz oder anderen traditionellen Fetten vorkommen, sollen dagegen möglichst aus den Küchen verschwinden: Die Spannbreite in den täglichen Empfehlungen der Kommission beginnt bei null.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes weltfremd.

Denn die Hauptnahrungsfette in den Küchen der Welt sind traditionell tierischen Ursprungs und enthalten gesättigte Fettsäuren – zumal „null gesättigte Fettsäuren“ schlichtweg nicht geht. Schließlich enthalten alle, wirklich alle pflanzlichen Fette, darunter Oliven-, Sonnenblumen-, Palm- und Kokosöl sowie Margarine, auch gesättigte Fettsäuren.

Wer überhaupt keine gesättigten Fettsäuren zu sich nehmen will, darf gar kein Fett essen. Schwerer Vitaminmangel und Organversagen wären die Folge.

 

Neues Framing für Kakao: ungesund!

Weiße Blechtasse mit Kakao

Kakao, der Kindertrunk: Neuerdings „ungesund“.

Im Gesundheitsframing steht seit kurzem auch Kakao. Kakao macht Kinder nämlich dick und krank.

Kakao ungesund? Für Kinder?

Äh – gibt es denn ein Getränk, das mehr zu Kindern gehört als Kakao? Man kann sich das gar nicht vorstellen.

Aber tatsächlich ist es Framing-Spezialisten von der Verbraucherorganisation Foodwatch gelungen, den Schulkakao als „ungesund“ zu framen und das nicht nur unzähligen Redaktionen zu verkaufen, sondern auch mehreren Länderparlamenten.

Kakao, so die Essensretter (Selbstbeschreibung), sei schuld am Übergewicht von Kindern – schließlich enthalten die fertigen Schokodrinks der Milchlieferanten Zucker. Gezuckerter Kakao passe nicht in die Schule, so Foodwatch.

Nun steht Zucker auf der Fahndungsliste der Gesundheitspolizei gerade ganz oben, noch über Fett und Fleisch. Aber muss man wegen etwas Zucker den Kakao aus dem Schulprogramm nehmen?

 

Kinder dürfen Kakao trinken

Laut Foodwatch ja: Die Verbraucherschützer finden, dass es in Schulen überhaupt nichts mit Zucker geben darf. Angeblich, so die Aktivisten, widerspricht Kakao an Schulen sogar den Richtlinien der DGE für Schulverpflegung, denn diese sähen keine gezuckerten Milchprodukte für Kinder vor:

„Diese Förderung von Milch mit Zuckerzusatz widerspricht sogar den offiziellen, von der Bundesregierung initiierten Qualitätsstandards für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das Schulmilchprogramm in NRW fördert mit Steuergeldern ein Ernährungsangebot an Schulen, das den Empfehlungen zuwider läuft.“ (Quelle Foodwatch)

Doch so rigide ist nicht einmal die DGE: „Zucker wird in Maßen eingesetzt“, steht in den DGE-Richtlinien für Schulverpflegung.

Und nichts anderes.

Da steht nicht: „Zucker ist verboten“. Oder „Zucker wird gemieden“ oder „Zucker wird nicht zugesetzt“, nicht einmal „So wenig Zucker wie möglich“ oder gar „Zucker ist ungesund“.

 

Übergewicht bei Schulkindern hängt nicht am Kakao

Junge, ca. 8 Jahre alt mit Brill und Kapuzenpulli in Klassenraum schreibt mit Bleistift

Ob Schulkinder dick oder schlank sind, hängt wenig vom Essen ab, hat die KOPS-Studie gezeigt

Es steht auch nicht in den Richtlinien, dass gezuckerte Milchgetränke in der Schule nicht angeboten werden dürften, genauer:

Zu gezuckerten Milchgetränken steht überhaupt nichts in den DGE-Kriterien für gute Schulverpflegung.

Den fanatischen Gesundheitsaktivisten von Foodwatch ist Kakao vielleicht unerwünscht, weil sie sich in den Kopf gesetzt haben, dass der Schokotrunk die Übergewichtsfrage entscheidet.

Aber erstens ist das nicht so. Übergewicht von Schulkindern hängt charakteristisch wenig mit dem zusammen, was sie in der Schule essen. Dazu gibt es große Studien.

Und zweitens ist Kakao – vielleicht – nicht besonders gesund. Aber ganz sicher ist er nicht ungesund.

 

Weg mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen!

Damit wären wir am entscheidenden Punkt: An allem ist nur dieses elende Framing Schuld.

Quarkundso.de fordert daher mit Nachdruck und sofortiger Wirkung: Das permanente Gesund-Ungesund-Spalten muss endlich aufhören!

Es ist kontraproduktiv, verleidet Menschen das Essen und fördert eben genau keinen gesundheitsbewussten Lebensstil. Sondern nur Krampf und Einseitigkeit. Dazu muss ein Gesetz her. Schließlich sind unzulässige Gesundheitsaussagen mit Recht verboten – aber was ist mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen?

Wir fordern: Schluss mit dem Gerede von „ungesunden“ Lebensmitteln!

Ebenso, wie niemand mit pauschalen, unbelegten Gesundheitsversprechen oder angeblichen Heilwirkungen für Lebensmittel werben darf, darf auch niemand Produkte oder einzelne Inhaltsstoffe als „ungesund“ brandmarken.

Also weg mit „Zucker ist eine Droge!“, „Fleisch macht krank“, „Milch ist Gift“, „Kakao ist ungesund“.

 

Hohe Strafen: die Lex Incuria von Quarkundso.de

Wenn man ehrlich über Essen reden will, muss man die Gesund-Ungesund-Dualität verlassen:  Quarkundso.de führt dazu die neue Lex Incuria ein, von lateinisch incuria = nachlässig, mangelhaft, Mangel an Sorgfalt.

Dieses Gesetz wird Ungesundheitsframing verhindern. Dazu belegt die Lex Incuria entsprechendes Gelabere von Essenshütern jeglicher Provenienz mit schweren Strafen.

In Einzelfällen können, insbesondere gegen einflussreiche Verbände, Unternehmen, Behörden, Food-Aktivisten, NGOs oder Lobbyvereine, hohe Geldsummen auferlegt werden, zu überweisen auf das Sparschwein von Quarkundso.de.

Die ersten Mahnbescheide sind schon raus.

©Johanna Bayer

 

Mittagessen: Das SZ-Magazin und die Feinde der Mittagskultur

Eine Autorin in SZ-Magazin stört sich daran, dass Kollegen schick „zum Lunch“ wollen statt sich nur schnöde Nahrung reinzuschaufeln, wie es mittags nunmal ansteht. Das ruft Quarkundso.de auf den Plan: Wir protestieren aufs Schärfste.

 

Mittagessen bei der Arbeit: Idealerweise als feiner Business-Lunch, sonst aber gerne auch in der Kantine das Menü 1. Denn wer arbeitet, muss auch essen.

Im SZ-Magazin kam was zum Mittagessen, ach nein, es ging um den „Lunch“. Man gehe nicht mehr zum Mittagessen, berichtet Sina Pousset, Autorin der Generation Y. In ihren Kreisen gehe man jetzt „lunchen“.

Das sei neumodischer Unsinn, beklagt Pousset, Jahrgang 1989.

Schließlich drehe es sich immer noch um eine höchst prosaische Mahlzeit mitten im Arbeitstag, die durch hippe Anglizismen keineswegs geadelt werde – Currywurst bleibt Currywurst.

Wer sich also einbildet, mit einem „Lunch“ besonders weltmännisch und nach „vielen Flugmeilen“ zu klingen, hat laut Pousset nicht verstanden, dass die meisten Leute mittags nur das Allernötigste essen. Diese schnöde Nahrungsaufnahme müsse man nicht unnötig aufblasen. Das gute alte Wort „Mittagessen“ scheint ihr daher viel passender als eine Angebervokabel aus dem Wortschatz urbaner Spießer:

„Denn der Anglizismus kann nicht zaubern. Er verwandelt Durchschnittsessen nicht in Kobe-Beef und den Italiener im Industriegebiet nicht in die Steakbar in Downtown Manhattan.“

Ihr selbst reiche, schiebt sie nach, mittags auch mal eine Schüssel Cornflakes mit kalter Milch.

 

„Fressen wie die Schweine“

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Natürlich muss Quarkundso.de da energisch einschreiten: Wir protestieren aufs Schärfste!

Denn der Artikel ist zwar teilweise amüsant, und Deppen-Anglizismen sind immer ein lohnendes Ziel. Aber die Autorin verfehlt auf gefährliche Weise den Kern der Sache.

Sie kritisiert nämlich nicht nur den Sprachgebrauch.

Nein, Pousset stänkert generell dagegen, dass man sich zum Mittagessen Zeit nimmt und an einem gedeckten Tisch sitzt. Dabei outet sie sich als Feindin der genüsslichen Hauptmahlzeit. Das Mittagessen sei „von Haus aus unglamourös“ und primitivster Trieb:

„Energiezufuhr, im rein praktischen Sinn. Wenig Zeit trifft auf viel Hunger. Das ist dann oft mehr Fressen als Essen. Wie die Schweine am Trog und hoffen, dass nichts daneben geht.“

Das ist unmöglich. Eine solche Entwertung des Mittagsmahls ist kulturlos und menschenfeindlich, ebenso der ganze Kontext, in den die Autorin Essen stellt.

Damit ist sie nicht alleine: Zwar sind nicht alle so unflätig, aber das warme Essen in der Mitte des Tages wird immer öfter abgewertet, als Leistungsbremse betrachtet und wegrationalisiert.

Und das nicht nur von ausbeuterischen Chefs. Nein, besonders von jungen Leuten.

Eine treibende Kraft sind die urbanen Vielarbeiter, die digitalen Nomaden, die Performer aus kreativen Etagen und Neu-Berliner wie Sina Pousset. Die stammen zwar meist aus der Provinz, wo man in der Regel noch ordentlich zu Mittag isst. Aber urban, wie sie jetzt sind, halten sie die warme Mittagsmahlzeit für unfein.

 

Mittagessen? Hält nur auf

Wir haben darüber schon ausführlich berichtet, genauer gesagt lamentiert. Das war 2017, in einem der längsten Artikel bei Quarkundso.de überhaupt.

Das ist kein Zufall. Denn das Thema ist zu wichtig, um es kurz abzuhandeln und wir werden nicht müde, darauf aufmerksam zu machen, wie genussfeindlich und ungesund die sich immer mehr durchsetzende Snack-Kultur ist.

Inzwischen sind sämtliche Ratgeber, Ernährungsportale, unzählige Blogs und alle Krankenkassen gleichgeschaltet: Mittags muss es auf jeden Fall schnell gehen, etwas anderes kommt nicht in Frage.

Dabei gilt schon ein Teller Nudeln mit Soße, auf jeden Fall aber Fleisch mit Beilagen als zu üppig, weil warmes Essen angeblich zu „schwer im Magen“ liegt.

Das ist physiologischer Unfug und dazu unzivilisiert. Es deckt sich aber mit verqueren Vorstellungen gewisser Rationalisierer und Globalisierer, nach denen menschliche Bedürfnisse willkürlich verschiebbar sind, damit ununterbrochen gearbeitet werden kann.

Entsprechend hat auch Autorin Pousset in der SZ Leute auf dem Kieker, die es anders halten und dem Mittagessen Wert zumessen – etwa Restaurants wie ihr kleiner Italiener an der Ecke, der, wie sie schreibt, seinen Mittagstisch neuerdings als „Business-Lunch“ anpreist. Dem Wirt verübelt sie, dass er sich an den Trend ranhängen will.

 

Das gute alte Geschäftsessen

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Gut, man kann kleine Gastronomen dafür abkanzeln, dass sie ein Geschäft machen wollen.

An der Sache selbst gibt es aber nichts zu meckern. Denn wenn der kleine Italiener von Frau Pousset ein echter Italiener ist, hält er natürlich auf das Mittagessen: In Italien isst man mittags warm, ebenso wie in Frankreich, beides Länder mit berühmter Esskultur.

Anders ist das in den USA und England. Von dort stammt der verhängnisvolle Trend zum kalten Happen am Mittag, wobei man dort vielleicht gerade deshalb riesige Probleme mit Übergewicht und Diabetes hat.

Und dabei ist der sogenannte „Business-Lunch“ gar nicht identisch mit den berüchtigten amerikanischen „Snacks“ aus der „Lunchbox“.

Beim Business-Lunch handelt es sich vielmehr um ein Ritual, das in der europäischen Esskultur viel tiefer wurzelt als das Knabbern an Salatblättern zum Mittag: um das gute alte Geschäftsessen.

Historische Betrachtungen zu Bankett und Symposium sparen wir uns, die Vorteile des Redens beim Essen liegen auf der Hand: Sie reichen von der Kontaktpflege über das unauffällige Checken von Manieren und Weltläufigkeit bis zur Entkrampfung bei schwierigen Themen.

Am besten ist aber der klare Konsens, der beim Business-Lunch besteht: Es gibt was Gescheites zu essen. Niemand speist Manager mit Salat, Apfelschnitzen und Nüssen ab, wie es die Krankenkassen gestressten Büroarbeitern „zum Mittagssnack“ empfehlen.

Nein, zum Business-Lunch gibt es ein feines, mindestens zwei- oder dreigängiges Menü, und zwar zu Recht: Babyfutter mit Jogurt und püriertem Obst aus der Tupperware ist nichts für Erwachsene, die oft einen Zehnstundentag haben.

 

„Snack am Mittag“ von der Techniker Krankenkasse – Brötchen statt Hauptmahlzeit

Gepose mit kaltem Körnerkram

Daher verläuft die Front zwischen uns und Frau Pousset klar: Wir stehen auf der anderen Seite.

Wir kämpfen für die warme, nahrhafte Hauptmahlzeit, in welcher Form auch immer, ob schlicht in der Kantine oder edel im Restaurant. Warmes, frisch gekochtes und in Ruhe eingenommenes Essen ist gesünder, nahrhafter, befriedigender und appetitlicher als der kalte Körnerkram, der uns für den „leichten Lunch“ aufgeschwatzt wird.

Und wir schlagen zurück: Für Quarkundso.de sind nicht diejenigen die Angeber und Wichtigtuer, die mittags zum Essen gehen. Sondern die, die im Büro aus der Tüte futtern und behaupten, sie hätten keine Zeit für eine richtige Mittagspause.

Deren Präsentismus und das Gepose um Mitgebrachtes geht uns auf den Geist – das ganze gequollene Quinoa-Zeug, die glitschigen kalten Nudeln, die unreifen Avocados, übergossen mit süßem Balsamico-Dressing, die durchgeweichten Wraps mit muffigem Ei, die matschigen Salate, die pappig-schweren Vollkornbriketts mit Belag aus Kunstkäse oder Putenlappen.

Es leuchtet uns auch absolut nicht ein, warum ein Salat mit Fertigdressing aus der Plastikdose mittags „gesünder“ sein sollte als eine Portion Krautwickel mit Kartoffelpüree aus der Kantine.

Er ist es nämlich nicht.

 

Weiße Plastikdose mit gerolltem Sandwich (Wrap)

Durchgeweichte Wraps aus der Tupperware – für uns ist das nichts

Ohne Manieren: Mampfen am Schreibtisch

Auch das Mampfen am Schreibtisch finden wir unästhetisch und unhygienisch, sogar belästigend für Kollegen in demselben Raum. Und wer, was öfter vorkommt, mit vollem Mund ans Telefon geht, hat definitiv keine Manieren und aus unserer Sicht eine Abmahnung verdient.

Frech, wie wir sind, hängen wir uns gerne auch etwas weiter aus dem Fenster: Wer dauerhaft keine Zeit zum Essen hat, kommt mit seiner Arbeit nicht klar.

Da muss der Chef mal nachsehen und seine Fürsorgepflicht wahrnehmen. Und umgekehrt: Wenn Vorgesetzte keine Rücksicht auf die Mittagszeit nehmen und ständig Meetings von 12 bis 14 Uhr ansetzen, sind sie in ihrer Position falsch.

Wir präferieren dabei entschieden den Gang in die Kantine – eine auch nur halbwegs vernünftige Großküche, die ein oder zwei Auswahlessen und ein kleines Salatschüsselchen bietet, macht uns leistungsfähig für den Rest des Arbeitstages.

Die Belegschaft von Quarkundso.de marschiert jedenfalls mittags geschlossen in die Kantine, wenn eine da ist. Immer. Auch lassen wir das Mittagessen nie ausfallen, in Worten: nie.

 

Ausschnitt aus Twitter, Text: Kollegin kriegt seit Tagen mit, dass i keine Zeit hab zu essen sie kommt in mein Büro stellt mir ungefragt essen auf Tisch und sagt iss

Opfer der modernen Arbeitswelt: Auf Twitter berichtet eine junge Userin, dass sie tagelang keine Zeit zum Essen hat – das darf nicht sein.

Die Feinde der Mittagskultur

Doch der Feldzug gegen das warme Essen in Deutschland läuft: Schon Kindern wird die Hauptmahlzeit am Mittag regelrecht aberzogen, teils mit absurden Begründungen. Der Blick in ein beliebiges Mütterforum im Internet zeigt das:

„Eine gesunde und ausgewogene Ernährung braucht keine warme Mahlzeit. Die meisten essen gerne warm, weil es angenehm ist und gut schmeckt, aber gesünder ist es nicht. Meine Tochter bekommt in der Woche mittags auch nichts warmes, denn gekocht wird bei uns erst abends, wenn mein Mann da ist. Da kann sie sich, dann aussuchen ob sie was warmes mitisst oder sie isst Butterbrot, Rohkost und Joghurt. Warmes Mittagessen gibts bei uns nur am Wochenende.“

„Ich finde, das ist jedem selber überlassen (…) Die bedenken deiner Schwiegermutter sind Quatsch. Gerade bei warmen Essen ist so schnell alles Gesunde rausgekocht, da ist nun wirklich Rohkost usw. das wertvollere Essen.“

„Kein Mensch braucht mittags ein warmes Essen“

Zitate aus „Mama-Forum“ im Internet.

Interessanterweise sind Ernährungsexperten und Familienratgeber durchaus anderer Meinung und in Ganztagsschulen ist das – warme – Mittagessen sogar gesetzlicher Anspruch und häufig auch Pflicht.

Aber Feinde der Mittagskultur erstreiten sich, dass sie ihre Kinder vom Essen abmelden dürfen.

 

Zum Schaden der Kinder

Gleichzeitig berichten Zeitungen seit Jahren darüber, dass Erziehungsberechtigte das Schulessen nicht bezahlen und ihre Kinder deshalb mittags weinend vor leeren Tellern sitzen – oft dieselben, die morgens schon ohne Frühstück in die Schule kommen.

In vielen Fällen geht es dabei nur um den Mindestbeitrag von einem Euro täglich, fünf Euro die Woche, 20 Euro im Monat.

Welche Gründe solche Eltern auch immer vorbringen mögen, ob Überschuldung, Leben von Hartz IV oder „Die ist das gewöhnt!“, „Der braucht mittags nichts“, und „Wir kochen doch abends warm!“, eines muss klar sein: Das schadet den Kindern.

Wie bei den Zitaten aus dem Mama-Forum oben zu sehen war, geht es dabei nicht immer um Geld. So berichtete der Tagesspiegel 2016 aus Berlin:

Etliche Ganztagsschulen haben Probleme, die Eltern von der Notwendigkeit eines warmen Mittagessens zu überzeugen. Nach Informationen des Tagesspiegels gibt es mindestens eine Ganztagsgrundschule in Berlin, in der nur ein Drittel der Familien einen Vertrag mit einem Caterer abgeschlossen hat. In anderen Schulen sind es mitunter 50 oder 60 Prozent – und das, obwohl laut Schulgesetz eigentlich alle Kinder in Ganztagsschulen ein warmes Mittagessen bekommen sollen.

Ist das Kindeswohl gefährdet? Ja. Punkt.

Auf Anfrage musste der Berliner Senat 2016 tatsächlich, so der Tagesspiegel, der peinlichen Fragen nach dem Kindeswohl nachgehen. Man war sich da nicht ganz sicher:

„Unklar ist, ob eine Kindeswohlgefährdung vorliegt, wenn Eltern ihre Kinder mehr als acht Stunden ohne Essen lassen.“

Wir beantworten die Frage mal schnell und hängen uns dabei wieder weit aus dem Fenster: Ein Grundschulkind den ganzen Tag ohne Essen zu lassen, gefährdet das Kindeswohl, ja. Und es von einem warmen Mittagessen fernzuhalten, das sein Körper in der Wachstumsphase braucht, ebenfalls.

Unregelmäßige Mahlzeiten ohne warmes Essen stehen genau deshalb in Kriterienkatalogen für die Gefährdung von Kindern in der Familie, wie sie Jugendämter und Sozialbehörden nutzen.

 

Nachts schlafen. Tagsüber arbeiten. Mittags essen.

Zum Glück sind die Feinde des Mittagessens noch in der Minderheit. Aber sie machen gewaltig Druck.

Interessanterweise neigen nämlich diejenigen, die mittags mit einem Müsliriegel auskommen, zu autoritärem Reinregieren in den Bauch der anderen: „Das muss auch mal so gehen!“, „Warum isst Du nicht einfach einen Apfel?“, „Du kannst doch heute Abend essen!“.

Solchen Menschen mangelt es an Rücksicht und sie gehen ausschließlich von ihren eigenen Bedürfnissen aus: Weil sie Hunger verschieben oder gleich gar keinen haben, können sie sich nicht vorstellen, dass es anderen anders geht.

Doch Hunger am Mittag ist so natürlich wie der Schlaf in der Nacht.

Und menschliche Bedürfnisse sind nicht beliebig disponierbar. Menschen werden krank, wenn sie ihrem physiologischen Rhythmus nicht folgen. Der mag – in Grenzen – individuell sein, doch die grobe Linie ist: Nachts schlafen. Tagsüber arbeiten. Mittags essen.

 

Das Mittagsmanifest von Quarkundso.de

Daher wiederholen wir besonders mit Blick auf Schwächere und Kinder die wichtigsten Forderungen zur vernünftigen Mittagspause (das vollständige Mittagsmanifest ist im Artikel von 2017 zu lesen):

Die Mittagspause ist gesund und wichtig. Ein ordentliches – warmes – Mittagessen muss drin sein, wenn Arbeitnehmer, Kinder, Teamkollegen, wer auch immer, das möchten.

Arbeitgeber und der Staat sind dabei in der Pflicht, Schwächere vor menschenfeindlichem Druck zu schützen: Wir fordern angemessene Pausenplanung, mehr Kantinen, warmes Schulessen für alle Kinder, finanziert vom Staat. Ohne Wenn und Aber.

Natürlich soll dabei niemand zum Essen gezwungen werden.

Umgekehrt ist entscheidend: Diejenigen, die essen möchten, dürfen nicht daran gehindert werden. Nichtesser dürfen daher in keiner Situation über Menschen bestimmen, die mittags was Warmes brauchen.

Wir werden an dieser Front beharrlich weiterkämpfen, denn das Mittagessen ist  es wert – Oberthema: „Essen ist ein Menschenrecht“. Fortsetzung folgt.

©Johanna Bayer

 

SZ-Magazin vom 3.10.2018 zum Thema Lunch

Der Tagesspiegel über Schulessen und den Elternbeitrag

WDR, Quarks&Co dazu, warum Menschen mittags essen sollten – „Fünf Fakten für das Mittagessen“   – handgeklöppelt von der Chefredakteurin

Ausführlicher Beitrag zum Kulturkampf um das Mittagessen von 2017 mit historischem Hintergrund

 

Viral um jeden Preis: Wie die Uni Freiburg mit Tiraden gegen Kokosöl einen Youtube-Hit landet

Eine rabiate Medizinerin wütet an der Uni Freiburg gegen Kokosöl, das Video von ihrem Vortrag geht viral, die Pressestelle platzt vor Stolz. Aber die Professorin hat komplett überzogen, dabei das Richtige verschwiegen und das Falsche maßlos dramatisiert. Darf man das?

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist von der Seite der Uni Freiburg verschwunden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Sieh mal einer an. Links s. unten

 

Kokosnuss ganz, zwei halbe Kokosnüsse und ein Glas mit reinem weißen Kokosnussfett

Kokosöl – so rein, so weiß und pures Gift: Kann das sein? Quarkundso.de klärt auf.

Youtube-Videos, die viral gehen, sind ohne Zweifel auch Medienphänomene und stehen daher auf der To-do-Liste von Quarkundso.de. Gerade hat zum Beispiel die Uni Freiburg einen Video-Hit auf Youtube gelandet, und zwar mit einem Vortrag über Superfood: seit Veröffentlichung im Juni schon über 1,3 Millionen Aufrufe.

Die Referentin ist Medizinerin, eine Prof. Dr. Dr. Karin Michels. Sie versprach, mit Ernährungsmythen aufzuräumen, insbesondere mit denen rund um Kokosöl.

Da strömte das Publikum nur so, und die hochdekorierte Medizinerin, die in Harvard studiert hat und dort auch lehrt, schoss gepfefferte Salven ab:

Kokosöl ist das reine Gift!

Kokosöl ist das Schlimmste, das Sie zu sich nehmen können!

Kokosöl ist gefährlicher für Sie als Schweineschmalz … weil es noch mehr gesättigte Fettsäuren hat.

Es ist ein hartes Fett und alles Feste geht direkt in Ihre Koronararterien.

Je mehr Kokosöl, je mehr verstopfte Herzkranzgefäße und die führen zum sicheren Herztod.

Es gibt nicht eine einzige Studie am Menschen, die eine einzige positive Wirkung von Kokosöl zeigt.

Das war ein Aufreger, ist doch Kokosöl nicht nur seit Jahrtausenden ein traditionelles Nahrungsfett in den Tropen, sondern neuerdings der Liebling der vegetarischen, veganen, cleanen und hippen Küche, in den Bioläden fest etabliert. Deshalb ist es sicher kein Wundermittel. Aber Gift?

Der SWR hat berichtet, der FOCUS, der Münchner Merkur, die HuffPost und ganz viele andere. Dazu kommt eine Flut von Mailanfragen an den Präsidenten der Uni Freiburg und die Leitung des Universitätsklinikums, wo Frau Prof. Dr. Dr. Michels tätig ist.

 

Frau Prof. Dr. Dr. widerspricht sich selbst

Natürlich ist Quarkundso.de von Fans gleich besorgt angefragt worden: Was da dran sein? Ob die Medizinerin Recht habe, und was wir davon halten?

Aber in die Falle gehen wir nicht.

Denn wir widersprechen auf keinen Fall Professoren und –innen, oder Leuten mit doppeltem Doktor.

Das lassen wir sie lieber selbst erledigen.

Frau Prof. Dr. Dr. musste nämlich nach ihren wüsten Ausfällen gegen Kokosfett zurückrudern: Sie hat ein ebenso zahmes wie verwirrendes und erstaunlich kurzes „Statement“ nachgeschoben, das jetzt beim Video im Netz steht.

Zu dieser Erklärung hat wohl die Unileitung oder die Pressestelle sie nachträglich aufgefordert, wegen der vielen Nachfragen und der Kritik. Doch in ihren „Erläuterungen“ klingt alles etwas anders.

Zum Beispiel so:

Der Konsum dieser Fettsäuren (aus Kokosöl, d. Red.) erhöht die Spiegel des schlechten LDL Cholesterins im Blut, was zum Herzinfarkt führen kann.
Laurinsäure (im Kokosöl) erhöht aber auch das gute HDL.

Genau gelesen? Ein erhöhter LDL-Spiegel KANN zum Herzinfarkt führen, schreibt sie jetzt.

Wir heben das absichtlich hervor, denn im Vortrag beschwor die Professorin dramatisch den sicheren Herztod herauf. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied.

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Im Übrigen ist ein erhöhter LDL-Spiegel keineswegs die Ursache für den Herzinfarkt, sondern nur ein Risikofaktor unter anderen. Auch das ist ein fundamentaler Unterschied.

Noch wichtiger ist, dass die wankelmütige Professorin plötzlich auch die günstige Wirkung der Laurinsäure aus dem Kokosöl auf das gute HDL-Cholesterin erwähnt. Dieses Eingeständnis findet sich nur im PDF, nicht im Vortrag.

Da heißt es vom Kokosöl, es sei „reines Gift“.

 

Butter für die Leber, Kokosöl für das Gehirn

Weiter geht es mit den Studien:

Studien, die zu diesem Thema durchgeführt wurden, verwendeten oft speziell hergestellte Öle aus 100 % mittelkettigen Fettsäuren, nicht das kommerziell erhältliche Kokosöl – also ein völlig anderes Produkt.

Ach, jetzt gibt es doch Studien? Ja, klar, die gab es auch vorher schon, das hätte Frau Prof. Dr. Dr. daher gleich in ihrem Vortrag erwähnen müssen.

Offensichtlich als Reaktion auf Kritik behauptet sie jetzt, dass die Spezialprodukte in bestimmten Studien nicht mit dem natürlichen Lebensmittel Kokosöl identisch sind.

Stimmt allenfalls teilweise. Denn erstens gibt es auch Humanstudien zu Kokosöl, insbesondere ganz neue zu Kokosöl zur Verbesserung von Alzheimer und Parkinson. Aber zweitens geht es tatsächlich in vielen Studien oft nicht um natürliche Lebensmittel.

Es ist nämlich für die Pharmaindustrie oder wer auch immer die Studien finanziert, höchst unergiebig, ein natürliches Nahrungsmittel zu testen. Das sind diffuse Gemische aus tausenden von Stoffen, von denen man nicht weiß, was genau wirkt.

Das aber wollen Forscher und Pharmaunternehmen – gezielt einen Wirkstoff finden.

Also engen sie die Auswahl auf Kandidaten ein, von denen man sich etwas verspricht. Das waren bei den Fettsäure-Studien die erwähnten mittelkettigen Fettsäuren. Deren Effekte hat man wissenschaftlich untersucht. Was Leber- und Magen-Darm-Erkrankungen angeht, konnte man die günstige Wirkung dieser Stoffe vor 25 Jahren dann wissenschaftlich bestätigen.

Seitdem werden Verdauungskranke mit diesen mittelkettigen Fettsäuren, sogenannten MCT-Fetten aus Spezialölen, in der Ernährungstherapie behandelt.

Die Laurinsäure, das Hauptfett im Kokosöl, gehört dazu. Zu rund 50 Prozent besteht Kokosfett aus Laurinsäure. Lustig, nicht wahr, dass das gut für Leber, Magen und Darm ist?

Ach so – früher hat der kundige Arzt seinen Leberkranken hierzulande, wo es weder Kokosöl noch moderne MCT-Öle gab, einfach die gute Butter verordnet. Die enthält auch viele MCTs und gesättigte Fettsäuren, für Magen-, Gallen- und Leberkranke sehr bekömmlich.

Das ist ganz besonders lustig, weil Butter ebenso wie Kokosöl von Frau Prof. Dr. Dr. inkriminiert wird.

 

Die amerikanische Krankheit: Obsession Herzinfarkt

Nun liegt es aber so, dass Krankheiten der Verdauungsorgane und der Leber nicht das Fachgebiet von Frau Prof. Dr. Dr. sind. Sie ist keine Internistin oder Ernährungsmedizinerin. Sie ist von Haus aus Gynäkologin und außerdem hat sie es mit Methodik und Statistik. Aber nicht mit Essen.

Umso erstaunlicher, dass sie sich so wüst zu einem traditionellen Nahrungsfett wie Kokosöl äußert.

Den Mut dazu gewinnt sie daraus, dass sie im Zusammenhang mit Frauenleiden epidemiologische Studien liest. Dort geht es um Prävention, und meist um die großen Volkskrankheiten – Krebs, Herzinfarkt, Diabetes, Übergewicht. Diese Studien liefern aber zu einzelnen Lebensmitteln allenfalls lose Korrelationen und nur sehr grobe Daten.

Für die gesamte Bewertung eines Nahrungsmittels und seiner Bedeutung für die menschliche Ernährung reicht das auf keinen Fall aus. Schon gar nicht bei einem Fett, das aus den Tropen stammt, wo über Jahrtausende Herzinfarkt und Diabetes nicht die größte Sorge der Menschen waren: Diese Krankheiten haben sie erst jetzt, seit sie auf die Nahrung der Industriestaaten umgestiegen sind. Mit viel „gesundem“ Pflanzenöl und vielen „wertvollem“ Getreide. Dazu, zur Gesundheit der Südseeinsulaner zum Beispiel, die traditionell viel Kokosöl verzehren, gibt es übrigens auch Studien.

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Interessanterweise ist aber das Schreckbild des Herzinfarkts der Punkt, um den die ganze Hysterie kreist: Denn wegen der – angeblichen – Risikoerhöhung bei Herzinfarkt verteufelt Frau Prof. Dr. Dr. Kokosöl, ebenso wie Butter und Schweineschmalz und überhaupt tierische gesättigte Fettsäuren.

Das lässt sich nur so erklären, dass sie durch ihre Arbeit in den USA von der amerikanischen Krankheit befallen ist: einer merkwürdigen Herzinfarkt-Hysterie beim Essen.

In den USA werden nämlich alle Lebensmittel sowie die gesamte Ernährung im Hinblick auf den Herzinfarkt beurteilt, weil man dort der Meinung ist, eine „gesunde“ und fettarme Ernährung könne den Herzinfarkt verhindern.

Umgekehrt wird der Herzinfarkt nahezu ausschließlich als Folge einer „ungesunden“ Ernährung betrachtet.

Rauchen, Bluthochdruck, Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress, Gene, Stoffwechselstörungen, also die richtig großen und wissenschaftlich anerkannten Risikofaktoren, die hohe Cholesterinwerte überhaupt erst gefährlich machen können?

Egal, Hauptsache, die Butter kommt vom Brot.

 

Fett als Feindbild und die Fakten

Diese grobe Verzerrung ist in Deutschland und dem Rest von Europa nicht üblich, mal abgesehen von ein paar Veganern oder Essgestörten im Magerwahn.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält sich inzwischen bedeckt: Nach Jahren der Fettverteufelung muss sie seit 2006 kleinere Brötchen backen, weil die wissenschaftliche Lage sie dazu zwingt. Denn es ist gar nicht sicher erwiesen, dass gesättigte Fettsäuren Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen.

Im Forschersprech: Die Evidenz dafür ist nicht sehr hoch.

Deshalb hat die DGE aus ihren 10 Regeln für Ernährung zum Beispiel die Behauptung gestrichen, dass zu viele gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt erhöhen und man unbedingt Fett sparen muss. Jahrelang stand das in der Fett-Regel, seit 2018 ist es weg.

Weil man aber nicht so leicht vom Feindbild Fett lassen kann, findet sich in den 10 Regeln immer noch was von ungünstigen Wirkungen gesättigter Fettsäuren auf die Blutfettwerte. Sicherheitshalber.

Gleichzeitig hat man die Argumentation umgestrickt: 2018 heißt es in den neuen 10 Regeln schlau, dass nicht die gesättigten Fettsäuren den Herzinfarkt auslösen – sondern dass weniger davon das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken können.

Vielleicht. Denn auch hier ist die Evidenz nicht sehr hoch.

Das bedeutet: Es ist nicht sicher erwiesen, dass weniger gesättigte Fettsäuren vor Herzinfarkt schützen. Es ist sogar so, räumt die DGE ein, dass es möglicherweise überhaupt keinen Zusammenhang gibt – weder zwischen gesättigten Fettsäuren und Herzinfarkt allgemein noch zwischen dem Austausch gesättigter Fettsäuren durch angeblich bessere Stoffe wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren aus Pflanzenöl.

Das alles steht in gewundenen Worten in der Fettleitlinie der DGE, einem Hintergrundpapier zur Forschungslage rund um Fett in der Ernährung. Und weil die Arbeitsgruppe umfassend die wissenschaftlichen Studien sondiert hat, ist die DGE gegenüber den Tiraden der Frau Prof. Dr. Dr. jetzt unsere Kronzeugin.

 

Nicht überzeugend: die Fettratschläge

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat nämlich in der DGE-Leitlinie zu Fett mal nachgelesen. Das war natürlich Schwerstarbeit: seitenweise verschlüsseltes Geheimvokabular, durch das man sich in Doppelschichten durchbuchstabieren musste.

Es ist aber gelungen, die brisantesten Stellen aus dem heißen Material herauszuziehen und hier zu übersetzen. Ergebnis: Was man der DGE nicht vorwerfen kann, ist, dass sie schwindelt oder was verschweigt, wie Frau Prof. Dr. Dr.

Nein, die DGE bleibt sauber und gibt den Stand der Forschung gewissenhaft wieder. Aus taktischen Gründen und mit festem Blick auf das Endziel – weg mit den gesättigten Fettsäuren, egal wie – allerdings von hinten durch die Brust ins Auge.

Dazu skandieren die beteiligten DGE-Wissenschaftler einen Kanon von möglichen Effekten bei Fetten durch. Aber an keiner Stelle können sie sagen, dass gesättigte Fettsäuren wissenschaftlich sicher belegt Herzinfarkt und koronare Herzkrankheiten auslösen oder auch nur das Risiko stark erhöhen.

In der Leitlinie Fett sieht das so aus:

Die Evidenz für eine primäre Prävention der KHK durch eine Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen PUFA wird als wahrscheinlich bewertet.

Das bedeutet: Wenn man gesättigte Fettsäuren (aus Butter, Fleisch oder Kokosöl) durch mehrfach ungesättigte (aus Fisch oder Nüssen) ersetzt, ist nicht sicher, dass sich ein Herzinfarkt verhüten lässt. Es ist nur wahrscheinlich, dass dadurch das allgemeine Risiko dafür sinkt.

Die höchste Evidenzstufe, bei der man von einem sicheren Beleg sprechen kann, wäre „überzeugend“.

„Wahrscheinlich“ ist nur die zweithöchste und zeigt, dass der Austausch der gesättigten Fettsäuren durch andere, für besser gehaltene, eben nicht sicher vor dem Herzinfarkt schützt. Genau gelesen? Fett austauschen schützt nicht.

Das bedeutet auch: Gesättigte Fettsäuren machen keinen Herzinfarkt.

 

Gesättigte Fettsäuren machen möglicherweise – gar nichts

Dann kommt noch eine interessante Wendung:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen MUFA oder Kohlenhydrate wird als möglich bewertet.

Hier geht es um die Kritik an der Fett-Hypothese. Und es bedeutet: Möglicherweise gibt es tatsächlich gar keinen Zusammenhang zwischen dem Herzinfarkt-Risiko und dem Versuch, statt gesättigter Fettsäuren zur Vorsorge mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Pflanzenöle) oder Kohlenhydrate zu sich zu nehmen.

Das heißt: Fett sparen und gesättigte Fettsäuren durch angeblich „gesunde“ Fette oder Kohlenhydrate zu ersetzen, ist vielleicht sogar kompletter Unsinn. Das kommt dann noch einmal:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA (ohne gezielten Austausch gegen andere Energieträger) wird als möglich bewertet.

Wie im Absatz vorher, nur stärker: Möglicherweise – dritte Evidenzstufe – gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen einem Risiko für koronare Herzkrankheiten samt Herzinfarkt und dem Weglassen von gesättigten Fettsäuren in der Ernährung.

Das ist schon ein ziemliches Zugeständnis und vielleicht deshalb so gut verschwurbelt und versteckt.

Denn es bedeutet: Die Kritiker der DGE und der Fetthysterie haben möglicherweise wirklich Recht. Und vielleicht muss die ehrenwerte Gesellschaft das irgendwann auch anerkennen: Es könnte sein, dass es überhaupt keine Folgen von gesättigten Fettsäuren für die Herzgesundheit gibt.

 

Was reitet Frau Prof. Dr. Dr.?

Stück Butter auf Backpapier, nah

Die gute Butter: Bekömmlich und gesund.

Die steilen Parolen von Frau Prof. Dr. Dr. sind damit komplett erledigt, das sollte damit klar sein.

Die Frage ist, was die Frau geritten hat.

Dazu hat der Pressesprecher der Universität Freiburg ein erfrischend offenes Statement abgegeben.

Ob der großen Aufmerksamkeit platzte er schier vor Stolz, und freute sich über tausende von neuen Abonnenten für seinen Videokanal, ein richtiger Social-Media-Erfolg, super für das Haus.

Man kann es so sehen. Das ist dann wie bei den Klatschblättern, die unentwegt Falschmeldungen zu Schwangerschaften, Scheidungen und Krankheiten verbreiten, obwohl die Redakteure genau wissen, dass alles erfunden ist.

Der Medienblog Topfvollgold.de beschreibt das so:

„Brot und Butter der Klatschblätter ist die Unterstellung, die Irreführung …

Diese Form der hysterischen Dramatisierung ist die Domäne der Regenbogenpresse, die bevorzugt Begriffe wie “Frau”, “Gold”, “Freizeit” und “Aktuell” im Titel trägt. …

Aber es ist unbestreitbar (…), dass die Regenbogenpresse regelmäßig die Grenze von der Irreführung zur glatten Lüge überschreitet, dass sie Persönlichkeitsrechte missachtet, Menschen verleumdet und öffentliche Pranger baut.“

Mit exakt derselben hysterischen Dramatisierung hat sich nun die Universität Freiburg in Gestalt der Institutsleiterin Michels, Prof. Dr. Dr., präsentiert. Das Opfer am Pranger ist das Kokosöl, die Leidtragenden sind die Verbraucher und Patienten.

 

Erfolg im Netz: Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Denn der von sich selbst begeisterte Pressesprecher zahlt für seine Videoabonnenten einen Preis: Es sind schwere Kollateralschäden bei der verunsicherten Bevölkerung, die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft und Universitäten betreffend.

Denn jetzt fragen Menschen, was mit dem Kokosöl und der Butter ist. Kann man das überhaupt noch essen? Oder fällt man – Gift! Sicherer Herzinfarkt! – tot um? Wenn eine Harvard-Professorin mit zwei Doktortiteln so etwas sagt, dann muss da doch was dran sein? Die Universität wird doch wohl wissen, was sie tut?

Anscheinend nicht. In Freiburg hat man nur blindwütig agiert, um Aufmerksamkeit zu heischen.

Der Skandalvortrag steht trotz der offensichtlichen Falschaussagen auch noch im Netz. Und die Lässigkeit, mit der die rabiate Medizinerin ein paar Sätze nachschiebt, ohne zu begründen, warum sie das Richtige verschwiegen und das Falsche völlig überzogen hat, ist bemerkenswert.

Auch ist sie peinlich. Der Pressesprecher des Universitätsklinikums dazu:

„Wir freuen uns, dass wir Dank der sozialen Medien den Inhalt einer öffentlichen Veranstaltung so vielen Menschen zugänglich machen können“, sagt Benjamin Waschow, Leiter der Unternehmenskommunikation des Universitätsklinikums Freiburg.

„Wir haben mit dem Thema wohl einen Nerv getroffen. Dass das Thema kontrovers diskutiert wird, nehmen wir als universitäre Einrichtung als Bereicherung wahr.“ Das Universitätsklinikum Freiburg ist seit mehreren Jahren in den sozialen Medien sehr aktiv. Der Facebook-Auftritt und der Youtube-Kanal des Universitätsklinikums Freiburg gehören zu den erfolgreichsten unter den deutschen Universitätskliniken.“

 

Toll gemacht. Aber seriös ist anders.

@Johanna Bayer

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist auf der Seite der Uni Freiburg nicht mehr zu finden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Überraschung! 

Unter diesem Link mit der Pressemitteilung war das Video – zack, weg.

Aber auf Youtube hat jemand den Ausschnitt reingestellt: Ausschnitt aus dem Video Uni Freiburg auf Youtube, Vortrag von Prof. Dr. Dr. Karin Michels zu Superfood und Kokosöl

Kanal der Uni Freiburg auf Youtube: nichts mehr von Frau Michels über Kokosöl

PDF mit „Statement“ von Michels zum Vortrag

Pressemitteilung der Universität Freiburgvorher mit Video, jetzt ist es gelöscht.

Ausführliche Gegendarstellung mit Forschungsbelegen gegen die Behauptungen von Prof. Dr. Dr. Karin Michels auf dem Portal für Sporternährung von Dr. Feil

Die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder mit einer Kritik der Kritik an Kokosöl

Buchempfehlung zum Nachlesen: „Mehr Fett!“ von Ulrike Gonder und Nicolai Worm, Systemed Verlag 2010

 

Hier noch ein Auszug aus einem früheren Beitrag von Quarkundso.de zu Kokosöl und der Position der American Heart Association (AHA) von 2017.

Die AHA hatte 2017 sowohl vor Kokosöl als auch vor Butter und gesättigten Fettsäuren gewarnt. Wie man sieht, folgt Prof. Dr. Dr. Michels aufs Haar genau dieser US-Doktrin, was zeigt, dass sich ihr wüster Vorstoß tatsächlich direkt aus der amerikanischen Perspektive nährt. 

Aus dem Beitrag „BRIGITTE – online first und Chaos mit Kokosöl“

Quarkundso.de, das Ernährungsportal Ihres Vertrauens, sieht sich demselben Druck ausgesetzt wie die billigen Online-Angebote – wir stehen nämlich auch unter dem Zwang, Nutzwert zu liefern und alles leicht, in Häppchen und verständlich zu servieren.

Daher kurz zur Sache: Was ist jetzt mit dem Kokosöl und der AHA?

– Die American Heart Association (AHA) hat am 26.6.2017 eine allgemeine Empfehlung zu Nahrungsfetten herausgegeben. Diese hat sich nicht ausschließlich mit Kokosöl beschäftigt. Es ist ein Positionspapier zu gesättigten Fettsäuren und Nahrungsfetten allgemein. Darin hat die AHA den kompletten Forschungsstand zusammengefasst, bis hin zu Fütterungsversuchen mit Affen und Studien aus den letzten 60 Jahren Forschungsgeschichte.

– Alles, was sie in ihrer Empfehlung schreibt, ist bekannt und nichts als die Wiederholung der alten amerikanischen Fett-Doktrin: Raus mit den gesättigten Fettsäuren aus der Nahrung! Diese Doktrin vertritt man in den USA schon seit den 1950er Jahren. Immerhin erwähnt die AHA nebenbei korrekt, dass es heute keine Begrenzung der Fettmenge in der Nahrung mehr gibt und dass, Achtung, der Ersatz von Fett durch Kohlenhydrate und Zucker negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Dass Kokosöl wegen der ungesättigten Fettsäuren angeblich ungünstig ist, steht aber auch schon in den amerikanischen Ernährungsempfehlungen von 2010, den Dietary Guidelines.

– In dasselbe Horn – gegen das Kokosöl – stoßen auch andere Institutionen wie 2016 die British Nutrition Foundation, eine nationale Ernährungseinrichtung in England – wieder ohne Zweifel ein Land mit höchster Ernährungskompetenz.

– Hintergrund ist natürlich, dass es in der Wissenschaft seit Jahren immer mehr Stimmen gibt, die traditionelle Nahrungsfette mit einem natürlichen Gehalt an gesättigten Fetten rehabilitieren. Die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Butter wurde vom TIME MAGAZINE schon 2014 auf den Titel gehievt („Eat Butter!“). Milchfett, das viele gesättigte Fettsäuren enthält, ist inzwischen schwer im Aufwind: Nein, es verursacht keinen Herzinfarkt und führt auch nicht langfristig zu schlechteren Cholesterinwerten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, speziell Milchfett wirkt sich günstig aus auf den Cholesterinspiegel und bei vielen Krankheiten aus. Kokosöl ist das neue Lieblingskind der Fettfreunde, und es werden ihm viele günstige Wirkungen auf Stoffwechsel, Gehirn und Immunsystem nachgesagt. Interessant ist das allemal, beinhart bewiesen aus Sicht der Kokos-Kritiker nicht.

– Es ist aber in dieser Lage barer Unsinn, was in der – von den Nachrichtenagenturen erfundenen Überschrift – steht: „Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter!“. Erstens ist Butter nicht ungesund, siehe oben. Zweitens hat selbst die AHA nicht gesagt, dass Kokosöl „so ungesund ist wie Butter“. Im Papier steht, dass das Austauschen von Butter gegen Kokosöl wegen des hohen Anteils von gesättigten Fettsäuren nicht das bringt, was man sich erwartet, da beide viele gesättigte Fettsäuren enthalten.

– Allerdings rät die AHA in ihrer Stellungnahme tatsächlich rundheraus von Kokosöl ab, und zwar nicht, weil Studien erwiesen hätten, dass Kokosöl Herzinfarkt und Schlaganfälle auslöst. Oder weil Menschen, die traditionell viel Kokosöl konsumieren – etwa in den Tropen – besonders oft an diesen Krankheiten sterben. Das ist nämlich nicht der Fall. Nein, es ist ein rein theoretischer Befund, eine Interpretation nicht über das Lebensmittel Kokosöl, sondern über isoliert betrachtete gesättigte Fettsäuren:

„Clinical trials that compared direct effects on CVD of coconut oil and other dietary oils have not been reported. However, because coconut oil increases LDL cholesterol, a cause of CVD, and has no known offsetting favorable effects, we advise against the use of coconut oil.”

– Das ist ein dicker Hund und die Freunde der Kokosnuss laufen Sturm dagegen. Sie betonen, dass weder den gesättigten Fettsäuren an sich, und schon gar nicht den traditionellen Nahrungsfetten in der Forschung wirklich nachgewiesen werden konnte, dass sie Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen. Tatsächlich ist die Interpretation der AHA nur die Sicht aus einer bestimmten Brille. Selbst die traditionell behäbige deutsche DGE konnte nicht umhin, anlässlich ihrer Fettleitlinie zuzugeben, dass gesättigte Fette nicht Schuld sind an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderem. Das liest sich einigermaßen verwirrend:

FAQ zur Leitlinie Fett der DGE“

1. Welche Krankheiten thematisiert die Leitlinie und warum?
Die Leitlinie thematisiert Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Metabolisches Syndrom, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Krebskrankheiten, weil sie zu den häufigsten chronischen Krankheiten in Deutschland zählen. Aus Kapazitätsgründen konnte die Leitlinienkommission nicht alle Krankheiten, bei denen die Fettzufuhr eventuell relevant ist, berücksichtigen.
(…)

4. Sind gesättigte Fettsäuren schlecht?
Eine hohe Zufuhr von gesättigten Fettsäuren erhöht die Gesamt- und LDL-Cholesterolkonzentration im Blut, ist aber bei den hier betrachteten Krankheiten mit keinen weiteren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden. Durch den Austausch von gesättigten durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren lässt sich allerdings das Risiko für Fettstoffwechelstörungen und die koronare Herzkrankheit senken. Deshalb empfiehlt die DGE, die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren … zu senken.“
(Ende Zitat DGE)

– Wo der Hund begraben liegt, ist also bei den von der AHA zitierten Studien zu Herzinfarkt und Schlaganfall im Verhältnis zur Aufnahme von gesättigten Fettsäuren. Sagen die was aus oder nicht? Sagen die Fütterungsversuche an Rhesusaffen was aus oder nicht? Zwar konnte bei Menschen mit Risikofaktoren konnte festgestellt werden, dass ihre schlechten Werte sich verbesserten, wenn sie gesättigte Fette verminderten und gegen ungesättigte Fettsäuren eintauschten. Im Klartext: Der LDL-Spiegel bei kranken Risikopatienten sank, die übergewichtig und fehlernährt waren, schon einen Herzinfarkt erlebt hatten oder eine koronare Herzkrankheit hatten. Auch sanken bei Studien mit solchen Gruppen die Raten für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Doch gerade die erwähnten finnischen Studien sind auf andere Länder nicht übertragbar, denn in Finnland gibt es eine genetische Häufung von frühen Herzinfarkten und hohem LDL. Und allgemein ist die Krux: Solche Studien mit Patienten sagen nicht wirklich etwas über Gesunde und die Zuträglichkeit der Lebensmittel aus. Ein kranker Körper funktioniert anders.

– In allen Interventionsstudien, die die AHA nennt, wurden die Nahrungsfette bei Menschen ausgetauscht, die gleich mehrere Risikofaktoren hatten. Dazu zählen auch Entzündungen im Körper, die inzwischen als die wahren Ursachen für Herzinfarkt und Schlaganfall gehandelt werden. Für allgemeine Ernährungsratschläge taugt so etwas also nicht. Und schon gar nicht für den Umgang mit einem traditionellen Nahrungsmittel wie Kokosöl. Man müsste sonst Millionen von Menschen in den Tropen ihre Esskultur und ihr Ernährungswissen absprechen. Das können sich die dicken Amis und Engländer mit ihrem Industriefraß weiß Gott nicht erlauben, um es mal ganz vorsichtig à la Quarkundso.de auszudrücken.

Damit sind wir mit unserer Weisheit aber auch am Ende.

Die Freunde der Kokosnuss wissen mehr, namentlich die großartige Ulrike Gonder, deutsche Expertin in dieser Sache. Links im Nutzwert-Teil ganz unten.

Weil bei Online aber immer das Persönliche zählt, gesteht die Chefredaktion von Quarkundso.de noch, dass sie an Fett nicht spart und sich obendrein jeden Tag einen Löffel voll mit nativem Bio-Kokosöl genehmigt. Das soll gut sein fürs Gehirn, und übrigens auch fürs Immunsystem.

Die Cholesterinwerte der gesamten Chefredaktion, namentlich der #Fettbeauftragten, entsprechen dabei denen eines neugeborenen Babys.

Kein Witz. Wir können daher den Konsum von Butter, Vollmilch, Sahne, Schweineschmalz und lecker Kokosöl nur empfehlen. Aber auf uns hört ja keiner.

©Johanna Bayer