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Die WELT: Gute und schlechte Kohlenhydrate – bis zum Killer-O-Ton

 

Muffin / Napfkuchen mit Zuckerstreuseln

Kuchen, Brot und Süßes: böse oder gut? Egal, es schmeckt. Nur zu viel darf es nicht sein.

Brot, Süßes und Kuchen machen dick.

Das kann kein vernünftiger Mensch bezweifeln.

Natürlich nur, wenn man zu viel davon isst. Bei Brot, Croissants, Süßem, Kuchen, Schokolade und Keksen passiert das aber gerne.

Deshalb sollte man, wenn man abnehmen möchte, derlei bevorzugt einsparen.

Schon bei Tolstoi kann man das nachlesen, in „Anna Karenina“: Da reißt sich der fesche Leutnant Wronskij seiner Figur zuliebe zusammen, denn er will sein Gewicht halten. Also versagt er sich „Mehlspeisen und Süßigkeiten“, stattdessen isst er Beefsteak.

Im französischen Kochbuchklassiker „Gastronomie pratique“ von Henri Babinski stand es auch schon vor 100 Jahren: Backwaren machen dick.

Dieses alte Erfahrungswissen haben heute Bodybuilder, Fitness-Freaks, magere Yoga-Mädels von der Clean-Eating-Fraktion, Paleo- und Atkins-Jünger sowie viele Veganer in ganze Systeme verwandelt. Einige der Akteure sind sogar sicher, dass alle Kohlenhydrate und besonders Zucker des Teufels sind.

Das ist natürlich übertrieben.

Trotzdem gewinnt die Low-Carb-Welle dauerhaft Anhänger, während die biedere alte Vollkorn-Front mit dem Rücken an der Wand steht. Diese Ungerechtigkeit und das Lamento der Verlierer findet gerne Gehör im Ressort „Gesundheit“.

Dort erklären Journalisten vereint mit Ökotrophologen wieder und wieder, dass man unbedingt Kohlenhydrate braucht, warum das so ist, und dass man bloß nicht zu viel Fleisch und Fett, dafür aber ganz viele Vollkornprodukte essen soll. Experten sekundieren.

Auch die WELT hat sich neulich dieser guten Sache angenommen und alles noch einmal richtig erklärt: Welche die guten und welche die schlechten Kohlenhydrate sind, welche man essen soll und welche nicht.

 

Alles richtig gemacht. Fast.

Der Artikel ist nach den Regeln des Handwerks gestrickt: Ein griffiger Befund am Anfang, weiter geht es mit einer steilen These, dann werden die Fronten zwischen den Widersachern gezogen, anschließend wird möglichst kurz möglichst viel erklärt, und dazwischen sorgen knackige Statements von Fachleuten für die nötige Glaubwürdigkeit.

Normalerweise ist damit die Sache im Kasten.

Nur sind leider die meisten Aussagen im Text wahlweise trivial oder gleich krachend falsch, und die Argumentation ist wirr. Am schönsten ist aber, dass einer der befragten Experten der Autorin dazwischen funkt. Er liefert ein Statement, das ihre Bemühungen komplett konterkariert – doch die Autorin zieht ihr Ding durch.

Das ist erstaunlich und schade. Endlich sagt mal einer was Knackiges zu dem Thema, und dann merkt es keiner, weder Autorin noch Redaktion.

Jetzt bleibt die Drecksarbeit mal wieder an Quarkundso.de hängen. Das ist gemein.

Aber wir drücken uns natürlich nicht. Denn es ist ja für einen guten Zweck, daher stürzen wir uns unverdrossen in eine öde Beitragsanalyse, um am Ende die einzig wahren Fakten zu Kohlenhydraten ein für alle Mal – so richtig! – zu servieren.

Aber Achtung, hier kommt ein Warnhinweis: Es wird grauenvoll.

Zartbesaitete, Clean-Eating-Fans und Studenten der Ernährungswissenschaften lesen bitte nicht weiter, sondern widmen sich der Vorbereitung ihres gesunden Müslis mit vielen guten Kohlenhydraten für morgen früh.

 

Wir brauchen keine Kohlenhydrate. Aber wir essen sie gerne

Kohlenhydrate, heißt es also zum Einstieg beim WELT-Artikel, seien in Verruf geraten und als Dickmacher verschrien, dabei gehörten sie zu einer ausgewogenen Ernährung. Es sei aber entscheidend, die richtigen Kohlenhydrate zu essen.

Ach ja? Entscheidend, und sie gehören unbedingt in eine ausgewogene Ernährung? Dass Zucker, Limos und Süßigkeiten gestrichen werden können, ist sicher Konsens.

Aber auch alle anderen Kohlenhydrate scheinen nicht wirklich wichtig zu sein: Es ist unproblematisch, den Anteil der Kohlenhydrate auf nur 10 Prozent zu reduzieren, kann man im Atlas der Physiologie nachlesen. Das bedeutet: Der Mensch kann mit einer Ernährung zurechtkommen, die mindestens zu 90 Prozent aus Fett und Eiweiß besteht.

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Andererseits kann man auch viel mehr Kohlenhydrate essen, sogar so viele, wie es die DGE empfiehlt, nämlich 60 Prozent Anteil an den täglichen Kalorien. Nur ist das weder notwendig noch entscheidend für den Menschen. Zumindest nicht aus physiologischen oder medizinischen Gründen.

Unzweifelhaft macht es aber Spaß, Kohlenhydrate zu essen.

Das liegt an den Lebensmitteln, in denen sie stecken: Die schmecken gut und sind meistens sehr nützlich, weil sie Ballaststoffe, Vitamine, Protein und Mineralien enthalten und so schön satt machen. Natürlich nur, wenn man echte Lebensmittel nimmt, und kein Industrie-Süßzeug oder Limos und Säfte.

Es ist in diesem Zusammenhang sowieso die Frage, warum ständig der abstrakte Makronährstoff “Kohlenhydrate” umständlich erklärt, aber nicht über Lebensmittel gesprochen wird: über Brot, Nudeln, Pizza, Reis oder Kartoffeln, über Spinat, Kohl, Rüben, alles, was irgendwie Kohlenhydrate enthält (unter anderem) und unser Essen so schön bereichert.

Vielleicht wäre es dann eleganter zu begründen, warum es gut ist, diese Dinge zu essen.

 

Wirres Zeug über Insulin

Die WELT-Autorin hat aber den Auftrag, abstrakte Kohlenhydrate zu erklären. Sie leiert also alles noch einmal runter: Der böse Haushaltszucker hat zwei Moleküle, das ist schlecht, Traubenzucker und Fruchtzucker haben gar nur eines, das ist ganz schlecht, weil es so schnell ins Blut geht.

Was aus Vollkornmehl ist, hat aber viele Ketten von Molekülen, das ist gut, weil der Zucker dann nicht so schnell ins Blut geht. Alle Kohlenhydrate sind nämlich nichts als, nun ja, Zucker.

Dann ergeht sich die Autorin über Insulin und den Zuckerstoffwechsel. Dabei wirft sie einiges durcheinander – Insulin und Blutzucker, die Blutzuckerwirkung von Lebensmitteln, den Anstieg und Abfall des Blutzuckers, die physiologische Ausschüttung von Insulin, die Mechanismen der Sättigung.

Da heißt es einmal, der Körper schütte bei jeder Mahlzeit das Hormon Insulin aus (richtig), dann wieder: Wird Insulin “über einen längeren Zeitraum kontinuierlich ausgeschüttet, macht das satt.“ (falsch, und direkter textlicher Widerspruch zur ersten Behauptung).

Dann heißt es, Süßes und Weißmehl würden den Blutzuckerspiegel gefährlich hoch schießen lassen (falsch, wird aber dauernd behauptet, nicht nur hier), danach habe man deshalb (?) schnell wieder Appetit, schneller als nach einem Vollkornbrot (stimmt so nicht).

Es geht weiter damit, dass Einfachzucker und „leere Kohlenhydrate“ der Grund dafür seien, dass Menschen, die häufig snacken, von Diabetes bedroht seien, denn sie hielten ihren Blutzuckerspiegel dauerhaft hoch (falsch; gemeint ist in diesem Fall die häufige Insulinausschüttung, die zur Abstumpfung der Zellen gegen das Hormon führt, eine Ursache für Diabetes Typ II. Es ist aber nicht der Blutzuckerspiegel, der besonders erhöht ist).

 

Die Fakten in Kürze

Dass bei all dem Verwirrung entsteht, wundert nicht. Die Sachlage ist extrem komplex.

Außerdem steckt die Tücke im System: Den Apologeten der guten Kohlenhydrate, die Journalisten Informationen liefern, geht es darum, den Kohlenhydratanteil an der Ernährung möglichst hoch zu halten.

Wie die „Bösen“ auf den Stoffwechsel wirken, muss dabei möglichst verteufelt, die Rolle der angeblich guten Kohlenhydrate aber ordentlich geschönt werden. Beides geht nur, wenn man etwas trickst. Die reinen Fakten geben das nämlich nicht her.

Deshalb arbeiten die Vollkornfreunde mit verzerrten physiologischen Erklärungen und werfen viele Nebelkerzen. Kein Wunder, dass Journalisten dabei aufs Glatteis geraten.

Tatsächlich verhält es sich, wie Quarkundso.de aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat, so:

Größere Mengen an Insulin werden nach den Hauptmahlzeiten freigesetzt, und nach stärke- oder zuckerreicher Nahrung. Dann macht es satt, zusammen mit anderen Faktoren. Wenn die Mahlzeit nahrhaft war, ist man auch länger satt. Allerdings macht viel Insulin auch Hunger, das gehört zu seiner Doppelgesichtigkeit.

Das Hormon wird ansonsten tagsüber in kleinen Mengen, in Minutenabständen pulsierend, ins Blut abgegeben und hat viele Aufgaben im Stoffwechsel. Das macht nicht satt, sorgt aber dafür, dass die Zellen Energienachschub und Baustoffe bekommen.

Was die WELT-Autorin auf die falsche Fährte lockt, ist die Tatsache, dass komplexe Zucker (Kohlenhydrate), übrigens auch Eiweiß und Fett, auf Stoffwechsel und Blutzucker teilweise anders wirken als einfache Kohlenhydrate – die „Bösen“.

Die „Guten” kommen etwas langsamer ins Blut, erhöhen daher den Blutzucker langsamer und über eine längere Zeit. Dabei schonen sie aber keineswegs das Insulin. Denn ausnahmslos alle Kohlenhydrate werden mit Hilfe des Insulins verstoffwechselt und wirken stärker auf den Blutzucker ein als Eiweiß und Fett.

Die „Bösen“ strömen nur etwas schneller ins Blut, was Insulin in kürzerer Zeit anfordert, das stimmt schon. Aber ein gesunder Körper kann das bewältigen. Es darf nur nicht ständig geschehen.

Dagegen sind viele von den komplexen, „guten“ auch nicht ohne: Wer eine Menge davon isst, braucht auch viel Insulin. Ständig viel Insulin im Blut kann aber unter Umständen die Zellen abstumpfen, das ist die gefürchtete Insulinresistenz, eine Vorstufe des Diabetes. Wer dann noch (von den vielen guten Kohlenhydraten) dick wird, kann sich auch ohne Weißmehl und Süßigkeiten Diabetes und eine Fettleber einhandeln.

 

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die „guten“ Kohlenyhdrate

Noch dazu reagieren Menschen in ihrer Insulinantwort auf Kohlenhydrate sehr individuell. Bei den einen gibt es eine stärkere Insulinausschüttung als bei anderen, und zwar auch nach Vollkornbrot und komplexen Kohlenhydraten.

Manche Menschen reagieren zum Beispiel auf Sushi – Fisch und Reis – mit einer stärkeren Insulinausschüttung als bei süßem Speiseeis. Das haben Forscher des israelischen Weizmann-Instituts festgestellt.

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In einem neuen Test hat dasselbe Institut gerade auch den Vollkornmythos zerlegt: Vollkornbrot und konventionelles Toastbrot verändern Blutzucker, Insulin und weitere Werte erstmal nicht weiter – und beide nehmen sich nichts.

In dieser Studie aß die Hälfte der Probanden eine Woche lang konventionelles Weizentoast aus der Tüte, die andere Hälfte „gesundes“ Vollkornbrot aus Weizen. Beide Gruppen aßen danach eine Woche lang jeweils auch das andere Brot, um zu testen, wie sie auf die Brotsorten reagieren. Ergebnis: Im Großen und Ganzen keine klinische Auswirkung auf Parameter wie Blutzucker, Insulin, Leber-, Nieren- und Cholesterinwerte.

Aber bei der Hälfte der Probanden ließ sich trotzdem messen, dass der Blutzuckerwert nach dem Essen von Vollkornbrot sogar noch stärker ansteigt als beim Toastbrot. Beim Industriebrot wiederum zeigte nur die Hälfte aller Probanden eine relativ hohe Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel und die Insulinausschüttung.

Fazit der Forscher: Menschen reagieren sehr individuell auf die Kohlenhydrate im Brot, und keine dieser Reaktionen ist krankheitswertig. Grund für die Unterschiede ist übrigens die Zusammensetzung ihrer Darmflora. Anhand der Bakterienarten im Darm konnten die Forscher sogar vorhersagen, wer wie reagiert, ein spannender Befund.

Aber dass feines Weißbrot keineswegs den Stoffwechsel durcheinander bringt, ist schon längst bekannt. Der Volksmund weiß das bestens: Seit Jahrtausenden bevorzugen Menschen  ausgemahlenes Weizenmehl und genießen köstliches, nahrhaftes Weißbrot.

Die Apologeten der „guten“ Kohlenhydrate verschweigen solche Forschungsergebnisse tunlichst und befeuern unentwegt den Mythos vom „ungesunden“ Weißbrot, das den Blutzuckerspiegel gefährlich Achterbahn fahren lässt, wogegen Vollkorn angeblich den ganzen Tag satt macht. Beides ist falsch.

 

Der Killer-O-Ton

So folgt auch die WELT-Autorin brav ihrem Ziel, das Image der “guten” Kohlenhydrate zu stärken. Nach dem schwierigen Erklärungsteil geht sie zur Praxis über: Welche und wie viele von den guten Kohlenhydraten soll man nun essen? Wo sie doch so gesund sind.

Jetzt sind die Experten am Zug. Eine Ökotrophologin sagt das Gewünschte (immer schön die Guten), aber ein Ernährungswissenschaftler, Stefan Kabisch vom DiFE in Potsdam, gibt zu, dass Abnehmen mit dem Einsparen von Kohlenhydraten ebenso gelingt wie mit Fettsparen. Die wissenschaftlichen Daten sprechen hier übrigens sogar eher für größere Erfolge der Low-Carb-Diäten und nicht für die Fettspar-Varianten (was Kabisch nicht sagt).

Dann aber ist der berühmte Professor Hans Hauner vom Präsidium der DGE, Chef der Abteilung Ernährungsmedizin an der Exzellenz-Uni TU München, an der Reihe.

Er ist offensichtlich in der Zwickmühle.

Die Autorin will wohl hören, dass man viele „gute“ Kohlenhydrate essen soll, wegen der Gesundheit und weil das doch zur ausgewogenen Ernährung gehört. Aber den Gefallen kann Hauner ihr nicht tun – der Mann ist Wissenschaftler.

Anfangs windet sich der Mediziner geschickt um den Kern der Frage herum. Zuerst versucht er, mit den Ballaststoffen zu punkten: Zufällig enthalten die Lebensmittel, in denen viele gute Kohlenhydrate stecken, auch viele von diesen wertvollen Ballaststoffen. Deshalb seien die guten Kohlenhydrate gut.

Laib Vollkornbrot, braun, bieder

Das gefürchtete Kommissbrot. Heute befördert zu guten, gesunden Kohlenhydraten.

Hm. Ja. Aber das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Wie viele und welche von den Guten soll man essen?

Jetzt schweift Hauner zur Ökologie ab:

Es werde bei einem hohen Kohlenhydratanteil an der Nahrung nicht so viel Fleisch und Milch konsumiert. Das schone die Umwelt.

Und von Low-Carb-Diäten würde nur die Agrarindustrie profitieren.

Hm. Das war auch nicht die Frage.

Die Frage war: Wie viele Kohlenhydrate soll man denn nun essen, von den Guten, versteht sich, damit der Blutzucker und das Insulin im Lot bleiben? Wie soll ich meine gesunde Ernährung mit den guten Kohlenhydraten zusammenstellen?

(Sapperlot, WELCHE guten Kohlenhydrate und WIE VIELE, verdammt nochmal, das werden Sie doch wohl noch sagen können? SIE sind doch der Experte! Und die Leser brauchen jetzt einen PRAXISTIPP! Also los, heraus mit der Sprache!)*

Und da legt der renommierte Forscher die Karten auf den Tisch:

„Wir sind in der Ernährungsmedizin davon abgekommen Menschen vorzuschreiben, wovon sie wie viel essen sollen“.

Das sagt der Mann glatt. Dann schiebt er nach:

„Essen ist schließlich auch Ausdruck von Identität und Individualität. Jeder sollte verschiedene Lebensmittel und Rezepte ausprobieren“.

Man muss das mehrmals lesen und sich durch Kopf und Bauch gehen lassen: Er gibt keine Menge von „guten Kohlenhydraten“ an, die man täglich essen soll. Es gibt keine Empfehlungen von Ärzten zu den Anteilen von „guten“ Kohlenhydraten im Essen.

Es gibt für Gesunde überhaupt keine Ess-Vorschriften mehr aus der Ernährungsmedizin.

 

Ende der Diskussion

Hauner hält sich im Gegensatz zu vielen anderen an den Stand der Forschung, und das ist ihm hoch anzurechnen: Es ist aus medizinischer Sicht egal, was Menschen essen, und in welchem Verhältnis. Es kann mehr oder weniger Fett sein, mehr oder weniger Fleisch, und viele oder wenige oder fast keine Kohlenhydrate.

Hauptsache, man bleibt dabei gesund, hält das Normalgewicht und trinkt nur mäßig Alkohol. Dann sind nach einhelliger Meinung die wesentlichen Klippen bei der Ernährung umschifft.

Und damit erledigt sich auch die ganze Ehrenrettung der angeblich so wichtigen „guten“ Kohlenhydrate.

Das ganze Geschwurbel über den Stoffwechsel und die Tipps der beflissenen Ökotrophologin, die dann doch das letzte Wort hat, hätte die Redaktion streichen können. Das Hauner-Zitat macht den Artikel eigentlich komplett überflüssig. Ende der Diskussion.

 

©Johanna Bayer

 *fiktiver innerer Monolog der entnervten WELT-Journalistin

LINKS:

Der Artikel über Kohlenhydrate in der WELT vom 17.5.2017

Die SZ am 8.6.2017 über die Studie zu Toastbrot versus Vollkornbrot

Die BBC entdeckt: Franzosen verstehen was vom Mittagessen!

 

 

Essensausgabe, Wannen mit verschiedenen Gerichten, Hand präsentiert Teller mit Gemüse, Reis und Fleisch

Mittags in die Kantine und warm essen – Menschenrecht oder Schlendrian?

Die BBC hat einen Beitrag zum Thema Mittagessen gemacht.

Das ist das Leib- und Magenthema von Quarkundso.de und kann daher nicht unbeachtet bleiben.

An dem Ding selbst gibt es allerdings nichts zu kritisieren.

Denn die Engländer fragen: „Können wir von den Franzosen etwas über das Mittagessen, lernen?“

Heraus kommt: „Oh, wir können tatsächlich von den Franzosen lernen! Sie nehmen sich auch an Werktagen Zeit zum Mittagessen, genießen und zelebrieren es, trinken Wein dazu, essen mehrere Gänge und sind dabei noch gesünder und weniger übergewichtig als wir Briten. Wir sollten uns an ihnen orientieren und ab jetzt immer eine lange Mittagspause machen, samt Menü und einem Glas Wein.“

Das war´s in etwa.

Jetzt kann man sich gleich das Video anschauen – Quarkundso.de verleiht das Prädikat „besonders wertvoll“ und empfiehlt den Beitrag ausdrücklich zum Selbststudium.

Gut, diese gekünstelte Eingangsfrage muss man natürlich kommentieren: Sie ist an Trivialität und Naivität nicht zu überbieten. Denn dass wir (alle) von den Franzosen über Essen etwas lernen können, ist keine Frage.

Die ganze Welt lernt von den Franzosen was übers Essen, ganz besonders die Europäer, und zwar schon seit vielen Jahrhunderten. Es gibt wohl kaum etwas, das weniger umstritten ist als der Bedeutung der französischen Küche für die internationale Gastronomie.

Trotzdem ist das Video hochinteressant.

Nicht nur, weil der weltberühmte Kultursoziologe Claude Fischler vom nationalen Forschungsinstitut CNRS Zahlen, Fakten und geistreiche O-Töne zur Bedeutung des Essens als sinnliche Gesamterfahrung liefert.

Nicht nur, weil man Leute im gleichfalls weltberühmten und spektakulären Edelschuppen „Le train bleu“ am hellichten Tag üppig tafeln sieht.

Auch keineswegs nur, weil es O-Töne von Köchen, Weinhändlern und jungen Professionals gibt, die in aller Seelenruhe erklären, dass eine zweistündige Mittagspause gerade mal ausreicht, dass dazu der Tag in Frankreich einfach anders eingeteilt wird, dass drei bis vier Gänge die Regel sind und dass ein Glas Wein unbedingt dazu gehört, weil Essen ohne Wein nicht schmeckt.

Sondern weil es um das Mittagessen an sich geht.

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Dazu hat Quarkundso.de mehrere Meter zu sagen. Es ist so viel, dass hier wieder ein ganz langer Beitrag kommt, mit Zigtausenden von Pixeln – und das ist längst nicht alles. Vielleicht wird es daher eine Serie und der Anstoß zu einem Aktivisten-Aktion.

Daher sind die folgenden gemischten Bemerkungen zum Mittagessen erst ein bescheidener Anfang, und nur für Stammleser, Abgebrühte und Profis.

Wer nicht so viel lesen will, kann jetzt gleich zum Video umschalten. Hier ist der Service-Link.

 

Alter Lehrertrick: Sich erstmal dumm stellen

Dass die BBC so tut, als seien die Franzosen ein gerade erst entdeckter primitiver Urwaldstamm, dessen robuste Gesundheit und unbekannte Gebräuche man erkunden will, ist natürlich absurd. Zuzutrauen wäre es den Engländern allerdings, die mit gutem Essen bekanntlich nicht so viel am Hut haben.

Aber es ist nur der alte Lehrertrick, bei dem eine Frage die Schüler auf den Pfad der Erkenntnis locken soll. Das zieht bei uns auf dem Festland selbstverständlich nicht: Wir wissen, wer was vom Essen versteht.

Das unschlagbare Savoir-Vivre der Franzosen ist seit 2010 weltweit amtlich, seit nämlich die UNESCO das französische Gastmahl offiziell als Weltkulturerbe anerkannt hat:

“The (french) gastronomic meal emphasizes togetherness, the pleasure of taste, and the balance between human beings and the products of nature. Important elements include the careful selection of dishes from a constantly growing repertoire of recipes; the purchase of good, preferably local products whose flavours go well together; the pairing of food with wine; the setting of a beautiful table; and specific actions during consumption, such as smelling and tasting items at the table. The gastronomic meal should respect a fixed structure, commencing with an apéritif (drinks before the meal) and ending with liqueurs, containing in between at least four successive courses, namely a starter, fish and/or meat with vegetables, cheese and Dessert.”

Quelle: UNESCO

Genau das bebildert das BBC-Video aufs Schönste in Paris.

Kulturkampf um das Mittagessen

Dabei benennt das knappe Filmchen eines der brennendsten Themen unserer Zeit. Wir sind nämlich in einem Kulturkampf.

Das Mittagessen, die heilige Hauptmahlzeit, der Dreh- und Angelpunkt der abendländischen Hochkultur, die physiologisch und evolutionär notwendige Erholungspause im biologischen Tief des Tages, steht schwer unter Beschuss.

Und zwar von der anderen Seite des Atlantiks aus. In der angelsächsischen Welt, in England und den USA, ist das Mittagessen definitiv zum Imbiss verkommen.

Zum Lunch.

Ein Lunch ist kein Mittagessen. Er ist nicht als Mahlzeit intendiert, die befriedigt, den Magen wohlig füllt und den Arbeitstag angenehm unterbricht. Man soll dabei gar nicht erst satt werden.

Der Lunch soll nur überbrücken. Gerade mal das Schlimmste verhindern, den Motor notdürftig am Laufen halten, bis es abends was Vernünftiges gibt. Ein Lunch ist daher nicht viel mehr als ein Snack, eine unbedeutende kleine und meistens kalte Zwischenmahlzeit.

Kalt.

Bestenfalls ist er eine Suppe – auf jeden Fall aber etwas, was schnell geht, was man zwischendurch am Schreibtisch, im Auto, im Gehen oder an Stehtischen essen kann, am besten mit den Fingern. Und wozu man sich auf keinen Fall an einen gedeckten Tisch setzt und Zeit verschwendet.

Brötchen mit Salatblatt, Tomate, rosa Wurst oder Fleisch
Schmeckt nicht und macht nicht satt: Lunch-Burger mit Pressfleisch. Mehr darf es oft nicht sein. Bild: Pixabay

Gerne bringt man sich zum Lunch etwas von zuhause mit, „was Kleines“, „Leichtes“. Der amerikanische Lunchbox-Klassiker, Erdnussbuttersandwiches und Orangensaft, birgt dabei grauenvolle Auswüchse wie die Kombination von Erdnussbutter mit Marmelade, Bananenscheiben oder Schokolade.

Auch die dortige Variante für Kinder berufstätiger Mütter, beliebt seit den 1920er Jahren bis in die jüngste Zeit, lässt einen schaudern: Das Mittagessen bestand in zahlreichen Familien einfach aus Keksen und einem Glas Milch.

Mit solchen „Lunch Cookies“ oder „Lunch Crackers“ wurden vor allem in Amerika Generationen von Kindern abgespeist. Als Ersatz für ein warmes Essen oder überhaupt Essen. Die Plätzchen werden in Milch getunkt oder mit Milch übergossen. Das muss man sich mal vorstellen – zum Mittag.

 

Der Niedergang der gesamteuropäischen Esskultur

Doch leider läuft auch im Rest der Welt unter dem Druck der angelsächsisch dominierten Globalkultur das Mittagessen Gefahr, wegrationalisiert zu werden.

Es soll Schluss sein mit der willkommenen Unterbrechung mitten am Tag, zu der Vatern früher noch mittags von der Arbeit nach Hause ging, weil Muttern pünktlich um 12 Uhr die dampfenden Schüsseln auf den Tisch stellte.

Dieses ausgiebige Mahl soll verschwinden, für das im ländlichen Italien noch immer eine „pausa pranzo“ von 12.00 bis 16.00 Uhr gilt, in der die Läden, Büros und Museen geschlossen sind, das Leben auf den Straßen erstirbt und zuhause warm gegessen wird.

Warm.

Denn in den Augen der Engländer und Amerikaner, deren Weltbild die moderne Wirtschaft dominiert, hält ein warmes Essen mittags nur ungebührlich auf: „a full hot meal“ mitten am Tag gilt als unpassend und wird argwöhnisch betrachtet.

Das ist katastrophal, oder, wie es Wolfram Siebeck ausgedrückt hat: Es ist der Niedergang der gesamteuropäischen Esskultur.

Die Vorstellung, dass man kein Mittagessen braucht, dass Menschen ohne Mittagspause durcharbeiten können, dass ein warmes, nahrhaftes Essen mitten am Tag beschwert, müde macht oder lähmt, ist eine der großen Tragödien der Moderne.

Dieser Lunchirrtum scheint sich übrigens bitter am Gesundheitszustand der Engländer und Amerikaner zur rächen. Denn Länder mit dieser Mahlzeitenstruktur – mittags nichts oder „eine Kleinigkeit“, dafür abends alles auf einmal nachholen – haben im Vergleich größere Probleme mit Übergewicht und ernährungsbedingten Krankheiten.

So ein Zufall.

Hat eigentlich schon jemand danach gefragt, wie die Lunch-Unkultur mit der Fettleibigkeitsepidemie in denselben Ländern, namentlich in den USA und England, zusammenhängen könnte?

Diese Nummer mit den Keksen und der Milch statt eines richtig gekochten Essens für Millionen von Kindern? Die Vorstellung, dass man das Bedürfnis nach nahrhaftem Essen willkürlich verschieben und den Körper mit Pseudo-Nahrung vertrösten kann?

Quarkundso.de fordert dazu umgehend ein internationales Forschungsprojekt unter eigener Leitung.

Die Lunch-Ideologie ist aber auch philosophisch fatal: Sie macht den Menschen zur Maschine. Maschinen laufen Tag und Nacht mit demselben Treibstoff, es ist egal, wann man sie anwirft.

Nur sind Menschen keine Maschinen.

Wir sind Wesen, deren Physiologie in Rhythmen verläuft, die vom Sonnenstand, von den Jahreszeiten, vom Klima und von komplizierten, wenig entschlüsselten Kreisläufen der Hormone und Botenstoffe abhängen. Wir brauchen Pausen und Entspannung, und zwar besonders mitten am Tag.

Das ist alles messbar und vielfach wissenschaftlich belegt. Auch wer nicht isst, entkommt dem natürlichen Mittagstief nicht, er hat es trotzdem. Darüber gibt es überhaupt keine Diskussion.

Sich aber von diesem natürlichen Biorhythmus zu verabschieden, ihn zu negieren und der Willkür von Betriebswirten und Maschinenbauern zu unterwerfen, ist nicht menschengemäß.

 

Wofür der Mensch gemacht ist

Der Beweis für die universelle Bedeutung des Mittagsmahls sind die Essgewohnheiten in praktisch allen Ländern der Welt: Mittags wird erstens warm und zweitens eine volle Hauptmahlzeit gegessen, und es ist fast überall die größte Mahlzeit des Tages.

Ich wiederhole: Mittags warm. Und die Hauptmahlzeit.

Und ja, das gilt auch und besonders warme Länder, und für Frankreich, Italien, Spanien, den gesamten Mittelmeerraum, für Afrika, Südamerika und ganz Asien, sogar immer noch mehrheitlich für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

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Die Gründe für das Mittagsmahl liegen dabei nicht nur in unserer Biologie und in tief verwurzelter Tradition. Es kommen Faktoren wie harte Arbeit im Freien, tropisches Klima oder Kälte sowie frühes Aufstehen dazu. Alles befördert das Bedürfnis nach einem nahrhaften Essen mit anschließender Ruhezeit (!) am Mittag.

In ganz Asien, besonders in Ostasien, ist das üblich. Die Pause dauert zwei bis drei Stunden. Zum Mittagsschlaf klettern in China oder Korea Studenten einfach auf Tische im Seminarraum und strecken sich aus, Büroarbeiter lassen den Kopf vornüber auf den Schreibtisch fallen oder setzen sich ins geparkte Auto, Fabrikarbeiterinnen legen sich auf Ballen oder Säcke. Dann wird gepennt.

Auch der Nahe und Mittlere Osten, Perser wie Araber, von Südamerika und Afrika ganz zu schweigen, folgen dem Gebot der Evolution: erst ein ordentliches warmes Mittagessen, danach ruhen.

Ein warmes Essen und etwas Ruhe geben im Übrigen nicht nur Kraft, sondern bauen auch Stress ab. Warm Gekochtes ist dabei nahrhafter, weil physiologisch besser verwertbar, vielfältiger, sinnlich befriedigender und daher schlicht gesünder.

Allerdings bekämpfen der menschenverachtende Druck der modernen Arbeitswelt und der genussfeindliche Effizienzgedanke westlicher Ingenieure zunehmend diesen gesunden Rhythmus.

Dabei gehen kalte Brote und Rohkost nirgends außer in Deutschland und vielleicht noch Dänemark (und natürlich den USA) als gesundes oder gutes oder auch nur wünschenswertes Mittagessen durch.

Überall sonst ist es nämlich anders: Selbst in den ärmsten Landstrichen der Welt gilt Essen, das nicht warm und frisch gekocht ist oder schnell im Gehen verschlungen wird, nicht als richtiges Essen.

Der Hang zum „Mittagssnack“ ist weitgehend ein Phänomen des Industriezeitalters. Tatsächlich machten fast alle Imbisse, die in westlichen Großstädten mittags schnell auf die Hand verkauft werden – darunter Gyros, Döner, Hot Dogs, Pastrami-Sandwiches, Tortilla-Wraps, Tacos und auch die Pizza – erst im 19. und 20. Jahrhundert ihre große Karriere: zum schnellen Abfüttern der armen Schichten. Oder der Touristen.

Die Feinde der Mittagspause

Die Abwertung des Mittagessens nach angloamerikanischem Muster passt aber den Hochleistern, Globalisierern, Rationalisierern und vielen Asketen und Essgestörten ganz ausgezeichnet in den Kram.

Aus einer komplexen kulturellen Gemengelage stricken sie sich ein krudes Rechtfertigungsgestrüpp: Da mischen sich moderne Zwänge mit Diät-Wahn – „Ich arbeite durch und esse schnell was am Schreibtisch, dann kann ich früher Feierabend machen und nach Hause zur Familie“ / „Mittags muss ich Kalorien sparen, abends gibt es ja ein warmes Essen“.

Gerne verquickt sich auch proletarische Sparsamkeit mit falsch verstandener Großmannssucht: „Mittags warm essen, das geht ins Geld“ / „Das warme Abendessen ist doch das Highlight des Tages, da kann man sich nach dem Arbeitsstress endlich gehenlassen.“

Oft paart sich dabei kleinbürgerliche Familienidylle noch mit Pseudo-Wissen über das Verdauungssystem: „Wir achten darauf, dass einmal am Tag die ganze Familie am Tisch sitzt, deshalb gibt es bei uns mittags nur Brote. Die Kinder sind das gewöhnt“ / „Mittags ein warmes Essen, das überlastet Magen und Darm und macht müde, da kann man nicht mehr arbeiten“.

Alles das ist vorgeschoben und entbehrt der Grundlage.

Alleine schon finanziell und kalorientechnisch schlagen Fastfood und beim Bäcker gekaufte belegte Brötchen nicht weniger zu Buche als ein warmes Essen in der Kantine oder an einem günstigen Mittagstisch.

Bei dem Kinder-Argument offenbart sich der Schwindel vollends: Was hindert eine Familie daran, abends am Tisch zusammenzusitzen, selbst wenn mittags schon vernünftig gegessen wurde? Nichts.

Kinder aber hungern zu lassen, wie es nicht wenige Eltern tun, die sich das Geld für das Schulessen mit dem Argument sparen wollen, es werde schließlich abends warm gekocht, ist garantiert die falsche Lösung – für die Kinder. Die Lösung passt nur den Erwachsenen, die nicht zweimal am Tag warm kochen können oder wollen.

Wie tief man ins Mittagsloch stürzt, hängt im Übrigen sehr davon ab, wie viel man nachts geschlafen hat. Wer zu spät ins Bett geht, hat natürlich mittags größere Probleme, wach zu bleiben. Viele versuchen aber, diesen Zustand durch das Überspringen des Mittagessens zu managen, nach dem Motto: „Lieber hungrig als müde“.

Besonders produktiv macht das nicht. Viele solcher Leute kriegen ab 15.00 Uhr nichts mehr zustande, nerven mit Übellaunigkeit, jammern ständig darüber, dass sie „nicht einmal eine Mittagspause“ hatten und starren auf die Uhr, um pünktlich das Büro zu verlassen und zum Essen zu kommen.

Leider gibt es weitere Kollateralschäden – vor allem den üblen Mundgeruch der Nichtesser. Denn im Mund fehlt durch die lange Essenspause der Speichelfluss, so dass Bakterien wuchern.

Und nein, Zigaretten und Kaffee helfen da nicht. In Zahlen: null.

 

Seite mit vielen kleinen Bildern von Mittagessen: warme Gerichte auf Tellern, Gulasch usw.

Das lässt tief blicken: Google-Suche mit dem deutschen Stichwort Mittagessen. Sie ergibt Bilder von Tellern mit warmen Gerichten (Screenshot).

 

 

 

 

 

 

Mittagessen_Agentur

Stichwortsuche “Mittagessen” bei der deutschen Ausgabe der US-Bildagentur Shutterstock: nur Kaltes aus der berüchtigten “Lunchbox” (Screenshot).

 

 

 

 

Luxus, Prassen und welscher Schlendrian

Doch das Unbehagen daran, mitten am Tag in Ruhe eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen, sitzt tief, nicht zuletzt aus historischen Gründen.

Denn im kollektiven Gedächtnis lauern noch die Essgewohnheiten der älteren Generationen. Die hatten ja nichts. Arme Landarbeiter, Tagelöhner und schwer arbeitende Menschen waren das, die sich nur von Brot oder kalten Resten ernähren konnten, die sie mit aufs Feld oder in die Fabrik nehmen konnten.

In den großen Industriestädten des 19. Jahrhunderts entstand in den unteren Schichten endgültig eine Mahlzeitenstruktur, die sich heute verselbständigt hat.

Millionen konnten sich höchstens einmal am Tag ein warmes Essen leisten, wenn überhaupt. Da hieß es mittags bei der Arbeit buchstäblich von Brot und Alkohol – Bier oder billigem Fusel – leben. Die abgehärmten Mütter sparten dabei den Kindern das Nötigste vom Mund ab.

Teller mit Knäckebrot, Käse und Weintrauben

Mittags reicht für Frauen und Kinder reicht was Kaltes – das Muster findet sich heute immer noch. Bild: Pixabay

Auch das gute alte Patriarchat lässt grüßen: Warmes Essen, womöglich mit Fleisch, gab es nur abends, wenn die Männer nach Hause kamen, die Ernährer der Familie. Noch heute gibt es dieses Muster, vor allem im Norden: Für Frauen und Kinder reicht was Kleines, Oma begnügt sich mittags mit Dickmilch und Brotresten. Ganz wie bei den “Lunch Cookies” aus den USA – es ist dasselbe Muster.

Von der protestantischen Kirche und ihrem Hang zur Askese mal ganz zu schweigen.

Es ist doch mehr als auffällig, dass man das Mittagessen nur in nördlichen und protestantischen Landstrichen für verzichtbar hält. Außer in England und den USA herrscht die kalte Kleinigkeit nämlich auch in Dänemark, Norwegen und Schweden vor, und in Norddeutschland wesentlich stärker als in Süddeutschland.

In dem großen Forschungsprojekt unter der Leitung von Quarkundso.de wird das sehr kritisch zu analysieren sein. Zumal es sich samt und sonders um Länder handelt, die nicht gerade für ihre Esskultur bekannt sind. Und es ist die Frage, was hier Ursache und was Wirkung ist.

Wie auch immer – alles zusammen führt dazu, dass ein warmes Mittagessen im Unbewussten vieler Menschen mit Luxus, Sünde und Strafe verbunden ist. Mit Faulenzen und feister Bürgerlichkeit. Mit adeligem Prassen und Verschwendung. Mit verbotener Lust und gesundheitsschädlicher Fresserei, mangelnder Disziplin und welschem Schlendrian.

Diesen gefühlten Luxus versagen sich viele Menschen in reichen Ländern noch heute, aus völlig falschen Gründen. Und völlig unnötig.

Ich wiederhole: Unnötig. Völlig.

Mittags in Deutschland

In Deutschland werden derweil im Lunch-Wahn immer mehr schnelle Burger, Wraps und Döner verzehrt, aber auch traditionelle Leberkäsesemmeln oder – gesund! – Vollkornbrötchen mit Käse und Tomate, die Eilige gleich aus der Tüte mümmeln.

Das Essen im Gehen ist typisch für die knappe Mittagspause in Deutschland: Ganze Belegschaften schlendern mittags mit einer Brötchentüte vor dem Mund durch die Innenstädte, mampfend wie ein Fiaker-Pferd aus seinem Futtersack.

Die Tüte dient zugleich als Brotbeutel, Serviette und Soßenfänger, schließlich muss man in der halben Stunde Mittag auch ein paar Erledigungen machen, an die Luft kommen und mit dem Handy Privatgespräche führen. Mit vollem Mund, versteht sich.

Das „Ich hol mir mittags schnell was“, erlaubt es auch, demonstrativ Diensteifer vorzutäuschen: „Nein danke, Kantine dauert mir zu lange. Ich hol nur kurz was vom Bäcker, hab zu viel zu tun. Geht ihr nur.“

Mann vor Bildschirm und Tastatur, mit Tasse Kaffee

Ein Kaffee muss reichen: Junge Leute tendieren dazu, Pausen ausfallen zu lassen und mittags am Schreibtisch zu bleiben. Bild: Pixabay

Die durchschnittliche Mittagspause dauert in Deutschland laut Umfragen sowieso nur noch 20 Minuten. Dabei bleiben viele gleich am Schreibtisch und löffeln aus der Tupperdose etwas über die Tastatur: Insgesamt die Hälfte der Arbeitnehmer bringt sich etwas zu essen von zuhause mit, ergab der Ernährungsreport 2017 aus dem Bundesernährungsministerium.

Nur ein weiteres Fünftel aller Berufstätigen geht in eine Kantine – aber genauso viele essen mittags einfach gar nichts. Vor allem junge Leute neigen dazu, die Mittagspause ausfallen zu lassen, und alle anderen Arbeitspausen gleich mit, vermeldete 2016 besorgt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Es ist tragisch und unverständlich, dass so viele Ernährungsberaterinnen und ausgerechnet die Krankenkassen diesen Unfug befeuern, und zwar wider besseres Wissen.

Gebetsmühlenartig raten sie zu einem „leichten Mittagessen“ und geben den Rationalisierern willfährig Tipps für den „gesunden Mittags-Snack“. Snack, wohlgemerkt. Keine Mahlzeit. Und das wohlige Gefühl der Sättigung sollen die gestressten Büromenschen danach sofort mit Turnübungen ersticken.

Hier hängt sich Quarkundso.de gerne weit aus dem Fenster: Das ist alles Unsinn. Es ist weltfremd, willkürlich, biologisch falsch, daher ungesund und geht gegen die natürlichen Bedürfnisse der Menschen.

Dieser ungesunde und genussfeindliche Trend muss gestoppt werden.

Und das erledigt jetzt das BBC-Video. Es ist geradezu revolutionär, wie die Briten hier das eigene fatale Muster abservieren und endlich von den ungeliebten Froschessern lernen wollen.

 

Das Mittagsmanifest von Quarkundso.de

Quarkundso.de unterstützt das nachdrücklich. Hier gehört man selbstverständlich zur radikalen Mittagsfraktion: jeden Tag warm, und möglichst immer drei Gänge.

Warmes Buffett, Wärmewannen mit Essen, Leute bedienen sich

Haut rein, Leute – Quarkundso.de fordert den Mittagstisch für alle! Bild: Shutterstock/Subin Pumsom

Die gesamte Redaktion überspringt das Mittagessen nie. In Worten: NIE.

Man legt außerdem Wert auf ein gepflegtes Nickerchen, so oft das möglich ist.

Wenn es doch die Evolution so will.

Natürlich ist das Nickerchen nicht immer drin. Und natürlich soll niemand zum Essen gezwungen werden, der das nicht möchte.

Entscheidend ist aber, dass die, die mittags naturgemäß ordentlich Hunger haben und warm essen wollen, Zeit und Gelegenheit dazu bekommen. Das dient der Rettung der Volksgesundheit.

Daher fassen wir am Schluss die Forderungen nach einer menschenwürdigen Mittagspause zusammen – im Mittagsmanifest von Quarkundso.de.

Macht Mittagspause! Jeden Tag.

Esst ein richtiges Mittagessen – warm!

Esst euch satt!

Eine Stunde muss drin sein.

Ein Nickerchen ist großartig, ein Glas Wein von 0,1 Liter schadet nicht.

Arbeitgeber und der Staat sind in der Pflicht: Mittagstisch für alle – mehr Kantinen und angemessene Pausenplanung, warmes Schulessen für Kinder. Ohne Wenn und Aber.

Wer nicht isst, kann auch nicht arbeiten.

©Johanna Bayer

Nochmal der Link zum BBC-Video

WIWO-Artikel zur Meldung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mit Link zur Original-Pressemitteilung

Quarkundso.de ist schon seit Jahren auf Mittagsmission – Beispiele aus eigener Werkstatt:

ARD-Beitrag “Fünf Fakten für das Mittagessen”, W wie Wissen

WDR-Beitrag über Essen zu verschiedenen Tageszeiten und in anderen Ländern

Fasten mit der FAZ – der tägliche Ess-Wahnsinn

 

 

Papaya, Karotten, Gurken

Gemüsesticks und Obst für den Fastentag – und am Ende dreht man durch.

Die Fastenzeit ist vorbei, jeder kann wieder alles essen. Wobei die wenigsten aus Glaubensgründen verzichtet haben.

Nein, auch ganz ohne Religion ist es seit Jahren in, den Körper im Frühjahr durch Fasten zu „entlasten“, zu „entschlacken“, zu „entgiften“.

Nun sind religiöse Motive immer ehrenvoll, außerdem haben sich Verzicht und Mäßigung pädagogisch seit Jahrtausenden bewährt.

Warum tage- oder gar wochenlanges Hungern aber entgiften oder entlasten sollte, hat sich Quarkundso.de bisher noch nicht erschlossen.

Hier hingegen ist man primitiven Denkweisen verhaftet und glaubt an den Umkehrschluss: Entgiften und Entlasten durch Fasten, das würde ja bedeuten, dass Essen Gift ist und den Körper belastet, und dass man es folglich am besten ganz einstellt, so oft und so lange wie möglich.

Das ist natürlich Unsinn.

Damit hat sich das Thema Fasten erledigt, zumindest für Quarkundso.de.

Wer normalgewichtig ist und ein vernünftiges Essverhalten pflegt, braucht keine wochenlange Fastenkur. Sich zwischendurch ab und an zu mäßigen ist wiederum selbstverständlich und erwachsenen, vernunftbegabten Menschen zumutbar. Mehr ist dazu nicht zu sagen.

 

 

Was ist normal beim Essen?

Jetzt fragt sich natürlich: Wer ist schon normalgewichtig oder ernährt sich vernünftig? Was ist das überhaupt, gesundes Essverhalten? Und wie geht Maß halten?

Da liegt der Hund begraben: Es ist scheinbar sehr schwierig zu benennen, was normal ist. Ist es normal, ständig zu naschen, dick zu werden, am Essen zu verzweifeln, weil das unsere Triebe so vorschreiben? Oder ist es normal, zur Essenszeit zu essen und sonst nicht, das Essen zu genießen, wenn es da ist und trotzdem sein Gewicht zu halten, indem man sich gelegentlich mäßigt?

Es gibt Experten, die ersteres als unausweichlich betrachten. Für sie sind Dauerfuttern, Entgleisungen, das Geschüttelt sein von Verlangen, Heißhunger und unkontrollierbare Fressattacken von der Natur vorgegeben.

Mäßigung und Struktur beim Essen halten sie dagegen für unmöglich. Sie sehen uns als Opfer unserer Essgelüste, fatal programmiert von der Evolution.

 

 

“Wir sind alle kleine Sünderlein”

Eine solche Expertin schreibt bei der FAZ. Sie ist Psychologin und hat auf dem hauseigenen Foodblog „Food Affair“, die ganze Misere diagnostiziert. Ihr Artikel handelt vom Fasten. Das stand zumindest als Thema drüber: „Fasten – Himmel oder Hölle?“

Der Text ist eine Parabel, die uns vor Augen führen soll, dass temporäres Verzichten unmöglich ist, dass wir den Untiefen beim Essen nicht entkommen können und grauenhaft scheitern müssen.

Irgendwie.

Geschildert wird das Ganze am Tagesablauf eines Mannes, der fasten will oder soll, und dem das nicht gelingt, weil er im Büro dem Gruppendruck unterliegt.

Nun könnte Quarkundso.de es einerseits kurz machen: Der Text ist mau, das Sujet ist aufgesetzt, die Aussagen höchst fragwürdig, die Story unangenehm konstruiert.

Schon das alles überspannende Motiv ist ein einziges Klischee, als dramaturgisches Strickmuster. Es lautet: „Wir sind alle kleine Sünderlein“ – soll heißen: Gegen Essen sind wir machtlos. Ein Gemeinplatz, der in tausenden von Varianten auftaucht, auch neulich in der SZ. Da schrieb einer:

„Wer eine Tüte Chips öffnet, isst sie auch auf. Punkt. Wer etwas anderes sagt, flunkert oder hat sich so sehr unter Kontrolle, dass er auch Marathon läuft.“

Eine herrliche Denkschablone, und so universell verwendbar – sie passt auch für andere lässliche Sünden wie den Umgang mit Alkohol und Zigaretten, Pornos, Steuerhinterziehung und Ladendiebstahl: Wer einmal damit anfängt, hört nicht mehr auf, und wer sich zurückhalten kann, ist nicht normal, sondern ein sozial verdächtiges Selbstkontrollmonster.

Wir wissen alle: Es ist nicht so.

 

 

Eine Parabel von Verzicht, Verlangen und Fressanfällen

Das Maß in diesen Dingen ist nur eine Frage der persönlichen Werte und von ein wenig Disziplin. Dabei hat der Mensch jeden Tag die Wahl – vernünftiges Verhalten ist auch ohne Extreme machbar.

Andererseits ist das, was die FAZ-Psychologin in ihrer Geschichte schreibt, gleichzeitig interessant, denn unfreiwillig offenbart sie interessante Details zu Durchschnittsdeutschland und seinem täglichen Ess-Wahnsinn.

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Das ist kultursoziologisch wertvoll. Daher lohnt eine gründliche Behandlung auf Quarkundso.de.

Die vielen Fragen, die der Text aufwirft, müssen unterwegs aber laut gestellt werden. Aus heuristischen Gründen, zwecks Wahrheitsfindung, aber auch zur Rettung des gesunden Menschenverstandes.

Sonst verlieren wir, wie die Psychologin und ihr Protagonist, jeden Maßstab. Achten wir daher auf die Stolpersteine, wenn wir Peter, dem kleinen Sünderlein, durch seinen Tag folgen.

Tag eines deutschen Durchschnittessers

Morgens, logisch, geht es los: Peter ist auf dem Weg ins Büro. Natürlich fährt er mit dem Auto zur Arbeit, nein, er „reist an“, wie es im schönsten Blähsprech heißt (Redaktion, bitte kommen!).

Peter hat Essen dabei:

„Auf dem Beifahrersitz lag eine lindgrüne runde Dose. Durch den milchigen Plastikdeckel ließen sich Farben erahnen, rot, gelb, orange, grün – Farben von Paprika, Karotten, Papaya, Gurke und Sellerie. In einer weiteren Dose, einer etwas kleineren Kopie der ersten, waren Mandeln und ein Stück Nusskuchen. Peters Frühstück.

Da ist schon der erste Stolperstein: diese Frühstücksdosen. Wieso hat Peter sein Frühstück im Auto dabei?

Warum frühstückt der Mann nicht zuhause? Man frühstückt doch, bevor man zur Arbeit geht, und nicht im Büro? Ist der zu faul, um rechtzeitig aufzustehen? Wirklich, das muss man sich bei dieser Exposition der Geschichte schon fragen: Für die Psychologin beginnt ein ganz normaler Tag mit dem Frühstück im Büro?

Stimmt aber schon auch. Nicht wenige Leute sparen auf diese Weise morgens Zeit. Schlaf gibt es ja nie genug, dafür ist das Fernsehprogramm abends zu spannend, die Bars sind zu lange auf, das Feierabendbier läuft zu gut rein, und mit quengelnden Kindern kann man sich auch gut rausreden, wenn man morgens schlecht organisiert ist.

Also beginnt das kleine Sünderlein den Arbeitstag mit einer ausgiebigen Pause. Wir kennen sie alle: Es sind die Kollegen, die morgens mit der Zeitung und der Brötchentüte unterm Arm ins Büro schlendern, sich erstmal einen Kaffee kochen („Meinen Kaffee brauch ich morgens“), und dann gemütlich frühstücken.

Eine Dreiviertelstunde später fahren sie den Computer hoch, nicht ohne dabei lautstark über Stress und zu viele E-Mails zu klagen. Sobald die Kiste läuft, brauchen sie unbedingt noch einen Kaffee. Mittags machen sie dafür länger Pause, weil sie „morgens nicht mal Zeit zum Frühstücken” hatten.

 

 

Fastenkur mit Nusskuchen

Warum in Peters Dosen aber Rohkost, Mandeln und Nusskuchen stecken, erklärt uns die Psychologin gleich darauf:

„Er solle auf seine Gesundheit achten, meinte der Arzt. Weniger Zucker, Kaffee in Maßen, mehr Gemüse.“

Das ist der nächste Stolperstein: Diese seltsamen Ratschläge sollen von einem Arzt kommen?

Was soll der gesagt haben – „auf die Gesundheit achten“? Ging das nicht konkreter? Gemeinhin raten Ärzte zu Maßnahmen, die nachweislich helfen. Also zu weniger Alkohol. Oder klipp und klar zum Nichtrauchen. Oder zum Abnehmen, oder zum Stressabbau, wenn es schon gesünder zugehen soll. Da hat man valide Daten, dass das was bringt. Aber „weniger Zucker“ und „Kaffee in Maßen“? Noch nie gehört.

Obendrein ist allgemeines Achten auf die Gesundheit gar nicht das Thema des Beitrags. Das Thema ist Fasten, so steht es drüber: „Fasten – Himmel oder Hölle?“. Was hat nun der Rat des fantasierten Arztes, Kaffee in Maßen zu trinken, mit Fasten zu tun?

Nichts, man muss es sagen. Einfach gar nichts.

Auch der Nusskuchen in Peters Frühstücksdose irritiert in dem Zusammenhang schwer.

Was hat der da zu suchen, erstens zum Frühstück, zweitens, wenn es ums Fasten geht, drittens, wenn der Arzt gesagt hat, dass es weniger Zucker geben und Peter überhaupt auf seine Gesundheit achten soll? Was macht dann der Kuchen da?

Kuchen ist gemeinhin süß, und Peter wird sich wohl kaum ein zuckerfreies Low-Carb-High-Protein-and-Fat-Spezial-Nussbrot gebacken haben. So faul, wie der ist und so spät, wie der morgens aus dem Bett kommt.

Aus dem Inhalt der Dosen im Verhältnis zu den rätselhaften Ratschlägen des Arztes kann man nur messerscharf schließen: Peter ist essgestört. Deshalb versteht er unter „auf die Gesundheit achten“ das Futtern von Nusskuchen.

Seine Schöpferin, die FAZ-Psychologin, könnte ähnliche Probleme haben. Denn sie hat Peter den Nusskuchen in die Dose gepackt. Außerdem hat sie alles samt dem Rat des Arztes an den Haaren herbeigezogen.

Nusskuchen. Fasten. Nusskuchen. Ich komme nicht darüber weg.

 

 

Meeting mit Krapfen ist wie Arbeitstreffen mit Sekt

Aber wir müssen da durch. Denn in der Firma lauert die Versuchung:

„Zu seiner Überraschung waren sämtliche Kollegen schon eingetroffen. Jemand hatte vom Bahnhofsbäcker Berliner mitgebracht und spendierte eine Runde. Peter lehnte dankend ab, obschon er kurz zögerte. Aus den Berlinern quoll eine Cremefüllung. Er dachte an den Inhalt in seiner Vorratsdose. Wahrscheinlich wäre es einfacher, im Frankfurter Westend zu koksen, als in Mörfelden Karotten zu frühstücken.“

Gefüllte Berliner im Meeting am Morgen? Und die frühstücken da alle? Interessant. Noch dazu will die Erzählerin uns glauben machen, es sei peinlich, vor Werbe- oder IT-Fuzzis Rohkost zu knabbern.

Ehrlich, das ist unrealistisch. Ganz sicher wäre das Gegenteil der Fall: Die Hipster würden an Karotten nagen und sich gegenseitig überbieten mit über Nacht eingeweichten Wunderkörnern, die sie, ganz wie Peter, in bunten Dosen präsentieren.

Die Frage ist aber, warum da überhaupt gegessen wird – Meeting mit Krapfen, das ist wie eine Konferenz mit Sekt. Oder wie Frühstücken im Büro: ernsthafte Arbeit ist nicht intendiert.

Davon abgesehen sind Krümel, Geschmiere, klebrige Finger und Puderzucker auf Unterlagen Ausdruck mangelnden Stils und schlechter Manieren. Für unsere Psychologin natürlich nicht, was alleine schon tief blicken lässt. Aber sonst hätte sie die Szene nicht so selbstverständlich dargestellt – und nicht als so verführerisch für Peter geschildert.

Wobei es in Deutschland, dem Land der kleinen Sünderlein, leider nicht ganz ungewöhnlich ist, Schmalzgebäck in einer Sitzung zu servieren. Schließlich muss uns jemand den harten Arbeitsalltag versüßen, wenn wir uns schon aus dem Bett gequält haben.

 

 

Ohne Trösterchen geht es nicht

Der Süßterror wird auch gerne zum Test für den Corpsgeist. Wer nicht mitmacht, ist nicht teamfähig: „Och komm! Ich hab sie extra für euch mitgebracht! Jetzt nimm schon. Kannst auch zwei haben. Es ist genug da!“.

In jedem Büro gibt es diese Menschen, die Schalen voll mit krisselbunten Gelatinebrocken, überzuckerten Keksen und plumpen Brownies herumreichen und beleidigt sind, wenn man nichts davon mag.

Diese Infantilisierung des Arbeitstages ist so typisch deutsch wie kaum etwas sonst. In Frankreich, Italien oder England würde niemals jemand Fettballen, aus denen auch noch Marmelade aufs Hemd tropft, in eine Sitzung mitbringen.

Undenkbar. Ebenso wie Frühstücken im Büro, übrigens.

Bei uns kommt das vor. Und deshalb übersteigt nicht nur das Durchschnittsgewicht der Deutschen das der meisten anderen Europäer, das Verzichten übersteigt auch fast Peters Kräfte:

Jansen von der IT-Abteilung verwickelte ihn in ein Gespräch. In seinem Bart klebte noch Zucker vom Berliner. Peter trat von einem Bein aufs andere. Seit sechzehn Stunden hatte er nichts mehr gegessen.

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Sechzehn Stunden nichts gegessen und dann schon am Rande des Kollapses? Da übertreibt die  Psychologin aber, das kann man ganz nüchtern feststellen: Für Erwachsene sind sechzehn Stunden ohne Essen gar nichts, wenn eine Nacht dazwischen liegt.

Denn der nächtliche Ruhestoffwechsel läuft bis in den Morgen, der Appetit ist von Hormonen gezügelt und sechzehn oder noch mehr Stunden über Nacht nichts zu essen ist ohne Probleme möglich. Millionen von Nicht-Frühstückern machen es jeden Tag vor.

Daran glaubt die Psychologin aber sichtlich nicht. Für sie wacht der Mensch morgens mit einem Schmacht auf, der sofort beseitigt werden muss.

 

 

Wer Hunger hat, will was Gescheites

Zum Beispiel mittels süßer Krapfen. Die auf nüchternen Morgen – Quarkundso.de wird bei der Vorstellung schon schlecht. Unsereiner könnte sich danach für den Rest des Meetings in den Sanitätsraum legen.

Aber hier, in dieser Geschichte, wird keinem schlecht. Hier sind alle samt Peter begeistert von dem Süßkram. Das ist kein Zufall, die Psychologin will das so: Die, die – so menschlich – Süßes essen, sind „normal“ und denen geht es gut. Wer „fastet“ und sich das Zuckerzeug verkneift, bekommt Probleme.

Das wird uns von allen Seiten unaufhörlich eingehämmert – Süßhunger ist natürlich, Süßpräferenz ist von der Evolution vorgesehen, Süßes hellt die Stimmung auf, fördert die Konzentration und gibt Energie, gerade morgens.

Es ist auch das Lieblingsmotiv der Lebensmittelindustrie, wenn sie für ihre Riegel wirbt. Unvergessen: „Knoppers, das Frühstückchen“, der Spot mit hemdsärmeligen Bauarbeitern, die statt in Wurstbrote in niedliche Nusswaffeln beißen. Dabei weiß jeder: Wenn Schwerarbeiter Hunger haben, muss was Gescheites her – Leberkäse, kalter Braten oder am besten gleich Schnitzel Pommes. Darunter geht nichts.

Die Vorstellung von einem angeblich evolutionären Vorrang des Süßen, weil das „schnelle Energie“ bringt, ist ohnehin nur ein Popanz. Der Mythos wird ständig runtergeleiert von interessierten Kreisen, die das Element der Konditionierung beim Essen nicht wahrhaben und dem Menschen die Fähigkeit zu vernünftigem Verhalten absprechen wollen.

Wer das nachbetet, ignoriert, dass Menschen sehr unterschiedlich essen und dass es viele gibt, die nichts Süßes mögen oder nur wenig davon vertragen. Er ignoriert auch, dass in den meisten Esskulturen der Welt süße Gerichte und Naschereien eine absolut nebensächliche Rolle spielen und nur selten oder auch gar nicht vorkommen.

 

 

Fatale Fressanfälle

Aber Peter steckt als deutscher Mustermann natürlich in der Zuckerfalle, außerdem hat er Angst vor Autoritäten. Fatal, dass der Doktor zu Gemüse geraten hat (und Peter daher Nusskuchen, aber keinen Krapfen essen darf). Trotz heimlich genaschter Mandeln ereilt ihn jetzt eine ausgewachsene Hungerattacke:

„Eine Viertelstunde und eine halbe Tasse Kaffee später meldete sich der Hunger zurück. Mit einem entschuldigenden Lächeln in die Runde verließ er den Raum (…) nahm die größere der beiden Dosen heraus, stopfte Papaya in sich hinein, dann ein paar Scheiben Gurke und hinterher noch ein Stück Karotte, das er kaute, während er sich im Bad die Hände wusch. Vorsorglich spülte er den Mund mit Leitungswasser aus und hielt dem Spiegel die entblößten Zähne entgegen.“

So lebensnah von der Psychologin entworfen – Heißhungeranfall nach 15 Minuten Meeting. Und dann nur Gemüse da, das man in sich hinein stopfen muss. Das ist hart.

Allerdings hat sich die Fachkraft wieder nur etwas ausgemalt, was möglichst drastisch klingen sollte. Und Abhilfe wäre möglich gewesen – denn es gab Kaffee im Konferenzraum. Das Koffein darin ist ein wirkungsvoller Appetitzügler, das ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Mit Kaffee und Tee ließ sich die unterernährte Arbeiterschaft bei Laune halten, wenn der Magen knurrte, ohne dass sie im Kopf benebelt wurde wie beim sättigenden Alkohol.

Hätte Peter also seinem gesunden Menschenverstand vertraut und eine ganze Tasse Kaffee getrunken, am besten noch mit Milch, hätte sich der Doktor nicht beschwert und Peter hätte die Sitzung mit Anstand bewältigt. Tee mit Milch wäre auch gegangen.

Da ist aber die Psychologin davor. Die will ihre Story durchbringen, also muss der Heißhungeranfall her.

 

 

Normal ist das nicht

Und schon eine halbe Stunde später folgt der nächste. Peter stiehlt sich unter einem Vorwand aus der Sitzung und versteckt sich auf den Parkplatz in seinen Wagen. Dort

„verdrückte er in Windeseile etwas Kuchen und ein paar Nüsse, biss noch einmal ein Stück Karotte, schob Paprika und Gurke hinterher, als ausgerechnet auf dem Parkplatz neben ihm ein verspäteter Kollege einfuhr. Er beugte sich nach unten, traute sich aber nicht, das rohe Gemüse kopfüber zu schlucken. Das Blut pochte in seinen Schläfen.“

Ach du lieber Himmel! Was ist das für eine Halluzination? Wahlloses Durcheinanderessen von Kuchen, Nüssen, rohem Gemüse, Obst in peinlicher Hast, dazu das Verschämte – man muss schon fragen: Was ist mit Peter los? Warum kann der Mann nicht bis zur Mittagspause warten?

Spätestens jetzt ist klar, dass unser Sünderlein ein Riesenproblem hat. So verhält sich kein vernünftiger Mensch. Im Klartext: Normal ist das nicht.

Wer will, kann das auch im Lehrbuch nachschlagen, bei „Unterzucker“, „Hypoglykämie“ oder „Heißhunger“. Nein, ein gesunder Mensch gerät nicht einfach in solche Zustände. Nur Leute, die ausgewachsene Essprobleme haben. Oder Insulin spritzen.

Dann aber kommt endlich die Mittagspause – der Fastenpatient bestellt nur Salat.

„Mittags einigten sich die Kollegen auf Pizzadienst. Der Bestellzettel wanderte reihum, er tat, als sei er in sein Smartphone vertieft und ließ den Zettel an sich vorüber gehen. Der Chef bestellte als Einziger Salat, mit der Begründung er sei abends zum Essen eingeladen. Peter nuschelte etwas wie „ich auch“, obwohl es gar nicht stimmte, und bestellte ebenfalls Salat. Die Pizzen waren groß und duftend, die Salate klein. Er verfolgte ein mit Sardellen belegtes Dreieck, bis es vollständig in Jansens Mund verschwand. Müde fischte er zwei Würfel Käse aus dem Salat.“

Wieder ein Stolperstein, in der Konsequenz diesmal tragisch, denn Peter kasteit sich völlig grundlos. Schließlich hatte der Doktor nur zu weniger Zucker und mehr Gemüse geraten. Was spricht dann gegen eine schön belegte Pizza zum Mittagessen? Oder gegen Spaghetti mit leckerer Fleischsauce plus Salat?

Nichts, wenn man mit gesundem Menschenverstand an die Sache rangeht.

 

 

Fasten am Limit: Der Protagonist dreht durch

Aber natürlich steckt wieder die Psychologin dahinter.

Sie will Peter aus dramaturgischen Gründen in eine möglichst große Klemme bringen, deshalb interpretiert sie die – sinnlosen – Ratschläge des Arztes absichtlich falsch. Leider macht sie damit ihre Hauptfigur zu einem astreinen Essgestörten, der Ratschläge nicht umsetzen kann, kein Maß und Ziel kennt und von einem Extrem ins andere fällt.

Und so kommt es am Ende zum Äußersten. Was geschieht, weist nicht nur auf Peters Krankheit hin, sondern ist auch typisch für Plots, die sich Psychologen ausdenken: Der Protagonist dreht durch.

„Er war wütend, abwechselnd auf sich selbst, dann auf Sybille. Kompromisse waren was für Paartherapeuten, er für seinen Teil hatte genug davon. Er wollte essen, kompromisslos. Heute Abend würde er zu Toni gehen und sich den Bauch voll schlagen, Pizza mit Sardellen und Vitello Tonnato oder ein saftiges Steak.“

Das war´s also mit Peters Fastenkur.

Tja. Ein richtig katastrophales Ende ist das aber nicht. Es gibt weiß Gott Schlimmeres als abends beim Italiener zu landen. Dabei sollte der Schluss wohl nur zeigen, dass Leute, die fasten oder Diät halten, zwangsläufig in die Völlerei abgleiten.

Quarkundso.de stellt das gnadenlos richtig: Zwei Gänge beim Italiener keine Völlerei. Alles unter drei Gängen ist Diät. Wir bestätigen das gerne allen Betroffenen schriftlich.

Das Ende der Geschichte ist daher so schwer zu deuten wie der Anfang. Nichts, was in der Story als normal oder unnormal präsentiert wird, haut hin. Hier schreibt jemand einfach vom Reißbrett, der mit Essen nichts am Hut hat.

©Johanna Bayer

Artikel “Fasten – Himmel oder Hölle?” auf dem FAZ-Blog

Die SZ über Chipstüten und Portionsgrößen

Ach, und weil es zur Botschaft so schön passt, unvergesslich: Willy Millowitsch singt “Wir sind alle kleine Sünderlein”

In der TAZ: Das Klima retten durch Fleischverzicht und Fleischsteuer? Vielleicht lieber anders.

Fleischtheke und Verkäuferin

Weg von der Fleischtheke! Wir wollen doch das Klima retten. Bild: Shutterstock/racom

Damit niemand denkt, Quarkundso.de würde nur rumkritteln, wird jetzt gelobt. Dafür habe ich mir die TAZ ausgesucht.

Die ist an sich für Quarkundso.de kein lohnendes Ziel, weil aus Berlin, einem kulinarisch öden Gebiet.

Dort ansässige Redakteure und Journalisten sind als Ex-Hausbesetzer und/oder grünbewegte Kiezbewohner an Essen nur als Mittel zur Politik interessiert.

Schnödes Genießen ist nicht ihr Ding. Schreiben können die aber. Wenn sie also was zum Thema Essen machen, dann scharfe Kommentare, die sich gegen unseren exzessiven Konsum richten. Oder schöne Reportagen.

Letztere drehen sich dann um politisch korrekte Ernährungsthemen, also um Imker und Bienen, oder um neue Restaurants von Veganern, oder alte Gemüsesorten, die in den Gärten verwitterter Datschen von Hand gezogen werden.

Das qualifiziert aber nur ausnahmsweise für Quarkundso.de, da im Allgemeinen zu vorhersehbar und zu langweilig. Aber jetzt kommen sie dran, und zwar im Guten.

 

Irgendjemand muss die Welt ja retten

An dieser Stelle sollen auf keinen Fall Missverständnisse aufkommen: Quarkundso.de bekennt sich ausdrücklich zu Umweltschutz und bewusstem Essen, zu verantwortungsvollem Konsum und zu ebensolchem Umgang mit der Natur.

Die Welt muss gerettet werden und irgendjemand muss den Job ja machen. Danke, Berlin.

Aber ein bisschen Spaß beim Essen darf schon noch sein. Ehrlich. Wenn wir wegen der Klimakatastrophe bald nicht mehr Auto fahren, in Urlaub fliegen, pro Kleinfamilie ein Reihenhaus besitzen und zweimal im Jahr den Inhalt des Kleiderschranks komplett erneuern dürfen, wollen wir doch wenigstens was Gutes essen.

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Allerdings scheint es eher so zu sein, dass kaum jemand daran denkt, sich des Klimas wegen beim Autofahren, beim Häuslebauen oder beim Shoppen wesentlich einzuschränken: Die Deutschen bewegen unnötig viel Blech mit bulligen SUVs und Spaßmaschinen, auf Autobahnen rasen sie weiterhin wie die Irren, Millionen fliegen Kurzstrecke und wehe, im gemütlichen Reihenhaus schafft die Heizung weniger als 24 Grad Wohlfühltemperatur.

Aber am Essen wollen plötzlich alle rumschrauben.

Essen, diesen unnötigen Luxus, hat man jetzt im Visier, besonders jene Gier nach Fleisch, die das Volk beherrscht. Dass Fleischessen von vielfältigem Übel und einzudämmen sei , ist im Moment flächendeckender Konsens, und dafür macht sich auch die TAZ stark.

Ein Weg wäre die Fleischsteuer, damit Fleisch teurer wird, aber man ist bei der TAZ auch grundsätzlich für eine massive Verringerung des Fleischkonsums: Alle Deutschen sollen höchstens halb so viel Fleisch essen wie bisher.

Denn das sei nicht nur gut für das Klima, sondern auch viel gesünder, schreibt TAZ-Autor Jost Maurin in mehreren Artikeln, darunter einem Kommentar mit dem Titel „Schlechtes Klima für Fleischfresser“ vom 2.11.2016.

 

Nur ein Vorschlag schafft es in die Öffentlichkeit

Diese Diskussion um Fleischkonsum und Fleischsteuer besteht seit einiger Zeit, auch ausgelöst durch den aktuellen Klimaschutzplan 2050.

Den hat Umweltministerin Hendricks gerade vorgelegt und darin Hunderte von Maßnahmen beschrieben, um Treibhausgase einzudämmen: Industrie, Verkehr, Handel, Landwirtschaft, Energieunternehmen, Hausbesitzer, alle sollen einen Beitrag leisten und Emissionen einsparen.

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In die öffentliche Diskussion schaffte es aber kaum ein Detailvorschlag – einer der wenigen ist der mit der Halbierung des Fleischkonsums.

Den hatte Hendricks mal in einen Entwurf geschrieben: Die Deutschen sollten von ihren durchschnittlichen 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr auf ungefähr 30 Kilo runterkommen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, DGE, empfehle das ja auch, wegen der Gesundheit, heißt es zur Begründung: So viel Fleisch, 60 Kilo im Jahr, etwa ein Kilo in der Woche, sei ungesund.

Der Vorschlag flog zwar wieder raus, weil Wirtschaftsministerium und Kanzleramt den Passus strichen. Aber er hält sich hartnäckig in der Diskussion.

Und TAZ-Autor Maurin bringt auf seiner Mission – höchstens noch halb so viel Fleisch essen – dazu den Vorschlag mit der Mehrwertsteuer aufs Tapet: Fleisch wird bisher mit sieben Prozent ermäßigt besteuert, man könnte es teurer machen und 19 Prozent draufschlagen, den normalen Mehrwertsteuersatz. Das würde den Fleischkonsum verringern.

Diese Idee stammt nicht aus dem Klimaschutzplan, sondern von Agrarexperten aus dem Umfeld des Landwirtschaftsministeriums. Aber leider, so Maurin, hört Landwirtschaftsminister Schmidt nicht einmal auf seine eigenen Leute und lehnt jede Verteuerung ab.

Dem widerborstigen Beamen hält der TAZ-Mann entgegen, dass die Landwirtschaft ganze acht Prozent Anteil vom Ausstoß von Treibhausgasen hat.

 

Ob der Minister so Unrecht hat?

Acht Prozent? Das ist wenig.

Bei diesem geringen Anteil geht es laut TAZ schon um die Wurst? Die Landwirtschaft muss massiv Emissionen einsparen und die Bevölkerung muss mindestens auf die Hälfte, am besten aber ganz auf Fleisch verzichten – bei diesem geringen Anteil der gesamten Landwirtschaft an den Treibhausgasen?

Hm. Ob da nicht der Minister ein wenig Recht hat? So klingt das wirklich nicht plausibel. Sondern eher konstruiert.

Zwar könnte man, wie es Jost Maurin auch tut, den Anteil der „Agrarbranche“ noch nach Kräften hochrechnen, aber solche Zahlenspiele geraten leicht unlauter und geben kein klares Bild ab.

Da kann man sich getrost an diese Grafik des Umweltministeriums halten: Der Treibgas-Anteil der Bauern bleibt bei unter zehn Prozent.© BUMB

Natürlich gilt: Keiner kann sich rausreden, die Klimaziele müssen erreicht werden und jeder muss beitragen. Trotzdem ist wirklich die Frage, welcher Bereich welche Einschnitte wofür hinnehmen muss und was sinnvoll ist.

Und da hat der Minister Schmidt, obwohl er von der CSU ist, nicht ganz Unrecht: Essen ist ein Grundrecht und die Landwirtschaft hat eine wirklich besondere Bedeutung – die sollten wir nicht leichtfertig an den Pranger stellen, sondern genau hinsehen. Und vielleicht anderswo mehr einsparen.

 

In derselben Redaktion: andere Meinung

Die TAZ lässt aber auch jemand anderen zu Wort kommen, das ist das Schöne. Es ist ein Kollege des Autors Maurin, ebenfalls aus dem Ressort Wirtschaft und Umwelt. Der sieht das Ganze erfrischend anders. Zwei Tage später, am 4.11., schreibt er seinen Kommentar zur Sache und nimmt den Vorschlag mit der Fleischverteuerung auseinander.

Diesen Kommentar muss man sich in Ruhe durchlesen, unten steht der Link.

Treffend argumentiert Richard Rother, dass man mit dem Klimaargument wirklich jede Steuererhöhung beim Essen begründen könnte – schließlich findet sich immer ein Lebensmittel, das noch klimafreundlicher ist, bis runter zum Leitungswasser.

Fleisch, sagt er dann richtig, ist aber zu wertvoll, ein Grundnahrungsmittel, das gerade für niedrige Einkommensgruppen und deren Kinder wichtig ist. Die würden benachteiligt, selbst wenn etwa Hartz-IV-Familien mehr Geld für die Lebenshaltung bekommen würde: Es wäre einfach der falsche Anreiz und würde keine ausgewogene Ernährung fördern.

Stattdessen könnte man, so Rother, wirklich unsinnige Steuerermäßigungen abschaffen, etwa beim Tierfutter, und überhaupt müsste man den Mehrwertsteuerdschungel mal lichten. Da ist noch viel Luft drin – Einnahmen, die man zugunsten einer tier- und klimafreundlichen Landwirtschaft verwenden könnte.

Rothe plädiert dann für Verantwortung und gute Ernährungsbildung, um vernünftige Essgewohnheiten zu entwickeln – gegen Verschwendung und riesige Fleischberge auf dem Teller.

 

Schluss mit dem Geschummel

Der Kommentar ist einfach großartig, weil er den Kern der Sache trifft und nicht so platt auf dem Generalvorwurf „Wir essen doch alle viel zu viel Fleisch – so viel Fleisch ist ungesund“ herumreitet.

Und ja, dass weniger Fleisch besser wäre und Fleisch teurer werden muss, ist trotzdem richtig – damit die Massentierhaltung endlich eingedämmt und der Tierbestand reduziert wird.

Allerdings ist die Frage, wieviel weniger das sein muss.

Und es ist die Frage, was wir damit erreichen wollen. Die Nitratbelastung, das Grundwasser, Kosten für Kläranlagen, der Gestank und das Leid der Tiere sind bei der Massentierhaltung tatsächlich große Probleme – nicht in erster Linie ihr Anteil an den emittierten Treibhausgasen.

Da sind vornehmlich andere Player gefragt, ganz vorne: Kohlekraftwerke, zum Beispiel. Auch private Haushalte. Und die lieben Autofahrer. Dazu kommen wir noch.

Auf jeden Fall muss dieses Geschummel mit dem Klimaschutz durch Fleischverzicht endlich aufhören. Und das Getrickse mit der angeblichen Gesundheit.

Beides ist Unsinn, weil Fleischverzicht nicht das Klima rettet. Weil Fleisch nicht pauschal ungesund ist. Und weil Fleischverzicht nicht pauschal gesund ist.

 

Eine Lektion in Küchenpsychologie

Warum wir unseren Fleischverzehr, wenn nicht gleich ganz aufgeben, dann mindestens halbieren müssen, leuchtet Quarkundso.de nicht ein.

10, 20 oder 30 Prozent reduzieren wären doch ein leichterer Einstieg in eine Veränderung? So viel Küchenpsychologie müsste doch inzwischen durchgesickert sein: Ernährungsgewohnheiten kann man nicht von heute auf morgen umkrempeln.

Das haben die öden Diättipps der Art „Müssen es denn Chips vor dem Fernseher sein? Knabbern Sie doch an Karotten!“ gezeigt, die keiner befolgt. Auf einer unrealistischen Maximalforderung zu bestehen führt eben nicht zum Ziel.

Funktionierende Diätkonzepte von Medizinern setzen stattdessen auf kleine Veränderungen, bei denen die persönlichen Vorlieben erhalten bleiben. Es darf dann mal ein Stück Schokolade sein, und die geliebten Kartoffelchips haben auch ihren Platz. Gespart wird anderswo.

Auch dazu gleich noch mehr.

 

So viel Fleisch essen wir gar nicht

Dass die Deutschen doppelt so viel Fleisch essen, wie es angeblich laut DGE gesund ist, ist auch so ein Gerücht.

Dabei behandeln TAZ-Autor Jost Maurin, aber auch viele andere, die Umweltministerin eingeschlossen, die DGE-Regel von maximal zwei- bis dreimal die Woche Fleisch (300 – 600 Gramm) wie den Grenzwert einer gefährlichen Chemikalie: Huhuhu, doppelt so hoch wie erlaubt – ungesund!!!

Das ist absichtlich irreführend.

Nicht nur, weil die Menge von 300 bis 600 Gramm natürlich überhaupt kein Grenzwert ist, nur eine unverbindliche Empfehlung.

Sondern auch, weil die DGE schon seit Jahren auf dem Ökotrip ist und die Nachhaltigkeit als Grund für ihre Fleischration anführt. Nicht die Gesundheit. Der Öko-Effekt hat viel mehr zu dem Richtwert von 300 bis 600 Gramm beigetragen als jedes andere Argument.

Das Gespenst vom überhöhten Fleischkonsum an die Wand zu malen, ist auch faktisch falsch, weil die Deutschen nicht reihenweise tot umfallen, obwohl sie schon seit 60 Jahren viel mehr Fleisch essen als es die DGE empfiehlt.

In dieser Zeit, seit 1950, hat sich der Fleischkonsum verdoppelt und parallel dazu ist die Lebenserwartung gestiegen: von 64 beziehungsweise 68 Jahren (Männer/Frauen) auf 78 und 83 Jahre (Männer/Frauen). Das sind in beiden Fällen über 20 Prozent – und sie steigt weiter.

Mit unseren 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr liegen wir im Vergleich unter Industriestaaten sowieso nur im Mittelfeld. Die großen Fleischesser sind andere: die USA, Brasilien, Argentinien, Kanada, Australien. Die kommen auf bis zu 120 Kilo pro Kopf und Jahr. Über zwei Kilo in der Woche.

Wenn man von viel reden will: Das ist viel.

Selbstverständlich kann man sich nicht damit aus der Affäre ziehen, dass man mit dem Finger auf andere zeigt. Aber welche Karten man in der Debatte ausspielt, sollte man sich schon gut überlegen: Sparen – ja. Aber nicht, weil es angeblich so grauenvoll viel und ungesund ist, was wir verschlingen.

Sondern weil wir die Umwelt schonen und den Tieren ein besseres Leben gönnen müssen, bevor wir sie aufessen. Auf diese Argumente kommt es an. Alles andere ist Volksverdummung und kontraproduktiv.

 

Für Klima und Gesundheit: nur noch halb so viel!

Andererseits sticht etwas bei der Formel „Höchstens die Hälfte, für Klima und Gesundheit“ ins Auge: Sie ist betörend simpel, für jeden verständlich und einfach anzuwenden.

Möglicherweise ist das der Grund, warum Klimaschützer und Umweltaktivisten so auf die Halbierung des Fleischkonsums drängen.

Wenn man darüber nachdenkt, wird die Sache immer einleuchtender. Ehrlich – das ist super: Einfach nur noch Hälfte von, sagen wir, unnützem Kram, dann sind Klima und Gesundheit ruckzuck wieder im Lot!

Quarkundso.de wird daher bei der Weltrettung selbstverständlich nicht kneifen und hat den eigenen Fleischverzehr bereits reduziert (Details auf Anfrage).

Dafür fordert Quarkundso.de aber zum Ausgleich, bei anderen – überflüssigen – Lebensmitteln und schlechten Gewohnheiten von Privatleuten diese unschlagbare Faustregel anzuwenden: „Höchstens halb so viel – für Klima und Gesundheit!“.

Hier die kreativen Vorschläge der Redaktion*:

 

Höchstens halb so viel Bier! 2015 lag der Bierkonsum bei 105 Litern pro Kopf und Jahr – das ist für jeden, vom Baby bis zum Greis, ein Bier am Tag. Was das in absolutem Saufen für die notorischen Feierabendtrinker heißt, mag man sich gar nicht ausdenken. Dabei ist Bier für die Ernährung höchst nutzlos und noch nicht einmal ein Lebensmittel. Außerdem enthält es nicht nur den giftigen Alkohol, sondern macht auch noch dick und lässt Männern Brüste wachsen. Ab sofort also nur noch die Hälfte: Höchstens jeden zweiten Tag ein Bier, lieber aber überhaupt keins. Das spart Emissionen im Hopfenanbau und wird auch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen empfohlen.

Halb so viel Schokolade! Die Deutschen essen mehr Schokolade als die Schweizer, 11,5 Kilo pro Kopf und Jahr, 31 Gramm am Tag. Das sind für jeden etwa zwei Riegel einer Schokotafel. Aber Schokolade ist teures Importzeug, der Kakao-Ernte beruht auf unfairen Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit, von klimaschädlicher Verpackung (Alufolie!) und dem Transport mal ganz abgesehen. Ab sofort also höchstens noch die Hälfte – aber am besten gar keine Schokolade mehr. Das macht Freude, gerade zur Weihnachtszeit, weil man das Klima rettet. Aber der Verzicht lohnt sich, das sagt auch der Verband Deutscher Zahnärzte.

Ganz wichtig: Nur noch halb so viel Kuchen! Der wird weit überwiegend aus Weizenmehl gebacken, und Deutschland muss Weizen importieren, darunter fast zwei Millionen Tonnen aus Tschechien. Da fallen also wieder Emissionen im Transport an, und seien wir mal ehrlich: Kuchen, Stückchen, Torten und Kekse machen doch nur dick und jagen den Blutzucker in die Höhe. Diabetes lässt grüßen. Also bitte gar nichts mehr oder maximal die Hälfte – nicht mehr jeden Tag süße Backwaren in sich reinstopfen, sondern höchstens zweimal die Woche. Das empfiehlt übrigens auch die DGE. Wegen des Übergewichts.

Entscheidend: Halb so viel Autofahren! Die Emissionen aus dem Straßenverkehr sind doppelt so hoch wie die aus der Landwirtschaft. Wir hatten das oben schon. Damit ist die Richtung klar: Nur noch jeden zweiten Tag Autofahren. Die Fahrzeuganzahl pro Familie wird halbiert: Wo es zwei Autos gibt, bleibt nur noch eine Familienkutsche übrig. Höchstens. Dafür werden Fahrräder angeschafft. Das ist auch viel gesünder und wird vom Deutschen Sportbund empfohlen.

Dass es ein Tempolimit geben muss, ist sowieso klar und stand auch schon einmal im Klimaschutzplan: 130 km/h auf der Autobahn, 30 km/h in Ortschaften. Quarkundso.de geht jetzt weiter und verlangt die Hälfte: Überall dort, wo es schon eine Geschwindigkeitsbeschränkung gab, gilt davon das halbe Tempo. Vorher 80 bedeutet jetzt also Tempo 40, vorher 30 bedeutet jetzt 15. Am besten geht man gleich zu Fuß. Auf Autobahnen gilt generell nur 100. Das ist die Hälfte von 200, wer je schneller gefahren ist, hat eh ein Rad ab. Und glaubt mir – das Tempolimit würde richtig was bringen, was Spritverbrauch und Emissionen angeht. Auch für die Gesundheit – man denke an die tödlichen Unfälle durch Raser. Diese Position vertritt auch die Deutsche Verkehrswacht.

 Zuletzt, weil der Winter kommt: Halb so viel heizen! Nicht in jedem Raum, sondern nur in jedem zweiten Zimmer die Heizung aufdrehen. Wer das toppen will, reduziert überall die Raumtemperatur auf die Hälfte – 12 Grad statt 24 Grad. Dicken Pulli an, wie Thilo Sarrazin riet, dann geht das schon. In den privaten Haushalten liegt nämlich noch viel Einsparpotenzial. Übrigens empfiehlt ähnliche Temperaturen auch der Deutsche Kneipp-Bund: Gezielte Kältereize stärken das Immunsystem, und ständig überheizte Räume schaden der Haut und der Lunge.

 

Diese Vorschläge zum umfassenden Klima- und Gesundheitsschutz sind natürlich erst der Anfang. Sobald Quarkundso.de das Gesundheits- und das Ernährungsministerium übernommen hat, werden Maßnahmen nach diesem Rezept flächendeckend eingeführt.

Sie werden die Welt retten.

Und bei optimaler Klimabilanz durch das „Höchstens noch die Hälfte“-Programm ist dann ein Stückchen Fleisch wieder drin. Versprochen.

*Achtung! Teilweise ernst gemeint.

©Johanna Bayer

TAZ-Kommentar “Schechtes Klima für Fleischfresser” vom 2.11.2016

TAZ-Kommentar “Ran an die Buletten!” vom 4.11.2016

Spiegel-Meldung zur Besteuerung von Milch und Fleisch

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich. Einfach ins Sparschwein stecken. sparschwein_spenden

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Dürfen Köche Geld verdienen? WDR und SWR porträtieren Alfons Schuhbeck

Löffel mit Paprika, Curry, Gewürzen, Salzkörner, Nahaufnahme

Reich mit Gewürzen – darf das ein Koch?
Bild: Shutterstock / Eugenia Lucasenco

 

Das klang spannend: Eine Sendung darüber, womit Promi-Köche, die im Fernsehen auftreten, “wirklich” ihr Geld verdienen, Titel: „Kochende Geschäfte“.

Die Dokumentation ist von WDR und SWR und lief 2015 beim WDR in der investigativen Reihe „die story“, der SWR wiederholte den Beitrag im September 2016. Da geriet er auf den Radar von Quarkundso.de, zumal knallharter Journalismus in Aussicht gestellt wurde:

„die story fragt nach den Nebengeschäften der Fernsehköche. Sie zeigt die Küchenglitzerwelt und das, was daraus entsteht.“a

Nebengeschäfte! Unfassbar. Was könnte das sein, bei einem Koch?

Sklaven- und Mädchenhandel, um billig an Küchenpersonal zu kommen, Drogenschmuggel in der Kühlkammer, illegale Chemikalien in Lebensmitteln, vielleicht Scheinfirmen: ein Briefkasten auf den Bahamas, hinter dem sich ein Pferdefleisch-Großhändler auf dem Balkan verbirgt, der unter dem Namen des TV-Kochs auffallend günstige Delikatess-Lasagne unters Volk bringt.

Oder so.

Aber das war es alles nicht.

 

Gewürze, Restaurants, Partyservice

Stattdessen listete der Film das Portfolio von Gastro-Unternehmern auf, vor allem das des Alfons Schuhbeck: neben dem Führen von Restaurants unterschiedlicher Niveaus und eines Partyservice sind das diverse Medienauftritte, der Handel mit Gewürzen und allerlei Viktualien, die Entwicklung von Fertiggerichten unter dem eigenen Namen, das Bekochen eines Fußballvereins, Werbeverträge für Lebensmittel, das Verfassen von Kochbüchern und das Abhalten von Kochkursen für Hobbyköche.

Alles ganz normale und legale Aktivitäten, zu deren Erfolg man den Unternehmer eigentlich beglückwünschen möchte. Aber wenn so ein Koch den öffentlich-rechtlichen Investigativformaten vor die Flinte gerät, ist was anderes gefragt.

Autorin und Regisseurin Katharina Schickling begab sich also im Auftrag von WDR und SWR auf die heikle Mission, die dunklen Machenschaften der Küchenkünstler aufzudecken. Normalerweise macht Frau Schickling eher Kultur-Dokus für den BR, meist mit schönen schwarz-weiß-Bildern aus dem Archiv.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Den Alfons Schuhbeck, ihren Protagonisten, hat sie 24 Stunden durch seinen Tagesablauf begleitet, beginnend um Mitternacht. Da stemmt der Kraftmensch Hanteln im Fitness-Studio, denn erst nächtens hat er dafür Zeit.

Wir werden auf diesen bemerkenswerten roten Faden – 24 Stunden im Leben eines Promi-Kochs, in seinen eigenen Häusern, an Originalschauplätzen – noch zurückkommen.

Aber erstmal weiter in der Story: Im anschließenden O-Ton erklärt Schuhbeck, schön ausgeleuchtet vor einem Weinregal seines Ladens sitzend, dass er sich im Moment pudelwohl mit seinem Erfolg fühlt und mit seinen Auftritten den Nerv der Zeit trifft.

In der Tat, das tut er. Mit bayerischem Charme, raffinierter Heimatküche und seiner Gewürzmasche hat er sich eine eigene Marke erschaffen, wobei er ja schon vorher erfolgreich war: In Waging hielt der Alfons, den seine Fans liebevoll „Fonse“ nennen, 20 Jahre einen Michelin-Stern, in München hat er sich am Platzl auch sofort einen erkocht, wenn er auch inzwischen nicht mehr selbst am Herd steht.

Eines ist klar: Der Mann kann wirklich was.

 

„Ein super Geschäftsmodell“

Jetzt, nach vielen Jahrzehnten im Geschäft, nach Pleiten, Gerichtsverfahren, Anfeindungen, unklaren Geldsachen und dem üblichen Auf und Ab des Metiers, läuft es beim Fonse: sein Image ist aufpoliert, auch dank einer Medienstrategie, die gut ausgeklügelt ist von einem Team von Beratern, neuerdings auch auf Facebook.

Einzigartig ist seine Stellung im BR. Dort hat man ihn seit 30 Jahren erst als bayerisches Urgestein am Herd, dann systematisch als „Gesundheitskoch“ aufgebaut und der Fonse hat begriffen, wie der Hase läuft. Zum Glück für ihn und seinen Haussender BR ist er clever, charmant, schlagfertig und wirkt authentisch bayerisch. Heute erntet er die Früchte und findet speziell ob seines persönlichen Medientalents: „Des is scho super!“

Süffisanter Kommentar der Autorin direkt dazu:

„Und ein super Geschäftsmodell! Diese Geschäfte möchte ich genauer betrachten. Womit verdienen unsere Koch-Gurus tatsächlich ihr Geld? Wo sind die Grenzen der Vermarktung?“

Über den süffisanten Ton und die unverhohlene Insinuation, dass etwas faul ist an der Sache, stolpert man: Der Sternekoch Alfons Schuhbeck, dem es gelungen ist, sich als echte Marke zu erschaffen und erfolgreich zu etablieren, soll aus seinem Talent und seiner Medienwirksamkeit kein Geschäftsmodell machen?

Ja – was denn sonst?

Ich meine – woraus soll man denn sonst ein Geschäftsmodell machen?

Das habe ich am Anfang des Films nicht verstanden, deshalb habe ich ihn bis zum Ende geguckt. Ich wollte wissen, was genau gemeint ist mit den scheinbar fragwürdigen Machenschaften, und ob da was Dunkles aufgedeckt wird.

 

Alte Hüte aus der Foodwatch-Kampagne von 2009

Im Verlauf des Films gibt sich die Autorin scheinbar die größte Mühe, glühende Kohlen auf dem Haupt der Köche und insbesondere von Alfons Schuhbeck zu sammeln – Werbung für Industrieprodukte und Fertiggerichte, Verkauf von Tee, was doch vom Kerngeschäft Kochen sehr weit weg sei.

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Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion “Wissenschaft kommuniziert”

Aber die Vorwürfe sind alte Hüte, längst abgefrühstückt. Sie gehen zurück auf eine Foodwatch-Kampagne von 2009, in der die Essensretter anprangerten, dass bekannte Köche für Fertigprodukte, Tütensuppen oder Imitate wie künstliche Bratcremes werben.

Notorisch war damals der Auftritt des Sternekochs Martin Baudrexel für den Fettersatz Rama cremefine des Margarine-Multis Unilever. Die Liste der Angeklagten ist lang und führt fast alle großen Namen der deutschen TV-Kochszene: von Lafer und Lichter über Poletto bis zu Baudrexel, Herrmann und Schuhbeck – allesamt vom Guide Michelin schonmal mit einem Stern versehen.

Im Kern hat Foodwatch Recht – dass ausgerechnet Meister ihrer Kunst Werbung für billige Ersatzware machen, macht sie, was ihre kulinarische Kultur angeht, nicht besonders sympathisch.

Doch sind die alten Werbeverträge längst ausgelaufen, die Köche sensibilisiert und es wirkt einfach billig, dass WDR und SWR die komplette Kampagne von damals aufkochen, auch noch anhand der alten Vorwürfe und mit alten Werbespots.

Es ist nichts neu daran, es ist keine Eigenleistung, auch von eigenständiger Recherche kann keine Rede sein. Alles, was im Film vorkommt, kann man bei Foodwatch online nachlesen – das Drehbuch war schnell geschrieben.

 

Pseudo-Journalismus: Banales skandalisieren

Um den investigaten Schein zu wahren, muss aber die als Reporterin auftretende Autorin überall neuen Betrug wittern. Das führt zu teils grotesker Krittelei: So moniert sie bei den Gewürzen, dass Schuhbeck die Rohware für seine eigenen Mischungen vom größten europäischen Gewürzhändler Fuchs bezieht.

Skandal! Wo Schuhbeck draufsteht, ist nur Fuchs drin, der beim Netto-Markt auf dem Regalbrett über der Tiefkühltruhe steht? Da tütet einer einfach was um und verlangt dann das Doppelte?

Nun ja. Der Effekt verpufft.

Wenn Schuhbeck Gewürze für eigene Mischungen einkauft, etwa Paprikapulver, Zimt, Chilischote oder getrocknete Zitronenschalen für sein Gulaschgewürz– warum denn nicht beim Marktführer?

Seien wir froh, dass er keine schlechtere Adresse genommen hat. Ihm den Lieferanten Fuchs zum Vorwurf zu machen, ist absurd. Da müsste man auch Karl Lagerfeld anklagen, weil er die Stoffe nicht selbst webt, aus denen er seine Kleider schneidert, sondern sie von Textilhändlern kauft.

Mit einer schlichten Zimt-Zucker-Mischung marschiert die Autorin – vorhersehbar – zur Verbraucherzentrale: Ob es für so eine einfache Sache nicht unstatthaft sei, Geld zu verlangen, wo doch jeder Zimt und Zucker zuhause mischen können?

Beflissen rechnet die Verbraucherschützerin vor, wie billig die Zutaten und wie teuer das Gläschen mit Schuhbecks Konterfei ist.

Ja, toll. Das hätte es auch nicht gebraucht, dafür einen Drehtag für Tausende von Euros zu verschwenden.

Denn bei Zimt-Zucker-Streu liegt doch alles auf der Hand. Muss man da die Bedenkenträgerin von der Verbraucherzentrale bemühen und den Vorwurf in den Raum stellen, Menschen würden betrogen?

Es gibt hier keinen Schwindel. Leute kaufen das Zeug, der Schuhbeck verdient daran, fertig.

Wer zu unsicher, zu faul oder zu doof ist, um selbst Zimt und Zucker zu mischen, der zahlt beim Schuhbeck halt das Zehnfache. Dasselbe gilt für Gulaschgewürz, Grillgewürz, Steakgewürz, Fischgewürz, Butterbrotsalz und was all der Mischungen mehr sind: Wer sich nicht traut, zuhause selbst zu würzen, der zahlt. Meistens sogar gerne.

 

Alles läuft seltsam ins Leere

Alle Anklagepunkte, die scheinbar gesammelt werden, verfangen auf diese oder auf andere Weise nicht. Ein Grund dafür ist auch, dass der Meister persönlich zu jedem Punkt dezidiert Stellung nimmt, und das macht er sehr gut.

Sogar auffallend gut – das wird uns noch beschäftigen.

Jedenfalls kontert er die Frage, warum in einigen seiner Gewürze oder Tees (nicht in allen) Aromastoffe sind, klar und korrekt damit, dass diese Mischungen sonst nicht stabil im Geschmack bleiben und dass es natürliche Aromen sind, weithin gebräuchlich.

Anders geht es nicht, wenn man so ein Produkt will, Punkt. Wer künstlichen Geschmack mag – und das sind erschreckend viele – kauft ihn, und fährt beim Schuhbeck wahrscheinlich besser als anderswo.

Den Vorwurf, dass er sich für Fertiggerichte hergibt, die seinem Niveau als Sternekoch nicht entsprechen, beantwortet er lässig mit einer politisch durchaus raffinierten Botschaft: Er könne doch nicht von allen Leuten verlangen, dass sie sein Sternerestaurant besuchen. Nicht jeder habe das Geld. Also mache er auch was für Leute, die sich ein Essen beim Schuhbeck eben nicht leisten können.

 

“Hummer und Gänseleber kann jeder Depp”

Dass die Gerichte einer Testerrunde aus Kollegen nicht schmeckten, begründet er sehr clever: Man habe es bei preiswerten Gerichten viel schwerer als in der Sterneküche. Denn bei den billigen Fertigprodukten muss man sich um den Geschmack echt bemühen – in der Sterneküche leisten das die exquisiten Zutaten, so der Meisterkoch: „Einen Hummer abzubraten, eine Gänseleber – das kann jeder Depp.“

Dass er Hühnerbrühe als Pulver verkauft, erklärt der Fonse schlicht damit, dass es sein Job sei, der Hausfrau zu helfen, die nicht jedes Mal ein Huhn auskochen könne.

Tja. Dagegen kann man wirklich nichts sagen, zumal es schon seit Jahrhunderten das Prinzip Brühwürfel und Instantbrühe gibt.

Eher kann man fragen: Muss derlei als vorgeblich kritische Frage in einer teuren Dokumentation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aufgeworfen werden? Dass es so etwas wie Suppenwürfel gibt und nicht jeder Fonds und Brühen selbst kocht? Wie kann eine so weltfremde Krittelei als investigativer Journalismus verkauft werden?

Gerade wegen der aufgesetzen Fragen kommt der Schuhbeck aber umso besser weg. Denn er kann die doofen Vorwürfe handfest kontern und geht als bodenständiger, vernünftiger Geschäftsmann und netter Kerl aus der Sache raus.

Nebenbei erklärt er sehr überzeugend seine Medienstrategie – dass er sich bereitwillig von jedem fotografieren lässt. dass er Autogramme gibt, sich selbst und seinen Stress zurücknimmt, alles tut für Kunden und Fans und immer Antwort gibt.

Am Ende glaubt man ihm.

Alfons Schuhbeck am Tisch, drei Personen, Gesichter unkenntlich

Knallharte Recherche von Quarkundso.de: dem Schuhbeck in München aufgelauert, Foto geschossen. Na gut, vorher natürlich gefragt. Er hat ja gesagt und nett gelächelt.

 

Massenprodukte sind nicht für Profis gemacht

Die Tests, zu denen andere Profis bemüht werden – lokale Gastronomen aus der Münchner Szene – ergeben auch nicht allzu viel. Bei einigen sind die jüngeren Kollegen sehr höflich und fahren dem großen alten Herrn Schuhbeck nicht zu offensichtlich an den Karren.

Beim Verkosten der Fertiggerichte verfehlt das Design des Tests knapp den Punkt. Wenn die Autorin drei Köche und Geschmacksspezialisten Schuhbecks Gerichte gegen Aldi-Ware verkosten lässt, muss klar sein: Alle diese Produkte sind genau nicht für die feinen Zungen der Profis gemacht.

Deren Geschmack ist hier gar nicht gefragt, sondern der Geschmack des Publikums, das das Zeug kauft. Die Hersteller münzen auf die Masse, nicht auf die wenigen Ausnahmeschmecker aus dem Profi-Bereich.

Wenn also andere Promi-Köche und Geschmacksspezialisten ein Fertiggericht beurteilen, heißt das erstmal nur: falsche Zielgruppe. Der Hersteller hatte eine bestimmtes Segment im Auge und wollte dessen Geschmacksvorstellung treffen. Wie dort die Konsumentenbefragungen ausfallen, danach schmeckt das Produkt.

Dabei geht, was einem Feinschmecker nicht auf den Tisch kommt, im Handel millionenfach über den Ladentisch.

Leider, das darf man schon sagen. Aber so ist es halt.

 

Wo beim Schuhbeck der Hase im Pfeffer liegt

Sogar die Geschichte, dass Schuhbeck für die Bezeichnung „Gewürz-Apotheke“ abgemahnt worden ist, kann der Delinquent kommentieren und für sich verwandeln: Er erklärt, dass er sich selbstverständlich den Gesetzen beugt, dass die anderen aber vor allem neidisch sind und die “Kraft seiner Gewürze” (neuer Markenname) ungebrochen ist. Aus die Maus.

Ausgerechnet dieser Part ist überraschend knapp gehalten. Er endet damit, dass Schuhbeck das Etikett wechselt und so dem Gesetz Genüge tut.. Dabei hätte man hier dem Fonse die Suppe auch ein wenig versalzen können – wenn man das gewollt hätte.

Über Gesundheit und die Wirkung von Gewürzen und Kräutern lässt er sich nämlich inzwischen aus wie weiland der legendäre Schein-Professor Hademar Bankhofer, der in der ARD jahrelang als Experte Gesundheitstipps geben durfte, bis er wegen Schleichwerbung und Scharlatanerie geschasst wurde.

In dessen Fußstapfen tritt jetzt der Schuhbeck mit seinen Zauber-Gewürzen, die er geradezu für Medikamente mit pharmakologischer Wirkung hält – die cholesterinsenkende Wirkung von Knoblauch und Ingwer kann für das Herz-Kreislaufsystem „von entscheidender Bedeutung sein“, Schwarzkümmel wirkt bei Kopfweh besser als Aspirin, „Chili treibt die Fettzelle in den Zelltod“ und wer für den Restkörper „Zellfitness“ will, sollte von Schuhbeck zusammengestellte Gewürzkapseln schlucken, klar.

Hier legt die Autorin den Finger erstaunlicherweise nicht richtig in die Wunde, was sie leicht hätte tun können, wenn sie einige von Schuhbecks Facebook-Videos, seine Broschüren oder seine Auslassungen in Kochshows analysiert hätte. Aber sie verzichtet großmütig – auch darauf werden wir noch zurückkommen.

Allerdings ist auch klar: Es gibt in diesem Geschäft weiß Gott Schlimmeres, etwa homöopathische Zubereitungen aus Kakerlaken und Krötengift, oder Finsteres aus der Mittelalterapotheke wie Nosoden. Das sind Pillen aus dem eigenen Nasenschleim oder dem eigenen Kot, nur mal als Beispiel.

Sowas kaufen Leute wirklich in der Apotheke – dann doch lieber die Gewürzkapseln des Herrn Schuhbeck.

 

Ein subtiles Werk der Imagepflege

Nun kann man sich kaum vorstellen, dass das Schweigen an dieser Stelle Zufall ist.

Ein Alfons Schuhbeck würde nie im Leben zulassen, dass er öffentlich demontiert wird. Dass ihn ein Filmteam tagelang blockiert und in seinen Läden die schönsten Bilder dreht, um ihn nachher in die Pfanne zu hausen.

Ebenso wenig würde es der BR zulassen, dass sein Haus- und Gesundheitskoch von einer hauseigenen Autorin (!) für einen anderen Sender in die Pfanne gehauen wird, und dass dazu im BR-Radiostudio gedreht wird.

Deshalb ist dieser als aufklärerisch angekündigte Film über „Nebengeschäfte“ kein investigativer Journalismus. Er ist gutes Dokutainment, das Drehbuch abgekupfert bei Foodwatch. Man darf sogar davon ausgehen, dass die Organisation Tipps, Testdesigns, Material und jede Menge Informationen beigesteuert hat.

Und jetzt, Achtung, spekuliert Quarkundso.de mal frech: Die Aussagen und Fragen, das Drehbuch, die O-Töne der anderen Köche wurden alle dem Schuhbeck vorgelegt und mit ihm abgesprochen. Der konnte sich dann in aller Ruhe die Antworten von seinem Medienteam konzipieren lassen und sie einüben.

Anders sind diese wohlgesetzten O-Töne in Schuhbeck-Szenerie überhaupt nicht zu erklären.

Derlei ist im Doku-Business auch der Lauf der Dinge – eine aufwendig gedrehte Geschichte ist monatelange Arbeit, man braucht das Einverständnis des Hauptprotagonisten, wenn man ihn den ganzen Tag lang begleiten will, und man braucht viele, viele Drehgenehmigungen.

Das funktioniert nur, wenn alles nach Absprache geht, schöne Bilder gibt es nicht umsonst. Es sei denn, man arbeitet mit schmutzigen Wackelbildern wie die politischen Magazine, und blendet gedruckte Statements ein, weil eine Person oder ein Unternehmen nicht als Zielscheibe vor die Kamera will. Das kommt für die Macher von Hochglanzformaten aber nicht in Frage.

Und so ist der Beitrag auf jeden Fall ein gefälliges, interessantes Porträt von Alfons Schuhbeck. Der geniale Zug ist dabei, dass Schuhbeck der einzige TV-Koch ist, der zur Sache und den ganzen persönlichen Vorwürfen offen Rede und Antwort steht. Poletto, Lichter und Baudrexel haben es nämlich abgelehnt, sich zu der alten Nummer überhaupt noch zu äußern.

Verständlich, aber schwupps – wieder ein Punkt für Großmeister Schuhbeck.

 

Promis und Werbeverträge: Wer ko, der ko*

Dass der Beitrag jedoch so aufdringlich auf investigativ gepimpt wurde, dass Skandale suggeriert werden, wo keine sind und der Zuschauer auf die falsche Fährte gelockt wird, ist ärgerliches Clickbaiting und ausgefeiltes Storytelling.

Und natürlich ist die Kampfvokabel „Nebengeschäfte“, was unternehmerische Aktivitäten eines Kochs mit Lebensmitteln angeht, tendenziös und verfehlt.

Andere Promis verdienen auch einen Haufen Geld mit Dingen, die ihrem eigentlichen Metier wirklich fernliegen: Boris Becker warb für Baumärkte, für AOL („Bin ich schon drin?“), für Mercedes und für Bier. Fußballer Bastian Schweinsteiger für Computerspiele und Kartoffelchips, sein Kollege Thomas Müller für Grillgeräte.

Hier könnte man viel eher von branchenfremden Nebengeschäften sprechen und nörgeln: „Sie haben doch gar keine Ahnung von Lebensmitteln und Computern, warum machen Sie Werbung dafür? Sie bekommen doch weiß Gott Millionen für Ihr tumbes Gekicke, kriegen Sie den Hals nicht voll oder warum verkaufen Sie Ihr Gesicht?“

Auch dazu hat Foodwatch übrigens schon eine Kampagne gefahren. Aber millionenschwere Sportidole vor der Kamera zu demontieren und dazu tagelang mit ihnen zu drehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Da ist es schon leichter, den hauseigenen Koch von der hauseigenen Autorin porträtieren zu lassen, eine schöne Doku über Promi-Köche zu stricken und dem Schuhbeck zu versprechen, dass er nicht schlecht wegkommt dabei.

Hat geklappt.

©Johanna Bayer

*Wer ko, der ko: Bayerische Redensart, die nichts anderes besagt als: Mia san mia. Noch nicht verständlich? Dann im Klartext: Wir machen, was uns passt und alle anderen können uns mal den Buckel runterrutschen.

Dank an Peter Posse von Reisewege-Ungarn.de, der Quarkundso.de auf die Doku zu Promi-Köchen und Schuhbeck aufmerksam gemacht hat. Er hat sich in erster Linie wohl für den Paprika-Lieferanten Fuchs interessiert…  ;-)

DISCLAIMER Quarkundso.de vertritt weder Fertiggerichte noch künstlich aromatisierte Würzmischungen oder korrupte Köche. Im Gegenteil: Quarkundso.de lehnt das alles ab. Im Prinzip. Gute Convenience-Produkte, sogar bestimmte Fertiggerichte, oder besondere Zutaten sind deshalb aber nicht immer des Teufels. Kommt wirklich drauf an, was drinsteckt und wozu man es braucht.

Außerdem musste im Zuge der Recherchen der faszinierende Gewürzladen von Alfons Schuhbeck betreten werden. Dabei ließ sich der Ankauf zweier stinkteurer Gourmet-Salze nicht vermeiden. Undercover und zum vollen Preis, versteht sich. Es handelt sich um australisches Murray-River-Salz und Dänisches Rauchsalz. Sie schmecken toll und außer dem Schuhbeck hat in ganz München keiner so ein Sortiment.

 

WDR-SWR-Doku über Köche und ihre Geschäfte

Alte Foodwatch-Kampagne zu Promi-Köchen und Fertigfraß von 2009

DER SPIEGEL 2010 über die Foodwatch-Kampagne

Alte Foodwatch-Kampagner von 2011 zur Sportler-Werbung

Foodwatch arbeitet selbst auch gerne mit den TV-Köchen zusammen, wenn es opportun ist

Wer sich für alte Geschichten interessiert: der Schuhbeck-Skandal von 1999 im SPIEGEL

 

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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