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Der Pressetext zum neuen DGE-Report: Essen die Deutschen wirklich gesünder?

Eine Pressemitteilung der DGE zum 14. Ernährungsbericht verleitet Redaktionen dazu, von „gesundem Essen“ zu schreiben. Aber in Wahrheit essen die Deutschen laut Report gar nicht gesünder – Quarkundso.de übernimmt.

(Beitrag vom 2.2.2021)

Glasschüssel mit Salat, umgeben von kleinen Schüsseln mit Erdbeeren, Pilzen, Trauben, Nüssen, Rotkraut, Tomaten, Weißkohl

Obst und Gemüse sind gesund – irgendwie. Bild: silviarita / Pixabay

In den ersten Wochen des Jahres kommen immer die ganz großen Themen: Was essen wir? Was ist gesunde Ernährung? Wer ist gesund, weil er oder sie oder dies oder das isst – oder nicht isst? Ist man auch gesünder, wenn man gesünder isst?

Und hören die Menschen auf Ratschläge dazu, was gesundes Essen ist?

Anlass zu diesen Fragen gibt nicht nur das neue Jahr, sondern auch der 14. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, DGE. Alle vier Jahre soll der Report erfassen, was hierzulande so auf den Tisch kommt, und jetzt ist der neue am 24.11.2020 erschienen.

Ergebnis: „An einigen Punkten“, so die Pressemitteilung der DGE, habe sich die Ernährungssituation „verbessert“. Insgesamt aber – eigentlich nicht.

Denn die Deutschen werden ungebremst dicker, zeigt der Bericht. Und auf die Ernährungsratschläge der DGE hören sie auch nicht. Das ist die wichtigste Botschaft, nachzulesen in der Pressemitteilung der DGE vom 24.11.2020.

 

Gesundes Essen, ungesundes Gewicht

Das ist ein eher mageres Ergebnis. Denn was nützt gesundes Essen – was auch immer das sein soll – wenn man davon dick wird?

Und wenn der Genuss von Schweinefleisch „erfreulicherweise“ zurückgeht, wie es in der DGE-Pressemitteilung heißt: Was hilft das, wenn der Anteil der Übergewichtigen und Fettleibigen in Deutschland steigt?

Falls es da überhaupt einen Zusammenhang gibt, wäre der einzige Schluss, der daraus zu ziehen ist, dieser: „Aha, Schweinefleisch ist nicht Schuld am Übergewicht!“.

Aber das folgert natürlich niemand.

Stattdessen freut sich die DGE über „mehr Gemüse“. Doch da ist es wieder: Was nützt mehr Gemüse, wenn die Deutschen noch dicker werden? Übergewicht ist das Problem: Hohes Körpergewicht gehört zu den größten Risikofaktoren für Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Arbeitsunfähigkeit und eine ganze Reihe von Krebsarten.

Dagegen haben Normalgewichtige, ganz gleich, was sie essen, ein wesentlich geringeres Risiko, an diesen Erkrankungen zu leiden oder zu sterben. Das haben große Studien ergeben, darunter die Nurses Health Study aus den USA.

Zudem sagen Konsumzahlen, wie sie der Ernährungsbericht der DGE anhand der Agrarstatistiken erhebt, nichts über die Ursachen von Krankheiten in der Bevölkerung.

Oder über Übergewicht. Oder über den Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Übergewicht. Oder über die Verbindung von Essgewohnheiten und Übergewicht.

 

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Die von der DGE wissen das natürlich.

Deshalb formulieren die Forscher ihre Erkenntnisse sehr vorsichtig: In ihrer ausgeklügelten Pressemitteilung vermeiden sie es, von „gesund“ oder „gesünder essen“ zu sprechen.

Ganz sein lassen können sie es aber nicht. Denn die Verbindung von „essen“ und „gesund“ ist im Hirn der Deutschen so fest verdrahtet wie die von „Sommer“ und „Grillabend“.

Daher schlagen die Autoren der Pressemitteilung einen populistischen Haken und stellen an den Anfang das, was das Volk unter „gesünder essen“ versteht:

„Mehr Gemüse, Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetees, weniger Schweinefleisch und Alkohol – die Ernährungssituation in Deutschland hat sich in einigen Punkten verbessert“,

lässt sich Helmut Heseker, Chef des wissenschaftlichen Präsidiums der DGE, zitieren.

Damit war der Trigger gesetzt und die Redaktionen sprangen darauf an.

 

Keine weiteren Fragen

Blätter und Portale übernahmen die Pressemitteilung der DGE komplett und dichteten – natürlich – etwas mit „gesund“ dazu. Niemand fasste nach.

Die ZEIT etwa, die es nun wirklich hat – Geld, Recherchepower, Mediziner in der Redaktion – schrieb:

Bürger essen gesünder – und werden trotzdem immer dicker.
Mehr Gemüse, Tee und Wasser, weniger Schweinefleisch: Auf Deutschlands Esstischen hat sich einiges getan. Die Quote der Übergewichtigen aber steigt laut einer Studie.

Schade, dass einem Leitmedium wie der ZEIT nichts weiter einfällt, als den Text der DGE abzudrucken und nicht selbst zu recherchieren, was genau hier „gesünder“ sein soll – ganz davon abgesehen, dass sich keineswegs „einiges getan“ hat, auf den Tellern.

Dem Bayerischen Rundfunk, ebenfalls Qualitätsanbieter, war der Pressetext auch nur einen Abguss wert:

Deutsche essen etwas gesünder, werden aber immer dicker
Mehr Gemüse, aber weniger Obst; mehr Mineralwasser und weniger Alkohol: Die Deutschen ernähren sich etwas gesünder, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) in ihrem aktuellen 14. Ernährungsbericht. Aber das reicht den Experten nicht.

Im folgenden Artikel gab es wieder nur die Pressemitteilung der DGE. Über die Verbindung von Verkaufszahlen aus der Agrarstatistik mit Übergewicht oder Gesundheit wollte auch beim BR niemand nachdenken.

Dabei ist die Annahme, dass etwa ein höherer Gemüseanteil bei verkauften Lebensmitteln automatisch die Volksgesundheit hebt, bloße Fiktion.

 

Zahlen sind Schall und Rauch

So essen die Deutschen heute doppelt so viel Gemüse pro Kopf und Jahr wie 1960: Damals waren es knapp 50 Kilo, heute sind es laut DGE-Bericht rund 104 Kilo.

Aber viel hilft nicht viel – in derselben Zeit ist nämlich die Zahl der Übergewichtigen, Adipösen und Diabetiker vom Typ 2 ebenso gestiegen wie der Gemüseverzehr: Seit 1960 erhöhte sich die Zahl der Übergewichtigen unter den Männern auf jetzt rund 60 Prozent, dazu gibt es heute mehr als doppelt so viele schwer Fettleibige unter den Deutschen.

Die Übergewichtigen werden aber nicht nur mehr, sie werden auch dicker: der durchschnittliche BMI in der Bevölkerung steigt und unter den Adipösen gibt es mehr extrem Fettleibige.

Das veranlasste die DGE jetzt zu einem düsteren Befund: Bei Männern ist inzwischen „Übergewicht der Normalzustand“, so Helmut Heseker in der Pressekonferenz vom 24.11.2020.

So schlimm stand es übrigens schon beim letzten Mal, als der Ernährungsbericht von 2017 herauskam, die Nummer 13: „Die Deutschen sind so dick wie nie“ musste die DGE feststellen, und zwar trotz viel Gemüse (Quarkundso.de berichtete).

 

Frustrierendes Ergebnis

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Nicht einmal klimafreundlicher oder nachhaltiger isst das Volk, zeigt der neue Bericht noch dazu. Denn der Gesamtverzehr von Fleisch ist auch im Jahr Zwei nach Greta gleich geblieben:

Die Konsumzahlen verzeichnen zwar weniger Schwein, dafür aber mehr Rind-, Kalb- und Geflügelfleisch. Insgesamt bleibt es daher bei den rund 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr.

Das ist nicht gerade das, worauf Klimaschützer gehofft haben.

Ärgerlicherweise hat Schweinefleisch aber einen besseren CO2-Fußabdruck als Rindfleisch. Es ist also nichts gewonnen, wenn statt Schnitzel mehr Steaks auf den Tisch kommen.

So verfehlt die DGE gleich mehrere Ziele: dass die Deutschen endlich „pflanzenbetont“ essen, dass sie abnehmen oder wenigstens nicht weiter zunehmen, und dass sie sich an die 10 Regeln der DGE halten – frustrierend für die Ernährungshüter.

 

Die Lage ist dramatisch

Aber es ist nicht nur frustrierend. Es ist eine Katastrophe, wenn man sich die Zahlen zum Übergewicht genauer ansieht, die der neue Bericht Nr. 14 ebenfalls liefert.

Besonders die Angaben zu Schwangeren und jungen Müttern sind alarmierend: Fast 40 Prozent der Schwangeren brachten in der Erstuntersuchung zu viele Kilos mit und waren übergewichtig oder adipös.

In der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren, in der viele Frauen inzwischen Kinder zur Welt bringen, sind es 42 Prozent – fast jede Zweite, und der Trend geht nach oben. Auch steigt der Anteil der schwer Übergewichtigen mit BMI über 30.

Das ist dramatisch. Denn eine übergewichtige Schwangere prägt über ihren vom Übergewicht gestörten Stoffwechsel das Kind schon im Mutterleib. Auch Diabetes Typ 2 in der Schwangerschaft ist eine Folge des Übergewichts, ebenfalls mit fatalen Auswirkungen auf das Ungeborene.

 

Dauerhaft erfolglos

Dass sich daran nichts tut, dass die Welle des Übergewichts wieder nicht gebrochen werden konnte, wirft unangenehme Fragen auf: Warum verfangen die Ernährungsratschläge nicht?

Warum hält sich niemand daran, warum gelingt es nicht, die Menschen zu einem vernünftigen Essverhalten zu bewegen – so dass sie gar nicht erst dick werden?

Sind die Ratschläge vielleicht nicht die richtigen, muss man anders vorgehen? Auf alle diese Fragen gibt der Ernährungsbericht keine Antworten.

Es wäre unfair, das den aufrechten DGE-Forschern vorzuwerfen. Schließlich beißt sich die ganze Welt an dem Problem die Zähne aus, und niemand hat eine Lösung.

Sich dann Themen zuzuwenden, die lohnender erscheinen, ist menschlich verständlich. Die DGE-Forscher stellten sich jedenfalls unter dem Stichwort „Prävention chronischer Erkrankungen“ nicht die Frage, wie Übergewicht als gefährlicher Risikofaktor zu verhüten wäre.

Stattdessen fragen sie im 14. Ernährungsbericht, wie das, was Menschen essen, mit bestimmten Krankheiten zu tun haben könnte. Dazu gibt es schon eine Menge Übersichtsstudien, bisher kam nicht so richtig was dabei raus.

Also hat es die DGE nochmal versucht.

 

Dünne Beweise, nichts Konkretes

Tisch, Notebook, Block und Stift, alles nah, Monitor im Anschnitt, unscharfe Statistiken und Felder

Viel Arbeit, mäßiger Erfolg: die DGE mit ihren Studien. Bild: Goumbik / Pixabay

Ein sogenannter Umbrella-Review, ein Überblick über 38 Übersichtsstudien, sollte zeigen, wie es wissenschaftlich steht: bei Gemüse und Schlaganfall, Obst und Herzinfarkt, Gemüse und Diabetes, Fleisch und Brustkrebs, Wurst und Darmkrebs.

Heraus kam – nicht viel: Die Beweislage für konkrete Zusammenhänge zwischen Lebensmitteln einerseits und Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs andererseits ist und bleibt dünn.

Sie ist sogar so dünn, dass keine konkreten Mengenangaben für Gemüse und Obst daraus abgeleitet werden können.

Oder gar so etwas wie ein Grenzwert für Fleisch und Zucker, den viele gerne hätten. Das stellen die DGE-Forscher am Ende ihres Berichts fest:

„Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die in dieser Arbeit identifizierten Studien bei der Bewertung der Metaevidenz maximal mit moderat abgeschnitten haben. Konkrete Zufuhrmengen lassen sich aus der vorliegenden Arbeit nicht ableiten, jedoch lässt sich untermauern, dass eine pflanzenbasierte Ernährung mit einem geringen Verzehr an Fleisch gesundheitsförderlich ist.“ (DGE-Ernährungsbericht 14, Seite 386)

„Moderat“ ist in der Forschung ungefähr so viel wert wie eine 4- in der Schule – nicht ganz ausreichend, eigentlich ungenügend.

Einzelbefunde in der Auswertung zeigen, dass sich durch mehr Gemüse etwa das relative Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, laut einigen Studien vielleicht um 12 bis 14 Prozent verringert.

Beim Darmkrebs konnte wiederum ein geringeres Risiko von 2 Prozent errechnet werden, pro 100 Gramm Gemüse mehr – das fällt eher unter statistisches Rauschen.

Bei Diabetes Typ 2 stellt die DGE fest, dass viel Gemüse und Obst das Risiko nicht wirklich verringern – kein Zusammenhang. Dasselbe gilt interessanterweise für rotes Fleisch und Diabetes, die Ergebnisse bei Fleisch und Wurst sind insgesamt uneinheitlich.

 

Risiko Übergewicht: überzeugend

Bei Übergewicht sieht die Sache anders aus: Hier gilt der Zusammenhang zwischen vermehrtem Körperfett und vielen Krankheiten als gesichert.

Er ist sogar so gut gesichert, dass pro BMI-Punkt mehr über dem Normalgewicht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ 2 eindeutig steigt.

Fünf Kilo mehr bedeuten 10 Prozent Risikoerhöhung, gibt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie bekannt. Ein Mann mit 15 Kilo Übergewicht hat es also schon mit einem 30 Prozent höherem Risiko gegenüber einem schlanken Pendant zu tun.

Für Diabetes Typ 2 ist Übergewicht eindeutig der wichtigste Auslöser. Bei Lungenkrebs ist zu viel Körperfett gerade dabei, dem Rauchen als Risikofaktor Nr. 1 den Rang abzulaufen: Die Raucher werden weniger, die Dicken mehr, so rückt Übergewicht als Grund für Lungenkrebs nach oben.

Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Krebsarten, für die die internationale Krebsforschungsagentur IARC 2016 bei Übergewicht eine statistisch gesicherte Risikoerhöhung festgestellt hat:

„Durch Übergewicht treten beispielsweise Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, Eierstockkrebs und das Multiple Myelom sowie Adenokarzinome im oberen Teil des Magens, der sogenannten Cardia vermehrt auf. Insgesamt weisen die Daten der von uns ausgewerteten Studien auf einen Zusammenhang von Dosis und Wirkung: Je stärker ausgeprägt die Fettleibigkeit ist, desto höher das Krebsrisiko.“ (Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg, DKFZ)

Im Vergleich dazu sind die paar Prozente an möglicher Schutzwirkung, die die DGE in ihrem neuen Bericht Gemüse oder Obst zuschreibt, unerheblich: Die wahre Gefahr droht durch Übergewicht.

Anders gewendet: Wer viel isst, wird dick, und das erhöht massiv die Risiken. Dass viel Gemüse oder Obst dabei schützen könnten, kann man vergessen. Zumindest, wenn man die Zahlen nüchtern betrachtet.

 

Normalgewicht als Ziel

Waage, Zeiger steht auf fast 120 Kilo, Beine im Anschnitt, nur Füße zu sehen

Essen, Wiegen, Abnehmen: aktiv das Gewicht steuern. Bild: Nancy Muriel / Pixabay

Angesichts dieser Lage fordert Quarkundso.de energisch, die Suche nach angeblich gesunden oder ungesunden Lebensmitteln sofort einzustellen.

Genug geforscht. Jetzt müssen Taten folgen.

Erstes Mittel: klare Worte.

Mündigen Bürgern ist die Wahrheit zumutbar: Übergewicht ist gefährlich und wer zu dick ist, kann sich nicht mit mehr Obst und Gemüse aus der Affäre ziehen.

Da gleicht sich nichts aus. Auch garantieren viel Gemüse und noch mehr Obst keine schlanke Linie.

Normalgewicht muss in den Vordergrund rücken – Normalgewicht halten als echter Wert, als Ziel bei der Ernährung. Jede und jeder sollte das aktiv anstreben.

An diesem Punkt sind die Ernährungsregeln der DGE bisher leider vage: „Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben“, heißt es in der Regel Nr. 10 lapidar.

Warum nicht: „Halten Sie Normalgewicht!“? Warum kann man Menschen nicht dezidiert raten, gar nicht erst dick zu werden?

Schließlich sind die meisten bis zum Erwachsenenalter noch in Form. Zur rechten Zeit aktiv das Gewicht zu steuern wäre daher wichtig. Entscheidend sind dafür bestimmte Zeitschwellen, zum Beispiel die zum mittleren Erwachsenenalter ab Ende 20, die rund um das Klimakterium ab Mitte 40 und die Zeit der Rente.

Doch weder in der Kurz- noch in der Langfassung der 10 Regeln taucht bei der DGE das Wort „Normalgewicht“ auf.

Quarkundso.de hat das schon 2018 moniert und angeregt, diese Regel eindeutig zu formulieren (hier nachzulesen, wird abgefragt): Normalgewicht als Ziel in die 10 Regeln!

Denn sonst bleibt es auch nach dem 14. Ernährungsbericht mit seiner aufwändigen Studienarbeit nur bei diffusem Rat: Gemüse und Obst sind irgendwie gut, Bratwurst und Haxen müssen nicht jeden Tag sein.

Aber das wusste schon Oma.

©Johanna Bayer

Pressetext der DGE zum 14. Ernährungsbericht, erschienen am 24.11.2020 

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Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Nach dem Fest: Der SWR warnt vor Sodbrennen und Verstopfung – muss das sein?

Im Januar sind alle auf Diät, weil die Festtage so schrecklich waren: Dieses Feiern und Essen! Das hat schwere Nebenwirkungen wie Sodbrennen, Blähungen und Verstopfung. Vom SWR gibt es dazu bemerkenswerte Tipps und Hausmittel. Doch die sind nicht nur medizinisch fragewürdig: Sie schaden auch Genuss und Esskultur – und verschleiern die wahren Ursachen.

Tasse aus Glas mit grünem Kräutertee und Schälchen mit Kräutern, darunter Pfefferminze

Kräutertee statt Gänsebraten, wegen der Verdauung? Von wegen!

Die Feiertage sind vorbei und sie waren schrecklich. Dieses Essen! Das Trinken! So viel Rumsitzen! Grauenvoll. Das macht krank, das will doch kein Mensch.

Deshalb freuen sich jetzt alle, dass sie im Januar endlich wieder auf Diät gehen können, wie sonst immer. Die elende Feierei ruiniert nämlich in jedem Jahr auf die letzten Meter das Idealgewicht.

Hahaha. Das war natürlich nur ein Scherz. Satire, grob überzeichnet wie bei Oma, der Umweltsau.

Denn es ist genau andersrum: Die Deutschen schlemmen zu jeder Jahreszeit, dass die Schwarte kracht – Wochenende, Grillsaison, Urlaub, Geburtstage, Sonntagsbrunch, Jubiläen, Firmenfeiern, Einstände, Ausstände, Oktoberfest, Karneval, Kuchenessen, Eisbecher, und dazu jeden Abend beruhigendes Trostessen, nebst diversen Feierabendbieren, versteht sich.

Erstaunlich, dass dann ausgerechnet am Jahresende, wenn richtig gefeiert werden soll, die German Angst aufbricht: Wir werden alle sterben! Plötzlich steht vor Augen, dass Fett und Süßigkeiten auf die Hüften gehen und Alkohol aufs Gehirn.

 

Was genau sind und wann helfen eigentlich Hausmittel?

Weil diese Erkenntnis die deutschen Normalverbraucher jedes Jahr aufs Neue überrascht, leisten sämtliche Service-Redaktionen erste Hilfe.

In dieser Saison kam sie beispielhaft vom SWR, der „Hausmittel gegen Feiertagssünden“ parat hatte, und zwar als „Schnelle Hilfe gegen Sodbrennen, Bauchweh und Kopfschmerzen“. Damit gerieten die Kollegen auf den Radar von Quarkundso.de, denn es waren medizinisch und kulturhistorisch bemerkenswerte Tipps. Schon der Vorspann, der ins Thema einführt, macht klar, dass Essen gefährlich ist:

„Viel essen und viel sitzen an Weihnachten hat leider unliebsame Nebenwirkungen: der Bauch zwickt und der Kopf schmerzt. Doch Hausmittel schaffen schnell Erleichterung.“

Die Abteilung Dokumentation bei Quarkundso.de wurde hier sofort aktiv: Was genau ist ein Hausmittel? Wozu dient, wann hilft es, und wie gut?

Nach gründlicher Recherche lag ein Dossier vor: Hausmittel sind Arzneien oder medizinische Maßnahmen von Laien, meist von Oma.

Sie können helfen, wenn man sich verletzt hat, krank wird, an einem Gebrechen leidet und etwas heilen oder lindern will, was einem ungebeten zustößt. Hausmittel haben also etwas mit Krankheiten zu tun, und die hat man selten freiwillig. Man zieht sie sich auch nicht bewusst zu.

Aber viel essen und lange rumsitzen an den Feiertagen sind keine Krankheiten. Beides kommt zu Weihnachten auch nicht wirklich überraschend oder ungebeten. Es wird sogar gezielt herbeigeführt.

 

Gefährliches Festessen

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Dass es dagegen „Hausmittel“ geben muss, ist also medizinisch gesehen ziemlich verdreht und entbehrt der Logik. Denn die Maläse lässt sich zuverlässig vermeiden: Man muss nur mit dem Essen aufhören, sobald man wirklich satt ist, und sich ab und zu die Beine vertreten.

So ordinär arbeitet der SWR aber nicht.

Die Redaktion erwähnt zwar den Verdauungsspaziergang. Wichtiger ist es ihr jedoch, die Leser in ihrem irdischen Jammertal zu begleiten und die unvermeidlichen Folgen des Feierns im Text deutlich herauszustellen:

„Was gibt es Schöneres, als an den Feiertagen mit der Familie oder Freunden ein besonderes Festessen zu genießen, leckeren Wein zu trinken und sich dabei ausgiebig zu unterhalten?

Danach kommt dann der Plätzchenteller auf den Tisch, dazu noch ein Schnaps für die Verdauung – und kurz darauf gehen die Beschwerden los: Sodbrennen, Blähungen, Bauchschmerzen und dann fängt auch noch der Kopf an weh zu tun….

Wenn nach dem Essen der Druck im Darm durch die entstehenden Gase schmerzhaft wird, sollten Sie sich eine Tasse Fenchel- oder Kümmeltee aufbrühen.

Sodbrennen und schmerzhafte Blähungen, Bauch- und Kopfweh als typische Beschwerden nach gutem Essen?

Im mildesten Fall kann man das für einen nachlässig getexteten Aufhänger halten, genährt aus kleinbürgerlichen Plattitüden, wie sie her müssen, wenn man kurz vor Weihnachten einen Servicetext hinschludern muss.

 

Sodbrennen nach dem Essen ist nicht natürlich

Harmlos sind die Phrasen allerdings nicht..

Es ist nämlich grundfalsch, allen Menschen das „besondere Festessen“ zu vermiesen, indem man behauptet, dass danach als „Nebenwirkungen“, also zwangsläufig, „die Beschwerden losgehen“.

Physiologisch ist das Unsinn, Quarkundso.de kann das bestätigen, und zwar aufgrund vieler Feld- und Selbstversuche.

Gänsebraten und Blaukraut zum Beispiel sind zum Beispiel günstige Speisen, die die Verdauung befördern und keineswegs den Darm lahm legen. Das lässt sich in jedem Ernährungsratgeber nachlesen.

Aber auch Mediziner wissen es: Beschwerden wie Sodbrennen, Blähungen oder Verstopfung folgen nicht, weil man einmal zu viel isst, oder etwas besonders Gutes. Auch nicht, wenn das an den Feiertagen an zwei, drei Tagen hintereinander geschieht.

Sie müssen überhaupt nicht kommen. Sie sind alles andere als zwangsläufig, auch wenn sie – aus Gründen – recht häufig auftreten.

Dazu gleich mehr.

Vor allem ist es aber kulturlos, üppiges Essen und Feiern allgemein als gefährlich hinzustellen. Beides ist wichtig für unsere Zivilisation, und zwar seit der Urgeschichte: Ausgiebige Gelage mit großen Mengen an Essen – und Alkohol! – zu bestimmten Anlässen gehören geradezu zum Menschsein.

 

Das Leiden ist schon da

Das verlogene Gerede von den „Feiertagssünden“ ist dazu noch gefährlich, und zwar für die Betroffenen: Es schiebt die Schuld für Verdauungsprobleme auf das besonders gute Essen an wenigen Tagen und verschleiert die wahren Ursachen für Verstopfung, Blähungen und Sodbrennen.

Die treten an den Feiertagen bei vielen Menschen tatsächlich auf. Aber diese Erkrankungen oder Syndrome bestehen in der Regel auch vom 2. Januar bis zum 23. Dezember, oft sogar seit Jahren.

Das Leiden ist schon da: beim Sodbrennen zum Beispiel eine Refluxkrankheit, eine Schwäche des Magenpförtners oder der Muskulatur der Speiseröhre, oder eine übermäßige Produktion von Magensäure.

Verstopfungen kommen auch nicht von heute auf morgen, sondern gehen auf Darmträgheit und viele Ursachen zurück, ebenso wie die Neigung zu Blähungen und sonstigen Verdauungsstörungen, die Mediziner als „dyspeptisch“ bezeichnen.

Depressionen und Stress spielen dabei eine besonders große Rolle, außerdem Diabetes, Divertikel oder Hormonstörungen. Blähungen treten unter anderem während der Schwangerschaft und durch Medikamente auf, außerdem bei zahlreichen Unverträglichkeiten oder einem Reizdarm.

Nun kann es zwar sein, dass viele zu Weihnachten besonders depressiv oder gestresst sind. Aber auch das liegt nicht am Essen. Gesunde stecken ein Festessen jedenfalls locker weg, sogar mehrere, nebst leckerem Wein.

 

Quarkundso.de-Homestory von den Festtagen: Gänsebraten mit Orangen-Rotkraut, gebackenen Kastanien und Semmelknödel nach Art der Chefredakteurin . Ein ganz leichtes, köstliches, leckeres Festessen – aufgenommen vor dem Verdauungsschlaf.

 

Die wichtigste Ursache für fast alles

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Allerdings gibt es einen großen Risikofaktor für das alles zusammen – für Sodbrennen, Verstopfung, allerlei dyspeptische Leiden, für Depressionen, Diabetes, Darmträgheit, Hormonstörungen und Blähungen.

Es ist das Übergewicht.

Zu viele Kilos auf den Rippen, die den Verdauungstrakt und den Stoffwechsel belasten. Die bringen die Leidenden schon mit, wenn sie zu den Feiertagen am Tisch sitzen.

In Deutschland ist bekanntlich mehr als die Hälfte aller Erwachsenen übergewichtig, und das geht auf Jahre und Jahrzehnte zurück, in denen nicht nur an den Feiertagen gegessen wird. Wenn dann zum Fest noch mehr gegessen wird, kommt es zu den bekannten, mit viel Körperfett verbundenen Beschwerden.

Man muss es so brutal sagen: Übergewichtige leiden zu Weihnachten besonders und besonders häufig. Sie sind vor allem betroffen, und sie kennen die Probleme schon.

 

Revolutionär: Prävention hilft!

Das wagen aber weder die Onliner des SWR noch sonst eine Redaktion anzusprechen. Lieber vermiesen sie allen die Festtage und behaupten, die Delikatessen seien Schuld und es könne jeden treffen.

Verlogenes Verallgemeinern hilft den Betroffenen aber nicht. Sie könnten anders gegensteuern, wenn man ihnen klarer sagen würde, dass Sodbrennen, Verstopfung und Blähungen nicht ursächlich vom Festtagsessen kommen.

Diese Desinformation zerstört Wissen rund um Verdauung, Körper und Ernährung für alle und blockiert übrigens auch Wege zur Behandlung – schließlich ist Sodbrennen ist gefährlich und kann üble Folgen bis hin zum Speiseröhrenkrebs haben. Wer an Sodbrennen leidet, sollte sich daher mit Hausmitteln nicht abgeben. Damit muss man zum Arzt.

Gegen die Wurzel aller Festtagsfolgen, die der SWR an die Wand malt, gibt es aber wirklich ein altes Hausmittel. Es lässt sich vor Weihnachten präventiv anwenden und wirkt garantiert: Abspecken.

Wenige Kilos helfen oft schon. Dann geht am Jahresende auch wieder ein Festessen.

©Johanna Bayer

 

Beitrag vom SWR: „Schnelle Hilfe gegen Sodbrennen, Bauchweh und Kopfschmerzen – die besten Hausmittel gegen Feiertagssünden.“

Information zu Übergewicht und Verdauungsbeschwerden von der Adipositas-Stiftung

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Die SZ kritisiert eine Studie zur Ernährung methodisch – aber was soll das Ganze eigentlich?

Der Chef des Wissenschaftsressorts bei der SZ, Werner Bartens, zerreißt eine Ernährungsstudie wegen ihrer Methodik. Richtig so – doch der wahre Sinn oder Unsinn dieser Forschung bleibt verborgen. Quarkundso.de enthüllt, worum es wirklich geht und wer aus welcher Ecke schießt.

Spaghetti mit Hackfleischsoße

Spaghetti Bolognese schmecken einfach zu gut – lieber nicht essen?

Werner Bartens von der SZ ist einer der großen alten Männer der Ernährungskritik, genauer: der Kritik an den Ernährungswissenschaften überhaupt.

Deren Arbeit hält er für nicht aussagekräftig bis irreführend, ihre großen Beobachtungsstudien für sinnlos, allgemeine Ernährungsratschläge für Humbug.

Er ist nicht der Einzige, der so denkt, die Position teilt er sich mit Udo Pollmer und noch ein paar notorischen Nörglern. Auch Quarkundso.de gehört im weitesten Sinn zur Nörgel-Fraktion, daher sind wir meistens auf der Seite von Werner Bartens.

Da unsere Kernkompetenz aber das Nörgeln in alle Richtungen ist, hatten wir auch Herrn Bartens schon vor der Flinte. Der Artikel „Stuss mit Nuss“ etwa, in dem er die Ernährungsforschung generell abwatscht, ist zu pauschal und trifft die Falschen – denn die emsigsten Experimentierer sind Ärzte, nicht Ernährungswissenschaftler (hier bitte nachlesen, wird abgefragt).

 

Der wahre Unsinn bleibt versteckt

Aber immer nur Mosern bringt nichts, man muss auch mal konstruktiv sein und assistieren.

Denn Bartens hat in der SZ gerade eine Ernährungsstudie aus den USA zu Recht kritisiert. Nur wollte er es nicht zu kompliziert machen und ist weder ins Detail gegangen noch hat er den wahren Sinn und Unsinn der Studie enthüllt. Er begnügt sich mit dem üblichen Zerreißen von Zahlen und Versuchsdesign.

Das erfüllt zwar seinen Zweck: beim SZ-Leser Zweifel an dieser Art von Studien zu säen. Aber es fehlt die Erklärung, warum in solche Forschung Millionen gesteckt werden.

Das fragen sich die Leser sicher, wie jeder vernünftige Mensch, der wissen will, warum abstrus wirkende Versuche finanziert werden, nicht aber Kindergartenplätze, Lesebrillen oder Radwege.

Diese Kärrnerarbeit muss mal wieder Quarkundso.de übernehmen, wie so oft, wenn die anderen sich die Arbeit nicht machen wollen.

Allerdings lohnt sich es sich diesmal. Denn in Rede stehen Annahmen, die nicht nur ein paar Studiendesigns, sondern ganze Debatten über Ernährung bestimmen. Sie wuchern im Internet und haben sich in den Köpfen dauerhaft eingenistet, als wirkmächtiges Denkschema.

Daher springen wir Herrn Bartens mit ein paar zusätzlichen Infos zur Seite – schließlich zieht die Nörgelfraktion an einem Strang.

 

Western Diet: viel Fett, Zucker und Fleisch

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Hier erstmal die dürren Fakten: Eine Wissenschaftlerin hat an der Wake Forest University im Süden der USA mit knapp 40 Affenweibchen einen Nahrungstest gemacht. Die Hälfte der Gruppe bekam Futter, das wie die typisch amerikanisch-urbane Ernährung zusammengestellt war, mit viel tierischem Fett, tierischem Eiweiß, Zucker, Salz, Maissirup, Maisöl, Milch, Schmalz und Butter.

Unter Forschern heißt das auch „Western“ oder „Cafeteria Diet“ und beschreibt laut Shively das, was Amerikanerinnen im Allgemeinen so zu sich nehmen (WEST-Futter).

Wohlgemerkt: Amerikanerinnen.

Die andere Gruppe bekam Nahrung, die eine „mediterrane Ernährung“ simulieren sollte (MED-Futter). Also irgendwas vom Mittelmeer – wie man es sich in den USA vorstellt: hauptsächlich Pflanzliches; darunter viel Obst, Nüsse, Gemüse, etwas Fisch, wenig Fleisch und sehr viel Olivenöl.

Wohlgemerkt: Wie man es sich in den USA vorstellt. Nicht, wie man in Italien, Südfrankreich oder Spanien wirklich isst. Bekanntlich sieht das sehr anders aus.

Ergebnis: Diejenigen Äffinnen, die die „Western Diet“ bekamen, fraßen mehr, wurden dicker und entwickelten öfter Fettlebern und Diabetes Typ 2. Die Tiere, die das angebliche Mittelmeerfutter bekamen, fraßen nicht ganz so viel, nahmen nicht ganz so arg zu und bekamen nicht so oft eine Fettleber.

 

Fragen an die Forschung: Was soll das?

Werner Bartens dekliniert dazu nun die bekannte Mängelliste herunter:

Von Tieren kann man nicht auf Menschen schließen.

Es waren viel zu wenige Affen, 38 insgesamt. Das sind nur wenige Tiere oder Probanden pro Gruppe, daher nicht aussagekräftig.

Die Versuchszeit war zu kurz.

Die Lebenszeit von Affen entspricht nicht der von Menschen.

Es sei nur ein Aufblasen der Statistik, wenn die Forscher etwa die Lebenszeit der Affen in die von Menschen umrechnen. Und eine so kleine Probandenzahl reiche heute nicht einmal für eine normale medizinische Doktorarbeit, höhnt Bartens.

Tja. Speziell Letzteres stimmt nicht. Studien mit kleinen Probandenzahlen können sehr wohl solide gemacht sein und sind gerade bei biologischen und physiologischen Effekten sogar üblich.

Aber es drängt sich auch die Frage auf, ob die Forscherin, die das Experiment geleitet hat, die Kritikpunkte nicht selbst hätte bedenken können. Treibt man jahrelang Studien und bringt unschuldige Tiere um, weil man nicht kapiert hat, dass Affen keine Menschen sind?

Noch dazu ist die Arbeit in einem renommierten wissenschaftlichen Journal erschienen, in „Obesity“, und von der obersten nationalen Gesundheitsbehörde der USA, dem NIH, finanziert worden. Erste Adresse, landesweite Bedeutung.

Warum also gibt es solche teuren Versuche? Ging es wirklich darum, die „Überlegenheit der mediterranen Ernährung“ zu beweisen, wie es im Teaser zum Artikel in der SZ heißt? Die ist doch längst bewiesen, oder nicht?

 

Tiermodell statt Menschenversuch

Das plumpe Bashing, mit dem sich Herr Bartens begnügt, erhellt die Lage nicht. Daher hat sich die Rechercheabteilung von Quarkundso.de dahinter geklemmt.

Folgendes kommt ans Licht: Carol A. Shively, Leiterin der Studie, ist keine Ernährungswissenschaftlerin. Sie ist Ärztin und spezialisiert auf Neurowissenschaften. In erster Linie beschäftigt sie sich mit dem Gehirn, dem Belohnungssystem und dazugehörigen Botenstoffen.

Auf diesem Feld ist sie auch Expertin für „Tiermodelle“, wie es im Jargon so schön heißt. Das sind Versuchstiere, die auf bestimmte Eigenschaften gezüchtet werden, die auch Menschen haben und an denen man Medikamente, Ernährungsweisen, Therapien oder Haltungsbedingungen testen kann, als Modell eben.

Für allerlei Forschungsvorhaben, gerne auch zur Gesundheit von Frauen, verwendet Shively Makaken, meerkatzenartige Primaten. Deren Gehirne, Verhalten und Stoffwechsel ähneln viel mehr dem Menschen als bei Mäusen und Ratten, die sonst für Versuche herhalten müssen.

Und Shively hat schon eine ganze Reihe von Versuchen an diesen Primaten gemacht, sogar in Nature publiziert, dem wichtigsten Forschungsmagazin der Welt. Dumm ist sie also nicht, methodisch kann sie was, ihre Affenmodelle sind etabliert. Grobe Fehler kann man ihr kaum vorwerfen.

 

Um Essen wie am Mittelmeer geht es nicht

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Wenn man sich also anschaut, was die Wissenschaftlerin sonst so treibt, ahnt man, welche Stoßrichtung die Studie hat: Es geht nicht wirklich um Essen wie am Mittelmeer.

Stattdessen geht es um Überfressen in den USA. Und um Auslöser, die dazu verführen, mehr zu essen als gut ist, und zwar speziell bei Frauen im mittleren Lebensalter.

Im Klartext: Im Hintergrund geht es um Sucht.

Das ist ein Spezialgebiet von Shively, sie beschäftigt sich besonders mit dem Belohnungssystem im Gehirn und seiner Rolle bei Depression; Stress und Sucht.

Und so hat sie auch die Studie angelegt: Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Überfressen („hyperphagia“) und übermäßige Kalorienaufnahme („increased caloric intake“) zu beleuchten und zu erklären, so steht es auch im Studienpapier.

Was nun die amerikanischen Frauen im mittleren Lebensalter angeht, die als Folie für das Versuchsdesign herhalten mussten: In dieser Gruppe sind Übergewicht ebenso wie Depressionen häufig, Stress spielt eine Rolle und sowohl Ärzte als auch Sozialarbeiter versuchen verzweifelt, der Gesundheit zuliebe wenigstens am Essverhalten der Betroffenen zu schrauben.

Aber alle scheitern seit Jahrzehnten daran – und Carol A. Shively hat sich scheinbar in den Kopf gesetzt, den Grund im Essen zu finden. Genauer: an Stoffen im Essen, an seiner Zusammensetzung. Und am Geschmack: Wohlgeschmack triggert das Belohnungssystem. Unter Umständen kann das zu suchtartigem Verhalten – Überessen – beitragen.

 

Was nicht schmeckt, hält schlank – logisch

Diese Vorstellung Shivelys erwähnt Werner Bartens auch in seinem SZ-Artikel, dazu zitiert er am Ende ein Interview mit der Forscherin zu ihrem Fütterungsexperiment:

„Die westliche Diät wurde von der Industrie entwickelt, die ihre Erzeugnisse besonders schmackhaft macht, sodass wir zu viel davon essen“, lässt sich Carol Shively zitieren, die Hauptautorin der Studie. „Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse die Menschen ermutigen, sich gesünder zu ernähren.“

Eine markante Position. Zu Ende gedacht würde sie bedeuten. dass man lieber Dinge essen sollte, die nicht so gut schmecken, damit man schlank bleibt – eine schier übermenschliche Forderung, die jeder biologischen und kulturellen Grundlage entbehrt.

Denn Geschmack in tote Dinge wie Gemüse, Körner oder rohes Fleisch zu bringen, war ein Motor der menschlichen Evolution. Es wird nie gelingen, Menschen dazu zu bewegen, von sich aus zu essen, was ihnen nicht schmeckt, weil das angeblich schlank macht – außer man zwingt sie dazu.

So ging es den Makaken im Labor: Sie hatten keine Alternative. Sie mussten das Zeug fressen.

 

Mütter, Omas, Köche, Konditoren: Sie bringen uns um!

Omas Himbeertorte: absichtlich besonders schmackhaft. Aus Liebe.

Der Vorwurf an die Industrie, sie würde Lebensmittel absichtlich besonders schmackhaft machen, damit Menschen zu viel davon essen, ist erst recht sinnlos.

Man müsste genau denselben Vorwurf in erster Linie an Mütter und Omas richten, die ihre Lieben verwöhnen, und natürlich an alle meisterhaften Köche, Bäcker und Konditoren auf der Welt.

Folgt man aber den Gedanken von Shively konsequent, bleibt der Schluss:

Essen wie am Mittelmeer, das in der Studie – angeblich – getestet wurde, schmeckt nicht so gut wie industriell gefertigtes Fastfood aus der amerikanischen Industrie.

Deshalb essen Affen – und Menschen – nicht so viel davon und bleiben schlank.

Der Gedanke ist natürlich komplett abstrus. Aber das ist die Logik.

Nur weiß jeder, dass das Essen am Mittelmeer ganz besonders köstlich ist und deshalb einen Siegeszug rund um den Globus angetreten hat.

 

Von wegen Mittelmeer-Diät

Liest man daraufhin das Papier der Forscherinnen noch einmal genau durch, dann zeigt sich: Das MED-Futter für die Affen entspricht gar nicht der echten Kost in Mittelmeerländern.

Es wurde für die Studie eigens entwickelt. Und enthielt konzentriertes Pulver aus Walnüssen, Extra-Portionen an Olivenöl, es war sehr speziell zusammengestellt – ein Kunstfraß, überwiegend vegetarisch, orientiert unter anderem an griechisch-orthodoxen Fastenspeisen, ohne Wein (!) und angereichert mit hohen Dosen von Superfoods, die so in der echten mediterranen Ernährung gar nicht vorkommen.

Diese Mischung wurde, berichten die Autoren, vor dem Versuch zwei Jahre lang darauf getestet, ob sie den Affen schmeckt. Das hat wohl nicht ganz geklappt: Nicht weniger als fünf Tiere im Versuch machten nicht mit, drei gingen sogar ein – alle scheinbar in der MED-Gruppe.

Dass das wohlschmeckende WEST-Futter Affen dazu animiert, viel davon zu fressen und dass in der MED-Gruppe die Tiere insgesamt weniger dick wurden, ist dann nicht mehr schwer nachzuvollziehen. Bei Menschen würde mit Sicherheit Ähnliches herauskommen.

 

Macht dick, was schmeckt?

Hamburger mit Pommes frites

Schmeckt Fastfood wirklich besser? Das ist die Frage

Wenn aber das WEST-Futter im Experiement, die industrielle „Cafeteria-Diet“, besser schmeckte als das künstliche MED-Futter und die Affen in der WEST-Gruppe deshalb mehr gefressen haben, was sind dann die Folgerungen aus der Studie?

Was schmeckt, macht dick?

Wenn etwas schmeckt – iss es nicht?

Was nicht schmeckt, ist gesund?

Wenn etwas nicht schmeckt – unbedingt essen?

Und in letzter Konsequenz: Wenn Menschen essen, was ihnen schmeckt, muss man sie dann dazu zwingen, etwas zu essen, was ihnen nicht schmeckt? Wegen der Gesundheit?

Das ist alles ist biologischer und psychologischer Unsinn. Außerdem zeigen gerade die echten Mittelmeerbewohner mit ihrem grandiosen Essen: Was schmeckt, muss nicht dick machen! Man kann damit sein Gewicht halten, gesund bleiben und länger leben als anderswo.

 

Einheitsfraß aus der Retorte

Was angesichts dieses Experiments aber aufscheint, ist die Horror-Vision von einem Einheitsfraß aus dem Labor: eine einzige, „gesunde Ernährung“ für alle; eine normierte pflanzliche Kost, im Labor angereichert, die sicherheitshalber nicht so gut schmeckt, damit Menschen nicht zu viel davon essen.

Es gibt tatsächlich nicht wenige, die solche asketischen Diktatorenfantasien haben: Bekannte Größen der Ernährungsszene schwärmen von Buchweizengrütze und Steckrüben wie im Krieg, andere von veganen Imitaten und Rohkost für alle, damit die angeborene Lust auf Fleisch und Fett gar nicht erst aufkommt.

Auch die Verschwörungstheorie, dass die Industrie absichtlich Superreize ins Essen mischt, um Menschen abhängig zu machen, gehört in dieses Denkschema.

Sie ist weit verbreitet und extrem hartnäckig. Spätestens seit dem Film „Supersize me“ ist die halbe Welt davon überzeugt, dass Fastfood süchtig macht, entweder, weil es den Geschmackssinn besonders anregt oder weil Suchtstoffe reingemischt werden; zu den üblichen Verdächtigen gehören Glutamat und Zucker.

Zwar ist wissenschaftlich längst geklärt, dass nichts davon stimmt.

Aber viele Aktivisten aus der Verbraucherschutzszene hängen an ihrem Feindbild, einzelne Autoren und Verbände machen den Generalverdacht sogar zu ihrem Glaubenssatz: „Die Industrie macht uns süchtig und krank!“.

Dabei ist schon die Grundannahme falsch: dass das industrielle Essen besonders gut schmeckt.

Sie ist sogar grundfalsch. Frisch gekochtes Essen ist Fertiggerichten immer überlegen. Fastfood, Frittiertes, Cola und überzuckerter Süßkram sind auf die Dauer extrem öde und geradezu abstoßend, wenn man die Alternative kennt: echtes Essen.

 

Affen essen anders

Makaken oder Menschen – darin sind sie gleich: Wenn sie dick werden, werden sie krank.

Wem das Industriezeug besser schmeckt, so dass er oder sie sich systematisch damit überfrisst, hat Probleme, die mit Essen nichts zu tun haben. Eher mit Armut, mangelnden Alternativen, Arbeitslosigkeit, Drogen, Depression oder Gruppendruck.

In diesem Punkt hat Werner Bartens Recht, der davor warnt, solche Tierversuche einfach auf den Menschen zu übertragen.

Denn erstens werden die Affen nicht artgerecht gefüttert in diesen Experimenten und wurden es auch nicht bei Carol Shively – kein Wunder, dass sie krank werden.

Vor allem aber können die Faktoren, die dazu führen, dass Menschen sich so einseitig ernähren wie gewisse Bevölkerungsgruppen in den USA, in Studien kaum nachgebildet werden.

Wenn man aber akzeptiert, dass die Makaken der Forscherin Shively als gutes Modell für den Menschen dienen, wie es Forscher weithin tun, dann bedeutet das am Ende: Der gesündeste Einheitsfraß nützt nichts, wenn man dick ist.

 

Das Problem ist das Übergewicht

Das zeigt die Studie nämlich, wenn man ein Detail beachtet: Die Äffinnen von Carol A. Shively waren schon übergewichtig, bevor der Versuch überhaupt losging. Sie kamen schon mit BMI 40 und Leberverfettung ins Labor.

Schließlich sollten sie als Modell für menschliches Übergewicht dienen, also wurden fettleibige Affen geliefert. Dazu kam das kalorienreiche Futter im Test, für beide Gruppen übrigens gleich kalorienhaltig und mit gleichem Fettanteil, nur aus unterschiedlichen Quellen. Da wurden alle Tiere noch dicker, ob WEST – oder MED-Gruppe.

Die Gruppe mit dem Mittelmeerfutter verlor nämlich keineswegs Gewicht. Sie nahm ebenfalls zu, wenn auch nur leicht. Trotzdem litten auch die MED-Tiere an den bekannten Folgen: Diabetes Typ 2, metabolisches Syndrom, Fettleber. Stimmt schon, etwas weniger als bei den anderen, und der eine oder andere Wert war etwas günstiger.

Aber sie fraßen auch nicht ganz so viel – das lag vielleicht am Geschmack des Retortenfutters. Tatsächlich heilte die MED-Diät die vorhandenen Fettlebern nicht, sie führt dazu, dass das Leberfett um 14 Prozent weiter anstieg.

So bleibt am Ende ein solider Befund, der für Affen und Menschen gilt: Wenn sie dick werden, werden sie krank.

©Johanna Bayer

 

Werner Bartens in der SZ: „Gib dem Affen Oliven“

Sciencedaily-Interview mit Carol A. Shivers

Originalstudie von Shivers et.al. 2019

Quarkundso.de zur Generalkritik von Werner Bartens an den Ernährungsstudien: Vorsicht, der Mann ist Arzt!

 

 

Die große Serie bei Quarkundso.de: Was wirklich dick macht – und wo die DGE kneift

Endlich ist sie da, die neue Folge zu den größten Dickmachern. Diesmal geht es ums Grundsätzliche: Wer hat eigentlich das Problem? In der Zucker-Debatte scheinbar vor allem Kinder, die es zu schützen gilt. Doch die Dicken, das sind die Erwachsenen. Und denen will keiner was verbieten: Nicht einmal die DGE wagt in ihren 10 Regeln eine klare Ansage – Quarkundso.de übernimmt.    (Beitrag vom 16.7.2018)

 

Mann in rotem Hemd mit überhängendem Kugelbauch, nah, von der Seite (Gesicht ist nicht zu sehen)

Wampe und Wohlfühlgewicht: Man gönnt sich ja sonst nichts. Die Frage ist: Soll das so weitergehen?

 

Jetzt geht es also endlich weiter mit der Serie zu den größten Dickmachern. Vorab möchten wir warnen: Es folgen Regeln und Vorschriften, es wird also trocken und auch etwas streng.

Aber ab und an muss man ein Thema mal gründlich durchdenken. Am Ende gibt es dafür wieder handfesten Service und eine schöne Take-Home-Message.

Unser heutiger Beitrag zu den wahren Dickmachern dreht sich also um eine grundsätzliche Frage: Wer hat eigentlich das Problem?

Die erste Folge vom 5.4.2018 war da praktischer ausgerichtet, es ging um Bier als Dickmacher, und zwar im Vergleich zu Zucker (bitte nachlesen). Letzterer ist zu Unrecht alleiniger Sündenbock in der Debatte, an das heilige Bier will keiner ran.

Das geht schon aus kulturellen Gründen nicht, und damit sind nicht nur Bierbrauen und Saufen gemeint. Sondern auch die nationale Psyche, die Mentalität. Der Geist eines Volkes.

Denn es ist nunmal so: Deutschland ist das Land der Schulmeister.

Für Kinder, wohlgemerkt.

 

Angstgegner: der ausgewachsene Deutsche

Über die zerbricht man sich unentwegt den Kopf – wie sie zu unterrichten, zu belehren, anzuleiten, zu fördern sind, wie man sie am besten trainieren, drillen oder zur Entwicklung anregen kann; wie man ihnen Grenzen setzt, sie schont, vor Schaden bewahrt, aufklärt und für den Ernst des Lebens rüstet.

Deshalb ist Zucker so ein willfähriges Opfer: Die Akteure der Debatte haben vor allem Kindernahrung, Kinderlebensmittel und Werbung für Kinder im Blick. Da darf man sich mit Regeln, Verboten und Bewahren austoben. Ist ja für eine gute Sache, für die Kleinen – Kinder sind unsere Zukunft!

In Deutschland hat man also viele Freunde, wenn man Kindern den Zucker verbietet. Den Erwachsenen aber die Dickmacher wegzunehmen, das traut sich keiner.

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Denn der ausgewachsene Deutsche ist kein leichter Gegner. Das hat das Veggie-Day-Trauma der Grünen aus dem Jahr 2013 gezeigt. Und auch sonst ist der Deutsche auf der Hut vor Regeln, die die persönliche Freiheit einschränken.

Da mutiert er sofort zu einem Schreckgespenst: zum mündigen Bürger.

Der lässt sich nichts sagen, ist gegen Tempolimit, Fahr- und Parkverbote und zieht bei Nachbarschaftsstreitigkeiten gerne vor Gericht. Einfach mal einlenken, weil der andere berechtigte Gründe hat, das geht nicht. Da steht sofort die Freiheit auf dem Spiel.

Und so hält er es auch mit dem Übergewicht.

 

Nur die Minderheit kann nichts für ihr Übergewicht

Fetter Mann in blauem T-Shirt mit Glas Bier und Fernbedienung in der Hand

Auf seine Feierabendrituale lässt der Deutsche nichts kommen.

Weniger essen, um nicht aus dem Leim zu gehen? Auf keinen Fall.

Sich zurückhalten bei Bier, Currywurst, Pommes-Mayo, Kuchen? Man gönnt sich ja sonst nichts. Abnehmen, weil man schon zu fett ist? Unmöglich, bei dem Stress.

Natürlich sind hier nicht die gemeint, die für ihre Korpulenz nichts können – Menschen mit Krankheiten, auch psychischen.

Oder Leute, die schon als Kinder dick waren, Patienten, die Medikamente nehmen müssen, Kinder, die von ihren Eltern vollgestopft und sonst wenig beachtet werden.

Das ist aber die Minderheit. Wir wiederholen: Das ist die Minderheit.

Die Mehrheit war noch als junge Erwachsene bis etwa 25 oder 30 normalgewichtig bis schlank. Mit steigendem Lebensalter ändert sich das: Zwei Drittel der Erwachsenen nehmen zwischen dem 25 und dem 50 Lebensjahr 11 bis 20 Kilo zu, Tendenz im Alter steigend.

Das ist nicht naturgegeben: Ursprünglich lebende Jäger- und Sammlervölker halten ihr Gewicht nach der Pubertät weitgehend.

 

Noch nie war Deutschland so dick

Anders in der modernen Welt. Hier betrachtet man die Speckrollen des Erwachsenen als Schicksal. Daher sieht man Männer um die 50, die trotz Riesenwampe nicht auf ihre drei bis fünf Feierabendbiere verzichten wollen. Und Frauen, die mit 30 Kilo Übergewicht davon reden, dass sie stolz auf ihre Kurven sind, aber das Sodbrennen nicht in den Griff kriegen, weshalb sie den Arzt wechseln wollen.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Der Befund ist erschütternd: Noch nie gab es in Deutschland so viele Übergewichtige und insbesondere Fettleibige, also Leute mit schwerem Übergewicht über Body-Mass-Index 30 (abgek. BMI 30, rund 18 Kilo über Normalgewicht).

Das Problem ist so gravierend, dass die Normalgewichtigen schon in der Minderzahl sind, wie die DGE 2017 bekanntgab:

In der Altersklasse der Berufstätigen ist das Dicksein heutzutage so weit verbreitet, dass es keine Ausnahme mehr darstellt, sondern der Normalzustand ist.

Männer sind besonders häufig zu dick: Am Ende ihres Berufslebens sind 74,2 % übergewichtig. Bei den Frauen im gleichen Alter sind es 56,3 %.

(Quelle: 13. DGE-Ernährungsbericht von 2017).

 

Da ist nichts versteckt

Der „versteckte Zucker“ in Grillsaucen und Sauerkraut ist daran nicht schuld. Das zeigen die Zahlen dazu, was erwachsene Deutsche im Schnitt täglich verputzen, an Süßwaren, Kuchen oder Schokolade, zum Beispiel,

Nachzulesen ist das in der Nationalen Verzehrsstudie (NVS): Zum Beispiel gönnen sich die mündigen Bürger jeden Tag 50 bis 60 Gramm Süßigkeiten, das sind mindestens 300 überflüssige Kalorien am Tag.

Plus Bier. Plus Kuchen. Plus Saft, Limo und Cola. Plus Eis, gerade im Sommer so erfrischend, mal zwischendurch. Da kommt ganz schön was zusammen, was weder nötig noch „versteckt“ ist.

Zwar gibt es einen erheblichen Teil von Dicken, die nicht so viel Süßes essen. Sie halten sich an Brot, Wurst, Nudeln, Pommes und andere herzhafte Genüsse, wozu das heilige Bier immer am besten passt. Aber es hilft ja nichts – auch die müssten bereit sein, ihre Gewohnheiten zu überdenken.

Was sie nicht sind. Und da liegt der Hase im Pfeffer.

 

10 Regeln der DGE: Keine klare Ansage zum Gewicht

Die DGE beklagt das schon seit Jahren und Experten wissen es: Viele Menschen sind einfach nicht dazu bereit, ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern, selbst wenn sie erheblich zunehmen.

Daher sollte man – Stichwort mündiger Bürger – mit ihnen Tacheles reden: Es braucht eine klare Ansage gegen Übergewicht, zum Beispiel von der DGE.

Doch ausgerechnet die obersten Ernährungshüter, die der ganzen Welt eine fade Körnerkost verordnen wollen, eiern in ihren Vorschriften herum: Keine einzige der 10 DGE-Regeln für vollwertige Ernährung widmet sich konzentriert dem Problem Übergewicht.

Dabei sollen diese einfachen Richtlinien doch „dem Verbraucher“ helfen, also allen; und sie sollen für jedermann verständlich sein. Deshalb wurden sie gerade umständlich überarbeitet. Nur fehlt die klare Positionierung zur größten Falle beim Essen: zum Zuviel. Selbst an den Stellen, an denen von Genussmitteln und gesüßten Getränken die Rede ist, wagt die DGE nur vorsichtig zu erwähnen, dass sie „das Risiko für Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 erhöhen.“

Dass Menschen nicht dick werden sollen und Übergewicht aktiv vermeiden müssen, steht nirgendwo.

Auch nicht in der letzten Regel, der Nr. 10. Da ist zwar die Rede vom Gewicht, aber ganz vage. Der Text dazu dreht sich um den Zusammenhang von Ernährung mit Bewegung und besagt im Kern nur, dass Bewegung gesund ist.

Als ob der mündige Bürger das nicht längst wüsste.

 

Zu allgemein – und Thema verfehlt

Hier die Kurzfassung:

Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben

Vollwertige Ernährung und körperliche Aktivität gehören zusammen. Dabei ist nicht nur regelmäßiger Sport hilfreich, sondern auch ein aktiver Alltag, indem Sie z. B. öfter zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren.

Schon die Überschrift ist so unklar wie platt. Außerdem steht sie in keinem erkennbaren Zusammenhang zu dem Text darunter. Der lässt das Thema Gewicht und Überernährung gleich ganz weg, um möglichst wenig konkret von „körperlicher Aktivität“ zu schwurbeln. Thema verfehlt – zumal ein irgendwie gesunder Alltag eigentlich nicht ins Aufgabengebiet der DGE fällt.

Und was soll das überhaupt heißen, auf das Gewicht achten? Um welches Gewicht geht es denn, vielleicht das Wohlfühlgewicht? Soll man daher einfach so bleiben, wie man gerade ist? Warum schreiben die Ernährungshüter so windelweich?

Es gibt noch eine Langfassung, ganz neu, von Juli 2018. Darin findet sich eine Abhandlung über den gesundheitlichen Segen von Bewegung im Allgemeinen. Ohne Zusammenhang zählen die Verfasser am Ende noch die Folgen von Übergewicht und Untergewicht auf, und zwar gleichwertig.

Wir finden das bemerkenswert. Denn die Mageren stellen in Deutschland nur eine winzige Minderheit, es sind nur etwa vier Prozent der Bevölkerung. Dagegen ist der Anteil der Übergewichtigen so hoch – über zwei Drittel aller Männer, die Hälfte der Frauen – dass die Kosten dafür demnächst unser Gesundheitssystem sprengen.

Das ist nicht verhältnismäßig.

 

Die Angst der Fachleute vor dem Text

Dicke Frau in Badeanzug am Strand

Übergewicht: Die meisten könnten etwas tun.

Daher wäre es gut, Farbe zu bekennen und den mündigen Dicken sowie allen Erwachsenen in den 10 Regeln eine klare Ansage zu geben.

Wir schlagen also vor, dass die Regel neu geschrieben wird.

Und wenn die DGE es nicht macht, dann muss Quarkundso.de mal wieder einspringen.

Wir hatten das ja schon. Das war bei der DGE-Regel Nr. 7, der Trinkregel, Link steht unten. Die haben wir im Sommer 2017 exemplarisch umgeschrieben, als Fingerübung Challenge, und auch als kleines Beispiel für, nun ja, Interessierte.

Knapp drei Wochen später stand auf der DGE-Homepage eine neue Trinkregel Nr. 7, die unserer Fassung auffallend ähnelte.

Den Trick versuchen wir jetzt nochmal. Es ist ja für einen guten Zweck, und vielleicht ist dieses Jahr auch die Zahlungsmoral der DGE besser (bitte oben auf das Sparschwein klicken, vielen Dank).

Was das Problem haben wir 2017 schon benannt: Es waren Fachleute am Werk. Also Ernährungswissenschaftler.

Die stehen unter dem Zwang, sämtliche Eventualitäten zu bedenken, den ganzen komplexen Sachverhalt abzubilden und bei Adam und Eva anzufangen. Also bei Ernährung und Bewegung, nicht zu vergessen das Untergewicht.

Ihre größte Angst ist, dass man ihnen Nachlässigkeit oder Unvollständigkeit vorwirft, weil sie wichtige Einzelfälle nicht erwähnt oder sich absolut geäußert haben, wo es doch Ausnahmen gibt. Klar und prägnant können sie deshalb nicht schreiben. Stattdessen operieren sie mit abstrakten Phrasen, in die alles reinpasst.

 

Man muss Prioritäten setzen

Da sind wir von Quarkundso.de ganz anders. Wir gehen beherzt zur Sache: Was ist das große Problem unserer Zeit bei der Ernährung? Übergewicht.

Also muss das eindeutig rein, schon in den Titel. Alles andere ist untergeordnet, zum Beispiel die winzige Randgruppen der Dünnen mit Body-Mass-Index unter 18,5.

Wir wollen aber auf keinen Fall hartherzig sein. Die Belegschaft der Fachabteilung steht nämlich schon händeringend vor unserem inneren Auge, voller Angst, dass nicht alles, alles in der Regel drin ist.

Keine Sorge, wir lassen uns was einfallen.

Fangen wir mit der Überschrift an. Die muss klar sein, und sie muss die ansprechen, um die es geht: die Erwachsenen, insbesondere die jungen Erwachsenen. Der ängstlichen Fachabteilung zuliebe natürlich auch alle anderen Menschen. Selbst das geht, wenn man das alte Wischiwaschi durch eine eindeutige Aufforderung ersetzt. Die sieht so aus:

Halten Sie Normalgewicht und bewegen Sie sich viel!

Noch Fragen? Sicher nicht, denn mit „Normalgewicht“ ist alles gesagt: Übergewicht und Wampe verbieten sich damit ebenso wie Abmagern.

Dieser neue Titel bietet eine sehr einfache, eindeutige Richtlinie für den Alltag, für jedermann – und für den Rest des Lebens. Großzügig und realistisch ist sie auch noch, denn sie enthält die ganze Spannbreite der BMI-Skala von BMI 18,5 bis 25. Eine Frau von 1,70 Körpergröße kann demnach zwischen 55 und 71 Kilo wiegen, ein Mann von 1,82 zwischen 66 und 84 Kilo. Das lässt für alle Körperbautypen genügend Spielraum.

 

Die neue Regel 10 zum Körpergewicht

Unser neuer Kurztext präzisiert das. Dabei setzen wir dieselben Prioritäten: Der wichtigste und häufigste Fall kommt nach vorne, das ist das Übergewicht. Das Allgemeine steht hinten.

Halten Sie Normalgewicht und bewegen Sie sich viel!

Vermeiden Sie Übergewicht. Wenn Sie zunehmen, steuern Sie aktiv gegen. Sprechen Sie bei Übergewicht mit Ihrem Arzt. Auch Untergewicht ist gesundheitsschädlich. Gut ist auf jeden Fall Bewegung – vollwertige Ernährung und Bewegung gehören zusammen.

Damit ist alles gelöst: Das Thema aus dem Titel taucht im Text wieder auf, das Übergewicht ist prominent und Untergewicht wird mit abgefrühstückt, damit das Fachreferat keinen Verweis bekommt.

In der Langfassung könnte man dann noch allerlei erklären: zum Beispiel den BMI-Spielraum für Normalgewicht, oder warum Menschen ab etwa dem 25. Lebensjahr ihre Ernährungsgewohnheiten an den langsameren Stoffwechsel anpassen müssen.

Wie wir die DGE kennen, wird sie die Vorlage von Quarkundso.de natürlich gleich retuschieren. Vor allem, indem sie die Überschrift abschwächt und in ihren geliebten Infinitiv umwandelt: „Normalgewicht halten und in Bewegung bleiben“. Bloß kein Ausrufezeichen, sowas klingt nach Befehl!

Die DGE ist lieber sanft im Ton, das soll den mündigen Bürgern vortäuschen, dass sie nicht so streng ist, alles ganz lieb meint und auf keinen Fall irgendjemandem Vorschriften machen will.

In Wahrheit ist das natürlich ganz anders, im Land der Schulmeister, und gerade bei der DGE.

Vor allem aber bei Quarkundso.de. Wir meinen es ernst und sind besonders streng: Wer im Erwachsenenalter unbändig zunimmt, muss aktiv etwas dagegen tun. Wie mündige Bürger das angehen können, davon handeln die nächsten Folgen.

©Johanna Bayer

HINWEIS: Bitte vor dem Kommentieren die Kommentarregeln durchlesen. Sie stehen im Impressum und auf der Seite „Was soll das?“. Die Regeln betreffen unsachliche, beleidigende und anonyme Kommentare. 

Ganz neu: Die 10 Regeln der DGE zur „vollwertigen Ernährung“

Unser Vorschlag zur Trinkregel Nr. 7 von Juli 2017 , danach hat die DGE den Text geändert.