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WDR basht Rewe für Zuckertest bei Pudding, Experten machen mit. Aber wer liegt hier eigentlich falsch?

 

Bei Rewe dürfen Kunden über Süßgeschmack bei Pudding entscheiden und der WDR lässt kein gutes Haar daran. Beteiligt sind zwei Experten, die sich mit Kritik-Klischees überbieten und die Aktion geradezu böswillig interpretieren, darunter die Verbraucherzentrale NRW. Aber die billige Kritik-Schablone „Die Industrie verschaukelt uns doch nur!“ zielt an der Sache vorbei – schade eigentlich. (Aktualisierung: Der Test ist entschieden, Service-Link s. unten)

Gläschen mit Schokopudding, nah.

Schokopudding: Ein bisschen Zucker darf schon sein. Aber wieviel?

 

Seit dem 15.1.2018 dürfen bei Rewe die Kunden über Schokopudding abstimmen: Man kauft sich eine Stange mit vier Puddingproben und bewertet anschließend online. Dabei geht es um den Süßgeschmack. Die Proben enthalten unterschiedlich viel Zucker und sind, vom Originalrezept absteigend 20, 30 und 40 Prozent weniger gesüßt.

Das Ziel laut Rewe-Webseite: Bei den eigenen Produkten Zucker reduzieren.

Allerdings nur, wenn die Kunden das auch wollen. Denn der Pudding soll sich natürlich weiterhin gut verkaufen, also der Stammkundschaft schmecken.

Deshalb will der Lebensmittelriese mit der Aktion herausfinden, wie viel weniger Zucker im Pudding von den Kunden akzeptiert wird. Das Ganze ist der erhitzten Debatte rund um Zucker geschuldet, die 2017 tobte.

Und den Forderungen nach gesetzlichen Vorschriften für die Industrie. Gesetze wollen Händler und Hersteller natürlich nicht, sie postulieren ja gerne den berühmten „mündigen Verbraucher“.

Diesen also selbst entscheiden zu lassen, ist nur logisch: Der Kunde ist König, verkauft wird, was schmeckt.

Der Test ist deshalb ergebnisoffen. Sollte sich herausstellen, dass die meisten Kunden das Original mögen, bleibt es dabei. Wollen sie weniger Zucker, kriegen sie ihn. Das sagt Rewe auf seiner Homepage.

Kein Aufreger, sollte man meinen, sondern nur ein Produkttest.

 

Beim Bashing sind sich alle einig

Nun hat sich aber der WDR über die Aktion hergemacht, in der Sendung „Servicezeit“. Die Dramaturgie, neudeutsch auch „Storytelling“ oder „Narrativ“ genannt, ist klar: Die Industrie will uns doch nur verschaukeln!

Darin sind sich alle Beteiligten von vornherein einig – Moderator Könnes fragt vor dem Beitrag schon süffisant, ob es sich beim Puddingtest von Rewe etwa um eine „Trendwende hin zur gesunden Ernährung“ handele oder nur um einen „Marketing-Gag“.

Entsprechend war der Beitrag (nebenbei gesagt auch etwas schlampig: schlechter Ton mit Hall beim Ernährungsexperten und fehlende Bauchbinden im Video, Beitragsinfos zu Kamera und Schnitt fehlten auch, da ist mal wieder husch-husch das rohe Band in die Mediathek gestellt worden).

Wer waren also die Experten? Da hat sich natürlich sofort die Investigativabteilung von Quarkundso.de eingeschaltet.

Denn sie, die Experten, waren es, die wohl die Marschrichtung ins Klischee vorgegeben, den Autor beraten und ihm den Beitrag samt eigenem Geschmackstest gestrickt haben.

 

Geld verdienen – darf man das?

Einer ist Stephan Lück, Ernährungswissenschaftler und gelernter Koch, auch bekannt aus RTL, Galileo, ARD-Buffet, HR und eben dem WDR, vor allem in der Reihe „Servicezeit“.

Dort darf er zum Beispiel über vegane Ernährung für Kinder verzapfen, dass es doch gemein sei, Eltern, die ihre Kinder gesund, also vegan ernähren wollten, zu verunsichern und zu behaupten, die vegane Lebensweise sei nicht gut für die Kleinen. Wo doch Pflanzen so gesund und vielfältig seien.

Nun ja, damit verlässt er den Boden der Wissenschaft. Aber es geht hier nicht um ungeeignete Ernährung für Kinder, sondern um Schokopudding.

Ansonsten vertreibt Herr Lück einen selbst entwickelten Diätdrink und sagt auf seiner eigenen Homepage, es sei ihm damit gelungen, das Problem von Heißhunger und Jojo-Effekt beim Abnehmen zu lösen.

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Das wäre allerdings eine Sensation.

Viel gehört hat man von dem Saft bisher aber nicht, obwohl er schon seit mindestens 2012 auf dem Markt ist. Kritiker bemängeln den hohen Preis, Konsumenten schreiben im Internet über unerwünschte abführende Wirkung.

Das Business ist hart, und es geht bei so etwas um viel Geld, ein Mitbewerber mit ähnlichem Drink musste schon die Segel streichen.

Die Geschäfte des Herrn Lück sind in unserem Zusammenhang allerdings völlig uninteressant. Schließlich ist Geld verdienen wollen keine Schande, auch nicht mit Diätdrinks – es sei denn, es handelt sich um „die Industrie“ und die „Lebensmittelmultis“.

Dass die Geld verdienen wollen, ist höchst anrüchig. Für Herrn Lück.

 

Experten: von trivial bis böswillig

Er macht im O-Ton klar, dass jeder, der bei dem Rewe-Test mitmacht, dem Unternehmen auf den Leim geht: „Sobald ich das Produkt kaufe, mich darauf einlasse, hat Rewe in dem Fall das Ziel erreicht: Das Produkt wurde nicht nur verkauft. Sondern man fühlt sich sozusagen diesem Unternehmen näher.“

Das klingt verdächtig, ist aber erstens falsch, dann höchst trivial und außerdem täglich Brot in Unternehmen: die gute alte Kundenbindung, wie sie an allen BWL-Lehrstühlen des Landes unterrichtet wird.

So etwas taugt nicht zum Vorwurf, außerdem ist das Ziel von Rewe mit dem Kauf alleine wohl kaum erreicht. Die wollen Kundenmeinungen im großen Stil, um zu erfahren, ob der Pudding nun süß oder nicht so süß sein soll.

Dazu kommt: Ob und wie man testet, ist völlig freiwillig und hat keine Konsequenzen, außer einem – ebenfalls freiwilligen – Gewinnspiel. Der Vorwurf von Lück ist daher an den Haaren herbeigezogen und dämonisiert Methoden, die anderswo als „Partizipation“ von Pädagogen wärmstens empfohlen werden und im Übrigen höchst zeitgemäß sind.

Aber auch Expertin Nr. 2, Monika Vogelpohl von der Verbraucherzentrale NRW, ist sicher, dass der Zucker-Test des Teufels ist. Angekündigt wird ihr Statement vom Autor übrigens so:

„In der Verbraucherzentrale hat man diese Werbemethode so noch nie gesehen.“

Werbemethode? Wieso Werbemethode? Es ist doch eine Kundenbefragung. Ein Test. Freiwillig.

Bloße Werbemasche oder unlauter wäre das Ganze, wenn unter dem Vorwand der Mitbestimmung Kunden übers Ohr gehauen werden – indem sie zum Beispiel teure Verträge abschließen müssen. Oder nicht bekommen, was sie bestellt haben. Oder trotz Abstimmung das Wunschergebnis nicht produziert wird.

Frau Vogelpohl erhebt aber weitere Anklage:

„Das ist zunächst mal ganz positiv, dass Verbraucher gefragt werden nach ihren Geschmacksvorlieben. Auf der anderen Seite muss man bedenken: Der Verbraucher muss das Produkt erst kaufen, um es überhaupt bewerten zu können. Also im Grunde werden auch Kosten auf die Verbraucher abgewälzt.“

Das ist schon ein höherer Grad an Verdrehung. Um so etwas abzulassen, muss man nicht nur weltfremd sein, sondern eigentlich auch etwas böswillig.

Wir hängen uns da gerne aus dem Fenster: Diese Interpretation ist unlauter. Denn ein Recht auf kostenlose Warenproben gibt es nicht, obwohl viele Händler solche ausgeben – freiwillig.

Ansonsten kostet der Testpudding einen Euro (in Zahlen: 1.-), was Quarkundso.de selbstverständlich mit Beweismitteln gesichert hat. Hier wird keiner übers Ohr gehauen, sondern folgt für kleines Geld seiner Vorliebe für Pudding, wenn er sie denn hat.

 

Deppenargumentation schadet allen

Vor allem aber werden Konsumenten immer nach ihren Geschmacksvorlieben gefragt, nämlich bei der Produktentwicklung.

Denn wie soll ein Hersteller etwas auf den Markt bringen, wenn er seine Kunden nicht fragt, was ihnen schmeckt? Jedes Lebensmittelprodukt wird vorher getestet, und zwar von den Konsumenten der Zielgruppe, für die es gedacht ist. Die probieren und bewerten, danach arbeiten die Entwickler weiter.

Entschieden wird aber immer am Regal: Kaufen die Leute das neue Produkt oder nicht? Und wenn sie es kaufen, ja, dann müssen sie es natürlich bezahlen, ausprobieren und dann wieder kaufen. Oder liegenlassen.

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Es ist daher einigermaßen perfide, in die Welt zu setzen, dass hier „Kosten abgewälzt“ werden – als ob ein Unternehmen sich vor einer gesetzlichem Pflicht drückt wie ein gieriger Vermieter, der dem Mieter das Renovieren aufbrummt, obwohl er eigentlich dafür zuständig ist.

Eine so billige Argumentationsmasche mit vorgeblichem Verbraucherschutz wird der Sache nicht gerecht . Sie schadet auch der gesamten Debatte, weil sie Misstrauen schürt und sinnlos Fronten aufbaut, wo keine sind.

Gerade die Verbraucherzentralen tun sich mit dieser Deppenargumentation keinen Gefallen. Sie diskreditieren sich nur selbst als ernstzunehmender Gesprächspartner, der sie ja sein wollen, und zwar sowohl für Behörden als auch für Wissenschaft und Industrie.*

 

Die journalistische Seite

Wenn man nicht böswillig ist, sondern unvoreingenommen und weder auf der Gehaltsliste von Rewe noch einer Verbraucherzentrale steht, kann man ruhig zugeben: Der Pudding-Test ist clever, innovativ und durch die Vergleichsmöglichkeit interessant.

Aus Sicht des Unternehmens ist das sinnvoll. Die Marketing-Abteilung erhält viele Tausende von Bewertungen, eine Anzahl, die mit den üblichen Testreihen wohl nie erreicht werden könnte. Und ungefilterte Rückmeldung von den eigenen Kunden.

Sinnvoll und interessant ist der Test aber auch für die Verbraucher. Sie kriegen mit, wie die verschieden gesüßten Puddings schmecken. Den direkten Vergleich gibt es sonst selten.

Die Abteilung Methoden und Statistik von Quarkundso.de hat sich aber auch gemeldet und merkt spitzfindig an: Solche Online-Abstimmungen können sehr leicht beeinflusst werden. Denn Zuckergegner und Aktivisten könnten massenhaft Puddingproben einkaufen und so abstimmen, dass der Pudding mit dem geringsten Zuckergehalt gewinnt.

Dieser Aspekt kommt im Beitrag überhaupt nicht vor: Was taugt so eine Online-Aktion? Dazu hätte man Rewe fragen müssen, wie sie das sehen, was sie mit dem Test wirklich vorhaben, warum sie ihn so und nicht anders gestrickt haben, ob das Ergebnis des Tests aussagekräftig ist, ob sie mit Verfälschungen rechnen, was sie für Konsequenzen ziehen, ob die Abstimmung juristisch abgesichert ist.

Das wären so journalistische Fragen gewesen.

 

Was sagt Rewe eigentlich dazu?

Mit dem Journalismus ist es aber in dem Beitrag nicht weit her. Denn Rewe kommt gar nicht zu Wort. Kein O-Ton eines Marketing- oder Kampagnenleiters, kein Statement aus der Pressestelle.

Nichts.

Der WDR-Autor stellt nur die Puddingdosen vor die Kamera und folgt dann blind den Einschätzungen seiner Experten. Falls er überhaupt Rewe gefragt hat, gibt er die Stellungnahme nicht weiter. Handwerklich ist das schon sehr fragwürdig, Stichwort Recherche, journalistische Sorgfaltspflicht und Gelegenheit zur Stellungnahme für Betroffene.

Dafür darf sich aber Haus-Fachmann Stephan Lück am Testdesign austoben.

Puddingprobe von Rewe nah, auf Etiketet: -30 %

Wunschpudding laut WDR: minus 30 Prozent Zucker

Er erklärt rundheraus, die Sache sei völlig falsch aufgezogen. Man müsse die Puddingproben nicht in der Reihenfolge testen, die Rewe vorgibt, also beginnend mit dem Original und dann absteigend von 20 über 30 bis zu 40 Prozent Zucker.

Sondern umgekehrt „wenn man es richtig machen will“, so Lück.

Mit „richtig“ meint er: Wenn man Zucker „minimieren“ und den Leuten den Süßgeschmack abgewöhnen will.

Diesen Versuch macht der Autor dann im Beitrag und lässt Probanden auf der Straße zuerst den wenig gesüßten Pudding und am Ende den Gezuckerten  schmecken.

Ergebnis: „Den Originalen will plötzlich keiner mehr“. Die WDR-Probanden sind für den Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker.

Zack, wieder hat die Industrie einen vor den Latz bekommen.

 

Wer soll das Volk erziehen?

Aber auch hier wäre es korrekt gewesen, zu akzeptieren, was Sache ist: Rewe will seine Kunden nicht konditionieren oder umerziehen, und ihnen auch nicht vorschreiben, in welche Richtung ihr Geschmack gehen sollte. Und Rewe will Zucker nicht „minimieren“.

Der Laden will nur wissen, ob seine Kunden wirklich weniger Zucker akzeptieren und ob der Pudding jetzt weniger süß sein darf. Oder ob die Leute den gewohnten Geschmack wollen. Deshalb die Verkostung im Vergleich mit dem Original.

Dazu hätte man Rewe aber doch befragen können oder müssen. Das wäre wirklich interessant gewesen, journalistisch gesehen.

Auf der Internetseite des Ladens findet sich nämlich noch Erstaunliches: Die Supermarkt-Kette engagiert sich plötzlich für Clean Eating, bezeichnet sich als „verantwortlichen Lebensmittelhändler“ und bietet Ernährungsberatung sowie Tipps zur Zuckerreduktion an.

Das ist auch wieder so clever, wie es nur sein kann: Auf die Zuckerfrei-Welle aufspringen, und zwar als Händler. und sich als Anlaufstelle für „gesundes Leben“ gerieren.

Wobei man bei Rewe nach wie vor alles kaufen kann, von fettigen Pommes über Ravioli aus der Dose bis zu Feinkost, Räuchertofu und Biogurken.

So ticken Kaufleute – die bieten an, was die Leute wollen, und zwar weitgehend moral- und wertfrei. Wollen die Kunden bio, Vollkorn und Regionales ohne Zusatzstoffe, kommt das ins Sortiment. Wollen sie Industrieschrott und Fertigprodukte, bekommen sie es.

Man kann das kritisieren und hinterfragen. Man kann aber nicht voraussetzen. dass eine Supermarktkette Aufgaben der Volkserziehung zu übernehmen hat.

Diese Aufgabe haben andere.

Im übrigen könnte Rewe auch völlig ohne Befragung den Zucker in den Eigenmarken reduzieren – bei einer schrittweisen Reduktion von bis zu 25 Prozent würden es die Kunden nicht einmal merken. Das wissen Fachleute aus Tests mit zucker- und salzreduzierten Produkten. Aber Rewe will vielleicht mit seiner Kampagne etwas anderes, und es wäre spannend, das herauszufinden.

 

Schokopudding: Das Testergebnis von Quarkundso.de

Kleine Puddingbecher, geöffnet, von oben

Harte Arbeit im Labor von Quarkundso.de: Wir testen natürlich selbst.

Am Ende kommen wir endlich zur Sache, zum Pudding.

Den haben wir natürlich selbst getestet. Die Chefredakteurin ist sofort nach Beginn der Aktion in den örtlichen Rewe gestürmt, um sich eine Probenbatterie zu sichern.

Hier unsere Bewertung:

Original: pappsüß, unerträglich, würden wir nie freiwillig kaufen oder essen.

Minus 20 Prozent: immer noch pappsüß, geht auch nicht.

Minus 30 Prozent: interessanter, Schoko und Milch kommen mehr durch, schmeckt aber auch etwas mehlig. Da haben sie bestimmt irgendwas zum Füllen rein. Abgelehnt.

Minus 40 Prozent: schokoladig, nur dezent süß. Kann man essen. Muss man aber nicht kaufen.

Überflüssig zu sagen, dass wir keine Stammkäufer des Puddings von Rewe sind und das auch nicht werden. Aber natürlich haben wir wahrheitsgemäß für „minus 40 Prozent Zucker“ abgestimmt. Es ist ja für einen guten Zweck.

Dabei bekommt man auf der Seite von Rewe einen Zwischenstand: Am 18.1.2018 lag der Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker vorne.

Das zeigt – ja, was? Keine Ahnung.

Hätte man Rewe fragen müssen, also der WDR-Autor, natürlich.

Wir nicht. Wir arbeiten klandestin und gehen tatsächlich davon aus, dass die Zucker-Aktivisten diesen Test, wie oben beschrieben, für sich entdeckt haben.

Und dass in den Rewe-Läden sowieso nur die Leute probieren, die Neuem gegenüber aufgeschlossen und generell nicht so scharf auf Süßes sind. Wobei interessanterweise trotz des von Dr. Lück kritisierten Rewe-Testdesigns dasselbe herauskommt wie beim WDR-Versuch in anderer Reihenfolge.

Ansonsten finden wir den Test schlicht gut. Die Idee ist klasse. Die Perspektiven, die sich bieten, sind spannend – sofern man Supermarktprodukte und Fertiggerichte kauft oder ein Interesse daran hat.

Haben wir nicht, kaufen wir nicht, essen wir nicht. Aber den Test kann man mitmachen, er geht bis zum 12.2.2018. Daher, Fans und Freunde, stimmt ab! Danach kann man Rewe beim Wort nehmen.

©Johanna Bayer

 

*DISCLAIMER Falls der O-Ton von Frau Vogelpohl vom Autor nur zusammengeschnitten und gekürzt wurde, dann ist natürlich nur er Schuld. Und nix für ungut. Allerdings sieht es nicht danach aus. Frau Vogelpohl präsentiert ihre Aussage zusammenhängend und mit Überzeugung.

 

Der Beitrag des WDR in der Reihe Servicezeit vom 16.1.2018

Rewe-Webseite zur Kampagne, mit Test

Kleiner Nachtrag: Was die anderen sagen – Prof. Dr. Martin Smollich, Pharmazeut und Experte für Pharmanutrition auf Twitter zu Quarkundso.de:

Die Deutsche Diabetes-Hilfe findet, dass der Test eine gute Idee von Rewe ist, sie schreibt auf Twitter:

AKTUELL 19.2.2018: Der Test ist entschieden,

Ergebnis: Der Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker gewinnt, jeder zweite Teilnehmer stimmte dafür. Nur 5 Prozent waren für das süße Original, an zweiter Stelle landete die um 40 Prozent reduzierte Variante. Interessant, nicht wahr? Die ganzen Kunden bei Rewe haben also jahrelang einen Pudding gekauft, den sie gar nicht mögen! Das heißt das doch, oder? Rewe hat bislang nur eine nüchterne Presserklärung herausgegeben – es bleibt also spannend.

Visite beim NDR: Neues über Zucker und Kokain. Aus der Epoch Times.

In der NDR-Gesundheitssendung „Visite“ fällt eine Ärztin mit steilen Thesen über Zucker auf: Er wirke auf das „Suchtzentrum des Gehirns ähnlich wie Kokain“. Nicht nur Quarkundso.de fragt da nach. Aber leider kommt als Beleg ein Artikel der dubiosen Epoch Times. Ausgerechnet. Und das ist nicht der einzige Patzer. 

 

Quarkundso.de wird ja inzwischen als allgemeine Auskunftei zu Essen und Gesundheit betrachtet.

Die Leute haben keine Hemmungen.

Da fragt ein unbekannter Follower über Twitter an, warum die Butter so teuer geworden, aber Biobutter nicht genauso im Preis gestiegen ist.

Eine Kollegin möchte wissen, was dran ist an der Behauptung, Mikrowellen zerstörten wichtige Stoffe im Essen und ließen Gifte entstehen, angeblich schon vor 30 Jahren entdeckt von einem Schweizer Arzt, der seither im Untergrund kämpft (so ähnlich).

Andere Blogger-Freunde verwickeln Quarkundso.de in eine Diskussion über Zucker als Droge, mittels Markierung auf Facebook. Was da dran sei, was ich so meine, und überhaupt.

Ich verspreche allen Antragstellern: Wir sind bemüht, Fragen sofort und ausführlich zu beantworten. Dabei widmen wir uns auch den wildesten Verschwurbelungen, wenn es nur um Essen geht.

Die Mikrowelle und die Butter mussten aber etwas zurückstehen, denn langweilige Zucker-Nummer wuchs sich zu einer peinlichen kleinen Panne für den NDR aus. Und als gefundenes Fressen für Quarkundso.de.

Es geht um die Gesundheitssendung des NDR, die „Visite“. Das ist ein altes Flaggschiff in der Senderlandschaft. Eine der dort als Expertin auftretenden Fernsehärztinnen hatte in der Sendung vom 17.10.2017 vor Zucker gewarnt.

Ihren steilen Satz spielte die Redaktion online über Facebook, samt der Bemerkung, die WHO rate deshalb zur Begrenzung des Zuckerkonsums.

 

 

Zucker mit Kokain zu vergleichen ist einfach Quatsch

Bloggerin Irene Gronegger, ebenfalls im Gesundheitsbereich unterwegs, war darüber gestolpert. Zucker wirkt wie Kokain? Macht also wach, süchtig, hyperaktiv, ist eine gefährliche, suchterzeugende Droge, zerstört das Gehirn? Und das als Ärztin?

Die Kollegin fragte nach, und zwar bei der Pressestelle des NDR: Welche wissenschaftlichen Belege es denn gäbe? An diesem Punkt wurde Quarkundso.de herbeizitiert, man freute sich auf ein kleines Scharmützel.

Dabei passte uns das gerade gar nicht. Es war Mittag, wir waren hungrig, müde, erkältet, mussten trotzdem was abarbeiten und die Sache selbst ist doch schon längst ausgelutscht: Nein, Zucker als Stoff wirkt nicht wie harte Drogen, egal, was irgendwelche Amerikaner sagen, von Robert H. Lustig, dem Anti-Zucker-Aktivisten über David Ludwig von der Harvard-Universität bis zu Tosca Reno, der Clean-Eating-Päpstin.

Wissenschaftlich ist der Käse längst gegessen: Es gibt kein einziges Lebensmittel oder einen einzelnen Stoff in der Nahrung, der süchtig oder abhängig macht.

Auch nicht Zucker. Gegen Kokain, Heroin und selbst Nikotin sind alle Lebensmittel harmlos. Daher steht auch keines auf der Liste suchterzeugender Substanzen, sieht man mal vom Alkohol ab. Aber der ist kein Lebens-, sondern ein Genussmittel.

Quarkundso.de berichtete mehrfach.

Das rechtfertigt oder verharmlost nicht das übermäßige Verschlingen von Süßigkeiten. Aber es rückt die Verhältnisse gerade: Es ist nicht der Stoff Zucker, der körperlich abhängig macht und etwa wirkt wie ein Droge. Es ist das zwanghafte, übermäßige Essen, das Verhalten, das das Gehirn in einer bestimmten Region verändert, die die Fernsehärztin „Suchtzentrum“ nennt.

Korrekt heißt es Belohnungszentrum, und das erzeugt bei Dingen, die gelingen ebenso wie beim Naschen von Leckereien Glücksgefühle. Harte chemische Drogen ahmen diesen natürlichen Mechanismus nach und verzerren ihn stark, das macht sie so gefährlich.

Aber klar ist: Das ist schon eine ganz andere Nummer. Darüber sind sich alle Suchtforscher auf der Welt einig.

 

Immer wieder neu aufgekocht: Zucker als Droge

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Ob Essen oder irgendein Stoff im Essen trotzdem süchtig machen könnte, ist zur Sicherheit geklärt worden: Forscher haben im Auftrag der EU haben 2013 ein internationales Konsenspapier erstellt, das die Lage zum Thema Essen und Abhängigkeit – Food and Addiction – sondiert.

Demnach gibt es kein einzelnes Lebensmittel oder einen Inhaltsstoff, der abhängig macht wie eine Droge, die reinen Genussmitteln Alkohol und Kaffee ausgenommen.

Bisher sieht es nicht so aus, als ob sich die Einschätzung sich ändert.

Das heißt nicht, dass es nicht Menschen mit suchtartigem oder suchthaftem Essverhalten gibt. Und dass sie nicht genau die charakteristische Veränderungen im Gehirn aufweisen, die denen von Drogenkonsumenten ähneln. Oder tatsächlich eine suchtartige Gier nach Süßem, aber besonders auch nach Fettigem entwickeln könnten. Darauf sind wir nunmal biologisch geeicht.

Aber es geht dabei nicht um einen chemischen Stoff, der das Gehirn manipuliert. Sondern um das gestörte Verhalten und das ständige Wiederholen: Menschen werden nicht süchtig nach den Substanzen Zucker oder Fett. Sondern abhängig vom Essen als zwanghafte Handlung.

Die Mechanismen im Gehirn sind dabei tatsächlich immer dieselben. Die Veränderungen, die man beobachten kann, etwa im Kernspin, auch.

Egal, die Details mag jeder selbst nachlesen.

Hier geht es eher um die interessierten Kreise, die den wissenschaftlichen Konsens zu Zucker als Lebensmittel nicht akzeptieren. Sie haben auch nicht den gesunden Menschenverstand der Hausfrau, die Zucker in den Kuchenteig gibt, aber auch weiß, wann es zuviel ist.

Nein, die Verschwörer betrachten Zucker als Gift und kommen ständig mit denselben Behauptungen und Argumenten sowie angeblich neuen Belegen um die Ecke, spielen über Bande, schreiben oder zitieren unseriöse populistische Bücher, beziehen fragwürdige Informationen aus dem Internet und schwören auf angeblich neue Studien, wahlweise auch auf brisante Daten, die angeblich seit 60 Jahren unter Verschluss gehalten werden.

Darunter sind Fachleute, Ärzte und Journalisten. Erstaunlich, eigentlich. Das Ganze ist eine amerikanische Debatte, sogar eigentlich eine Kampagne, die nicht auf alle zu übertragen ist. Die entsprechenden Akteure sind auch alle von drüben, das ist kein Zufall.

 

Quellen: Epoch Times und das Interview mit einem Toten

Wir wollten also müde abwinken, dann aber wurde es lustig, denn Kollegin Gronegger bekam Antwort von der NDR-Pressestelle. Quarkundso.de erwachte aus der Lethargie, denn brühwarm landete die Mail des NDR bei uns auf dem Tisch.

Darin wurden als Belege zwei Links angegeben. Einer führte zur Epoch Times, einer zu den Deutschen Gesundheitsnachrichten.

Wie bitte, die Epoch Times? Das Kampagnenblatt der Falun-Gong-Bewegung, in seiner deutschen Ausgabe Lieblingspostille von AfD-Wählern und Rechtsextremen? So beschreibt zum Beispiel DIE ZEIT das fragwürdige Portal.

Auf keinen Fall kann ein Artikel aus einer solchen Schleuder als Quelle für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten, gar als Beleg für einen Sachverhalt aus Medizin und Wissenschaft.

Die andere Quelle leistet sich unter dem reißerischen Titel „Zucker wirkt auf den Körper wie Heroin“ leider ein peinliches Missverständnis. In wörtlicher Rede zitiert der Artikel Princeton-Forscher Bart Hoebel, als ob er gerade interviewt worden wäre.

Im Nucleus accumbens, dem Lustzentrum des Gehirns, löst „Zucker die Ausschüttung von Dopamin und Opioiden aus“, so Bart Hoebel von der Princeton University in New Jersey. Das Dopamin wird als Triebkraft hinter Drogensucht gesehen. Und die Opioide sind Substanzen, die eine betäubende Wirkung im Körper hervorrufen, indem sie sich an die Opioidrezeptoren binden. „Das Gehirn wird süchtig nach seinen eigenen Opioiden, wie es das auch bei Heroin und Morphin tun würde“, ergänzt Hoebel. Insgesamt erzielten Drogen eine größere Wirkung, aber im Wesentlichen sei der Prozess der gleiche, so Hoebel. Hoebel führt dies unter anderem auf eine durchgeführte Studie mit Ratten zurück.

Klingt gut, der Artikel ist allerdings von 2014. Und Bart Hoebel ist 2011 gestorben.

 

Huch, vertippt!

In solch einem Fall muss man leider feststellen: Das hätte der NDR nicht rausgeben sollen.

Bart Hoebel war übrigens ein sehr renommierter Forscher, dessen Arbeiten in Deutschland und anderswo fortgeführt wurden. Das Ergebnis ist aber nicht die platte Aussage, dass Zucker süchtig macht.

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hatte inzwischen selbst der NDR-Pressestelle geschrieben und gefragt, was es mit diesen seltsamen Quellenlinks auf sich habe.

Die Antwort kam am Abend: Nein, nein, das, äh, sei nur ein Versehen gewesen, die Ärztin habe die Links nur nebenher in der Praxis rausgesucht. Das seien weder ihre Quellen noch die der Redaktion. Und die Redaktion habe sie lediglich weitergegeben, das seien „allgemeinverständliche Medien“.

Interessante Einschätzung.

 

Unbestritten, aber umstritten – was denn nun?

Ansonsten wurde uns erklärt, dass es bei Zucker „unbestrittene gesundheitliche Risiken“ gäbe – aber wissenschaftlich sei die Sache umstritten, es gebe ja „unterschiedliche Einschätzungen und Veröffentlichungen.“

Ah ja. Das haben wir natürlich verstanden: Schrödingers Zucker.

Dazu kamen neue Belege, darunter wieder eine dubiose Quelle, ein „Sleuthjournal“, das zur Sache auf ein esoterisches Naturkostportal verlinkt, eine ältere Arbeit von Bart Hoebel, die ins Konsenspapier der EU von 2013 eingeflossen ist – Ergebnis: Zucker macht nicht süchtig wie Kokain. Eine verfehlt das Thema und dreht sich um Angststörungen, eine weitere beschäftigt sich auch mit einem anderen Thema, übrigens ebenfalls auf der Basis von Bart Hoebel (ja, das war ein hoch renommierter Suchtforscher).

Soll heißen: Diese Quellen ändern nichts am Stand der Wissenschaft. Der entspricht weiterhin dem EU-Konsenspapier, es wurde erst letztes Jahr, 2016, international bekräftigt.

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Die hartnäckigen Zucker-Verschwörer haben dagegen keine harten Fakten in der Hand. Sie zitieren selektiv, interpretieren tendenziös und einseitig oder suggerieren Ergebnisse und Erkenntnisse, die es gar nicht gibt. Meistens spielt sich das in den USA ab, und das hat seinen eigenen Charme.

Natürlich wollen alle dabei nur das Beste, nämlich die Gesundheit schützen. Das ist ehrenwert, aber ein wenig aufpassen und auf unseriöse Thesen verzichten sollte man schon. Der gute Zweck heiligt nicht alle Mittel.

Diese ganze Zucker-ist-Droge-Diskussion wollen wir jetzt nicht weiter aufrollen. Das können Interessierte ja nachlesen.

Wir hingegen blicken kurz noch einmal auf das journalistische Handwerk und die redaktionelle Verantwortung, die der NDR nunmal hat.

 

Online geht noch einer

Denn im Netz lief es leider auch nicht rund.

Der Facebook-Post der Redaktion nämlich bauscht nicht nur den steilen Satz der Ärztin auf. Dazu bekräftigen die Onliner der Redaktion Visite auf Facebook:

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb auch nicht mehr als 25g Zucker am Tag.

Deshalb, aha. Das klingt, als warne die WHO vor Zucker wegen seiner drogenähnlichen Wirkung. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht.

Die WHO warnte 2015 vor Übergewicht und Karies durch übermäßigen Zuckerverzehr. Das ist in der Begründung zur Empfehlung ganz klar. Von Sucht, Droge, Kokain oder sonstigen Gesundheitsgefahren ist nicht ansatzweise die Rede. Die WHO ist nämlich über den Stand der Wissenschaft orientiert.

Von wegen „deshalb“.*

Der Online-Kommentar ist einfach besinnungslos und ohne Kontrolle oder Recherche ins Netz geblasen worden. Wenn er nicht sogar aus der Redaktion stammt. Die hätte da doch besser aufpassen und nicht den tendenziösen Vereinfachungen aufsitzen sollen.

Die Sendung selbst sieht ihre Inhalte und Aussagen, gerade auch die vom 17.10. zum Zucker, als „wie immer gut recherchiert, und natürlich unbeeinflusst und unabhängig“ (aus der Moderation vom 17.10.2017). Schade, dass da niemandem, weder Pressestelle (Kommunikationsprofis) noch Redaktion (erfahrene Gesundheitsredakteure) aufgefallen ist, dass die Ärztin einen Link der Epoch Times verschickt.

Und keiner hat mal kurz in die Links geschaut und gesehen, was da zitiert wird. Keiner hat recherchiert, niemand hat kontrolliert und niemand schaut nach, was die Onliner treiben. Die geben einfach wieder, was Redaktion und O-Ton der Ärztin ihnen nahelegen.

Das wünscht man sich schon anderes, von einer Gesundheitsredaktion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Und in den heutigen Zeiten. Es spielt Verschwörungstheoretikern in die Hände. Das sind die Leute, die sich zum Beispiel aus der Epoch Times, esoterischen Gesundheitsportalen oder Angeboten mit „Alternative News“ wie dem Sleuthjournal informieren.

Und das nicht nur über Zucker. Sondern auch über Chemtrails, Invasionen aus dem All und Reptiloiden.

©Johanna Bayer

Hinweis: Die Deutschen Gesundheitsnachrichten haben umgehend auf die Kritik von Quarkundso.de reagiert und in ihrem Artikel von 2014 vermerkt, dass Bart Hoebel 2011 verstorben ist. Sie möchten auch nicht als „dubioses Portal“ bezeichnet und mit den Epoch Times in einen Topf geworfen werden, da sie nach den Grundsätzen des Deutschen Presserates (Pressekodex) arbeiten. Ich habe daher den Text an dieser Stelle geändert. Meine Kritik an den Formulierungen im Artikel über Zucker und Bart Hoebel wird von der Redaktion in der Sache akzeptiert.

*Die Online-Redaktion der Visite hat auf den Beitrag von Quarkundso.de reagiert und schnell ihren Facebook-Kommentar nach Erscheinen geändert. Das „deshalb“ ist gestrichen worden, Stand 30.10.2017 – ohne jede Anmerkung. Neuer Text: „Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nicht mehr als 25g Zucker am Tag“.

 

EU-Konsenspapier Food and Addiction

Sendung Visite beim NDR vom 17.10.2017

Über die „Zuckerlüge“ von ARTE und die US-Kampagne

 

 

Die WELT: Gute und schlechte Kohlenhydrate – bis zum Killer-O-Ton

In der WELT macht sich eine Autorin daran, den Ruf der Kohlenhydrate zu retten. Denn gegenüber der Front von Paläo-, Clean- und Low-Carb-Essern steht die biedere Vollkornfraktion immer öfter mit dem Rücken an der Wand. Doch nach einer Reihe fragwürdiger Thesen funkt ihr ausgerechnet der berühmteste ihrer Experten dazwischen. Anstatt zu erklären, wie viele „gute“ Kohlenhydrate wir essen sollen, gibt er den Killer-O-Ton schlechthin: Es ist egal.

 

Muffin / Napfkuchen mit Zuckerstreuseln

Kuchen, Brot und Süßes: böse oder gut? Egal, es schmeckt. Nur zu viel darf es nicht sein.

Brot, Süßes und Kuchen machen dick.

Das kann kein vernünftiger Mensch bezweifeln.

Natürlich nur, wenn man zu viel davon isst. Bei Brot, Croissants, Süßem, Kuchen, Schokolade und Keksen passiert das aber gerne.

Deshalb sollte man, wenn man abnehmen möchte, derlei bevorzugt einsparen.

Schon bei Tolstoi kann man das nachlesen, in „Anna Karenina“: Da reißt sich der fesche Leutnant Wronskij seiner Figur zuliebe zusammen, denn er will sein Gewicht halten. Also versagt er sich „Mehlspeisen und Süßigkeiten“, stattdessen isst er Beefsteak.

Im französischen Kochbuchklassiker „Gastronomie pratique“ von Henri Babinski stand es auch schon vor 100 Jahren: Backwaren machen dick.

Dieses alte Erfahrungswissen haben heute Bodybuilder, Fitness-Freaks, magere Yoga-Mädels von der Clean-Eating-Fraktion, Paleo- und Atkins-Jünger sowie viele Veganer in ganze Systeme verwandelt. Einige der Akteure sind sogar sicher, dass alle Kohlenhydrate und besonders Zucker des Teufels sind.

Das ist natürlich übertrieben.

Trotzdem gewinnt die Low-Carb-Welle dauerhaft Anhänger, während die biedere alte Vollkorn-Front mit dem Rücken an der Wand steht. Diese Ungerechtigkeit und das Lamento der Verlierer findet gerne Gehör im Ressort „Gesundheit“.

Dort erklären Journalisten vereint mit Ökotrophologen wieder und wieder, dass man unbedingt Kohlenhydrate braucht, warum das so ist, und dass man bloß nicht zu viel Fleisch und Fett, dafür aber ganz viele Vollkornprodukte essen soll. Experten sekundieren.

Auch die WELT hat sich neulich dieser guten Sache angenommen und alles noch einmal richtig erklärt: Welche die guten und welche die schlechten Kohlenhydrate sind, welche man essen soll und welche nicht.

 

Alles richtig gemacht. Fast.

Der Artikel ist nach den Regeln des Handwerks gestrickt: Ein griffiger Befund am Anfang, weiter geht es mit einer steilen These, dann werden die Fronten zwischen den Widersachern gezogen, anschließend wird möglichst kurz möglichst viel erklärt, und dazwischen sorgen knackige Statements von Fachleuten für die nötige Glaubwürdigkeit.

Normalerweise ist damit die Sache im Kasten.

Nur sind leider die meisten Aussagen im Text wahlweise trivial oder gleich krachend falsch, und die Argumentation ist wirr. Am schönsten ist aber, dass einer der befragten Experten der Autorin dazwischen funkt. Er liefert ein Statement, das ihre Bemühungen komplett konterkariert – doch die Autorin zieht ihr Ding durch.

Das ist erstaunlich und schade. Endlich sagt mal einer was Knackiges zu dem Thema, und dann merkt es keiner, weder Autorin noch Redaktion.

Jetzt bleibt die Drecksarbeit mal wieder an Quarkundso.de hängen. Das ist gemein.

Aber wir drücken uns natürlich nicht. Denn es ist ja für einen guten Zweck, daher stürzen wir uns unverdrossen in eine öde Beitragsanalyse, um am Ende die einzig wahren Fakten zu Kohlenhydraten ein für alle Mal – so richtig! – zu servieren.

Aber Achtung, hier kommt ein Warnhinweis: Es wird grauenvoll.

Zartbesaitete, Clean-Eating-Fans und Studenten der Ernährungswissenschaften lesen bitte nicht weiter, sondern widmen sich der Vorbereitung ihres gesunden Müslis mit vielen guten Kohlenhydraten für morgen früh.

 

Wir brauchen keine Kohlenhydrate. Aber wir essen sie gerne

Kohlenhydrate, heißt es also zum Einstieg beim WELT-Artikel, seien in Verruf geraten und als Dickmacher verschrien, dabei gehörten sie zu einer ausgewogenen Ernährung. Es sei aber entscheidend, die richtigen Kohlenhydrate zu essen.

Ach ja? Entscheidend, und sie gehören unbedingt in eine ausgewogene Ernährung? Dass Zucker, Limos und Süßigkeiten gestrichen werden können, ist sicher Konsens.

Aber auch alle anderen Kohlenhydrate scheinen nicht wirklich wichtig zu sein: Es ist unproblematisch, den Anteil der Kohlenhydrate auf nur 10 Prozent zu reduzieren, kann man im Atlas der Physiologie nachlesen. Das bedeutet: Der Mensch kann mit einer Ernährung zurechtkommen, die mindestens zu 90 Prozent aus Fett und Eiweiß besteht.

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Andererseits kann man auch viel mehr Kohlenhydrate essen, sogar so viele, wie es die DGE empfiehlt, nämlich 60 Prozent Anteil an den täglichen Kalorien. Nur ist das weder notwendig noch entscheidend für den Menschen. Zumindest nicht aus physiologischen oder medizinischen Gründen.

Unzweifelhaft macht es aber Spaß, Kohlenhydrate zu essen.

Das liegt an den Lebensmitteln, in denen sie stecken: Die schmecken gut und sind meistens sehr nützlich, weil sie Ballaststoffe, Vitamine, Protein und Mineralien enthalten und so schön satt machen. Natürlich nur, wenn man echte Lebensmittel nimmt, und kein Industrie-Süßzeug oder Limos und Säfte.

Es ist in diesem Zusammenhang sowieso die Frage, warum ständig der abstrakte Makronährstoff „Kohlenhydrate“ umständlich erklärt, aber nicht über Lebensmittel gesprochen wird: über Brot, Nudeln, Pizza, Reis oder Kartoffeln, über Spinat, Kohl, Rüben, alles, was irgendwie Kohlenhydrate enthält (unter anderem) und unser Essen so schön bereichert.

Vielleicht wäre es dann eleganter zu begründen, warum es gut ist, diese Dinge zu essen.

 

Wirres Zeug über Insulin

Die WELT-Autorin hat aber den Auftrag, abstrakte Kohlenhydrate zu erklären. Sie leiert also alles noch einmal runter: Der böse Haushaltszucker hat zwei Moleküle, das ist schlecht, Traubenzucker und Fruchtzucker haben gar nur eines, das ist ganz schlecht, weil es so schnell ins Blut geht.

Was aus Vollkornmehl ist, hat aber viele Ketten von Molekülen, das ist gut, weil der Zucker dann nicht so schnell ins Blut geht. Alle Kohlenhydrate sind nämlich nichts als, nun ja, Zucker.

Dann ergeht sich die Autorin über Insulin und den Zuckerstoffwechsel. Dabei wirft sie einiges durcheinander – Insulin und Blutzucker, die Blutzuckerwirkung von Lebensmitteln, den Anstieg und Abfall des Blutzuckers, die physiologische Ausschüttung von Insulin, die Mechanismen der Sättigung.

Da heißt es einmal, der Körper schütte bei jeder Mahlzeit das Hormon Insulin aus (richtig), dann wieder: Wird Insulin „über einen längeren Zeitraum kontinuierlich ausgeschüttet, macht das satt.“ (falsch, und direkter textlicher Widerspruch zur ersten Behauptung).

Dann heißt es, Süßes und Weißmehl würden den Blutzuckerspiegel gefährlich hoch schießen lassen (falsch, wird aber dauernd behauptet, nicht nur hier), danach habe man deshalb (?) schnell wieder Appetit, schneller als nach einem Vollkornbrot (stimmt so nicht).

Es geht weiter damit, dass Einfachzucker und „leere Kohlenhydrate“ der Grund dafür seien, dass Menschen, die häufig snacken, von Diabetes bedroht seien, denn sie hielten ihren Blutzuckerspiegel dauerhaft hoch (falsch; gemeint ist in diesem Fall die häufige Insulinausschüttung, die zur Abstumpfung der Zellen gegen das Hormon führt, eine Ursache für Diabetes Typ II. Es ist aber nicht der Blutzuckerspiegel, der besonders erhöht ist).

 

Die Fakten in Kürze

Dass bei all dem Verwirrung entsteht, wundert nicht. Die Sachlage ist extrem komplex.

Außerdem steckt die Tücke im System: Den Apologeten der guten Kohlenhydrate, die Journalisten Informationen liefern, geht es darum, den Kohlenhydratanteil an der Ernährung möglichst hoch zu halten.

Wie die „Bösen“ auf den Stoffwechsel wirken, muss dabei möglichst verteufelt, die Rolle der angeblich guten Kohlenhydrate aber ordentlich geschönt werden. Beides geht nur, wenn man etwas trickst. Die reinen Fakten geben das nämlich nicht her.

Deshalb arbeiten die Vollkornfreunde mit verzerrten physiologischen Erklärungen und werfen viele Nebelkerzen. Kein Wunder, dass Journalisten dabei aufs Glatteis geraten.

Tatsächlich verhält es sich, wie Quarkundso.de aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat, so:

Größere Mengen an Insulin werden nach den Hauptmahlzeiten freigesetzt, und nach stärke- oder zuckerreicher Nahrung. Dann macht es satt, zusammen mit anderen Faktoren. Wenn die Mahlzeit nahrhaft war, ist man auch länger satt. Allerdings macht viel Insulin auch Hunger, das gehört zu seiner Doppelgesichtigkeit.

Das Hormon wird ansonsten tagsüber in kleinen Mengen, in Minutenabständen pulsierend, ins Blut abgegeben und hat viele Aufgaben im Stoffwechsel. Das macht nicht satt, sorgt aber dafür, dass die Zellen Energienachschub und Baustoffe bekommen.

Was die WELT-Autorin auf die falsche Fährte lockt, ist die Tatsache, dass komplexe Zucker (Kohlenhydrate), übrigens auch Eiweiß und Fett, auf Stoffwechsel und Blutzucker teilweise anders wirken als einfache Kohlenhydrate – die „Bösen“.

Die „Guten“ kommen etwas langsamer ins Blut, erhöhen daher den Blutzucker langsamer und über eine längere Zeit. Dabei schonen sie aber keineswegs das Insulin. Denn ausnahmslos alle Kohlenhydrate werden mit Hilfe des Insulins verstoffwechselt und wirken stärker auf den Blutzucker ein als Eiweiß und Fett.

Die „Bösen“ strömen nur etwas schneller ins Blut, was Insulin in kürzerer Zeit anfordert, das stimmt schon. Aber ein gesunder Körper kann das bewältigen. Es darf nur nicht ständig geschehen.

Dagegen sind viele von den komplexen, „guten“ auch nicht ohne: Wer eine Menge davon isst, braucht auch viel Insulin. Ständig viel Insulin im Blut kann aber unter Umständen die Zellen abstumpfen, das ist die gefürchtete Insulinresistenz, eine Vorstufe des Diabetes. Wer dann noch (von den vielen guten Kohlenhydraten) dick wird, kann sich auch ohne Weißmehl und Süßigkeiten Diabetes und eine Fettleber einhandeln.

 

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die „guten“ Kohlenyhdrate

Noch dazu reagieren Menschen in ihrer Insulinantwort auf Kohlenhydrate sehr individuell. Bei den einen gibt es eine stärkere Insulinausschüttung als bei anderen, und zwar auch nach Vollkornbrot und komplexen Kohlenhydraten.

Manche Menschen reagieren zum Beispiel auf Sushi – Fisch und Reis – mit einer stärkeren Insulinausschüttung als bei süßem Speiseeis. Das haben Forscher des israelischen Weizmann-Instituts festgestellt.

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In einem neuen Test hat dasselbe Institut gerade auch den Vollkornmythos zerlegt: Vollkornbrot und konventionelles Toastbrot verändern Blutzucker, Insulin und weitere Werte erstmal nicht weiter – und beide nehmen sich nichts.

In dieser Studie aß die Hälfte der Probanden eine Woche lang konventionelles Weizentoast aus der Tüte, die andere Hälfte „gesundes“ Vollkornbrot aus Weizen. Beide Gruppen aßen danach eine Woche lang jeweils auch das andere Brot, um zu testen, wie sie auf die Brotsorten reagieren. Ergebnis: Im Großen und Ganzen keine klinische Auswirkung auf Parameter wie Blutzucker, Insulin, Leber-, Nieren- und Cholesterinwerte.

Aber bei der Hälfte der Probanden ließ sich trotzdem messen, dass der Blutzuckerwert nach dem Essen von Vollkornbrot sogar noch stärker ansteigt als beim Toastbrot. Beim Industriebrot wiederum zeigte nur die Hälfte aller Probanden eine relativ hohe Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel und die Insulinausschüttung.

Fazit der Forscher: Menschen reagieren sehr individuell auf die Kohlenhydrate im Brot, und keine dieser Reaktionen ist krankheitswertig. Grund für die Unterschiede ist übrigens die Zusammensetzung ihrer Darmflora. Anhand der Bakterienarten im Darm konnten die Forscher sogar vorhersagen, wer wie reagiert, ein spannender Befund.

Aber dass feines Weißbrot keineswegs den Stoffwechsel durcheinander bringt, ist schon längst bekannt. Der Volksmund weiß das bestens: Seit Jahrtausenden bevorzugen Menschen  ausgemahlenes Weizenmehl und genießen köstliches, nahrhaftes Weißbrot.

Die Apologeten der „guten“ Kohlenhydrate verschweigen solche Forschungsergebnisse tunlichst und befeuern unentwegt den Mythos vom „ungesunden“ Weißbrot, das den Blutzuckerspiegel gefährlich Achterbahn fahren lässt, wogegen Vollkorn angeblich den ganzen Tag satt macht. Beides ist falsch.

 

Der Killer-O-Ton

So folgt auch die WELT-Autorin brav ihrem Ziel, das Image der „guten“ Kohlenhydrate zu stärken. Nach dem schwierigen Erklärungsteil geht sie zur Praxis über: Welche und wie viele von den guten Kohlenhydraten soll man nun essen? Wo sie doch so gesund sind.

Jetzt sind die Experten am Zug. Eine Ökotrophologin sagt das Gewünschte (immer schön die Guten), aber ein Ernährungswissenschaftler, Stefan Kabisch vom DiFE in Potsdam, gibt zu, dass Abnehmen mit dem Einsparen von Kohlenhydraten ebenso gelingt wie mit Fettsparen. Die wissenschaftlichen Daten sprechen hier übrigens sogar eher für größere Erfolge der Low-Carb-Diäten und nicht für die Fettspar-Varianten (was Kabisch nicht sagt).

Dann aber ist der berühmte Professor Hans Hauner vom Präsidium der DGE, Chef der Abteilung Ernährungsmedizin an der Exzellenz-Uni TU München, an der Reihe.

Er ist offensichtlich in der Zwickmühle.

Die Autorin will wohl hören, dass man viele „gute“ Kohlenhydrate essen soll, wegen der Gesundheit und weil das doch zur ausgewogenen Ernährung gehört. Aber den Gefallen kann Hauner ihr nicht tun – der Mann ist Wissenschaftler.

Anfangs windet sich der Mediziner geschickt um den Kern der Frage herum. Zuerst versucht er, mit den Ballaststoffen zu punkten: Zufällig enthalten die Lebensmittel, in denen viele gute Kohlenhydrate stecken, auch viele von diesen wertvollen Ballaststoffen. Deshalb seien die guten Kohlenhydrate gut.

Laib Vollkornbrot, braun, bieder

Das gefürchtete Kommissbrot. Heute befördert zu guten, gesunden Kohlenhydraten.

Hm. Ja. Aber das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Wie viele und welche von den Guten soll man essen?

Jetzt schweift Hauner zur Ökologie ab:

Es werde bei einem hohen Kohlenhydratanteil an der Nahrung nicht so viel Fleisch und Milch konsumiert. Das schone die Umwelt.

Und von Low-Carb-Diäten würde nur die Agrarindustrie profitieren.

Hm. Das war auch nicht die Frage.

Die Frage war: Wie viele Kohlenhydrate soll man denn nun essen, von den Guten, versteht sich, damit der Blutzucker und das Insulin im Lot bleiben? Wie soll ich meine gesunde Ernährung mit den guten Kohlenhydraten zusammenstellen?

(Sapperlot, WELCHE guten Kohlenhydrate und WIE VIELE, verdammt nochmal, das werden Sie doch wohl noch sagen können? SIE sind doch der Experte! Und die Leser brauchen jetzt einen PRAXISTIPP! Also los, heraus mit der Sprache!)*

Und da legt der renommierte Forscher die Karten auf den Tisch:

„Wir sind in der Ernährungsmedizin davon abgekommen Menschen vorzuschreiben, wovon sie wie viel essen sollen“.

Das sagt der Mann glatt. Dann schiebt er nach:

„Essen ist schließlich auch Ausdruck von Identität und Individualität. Jeder sollte verschiedene Lebensmittel und Rezepte ausprobieren“.

Man muss das mehrmals lesen und sich durch Kopf und Bauch gehen lassen: Er gibt keine Menge von „guten Kohlenhydraten“ an, die man täglich essen soll. Es gibt keine Empfehlungen von Ärzten zu den Anteilen von „guten“ Kohlenhydraten im Essen.

Es gibt für Gesunde überhaupt keine Ess-Vorschriften mehr aus der Ernährungsmedizin.

 

Ende der Diskussion

Hauner hält sich im Gegensatz zu vielen anderen an den Stand der Forschung, und das ist ihm hoch anzurechnen: Es ist aus medizinischer Sicht egal, was Menschen essen, und in welchem Verhältnis. Es kann mehr oder weniger Fett sein, mehr oder weniger Fleisch, und viele oder wenige oder fast keine Kohlenhydrate.

Hauptsache, man bleibt dabei gesund, hält das Normalgewicht und trinkt nur mäßig Alkohol. Dann sind nach einhelliger Meinung die wesentlichen Klippen bei der Ernährung umschifft.

Und damit erledigt sich auch die ganze Ehrenrettung der angeblich so wichtigen „guten“ Kohlenhydrate.

Das ganze Geschwurbel über den Stoffwechsel und die Tipps der beflissenen Ökotrophologin, die dann doch das letzte Wort hat, hätte die Redaktion streichen können. Das Hauner-Zitat macht den Artikel eigentlich komplett überflüssig. Ende der Diskussion.

 

©Johanna Bayer

 *fiktiver innerer Monolog der entnervten WELT-Journalistin

LINKS:

Der Artikel über Kohlenhydrate in der WELT vom 17.5.2017

Die SZ am 8.6.2017 über die Studie zu Toastbrot versus Vollkornbrot

Zuckerlüge, Wurstgate – nur Luftnummern? 1x Nachschlag zu Wurst und Zucker, Krebs und Industrie

 

Wie war das noch gleich, im Oktober 2015? Da war doch der große Zucker- und Wurstalarm.; Wurst macht Krebs, Zucker ist Gift, Über beides hat Quarkundso.de ausführlich berichtet. Seitdem ist aber in beiden Fällen nichts passiert. Keine neuen Gesetze, Richtlinien, Verbote, Empfehlungen. Wohl aber eine Dauerdebatte. Die verstört die hilflosen Verbraucher und Esser. Daher muss Quarkundso.de in die Bresche springen – mit dem Nachschlag zum Stand 2017.

 

PB_Wurst_2109025_1280Um Wurst und Zucker herrscht seit Ende 2015  große Aufregung – die WHO bereitete der Wurst ihren 11. September und stufte sie als krebserregend ein.

Kurz zuvor hatte ARTE in der Doku  „Die große Zuckerlüge“ behauptet: Die Industrie streut uns Gift ins Essen und gaukelt uns vor, es wäre gesund!

Danach war Schweigen. Dabei hatte sich gerade ARTE die größte Mühe gegeben, einen Aufschrei zu provozieren und die von der Zuckerindustrie angeblich gekauften Politiker und Gesundheitsschützer endlich zum Handeln zu bewegen.

Aber erstens kam die Wurst dazwischen. Die Meldung der WHO zur Krebsgefahr durch rotes Fleisch und Fleischwaren erschien 2015 nur zwei Wochen nach der Ausstrahlung der pompösen Zuckerlügen-Doku.

Falls da gerade einige Politiker aus ihrem Zuckerkoma erwacht waren und zur Tat schreiten wollten, mussten sie erst ein wichtigeres Kulturgut verteidigen.
 

 

Olle Kamellen über Zucker als „Gift“

Zweitens hatte ARTE wirklich nicht viel zu bieten. Die Industrie will uns abhängig machen, belügt uns, Zucker macht süchtig, Zucker ist Gift – alles olle Kamellen. Speziell diese Vorstellung von einer Vergiftung – weil „versteckter Zucker überall drin“ ist, und uns abhängig macht, ist so überzogen, dass der gesunde Menschenverstand genervt abwinkt.

Darum hat auch kein seriöses Medium die ARTE-Doku von der „großen Zuckerlüge“ besprochen oder weiter aufgenommen. Das ganze Ding ist verpufft.

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Selbst wenn Zucker-Gegnern hundertmal vorrechnen, wie viele Zuckerwürfel in einer ganzen Ketchup-Flasche stecken – 9 Stück! – es bleibt dabei: Ein Teelöffel Ketchup auf einem Hamburger oder ein Esslöffel davon über den Pommes Frites führen nicht zur Zucker-Vergiftung der gesamten Bevölkerung.

Für die allgemeine Gefräßigkeit, was Hamburger, Fritten und alles andere angeht, kann der Zucker aber nichts. Die haben sich die Deutschen selbst zuzuschreiben. Das Problem ist dabei weder der Zucker als Stoff noch die Zucker-Industrie.

Und wenn schon, müsste man die wahren Dealer ausheben – die Bäckereien, die Konditoreien, die Cafés und Eiscafès, die Schokoladen- und Pralinengeschäfte, die Süßwarenläden.

Ich schätze, das gäbe einen Volksaufstand, und zwar nicht ganz zu Unrecht.

 

Schlechte Gewohnheiten, schlechter Geschmack

Vielleicht wäre es auch gut, sich mal an die an die eigene Nase zu fassen, was das angeblich von der Industrie versteckte Gift angeht. Der größte Anteil des Zuckerkonsums geht nämlich auf das Konto des eigenen Geschmacks.

Und zwar des schlechten Geschmacks – den beschreibe ich als die Einengung auf aromalose, „milde“, süßliche, allenfalls salzige Geschmacksrichtungen. Diese persönlichen Vorlieben sind in der Regel verbunden mit einer Scheu vor Bitterem, vor Kräutern, Knoblauch, Zwiebeln und anderen aromatischen Knollen, vor sauren Früchten, bitteren Gemüsesorten und scharfen Gewürzen.

Menschen mit diesem Ernährungsstil wagen ihren kleinen Kindern nichts anzubieten, was nicht süß ist. So werden schon Babys hierzulande auf gezuckerte Breie und Fruchtsäfte abgerichtet, aber von allem anderem, nach dem sie am Tisch neugierig die Händchen ausstrecken, ängstlich ferngehalten.

Das ist fatal für die Prägung eines vielseitigen Geschmacks und gesunder Essgewohnheiten.

Viele kennen es aber nicht anders. Und damit es nie an Zucker fehlt, trinken sie zum Essen sicherheitshalber Cola, sehr gerne auch süßen Saft, bio natürlich. Zuhause setzen sie, falls sie jemals etwas selbst machen, überall Zucker zu und servieren süße Vorspeisen und Beilagen.

Saures und Pikantes, etwa Krautsalat oder Rotkohl, wird extra mit Zucker oder Gelee abgemildert. Und genau das bedient die Lebensmittelindustrie mit ihren gesüßten Produkten. Sie verdient nicht schlecht daran.

 

Marotten aus dem Mittelalter

Die Vorliebe für eine deutliche Süßnote ist leider eine nordeuropäische Geschmacksverirrung, die zum guten Teil auf das Mittelalter zurückgeht. Honig war das einzige Süßungsmittel und recht selten und teuer. Dörrobst aber wurde als süße Zutat zu fast allem kombiniert.

Aber dann gelangte der Zucker an die europäischen Fürstenhöfe, wo man ihn zum Protzen sehr großzügig über alle Gerichte streute, vom Braten bis zur Leberpastete.

Das galt damals als Zeichen von Reichtum, denn Zucker kam mit Spezereienschiffen aus dem Orient. Da man aber gleichzeitig sauren, eingedickten Traubenmost in Saucen und Speisen kippte, entstand praktisch durchweg eine süß-säuerliche Note zu pikanten Gerichten.

Diese mittelalterliche Untugend feiert heute fröhliche Urständ. Vor allem die Marotte, angeblich exotische, aus Asien oder vom Mittelmeer stammende Würzsaucen zu verzuckern, zeugt davon.

Der Ketchup, als gesüßte Tomatensauce erfunden im England des 19. Jahrhunderts und schon damals wohl aus Marketing-Gründen den unschuldigen Indonesiern in die Schuhe geschoben, ist nur ein Auswuchs davon.

 

Marmelade zu allem

Traditionell gibt es besonders in England und den USA, aber auch in Deutschland einen Hang zu süßlichen Grillsaucen, Barbecue-Dips und furchterregenden Mischungen aus Senf, Honig und Obst zu Braten, Spareribs, Salaten und sogar zu Fisch.

Auch die Skandinavier schätzen süße Saucen und Marmelade zu allem, sei es Fleisch, Fisch, Wurst oder Käse. Touristen berichten mit Schaudern von gesüßten Heringshappen und süßem Brot.

Insgesamt zeigen diese infantilen Essvorlieben ein deutliches Nord-Süd-Gefälle – mild und süßlich im Norden, herzhaft, scharf und aromatisch im Süden. Das gilt für Europa, aber auch schon innerhalb Deutschlands.

Kulinarisch hoch entwickelte Nationen wie Frankreich und Italien hingegen trinken Leitungswasser oder herbe Weine zum Essen, schätzen Bittergemüse und Knoblauch, und geben Zucker nicht in Fleischsaucen sondern ins Dessert. Süßspeisen zum Nachtisch lieben und zelebrieren sie, aber naschen nicht ständig zwischendurch.

Folgerichtig verzehren sie – trotz exzellenter Patisserie – auch erheblich weniger Zucker: Pro Kopf und Jahr beträgt der Durchschnittsverzehr in Frankreich und Italien rund 25 Kilo Zucker, das sind über 10 Kilo weniger als in Deutschland.

Auch sonst auf der Welt kommt der überwiegende Teil der Esskulturen mit sehr wenig Zucker aus. Selbst Schuld, könnte man also den Deutschen sagen – schüttet halt nicht überall Zucker rein. Es geht nämlich auch anders.

 

Die Jagd nach „verstecktem Zucker“

Dabei gibt es nicht erst seit dem ARTE-Aufruf gleichzeitig eine Art Zucker-Paranoia: Unzählige Warnungen und Listen, mit denen auf „versteckten Zucker“ hingewiesen wird, mit bösen Unterstellungen in Richtung Hersteller, die das Gift angeblich unter falschem Namen einschmuggeln: als Malz- Milch- und Traubenzucker oder sonstige Tarnstoffe.

Um es nochmal deutlich zu sagen: Nicht der „versteckte Zucker“ ist ein Gesundheitsproblem. Sondern das literweise Schlürfen von Säften und Limos und das ständige Schlecken an Süßem zwischendurch.

Allerdings scheint es leichter zu sein, naive Käufer von einer Industrieverschwörung zu überzeugen als sie von ihrer Nascherei und ihren süßen Nuckelpullen abzubringen.

Diesen Weg des geringsten Widerstandes gehen esoterische Zucker-Gegner gerne, unfreiwillig unterstützt von den ehrwürdigen Verbraucherzentralen.

Auf der Jagd nach verstecktem Zucker haben diese eine Liste zusammengestellt, auf der typische Lebensmittel stehen, die im Supermarkt massenweise über die Theke gehen. Man kann damit in etwa überschlagen, wieviel Zucker man aufnimmt – theoretisch.

Praktisch zählt natürlich die Portionsgröße. Wieviel Nutella man sich aufs Brot streicht, oder wieviel Müsli man löffelt. Diese Portionsrechnerei macht alles kompliziert. Aber die Liste gibt erstmal einen Überblick darüber, wo „weißes Gift“ drinsteckt.

 

Zucker in Lebensmitteln (pro 100 g / 100 ml)
Frühstückscerealien 28 g
Nuss-Nougat-Cremes 40-55 g
Plunderteil (wie Mohnschnecke) 20 g
Süße Hefeteilchen 10 g
Apfelmus 16-18 g
Obstkonserven 10-20 g
Trockenfrüchte 40-50 g
Gezuckerte Tiefkühlkost 10 g
Kaffeegetränke aus Instantpulver 8-11 g
Latte Macchiato aus dem Kühlregal 9 g
Eistee 6-8 g
Limonade 8-10 g
Milchdrinks für Kinder 10 g
Müsliriegel 5-40 g
Vanilleeis 25 g
Gummizuckerwaren (wie Bärchen) 45-60 g
Instant-Kakaopulver 75 g (zubereitetes Kakaogetränk enthält laut Hersteller 19 g Zucker)
Milchreis klassisch 10 g
Ketchup 16-22 g
Grillsaucen 10-20 g
Salatdressings 4-8 g
Milchreis mit Frucht- oder Karamellsaucen 12-15 g
Quelle: aus dem Internet, nach „Achtung, Zucker!“ – Ratgeber der Verbraucherzentrale

 

Warum uns die Industrie nicht reinlegen kann

Das sieht schon beeindruckend aus. Aber die Liste ist eigentlich komplett überflüssig, wenn man mich fragt. Wer den eigenen Zuckerkonsum zurückfahren will, dem genügt nämlich eine simple Faustregel:

Was süß schmeckt, enthält Zucker in irgendeiner Form.

So einfach ist es. Und da man schon vorher weiß, was süß ist – vom Müsli bis zu den Gummibärchen – muss man nicht einmal alles probieren, um den Zucker zu vermeiden. Man kauft es einfach nicht. Oder isst weniger davon.

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Für das, was übrig bleibt, gibt es den ultimativ leichten Test: Schmeckt es süß?  Dann weg damit,  selbst machen, reduzieren. Wenn man das befolgt, stimmt die Zuckerbilanz. So einfach ist es. Ein Nachtisch nach dem Sonntagsessen, ein Stück Torte am Wochenende, die sind dann ohne jede Rechnerei drin.

Um Zucker zu sparen, braucht man also keine Tabellen und Ratgeber, die Unmündigkeit suggerieren und der Industrie üble Tricks unterstellen.

Man kann sich einfach auf seinen Geschmack verlassen. Niemand muss studiert haben, um den „versteckten Zucker“ auf Zutatenlisten zu entlarven. Man muss nicht einmal lesen können.

Man muss nur schmecken.

 

Zurück zur Mündigkeit

Was wiederum nicht vordergründig süß schmeckt, enthält zwar manchmal etwas Zucker, wie Leberwurst oder Bratenfonds. Diese homöopathischen Dosen spielen aber wirklich keine Rolle.

Natürlich ist damit nicht gleich das Problem gelangweilter, benachteiligter, schlecht versorgter Kinder und gestresster Erwachsener beseitigt, die sich aus Frust mit Süßigkeiten vollstopfen. Aber das Gefühl, vergiftet zu werden und keine Wahl zu haben, das kann man auf diese Weise loswerden. Das ist doch auch schon was.

Wenn dann noch die Erwachsenen mit gutem Beispiel voran gehen, den Süßkram reduzieren, nicht ständig naschen und auf das eigene Gewicht achten, ist das schon die halbe Miete, würde ich sagen.

 

Meine persönliche Zuckerbilanz

Falls jemand mein persönliches Testergebnis wissen will: Versteckter Zucker aus diesen Lebensmitteln schlägt bei mir kaum zu Buche.

Denn keines der Produkte von dieser Liste habe ich in den letzten vier Wochen gegessen oder gekauft. Apfelmus, ja, mal ein Glas, das war aber vor Monaten. Dörrpflaumen habe ich im Haus, die kommen in bestimmte Desserts bei mir (als Beigabe in Cognac gekocht, zu meinem legendären Safranparfait, und nein, es gibt kein Foto und kein Rezept).

Saucen mache ich grundsätzlich selbst, Obst in jeder Form halte generell für überbewertet, fertige Milchdrinks und Milchreis für Kinder sind unnötig, die macht man besser selbst. Gegen Durst oder zum Essen trinke ich persönlich nur Leitungswasser – oder trockenen Wein. Morgens gibt es Tee oder Kaffee mit Milch, ungesüßt.

Da spart man schon eine Menge versteckten Zucker ein. Über die freigewordenen Kalorien verfüge ich großzügig: Ich investiere sie in Käse, Fleisch, Sahne und Butter.

Na gut, einige auch in Nachtisch und Torte. Bei Wahrung des Normalgewichts, versteht sich.

Vor allem morgens mag ich gar nichts Süßes, weswegen auch Marmelade, Nutella, Müsli und fragwürdige Erfindungen wie „Frühstückscerealien“ bei mir wegfallen. Davon wird mir schlecht, auf nüchternen Magen. Nein, morgens brauche ich was Herzhaftes, Kräftiges als Start in den Tag.

Zum Beispiel ein Wurstbrot.

 

Wurstgate: Rauchende Köpfe bei der WHO

Apropos Wurst: Bei der Wurst steht noch was aus. Da ist ja auch nichts passiert, genau wie beim Zucker. Aber aus anderen Gründen: Nach ihrer Krebswarnung haben die Welt-Gesundheitshüter nichts weiter von sich hören lassen. Der übliche Bericht, der zur Entscheidung gehört, ist noch nicht veröffentlicht.

Das ist sehr ungeschickt.

Das weiß die WHO natürlich auch. Aber ihre Krebsforscher sitzen jetzt mit rauchenden Köpfen an möglichst wasserdichten Formulierungen und Quellenverweisen. Denn sie wissen, dass sie komplett auseinander genommen werden, wenn sie das Ding rausbringen.

Deshalb sind sie ja schon vier Tage nach der Entscheidung wegen des weltweiten Sturms der Entrüstung mit ihrer Botschaft zurückgerudert, wie berichtet.

 

Ein Teil dieser Antwort wird Sie verunsichern

Vorerst hat die Organisation einen Frage-Antwort-Katalog ins Netz gestellt. Die ganze Eierei wird da recht deutlich sichtbar. Hier eine einschlägige Passage im Wortlaut der WHO, nachzulesen bei Frage/Antwort 4. Thema: Warum Fleisch und Wurst ins Visier der Krebsforscher gerieten.

Why did IARC choose to evaluate red meat and processed meat?

(…) based on epidemiological studies suggesting that small increases in the risk of several cancers may be associated with high consumption of red meat or processed meat. Although these risks are small, they could be important for public health because many people worldwide eat meat and meat consumption is increasing in low- and middle-income countries.

Das macht klar, dass es sich bei dem ganzen Vorgang wirklich um eine Präventionsmaßnahme handelt. Sie soll Menschen, die Fleisch essen, daran hindern, zu viel Fleisch zu essen. Und sie soll die, die viel Fleisch essen, daran hindern, noch mehr zu essen.

Denn das nur leicht erhöhte Risiko, von dem die WHO spricht, gibt es – möglicherweise – bei hohen Mengen von Fleisch und/oder Wurst und Schinken. Mit „hoch“ ist sowas um 300 Gramm pro Tag gemeint. Das schaffen zum Beispiel Amerikaner, Argentinier, Neuseeländer oder Brasilianer, große Fleischesser-Nationen, die auf Verzehrmengen von 100 bis 120 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr kommen.

Dagegen sind die Deutschen mit ihren 60 Kilo Fleisch pro Jahr Waisenkinder, allesamt vorsichtige Flexitarier.

 

Vielleicht muss die WHO zurückrudern

Aber natürlich sagt so eine Durchschnittszahl nichts aus. Denn auch in Deutschland gibt es Vegetarier, die kein Fleisch essen (und trotzdem Darmkrebs bekommen). Andere peilen dagegen die 300-Gramm-Portion an, essen also viel Fleisch, Wurst und Schinken. Wenn die dazu noch, was nicht selten vorkommt, Alkohol trinken, rauchen und übergewichtig sind, hat nicht nur der Darmkrebs leichtes Spiel.

Weil das alles nicht so ganz einfach ist und in einigen der Studien, wie schon berichtet, Vegetarier sogar ein leicht erhöhtes Darmkrebsrisiko hatten, muss die WHO vielleicht bald noch mehr zurückrudern.

Einerseits müssen sie ihren Job machen und vor potenziellen Krebsauslösern warnen, auf wissenschaftlicher Grundlage. Aber die Einstufung von Lebensmitteln ins Krebsregister wird man vielleicht grundlegend überdenken. Lebensmittel enthalten viele Stoffe gleichzeitig, werden zubereitet, gehen verschlungene Wege im Organismus – und haben außerdem viele Vorteile: Sie machen satt und versorgen den Organismus mit dem Nötigen. Ohne sie geht es ja nicht.

Es ist viel einfacher, einzelne Substanzen auf eine krebserregende Wirkung zu überprüfen als ein komplexes Lebensmittel, für das so viel mehr zu beachten ist, darunter auch sonstige Ess- und Lebensgewohnheiten.

Deshalb haben die Krebsforscher zwar die Einstufung vornehmen können, so weit, so gut. Aber mit allem anderen – wasserdichte Begründung, Empfehlungen und Folgen – tun sie und alle anderen sich sehr schwer.

Es könnte daher übrigens sein, dass es sinnvoll ist, für Lebensmittel und bestimmte menschliche Verhaltensweisen eine eigene Krebsrisiko-Kategorie bei der WHO einzurichten, eine Sonderliste. Da könnten dann auch Sachen draufkommen wie Rauchen, Übergewicht haben, Sonnenbaden, Grillen, Saufen und Faulenzen.

Ernsthaft. Das ist kein Witz. Das mit der Sonderkategorie sage ich hier und jetzt einfach mal voraus. Präventiv, sozusagen.

Zurückrudern kann ich später ja immer noch.

© Johanna Bayer

 Fragen und Antworten bei der WHO – der Katalog im Internet.

Nochmal nachlesen? Quarkundso.de zu „Wurstgate“ und „Die Zuckerlüge“

Artikel aus der TAZ –  ein Dokument der Zucker-Paranoia, von 2013, abgeschrieben von den Verbraucherzentralen. Schildert die „Trickkiste der Hersteller“ und führt den unmündigen Verbraucher vor.

Aktueller, vom 24.11., mit dem vollen Programm: Marktcheck SWR/ARD

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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