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Schweinefleischpflicht und die CDU: Einige dürfen halt alles essen. Andere nicht. Wo liegt das Problem?

 

Der Brüller der Woche war ja das mit der Schweinefleischpflicht.

Denn die CDU-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein hat sich besorgt an die Landesregierung gewandt, weil sie um Wurst und Schnitzel im öffentlichen Raum fürchtete: Es bestehe die Gefahr, dass Schweinefleisch aus öffentlichen Kantinen und Schulmensen zunehmend verbannt werde.

Schnitzel

Schwein und Schnitzel – Recht oder Pflicht? Was es auf jeden Fall gibt, ist ein Recht auf Vielfalt.

 

Grund sei ein verfehlter Minderheitenschutz – gemeint waren da wohl Vegetarier und Angehöriger einiger orientalischer Religionen, so oder so ähnlich muss sich später einer von der Kieler CDU ziemlich ungeschickt geäußert haben.

Die SPD-geführte Landesregierung solle sich jedenfalls dafür einsetzen, dass Schweinefleisch im Angebot bleibe, auch, weil es um eine möglichst ausgewogene und gesunde Ernährung für Kinder gehe. Soweit die CDU.

Sofort wurde der täppisch formulierte Antrag als „Schweinefleischpflicht“ uminterpretiert, was der Sache gar nicht entsprach. Das wiederum merkte nur der SPIEGEL. Der titelte von einem „Recht auf Schweinefleisch“ – die schönste Variante in der Diskussion.

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Schweinefleisch-Terror gegen Minderheiten?

Auf Twitter jedenfalls trendete der Hashtag #schweinefleischpflicht und wuchs sich zu einer handfesten Spott- und Kalauer-Welle über unveräußerliche Wurstrechte aus.

Denn natürlich haben alle die CDU in die Pfanne gehauen.

Besonders heftig schlug der Berliner Tagesspiegel zu. Da schrieb die Redaktion über ihren Bericht den bemerkenswerten Satz:

„Es ist eine Ansage gegen Vegetarier, Muslime, vielleicht Minderheiten schlechthin.“

Gut, der CDU da oben kann man jetzt sicherlich eine Menge nachsagen – bäuerlich, Klientelpartei, Skandale rauf und runter, das alles weiß man seit Jahren. Aber ob man ihr unterstellen kann, dass sie zum Terror gegen “Minderheiten schlechthin“ aufrufen will, von Staats wegen, durch die Landesregierung?

Das ist doch ein wenig steil.

Im Tagesspiegel-Artikel selbst wurde die arme Nord-CDU auch verhöhnt, weil sie angeblich noch nicht einmal sagen könne, in wie vielen Kitas und Schulen kein Schweinefleisch angeboten werden, ob es sich also um ein flächendeckendes Problem handele.

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Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015 bei den Goldenen Bloggern

Oder ob, mutmaßten auch andere, nur eine von dänischen Rechtspopulisten angezettelte Debatte über die Grenze schwappt und in deutschen Schulen und Kitas das Schwein seinen gebührenden Platz hat.

Tatsächlich wurde von der CDU nur eine Berufsschule in Itzehoe angeführt, wo Mettbrötchen aus dem Schulkioskangebot flogen. Angeblich aus Rücksicht auf Muslime und sehr zum Ärger vieler Schüler, wie im Artikel des Tagesspiegels zu lesen ist.

 

DIE GRÜNEN: Rache für die Pleite mit dem Veggie-Day

Im Tagesspiegel hat sich auch Volker Beck von den Grünen geäußert. Seine Partei hat sich mit dem unsäglichen Vorschlag zum Veggie-Day selbst schon schwer blamiert, jetzt rächte sich Beck als Vertreter unterdrückter Minderheiten:

„Man stelle sich nur die CDU-Reaktionen vor, würden deutsche Kinder in Frankreich zum Froschschenkel- oder in China zum Hunde-Essen gezwungen werden, sagte Beck weiter. “Es ist schon ein besonderes Armutszeugnis der CDU, wenn das Schweinefleisch ihr höchster deutscher Wert ist, den sie vermitteln wollen. Wer keine anderen kulturellen Werte hat, ist eine arme Sau.”

Noch deutlicher wurde der besorgte Beck in der BILD-Zeitung, die ihn so zitierte:

„Es ist die autoritäre Denke der Rechtspopulisten, wenn Juden, Muslime, Vegetarier und Veganer zum Schweinefleischkonsum gezwungen werden sollen.“

Das ist arg verzerrt und wirklich böswillig, denn natürlich verlangt die CDU keine Zwangsfütterung. Die armen Vertreter der Landtagsfraktion in Kiel wurden nicht müde, das zu wiederholen. Aus der Nummer kommen sie aber nicht mehr raus. Dazu ist es auch zu lustig, auf Twitter, das muss man schon einräumen.

 

Schweinefleisch: zentral in der europäischen Esskultur

Insgesamt erscheint es wirklich ungeschickt von der CDU, so diffus mit Überfremdungsängsten und dem Kampf gegen die Diktatur der Gutmenschen zu argumentieren.

Es hätte gereicht zu sagen, dass Schweinefleisch schmackhaft, nahrhaft und ernährungsphysiologisch wertvoll ist. Und dass Kinder die Vielfalt der Lebensmittel und Geschmacksrichtungen, Fleischsorten und Gerichte kennenlernen sollten. Das gehört zur kulinarischen Erziehung und zur Esskultur, zur Geschmacks- und Ernährungsbildung.

Wäre ein guter Punkt gewesen.

Was natürlich nicht heißt, dass man jeden Tag, in riesigen Mengen und aus Massentierhaltung… das Kleingedruckte denken sich bitte alle jetzt dazu. Ebenso dazu denken sollte man sich die europäische Esskultur und ihre Geschichte, notfalls in der Form von Asterix und Obelix mit ihren Wildschweinorgien.

Die gab es nämlich wirklich. Schweinefleisch war hier schon immer begehrt und beliebt, und das Schwein ist der wichtigste Fleisch- und Fettlieferant – seit mindestens 5000 Jahren.

Heute hat das Schnitzel viele Feinde. Und das nicht nur aus religiösen Gründen. Ganz vorne sind natürlich Vegetarier und Veganer, aber auch viele Anhänger mehr oder weniger esoterischer Ernährungslehren.

Deshalb gibt es, zum Beispiel in einem unsäglichen Artikel bei FOCUS online, Leute, die es richtig finden, dass Schweinefleisch aus Kitas “verbannt” wird. So rechnete eine Redakteurin aus dem Ressort Gesundheit beim FOCUS mit dem armen Schwein endgültig ab, Titel “Schweinefleisch braucht kein Mensch”.

Auf dieses dumme Zeug, das nebenher in der Diskussion hochgespült wird, von wegen, Schweinefleisch sei „ungesund“ und aus „gesundheitlichen Gründen“ sei es gut, den Verzehr zu vermindern und speziell Kinder davon abzuhalten, braucht man gar nicht erst einzugehen.

Das ist schlicht unwissenschaftlicher Unsinn. Mit schönen Grüßen von Obelix, dem starken Krieger.

Ansonsten muss man in der Sache aber noch etwas klarstellen: Nicht nur in Dänemark und Schleswig-Holstein gibt es tatsächlich Eltern – weniger wohl die Kinder -, die mit allerlei Befindlichkeiten religiöser und sonstiger Art am Schulessen rummäkeln.

Speziell, was das Schweinefleisch in Kitas und Schul-Kantinen angeht, ist die Tendenz klar.

 

In Berlin gibt es praktisch kein Schweinefleisch mehr in Schule und Kita

Zum Beispiel in Berlin. Da hätte der Tagesspiegel gut vor seiner eigenen Haustür kehren können: In ganz Berlin gibt es praktisch kein Schweinefleisch mehr in den Schulen und öffentlichen Kitas. Das berichtete eine Vertreterin der Senatsverwaltung auf einer Fachtagung zu Ernährung in der Akademie Tutzing im September 2015 vor einem großen Publikum.

Der Anteil der Migrantenkinder, die kein Schwein essen dürfen, sei einfach zu hoch. Von den militanten Veganer-Eltern, die Schulen verklagen wollen, damit ihre Kinder endlich auch veganes Essen auf Staatskosten bekommen, mal zu schweigen.

In anderen Schulen verlangten muslimische Eltern und Schüler, dass am Schulkiosk keine Mettbrötchen zubereitet und angeboten werden, wenn es dafür keinen separaten Raum gibt. Die Brötchen sollten auch nicht neben anderen Brötchen liegen – das Ansinnen lehnten die Lehrer ab.

In einem katholischen Kindergarten in Köln gibt es kein Schweinefleisch mehr, weil dort die Hälfte der Kinder aus moslemischen Migrantenfamilien stammt und die Eltern damit gedroht haben, die Kinder aus der Kita zu nehmen, wenn es Schwein gibt. Überhaupt, in der Küche, wohlgemerkt. Dann würde die Kita leer stehen, so der Leiter in einem persönlichen Gespräch, und das könne er geschäftlich nicht verantworten.

Selbst die stellvertretende Vorsitzende der DGE, Ulrike Arens-Azevedo, hat erst im Februar prophezeit, dass Schweinefleisch komplett von den Speiseplänen in Schulen verschwinden könnte. Nicht nur wegen einiger Moslems, sondern auch wegen der Regeln, die die DGE selbst aufgestellt hat.

Sie wurde damit bundesweit in der Presse zitiert, allerdings hat sich darüber niemand aufgeregt – leider, muss man sagen.

Auch in Frankreich gibt es das Thema. Da allerdings machte ein Fall unter umgekehrten Vorzeichen die Runde, wie der Deutschlandfunk im Herbst 2015 berichtete: Ein Bürgermeister hatte in seiner Kommune angeordnet, dass, sofern Schweinefleisch auf dem Speiseplan steht, keine Ersatzgerichte mehr angeboten werden.

Im Klartext: Es wird gegessen was auf den Tisch kommt. Wer das nicht will, soll sich selbst etwas mitbringen.

Die Sache ging in Frankreich durch die Presse, es gab auch eine Klage, die aber wohl keine Chance hat. Und der Bürgermeister blieb bei seiner Meinung: Frankreich ist ein laizistischer Staat – religiöse Befindlichkeiten haben in der Schule nichts zu suchen.

Interessante Position. Man könnte darüber diskutieren.

 

Alles essen – sagte ein Revolutionär vor 2000 Jahren

Natürlich will niemand in Deutschland diese Kiste wirklich aufmachen. Also die Religionskiste. Es müssten sonst wahlweise alle Kruzifixe wieder rein in die Schulen und die Gerichtssäle – oder halt wirklich überall raus. Auch über eine Fischpflicht für den Freitag und das Fastengebot vor Ostern müsste sonst möglicherweise nachgedacht werden. Und wer will das schon.

Starrsinnige Querulanten, die dieses Feld betreten möchte, stoßen allerdings auch auf ein klares Argument für ein Schweinefleischangebot in Kantinen. Forscht man da nämlich etwas nach, stößt man auf den Propheten einer gewissen Reformreligion im damaligen Palästina.

Der Mann soll vor 2000 Jahren mit den strengen Nahrungstabus seiner Umgebung aufgeräumt und gesagt haben:

„Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“ (Mt. 15,11, für Bibelkundige).

Die Stelle wird so interpretiert, dass für Christen die vielen umständlichen jüdischen Gebote und Verbote von Schächten über die Trennung von Milch und Fleisch bis hin zum Verbot von Muscheln beim Essen nicht gelten.

Das war damals einerseits sehr praktisch und erleichterte das Leben, wenn man sowieso als religiöse Randgruppe verfolgt wurde. Dann war es aber auch ein rebellischer Tabubruch und ein Zeichen der Abgrenzung. Später wurde diese kulinarische Freiheit als Errungenschaft der neuen Reformreligion gefeiert: Christen essen alles.

Es juckt einen in den Fingern, dazu noch den bekannten Wanderprediger zu zitieren, der sich gegen falsche Enthaltsamkeit und für Dankbarkeit beim Essen aussprach:

“Denn alles was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durchs Wort Gottes und Gebet.” (Tim 4,4 5)

Eigentlich auch ein schöner Punkt.

Wenn es nur nicht so unangenehm wäre, einen Religionskrieg in der Kantine auszurufen. Wo es doch nur darum geht, dass es Wahlfreiheit gibt.

 

Wo der Hund begraben liegt

Denn das eigentliche Problem ist ganz profan – gefühlte Diktatur von Randgruppen, Einbruch des Religiösen in die öffentliche Sphäre und Überfremdungsängste hin oder her: Wenn man religiösen und sonstigen Milieus eine Extrawurst braten oder schlicht Vielfalt und Wahlfreiheit schaffen möchte, muss man verschiedene warme Gerichte zur Auswahl anbieten.

Und das jeden Tag. Da liegt der Hund begraben.

Nicht, dass das nicht möglich wäre. Es wäre sogar toll und genau das Richtige. Aber zahlen will es keiner. Der Staat nicht, die Eltern nicht, und die Caterer müssen mit 2,50 Euro pro Tag für alle was servieren – da siegt die schiere kaufmännische Notwendigkeit.

Also einigt man sich auf den kleinsten Nenner.

In der Praxis sieht das so aus: Rind- und Lammfleisch sind für Kitas und Schulmensen zu teuer. Schwein geht nicht. Bleibt nur noch Geflügel. Oder vegetarisch.

Und genau so gestalten sich die Speisepläne: Wenn es überhaupt Fleisch gibt, dann das billigste, nämlich Hormon-Hähnchen oder Pharma-Pute. Ansonsten essen die Kinder Nudeln mit Soße, Milchreis, Pfannkuchen, irgendwelche Körnerbratlinge und Getreideaufläufe.

Das ist kulinarisch uninteressant und bildet ganz und gar nicht ab, was die deutsche Küche zu bieten hat.

Zumal in vielen Familien nicht mehr groß gekocht wird und die Kinder auch zuhause nicht die ganze Vielfalt der Esskultur kennen lernen. Von Geschmacksbildung und gesunder Abwechslung mal ganz abgesehen.

Und in die Richtung dürften alle, wenn man mich fragt, ruhig noch ein wenig weiterdenken.

Das Ende ist ein flammendes ceterum censeo: Ja, es muss endlich mehr Geld her für richtig gutes Schulessen! Frisch und fachmännisch gekocht, mit guten Zutaten, allen (!) Fleischsorten und Fisch, mit traditionellen und regionalen Gerichten, alternativen Angeboten und Auswahl.

Und möglichst nicht nach den Richtlinien der DGE. Sonst verschwindet Schweinefleisch nämlich ganz ohne Zuwanderer von den Speiseplänen.

©Johanna Bayer

Redaktionelle Anmerkung am 3.3.2016: Ich lege Wert auf die Feststellung, dass dieser Beitrag, in dem Volker Beck ausführlich zitiert wird, um Mittwoch, 2.3. um 11.47 Uhr online ging. Die Nachricht von Becks Rücktritt wegen Drogenverdachts ging nach 15.00 Uhr über die Ticker.

DER TAGESSPIEGEL über den Antrag der CDU

Ulrike Arens-Azevedo von der DGE über das Verschwinden von Schweinefleisch im Hamburger Abendblatt

… und in der Münchner Abendzeitung

Bericht im DEUTSCHLANDFUNK über Schweinefleischpflicht in Frankreich

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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Sind Pommes nicht irgendwie auch Gemüse? Heuchelei beim Schulessen – und die FAZ haut auf den Tisch

 

Eine neue Studie ist rausgekommen: In Deutschlands Schulen ist das Essen schlecht. Denn es gibt zu viel Fleisch und zu wenig Gemüse. Das schreiben alle Zeitungen, Internetdienste und Sender darüber – zu viel Fleisch im Schulessen.

Die Studie stammt aus dem Bundesernährungsministerium und ist Chefsache von Minister Christian Schmidt. Und bei der Verpflegung für Kindertagesstätten sieht es genau so aus, wie eine Bertelsmann-Stiftung bei der Kita-Verpflegung im Sommer ermittelt hat: zu viel Fleisch, zu wenig Gemüse.

Die meisten Blätter geben diesen Konsens – man darf Kindern nicht so viel Fleisch vorsetzen – unwidersprochen, ohne Kommentar, brav aufbereitet wieder.

Vom Ministerium stammt der Titel “Zu viel Fleisch im Schulessen” übrigens nicht, wie ein kurzer Anruf bei Pressesprecher Jens Teschke aufhellt. Nein, sagt er, das mit dem Fleisch war weder Hauptergebnis noch Hauptstoßrichtung der Studie.

Die Überschrift stammt auch nicht von ihnen, als eine Art Hauptbotschaft. “Das ist eine Interpretation der Medien”, sagt der Pressechef. Doch die sind sich erstaunlich einig darüber, wie eine Abfrage bei Google zu “Schulessen+Fleisch” zeigt.

Die WELT sieht gleich die Katastrophe kommen: Was die Studie herausgefunden habe, so ein Videotext, zeige, dass “dieses Schulessen mit gesunder Ernährung nichts zu tun“ habe. Die Folge: übergewichtige Teenager, denn „das Essen in den ersten Lebensjahren“ sei entscheidend.

Spitz auf den Punkt bringt es der Text zum Video-Fenster der WELT auf der Artikelseite: „Eine Studie hat ergeben, dass es in vielen Schulen zu oft Fleisch und zu wenig Gemüse gibt. Das hat fatale Folgen.“

Der große Trend zum Übergewicht bei Kindern ist übrigens gestoppt

Schulessen ist Schuld am Übergewicht von Kindern? Alles was Recht ist – aber das hat die Studie todsicher nicht ergeben. Und es würde auch bedeuten, dass Kinder, die in einer Mensa essen, dicker sind als andere, oder öfter dick.

Das aber stimmt keinesfalls. Zumal der Trend zu mehr übergewichtigen Kindern sogar gestoppt wurde: Seit mehreren Jahren ist der Anteil der dicken Kinder nicht mehr weiter angestiegen. Diese “erstaunliche Trendwende” zum Positiven haben die Universitäten Ulm und Jena erst kürzlich, im April 2014, vermeldet.

Ein Problem gibt es nur mit einer kleinen Gruppe, das sind die extrem fetten Kinder. Aber ihr Anteil ist gering, nur 6% aller Kinder. Natürlich gibt diese Studie keine komplette Entwarnung, das Problem Übergewicht besteht und ist gerade für Kinder noch groß. Aber Forscher selbst sind überrascht über die neue Perspektive und erklären sie mit dem Erfolg der Aufklärungskampagnen.

Das war damals auch in der WELT zu lesen, aber April ist natürlich lange her. Trotzdem bleibt zu vermerken: Der gestoppte Trend zum Übergewicht fällt zumindest in Deutschland zeitlich durchaus zusammen mit dem Anstieg des Anteils der Kinder, die in Schule oder Kita ein warmes Mittagessen bekommen. Das waren früher weniger, heute mehr. Das ist doch eine interessante Parallele, bei all dem Kantinen-Bashing – hat darüber eigentlich schonmal jemand nachgedacht?

Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!

Aber egal, wie immer wollen wir uns mit Peanuts nicht aufhalten. Der einzige interessante Kommentar inmitten des Geschimpfes auf das Schulessen kommt von der FAZ. Er geht auf die seltsame Heuchelei ein, die beim Umgang mit Kinderessen aufscheint. Jasper von Altenbockum haut kräftig auf den Tisch und spricht aus, was viele deutsche Eltern beklagen: Ihre Kinder mögen kein Gemüse. Sie mögen Pommes. Und Schnitzel.

Kein „Grünzeug“, kein „erwachsenes Gutessen“, wie der Autor sagt. Sein Fazit: Man soll den Kindern halt geben, was ihnen schmeckt, und ansonsten mit dem Gejammere über das Schulessen, zu wenig Auswahl und zu wenig Gemüse aufhören. Im Zweifelsfall gilt: Es wird gegessen, was auf den Tisch kommt!

Nun gut. Das hört nicht jeder gerne. Bleiben wir also beim Essen und applaudieren wir sicherheitshalber nicht gewissen konservativen Erziehungsmaximen. Fakt ist: Deutsche Kinder mögen, wie es scheint flächendeckend, kein Gemüse. Aber können denn Pommes frites, aus gesunden Kartoffeln, mit viel Vitamin C, nicht gelegentlich mal als Gemüse durchgehen?

Okay, das ist wohl nicht konsensfähig. Dann vielleicht das: Warum sollten die Kinder anders sein als ihre Eltern? Schließlich hat auch der mündige Bürger den “Veggie-Day” für alle letztes Jahr abgestraft, sehr zum Ärger der Grünen. Mein Bauch gehört mir, haben die Deutschen gesagt, fleischloses Zwangsessen lassen sie sich nicht verordnen.

Bei Kindern sieht das allerdings anders aus, da ist man sich schnell einig: Fleisch, igitt! Und zu wenig Gemüse! Das geht nicht. Aber wo soll die Liebe zum Gemüse herkommen?

Fleisch für Erwachsene – und irgendwas für Kinder?

Kindern, das sagt vor allem die Deutsche Gesellschaft für Ernährung DGE, sind in Kantinen maximal zwei Fleischportionen in der Woche zu geben. Das bedeutet, falls sich aus Versehen auch die Eltern an die DGE-Empfehlungen halten, gleich fünf niedliche Veggie-Days für die lieben Kleinen, an denen es, tja, was gibt? Gemüse? Obst?

Nein, natürlich nicht. Da würden die Kinder nicht nur protestieren, sie würden auch Wachstumsstörungen bekommen.

Stattdessen gibt es Kinderessen: Nudeln mit Soße, Pfannkuchen, Milchreis und dergleichen. Bestenfalls, wenn sie nämlich in der Schulkantine speisen. Sind sie auf ihre Eltern angewiesen, läuft es in vielen Familien auch auf Chips, Butterstullen, Süßigkeiten oder eine Industriepizza aus dem Ofen hinaus.

Ob das wiederum im Sinne der Erfinder – der DGE – ist, ist sehr fraglich. Wobei es sowieso schon seit Jahren bei Kritikern gärt, denn es ist unklar, ob diese DGE-Richtlinien für Gemeinschaftsverpflegung überhaupt wissenschaftlich begründbar und sinnvoll sind. Böse Zungen sagen: Nein.

Wann ist eine Ernährung eigentlich ausgewogen?

Aber das gehört nicht hierher. Jetzt reicht es, deutlich zu machen: Das Mittagessen ist nur eine Mahlzeit unter mehreren am Tag. Es muss nicht einmal „ausgewogen“ sein. Ausgewogen soll die Ernährung nur im Wochendurchschnitt sein, meinen Experten. Wenn es also mittags Schnitzel mit Pommes gibt, gibt es zum Abendessen Salat, mal Obst zu irgendeiner Mahlzeit, oder etwas Rohkost als Beigabe am nächsten Tag.

Dafür sind die Eltern zuständig. Sie können dafür sorgen, dass ihr Kind in ihrem Verantwortungsbereich eine andere Auswahl bekommt als in der Schule. Und schwupps, ist die ganze Ernährung des Kindes „ausgewogen“. Ausgewogenheit hängt nicht an einer einzigen Mahlzeit.

Kinder als geborene Gemüsehasser – ist das so?

Interessant ist aber noch etwas: Was hat es denn eigentlich mit den seltsamen Vorlieben der – deutschen – Kinder auf sich, die angeblich kein Gemüse mögen? Auch für den FAZ-Mann scheint es ja gottgegeben, dass der eigene Nachwuchs Grünzeug verschmäht.

Nun, so ist es nicht. In anderen Ländern essen Kinder öfter Gemüse, etwa in Italien, in Griechenland, in der Türkei. Weil es die Eltern essen, siehe oben: Wenn die Eltern kein Grünzeug mögen und es den Kindern nicht nahe bringen, lehnen diese folgerichtig das Kaninchenfutter in der Schule ab. Und die Hoffnung, die Schule könne das erreichen, was im Elternhaus geleistet werden muss, ist nicht nur beim Essen verfehlt.

Aber anderswo ist die Welt auch nicht besser. Denn auch in anderen Ländern lieben Kinder das, was richtig satt macht, mehr als das ortsübliche Gemüse: In Italien sind das Nudeln und Pizza. In Asien ist es der Reis. Sonstwo Mais, Yams, Hirse, Kartoffeln. Wo es Fleisch gibt, lieben Kinder Fleisch. Und sie mögen Fett und Süßes.

Warum Kinder Nudeln, Pizza, Pommes und Schnitzel lieben

Fällt jemandem etwas auf? Kinder lieben energiereiches Essen. Sie brauchen auch viel Energie, weil ihr Körper einen höheren Kalorienbedarf hat als der Körper des Erwachsenen. Kinder haben im Vergleich zu Erwachsenen einen viel höheren Grundumsatz im Verhältnis zur Körpermasse – weil sie wachsen.

Wachsen kostet Energie. Und das ist eine sehr plausible Erklärung für die scheinbar seltsamen Nahrungsvorlieben von Kindern, wie Anthropologen vorgerechnet haben.  Der Fokus von Kindern liegt also mit einem gewissen Recht auf Energie und Kalorien.

Dazu kommt, dass Kinder im Verhältnis zu ihrer Körpermasse auch noch einen höheren Eiweiß- und Fettbedarf haben. Denn ihre Zellen teilen sich schnell, und auch Gehirn und Nervensystem wachsen.

Deshalb greifen Kinder auf der ganzen Welt gerne bei der Stärkebeilage, dem Fett und dem Fleisch zu, wo immer das möglich ist. Also bei Schnitzel mit Pommes, zum Beispiel.

Daher ist das erstmal kein Grund zur Beunruhigung. Ob ein Kind gesund ernährt wird, kann man daran sehen, dass es normalgewichtig ist und sich altersgerecht entwickelt. Dann darf es eine Zeitlang auch mal wenig Gemüse und Obst sein.

©Johanna Bayer

SZ-Artikel zur Studie ist nicht mehr online, Stand 2016

WELT-Artikel und Video zur Studie

FAZ-Kommentar von J. v.Altenbockum

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