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Arme Kinder und ihr Essen: Die Deutsche Welle fällt auf eine Foto-Schmonzette rein

Kinder in armen Ländern essen gesünder, meint der amerikanische Fotograf Gregg Segal und verzuckert das mit schönen Bildern. Die Deutsche Welle bejubelt das Projekt und gibt die Aussagen unreflektiert wieder – doch das ist naive Armutsromantik: Kinder in armen Ländern sind bedroht von Unterernährung und Krankheit. Ein Einspruch von Quarkundso.de

Kleinkind, ca. 1 Jahr, sitzt auf Decke und isst, Spielzeug, Wassermelone, Kind lacht

Welche Kinder essen besser – arme oder reiche?

 

Jetzt müssen wir ganz vorsichtig sein. Wirklich, das ist ein sehr heißes Eisen, das wir hier anpacken: die gesunde Ernährung von Kindern.

Quarkundso.de hat sich schon zu oft in die Nesseln gesetzt, etwa beim Beitrag zu Fleisch und Klima neulich. Der hat interessierten Kreisen nicht gefallen, was allerdings nicht an uns liegt. Aber das steht auf einem anderen Blatt.

Jedenfalls schreiben wir trotz aufgebrachter Kevins und ihrer Freunde* weiter ins Internet, wie es wirklich ist, mit Essen und Ernährung. Schließlich ist das unser Markenkern. Nur wenn es um Kinder geht, hört der Spaß auf. Und zwar noch viel schneller als beim Rindersteak.

Bei Kindern wird das ganz große Rad gedreht und das Terrain ist moralisch vermint. Kinder sind schließlich unschuldig, Kinder sind Opfer, Kinder sind unsere Zukunft! An Kindern sieht man daher, wie es um die Welt bestellt ist, und was ist sinnvoll, wenn es nicht für unsere Kinder ist? Deshalb ist alles, was man für Kinder tut, eine gute Sache.

 

Fotoprojekt: Essen von Kindern rund um die Welt

Gerade beim Essen. Deshalb hat sich der amerikanische Fotograf Gregg Segal aufgemacht, Kinder aus der ganzen Welt mit ihrem Essen zu zeigen.

Ziel war es, „ungesunde Ernährungsmuster“ aufzudecken. Oder gesunde, je nachdem, wobei sich Segal selbst zurechtlegt, was „gesund“ oder „ungesund“ ist.

Für seinen Fotoband dokumentierte er, was 60 Kinder aus neuen Ländern innerhalb einer Woche verzehrt haben. Das wurde farbenfroh um sie herum dekoriert und abgelichtet. Die Deutsche Welle hat das Projekt vorgestellt und dazu ein Video über Twitter verbreitet, betitelt mit:

„Kinder aus reichen Ländern essen gesünder? Von wegen!“

In Wahrheit, so gibt der deutsche Sender die Meinung des Fotografen wieder, essen Kinder aus armen Ländern also gesünder.

Aber wir, auf Krawall gebürstet, erheben Einspruch: Quarkundso.de findet diese Behauptung mehr als gewagt. Sie ist bestenfalls naiv-romantisch, eher grob falsch und ideologisch.

Vielleicht ist sie sogar gefährlich.

 

Reiche Länder: Fettes Essen, dicke Kinder

Aber erstmal ist alles wunderhübsch anzusehen, im Video der Deutschen Welle. Zu sehen ist ein Making-Of des Fotobandes: Niedliche Kleine liegen auf farbenfrohen Stoffen ihrer Länder, um sie herum exotische Köstlichkeiten, alles sehr appetitlich, Assistenten und der Fotograf wuseln am Set herum, richten Essen her, die Kinder posieren.

Dann erklärt der Fotograf sein Projekt: Rund um die Welt gebe es eine Angleichung der Essgewohnheiten, und dazu immer mehr Herzleiden, Diabetes und Darmkrebs, alles Krankheiten, die mit der Ernährung zusammenhingen. Die Menschheit, so Gregg Segal, werde überzogen von dickmachendem Industriefutter.

Auf das Essen von Kindern habe er sich aber konzentriert, weil Essgewohnheiten früh geprägt werden und ein Leben lang bestehen: Wer mit zehn Jahren keine gesunden Gewohnheiten entwickelt habe, könne im Alter nicht mehr aufholen.

Unter diesen O-Ton sind im Video die Bilder mehrerer dicker Kinder geschnitten: ein pummeliges Kind aus Brasilien, ein dicker Junge aus den USA und ein fettes blasses Mädchen aus Deutschland, Duplo und Kinderschokolade mit im Bild.

 

Tweet mit Video der Deutschen Welle auf Twitter

 

Vom Kitsch zum groben Unfug

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Ganz allgemein kann man da natürlich zustimmen. Nebenbei hätte der besorgte Vater aber ruhig erwähnen können, dass der Fraß mit dem globalen Einheitsgeschmack, den er kritisiert, eine Erfindung amerikanischer Konzerne und Fastfood-Ketten ist.

Das Problem geht also von seinem eigenen Heimatland aus. Die Frage ist, wen der beseelte Fotograf also bekehren will: seine Landsleute, die US-Bürger? Die amerikanische Industrie? Oder will er die zukünftigen Opfer warnen, bevor sie in die Fänge der Foodmultis gelangen?

Letzteres könnte es sein. Aber lange kann man darüber nicht nachdenken, denn danach kippt das Ganze, und zwar vom Kitsch in den groben Unfug.

Segal fängt nämlich an, darüber zu sinnieren, dass noch vor einer Generation das Essen von Kindern aus verschiedenen Ländern völlig anders ausgesehen habe.

Er vergleicht Sizilien mit den USA, und findet, es sehe heute so aus, als würden alle Eltern das Essen für ihre Kinder in demselben globalen Supermarkt einkaufen. In anklagendem Ton zählt er auf, was er meint: „Pizza, Pasta, Weißbrot …“

Moment. Pizza und Pasta verderben die traditionelle Esskultur auf Sizilien?

Warum sollte ein sizilianischer Junge nicht Pizza und Pasta essen? Sie stammen doch von dort!

Und Weißbrot? Auf Sizilien gibt es nur Weißbrot, wie in ganz Italien. Dunkles Brot oder was immer Segal vorschwebt – Roggen-Vollkorn? – ist in Italien fremd. Das gibt es höchstens auf dem Campingplatz, für die deutschen Touristen.

Scheinbar fehlt es hier an den richtigen kulinarischen Koordinaten, und das nächste Beispiel bestätigt den Verdacht. Hier haut Segal fatal daneben, denn jetzt geht es um ein Kind aus Indien.

 

Indien: Mutter kocht jeden Tag frisch!

Anchal, ein indisches Mädchen in seinem Projekt, erzählt Segal, lebt in einer Aluminiumhütte, die nur 10 Quadratmeter groß ist, ihre Eltern sind bettelarm.

Trotzdem isst sie, findet Segal, gesund, „wholesome“, nämlich „traditionell indisch“: Sie bekommt Linsen, Blumenkohl, Okra, Reis und Brot. Alles kocht ihre Mutter jeden Tag frisch, auf dem Boden der Hütte.

Das geht richtig ans Herz.

Man sieht sie förmlich vor sich, die bescheidene indische Mutter, einen farbenfrohen Sari um sich gewickelt. Demütig das Haupt bedeckt, mahlt sie auf dem Lehmboden der Hütte Gewürze, schält Gemüse; still, reinlich trotz der Armut, genügsam lächelnd und erfüllt davon, dass sie ihren Lieben so viel Gutes tun kann.

Anchal, rabuliert der Fotograf, erhalte also eine gesündere Ernährung als viele Kinder der indischen Mittelschicht. Überhaupt sei die größte Erkenntnis aus dem Projekt, dass ärmere Länder oft die gesündere Ernährungsweise haben (bei TC 2:20).

Wenn er sich da mal nicht täuscht.

 

Bettelarm, aber gesund? Von wegen

Die Haussklavinnen: Indische Frauen in armen Schichten

Denn was Segal hier unbedarft zur Schau stellt, ist pure Armutsromantik:

Es ist ein uraltes Sozialklischee, nach dem es „den Armen“ besser geht als den verderbten, prasserischen, fetten „Reichen“ – arm, aber gesund; arm, aber glücklich; arm, aber kultiviert.

Nur ist es in Wahrheit nicht so.

Denn Armut ist bitter. Und sie hat viele gravierende Folgen für Ernährung und Gesundheit, die Segal, der übersatte Amerikaner mit Sendungsbewusstsein, ignoriert.

Vor allem verkennt er die Realität armer Mädchen und Frauen. Gerade in Indien. Denn nach wie vor werden indische Frauen vor allem in den unteren Schichten verachtet und brutal ausgebeutet. Die Mutter, die auf dem Lehmboden der Hütte kocht, ist eine Arbeitssklavin ihres Mannes.

Kleine Mädchen aber werden systematisch von Kindheit an schlechter ernährt als Jungen. Denn in der Unterschicht Indiens sind Mädchen immer noch eine Last, arme Familien investieren nicht in Mädchen – mit Nahrungsentzug fängt es an. Weibliche Säuglinge zu töten ist in manchen Gegenden des Nordens noch immer üblich.

 

Dicke, reiche Kinder leben länger

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Wenn sie aber heranwachsen und verheiratet werden – ein paar Frauen braucht es ja – unterliegen sie komplett der Herrschaft des Mannes. Arbeiten müssen sie ununterbrochen: Erst auf dem Bau, den Feldern oder in der Fabrik, danach bis zum Umfallen im Haus.

Morgens stehen die Frauen Stunden vor ihrem Mann auf, um für ihn und die Kinder ein warmes Essen zu kochen – jeden Tag frisch, wie der Romantiker Segal schwärmt –, bevor sie zu ihrer eigenen Arbeit gehen. Abends kochen sie wieder. So könnte es auch Anchals Mutter gehen.

Diese armen indischen Frauen und ihre Töchter ernähren sich dabei keineswegs automatisch „gesund“, weil „traditionell“. Sie leiden unter Eisen- und Mineralmangel, bekommen zu wenig Protein und ihre Lebenserwartung liegt unter dem weltweiten Durchschnitt. Gleichzeitig ist die Kindersterblichkeit in Indien weltweit mit am höchsten.

Anders ist das bei dem Amerikaner Segal und den Kindern, die auf den Fotos von Fastfood umgeben sind, etwa die aus den USA, Deutschland oder arabischen Staaten. Sie alle können  mit 80 einen sanften Tod sterben. Denn nichts ist im Wachstum so schlimm wie Unterernährung.

Zudem genießen Kinder in reichen Ländern die beste medizinische Versorgung – die indischen Mädchen nicht. Wenn es in armen Familien Geld für den Arzt gibt, dann kommen vor allem Männer und Söhne in seinen Genuss. Nicht Frauen und Töchter.

 

Armut bedeutet Unterernährung und Krankheit

Arme Kinder in Nordindien: Häufig unterernährt

Armut heißt in armen Ländern eben genau nicht: Traditionelle, frisch gekochte Nahrung aus gesunden Lebensmitteln. Sie heißt in erster Linie Unterernährung.

In Indien ist jedes zweite Kind unterernährt, von einigen Landstrichen Afrikas nicht zu reden.

Auch dort sind schon die Mütter betroffen, die brutale Unterdrückung und Ausbeutung von Frauen und Mädchen in Afrika ist Legende.

Von allen Kindern, die durch jahrelange Unterernährung Wachstumsschäden davon getragen haben, leben aber 90 Prozent in Afrika und Asien, beschreibt die Welthungerhilfe.

„Stunting“ ist eine der Folgen, mangelndes körperliches Wachstum und verzögerte kognitive Entwicklung durch jahrelange Unterernährung, Unterernährung ist der Hauptgrund der Kindersterblichkeit.

Die Schäden können schon in der Schwangerschaft der – ebenfalls unterernährten – Mutter entstehen. Die Kinder holen das ihr Leben lang nicht mehr auf.

Und es sind so viele Millionen Kinder, in der Mehrzahl Mädchen, dass die Vorstellung geradezu absurd ist, ein armes indisches Mädchen aus einer Lehmhütte könne das Paradebeispiel für gesunde traditionelle Ernährung abgeben.

 

Die Deutsche Welle ist reingefallen

Afrika: Frauen arbeiten viel und sind oft unterernährt


Dass der Fotograf mit seinem naiv-dummen Projekt eine Lanze für „gesundes traditionelles Essen“ brechen will, gut und schön.

Hübsche Fotos kommen dabei heraus, und natürlich ist es wünschenswert, dass die Food-Multis nicht die ganze Welt mit ihrem künstlich aromatisierten Schrott überziehen. Dagegen kämpft im Übrigen auch Quarkundso.de.

Auch ist Übergewicht gefährlich – aber Unterernährung ist noch gefährlicher.

Deshalb sollte man nicht auf diese Foto-Schmonzette reinfallen wie die Deutsche Welle, und unreflektiert dem Klischee applaudieren. Denn die sozialromantische Brille des kulinarisch ahnungslosen Amerikaners führt komplett in die Irre.

Für seine Mission von einer angeblich gesunden, traditionellen Ernährung bringen seine Überlegungen gar nichts, sie schaden sogar.

 

Traditionelle Ernährung ist gut – aber nicht immer

Traditionelle Ernährung ist nämlich nur dann gut, wenn es genug davon gibt. Wenn nicht, ist die traditionelle Ernährung schlecht. Dann tun es Proteinpulver und Vitamintabletten besser, besonders bei Kindern.

Sie ist außerdem dann gut, wenn man nicht dick ist: Wer als Amerikaner bei seinem traditionellen Essen – das sind Industriefraß und Fastfood – normalgewichtig bleibt, hat gute Chancen auf einen sanften Tod mit 80 Jahren.

Und das gilt für die traditionelle Ernährung jedes Landes auf der ganzen Welt, von Australien bis Zypern. Wer nicht dick ist, fährt mit der ursprünglichen Ernährung seiner Vorfahren gut.
Wer übergewichtig oder, Achtung, unterernährt ist, lebt nicht gesund – Tradition hin oder her.

©Johanna Bayer

 

Tweet der Deutschen Welle mit Video zum Fotoprojekt von Gregg Segal

 

Die SZ kritisiert eine Studie zur Ernährung methodisch – aber was soll das Ganze eigentlich?

Der Chef des Wissenschaftsressorts bei der SZ, Werner Bartens, zerreißt eine Ernährungsstudie wegen ihrer Methodik. Richtig so – doch der wahre Sinn oder Unsinn dieser Forschung bleibt verborgen. Quarkundso.de enthüllt, worum es wirklich geht und wer aus welcher Ecke schießt.

Spaghetti mit Hackfleischsoße

Spaghetti Bolognese schmecken einfach zu gut – lieber nicht essen?

Werner Bartens von der SZ ist einer der großen alten Männer der Ernährungskritik, genauer: der Kritik an den Ernährungswissenschaften überhaupt.

Deren Arbeit hält er für nicht aussagekräftig bis irreführend, ihre großen Beobachtungsstudien für sinnlos, allgemeine Ernährungsratschläge für Humbug.

Er ist nicht der Einzige, der so denkt, die Position teilt er sich mit Udo Pollmer und noch ein paar notorischen Nörglern. Auch Quarkundso.de gehört im weitesten Sinn zur Nörgel-Fraktion, daher sind wir meistens auf der Seite von Werner Bartens.

Da unsere Kernkompetenz aber das Nörgeln in alle Richtungen ist, hatten wir auch Herrn Bartens schon vor der Flinte. Der Artikel „Stuss mit Nuss“ etwa, in dem er die Ernährungsforschung generell abwatscht, ist zu pauschal und trifft die Falschen – denn die emsigsten Experimentierer sind Ärzte, nicht Ernährungswissenschaftler (hier bitte nachlesen, wird abgefragt).

 

Der wahre Unsinn bleibt versteckt

Aber immer nur Mosern bringt nichts, man muss auch mal konstruktiv sein und assistieren.

Denn Bartens hat in der SZ gerade eine Ernährungsstudie aus den USA zu Recht kritisiert. Nur wollte er es nicht zu kompliziert machen und ist weder ins Detail gegangen noch hat er den wahren Sinn und Unsinn der Studie enthüllt. Er begnügt sich mit dem üblichen Zerreißen von Zahlen und Versuchsdesign.

Das erfüllt zwar seinen Zweck: beim SZ-Leser Zweifel an dieser Art von Studien zu säen. Aber es fehlt die Erklärung, warum in solche Forschung Millionen gesteckt werden.

Das fragen sich die Leser sicher, wie jeder vernünftige Mensch, der wissen will, warum abstrus wirkende Versuche finanziert werden, nicht aber Kindergartenplätze, Lesebrillen oder Radwege.

Diese Kärrnerarbeit muss mal wieder Quarkundso.de übernehmen, wie so oft, wenn die anderen sich die Arbeit nicht machen wollen.

Allerdings lohnt sich es sich diesmal. Denn in Rede stehen Annahmen, die nicht nur ein paar Studiendesigns, sondern ganze Debatten über Ernährung bestimmen. Sie wuchern im Internet und haben sich in den Köpfen dauerhaft eingenistet, als wirkmächtiges Denkschema.

Daher springen wir Herrn Bartens mit ein paar zusätzlichen Infos zur Seite – schließlich zieht die Nörgelfraktion an einem Strang.

 

Western Diet: viel Fett, Zucker und Fleisch

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Hier erstmal die dürren Fakten: Eine Wissenschaftlerin hat an der Wake Forest University im Süden der USA mit knapp 40 Affenweibchen einen Nahrungstest gemacht. Die Hälfte der Gruppe bekam Futter, das wie die typisch amerikanisch-urbane Ernährung zusammengestellt war, mit viel tierischem Fett, tierischem Eiweiß, Zucker, Salz, Maissirup, Maisöl, Milch, Schmalz und Butter.

Unter Forschern heißt das auch „Western“ oder „Cafeteria Diet“ und beschreibt laut Shively das, was Amerikanerinnen im Allgemeinen so zu sich nehmen (WEST-Futter).

Wohlgemerkt: Amerikanerinnen.

Die andere Gruppe bekam Nahrung, die eine „mediterrane Ernährung“ simulieren sollte (MED-Futter). Also irgendwas vom Mittelmeer – wie man es sich in den USA vorstellt: hauptsächlich Pflanzliches; darunter viel Obst, Nüsse, Gemüse, etwas Fisch, wenig Fleisch und sehr viel Olivenöl.

Wohlgemerkt: Wie man es sich in den USA vorstellt. Nicht, wie man in Italien, Südfrankreich oder Spanien wirklich isst. Bekanntlich sieht das sehr anders aus.

Ergebnis: Diejenigen Äffinnen, die die „Western Diet“ bekamen, fraßen mehr, wurden dicker und entwickelten öfter Fettlebern und Diabetes Typ 2. Die Tiere, die das angebliche Mittelmeerfutter bekamen, fraßen nicht ganz so viel, nahmen nicht ganz so arg zu und bekamen nicht so oft eine Fettleber.

 

Fragen an die Forschung: Was soll das?

Werner Bartens dekliniert dazu nun die bekannte Mängelliste herunter:

Von Tieren kann man nicht auf Menschen schließen.

Es waren viel zu wenige Affen, 38 insgesamt. Das sind nur wenige Tiere oder Probanden pro Gruppe, daher nicht aussagekräftig.

Die Versuchszeit war zu kurz.

Die Lebenszeit von Affen entspricht nicht der von Menschen.

Es sei nur ein Aufblasen der Statistik, wenn die Forscher etwa die Lebenszeit der Affen in die von Menschen umrechnen. Und eine so kleine Probandenzahl reiche heute nicht einmal für eine normale medizinische Doktorarbeit, höhnt Bartens.

Tja. Speziell Letzteres stimmt nicht. Studien mit kleinen Probandenzahlen können sehr wohl solide gemacht sein und sind gerade bei biologischen und physiologischen Effekten sogar üblich.

Aber es drängt sich auch die Frage auf, ob die Forscherin, die das Experiment geleitet hat, die Kritikpunkte nicht selbst hätte bedenken können. Treibt man jahrelang Studien und bringt unschuldige Tiere um, weil man nicht kapiert hat, dass Affen keine Menschen sind?

Noch dazu ist die Arbeit in einem renommierten wissenschaftlichen Journal erschienen, in „Obesity“, und von der obersten nationalen Gesundheitsbehörde der USA, dem NIH, finanziert worden. Erste Adresse, landesweite Bedeutung.

Warum also gibt es solche teuren Versuche? Ging es wirklich darum, die „Überlegenheit der mediterranen Ernährung“ zu beweisen, wie es im Teaser zum Artikel in der SZ heißt? Die ist doch längst bewiesen, oder nicht?

 

Tiermodell statt Menschenversuch

Das plumpe Bashing, mit dem sich Herr Bartens begnügt, erhellt die Lage nicht. Daher hat sich die Rechercheabteilung von Quarkundso.de dahinter geklemmt.

Folgendes kommt ans Licht: Carol A. Shively, Leiterin der Studie, ist keine Ernährungswissenschaftlerin. Sie ist Ärztin und spezialisiert auf Neurowissenschaften. In erster Linie beschäftigt sie sich mit dem Gehirn, dem Belohnungssystem und dazugehörigen Botenstoffen.

Auf diesem Feld ist sie auch Expertin für „Tiermodelle“, wie es im Jargon so schön heißt. Das sind Versuchstiere, die auf bestimmte Eigenschaften gezüchtet werden, die auch Menschen haben und an denen man Medikamente, Ernährungsweisen, Therapien oder Haltungsbedingungen testen kann, als Modell eben.

Für allerlei Forschungsvorhaben, gerne auch zur Gesundheit von Frauen, verwendet Shively Makaken, meerkatzenartige Primaten. Deren Gehirne, Verhalten und Stoffwechsel ähneln viel mehr dem Menschen als bei Mäusen und Ratten, die sonst für Versuche herhalten müssen.

Und Shively hat schon eine ganze Reihe von Versuchen an diesen Primaten gemacht, sogar in Nature publiziert, dem wichtigsten Forschungsmagazin der Welt. Dumm ist sie also nicht, methodisch kann sie was, ihre Affenmodelle sind etabliert. Grobe Fehler kann man ihr kaum vorwerfen.

 

Um Essen wie am Mittelmeer geht es nicht

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Wenn man sich also anschaut, was die Wissenschaftlerin sonst so treibt, ahnt man, welche Stoßrichtung die Studie hat: Es geht nicht wirklich um Essen wie am Mittelmeer.

Stattdessen geht es um Überfressen in den USA. Und um Auslöser, die dazu verführen, mehr zu essen als gut ist, und zwar speziell bei Frauen im mittleren Lebensalter.

Im Klartext: Im Hintergrund geht es um Sucht.

Das ist ein Spezialgebiet von Shively, sie beschäftigt sich besonders mit dem Belohnungssystem im Gehirn und seiner Rolle bei Depression; Stress und Sucht.

Und so hat sie auch die Studie angelegt: Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Überfressen („hyperphagia“) und übermäßige Kalorienaufnahme („increased caloric intake“) zu beleuchten und zu erklären, so steht es auch im Studienpapier.

Was nun die amerikanischen Frauen im mittleren Lebensalter angeht, die als Folie für das Versuchsdesign herhalten mussten: In dieser Gruppe sind Übergewicht ebenso wie Depressionen häufig, Stress spielt eine Rolle und sowohl Ärzte als auch Sozialarbeiter versuchen verzweifelt, der Gesundheit zuliebe wenigstens am Essverhalten der Betroffenen zu schrauben.

Aber alle scheitern seit Jahrzehnten daran – und Carol A. Shively hat sich scheinbar in den Kopf gesetzt, den Grund im Essen zu finden. Genauer: an Stoffen im Essen, an seiner Zusammensetzung. Und am Geschmack: Wohlgeschmack triggert das Belohnungssystem. Unter Umständen kann das zu suchtartigem Verhalten – Überessen – beitragen.

 

Was nicht schmeckt, hält schlank – logisch

Diese Vorstellung Shivelys erwähnt Werner Bartens auch in seinem SZ-Artikel, dazu zitiert er am Ende ein Interview mit der Forscherin zu ihrem Fütterungsexperiment:

„Die westliche Diät wurde von der Industrie entwickelt, die ihre Erzeugnisse besonders schmackhaft macht, sodass wir zu viel davon essen“, lässt sich Carol Shively zitieren, die Hauptautorin der Studie. „Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse die Menschen ermutigen, sich gesünder zu ernähren.“

Eine markante Position. Zu Ende gedacht würde sie bedeuten. dass man lieber Dinge essen sollte, die nicht so gut schmecken, damit man schlank bleibt – eine schier übermenschliche Forderung, die jeder biologischen und kulturellen Grundlage entbehrt.

Denn Geschmack in tote Dinge wie Gemüse, Körner oder rohes Fleisch zu bringen, war ein Motor der menschlichen Evolution. Es wird nie gelingen, Menschen dazu zu bewegen, von sich aus zu essen, was ihnen nicht schmeckt, weil das angeblich schlank macht – außer man zwingt sie dazu.

So ging es den Makaken im Labor: Sie hatten keine Alternative. Sie mussten das Zeug fressen.

 

Mütter, Omas, Köche, Konditoren: Sie bringen uns um!

Omas Himbeertorte: absichtlich besonders schmackhaft. Aus Liebe.

Der Vorwurf an die Industrie, sie würde Lebensmittel absichtlich besonders schmackhaft machen, damit Menschen zu viel davon essen, ist erst recht sinnlos.

Man müsste genau denselben Vorwurf in erster Linie an Mütter und Omas richten, die ihre Lieben verwöhnen, und natürlich an alle meisterhaften Köche, Bäcker und Konditoren auf der Welt.

Folgt man aber den Gedanken von Shively konsequent, bleibt der Schluss:

Essen wie am Mittelmeer, das in der Studie – angeblich – getestet wurde, schmeckt nicht so gut wie industriell gefertigtes Fastfood aus der amerikanischen Industrie.

Deshalb essen Affen – und Menschen – nicht so viel davon und bleiben schlank.

Der Gedanke ist natürlich komplett abstrus. Aber das ist die Logik.

Nur weiß jeder, dass das Essen am Mittelmeer ganz besonders köstlich ist und deshalb einen Siegeszug rund um den Globus angetreten hat.

 

Von wegen Mittelmeer-Diät

Liest man daraufhin das Papier der Forscherinnen noch einmal genau durch, dann zeigt sich: Das MED-Futter für die Affen entspricht gar nicht der echten Kost in Mittelmeerländern.

Es wurde für die Studie eigens entwickelt. Und enthielt konzentriertes Pulver aus Walnüssen, Extra-Portionen an Olivenöl, es war sehr speziell zusammengestellt – ein Kunstfraß, überwiegend vegetarisch, orientiert unter anderem an griechisch-orthodoxen Fastenspeisen, ohne Wein (!) und angereichert mit hohen Dosen von Superfoods, die so in der echten mediterranen Ernährung gar nicht vorkommen.

Diese Mischung wurde, berichten die Autoren, vor dem Versuch zwei Jahre lang darauf getestet, ob sie den Affen schmeckt. Das hat wohl nicht ganz geklappt: Nicht weniger als fünf Tiere im Versuch machten nicht mit, drei gingen sogar ein – alle scheinbar in der MED-Gruppe.

Dass das wohlschmeckende WEST-Futter Affen dazu animiert, viel davon zu fressen und dass in der MED-Gruppe die Tiere insgesamt weniger dick wurden, ist dann nicht mehr schwer nachzuvollziehen. Bei Menschen würde mit Sicherheit Ähnliches herauskommen.

 

Macht dick, was schmeckt?

Hamburger mit Pommes frites

Schmeckt Fastfood wirklich besser? Das ist die Frage

Wenn aber das WEST-Futter im Experiement, die industrielle „Cafeteria-Diet“, besser schmeckte als das künstliche MED-Futter und die Affen in der WEST-Gruppe deshalb mehr gefressen haben, was sind dann die Folgerungen aus der Studie?

Was schmeckt, macht dick?

Wenn etwas schmeckt – iss es nicht?

Was nicht schmeckt, ist gesund?

Wenn etwas nicht schmeckt – unbedingt essen?

Und in letzter Konsequenz: Wenn Menschen essen, was ihnen schmeckt, muss man sie dann dazu zwingen, etwas zu essen, was ihnen nicht schmeckt? Wegen der Gesundheit?

Das ist alles ist biologischer und psychologischer Unsinn. Außerdem zeigen gerade die echten Mittelmeerbewohner mit ihrem grandiosen Essen: Was schmeckt, muss nicht dick machen! Man kann damit sein Gewicht halten, gesund bleiben und länger leben als anderswo.

 

Einheitsfraß aus der Retorte

Was angesichts dieses Experiments aber aufscheint, ist die Horror-Vision von einem Einheitsfraß aus dem Labor: eine einzige, „gesunde Ernährung“ für alle; eine normierte pflanzliche Kost, im Labor angereichert, die sicherheitshalber nicht so gut schmeckt, damit Menschen nicht zu viel davon essen.

Es gibt tatsächlich nicht wenige, die solche asketischen Diktatorenfantasien haben: Bekannte Größen der Ernährungsszene schwärmen von Buchweizengrütze und Steckrüben wie im Krieg, andere von veganen Imitaten und Rohkost für alle, damit die angeborene Lust auf Fleisch und Fett gar nicht erst aufkommt.

Auch die Verschwörungstheorie, dass die Industrie absichtlich Superreize ins Essen mischt, um Menschen abhängig zu machen, gehört in dieses Denkschema.

Sie ist weit verbreitet und extrem hartnäckig. Spätestens seit dem Film „Supersize me“ ist die halbe Welt davon überzeugt, dass Fastfood süchtig macht, entweder, weil es den Geschmackssinn besonders anregt oder weil Suchtstoffe reingemischt werden; zu den üblichen Verdächtigen gehören Glutamat und Zucker.

Zwar ist wissenschaftlich längst geklärt, dass nichts davon stimmt.

Aber viele Aktivisten aus der Verbraucherschutzszene hängen an ihrem Feindbild, einzelne Autoren und Verbände machen den Generalverdacht sogar zu ihrem Glaubenssatz: „Die Industrie macht uns süchtig und krank!“.

Dabei ist schon die Grundannahme falsch: dass das industrielle Essen besonders gut schmeckt.

Sie ist sogar grundfalsch. Frisch gekochtes Essen ist Fertiggerichten immer überlegen. Fastfood, Frittiertes, Cola und überzuckerter Süßkram sind auf die Dauer extrem öde und geradezu abstoßend, wenn man die Alternative kennt: echtes Essen.

 

Affen essen anders

Makaken oder Menschen – darin sind sie gleich: Wenn sie dick werden, werden sie krank.

Wem das Industriezeug besser schmeckt, so dass er oder sie sich systematisch damit überfrisst, hat Probleme, die mit Essen nichts zu tun haben. Eher mit Armut, mangelnden Alternativen, Arbeitslosigkeit, Drogen, Depression oder Gruppendruck.

In diesem Punkt hat Werner Bartens Recht, der davor warnt, solche Tierversuche einfach auf den Menschen zu übertragen.

Denn erstens werden die Affen nicht artgerecht gefüttert in diesen Experimenten und wurden es auch nicht bei Carol Shively – kein Wunder, dass sie krank werden.

Vor allem aber können die Faktoren, die dazu führen, dass Menschen sich so einseitig ernähren wie gewisse Bevölkerungsgruppen in den USA, in Studien kaum nachgebildet werden.

Wenn man aber akzeptiert, dass die Makaken der Forscherin Shively als gutes Modell für den Menschen dienen, wie es Forscher weithin tun, dann bedeutet das am Ende: Der gesündeste Einheitsfraß nützt nichts, wenn man dick ist.

 

Das Problem ist das Übergewicht

Das zeigt die Studie nämlich, wenn man ein Detail beachtet: Die Äffinnen von Carol A. Shively waren schon übergewichtig, bevor der Versuch überhaupt losging. Sie kamen schon mit BMI 40 und Leberverfettung ins Labor.

Schließlich sollten sie als Modell für menschliches Übergewicht dienen, also wurden fettleibige Affen geliefert. Dazu kam das kalorienreiche Futter im Test, für beide Gruppen übrigens gleich kalorienhaltig und mit gleichem Fettanteil, nur aus unterschiedlichen Quellen. Da wurden alle Tiere noch dicker, ob WEST – oder MED-Gruppe.

Die Gruppe mit dem Mittelmeerfutter verlor nämlich keineswegs Gewicht. Sie nahm ebenfalls zu, wenn auch nur leicht. Trotzdem litten auch die MED-Tiere an den bekannten Folgen: Diabetes Typ 2, metabolisches Syndrom, Fettleber. Stimmt schon, etwas weniger als bei den anderen, und der eine oder andere Wert war etwas günstiger.

Aber sie fraßen auch nicht ganz so viel – das lag vielleicht am Geschmack des Retortenfutters. Tatsächlich heilte die MED-Diät die vorhandenen Fettlebern nicht, sie führt dazu, dass das Leberfett um 14 Prozent weiter anstieg.

So bleibt am Ende ein solider Befund, der für Affen und Menschen gilt: Wenn sie dick werden, werden sie krank.

©Johanna Bayer

 

Werner Bartens in der SZ: „Gib dem Affen Oliven“

Sciencedaily-Interview mit Carol A. Shivers

Originalstudie von Shivers et.al. 2019

Quarkundso.de zur Generalkritik von Werner Bartens an den Ernährungsstudien: Vorsicht, der Mann ist Arzt!

 

 

Der Deutschlandfunk verspricht: Langes Leben durch Fasten! Schön wär`s.

 

Beim Deutschlandfunk versprechen die Onliner ein längeres Leben durch Fasten, und zwar durch religiöses Fasten. Das sollen Studien gezeigt haben. Aber die Studie, um die es geht, gibt es noch gar nicht – eine Fingerübung zu Online-Teasern.

 

Moschee Istanbul in der Abenddämmerung

Moschee in Istanbul – Fasten wie die Moslems und länger leben? Beim Deutschlandfunk glaubt man daran.

 

Es ist Fastenzeit und wir müssen dazu was bringen. Denn was soll die ganze Bloggerei, wenn man nicht aktuell und vorne mit dabei ist? Aber dieses Aktuelle ist ein wahnsinniger Druck. Und alle anderen waren schneller, sie haben ihre vorbereiteten Fastenstorys gleich am Aschermittwoch rausgehauen.

Wir klappern jetzt mit einer kleinen Fingerübung hinterher, diesmal aus dem Bereich Online-Fallen: „Wenn der Teaser daneben geht“.

Diesmal ist der Deutschlandfunk (DLF) dran, ganz neu auf Quarkundso.de.

Der Sender hat auf Facebook nämlich gleich am Aschermittwoch, dem 6. März, einen Beitrag zum religiösen Fasten lanciert. Und im Vorspanntext für Facebook stand das glatte Gegenteil dessen, was im Beitrag und von den Experten gesagt wird.

Das ist ein Klassiker. Einerseits.

Andererseits steckt mehr hinter dem kleinen Fauxpas, als man den wenigen Zeilen anmerkt.

Dazu gleich mehr.

 

Der Teaser als Lockstoff

Erstmal stellen wir klar: Fehler in Teasern passieren.

Natürlich sind die schlecht ausgebildeten und noch schlechter bezahlten Onliner Schuld. Da will man gerne nachsichtig sein.

Aber Vorspänne sind enorm wichtig, gerade im Netz. Hier müssen Klicks generiert und Leser gebunden werden. Wer da sachlich patzt oder mit dümmlichem Clickbaiting nervt, hat verloren, das ist bekannt.

So ist es nun dem DLF passiert, der sich erst 2017 als „Markenfamilie“ neu aufstellte und eifrig an seinem Profil als Kultur- und Informationskanal feilt.

Entsprechend wissenschaftlich kam der Beitrag zum religiösen Fasten daher, über Facebook geteilt. Darin wurde eine Studie mit deutschen Mitgliedern der Bahai-Gemeinde vorgestellt. Die Bahai haben ihren Ursprung im Iran und fasten ähnlich wie die Moslems: im Frühjahr essen und trinken sie mehrere Wochen lang den ganzen Tag nichts. Nachts holen sie bis Sonnenaufgang alles nach.

Der Teaser dazu ist ein Werbetext mit steilen Behauptungen und großen Versprechen:

Die Fastenzeit beginnt – und damit eine Chance, gesünder und vielleicht länger zu leben. Denn viele Studien zu religiösem Fasten berichten von positiven Effekten, wenn man etwa von Sonnenaufgang bis -untergang nichts isst und trinkt.

(Quelle: DLF auf Facebook zum Beitrag über religiöses Fasten vom 6.3.2019)

 

Bild mit Logo DLF, von Facebook, Bild von Teaser leerem Teller.

Screenshot vom DLF-Beitrag samt Teaser auf Facebook.

 

Wissenschaftliche Studie? Welche Studie?

Das ganze Ding ist grotesk falsch. Denn erstens steht im Beitrag gleich zu Anfang genau das Gegenteil:

Anstoß zu der Studie gab Daniela Liebscher. Sie hat ihre Doktorarbeit über religiöses Fasten geschrieben und festgestellt, dass es dazu kaum Untersuchungen gibt.

(Quelle: DLF-Beitrag über religiöses Fasten vom 6.3.2019)

Verglichen mit dem Teaser klingt das doch recht anders.

Auch in einer Meldung auf der Internetseite der Naturheilkunde-Klinik an der Charité ist zu lesen, dass die Forschungslage zum religiösen Fasten dünn ist.

Und es steht natürlich in der Doktorarbeit von Daniela Liebscher, ebenfalls online: Frau Liebscher hat angefangen, zu religiösem Fasten zu forschen, weil es so wenig dazu gibt.

Gut, man kann von Online-Textern nicht erwarten, dass sie erst eine Doktorarbeit lesen, bevor sie schnell was in Facebook hacken. Aber wenigstens in den Beitrag reinschauen, bevor man den Teaser strickt, wäre doch angezeigt.

Dann ist aber noch mehr falsch an dem Vorspann. Und an dem Beitrag selbst. Und überhaupt an der ganzen Sache mit dem religiösen Fasten – je länger man darüber nachdenkt, desto abstruser wird es.

Daher bleibt es nicht bei der kleinen Fingerübung mit dem Teaser. Quarkundso.de steigt ein.

 

Nobelpreis für Blutabnehmen

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Wenn man sich nämlich auf der Seite der Charité umschaut, dann kommt raus: Die Sache mit der Bahai-Fasten-Studie, die interdisziplinär sein soll, ging zwar durch die Medien. Aber eine offizielle Pressemitteilung gibt es dazu nicht, etwa mit Angaben zur Studie.

Nach einem Papier oder einer Veröffentlichung haben einige kritische Nutzer schon auf der Facebook-Seite des DLF gefragt. Andere konnten sich nicht vorstellen, dass das strenge Fasten der Bahai, die den ganzen Tag weder essen noch trinken, wirklich so toll für die Gesundheit sein soll.

Auch die Behauptung im Beitrag, dass „sämtliche Hormone und Botenstoffe“ der Probanden in der Studie untersucht wurden, warf Fragen auf – denn das ist schlechterdings undenkbar und wäre nobelpreiswürdig, wie eine Userin anmerkte.

 

Giftige Abwehr beim DLF

Die Nutzer wollten also Belege, nämlich die Studie. Die Webmoderatoren des DLF haben, anstatt die Diskussion zuzulassen, sehr giftig zurück gehackt: Es hätten doch Experten die O-Töne im Beitrag gegeben, diese Experten wüssten es doch wohl am besten. Wie die Facebook-Nutzer die Expertise der O-Ton-Geber anzweifeln könnten?

Nun ja. Sagen können Experten viel. Die Frage ist, ob sie wissenschaftliche Belege oder plausible Argumente liefern können. Und ob die Autoren der Sendung ihre Experten richtig verstanden und die O-Töne nicht aus dem Zusammenhang gerissen haben.

Eine offensichtlich akademisch versierte Facebooknutzerin hat dann in einer Datenbank nach Fastenstudien zu den Bahai gesucht, die der zitierte Arzt Prof. Dr. Andreas Michalsen veröffentlicht haben könnte.

Ergebnis: Null.

Natürlich hat sich da die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de reingehängt und die Pressestelle der Charité angezapft. Ergebnis: Nein, die Studie ist tatsächlich nicht publiziert. Es wird auch noch eine Weile dauern, bis es so weit ist, etwa vier bis sechs Monate, also etwa bis August oder September 2019.

Ja, schade! Denn so kann niemand nachschauen, was es mit der Studie auf sich hat: Was für eine Untersuchung ist es, welche Methode, was für ein Design? Was war das Ziel, was kam wirklich raus und was sagen die Ergebnisse im Kontext der Forschungslage?

 

Journalisten sollten einordnen

Labor, Zentrifuge (Trommel), Hände in Handschuhen stecken Reagenzgläser ein

Blutproben, Messwerte, viele Daten – aber das macht noch keine Studie. Die Ergebniss müssen erst ausgewertet werden.

Weil derlei vor einer Medienwelle klar sein sollte, stechen Forscher vor der Veröffentlichung eher selten Ergebnisse an die Presse durch.

Sie reden lieber erst darüber, wenn die Studie zur Veröffentlichung von einem anerkannten wissenschaftlichen Journal angenommen wurde.

Denn die Zusage einer renommierten Zeitschrift bedeutet, dass externe Fachkollegen die Arbeit auf sauberes Design, auf Methoden und Auswertung geprüft haben.

Der Job von Journalisten ist es dann, anhand einer – seriösen und offiziellen – Veröffentlichung nachzufragen, sich die Studie geben zu lassen, sie möglichst zu lesen und ein wenig zu recherchieren, wie die Forschungslage in etwa aussieht.

Alles das ist beim DLF schon deshalb nicht passiert, weil es, nun ja, keine Ergebnisse gibt, die man irgendwo nachlesen könnte.

Es gibt bisher daher scheinbar nur Röhrchen mit Blut im Labor, dazu ein paar Messwerte und Körperdaten, die den Fastenden letztes Jahr abgenommen wurden. So ungefähr. Wie sollen Journalisten sich da ein eigenes Bild machen oder die Studie einordnen? Das geht nicht.

 

Was es mit dem religiösen Fasten auf sich hat

Natürlich kann man auch über eine laufende Studie berichten. Dann aber einigermaßen vorsichtig.

Und damit wären wir beim Teaser und seinen vollmundigen Versprechen: Religiös Fasten und länger leben? Das zeigt die Studie nicht. Das kann auch nicht das Ziel gewesen sein, außer man arbeitet mit Fadenwürmern. Oder Fruchtfliegen.

Was aber war dann das Ziel? Nun, so genau wissen wir es nicht – die im DLF zitierten Experten, Fastenmedizinerin Daniela Liebscher und ihr Chef, der prominente Naturheilkundearzt Prof. Dr. Andreas Michalsen, sagen es im Beitrag nicht so richtig

Sie wollten scheinbar nur, nun ja, Daten zum religiösen Fasten. Schließlich gibt es dazu nicht so viele Studien, haben wir anfangs gelernt.

Allerdings hat hier die Abteilung Dokumentation und Recherche bei Quarkundso.de durch sture Wühlarbeit noch Erstaunliches zutage gefördert: Es gibt sehr wohl Studien zum religiösen Fasten, besonders zum Ramadan der Moslems. Es gibt sogar Hunderte.

Moslems fasten wie die genannten Bahai: Mehrere Wochen im Jahr, im Monat Ramadan, essen und trinken sie den ganzen Tag nichts.

 

Nächtliche Völlerei, Zuckerfest – und kein längeres Leben

Kleiner Junge mit Gebetsmütze (weiß) steckt sich Kuchen in den Mund

Ein Fest für Kinder: Das große Fastenbrechen zum Abschluss des Ramadan.

Doch die Ergebnisse der vielen Ramadan-Studien passen eingefleischten Fastenfans wohl nicht so richtig ins Konzept.

Übersichtsarbeiten, die es zum millionenfachen Ramadan-Fasten der Moslems gibt, zeigen keine brauchbaren Ergebnisse: Alles uneinheitlich, nicht nur positive Effekte, nichts von Dauer.

Wobei die Moslems ohnehin nicht wegen gesundheitlicher Wirkungen fasten – was übrigens auch für die Fastengebote der Christen, Buddhisten oder Juden gilt: Um Gesundheit geht es nie.

Moslems fasten nur, weil es ihr Glauben vorschreibt. Dieser erlaubt auch das Fastenbrechen: Abends, nach Sonnenuntergang, haut man sich in der Türkei, im Iran, in Pakistan, Südostasien, Nordafrika, am Golf und anderswo die Plautze voll, dass es nur so kracht.

Beendet wird der Fastenmonat Ramadan mit dem dreitägigen Zuckerfest. Da biegen sich die Tische vor Kuchen und Süßgebäck, die Kinder bekommen Bonbons und außerdem gibt es Festspeisen mit reichlich Fleisch und Fett.

Für den Rest des Jahres ist es dann egal, was man isst.

 

Lieber nicht fasten wie im Ramadan

Die Daten zu Gesundheit und Lebenserwartung in islamischen Staaten sind entsprechend: Langes Leben, tolle Gesundheit, kein Diabetes, keine Stoffwechselprobleme, kein Übergewicht in Ländern mit Ramadan?

Eben genau nicht.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Gesundheitsdaten aus diesen Ländern zeigen, dass Übergewicht und Diabetes, Fettleber und Fettstoffwechselstörungen dramatisch verbreitet sind – noch viel mehr als in Europa. Der Orient wird von Übergewicht und Diabetes geradezu überrollt.

Sehr eindrucksvoll ist dazu eine Karte der WHO zu Diabetes Typ 2, die 2014 im Spiegel veröffentlich wurde, Link steht unten. Der nordafrikanische Gürtel, Iran, Irak und die arabischen Staaten sind am schwersten betroffen. Selbst in reichen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien liegt die Lebenserwartung unter der von Europäern und Amerikanern.

Die Situation hat sich seit 2014 keineswegs verbessert, sondern in den moslemischen Ländern weiter verschlechtert. Und auch die Gesundheit von islamischen Migranten in Deutschland ist nicht grandios besser als die der Restbevölkerung, Ramadan hin oder her. Eher schlechter: Unter Türken in Deutschland nimmt Diabetes Typ 2 zum Beispiel zu, auch sind sie öfter übergewichtig.

Passend dazu beschäftigen sich die meisten Studien zum Ramadan damit, wie die vielen moslemischen Diabetiker während des Fastens mit ihrem Insulin klarkommen.

 

Falsches Versprechen

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In islamischen Kulturen verlängert das religiöse Fasten also nicht das Leben. Scheinbar lebt man eher länger, wenn man es genau nicht so macht wie die rund als 1,8 Milliarden Moslems im Ramadan.

Und das kam auch in Daniela Liebschers Doktorarbeit raus: Die ganze religiös motivierte Askese bringt offensichtlich nicht viel, wenn man einmal im Jahr ein wenig fastet und sonst über die Stränge schlägt.

Der Teaser liegt also mit seinem Versprechen tatsächlich voll daneben.

Den Fastenärzten Liebscher und Michalsen ging es laut Beitrag ohnehin nicht um den Glauben. Sie interessieren sich eher für das Fasten an sich, speziell für das Intervallfasten.

So bezeichnen Mediziner das Fasten im Tagesverlauf oder in bestimmten Zeitfenstern, zum Beispiel an 14 bis 16 Stunden über Nacht, wenn man das Abendessen wegfallen lässt.

Das ist zurzeit das große Steckenpferd des Naturheilkundlers Andreas Michalsen: Eine größere Nahrungspause von mindestens 12 bis 14 Stunden am Tag – egal wann – scheint positive Effekte zu zeigen.

Das Thema ist seit fast 10 Jahren ein Trend, viele Fachleute sind davon überzeugt, viele Menschen machen damit gute Erfahrungen, weil sie damit ihr Gewicht halten können.

 

Endlich die richtigen Daten

Und hier könnte die neue Bahai-Studie neue Erkenntnis bringen: Vielleicht produziert sie das von den Fastenfans erhoffte Ergebnis, dass sogar diese extreme Art des Intervallfastens gesund sein könnte? Also den ganzen Tag gar nichts, weder Wasser noch Brot, ob religiös motiviert oder nicht.

Könnte. Wir wissen es nicht.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht und über die üblichen Ergebnisse des Intervallfastens hinaus ist nicht viel zu erwarten: Es gibt kurzfristige Veränderungen in den Blutwerten und im Stoffwechsel; die innere Uhr legt ein paar Schalter um. Denn Essen ist ein Taktgeber und wenn man wochenlang nur nachts isst, reagieren die Zellen darauf.

Viele Effekte davon könnten günstig sein – nämlich bei Übergewichtigen, Diabetikern, bestimmten Stoffwechselkrankheiten, die mit Überessen zusammenhängen.

Was aber ein langes Leben angeht, bleibt es bisher dabei, da sind sich die meisten Experten einig: Auf die Dauer kommt es darauf an, dass man normalgewichtig ist und das Gewicht hält. Ob mit oder ohne Fasten stehen damit die Chancen auf Gesundheit und ein langes Leben am besten.

 

Mentales Fasten mit Quarkundso.de

Das Fazit der nachgeholten Recherche von Quarkundso.de ist daher eine strenge Ermahnung zur Mäßigung – quasi zum mentalen Fasten. Hier das Wichtigste in abgespeckter Form:

Die Naturheil- und Fastenforscher in Berlin hätten vielleicht nicht so offensiv ein Experteninterview anbieten sollen, nur weil gerade Fastenzeit ist.

Universitäten sollten auf ihren Webseiten nichts vorschnell raushauen, was nicht publiziert und fachlich kontrolliert ist.

Forscher müssen Daten und Methoden offenlegen.

Journalisten müssen recherchieren.

Online-Texter dürfen nicht lügen.

Alle müssen aufpassen.

Und sich einfach ein bisschen zurückhalten. Wenigstens in der Fastenzeit.

@Johanna Bayer

 

Der DLF-Beitrag zum religiösen Fasten auf Facebook vom 6.3.2019

Beim Spiegel: Karte über Diabetes von 2014, Daten von der WHO

Framing-Alarm! Sprache schafft Bewusstsein – auch beim Essen?

ist das neue Überzeugen und polt das Denken um, sagen Kommunikationsberater. Mag sein – doch die Erfahrung bei der Ernährung zeigt: Beim Essen funktioniert Framing schmerzhaft nicht. Dafür erweist sich als überraschend schädlich, wie Essen permanent geframed wird, und zwar in „gesund“ und „ungesund“. Das ist kontraproduktiv – Quarkundso.de fordert ein Gesetz gegen Ungesundheitsgeschwätz.

 

Teller, zwei Toastscheiben, zwei Spiegeleier

Alles, aber auch alles „ungesund“: Eier (vom Tier!). Toast (Weizen!). Röstung (Acrylamid!). Wahrscheinlich auch noch in Butter gebraten – wie hat Oma das nur überlebt?

 

Wir müssen jetzt framen. Framing gehört einfach dazu. Framing ist das neue Überzeugen, diesmal mit Tricks aus der Kognitionspsychologie und Kognitionslinguistik.

Was mit Kognition macht nämlich immer Eindruck.

Deshalb berufen sich Leute, die andere beeinflussen oder nur schnell die Welt ändern wollen, gerne auf Geheimnisse des Gehirns: von Coaches über fragwürdige Psychoklempner wie Neurolinguistische Programmierer oder die Scientology-Sekte zu Lehrern und Sozialpädagogen bis hin zu Genderaktivisten und natürlich Politikern.

Framing soll dabei als subtile Technik das Denken anderer kapern, indem man eindrucksvolle Wörter prägt. Die legen einen Deutungsrahmen fest, dem das Gegenüber nicht entkommt, wie Wissenschaftler herausgefunden haben sollen.

 

Wenn was weg soll: einfach umbenennen

Framen geht so: Etwas, das unerwünscht oder schlecht angesehen ist und das man Leuten unterjubeln will, benennt man um: in Schönes, Beliebtes, gut Klingendes oder moralisch Hochstehendes. Damit weckt man positive Assoziationen und appelliert an eigene Werte.

Gleichzeitig nimmt man sich Begriffe der Gegner vor. Diese etikettiert man auch neu, nämlich mit Negativem, Unmoralischem oder Abstoßendem. So ändert man Wahrnehmung und Denken bei der Zielgruppe – Sprache schafft Bewusstsein! – und schwupps, ist sie umgepolt.

Wichtig sind dabei das ständige Aufrufen des Deutungsrahmens und das Einschleifen der neuen Sprachbilder. Dann bringt das Wörding (*neusprech) die Gegner zur Strecke. Denn wenn man es richtig anstellt, werden sie dann moralisch diskreditiert.

So ungefähr hat es gerade die Linguistin Elisabeth Wehling den ARD-Sendern empfohlen, womit sie einen Sturm der Entrüstung auslöste. Der war eigentlich unberechtigt – natürlich können sich öffentlich-rechtliche Sender zur strategischen Kommunikation beraten lassen.

Ob das Angebot gut war oder nicht, sei allerdings dahingestellt.

Und ob das Framing so funktioniert, wie es Frau Wehling verkauft hat, auch.

 

Framing beim Thema Ernährung

Damit kommen wir zur Kernkompetenz von Quarkundso.de: dem Verhältnis von Essen und Medien. Und zum Framing.

Essen wird nämlich brutal geframed. Wirklich brutal. Seit vielen Jahren, und nicht nur von Journalisten. Sondern auch von Ämtern, Verbänden und Institutionen, Ärzten und Politikern, Aktivisten und Lobbyisten.

Dabei ist die Auswahl an Frames mehr als dünn: Es gibt nur noch einen einzigen Deutungsrahmen für Essen und Ernährung.

Und das ist „Gesundheit“.

Dieses Etikett pappt inzwischen überall drauf. „Gesund“ zu essen ist geradezu eine nationale Obsession geworden: Laut Ernährungsreport der Ministerin Klöckner hat das Merkmal „gesund“ schon die Geiz-ist-Geil-Haltung überholt. Nur noch 32 Prozent schauen beim Essen auf den Preis, dagegen ist es 91 Prozent wichtig, dass Essen „gesund“ ist.

Das ist neu, schließlich sind die Deutschen in Europa berüchtigt für ihre Billig-Mentalität beim Essen. Zumindest für die Selbstdarstellung haben sie diese also abgelegt.

 

Das Framing-Paradox: Anders reden als man isst

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Man darf sich nämlich nichts vormachen: In Umfragen neigen Menschen dazu, sich besser zu geben als sie sind – ökologischer, bescheidener, gemeinwohlorientierter, vernünftiger, tierfreundlicher und bedacht auf die Figur.

Wenn sie dann mit dem Fragebogen fertig sind, gehen sie zum Discounter, kaufen Hähnchenfleisch für 0,99 Euro und zischen zwei, drei Feierabendbier. Ab morgen machen sie Diät.

Für das Framing beim Essen ist dies nichts weniger als eine Bankrotterklärung: Das Dauerfeuer mit „gesunder Ernährung“ und „gesunder Wahl“ kommt nicht an.

Schon 2005 hielt der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Volker Pudel, diesen mentalen Zustand im Spiegel-Magazin fest:

„Die Deutschen essen so, wie sie immer gegessen haben. Nur heute mit schlechtem Gewissen.“ (Spiegel-Spezial vom 28.6.2005).

Das zeigt schmerzhaft: Weder der Gesundheitsrahmen noch das ständige Einschleifen der Parolen funktionieren beim Thema Ernährung – anders als Framing-Experten es versprechen.

 

„Vom Wissen zum Handeln“ ist das Problem

Jetzt, gut 15 Jahre später, sind die Ernährungshüter noch verzweifelter. Denn nie waren die Deutschen so dick wie heute, eine Welle von Übergewicht und seinen Folgekrankheiten rollt über das Land.

Unter Berufstätigen und Rentnern ist Normalgewicht schon nicht mehr die Regel, beklagte erst 2017 die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, (DGE). Der mündige Bürger gibt sich derweil weiterhin gesundheits-, figur- und umweltbewusst.

„Vom Wissen zum Handeln“ lautete daher erst 2018 ein hilfloser Kampagnenspruch des Ernährungsministeriums zu einem Ideenwettbewerb: Wie bringt man Leute dazu, das, was sie bereitwillig als Absicht herbeten, auch zu tun?

Schließlich haben schon Vierjährige das Framing intus und deuten auf Toastbrot, wenn sie zeigen sollen, was „ungesund“ ist, und auf Roggenbrot, wenn es um „gesund“ geht.

Was sie lieber essen, liegt aber auf der falschen Seite, und zwar quer durch alle Altersklassen.

 

Gesund oder ungesund – und sonst nichts?

Doch schauen wir uns das Framing bei der Ernährung, den Deutungsrahmen, noch etwas genauer an. Der Kontext „Gesundheit“, in dem Essen fixiert ist, bringt bestimmte Vorstellungen mit sich, darunter die, Lebensmittel könnten wirken wie ein Medikament.

Das aktiviert Begriffe aus Medizin, Pharmazie und Therapie: Heilmittel, Iss Dich gesund, wirksame Inhaltsstoffe, starke Antioxidantien, Droge, Gift, Sucht, Suchtmittel, Entzug, Ausnüchtern, Selbstheilung, Entgiftung.

Vor allem bringt das Gesundheitsframing aber die rigide Einteilung von Lebensmitteln in „gesund“ oder „ungesund“ mit sich.

Diese stammt aus den USA und England, wo sie seit Jahrzehnten üblich ist, begleitet von einer Explosion der Fettleibigkeitsepidemie – wohl kaum ein Zufall ist

Hierzulande haben sich Ernährungsfachkräfte dagegen jahrzehntelang abgemüht zu erklären, dass das Verteufeln einzelner Lebensmittel oder Inhaltstoffe Unsinn ist: Der Mensch ist ein Allesfresser und braucht verschiedene Nahrungsmittel, außerdem gehören zur Gesundheit viele Faktoren, darunter Bewegung, Schlaf und Stress.

Problematisch sind daher nicht einzelne Inhaltsstoffe oder Produkte, sondern in allererster Linie das Übergewicht, ganz gleich, womit man es sich angefuttert hat.  Dazu kommen mangelnde Bewegung, zu wenig Schlaf, zu viel Stress. Die Vorstellung aber, dass man durch bestimmte Lebensmittel – „die gesunde Wahl“ – alles steuern kann, ist verfehlt.

Denn ein einzelnes Lebensmittel ist nicht „ungesund“ – es ist der Lebensstil, der gesund oder ungesund sein kann.

 

Jetzt „ungesund“: Küchenklassiker der Deutschen

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Doch mit dieser Weisheit ist es vorbei, seit die Kategorien gesund/ungesund Front machen in Texten, Webseiten, Stellungnahmen, Studien und Ernährungsratschlägen: Was früher genossen werden durfte, dazugehörte, in Maßen erlaubt oder einfach toleriert wurde, ist jetzt „ungesund“.

Das trifft nicht nur die üblichen Verdächtigen Cola, Chips und Süßigkeiten. Nein, auch traditionelle Viktualien stehen unter dem Bann. Denn „ungesund“ sind inzwischen Fleisch, Wurst, Milch, Käse, Eier, Weizen, weißes Mehl und natürlich Zucker.

An konkreten Gerichten trifft es unter anderen Pommes frites, Currywurst, Salami, Leberkäse, Bratwurst, Schweinebraten, Schnitzel, Hamburger, Sahnetorten, Kekse, Eis, Käsespätzle, Kakao, weißen Reis, Wild wie Rehbraten (rotes Fleisch!), Weißbrot, Baguette, Laugenbrezeln (Schweineschmalz!) und sogar den früher gerne empfohlenen Fisch (zu viel tierisches Protein! Schwermetalle! Mikroplastik! Antibiotika! Parasiten!).

 

Absurde Widersprüche

Teilweise entstehen dabei absurde Widersprüche, etwa beim jüngst lancierten EAT-Lancet-Report.

Das Papier, stark unter dem Einfluss von notorischen Fett- und Fleischfeinden entstanden, etikettiert rotes Fleisch von Rind, Schwein, Lamm, Ziegen, Kühen und anderen Säugetieren rundheraus als „unhealthy food“.

Das ist Unsinn. Und die Daten aus der Forschung geben das auch gar nicht her.

Entsprechend müssen die Experten in ihrem eigenen Papier konstatieren, dass tierische Lebensmittel wie Milch, Eier und natürlich rotes Fleisch besonders segensreich für das Wachstum und die Gesundheit von Kindern sind, zum Beispiel in Afrika:

In observational studies, high intake of animal source foods has been associated with improved growth, micronutrient status, cognitive performance, and motor development, and increased activity in children. (Quelle: EAT-Lancet-Report Food in the Anthropocene, Seite 10).

Weltfremd und gegen die Esskultur

Schräg ist auch die Sicht der EAT-Lancet-Experten auf die gesättigten Fette. Die Gruppe favorisiert nämlich moderne pflanzliche Industrieöle, die von Lebensmittelmultis vermarktet werden.

Gesättigte Fettsäuren, wie sie auch in Butter, Schweineschmalz oder anderen traditionellen Fetten vorkommen, sollen dagegen möglichst aus den Küchen verschwinden: Die Spannbreite in den täglichen Empfehlungen der Kommission beginnt bei null.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes weltfremd.

Denn die Hauptnahrungsfette in den Küchen der Welt sind traditionell tierischen Ursprungs und enthalten gesättigte Fettsäuren – zumal „null gesättigte Fettsäuren“ schlichtweg nicht geht. Schließlich enthalten alle, wirklich alle pflanzlichen Fette, darunter Oliven-, Sonnenblumen-, Palm- und Kokosöl sowie Margarine, auch gesättigte Fettsäuren.

Wer überhaupt keine gesättigten Fettsäuren zu sich nehmen will, darf gar kein Fett essen. Schwerer Vitaminmangel und Organversagen wären die Folge.

 

Neues Framing für Kakao: ungesund!

Weiße Blechtasse mit Kakao

Kakao, der Kindertrunk: Neuerdings „ungesund“.

Im Gesundheitsframing steht seit kurzem auch Kakao. Kakao macht Kinder nämlich dick und krank.

Kakao ungesund? Für Kinder?

Äh – gibt es denn ein Getränk, das mehr zu Kindern gehört als Kakao? Man kann sich das gar nicht vorstellen.

Aber tatsächlich ist es Framing-Spezialisten von der Verbraucherorganisation Foodwatch gelungen, den Schulkakao als „ungesund“ zu framen und das nicht nur unzähligen Redaktionen zu verkaufen, sondern auch mehreren Länderparlamenten.

Kakao, so die Essensretter (Selbstbeschreibung), sei schuld am Übergewicht von Kindern – schließlich enthalten die fertigen Schokodrinks der Milchlieferanten Zucker. Gezuckerter Kakao passe nicht in die Schule, so Foodwatch.

Nun steht Zucker auf der Fahndungsliste der Gesundheitspolizei gerade ganz oben, noch über Fett und Fleisch. Aber muss man wegen etwas Zucker den Kakao aus dem Schulprogramm nehmen?

 

Kinder dürfen Kakao trinken

Laut Foodwatch ja: Die Verbraucherschützer finden, dass es in Schulen überhaupt nichts mit Zucker geben darf. Angeblich, so die Aktivisten, widerspricht Kakao an Schulen sogar den Richtlinien der DGE für Schulverpflegung, denn diese sähen keine gezuckerten Milchprodukte für Kinder vor:

„Diese Förderung von Milch mit Zuckerzusatz widerspricht sogar den offiziellen, von der Bundesregierung initiierten Qualitätsstandards für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das Schulmilchprogramm in NRW fördert mit Steuergeldern ein Ernährungsangebot an Schulen, das den Empfehlungen zuwider läuft.“ (Quelle Foodwatch)

Doch so rigide ist nicht einmal die DGE: „Zucker wird in Maßen eingesetzt“, steht in den DGE-Richtlinien für Schulverpflegung.

Und nichts anderes.

Da steht nicht: „Zucker ist verboten“. Oder „Zucker wird gemieden“ oder „Zucker wird nicht zugesetzt“, nicht einmal „So wenig Zucker wie möglich“ oder gar „Zucker ist ungesund“.

 

Übergewicht bei Schulkindern hängt nicht am Kakao

Junge, ca. 8 Jahre alt mit Brill und Kapuzenpulli in Klassenraum schreibt mit Bleistift

Ob Schulkinder dick oder schlank sind, hängt wenig vom Essen ab, hat die KOPS-Studie gezeigt

Es steht auch nicht in den Richtlinien, dass gezuckerte Milchgetränke in der Schule nicht angeboten werden dürften, genauer:

Zu gezuckerten Milchgetränken steht überhaupt nichts in den DGE-Kriterien für gute Schulverpflegung.

Den fanatischen Gesundheitsaktivisten von Foodwatch ist Kakao vielleicht unerwünscht, weil sie sich in den Kopf gesetzt haben, dass der Schokotrunk die Übergewichtsfrage entscheidet.

Aber erstens ist das nicht so. Übergewicht von Schulkindern hängt charakteristisch wenig mit dem zusammen, was sie in der Schule essen. Dazu gibt es große Studien.

Und zweitens ist Kakao – vielleicht – nicht besonders gesund. Aber ganz sicher ist er nicht ungesund.

 

Weg mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen!

Damit wären wir am entscheidenden Punkt: An allem ist nur dieses elende Framing Schuld.

Quarkundso.de fordert daher mit Nachdruck und sofortiger Wirkung: Das permanente Gesund-Ungesund-Spalten muss endlich aufhören!

Es ist kontraproduktiv, verleidet Menschen das Essen und fördert eben genau keinen gesundheitsbewussten Lebensstil. Sondern nur Krampf und Einseitigkeit. Dazu muss ein Gesetz her. Schließlich sind unzulässige Gesundheitsaussagen mit Recht verboten – aber was ist mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen?

Wir fordern: Schluss mit dem Gerede von „ungesunden“ Lebensmitteln!

Ebenso, wie niemand mit pauschalen, unbelegten Gesundheitsversprechen oder angeblichen Heilwirkungen für Lebensmittel werben darf, darf auch niemand Produkte oder einzelne Inhaltsstoffe als „ungesund“ brandmarken.

Also weg mit „Zucker ist eine Droge!“, „Fleisch macht krank“, „Milch ist Gift“, „Kakao ist ungesund“.

 

Hohe Strafen: die Lex Incuria von Quarkundso.de

Wenn man ehrlich über Essen reden will, muss man die Gesund-Ungesund-Dualität verlassen:  Quarkundso.de führt dazu die neue Lex Incuria ein, von lateinisch incuria = nachlässig, mangelhaft, Mangel an Sorgfalt.

Dieses Gesetz wird Ungesundheitsframing verhindern. Dazu belegt die Lex Incuria entsprechendes Gelabere von Essenshütern jeglicher Provenienz mit schweren Strafen.

In Einzelfällen können, insbesondere gegen einflussreiche Verbände, Unternehmen, Behörden, Food-Aktivisten, NGOs oder Lobbyvereine, hohe Geldsummen auferlegt werden, zu überweisen auf das Sparschwein von Quarkundso.de.

Die ersten Mahnbescheide sind schon raus.

©Johanna Bayer

 

Viral um jeden Preis: Wie die Uni Freiburg mit Tiraden gegen Kokosöl einen Youtube-Hit landet

Eine rabiate Medizinerin wütet an der Uni Freiburg gegen Kokosöl, das Video von ihrem Vortrag geht viral, die Pressestelle platzt vor Stolz. Aber die Professorin hat komplett überzogen, dabei das Richtige verschwiegen und das Falsche maßlos dramatisiert. Darf man das?

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist von der Seite der Uni Freiburg verschwunden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Sieh mal einer an. Links s. unten

 

Kokosnuss ganz, zwei halbe Kokosnüsse und ein Glas mit reinem weißen Kokosnussfett

Kokosöl – so rein, so weiß und pures Gift: Kann das sein? Quarkundso.de klärt auf.

Youtube-Videos, die viral gehen, sind ohne Zweifel auch Medienphänomene und stehen daher auf der To-do-Liste von Quarkundso.de. Gerade hat zum Beispiel die Uni Freiburg einen Video-Hit auf Youtube gelandet, und zwar mit einem Vortrag über Superfood: seit Veröffentlichung im Juni schon über 1,3 Millionen Aufrufe.

Die Referentin ist Medizinerin, eine Prof. Dr. Dr. Karin Michels. Sie versprach, mit Ernährungsmythen aufzuräumen, insbesondere mit denen rund um Kokosöl.

Da strömte das Publikum nur so, und die hochdekorierte Medizinerin, die in Harvard studiert hat und dort auch lehrt, schoss gepfefferte Salven ab:

Kokosöl ist das reine Gift!

Kokosöl ist das Schlimmste, das Sie zu sich nehmen können!

Kokosöl ist gefährlicher für Sie als Schweineschmalz … weil es noch mehr gesättigte Fettsäuren hat.

Es ist ein hartes Fett und alles Feste geht direkt in Ihre Koronararterien.

Je mehr Kokosöl, je mehr verstopfte Herzkranzgefäße und die führen zum sicheren Herztod.

Es gibt nicht eine einzige Studie am Menschen, die eine einzige positive Wirkung von Kokosöl zeigt.

Das war ein Aufreger, ist doch Kokosöl nicht nur seit Jahrtausenden ein traditionelles Nahrungsfett in den Tropen, sondern neuerdings der Liebling der vegetarischen, veganen, cleanen und hippen Küche, in den Bioläden fest etabliert. Deshalb ist es sicher kein Wundermittel. Aber Gift?

Der SWR hat berichtet, der FOCUS, der Münchner Merkur, die HuffPost und ganz viele andere. Dazu kommt eine Flut von Mailanfragen an den Präsidenten der Uni Freiburg und die Leitung des Universitätsklinikums, wo Frau Prof. Dr. Dr. Michels tätig ist.

 

Frau Prof. Dr. Dr. widerspricht sich selbst

Natürlich ist Quarkundso.de von Fans gleich besorgt angefragt worden: Was da dran sein? Ob die Medizinerin Recht habe, und was wir davon halten?

Aber in die Falle gehen wir nicht.

Denn wir widersprechen auf keinen Fall Professoren und –innen, oder Leuten mit doppeltem Doktor.

Das lassen wir sie lieber selbst erledigen.

Frau Prof. Dr. Dr. musste nämlich nach ihren wüsten Ausfällen gegen Kokosfett zurückrudern: Sie hat ein ebenso zahmes wie verwirrendes und erstaunlich kurzes „Statement“ nachgeschoben, das jetzt beim Video im Netz steht.

Zu dieser Erklärung hat wohl die Unileitung oder die Pressestelle sie nachträglich aufgefordert, wegen der vielen Nachfragen und der Kritik. Doch in ihren „Erläuterungen“ klingt alles etwas anders.

Zum Beispiel so:

Der Konsum dieser Fettsäuren (aus Kokosöl, d. Red.) erhöht die Spiegel des schlechten LDL Cholesterins im Blut, was zum Herzinfarkt führen kann.
Laurinsäure (im Kokosöl) erhöht aber auch das gute HDL.

Genau gelesen? Ein erhöhter LDL-Spiegel KANN zum Herzinfarkt führen, schreibt sie jetzt.

Wir heben das absichtlich hervor, denn im Vortrag beschwor die Professorin dramatisch den sicheren Herztod herauf. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied.

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Im Übrigen ist ein erhöhter LDL-Spiegel keineswegs die Ursache für den Herzinfarkt, sondern nur ein Risikofaktor unter anderen. Auch das ist ein fundamentaler Unterschied.

Noch wichtiger ist, dass die wankelmütige Professorin plötzlich auch die günstige Wirkung der Laurinsäure aus dem Kokosöl auf das gute HDL-Cholesterin erwähnt. Dieses Eingeständnis findet sich nur im PDF, nicht im Vortrag.

Da heißt es vom Kokosöl, es sei „reines Gift“.

 

Butter für die Leber, Kokosöl für das Gehirn

Weiter geht es mit den Studien:

Studien, die zu diesem Thema durchgeführt wurden, verwendeten oft speziell hergestellte Öle aus 100 % mittelkettigen Fettsäuren, nicht das kommerziell erhältliche Kokosöl – also ein völlig anderes Produkt.

Ach, jetzt gibt es doch Studien? Ja, klar, die gab es auch vorher schon, das hätte Frau Prof. Dr. Dr. daher gleich in ihrem Vortrag erwähnen müssen.

Offensichtlich als Reaktion auf Kritik behauptet sie jetzt, dass die Spezialprodukte in bestimmten Studien nicht mit dem natürlichen Lebensmittel Kokosöl identisch sind.

Stimmt allenfalls teilweise. Denn erstens gibt es auch Humanstudien zu Kokosöl, insbesondere ganz neue zu Kokosöl zur Verbesserung von Alzheimer und Parkinson. Aber zweitens geht es tatsächlich in vielen Studien oft nicht um natürliche Lebensmittel.

Es ist nämlich für die Pharmaindustrie oder wer auch immer die Studien finanziert, höchst unergiebig, ein natürliches Nahrungsmittel zu testen. Das sind diffuse Gemische aus tausenden von Stoffen, von denen man nicht weiß, was genau wirkt.

Das aber wollen Forscher und Pharmaunternehmen – gezielt einen Wirkstoff finden.

Also engen sie die Auswahl auf Kandidaten ein, von denen man sich etwas verspricht. Das waren bei den Fettsäure-Studien die erwähnten mittelkettigen Fettsäuren. Deren Effekte hat man wissenschaftlich untersucht. Was Leber- und Magen-Darm-Erkrankungen angeht, konnte man die günstige Wirkung dieser Stoffe vor 25 Jahren dann wissenschaftlich bestätigen.

Seitdem werden Verdauungskranke mit diesen mittelkettigen Fettsäuren, sogenannten MCT-Fetten aus Spezialölen, in der Ernährungstherapie behandelt.

Die Laurinsäure, das Hauptfett im Kokosöl, gehört dazu. Zu rund 50 Prozent besteht Kokosfett aus Laurinsäure. Lustig, nicht wahr, dass das gut für Leber, Magen und Darm ist?

Ach so – früher hat der kundige Arzt seinen Leberkranken hierzulande, wo es weder Kokosöl noch moderne MCT-Öle gab, einfach die gute Butter verordnet. Die enthält auch viele MCTs und gesättigte Fettsäuren, für Magen-, Gallen- und Leberkranke sehr bekömmlich.

Das ist ganz besonders lustig, weil Butter ebenso wie Kokosöl von Frau Prof. Dr. Dr. inkriminiert wird.

 

Die amerikanische Krankheit: Obsession Herzinfarkt

Nun liegt es aber so, dass Krankheiten der Verdauungsorgane und der Leber nicht das Fachgebiet von Frau Prof. Dr. Dr. sind. Sie ist keine Internistin oder Ernährungsmedizinerin. Sie ist von Haus aus Gynäkologin und außerdem hat sie es mit Methodik und Statistik. Aber nicht mit Essen.

Umso erstaunlicher, dass sie sich so wüst zu einem traditionellen Nahrungsfett wie Kokosöl äußert.

Den Mut dazu gewinnt sie daraus, dass sie im Zusammenhang mit Frauenleiden epidemiologische Studien liest. Dort geht es um Prävention, und meist um die großen Volkskrankheiten – Krebs, Herzinfarkt, Diabetes, Übergewicht. Diese Studien liefern aber zu einzelnen Lebensmitteln allenfalls lose Korrelationen und nur sehr grobe Daten.

Für die gesamte Bewertung eines Nahrungsmittels und seiner Bedeutung für die menschliche Ernährung reicht das auf keinen Fall aus. Schon gar nicht bei einem Fett, das aus den Tropen stammt, wo über Jahrtausende Herzinfarkt und Diabetes nicht die größte Sorge der Menschen waren: Diese Krankheiten haben sie erst jetzt, seit sie auf die Nahrung der Industriestaaten umgestiegen sind. Mit viel „gesundem“ Pflanzenöl und vielen „wertvollem“ Getreide. Dazu, zur Gesundheit der Südseeinsulaner zum Beispiel, die traditionell viel Kokosöl verzehren, gibt es übrigens auch Studien.

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Interessanterweise ist aber das Schreckbild des Herzinfarkts der Punkt, um den die ganze Hysterie kreist: Denn wegen der – angeblichen – Risikoerhöhung bei Herzinfarkt verteufelt Frau Prof. Dr. Dr. Kokosöl, ebenso wie Butter und Schweineschmalz und überhaupt tierische gesättigte Fettsäuren.

Das lässt sich nur so erklären, dass sie durch ihre Arbeit in den USA von der amerikanischen Krankheit befallen ist: einer merkwürdigen Herzinfarkt-Hysterie beim Essen.

In den USA werden nämlich alle Lebensmittel sowie die gesamte Ernährung im Hinblick auf den Herzinfarkt beurteilt, weil man dort der Meinung ist, eine „gesunde“ und fettarme Ernährung könne den Herzinfarkt verhindern.

Umgekehrt wird der Herzinfarkt nahezu ausschließlich als Folge einer „ungesunden“ Ernährung betrachtet.

Rauchen, Bluthochdruck, Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress, Gene, Stoffwechselstörungen, also die richtig großen und wissenschaftlich anerkannten Risikofaktoren, die hohe Cholesterinwerte überhaupt erst gefährlich machen können?

Egal, Hauptsache, die Butter kommt vom Brot.

 

Fett als Feindbild und die Fakten

Diese grobe Verzerrung ist in Deutschland und dem Rest von Europa nicht üblich, mal abgesehen von ein paar Veganern oder Essgestörten im Magerwahn.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält sich inzwischen bedeckt: Nach Jahren der Fettverteufelung muss sie seit 2006 kleinere Brötchen backen, weil die wissenschaftliche Lage sie dazu zwingt. Denn es ist gar nicht sicher erwiesen, dass gesättigte Fettsäuren Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen.

Im Forschersprech: Die Evidenz dafür ist nicht sehr hoch.

Deshalb hat die DGE aus ihren 10 Regeln für Ernährung zum Beispiel die Behauptung gestrichen, dass zu viele gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt erhöhen und man unbedingt Fett sparen muss. Jahrelang stand das in der Fett-Regel, seit 2018 ist es weg.

Weil man aber nicht so leicht vom Feindbild Fett lassen kann, findet sich in den 10 Regeln immer noch was von ungünstigen Wirkungen gesättigter Fettsäuren auf die Blutfettwerte. Sicherheitshalber.

Gleichzeitig hat man die Argumentation umgestrickt: 2018 heißt es in den neuen 10 Regeln schlau, dass nicht die gesättigten Fettsäuren den Herzinfarkt auslösen – sondern dass weniger davon das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken können.

Vielleicht. Denn auch hier ist die Evidenz nicht sehr hoch.

Das bedeutet: Es ist nicht sicher erwiesen, dass weniger gesättigte Fettsäuren vor Herzinfarkt schützen. Es ist sogar so, räumt die DGE ein, dass es möglicherweise überhaupt keinen Zusammenhang gibt – weder zwischen gesättigten Fettsäuren und Herzinfarkt allgemein noch zwischen dem Austausch gesättigter Fettsäuren durch angeblich bessere Stoffe wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren aus Pflanzenöl.

Das alles steht in gewundenen Worten in der Fettleitlinie der DGE, einem Hintergrundpapier zur Forschungslage rund um Fett in der Ernährung. Und weil die Arbeitsgruppe umfassend die wissenschaftlichen Studien sondiert hat, ist die DGE gegenüber den Tiraden der Frau Prof. Dr. Dr. jetzt unsere Kronzeugin.

 

Nicht überzeugend: die Fettratschläge

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat nämlich in der DGE-Leitlinie zu Fett mal nachgelesen. Das war natürlich Schwerstarbeit: seitenweise verschlüsseltes Geheimvokabular, durch das man sich in Doppelschichten durchbuchstabieren musste.

Es ist aber gelungen, die brisantesten Stellen aus dem heißen Material herauszuziehen und hier zu übersetzen. Ergebnis: Was man der DGE nicht vorwerfen kann, ist, dass sie schwindelt oder was verschweigt, wie Frau Prof. Dr. Dr.

Nein, die DGE bleibt sauber und gibt den Stand der Forschung gewissenhaft wieder. Aus taktischen Gründen und mit festem Blick auf das Endziel – weg mit den gesättigten Fettsäuren, egal wie – allerdings von hinten durch die Brust ins Auge.

Dazu skandieren die beteiligten DGE-Wissenschaftler einen Kanon von möglichen Effekten bei Fetten durch. Aber an keiner Stelle können sie sagen, dass gesättigte Fettsäuren wissenschaftlich sicher belegt Herzinfarkt und koronare Herzkrankheiten auslösen oder auch nur das Risiko stark erhöhen.

In der Leitlinie Fett sieht das so aus:

Die Evidenz für eine primäre Prävention der KHK durch eine Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen PUFA wird als wahrscheinlich bewertet.

Das bedeutet: Wenn man gesättigte Fettsäuren (aus Butter, Fleisch oder Kokosöl) durch mehrfach ungesättigte (aus Fisch oder Nüssen) ersetzt, ist nicht sicher, dass sich ein Herzinfarkt verhüten lässt. Es ist nur wahrscheinlich, dass dadurch das allgemeine Risiko dafür sinkt.

Die höchste Evidenzstufe, bei der man von einem sicheren Beleg sprechen kann, wäre „überzeugend“.

„Wahrscheinlich“ ist nur die zweithöchste und zeigt, dass der Austausch der gesättigten Fettsäuren durch andere, für besser gehaltene, eben nicht sicher vor dem Herzinfarkt schützt. Genau gelesen? Fett austauschen schützt nicht.

Das bedeutet auch: Gesättigte Fettsäuren machen keinen Herzinfarkt.

 

Gesättigte Fettsäuren machen möglicherweise – gar nichts

Dann kommt noch eine interessante Wendung:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen MUFA oder Kohlenhydrate wird als möglich bewertet.

Hier geht es um die Kritik an der Fett-Hypothese. Und es bedeutet: Möglicherweise gibt es tatsächlich gar keinen Zusammenhang zwischen dem Herzinfarkt-Risiko und dem Versuch, statt gesättigter Fettsäuren zur Vorsorge mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Pflanzenöle) oder Kohlenhydrate zu sich zu nehmen.

Das heißt: Fett sparen und gesättigte Fettsäuren durch angeblich „gesunde“ Fette oder Kohlenhydrate zu ersetzen, ist vielleicht sogar kompletter Unsinn. Das kommt dann noch einmal:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA (ohne gezielten Austausch gegen andere Energieträger) wird als möglich bewertet.

Wie im Absatz vorher, nur stärker: Möglicherweise – dritte Evidenzstufe – gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen einem Risiko für koronare Herzkrankheiten samt Herzinfarkt und dem Weglassen von gesättigten Fettsäuren in der Ernährung.

Das ist schon ein ziemliches Zugeständnis und vielleicht deshalb so gut verschwurbelt und versteckt.

Denn es bedeutet: Die Kritiker der DGE und der Fetthysterie haben möglicherweise wirklich Recht. Und vielleicht muss die ehrenwerte Gesellschaft das irgendwann auch anerkennen: Es könnte sein, dass es überhaupt keine Folgen von gesättigten Fettsäuren für die Herzgesundheit gibt.

 

Was reitet Frau Prof. Dr. Dr.?

Stück Butter auf Backpapier, nah

Die gute Butter: Bekömmlich und gesund.

Die steilen Parolen von Frau Prof. Dr. Dr. sind damit komplett erledigt, das sollte damit klar sein.

Die Frage ist, was die Frau geritten hat.

Dazu hat der Pressesprecher der Universität Freiburg ein erfrischend offenes Statement abgegeben.

Ob der großen Aufmerksamkeit platzte er schier vor Stolz, und freute sich über tausende von neuen Abonnenten für seinen Videokanal, ein richtiger Social-Media-Erfolg, super für das Haus.

Man kann es so sehen. Das ist dann wie bei den Klatschblättern, die unentwegt Falschmeldungen zu Schwangerschaften, Scheidungen und Krankheiten verbreiten, obwohl die Redakteure genau wissen, dass alles erfunden ist.

Der Medienblog Topfvollgold.de beschreibt das so:

„Brot und Butter der Klatschblätter ist die Unterstellung, die Irreführung …

Diese Form der hysterischen Dramatisierung ist die Domäne der Regenbogenpresse, die bevorzugt Begriffe wie “Frau”, “Gold”, “Freizeit” und “Aktuell” im Titel trägt. …

Aber es ist unbestreitbar (…), dass die Regenbogenpresse regelmäßig die Grenze von der Irreführung zur glatten Lüge überschreitet, dass sie Persönlichkeitsrechte missachtet, Menschen verleumdet und öffentliche Pranger baut.“

Mit exakt derselben hysterischen Dramatisierung hat sich nun die Universität Freiburg in Gestalt der Institutsleiterin Michels, Prof. Dr. Dr., präsentiert. Das Opfer am Pranger ist das Kokosöl, die Leidtragenden sind die Verbraucher und Patienten.

 

Erfolg im Netz: Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Denn der von sich selbst begeisterte Pressesprecher zahlt für seine Videoabonnenten einen Preis: Es sind schwere Kollateralschäden bei der verunsicherten Bevölkerung, die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft und Universitäten betreffend.

Denn jetzt fragen Menschen, was mit dem Kokosöl und der Butter ist. Kann man das überhaupt noch essen? Oder fällt man – Gift! Sicherer Herzinfarkt! – tot um? Wenn eine Harvard-Professorin mit zwei Doktortiteln so etwas sagt, dann muss da doch was dran sein? Die Universität wird doch wohl wissen, was sie tut?

Anscheinend nicht. In Freiburg hat man nur blindwütig agiert, um Aufmerksamkeit zu heischen.

Der Skandalvortrag steht trotz der offensichtlichen Falschaussagen auch noch im Netz. Und die Lässigkeit, mit der die rabiate Medizinerin ein paar Sätze nachschiebt, ohne zu begründen, warum sie das Richtige verschwiegen und das Falsche völlig überzogen hat, ist bemerkenswert.

Auch ist sie peinlich. Der Pressesprecher des Universitätsklinikums dazu:

„Wir freuen uns, dass wir Dank der sozialen Medien den Inhalt einer öffentlichen Veranstaltung so vielen Menschen zugänglich machen können“, sagt Benjamin Waschow, Leiter der Unternehmenskommunikation des Universitätsklinikums Freiburg.

„Wir haben mit dem Thema wohl einen Nerv getroffen. Dass das Thema kontrovers diskutiert wird, nehmen wir als universitäre Einrichtung als Bereicherung wahr.“ Das Universitätsklinikum Freiburg ist seit mehreren Jahren in den sozialen Medien sehr aktiv. Der Facebook-Auftritt und der Youtube-Kanal des Universitätsklinikums Freiburg gehören zu den erfolgreichsten unter den deutschen Universitätskliniken.“

 

Toll gemacht. Aber seriös ist anders.

@Johanna Bayer

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist auf der Seite der Uni Freiburg nicht mehr zu finden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Überraschung! 

Unter diesem Link mit der Pressemitteilung war das Video – zack, weg.

Aber auf Youtube hat jemand den Ausschnitt reingestellt: Ausschnitt aus dem Video Uni Freiburg auf Youtube, Vortrag von Prof. Dr. Dr. Karin Michels zu Superfood und Kokosöl

Kanal der Uni Freiburg auf Youtube: nichts mehr von Frau Michels über Kokosöl

PDF mit „Statement“ von Michels zum Vortrag

Pressemitteilung der Universität Freiburgvorher mit Video, jetzt ist es gelöscht.

Ausführliche Gegendarstellung mit Forschungsbelegen gegen die Behauptungen von Prof. Dr. Dr. Karin Michels auf dem Portal für Sporternährung von Dr. Feil

Die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder mit einer Kritik der Kritik an Kokosöl

Buchempfehlung zum Nachlesen: „Mehr Fett!“ von Ulrike Gonder und Nicolai Worm, Systemed Verlag 2010

 

Hier noch ein Auszug aus einem früheren Beitrag von Quarkundso.de zu Kokosöl und der Position der American Heart Association (AHA) von 2017.

Die AHA hatte 2017 sowohl vor Kokosöl als auch vor Butter und gesättigten Fettsäuren gewarnt. Wie man sieht, folgt Prof. Dr. Dr. Michels aufs Haar genau dieser US-Doktrin, was zeigt, dass sich ihr wüster Vorstoß tatsächlich direkt aus der amerikanischen Perspektive nährt. 

Aus dem Beitrag „BRIGITTE – online first und Chaos mit Kokosöl“

Quarkundso.de, das Ernährungsportal Ihres Vertrauens, sieht sich demselben Druck ausgesetzt wie die billigen Online-Angebote – wir stehen nämlich auch unter dem Zwang, Nutzwert zu liefern und alles leicht, in Häppchen und verständlich zu servieren.

Daher kurz zur Sache: Was ist jetzt mit dem Kokosöl und der AHA?

– Die American Heart Association (AHA) hat am 26.6.2017 eine allgemeine Empfehlung zu Nahrungsfetten herausgegeben. Diese hat sich nicht ausschließlich mit Kokosöl beschäftigt. Es ist ein Positionspapier zu gesättigten Fettsäuren und Nahrungsfetten allgemein. Darin hat die AHA den kompletten Forschungsstand zusammengefasst, bis hin zu Fütterungsversuchen mit Affen und Studien aus den letzten 60 Jahren Forschungsgeschichte.

– Alles, was sie in ihrer Empfehlung schreibt, ist bekannt und nichts als die Wiederholung der alten amerikanischen Fett-Doktrin: Raus mit den gesättigten Fettsäuren aus der Nahrung! Diese Doktrin vertritt man in den USA schon seit den 1950er Jahren. Immerhin erwähnt die AHA nebenbei korrekt, dass es heute keine Begrenzung der Fettmenge in der Nahrung mehr gibt und dass, Achtung, der Ersatz von Fett durch Kohlenhydrate und Zucker negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Dass Kokosöl wegen der ungesättigten Fettsäuren angeblich ungünstig ist, steht aber auch schon in den amerikanischen Ernährungsempfehlungen von 2010, den Dietary Guidelines.

– In dasselbe Horn – gegen das Kokosöl – stoßen auch andere Institutionen wie 2016 die British Nutrition Foundation, eine nationale Ernährungseinrichtung in England – wieder ohne Zweifel ein Land mit höchster Ernährungskompetenz.

– Hintergrund ist natürlich, dass es in der Wissenschaft seit Jahren immer mehr Stimmen gibt, die traditionelle Nahrungsfette mit einem natürlichen Gehalt an gesättigten Fetten rehabilitieren. Die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Butter wurde vom TIME MAGAZINE schon 2014 auf den Titel gehievt („Eat Butter!“). Milchfett, das viele gesättigte Fettsäuren enthält, ist inzwischen schwer im Aufwind: Nein, es verursacht keinen Herzinfarkt und führt auch nicht langfristig zu schlechteren Cholesterinwerten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, speziell Milchfett wirkt sich günstig aus auf den Cholesterinspiegel und bei vielen Krankheiten aus. Kokosöl ist das neue Lieblingskind der Fettfreunde, und es werden ihm viele günstige Wirkungen auf Stoffwechsel, Gehirn und Immunsystem nachgesagt. Interessant ist das allemal, beinhart bewiesen aus Sicht der Kokos-Kritiker nicht.

– Es ist aber in dieser Lage barer Unsinn, was in der – von den Nachrichtenagenturen erfundenen Überschrift – steht: „Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter!“. Erstens ist Butter nicht ungesund, siehe oben. Zweitens hat selbst die AHA nicht gesagt, dass Kokosöl „so ungesund ist wie Butter“. Im Papier steht, dass das Austauschen von Butter gegen Kokosöl wegen des hohen Anteils von gesättigten Fettsäuren nicht das bringt, was man sich erwartet, da beide viele gesättigte Fettsäuren enthalten.

– Allerdings rät die AHA in ihrer Stellungnahme tatsächlich rundheraus von Kokosöl ab, und zwar nicht, weil Studien erwiesen hätten, dass Kokosöl Herzinfarkt und Schlaganfälle auslöst. Oder weil Menschen, die traditionell viel Kokosöl konsumieren – etwa in den Tropen – besonders oft an diesen Krankheiten sterben. Das ist nämlich nicht der Fall. Nein, es ist ein rein theoretischer Befund, eine Interpretation nicht über das Lebensmittel Kokosöl, sondern über isoliert betrachtete gesättigte Fettsäuren:

„Clinical trials that compared direct effects on CVD of coconut oil and other dietary oils have not been reported. However, because coconut oil increases LDL cholesterol, a cause of CVD, and has no known offsetting favorable effects, we advise against the use of coconut oil.”

– Das ist ein dicker Hund und die Freunde der Kokosnuss laufen Sturm dagegen. Sie betonen, dass weder den gesättigten Fettsäuren an sich, und schon gar nicht den traditionellen Nahrungsfetten in der Forschung wirklich nachgewiesen werden konnte, dass sie Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen. Tatsächlich ist die Interpretation der AHA nur die Sicht aus einer bestimmten Brille. Selbst die traditionell behäbige deutsche DGE konnte nicht umhin, anlässlich ihrer Fettleitlinie zuzugeben, dass gesättigte Fette nicht Schuld sind an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderem. Das liest sich einigermaßen verwirrend:

FAQ zur Leitlinie Fett der DGE“

1. Welche Krankheiten thematisiert die Leitlinie und warum?
Die Leitlinie thematisiert Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Metabolisches Syndrom, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Krebskrankheiten, weil sie zu den häufigsten chronischen Krankheiten in Deutschland zählen. Aus Kapazitätsgründen konnte die Leitlinienkommission nicht alle Krankheiten, bei denen die Fettzufuhr eventuell relevant ist, berücksichtigen.
(…)

4. Sind gesättigte Fettsäuren schlecht?
Eine hohe Zufuhr von gesättigten Fettsäuren erhöht die Gesamt- und LDL-Cholesterolkonzentration im Blut, ist aber bei den hier betrachteten Krankheiten mit keinen weiteren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden. Durch den Austausch von gesättigten durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren lässt sich allerdings das Risiko für Fettstoffwechelstörungen und die koronare Herzkrankheit senken. Deshalb empfiehlt die DGE, die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren … zu senken.“
(Ende Zitat DGE)

– Wo der Hund begraben liegt, ist also bei den von der AHA zitierten Studien zu Herzinfarkt und Schlaganfall im Verhältnis zur Aufnahme von gesättigten Fettsäuren. Sagen die was aus oder nicht? Sagen die Fütterungsversuche an Rhesusaffen was aus oder nicht? Zwar konnte bei Menschen mit Risikofaktoren konnte festgestellt werden, dass ihre schlechten Werte sich verbesserten, wenn sie gesättigte Fette verminderten und gegen ungesättigte Fettsäuren eintauschten. Im Klartext: Der LDL-Spiegel bei kranken Risikopatienten sank, die übergewichtig und fehlernährt waren, schon einen Herzinfarkt erlebt hatten oder eine koronare Herzkrankheit hatten. Auch sanken bei Studien mit solchen Gruppen die Raten für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Doch gerade die erwähnten finnischen Studien sind auf andere Länder nicht übertragbar, denn in Finnland gibt es eine genetische Häufung von frühen Herzinfarkten und hohem LDL. Und allgemein ist die Krux: Solche Studien mit Patienten sagen nicht wirklich etwas über Gesunde und die Zuträglichkeit der Lebensmittel aus. Ein kranker Körper funktioniert anders.

– In allen Interventionsstudien, die die AHA nennt, wurden die Nahrungsfette bei Menschen ausgetauscht, die gleich mehrere Risikofaktoren hatten. Dazu zählen auch Entzündungen im Körper, die inzwischen als die wahren Ursachen für Herzinfarkt und Schlaganfall gehandelt werden. Für allgemeine Ernährungsratschläge taugt so etwas also nicht. Und schon gar nicht für den Umgang mit einem traditionellen Nahrungsmittel wie Kokosöl. Man müsste sonst Millionen von Menschen in den Tropen ihre Esskultur und ihr Ernährungswissen absprechen. Das können sich die dicken Amis und Engländer mit ihrem Industriefraß weiß Gott nicht erlauben, um es mal ganz vorsichtig à la Quarkundso.de auszudrücken.

Damit sind wir mit unserer Weisheit aber auch am Ende.

Die Freunde der Kokosnuss wissen mehr, namentlich die großartige Ulrike Gonder, deutsche Expertin in dieser Sache. Links im Nutzwert-Teil ganz unten.

Weil bei Online aber immer das Persönliche zählt, gesteht die Chefredaktion von Quarkundso.de noch, dass sie an Fett nicht spart und sich obendrein jeden Tag einen Löffel voll mit nativem Bio-Kokosöl genehmigt. Das soll gut sein fürs Gehirn, und übrigens auch fürs Immunsystem.

Die Cholesterinwerte der gesamten Chefredaktion, namentlich der #Fettbeauftragten, entsprechen dabei denen eines neugeborenen Babys.

Kein Witz. Wir können daher den Konsum von Butter, Vollmilch, Sahne, Schweineschmalz und lecker Kokosöl nur empfehlen. Aber auf uns hört ja keiner.

©Johanna Bayer