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Die SZ kritisiert eine Studie zur Ernährung methodisch – aber was soll das Ganze eigentlich?

Der Chef des Wissenschaftsressorts bei der SZ, Werner Bartens, zerreißt eine Ernährungsstudie wegen ihrer Methodik. Richtig so – doch der wahre Sinn oder Unsinn dieser Forschung bleibt verborgen. Quarkundso.de enthüllt, worum es wirklich geht und wer aus welcher Ecke schießt.

Spaghetti mit Hackfleischsoße

Spaghetti Bolognese schmecken einfach zu gut – lieber nicht essen?

Werner Bartens von der SZ ist einer der großen alten Männer der Ernährungskritik, genauer: der Kritik an den Ernährungswissenschaften überhaupt.

Deren Arbeit hält er für nicht aussagekräftig bis irreführend, ihre großen Beobachtungsstudien für sinnlos, allgemeine Ernährungsratschläge für Humbug.

Er ist nicht der Einzige, der so denkt, die Position teilt er sich mit Udo Pollmer und noch ein paar notorischen Nörglern. Auch Quarkundso.de gehört im weitesten Sinn zur Nörgel-Fraktion, daher sind wir meistens auf der Seite von Werner Bartens.

Da unsere Kernkompetenz aber das Nörgeln in alle Richtungen ist, hatten wir auch Herrn Bartens schon vor der Flinte. Der Artikel „Stuss mit Nuss“ etwa, in dem er die Ernährungsforschung generell abwatscht, ist zu pauschal und trifft die Falschen – denn die emsigsten Experimentierer sind Ärzte, nicht Ernährungswissenschaftler (hier bitte nachlesen, wird abgefragt).

 

Der wahre Unsinn bleibt versteckt

Aber immer nur Mosern bringt nichts, man muss auch mal konstruktiv sein und assistieren.

Denn Bartens hat in der SZ gerade eine Ernährungsstudie aus den USA zu Recht kritisiert. Nur wollte er es nicht zu kompliziert machen und ist weder ins Detail gegangen noch hat er den wahren Sinn und Unsinn der Studie enthüllt. Er begnügt sich mit dem üblichen Zerreißen von Zahlen und Versuchsdesign.

Das erfüllt zwar seinen Zweck: beim SZ-Leser Zweifel an dieser Art von Studien zu säen. Aber es fehlt die Erklärung, warum in solche Forschung Millionen gesteckt werden.

Das fragen sich die Leser sicher, wie jeder vernünftige Mensch, der wissen will, warum abstrus wirkende Versuche finanziert werden, nicht aber Kindergartenplätze, Lesebrillen oder Radwege.

Diese Kärrnerarbeit muss mal wieder Quarkundso.de übernehmen, wie so oft, wenn die anderen sich die Arbeit nicht machen wollen.

Allerdings lohnt sich es sich diesmal. Denn in Rede stehen Annahmen, die nicht nur ein paar Studiendesigns, sondern ganze Debatten über Ernährung bestimmen. Sie wuchern im Internet und haben sich in den Köpfen dauerhaft eingenistet, als wirkmächtiges Denkschema.

Daher springen wir Herrn Bartens mit ein paar zusätzlichen Infos zur Seite – schließlich zieht die Nörgelfraktion an einem Strang.

 

Western Diet: viel Fett, Zucker und Fleisch

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Hier erstmal die dürren Fakten: Eine Wissenschaftlerin hat an der Wake Forest University im Süden der USA mit knapp 40 Affenweibchen einen Nahrungstest gemacht. Die Hälfte der Gruppe bekam Futter, das wie die typisch amerikanisch-urbane Ernährung zusammengestellt war, mit viel tierischem Fett, tierischem Eiweiß, Zucker, Salz, Maissirup, Maisöl, Milch, Schmalz und Butter.

Unter Forschern heißt das auch „Western“ oder „Cafeteria Diet“ und beschreibt laut Shively das, was Amerikanerinnen im Allgemeinen so zu sich nehmen (WEST-Futter).

Wohlgemerkt: Amerikanerinnen.

Die andere Gruppe bekam Nahrung, die eine „mediterrane Ernährung“ simulieren sollte (MED-Futter). Also irgendwas vom Mittelmeer – wie man es sich in den USA vorstellt: hauptsächlich Pflanzliches; darunter viel Obst, Nüsse, Gemüse, etwas Fisch, wenig Fleisch und sehr viel Olivenöl.

Wohlgemerkt: Wie man es sich in den USA vorstellt. Nicht, wie man in Italien, Südfrankreich oder Spanien wirklich isst. Bekanntlich sieht das sehr anders aus.

Ergebnis: Diejenigen Äffinnen, die die „Western Diet“ bekamen, fraßen mehr, wurden dicker und entwickelten öfter Fettlebern und Diabetes Typ 2. Die Tiere, die das angebliche Mittelmeerfutter bekamen, fraßen nicht ganz so viel, nahmen nicht ganz so arg zu und bekamen nicht so oft eine Fettleber.

 

Fragen an die Forschung: Was soll das?

Werner Bartens dekliniert dazu nun die bekannte Mängelliste herunter:

Von Tieren kann man nicht auf Menschen schließen.

Es waren viel zu wenige Affen, 38 insgesamt. Das sind nur wenige Tiere oder Probanden pro Gruppe, daher nicht aussagekräftig.

Die Versuchszeit war zu kurz.

Die Lebenszeit von Affen entspricht nicht der von Menschen.

Es sei nur ein Aufblasen der Statistik, wenn die Forscher etwa die Lebenszeit der Affen in die von Menschen umrechnen. Und eine so kleine Probandenzahl reiche heute nicht einmal für eine normale medizinische Doktorarbeit, höhnt Bartens.

Tja. Speziell Letzteres stimmt nicht. Studien mit kleinen Probandenzahlen können sehr wohl solide gemacht sein und sind gerade bei biologischen und physiologischen Effekten sogar üblich.

Aber es drängt sich auch die Frage auf, ob die Forscherin, die das Experiment geleitet hat, die Kritikpunkte nicht selbst hätte bedenken können. Treibt man jahrelang Studien und bringt unschuldige Tiere um, weil man nicht kapiert hat, dass Affen keine Menschen sind?

Noch dazu ist die Arbeit in einem renommierten wissenschaftlichen Journal erschienen, in „Obesity“, und von der obersten nationalen Gesundheitsbehörde der USA, dem NIH, finanziert worden. Erste Adresse, landesweite Bedeutung.

Warum also gibt es solche teuren Versuche? Ging es wirklich darum, die „Überlegenheit der mediterranen Ernährung“ zu beweisen, wie es im Teaser zum Artikel in der SZ heißt? Die ist doch längst bewiesen, oder nicht?

 

Tiermodell statt Menschenversuch

Das plumpe Bashing, mit dem sich Herr Bartens begnügt, erhellt die Lage nicht. Daher hat sich die Rechercheabteilung von Quarkundso.de dahinter geklemmt.

Folgendes kommt ans Licht: Carol A. Shively, Leiterin der Studie, ist keine Ernährungswissenschaftlerin. Sie ist Ärztin und spezialisiert auf Neurowissenschaften. In erster Linie beschäftigt sie sich mit dem Gehirn, dem Belohnungssystem und dazugehörigen Botenstoffen.

Auf diesem Feld ist sie auch Expertin für „Tiermodelle“, wie es im Jargon so schön heißt. Das sind Versuchstiere, die auf bestimmte Eigenschaften gezüchtet werden, die auch Menschen haben und an denen man Medikamente, Ernährungsweisen, Therapien oder Haltungsbedingungen testen kann, als Modell eben.

Für allerlei Forschungsvorhaben, gerne auch zur Gesundheit von Frauen, verwendet Shively Makaken, meerkatzenartige Primaten. Deren Gehirne, Verhalten und Stoffwechsel ähneln viel mehr dem Menschen als bei Mäusen und Ratten, die sonst für Versuche herhalten müssen.

Und Shively hat schon eine ganze Reihe von Versuchen an diesen Primaten gemacht, sogar in Nature publiziert, dem wichtigsten Forschungsmagazin der Welt. Dumm ist sie also nicht, methodisch kann sie was, ihre Affenmodelle sind etabliert. Grobe Fehler kann man ihr kaum vorwerfen.

 

Um Essen wie am Mittelmeer geht es nicht

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Wenn man sich also anschaut, was die Wissenschaftlerin sonst so treibt, ahnt man, welche Stoßrichtung die Studie hat: Es geht nicht wirklich um Essen wie am Mittelmeer.

Stattdessen geht es um Überfressen in den USA. Und um Auslöser, die dazu verführen, mehr zu essen als gut ist, und zwar speziell bei Frauen im mittleren Lebensalter.

Im Klartext: Im Hintergrund geht es um Sucht.

Das ist ein Spezialgebiet von Shively, sie beschäftigt sich besonders mit dem Belohnungssystem im Gehirn und seiner Rolle bei Depression; Stress und Sucht.

Und so hat sie auch die Studie angelegt: Die Ergebnisse sollen dazu beitragen, Überfressen („hyperphagia“) und übermäßige Kalorienaufnahme („increased caloric intake“) zu beleuchten und zu erklären, so steht es auch im Studienpapier.

Was nun die amerikanischen Frauen im mittleren Lebensalter angeht, die als Folie für das Versuchsdesign herhalten mussten: In dieser Gruppe sind Übergewicht ebenso wie Depressionen häufig, Stress spielt eine Rolle und sowohl Ärzte als auch Sozialarbeiter versuchen verzweifelt, der Gesundheit zuliebe wenigstens am Essverhalten der Betroffenen zu schrauben.

Aber alle scheitern seit Jahrzehnten daran – und Carol A. Shively hat sich scheinbar in den Kopf gesetzt, den Grund im Essen zu finden. Genauer: an Stoffen im Essen, an seiner Zusammensetzung. Und am Geschmack: Wohlgeschmack triggert das Belohnungssystem. Unter Umständen kann das zu suchtartigem Verhalten – Überessen – beitragen.

 

Was nicht schmeckt, hält schlank – logisch

Diese Vorstellung Shivelys erwähnt Werner Bartens auch in seinem SZ-Artikel, dazu zitiert er am Ende ein Interview mit der Forscherin zu ihrem Fütterungsexperiment:

„Die westliche Diät wurde von der Industrie entwickelt, die ihre Erzeugnisse besonders schmackhaft macht, sodass wir zu viel davon essen“, lässt sich Carol Shively zitieren, die Hauptautorin der Studie. „Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse die Menschen ermutigen, sich gesünder zu ernähren.“

Eine markante Position. Zu Ende gedacht würde sie bedeuten. dass man lieber Dinge essen sollte, die nicht so gut schmecken, damit man schlank bleibt – eine schier übermenschliche Forderung, die jeder biologischen und kulturellen Grundlage entbehrt.

Denn Geschmack in tote Dinge wie Gemüse, Körner oder rohes Fleisch zu bringen, war ein Motor der menschlichen Evolution. Es wird nie gelingen, Menschen dazu zu bewegen, von sich aus zu essen, was ihnen nicht schmeckt, weil das angeblich schlank macht – außer man zwingt sie dazu.

So ging es den Makaken im Labor: Sie hatten keine Alternative. Sie mussten das Zeug fressen.

 

Mütter, Omas, Köche, Konditoren: Sie bringen uns um!

Omas Himbeertorte: absichtlich besonders schmackhaft. Aus Liebe.

Der Vorwurf an die Industrie, sie würde Lebensmittel absichtlich besonders schmackhaft machen, damit Menschen zu viel davon essen, ist erst recht sinnlos.

Man müsste genau denselben Vorwurf in erster Linie an Mütter und Omas richten, die ihre Lieben verwöhnen, und natürlich an alle meisterhaften Köche, Bäcker und Konditoren auf der Welt.

Folgt man aber den Gedanken von Shively konsequent, bleibt der Schluss:

Essen wie am Mittelmeer, das in der Studie – angeblich – getestet wurde, schmeckt nicht so gut wie industriell gefertigtes Fastfood aus der amerikanischen Industrie.

Deshalb essen Affen – und Menschen – nicht so viel davon und bleiben schlank.

Der Gedanke ist natürlich komplett abstrus. Aber das ist die Logik.

Nur weiß jeder, dass das Essen am Mittelmeer ganz besonders köstlich ist und deshalb einen Siegeszug rund um den Globus angetreten hat.

 

Von wegen Mittelmeer-Diät

Liest man daraufhin das Papier der Forscherinnen noch einmal genau durch, dann zeigt sich: Das MED-Futter für die Affen entspricht gar nicht der echten Kost in Mittelmeerländern.

Es wurde für die Studie eigens entwickelt. Und enthielt konzentriertes Pulver aus Walnüssen, Extra-Portionen an Olivenöl, es war sehr speziell zusammengestellt – ein Kunstfraß, überwiegend vegetarisch, orientiert unter anderem an griechisch-orthodoxen Fastenspeisen, ohne Wein (!) und angereichert mit hohen Dosen von Superfoods, die so in der echten mediterranen Ernährung gar nicht vorkommen.

Diese Mischung wurde, berichten die Autoren, vor dem Versuch zwei Jahre lang darauf getestet, ob sie den Affen schmeckt. Das hat wohl nicht ganz geklappt: Nicht weniger als fünf Tiere im Versuch machten nicht mit, drei gingen sogar ein – alle scheinbar in der MED-Gruppe.

Dass das wohlschmeckende WEST-Futter Affen dazu animiert, viel davon zu fressen und dass in der MED-Gruppe die Tiere insgesamt weniger dick wurden, ist dann nicht mehr schwer nachzuvollziehen. Bei Menschen würde mit Sicherheit Ähnliches herauskommen.

 

Macht dick, was schmeckt?

Hamburger mit Pommes frites

Schmeckt Fastfood wirklich besser? Das ist die Frage

Wenn aber das WEST-Futter im Experiement, die industrielle „Cafeteria-Diet“, besser schmeckte als das künstliche MED-Futter und die Affen in der WEST-Gruppe deshalb mehr gefressen haben, was sind dann die Folgerungen aus der Studie?

Was schmeckt, macht dick?

Wenn etwas schmeckt – iss es nicht?

Was nicht schmeckt, ist gesund?

Wenn etwas nicht schmeckt – unbedingt essen?

Und in letzter Konsequenz: Wenn Menschen essen, was ihnen schmeckt, muss man sie dann dazu zwingen, etwas zu essen, was ihnen nicht schmeckt? Wegen der Gesundheit?

Das ist alles ist biologischer und psychologischer Unsinn. Außerdem zeigen gerade die echten Mittelmeerbewohner mit ihrem grandiosen Essen: Was schmeckt, muss nicht dick machen! Man kann damit sein Gewicht halten, gesund bleiben und länger leben als anderswo.

 

Einheitsfraß aus der Retorte

Was angesichts dieses Experiments aber aufscheint, ist die Horror-Vision von einem Einheitsfraß aus dem Labor: eine einzige, „gesunde Ernährung“ für alle; eine normierte pflanzliche Kost, im Labor angereichert, die sicherheitshalber nicht so gut schmeckt, damit Menschen nicht zu viel davon essen.

Es gibt tatsächlich nicht wenige, die solche asketischen Diktatorenfantasien haben: Bekannte Größen der Ernährungsszene schwärmen von Buchweizengrütze und Steckrüben wie im Krieg, andere von veganen Imitaten und Rohkost für alle, damit die angeborene Lust auf Fleisch und Fett gar nicht erst aufkommt.

Auch die Verschwörungstheorie, dass die Industrie absichtlich Superreize ins Essen mischt, um Menschen abhängig zu machen, gehört in dieses Denkschema.

Sie ist weit verbreitet und extrem hartnäckig. Spätestens seit dem Film „Supersize me“ ist die halbe Welt davon überzeugt, dass Fastfood süchtig macht, entweder, weil es den Geschmackssinn besonders anregt oder weil Suchtstoffe reingemischt werden; zu den üblichen Verdächtigen gehören Glutamat und Zucker.

Zwar ist wissenschaftlich längst geklärt, dass nichts davon stimmt.

Aber viele Aktivisten aus der Verbraucherschutzszene hängen an ihrem Feindbild, einzelne Autoren und Verbände machen den Generalverdacht sogar zu ihrem Glaubenssatz: „Die Industrie macht uns süchtig und krank!“.

Dabei ist schon die Grundannahme falsch: dass das industrielle Essen besonders gut schmeckt.

Sie ist sogar grundfalsch. Frisch gekochtes Essen ist Fertiggerichten immer überlegen. Fastfood, Frittiertes, Cola und überzuckerter Süßkram sind auf die Dauer extrem öde und geradezu abstoßend, wenn man die Alternative kennt: echtes Essen.

 

Affen essen anders

Makaken oder Menschen – darin sind sie gleich: Wenn sie dick werden, werden sie krank.

Wem das Industriezeug besser schmeckt, so dass er oder sie sich systematisch damit überfrisst, hat Probleme, die mit Essen nichts zu tun haben. Eher mit Armut, mangelnden Alternativen, Arbeitslosigkeit, Drogen, Depression oder Gruppendruck.

In diesem Punkt hat Werner Bartens Recht, der davor warnt, solche Tierversuche einfach auf den Menschen zu übertragen.

Denn erstens werden die Affen nicht artgerecht gefüttert in diesen Experimenten und wurden es auch nicht bei Carol Shively – kein Wunder, dass sie krank werden.

Vor allem aber können die Faktoren, die dazu führen, dass Menschen sich so einseitig ernähren wie gewisse Bevölkerungsgruppen in den USA, in Studien kaum nachgebildet werden.

Wenn man aber akzeptiert, dass die Makaken der Forscherin Shively als gutes Modell für den Menschen dienen, wie es Forscher weithin tun, dann bedeutet das am Ende: Der gesündeste Einheitsfraß nützt nichts, wenn man dick ist.

 

Das Problem ist das Übergewicht

Das zeigt die Studie nämlich, wenn man ein Detail beachtet: Die Äffinnen von Carol A. Shively waren schon übergewichtig, bevor der Versuch überhaupt losging. Sie kamen schon mit BMI 40 und Leberverfettung ins Labor.

Schließlich sollten sie als Modell für menschliches Übergewicht dienen, also wurden fettleibige Affen geliefert. Dazu kam das kalorienreiche Futter im Test, für beide Gruppen übrigens gleich kalorienhaltig und mit gleichem Fettanteil, nur aus unterschiedlichen Quellen. Da wurden alle Tiere noch dicker, ob WEST – oder MED-Gruppe.

Die Gruppe mit dem Mittelmeerfutter verlor nämlich keineswegs Gewicht. Sie nahm ebenfalls zu, wenn auch nur leicht. Trotzdem litten auch die MED-Tiere an den bekannten Folgen: Diabetes Typ 2, metabolisches Syndrom, Fettleber. Stimmt schon, etwas weniger als bei den anderen, und der eine oder andere Wert war etwas günstiger.

Aber sie fraßen auch nicht ganz so viel – das lag vielleicht am Geschmack des Retortenfutters. Tatsächlich heilte die MED-Diät die vorhandenen Fettlebern nicht, sie führt dazu, dass das Leberfett um 14 Prozent weiter anstieg.

So bleibt am Ende ein solider Befund, der für Affen und Menschen gilt: Wenn sie dick werden, werden sie krank.

©Johanna Bayer

 

Werner Bartens in der SZ: „Gib dem Affen Oliven“

Sciencedaily-Interview mit Carol A. Shivers

Originalstudie von Shivers et.al. 2019

Quarkundso.de zur Generalkritik von Werner Bartens an den Ernährungsstudien: Vorsicht, der Mann ist Arzt!

 

 

Der Deutschlandfunk verspricht: Langes Leben durch Fasten! Schön wär`s.

 

Beim Deutschlandfunk versprechen die Onliner ein längeres Leben durch Fasten, und zwar durch religiöses Fasten. Das sollen Studien gezeigt haben. Aber die Studie, um die es geht, gibt es noch gar nicht – eine Fingerübung zu Online-Teasern.

 

Moschee Istanbul in der Abenddämmerung

Moschee in Istanbul – Fasten wie die Moslems und länger leben? Beim Deutschlandfunk glaubt man daran.

 

Es ist Fastenzeit und wir müssen dazu was bringen. Denn was soll die ganze Bloggerei, wenn man nicht aktuell und vorne mit dabei ist? Aber dieses Aktuelle ist ein wahnsinniger Druck. Und alle anderen waren schneller, sie haben ihre vorbereiteten Fastenstorys gleich am Aschermittwoch rausgehauen.

Wir klappern jetzt mit einer kleinen Fingerübung hinterher, diesmal aus dem Bereich Online-Fallen: „Wenn der Teaser daneben geht“.

Diesmal ist der Deutschlandfunk (DLF) dran, ganz neu auf Quarkundso.de.

Der Sender hat auf Facebook nämlich gleich am Aschermittwoch, dem 6. März, einen Beitrag zum religiösen Fasten lanciert. Und im Vorspanntext für Facebook stand das glatte Gegenteil dessen, was im Beitrag und von den Experten gesagt wird.

Das ist ein Klassiker. Einerseits.

Andererseits steckt mehr hinter dem kleinen Fauxpas, als man den wenigen Zeilen anmerkt.

Dazu gleich mehr.

 

Der Teaser als Lockstoff

Erstmal stellen wir klar: Fehler in Teasern passieren.

Natürlich sind die schlecht ausgebildeten und noch schlechter bezahlten Onliner Schuld. Da will man gerne nachsichtig sein.

Aber Vorspänne sind enorm wichtig, gerade im Netz. Hier müssen Klicks generiert und Leser gebunden werden. Wer da sachlich patzt oder mit dümmlichem Clickbaiting nervt, hat verloren, das ist bekannt.

So ist es nun dem DLF passiert, der sich erst 2017 als „Markenfamilie“ neu aufstellte und eifrig an seinem Profil als Kultur- und Informationskanal feilt.

Entsprechend wissenschaftlich kam der Beitrag zum religiösen Fasten daher, über Facebook geteilt. Darin wurde eine Studie mit deutschen Mitgliedern der Bahai-Gemeinde vorgestellt. Die Bahai haben ihren Ursprung im Iran und fasten ähnlich wie die Moslems: im Frühjahr essen und trinken sie mehrere Wochen lang den ganzen Tag nichts. Nachts holen sie bis Sonnenaufgang alles nach.

Der Teaser dazu ist ein Werbetext mit steilen Behauptungen und großen Versprechen:

Die Fastenzeit beginnt – und damit eine Chance, gesünder und vielleicht länger zu leben. Denn viele Studien zu religiösem Fasten berichten von positiven Effekten, wenn man etwa von Sonnenaufgang bis -untergang nichts isst und trinkt.

(Quelle: DLF auf Facebook zum Beitrag über religiöses Fasten vom 6.3.2019)

 

Bild mit Logo DLF, von Facebook, Bild von Teaser leerem Teller.

Screenshot vom DLF-Beitrag samt Teaser auf Facebook.

 

Wissenschaftliche Studie? Welche Studie?

Das ganze Ding ist grotesk falsch. Denn erstens steht im Beitrag gleich zu Anfang genau das Gegenteil:

Anstoß zu der Studie gab Daniela Liebscher. Sie hat ihre Doktorarbeit über religiöses Fasten geschrieben und festgestellt, dass es dazu kaum Untersuchungen gibt.

(Quelle: DLF-Beitrag über religiöses Fasten vom 6.3.2019)

Verglichen mit dem Teaser klingt das doch recht anders.

Auch in einer Meldung auf der Internetseite der Naturheilkunde-Klinik an der Charité ist zu lesen, dass die Forschungslage zum religiösen Fasten dünn ist.

Und es steht natürlich in der Doktorarbeit von Daniela Liebscher, ebenfalls online: Frau Liebscher hat angefangen, zu religiösem Fasten zu forschen, weil es so wenig dazu gibt.

Gut, man kann von Online-Textern nicht erwarten, dass sie erst eine Doktorarbeit lesen, bevor sie schnell was in Facebook hacken. Aber wenigstens in den Beitrag reinschauen, bevor man den Teaser strickt, wäre doch angezeigt.

Dann ist aber noch mehr falsch an dem Vorspann. Und an dem Beitrag selbst. Und überhaupt an der ganzen Sache mit dem religiösen Fasten – je länger man darüber nachdenkt, desto abstruser wird es.

Daher bleibt es nicht bei der kleinen Fingerübung mit dem Teaser. Quarkundso.de steigt ein.

 

Nobelpreis für Blutabnehmen

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Wenn man sich nämlich auf der Seite der Charité umschaut, dann kommt raus: Die Sache mit der Bahai-Fasten-Studie, die interdisziplinär sein soll, ging zwar durch die Medien. Aber eine offizielle Pressemitteilung gibt es dazu nicht, etwa mit Angaben zur Studie.

Nach einem Papier oder einer Veröffentlichung haben einige kritische Nutzer schon auf der Facebook-Seite des DLF gefragt. Andere konnten sich nicht vorstellen, dass das strenge Fasten der Bahai, die den ganzen Tag weder essen noch trinken, wirklich so toll für die Gesundheit sein soll.

Auch die Behauptung im Beitrag, dass „sämtliche Hormone und Botenstoffe“ der Probanden in der Studie untersucht wurden, warf Fragen auf – denn das ist schlechterdings undenkbar und wäre nobelpreiswürdig, wie eine Userin anmerkte.

 

Giftige Abwehr beim DLF

Die Nutzer wollten also Belege, nämlich die Studie. Die Webmoderatoren des DLF haben, anstatt die Diskussion zuzulassen, sehr giftig zurück gehackt: Es hätten doch Experten die O-Töne im Beitrag gegeben, diese Experten wüssten es doch wohl am besten. Wie die Facebook-Nutzer die Expertise der O-Ton-Geber anzweifeln könnten?

Nun ja. Sagen können Experten viel. Die Frage ist, ob sie wissenschaftliche Belege oder plausible Argumente liefern können. Und ob die Autoren der Sendung ihre Experten richtig verstanden und die O-Töne nicht aus dem Zusammenhang gerissen haben.

Eine offensichtlich akademisch versierte Facebooknutzerin hat dann in einer Datenbank nach Fastenstudien zu den Bahai gesucht, die der zitierte Arzt Prof. Dr. Andreas Michalsen veröffentlicht haben könnte.

Ergebnis: Null.

Natürlich hat sich da die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de reingehängt und die Pressestelle der Charité angezapft. Ergebnis: Nein, die Studie ist tatsächlich nicht publiziert. Es wird auch noch eine Weile dauern, bis es so weit ist, etwa vier bis sechs Monate, also etwa bis August oder September 2019.

Ja, schade! Denn so kann niemand nachschauen, was es mit der Studie auf sich hat: Was für eine Untersuchung ist es, welche Methode, was für ein Design? Was war das Ziel, was kam wirklich raus und was sagen die Ergebnisse im Kontext der Forschungslage?

 

Journalisten sollten einordnen

Labor, Zentrifuge (Trommel), Hände in Handschuhen stecken Reagenzgläser ein

Blutproben, Messwerte, viele Daten – aber das macht noch keine Studie. Die Ergebniss müssen erst ausgewertet werden.

Weil derlei vor einer Medienwelle klar sein sollte, stechen Forscher vor der Veröffentlichung eher selten Ergebnisse an die Presse durch.

Sie reden lieber erst darüber, wenn die Studie zur Veröffentlichung von einem anerkannten wissenschaftlichen Journal angenommen wurde.

Denn die Zusage einer renommierten Zeitschrift bedeutet, dass externe Fachkollegen die Arbeit auf sauberes Design, auf Methoden und Auswertung geprüft haben.

Der Job von Journalisten ist es dann, anhand einer – seriösen und offiziellen – Veröffentlichung nachzufragen, sich die Studie geben zu lassen, sie möglichst zu lesen und ein wenig zu recherchieren, wie die Forschungslage in etwa aussieht.

Alles das ist beim DLF schon deshalb nicht passiert, weil es, nun ja, keine Ergebnisse gibt, die man irgendwo nachlesen könnte.

Es gibt bisher daher scheinbar nur Röhrchen mit Blut im Labor, dazu ein paar Messwerte und Körperdaten, die den Fastenden letztes Jahr abgenommen wurden. So ungefähr. Wie sollen Journalisten sich da ein eigenes Bild machen oder die Studie einordnen? Das geht nicht.

 

Was es mit dem religiösen Fasten auf sich hat

Natürlich kann man auch über eine laufende Studie berichten. Dann aber einigermaßen vorsichtig.

Und damit wären wir beim Teaser und seinen vollmundigen Versprechen: Religiös Fasten und länger leben? Das zeigt die Studie nicht. Das kann auch nicht das Ziel gewesen sein, außer man arbeitet mit Fadenwürmern. Oder Fruchtfliegen.

Was aber war dann das Ziel? Nun, so genau wissen wir es nicht – die im DLF zitierten Experten, Fastenmedizinerin Daniela Liebscher und ihr Chef, der prominente Naturheilkundearzt Prof. Dr. Andreas Michalsen, sagen es im Beitrag nicht so richtig

Sie wollten scheinbar nur, nun ja, Daten zum religiösen Fasten. Schließlich gibt es dazu nicht so viele Studien, haben wir anfangs gelernt.

Allerdings hat hier die Abteilung Dokumentation und Recherche bei Quarkundso.de durch sture Wühlarbeit noch Erstaunliches zutage gefördert: Es gibt sehr wohl Studien zum religiösen Fasten, besonders zum Ramadan der Moslems. Es gibt sogar Hunderte.

Moslems fasten wie die genannten Bahai: Mehrere Wochen im Jahr, im Monat Ramadan, essen und trinken sie den ganzen Tag nichts.

 

Nächtliche Völlerei, Zuckerfest – und kein längeres Leben

Kleiner Junge mit Gebetsmütze (weiß) steckt sich Kuchen in den Mund

Ein Fest für Kinder: Das große Fastenbrechen zum Abschluss des Ramadan.

Doch die Ergebnisse der vielen Ramadan-Studien passen eingefleischten Fastenfans wohl nicht so richtig ins Konzept.

Übersichtsarbeiten, die es zum millionenfachen Ramadan-Fasten der Moslems gibt, zeigen keine brauchbaren Ergebnisse: Alles uneinheitlich, nicht nur positive Effekte, nichts von Dauer.

Wobei die Moslems ohnehin nicht wegen gesundheitlicher Wirkungen fasten – was übrigens auch für die Fastengebote der Christen, Buddhisten oder Juden gilt: Um Gesundheit geht es nie.

Moslems fasten nur, weil es ihr Glauben vorschreibt. Dieser erlaubt auch das Fastenbrechen: Abends, nach Sonnenuntergang, haut man sich in der Türkei, im Iran, in Pakistan, Südostasien, Nordafrika, am Golf und anderswo die Plautze voll, dass es nur so kracht.

Beendet wird der Fastenmonat Ramadan mit dem dreitägigen Zuckerfest. Da biegen sich die Tische vor Kuchen und Süßgebäck, die Kinder bekommen Bonbons und außerdem gibt es Festspeisen mit reichlich Fleisch und Fett.

Für den Rest des Jahres ist es dann egal, was man isst.

 

Lieber nicht fasten wie im Ramadan

Die Daten zu Gesundheit und Lebenserwartung in islamischen Staaten sind entsprechend: Langes Leben, tolle Gesundheit, kein Diabetes, keine Stoffwechselprobleme, kein Übergewicht in Ländern mit Ramadan?

Eben genau nicht.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Gesundheitsdaten aus diesen Ländern zeigen, dass Übergewicht und Diabetes, Fettleber und Fettstoffwechselstörungen dramatisch verbreitet sind – noch viel mehr als in Europa. Der Orient wird von Übergewicht und Diabetes geradezu überrollt.

Sehr eindrucksvoll ist dazu eine Karte der WHO zu Diabetes Typ 2, die 2014 im Spiegel veröffentlich wurde, Link steht unten. Der nordafrikanische Gürtel, Iran, Irak und die arabischen Staaten sind am schwersten betroffen. Selbst in reichen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien liegt die Lebenserwartung unter der von Europäern und Amerikanern.

Die Situation hat sich seit 2014 keineswegs verbessert, sondern in den moslemischen Ländern weiter verschlechtert. Und auch die Gesundheit von islamischen Migranten in Deutschland ist nicht grandios besser als die der Restbevölkerung, Ramadan hin oder her. Eher schlechter: Unter Türken in Deutschland nimmt Diabetes Typ 2 zum Beispiel zu, auch sind sie öfter übergewichtig.

Passend dazu beschäftigen sich die meisten Studien zum Ramadan damit, wie die vielen moslemischen Diabetiker während des Fastens mit ihrem Insulin klarkommen.

 

Falsches Versprechen

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In islamischen Kulturen verlängert das religiöse Fasten also nicht das Leben. Scheinbar lebt man eher länger, wenn man es genau nicht so macht wie die rund als 1,8 Milliarden Moslems im Ramadan.

Und das kam auch in Daniela Liebschers Doktorarbeit raus: Die ganze religiös motivierte Askese bringt offensichtlich nicht viel, wenn man einmal im Jahr ein wenig fastet und sonst über die Stränge schlägt.

Der Teaser liegt also mit seinem Versprechen tatsächlich voll daneben.

Den Fastenärzten Liebscher und Michalsen ging es laut Beitrag ohnehin nicht um den Glauben. Sie interessieren sich eher für das Fasten an sich, speziell für das Intervallfasten.

So bezeichnen Mediziner das Fasten im Tagesverlauf oder in bestimmten Zeitfenstern, zum Beispiel an 14 bis 16 Stunden über Nacht, wenn man das Abendessen wegfallen lässt.

Das ist zurzeit das große Steckenpferd des Naturheilkundlers Andreas Michalsen: Eine größere Nahrungspause von mindestens 12 bis 14 Stunden am Tag – egal wann – scheint positive Effekte zu zeigen.

Das Thema ist seit fast 10 Jahren ein Trend, viele Fachleute sind davon überzeugt, viele Menschen machen damit gute Erfahrungen, weil sie damit ihr Gewicht halten können.

 

Endlich die richtigen Daten

Und hier könnte die neue Bahai-Studie neue Erkenntnis bringen: Vielleicht produziert die neue Studie das von den Fastenfans erhoffte Ergebnis, dass sogar diese extreme Art des Intervallfastens gesund sein könnte? Also den ganzen Tag gar nichts, weder Wasser noch Brot, ob religiös motiviert oder nicht.

Könnte. Wir wissen es nicht.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht und über die üblichen Ergebnisse des Intervallfastens hinaus ist nicht viel zu erwarten: Es gibt kurzfristige Veränderungen in den Blutwerten und im Stoffwechsel; die innere Uhr legt ein paar Schalter um. Denn Essen ist ein Taktgeber und wenn man wochenlang nur nachts isst, reagieren die Zellen darauf.

Viele Effekte davon könnten günstig sein – nämlich bei Übergewichtigen, Diabetikern, bestimmten Stoffwechselkrankheiten, die mit Überessen zusammenhängen.

Was aber ein langes Leben angeht, bleibt es bisher dabei, da sind sich die meisten Experten einig: Auf die Dauer kommt es darauf an, dass man normalgewichtig ist und das Gewicht hält. Ob mit oder ohne Fasten stehen damit die Chancen auf Gesundheit und ein langes Leben am besten.

 

Mentales Fasten mit Quarkundso.de

Das Fazit der nachgeholten Recherche von Quarkundso.de ist daher eine strenge Ermahnung zur Mäßigung – quasi zum mentalen Fasten. Hier das Wichtigste in abgespeckter Form:

Die Naturheil- und Fastenforscher in Berlin hätten vielleicht nicht so offensiv ein Experteninterview anbieten sollen, nur weil gerade Fastenzeit ist.

Universitäten sollten auf ihren Webseiten nichts vorschnell raushauen, was nicht publiziert und fachlich kontrolliert ist.

Forscher müssen Daten und Methoden offenlegen.

Journalisten müssen recherchieren.

Online-Texter dürfen nicht lügen.

Alle müssen aufpassen.

Und sich einfach ein bisschen zurückhalten. Wenigstens in der Fastenzeit.

@Johanna Bayer

 

Der DLF-Beitrag zum religiösen Fasten auf Facebook vom 6.3.2019

Beim Spiegel: Karte über Diabetes von 2014, Daten von der WHO

Framing-Alarm! Sprache schafft Bewusstsein – auch beim Essen?

ist das neue Überzeugen und polt das Denken um, sagen Kommunikationsberater. Mag sein – doch die Erfahrung bei der Ernährung zeigt: Beim Essen funktioniert Framing schmerzhaft nicht. Dafür erweist sich als überraschend schädlich, wie Essen permanent geframed wird, und zwar in „gesund“ und „ungesund“. Das ist kontraproduktiv – Quarkundso.de fordert ein Gesetz gegen Ungesundheitsgeschwätz.

 

Teller, zwei Toastscheiben, zwei Spiegeleier

Alles, aber auch alles „ungesund“: Eier (vom Tier!). Toast (Weizen!). Röstung (Acrylamid!). Wahrscheinlich auch noch in Butter gebraten – wie hat Oma das nur überlebt?

 

Wir müssen jetzt framen. Framing gehört einfach dazu. Framing ist das neue Überzeugen, diesmal mit Tricks aus der Kognitionspsychologie und Kognitionslinguistik.

Was mit Kognition macht nämlich immer Eindruck.

Deshalb berufen sich Leute, die andere beeinflussen oder nur schnell die Welt ändern wollen, gerne auf Geheimnisse des Gehirns: von Coaches über fragwürdige Psychoklempner wie Neurolinguistische Programmierer oder die Scientology-Sekte zu Lehrern und Sozialpädagogen bis hin zu Genderaktivisten und natürlich Politikern.

Framing soll dabei als subtile Technik das Denken anderer kapern, indem man eindrucksvolle Wörter prägt. Die legen einen Deutungsrahmen fest, dem das Gegenüber nicht entkommt, wie Wissenschaftler herausgefunden haben sollen.

 

Wenn was weg soll: einfach umbenennen

Framen geht so: Etwas, das unerwünscht oder schlecht angesehen ist und das man Leuten unterjubeln will, benennt man um: in Schönes, Beliebtes, gut Klingendes oder moralisch Hochstehendes. Damit weckt man positive Assoziationen und appelliert an eigene Werte.

Gleichzeitig nimmt man sich Begriffe der Gegner vor. Diese etikettiert man auch neu, nämlich mit Negativem, Unmoralischem oder Abstoßendem. So ändert man Wahrnehmung und Denken bei der Zielgruppe – Sprache schafft Bewusstsein! – und schwupps, ist sie umgepolt.

Wichtig sind dabei das ständige Aufrufen des Deutungsrahmens und das Einschleifen der neuen Sprachbilder. Dann bringt das Wörding (*neusprech) die Gegner zur Strecke. Denn wenn man es richtig anstellt, werden sie dann moralisch diskreditiert.

So ungefähr hat es gerade die Linguistin Elisabeth Wehling den ARD-Sendern empfohlen, womit sie einen Sturm der Entrüstung auslöste. Der war eigentlich unberechtigt – natürlich können sich öffentlich-rechtliche Sender zur strategischen Kommunikation beraten lassen.

Ob das Angebot gut war oder nicht, sei allerdings dahingestellt.

Und ob das Framing so funktioniert, wie es Frau Wehling verkauft hat, auch.

 

Framing beim Thema Ernährung

Damit kommen wir zur Kernkompetenz von Quarkundso.de: dem Verhältnis von Essen und Medien. Und zum Framing.

Essen wird nämlich brutal geframed. Wirklich brutal. Seit vielen Jahren, und nicht nur von Journalisten. Sondern auch von Ämtern, Verbänden und Institutionen, Ärzten und Politikern, Aktivisten und Lobbyisten.

Dabei ist die Auswahl an Frames mehr als dünn: Es gibt nur noch einen einzigen Deutungsrahmen für Essen und Ernährung.

Und das ist „Gesundheit“.

Dieses Etikett pappt inzwischen überall drauf. „Gesund“ zu essen ist geradezu eine nationale Obsession geworden: Laut Ernährungsreport der Ministerin Klöckner hat das Merkmal „gesund“ schon die Geiz-ist-Geil-Haltung überholt. Nur noch 32 Prozent schauen beim Essen auf den Preis, dagegen ist es 91 Prozent wichtig, dass Essen „gesund“ ist.

Das ist neu, schließlich sind die Deutschen in Europa berüchtigt für ihre Billig-Mentalität beim Essen. Zumindest für die Selbstdarstellung haben sie diese also abgelegt.

 

Das Framing-Paradox: Anders reden als man isst

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Man darf sich nämlich nichts vormachen: In Umfragen neigen Menschen dazu, sich besser zu geben als sie sind – ökologischer, bescheidener, gemeinwohlorientierter, vernünftiger, tierfreundlicher und bedacht auf die Figur.

Wenn sie dann mit dem Fragebogen fertig sind, gehen sie zum Discounter, kaufen Hähnchenfleisch für 0,99 Euro und zischen zwei, drei Feierabendbier. Ab morgen machen sie Diät.

Für das Framing beim Essen ist dies nichts weniger als eine Bankrotterklärung: Das Dauerfeuer mit „gesunder Ernährung“ und „gesunder Wahl“ kommt nicht an.

Schon 2005 hielt der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Volker Pudel, diesen mentalen Zustand im Spiegel-Magazin fest:

„Die Deutschen essen so, wie sie immer gegessen haben. Nur heute mit schlechtem Gewissen.“ (Spiegel-Spezial vom 28.6.2005).

Das zeigt schmerzhaft: Weder der Gesundheitsrahmen noch das ständige Einschleifen der Parolen funktionieren beim Thema Ernährung – anders als Framing-Experten es versprechen.

 

„Vom Wissen zum Handeln“ ist das Problem

Jetzt, gut 15 Jahre später, sind die Ernährungshüter noch verzweifelter. Denn nie waren die Deutschen so dick wie heute, eine Welle von Übergewicht und seinen Folgekrankheiten rollt über das Land.

Unter Berufstätigen und Rentnern ist Normalgewicht schon nicht mehr die Regel, beklagte erst 2017 die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, (DGE). Der mündige Bürger gibt sich derweil weiterhin gesundheits-, figur- und umweltbewusst.

„Vom Wissen zum Handeln“ lautete daher erst 2018 ein hilfloser Kampagnenspruch des Ernährungsministeriums zu einem Ideenwettbewerb: Wie bringt man Leute dazu, das, was sie bereitwillig als Absicht herbeten, auch zu tun?

Schließlich haben schon Vierjährige das Framing intus und deuten auf Toastbrot, wenn sie zeigen sollen, was „ungesund“ ist, und auf Roggenbrot, wenn es um „gesund“ geht.

Was sie lieber essen, liegt aber auf der falschen Seite, und zwar quer durch alle Altersklassen.

 

Gesund oder ungesund – und sonst nichts?

Doch schauen wir uns das Framing bei der Ernährung, den Deutungsrahmen, noch etwas genauer an. Der Kontext „Gesundheit“, in dem Essen fixiert ist, bringt bestimmte Vorstellungen mit sich, darunter die, Lebensmittel könnten wirken wie ein Medikament.

Das aktiviert Begriffe aus Medizin, Pharmazie und Therapie: Heilmittel, Iss Dich gesund, wirksame Inhaltsstoffe, starke Antioxidantien, Droge, Gift, Sucht, Suchtmittel, Entzug, Ausnüchtern, Selbstheilung, Entgiftung.

Vor allem bringt das Gesundheitsframing aber die rigide Einteilung von Lebensmitteln in „gesund“ oder „ungesund“ mit sich.

Diese stammt aus den USA und England, wo sie seit Jahrzehnten üblich ist, begleitet von einer Explosion der Fettleibigkeitsepidemie – wohl kaum ein Zufall ist

Hierzulande haben sich Ernährungsfachkräfte dagegen jahrzehntelang abgemüht zu erklären, dass das Verteufeln einzelner Lebensmittel oder Inhaltstoffe Unsinn ist: Der Mensch ist ein Allesfresser und braucht verschiedene Nahrungsmittel, außerdem gehören zur Gesundheit viele Faktoren, darunter Bewegung, Schlaf und Stress.

Problematisch sind daher nicht einzelne Inhaltsstoffe oder Produkte, sondern in allererster Linie das Übergewicht, ganz gleich, womit man es sich angefuttert hat.  Dazu kommen mangelnde Bewegung, zu wenig Schlaf, zu viel Stress. Die Vorstellung aber, dass man durch bestimmte Lebensmittel – „die gesunde Wahl“ – alles steuern kann, ist verfehlt.

Denn ein einzelnes Lebensmittel ist nicht „ungesund“ – es ist der Lebensstil, der gesund oder ungesund sein kann.

 

Jetzt „ungesund“: Küchenklassiker der Deutschen

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Doch mit dieser Weisheit ist es vorbei, seit die Kategorien gesund/ungesund Front machen in Texten, Webseiten, Stellungnahmen, Studien und Ernährungsratschlägen: Was früher genossen werden durfte, dazugehörte, in Maßen erlaubt oder einfach toleriert wurde, ist jetzt „ungesund“.

Das trifft nicht nur die üblichen Verdächtigen Cola, Chips und Süßigkeiten. Nein, auch traditionelle Viktualien stehen unter dem Bann. Denn „ungesund“ sind inzwischen Fleisch, Wurst, Milch, Käse, Eier, Weizen, weißes Mehl und natürlich Zucker.

An konkreten Gerichten trifft es unter anderen Pommes frites, Currywurst, Salami, Leberkäse, Bratwurst, Schweinebraten, Schnitzel, Hamburger, Sahnetorten, Kekse, Eis, Käsespätzle, Kakao, weißen Reis, Wild wie Rehbraten (rotes Fleisch!), Weißbrot, Baguette, Laugenbrezeln (Schweineschmalz!) und sogar den früher gerne empfohlenen Fisch (zu viel tierisches Protein! Schwermetalle! Mikroplastik! Antibiotika! Parasiten!).

 

Absurde Widersprüche

Teilweise entstehen dabei absurde Widersprüche, etwa beim jüngst lancierten EAT-Lancet-Report.

Das Papier, stark unter dem Einfluss von notorischen Fett- und Fleischfeinden entstanden, etikettiert rotes Fleisch von Rind, Schwein, Lamm, Ziegen, Kühen und anderen Säugetieren rundheraus als „unhealthy food“.

Das ist Unsinn. Und die Daten aus der Forschung geben das auch gar nicht her.

Entsprechend müssen die Experten in ihrem eigenen Papier konstatieren, dass tierische Lebensmittel wie Milch, Eier und natürlich rotes Fleisch besonders segensreich für das Wachstum und die Gesundheit von Kindern sind, zum Beispiel in Afrika:

In observational studies, high intake of animal source foods has been associated with improved growth, micronutrient status, cognitive performance, and motor development, and increased activity in children. (Quelle: EAT-Lancet-Report Food in the Anthropocene, Seite 10).

Weltfremd und gegen die Esskultur

Schräg ist auch die Sicht der EAT-Lancet-Experten auf die gesättigten Fette. Die Gruppe favorisiert nämlich moderne pflanzliche Industrieöle, die von Lebensmittelmultis vermarktet werden.

Gesättigte Fettsäuren, wie sie auch in Butter, Schweineschmalz oder anderen traditionellen Fetten vorkommen, sollen dagegen möglichst aus den Küchen verschwinden: Die Spannbreite in den täglichen Empfehlungen der Kommission beginnt bei null.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes weltfremd.

Denn die Hauptnahrungsfette in den Küchen der Welt sind traditionell tierischen Ursprungs und enthalten gesättigte Fettsäuren – zumal „null gesättigte Fettsäuren“ schlichtweg nicht geht. Schließlich enthalten alle, wirklich alle pflanzlichen Fette, darunter Oliven-, Sonnenblumen-, Palm- und Kokosöl sowie Margarine, auch gesättigte Fettsäuren.

Wer überhaupt keine gesättigten Fettsäuren zu sich nehmen will, darf gar kein Fett essen. Schwerer Vitaminmangel und Organversagen wären die Folge.

 

Neues Framing für Kakao: ungesund!

Weiße Blechtasse mit Kakao

Kakao, der Kindertrunk: Neuerdings „ungesund“.

Im Gesundheitsframing steht seit kurzem auch Kakao. Kakao macht Kinder nämlich dick und krank.

Kakao ungesund? Für Kinder?

Äh – gibt es denn ein Getränk, das mehr zu Kindern gehört als Kakao? Man kann sich das gar nicht vorstellen.

Aber tatsächlich ist es Framing-Spezialisten von der Verbraucherorganisation Foodwatch gelungen, den Schulkakao als „ungesund“ zu framen und das nicht nur unzähligen Redaktionen zu verkaufen, sondern auch mehreren Länderparlamenten.

Kakao, so die Essensretter (Selbstbeschreibung), sei schuld am Übergewicht von Kindern – schließlich enthalten die fertigen Schokodrinks der Milchlieferanten Zucker. Gezuckerter Kakao passe nicht in die Schule, so Foodwatch.

Nun steht Zucker auf der Fahndungsliste der Gesundheitspolizei gerade ganz oben, noch über Fett und Fleisch. Aber muss man wegen etwas Zucker den Kakao aus dem Schulprogramm nehmen?

 

Kinder dürfen Kakao trinken

Laut Foodwatch ja: Die Verbraucherschützer finden, dass es in Schulen überhaupt nichts mit Zucker geben darf. Angeblich, so die Aktivisten, widerspricht Kakao an Schulen sogar den Richtlinien der DGE für Schulverpflegung, denn diese sähen keine gezuckerten Milchprodukte für Kinder vor:

„Diese Förderung von Milch mit Zuckerzusatz widerspricht sogar den offiziellen, von der Bundesregierung initiierten Qualitätsstandards für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das Schulmilchprogramm in NRW fördert mit Steuergeldern ein Ernährungsangebot an Schulen, das den Empfehlungen zuwider läuft.“ (Quelle Foodwatch)

Doch so rigide ist nicht einmal die DGE: „Zucker wird in Maßen eingesetzt“, steht in den DGE-Richtlinien für Schulverpflegung.

Und nichts anderes.

Da steht nicht: „Zucker ist verboten“. Oder „Zucker wird gemieden“ oder „Zucker wird nicht zugesetzt“, nicht einmal „So wenig Zucker wie möglich“ oder gar „Zucker ist ungesund“.

 

Übergewicht bei Schulkindern hängt nicht am Kakao

Junge, ca. 8 Jahre alt mit Brill und Kapuzenpulli in Klassenraum schreibt mit Bleistift

Ob Schulkinder dick oder schlank sind, hängt wenig vom Essen ab, hat die KOPS-Studie gezeigt

Es steht auch nicht in den Richtlinien, dass gezuckerte Milchgetränke in der Schule nicht angeboten werden dürften, genauer:

Zu gezuckerten Milchgetränken steht überhaupt nichts in den DGE-Kriterien für gute Schulverpflegung.

Den fanatischen Gesundheitsaktivisten von Foodwatch ist Kakao vielleicht unerwünscht, weil sie sich in den Kopf gesetzt haben, dass der Schokotrunk die Übergewichtsfrage entscheidet.

Aber erstens ist das nicht so. Übergewicht von Schulkindern hängt charakteristisch wenig mit dem zusammen, was sie in der Schule essen. Dazu gibt es große Studien.

Und zweitens ist Kakao – vielleicht – nicht besonders gesund. Aber ganz sicher ist er nicht ungesund.

 

Weg mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen!

Damit wären wir am entscheidenden Punkt: An allem ist nur dieses elende Framing Schuld.

Quarkundso.de fordert daher mit Nachdruck und sofortiger Wirkung: Das permanente Gesund-Ungesund-Spalten muss endlich aufhören!

Es ist kontraproduktiv, verleidet Menschen das Essen und fördert eben genau keinen gesundheitsbewussten Lebensstil. Sondern nur Krampf und Einseitigkeit. Dazu muss ein Gesetz her. Schließlich sind unzulässige Gesundheitsaussagen mit Recht verboten – aber was ist mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen?

Wir fordern: Schluss mit dem Gerede von „ungesunden“ Lebensmitteln!

Ebenso, wie niemand mit pauschalen, unbelegten Gesundheitsversprechen oder angeblichen Heilwirkungen für Lebensmittel werben darf, darf auch niemand Produkte oder einzelne Inhaltsstoffe als „ungesund“ brandmarken.

Also weg mit „Zucker ist eine Droge!“, „Fleisch macht krank“, „Milch ist Gift“, „Kakao ist ungesund“.

 

Hohe Strafen: die Lex Incuria von Quarkundso.de

Wenn man ehrlich über Essen reden will, muss man die Gesund-Ungesund-Dualität verlassen:  Quarkundso.de führt dazu die neue Lex Incuria ein, von lateinisch incuria = nachlässig, mangelhaft, Mangel an Sorgfalt.

Dieses Gesetz wird Ungesundheitsframing verhindern. Dazu belegt die Lex Incuria entsprechendes Gelabere von Essenshütern jeglicher Provenienz mit schweren Strafen.

In Einzelfällen können, insbesondere gegen einflussreiche Verbände, Unternehmen, Behörden, Food-Aktivisten, NGOs oder Lobbyvereine, hohe Geldsummen auferlegt werden, zu überweisen auf das Sparschwein von Quarkundso.de.

Die ersten Mahnbescheide sind schon raus.

©Johanna Bayer

 

Viral um jeden Preis: Wie die Uni Freiburg mit Tiraden gegen Kokosöl einen Youtube-Hit landet

Eine rabiate Medizinerin wütet an der Uni Freiburg gegen Kokosöl, das Video von ihrem Vortrag geht viral, die Pressestelle platzt vor Stolz. Aber die Professorin hat komplett überzogen, dabei das Richtige verschwiegen und das Falsche maßlos dramatisiert. Darf man das?

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist von der Seite der Uni Freiburg verschwunden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Sieh mal einer an. Links s. unten

 

Kokosnuss ganz, zwei halbe Kokosnüsse und ein Glas mit reinem weißen Kokosnussfett

Kokosöl – so rein, so weiß und pures Gift: Kann das sein? Quarkundso.de klärt auf.

Youtube-Videos, die viral gehen, sind ohne Zweifel auch Medienphänomene und stehen daher auf der To-do-Liste von Quarkundso.de. Gerade hat zum Beispiel die Uni Freiburg einen Video-Hit auf Youtube gelandet, und zwar mit einem Vortrag über Superfood: seit Veröffentlichung im Juni schon über 1,3 Millionen Aufrufe.

Die Referentin ist Medizinerin, eine Prof. Dr. Dr. Karin Michels. Sie versprach, mit Ernährungsmythen aufzuräumen, insbesondere mit denen rund um Kokosöl.

Da strömte das Publikum nur so, und die hochdekorierte Medizinerin, die in Harvard studiert hat und dort auch lehrt, schoss gepfefferte Salven ab:

Kokosöl ist das reine Gift!

Kokosöl ist das Schlimmste, das Sie zu sich nehmen können!

Kokosöl ist gefährlicher für Sie als Schweineschmalz … weil es noch mehr gesättigte Fettsäuren hat.

Es ist ein hartes Fett und alles Feste geht direkt in Ihre Koronararterien.

Je mehr Kokosöl, je mehr verstopfte Herzkranzgefäße und die führen zum sicheren Herztod.

Es gibt nicht eine einzige Studie am Menschen, die eine einzige positive Wirkung von Kokosöl zeigt.

Das war ein Aufreger, ist doch Kokosöl nicht nur seit Jahrtausenden ein traditionelles Nahrungsfett in den Tropen, sondern neuerdings der Liebling der vegetarischen, veganen, cleanen und hippen Küche, in den Bioläden fest etabliert. Deshalb ist es sicher kein Wundermittel. Aber Gift?

Der SWR hat berichtet, der FOCUS, der Münchner Merkur, die HuffPost und ganz viele andere. Dazu kommt eine Flut von Mailanfragen an den Präsidenten der Uni Freiburg und die Leitung des Universitätsklinikums, wo Frau Prof. Dr. Dr. Michels tätig ist.

 

Frau Prof. Dr. Dr. widerspricht sich selbst

Natürlich ist Quarkundso.de von Fans gleich besorgt angefragt worden: Was da dran sein? Ob die Medizinerin Recht habe, und was wir davon halten?

Aber in die Falle gehen wir nicht.

Denn wir widersprechen auf keinen Fall Professoren und –innen, oder Leuten mit doppeltem Doktor.

Das lassen wir sie lieber selbst erledigen.

Frau Prof. Dr. Dr. musste nämlich nach ihren wüsten Ausfällen gegen Kokosfett zurückrudern: Sie hat ein ebenso zahmes wie verwirrendes und erstaunlich kurzes „Statement“ nachgeschoben, das jetzt beim Video im Netz steht.

Zu dieser Erklärung hat wohl die Unileitung oder die Pressestelle sie nachträglich aufgefordert, wegen der vielen Nachfragen und der Kritik. Doch in ihren „Erläuterungen“ klingt alles etwas anders.

Zum Beispiel so:

Der Konsum dieser Fettsäuren (aus Kokosöl, d. Red.) erhöht die Spiegel des schlechten LDL Cholesterins im Blut, was zum Herzinfarkt führen kann.
Laurinsäure (im Kokosöl) erhöht aber auch das gute HDL.

Genau gelesen? Ein erhöhter LDL-Spiegel KANN zum Herzinfarkt führen, schreibt sie jetzt.

Wir heben das absichtlich hervor, denn im Vortrag beschwor die Professorin dramatisch den sicheren Herztod herauf. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied.

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Im Übrigen ist ein erhöhter LDL-Spiegel keineswegs die Ursache für den Herzinfarkt, sondern nur ein Risikofaktor unter anderen. Auch das ist ein fundamentaler Unterschied.

Noch wichtiger ist, dass die wankelmütige Professorin plötzlich auch die günstige Wirkung der Laurinsäure aus dem Kokosöl auf das gute HDL-Cholesterin erwähnt. Dieses Eingeständnis findet sich nur im PDF, nicht im Vortrag.

Da heißt es vom Kokosöl, es sei „reines Gift“.

 

Butter für die Leber, Kokosöl für das Gehirn

Weiter geht es mit den Studien:

Studien, die zu diesem Thema durchgeführt wurden, verwendeten oft speziell hergestellte Öle aus 100 % mittelkettigen Fettsäuren, nicht das kommerziell erhältliche Kokosöl – also ein völlig anderes Produkt.

Ach, jetzt gibt es doch Studien? Ja, klar, die gab es auch vorher schon, das hätte Frau Prof. Dr. Dr. daher gleich in ihrem Vortrag erwähnen müssen.

Offensichtlich als Reaktion auf Kritik behauptet sie jetzt, dass die Spezialprodukte in bestimmten Studien nicht mit dem natürlichen Lebensmittel Kokosöl identisch sind.

Stimmt allenfalls teilweise. Denn erstens gibt es auch Humanstudien zu Kokosöl, insbesondere ganz neue zu Kokosöl zur Verbesserung von Alzheimer und Parkinson. Aber zweitens geht es tatsächlich in vielen Studien oft nicht um natürliche Lebensmittel.

Es ist nämlich für die Pharmaindustrie oder wer auch immer die Studien finanziert, höchst unergiebig, ein natürliches Nahrungsmittel zu testen. Das sind diffuse Gemische aus tausenden von Stoffen, von denen man nicht weiß, was genau wirkt.

Das aber wollen Forscher und Pharmaunternehmen – gezielt einen Wirkstoff finden.

Also engen sie die Auswahl auf Kandidaten ein, von denen man sich etwas verspricht. Das waren bei den Fettsäure-Studien die erwähnten mittelkettigen Fettsäuren. Deren Effekte hat man wissenschaftlich untersucht. Was Leber- und Magen-Darm-Erkrankungen angeht, konnte man die günstige Wirkung dieser Stoffe vor 25 Jahren dann wissenschaftlich bestätigen.

Seitdem werden Verdauungskranke mit diesen mittelkettigen Fettsäuren, sogenannten MCT-Fetten aus Spezialölen, in der Ernährungstherapie behandelt.

Die Laurinsäure, das Hauptfett im Kokosöl, gehört dazu. Zu rund 50 Prozent besteht Kokosfett aus Laurinsäure. Lustig, nicht wahr, dass das gut für Leber, Magen und Darm ist?

Ach so – früher hat der kundige Arzt seinen Leberkranken hierzulande, wo es weder Kokosöl noch moderne MCT-Öle gab, einfach die gute Butter verordnet. Die enthält auch viele MCTs und gesättigte Fettsäuren, für Magen-, Gallen- und Leberkranke sehr bekömmlich.

Das ist ganz besonders lustig, weil Butter ebenso wie Kokosöl von Frau Prof. Dr. Dr. inkriminiert wird.

 

Die amerikanische Krankheit: Obsession Herzinfarkt

Nun liegt es aber so, dass Krankheiten der Verdauungsorgane und der Leber nicht das Fachgebiet von Frau Prof. Dr. Dr. sind. Sie ist keine Internistin oder Ernährungsmedizinerin. Sie ist von Haus aus Gynäkologin und außerdem hat sie es mit Methodik und Statistik. Aber nicht mit Essen.

Umso erstaunlicher, dass sie sich so wüst zu einem traditionellen Nahrungsfett wie Kokosöl äußert.

Den Mut dazu gewinnt sie daraus, dass sie im Zusammenhang mit Frauenleiden epidemiologische Studien liest. Dort geht es um Prävention, und meist um die großen Volkskrankheiten – Krebs, Herzinfarkt, Diabetes, Übergewicht. Diese Studien liefern aber zu einzelnen Lebensmitteln allenfalls lose Korrelationen und nur sehr grobe Daten.

Für die gesamte Bewertung eines Nahrungsmittels und seiner Bedeutung für die menschliche Ernährung reicht das auf keinen Fall aus. Schon gar nicht bei einem Fett, das aus den Tropen stammt, wo über Jahrtausende Herzinfarkt und Diabetes nicht die größte Sorge der Menschen waren: Diese Krankheiten haben sie erst jetzt, seit sie auf die Nahrung der Industriestaaten umgestiegen sind. Mit viel „gesundem“ Pflanzenöl und vielen „wertvollem“ Getreide. Dazu, zur Gesundheit der Südseeinsulaner zum Beispiel, die traditionell viel Kokosöl verzehren, gibt es übrigens auch Studien.

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Interessanterweise ist aber das Schreckbild des Herzinfarkts der Punkt, um den die ganze Hysterie kreist: Denn wegen der – angeblichen – Risikoerhöhung bei Herzinfarkt verteufelt Frau Prof. Dr. Dr. Kokosöl, ebenso wie Butter und Schweineschmalz und überhaupt tierische gesättigte Fettsäuren.

Das lässt sich nur so erklären, dass sie durch ihre Arbeit in den USA von der amerikanischen Krankheit befallen ist: einer merkwürdigen Herzinfarkt-Hysterie beim Essen.

In den USA werden nämlich alle Lebensmittel sowie die gesamte Ernährung im Hinblick auf den Herzinfarkt beurteilt, weil man dort der Meinung ist, eine „gesunde“ und fettarme Ernährung könne den Herzinfarkt verhindern.

Umgekehrt wird der Herzinfarkt nahezu ausschließlich als Folge einer „ungesunden“ Ernährung betrachtet.

Rauchen, Bluthochdruck, Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress, Gene, Stoffwechselstörungen, also die richtig großen und wissenschaftlich anerkannten Risikofaktoren, die hohe Cholesterinwerte überhaupt erst gefährlich machen können?

Egal, Hauptsache, die Butter kommt vom Brot.

 

Fett als Feindbild und die Fakten

Diese grobe Verzerrung ist in Deutschland und dem Rest von Europa nicht üblich, mal abgesehen von ein paar Veganern oder Essgestörten im Magerwahn.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält sich inzwischen bedeckt: Nach Jahren der Fettverteufelung muss sie seit 2006 kleinere Brötchen backen, weil die wissenschaftliche Lage sie dazu zwingt. Denn es ist gar nicht sicher erwiesen, dass gesättigte Fettsäuren Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen.

Im Forschersprech: Die Evidenz dafür ist nicht sehr hoch.

Deshalb hat die DGE aus ihren 10 Regeln für Ernährung zum Beispiel die Behauptung gestrichen, dass zu viele gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt erhöhen und man unbedingt Fett sparen muss. Jahrelang stand das in der Fett-Regel, seit 2018 ist es weg.

Weil man aber nicht so leicht vom Feindbild Fett lassen kann, findet sich in den 10 Regeln immer noch was von ungünstigen Wirkungen gesättigter Fettsäuren auf die Blutfettwerte. Sicherheitshalber.

Gleichzeitig hat man die Argumentation umgestrickt: 2018 heißt es in den neuen 10 Regeln schlau, dass nicht die gesättigten Fettsäuren den Herzinfarkt auslösen – sondern dass weniger davon das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken können.

Vielleicht. Denn auch hier ist die Evidenz nicht sehr hoch.

Das bedeutet: Es ist nicht sicher erwiesen, dass weniger gesättigte Fettsäuren vor Herzinfarkt schützen. Es ist sogar so, räumt die DGE ein, dass es möglicherweise überhaupt keinen Zusammenhang gibt – weder zwischen gesättigten Fettsäuren und Herzinfarkt allgemein noch zwischen dem Austausch gesättigter Fettsäuren durch angeblich bessere Stoffe wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren aus Pflanzenöl.

Das alles steht in gewundenen Worten in der Fettleitlinie der DGE, einem Hintergrundpapier zur Forschungslage rund um Fett in der Ernährung. Und weil die Arbeitsgruppe umfassend die wissenschaftlichen Studien sondiert hat, ist die DGE gegenüber den Tiraden der Frau Prof. Dr. Dr. jetzt unsere Kronzeugin.

 

Nicht überzeugend: die Fettratschläge

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat nämlich in der DGE-Leitlinie zu Fett mal nachgelesen. Das war natürlich Schwerstarbeit: seitenweise verschlüsseltes Geheimvokabular, durch das man sich in Doppelschichten durchbuchstabieren musste.

Es ist aber gelungen, die brisantesten Stellen aus dem heißen Material herauszuziehen und hier zu übersetzen. Ergebnis: Was man der DGE nicht vorwerfen kann, ist, dass sie schwindelt oder was verschweigt, wie Frau Prof. Dr. Dr.

Nein, die DGE bleibt sauber und gibt den Stand der Forschung gewissenhaft wieder. Aus taktischen Gründen und mit festem Blick auf das Endziel – weg mit den gesättigten Fettsäuren, egal wie – allerdings von hinten durch die Brust ins Auge.

Dazu skandieren die beteiligten DGE-Wissenschaftler einen Kanon von möglichen Effekten bei Fetten durch. Aber an keiner Stelle können sie sagen, dass gesättigte Fettsäuren wissenschaftlich sicher belegt Herzinfarkt und koronare Herzkrankheiten auslösen oder auch nur das Risiko stark erhöhen.

In der Leitlinie Fett sieht das so aus:

Die Evidenz für eine primäre Prävention der KHK durch eine Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen PUFA wird als wahrscheinlich bewertet.

Das bedeutet: Wenn man gesättigte Fettsäuren (aus Butter, Fleisch oder Kokosöl) durch mehrfach ungesättigte (aus Fisch oder Nüssen) ersetzt, ist nicht sicher, dass sich ein Herzinfarkt verhüten lässt. Es ist nur wahrscheinlich, dass dadurch das allgemeine Risiko dafür sinkt.

Die höchste Evidenzstufe, bei der man von einem sicheren Beleg sprechen kann, wäre „überzeugend“.

„Wahrscheinlich“ ist nur die zweithöchste und zeigt, dass der Austausch der gesättigten Fettsäuren durch andere, für besser gehaltene, eben nicht sicher vor dem Herzinfarkt schützt. Genau gelesen? Fett austauschen schützt nicht.

Das bedeutet auch: Gesättigte Fettsäuren machen keinen Herzinfarkt.

 

Gesättigte Fettsäuren machen möglicherweise – gar nichts

Dann kommt noch eine interessante Wendung:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen MUFA oder Kohlenhydrate wird als möglich bewertet.

Hier geht es um die Kritik an der Fett-Hypothese. Und es bedeutet: Möglicherweise gibt es tatsächlich gar keinen Zusammenhang zwischen dem Herzinfarkt-Risiko und dem Versuch, statt gesättigter Fettsäuren zur Vorsorge mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Pflanzenöle) oder Kohlenhydrate zu sich zu nehmen.

Das heißt: Fett sparen und gesättigte Fettsäuren durch angeblich „gesunde“ Fette oder Kohlenhydrate zu ersetzen, ist vielleicht sogar kompletter Unsinn. Das kommt dann noch einmal:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA (ohne gezielten Austausch gegen andere Energieträger) wird als möglich bewertet.

Wie im Absatz vorher, nur stärker: Möglicherweise – dritte Evidenzstufe – gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen einem Risiko für koronare Herzkrankheiten samt Herzinfarkt und dem Weglassen von gesättigten Fettsäuren in der Ernährung.

Das ist schon ein ziemliches Zugeständnis und vielleicht deshalb so gut verschwurbelt und versteckt.

Denn es bedeutet: Die Kritiker der DGE und der Fetthysterie haben möglicherweise wirklich Recht. Und vielleicht muss die ehrenwerte Gesellschaft das irgendwann auch anerkennen: Es könnte sein, dass es überhaupt keine Folgen von gesättigten Fettsäuren für die Herzgesundheit gibt.

 

Was reitet Frau Prof. Dr. Dr.?

Stück Butter auf Backpapier, nah

Die gute Butter: Bekömmlich und gesund.

Die steilen Parolen von Frau Prof. Dr. Dr. sind damit komplett erledigt, das sollte damit klar sein.

Die Frage ist, was die Frau geritten hat.

Dazu hat der Pressesprecher der Universität Freiburg ein erfrischend offenes Statement abgegeben.

Ob der großen Aufmerksamkeit platzte er schier vor Stolz, und freute sich über tausende von neuen Abonnenten für seinen Videokanal, ein richtiger Social-Media-Erfolg, super für das Haus.

Man kann es so sehen. Das ist dann wie bei den Klatschblättern, die unentwegt Falschmeldungen zu Schwangerschaften, Scheidungen und Krankheiten verbreiten, obwohl die Redakteure genau wissen, dass alles erfunden ist.

Der Medienblog Topfvollgold.de beschreibt das so:

„Brot und Butter der Klatschblätter ist die Unterstellung, die Irreführung …

Diese Form der hysterischen Dramatisierung ist die Domäne der Regenbogenpresse, die bevorzugt Begriffe wie “Frau”, “Gold”, “Freizeit” und “Aktuell” im Titel trägt. …

Aber es ist unbestreitbar (…), dass die Regenbogenpresse regelmäßig die Grenze von der Irreführung zur glatten Lüge überschreitet, dass sie Persönlichkeitsrechte missachtet, Menschen verleumdet und öffentliche Pranger baut.“

Mit exakt derselben hysterischen Dramatisierung hat sich nun die Universität Freiburg in Gestalt der Institutsleiterin Michels, Prof. Dr. Dr., präsentiert. Das Opfer am Pranger ist das Kokosöl, die Leidtragenden sind die Verbraucher und Patienten.

 

Erfolg im Netz: Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Denn der von sich selbst begeisterte Pressesprecher zahlt für seine Videoabonnenten einen Preis: Es sind schwere Kollateralschäden bei der verunsicherten Bevölkerung, die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft und Universitäten betreffend.

Denn jetzt fragen Menschen, was mit dem Kokosöl und der Butter ist. Kann man das überhaupt noch essen? Oder fällt man – Gift! Sicherer Herzinfarkt! – tot um? Wenn eine Harvard-Professorin mit zwei Doktortiteln so etwas sagt, dann muss da doch was dran sein? Die Universität wird doch wohl wissen, was sie tut?

Anscheinend nicht. In Freiburg hat man nur blindwütig agiert, um Aufmerksamkeit zu heischen.

Der Skandalvortrag steht trotz der offensichtlichen Falschaussagen auch noch im Netz. Und die Lässigkeit, mit der die rabiate Medizinerin ein paar Sätze nachschiebt, ohne zu begründen, warum sie das Richtige verschwiegen und das Falsche völlig überzogen hat, ist bemerkenswert.

Auch ist sie peinlich. Der Pressesprecher des Universitätsklinikums dazu:

„Wir freuen uns, dass wir Dank der sozialen Medien den Inhalt einer öffentlichen Veranstaltung so vielen Menschen zugänglich machen können“, sagt Benjamin Waschow, Leiter der Unternehmenskommunikation des Universitätsklinikums Freiburg.

„Wir haben mit dem Thema wohl einen Nerv getroffen. Dass das Thema kontrovers diskutiert wird, nehmen wir als universitäre Einrichtung als Bereicherung wahr.“ Das Universitätsklinikum Freiburg ist seit mehreren Jahren in den sozialen Medien sehr aktiv. Der Facebook-Auftritt und der Youtube-Kanal des Universitätsklinikums Freiburg gehören zu den erfolgreichsten unter den deutschen Universitätskliniken.“

 

Toll gemacht. Aber seriös ist anders.

@Johanna Bayer

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist auf der Seite der Uni Freiburg nicht mehr zu finden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Überraschung! 

Unter diesem Link mit der Pressemitteilung war das Video – zack, weg.

Aber auf Youtube hat jemand den Ausschnitt reingestellt: Ausschnitt aus dem Video Uni Freiburg auf Youtube, Vortrag von Prof. Dr. Dr. Karin Michels zu Superfood und Kokosöl

Kanal der Uni Freiburg auf Youtube: nichts mehr von Frau Michels über Kokosöl

PDF mit „Statement“ von Michels zum Vortrag

Pressemitteilung der Universität Freiburgvorher mit Video, jetzt ist es gelöscht.

Ausführliche Gegendarstellung mit Forschungsbelegen gegen die Behauptungen von Prof. Dr. Dr. Karin Michels auf dem Portal für Sporternährung von Dr. Feil

Die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder mit einer Kritik der Kritik an Kokosöl

Buchempfehlung zum Nachlesen: „Mehr Fett!“ von Ulrike Gonder und Nicolai Worm, Systemed Verlag 2010

 

Hier noch ein Auszug aus einem früheren Beitrag von Quarkundso.de zu Kokosöl und der Position der American Heart Association (AHA) von 2017.

Die AHA hatte 2017 sowohl vor Kokosöl als auch vor Butter und gesättigten Fettsäuren gewarnt. Wie man sieht, folgt Prof. Dr. Dr. Michels aufs Haar genau dieser US-Doktrin, was zeigt, dass sich ihr wüster Vorstoß tatsächlich direkt aus der amerikanischen Perspektive nährt. 

Aus dem Beitrag „BRIGITTE – online first und Chaos mit Kokosöl“

Quarkundso.de, das Ernährungsportal Ihres Vertrauens, sieht sich demselben Druck ausgesetzt wie die billigen Online-Angebote – wir stehen nämlich auch unter dem Zwang, Nutzwert zu liefern und alles leicht, in Häppchen und verständlich zu servieren.

Daher kurz zur Sache: Was ist jetzt mit dem Kokosöl und der AHA?

– Die American Heart Association (AHA) hat am 26.6.2017 eine allgemeine Empfehlung zu Nahrungsfetten herausgegeben. Diese hat sich nicht ausschließlich mit Kokosöl beschäftigt. Es ist ein Positionspapier zu gesättigten Fettsäuren und Nahrungsfetten allgemein. Darin hat die AHA den kompletten Forschungsstand zusammengefasst, bis hin zu Fütterungsversuchen mit Affen und Studien aus den letzten 60 Jahren Forschungsgeschichte.

– Alles, was sie in ihrer Empfehlung schreibt, ist bekannt und nichts als die Wiederholung der alten amerikanischen Fett-Doktrin: Raus mit den gesättigten Fettsäuren aus der Nahrung! Diese Doktrin vertritt man in den USA schon seit den 1950er Jahren. Immerhin erwähnt die AHA nebenbei korrekt, dass es heute keine Begrenzung der Fettmenge in der Nahrung mehr gibt und dass, Achtung, der Ersatz von Fett durch Kohlenhydrate und Zucker negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Dass Kokosöl wegen der ungesättigten Fettsäuren angeblich ungünstig ist, steht aber auch schon in den amerikanischen Ernährungsempfehlungen von 2010, den Dietary Guidelines.

– In dasselbe Horn – gegen das Kokosöl – stoßen auch andere Institutionen wie 2016 die British Nutrition Foundation, eine nationale Ernährungseinrichtung in England – wieder ohne Zweifel ein Land mit höchster Ernährungskompetenz.

– Hintergrund ist natürlich, dass es in der Wissenschaft seit Jahren immer mehr Stimmen gibt, die traditionelle Nahrungsfette mit einem natürlichen Gehalt an gesättigten Fetten rehabilitieren. Die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Butter wurde vom TIME MAGAZINE schon 2014 auf den Titel gehievt („Eat Butter!“). Milchfett, das viele gesättigte Fettsäuren enthält, ist inzwischen schwer im Aufwind: Nein, es verursacht keinen Herzinfarkt und führt auch nicht langfristig zu schlechteren Cholesterinwerten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, speziell Milchfett wirkt sich günstig aus auf den Cholesterinspiegel und bei vielen Krankheiten aus. Kokosöl ist das neue Lieblingskind der Fettfreunde, und es werden ihm viele günstige Wirkungen auf Stoffwechsel, Gehirn und Immunsystem nachgesagt. Interessant ist das allemal, beinhart bewiesen aus Sicht der Kokos-Kritiker nicht.

– Es ist aber in dieser Lage barer Unsinn, was in der – von den Nachrichtenagenturen erfundenen Überschrift – steht: „Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter!“. Erstens ist Butter nicht ungesund, siehe oben. Zweitens hat selbst die AHA nicht gesagt, dass Kokosöl „so ungesund ist wie Butter“. Im Papier steht, dass das Austauschen von Butter gegen Kokosöl wegen des hohen Anteils von gesättigten Fettsäuren nicht das bringt, was man sich erwartet, da beide viele gesättigte Fettsäuren enthalten.

– Allerdings rät die AHA in ihrer Stellungnahme tatsächlich rundheraus von Kokosöl ab, und zwar nicht, weil Studien erwiesen hätten, dass Kokosöl Herzinfarkt und Schlaganfälle auslöst. Oder weil Menschen, die traditionell viel Kokosöl konsumieren – etwa in den Tropen – besonders oft an diesen Krankheiten sterben. Das ist nämlich nicht der Fall. Nein, es ist ein rein theoretischer Befund, eine Interpretation nicht über das Lebensmittel Kokosöl, sondern über isoliert betrachtete gesättigte Fettsäuren:

„Clinical trials that compared direct effects on CVD of coconut oil and other dietary oils have not been reported. However, because coconut oil increases LDL cholesterol, a cause of CVD, and has no known offsetting favorable effects, we advise against the use of coconut oil.”

– Das ist ein dicker Hund und die Freunde der Kokosnuss laufen Sturm dagegen. Sie betonen, dass weder den gesättigten Fettsäuren an sich, und schon gar nicht den traditionellen Nahrungsfetten in der Forschung wirklich nachgewiesen werden konnte, dass sie Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen. Tatsächlich ist die Interpretation der AHA nur die Sicht aus einer bestimmten Brille. Selbst die traditionell behäbige deutsche DGE konnte nicht umhin, anlässlich ihrer Fettleitlinie zuzugeben, dass gesättigte Fette nicht Schuld sind an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderem. Das liest sich einigermaßen verwirrend:

FAQ zur Leitlinie Fett der DGE“

1. Welche Krankheiten thematisiert die Leitlinie und warum?
Die Leitlinie thematisiert Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Metabolisches Syndrom, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Krebskrankheiten, weil sie zu den häufigsten chronischen Krankheiten in Deutschland zählen. Aus Kapazitätsgründen konnte die Leitlinienkommission nicht alle Krankheiten, bei denen die Fettzufuhr eventuell relevant ist, berücksichtigen.
(…)

4. Sind gesättigte Fettsäuren schlecht?
Eine hohe Zufuhr von gesättigten Fettsäuren erhöht die Gesamt- und LDL-Cholesterolkonzentration im Blut, ist aber bei den hier betrachteten Krankheiten mit keinen weiteren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden. Durch den Austausch von gesättigten durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren lässt sich allerdings das Risiko für Fettstoffwechelstörungen und die koronare Herzkrankheit senken. Deshalb empfiehlt die DGE, die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren … zu senken.“
(Ende Zitat DGE)

– Wo der Hund begraben liegt, ist also bei den von der AHA zitierten Studien zu Herzinfarkt und Schlaganfall im Verhältnis zur Aufnahme von gesättigten Fettsäuren. Sagen die was aus oder nicht? Sagen die Fütterungsversuche an Rhesusaffen was aus oder nicht? Zwar konnte bei Menschen mit Risikofaktoren konnte festgestellt werden, dass ihre schlechten Werte sich verbesserten, wenn sie gesättigte Fette verminderten und gegen ungesättigte Fettsäuren eintauschten. Im Klartext: Der LDL-Spiegel bei kranken Risikopatienten sank, die übergewichtig und fehlernährt waren, schon einen Herzinfarkt erlebt hatten oder eine koronare Herzkrankheit hatten. Auch sanken bei Studien mit solchen Gruppen die Raten für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Doch gerade die erwähnten finnischen Studien sind auf andere Länder nicht übertragbar, denn in Finnland gibt es eine genetische Häufung von frühen Herzinfarkten und hohem LDL. Und allgemein ist die Krux: Solche Studien mit Patienten sagen nicht wirklich etwas über Gesunde und die Zuträglichkeit der Lebensmittel aus. Ein kranker Körper funktioniert anders.

– In allen Interventionsstudien, die die AHA nennt, wurden die Nahrungsfette bei Menschen ausgetauscht, die gleich mehrere Risikofaktoren hatten. Dazu zählen auch Entzündungen im Körper, die inzwischen als die wahren Ursachen für Herzinfarkt und Schlaganfall gehandelt werden. Für allgemeine Ernährungsratschläge taugt so etwas also nicht. Und schon gar nicht für den Umgang mit einem traditionellen Nahrungsmittel wie Kokosöl. Man müsste sonst Millionen von Menschen in den Tropen ihre Esskultur und ihr Ernährungswissen absprechen. Das können sich die dicken Amis und Engländer mit ihrem Industriefraß weiß Gott nicht erlauben, um es mal ganz vorsichtig à la Quarkundso.de auszudrücken.

Damit sind wir mit unserer Weisheit aber auch am Ende.

Die Freunde der Kokosnuss wissen mehr, namentlich die großartige Ulrike Gonder, deutsche Expertin in dieser Sache. Links im Nutzwert-Teil ganz unten.

Weil bei Online aber immer das Persönliche zählt, gesteht die Chefredaktion von Quarkundso.de noch, dass sie an Fett nicht spart und sich obendrein jeden Tag einen Löffel voll mit nativem Bio-Kokosöl genehmigt. Das soll gut sein fürs Gehirn, und übrigens auch fürs Immunsystem.

Die Cholesterinwerte der gesamten Chefredaktion, namentlich der #Fettbeauftragten, entsprechen dabei denen eines neugeborenen Babys.

Kein Witz. Wir können daher den Konsum von Butter, Vollmilch, Sahne, Schweineschmalz und lecker Kokosöl nur empfehlen. Aber auf uns hört ja keiner.

©Johanna Bayer

Die große Serie bei Quarkundso.de: Was wirklich dick macht – und wo die DGE kneift

Endlich ist sie da, die neue Folge zu den größten Dickmachern. Diesmal geht es ums Grundsätzliche: Wer hat eigentlich das Problem? In der Zucker-Debatte scheinbar vor allem Kinder, die es zu schützen gilt. Doch die Dicken, das sind die Erwachsenen. Und denen will keiner was verbieten: Nicht einmal die DGE wagt in ihren 10 Regeln eine klare Ansage – Quarkundso.de übernimmt.

 

Mann in rotem Hemd mit überhängendem Kugelbauch, nah, von der Seite (Gesicht ist nicht zu sehen)

Wampe und Wohlfühlgewicht: Man gönnt sich ja sonst nichts. Die Frage ist: Soll das so weitergehen?

 

Jetzt geht es also endlich weiter mit der Serie zu den größten Dickmachern. Vorab möchten wir warnen: Es folgen Regeln und Vorschriften, es wird also trocken und auch etwas streng.

Aber ab und an muss man ein Thema mal gründlich durchdenken. Am Ende gibt es dafür wieder handfesten Service und eine schöne Take-Home-Message.

Unser heutiger Beitrag zu den wahren Dickmachern dreht sich also um eine grundsätzliche Frage: Wer hat eigentlich das Problem?

Die erste Folge vom 5.4.2018 war da praktischer ausgerichtet, es ging um Bier als Dickmacher, und zwar im Vergleich zu Zucker (bitte nachlesen). Letzterer ist zu Unrecht alleiniger Sündenbock in der Debatte, an das heilige Bier will keiner ran.

Das geht schon aus kulturellen Gründen nicht, und damit sind nicht nur Bierbrauen und Saufen gemeint. Sondern auch die nationale Psyche, die Mentalität. Der Geist eines Volkes.

Denn es ist nunmal so: Deutschland ist das Land der Schulmeister.

Für Kinder, wohlgemerkt.

 

Angstgegner: der ausgewachsene Deutsche

Über die zerbricht man sich unentwegt den Kopf – wie sie zu unterrichten, zu belehren, anzuleiten, zu fördern sind, wie man sie am besten trainieren, drillen oder zur Entwicklung anregen kann; wie man ihnen Grenzen setzt, sie schont, vor Schaden bewahrt, aufklärt und für den Ernst des Lebens rüstet.

Deshalb ist Zucker so ein willfähriges Opfer: Die Akteure der Debatte haben vor allem Kindernahrung, Kinderlebensmittel und Werbung für Kinder im Blick. Da darf man sich mit Regeln, Verboten und Bewahren austoben. Ist ja für eine gute Sache, für die Kleinen – Kinder sind unsere Zukunft!

In Deutschland hat man also viele Freunde, wenn man Kindern den Zucker verbietet. Den Erwachsenen aber die Dickmacher wegzunehmen, das traut sich keiner.

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Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Denn der ausgewachsene Deutsche ist kein leichter Gegner. Das hat das Veggie-Day-Trauma der Grünen aus dem Jahr 2013 gezeigt. Und auch sonst ist der Deutsche auf der Hut vor Regeln, die die persönliche Freiheit einschränken.

Da mutiert er sofort zu einem Schreckgespenst: zum mündigen Bürger.

Der lässt sich nichts sagen, ist gegen Tempolimit, Fahr- und Parkverbote und zieht bei Nachbarschaftsstreitigkeiten gerne vor Gericht. Einfach mal einlenken, weil der andere berechtigte Gründe hat, das geht nicht. Da steht sofort die Freiheit auf dem Spiel.

Und so hält er es auch mit dem Übergewicht.

 

Nur die Minderheit kann nichts für ihr Übergewicht

Fetter Mann in blauem T-Shirt mit Glas Bier und Fernbedienung in der Hand

Auf seine Feierabendrituale lässt der Deutsche nichts kommen.

Weniger essen, um nicht aus dem Leim zu gehen? Auf keinen Fall.

Sich zurückhalten bei Bier, Currywurst, Pommes-Mayo, Kuchen? Man gönnt sich ja sonst nichts. Abnehmen, weil man schon zu fett ist? Unmöglich, bei dem Stress.

Natürlich sind hier nicht die gemeint, die für ihre Korpulenz nichts können – Menschen mit Krankheiten, auch psychischen.

Oder Leute, die schon als Kinder dick waren, Patienten, die Medikamente nehmen müssen, Kinder, die von ihren Eltern vollgestopft und sonst wenig beachtet werden.

Das ist aber die Minderheit. Wir wiederholen: Das ist die Minderheit.

Die Mehrheit war noch als junge Erwachsene bis etwa 25 oder 30 normalgewichtig bis schlank. Mit steigendem Lebensalter ändert sich das: Zwei Drittel der Erwachsenen nehmen zwischen dem 25 und dem 50 Lebensjahr 11 bis 20 Kilo zu, Tendenz im Alter steigend.

Das ist nicht naturgegeben: Ursprünglich lebende Jäger- und Sammlervölker halten ihr Gewicht nach der Pubertät weitgehend.

 

Noch nie war Deutschland so dick

Anders in der modernen Welt. Hier betrachtet man die Speckrollen des Erwachsenen als Schicksal. Daher sieht man Männer um die 50, die trotz Riesenwampe nicht auf ihre drei bis fünf Feierabendbiere verzichten wollen. Und Frauen, die mit 30 Kilo Übergewicht davon reden, dass sie stolz auf ihre Kurven sind, aber das Sodbrennen nicht in den Griff kriegen, weshalb sie den Arzt wechseln wollen.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Der Befund ist erschütternd: Noch nie gab es in Deutschland so viele Übergewichtige und insbesondere Fettleibige, also Leute mit schwerem Übergewicht über Body-Mass-Index 30 (abgek. BMI 30, rund 18 Kilo über Normalgewicht).

Das Problem ist so gravierend, dass die Normalgewichtigen schon in der Minderzahl sind, wie die DGE 2017 bekanntgab:

In der Altersklasse der Berufstätigen ist das Dicksein heutzutage so weit verbreitet, dass es keine Ausnahme mehr darstellt, sondern der Normalzustand ist.

Männer sind besonders häufig zu dick: Am Ende ihres Berufslebens sind 74,2 % übergewichtig. Bei den Frauen im gleichen Alter sind es 56,3 %.

(Quelle: 13. DGE-Ernährungsbericht von 2017).

 

Da ist nichts versteckt

Der „versteckte Zucker“ in Grillsaucen und Sauerkraut ist daran nicht schuld. Das zeigen die Zahlen dazu, was erwachsene Deutsche im Schnitt täglich verputzen, an Süßwaren, Kuchen oder Schokolade, zum Beispiel,

Nachzulesen ist das in der Nationalen Verzehrsstudie (NVS): Zum Beispiel gönnen sich die mündigen Bürger jeden Tag 50 bis 60 Gramm Süßigkeiten, das sind mindestens 300 überflüssige Kalorien am Tag.

Plus Bier. Plus Kuchen. Plus Saft, Limo und Cola. Plus Eis, gerade im Sommer so erfrischend, mal zwischendurch. Da kommt ganz schön was zusammen, was weder nötig noch „versteckt“ ist.

Zwar gibt es einen erheblichen Teil von Dicken, die nicht so viel Süßes essen. Sie halten sich an Brot, Wurst, Nudeln, Pommes und andere herzhafte Genüsse, wozu das heilige Bier immer am besten passt. Aber es hilft ja nichts – auch die müssten bereit sein, ihre Gewohnheiten zu überdenken.

Was sie nicht sind. Und da liegt der Hase im Pfeffer.

 

10 Regeln der DGE: Keine klare Ansage zum Gewicht

Die DGE beklagt das schon seit Jahren und Experten wissen es: Viele Menschen sind einfach nicht dazu bereit, ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern, selbst wenn sie erheblich zunehmen.

Daher sollte man – Stichwort mündiger Bürger – mit ihnen Tacheles reden: Es braucht eine klare Ansage gegen Übergewicht, zum Beispiel von der DGE.

Doch ausgerechnet die obersten Ernährungshüter, die der ganzen Welt eine fade Körnerkost verordnen wollen, eiern in ihren Vorschriften herum: Keine einzige der 10 DGE-Regeln für vollwertige Ernährung widmet sich konzentriert dem Problem Übergewicht.

Dabei sollen diese einfachen Richtlinien doch „dem Verbraucher“ helfen, also allen; und sie sollen für jedermann verständlich sein. Deshalb wurden sie gerade umständlich überarbeitet. Nur fehlt die klare Positionierung zur größten Falle beim Essen: zum Zuviel. Selbst an den Stellen, an denen von Genussmitteln und gesüßten Getränken die Rede ist, wagt die DGE nur vorsichtig zu erwähnen, dass sie „das Risiko für Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 erhöhen.“

Dass Menschen nicht dick werden sollen und Übergewicht aktiv vermeiden müssen, steht nirgendwo.

Auch nicht in der letzten Regel, der Nr. 10. Da ist zwar die Rede vom Gewicht, aber ganz vage. Der Text dazu dreht sich um den Zusammenhang von Ernährung mit Bewegung und besagt im Kern nur, dass Bewegung gesund ist.

Als ob der mündige Bürger das nicht längst wüsste.

 

Zu allgemein – und Thema verfehlt

Hier die Kurzfassung:

Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben

Vollwertige Ernährung und körperliche Aktivität gehören zusammen. Dabei ist nicht nur regelmäßiger Sport hilfreich, sondern auch ein aktiver Alltag, indem Sie z. B. öfter zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren.

Schon die Überschrift ist so unklar wie platt. Außerdem steht sie in keinem erkennbaren Zusammenhang zu dem Text darunter. Der lässt das Thema Gewicht und Überernährung gleich ganz weg, um möglichst wenig konkret von „körperlicher Aktivität“ zu schwurbeln. Thema verfehlt – zumal ein irgendwie gesunder Alltag eigentlich nicht ins Aufgabengebiet der DGE fällt.

Und was soll das überhaupt heißen, auf das Gewicht achten? Um welches Gewicht geht es denn, vielleicht das Wohlfühlgewicht? Soll man daher einfach so bleiben, wie man gerade ist? Warum schreiben die Ernährungshüter so windelweich?

Es gibt noch eine Langfassung, ganz neu, von Juli 2018. Darin findet sich eine Abhandlung über den gesundheitlichen Segen von Bewegung im Allgemeinen. Ohne Zusammenhang zählen die Verfasser am Ende noch die Folgen von Übergewicht und Untergewicht auf, und zwar gleichwertig.

Wir finden das bemerkenswert. Denn die Mageren stellen in Deutschland nur eine winzige Minderheit, es sind nur etwa vier Prozent der Bevölkerung. Dagegen ist der Anteil der Übergewichtigen so hoch – über zwei Drittel aller Männer, die Hälfte der Frauen – dass die Kosten dafür demnächst unser Gesundheitssystem sprengen.

Das ist nicht verhältnismäßig.

 

Die Angst der Fachleute vor dem Text

Dicke Frau in Badeanzug am Strand

Übergewicht: Die meisten könnten etwas tun.

Daher wäre es gut, Farbe zu bekennen und den mündigen Dicken sowie allen Erwachsenen in den 10 Regeln eine klare Ansage zu geben.

Wir schlagen also vor, dass die Regel neu geschrieben wird.

Und wenn die DGE es nicht macht, dann muss Quarkundso.de mal wieder einspringen.

Wir hatten das ja schon. Das war bei der DGE-Regel Nr. 7, der Trinkregel, Link steht unten. Die haben wir im Sommer 2017 exemplarisch umgeschrieben, als Fingerübung Challenge, und auch als kleines Beispiel für, nun ja, Interessierte.

Knapp drei Wochen später stand auf der DGE-Homepage eine neue Trinkregel Nr. 7, die unserer Fassung auffallend ähnelte.

Den Trick versuchen wir jetzt nochmal. Es ist ja für einen guten Zweck, und vielleicht ist dieses Jahr auch die Zahlungsmoral der DGE besser (bitte oben auf das Sparschwein klicken, vielen Dank).

Was das Problem haben wir 2017 schon benannt: Es waren Fachleute am Werk. Also Ernährungswissenschaftler.

Die stehen unter dem Zwang, sämtliche Eventualitäten zu bedenken, den ganzen komplexen Sachverhalt abzubilden und bei Adam und Eva anzufangen. Also bei Ernährung und Bewegung, nicht zu vergessen das Untergewicht.

Ihre größte Angst ist, dass man ihnen Nachlässigkeit oder Unvollständigkeit vorwirft, weil sie wichtige Einzelfälle nicht erwähnt oder sich absolut geäußert haben, wo es doch Ausnahmen gibt. Klar und prägnant können sie deshalb nicht schreiben. Stattdessen operieren sie mit abstrakten Phrasen, in die alles reinpasst.

 

Man muss Prioritäten setzen

Da sind wir von Quarkundso.de ganz anders. Wir gehen beherzt zur Sache: Was ist das große Problem unserer Zeit bei der Ernährung? Übergewicht.

Also muss das eindeutig rein, schon in den Titel. Alles andere ist untergeordnet, zum Beispiel die winzige Randgruppen der Dünnen mit Body-Mass-Index unter 18,5.

Wir wollen aber auf keinen Fall hartherzig sein. Die Belegschaft der Fachabteilung steht nämlich schon händeringend vor unserem inneren Auge, voller Angst, dass nicht alles, alles in der Regel drin ist.

Keine Sorge, wir lassen uns was einfallen.

Fangen wir mit der Überschrift an. Die muss klar sein, und sie muss die ansprechen, um die es geht: die Erwachsenen, insbesondere die jungen Erwachsenen. Der ängstlichen Fachabteilung zuliebe natürlich auch alle anderen Menschen. Selbst das geht, wenn man das alte Wischiwaschi durch eine eindeutige Aufforderung ersetzt. Die sieht so aus:

Halten Sie Normalgewicht und bewegen Sie sich viel!

Noch Fragen? Sicher nicht, denn mit „Normalgewicht“ ist alles gesagt: Übergewicht und Wampe verbieten sich damit ebenso wie Abmagern.

Dieser neue Titel bietet eine sehr einfache, eindeutige Richtlinie für den Alltag, für jedermann – und für den Rest des Lebens. Großzügig und realistisch ist sie auch noch, denn sie enthält die ganze Spannbreite der BMI-Skala von BMI 18,5 bis 25. Eine Frau von 1,70 Körpergröße kann demnach zwischen 55 und 71 Kilo wiegen, ein Mann von 1,82 zwischen 66 und 84 Kilo. Das lässt für alle Körperbautypen genügend Spielraum.

 

Die neue Regel 10 zum Körpergewicht

Unser neuer Kurztext präzisiert das. Dabei setzen wir dieselben Prioritäten: Der wichtigste und häufigste Fall kommt nach vorne, das ist das Übergewicht. Das Allgemeine steht hinten.

Halten Sie Normalgewicht und bewegen Sie sich viel!

Vermeiden Sie Übergewicht. Wenn Sie zunehmen, steuern Sie aktiv gegen. Sprechen Sie bei Übergewicht mit Ihrem Arzt. Auch Untergewicht ist gesundheitsschädlich. Gut ist auf jeden Fall Bewegung – vollwertige Ernährung und Bewegung gehören zusammen.

Damit ist alles gelöst: Das Thema aus dem Titel taucht im Text wieder auf, das Übergewicht ist prominent und Untergewicht wird mit abgefrühstückt, damit das Fachreferat keinen Verweis bekommt.

In der Langfassung könnte man dann noch allerlei erklären: zum Beispiel den BMI-Spielraum für Normalgewicht, oder warum Menschen ab etwa dem 25. Lebensjahr ihre Ernährungsgewohnheiten an den langsameren Stoffwechsel anpassen müssen.

Wie wir die DGE kennen, wird sie die Vorlage von Quarkundso.de natürlich gleich retuschieren. Vor allem, indem sie die Überschrift abschwächt und in ihren geliebten Infinitiv umwandelt: „Normalgewicht halten und in Bewegung bleiben“. Bloß kein Ausrufezeichen, sowas klingt nach Befehl!

Die DGE ist lieber sanft im Ton, das soll den mündigen Bürgern vortäuschen, dass sie nicht so streng ist, alles ganz lieb meint und auf keinen Fall irgendjemandem Vorschriften machen will.

In Wahrheit ist das natürlich ganz anders, im Land der Schulmeister, und gerade bei der DGE.

Vor allem aber bei Quarkundso.de. Wir meinen es ernst und sind besonders streng: Wer im Erwachsenenalter unbändig zunimmt, muss aktiv etwas dagegen tun. Wie mündige Bürger das angehen können, davon handeln die nächsten Folgen.

©Johanna Bayer

HINWEIS: Bitte vor dem Kommentieren die Kommentarregeln durchlesen. Sie stehen im Impressum und auf der Seite „Was soll das?“. Die Regeln betreffen unsachliche, beleidigende und anonyme Kommentare. 

Ganz neu: Die 10 Regeln der DGE zur „vollwertigen Ernährung“

Unser Vorschlag zur Trinkregel Nr. 7 von Juli 2017 , danach hat die DGE den Text geändert.