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Lokaltermin: Hauptsach gudd gess! Quarkundso.de auf Tour im Saarland

Klar kann man im Saarland gut essen. Aber es kommt auch auf die Leute an, die dafür sorgen. Auf einer Bloggertour treffen wir Menschen, die für ihren Traum vom Food-Business alles geben. Die natürliche Form dafür: das Familienunternehmen.  (Blogger-Reise auf Einladung der Tourismus-Zentrale Saarland)

 

Radrikscha, Aufschrift "Saarland", Fahrerin, zwei Fahrgäste

Erster Abend: mit der Radrikscha durch Saarbrücken

In der losen Reihe Lokaltermin können wir unsere erste Tour präsentieren: eine richtige Blogger-Reise auf Einladung, mit Führungen und Essen, und das im frankreichnahen Saarland.

Tolle Sache, und dazu war die Gruppe ausgesprochen ehrenhaft, es waren nämlich illustre Back-, Reise- und Genussblogger, darunter Claudia von Ofenkieker.de, Kuchenbäcker Tobias Müller, Andrea von Zimt und Vanillekeks, Tanja vom Reiseblog Vielweib.de und Andrea Juchem von den Backschwestern.

Quarkundso.de, ohne Rezepte und ohne jedes Törtchen, lief da natürlich außer Konkurrenz. Umso höher rechnen wir es der Tourismuszentrale Saarland und Andrea Juchem von den Backschwestern an, dass sie uns eingeladen haben.

Auf dem Programm standen kleine Food-Startups und Manufakturen, ein Kochworkshop, eine Mühlenbesichtigung und am Ende eine Führung durch die Abteilung Tafelkultur bei Villeroy&Boch, mit standesgemäßer Übernachtung im Schloss Saareck. Daher ist natürlich die Chefredakteurin persönlich hingefahren. Auch, weil ein Land, dessen Wahlspruch „Hauptsach gudd gess!“ ist, selbstverständlich zu unserer ökologischen Nische gehört. Aber wir waren nörgelbereit und wachsam, schließlich hat man einen Ruf zu verlieren.

 

Ein kleines oder großes Familienunternehmen

Unsere Kernkompetenz war dann aber weniger gefragt, denn es kaum Anlass zum Nörgeln. Schon gar nicht am Hotel Leidinger in Saarbrücken, in dem die Reisegruppe an den ersten beiden Tagen untergebracht war: schönes Haus, nettes Personal, Slow-Food-Essen, eine Weinbar und ein gigantisches warmes Frühstücksbuffet.

Auch sonst war alles liebevoll überlegt und gut organisiert, mit kleinen Überraschungen wie dem Fahrrad-Taxi oder dem Retro-Bus, und mit Leuten, die sich etwas einfallen lassen, um ihren eigenen Laden aufzubauen oder voranzubringen.

Und das ist die eigentliche Geschichte – es war nämlich sowohl spannend als auch geradezu berührend, zu sehen, was Menschen tun, um ihren kleinen oder größeren Business-Traum zu leben. Und zwar dort, wo sie gerade sind. Selbst wenn sie im Keller oder im Hinterhof angefangen haben, anfangs nur als Hobby kochten und Partner oder Eltern anpumpen mussten, bis der Laden lief.

Vielleicht liegt das an diesem besonderen kulturellen Gemisch: Frankreich und Luxemburg vor der Tür, man atmet europäisches Flair, fährt zum Einkaufen über die Grenze und kann gerade deshalb einfach bleiben, wo man ist. Man rückt zusammen, und kehrt wieder, selbst wenn man jahrelang woanders war. Dann macht man einfach das, was Eltern und Vorfahren schon immer gemacht haben, und es ist gut so.

Klingt von außen provinziell, ist von innen gesehen aber natürlich – und die dazu passende Unternehmensform im Saarland ist das Modell „Familienunternehmen“: Fast alle, die wir besucht haben und die etwas mit Essen, Genuss oder schönen Dingen machen, betreiben ihr Business als Familie, als Paar-Projekt, als Mehr-Generationen-Geschäft oder als buchstäblich jahrhundertealten Betrieb.

Und fast alle waren Quereinsteiger, Leute, die ins Genießen als Profession erst reingewachsen sind oder einfach reingeworfen wurden.

 

Einfach mal anfangen

In der Fruchteria zum Beispiel, wo die Bloggerrunde nach der Ankunft empfangen wurde, verkauft Andrea Dumont Marmeladen, Brotaufstriche und Fruchtzubereitungen von Essig über Chutney bis Saft. Mit ihrem Mann wohnte sie früher nur gegenüber vom Hotel Leidinger und hatte viel von ihren selbst gekochten Marmeladen übrig. Die lieferte sie dem Hotel als Offenware für das Frühstücksbuffet als Offenware.

Ihre Kirschkonfitüre schlug so ein, dass viele Gäste nachfragten und Andreas Mann irgendwann vorschlug: „Stell doch einfach mal ein Glas zum Kaufen im Hotel auf die Theke!“.

Das war der Anfang. Heute führt Andrea ihre Fruchteria als Laden direkt im Haus Leidinger. Es gibt Kreationen wie Mango-Rosmarin-, Aprikosen-Lavendel oder Birne-Portwein-Marmelade, Rosenlikör oder Chutneys, die sie auch online verschickt. Die Rohware oder zugekaufte Produkte wie Säfte, Sekt oder Fruchtessige stammen ausschließlich von regionalen Erzeugern, ein Qualitätsausweis, aber auch so eine Art Ehrensache, hier im Saarland.

 

 

Blick in den Laden: Tisch, Käseplatten, Flaschen und Leute die essen

Schlemmen in der Fruchteria

Regal mit Gläsern, Wurst und Wildpastete, nah

Das Regal fürs Herzhafte: Wildpastete und Leberwurst

 

Ganz ähnlich klingt die Geschichte von Christine Breyer aus dem Bliesgau, etwa 12 Kilometer vor Saarbrücken. Sie hat im Waschkeller angefangen, Marmeladen und Liköre zu machen, heute ist ihr Laden „MaLis Délices“ preisgekrönt und beliefert Gourmethandel und Spitzenrestaurants.

Und natürlich arbeitet, wie sollte es anders sein, Christines Mann im Geschäft mit. Er macht „alles, was Männer machen können“, wie Christine Breyer es ausdrückt – sie meint Kistenschleppen beim Einkauf und das Ausliefern der Ware.

Für ihr legendäres Walnuss-Pesto hat die bescheidene Köchin sogar in Brüssel eine Auszeichnung abgeräumt, ihr Hofladen auf dem Gut Hartungshof führt ein Sortiment an Delikatess-Aufstrichen, Pasten, Likören, Chutneys, Ketschup und Ölen. Die Saaten zu den Ölen stammen aus dem Biosphärenreservat Bliesgau und werden auf der der gutseigenen Ölmühle kalt gepresst.

Christine serviert uns Häppchen mit ihren eigenen Brotaufstrichen, darunter Crème Caramel mit Meersalz. Danach gibt es Mirabellenlikör, Mirabellen-Kuchen und eine Mirabellen-Quiche – die Pflaumenart ist hier das Nationalobst: Im benachbarten Lothringen und im Saaraland werden über 70 Prozent der Weltproduktion geerntet, auch aus vielen alten Sorten.

 

Likörgläser mit Mirabelle, nah

Da dürfen es auch zwei Gläschen sein: Das Nationalobst Mirabelle ergibt einen grandiosen Likör.

Die alten Sorten und das Verarbeiten von Streuobst liegen Christine besonders am Herzen, sie folgt den Prinzipien von Slow Food, dem Verein zur Rettung der Esskultur vor dem industriellen Einheitsgeschmack. Dessen Grundsätze lauten „gut, sauber, fair“, was sich auf die Qualität der Produkte und Zutaten sowie Umweltschutz und Arbeitsbedingungen bezieht. Die strengen Anforderungen erfüllt nicht jeder, Christine aber darf Jedes Jahr an der Slow-Food-Messe in Stuttgart teilnehmen, dem „Markt des guten Geschmacks“. Dort präsentieren streng ausgewählte Hersteller Lebensmittel und Delikatessen, die aus echter handwerklicher Produktion stammen und ohne Geschmacksverstärker oder Zusatzstoffe auskommen.

 

Essen aus 1001 Nacht: die Gewürzmanufaktur Rimoco

Dem Slow-Food-Gedanken folgen auch die Gründer eines klassischen Start-Ups, Ben und Richard von der Gewürzmanufaktur Rimoco in Saarbrücken.

Nach dem BWL-Studium und vielen Reisen in Asien und im Orient hatten die beiden noch während des Examens die Idee, in den Gewürzhandel einzusteigen. Die Eltern lieferten das Startkapital, den passenden Laden fanden die Jungunternehmer in einer alten Schreinerei von 1950: sechs Meter hohen Decken, alte Bleisprossen-Fenster, massive Werkbänke, Plankenböden mit passendem Gründercharme. Das Klo ist auf dem Hof, gekocht wird an einer großen Werkbank und mitten im Laden steht eine lange Tafel quer im Raum, an der 20 Leute sitzen können.

Die Gewürze sind in Bio-Qualität und werden von Hand in einer alten Gewürzmühle gemahlen, frisch gemischt und verpackt. Das gesamte Konzept basiert wie bei MalisDélices auf den Prinzipien von Slow Food: gut, sauber, fair. Beide Gründer sind Idealisten, haben ihr Geld bei der Ethik-Bank und reisen selbst nach Indien, in den Iran oder nach Afrika, um dort Produzenten zu suchen, sich die Plantagen und die Ernte anzusehen, die Arbeitsbedingungen kennenzulernen und Proben zu verkosten.

 

Herd, Pfanne, Frau (Quarkundso) fährt mit Spatel in Pfanne herum

Nüsse rösten für das Dukkah

Hand schüttet aus Schale Gewürz in Pfanne mit Nussmischung und Chilipulver, rot

Von Hand gemischt: Dukkah aus Nüssen, Chili, Meersalz, Koriander und Kreuzkümmel

 

Wir dürfen dann selbst mischen: geröstete Cashew-Nüsse, Koriander und Kreuzkümmel samt Meersalz und Cayenne-Pfeffer werden zu Dukkah, einer nordafrikanischen Gewürzmischung, die wir, frisch in die Dose gefüllt, als Geschenk bekommen.

Dann gibt es Essen aus 1001 Nacht: Creme von Roter Bete mit Minze, Salat aus Feigen, Zitronenhühnchen mit Koriander, Butterkürbis, Auberginen und zum Abschluss das legendäre arabische Engelshaar-Dessert mit einer cremigen Mascarpone-Füllung.

 

Teller mit Feigenvierteln, Salat, nah

Gruß aus dem Orient: Feigensalat mit Nüssen

 

Es ist alles toll, aber am besten ist das Engelshaar, das oft viel zu süß und klebrig gerät, von Quarkundso.de regelmäßig bemängelt. Doch diesmal mildert eine üppige Cremefüllung die penetrante Süße ab und die Teigfäden sind nicht komplett verkleistert, sondern noch rösch und locker. Und das, obwohl wieder eine Amateurin am Werk war: gekocht hat die gelernte Grafikerin Jessica Palm, eine Quereinsteigerin wie so viele, die wir hier kennenlernen. Sie kocht und catert für Gruppen von bis zu 100 Personen, nebenher führt sie noch eine Filmproduktion.

 

Dessert aus Fadennudeln, Sirup, Mascarpone mit Dekoration Pfefferminzblatt, nah

Das Engelshaar in ungewohnter Leichtigkeit – nicht verkleistert und verklebt

 

Die Juchems: Bauern und Müller seit Generationen

Den saarländischen Familienbetrieb in Reinkultur gibt es aber auch in etwas größer, bei der Familie Juchem von der Bliesmühle. Andrea Juchem, Geschäftsführerin, war die Initiatorin der gesamten Reise und führte die Blogger durch die Tour. Ihre denkmalgeschützte historische Mühle ist ein Haus wie aus dem Märchenbuch: einsam am rauschenden Bach, sechs Etagen hoch, Giebel, Balken, alte Speicher und Turbinen von 1910 (Techniker: „Die laufen wie ‘ne Eins, die tauschen wir nicht aus“).

 

Bach, im Vordergrund Zweige, Blick auf hohes Mühlenhaus

Romantisch: die Bliesmühle an der Blies. Foto: Frank Polotzek, Tourismuszentrale Saarland GmbH.

In Schutzkleidung besichtigten wir das Labor, in dem die Mehllieferungen untersucht werden und bewundern den Stolz des Hauses, die modernen Sieb- und Reinigungsmaschinen. Hier lesen moderne Lichtfilter jedes einzelne schadhafte Korn heraus.

 

Mann in Schutzkleidung mit Haube fotografiert Maschine (Mahlmaschine, Siebmaschine) in Mühle, innen

Backblogger Tobias Müller in Hygienevermummung: Es muss ja sauber zugehen.

 

Die Mühle verarbeitet Weizen, Roggen und Hafer aus der Region, also aus dem Saarland, Lothringen und angrenzenden Gebieten. Getreide aus Übersee kommt nicht in die Tüte, darauf ist Andrea Juchem stolz: „Wir sichern in der Region Arbeitsplätze und wissen so auch, dass unser Getreide frei von Gentechnik ist“.

 

 

Zwei Schalen mit Körnern rechts und Spelzen, links

In der Mühle: Korn und Spelzen

Feuer, Schwenkgrill mit Würsten und Schnitzeln

Schwenkbraten muss ein, im Saarland: Mittagessen an der Bliesmühle

Aber Andrea Juchem ist nicht nur Geschäftsführerin, sie ist auch Bloggerin bei „Die Backschwestern“ und betreibt einen Laden mit Zubehör für Konditoren und Hobbybäcker.
Hier gibt es von Einhornfiguren bis zu Plätzchenformen, von Zuckerguss in verschiedenen Farben bis zu Schokobohnen alles, was in und auf Kochen oder Torten kommt, natürlich auch online. Die hauseigenen Back- und Mehlmischungen, zum Beispiel für Römerbrot mit Gerste und Emmer, für Porridges oder Muffins mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, enthalten nur das eigene Mehl.

Im Privathaus der Familie Juchem ging es danach ins alte Kellergewölbe aus dem 18. Jahrhundert. Und ans Brotbacken, wo sich die Chefin von Quarkundso.de durch das geschickte Formen eines Laibes hervortat.

Gut, die Brote der anderen waren genauso gelungen. Und den schon vor Tagen angesetzten Roggensauerteig hatte der Bäckermeister der Juchems mitgebracht, Herrgott nochmal, ja! Aber immerhin. Das Einschießen in den alten Holzbackofen, der in die Mauer eingelassen war, war jedenfalls ein echtes Erlebnis. Und das – eigene – Brot kam natürlich mit nach Hause, blieb eine Woche frisch (lange Teigführung!), schmeckte immer besser und wurde bis auf den letzten Krümel verputzt.

 

Tisch, Frau (Quarkundso.de) knetet Teig, Mauer, Ofen

Fast professionell am Werk: Die Chefin von Quarkundso.de. Brotteig muss man übrigens falten, nicht reißen oder kneten. Der Tipp kam vom Bäckermeister.

 

Vier braun gebackene runde Brotlaibe, nah

Echtes Holzofenbrot, ein Traum. Und selbstgemacht, jedenfalls ein bisschen.

Zum Kochworkshop in einem historischen Wirtshaus kam sogar der Saarländische Rundfunk. Wir verweisen der Einfachheit halber auf den Bericht samt Königs-O-Ton von Quarkundso.de:

 

 

Im Schloss: Kaffeetafel für Freaks

Die nächste Station war nichts weniger als märchenhaft: eine Übernachtung im Schloss Saareck auf Einladung von Villeroy&Boch. Das von Wein überwucherte kleine Schloss hat den Charme alter Edgar-Wallace-Filme, alle Zimmer sind individuell eingerichtet, natürlich mit den weltberühmten Fliesen und edlen Bädern des Hauses. Wir wollen alles sehen, denn kein Bad gleich dem anderen, und so trampelt die Bloggertruppe trampelt begeistert durch die zwei von uns belegten Etagen, um das Zimmer jedes einzelnen Kollegen zu bewundern.

 

Schloss, von Wein und Efeu bewachsen

Schloss Saareck in Mettlach

Blick von Galerie nach unten, Elchgeweihe, rote Samtsofas, großer Kamin

Die Halle mit Kamin und Sitzgruppe

Edles altes Zimmer, Kronleuchter, Sessel, Bett mit geblümter Decke

Prinzessinnenzimmer für Quarkundso.de.: endlich standesgemäß

Badezimmer: freistehende Badewanne, blaue Fliesen, alte Holzbalken, Spiegel

Bad in meinem Zimmer – übrigens das Hochzeitsbad, mit freistehender Wanne für zwei.

Im Salon erwartete uns eine Präsentation der neuen Kaffee-Serie von Villeroy&Boch, „Coffee Passion“, eine Sache für echte Freaks: Man brüht nämlich wieder von Hand. Statt fauchender Maschinen gibt es für jede Tasse einen Filter mit spiralig geformten Rillen. Die Tassen selbst sind in schlichtem Stil, einfach weiß, haben aber doppelte Wände, um die Wärme zu halten.

Das Aufgießen mit dem Quellen der Pulvers, erklärt uns Bier- und Kaffeesommelier Martin Rolshausen, holt das Aroma optimal heraus, wozu die Spiralrillen in den Filtern beitragen. Das jkubgt geheimnisvoll, und neugierig brühen wir alle unseren Kaffee auf. Dass diese schöne alte Ritual beruhigt und entschleunigt, ist ein erwünschter Nebeneffekt, wie wir erfahren, und der Kaffee ist tatsächlich grandios.

Tisch mit weißem Geschirr, Mann

Kaffee- und Biersommelier Martin Rolshausen präsentiert die „Coffee Passion“ im Salon von Schloss Saareck.

 

Kuchenbuffett mit Torten, Käsekuchchen, Mirabellenkuchen, Schaumküssen, Sahne

Wo Kaffee ist, ist auch Kuchen: Für diese Köstlichkeiten fuhr Simone Struve von Villeroy&Boch einfach kurz über die Grenze. Denn nur in Frankreich gibt es die Tarte aux Myrtilles mit echten, kleinen, blauen Heidelbeeren.

 

Einmal im Leben: in der Porzellanfabrik

Am letzten Tag geht das dann in die Porzellanfabrik – ein Highlight für Quarkundso.de. Wer weiß schon genau, wie all dieses herrliche Geschirr entsteht? Heute ist natürlich ein Großteil der Produktion automatisiert, samt Maschinen, die die Teller schneiden, und Robotern, die Glasuren auftragen. Aber der Anteil an Handarbeit bei Villeroy&Boch ist immer noch sehr hoch, die Porzellanmalerinnen malen auch Seriengeschirre von Hand.

Maschine, rohe, unglasierte Teller stehen auf Scheiben, Schlauch, Polierkopg

Teller polieren und in Form schneiden machen heute Maschinen

Viele weiße Teller in Sechserpackes

Teller der Serie Royal, ein Dauerbrenner des Hauses, hier fertig zur Auslieferung.

Kiste, Streifen, kaputte Teller

Restekiste: Was nicht perfekt ist, wird gleich geschreddert.

Pinsel in Becher, nah im Vordergrund, Frau malt Becher aus.

Porzellanmalerinnen arbeiten an Seriengeschirr, es muss alles gleich aussehen – ein Wunder an Perfektion.

 

Die Geschichte des Hauses ist ein echtes Stück Kulturhistorie, von der französischen Revolution bis heute über wichtige Stationen der Tisch- und Hygienekultur.

Die Geschäftsleitung – in der 8. Generation – hat daher schon vor Jahren viel Geld in die Hand genommen und ihre Firmengeschichte in einem Film vom großen Peter Ustinov erzählen lassen. Den Film kann man im Museum des Hauses anschauen, wo wir zum Abschluss die Abteilung Tafelkultur besichtigen.

Dort sind die legendären Mosaiken und Fliesen, die Mettlacher Platten zu sehen, die im 19. Jahrhundert Technikgeschichte geschrieben haben und vom Kölner Dom über Berlin und Petersburg bis nach Tsingtau in China verlegt wurden. Nach der Entdeckung der verschütteten Römerstadt Pompeji wurde Villeroy&Boch übrigens auch hinzugezogen, um die antiken Mosaike zu restaurieren.

Und natürlich gibt es Geschirr zu sehen – Quarkundso.de liebt schönes Geschirr! Besonders die klassischen Dekore, etwa das Rokoko-Motiv von Alt Luxemburg, seit fast 250 Jahren unverändert, oder, aus rein sentimentalen Gründen (unsere Jugend!) dieses Wildrosen-Service, das gefühlt in jedem zweiten bürgerlichen Haushalt der 1970er Jahren auf dem Frühstückstisch stand.

Wir fühlen uns daher gleich zuhause – und es kann kaum Zufall sein, dass die Chefin von Quarkundso.de ihren Tee jeden Morgen aus einer Kanne der alten Burgenland-Serie trinkt, die aus den 1930er Jahren stammt.

Villeroy&Boch vollendet hier auch das heimliche Motto der Reise, das Thema „Familienunternehmen“, jetzt natürlich in Übergröße, als eine der berühmtesten Unternehmerfamilien Europas.

Genauer gesagt ist es natürlich ein Zwei-Familienunternehmen, entstanden durch zwei Keramik-Unternehmer des 18. Jahrhunderts, die 1836 fusionierten. Zum Glück verliebte sich dann der Sohn des Herrn Boch, Eugen, in die Tochter des Monsieur Villeroy, Eugenie. Und so steht eine Liebesheirat am Beginn des Aufstiegs zur Weltmarke – was für eine herrliche (Familien-)Geschichte.

©Johanna Bayer

 

Die Backschwestern, der Blog von Andrea Juchem

Online-Shop von Rimoco

3Sat: Doku über Villeroy&Boch

MaLis Délices von Christine Breyer

Die Fruchteria von Andrea Dumont

Tourismus Zentrale Saarland GmbH mit Infos zu Urlaub und Kurzreisen

Die BBC entdeckt: Franzosen verstehen was vom Mittagessen!

Das Mittagessen steht schwer unter Beschuss, und zwar von der anderen Seite des Atlantiks aus: Das warme Essen verkommt immer mehr zum kalten Snack der angelsächsischen Welt, der gar nicht erst zum Sattwerden gedacht ist. In diesen Kulturkampf greift jetzt ausgerechnet die BBC ein. In einem  bemerkenswerten Film zeigt sie, warum der schnelle Lunch falsch und ungesund ist – und was alle von den Franzosen lernen sollten.

 

Essensausgabe, Wannen mit verschiedenen Gerichten, Hand präsentiert Teller mit Gemüse, Reis und Fleisch

Mittags in die Kantine und warm essen – Menschenrecht oder Schlendrian?

Die BBC hat einen Beitrag zum Thema Mittagessen gemacht.

Das ist das Leib- und Magenthema von Quarkundso.de und kann daher nicht unbeachtet bleiben.

An dem Ding selbst gibt es allerdings nichts zu kritisieren.

Denn die Engländer fragen: „Können wir von den Franzosen etwas über das Mittagessen, lernen?“

Heraus kommt: „Oh, wir können tatsächlich von den Franzosen lernen! Sie nehmen sich auch an Werktagen Zeit zum Mittagessen, genießen und zelebrieren es, trinken Wein dazu, essen mehrere Gänge und sind dabei noch gesünder und weniger übergewichtig als wir Briten. Wir sollten uns an ihnen orientieren und ab jetzt immer eine lange Mittagspause machen, samt Menü und einem Glas Wein.“

Das war´s in etwa.

Jetzt kann man sich gleich das Video anschauen – Quarkundso.de verleiht das Prädikat „besonders wertvoll“ und empfiehlt den Beitrag ausdrücklich zum Selbststudium.

Gut, diese gekünstelte Eingangsfrage muss man natürlich kommentieren: Sie ist an Trivialität und Naivität nicht zu überbieten. Denn dass wir (alle) von den Franzosen über Essen etwas lernen können, ist keine Frage.

Die ganze Welt lernt von den Franzosen was übers Essen, ganz besonders die Europäer, und zwar schon seit vielen Jahrhunderten. Es gibt wohl kaum etwas, das weniger umstritten ist als der Bedeutung der französischen Küche für die internationale Gastronomie.

Trotzdem ist das Video hochinteressant.

Nicht nur, weil der weltberühmte Kultursoziologe Claude Fischler vom nationalen Forschungsinstitut CNRS Zahlen, Fakten und geistreiche O-Töne zur Bedeutung des Essens als sinnliche Gesamterfahrung liefert.

Nicht nur, weil man Leute im gleichfalls weltberühmten und spektakulären Edelschuppen „Le train bleu“ am hellichten Tag üppig tafeln sieht.

Auch keineswegs nur, weil es O-Töne von Köchen, Weinhändlern und jungen Professionals gibt, die in aller Seelenruhe erklären, dass eine zweistündige Mittagspause gerade mal ausreicht, dass dazu der Tag in Frankreich einfach anders eingeteilt wird, dass drei bis vier Gänge die Regel sind und dass ein Glas Wein unbedingt dazu gehört, weil Essen ohne Wein nicht schmeckt.

Sondern weil es um das Mittagessen an sich geht.

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Dazu hat Quarkundso.de mehrere Meter zu sagen. Es ist so viel, dass hier wieder ein ganz langer Beitrag kommt, mit Zigtausenden von Pixeln – und das ist längst nicht alles. Vielleicht wird es daher eine Serie und der Anstoß zu einem Aktivisten-Aktion.

Daher sind die folgenden gemischten Bemerkungen zum Mittagessen erst ein bescheidener Anfang, und nur für Stammleser, Abgebrühte und Profis.

Wer nicht so viel lesen will, kann jetzt gleich zum Video umschalten. Hier ist der Service-Link.

 

Alter Lehrertrick: Sich erstmal dumm stellen

Dass die BBC so tut, als seien die Franzosen ein gerade erst entdeckter primitiver Urwaldstamm, dessen robuste Gesundheit und unbekannte Gebräuche man erkunden will, ist natürlich absurd. Zuzutrauen wäre es den Engländern allerdings, die mit gutem Essen bekanntlich nicht so viel am Hut haben.

Aber es ist nur der alte Lehrertrick, bei dem eine Frage die Schüler auf den Pfad der Erkenntnis locken soll. Das zieht bei uns auf dem Festland selbstverständlich nicht: Wir wissen, wer was vom Essen versteht.

Das unschlagbare Savoir-Vivre der Franzosen ist seit 2010 weltweit amtlich, seit nämlich die UNESCO das französische Gastmahl offiziell als Weltkulturerbe anerkannt hat:

“The (french) gastronomic meal emphasizes togetherness, the pleasure of taste, and the balance between human beings and the products of nature. Important elements include the careful selection of dishes from a constantly growing repertoire of recipes; the purchase of good, preferably local products whose flavours go well together; the pairing of food with wine; the setting of a beautiful table; and specific actions during consumption, such as smelling and tasting items at the table. The gastronomic meal should respect a fixed structure, commencing with an apéritif (drinks before the meal) and ending with liqueurs, containing in between at least four successive courses, namely a starter, fish and/or meat with vegetables, cheese and Dessert.“

Quelle: UNESCO

Genau das bebildert das BBC-Video aufs Schönste in Paris.

Kulturkampf um das Mittagessen

Dabei benennt das knappe Filmchen eines der brennendsten Themen unserer Zeit. Wir sind nämlich in einem Kulturkampf.

Das Mittagessen, die heilige Hauptmahlzeit, der Dreh- und Angelpunkt der abendländischen Hochkultur, die physiologisch und evolutionär notwendige Erholungspause im biologischen Tief des Tages, steht schwer unter Beschuss.

Und zwar von der anderen Seite des Atlantiks aus. In der angelsächsischen Welt, in England und den USA, ist das Mittagessen definitiv zum Imbiss verkommen.

Zum Lunch.

Ein Lunch ist kein Mittagessen. Er ist nicht als Mahlzeit intendiert, die befriedigt, den Magen wohlig füllt und den Arbeitstag angenehm unterbricht. Man soll dabei gar nicht erst satt werden.

Der Lunch soll nur überbrücken. Gerade mal das Schlimmste verhindern, den Motor notdürftig am Laufen halten, bis es abends was Vernünftiges gibt. Ein Lunch ist daher nicht viel mehr als ein Snack, eine unbedeutende kleine und meistens kalte Zwischenmahlzeit.

Kalt.

Bestenfalls ist er eine Suppe – auf jeden Fall aber etwas, was schnell geht, was man zwischendurch am Schreibtisch, im Auto, im Gehen oder an Stehtischen essen kann, am besten mit den Fingern. Und wozu man sich auf keinen Fall an einen gedeckten Tisch setzt und Zeit verschwendet.

Brötchen mit Salatblatt, Tomate, rosa Wurst oder Fleisch
Schmeckt nicht und macht nicht satt: Lunch-Burger mit Pressfleisch. Mehr darf es oft nicht sein. Bild: Pixabay

Gerne bringt man sich zum Lunch etwas von zuhause mit, „was Kleines“, „Leichtes“. Der amerikanische Lunchbox-Klassiker, Erdnussbuttersandwiches und Orangensaft, birgt dabei grauenvolle Auswüchse wie die Kombination von Erdnussbutter mit Marmelade, Bananenscheiben oder Schokolade.

Auch die dortige Variante für Kinder berufstätiger Mütter, beliebt seit den 1920er Jahren bis in die jüngste Zeit, lässt einen schaudern: Das Mittagessen bestand in zahlreichen Familien einfach aus Keksen und einem Glas Milch.

Mit solchen „Lunch Cookies“ oder „Lunch Crackers“ wurden vor allem in Amerika Generationen von Kindern abgespeist. Als Ersatz für ein warmes Essen oder überhaupt Essen. Die Plätzchen werden in Milch getunkt oder mit Milch übergossen. Das muss man sich mal vorstellen – zum Mittag.

 

Der Niedergang der gesamteuropäischen Esskultur

Doch leider läuft auch im Rest der Welt unter dem Druck der angelsächsisch dominierten Globalkultur das Mittagessen Gefahr, wegrationalisiert zu werden.

Es soll Schluss sein mit der willkommenen Unterbrechung mitten am Tag, zu der Vatern früher noch mittags von der Arbeit nach Hause ging, weil Muttern pünktlich um 12 Uhr die dampfenden Schüsseln auf den Tisch stellte.

Dieses ausgiebige Mahl soll verschwinden, für das im ländlichen Italien noch immer eine „pausa pranzo“ von 12.00 bis 16.00 Uhr gilt, in der die Läden, Büros und Museen geschlossen sind, das Leben auf den Straßen erstirbt und zuhause warm gegessen wird.

Warm.

Denn in den Augen der Engländer und Amerikaner, deren Weltbild die moderne Wirtschaft dominiert, hält ein warmes Essen mittags nur ungebührlich auf: „a full hot meal“ mitten am Tag gilt als unpassend und wird argwöhnisch betrachtet.

Das ist katastrophal, oder, wie es Wolfram Siebeck ausgedrückt hat: Es ist der Niedergang der gesamteuropäischen Esskultur.

Die Vorstellung, dass man kein Mittagessen braucht, dass Menschen ohne Mittagspause durcharbeiten können, dass ein warmes, nahrhaftes Essen mitten am Tag beschwert, müde macht oder lähmt, ist eine der großen Tragödien der Moderne.

Dieser Lunchirrtum scheint sich übrigens bitter am Gesundheitszustand der Engländer und Amerikaner zur rächen. Denn Länder mit dieser Mahlzeitenstruktur – mittags nichts oder „eine Kleinigkeit“, dafür abends alles auf einmal nachholen – haben im Vergleich größere Probleme mit Übergewicht und ernährungsbedingten Krankheiten.

So ein Zufall.

Hat eigentlich schon jemand danach gefragt, wie die Lunch-Unkultur mit der Fettleibigkeitsepidemie in denselben Ländern, namentlich in den USA und England, zusammenhängen könnte?

Diese Nummer mit den Keksen und der Milch statt eines richtig gekochten Essens für Millionen von Kindern? Die Vorstellung, dass man das Bedürfnis nach nahrhaftem Essen willkürlich verschieben und den Körper mit Pseudo-Nahrung vertrösten kann?

Quarkundso.de fordert dazu umgehend ein internationales Forschungsprojekt unter eigener Leitung.

Die Lunch-Ideologie ist aber auch philosophisch fatal: Sie macht den Menschen zur Maschine. Maschinen laufen Tag und Nacht mit demselben Treibstoff, es ist egal, wann man sie anwirft.

Nur sind Menschen keine Maschinen.

Wir sind Wesen, deren Physiologie in Rhythmen verläuft, die vom Sonnenstand, von den Jahreszeiten, vom Klima und von komplizierten, wenig entschlüsselten Kreisläufen der Hormone und Botenstoffe abhängen. Wir brauchen Pausen und Entspannung, und zwar besonders mitten am Tag.

Das ist alles messbar und vielfach wissenschaftlich belegt. Auch wer nicht isst, entkommt dem natürlichen Mittagstief nicht, er hat es trotzdem. Darüber gibt es überhaupt keine Diskussion.

Sich aber von diesem natürlichen Biorhythmus zu verabschieden, ihn zu negieren und der Willkür von Betriebswirten und Maschinenbauern zu unterwerfen, ist nicht menschengemäß.

 

Wofür der Mensch gemacht ist

Der Beweis für die universelle Bedeutung des Mittagsmahls sind die Essgewohnheiten in praktisch allen Ländern der Welt: Mittags wird erstens warm und zweitens eine volle Hauptmahlzeit gegessen, und es ist fast überall die größte Mahlzeit des Tages.

Ich wiederhole: Mittags warm. Und die Hauptmahlzeit.

Und ja, das gilt auch und besonders warme Länder, und für Frankreich, Italien, Spanien, den gesamten Mittelmeerraum, für Afrika, Südamerika und ganz Asien, sogar immer noch mehrheitlich für Deutschland, Österreich und die Schweiz.

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Die Gründe für das Mittagsmahl liegen dabei nicht nur in unserer Biologie und in tief verwurzelter Tradition. Es kommen Faktoren wie harte Arbeit im Freien, tropisches Klima oder Kälte sowie frühes Aufstehen dazu. Alles befördert das Bedürfnis nach einem nahrhaften Essen mit anschließender Ruhezeit (!) am Mittag.

In ganz Asien, besonders in Ostasien, ist das üblich. Die Pause dauert zwei bis drei Stunden. Zum Mittagsschlaf klettern in China oder Korea Studenten einfach auf Tische im Seminarraum und strecken sich aus, Büroarbeiter lassen den Kopf vornüber auf den Schreibtisch fallen oder setzen sich ins geparkte Auto, Fabrikarbeiterinnen legen sich auf Ballen oder Säcke. Dann wird gepennt.

Auch der Nahe und Mittlere Osten, Perser wie Araber, von Südamerika und Afrika ganz zu schweigen, folgen dem Gebot der Evolution: erst ein ordentliches warmes Mittagessen, danach ruhen.

Ein warmes Essen und etwas Ruhe geben im Übrigen nicht nur Kraft, sondern bauen auch Stress ab. Warm Gekochtes ist dabei nahrhafter, weil physiologisch besser verwertbar, vielfältiger, sinnlich befriedigender und daher schlicht gesünder.

Allerdings bekämpfen der menschenverachtende Druck der modernen Arbeitswelt und der genussfeindliche Effizienzgedanke westlicher Ingenieure zunehmend diesen gesunden Rhythmus.

Dabei gehen kalte Brote und Rohkost nirgends außer in Deutschland und vielleicht noch Dänemark (und natürlich den USA) als gesundes oder gutes oder auch nur wünschenswertes Mittagessen durch.

Überall sonst ist es nämlich anders: Selbst in den ärmsten Landstrichen der Welt gilt Essen, das nicht warm und frisch gekocht ist oder schnell im Gehen verschlungen wird, nicht als richtiges Essen.

Der Hang zum „Mittagssnack“ ist weitgehend ein Phänomen des Industriezeitalters. Tatsächlich machten fast alle Imbisse, die in westlichen Großstädten mittags schnell auf die Hand verkauft werden – darunter Gyros, Döner, Hot Dogs, Pastrami-Sandwiches, Tortilla-Wraps, Tacos und auch die Pizza – erst im 19. und 20. Jahrhundert ihre große Karriere: zum schnellen Abfüttern der armen Schichten. Oder der Touristen.

Die Feinde der Mittagspause

Die Abwertung des Mittagessens nach angloamerikanischem Muster passt aber den Hochleistern, Globalisierern, Rationalisierern und vielen Asketen und Essgestörten ganz ausgezeichnet in den Kram.

Aus einer komplexen kulturellen Gemengelage stricken sie sich ein krudes Rechtfertigungsgestrüpp: Da mischen sich moderne Zwänge mit Diät-Wahn – „Ich arbeite durch und esse schnell was am Schreibtisch, dann kann ich früher Feierabend machen und nach Hause zur Familie“ / „Mittags muss ich Kalorien sparen, abends gibt es ja ein warmes Essen“.

Gerne verquickt sich auch proletarische Sparsamkeit mit falsch verstandener Großmannssucht: „Mittags warm essen, das geht ins Geld“ / „Das warme Abendessen ist doch das Highlight des Tages, da kann man sich nach dem Arbeitsstress endlich gehenlassen.“

Oft paart sich dabei kleinbürgerliche Familienidylle noch mit Pseudo-Wissen über das Verdauungssystem: „Wir achten darauf, dass einmal am Tag die ganze Familie am Tisch sitzt, deshalb gibt es bei uns mittags nur Brote. Die Kinder sind das gewöhnt“ / „Mittags ein warmes Essen, das überlastet Magen und Darm und macht müde, da kann man nicht mehr arbeiten“.

Alles das ist vorgeschoben und entbehrt der Grundlage.

Alleine schon finanziell und kalorientechnisch schlagen Fastfood und beim Bäcker gekaufte belegte Brötchen nicht weniger zu Buche als ein warmes Essen in der Kantine oder an einem günstigen Mittagstisch.

Bei dem Kinder-Argument offenbart sich der Schwindel vollends: Was hindert eine Familie daran, abends am Tisch zusammenzusitzen, selbst wenn mittags schon vernünftig gegessen wurde? Nichts.

Kinder aber hungern zu lassen, wie es nicht wenige Eltern tun, die sich das Geld für das Schulessen mit dem Argument sparen wollen, es werde schließlich abends warm gekocht, ist garantiert die falsche Lösung – für die Kinder. Die Lösung passt nur den Erwachsenen, die nicht zweimal am Tag warm kochen können oder wollen.

Wie tief man ins Mittagsloch stürzt, hängt im Übrigen sehr davon ab, wie viel man nachts geschlafen hat. Wer zu spät ins Bett geht, hat natürlich mittags größere Probleme, wach zu bleiben. Viele versuchen aber, diesen Zustand durch das Überspringen des Mittagessens zu managen, nach dem Motto: „Lieber hungrig als müde“.

Besonders produktiv macht das nicht. Viele solcher Leute kriegen ab 15.00 Uhr nichts mehr zustande, nerven mit Übellaunigkeit, jammern ständig darüber, dass sie „nicht einmal eine Mittagspause“ hatten und starren auf die Uhr, um pünktlich das Büro zu verlassen und zum Essen zu kommen.

Leider gibt es weitere Kollateralschäden – vor allem den üblen Mundgeruch der Nichtesser. Denn im Mund fehlt durch die lange Essenspause der Speichelfluss, so dass Bakterien wuchern.

Und nein, Zigaretten und Kaffee helfen da nicht. In Zahlen: null.

 

Seite mit vielen kleinen Bildern von Mittagessen: warme Gerichte auf Tellern, Gulasch usw.

Das lässt tief blicken: Google-Suche mit dem deutschen Stichwort Mittagessen. Sie ergibt Bilder von Tellern mit warmen Gerichten (Screenshot).

 

 

 

 

 

 

Mittagessen_Agentur

Stichwortsuche „Mittagessen“ bei der deutschen Ausgabe der US-Bildagentur Shutterstock: nur Kaltes aus der berüchtigten „Lunchbox“ (Screenshot).

 

 

 

 

Luxus, Prassen und welscher Schlendrian

Doch das Unbehagen daran, mitten am Tag in Ruhe eine warme Mahlzeit zu sich zu nehmen, sitzt tief, nicht zuletzt aus historischen Gründen.

Denn im kollektiven Gedächtnis lauern noch die Essgewohnheiten der älteren Generationen. Die hatten ja nichts. Arme Landarbeiter, Tagelöhner und schwer arbeitende Menschen waren das, die sich nur von Brot oder kalten Resten ernähren konnten, die sie mit aufs Feld oder in die Fabrik nehmen konnten.

In den großen Industriestädten des 19. Jahrhunderts entstand in den unteren Schichten endgültig eine Mahlzeitenstruktur, die sich heute verselbständigt hat.

Millionen konnten sich höchstens einmal am Tag ein warmes Essen leisten, wenn überhaupt. Da hieß es mittags bei der Arbeit buchstäblich von Brot und Alkohol – Bier oder billigem Fusel – leben. Die abgehärmten Mütter sparten dabei den Kindern das Nötigste vom Mund ab.

Teller mit Knäckebrot, Käse und Weintrauben

Mittags reicht für Frauen und Kinder reicht was Kaltes – das Muster findet sich heute immer noch. Bild: Pixabay

Auch das gute alte Patriarchat lässt grüßen: Warmes Essen, womöglich mit Fleisch, gab es nur abends, wenn die Männer nach Hause kamen, die Ernährer der Familie. Noch heute gibt es dieses Muster, vor allem im Norden: Für Frauen und Kinder reicht was Kleines, Oma begnügt sich mittags mit Dickmilch und Brotresten. Ganz wie bei den „Lunch Cookies“ aus den USA – es ist dasselbe Muster.

Von der protestantischen Kirche und ihrem Hang zur Askese mal ganz zu schweigen.

Es ist doch mehr als auffällig, dass man das Mittagessen nur in nördlichen und protestantischen Landstrichen für verzichtbar hält. Außer in England und den USA herrscht die kalte Kleinigkeit nämlich auch in Dänemark, Norwegen und Schweden vor, und in Norddeutschland wesentlich stärker als in Süddeutschland.

In dem großen Forschungsprojekt unter der Leitung von Quarkundso.de wird das sehr kritisch zu analysieren sein. Zumal es sich samt und sonders um Länder handelt, die nicht gerade für ihre Esskultur bekannt sind. Und es ist die Frage, was hier Ursache und was Wirkung ist.

Wie auch immer – alles zusammen führt dazu, dass ein warmes Mittagessen im Unbewussten vieler Menschen mit Luxus, Sünde und Strafe verbunden ist. Mit Faulenzen und feister Bürgerlichkeit. Mit adeligem Prassen und Verschwendung. Mit verbotener Lust und gesundheitsschädlicher Fresserei, mangelnder Disziplin und welschem Schlendrian.

Diesen gefühlten Luxus versagen sich viele Menschen in reichen Ländern noch heute, aus völlig falschen Gründen. Und völlig unnötig.

Ich wiederhole: Unnötig. Völlig.

Mittags in Deutschland

In Deutschland werden derweil im Lunch-Wahn immer mehr schnelle Burger, Wraps und Döner verzehrt, aber auch traditionelle Leberkäsesemmeln oder – gesund! – Vollkornbrötchen mit Käse und Tomate, die Eilige gleich aus der Tüte mümmeln.

Das Essen im Gehen ist typisch für die knappe Mittagspause in Deutschland: Ganze Belegschaften schlendern mittags mit einer Brötchentüte vor dem Mund durch die Innenstädte, mampfend wie ein Fiaker-Pferd aus seinem Futtersack.

Die Tüte dient zugleich als Brotbeutel, Serviette und Soßenfänger, schließlich muss man in der halben Stunde Mittag auch ein paar Erledigungen machen, an die Luft kommen und mit dem Handy Privatgespräche führen. Mit vollem Mund, versteht sich.

Das „Ich hol mir mittags schnell was“, erlaubt es auch, demonstrativ Diensteifer vorzutäuschen: „Nein danke, Kantine dauert mir zu lange. Ich hol nur kurz was vom Bäcker, hab zu viel zu tun. Geht ihr nur.“

Mann vor Bildschirm und Tastatur, mit Tasse Kaffee

Ein Kaffee muss reichen: Junge Leute tendieren dazu, Pausen ausfallen zu lassen und mittags am Schreibtisch zu bleiben. Bild: Pixabay

Die durchschnittliche Mittagspause dauert in Deutschland laut Umfragen sowieso nur noch 20 Minuten. Dabei bleiben viele gleich am Schreibtisch und löffeln aus der Tupperdose etwas über die Tastatur: Insgesamt die Hälfte der Arbeitnehmer bringt sich etwas zu essen von zuhause mit, ergab der Ernährungsreport 2017 aus dem Bundesernährungsministerium.

Nur ein weiteres Fünftel aller Berufstätigen geht in eine Kantine – aber genauso viele essen mittags einfach gar nichts. Vor allem junge Leute neigen dazu, die Mittagspause ausfallen zu lassen, und alle anderen Arbeitspausen gleich mit, vermeldete 2016 besorgt die Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin.

Es ist tragisch und unverständlich, dass so viele Ernährungsberaterinnen und ausgerechnet die Krankenkassen diesen Unfug befeuern, und zwar wider besseres Wissen.

Gebetsmühlenartig raten sie zu einem „leichten Mittagessen“ und geben den Rationalisierern willfährig Tipps für den „gesunden Mittags-Snack“. Snack, wohlgemerkt. Keine Mahlzeit. Und das wohlige Gefühl der Sättigung sollen die gestressten Büromenschen danach sofort mit Turnübungen ersticken.

Hier hängt sich Quarkundso.de gerne weit aus dem Fenster: Das ist alles Unsinn. Es ist weltfremd, willkürlich, biologisch falsch, daher ungesund und geht gegen die natürlichen Bedürfnisse der Menschen.

Dieser ungesunde und genussfeindliche Trend muss gestoppt werden.

Und das erledigt jetzt das BBC-Video. Es ist geradezu revolutionär, wie die Briten hier das eigene fatale Muster abservieren und endlich von den ungeliebten Froschessern lernen wollen.

 

Das Mittagsmanifest von Quarkundso.de

Quarkundso.de unterstützt das nachdrücklich. Hier gehört man selbstverständlich zur radikalen Mittagsfraktion: jeden Tag warm, und möglichst immer drei Gänge.

Warmes Buffett, Wärmewannen mit Essen, Leute bedienen sich

Haut rein, Leute – Quarkundso.de fordert den Mittagstisch für alle! Bild: Shutterstock/Subin Pumsom

Die gesamte Redaktion überspringt das Mittagessen nie. In Worten: NIE.

Man legt außerdem Wert auf ein gepflegtes Nickerchen, so oft das möglich ist.

Wenn es doch die Evolution so will.

Natürlich ist das Nickerchen nicht immer drin. Und natürlich soll niemand zum Essen gezwungen werden, der das nicht möchte.

Entscheidend ist aber, dass die, die mittags naturgemäß ordentlich Hunger haben und warm essen wollen, Zeit und Gelegenheit dazu bekommen. Das dient der Rettung der Volksgesundheit.

Daher fassen wir am Schluss die Forderungen nach einer menschenwürdigen Mittagspause zusammen – im Mittagsmanifest von Quarkundso.de.

Macht Mittagspause! Jeden Tag.

Esst ein richtiges Mittagessen – warm!

Esst euch satt!

Eine Stunde muss drin sein.

Ein Nickerchen ist großartig, ein Glas Wein von 0,1 Liter schadet nicht.

Arbeitgeber und der Staat sind in der Pflicht: Mittagstisch für alle – mehr Kantinen und angemessene Pausenplanung, warmes Schulessen für Kinder. Ohne Wenn und Aber.

Wer nicht isst, kann auch nicht arbeiten.

©Johanna Bayer

Nochmal der Link zum BBC-Video

WIWO-Artikel zur Meldung der Bundesanstalt für Arbeitsschutz und Arbeitsmedizin mit Link zur Original-Pressemitteilung

Quarkundso.de ist schon seit Jahren auf Mittagsmission – Beispiele aus eigener Werkstatt:

ARD-Beitrag „Fünf Fakten für das Mittagessen“, W wie Wissen

WDR-Beitrag über Essen zu verschiedenen Tageszeiten und in anderen Ländern

Küchenzeile: Kochen im Urlaub? Ohne mich

 

Im Urlaub kochen finden viele toll. Warum ständig essen gehen, wo zusammen kochen viel mehr Spaß macht? Außerdem schmeckt es viel besser – wie zuhause! Tja. Das ist es eben. Warum ich im Urlaub möglichst oft essen gehen und nicht mit allen kochen will.

 

Grill mit Schaschlik-Spießen, im Hintergrund unscharf Strand und Leute

Toll, Grillen im Urlaub! Und alle tragen etwas dazu bei. Bild: Shutterstock / A StockStudio

 

Wenn ein verlängertes Wochenende oder ein Urlaub geplant wird, kommt immer jemand auf die Idee, dass wir ja auch kochen könnten anstatt ständig essen zu gehen. Weil das doch viel toller ist, zusammen viel mehr Spaß macht und außerdem besser schmeckt. Und Geld spart! Und überhaupt.

Ich sitze dann still daneben, verschränke die Arme abwehrend vor der Brust und starre mit glasigen Augen aus dem Fenster.

Denn ebenso unzweifelhaft juchzt irgendwann einer „DU kochst doch gerne – JOHANNA kann ja für uns alle kochen!“

Freudig gerötete Gesichter wenden sich mir zu, faseln von leichter Sommerküche, bestellen rustikale Landgerichte, schwärmen von Grillbüffets unterm Sternenhimmel und versprechen, beim Einkaufen, Kochen und Abspülen zu helfen.

Das Ansinnen verweigere ich immer komplett. Also, dass ich koche oder dass jeden Tag gemeinsam gekocht wird. Denn ich persönlich möchte im Urlaub möglichst oft essen gehen.

Ich möchte die Küche des Landes kennenlernen, Neues probieren – und nicht als Küchensklavin hundert Extrawürste braten müssen. Oder als Opfer leiden, weil jeden Tag Nudeln mit dubioser „Gemüsesose“ auf den Tisch kommen.

Es ist mir außerdem schleierhaft, wie jemand die Vorstellung haben kann, dass eine Person, die gerne kocht, Lust hat, in ihrem eigenen Urlaub eine gefräßige Reisegruppe zu versorgen.

Das ist etwas grundlegend anderes.

Den anwesenden Ingenieur bittet man ja auch nicht, alle Fahrräder und Autos der Gruppe zu warten. Der Bankerin bringt man nicht die Reste der Steuererklärung samt dem Hinweis mit, sie habe es doch so mit Zahlen, da könne sie das schnell erledigen.

 

teller_frau

Toll, im Urlaub zusammen grillen! Die Vorstellungen in der Gruppe sind dabei unterschiedlich: Teller einer Frau…

teller_mann

… und der Beitrag eines Mannes an demselben Abend.

 

Das Konzept „Helfen“ funktioniert beim Kochen nicht

Leute, die von „Wir kochen zusammen!“ fantasieren, können sowieso meistens überhaupt nicht kochen und haben keine Vorstellung davon, was es heißt, ein vernünftiges Essen für sechs bis sechzehn Personen auf den Tisch zu bringen.

Und zwar rechtzeitig, so, dass alle satt werden und dass es schmeckt.

Von Kindern rede ich gar nicht erst. Kinder können heutzutage nur, ich betone, NUR, von ihren eigenen Eltern abgefüttert werden. Alles andere endet in der Katastrophe und führt zu schweren Traumatisierungen der Kinder und des Küchenpersonals.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Außerdem ist zusammen kochen riskant. Mal grillen, und jeder bringt was mit, okay. Aber das war´s dann auch.

Denn das Konzept „Helfen“ funktioniert beim Kochen nicht.

Das wird nur was, wenn alle über einen ähnlichen Geschmack verfügen, dieselben Kenntnisse haben und wissen, was zu tun ist. Mindestens müssen Leute, die in der Küche „helfen“ wollen, dazu in der Lage sein, strikt auf Anweisung zu arbeiten.

Das können und wollen die meisten aber nicht.

 

Schnippeln, schwätzen und schön einen picheln

Sie verstehen unter „Helfen“, dass sie sich in der gemütlichen Küche mit Wein einen anschickern, die Zutaten auffuttern und einander lustige Geschichten erzählen, während sie irgendwas „schnippeln“. Das Essen, davon gehen sie aus, materialisiert sich auf geheimnisvolle Weise, ohne dass sie eine Ahnung davon haben müssen, was passiert.

Schlimm sind auch die, die zwischendurch beschwipst in die Küche schlendern und ihre ungewaschenen Finger oder abgeschleckte Löffel in alles reinstecken. Mitten in komplexen chemisch-physikalischen Vorgängen heben sie Deckel von Töpfen und reißen Ofentüren auf, um zu kreischen: „Mmmmhh, das sieht aber lecker aus!“

Das Soufflee ist dann zusammengefallen, die Schmorflüssigkeit verdampft, das Essen muss gerettet werden, sie aber sind längst wieder draußen, um den Wartenden neuen Wein mitzubringen und herumzutrompeten, dass in der Küche totales Chaos herrscht und die Köchin einen unmenschlichen Stress macht.

Die solle sich mal entspannen, man sei schließlich im Urlaub.

 

Was man zum Kochen braucht – die Grundausstattung

Deshalb wehre ich das immer ab. Im Vorbereitungsgespräch gibt es aber jedes Mal Leute, die insistieren. Dann sage ich, dass ich grundsätzlich nur in meinem eigenen Labor koche.

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Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Bleiben sie hartnäckig, werde ich offensiv. Und zwar mit einer schlichten Zutatenliste – okay, was habt ihr im Haus, was können wir mitnehmen, Folgendes ist zwingend nötig, darunter fange ich gar nicht erst an:

Butter
Sahne
Milch
Weißwein
Rotwein
Zwiebeln
Knoblauch
Thymian
Rosmarin
Kümmel
Lorbeerblätter
Paprikapulver
Cayennepfeffer
Zitronen, naturrein
glatte Petersilie
Meersalz
Zucker
schwarzer Pfeffer in ganzen Körnern, nicht als Pulver
Mehl
Tomatenmark
Parmesan
gutes Olivenöl
neutrales Pflanzenöl
Weißweinessig ohne jedes Honig- oder Feigengedöns
scharfer Senf, ebenfalls ohne Honig- oder Feigengedöns
Eier
3 Töpfe: ein großer, zwei kleine
eine große Pfanne
eine kleine Pfanne
Schneebesen
Kochlöffel
Pfannenwender
vernünftige Messer
zwei Schneidbretter unterschiedlicher Größe
Arbeitsteller und Arbeitsbesteck (genügend)
feuerfeste Auflaufformen

Das ist kein Witz. Das ist mein voller Ernst. Ohne diese bescheidenen Ingredienzen und Werkzeuge kann man nicht richtig kochen. Besonders wichtig sind sie, wenn man, wie ich und die allermeisten, kein Profi ist.

Profis können aus allem was machen. Aber Amateure brauchen einen sicheren Halt im bewährten Rüstzeug. Nur das versetzt sie in die Lage, Geschmack zu erzeugen und Gerichte mit erkennbarem Charakter herzustellen – ich spreche nicht von Spiegeleiern und Urlauberpampe, für die eine Flasche Ketchup und ein Würfel Gemüsebrühe als Universalgewürz ausreichen.

 

Essen als Provisorium

Mit den Zutaten habe ich sie jedenfalls.

Denn jetzt geht es los: „Aber das ist nur ein Ferienhaus. Wir haben da nicht so viel.“ „Wofür brauchst Du denn das alles?“, „Man muss doch nicht immer so viel Aufwand treiben“, „Nein, Kümmel geht nicht, wir hassen Kümmel, wir beide“, „Aber nicht so viel Knoblauch!“, „Och nö. Wenn das schon so anfängt, habe ich keinen Bock mehr.“

Pech gehabt. Das sind meine allgemeinen Geschäftsbedingungen. Davon weiche ich keinen Millimeter ab. Wenn schon kochen, dann richtig. Deshalb koche ich übrigens in einer fremden Küche auch nur, wenn sie einer der Personen gehört, auf deren Ausstattung und Verständnis ich vertrauen kann.

Ihre Anzahl liegt übrigens genau bei sechs, auf meine Lebenszeit gerechnet, wohlgemerkt.

Das Argument „Nicht so viel Aufwand, es geht auch mal provisorisch“ kommt dabei in vielen Varianten auf den Tisch. Den gerne mit untergeschobenen Luxus-Vorwurf kann ich leicht kontern: Das sind alles Sachen sind, die es billig im Supermarkt gibt.

Mein zweiter Einwand ist grundsätzlich: Das Improvisierte, schnell Zusammengeschusterte haben wir doch schon dauernd – wann ist im berühmten Alltagsstress wirklich Zeit zum sorgfältigen, kunstgerechten Kochen?

An Arbeitstagen wird doch bei den meisten die Schnellküche bemüht, zumindest unter der Woche. Und dann soll im Urlaub, wenn man sich erholen und entspannen will, genießen und sich was Gutes tun möchte, schon wieder improvisiert werden? Ausgerechnet beim Essen?

Kommt nicht in Frage.

 

Die „hidden agenda“: Es soll schmecken wie zuhause

Ich glaube allerdings, dass Essen als Provisorium die hidden agenda derjenigen ist, die im Urlaub das Selberkochen vorschlagen: Sie fühlen sich unwohl, wenn es „richtiges Essen“ gibt. Für sie ist das ein Bremsklotz in ihrer Leistungskurve.

Oft sind das Leute, die am liebsten von Salat, Obst und Stullen leben, weil das schnell geht. Die improvisierte Camping-Küche kommt ihnen da gerade recht und verleiht ihrem Aktiv-Urlaub erst das richtige Flair.

Vermutlich gibt es noch tiefer liegende Gründe: Viele möchten kein Risiko eingehen. Sie wollen die Küche des Reiselandes gar nicht kennenlernen und sich mühsam durch eine fremdsprachige Speisekarte buchstabieren, um womöglich etwas ohne Soße zu bekommen, Pommes ohne Mayonnaise und Ketchup oder Schnitzel ohne Panade.

Sie wollen das essen, was sie gewöhnt sind, und schmecken soll es wie zuhause.

Also scheußlich. Zumindest für meine Begriffe.

Denn nicht wenige packen zu diesem Zweck Tüten mit künstlichen Gewürzmischungen und Plastikflaschen mit ihren bevorzugten Fertig-Grillsaucen für die eigens gemietete Ferienwohnung ein, sogar Küchengeräte, Sahnesprühdosen, Aufbackbrötchen und Konserven. Kein Witz, selbst erlebt.

Dieses Bedürfnis nach dem gewohnten Wohlfühlgeschmack ist auch der Grund, warum in Ländern wie Italien, Spanien und Griechenland Lokale mit deutscher, holländischer und britischer Küche entstehen – samt Jägerschnitzel, Hamburgern, Pfannkuchen und Nudeln in Schinken-Käse-Sahne-Soße auf der Karte.

 

Essen im Ausland ist teuer, so oder so

Die Diskussion um die gemeinsame Verpflegung endet spätestens damit, dass ich ankündige, notfalls alleine essen zu gehen. Dann einigen sich die anderen darauf, dass sie selbst reihum kochen, falls wir nicht ausgehen. Damit bin ich zufrieden.

Ich für meinen Teil wärme im Urlaub jedenfalls keine mitgebrachte Dosenware auf, während um mich herum Einheimische Spezialitäten servieren, die sie nach den Regeln der Kunst zubereiten.

Denn öfter als bei uns stehen vor allem in südlichen Urlaubsländern ausgebildete Köche oder zumindest Leute mit viel authentischer Erfahrung am Herd. Da lässt sich einiges über Geschmackstraditionen und handwerklich zubereitetes Essen lernen.

Geld spart das Selberkochen übrigens nicht immer. Man darf sich nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass vor allem in Italien und Frankreich, aber auch in anderen europäischen Ländern frische Lebensmittel um einiges teurer sind als bei uns. Besonders Fleisch, Fisch, Butter, Käse und Milchprodukte.

Der tägliche Einkauf im Supermarkt zwecks Selbstversorgung kann an den Betrag, den dieselbe Anzahl von Personen in einem einfachen einheimischen Lokal ausgeben würde, locker heranreichen. Und dabei ist weder die Arbeitszeit noch die Kunstfertigkeit enthalten.

 

Was für ein schöner Abend

Da ich aber vorzugsweise mittags essen gehe, zur Hauptmahlzeit, bin ich abends nicht ausgehungert. Daher kann ich es mir leisten, den Sonnenuntergang zu genießen und mit wenigen Gleichgesinnten und einem Weinchen gemütlich vor der Hütte zu sitzen, während sich um uns herum fröhliches Treiben entfaltet:

Männer kommen um halb neun Uhr abends angetrunken vom Strand und wollen schnell noch den Grill anwerfen, der zwei Stunden Anfeuerzeit braucht.

Paare streiten, weil einer von ihnen keine Lust hatte, bei der Hitze einkaufen zu gehen, alle jetzt aber tierischen Hunger haben.

Kleinkinder wälzen sich schreiend auf dem Boden, während entnervte Mütter irgendwelche Nudeln ins Wasser werfen und mit Ketchup Gesichter auf Teller malen. Das soll die Kinder davon ablenken, dass es erst weit nach ihrer Schlafenszeit vernünftiges Essen gibt und sie nichts abbekommen.

Die Pubertierenden haben derweil die Weinvorräte geplündert und sind mit den teuersten Flaschen Richtung Strand verschwunden.

Wirklich, es ist total schön, wenn im Urlaub alle zusammen kochen. Aber ohne mich.

©Johanna Bayer

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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