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Viral um jeden Preis: Wie die Uni Freiburg mit Tiraden gegen Kokosöl einen Youtube-Hit landet

Eine rabiate Medizinerin wütet an der Uni Freiburg gegen Kokosöl, das Video von ihrem Vortrag geht viral, die Pressestelle platzt vor Stolz. Aber die Professorin hat komplett überzogen, dabei das Richtige verschwiegen und das Falsche maßlos dramatisiert. Darf man das?

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist von der Seite der Uni Freiburg verschwunden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Sieh mal einer an. Links s. unten

 


Youtube-Videos, die viral gehen, sind ohne Zweifel auch Medienphänomene und stehen daher auf der To-do-Liste von Quarkundso.de.

Gerade hat zum Beispiel die Uni Freiburg einen Video-Hit auf Youtube gelandet, und zwar mit einem Vortrag über Superfood: seit Veröffentlichung im Juni schon über 1,3 Millionen Aufrufe.

Die Referentin ist Medizinerin, eine Prof. Dr. Dr. Karin Michels. Sie versprach, mit Ernährungsmythen aufzuräumen, insbesondere mit denen rund um Kokosöl.

Da strömte das Publikum nur so, und die hochdekorierte Medizinerin, die in Harvard studiert hat und dort auch lehrt, schoss gepfefferte Salven ab:

Kokosöl ist das reine Gift!

Kokosöl ist das Schlimmste, das Sie zu sich nehmen können!

Kokosöl ist gefährlicher für Sie als Schweineschmalz … weil es noch mehr gesättigte Fettsäuren hat.

Es ist ein hartes Fett und alles Feste geht direkt in Ihre Koronararterien.

Je mehr Kokosöl, je mehr verstopfte Herzkranzgefäße und die führen zum sicheren Herztod.

Es gibt nicht eine einzige Studie am Menschen, die eine einzige positive Wirkung von Kokosöl zeigt.

Das war ein Aufreger, ist doch Kokosöl nicht nur seit Jahrtausenden ein traditionelles Nahrungsfett in den Tropen, sondern neuerdings der Liebling der vegetarischen, veganen, cleanen und hippen Küche, in den Bioläden fest etabliert. Deshalb ist es sicher kein Wundermittel. Aber Gift?

Der SWR hat berichtet, der FOCUS, der Münchner Merkur, die HuffPost und ganz viele andere. Dazu kommt eine Flut von Mailanfragen an den Präsidenten der Uni Freiburg und die Leitung des Universitätsklinikums, wo Frau Prof. Dr. Dr. Michels tätig ist.

 

Frau Prof. Dr. Dr. widerspricht sich selbst

Natürlich ist Quarkundso.de von Fans gleich besorgt angefragt worden: Was da dran sein? Ob die Medizinerin Recht habe, und was wir davon halten?

Aber in die Falle gehen wir nicht.

Denn wir widersprechen auf keinen Fall Professoren und –innen, oder Leuten mit doppeltem Doktor.

Das lassen wir sie lieber selbst erledigen.

Frau Prof. Dr. Dr. musste nämlich nach ihren wüsten Ausfällen gegen Kokosfett zurückrudern: Sie hat ein ebenso zahmes wie verwirrendes und erstaunlich kurzes „Statement“ nachgeschoben, das jetzt beim Video im Netz steht.

Zu dieser Erklärung hat wohl die Unileitung oder die Pressestelle sie nachträglich aufgefordert, wegen der vielen Nachfragen und der Kritik. Doch in ihren „Erläuterungen“ klingt alles etwas anders.

Zum Beispiel so:

Der Konsum dieser Fettsäuren (aus Kokosöl, d. Red.) erhöht die Spiegel des schlechten LDL Cholesterins im Blut, was zum Herzinfarkt führen kann.
Laurinsäure (im Kokosöl) erhöht aber auch das gute HDL.

Genau gelesen? Ein erhöhter LDL-Spiegel KANN zum Herzinfarkt führen, schreibt sie jetzt.

Wir heben das absichtlich hervor, denn im Vortrag beschwor die Professorin dramatisch den sicheren Herztod herauf. Das ist doch ein gewaltiger Unterschied.

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Im Übrigen ist ein erhöhter LDL-Spiegel keineswegs die Ursache für den Herzinfarkt, sondern nur ein Risikofaktor unter anderen. Auch das ist ein fundamentaler Unterschied.

Noch wichtiger ist, dass die wankelmütige Professorin plötzlich auch die günstige Wirkung der Laurinsäure aus dem Kokosöl auf das gute HDL-Cholesterin erwähnt. Dieses Eingeständnis findet sich nur im PDF, nicht im Vortrag.

Da heißt es vom Kokosöl, es sei „reines Gift“.

 

Butter für die Leber, Kokosöl für das Gehirn

Weiter geht es mit den Studien:

Studien, die zu diesem Thema durchgeführt wurden, verwendeten oft speziell hergestellte Öle aus 100 % mittelkettigen Fettsäuren, nicht das kommerziell erhältliche Kokosöl – also ein völlig anderes Produkt.

Ach, jetzt gibt es doch Studien? Ja, klar, die gab es auch vorher schon, das hätte Frau Prof. Dr. Dr. daher gleich in ihrem Vortrag erwähnen müssen.

Offensichtlich als Reaktion auf Kritik behauptet sie jetzt, dass die Spezialprodukte in bestimmten Studien nicht mit dem natürlichen Lebensmittel Kokosöl identisch sind.

Stimmt allenfalls teilweise. Denn erstens gibt es auch Humanstudien zu Kokosöl, insbesondere ganz neue zu Kokosöl zur Verbesserung von Alzheimer und Parkinson. Aber zweitens geht es tatsächlich in vielen Studien oft nicht um natürliche Lebensmittel.

Es ist nämlich für die Pharmaindustrie oder wer auch immer die Studien finanziert, höchst unergiebig, ein natürliches Nahrungsmittel zu testen. Das sind diffuse Gemische aus tausenden von Stoffen, von denen man nicht weiß, was genau wirkt.

Das aber wollen Forscher und Pharmaunternehmen – gezielt einen Wirkstoff finden.

Also engen sie die Auswahl auf Kandidaten ein, von denen man sich etwas verspricht. Das waren bei den Fettsäure-Studien die erwähnten mittelkettigen Fettsäuren. Deren Effekte hat man wissenschaftlich untersucht. Was Leber- und Magen-Darm-Erkrankungen angeht, konnte man die günstige Wirkung dieser Stoffe vor 25 Jahren dann wissenschaftlich bestätigen.

Seitdem werden Verdauungskranke mit diesen mittelkettigen Fettsäuren, sogenannten MCT-Fetten aus Spezialölen, in der Ernährungstherapie behandelt.

Die Laurinsäure, das Hauptfett im Kokosöl, gehört dazu. Zu rund 50 Prozent besteht Kokosfett aus Laurinsäure. Lustig, nicht wahr, dass das gut für Leber, Magen und Darm ist?

Ach so – früher hat der kundige Arzt seinen Leberkranken hierzulande, wo es weder Kokosöl noch moderne MCT-Öle gab, einfach die gute Butter verordnet. Die enthält auch viele MCTs und gesättigte Fettsäuren, für Magen-, Gallen- und Leberkranke sehr bekömmlich.

Das ist ganz besonders lustig, weil Butter ebenso wie Kokosöl von Frau Prof. Dr. Dr. inkriminiert wird.

 

Die amerikanische Krankheit: Obsession Herzinfarkt

Nun liegt es aber so, dass Krankheiten der Verdauungsorgane und der Leber nicht das Fachgebiet von Frau Prof. Dr. Dr. sind. Sie ist keine Internistin oder Ernährungsmedizinerin. Sie ist von Haus aus Gynäkologin und außerdem hat sie es mit Methodik und Statistik. Aber nicht mit Essen.

Umso erstaunlicher, dass sie sich so wüst zu einem traditionellen Nahrungsfett wie Kokosöl äußert.

Den Mut dazu gewinnt sie daraus, dass sie im Zusammenhang mit Frauenleiden epidemiologische Studien liest. Dort geht es um Prävention, und meist um die großen Volkskrankheiten – Krebs, Herzinfarkt, Diabetes, Übergewicht. Diese Studien liefern aber zu einzelnen Lebensmitteln allenfalls lose Korrelationen und nur sehr grobe Daten.

Für die gesamte Bewertung eines Nahrungsmittels und seiner Bedeutung für die menschliche Ernährung reicht das auf keinen Fall aus. Schon gar nicht bei einem Fett, das aus den Tropen stammt, wo über Jahrtausende Herzinfarkt und Diabetes nicht die größte Sorge der Menschen waren: Diese Krankheiten haben sie erst jetzt, seit sie auf die Nahrung der Industriestaaten umgestiegen sind. Mit viel „gesundem“ Pflanzenöl und vielen „wertvollem“ Getreide. Dazu, zur Gesundheit der Südseeinsulaner zum Beispiel, die traditionell viel Kokosöl verzehren, gibt es übrigens auch Studien.

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Interessanterweise ist aber das Schreckbild des Herzinfarkts der Punkt, um den die ganze Hysterie kreist: Denn wegen der – angeblichen – Risikoerhöhung bei Herzinfarkt verteufelt Frau Prof. Dr. Dr. Kokosöl, ebenso wie Butter und Schweineschmalz und überhaupt tierische gesättigte Fettsäuren.

Das lässt sich nur so erklären, dass sie durch ihre Arbeit in den USA von der amerikanischen Krankheit befallen ist: einer merkwürdigen Herzinfarkt-Hysterie beim Essen.

In den USA werden nämlich alle Lebensmittel sowie die gesamte Ernährung im Hinblick auf den Herzinfarkt beurteilt, weil man dort der Meinung ist, eine „gesunde“ und fettarme Ernährung könne den Herzinfarkt verhindern.

Umgekehrt wird der Herzinfarkt nahezu ausschließlich als Folge einer „ungesunden“ Ernährung betrachtet.

Rauchen, Bluthochdruck, Alkohol, Übergewicht, Bewegungsmangel, Stress, Gene, Stoffwechselstörungen, also die richtig großen und wissenschaftlich anerkannten Risikofaktoren, die hohe Cholesterinwerte überhaupt erst gefährlich machen können?

Egal, Hauptsache, die Butter kommt vom Brot.

 

Fett als Feindbild und die Fakten

Diese grobe Verzerrung ist in Deutschland und dem Rest von Europa nicht üblich, mal abgesehen von ein paar Veganern oder Essgestörten im Magerwahn.

Auch die Deutsche Gesellschaft für Ernährung hält sich inzwischen bedeckt: Nach Jahren der Fettverteufelung muss sie seit 2006 kleinere Brötchen backen, weil die wissenschaftliche Lage sie dazu zwingt. Denn es ist gar nicht sicher erwiesen, dass gesättigte Fettsäuren Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen.

Im Forschersprech: Die Evidenz dafür ist nicht sehr hoch.

Deshalb hat die DGE aus ihren 10 Regeln für Ernährung zum Beispiel die Behauptung gestrichen, dass zu viele gesättigte Fettsäuren das Risiko für Herzinfarkt erhöhen und man unbedingt Fett sparen muss. Jahrelang stand das in der Fett-Regel, seit 2018 ist es weg.

Weil man aber nicht so leicht vom Feindbild Fett lassen kann, findet sich in den 10 Regeln immer noch was von ungünstigen Wirkungen gesättigter Fettsäuren auf die Blutfettwerte. Sicherheitshalber.

Gleichzeitig hat man die Argumentation umgestrickt: 2018 heißt es in den neuen 10 Regeln schlau, dass nicht die gesättigten Fettsäuren den Herzinfarkt auslösen – sondern dass weniger davon das Risiko für Herz-Kreislauf-Erkrankungen senken können.

Vielleicht. Denn auch hier ist die Evidenz nicht sehr hoch.

Das bedeutet: Es ist nicht sicher erwiesen, dass weniger gesättigte Fettsäuren vor Herzinfarkt schützen. Es ist sogar so, räumt die DGE ein, dass es möglicherweise überhaupt keinen Zusammenhang gibt – weder zwischen gesättigten Fettsäuren und Herzinfarkt allgemein noch zwischen dem Austausch gesättigter Fettsäuren durch angeblich bessere Stoffe wie mehrfach ungesättigte Fettsäuren aus Pflanzenöl.

Das alles steht in gewundenen Worten in der Fettleitlinie der DGE, einem Hintergrundpapier zur Forschungslage rund um Fett in der Ernährung. Und weil die Arbeitsgruppe umfassend die wissenschaftlichen Studien sondiert hat, ist die DGE gegenüber den Tiraden der Frau Prof. Dr. Dr. jetzt unsere Kronzeugin.

 

Nicht überzeugend: die Fettratschläge

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat nämlich in der DGE-Leitlinie zu Fett mal nachgelesen. Das war natürlich Schwerstarbeit: seitenweise verschlüsseltes Geheimvokabular, durch das man sich in Doppelschichten durchbuchstabieren musste.

Es ist aber gelungen, die brisantesten Stellen aus dem heißen Material herauszuziehen und hier zu übersetzen. Ergebnis: Was man der DGE nicht vorwerfen kann, ist, dass sie schwindelt oder was verschweigt, wie Frau Prof. Dr. Dr.

Nein, die DGE bleibt sauber und gibt den Stand der Forschung gewissenhaft wieder. Aus taktischen Gründen und mit festem Blick auf das Endziel – weg mit den gesättigten Fettsäuren, egal wie – allerdings von hinten durch die Brust ins Auge.

Dazu skandieren die beteiligten DGE-Wissenschaftler einen Kanon von möglichen Effekten bei Fetten durch. Aber an keiner Stelle können sie sagen, dass gesättigte Fettsäuren wissenschaftlich sicher belegt Herzinfarkt und koronare Herzkrankheiten auslösen oder auch nur das Risiko stark erhöhen.

In der Leitlinie Fett sieht das so aus:

Die Evidenz für eine primäre Prävention der KHK durch eine Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen PUFA wird als wahrscheinlich bewertet.

Das bedeutet: Wenn man gesättigte Fettsäuren (aus Butter, Fleisch oder Kokosöl) durch mehrfach ungesättigte (aus Fisch oder Nüssen) ersetzt, ist nicht sicher, dass sich ein Herzinfarkt verhüten lässt. Es ist nur wahrscheinlich, dass dadurch das allgemeine Risiko dafür sinkt.

Die höchste Evidenzstufe, bei der man von einem sicheren Beleg sprechen kann, wäre „überzeugend“.

„Wahrscheinlich“ ist nur die zweithöchste und zeigt, dass der Austausch der gesättigten Fettsäuren durch andere, für besser gehaltene, eben nicht sicher vor dem Herzinfarkt schützt. Genau gelesen? Fett austauschen schützt nicht.

Das bedeutet auch: Gesättigte Fettsäuren machen keinen Herzinfarkt.

 

Gesättigte Fettsäuren machen möglicherweise – gar nichts

Dann kommt noch eine interessante Wendung:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA im Austausch gegen MUFA oder Kohlenhydrate wird als möglich bewertet.

Hier geht es um die Kritik an der Fett-Hypothese. Und es bedeutet: Möglicherweise gibt es tatsächlich gar keinen Zusammenhang zwischen dem Herzinfarkt-Risiko und dem Versuch, statt gesättigter Fettsäuren zur Vorsorge mehrfach ungesättigte Fettsäuren (Pflanzenöle) oder Kohlenhydrate zu sich zu nehmen.

Das heißt: Fett sparen und gesättigte Fettsäuren durch angeblich „gesunde“ Fette oder Kohlenhydrate zu ersetzen, ist vielleicht sogar kompletter Unsinn. Das kommt dann noch einmal:

Die Evidenz für einen fehlenden Zusammenhang zwischen dem KHK-Risiko und einer Verringerung der Zufuhr von SFA (ohne gezielten Austausch gegen andere Energieträger) wird als möglich bewertet.

Wie im Absatz vorher, nur stärker: Möglicherweise – dritte Evidenzstufe – gibt es überhaupt keinen Zusammenhang zwischen einem Risiko für koronare Herzkrankheiten samt Herzinfarkt und dem Weglassen von gesättigten Fettsäuren in der Ernährung.

Das ist schon ein ziemliches Zugeständnis und vielleicht deshalb so gut verschwurbelt und versteckt.

Denn es bedeutet: Die Kritiker der DGE und der Fetthysterie haben möglicherweise wirklich Recht. Und vielleicht muss die ehrenwerte Gesellschaft das irgendwann auch anerkennen: Es könnte sein, dass es überhaupt keine Folgen von gesättigten Fettsäuren für die Herzgesundheit gibt.

 

Was reitet Frau Prof. Dr. Dr.?

Stück Butter auf Backpapier, nah

Die gute Butter: Bekömmlich und gesund.

Die steilen Parolen von Frau Prof. Dr. Dr. sind damit komplett erledigt, das sollte damit klar sein.

Die Frage ist, was die Frau geritten hat.

Dazu hat der Pressesprecher der Universität Freiburg ein erfrischend offenes Statement abgegeben.

Ob der großen Aufmerksamkeit platzte er schier vor Stolz, und freute sich über tausende von neuen Abonnenten für seinen Videokanal, ein richtiger Social-Media-Erfolg, super für das Haus.

Man kann es so sehen. Das ist dann wie bei den Klatschblättern, die unentwegt Falschmeldungen zu Schwangerschaften, Scheidungen und Krankheiten verbreiten, obwohl die Redakteure genau wissen, dass alles erfunden ist.

Der Medienblog Topfvollgold.de beschreibt das so:

„Brot und Butter der Klatschblätter ist die Unterstellung, die Irreführung …

Diese Form der hysterischen Dramatisierung ist die Domäne der Regenbogenpresse, die bevorzugt Begriffe wie “Frau”, “Gold”, “Freizeit” und “Aktuell” im Titel trägt. …

Aber es ist unbestreitbar (…), dass die Regenbogenpresse regelmäßig die Grenze von der Irreführung zur glatten Lüge überschreitet, dass sie Persönlichkeitsrechte missachtet, Menschen verleumdet und öffentliche Pranger baut.“

Mit exakt derselben hysterischen Dramatisierung hat sich nun die Universität Freiburg in Gestalt der Institutsleiterin Michels, Prof. Dr. Dr., präsentiert. Das Opfer am Pranger ist das Kokosöl, die Leidtragenden sind die Verbraucher und Patienten.

 

Erfolg im Netz: Der Zweck heiligt nicht die Mittel

Denn der von sich selbst begeisterte Pressesprecher zahlt für seine Videoabonnenten einen Preis: Es sind schwere Kollateralschäden bei der verunsicherten Bevölkerung, die Glaubwürdigkeit von Wissenschaft und Universitäten betreffend.

Denn jetzt fragen Menschen, was mit dem Kokosöl und der Butter ist. Kann man das überhaupt noch essen? Oder fällt man – Gift! Sicherer Herzinfarkt! – tot um? Wenn eine Harvard-Professorin mit zwei Doktortiteln so etwas sagt, dann muss da doch was dran sein? Die Universität wird doch wohl wissen, was sie tut?

Anscheinend nicht. In Freiburg hat man nur blindwütig agiert, um Aufmerksamkeit zu heischen.

Der Skandalvortrag steht trotz der offensichtlichen Falschaussagen auch noch im Netz. Und die Lässigkeit, mit der die rabiate Medizinerin ein paar Sätze nachschiebt, ohne zu begründen, warum sie das Richtige verschwiegen und das Falsche völlig überzogen hat, ist bemerkenswert.

Auch ist sie peinlich. Der Pressesprecher des Universitätsklinikums dazu:

„Wir freuen uns, dass wir Dank der sozialen Medien den Inhalt einer öffentlichen Veranstaltung so vielen Menschen zugänglich machen können“, sagt Benjamin Waschow, Leiter der Unternehmenskommunikation des Universitätsklinikums Freiburg.

„Wir haben mit dem Thema wohl einen Nerv getroffen. Dass das Thema kontrovers diskutiert wird, nehmen wir als universitäre Einrichtung als Bereicherung wahr.“ Das Universitätsklinikum Freiburg ist seit mehreren Jahren in den sozialen Medien sehr aktiv. Der Facebook-Auftritt und der Youtube-Kanal des Universitätsklinikums Freiburg gehören zu den erfolgreichsten unter den deutschen Universitätskliniken.“

 

Toll gemacht. Aber seriös ist anders.

@Johanna Bayer

UPDATE 8.9.2018: Das Video mit dem Vortrag ist auf der Seite der Uni Freiburg nicht mehr zu finden und auch auf Youtube im Kanal der Uni Freiburg vom Netz genommen. Überraschung! 

Unter diesem Link mit der Pressemitteilung war das Video – zack, weg: Video Uni Freiburg, Youtube, Vortrag von Prof. Dr. Dr. Karin Michels zu Superfood und Kokosöl

Kanal der Uni Freiburg auf Youtube: nichts mehr von Frau Michels über Kokosöl

PDF mit „Statement“ von Michels zum Vortrag

Pressemitteilung der Universität Freiburgvorher mit Video, jetzt ist es gelöscht.

Ausführliche Gegendarstellung mit Forschungsbelegen gegen die Behauptungen von Prof. Dr. Dr. Karin Michels auf dem Portal für Sporternährung von Dr. Feil

Die Ernährungswissenschaftlerin Ulrike Gonder mit einer Kritik der Kritik an Kokosöl

Buchempfehlung zum Nachlesen: „Mehr Fett!“ von Ulrike Gonder und Nicolai Worm, Systemed Verlag 2010

 

Hier noch ein Auszug aus einem früheren Beitrag von Quarkundso.de zu Kokosöl und der Position der American Heart Association (AHA) von 2017.

Die AHA hatte 2017 sowohl vor Kokosöl als auch vor Butter und gesättigten Fettsäuren gewarnt. Wie man sieht, folgt Prof. Dr. Dr. Michels aufs Haar genau dieser US-Doktrin, was zeigt, dass sich ihr wüster Vorstoß tatsächlich direkt aus der amerikanischen Perspektive nährt. 

Aus dem Beitrag „BRIGITTE – online first und Chaos mit Kokosöl“

Quarkundso.de, das Ernährungsportal Ihres Vertrauens, sieht sich demselben Druck ausgesetzt wie die billigen Online-Angebote – wir stehen nämlich auch unter dem Zwang, Nutzwert zu liefern und alles leicht, in Häppchen und verständlich zu servieren.

Daher kurz zur Sache: Was ist jetzt mit dem Kokosöl und der AHA?

– Die American Heart Association (AHA) hat am 26.6.2017 eine allgemeine Empfehlung zu Nahrungsfetten herausgegeben. Diese hat sich nicht ausschließlich mit Kokosöl beschäftigt. Es ist ein Positionspapier zu gesättigten Fettsäuren und Nahrungsfetten allgemein. Darin hat die AHA den kompletten Forschungsstand zusammengefasst, bis hin zu Fütterungsversuchen mit Affen und Studien aus den letzten 60 Jahren Forschungsgeschichte.

– Alles, was sie in ihrer Empfehlung schreibt, ist bekannt und nichts als die Wiederholung der alten amerikanischen Fett-Doktrin: Raus mit den gesättigten Fettsäuren aus der Nahrung! Diese Doktrin vertritt man in den USA schon seit den 1950er Jahren. Immerhin erwähnt die AHA nebenbei korrekt, dass es heute keine Begrenzung der Fettmenge in der Nahrung mehr gibt und dass, Achtung, der Ersatz von Fett durch Kohlenhydrate und Zucker negative Auswirkungen auf die Gesundheit hat. Dass Kokosöl wegen der ungesättigten Fettsäuren angeblich ungünstig ist, steht aber auch schon in den amerikanischen Ernährungsempfehlungen von 2010, den Dietary Guidelines.

– In dasselbe Horn – gegen das Kokosöl – stoßen auch andere Institutionen wie 2016 die British Nutrition Foundation, eine nationale Ernährungseinrichtung in England – wieder ohne Zweifel ein Land mit höchster Ernährungskompetenz.

– Hintergrund ist natürlich, dass es in der Wissenschaft seit Jahren immer mehr Stimmen gibt, die traditionelle Nahrungsfette mit einem natürlichen Gehalt an gesättigten Fetten rehabilitieren. Die wissenschaftliche Wiederentdeckung der Butter wurde vom TIME MAGAZINE schon 2014 auf den Titel gehievt („Eat Butter!“). Milchfett, das viele gesättigte Fettsäuren enthält, ist inzwischen schwer im Aufwind: Nein, es verursacht keinen Herzinfarkt und führt auch nicht langfristig zu schlechteren Cholesterinwerten. Das Gegenteil scheint der Fall zu sein, speziell Milchfett wirkt sich günstig aus auf den Cholesterinspiegel und bei vielen Krankheiten aus. Kokosöl ist das neue Lieblingskind der Fettfreunde, und es werden ihm viele günstige Wirkungen auf Stoffwechsel, Gehirn und Immunsystem nachgesagt. Interessant ist das allemal, beinhart bewiesen aus Sicht der Kokos-Kritiker nicht.

– Es ist aber in dieser Lage barer Unsinn, was in der – von den Nachrichtenagenturen erfundenen Überschrift – steht: „Kokosöl ist genauso ungesund wie Butter!“. Erstens ist Butter nicht ungesund, siehe oben. Zweitens hat selbst die AHA nicht gesagt, dass Kokosöl „so ungesund ist wie Butter“. Im Papier steht, dass das Austauschen von Butter gegen Kokosöl wegen des hohen Anteils von gesättigten Fettsäuren nicht das bringt, was man sich erwartet, da beide viele gesättigte Fettsäuren enthalten.

– Allerdings rät die AHA in ihrer Stellungnahme tatsächlich rundheraus von Kokosöl ab, und zwar nicht, weil Studien erwiesen hätten, dass Kokosöl Herzinfarkt und Schlaganfälle auslöst. Oder weil Menschen, die traditionell viel Kokosöl konsumieren – etwa in den Tropen – besonders oft an diesen Krankheiten sterben. Das ist nämlich nicht der Fall. Nein, es ist ein rein theoretischer Befund, eine Interpretation nicht über das Lebensmittel Kokosöl, sondern über isoliert betrachtete gesättigte Fettsäuren:

„Clinical trials that compared direct effects on CVD of coconut oil and other dietary oils have not been reported. However, because coconut oil increases LDL cholesterol, a cause of CVD, and has no known offsetting favorable effects, we advise against the use of coconut oil.”

– Das ist ein dicker Hund und die Freunde der Kokosnuss laufen Sturm dagegen. Sie betonen, dass weder den gesättigten Fettsäuren an sich, und schon gar nicht den traditionellen Nahrungsfetten in der Forschung wirklich nachgewiesen werden konnte, dass sie Herzinfarkt und Schlaganfall verursachen. Tatsächlich ist die Interpretation der AHA nur die Sicht aus einer bestimmten Brille. Selbst die traditionell behäbige deutsche DGE konnte nicht umhin, anlässlich ihrer Fettleitlinie zuzugeben, dass gesättigte Fette nicht Schuld sind an Herzinfarkt, Schlaganfall und anderem. Das liest sich einigermaßen verwirrend:

FAQ zur Leitlinie Fett der DGE“

1. Welche Krankheiten thematisiert die Leitlinie und warum?
Die Leitlinie thematisiert Adipositas, Diabetes mellitus Typ 2, Fettstoffwechselstörungen, Bluthochdruck, Metabolisches Syndrom, koronare Herzkrankheit, Schlaganfall und Krebskrankheiten, weil sie zu den häufigsten chronischen Krankheiten in Deutschland zählen. Aus Kapazitätsgründen konnte die Leitlinienkommission nicht alle Krankheiten, bei denen die Fettzufuhr eventuell relevant ist, berücksichtigen.
(…)

4. Sind gesättigte Fettsäuren schlecht?
Eine hohe Zufuhr von gesättigten Fettsäuren erhöht die Gesamt- und LDL-Cholesterolkonzentration im Blut, ist aber bei den hier betrachteten Krankheiten mit keinen weiteren nachteiligen Auswirkungen auf die Gesundheit verbunden. Durch den Austausch von gesättigten durch mehrfach ungesättigte Fettsäuren lässt sich allerdings das Risiko für Fettstoffwechelstörungen und die koronare Herzkrankheit senken. Deshalb empfiehlt die DGE, die Zufuhr von gesättigten Fettsäuren … zu senken.“
(Ende Zitat DGE)

– Wo der Hund begraben liegt, ist also bei den von der AHA zitierten Studien zu Herzinfarkt und Schlaganfall im Verhältnis zur Aufnahme von gesättigten Fettsäuren. Sagen die was aus oder nicht? Sagen die Fütterungsversuche an Rhesusaffen was aus oder nicht? Zwar konnte bei Menschen mit Risikofaktoren konnte festgestellt werden, dass ihre schlechten Werte sich verbesserten, wenn sie gesättigte Fette verminderten und gegen ungesättigte Fettsäuren eintauschten. Im Klartext: Der LDL-Spiegel bei kranken Risikopatienten sank, die übergewichtig und fehlernährt waren, schon einen Herzinfarkt erlebt hatten oder eine koronare Herzkrankheit hatten. Auch sanken bei Studien mit solchen Gruppen die Raten für Herzinfarkte und Schlaganfälle. Doch gerade die erwähnten finnischen Studien sind auf andere Länder nicht übertragbar, denn in Finnland gibt es eine genetische Häufung von frühen Herzinfarkten und hohem LDL. Und allgemein ist die Krux: Solche Studien mit Patienten sagen nicht wirklich etwas über Gesunde und die Zuträglichkeit der Lebensmittel aus. Ein kranker Körper funktioniert anders.

– In allen Interventionsstudien, die die AHA nennt, wurden die Nahrungsfette bei Menschen ausgetauscht, die gleich mehrere Risikofaktoren hatten. Dazu zählen auch Entzündungen im Körper, die inzwischen als die wahren Ursachen für Herzinfarkt und Schlaganfall gehandelt werden. Für allgemeine Ernährungsratschläge taugt so etwas also nicht. Und schon gar nicht für den Umgang mit einem traditionellen Nahrungsmittel wie Kokosöl. Man müsste sonst Millionen von Menschen in den Tropen ihre Esskultur und ihr Ernährungswissen absprechen. Das können sich die dicken Amis und Engländer mit ihrem Industriefraß weiß Gott nicht erlauben, um es mal ganz vorsichtig à la Quarkundso.de auszudrücken.

Damit sind wir mit unserer Weisheit aber auch am Ende.

Die Freunde der Kokosnuss wissen mehr, namentlich die großartige Ulrike Gonder, deutsche Expertin in dieser Sache. Links im Nutzwert-Teil ganz unten.

Weil bei Online aber immer das Persönliche zählt, gesteht die Chefredaktion von Quarkundso.de noch, dass sie an Fett nicht spart und sich obendrein jeden Tag einen Löffel voll mit nativem Bio-Kokosöl genehmigt. Das soll gut sein fürs Gehirn, und übrigens auch fürs Immunsystem.

Die Cholesterinwerte der gesamten Chefredaktion, namentlich der #Fettbeauftragten, entsprechen dabei denen eines neugeborenen Babys.

Kein Witz. Wir können daher den Konsum von Butter, Vollmilch, Sahne, Schweineschmalz und lecker Kokosöl nur empfehlen. Aber auf uns hört ja keiner.

©Johanna Bayer

Das Frühstück als Fetisch: WISO, Schwindel mit Müsli – und warum jeder frühstücken kann, was er mag

Das Frühstück wird überschätzt. Doch hindert das weder Fernsehen noch Printmagazine und schon gar keine Foodblogger daran, ständig zu behaupten: „Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages!“, so zu hören auch in einem Müsli-Test der Sendung WISO. Aber die Wahrheit ist: Wir brauchen kein Frühstück. Über Frühstücksmythen und den großen Müslischwindel. (Beitrag von März 2016)

 

Frühstückstisch mit Kaffee, Obst, Ei, Croissant, Müsli

„Gesundes Frühstück: Der Tisch muss sich biegen von allem, was der Kühlschrank hergibt. Bild: Shutterstock / monticello

 

Darauf hat Quarkundso.de schon lange gewartet – auf das mit dem Frühstück.

Also, auf einen passenden Bericht über das Frühstück. Damit endlich mal gesagt werden kann, was gesagt werden muss: Das Frühstück wird überschätzt.

Das Verbrauchermagazin WISO vom ZDF hat Quarkundso.de letzte Woche endlich die Steilvorlage geliefert. Ich bin dafür sehr dankbar.

Wobei ich persönlich überhaupt nichts gegen ein ausgiebiges Frühstück habe. Wirklich nicht. Aber ich brauche keines. Das Mittagessen ist mir viel wichtiger.

Morgens reichen mir wenige Dinge: ein belegtes Brot oder Brötchen (in Zahlen: 1), ein paar Tassen Tee. Wenn mal keine Zeit zum Frühstücken ist, reicht nur das Brot. Oder nur der Tee. Süßes vertrage ich morgens nicht, da wird mir schlecht. Übergangslos kann ich dann mittags reinhauen, dass es kracht.

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So aber bin ich ein Komplettausfall für die Frühstücksindustrie. Eine Anti-Zielgruppe für die Hersteller. Die designen rund um das bescheidene Mahl am Morgen eine riesige Palette von Spezialprodukten.

 

Die Hidden Agenda: Wir sind morgens alle depressiv

Wegen dieses Marktes hat das Frühstück eine feste Ikonografie: Immer findet es in lichtdurchfluteten Wohnküchen statt, immer scheint die Sonne, immer gibt es buntes Bullerbü-Geschirr, immer biegt sich der Tisch von allem, was der Kühlschrank hergibt, immer ist da ein gerade geköpftes Ei, immer frisch gepresster (!) Orangensaft, immer gibt es nicht nur Brot und Brötchen sondern auch Croissants, immer eine Kanne (!) Milch und ganz viel frisch aufgeschnittenes Obst.

In der Mitte prangen dann die Packungen, um die es geht: wahlweise Marmeladen, Nutella oder andere Brotaufstriche, Honig, Margarine, Jogurt, Frischkäse, Wurst mit Gesicht und vor allem die berühmten „Frühstückscerealien“: Müsli, Flocken und allerlei Knusperzeug.

Schön zu sehen ist das in der Werbung, den Fernsehbeiträgen und der Fotografie, und wenn man eine Google-Bildersuche zum Thema eingibt. Die Überfülle und die goldene, sonnige Symbolik verraten die Hidden Agenda: Morgens sind wir alle depressiv. Wir müssen mit Essen gegensteuern.

Und nicht nur deshalb ist ausgemacht: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.

 

Google_Bildersuche "Frühstück" mit lauter Collagen aus Orangensaft, Brötchen, Ei und allem, was im Kühlschrank ist

Screenshot von einer Google-Bildersuche zum Stichwort „Frühstück“.

 

Das Märchen von der wichtigsten Mahlzeit des Tages

Diese in Stein gemeißelte Wahrheit verkündet denn auch WISO in seinem Bericht vom 21.3.2016, veredelt durch den Rekurs auf Fachleute:

„Das Frühstück ist für viele Ernährungsexperten die wichtigste Mahlzeit.“

Das ist schon deswegen interessant, weil es im doppelten Sinne nicht stimmt: Echte Ernährungsexperten und alle Mediziner wissen, dass das Frühstück nur eine Mahlzeit unter anderen ist.

Und doppelt heißt hier: Erstens ist das Frühstück auf keinen Fall die wichtigste Mahlzeit. Zweitens sagen Experten derlei nicht. Es steht auch weder in den Richtlinien der DGE noch in irgendwelchen Lehrbüchern, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit (des Tages, für den Menschen, weltweit?) wäre.

Es ist schlicht und einfach nicht so. WISO hat daher auch keine Quellen vorzuweisen.

Alle Versuche, wissenschaftlich zu belegen, dass ein ausgiebiges Frühstück die wichtigste Mahlzeit sei und helfe, das Gewicht zu regulieren, wie oft behauptet wurde, sind gescheitert. Die Studienlage, selbst zum Frühstück bei Schulkindern, ist unklar.

Man kann nur vermuten, dass Kinder, die frühstücken, insgesamt besser versorgt werden und deshalb fitter und gesünder sind. Und natürlich ist es für Schüler, die im Unterricht aufmerksam sein müssen, nicht schlecht, etwas zu frühstücken und vor allem zu trinken. Aber manche Kinder weigern sich, morgens etwas zu essen. Zwingen kann und sollte man sie nicht.

Bei Erwachsenen ist die Lage ziemlich anders, bei Übergewichtigen zum Beispiel ist es eher so, dass ein üppiges Frühstück die Gesamtkalorienmenge erhöht. Mit anderen Worten: Wer abnehmen will, kann schon beim Frühstück mit dem Kaloriensparen anfangen.

Inzwischen schlagen neue Ernährungskonzepte wie das Intervallfasten sogar ausdrücklich vor, mehrmals in der Woche zum Beispiel das Frühstück auszulassen.  Damit liegt eine lange Essenspause zwischen dem Abend und dem nächsten Mittag, was nachweislich günstig für den Fettabbau und den Stoffwechsel ist.

Soweit die wissenschaftliche Lage. Die WISO-Redaktion verlässt sich aber lieber auf den Volksglauben.

Natürlich kann man so mal ein Thema einführen, warum nicht. Aber dann sollte die Recherche kommen. Den Quark als Expertenwissen zu verkaufen, das ist schon keck.

 

Omas Wissen führt auch nicht weiter

Dabei gehört der Frühstücksmythos nicht einmal zur traditionellen Esskultur. Denn früher war klar: Das Frühstück ist ein kleiner Happen – zentral ist das warme Mittagessen.

Wer an diesem Punkt der Spurensuche das Oma-Argument ausspielt, muss sich Fragen stellen lassen. Mag sein, dass Oma – die alles über Essen wusste – sagt, man müsse morgens „essen wie ein Kaiser“.  Aber dann sollte Oma auch die Karten auf den Tisch legen: Was meint sie eigentlich, und hat sie wirklich Recht?

Vor allem: Was frühstückte denn so ein Kaiser?

Vom österreichischen Franz Joseph I. ist bekannt, dass er vor Tau und Tag aufstand, meistens um halb vier Uhr früh. Das Frühstück kam erst nach sechs, wenn er schon ein paar Akten durchgearbeitet hatte. Dann genehmigte sich der Franzl Tee oder Kaffee und etwas Gebäck, am liebsten seinen legendären Gugelhupf, oder ein Milchweck.

Wilhelm II in Preußen genoss als Kind eine streng militärische Erziehung, da gab es nur trockenen Zwieback zum Frühstück, ebenfalls im Morgengrauen. Das später berühmte Gabelfrühstück bei Hofe war wiederum keine Morgenmahlzeit, sondern schon ein Mittagessen. Es fand nicht vor 11.00 Uhr statt, und diente vor allem Einladungen und besonderen Anlässen.

 

Erst arbeiten, dann essen

Auch sonst frühstückten Monarchen, die auf sich hielten, einfach: der Sonnenkönig Ludwig XIV. von Frankreich nahm nach seinem Lever morgens um neun Uhr nur etwas Bouillon, Brot und Wein zu sich. Erst mittags wurde groß aufgetischt, nicht vor 13.00 Uhr.

Im Mittelalter wiederum war in höheren Kreisen der Verzicht aufs Frühstück angesagt. Nach dem Aufstehen wurde nicht gegessen, erst später.

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Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015 bei der Wahl zu den Goldenen Bloggern 2016

Denn der Tag begann bei Sonnenaufgang. Im Frankfurter Römer saßen die Ratsherren schon um sechs Uhr zusammen – ein üppiges Mahl vor Sitzungsbeginn verbot sich schon aus organisatorischen Gründen: Der Ofen rauchte noch nicht, die Küche war kalt.

Gegen 10.00 oder 11.00 Uhr gab es dann das frühe warme Mittagessen, prandium genannt. Wohlgemerkt erst Stunden nach dem Aufstehen.

 

Nordeuropa und USA: Mittags nichts, abends nichts Gutes

Wie man es auch dreht und wendet, alles deutet auf eine schlichte Mahlzeit am frühen Morgen hin, der nicht viel Gewicht beigemessen wurde. Aus Geschichte oder alten Traditionen stammt der moderne Frühstücksmythos jedenfalls nicht. Eher ist er wohl in neuerer Zeit aus dem Ausland eingewandert.

Wenn ich mich richtig erinnere, schrieb der große Wolfram Siebeck, das Frühstücksmärchen komme „aus Ländern, die den ganzen Tag nichts Gescheites mehr auf den Tisch bringen“: aus Skandinavien und dem angelsächsischen Raum. Das klingt einleuchtend.

Denn dort firmiert das Mittagessen nur als „Lunch“, ist in der Regel kalt und besteht aus Klappstullen oder Salat in Plastikdosen. Klar muss man unter diesen Umständen morgens auf Vorrat essen.

Die Mutter dieser Frühstücksform stammt wohl aus dem England des frühen 19. Jahrhunderts und nennt sich „full english breakfast“ mit Eiern, Speck, Räucherfisch, Fleisch, gebratenen Nieren, Blut- und Bratwürsten. Unnötig zu sagen, dass das nur wohlhabenden Bürgern möglich war, und nicht der breiten Masse.

Dieses üppige Mahl ist in die USA importiert worden, wo es bombenfest mit Erdnussbutter, Pfannkuchen in Ahornsirup, Cornflakes, Donuts und pappsüßem Orangensaft verleimt wurde. Von dort schwappt das Ganze jetzt wieder zurück nach Europa.

Übrigens mitsamt der Ideologie von der Bedeutung des Frühstücks. Sie ist in den USA besonders aufgeblasen  – nie ohne gutes Frühstück aus dem Haus, heißt es da. Ein amerikanisches Frühstück mit den oben genannten Zutaten, versteht sich.

Das Gewichtsproblem, das die Nation hat, ist bekannt. Aber dabei soll sich bloß niemand etwas denken.

 

Das Frühstück als Fetisch

In Deutschland ist es durch derlei internationale Frühstückspropaganda aber inzwischen fast asozial, nicht zu frühstücken. Und das, obwohl 20 bis 45 Prozent der Deutschen morgens nicht viel Hunger haben.

Das trauen sie sich aber nicht zu sagen, im Zeitalter der Selbstoptimierung durch bewusstes Essen. Denn die Frühstücksfront ist in der Übermacht. Für ihre Abgesandten ist das Frühstück geradezu ein Fetisch.

Im Büro schinden sie morgens eine ausgiebige Frühstückspause raus, weil sie sonst nicht arbeiten können. Das Wochenende ist ruiniert, wenn sie nicht stundenlang „gemütlich frühstücken“  – in Cafés, die bis 18.00 Uhr Frühstück servieren. Das heißt, sie frühstücken eigentlich nur noch, richtige Mahlzeiten kennen sie kaum.

Im Urlaub verklagen solche Leute gerne den Reiseveranstalter, wenn es morgens kein riesiges kalt-warmes Buffett gibt, dabei bestehen sie auf heimischem Müsli, Aufschnittplatten, Würstchen, Eierspeisen, Säften und Vollkornbrötchen. Heimlich schmieren sie dabei schnell ein paar Stullen unter dem Tisch, um das Mittagessen zu sparen.

Dieses deutsche Frühstücksgewese befremdet die Einheimischen und ist für die meisten Urlaubsländer total untypisch, besonders im Süden.

 

Weltfrühstück: salzig bis scharf am Morgen

Ihrerseits können sich die Touristen auf keinen Fall den Frühstücksgewohnheiten ihrer Gastgeber anpassen. Das würde den Urlaubsgenuss empfindlich stören.

Erste Hürde für viele: Nirgends außer in Europa ist das Frühstück süß.

In Japan gibt es eine Schale Fischsuppe, im Nahen Osten ein paar Reste des Abendessens, in Indien ebenfalls, aber granatenscharf, in Südamerika Bohnen und Maismehltortillas, in Tibet salzigen Tee mit Yakbutter drin, dazu getrocknetes Yakfleisch und Gerstenbrot.

Zweite Hürde: Das Frühstück ist für viele Menschen eine stark ritualisierte Mahlzeit. Sie essen immer dasselbe und brauchen ganz bestimmte Zutaten. Konditioniert auf einen Kanon von Wohlfühlspeisen, gelingt es ihnen nicht, sich für den kurzen Urlaub umzustellen.

Nun gut. Das muss ja auch nicht sein. Man will sich schließlich erholen.

Daher bieten die Hotels in den Reiseländern das Frühstück „western style“. Und sicherheitshalber wimmelt es im Netz von Reiseberichten und Blogs, die für alle möglichen Länder den verzweifelten Urlaubern zeigen, wo es „ein gutes Frühstück“ gibt.

 

Noch ein Mythos: der Müsli-Schwindel

Da lacht das Herz der Frühstücksindustrie – und die ernährt die vielen Serviceredaktionen, die ihre wunderbaren Extraprodukte besprechen, empfehlen, bewerten und wieder und wieder testen können.

An erster Stelle steht hier das Müsli.

Müsli, wir erinnern uns, ist ein Kunstgericht, das ein esoterischer Diätarzt im 19. Jahrhundert erfunden hat, ein gewisser Bircher-Benner. Er behauptete, bei seiner Mischung aus gezuckerter Kondensmilch, geriebenem Apfel, Zitronensaft und Getreideschrot handele es sich um die ursprüngliche Ernährung gesunder Bergvölker.

Der Mann schwindelte. Das war ihm aber egal. Schließlich wollte er übergewichtigen, gichtgeplagten Großstädtern etwas Rohkost unterjubeln, und für diesen guten Zweck war ihm jedes Mittel recht. Danach gewann die Diätspeise, die Bircher-Benner seinen Dicken verordnete, in Deutschland den Nimbus des idealen Frühstücksgerichts.

 

Frühstücksmythen noch und noch

Bei WISO war also Müsli wieder im Test, Früchtemüsli, wie schon 2010 einmal, übrigens mit demselben Ergebnis. Nach dem steilen Eingangssatz von der „wichtigsten Mahlzeit“ des Tages kam bei WISO aber tatsächlich noch eine Frau vom Fach zu Wort. Es ist eine Ökotrophologin von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, Susanne Umbach.

Die sagte Erstaunliches über Nährwerte von Dörrobst und zementierte auch gleich den nächsten Frühstücksmythos: den von den „leeren Energiespeichern“, die morgens angeblich dringend und langanhaltend mit Kohlenhydraten aufgefüllt werden müssen.

Falls sie mit „Energiespeichern“ die üppigen Fettdepots meint, über die mehr als die Hälfte der Bevölkerung verfügt – die müssen definitiv nicht aufgefüllt, sondern abgebaut werden.

Aber die meint Frau Umbach nicht. Schade eigentlich.

Stattdessen befördert sie die Mär von der notwendigen Stärkekost zwecks angeblich lebenswichtigen Kohlenhydratnachschubs. Das ist der zweite große Frühstückshumbug.

Die physiologische Grundlage: Nachts läuft der Körper von Natur aus auf Reserve, weil nichts reinkommt. Er leert dann bestimmte Kohlenhydratspeicher in der Leber, was im Grunde gut ist, weil es die Leber entlastet.

Wenn man morgens viel Stärkehaltiges oder Süßes isst, füllt das die kurzfristigen Leberspeicher wieder auf, und zwar, weil der Körper überschüssige Kohlenhydrate dort bunkert. Denn die meisten essen viel zu viele Kohlenhydrate – mehr sie brauchen.

Gleichzeitig schaltet der Organismus aufgrund der eingehenden Signale – es ist hell draußen und Futter kommt rein! – vom Reservemodus zurück in den Tagesbetrieb. Dann wartet er auf Nachschub von außen.

Er würde sonst tatsächlich die eigenen Energiespeicher, die Fettdepots, weiter angreifen und seine Energie daraus beziehen. Das ist von Natur aus so vorgesehen.

 

Ist nicht das tibetische Frühstück das ideale?

Aus diesem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus und dem Reservehaushalt des Körpers stricken bestimmte Ernährungsberater vom Reißbrett weg die Forderung, dass morgens vor allem Kohlenhydrate ins Frühstück gehören – wegen der Energiespeicher.

Nur hat die Sache einen Haken: Mit demselben Recht könnte man sagen, dass der Körper morgens Eiweiß und Fett, Salz und Wasser braucht, weil das ja alles über Nacht gefehlt hat – und viel wichtiger ist als Kohlenhydrate.

Denn über Energiereserven verfügt der Körper in der Tat ausreichend, für nicht weniger als sechs Wochen. Dazu sind die Fettdepots da, so lange reicht der Speckgürtel. Bei Dicken sogar noch länger. Aber besonders bei Protein, Wasser und Salz wird es schnell kritisch. Da reichen die körpereigenen Reserven nur wenige Tage.

Auch bei Fett ist ein Mangel kritischer als bei Kohlenhydraten, weil Fett als Zellbaustoff und für das Gehirn essenziell ist, außerdem ist es wichtig für die Verwertung von Vitaminen. So gesehen gibt es viele gute Gründe für das Frühstück der Tibeter: gesalzener Tee mit viel Fett – lecker Yakbutter!

Dazu Fleisch vom Yak und Gerstenmehlfladen oder -suppe mit noch mehr Yakbutter – ohne jedes Obst. Nicht nur, weil das da nicht wächst. Sondern weil hart arbeitende Menschen in widrigen Breiten offenbar wissen, worauf es ankommt. Anhänger der Bullet-Proof-Diät haben sich das abgeschaut und machen daraus clevere Geschäftsmodelle.

 

Frühstück in Deutschland: Obst- und Vollkorn-Folklore

Nicht so die akademischen Ökotrophologen aus Mitteleuropa. Dieser Szene passen der salzige Tee und die Yakbutter natürlich überhaupt nicht ins Konzept, vom Fleisch ganz zu schweigen. Hier müssen es morgens reine Kohlenhydrate mit süßem Obst sein, und wenn Milch, dann fettarm.

Diese Obst- und Vollkorn-Folklore entbehrt einer vernünftigen Grundlage und schmeckt vielen Menschen offensichtlich auch nicht. Interessant ist nämlich die Stelle, an der WISO Zahlen nennt:

„Jeder Vierte isst mindestens einmal in der Woche Müsli.“

Ach – nur jeder Vierte? Nur 25 Prozent? Und mindestens einmal die Woche, nicht öfter? Die Gesundes-Müsli-Leier erweckt eigentlich den Eindruck, als ob 90 Prozent Müsli äßen, wenn nicht alle. Weil es doch so „gesund“ und „ausgewogen“ ist.

Aber nichts da. Wie man sieht, stimmt das Ganze hinten und vorne nicht. Die Leier wird wohl dauernd gedreht, weil aus Sicht der Ernährungsberater immer noch zu wenige Menschen das als ideal hochstilisierte Frühstück schätzen: Wenn die Zahlen von WISO valide sind, essen 75 Prozent der Deutschen morgens lieber etwas anderes als süßliches Körnerfutter.

Das ist verständlich. Und die öden Versuche, jedem, aber auch jedem das Müsli aufzuschwatzen, sind totalitär. Sie respektieren nicht den Geschmack der Menschen, und nicht die vielfältigen Vorlieben und Bedürfnisse. Dafür gilt jener Lehrsatz, den der legendäre Ernährungsmediziner Volker Schusdziarra geprägt hat:

„Es gibt nicht die eine gesunde Ernährung für alle.“

 

Frühstückt, was ihr wollt. Oder auch gar nicht

Geht man danach, ist es in Wahrheit wohl völlig wurscht, was man frühstückt, wenn man nur etwas trinkt und insgesamt möglichst vielfältig isst – über den Tag oder über die Woche gesehen. Wirklich. Wer morgens keinen Hunger hat und partout nichts oder nur wenig runterbringt, kann sich beruhigt zurücklehnen: Das ist völlig normal, übrigens auch bei Kindern. Man kann es später am Tag nachholen.

Denn nach dem Nachtmodus dauert es einfach eine Weile, bis der Körper morgens wieder in den Normalbetrieb schaltet. Essen funktioniert dabei als Taktgeber: Sobald irgendetwas reinkommt – egal was – gilt das als Signal, den Stoffwechsel umzustellen.

In diesem Sinne reicht zig Millionen von Menschen ein kleines Frühstück, etwa in Italien und Frankreich, und hält sie offensichtlich trotzdem leistungsfähig. Dazu sind sie schlanker als ihre Nachbarn.

Der Signal-Mechanismus könnte auch erklären, warum weltweit ein schnelles, kurzes Frühstück nach dem Aufstehen die Regel ist. Manche Forscher sagen sogar, dass das Ganze von Natur aus so vorgesehen ist, damit das tagaktive Lauftier Mensch morgens schnell in Gang kommt.

Und nicht erst stundenlang beim Frühstück sitzt. Da ist die Beute weg und der Tag verloren.

©Johanna Bayer

 

Der WISO-Beitrag über Früchtemüsli im ZDF vom 21.3.2016 ist nicht mehr online. Schade – es waren noch mehr schöne Böcke drin.

Ein interessantes Interview aus der FAZ über Fasten, Mahlzeitenrhythmus und Stoffwechsel, mit einer  Ernährungforscherin vom DIFE-Deutsches Institut für Ernährungsforschung in Potsdam.

Ein Artikel in ZEIT -Wissen über Frühstück in der Steinzeit – und warum der Mythos von der wichtigsten Mahlzeit „Quatsch“ ist (Originalzitat).

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Blogparade: Was ist schlecht an guter Butter – von Lurpak? Oder: Wie Blogger sich von multinationalen Konzernen kaufen lassen.

 
Foodblogger nehmen gerne an Blogparaden teil – und übernehmen dabei oft unkritisch die Botschaften der Hersteller. So ist der Buttermarke Lurpak 2015 ein schöner Coup gelungen: Dutzende Foodblogs verbreiteten das kitschige Bild von reiner, nordischer Butter. Dabei ist Hersteller Arla ein internationaler Milchmulti, der Massenviehhaltung fördert. 

Es ist viel von Schleichwerbung im Netz die Rede. Das ZDF-Magazin Frontal 21 hat am 2. Juni 2015 einen Beitrag gebracht, in dem es um gekaufte Blogger, verführte Kinder und Schmu in Videos ging. Also darum, was landläufig als Schleichwerbung bekannt und in Deutschland, aber auch anderswo verboten ist.

Schließlich heißt es bei uns im Pressekodex, im Rundfunkstaatsvertrag und im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, dass Werbung und entsprechende Absichten klar gekennzeichnet und in Medienerzeugnissen vom redaktionellen Teil getrennt werden müssen. So ungefähr.

 

Anfänger in der Falle

Im ZDF-Beitrag kommen dazu Presserechtler, Journalisten, Blogger und Experten von den Landesmedienanstalten zu Wort, die bedauern, dass harmlose Netzteilnehmer den Konzernen und spezialisierten PR-Agenturen auf den Leim geht. Und zwar, weil die meist jugendlichen Video- und sonstigen Blogger „unausgebildete Medienschaffende“ sind, ohne Erfahrung und auf skrupellose Weise naiv. Die freuen sich einfach, wenn man ihnen Sachen schenkt und Geld gibt. Dafür plappern sie alles nach, was die Geldgeber von ihnen verlangt.

Zum Beleg gibt es im Beitrag Interviews, und es ist fast niedlich, wie manche offen zugeben, dass sie sich nicht an die Regeln und Gesetze halten. Weil das ja eh keiner macht und man sonst ganz Instagram verklagen müsse, findet etwa eine unbefangene Fitness-Bloggerin.

 

Nichts ist geschenkt

Auf jeden Fall schließe ich mich der Kritik des ZDF an: Schleichwerbung im Netz geht nicht, und das Internet als rechtsfreien Raum zu betrachten, in dem keine Regeln gelten, geht erst recht nicht.

Ich möchte sogar noch nachlegen: Ich fordere, dass diese unerfahrenen, unausgebildeten Medienschaffenden kein Geld mehr bekommen, und keine Geschenke. Stattdessen sollten die Erfahren und Ausgebildeten Geld scheffeln.

Solche wie ich. Mir gibt keiner was, jedenfalls nicht einfach so. Und selbst wenn ich richtig arbeite, also nicht gerade blogge, bekomme ich nie so viel Geld, wie ich es für angemessen halte. Geschenkt gibt es schon gar nichts. Das ist ungerecht. Dabei sollte doch in der schönen neuen Welt der sozialen Medien alles geteilt werden!

 

Die Ehrlichen sind die Dummen

Scherz beiseite – wie immer sind die Ehrlichen die Dummen. Das sieht man auch an korrekt gekennzeichneter Werbung im Netz, etwa bei den beliebten Blogparaden.

Eine Blogparade ist eine Art Themenaufruf für Blogs. Wenn das eine Firma oder ein Konzern macht, dann bringen thematisch passende Blogs einen Beitrag und bewerben darin das Produkt, stellen es vor oder verlinken auf die Firma oder machen anders den Markennamen bekannt.

Dass es sich um Werbung handelt, soll dabei meist erwähnt werden, die guten Blogs machen das auch. Oft ist es ein Wettbewerb, und fürs Mitmachen oder Gewinnen gibt es Geld oder andere Gewinne. Das Ganze ist ein ziemlich cleveres Marketing-Konzept und wird von Bloggern gerne angenommen, auch von Food-Bloggern.

Und damit landet die Causa bei Quarkundso.de, in der zuständigen Abteilung „Augen auf im Supermarkt“, Unterabteilung gesunder Menschenverstand.

 

Gute Butter: die Lurpak-Blogparade

Denn gerade gab es die Lurpak-Blogparade, am 6. Juni ging sie zu Ende und viele tolle, große Food-Blogs haben mitgemacht. Aber wer oder was ist Lurpak? Kann man das essen? Oder wickelt man darin Fisch ein? Vielleicht trägt man auch Tiefkühlkost damit nach Hause oder polstert in Paketen Flaschen ab?

Für die, die es nicht wissen: Lurpak ist Butter. Dänische Butter. Dänemark ist ein kleines Land, und die Lurpak-Hersteller wollen in Deutschland ihre Buttermarke bekannt machen, also mehr davon verkaufen. Ein legitimes Interesse, weswegen sich die Dänen eine Blogparade ausgedacht haben: Was macht ihr aus leckerer Butter? Mit Lurpak-Butter? Was fällt euch an kreativen Rezepten ein, mit köstlicher dänischer Butter?

Viele Ehrliche und möglicherweise einige Dumme haben mitgemacht. Sie haben Rezepte geschickt, Fotos gemacht und Fragen beantwortet: Warum sie „Food-Lover“ sind, welches Gericht sie an einem „miesen Tag wieder glücklich“ macht, welche kulinarischen Entdeckungsreisen in Landesküchen sie gerne unternehmen, und ob sie eher nach Rezept oder spontan draufloskochen.

 

Lurpak_Regal

Silbernes Papier, internationaler Wiedererkennungswert, so präsentiert sich die dänische Butter. Gibt es auch oft im Flugzeug.

Perlen der Produktlyrik

Es waren bekannte Food-Blogs dabei, darunter Feines Gemüse, Nicest Things und die geschätzte Conny Wagner mit ihrer Seelenschmeichelei. Das sind Blog-Schwergewichte mit zigtausenden von Seitenaufrufen im Monat. Vor allem die großen, gut gemachten habe klare Aussagen zu Werbung und Angeboten von Firmen auf ihrer Seite – dass sie auswählen, mit wem, und auf welche Weise sie kooperieren.

Vorbildlich kennzeichnen die meisten auch ihre Teilnahme an der Lurpak-Blogparade und die Kooperation. Wobei allerdings manche dabei redlicher sind als andere. Die erwähnen die Parade erst gar nicht, bewerben das Dänenfett ausgiebig in Text und Bild, und bringen ganz am Ende mal ein ganz kleines Sternchen an: Ach, übrigens, das war Werbung, zwinkert zum Beispiel zuckersüß eine Trickytine auf ihrem Blog.

Das ist schon hart an der Grenze, zumal gerade dieser Parade-Beitrag nicht nur von Butter trieft, sondern auch von Gefühligem wie Mama, Heimat, Kindheit und Küchenglück.

Aber im Großen und Ganzen sind die schönsten nur denkbaren Rezepte und Fotos herausgekommen, von Törtchen, Zöpfchen und Cremchen bis zu pochierten Eiern mit Hollandaisesauce (genial gemacht von der geschätzten Conny Wagner).

Dazu gibt es Perlen der Produktlyrik, zum Beispiel diese von „Feines Gemüse“:

Der Hefezopf ist mein Beitrag zur Blogparade von Lurpak-Butter, einer dänischen Butter mit über 100 Jahren Tradition, die seit kurzem auch in Deutschland erhältlich und für uns Verpackungsopfer („Oh, guck mal, die kleinen Blöcke! Silbernes Papier! Und die Lettern!“) ein Highlight ist.

Ganz im Sinne von Lurpak bin auch ich der Meinung, dass das „spektakulär Einfache“ viel öfter Platz auf unserem Teller haben sollte, denn guter Geschmack kommt ohne viele Zutaten, ohne viel Brimborium, ohne Schnick und Schnack aus.

 

Fette Beute für die Marketing-Abteilung

Ich sehe förmlich vor mir, wie sich die Lurpak-Marketingstrategen dabei die Hände reiben. Denn die erzielen mit der Blogparade eine riesige Reichweite, bringen ihre Fettklötze unters Volk und bekommen mit dem Fragebogen auch noch Big Data von Konsumenten und Netz-Idolen – Influencern, wie man so schön sagt. Im Premium-Segment. Das ist ein dicker Coup.

Lurpak ist nämlich teurer als das, was sonst so als Butter über den Ladentisch geht. Nur merkt es der Kunde nicht gleich. Das Päckchen kostet so um 1,79 Euro, so viel wie andere hochwertige Buttermarken oder Biobutter. Aber bei Lurpak sind nur 200 Gramm drin, und nicht 250 Gramm, wie sonst üblich. Guter Trick – nicht teurer als die Konkurrenz, aber kleinere Packung, zack, 20 Prozent Preisvorteil für den Hersteller.

 

Regal_Premium

Im Kühlregal: links Delikatess-Butter aus der Normandie, rechts Lurpak. Die Dänen lassen sich unter den teuren Spezialitäten platzieren – zu Recht?

 

Alles so Bullerbü

Warum macht ein Food-Blog das mit?

Ja, warum nicht! Das ist die zwingende Gegenfrage. Erstens gibt es ja Geld. Das ist keinesfalls zu verachten und als solches nicht ehrenrührig. Zweitens unterstelle ich noch Folgendes: Würde Knorr anklopfen mit Tütensuppen, oder Müller-Milch mit einem neuen Grusel-Shake, würden diese Food-Blogger abwinken.

Aber Butter, gute Butter! Das ist doch ein tolles Produkt, ehrlich, echt und unverfälscht, aus weißer, reiner, nordischer Milch, aus Skandinavien, wo alles so niedlich ist, so Bullerbü, und in Pastell! Da kann man guten Gewissens mitmachen. „Mit größter Freude und voller Überzeugung“, wie die geschätzte Conny Wagner über ihre Teilnahme schreibt.

Vielleicht dachten sie sowas.

 

Ein globaler Milch-Multi

Dazu hier in dürren Worten die Aktenlage:

  • Lurpak ist die Buttermarke von Arla.
  • Arla ist ein dänischer Großkonzern, Jahresumsatz 2014: rund 10 Milliarden Euro.
  • Zu ihren Marken gehören auch Buko (Frischkäse) und Kaergarden (Streichfett).
  • Die Buttermarke Lurpak ist Marktführer in England, den USA und weiteren Ländern.

Das heißt: Die Dänen, ein kleines nordeuropäisches Rand-Land mit nur 5,5 Millionen Einwohnern, beliefern die angelsächsische Welt und viele andere Länder mit Butter.

Wie machen die das? Dazu gleich mehr. Erstmal ist Arla aus Sicht von Arla leider bisher nur die

  • siebtgrößte Molkerei der Welt
  • die fünftgrößte in Europa
  • und lediglich die drittgrößte in Deutschland, noch nicht ganz gleichauf mit dem notorischen Theo Müller. Vorne behauptet sich Nestlé.

Damit wollen sich die Dänen nicht zufrieden geben. Sie wollen ganz nach oben und noch mehr Märkte beherrschen. In Deutschland wollen sie Marktführer werden, in Ländern mit Milchwirtschaft werben sie überall Milchbauern an und sichern sich für ihren Feldzug den Nachschub, also hohe Milchmengen.

Neulich haben sie sich im Allgäu eingekauft, auch in Spanien, Polen, Russland, sogar in der Mongolei. Es geht um nichts weniger als den ganz großen globalen Markt, um China und Indien, um die USA, Europa – um die Weltherrschaft im Milchsektor.

 

Angriff auf Europa

Daher hat Arla kurz vor dem Fall der Milchquote in der EU seine Attacke gestartet. Die Milchquote, das war eine Beschränkung aus den Zeiten von Milchsee und Butterberg. Die Quote hat verhindert, dass die Preise ins Bodenlose fallen und Riesenbetriebe die Kleinen verdrängen. Seit absehbar war, dass diese Begrenzung Ende April 2015 ausläuft, haben die Arla-Manager wohl geplant, wie sie den lukrativen europäischen Markt angehen.

Seit Ende 2014 rollen sie ihn über Food-Blogger und die Social-Media-Szene auf, über Supper Clubs, Open Kitchen, Blogparade, und atemberaubende (wirklich!) Werbefilme (die kann man sich auf Youtube mal ansehen, rein der Kunst wegen).

Das alles gehört zu einer akribisch geplanten Offensive in Richtung kaufkräftige Konsumenten, Trendsetter, Influencer – Leute, die kochen und viel Geld dafür ausgeben. Davon gibt es viele in Europa, und hier wollen die Arla-Manager ihre Butter als „Premium-Marke“ installieren.

Aber nicht nur deshalb drängen die Dänen auf den deutschen Markt. Sondern auch, weil hier, in Nord- und Mitteleuropa, die größten Möglichkeiten zur Produktionssteigerung bestehen. Im Marketingsprech drückt das sehr schön DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer in einer Pressemitteilung des Milchindustrie-Verbandes:

Er sehe

„große Chancen für die Milchviehhalter durch den freien Milchmarkt. Frei von Quotenkosten können Strukturen weiterentwickelt und die Produktion modernisiert werden. Die europäische Milchproduktion verstärkt sich an den wettbewerbsfähigsten Standorten, zu denen sicher Deutschland gehört, weil die Stückkosten niedrig und die Veredelung der Milch in wertvolle Produkte für nationale und globale Märkte durch einen leistungsfähigen nachgelagerten Bereich gelingt. „Made in Germany“ wird auch bei Milchprodukten ein globaler Renner“.

Beste Bedingungen für die Massentierhaltung

Was das heißt? Nun, hier, in Deutschland, Polen, Dänemark, England, Holland, Schweden und anderswo, können die Bauern massenweise Kühe in Ställe pferchen und deren entzündete Monstereuter mit Medikamenten behandeln lassen, denn hier gibt es das notwendige kühle Klima für die Kühe und für Massenställe, aber auch genügend Wasser und gute Kläranlagen für den Mist. Obendrein gibt es Subventionen für die Landwirtschaft und billigen Strom.

Das sind ideale Bedingungen. Die Standorte von Arla, sagen wir mal, im Nahen Osten, etwa in Saudi-Arabien, wo sie es auch probiert haben, sind da nicht so günstig gelegen.

 

Woher kommt die gute Lurpak-Butter?

Die Milch für die gute Lurpak-Butter kommt laut Lurpak vornehmlich aus Dänemark. Zumindest wird die Butter dort produziert. Dass wirklich nur dänische Milch drin soll, kann man sich kaum vorstellen, bei den Mengen. Ein Anruf bei Lurpak ergab nur das etwas dehnbare „Jaaaaa, also, die wird da hergestellt.“ Nichts weiter. Na gut, lassen wir das so stehen.

Da aber die dänischen Bauernhöfe, pardon, die Unternehmer, ja ihre „Strukturen weiterentwickeln“ und die „Produktion modernisieren“ müssen, bedeutet das in der Praxis: Gefördert werden große Massenbetriebe, und praktisch alle diese Arla-Kühe stehen im Stall, auf Betonboden, in Intensivhaltung. Den Käufern wird auf der Arla-Homepage in Videos und Diashows vorgegaukelt, dass die Kühe das ganz toll finden.

Sicherheitshalber wird der Konzern gleichzeitig nicht müde zu betonen, dass er sogar der weltgrößte Bio-Milchproduzent ist. Aber die Lurpak-Butter ist nicht bio. Lurpak wird konventionell erzeugt – nach hauseigenen Qualitätskriterien, auf die der Konzern großen Wert legt. Schließlich handelt es sich um ein teures „Premium-Produkt“.

 

Hohe Standards à la Weltkonzern: Genfutter und Augenwischerei

Schauen wir uns die hohen Standards an, zum Beispiel zum Futter

Livestock may only be given feed that complies with the relevant legal requirements.

Toll! Zugelassen ist nur Futter, das den geltenden gesetzlichen Vorgaben entspricht. Das ist schon was ganz Besonderes, gerade bei der als verschlagen bekannten Bauernschaft, oder? Vor allem spricht diese Orientierung am Gesetz nicht nur für das Qualitäts-, sondern auch für das Rechtsempfinden des Konzerns.

Ähnlich hoch sind die Arla-Richtlinien bei Genfutter. Gentechnisch verändertes Futter fressen ungefähr 70 Prozent aller Milchkühe, das sind praktisch alle, die in Massenställen auf Milchleistung getrimmt werden. Das Importfutter stammt aus den USA, Brasilien oder sonstwo und besteht inzwischen sogar mehrheitlich aus gentechnisch verändertem Mais und Soja.

Die Fütterung von Tieren mit Genfutter ist in der EU erlaubt und übrigens nicht kennzeichnungspflichtig. Beim Anbau von gentechnisch veränderten Futterpflanzen ist man in der EU ja bekanntlich noch nicht so weit. Aber die Sache ist den Strategen bei Arla schonmal eine vorsorgliche Regel strengsten Ausmaßes wert:

The cultivation of genetically modified (GM) crops must comply with all applicable legal requirements.

Ich bin mir nicht sicher, ob derlei sinnfreie Verkaufskosmetik wirklich das Image des Konzerns verbessert. Oder ob es irgendjemanden beruhigen kann, was den Anbau von Genmais in unseren Breiten bedeuten könnte.

Aber ich gehe davon aus, dass nicht nur der eine oder andere Blogger jetzt schluckt – mit Gen-Futter ernährte Kühe geben die Milch für Lurpak-Butter? Womöglich sind gentechnisch veränderte Organismen in der guten dänischen Butter? Überhaupt in allen Milchprodukten, die hier auf dem Markt sind?

Davon möchte man lieber nichts wissen. Und doch ist es so.

Wobei das Bundesamt für Risikobewertung seit Jahren hoch und heilig verspricht, dass der flächendeckend verfütterte Genfraß sich nicht auf die Milch auswirkt. Er ist auch weder kennzeichnungspflichtig noch nachweisbar.

Aber Fakt ist: Die Milchkühe in großen Betrieben fressen überall Genfutter. Und globale, strikt wachstumsorientierte Konzerne wie Arla fördern große Betriebe und Intensivhaltung – mit der Turbo-Kuh, die immer mehr Milch geben muss. Sonst rechnet sich das Ganze nicht, und „Wachstum“ gibt es auch nicht.

 

Kühe lieber im Stall einsperren – aus Tierschutzgründen

Wenden wir uns kurz noch dem Tierschutz zu, der bei Arla natürlich auch besonders hoch gehalten wird:

Animals must be provided with adequate quantities of feed and water of good quality.

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Stringenz die Argumentation durchgezogen wird: Als hohe Qualitätsvorschrift verkaufen, was sowieso selbstverständlich und geltendes Recht ist – und in dem Fall nur der Minimalstandard (!).

Interessant ist hier aber noch, dass für den Tierschutz scheinbar die Abteilung Marketing und Corporate Identity zuständig ist. Denn in derselben Passage, bei der es um das Wohl der Kühe geht, heißt es weiter:

It is recommended that livestock is allowed to come out and graze on pastures. Grazing animals are easily noticeable to consumers and outsiders, having therefore a very positive influence on the farmers’ and Arla Foods‘ Image.

Das ist so erfrischend einfach, offen und ehrlich, dass es bestimmt auch der dümmste Bauer versteht.

Aber halt. Bei größeren Betrieben, oder so ab 80 Kühen, wird es schon schwierig mit dem Raustreiben auf die Weide. Das kostet Zeit, Geld, verringert die Rendite, und so große Weiden hat kaum einer. Daher schiebt Arla schnell wieder einen Riegel vor das lustige Treiben der Kühe auf der Weide – den Tieren zuliebe, versteht sich:

However, animal welfare is first and foremost. Grazing is no longer beneficial to animals if, for instance, the passageways for the livestock get muddy in rainy periods, which may cause health problems.

Ungelogen, das steht original in den Qualitätsdokumenten von Arla.

 

Der ultimative Warentest von Quarkundso.de

Lurpak wirbt auch sonst noch mit allerlei – alte Tradition, Blindverkostungen für den einzigartigen Geschmack, natürliche, reine Zutaten, Hygiene auf höchstem Niveau. Nur ist das alles genau so wie etwa bei der günstigen Deutschen Markenbutter aus dem Discounter, die 89 Cent kostet. Da gibt es auch Blindverkostungen zur Wahrung der höchsten Qualität, und sie ist das, was man rein und unverfälscht nennt, weil nichts drin ist als Wasser und Milchfett. Das ist normaler Standard für Markenware aus der industriellen Landwirtschaft.

Nun, hämen kann ja jeder – was wäre so ein Bericht ohne einen eigenen Test? Selbstverständlich nach den hohen Qualitätskriterien von Quarkundso.de.

Das Ergebnis für Lurpak: etwas blass, etwas spröde – eindeutig ein Hinweis auf Kraftfutter statt Weide. Denn Butter von Weidekühen ist von Natur aus gelblicher, weil das Gras Farbstoffe in die Milch abgibt, und wegen anderer Fettsäuren ist sie auch weicher und cremiger.

Zwei Stücke Butter auf Teller, nah, das linke ist gelblicher

Links echte Weidebutter, rechts Lurpak – die ist deutlich blasser und hat eine weniger cremige Struktur.

Die Kuh, die die Milch für das Probepäckchen gegeben hat, hat jedenfalls Kraftfutter bekommen, stand wohl lebenslang im Stall und hat kein Gras gesehen. Die Zeitschrift Ökotest sprach in ähnlichem Zusammenhang von „wiesenferner“ Milchproduktion und vom „gehörnten Verbraucher“. Das ist hübsch formuliert und trifft den Eindruck genau.

Im – natürlich streng objektiven – Geschmackstest, verglichen mit einer Demeter-Bio-Süßrahmbutter und einer Weidebutter, kam auch nichts Weltbewegendes heraus: Lurpak ist eine mildgesäuerte Butter, sehr mild, fast wie eine Süßrahmbutter. Den sahnigen Geschmack, mit dem Arla wirbt, hat Lurpak mit anderer Süßrahmbutter gemein, die leichte Frische mit mildgesäuerten Buttersorten. Das ist nichts Besonderes.

Butter und Brot auf einem Teller, von oben

Nicht schlecht, der Geschmack von Lurpak. Aber so gut auch wieder nicht. Oben links: Fettfleck auf Linse, kommt vor beim Butter-Shooting.

Da fährt man mit einem wirklich guten Produkt, das tierfreundlich, regional und in kleinen, nachhaltigen Strukturen produziert wurde, aus mehreren Gründen besser. Auch, weil die echte Weidebutter (mildgesäuert) um Klassen besser und aromatischer schmeckt. Sie ist übrigens auch gesünder.

 

Wann ist Butter gute Butter?

Soweit mal die Aktenlage. Für ein begründetes Urteil muss das Bisherige genügen, und das Fazit fällt kurz aus: Lurpak ist normale Molkereibutter aus Massenviehhaltung und industrieller Großproduktion, die schick verpackt und teurer ist als die Konkurrenz, aber weder besser noch fairer zu Umwelt oder Tieren.

Mit Sicherheit besser ist dagegen Butter von Biobetrieben, denn dort ist Genfutter verboten. Besser als das Dänenfett ist auch jede Butter aus Weidemilch, denn da waren die Kühe wirklich draußen und leben artgerecht. Und immer noch besser als das teure Industriezeug aus dem Norden ist Butter aus kleineren und regionalen Molkereien, die ihre Mitglieder nicht stramm auf Wachstumskurs trimmen.

Ihr wollt Namen? Hier sind sie: Jede Art von Biobutter, etwa von Demeter, Bioland, Naturland, Dennree, sogar von BioBio der Supermarkt-Kette Netto; auch die konventionelle Marke des Bauern-Verbandes Sternenfair kann punkten, wegen der besseren Bedingungen für die Kühe und der gentechnikfreien Fütterung.

Regional arbeitende kleinere Molkereien und Genossenschaften wie Andechser, Sternenfair, Bergader, die Upländer Bauernmolkerei oder Berchtesgadener Land sind aus vielen Gründen sowieso vorzuziehen, und wer echte (und hervorragende) Weidebutter will, kauft Kerrygold aus Irland, gut ist auch ein Konzept aus Österreich unter der Bezeichnung „Heumilch“.

Ach, machen wir´s kurz: Arla hat die großen Food-Blogs schön verschaukelt. Die haben brav Werbung gemacht, was man ihnen kaum übel nehmen kann. Aber es gibt bessere Butter als Lurpak.

 

© Johanna Bayer

 

Lurpak-Werbung auf großen deutschen Food-Blogs, mal mehr mal weniger gut gekennzeichnet.

Hervorragend und korrekt: Die Seelenschmeichelei

Andere:

Nicest Things

Feines Gemüse

Foodlovin.de

trickytine.com

Die Qualitätsvorschriften von Arla, Fassung 4.4. von Januar 2015

Die Zeitschrift Oekotest stellt 2013 die Illusion von weidenden Kühen in Frage und spricht vom „gehörnten Verbraucher“.

Und dann strahlt die ARD in der Reihe ARD-Exclusiv am 20. Juli diese verstörende Reportage über Milch aus Massenproduktion und das Leiden der Milchkühe aus – recherchiert wurde in ganz normalen Betrieben. So sieht das aus.

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.