Schlagwort-Archive: Abnehmen

Der Deutschlandfunk verspricht: Langes Leben durch Fasten! Schön wär`s.

 

Beim Deutschlandfunk versprechen die Onliner ein längeres Leben durch Fasten, und zwar durch religiöses Fasten. Das sollen Studien gezeigt haben. Aber die Studie, um die es geht, gibt es noch gar nicht – eine Fingerübung zu Online-Teasern.

 

Moschee Istanbul in der Abenddämmerung

Moschee in Istanbul – Fasten wie die Moslems und länger leben? Beim Deutschlandfunk glaubt man daran.

 

Es ist Fastenzeit und wir müssen dazu was bringen. Denn was soll die ganze Bloggerei, wenn man nicht aktuell und vorne mit dabei ist? Aber dieses Aktuelle ist ein wahnsinniger Druck. Und alle anderen waren schneller, sie haben ihre vorbereiteten Fastenstorys gleich am Aschermittwoch rausgehauen.

Wir klappern jetzt mit einer kleinen Fingerübung hinterher, diesmal aus dem Bereich Online-Fallen: „Wenn der Teaser daneben geht“.

Diesmal ist der Deutschlandfunk (DLF) dran, ganz neu auf Quarkundso.de.

Der Sender hat auf Facebook nämlich gleich am Aschermittwoch, dem 6. März, einen Beitrag zum religiösen Fasten lanciert. Und im Vorspanntext für Facebook stand das glatte Gegenteil dessen, was im Beitrag und von den Experten gesagt wird.

Das ist ein Klassiker. Einerseits.

Andererseits steckt mehr hinter dem kleinen Fauxpas, als man den wenigen Zeilen anmerkt.

Dazu gleich mehr.

 

Der Teaser als Lockstoff

Erstmal stellen wir klar: Fehler in Teasern passieren.

Natürlich sind die schlecht ausgebildeten und noch schlechter bezahlten Onliner Schuld. Da will man gerne nachsichtig sein.

Aber Vorspänne sind enorm wichtig, gerade im Netz. Hier müssen Klicks generiert und Leser gebunden werden. Wer da sachlich patzt oder mit dümmlichem Clickbaiting nervt, hat verloren, das ist bekannt.

So ist es nun dem DLF passiert, der sich erst 2017 als „Markenfamilie“ neu aufstellte und eifrig an seinem Profil als Kultur- und Informationskanal feilt.

Entsprechend wissenschaftlich kam der Beitrag zum religiösen Fasten daher, der über Facebook geteilt wurde. Dort wurde eine Studie mit deutschen Mitgliedern der Bahai-Gemeinde vorgestellt. Die Bahai haben ihren Ursprung im Iran und fasten ähnlich wie die Moslems: im Frühjahr essen und trinken sie mehrere Wochen lang den ganzen Tag nichts. Nachts holen sie bis Sonnenaufgang alles nach.

Der Teaser dazu ist ein Werbetext mit steilen Behauptungen und großen Versprechen:

Die Fastenzeit beginnt – und damit eine Chance, gesünder und vielleicht länger zu leben. Denn viele Studien zu religiösem Fasten berichten von positiven Effekten, wenn man etwa von Sonnenaufgang bis -untergang nichts isst und trinkt.

(Quelle: DLF auf Facebook zum Beitrag über religiöses Fasten vom 6.3.2019)

 

Bild mit Logo DLF, von Facebook, Bild von Teaser leerem Teller.

Screenshot vom DLF-Beitrag samt Teaser auf Facebook.

 

Wissenschaftliche Studie? Welche Studie?

Das ganze Ding ist grotesk falsch. Denn erstens steht im Beitrag gleich zu Anfang genau das Gegenteil:

Anstoß zu der Studie gab Daniela Liebscher. Sie hat ihre Doktorarbeit über religiöses Fasten geschrieben und festgestellt, dass es dazu kaum Untersuchungen gibt.

(Quelle: DLF-Beitrag über religiöses Fasten vom 6.3.2019)

Verglichen mit dem Teaser klingt das doch recht anders.

Auch in einer Meldung auf der Internetseite der Naturheilkunde-Klinik an der Charité ist zu lesen, dass die Forschungslage zum religiösen Fasten dünn ist.

Und es steht natürlich in der Doktorarbeit von Daniela Liebscher, ebenfalls online: Frau Liebscher hat angefangen, zu religiösem Fasten zu forschen, weil es so wenig dazu gibt.

Gut, man kann von Online-Textern nicht erwarten, dass sie erst eine Doktorarbeit lesen, bevor sie schnell was in Facebook hacken. Aber wenigstens in den Beitrag reinschauen, bevor man den Teaser strickt, wäre doch angezeigt.

Dann ist aber noch mehr falsch an dem Vorspann.

Und an dem Beitrag selbst.

Und überhaupt an der ganzen Sache mit dem religiösen Fasten – je länger man darüber nachdenkt, desto abstruser wird es. Daher bleibt es nicht bei der kleinen Fingerübung mit dem Teaser.

Quarkundso.de steigt ein.

 

Nobelpreis für Blutabnehmen

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Wenn man sich nämlich auf der Seite der Charité umschaut, dann kommt raus: Die Sache mit der Bahai-Fasten-Studie, die interdisziplinär sein soll, ging zwar durch die Medien. Aber eine offizielle Pressemitteilung gibt es dazu nicht, etwa mit Angaben zur Studie.

Nach einem Papier oder einer Veröffentlichung haben einige kritische Nutzer schon auf der Facebook-Seite des DLF gefragt. Andere konnten sich nicht vorstellen, dass das strenge Fasten der Bahai, die den ganzen Tag weder essen noch trinken, wirklich so toll für die Gesundheit sein soll.

Auch die Behauptung im Beitrag, dass „sämtliche Hormone und Botenstoffe“ der Probanden in der Studie untersucht wurden, warf Fragen auf – denn das ist schlechterdings undenkbar und wäre nobelpreiswürdig, wie eine Userin anmerkte.

 

Giftige Abwehr beim DLF

Die Nutzer wollten also Belege, nämlich die Studie. Die Webmoderatoren des DLF haben, anstatt die Diskussion zuzulassen, sehr giftig zurück gehackt: Es hätten doch Experten die O-Töne im Beitrag gegeben, diese Experten wüssten es doch wohl am besten. Wie die Facebook-Nutzer die Expertise der O-Ton-Geber anzweifeln könnten?

Nun ja. Sagen können Experten viel. Die Frage ist, ob sie wissenschaftliche Belege oder plausible Argumente liefern können. Und ob die Autoren der Sendung ihre Experten richtig verstanden und die O-Töne nicht aus dem Zusammenhang gerissen haben.

Eine offensichtlich akademisch versierte Facebooknutzerin hat dann in einer Datenbank nach Fastenstudien zu den Bahai gesucht, die der zitierte Arzt Prof. Dr. Andreas Michalsen veröffentlicht haben könnte.

Ergebnis: Null.

Natürlich hat sich da die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de reingehängt und die Pressestelle der Charité angezapft. Ergebnis: Nein, die Studie ist tatsächlich nicht publiziert. Es wird auch noch eine Weile dauern, bis es so weit ist, etwa vier bis sechs Monate, also etwa bis August oder September 2019.

Ja, schade! Denn so kann niemand nachschauen, was es mit der Studie auf sich hat: Was für eine Untersuchung ist es, welche Methode, was für ein Design? Was war das Ziel, was kam wirklich raus und was sagen die Ergebnisse im Kontext der Forschungslage?

 

Journalisten sollten einordnen

Viele Forscher stechen vor der Veröffentlichung lieber keine Ergebnisse an die Medien durch.

Sie reden erst darüber, wenn die Studie zur Veröffentlichung von einem anerkannten wissenschaftlichen Journal angenommen wurde.

Denn die Zusage einer renommierten Zeitschrift bedeutet, dass externe Fachkollegen die Arbeit auf sauberes Design, auf Methoden und Auswertung geprüft haben.

Der Job von Journalisten ist es dann, anhand einer – seriösen und offiziellen – Veröffentlichung nachzufragen, sich die Studie geben zu lassen, sie möglichst zu lesen und ein wenig zu recherchieren, wie die Forschungslage in etwa aussieht.

Alles das ist beim DLF schon deshalb nicht passiert, weil es, nun ja, keine Ergebnisse gibt, die man irgendwo nachlesen könnte.

Es gibt bisher daher scheinbar nur Röhrchen mit Blut im Labor, ein paar Messwerte und Körperdaten, die den Fastenden letztes Jahr abgenommen wurden. So ungefähr. Wie sollen Journalisten sich da ein eigenes Bild machen oder die Studie einordnen? Das geht nicht.

 

Was es mit dem religiösen Fasten auf sich hat

Natürlich kann man auch über eine laufende Studie berichten. Dann aber einigermaßen vorsichtig.

Und damit wären wir beim Teaser und seinen vollmundigen Versprechen: Religiös Fasten und länger leben? Das zeigt die Studie nicht. Das kann auch nicht das Ziel gewesen sein, außer man arbeitet mit Fadenwürmern. Oder Fruchtfliegen.

Was aber war dann das Ziel? Nun, so genau wissen wir es nicht – die im DLF zitierten Experten, Fastenmedizinerin Daniela Liebscher und ihr Chef, der prominente Naturheilkundearzt Prof. Dr. Andreas Michalsen, sagen es im Beitrag nicht so richtig

Sie wollten scheinbar nur, nun ja, Daten zum religiösen Fasten. Schließlich gibt es dazu nicht so viele Studien, haben wir anfangs gelernt.

Allerdings hat hier die Abteilung Dokumentation und Recherche bei Quarkundso.de durch sture Wühlarbeit noch Erstaunliches zutage gefördert: Es gibt sehr wohl Studien zum religiösen Fasten, besonders zum Ramadan der Moslems. Es gibt sogar Hunderte.

Moslems fasten wie die genannten Bahai: Mehrere Wochen im Jahr, im Monat Ramadan, essen und trinken sie den ganzen Tag nichts.

 

Nächtliche Völlerei, Zuckerfest – und kein längeres Leben

Kleiner Junge mit Gebetsmütze (weiß) steckt sich Kuchen in den Mund

Ein Fest für Kinder: Das große Fastenbrechen zum Abschluss des Ramadan.

Doch die Ergebnisse der vielen Ramadan-Studien passen eingefleischten Fastenfans wohl nicht so richtig ins Konzept.

Übersichtsarbeiten, die es zum millionenfachen Ramadan-Fasten der Moslems gibt, zeigen keine brauchbaren Ergebnisse: Alles uneinheitlich, nicht nur positive Effekte, nichts von Dauer.

Wobei die Moslems ohnehin nicht wegen gesundheitlicher Wirkungen fasten – was übrigens auch für die Fastengebote der Christen, Buddhisten oder Juden gilt: Um Gesundheit geht es nie.

Moslems fasten nur, weil es ihr Glauben vorschreibt. Dieser erlaubt auch das Fastenbrechen: Abends, nach Sonnenuntergang, haut man sich in der Türkei, im Iran, in Pakistan, Südostasien, Nordafrika, am Golf und anderswo die Plautze voll, dass es nur so kracht.

Beendet wird der Fastenmonat Ramadan mit dem dreitägigen Zuckerfest. Da biegen sich die Tische vor Kuchen und Süßgebäck, die Kinder bekommen Bonbons und außerdem gibt es Festspeisen mit reichlich Fleisch und Fett.

Für den Rest des Jahres ist es dann egal, was man isst.

 

Lieber nicht fasten wie im Ramadan

Die Daten zu Gesundheit und Lebenserwartung in islamischen Staaten sind entsprechend: Langes Leben, tolle Gesundheit, kein Diabetes, keine Stoffwechselprobleme, kein Übergewicht in Ländern mit Ramadan?

Eben genau nicht.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Gesundheitsdaten aus diesen Ländern zeigen, dass Übergewicht und Diabetes, Fettleber und Fettstoffwechselstörungen dramatisch verbreitet sind – noch viel mehr als in Europa. Der Orient wird von Übergewicht und Diabetes geradezu überrollt.

Sehr eindrucksvoll ist dazu eine Karte der WHO zu Diabetes Typ 2, die 2014 im Spiegel veröffentlich wurde, Link steht unten. Der nordafrikanische Gürtel, Iran, Irak und die arabischen Staaten sind am schwersten betroffen. Selbst in reichen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien liegt die Lebenserwartung unter der von Europäern und Amerikanern.

Die Situation hat sich seit 2014 keineswegs verbessert, sondern in den moslemischen Ländern weiter verschlechtert. Und auch die Gesundheit von islamischen Migranten in Deutschland ist nicht grandios besser als die der Restbevölkerung, Ramadan hin oder her. Eher schlechter: Unter Türken in Deutschland nimmt Diabetes Typ 2 zum Beispiel zu, auch sind sie öfter übergewichtig.

Passend dazu beschäftigen sich die meisten Studien zum Ramadan damit, wie die vielen moslemischen Diabetiker während des Fastens mit ihrem Insulin klarkommen.

 

Falsches Versprechen

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

In islamischen Kulturen verlängert das religiöse Fasten also nicht das Leben. Scheinbar lebt man eher länger, wenn man es genau nicht so macht wie die rund als 1,8 Milliarden Moslems im Ramadan.

Und das kam auch in Daniela Liebschers Doktorarbeit raus: Die ganze religiös motivierte Askese bringt offensichtlich nicht viel, wenn man einmal im Jahr ein wenig fastet und sonst über die Stränge schlägt.

Der Teaser liegt also mit seinem Versprechen tatsächlich voll daneben.

Den Fastenärzten Liebscher und Michalsen ging es laut Beitrag ohnehin nicht um den Glauben. Sie interessieren sich eher für das Fasten an sich, speziell für das Intervallfasten.

So bezeichnen Mediziner das Fasten im Tagesverlauf oder in bestimmten Zeitfenstern, zum Beispiel an 14 bis 16 Stunden über Nacht, wenn man das Abendessen wegfallen lässt.

Das ist zurzeit das große Steckenpferd des Naturheilkundlers Andreas Michalsen: Eine größere Nahrungspause von mindestens 12 bis 14 Stunden am Tag – egal wann – scheint positive Effekte zu zeigen.

Das Thema ist seit fast 10 Jahren ein Trend, viele Fachleute sind davon überzeugt, viele Menschen machen damit gute Erfahrungen, weil sie damit ihr Gewicht halten können.

 

Endlich die richtigen Daten

Und hier könnte die neue Bahai-Studie neue Erkenntnis bringen: Vielleicht produziert die neue Studie das von den Fastenfans erhoffte Ergebnis, dass sogar diese extreme Art des Intervallfastens gesund sein könnte? Also den ganzen Tag gar nichts, weder Wasser noch Brot, ob religiös motiviert oder nicht.

Könnte. Wir wissen es nicht.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht und über die üblichen Ergebnisse des Intervallfastens hinaus ist nicht viel zu erwarten: Es gibt kurzfristige Veränderungen in den Blutwerten und im Stoffwechsel; die innere Uhr legt ein paar Schalter um. Denn Essen ist ein Taktgeber und wenn man wochenlang nur nachts isst, reagieren die Zellen darauf.

Viele Effekte davon könnten günstig sein – nämlich bei Übergewichtigen, Diabetikern, bestimmten Stoffwechselkrankheiten, die mit Überessen zusammenhängen.

Was aber ein langes Leben angeht, bleibt es bisher dabei, da sind sich die meisten Experten einig: Auf die Dauer kommt es darauf an, dass man normalgewichtig ist und das Gewicht hält. Ob mit oder ohne Fasten stehen damit die Chancen auf Gesundheit und ein langes Leben am besten.

 

Mentales Fasten mit Quarkundso.de

Das Fazit der nachgeholten Recherche von Quarkundso.de ist daher eine strenge Ermahnung zur Mäßigung – quasi zum mentalen Fasten. Hier das Wichtigste in abgespeckter Form:

Die Naturheil- und Fastenforscher in Berlin hätten vielleicht nicht so offensiv ein Experteninterview anbieten sollen, nur weil gerade Fastenzeit ist.

Universitäten sollten auf ihren Webseiten nichts vorschnell raushauen, was nicht publiziert und fachlich kontrolliert ist.

Forscher müssen Daten und Methoden offenlegen.

Journalisten müssen recherchieren.

Online-Texter dürfen nicht lügen.

Alle müssen aufpassen.

Und sich einfach ein bisschen zurückhalten. Wenigstens in der Fastenzeit.

@Johanna Bayer

 

Der DLF-Beitrag zum religiösen Fasten auf Facebook vom 6.3.2019

Beim Spiegel: Karte über Diabetes von 2014, Daten von der WHO

Die WELT: Gute und schlechte Kohlenhydrate – bis zum Killer-O-Ton

In der WELT macht sich eine Autorin daran, den Ruf der Kohlenhydrate zu retten. Schließlich steht die biedere Vollkornfraktion gegenüber der Front von Paläo-, Clean- und Low-Carb-Essern immer öfter mit dem Rücken an der Wand. Doch leider hat sie zur Sache nur sehr fragwürdiger Thesen – und dann funkt ihr ausgerechnet der berühmteste ihrer Experten dazwischen. Anstatt zu erklären, wie viele „gute“ Kohlenhydrate wir denn nun essen sollen, gibt er den Killer-O-Ton schlechthin: Es ist egal.

 

Muffin / Napfkuchen mit Zuckerstreuseln

Kuchen, Brot und Süßes: böse oder gut? Egal, es schmeckt. Nur zu viel darf es nicht sein.

Brot, Süßes und Kuchen machen dick.

Das kann kein vernünftiger Mensch bezweifeln.

Natürlich nur, wenn man zu viel davon isst. Bei Brot, Croissants, Süßem, Kuchen, Schokolade und Keksen passiert das aber leicht.

Deshalb sollte man, wenn man abnehmen möchte, derlei bevorzugt einsparen.

Schon bei Leo Tolstoi kann man das nachlesen, in „Anna Karenina“: Da reißt sich der fesche Leutnant Wronskij seiner Figur zuliebe zusammen, denn er will sein Gewicht halten.

Also versagt er sich „Mehlspeisen und Süßigkeiten“, stattdessen isst er Beefsteak.

Auch im französischen Kochbuchklassiker „Gastronomie pratique“ von Henri Babinski stand es  schon vor 100 Jahren: Backwaren machen dick.

Dieses alte Erfahrungswissen haben heute Bodybuilder, Fitness-Freaks, magere Yoga-Mädels von der Clean-Eating-Fraktion, Paleo- und Atkins-Jünger sowie viele Veganer in ganze Systeme verwandelt. Einige der Akteure sind sogar sicher, dass alle Kohlenhydrate und besonders Zucker des Teufels sind.

Das ist natürlich übertrieben.

Trotzdem gewinnt die Low-Carb-Welle dauerhaft Anhänger, während die biedere alte Vollkorn-Front mit dem Rücken an der Wand steht. Diese Ungerechtigkeit und das Lamento der Verlierer findet gerne Gehör im Ressort „Gesundheit“.

Dort erklären Journalisten vereint mit Ökotrophologen wieder und wieder, dass man unbedingt viele Kohlenhydrate braucht, warum das so ist, und dass man bloß nicht zu viel Fleisch und Fett, dafür aber eine Menge Vollkornprodukte essen soll. Experten sekundieren.

Auch die WELT hat sich neulich dieser guten Sache angenommen und alles noch einmal richtig erklärt: Welche die guten und welche die schlechten Kohlenhydrate sind, welche man essen soll und welche nicht.

 

Alles richtig gemacht. Fast.

Der Artikel ist nach den Regeln des Handwerks gestrickt: Ein griffiger Befund am Anfang, weiter geht es mit einer steilen These, dann werden die Fronten zwischen den Widersachern gezogen, es folgen möglichst kurze Erklärungen, und dazwischen sorgen knackige Statements von Fachleuten für die nötige Glaubwürdigkeit.

Normalerweise ist damit die Sache im Kasten.

Nur sind leider die meisten Aussagen im Text wahlweise trivial oder gleich krachend falsch, und die Argumentation ist wirr. Am schönsten ist aber, dass einer der befragten Experten der Autorin dazwischen funkt. Er liefert ein Statement, das ihre Bemühungen komplett konterkariert – doch die Autorin zieht ihr Ding durch.

Das ist erstaunlich und schade. Endlich sagt mal einer was Knackiges zu dem Thema, und dann merkt es keiner, weder Autorin noch Redaktion.

Jetzt bleibt die Drecksarbeit mal wieder an Quarkundso.de hängen. Das ist gemein.

Aber wir drücken uns natürlich nicht. Denn es ist für einen guten Zweck, daher stürzen wir uns unverdrossen in eine öde Beitragsanalyse, um am Ende die Fakten zu Kohlenhydraten ein für alle Mal – so richtig! – zu servieren.

Aber Achtung, hier kommt ein Warnhinweis: Es wird grauenvoll.

Zartbesaitete, Clean-Eating-Fans und Studenten der Ernährungswissenschaften lesen bitte nicht weiter, sondern widmen sich der Vorbereitung ihres gesunden Müslis mit vielen guten Kohlenhydraten für morgen früh.

 

Wir brauchen keine Kohlenhydrate. Aber wir essen sie gerne

Kohlenhydrate, heißt es also zum Einstieg beim WELT-Artikel, seien in Verruf geraten und als Dickmacher verschrien, dabei gehörten sie zu einer ausgewogenen Ernährung. Es sei aber entscheidend, die richtigen Kohlenhydrate zu essen.

Ach ja? Entscheidend, und sie gehören unbedingt in eine ausgewogene Ernährung?

Dass Zucker, Limos und Süßigkeiten gestrichen werden können, ist sicher Konsens. Aber auch alle anderen Kohlenhydrate scheinen nicht wirklich wichtig zu sein: Es ist unproblematisch, den Anteil der Kohlenhydrate auf nur 10 Prozent zu reduzieren, kann man im Atlas der Physiologie nachlesen. Das bedeutet: Der Mensch kann mit einer Ernährung zurechtkommen, die zu 90 Prozent aus Fett und Eiweiß besteht.

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Andererseits kann man auch viel mehr Kohlenhydrate essen, sogar so viele, wie es die DGE empfiehlt, nämlich mehr als 50 Prozent Anteil an den täglichen Kalorien. Nur ist das weder notwendig noch entscheidend für den Menschen. Zumindest nicht aus physiologischen oder medizinischen Gründen.

Unzweifelhaft macht es aber Spaß, Kohlenhydrate zu essen.

Das liegt an den Lebensmitteln, in denen sie stecken: Die schmecken gut und sind meistens sehr nützlich, weil sie Ballaststoffe, Vitamine, Protein und Mineralien enthalten und so schön satt machen. Natürlich nur, wenn man echte Lebensmittel nimmt, und kein Industrie-Süßzeug oder Limos und Säfte.

Es ist in diesem Zusammenhang sowieso die Frage, warum über den abstrakten Makronährstoff „Kohlenhydrate“ gesprochen wird, aber nicht über Lebensmittel: über Brot, Nudeln, Pizza, Reis oder Kartoffeln, über Spinat, Kohl, Rüben, also alles das, was Kohlenhydrate enthält (unter anderem) und unser Essen so schön bereichert.

Vielleicht wäre es dann eleganter zu begründen, warum es gut ist, diese Dinge zu essen.

 

Wirres Zeug über Insulin

Die WELT-Autorin hat aber scheinbar den klaren Auftrag, allgemein „Kohlenhydrate“ zu erklären.

Sie leiert also alles noch einmal runter: Zucker und Mehl gehören zu den Kohlenhydraten, der böse Haushaltszucker hat zwei Moleküle, das ist schlecht. Traubenzucker und Fruchtzucker haben nur eines, das ist ganz schlecht, weil diese Zucker so schnell ins Blut gehen.

Was aus Vollkornmehl ist, hat dagegen viele Ketten von Molekülen, das ist gut, weil der Zucker dann nicht so schnell ins Blut geht. Alle Kohlenhydrate sind nämlich nichts als, nun ja, Zucker.

Dann ergeht sich die Autorin über Insulin und den Zuckerstoffwechsel. Dabei wirft sie einiges durcheinander – Insulin und Blutzucker, die Blutzuckerwirkung von Lebensmitteln, den Anstieg und Abfall des Blutzuckers, die physiologische Ausschüttung von Insulin, die Mechanismen der Sättigung.

Da heißt es einmal, der Körper schütte bei jeder Mahlzeit das Hormon Insulin aus (richtig), dann wieder: Wird Insulin „über einen längeren Zeitraum kontinuierlich ausgeschüttet, macht das satt.“ (falsch, und direkter textlicher Widerspruch zur ersten Behauptung).

Dann heißt es, Süßes und Weißmehl würden den Blutzuckerspiegel gefährlich hoch schießen lassen (falsch, wird aber dauernd behauptet, nicht nur hier), danach habe man deshalb (?) schnell wieder Appetit, schneller als nach einem Vollkornbrot (stimmt so nicht).

Es geht weiter damit, dass Einfachzucker und „leere Kohlenhydrate“ der Grund dafür seien, dass Menschen, die häufig snacken, von Diabetes bedroht seien, denn sie hielten ihren Blutzuckerspiegel dauerhaft hoch (falsch; gemeint ist in diesem Fall die häufige Insulinausschüttung, die zur Abstumpfung der Zellen gegen das Hormon führt, eine Ursache für Diabetes Typ II. Es ist aber nicht der Blutzuckerspiegel, der besonders erhöht ist).

 

Die Fakten in Kürze

Dass bei all dem Verwirrung entsteht, wundert nicht. Die Sachlage ist extrem komplex.

Außerdem steckt die Tücke im System: Den Apologeten der guten Kohlenhydrate, nämlich gewissen Ernährungsexperten, die Journalisten Informationen liefern, geht es darum, den Kohlenhydratanteil an der Ernährung möglichst hoch zu halten.

Wie die „Bösen“ auf den Stoffwechsel wirken, muss dabei möglichst verteufelt, die Rolle der angeblich guten Kohlenhydrate aber ordentlich geschönt werden.

Beides geht nur, wenn man etwas trickst. Die reinen Fakten geben das nämlich nicht her.

Deshalb arbeiten die Vollkornfreunde mit verzerrten physiologischen Erklärungen und werfen viele Nebelkerzen. Kein Wunder, dass Journalisten dabei aufs Glatteis geraten.

Tatsächlich verhält es sich, wie Quarkundso.de aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat, so:

Größere Mengen an Insulin werden nach den Hauptmahlzeiten freigesetzt, und nach stärke- oder zuckerreicher Nahrung. Dann macht es satt, zusammen mit anderen Faktoren. Wenn die Mahlzeit nahrhaft war, ist man auch länger satt. Allerdings macht viel Insulin auch Hunger, das gehört zu seiner Doppelgesichtigkeit.

Das Hormon wird ansonsten tagsüber in kleinen Mengen, in Minutenabständen pulsierend, ins Blut abgegeben und hat viele Aufgaben im Stoffwechsel. Das macht nicht satt, sorgt aber dafür, dass die Zellen Energienachschub und Baustoffe bekommen.

Was die WELT-Autorin auf die falsche Fährte lockt, ist die Tatsache, dass komplexe Zucker (Kohlenhydrate), übrigens auch Eiweiß und Fett, auf Stoffwechsel und Blutzucker teilweise anders wirken als einfache Kohlenhydrate – die „Bösen“.

Die „Guten“ kommen etwas langsamer ins Blut, erhöhen daher den Blutzucker langsamer und über eine längere Zeit. Dabei schonen sie aber keineswegs das Insulin. Denn ausnahmslos alle Kohlenhydrate werden mit Hilfe des Insulins verstoffwechselt und wirken stärker auf den Blutzucker ein als Eiweiß und Fett.

Die „Bösen“ strömen nur etwas schneller ins Blut, was Insulin in kürzerer Zeit anfordert, das stimmt schon. Aber ein gesunder Körper kann das bewältigen. Es darf nur nicht ständig geschehen.

Dagegen sind viele von den komplexen, „guten“ auch nicht ohne: Wer eine Menge davon isst, braucht auch viel Insulin. Ständig viel Insulin im Blut kann aber unter Umständen die Zellen abstumpfen, das ist die gefürchtete Insulinresistenz, eine Vorstufe des Diabetes.

Wer dann noch (von den vielen guten Kohlenhydraten) dick wird, kann sich auch ohne Weißmehl und Süßigkeiten Diabetes und eine Fettleber einhandeln.

 

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die „guten“ Kohlenyhdrate

Noch dazu reagieren Menschen in ihrer Insulinantwort auf Kohlenhydrate sehr individuell. Bei den einen gibt es eine stärkere Insulinausschüttung als bei anderen, und zwar auch nach Vollkornbrot und komplexen Kohlenhydraten.

Manche Menschen reagieren zum Beispiel auf Sushi – aus Fisch und Reis – mit einer stärkeren Insulinausschüttung als auf süßes Speiseeis. Das haben Forscher des israelischen Weizmann-Instituts festgestellt.

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

In einem neuen Test hat dasselbe Institut gerade auch den Vollkornmythos zerlegt: Vollkornbrot und konventionelles Toastbrot verändern Blutzucker, Insulin und weitere Werte erstmal nicht weiter – und beide nehmen sich nichts.

In dieser Studie aß die Hälfte der Probanden eine Woche lang konventionelles Weizentoast aus der Tüte, die andere Hälfte „gesundes“ Vollkornbrot aus Weizen. Beide Gruppen aßen danach eine Woche lang jeweils auch das andere Brot, um zu testen, wie sie auf die Brotsorten reagieren.

Ergebnis: Im Großen und Ganzen keine klinische Auswirkung auf Parameter wie Blutzucker, Insulin, Leber-, Nieren- und Cholesterinwerte.

Aber bei der Hälfte der Probanden ließ sich trotzdem messen, dass der Blutzuckerwert nach dem Essen von Vollkornbrot sogar noch stärker ansteigt als beim Toastbrot. Beim Industriebrot wiederum zeigte nur die Hälfte aller Probanden eine relativ hohe Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel und die Insulinausschüttung.

Fazit der Forscher: Menschen reagieren sehr individuell auf die Kohlenhydrate im Brot, und keine dieser Reaktionen ist krankheitswertig. Grund für die Unterschiede ist übrigens die Zusammensetzung ihrer Darmflora. Anhand der Bakterienarten im Darm konnten die Forscher sogar vorhersagen, wer wie reagiert, ein spannender Befund.

Aber dass feines Weißbrot keineswegs den Stoffwechsel durcheinander bringt, ist schon längst bekannt. Der Volksmund weiß das bestens: Seit Jahrtausenden bevorzugen Menschen  ausgemahlenes Weizenmehl gegenüber groben, dunklen Mehlen.

Die Apologeten der „guten“ Kohlenhydrate verschweigen solche Forschungsergebnisse tunlichst. Dafür befeuern sie unentwegt den Mythos vom „ungesunden“ Weißbrot, das den Blutzuckerspiegel gefährlich Achterbahn fahren lässt, wogegen Vollkorn angeblich den ganzen Tag satt macht. Beides ist falsch.

 

Der Killer-O-Ton

So folgt auch die WELT-Autorin brav ihrem Ziel, das Image der „guten“ Kohlenhydrate zu stärken. Nach dem schwierigen Erklärungsteil geht sie zur Praxis über: Welche und wie viele von den guten Kohlenhydraten soll man nun essen? Wo sie doch so gesund sind.

Jetzt sind die Experten am Zug. Eine Ökotrophologin sagt das Gewünschte (immer schön die Guten), aber ein Ernährungswissenschaftler, Stefan Kabisch vom DiFE in Potsdam, gibt zu, dass Abnehmen mit dem Einsparen von Kohlenhydraten ebenso gelingt wie mit Fettsparen. Die wissenschaftlichen Daten sprechen hier übrigens sogar eher für größere Erfolge der Low-Carb-Diäten und nicht für die Fettspar-Varianten (was Kabisch nicht sagt).

Dann aber ist der berühmte Professor Hans Hauner vom Präsidium der DGE, Chef der Abteilung Ernährungsmedizin an der Exzellenz-Uni TU München, an der Reihe. Er soll den zentralen O-Ton geben, die Take-Home-Message.

Und er ist offensichtlich in der Zwickmühle.

Denn die Autorin will wohl hören, dass man viele „gute“ Kohlenhydrate essen soll, wegen der Gesundheit und weil das doch zur ausgewogenen Ernährung gehört. Aber den Gefallen kann Hauner ihr nicht tun – der Mann ist Wissenschaftler.

Anfangs windet sich der Mediziner geschickt um den Kern der Frage herum. Zuerst versucht er, mit den Ballaststoffen zu punkten: Zufällig enthalten Lebensmittel, in denen viele gute Kohlenhydrate stecken, auch viele von diesen wertvollen Ballaststoffen. Deshalb seien die guten Kohlenhydrate gut.

Laib Vollkornbrot, braun, bieder

Das gefürchtete Kommissbrot. Heute befördert zu guten, gesunden Kohlenhydraten.

Hm. Ja. Aber das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Wie viele und welche von den Guten soll man essen?

Jetzt schweift Hauner zur Ökologie ab:

Es werde bei einem hohen Kohlenhydratanteil an der Nahrung nicht so viel Fleisch und Milch konsumiert. Das schone die Umwelt.

Und von Low-Carb-Diäten würde nur die Agrarindustrie profitieren.

Hm. Das war auch nicht die Frage.

Die Frage war: Wie viele Kohlenhydrate soll man denn nun essen, von den Guten, versteht sich, damit der Blutzucker und das Insulin im Lot bleiben?

Wie soll ich meine gesunde Ernährung mit den guten Kohlenhydraten zusammenstellen?

(Sapperlot, WELCHE guten Kohlenhydrate und WIE VIELE, verdammt nochmal, das werden Sie doch wohl noch sagen können? SIE sind doch der Experte! Und die Leser brauchen jetzt einen PRAXISTIPP! Also los, heraus mit der Sprache!*) (*fiktiver innerer Monolog der entnervten WELT-Journalistin)

Und da legt der renommierte Forscher die Karten auf den Tisch:

„Wir sind in der Ernährungsmedizin davon abgekommen Menschen vorzuschreiben, wovon sie wie viel essen sollen“.

Das sagt der Mann glatt. Dann schiebt er nach:

„Essen ist schließlich auch Ausdruck von Identität und Individualität. Jeder sollte verschiedene Lebensmittel und Rezepte ausprobieren“.

Man muss das mehrmals lesen und sich durch Kopf und Bauch gehen lassen: Professor Hans Hauner gibt keine Menge von „guten Kohlenhydraten“ an, die man täglich essen soll. Er sagt sogar, dass es keine Empfehlungen von Ärzten zu den Anteilen von „guten“ Kohlenhydraten im Essen gibt.

Im Klartext: Es gibt für Gesunde überhaupt keine Ess-Vorschriften mehr aus der Ernährungsmedizin.

 

Ende der Diskussion

Hauner hält sich damit im Gegensatz zu vielen anderen an den Stand der Forschung, und das ist ihm hoch anzurechnen: Aus medizinischer Sicht ist es egal, was Menschen essen, und in welchem Verhältnis. Es kann mehr oder weniger Fett sein, mehr oder weniger Fleisch, und viele oder wenige oder fast keine Kohlenhydrate.

Hauptsache, man bleibt dabei gesund, hält das Normalgewicht und trinkt nur mäßig Alkohol. Dann sind nach einhelliger Meinung die wesentlichen Klippen bei der Ernährung umschifft.

Und damit erledigt sich auch die ganze Ehrenrettung der angeblich so wichtigen „guten“ Kohlenhydrate. Das ganze Geschwurbel über den Stoffwechsel und die Tipps der beflissenen Ökotrophologin, die dann doch das letzte Wort hat, hätte die Redaktion streichen können.

Das Hauner-Zitat macht den Artikel eigentlich komplett überflüssig. Ende der Diskussion.

 

©Johanna Bayer

LINKS:

Der Artikel über Kohlenhydrate in der WELT vom 17.5.2017

Die SZ am 8.6.2017 über die Studie zu Toastbrot versus Vollkornbrot

Diät – endlich abnehmen, leichter schlank! Der STERN weiß, wie es geht. Von wegen.

 

Diäten sind nach Weihnachten das ganz große Thema und der STERN will ein paar Erfolgsgeschichten erzählen – herauskommen aber nur Märchen. Denn die Protagonisten in der Geschichte werden gar nicht schlank. (Beitrag vom 9.1.2016)

 

Molllige Frau hält zwei Grapefruit-Hälften in die Kamera, lacht fröhlich.

Schnell schlank mit ein bisschen Diät – schön wär´s.

 

Es ist Januar, die Diätratschläge sind da.

Ich weiß nicht, ob das wirklich an den wenigen Feiertagen liegt, an denen es lecker was zu essen gibt. Oder an den paar guten Vorsätzen, zu denen sich Leute zu Neujahr verpflichtet fühlen. Manche zumindest.

Aber mit dem guten Essen ist es ja nicht so weit her, wenn man hört, was viele zu Weihnachten auf den Tisch stellen. Der Renner sind Würstchen mit Kartoffelsalat, danach kommen meist Fondue und Raclette, soll ja alles schnell gehen und keine Arbeit machen.

Also ist es doch höchst unplausibel, dass alle über die Feiertage enorm zunehmen und danach sofort Diät machen müssen, um wieder auf Normalgewicht zu kommen. Wenn die Plätzchen aufgefuttert sind, erledigt sich das doch von selbst.

Nein, die nackte Wahrheit sieht anders aus: Viele, laut Statistik sogar jeder Zweite, sind vorher schon zu dick. Über Weihnachten will sich natürlich keiner kasteien. Das ist nur zu verständlich. Aber danach soll alles anders werden.

Tja. Hier kommt die schlechte Nachricht: Nichts wird anders. So jedenfalls nicht.

 

Alle wissen es schon: Diäten funktionieren nicht

Es hat sich ja schon längst rumgesprochen, dass Diäten nicht funktionieren. Warum, weiß zwar auch keiner so genau. Aber fest steht, dass kaum jemand das, was man so gemeinhin unter „Diät“ versteht, durchhält. Was nicht unbedingt an den Diäten liegen muss, aber das ist ein anderes Thema.

Nach etwa einem Jahr Diät gleich welcher Couleur sind alle Abnehmwilligen jedenfalls wieder auf ihrem Ausgangsgewicht. Das haben die Langzeitstudien, die dazu schon gemacht wurden, übereinstimmend ergeben.

Wobei diese Studien zu Diätmethoden ein ganz eigenes Thema sind. Die meisten gehen nämlich über recht kurze Zeiträume, weniger als ein Jahr, meist nicht länger als ein paar Wochen, maximal drei Monate.

Das heißt, auch bei positivem Ausgang – ja! Die Teilnehmer haben toll abgenommen! – sagen die Studien nichts über den Erfolg des Programms im wirklichen Leben aus. Da muss man schon länger durchhalten.

Im Zweifelsfall lebenslang.

 

Das Problem bei Diät-Studien: die Abbrecher

Dass die Studien kurz sind, hat natürlich Gründe, vor allem logistischer Art. Denn Menschen über längere Zeit zu überwachen, ihr Essen zu kontrollieren, sie zu wiegen und zu messen, Blut abzunehmen und die Daten zu erfassen ist gar nicht so einfach.

Das sieht man auch daran, dass in jeder Studie Teilnehmer noch während der Laufzeit aussteigen: „Tschuldigung, echt jetzt, Leute, ich schaff das nicht. Der Fraß, den ihr uns da vorsetzt, geht gar nicht. Ich bin raus.“ Oder so ähnlich.

Dropout-Rate, Ausfallrate, nennen das die Diät-Forscher. Die Ausfallrate bei Diät-Studien schwankt zwischen 10 und 80 Prozent. 80 Prozent! Das ist ein dicker Hund. Gut, bei kürzeren Studien bleiben die Leute eher bei der Stange, also bei Versuchen, die so über zwei bis vier Wochen gehen. Dauert die Studie aber länger, steigen immer mehr Leute aus.

Bei einem Verlauf von sechs Monaten sind es im Schnitt 50 Prozent. Das ist die Hälfte. Wieder so ein Klopper: Die Hälfte aller Teilnehmer hält noch nicht einmal unter kontrollierten Bedingungen den Versuch durch, ein paar Wochen oder Monate weniger zu essen.

Abnehmen ist ein dickes Ding

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. So schwer ist das mit dem Abnehmen also, wenn man diese Ausfallrate der Studien als Beweis heranzieht? Allerdings ist es das – wobei dieser Schluss auch einen kleinen Haken hat: In der Regel nehmen an Diät-Studien keine gesunden oder gar schlanken Menschen teil.

Warum auch. Noch nicht einmal moderat Moppelige sind da drin. Also Leute, die ein paar Kilos loswerden wollen, bevor die Bikini-Saison beginnt. Oder bei denen nach Weihnachten oder dem Urlaub die Lieblingsjeans zwickt. Bei denen geht es um zwei bis fünf Kilo. Höchstens.

Aber die Probanden in Diätstudien sind in aller Regel keine Leute mit einem kleinen Figurproblem. Und die Betonung liegt hier auf „klein“.

 

Keine urbanen Selbstoptimierer

In Diät-Studien landen nämlich viele Leute mit einem riesengroßen Figurproblem. Kranke. Leute in Kliniken, wie dicke Diabetiker, oder Adipöse mit 15 bis 30 Kilo Übergewicht, was etwa BMI 30 entspricht. Das ist die gefährliche Grenze, ab der sich das Risiko für übergewichtsbedinge Krankheiten massiv erhöht.

Oder es sind gleich Schweradipöse, die 120 bis 150 Kilo und mehr Lebendgewicht auf die Waage bringen. Und das schon so lange, dass sie mit ernsthaften Folgeschäden rechnen müssen, oder diese schon haben.

Das sind keine urbanen Selbstoptimierer, die mit einem Sixpack liebäugeln.

Kranke Menschen haben viele Probleme. Und dass sie sich schwer damit tun, eine Diät und strenge Regeln durchzuhalten, bei denen sie schlimmstenfalls völlig anders essen müssen als gewohnt oder hungern, leuchtet einigermaßen ein.

Auch, dass sie vielleicht nie richtig schlank werden, weil ihr gestörter Stoffwechsel das nicht zulässt, ist verständlich. Und dass es fast übermenschlich ist, von heute auf morgen ein festgefahrenes Ernährungsmuster zu ändern, weiß jeder.

Die bittere Wahrheit

Was aber wirklich Sache ist, wird selten ausgesprochen. Manchmal flüstert sie einer vor Fachpublikum hinter verschlossenen Türen, wie 2012 Professor Hans Hauner, prominenter Ernährungsmediziner von der TU München, damals Chef der Deutschen Adipositasgesellschaft:

„Adipositas ist nicht heilbar“.

Zumindest nicht nach dem heutigen Stand der Forschung. Das ist eine echt bittere Pille. Bitter ist auch, dass man nicht sicher weiß, was dieses chronische Übergewicht verursacht. Die Gene sind es keinesfalls alleine und noch nicht einmal überwiegend.

Die Anfänge werden schon in der Schwangerschaft der Mutter vermutet, auch bei der Babyernährung und im Kleinkindalter. Fehlprogrammierter Stoffwechsel, zu wenig Bewegung, schlechte Gewohnheiten, möglicherweise kommt da viel schon in der Jugend zusammen. Wie viele Faktoren es sind und wie man sie günstig beeinflussen kann, daran rätseln Mediziner weltweit herum.

Gleichzeitig müssen sie die Folgen des grassierenden Übergewichts lindern und sich irgendwas zur Prävention ausdenken, wobei sie weitgehend im Nebel stochern. Kein leichter Job.

Menschen wollen träumen

Immerhin können wir froh sein, wenn nicht noch mehr Leute dick werden und die ohnehin schon Dicken extrem zulegen. Das wären amerikanische Zustände, und da sind wir zum Glück nicht.

Noch nicht.

Aber damit kann man sich natürlich nicht zufrieden geben. Man muss es wenigstens versuchen. Schon der Gesundheit wegen, aber auch wegen der Jugend, der öffentlichen Finanzen und überhaupt.

Außerdem darf man Menschen ihre Träume nicht rauben.

Also gibt es doch jeden Januar und jeden Mai die ultimativen Diät-Tipps. Jetzt wieder von allen, und auch vom STERN am 7. Januar 2016, mit dem üblichen Nackedei auf dem Titel. Das Versprechen auf dem Cover:

„Leichter schlank. So nehmen Sie erfolgreich ab: mehr Lebensfreude, weniger Verzicht. Was Forscher empfehlen.“

Wer jetzt misstrauisch wird, liegt richtig. Wir wissen ja schon, dass Diäten nicht funktionieren und starkes Übergewicht noch immer als unheilbar gilt.

Hier wird niemand schlank

Tatsächlich macht der STERN auf dem Titel frech ein Versprechen, dass er gar nicht erst einzulösen vorhat. Denn im Artikel schafft es Autorin Nicole Heißmann virtuos, die Totalkapitulation der Übergewichtsforscher vor der unheilbaren Krankheit Adipositas als neues, entspanntes Abnehmkonzept zu verkaufen.

Der wesentliche Punkt wird raffiniert verschleiert: Ums Schlankwerden geht es gar nicht. Niemand wird hier schlank, auch nicht von neuen Konzepten.

Den Beweis liefert die ausgefeilte Erfolgsstory der Hauptprotagonistin: Eine Frau, die zuvor 150 Kilo wog, hat schonmal 66 Kilo abgenommen. Rein zahlenmäßig und auch für ihre Gesundheit bedeutet das natürlich enorm viel. Aber schlank ist sie nicht.

Damit das keiner so schnell merkt, steht nirgendwo im Text die Zahl, die für das Ergebnis interessant ist: Was wiegt sie heute? Das muss man sich als Leser fix selbst ausrechnen, die Redaktion verschweigt es diskret.

 

Diskretes Schweigen bei wichtigen Daten

Tatsächlich sind noch 84 Kilo da. Das an sich sagt gar nichts, sondern ist natürlich ins Verhältnis zur Körpergröße zu setzen. Eine Frau von 1,80 wäre mit 84 Kilo fast normalgewichtig. Nur schweigt auch hier die Autorin. Da wird man schon etwas unwillig, denn die Körpergröße ist in diesem Zusammenhang wichtig.

Nicht um einen Erfolg kleinzureden und Menschen abzuurteilen. Sondern um die Fakten ehrlich darzustellen.

Sonst gaukelt man tausenden von unglücklichen Übergewichtigen vor, dass sie von 150 Kilo mir nichts, dir nichts auf Normalgewicht kommen oder gar gertenschlank werden können, und das mit „mehr Lebensfreude, weniger Verzicht“.

Denn 84 Kilo sind eine Menge. Ist die Frau 1,65 groß, was dem deutschen Durchschnitt entspricht, hat sie immer noch rund 25 Kilo Übergewicht und einen BMI von 31. Sie wäre damit adipös. Stark übergewichtig. Nicht schlank, wie man uns versprochen hat.

Wobei – den BMI erfahren wir im Text gar nicht erst. Auch den verschweigt die Autorin. Falls die Frau etwas kleiner ist als 1,65, hätte sie sicher gefährliches Übergewicht um BMI 30. Aber selbst wenn sie 1,70 groß wäre, hätte sie mit 84 Kilo immer noch einen BMI von 29,1. Immer noch an der Grenze zur Adipositas. Zu dick.

 

Die Abteilung Grafik hat ganze Arbeit geleistet

Auf den Bildern erkennt man das aber nicht. Da ist sie entweder alleine oder mit einem Mann zusammen, der optisch kleiner wirkt, zum Beispiel, weil er im Hintergrund steht. Die Daten des Mannes, dessen Geschichte auch erzählt wird, stehen mit einer Angabe mehr im Text, er ist 1,78 groß und wiegt 102 Kilo. Von 115 Kilo runtergekommen. Er hat also immer noch BMI 32, mit über 20 Kilo Übergewicht.

Damit liegt auch er in der Kategorie „adipös“, oder, wie die Autorin sich nicht scheut zu sagen, „fettleibig“. In demselben Atemzug wischt sie allerdings schnell die Gewichtsklassifizierung mittels den BMI und „solche Kategorien“ als „beschränkt“ vom Tisch.

Beschränkt, nun ja. Bis heute gibt es kein Kriterium, das besser geeignet ist als der BMI, um eine erste Einschätzung zu Gewicht und Körperfett zu geben. Wohl nur eine erste Einschätzung, aber eine guter Anhaltspunkt. Das kann man nicht ernsthaft leugnen, auch nicht, wenn man es gut meint und Menschen unbedingt Hoffnung machen will.

Aber egal – auf dem Bild, auf dem beide Protagonisten zusammen an einem Tisch sitzen, sind sie jedenfalls gleich groß und gleich vollschlank. Das wirkt unplausibel. Da es sich um eine Kombination von Zeichnung und Foto handelt, lässt sich nicht genau ermessen, ob die beiden wirklich an einem Tisch gesessen haben. Photoshop lässt grüßen.

 

Hauptsache, das Storytelling stimmt!

Irgendwie bleibt ein mulmiges Gefühl bei dem ganzen Ding.  Fünfmal die Woche, liest man am Ende, geht die Kronzeugin der Geschichte  ins Fitness-Studio. Ach so, das ist „leichter schlank“?

Auch wird nirgendwo gesagt, wie lange die beiden Betroffenen gebraucht haben, um abzunehmen. Wie lange hat es gedauert, die 66 Kilo zu verlieren? Jahre, davon kann man ausgehen. Mindestens fünf, nicht darunter. Das ist eine lange Zeit.

Wie lange hat der korpulente junge Mann gebraucht, um  von BMI 36 auf BMI 32 zu kommen? 13 Kilo hat er abgenommen. Zuvor kann man dem Text entnehmen, dass der nur mittelgroße Schauspieler noch mit 105 Kilo Gewicht weder sich selbst noch seiner Mutter als übergewichtig vorkam. Erst bei 115 Kilo fragte sie nach. Dann kam auch er drauf.

Egal – das Storytelling ist straff aufs Ergebnis hin frisiert: Weg mit allen Fakten, die von der Suggestion der neuen Leichtigkeit ablenken könnten. Eliminieren, was den Service-Charakter stört.

So entstehen zwei tröstliche Erfolgsgeschichten, nette Zeichnungen, und versöhnliche Botschaften: Ihr könnt nichts dafür, aber ihr könnt es schaffen, irgendwann und irgendwie, Hauptsache, ihr fangt mal an.

 

Faktisch: Schadensbegrenzung

Worum es aber wirklich geht in dem Artikel, ist etwas anderes: Es ist die Botschaft, dass stark Übergewichtige sich von der Vorstellung verabschieden müssen, einfach mal eben schlank zu werden: Letztlich geht es um Schadensbegrenzung bei Adipositas.

Um das Verhüten von Schlimmerem, also weiterer Gewichtszunahme und Folgeschäden. Ein möglicherweise zumindest pragmatischer, gangbarer Weg. Das ist im Übrigen gar nicht neu. Allerdings auch alles andere als der Königsweg zur Figur des drahtigen Nacktmodels auf dem Titel.

Was bei der Schadensbegrenzung helfen könnte, führen diverse Forscher im Artikel aus: Muskeltraining, allgemein Bewegung, besserer Umgang mit Stress, Umstellungen in der Ernährung, die auf Dauer durchgehalten werden können. Keine Rosskuren, keine unrealistischen Erwartungen. Ganz kleine Schritte.

Auch der wesentliche Faktor Willenskraft kommt zur Sprache. Er lässt sich trainieren, ein Psychologe tritt sehr ein für das Einüben von gesunden Lebenseinstellungen und neuen, guten Gewohnheiten in Etappen. Das ist vielleicht der interessanteste Punkt an dem ganzen Dossier.

 

Dick bleibt oft dick. Man kann aber gesünder leben

Nur das große Abnehmen für stark Übergewichtige – das haben die Forscher abgeschrieben.

Professor Joachim Hebebrand, Interviewpartner im Artikel, hat selbst 5000 Abnehmprogramme für Kinder und Jugendliche ausgewertet – mit enttäuschendem Ergebnis: Nach zwei Jahren waren alle Kinder immer noch dick. Das sähe bei Erwachsenen leider ähnlich aus, seufzt der arme Arzt im Interview.

„Unter Umständen“ könne man etwas abnehmen, formuliert es Hebebrand vorsichtig. Aber im Grunde kommt es ihm darauf an, dass seine Patienten, wenn sie schon nicht abnehmen, wenigstens etwas für ihre Gesundheit tun.

Mehr Bewegung, einen Anfang machen mit Spaziergängen und Tanzen, vielleicht sich einen Hund zulegen, damit man öfter vor die Tür kommt. Muskelaufbau ist wichtig, für alle und gerade für Übergewichtige.

Aber leichter schlank? Von wegen.

 

©Johanna Bayer

Der STERN-Artikel ist noch nicht online, die aktuelle Ausgabe gibt es am Kiosk. Aber dafür gibt es ausnahmsweise  einen Servicelink: den BMI-Rechner von der Apotheken-Umschau. Aus gg. Anlass! 🙂

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Und noch ein Anlass: Bei der Wahl zum Wissenschaftsblog des Jahres 2015 gab es für Quarkundso.de den Sonderpreis der Redaktion! Hier geht es zum Bericht. Quarkundso.de ist außerdem nominiert zum Foodblog des Jahres 2015 bei den Goldenen Bloggern! Bitte Daumen drücken – am 25.1.2016 entscheidet die Jury in Berlin.goldener-blogger-klein-gif-1