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Die große Serie bei Quarkundso.de: Was wirklich dick macht

Endlich ist sie da, die neue Folge zu den größten Dickmachern. Diesmal geht es ums Grundsätzliche: Wer hat eigentlich das Problem? In der Zucker-Debatte scheinbar vor allem Kinder, die es zu schützen gilt. Doch die Dicken, das sind die Erwachsenen. Und denen will keiner was verbieten: Nicht einmal die DGE wagt in ihren 10 Regeln eine klare Ansage – Quarkundso.de übernimmt.

 

Dicker Mann mit Bauch in rotem T-Shirt, nah

Wampe und Wohlfühlgewicht: Man gönnt sich ja sonst nichts.

Jetzt geht es also endlich weiter mit der Serie zu den größten Dickmachern.

Vorab möchten wir warnen. Es geht um Regeln und Vorschriften, es wird also trocken und auch etwas streng.

Aber ab und an muss man ein Thema mal gründlich durchdenken. Am Ende gibt es dafür wieder handfesten Service und eine schöne Take-Home-Message.

Unser heutiger Beitrag zu den wahren Dickmachern dreht sich also um eine grundsätzliche Frage: Wer hat eigentlich das Problem?

Die erste Folge vom 5.4.2018 war da praktischer ausgerichtet, es ging um Bier als Dickmacher, und zwar im Vergleich zu Zucker (bitte nachlesen). Letzterer ist zu Unrecht alleiniger Sündenbock in der Debatte, an das heilige Bier will keiner ran.

Das geht schon aus kulturellen Gründen nicht, und damit sind nicht nur Bierbrauen und Saufen gemeint. Sondern auch die nationale Psyche, die Mentalität. Der Geist eines Volkes.

Denn es ist nunmal so: Deutschland ist das Land der Schulmeister.

Für Kinder, wohlgemerkt.

 

Angstgegner: der ausgewachsene Deutsche

Über die zerbricht man sich unentwegt den Kopf – wie sie zu unterrichten, zu belehren, anzuleiten, zu fördern sind, wie man sie am besten trainieren, drillen oder zur Entwicklung anregen kann; wie man ihnen Grenzen setzt, sie schont, vor Schaden bewahrt, aufklärt und für den Ernst des Lebens rüstet.

Deshalb ist Zucker so ein willfähriges Opfer: Die Akteure der Debatte haben vor allem Kindernahrung, Kinderlebensmittel und Werbung für Kinder im Blick. Da darf man sich mit Regeln, Verboten und Bewahren austoben. Ist ja für eine gute Sache, für die Kleinen – Kinder sind unsere Zukunft!

In Deutschland hat man also viele Freunde, wenn man Kindern den Zucker verbietet. Den Erwachsenen aber die Dickmacher wegzunehmen, das traut sich keiner.

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Denn der ausgewachsene Deutsche ist kein leichter Gegner. Das hat das Veggie-Day-Trauma der Grünen aus dem Jahr 2013 gezeigt. Und auch sonst ist der Deutsche auf der Hut vor Regeln, die die persönliche Freiheit einschränken.

Da mutiert er sofort zu einem Schreckgespenst: zum mündigen Bürger.

Der lässt sich nichts sagen, ist gegen Tempolimit, Fahr- und Parkverbote und zieht bei Nachbarschaftsstreitigkeiten gerne vor Gericht. Einfach mal einlenken, weil der andere berechtigte Gründe hat, das geht nicht. Da steht sofort die Freiheit auf dem Spiel.

Und so hält er es auch mit dem Übergewicht.

 

Nur die Minderheit kann nichts für ihr Übergewicht

Fetter Mann in blauem T-Shirt mit Glas Bier und Fernbedienung in der Hand

Auf seine Feierabendrituale lässt der Deutsche nichts kommen.

Weniger essen, um nicht aus dem Leim zu gehen? Auf keinen Fall.

Sich zurückhalten bei Bier, Currywurst, Pommes-Mayo, Kuchen? Man gönnt sich ja sonst nichts. Abnehmen, weil man schon zu fett ist? Unmöglich, bei dem Stress.

Natürlich sind hier nicht die gemeint, die für ihre Korpulenz nichts können – Menschen mit Krankheiten, auch psychischen.

Oder Leute, die schon als Kinder dick waren, Patienten, die Medikamente nehmen müssen, Kinder, die von ihren Eltern vollgestopft und sonst wenig beachtet werden.

Das ist aber die Minderheit. Wir wiederholen: Das ist die Minderheit.

Die Mehrheit war noch als junge Erwachsene bis etwa 25 oder 30 normalgewichtig bis schlank. Mit steigendem Lebensalter ändert sich das: Zwei Drittel der Erwachsenen nehmen zwischen dem 25 und dem 50 Lebensjahr 11 bis 20 Kilo zu, Tendenz im Alter steigend.

Das ist nicht naturgegeben: Ursprünglich lebende Jäger- und Sammlervölker halten ihr Gewicht nach der Pubertät weitgehend.

 

Noch nie war Deutschland so dick

Anders in der modernen Welt. Hier betrachtet man die Speckrollen des Erwachsenen als Schicksal. Daher sieht man Männer um die 50, die trotz Riesenwampe nicht auf ihre drei bis fünf Feierabendbiere verzichten wollen. Und Frauen, die mit 30 Kilo Übergewicht davon reden, dass sie stolz auf ihre Kurven sind, aber das Sodbrennen nicht in den Griff kriegen, weshalb sie den Arzt wechseln wollen.

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Der Befund ist erschütternd: Noch nie gab es in Deutschland so viele Übergewichtige und insbesondere Fettleibige, also Leute mit schwerem Übergewicht über Body-Mass-Index 30 (abgek. BMI 30, rund 18 Kilo über Normalgewicht).

Das Problem ist so gravierend, dass die Normalgewichtigen schon in der Minderzahl sind, wie die DGE 2017 bekanntgab:

In der Altersklasse der Berufstätigen ist das Dicksein heutzutage so weit verbreitet, dass es keine Ausnahme mehr darstellt, sondern der Normalzustand ist.

Männer sind besonders häufig zu dick: Am Ende ihres Berufslebens sind 74,2 % übergewichtig. Bei den Frauen im gleichen Alter sind es 56,3 %.

(Quelle: 13. DGE-Ernährungsbericht von 2017).

 

Da ist nichts versteckt

Der „versteckte Zucker“ in Grillsaucen und Sauerkraut ist daran nicht schuld. Das zeigen die Zahlen dazu, was erwachsene Deutsche im Schnitt täglich verputzen, an Süßwaren, Kuchen oder Schokolade, zum Beispiel,

Nachzulesen ist das in der Nationalen Verzehrsstudie (NVS): Zum Beispiel gönnen sich die mündigen Bürger jeden Tag 50 bis 60 Gramm Süßigkeiten, das sind mindestens 300 überflüssige Kalorien am Tag.

Plus Bier. Plus Kuchen. Plus Saft, Limo und Cola. Plus Eis, gerade im Sommer so erfrischend, mal zwischendurch. Da kommt ganz schön was zusammen, was weder nötig noch „versteckt“ ist.

Zwar gibt es einen erheblichen Teil von Dicken, die nicht so viel Süßes essen. Sie halten sich an Brot, Wurst, Nudeln, Pommes und andere herzhafte Genüsse, wozu das heilige Bier immer am besten passt. Aber es hilft ja nichts – auch die müssten bereit sein, ihre Gewohnheiten zu überdenken.

Was sie nicht sind. Und da liegt der Hase im Pfeffer.

 

10 Regeln der DGE: Keine klare Ansage zum Gewicht

Die DGE beklagt das schon seit Jahren und Experten wissen es: Viele Menschen sind einfach nicht dazu bereit, ihre Ernährungsgewohnheiten zu ändern, selbst wenn sie erheblich zunehmen.

Daher sollte man – Stichwort mündiger Bürger – mit ihnen Tacheles reden: Es braucht eine klare Ansage gegen Übergewicht, zum Beispiel von der DGE.

Doch ausgerechnet die obersten Ernährungshüter, die der ganzen Welt eine fade Körnerkost verordnen wollen, eiern in ihren Vorschriften herum: Keine einzige der 10 DGE-Regeln für vollwertige Ernährung widmet sich konzentriert dem Problem Übergewicht.

Dabei sollen diese einfachen Richtlinien doch „dem Verbraucher“ helfen, also allen; und sie sollen für jedermann verständlich sein. Deshalb wurden sie gerade umständlich überarbeitet. Nur fehlt die klare Positionierung zur größten Falle beim Essen: zum Zuviel. Selbst an den Stellen, an denen von Genussmitteln und gesüßten Getränken die Rede ist, wagt die DGE nur vorsichtig zu erwähnen, dass sie „das Risiko für Adipositas und Diabetes mellitus Typ 2 erhöhen.“

Dass Menschen nicht dick werden sollen und Übergewicht aktiv vermeiden müssen, steht nirgendwo.

Auch nicht in der letzten Regel, der Nr. 10. Da ist zwar die Rede vom Gewicht, aber ganz vage. Der Text dazu dreht sich um den Zusammenhang von Ernährung mit Bewegung und besagt im Kern nur, dass Bewegung gesund ist.

Als ob der mündige Bürger das nicht längst wüsste.

 

Zu allgemein – und Thema verfehlt

Hier die Kurzfassung:

Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben

Vollwertige Ernährung und körperliche Aktivität gehören zusammen. Dabei ist nicht nur regelmäßiger Sport hilfreich, sondern auch ein aktiver Alltag, indem Sie z. B. öfter zu Fuß gehen oder Fahrrad fahren.

Schon die Überschrift ist so unklar wie platt. Außerdem steht sie in keinem erkennbaren Zusammenhang zu dem Text darunter. Der lässt das Thema Gewicht und Überernährung gleich ganz weg, um möglichst wenig konkret von „körperlicher Aktivität“ zu schwurbeln. Thema verfehlt – zumal ein irgendwie gesunder Alltag eigentlich nicht ins Aufgabengebiet der DGE fällt.

Und was soll das überhaupt heißen, auf das Gewicht achten? Um welches Gewicht geht es denn, vielleicht das Wohlfühlgewicht? Soll man daher einfach so bleiben, wie man gerade ist? Warum schreiben die Ernährungshüter so windelweich?

Es gibt noch eine Langfassung, ganz neu, von Juli 2018. Darin findet sich eine Abhandlung über den gesundheitlichen Segen von Bewegung im Allgemeinen. Ohne Zusammenhang zählen die Verfasser am Ende noch die Folgen von Übergewicht und Untergewicht auf, und zwar gleichwertig.

Wir finden das bemerkenswert. Denn die Mageren stellen in Deutschland nur eine winzige Minderheit, es sind nur etwa vier Prozent der Bevölkerung. Dagegen ist der Anteil der Übergewichtigen so hoch – über zwei Drittel aller Männer, die Hälfte der Frauen – dass die Kosten dafür demnächst unser Gesundheitssystem sprengen.

Das ist nicht verhältnismäßig.

 

Die Angst der Fachleute vor dem Text

Dicke Frau in Badeanzug am Strand

Übergewicht: Die meisten könnten etwas tun.

Daher wäre es gut, Farbe zu bekennen und den mündigen Dicken sowie allen Erwachsenen in den 10 Regeln eine klare Ansage zu geben.

Wir schlagen also vor, dass die Regel neu geschrieben wird.

Und wenn die DGE es nicht macht, dann muss Quarkundso.de mal wieder einspringen.

Wir hatten das ja schon. Das war bei der DGE-Regel Nr. 7, der Trinkregel, Link steht unten. Die haben wir im Sommer 2017 exemplarisch umgeschrieben, als Fingerübung Challenge, und auch als kleines Beispiel für, nun ja, Interessierte.

Knapp drei Wochen später stand auf der DGE-Homepage eine neue Trinkregel Nr. 7, die unserer Fassung auffallend ähnelte.

Den Trick versuchen wir jetzt nochmal. Es ist ja für einen guten Zweck, und vielleicht ist dieses Jahr auch die Zahlungsmoral der DGE besser (bitte oben auf das Sparschwein klicken, vielen Dank).

Was das Problem haben wir 2017 schon benannt: Es waren Fachleute am Werk. Also Ernährungswissenschaftler.

Die stehen unter dem Zwang, sämtliche Eventualitäten zu bedenken, den ganzen komplexen Sachverhalt abzubilden und bei Adam und Eva anzufangen. Also bei Ernährung und Bewegung, nicht zu vergessen das Untergewicht.

Ihre größte Angst ist, dass man ihnen Nachlässigkeit oder Unvollständigkeit vorwirft, weil sie wichtige Einzelfälle nicht erwähnt oder sich absolut geäußert haben, wo es doch Ausnahmen gibt. Klar und prägnant können sie deshalb nicht schreiben. Stattdessen operieren sie mit abstrakten Phrasen, in die alles reinpasst.

 

Man muss Prioritäten setzen

Da sind wir von Quarkundso.de ganz anders. Wir gehen beherzt zur Sache: Was ist das große Problem unserer Zeit bei der Ernährung? Übergewicht.

Also muss das eindeutig rein, schon in den Titel. Alles andere ist untergeordnet, zum Beispiel die winzige Randgruppen der Dünnen mit Body-Mass-Index unter 18,5.

Wir wollen aber auf keinen Fall hartherzig sein. Die Belegschaft der Fachabteilung steht nämlich schon händeringend vor unserem inneren Auge, voller Angst, dass nicht alles, alles in der Regel drin ist.

Keine Sorge, wir lassen uns was einfallen.

Fangen wir mit der Überschrift an. Die muss klar sein, und sie muss die ansprechen, um die es geht: die Erwachsenen, insbesondere die jungen Erwachsenen. Der ängstlichen Fachabteilung zuliebe natürlich auch alle anderen Menschen. Selbst das geht, wenn man das alte Wischiwaschi durch eine eindeutige Aufforderung ersetzt. Die sieht so aus:

Halten Sie Normalgewicht und bewegen Sie sich viel!

Noch Fragen? Sicher nicht, denn mit „Normalgewicht“ ist alles gesagt: Übergewicht und Wampe verbieten sich damit ebenso wie Abmagern.

Dieser neue Titel bietet eine sehr einfache, eindeutige Richtlinie für den Alltag, für jedermann – und für den Rest des Lebens. Großzügig und realistisch ist sie auch noch, denn sie enthält die ganze Spannbreite der BMI-Skala von BMI 18,5 bis 25. Eine Frau von 1,70 Körpergröße kann demnach zwischen 55 und 71 Kilo wiegen, ein Mann von 1,82 zwischen 66 und 84 Kilo. Das lässt für alle Körperbautypen genügend Spielraum.

 

Die neue Regel 10 zum Körpergewicht

Unser neuer Kurztext präzisiert das. Dabei setzen wir dieselben Prioritäten: Der wichtigste und häufigste Fall kommt nach vorne, das ist das Übergewicht. Das Allgemeine steht hinten.

Halten Sie Normalgewicht und bewegen Sie sich viel!

Vermeiden Sie Übergewicht. Wenn Sie zunehmen, steuern Sie aktiv gegen. Sprechen Sie bei Übergewicht mit Ihrem Arzt. Auch Untergewicht ist gesundheitsschädlich. Gut ist auf jeden Fall Bewegung – vollwertige Ernährung und Bewegung gehören zusammen.

Damit ist alles gelöst: Das Thema aus dem Titel taucht im Text wieder auf, das Übergewicht ist prominent und Untergewicht wird mit abgefrühstückt, damit das Fachreferat keinen Verweis bekommt.

In der Langfassung könnte man dann noch allerlei erklären: zum Beispiel den BMI-Spielraum für Normalgewicht, oder warum Menschen ab etwa dem 25. Lebensjahr ihre Ernährungsgewohnheiten an den langsameren Stoffwechsel anpassen müssen.

Wie wir die DGE kennen, wird sie die Vorlage von Quarkundso.de natürlich gleich retuschieren. Vor allem, indem sie die Überschrift abschwächt und in ihren geliebten Infinitiv umwandelt: „Normalgewicht halten und in Bewegung bleiben“. Bloß kein Ausrufezeichen, sowas klingt nach Befehl!

Die DGE ist lieber sanft im Ton, das soll den mündigen Bürgern vortäuschen, dass sie nicht so streng ist, alles ganz lieb meint und auf keinen Fall irgendjemandem Vorschriften machen will.

In Wahrheit ist das natürlich ganz anders, im Land der Schulmeister, und gerade bei der DGE.

Vor allem aber bei Quarkundso.de. Wir meinen es ernst und sind besonders streng: Wer im Erwachsenenalter unbändig zunimmt, muss aktiv etwas dagegen tun. Wie mündige Bürger das angehen können, davon handeln die nächsten Folgen.

©Johanna Bayer

HINWEIS: Bitte vor dem Kommentieren die Kommentarregeln durchlesen. Sie stehen im Impressum und auf der Seite „Was soll das?“. Die Regeln betreffen unsachliche, beleidigende und anonyme Kommentare. 

Ganz neu: Die 10 Regeln der DGE zur „vollwertigen Ernährung“

Unser Vorschlag zur Trinkregel Nr. 7 von Juli 2017 , danach hat die DGE den Text geändert.

Die WELT: Gute und schlechte Kohlenhydrate – bis zum Killer-O-Ton

In der WELT macht sich eine Autorin daran, den Ruf der Kohlenhydrate zu retten. Schließlich steht die biedere Vollkornfraktion gegenüber der Front von Paläo-, Clean- und Low-Carb-Essern immer öfter mit dem Rücken an der Wand. Doch leider hat sie zur Sache nur sehr fragwürdiger Thesen – und dann funkt ihr ausgerechnet der berühmteste ihrer Experten dazwischen. Anstatt zu erklären, wie viele „gute“ Kohlenhydrate wir denn nun essen sollen, gibt er den Killer-O-Ton schlechthin: Es ist egal.

 

Muffin / Napfkuchen mit Zuckerstreuseln

Kuchen, Brot und Süßes: böse oder gut? Egal, es schmeckt. Nur zu viel darf es nicht sein.

Brot, Süßes und Kuchen machen dick.

Das kann kein vernünftiger Mensch bezweifeln.

Natürlich nur, wenn man zu viel davon isst. Bei Brot, Croissants, Süßem, Kuchen, Schokolade und Keksen passiert das aber leicht.

Deshalb sollte man, wenn man abnehmen möchte, derlei bevorzugt einsparen.

Schon bei Leo Tolstoi kann man das nachlesen, in „Anna Karenina“: Da reißt sich der fesche Leutnant Wronskij seiner Figur zuliebe zusammen, denn er will sein Gewicht halten.

Also versagt er sich „Mehlspeisen und Süßigkeiten“, stattdessen isst er Beefsteak.

Auch im französischen Kochbuchklassiker „Gastronomie pratique“ von Henri Babinski stand es  schon vor 100 Jahren: Backwaren machen dick.

Dieses alte Erfahrungswissen haben heute Bodybuilder, Fitness-Freaks, magere Yoga-Mädels von der Clean-Eating-Fraktion, Paleo- und Atkins-Jünger sowie viele Veganer in ganze Systeme verwandelt. Einige der Akteure sind sogar sicher, dass alle Kohlenhydrate und besonders Zucker des Teufels sind.

Das ist natürlich übertrieben.

Trotzdem gewinnt die Low-Carb-Welle dauerhaft Anhänger, während die biedere alte Vollkorn-Front mit dem Rücken an der Wand steht. Diese Ungerechtigkeit und das Lamento der Verlierer findet gerne Gehör im Ressort „Gesundheit“.

Dort erklären Journalisten vereint mit Ökotrophologen wieder und wieder, dass man unbedingt viele Kohlenhydrate braucht, warum das so ist, und dass man bloß nicht zu viel Fleisch und Fett, dafür aber eine Menge Vollkornprodukte essen soll. Experten sekundieren.

Auch die WELT hat sich neulich dieser guten Sache angenommen und alles noch einmal richtig erklärt: Welche die guten und welche die schlechten Kohlenhydrate sind, welche man essen soll und welche nicht.

 

Alles richtig gemacht. Fast.

Der Artikel ist nach den Regeln des Handwerks gestrickt: Ein griffiger Befund am Anfang, weiter geht es mit einer steilen These, dann werden die Fronten zwischen den Widersachern gezogen, es folgen möglichst kurze Erklärungen, und dazwischen sorgen knackige Statements von Fachleuten für die nötige Glaubwürdigkeit.

Normalerweise ist damit die Sache im Kasten.

Nur sind leider die meisten Aussagen im Text wahlweise trivial oder gleich krachend falsch, und die Argumentation ist wirr. Am schönsten ist aber, dass einer der befragten Experten der Autorin dazwischen funkt. Er liefert ein Statement, das ihre Bemühungen komplett konterkariert – doch die Autorin zieht ihr Ding durch.

Das ist erstaunlich und schade. Endlich sagt mal einer was Knackiges zu dem Thema, und dann merkt es keiner, weder Autorin noch Redaktion.

Jetzt bleibt die Drecksarbeit mal wieder an Quarkundso.de hängen. Das ist gemein.

Aber wir drücken uns natürlich nicht. Denn es ist für einen guten Zweck, daher stürzen wir uns unverdrossen in eine öde Beitragsanalyse, um am Ende die Fakten zu Kohlenhydraten ein für alle Mal – so richtig! – zu servieren.

Aber Achtung, hier kommt ein Warnhinweis: Es wird grauenvoll.

Zartbesaitete, Clean-Eating-Fans und Studenten der Ernährungswissenschaften lesen bitte nicht weiter, sondern widmen sich der Vorbereitung ihres gesunden Müslis mit vielen guten Kohlenhydraten für morgen früh.

 

Wir brauchen keine Kohlenhydrate. Aber wir essen sie gerne

Kohlenhydrate, heißt es also zum Einstieg beim WELT-Artikel, seien in Verruf geraten und als Dickmacher verschrien, dabei gehörten sie zu einer ausgewogenen Ernährung. Es sei aber entscheidend, die richtigen Kohlenhydrate zu essen.

Ach ja? Entscheidend, und sie gehören unbedingt in eine ausgewogene Ernährung?

Dass Zucker, Limos und Süßigkeiten gestrichen werden können, ist sicher Konsens. Aber auch alle anderen Kohlenhydrate scheinen nicht wirklich wichtig zu sein: Es ist unproblematisch, den Anteil der Kohlenhydrate auf nur 10 Prozent zu reduzieren, kann man im Atlas der Physiologie nachlesen. Das bedeutet: Der Mensch kann mit einer Ernährung zurechtkommen, die zu 90 Prozent aus Fett und Eiweiß besteht.

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Andererseits kann man auch viel mehr Kohlenhydrate essen, sogar so viele, wie es die DGE empfiehlt, nämlich 60 Prozent Anteil an den täglichen Kalorien. Nur ist das weder notwendig noch entscheidend für den Menschen. Zumindest nicht aus physiologischen oder medizinischen Gründen.

Unzweifelhaft macht es aber Spaß, Kohlenhydrate zu essen.

Das liegt an den Lebensmitteln, in denen sie stecken: Die schmecken gut und sind meistens sehr nützlich, weil sie Ballaststoffe, Vitamine, Protein und Mineralien enthalten und so schön satt machen. Natürlich nur, wenn man echte Lebensmittel nimmt, und kein Industrie-Süßzeug oder Limos und Säfte.

Es ist in diesem Zusammenhang sowieso die Frage, warum über den abstrakten Makronährstoff „Kohlenhydrate“ gesprochen wird, aber nicht über Lebensmittel: über Brot, Nudeln, Pizza, Reis oder Kartoffeln, über Spinat, Kohl, Rüben, also alles das, was Kohlenhydrate enthält (unter anderem) und unser Essen so schön bereichert.

Vielleicht wäre es dann eleganter zu begründen, warum es gut ist, diese Dinge zu essen.

 

Wirres Zeug über Insulin

Die WELT-Autorin hat aber scheinbar den klaren Auftrag, allgemein „Kohlenhydrate“ zu erklären.

Sie leiert also alles noch einmal runter: Zucker und Mehl gehören zu den Kohlenhydraten, der böse Haushaltszucker hat zwei Moleküle, das ist schlecht. Traubenzucker und Fruchtzucker haben nur eines, das ist ganz schlecht, weil diese Zucker so schnell ins Blut gehen.

Was aus Vollkornmehl ist, hat dagegen viele Ketten von Molekülen, das ist gut, weil der Zucker dann nicht so schnell ins Blut geht. Alle Kohlenhydrate sind nämlich nichts als, nun ja, Zucker.

Dann ergeht sich die Autorin über Insulin und den Zuckerstoffwechsel. Dabei wirft sie einiges durcheinander – Insulin und Blutzucker, die Blutzuckerwirkung von Lebensmitteln, den Anstieg und Abfall des Blutzuckers, die physiologische Ausschüttung von Insulin, die Mechanismen der Sättigung.

Da heißt es einmal, der Körper schütte bei jeder Mahlzeit das Hormon Insulin aus (richtig), dann wieder: Wird Insulin „über einen längeren Zeitraum kontinuierlich ausgeschüttet, macht das satt.“ (falsch, und direkter textlicher Widerspruch zur ersten Behauptung).

Dann heißt es, Süßes und Weißmehl würden den Blutzuckerspiegel gefährlich hoch schießen lassen (falsch, wird aber dauernd behauptet, nicht nur hier), danach habe man deshalb (?) schnell wieder Appetit, schneller als nach einem Vollkornbrot (stimmt so nicht).

Es geht weiter damit, dass Einfachzucker und „leere Kohlenhydrate“ der Grund dafür seien, dass Menschen, die häufig snacken, von Diabetes bedroht seien, denn sie hielten ihren Blutzuckerspiegel dauerhaft hoch (falsch; gemeint ist in diesem Fall die häufige Insulinausschüttung, die zur Abstumpfung der Zellen gegen das Hormon führt, eine Ursache für Diabetes Typ II. Es ist aber nicht der Blutzuckerspiegel, der besonders erhöht ist).

 

Die Fakten in Kürze

Dass bei all dem Verwirrung entsteht, wundert nicht. Die Sachlage ist extrem komplex.

Außerdem steckt die Tücke im System: Den Apologeten der guten Kohlenhydrate, nämlich gewissen Ernährungsexperten, die Journalisten Informationen liefern, geht es darum, den Kohlenhydratanteil an der Ernährung möglichst hoch zu halten.

Wie die „Bösen“ auf den Stoffwechsel wirken, muss dabei möglichst verteufelt, die Rolle der angeblich guten Kohlenhydrate aber ordentlich geschönt werden.

Beides geht nur, wenn man etwas trickst. Die reinen Fakten geben das nämlich nicht her.

Deshalb arbeiten die Vollkornfreunde mit verzerrten physiologischen Erklärungen und werfen viele Nebelkerzen. Kein Wunder, dass Journalisten dabei aufs Glatteis geraten.

Tatsächlich verhält es sich, wie Quarkundso.de aus gut unterrichteten Kreisen erfahren hat, so:

Größere Mengen an Insulin werden nach den Hauptmahlzeiten freigesetzt, und nach stärke- oder zuckerreicher Nahrung. Dann macht es satt, zusammen mit anderen Faktoren. Wenn die Mahlzeit nahrhaft war, ist man auch länger satt. Allerdings macht viel Insulin auch Hunger, das gehört zu seiner Doppelgesichtigkeit.

Das Hormon wird ansonsten tagsüber in kleinen Mengen, in Minutenabständen pulsierend, ins Blut abgegeben und hat viele Aufgaben im Stoffwechsel. Das macht nicht satt, sorgt aber dafür, dass die Zellen Energienachschub und Baustoffe bekommen.

Was die WELT-Autorin auf die falsche Fährte lockt, ist die Tatsache, dass komplexe Zucker (Kohlenhydrate), übrigens auch Eiweiß und Fett, auf Stoffwechsel und Blutzucker teilweise anders wirken als einfache Kohlenhydrate – die „Bösen“.

Die „Guten“ kommen etwas langsamer ins Blut, erhöhen daher den Blutzucker langsamer und über eine längere Zeit. Dabei schonen sie aber keineswegs das Insulin. Denn ausnahmslos alle Kohlenhydrate werden mit Hilfe des Insulins verstoffwechselt und wirken stärker auf den Blutzucker ein als Eiweiß und Fett.

Die „Bösen“ strömen nur etwas schneller ins Blut, was Insulin in kürzerer Zeit anfordert, das stimmt schon. Aber ein gesunder Körper kann das bewältigen. Es darf nur nicht ständig geschehen.

Dagegen sind viele von den komplexen, „guten“ auch nicht ohne: Wer eine Menge davon isst, braucht auch viel Insulin. Ständig viel Insulin im Blut kann aber unter Umständen die Zellen abstumpfen, das ist die gefürchtete Insulinresistenz, eine Vorstufe des Diabetes.

Wer dann noch (von den vielen guten Kohlenhydraten) dick wird, kann sich auch ohne Weißmehl und Süßigkeiten Diabetes und eine Fettleber einhandeln.

 

Menschen reagieren sehr unterschiedlich auf die „guten“ Kohlenyhdrate

Noch dazu reagieren Menschen in ihrer Insulinantwort auf Kohlenhydrate sehr individuell. Bei den einen gibt es eine stärkere Insulinausschüttung als bei anderen, und zwar auch nach Vollkornbrot und komplexen Kohlenhydraten.

Manche Menschen reagieren zum Beispiel auf Sushi – aus Fisch und Reis – mit einer stärkeren Insulinausschüttung als auf süßes Speiseeis. Das haben Forscher des israelischen Weizmann-Instituts festgestellt.

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In einem neuen Test hat dasselbe Institut gerade auch den Vollkornmythos zerlegt: Vollkornbrot und konventionelles Toastbrot verändern Blutzucker, Insulin und weitere Werte erstmal nicht weiter – und beide nehmen sich nichts.

In dieser Studie aß die Hälfte der Probanden eine Woche lang konventionelles Weizentoast aus der Tüte, die andere Hälfte „gesundes“ Vollkornbrot aus Weizen. Beide Gruppen aßen danach eine Woche lang jeweils auch das andere Brot, um zu testen, wie sie auf die Brotsorten reagieren.

Ergebnis: Im Großen und Ganzen keine klinische Auswirkung auf Parameter wie Blutzucker, Insulin, Leber-, Nieren- und Cholesterinwerte.

Aber bei der Hälfte der Probanden ließ sich trotzdem messen, dass der Blutzuckerwert nach dem Essen von Vollkornbrot sogar noch stärker ansteigt als beim Toastbrot. Beim Industriebrot wiederum zeigte nur die Hälfte aller Probanden eine relativ hohe Auswirkung auf den Blutzuckerspiegel und die Insulinausschüttung.

Fazit der Forscher: Menschen reagieren sehr individuell auf die Kohlenhydrate im Brot, und keine dieser Reaktionen ist krankheitswertig. Grund für die Unterschiede ist übrigens die Zusammensetzung ihrer Darmflora. Anhand der Bakterienarten im Darm konnten die Forscher sogar vorhersagen, wer wie reagiert, ein spannender Befund.

Aber dass feines Weißbrot keineswegs den Stoffwechsel durcheinander bringt, ist schon längst bekannt. Der Volksmund weiß das bestens: Seit Jahrtausenden bevorzugen Menschen  ausgemahlenes Weizenmehl gegenüber groben, dunklen Mehlen.

Die Apologeten der „guten“ Kohlenhydrate verschweigen solche Forschungsergebnisse tunlichst. Dafür befeuern sie unentwegt den Mythos vom „ungesunden“ Weißbrot, das den Blutzuckerspiegel gefährlich Achterbahn fahren lässt, wogegen Vollkorn angeblich den ganzen Tag satt macht. Beides ist falsch.

 

Der Killer-O-Ton

So folgt auch die WELT-Autorin brav ihrem Ziel, das Image der „guten“ Kohlenhydrate zu stärken. Nach dem schwierigen Erklärungsteil geht sie zur Praxis über: Welche und wie viele von den guten Kohlenhydraten soll man nun essen? Wo sie doch so gesund sind.

Jetzt sind die Experten am Zug. Eine Ökotrophologin sagt das Gewünschte (immer schön die Guten), aber ein Ernährungswissenschaftler, Stefan Kabisch vom DiFE in Potsdam, gibt zu, dass Abnehmen mit dem Einsparen von Kohlenhydraten ebenso gelingt wie mit Fettsparen. Die wissenschaftlichen Daten sprechen hier übrigens sogar eher für größere Erfolge der Low-Carb-Diäten und nicht für die Fettspar-Varianten (was Kabisch nicht sagt).

Dann aber ist der berühmte Professor Hans Hauner vom Präsidium der DGE, Chef der Abteilung Ernährungsmedizin an der Exzellenz-Uni TU München, an der Reihe. Er soll den zentralen O-Ton geben, die Take-Home-Message.

Und er ist offensichtlich in der Zwickmühle.

Denn die Autorin will wohl hören, dass man viele „gute“ Kohlenhydrate essen soll, wegen der Gesundheit und weil das doch zur ausgewogenen Ernährung gehört. Aber den Gefallen kann Hauner ihr nicht tun – der Mann ist Wissenschaftler.

Anfangs windet sich der Mediziner geschickt um den Kern der Frage herum. Zuerst versucht er, mit den Ballaststoffen zu punkten: Zufällig enthalten Lebensmittel, in denen viele gute Kohlenhydrate stecken, auch viele von diesen wertvollen Ballaststoffen. Deshalb seien die guten Kohlenhydrate gut.

Laib Vollkornbrot, braun, bieder

Das gefürchtete Kommissbrot. Heute befördert zu guten, gesunden Kohlenhydraten.

Hm. Ja. Aber das ist nicht die Frage. Die Frage ist: Wie viele und welche von den Guten soll man essen?

Jetzt schweift Hauner zur Ökologie ab:

Es werde bei einem hohen Kohlenhydratanteil an der Nahrung nicht so viel Fleisch und Milch konsumiert. Das schone die Umwelt.

Und von Low-Carb-Diäten würde nur die Agrarindustrie profitieren.

Hm. Das war auch nicht die Frage.

Die Frage war: Wie viele Kohlenhydrate soll man denn nun essen, von den Guten, versteht sich, damit der Blutzucker und das Insulin im Lot bleiben?

Wie soll ich meine gesunde Ernährung mit den guten Kohlenhydraten zusammenstellen?

(Sapperlot, WELCHE guten Kohlenhydrate und WIE VIELE, verdammt nochmal, das werden Sie doch wohl noch sagen können? SIE sind doch der Experte! Und die Leser brauchen jetzt einen PRAXISTIPP! Also los, heraus mit der Sprache!*) (*fiktiver innerer Monolog der entnervten WELT-Journalistin)

Und da legt der renommierte Forscher die Karten auf den Tisch:

„Wir sind in der Ernährungsmedizin davon abgekommen Menschen vorzuschreiben, wovon sie wie viel essen sollen“.

Das sagt der Mann glatt. Dann schiebt er nach:

„Essen ist schließlich auch Ausdruck von Identität und Individualität. Jeder sollte verschiedene Lebensmittel und Rezepte ausprobieren“.

Man muss das mehrmals lesen und sich durch Kopf und Bauch gehen lassen: Professor Hans Hauner gibt keine Menge von „guten Kohlenhydraten“ an, die man täglich essen soll. Er sagt sogar, dass es keine Empfehlungen von Ärzten zu den Anteilen von „guten“ Kohlenhydraten im Essen gibt.

Im Klartext: Es gibt für Gesunde überhaupt keine Ess-Vorschriften mehr aus der Ernährungsmedizin.

 

Ende der Diskussion

Hauner hält sich damit im Gegensatz zu vielen anderen an den Stand der Forschung, und das ist ihm hoch anzurechnen: Aus medizinischer Sicht ist es egal, was Menschen essen, und in welchem Verhältnis. Es kann mehr oder weniger Fett sein, mehr oder weniger Fleisch, und viele oder wenige oder fast keine Kohlenhydrate.

Hauptsache, man bleibt dabei gesund, hält das Normalgewicht und trinkt nur mäßig Alkohol. Dann sind nach einhelliger Meinung die wesentlichen Klippen bei der Ernährung umschifft.

Und damit erledigt sich auch die ganze Ehrenrettung der angeblich so wichtigen „guten“ Kohlenhydrate. Das ganze Geschwurbel über den Stoffwechsel und die Tipps der beflissenen Ökotrophologin, die dann doch das letzte Wort hat, hätte die Redaktion streichen können.

Das Hauner-Zitat macht den Artikel eigentlich komplett überflüssig. Ende der Diskussion.

 

©Johanna Bayer

LINKS:

Der Artikel über Kohlenhydrate in der WELT vom 17.5.2017

Die SZ am 8.6.2017 über die Studie zu Toastbrot versus Vollkornbrot

Fasten mit der FAZ – der tägliche Ess-Wahnsinn

 

Gegen Essen sind wir machtlos – dieses Klischee dient einer FAZ-Autorin zur Konstruktion ihres Beitrags zum Thema Fasten. Dabei schreibt sie über Essen praxisfern und wie vom Reißbrett, während allerlei Schreckbilder aus dem Bereich essgestörter Verzichtsrituale auftauchen. Menschen, die sich mäßigen können, erscheinen dabei als sozial verdächtige Selbstkontrollmonster. Ist das so?

 

Papaya, Karotten, Gurken

Gemüsesticks und Obst für den Fastentag – und am Ende dreht man durch.

Die Fastenzeit ist vorbei, jeder kann wieder alles essen. Wobei die wenigsten aus Glaubensgründen verzichtet haben.

Nein, auch ganz ohne Religion ist es seit Jahren in, den Körper im Frühjahr durch Fasten zu „entlasten“, zu „entschlacken“, zu „entgiften“.

Nun sind religiöse Motive immer ehrenvoll, außerdem haben sich Verzicht und Mäßigung pädagogisch seit Jahrtausenden bewährt.

Warum tage- oder gar wochenlanges Hungern aber entgiften oder entlasten sollte, hat sich Quarkundso.de bisher noch nicht erschlossen.

Hier hingegen ist man primitiven Denkweisen verhaftet und glaubt an den Umkehrschluss: Entgiften und Entlasten durch Fasten, das würde ja bedeuten, dass Essen Gift ist und den Körper belastet, und dass man es folglich am besten ganz einstellt, so oft und so lange wie möglich.

Das ist natürlich Unsinn.

Damit hat sich das Thema Fasten erledigt, zumindest für Quarkundso.de.

Wer normalgewichtig ist und ein vernünftiges Essverhalten pflegt, braucht keine wochenlange Fastenkur. Sich zwischendurch ab und an zu mäßigen, etwa an bestimmten Tagen, ist wiederum selbstverständlich und erwachsenen, vernunftbegabten Menschen zumutbar.

Mehr ist dazu nicht zu sagen.

 

Was ist normal beim Essen?

Jetzt fragt sich natürlich: Wer ist schon normalgewichtig oder ernährt sich vernünftig? Was ist das überhaupt, gesundes Essverhalten? Und wie geht Maß halten?

Da liegt der Hund begraben: Es ist scheinbar sehr schwierig zu benennen, was normal ist.

Ist es normal, ständig zu naschen, dick zu werden, am Essen zu verzweifeln, weil das unsere Triebe so vorschreiben? Oder ist es normal, zur Essenszeit zu essen und sonst nicht, das Essen zu genießen, wenn es da ist und trotzdem sein Gewicht zu halten, indem man sich gelegentlich mäßigt?

Es gibt Experten, die ersteres als unausweichlich betrachten. Für sie sind Dauerfuttern, Entgleisungen, das Geschüttelt sein von Verlangen, Heißhunger und unkontrollierbare Fressattacken von der Natur vorgegeben.

Mäßigung und Struktur beim Essen halten sie dagegen für unmöglich. Sie sehen uns als Opfer unserer Essgelüste, fatal programmiert von der Evolution.

 

„Wir sind alle kleine Sünderlein“

Eine solche Expertin schreibt bei der FAZ. Sie ist Psychologin und hat auf dem hauseigenen Foodblog „Food Affair“, die ganze Misere diagnostiziert. Ihr Artikel handelt vom Fasten. Das stand zumindest als Thema drüber: „Fasten – Himmel oder Hölle?“

Der Text ist eine Parabel, die uns vor Augen führen soll, dass temporäres Verzichten unmöglich ist, dass wir den Untiefen beim Essen nicht entkommen können und grauenhaft scheitern müssen.

Irgendwie.

Geschildert wird das Ganze am – fiktiven – Tagesablauf eines Mannes, der fasten will oder soll, und dem das nicht gelingt, weil er im Büro dem Gruppendruck unterliegt.

Nun könnte Quarkundso.de es einerseits kurz machen: Der Text ist mau, das Sujet aufgesetzt, die Aussagen höchst fragwürdig und die Story unangenehm konstruiert.

Schon das alles überspannende Motiv ist ein einziges Klischee, als dramaturgisches Strickmuster. Es lautet: „Wir sind alle kleine Sünderlein“ – soll heißen: Gegen Essen sind wir machtlos. Ein Gemeinplatz, der in tausenden von Varianten auftaucht, auch neulich in der SZ. Da schrieb einer:

„Wer eine Tüte Chips öffnet, isst sie auch auf. Punkt. Wer etwas anderes sagt, flunkert oder hat sich so sehr unter Kontrolle, dass er auch Marathon läuft.“

Eine herrliche Denkschablone, und so universell verwendbar – sie passt auch für andere lässliche Sünden wie den Umgang mit Alkohol und Zigaretten, Pornos, Steuerhinterziehung und Ladendiebstahl: Wer einmal damit anfängt, hört nicht mehr auf, und wer sich zurückhalten kann, ist nicht normal, sondern ein sozial verdächtiges Selbstkontrollmonster.

Wir wissen alle: Es ist nicht so.

 

Eine Parabel von Verzicht, Verlangen und Fressanfällen

Das Maß in diesen Dingen ist nur eine Frage der persönlichen Werte und von ein wenig Disziplin. Dabei hat jeder Mensch jeden Tag die Wahl – vernünftiges Verhalten ist auch ohne Extreme machbar.

Andererseits ist das, was die FAZ-Psychologin in ihrer Geschichte schreibt, interessant, denn unfreiwillig offenbart sie interessante Details zu Durchschnittsdeutschland und seinem täglichen Ess-Wahnsinn.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Das ist kultursoziologisch wertvoll. Daher lohnt eine gründliche Behandlung auf Quarkundso.de.

Die vielen Fragen, die der Text aufwirft, müssen unterwegs aber laut gestellt werden. Aus heuristischen Gründen, zwecks Wahrheitsfindung, aber auch zur Rettung des gesunden Menschenverstandes.

Sonst verlieren wir, wie die Psychologin und ihr Protagonist, jeden Maßstab.

Achten wir daher auf die Stolpersteine, wenn wir Peter, dem kleinen Sünderlein, durch seinen Tag folgen.

Tag eines deutschen Durchschnittessers

Morgens, logisch, geht es los: Peter ist auf dem Weg ins Büro. Natürlich fährt er mit dem Auto zur Arbeit, nein, er „reist an“, wie es im schönsten Blähsprech heißt (Redaktion, bitte kommen!).

Peter hat Essen dabei:

„Auf dem Beifahrersitz lag eine lindgrüne runde Dose. Durch den milchigen Plastikdeckel ließen sich Farben erahnen, rot, gelb, orange, grün – Farben von Paprika, Karotten, Papaya, Gurke und Sellerie. In einer weiteren Dose, einer etwas kleineren Kopie der ersten, waren Mandeln und ein Stück Nusskuchen. Peters Frühstück.

Da ist schon der erste Stolperstein: diese Frühstücksdosen. Wieso hat Peter sein Frühstück im Auto dabei?

Warum frühstückt der Mann nicht zuhause? Man frühstückt doch, bevor man zur Arbeit geht, und nicht im Büro? Ist der zu faul, um rechtzeitig aufzustehen? Wirklich, das muss man sich bei dieser Exposition der Geschichte schon fragen: Beginnt für die Psychologin ein ganz normaler Tag mit im Büro mit dem Frühstück?

Stimmt aber schon auch. Nicht wenige Leute sparen auf diese Weise morgens Zeit. Schlaf gibt es ja nie genug, dafür ist das Fernsehprogramm abends zu spannend, die Bars sind zu lange auf, das Feierabendbier läuft zu gut rein, und mit quengelnden Kindern kann man sich auch gut rausreden, wenn man morgens schlecht organisiert ist.

Also beginnt das kleine Sünderlein den Arbeitstag mit einer ausgiebigen Pause. Wir kennen sie alle: Es sind die Kollegen, die morgens mit der Zeitung und der Brötchentüte unterm Arm ins Büro schlendern, sich erstmal einen Kaffee kochen („Meinen Kaffee brauch ich morgens“), und dann gemütlich frühstücken.

Eine Dreiviertelstunde später fahren sie den Computer hoch, nicht ohne dabei lautstark über Stress und zu viele E-Mails zu klagen. Sobald die Kiste läuft, brauchen sie unbedingt noch einen Kaffee. Mittags machen sie dafür länger Pause, weil sie „morgens nicht mal Zeit zum Frühstücken“ hatten.

 

Fastenkur mit Nusskuchen

Warum in Peters Dosen aber Rohkost, Mandeln und Nusskuchen stecken, erklärt uns die Psychologin gleich darauf:

„Er solle auf seine Gesundheit achten, meinte der Arzt. Weniger Zucker, Kaffee in Maßen, mehr Gemüse.“

Das ist der nächste Stolperstein: Diese seltsamen Ratschläge sollen von einem Arzt kommen?

Was soll der gesagt haben – „auf die Gesundheit achten“? Ging das nicht konkreter? Gemeinhin raten Ärzte zu Maßnahmen, die nachweislich helfen. Also zu weniger Alkohol. Oder klipp und klar zum Nichtrauchen. Oder zum Abnehmen, oder zum Stressabbau, wenn es schon gesünder zugehen soll. Da hat man valide Daten, dass das was bringt. Aber „weniger Zucker“ und „Kaffee in Maßen“? Noch nie gehört.

Obendrein ist allgemeines Achten auf die Gesundheit gar nicht das Thema des Beitrags. Das Thema ist Fasten, so steht es drüber: „Fasten – Himmel oder Hölle?“. Was hat nun der Rat des fantasierten Arztes, Kaffee in Maßen zu trinken, mit Fasten zu tun?

Nichts, man muss es sagen. Einfach gar nichts.

Auch der Nusskuchen in Peters Frühstücksdose irritiert in dem Zusammenhang schwer.

Was hat der da zu suchen, erstens zum Frühstück, zweitens, wenn es ums Fasten geht, drittens, wenn der Arzt gesagt hat, dass es weniger Zucker geben und Peter überhaupt auf seine Gesundheit achten soll? Was macht dann der Kuchen da?

Kuchen ist gemeinhin süß, und Peter wird sich wohl kaum ein zuckerfreies Low-Carb-High-Protein-and-Fat-Spezial-Nussbrot gebacken haben. So faul, wie der ist und so spät, wie der morgens aus dem Bett kommt.

Aus dem Inhalt der Dosen im Verhältnis zu den rätselhaften Ratschlägen des Arztes kann man nur messerscharf schließen: Peter ist essgestört. Deshalb versteht er unter „auf die Gesundheit achten“ das Futtern von Nusskuchen.

Seine Schöpferin, die FAZ-Psychologin, könnte ähnliche Probleme haben. Denn sie hat Peter den Nusskuchen in die Dose gepackt. Außerdem hat sie alles samt dem Rat des Arztes an den Haaren herbeigezogen.

Nusskuchen. Fasten. Nusskuchen. Ich komme nicht darüber weg.

 

Meeting mit Krapfen ist wie Arbeitstreffen mit Sekt

Aber wir müssen da durch. Denn in der Firma lauert die Versuchung:

„Zu seiner Überraschung waren sämtliche Kollegen schon eingetroffen. Jemand hatte vom Bahnhofsbäcker Berliner mitgebracht und spendierte eine Runde. Peter lehnte dankend ab, obschon er kurz zögerte. Aus den Berlinern quoll eine Cremefüllung. Er dachte an den Inhalt in seiner Vorratsdose. Wahrscheinlich wäre es einfacher, im Frankfurter Westend zu koksen, als in Mörfelden Karotten zu frühstücken.“

Gefüllte Berliner im Meeting am Morgen? Und die frühstücken da alle? Interessant. Noch dazu will die Erzählerin uns glauben machen, es sei peinlich, vor Werbe- oder IT-Fuzzis Rohkost zu knabbern.

Ehrlich, das ist unrealistisch. Ganz sicher wäre das Gegenteil der Fall: Die Hipster würden an Karotten nagen und sich gegenseitig überbieten mit über Nacht eingeweichten Wunderkörnern, die sie, ganz wie Peter, in bunten Dosen präsentieren.

Die Frage ist aber, warum da überhaupt gegessen wird – Meeting mit Krapfen, das ist wie eine Konferenz mit Sekt. Oder wie Frühstücken im Büro: ernsthafte Arbeit ist nicht intendiert.

Davon abgesehen sind Krümel, Geschmiere, klebrige Finger und Puderzucker auf Unterlagen Ausdruck mangelnden Stils und schlechter Manieren. Für unsere Psychologin natürlich nicht, was alleine schon tief blicken lässt. Aber sonst hätte sie die Szene nicht so selbstverständlich dargestellt – und nicht als so verführerisch für Peter geschildert.

Wobei es in Deutschland, dem Land der kleinen Sünderlein, leider nicht ganz ungewöhnlich ist, Schmalzgebäck in einer Sitzung zu servieren. Schließlich muss uns jemand den harten Arbeitsalltag versüßen, wenn wir uns schon aus dem Bett gequält haben.

 

Ohne Trösterchen geht es nicht

Der Süßterror wird auch gerne zum Test für den Corpsgeist. Wer nicht mitmacht, ist nicht teamfähig: „Och komm! Ich hab sie extra für euch mitgebracht! Jetzt nimm schon. Kannst auch zwei haben. Es ist genug da!“.

In jedem Büro gibt es diese Menschen, die Schalen voll mit krisselbunten Gelatinebrocken, überzuckerten Keksen und plumpen Brownies herumreichen und beleidigt sind, wenn man nichts davon mag.

Diese Infantilisierung des Arbeitstages ist so typisch deutsch wie kaum etwas sonst. In Frankreich, Italien oder England würde niemals jemand Fettballen, aus denen auch noch Marmelade aufs Hemd tropft, in eine Sitzung mitbringen.

Undenkbar. Ebenso wie Frühstücken im Büro, übrigens.

Bei uns kommt das vor, sogar häufig. Und deshalb übersteigt nicht nur das Durchschnittsgewicht der Deutschen das der meisten anderen Europäer, das Verzichten übersteigt auch Peters Kräfte:

Jansen von der IT-Abteilung verwickelte ihn in ein Gespräch. In seinem Bart klebte noch Zucker vom Berliner. Peter trat von einem Bein aufs andere. Seit sechzehn Stunden hatte er nichts mehr gegessen.

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Sechzehn Stunden nichts gegessen und dann schon am Rande des Kollapses? Da übertreibt die  Psychologin aber, das kann man ganz nüchtern feststellen: Für Erwachsene sind sechzehn Stunden ohne Essen gar nichts, wenn eine Nacht dazwischen liegt.

Denn der nächtliche Ruhestoffwechsel läuft bis in den Morgen, der Appetit ist von Hormonen gezügelt und sechzehn oder noch mehr Stunden über Nacht nichts zu essen ist ohne Probleme möglich. Millionen von Nicht-Frühstückern machen es jeden Tag vor.

Daran glaubt die Psychologin aber sichtlich nicht. Für sie wacht der Mensch morgens mit einem Schmacht auf, der sofort beseitigt werden muss.

 

Wer Hunger hat, will was Gescheites

Zum Beispiel mittels süßer Krapfen. Die auf nüchternen Morgen – Quarkundso.de wird bei der Vorstellung schon schlecht. Unsereiner könnte sich danach für den Rest des Meetings in den Sanitätsraum legen.

Aber hier, in dieser Geschichte, wird keinem schlecht. Hier sind alle samt Peter begeistert von dem Süßkram. Das ist kein Zufall, die Psychologin will das so: Die so menschlich Süßes essen, sind „normal“ und denen geht es gut. Wer „fastet“ und sich das Zuckerzeug verkneift, bekommt Probleme.

Das wird uns von allen Seiten unaufhörlich eingehämmert – Süßhunger ist natürlich, Süßpräferenz ist von der Evolution vorgesehen, Süßes hellt die Stimmung auf, fördert die Konzentration und gibt Energie, gerade morgens.

Es ist auch das Lieblingsmotiv der Lebensmittelindustrie, wenn sie für ihre Riegel wirbt. Unvergessen: „Knoppers, das Frühstückchen“, der Spot mit hemdsärmeligen Bauarbeitern, die statt in Wurstbrote in niedliche Nusswaffeln beißen. Dabei weiß jeder: Wenn Schwerarbeiter Hunger haben, muss was Gescheites her – Leberkäse, kalter Braten oder am besten gleich Schnitzel Pommes. Darunter geht nichts.

Die Vorstellung von einem angeblich evolutionären Vorrang des Süßen, weil das „schnelle Energie“ bringt, ist ohnehin nur ein Popanz. Der Mythos wird ständig runtergeleiert von interessierten Kreisen, die das Element der Konditionierung beim Essen nicht wahrhaben und dem Menschen die Fähigkeit zu vernünftigem Verhalten absprechen wollen.

Wer das nachbetet, ignoriert, dass Menschen sehr unterschiedlich essen und dass es viele gibt, die nichts Süßes mögen oder nur wenig davon vertragen. Er ignoriert auch, dass in den meisten Esskulturen der Welt süße Gerichte und Naschereien eine absolut nebensächliche Rolle spielen und nur selten oder auch gar nicht vorkommen.

 

Fatale Fressanfälle

Aber Peter steckt als deutscher Mustermann natürlich in der Zuckerfalle, außerdem hat er Angst vor Autoritäten. Fatal, dass der Doktor zu Gemüse geraten hat (und Peter daher Nusskuchen, aber keinen Krapfen essen darf). Trotz heimlich genaschter Mandeln ereilt ihn jetzt eine ausgewachsene Hungerattacke:

„Eine Viertelstunde und eine halbe Tasse Kaffee später meldete sich der Hunger zurück. Mit einem entschuldigenden Lächeln in die Runde verließ er den Raum (…) nahm die größere der beiden Dosen heraus, stopfte Papaya in sich hinein, dann ein paar Scheiben Gurke und hinterher noch ein Stück Karotte, das er kaute, während er sich im Bad die Hände wusch. Vorsorglich spülte er den Mund mit Leitungswasser aus und hielt dem Spiegel die entblößten Zähne entgegen.“

So lebensnah von der Psychologin entworfen – Heißhungeranfall nach 15 Minuten Meeting. Und dann nur Gemüse da, das man in sich hinein stopfen muss. Das ist hart.

Allerdings hat sich die Fachkraft wieder nur etwas ausgemalt, was möglichst drastisch klingen sollte. Und Abhilfe wäre möglich gewesen – denn es gab Kaffee im Konferenzraum. Das Koffein darin ist ein wirkungsvoller Appetitzügler, das ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Mit Kaffee und Tee ließ sich die unterernährte Arbeiterschaft bei Laune halten, wenn der Magen knurrte, ohne dass sie im Kopf benebelt wurde wie beim sättigenden Alkohol.

Hätte Peter also seinem gesunden Menschenverstand vertraut und eine ganze Tasse Kaffee getrunken, am besten noch mit Milch, hätte sich der Doktor nicht beschwert und Peter hätte die Sitzung mit Anstand bewältigt. Tee mit Milch wäre auch gegangen.

Da ist aber die Psychologin davor. Die will ihre Story durchbringen, also muss der Heißhungeranfall her.

 

Normal ist das nicht

Und schon eine halbe Stunde später folgt der nächste. Peter stiehlt sich unter einem Vorwand aus der Sitzung und versteckt sich auf den Parkplatz in seinen Wagen. Dort

„verdrückte er in Windeseile etwas Kuchen und ein paar Nüsse, biss noch einmal ein Stück Karotte, schob Paprika und Gurke hinterher, als ausgerechnet auf dem Parkplatz neben ihm ein verspäteter Kollege einfuhr. Er beugte sich nach unten, traute sich aber nicht, das rohe Gemüse kopfüber zu schlucken. Das Blut pochte in seinen Schläfen.“

Ach du lieber Himmel! Was ist das für eine Halluzination? Wahlloses Durcheinanderessen von Kuchen, Nüssen, rohem Gemüse, Obst in peinlicher Hast, dazu das Verschämte – man muss schon fragen: Was ist mit Peter los? Warum kann der Mann nicht bis zur Mittagspause warten?

Spätestens jetzt ist klar, dass unser Sünderlein ein Riesenproblem hat. So verhält sich kein vernünftiger Mensch. Im Klartext: Normal ist das nicht.

Wer will, kann das auch im Lehrbuch nachschlagen, bei „Unterzucker“, „Hypoglykämie“ oder „Heißhunger“. Nein, ein gesunder Mensch gerät nicht einfach in solche Zustände. Nur Leute, die ausgewachsene Essprobleme haben. Oder Insulin spritzen.

Dann aber kommt endlich die Mittagspause – der Fastenpatient bestellt nur Salat.

„Mittags einigten sich die Kollegen auf Pizzadienst. Der Bestellzettel wanderte reihum, er tat, als sei er in sein Smartphone vertieft und ließ den Zettel an sich vorüber gehen. Der Chef bestellte als Einziger Salat, mit der Begründung er sei abends zum Essen eingeladen. Peter nuschelte etwas wie „ich auch“, obwohl es gar nicht stimmte, und bestellte ebenfalls Salat. Die Pizzen waren groß und duftend, die Salate klein. Er verfolgte ein mit Sardellen belegtes Dreieck, bis es vollständig in Jansens Mund verschwand. Müde fischte er zwei Würfel Käse aus dem Salat.“

Wieder ein Stolperstein, in der Konsequenz diesmal tragisch, denn Peter kasteit sich völlig grundlos. Schließlich hatte der Doktor nur zu weniger Zucker und mehr Gemüse geraten. Was spricht dann gegen eine schön belegte Pizza zum Mittagessen? Oder gegen Spaghetti mit leckerer Fleischsauce plus Salat?

Nichts, wenn man mit gesundem Menschenverstand an die Sache rangeht.

 

Fasten am Limit: Der Protagonist dreht durch

Aber natürlich steckt wieder die Psychologin dahinter.

Sie will Peter aus dramaturgischen Gründen in eine möglichst große Klemme bringen, deshalb interpretiert sie die – sinnlosen – Ratschläge des Arztes absichtlich falsch. Leider macht sie damit ihre Hauptfigur zu einem astreinen Essgestörten, der Ratschläge nicht umsetzen kann, kein Maß und Ziel kennt und von einem Extrem ins andere fällt.

Und so kommt es am Ende zum Äußersten. Was geschieht, weist nicht nur auf Peters Krankheit hin, sondern ist auch typisch für Plots, die sich Psychologen ausdenken: Der Protagonist dreht durch.

„Er war wütend, abwechselnd auf sich selbst, dann auf Sybille. Kompromisse waren was für Paartherapeuten, er für seinen Teil hatte genug davon. Er wollte essen, kompromisslos. Heute Abend würde er zu Toni gehen und sich den Bauch voll schlagen, Pizza mit Sardellen und Vitello Tonnato oder ein saftiges Steak.“

Das war´s also mit Peters Fastenkur.

Tja. Ein richtig katastrophales Ende ist das aber nicht. Es gibt weiß Gott Schlimmeres als abends beim Italiener zu landen. Dabei sollte der Schluss wohl nur zeigen, dass Leute, die fasten oder Diät halten, zwangsläufig in die Völlerei abgleiten.

Quarkundso.de stellt das gnadenlos richtig: Zwei Gänge beim Italiener sind keine Völlerei. Alles unter drei Gängen ist Diät. Wir bestätigen das gerne allen Betroffenen schriftlich.

Das Ende der Geschichte ist daher so schwer zu deuten wie der Anfang. Nichts, was in der Story als normal oder unnormal präsentiert wird, haut hin. Hier schreibt jemand einfach vom Reißbrett, der mit Essen nichts am Hut hat.

©Johanna Bayer

Artikel „Fasten – Himmel oder Hölle?“ auf dem FAZ-Blog

Die SZ über Chipstüten und Portionsgrößen

Ach, und weil es zur Botschaft so schön passt, unvergesslich: Willy Millowitsch singt „Wir sind alle kleine Sünderlein“

Diät – endlich abnehmen, leichter schlank! Der STERN weiß, wie es geht. Von wegen.

 

 

 

Es ist Januar, die Diätratschläge sind da. Ich weiß nicht, ob das wirklich an den wenigen Feiertagen liegt, an denen es lecker was zu essen gibt. Oder an den paar guten Vorsätzen, zu denen sich Leute zu Neujahr verpflichtet fühlen. Manche zumindest.

Aber mit dem guten Essen ist es ja nicht so weit her, wenn man hört, was viele zu Weihnachten auf den Tisch stellen. Der Renner sind Würstchen mit Kartoffelsalat, danach kommen meist Fondue und Raclette, soll ja alles schnell gehen und keine Arbeit machen.

Also ist es doch höchst unplausibel, dass alle über die Feiertage enorm zunehmen und danach sofort Diät machen müssen, um wieder auf Normalgewicht zu kommen. Wenn die Plätzchen aufgefuttert sind, erledigt sich das doch von selbst.

Nein, die nackte Wahrheit sieht anders aus: Viele, laut Statistik sogar jeder Zweite, sind vorher schon zu dick. Über Weihnachten will sich natürlich keiner kasteien. Das ist nur zu verständlich. Aber danach soll alles anders werden.

Tja. Hier kommt die schlechte Nachricht: Nichts wird anders. So jedenfalls nicht.

 

Alle wissen es schon: Diäten funktionieren nicht

Es hat sich ja schon längst rumgesprochen, dass Diäten nicht funktionieren. Warum, weiß zwar auch keiner so genau. Aber fest steht, dass kaum jemand das, was man so gemeinhin unter „Diät“ versteht, durchhält.

Nach etwa einem Jahr Diät gleich welcher Couleur sind alle Abnehmwilligen wieder auf ihrem Ausgangsgewicht. Das haben die Langzeitstudien, die dazu schon gemacht wurden, übereinstimmend ergeben.

Wobei diese Studien zu Diätmethoden ein ganz eigenes Thema sind. Die meisten gehen nämlich über recht kurze Zeiträume, weniger als ein Jahr, meist nicht länger als ein paar Wochen, maximal drei Monate.

Das heißt, auch bei positivem Ausgang – ja! Die Teilnehmer haben toll abgenommen! – sagen die Studien nichts über den Erfolg des Programms im wirklichen Leben aus. Da muss man schon länger durchhalten.

Im Zweifelsfall lebenslang.

Dass die Studien kurz sind, hat natürlich Gründe, vor allem logistischer Art. Denn Menschen über längere Zeit zu überwachen, ihr Essen zu kontrollieren, sie zu wiegen und zu messen, Blut abzunehmen und die Daten zu erfassen ist gar nicht so einfach.

Das sieht man auch daran, dass in jeder Studie Teilnehmer noch während der Laufzeit aussteigen: „Tschuldigung, echt jetzt, Leute, ich schaff das nicht. Der Fraß, den ihr uns da vorsetzt, geht gar nicht. Ich bin raus.“ Oder so ähnlich.

Dropout-Rate, Ausfallrate, nennen das die Diät-Forscher. Die Ausfallrate bei Diät-Studien schwankt zwischen 10 und 80 Prozent. 80 Prozent! Das ist ein dicker Hund. Gut, bei kürzeren Studien bleiben die Leute eher bei der Stange, also bei Versuchen, die so über zwei bis vier Wochen gehen. Dauert die Studie aber länger, steigen immer mehr Leute aus.

Bei einem Verlauf von sechs Monaten sind es im Schnitt 50 Prozent. Das ist die Hälfte. Wieder so ein Klopper: Die Hälfte aller Teilnehmer hält noch nicht einmal unter kontrollierten Bedingungen den Versuch durch, ein paar Wochen oder Monate weniger zu essen.

 

Abnehmen ist ein dickes Ding

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. So schwer ist das mit dem Abnehmen also, wenn man diese Ausfallrate der Studien als Beweis heranzieht? Allerdings ist es das – wobei dieser Schluss auch einen kleinen Haken hat: In der Regel nehmen an Diät-Studien keine gesunden oder gar schlanken Menschen teil.

Warum auch. Noch nicht einmal moderat Moppelige sind da drin. Also Leute, die ein paar Kilos loswerden wollen, bevor die Bikini-Saison beginnt. Oder bei denen nach Weihnachten oder dem Urlaub die Lieblingsjeans zwickt. Bei denen geht es um zwei bis fünf Kilo. Höchstens.

Nur sind die Probanden in Diätstudien in aller Regel keine Leute mit einem kleinen Figurproblem. Und die Betonung liegt hier auf „klein“.

 

Keine urbanen Selbstoptimierer

In Diät-Studien landen nämlich viele Leute mit einem riesengroßen Figurproblem. Kranke. Leute in Kliniken, wie dicke Diabetiker, oder Adipöse mit 15 bis 30 Kilo Übergewicht, was etwa BMI 30 entspricht. Das ist die gefährliche Grenze, ab der sich das Risiko für übergewichtsbedinge Krankheiten massiv erhöht.

Oder es sind gleich Schweradipöse, die 120 bis 150 Kilo und mehr Lebendgewicht auf die Waage bringen. Und das schon so lange, dass sie mit ernsthaften Folgeschäden rechnen müssen, oder diese schon haben.

Das sind keine urbanen Selbstoptimierer, die mit einem Sixpack liebäugeln.

Kranke Menschen haben viele Probleme. Und dass sie sich schwer damit tun, eine Diät und strenge Regeln durchzuhalten, bei denen sie schlimmstenfalls völlig anders essen müssen als gewohnt oder hungern, leuchtet einigermaßen ein.

Auch, dass sie vielleicht nie richtig schlank werden, weil ihr schon jahrelang gestörter Stoffwechsel das nicht mehr zulässt, ist verständlich. Und dass es fast übermenschlich ist, von heute auf morgen ein festgefahrenes Ernährungsmuster zu ändern, weiß jeder.

 

Die bittere Wahrheit

Was aber wirklich Sache ist, wird selten ausgesprochen. Manchmal flüstert sie einer vor Fachpublikum hinter verschlossenen Türen, wie 2012 Professor Hans Hauner, prominenter Ernährungsmediziner von der TU München, damals Chef der Deutschen Adipositasgesellschaft:

„Adipositas ist nicht heilbar“.

Zumindest nicht nach dem heutigen Stand der Forschung. Das ist eine echt bittere Pille. Bitter ist auch, dass man nicht sicher weiß, was dieses chronische Übergewicht verursacht. Die Gene sind es keinesfalls alleine und noch nicht einmal überwiegend.

Die Anfänge werden schon in der Schwangerschaft der Mutter vermutet, auch bei der Babyernährung und im Kleinkindalter. Fehlprogrammierter Stoffwechsel, zu wenig Bewegung, schlechte Gewohnheiten, möglicherweise kommt da viel schon in der Jugend zusammen. Wie viele Faktoren es sind und wie man sie günstig beeinflussen kann, daran rätseln Mediziner weltweit herum.

Gleichzeitig müssen sie die Folgen des grassierenden Übergewichts lindern und sich irgendwas zur Prävention ausdenken, wobei sie weitgehend im Nebel stochern. Kein leichter Job.

 

Menschen wollen träumen

Immerhin können wir froh sein, wenn nicht noch mehr Leute dick werden und die ohnehin schon Dicken extrem zulegen. Das wären amerikanische Zustände, und da sind wir zum Glück nicht.

Noch nicht.

Aber damit kann man sich natürlich nicht zufrieden geben. Man muss es wenigstens versuchen. Schon der Gesundheit wegen, aber auch wegen der Jugend, der öffentlichen Finanzen und überhaupt.

Außerdem darf man Menschen ihre Träume nicht rauben.

Also gibt es doch jeden Januar und jeden Mai die ultimativen Diät-Tipps. Jetzt wieder von allen, und auch vom STERN am 7. Januar 2016, mit dem üblichen Nackedei auf dem Titel. Das Versprechen auf dem Cover:

„Leichter schlank. So nehmen Sie erfolgreich ab: mehr Lebensfreude, weniger Verzicht. Was Forscher empfehlen.“

Wer jetzt misstrauisch wird, liegt richtig. Wir wissen ja schon, dass Diäten nicht funktionieren und starkes Übergewicht noch immer als unheilbar gilt.

 

Diskretes Schweigen bei wichtigen Daten

Tatsächlich macht der STERN auf dem Titel frech ein Versprechen, dass er gar nicht erst einzulösen vorhat. Denn im Artikel schafft es Autorin Nicole Heißmann virtuos, die Totalkapitulation der Übergewichtsforscher vor der unheilbaren Krankheit Adipositas als neues, entspanntes Abnehmkonzept zu verkaufen.

Der wesentliche Punkt wird raffiniert verschleiert: Ums Schlankwerden geht es gar nicht. Niemand wird hier schlank, auch nicht von neuen Konzepten.

Den Beweis liefert die ausgefeilte Erfolgsstory der Hauptprotagonistin: Eine Frau, die zuvor 150 Kilo wog, hat 66 Kilo abgenommen. Rein zahlenmäßig und auch für ihre Gesundheit bedeutet das natürlich enorm viel. Aber schlank ist sie nicht.

Damit das keiner so schnell merkt, steht nirgendwo im Text die Zahl, die für das Ergebnis interessant ist: Was wiegt sie heute? Das muss man sich als Leser fix selbst ausrechnen, die Redaktion verschweigt es diskret.

84 Kilo sind also noch da. Das ist natürlich ins Verhältnis zur Körpergröße zu setzen. Eine Frau von 1,80 wäre mit 84 Kilo fast normalgewichtig. Nur schweigt auch hier die Autorin. Da wird man schon etwas unwillig, denn die Körpergröße ist in diesem Zusammenhang wichtig.

Nicht um einen Erfolg kleinzureden und Menschen abzuurteilen. Sondern um die Fakten ehrlich darzustellen.

Sonst gaukelt man tausenden von unglücklichen Übergewichtigen vor, dass sie von 150 Kilo mir nichts, dir nichts auf Normalgewicht kommen oder gar gertenschlank werden können, und das mit „mehr Lebensfreude, weniger Verzicht“.

Denn 84 Kilo sind eine Menge. Ist die Frau 1,65 groß, was dem deutschen Durchschnitt entspricht, hat sie immer noch rund 25 Kilo Übergewicht und einen BMI von 31. Sie wäre damit adipös. Stark übergewichtig. Nicht schlank, wie man uns versprochen hat.

Wobei – den BMI erfahren wir im Text gar nicht erst. Auch den verschweigt die Autorin. Falls die Frau etwas kleiner ist als 1,65, hätte sie sicher gefährliches Übergewicht um BMI 30. Aber selbst wenn sie 1,70 groß wäre, hätte sie mit 84 Kilo immer noch einen BMI von 29,1. Immer noch an der Grenze zur Adipositas. Zu dick.

 

Die Abteilung Grafik hat ganze Arbeit geleistet

Auf den Bildern erkennt man das aber nicht. Da ist sie entweder alleine oder mit einem Mann zusammen, der optisch kleiner wirkt, zum Beispiel, weil er im Hintergrund steht. Die Daten des Mannes, dessen Geschichte auch erzählt wird, stehen mit einer Angabe mehr im Text, er ist 1,78 groß und wiegt 102 Kilo. Von 115 Kilo runtergekommen. Er hat also immer noch BMI 32, mit über 20 Kilo Übergewicht.

Damit liegt auch er in der Kategorie „adipös“, oder, wie die Autorin sich nicht scheut zu sagen, „fettleibig“. In demselben Atemzug wischt sie allerdings schnell die Gewichtsklassifizierung über den BMI und überhaupt „solche Kategorien“ als „beschränkt“ vom Tisch.

Beschränkt, nun ja. Bis heute gibt es keine Kategorie, die besser geeignet ist als der BMI, um eine erste Einschätzung zu Gewicht und Körperfett zu geben. Wohl nur eine erste Einschätzung, aber eine guter Anhaltspunkt. Das kann man nicht ernsthaft leugnen, auch nicht, wenn man es gut meint und Menschen unbedingt Hoffnung machen will.

Aber egal – auf dem Bild, auf dem beide Protagonisten zusammen an einem Tisch sitzen, sind sie jedenfalls gleich groß und gleich vollschlank. Das wirkt unplausibel. Da es sich um eine Kombination von Zeichnung und Foto handelt, lässt sich nicht genau ermessen, ob die beiden wirklich an einem Tisch gesessen haben. Photoshop lässt grüßen.

 

Hauptsache, das Storytelling stimmt!

Irgendwie bleibt ein mulmiges Gefühl bei dem ganzen Ding.  Fünfmal die Woche, liest man am Ende, geht die Kronzeugin der Geschichte  ins Fitness-Studio. Ach so, das ist „leichter schlank“?

Auch wird nirgendwo gesagt, wie lange die beiden Betroffenen gebraucht haben, um abzunehmen. Wie lange hat es gedauert, die 66 Kilo zu verlieren? Jahre, davon kann man ausgehen. Mindestens fünf, nicht darunter. Das ist eine lange Zeit.

Wie lange hat der korpulente junge Mann gebraucht, um  von BMI 36 auf BMI 32 zu kommen? 13 Kilo hat er abgenommen. Zuvor kann man dem Text entnehmen, dass der nur mittelgroße Schauspieler noch mit 105 Kilo Gewicht weder sich selbst noch seiner Mutter als übergewichtig vorkam. Erst bei 115 Kilo fragte sie nach. Dann kam auch er drauf.

Egal – das Storytelling ist straff aufs Ergebnis hin frisiert: Weg mit allen Fakten, die von der Suggestion der neuen Leichtigkeit ablenken könnten. Eliminieren, was den Service-Charakter stört.

So entstehen zwei tröstliche Erfolgsgeschichten, nette Zeichnungen, und versöhnliche Botschaften: Ihr könnt nichts dafür, aber ihr könnt es schaffen, irgendwann und irgendwie, Hauptsache, ihr fangt mal an.

 

Faktisch: Schadensbegrenzung

Worum es aber wirklich geht in dem Artikel, ist in allen Punkten ein Abweichen auch nur von der Vorstellung stark Übergewichtiger, schlank zu werden.

Es geht letztlich um Schadensbegrenzung bei Adipositas. Um das Verhüten von Schlimmerem, also weiterer Gewichtszunahme und Folgeschäden. Ein möglicherweise zumindest pragmatischer, gangbarer Weg.

Und im Übrigen überhaupt nicht neu. Allerdings auch alles andere als ein Königsweg zur Figur des drahtigen Nacktmodels auf dem Titel.

Was bei der Schadensbegrenzung helfen könnte, führen diverse Forscher im Artikel aus: Muskeltraining, allgemein Bewegung, besserer Umgang mit Stress, Umstellungen in der Ernährung, die auf Dauer durchgehalten werden können. Keine Rosskuren, keine unrealistischen Erwartungen. Ganz kleine Schritte.

Auch der wesentliche Faktor Willenskraft kommt zur Sprache. Er lässt sich trainieren, ein Psychologe tritt sehr ein für das Einüben von gesunden Lebenseinstellungen und neuen, guten Gewohnheiten in Etappen. Das ist vielleicht der interessanteste Punkt an dem ganzen Dossier.

 

Dick bleibt dick. Man kann aber gesünder leben

Nur das große Abnehmen für stark Übergewichtige – das haben die Forscher abgeschrieben.

Professor Joachim Hebebrand, Interviewpartner im Artikel, hat selbst 5000 Abnehmprogramme für Kinder und Jugendliche ausgewertet – mit enttäuschendem Ergebnis: Nach zwei Jahren waren alle Kinder immer noch dick. Das sähe bei Erwachsenen leider ähnlich aus, seufzt der arme Arzt im Interview.

„Unter Umständen“ könne man etwas abnehmen, formuliert es Hebebrand vorsichtig. Aber im Grunde kommt es ihm darauf an, dass seine Patienten, wenn sie schon nicht abnehmen, wenigstens etwas für ihre Gesundheit tun.

Mehr Bewegung, einen Anfang machen mit Spaziergängen und Tanzen, vielleicht sich einen Hund zulegen, damit man öfter vor die Tür kommt. Muskelaufbau ist wichtig, für alle und gerade für Übergewichtige.

Aber leichter schlank? Von wegen.

 

©Johanna Bayer

Der STERN-Artikel ist noch nicht online, die aktuelle Ausgabe gibt es am Kiosk. Aber dafür gibt es ausnahmsweise  einen Servicelink: den BMI-Rechner von der Apotheken-Umschau. Aus gg. Anlass! 🙂

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Und noch ein Anlass: Bei der Wahl zum Wissenschaftsblog des Jahres 2015 gab es für Quarkundso.de den Sonderpreis der Redaktion! Hier geht es zum Bericht. Quarkundso.de ist außerdem nominiert zum Foodblog des Jahres 2015 bei den Goldenen Bloggern! Bitte Daumen drücken – am 25.1.2016 entscheidet die Jury in Berlin.goldener-blogger-klein-gif-1