Leben mit Corona: Das Virus als Prozess und worauf es jetzt ankommt.

Die Botschaft der letzten Tage ist: Das Virus bleibt. Es ist weiterhin hoch ansteckend, wird schon beim Sprechen übertragen und selbst wenn man nicht auf die Intensivstation kommt, kann die Infektion Schäden hinterlassen. Zu verstehen, wie Viren funktionieren, und sich ihnen anzupassen, kann jetzt helfen – ein Ausblick von Quarkundso.de

Beitrag vom 22.4.2020

Mehr zu den aktuellen Corona-Artikeln siehe unten, Quarkundso.de schreibt in der Krise nicht nur zu Ernährungsthemen

Coronaviren / Bild: Wikipedia Commons

Der Corona-Krisenstab von Quarkundso.de ist ununterbrochen im Einsatz.

Denn pünktlich zur Diskussion um die Lockerung von Kontaktverbot und Ladenschließungen rückt neben den Toten, die oft alt und schwach waren, anderes in den Blick. Es sind die Folgen für Überlebende: Ärzte melden, dass Corona-Infektionen bleibende Schäden hinterlassen können.

Über die Sache mit den Folgeschäden hatte Quarkundso.de schon am 15.4. berichtet, als es darum ging, wer ein erhöhtes Risiko hat: Es sind möglicherweise 30 Prozent der Deutschen, über 24 Millionen Menschen.

Am 17.4. brachte DER SPIEGEL die Nachricht, dass in Schleswig-Holstein eine Biodatenbank zu den Folgeschäden an Lunge, Herz und Blutgefäßen entsteht. Das Blatt zitiert den Leiter der Gruppe, Joachim Thiery, so:

Thiery: Wir wissen, dass Covid-19 eine Systemerkrankung ist; es mehren sich Berichte beispielsweise zu neurologischen Störungen und Schädigungen des Herzens. Über die Ursachen und die Bekämpfung dieser Folgeschäden wissen wir praktisch noch nichts.

SPIEGEL: Heißt das, wenn ich Jahre nach einer Corona-Infektion einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleide, könnte das Virus dahinterstecken?

Thiery: Das ist zu befürchten. Die überschießende Entzündung verursacht bei manchen Covid-19 Patienten schwere Schädigungen der inneren Aderhaut, die Mikrogerinnsel auslösen könnten, auch Blutdruckregulation und Leber sind betroffen

Auch Sportärzte in Innsbruck schlugen Alarm. Sie hatten an den Lungen von Hobbytauchern nach überstandener Corona-Infektion pathologische Veränderungen beobachtet.
Diese Patienten müssen sich jetzt einen anderen Zeitvertreib suchen: Ihre Lungen sind nach der Infektion so geschädigt, dass sie die Druckwechsel unter Wasser nicht mehr aushalten.

 

Mit dem Virus oder an dem Virus?

Die Lunge leidet möglicherweise auf Dauer an der Infektion / Bild: oracast

Vielleicht hat sich damit die optimistische Sicht von Professor Püschel, dem unerschrockenen Rechtsmediziner aus Hamburg – wir berichteten – erledigt.

Püschel erklärt seit Anfang April in Zeitungen und Talkshows, dass die Corona-Toten, die er obduzierte, alle schwere Vorerkrankungen hatten, vor allem Diabetes, Herzkrankheiten und andere. Sie starben daher nicht an dem Virus, wie er betont, sondern mit dem Virus. Und sie hätten es sowieso nicht mehr lange gemacht.

Zur ethischen Seite dieser Einstellung haben wir uns schon geäußert. Inzwischen haben aber andere Pathologen Corona-Fälle unter dem Messer gehabt.

Auch ihre Toten hatten Vorschäden am Herzen, den Gefäßen, den Nieren, waren fettleibig oder litten an Diabetes. Die typische Lungenentzündung fehlte, trotzdem stimmte etwas nicht: Das Blut der Toten enthielt zu wenig Sauerstoff, und zwar massiv zu wenig.

Die Süddeutsche Zeitung zitiert einen Pathologen aus Basel so:

„Die wenigsten Patienten hatten eine Lungenentzündung“, sagt er, „sondern das, was wir unter dem Mikroskop gesehen haben, war eine schwere Störung der Mikrozirkulation der Lunge.“ Das bedeute, dass der Sauerstoffaustausch nicht mehr funktioniere, und erkläre die Schwierigkeiten bei der Beatmung von Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen: „Man kann dem Patienten so viel Sauerstoff geben, wie man will, der wird dann einfach nicht mehr weiter transportiert.“

Entzündung und Organversagen

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Laut den Basler Experten geht auch der Herzinfarkt, der viele Corona-Tote ereilt hat und den der Hamburger Kollege dem Virus nicht zurechnet, auf die Covid-Infektion zurück. Dabei tragen Vorerkrankungen natürlich dazu bei, dass der Körper besonders anfällig ist.

Aus Zürich kommt jetzt noch eine Studie. Sie zeigt, dass Entzündungen in den Blutgefäßen und in Organen zu einem Multiorganversagen von Herz, Leber, Darm und Nieren bei Corona-Patienten führen kann – mit, aber auch ohne typische Lungenentzündung.

„Mit dem Virus sterben“ gewinnt hier ein besonderes Geschmäckle, Entwarnungen und das Pochen auf Lockern der Vorsichtsmaßnamen – die „Öffnungsdiskussionsorgien“ – auch.

Es lohnt sich, den Artikel der SZ und den Bericht im Ärzteblatt zur Züricher Studie zu lesen, sie sind unten verlinkt – auch deshalb, weil Herr Püschel auf die Fragen der Journalisten nicht antworten wollte.

 

Es bleibt dabei: Corona ist gefährlich

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Wie auch immer, so richtig überraschend kommt die Sache mit den unerwarteten Folgen nicht, auch das erwähnten wir schon im Beitrag vom 15.4.

Einer, der schon seit Wochen davor warnt, ist der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Dem studierten Harvard-Epidemiologen, bisher oft als schrullig belächelt, kann jetzt niemand mehr die Expertise absprechen: Er ist einer der wenigen Politiker, die wirklich mitreden können

Dabei macht er eine gute Figur: Er kann die Regeln und Maßnahmen gut begründen, dabei hat er keine Angst vor offenen Worten. Auch er plädiert er für eine allgemeine Maskenpflicht, weil die Coronaviren so ansteckend sind.

Seit Mitte April ist nämlich eines klar geworden: Die Viren und ihre aktiven Bestandteile können schon beim normalen Sprechen übertragen werden, nicht nur beim explosiven Niesen oder Husten. Wenn Infizierte nur sprechen und atmen, schweben Virenl in der Luft – sie halten sich dort über Stunden.

Schon ein normales Gespräch von 15 Minuten genügt, wie englische Forscher gezeigt haben. Übrigens halten sich die Viren auch erstaunlich hartnäckig auf Oberflächen aus Plastik oder Metall, bis zu drei Tagen.

Dringen sie in den Körper ein, können sie sich schon im Rachen vermehren. Danach beginnt ihre gefährliche Wanderung hinab in die Lunge, die sie gerne besiedeln, weil im empfindlichen Lungengewebe viele Rezeptoren sitzen, an sie andocken können.

 

Was nicht geht: Keuchen und Schwitzen mit anderen

Frau links, Mann rechts dicht an dicht in Tanzhaltung, Köpfe aneinandergelehnt

Tango mit Corona: das perfekte Paar / Bild: fsHH

Damit sollte klar sein, was man für die nächsten Monate, vielleicht bis ins nächste Jahr hinein vermeiden muss, bis es einen Impfstoff gibt: tiefes Einatmen dicht neben anderen.

Beim Sport zum Beispiel. Und beim Feiern.

Karneval, Apres-Ski und Großveranstaltungen haben sich schon als die wahren Virenschleudern entpuppt, ob in Ischgl, in Tirschenreuth beim Bockbier oder auf der Kappensitzung von Gangelt.

Bis auf weiteres fallen also – vor allem für Risikogruppen – aus: Singen, Chorproben, gemütvolles Grölen und Schunkeln auf dem Oktoberfest, das gemeinsame Keuchen und Schwitzen an Kraftmaschinen, Gymnastik im Übungsraum, Fußballspielen mit Körpereinsatz, Tangotanzen, Judo, Karate; alles, bei dem Menschen dicht an dicht den Atem anderer inhalieren.

Dazu gehören auch enge Kneipen, Bars und Clubs ebenso wie Rock- und Pop-Konzerte im Freien: Wacken ist abgesagt, und das Oktoberfest in München. Letzteres wäre erst im September gewesen, wäre dann nicht alles schon wieder vorbei?

Nein. Gerade an der frühen Entscheidung in München sieht man, wie ernst die Lage ist. Wahrscheinlich fällt daher der nächste Fasching, der von 2021, ebenfalls aus. Denn bis dahin gibt es wohl noch keinen Impfstoff. Und genau den braucht die Welt, um die berühmte Herdenimmunität herbeizuführen.

Auch der von den Deutschen heißersehnte Sommerurlaub steht auf dem Spiel, warnte der unbestechliche Karl Lauterbach am 22. April: Reisen im Sommer kann wahrscheinlich ganz Europa vergessen.

Vieles andere geht aber, Arbeiten in Büros und Fabriken mit Abstand und Masken, Volkshochschulkurse und Weiterbildungen, Bahnfahren und Einkaufen mit Hygieneregeln, Spazierengehen, Joggen und Radfahren, dazu Einzelsportarten im Freien, bei denen man viel Platz hat: Tennis, Kanufahren, Standup-Paddeln, Golf, vielleicht sogar Schwimmen im Badesee.

 

Viren funktionieren wie Unkraut

Hände, nah, mit Gartenhandschuhen, halten Unkraut - grüne Kräuter - ins Bild

Unkraut im Garten: Das hört nie auf. / Bild: photoAC

Dass die eingesperrten Bürger gegen die Einschränkungen rebellieren und volle Freiheit, ihr früheres Leben, Perspektiven wollen, ist angesichts der Lage durchaus nachvollziehbar.

Theoretisch. Praktisch nicht.

Denn es gibt nur eine Perspektive: Dieses Virus wird nicht verschwinden. Vielleicht nie.

Die Vorstellung, dass nach wenigen Wochen Quarantäne und Absperrung die Corona-Pandemie verschwindet, ist falsch.

Sie gehört zu einem Denkmuster, das vielleicht Ingenieure oder Chirurgen haben, die von genau identifizierbaren Problemen ausgehen.

Die müssen sie nur finden, diese eine, einzige Ursache des Übels: Ein Furunkel schneidet man auf, ein Loch dichtet man ab, ein zu schwacher Stützbalken wird verstärkt, einen entzündeten Blinddarm nimmt man heraus. Damit ist die Ursache des Übels beseitigt und das Problem ein für alle Mal gelöst.

Aber so funktionieren Viren nicht.

Viren funktionieren wie Unkraut. Oder wie Schnecken im Beet: Sie sind einfach da. Und sie kommen immer wieder, verteilen sich, wandern, kommen von allen Seiten. Wenn man nicht jedes Jahr systematisch und regelmäßig arbeitet, wenn man nicht versteht, wo und wann sie sich ansiedeln, breiten sie sich wieder aus.

Auch sind sie immer da, viele von ihnen, wohl sogar die meisten, sind gar nicht schädlich, sondern dienen nützlichen Symbiosen im Körper, ein Prinzip der Evolution.

 

Das Virus als Prozess

Der Biologe Emanuel Wyler vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin schlägt daher vor, sich das Corona-Virus nicht als einen Zustand oder ein Ding vorzustellen, das man auslöschen oder bekämpfen kann.

Sondern eher als Prozess, der stetig anhält.

Er gehört zur Umgebung, er strömt wie ein Fluss. Und je mehr man ihn versteht, desto besser kann man mit ihm leben. Diese Idee stammt von zwei Naturphilosophen, John Dupré und Stephan Guttinger, die sie 2016 veröffentlicht haben.

Ihre Sicht auf Viren als biochemische Prozesse der Umwelt könnte es einfacher machen, mit der Epidemie zurechtzukommen.

Denn Viren, das ist die Botschaft, gehen nie wieder weg.

Selbst die „größte Errungenschaft der Medizingeschichte“, wie ein Forscher über die Ausrottung der Pocken durch weltweites Impfen schrieb, ist inzwischen nicht mehr sicher.

Da seit 30 Jahren nicht mehr geimpft wird, sind die Menschen wieder anfällig für Affen- und Kuhpockenviren. Diese verbreiten sich in Afrika, aber auch in Europa. Hier werden sie zum Beispiel von den bei manchen Städtern beliebten Ratten übertragen, die sich die Nager als Schmusetiere halten.

Ein neues Pockenvirus rafft auch das niedliche Rote Eichhörnchen dahin, das in ganz Europa und in Kanada seit Jahren immer mehr verschwindet.

 

Pocken in Berlin

Der neue Erreger wurde schon akribisch untersucht, und bevor jemand glaubt, Kanada sei weit weg: Das Virus heißt nach seinem Entdeckungsort „Berlin Squirrel Poxvirus“, denn es grassierte 2015 unter Eichhörnchen in Berliner Stadtparks.

Wenn von diesen Pockenviren ein Stamm mutiert, sind die guten alten Blattern aus dem Mittelalter wieder da – und zwar ohne dass gleich ein Impfstoff oder ein Medikament verfügbar wäre. AIDS, Ebola und SARS haben die Welt in dieser Hinsicht schon das Fürchten gelehrt.

Das Corona-Virus hat dasselbe Wandel- und Prozess-Potenzial: Es könnte mutieren wie die Grippeviren, so dass jedes Jahr ein neuer Impfstoff gebaut werden muss, es kann sich dabei bösartig verändern, es kann, wie viele Viren, Krebs und Autoimmunkrankheiten verursachen.

Viren als Auslöser von Leberkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Haut- und Darmkrebs oder Leukämie sind schon bekannt.

 

Hygieneregeln halten und Hände waschen

Was das Corona-Virus wirklich macht, wissen wir aber erst in fünf oder 10 Jahren.

Unter anderem könnte es sein, wagt Quarkundso.de zu spekulieren, dass ein Anstieg von Allergien und Autoimmunkrankheiten in den nächsten Jahren zu verzeichnen ist, zum Beispiel bei Kindern. Die merken jetzt oft nichts von der Corona-Infektion, haben dafür aber vielleicht mit 13 Jahren Neurodermitis, Diabetes Typ 1, kreisrunden Haarausfall oder Asthma.

Das alles ist nicht so schlimm wie Sterben. Auch kommt man damit nicht gleich auf die Intensivstation.

Die Folgen reichen aber, um sich zusammenzureißen und die Infektion so gut wie möglich zu vermeiden, bis ein sicherer Impfstoff da ist. Oder genügend Tests.

Das wird noch eine Weile dauern, während Wirtschaft und Politik ungeheuer viel tun müssen, um die Folgen abzufedern. Bis dahin tun alle, wirklich alle, gut daran, sich nicht anzustecken. Die Regeln sind bekannt: die Husten-Hygiene einhalten, Menschenmengen meiden, in Läden oder in der Bahn eine Maske tragen. Und immer schön die Hände waschen.

Eigentlich ist es einfach.

@Johanna Bayer

+++Hinweis der Redaktion+++Während der Corona-Krise unterbricht Quarkundso.de das Nörgeln zu Ernährungsthemen und nörgelt direkt zu Corona-Unfug+++

Der Dekan der Universität Kiel, Joachim Thiery, über die Corona-Datenbank, Interview in DER SPIEGEL

Der SZ-Artikel zu Obduktionen und dem Bericht von Professor Püschel. Er wollte nicht weiter kommentieren.

Das Ärzteblatt zur Züricher Studie: Entzündungen und Multiorganversagen

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