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Leben mit Corona: Das Virus als Prozess und worauf es jetzt ankommt.

Die Botschaft der letzten Tage ist: Das Virus bleibt. Es ist weiterhin hoch ansteckend, wird schon beim Sprechen übertragen und selbst wenn man nicht auf die Intensivstation kommt, kann die Infektion Schäden hinterlassen. Zu verstehen, wie Viren funktionieren, und sich ihnen anzupassen, kann jetzt helfen – ein Ausblick von Quarkundso.de

Beitrag vom 22.4.2020

Mehr zu den aktuellen Corona-Artikeln siehe unten, Quarkundso.de schreibt in der Krise nicht nur zu Ernährungsthemen

Coronaviren / Bild: Wikipedia Commons

Der Corona-Krisenstab von Quarkundso.de ist ununterbrochen im Einsatz.

Denn pünktlich zur Diskussion um die Lockerung von Kontaktverbot und Ladenschließungen rückt neben den Toten, die oft alt und schwach waren, anderes in den Blick. Es sind die Folgen für Überlebende: Ärzte melden, dass Corona-Infektionen bleibende Schäden hinterlassen können.

Über die Sache mit den Folgeschäden hatte Quarkundso.de schon am 15.4. berichtet, als es darum ging, wer ein erhöhtes Risiko hat: Es sind möglicherweise 30 Prozent der Deutschen, über 24 Millionen Menschen.

Am 17.4. brachte DER SPIEGEL die Nachricht, dass in Schleswig-Holstein eine Biodatenbank zu den Folgeschäden an Lunge, Herz und Blutgefäßen entsteht. Das Blatt zitiert den Leiter der Gruppe, Joachim Thiery, so:

Thiery: Wir wissen, dass Covid-19 eine Systemerkrankung ist; es mehren sich Berichte beispielsweise zu neurologischen Störungen und Schädigungen des Herzens. Über die Ursachen und die Bekämpfung dieser Folgeschäden wissen wir praktisch noch nichts.

SPIEGEL: Heißt das, wenn ich Jahre nach einer Corona-Infektion einen Herzinfarkt oder einen Schlaganfall erleide, könnte das Virus dahinterstecken?

Thiery: Das ist zu befürchten. Die überschießende Entzündung verursacht bei manchen Covid-19 Patienten schwere Schädigungen der inneren Aderhaut, die Mikrogerinnsel auslösen könnten, auch Blutdruckregulation und Leber sind betroffen

Auch Sportärzte in Innsbruck schlugen Alarm. Sie hatten an den Lungen von Hobbytauchern nach überstandener Corona-Infektion pathologische Veränderungen beobachtet.
Diese Patienten müssen sich jetzt einen anderen Zeitvertreib suchen: Ihre Lungen sind nach der Infektion so geschädigt, dass sie die Druckwechsel unter Wasser nicht mehr aushalten.

 

Mit dem Virus oder an dem Virus?

Die Lunge leidet möglicherweise auf Dauer an der Infektion / Bild: oracast

Vielleicht hat sich damit die optimistische Sicht von Professor Püschel, dem unerschrockenen Rechtsmediziner aus Hamburg – wir berichteten – erledigt.

Püschel erklärt seit Anfang April in Zeitungen und Talkshows, dass die Corona-Toten, die er obduzierte, alle schwere Vorerkrankungen hatten, vor allem Diabetes, Herzkrankheiten und andere. Sie starben daher nicht an dem Virus, wie er betont, sondern mit dem Virus. Und sie hätten es sowieso nicht mehr lange gemacht.

Zur ethischen Seite dieser Einstellung haben wir uns schon geäußert. Inzwischen haben aber andere Pathologen Corona-Fälle unter dem Messer gehabt.

Auch ihre Toten hatten Vorschäden am Herzen, den Gefäßen, den Nieren, waren fettleibig oder litten an Diabetes. Die typische Lungenentzündung fehlte, trotzdem stimmte etwas nicht: Das Blut der Toten enthielt zu wenig Sauerstoff, und zwar massiv zu wenig.

Die Süddeutsche Zeitung zitiert einen Pathologen aus Basel so:

„Die wenigsten Patienten hatten eine Lungenentzündung“, sagt er, „sondern das, was wir unter dem Mikroskop gesehen haben, war eine schwere Störung der Mikrozirkulation der Lunge.“ Das bedeute, dass der Sauerstoffaustausch nicht mehr funktioniere, und erkläre die Schwierigkeiten bei der Beatmung von Covid-19-Patienten auf den Intensivstationen: „Man kann dem Patienten so viel Sauerstoff geben, wie man will, der wird dann einfach nicht mehr weiter transportiert.“

Entzündung und Organversagen

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Laut den Basler Experten geht auch der Herzinfarkt, der viele Corona-Tote ereilt hat und den der Hamburger Kollege dem Virus nicht zurechnet, auf die Covid-Infektion zurück. Dabei tragen Vorerkrankungen natürlich dazu bei, dass der Körper besonders anfällig ist.

Aus Zürich kommt jetzt noch eine Studie. Sie zeigt, dass Entzündungen in den Blutgefäßen und in Organen zu einem Multiorganversagen von Herz, Leber, Darm und Nieren bei Corona-Patienten führen kann – mit, aber auch ohne typische Lungenentzündung.

„Mit dem Virus sterben“ gewinnt hier ein besonderes Geschmäckle, Entwarnungen und das Pochen auf Lockern der Vorsichtsmaßnamen – die „Öffnungsdiskussionsorgien“ – auch.

Es lohnt sich, den Artikel der SZ und den Bericht im Ärzteblatt zur Züricher Studie zu lesen, sie sind unten verlinkt – auch deshalb, weil Herr Püschel auf die Fragen der Journalisten nicht antworten wollte.

 

Es bleibt dabei: Corona ist gefährlich

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Wie auch immer, so richtig überraschend kommt die Sache mit den unerwarteten Folgen nicht, auch das erwähnten wir schon im Beitrag vom 15.4.

Einer, der schon seit Wochen davor warnt, ist der SPD-Gesundheitsexperte Karl Lauterbach.

Dem studierten Harvard-Epidemiologen, bisher oft als schrullig belächelt, kann jetzt niemand mehr die Expertise absprechen: Er ist einer der wenigen Politiker, die wirklich mitreden können

Dabei macht er eine gute Figur: Er kann die Regeln und Maßnahmen gut begründen, dabei hat er keine Angst vor offenen Worten. Auch er plädiert er für eine allgemeine Maskenpflicht, weil die Coronaviren so ansteckend sind.

Seit Mitte April ist nämlich eines klar geworden: Die Viren und ihre aktiven Bestandteile können schon beim normalen Sprechen übertragen werden, nicht nur beim explosiven Niesen oder Husten. Wenn Infizierte nur sprechen und atmen, schweben Virenl in der Luft – sie halten sich dort über Stunden.

Schon ein normales Gespräch von 15 Minuten genügt, wie englische Forscher gezeigt haben. Übrigens halten sich die Viren auch erstaunlich hartnäckig auf Oberflächen aus Plastik oder Metall, bis zu drei Tagen.

Dringen sie in den Körper ein, können sie sich schon im Rachen vermehren. Danach beginnt ihre gefährliche Wanderung hinab in die Lunge, die sie gerne besiedeln, weil im empfindlichen Lungengewebe viele Rezeptoren sitzen, an sie andocken können.

 

Was nicht geht: Keuchen und Schwitzen mit anderen

Frau links, Mann rechts dicht an dicht in Tanzhaltung, Köpfe aneinandergelehnt

Tango mit Corona: das perfekte Paar / Bild: fsHH

Damit sollte klar sein, was man für die nächsten Monate, vielleicht bis ins nächste Jahr hinein vermeiden muss, bis es einen Impfstoff gibt: tiefes Einatmen dicht neben anderen.

Beim Sport zum Beispiel. Und beim Feiern.

Karneval, Apres-Ski und Großveranstaltungen haben sich schon als die wahren Virenschleudern entpuppt, ob in Ischgl, in Tirschenreuth beim Bockbier oder auf der Kappensitzung von Gangelt.

Bis auf weiteres fallen also – vor allem für Risikogruppen – aus: Singen, Chorproben, gemütvolles Grölen und Schunkeln auf dem Oktoberfest, das gemeinsame Keuchen und Schwitzen an Kraftmaschinen, Gymnastik im Übungsraum, Fußballspielen mit Körpereinsatz, Tangotanzen, Judo, Karate; alles, bei dem Menschen dicht an dicht den Atem anderer inhalieren.

Dazu gehören auch enge Kneipen, Bars und Clubs ebenso wie Rock- und Pop-Konzerte im Freien: Wacken ist abgesagt, und das Oktoberfest in München. Letzteres wäre erst im September gewesen, wäre dann nicht alles schon wieder vorbei?

Nein. Gerade an der frühen Entscheidung in München sieht man, wie ernst die Lage ist. Wahrscheinlich fällt daher der nächste Fasching, der von 2021, ebenfalls aus. Denn bis dahin gibt es wohl noch keinen Impfstoff. Und genau den braucht die Welt, um die berühmte Herdenimmunität herbeizuführen.

Auch der von den Deutschen heißersehnte Sommerurlaub steht auf dem Spiel, warnte der unbestechliche Karl Lauterbach am 22. April: Reisen im Sommer kann wahrscheinlich ganz Europa vergessen.

Vieles andere geht aber, Arbeiten in Büros und Fabriken mit Abstand und Masken, Volkshochschulkurse und Weiterbildungen, Bahnfahren und Einkaufen mit Hygieneregeln, Spazierengehen, Joggen und Radfahren, dazu Einzelsportarten im Freien, bei denen man viel Platz hat: Tennis, Kanufahren, Standup-Paddeln, Golf, vielleicht sogar Schwimmen im Badesee.

 

Viren funktionieren wie Unkraut

Hände, nah, mit Gartenhandschuhen, halten Unkraut - grüne Kräuter - ins Bild

Unkraut im Garten: Das hört nie auf. / Bild: photoAC

Dass die eingesperrten Bürger gegen die Einschränkungen rebellieren und volle Freiheit, ihr früheres Leben, Perspektiven wollen, ist angesichts der Lage durchaus nachvollziehbar.

Theoretisch. Praktisch nicht.

Denn es gibt nur eine Perspektive: Dieses Virus wird nicht verschwinden. Vielleicht nie.

Die Vorstellung, dass nach wenigen Wochen Quarantäne und Absperrung die Corona-Pandemie verschwindet, ist falsch.

Sie gehört zu einem Denkmuster, das vielleicht Ingenieure oder Chirurgen haben, die von genau identifizierbaren Problemen ausgehen.

Die müssen sie nur finden, diese eine, einzige Ursache des Übels: Ein Furunkel schneidet man auf, ein Loch dichtet man ab, ein zu schwacher Stützbalken wird verstärkt, einen entzündeten Blinddarm nimmt man heraus. Damit ist die Ursache des Übels beseitigt und das Problem ein für alle Mal gelöst.

Aber so funktionieren Viren nicht.

Viren funktionieren wie Unkraut. Oder wie Schnecken im Beet: Sie sind einfach da. Und sie kommen immer wieder, verteilen sich, wandern, kommen von allen Seiten. Wenn man nicht jedes Jahr systematisch und regelmäßig arbeitet, wenn man nicht versteht, wo und wann sie sich ansiedeln, breiten sie sich wieder aus.

Auch sind sie immer da, viele von ihnen, wohl sogar die meisten, sind gar nicht schädlich, sondern dienen nützlichen Symbiosen im Körper, ein Prinzip der Evolution.

 

Das Virus als Prozess

Der Biologe Emanuel Wyler vom Max-Delbrück-Centrum in Berlin schlägt daher vor, sich das Corona-Virus nicht als einen Zustand oder ein Ding vorzustellen, das man auslöschen oder bekämpfen kann.

Sondern eher als Prozess, der stetig anhält.

Er gehört zur Umgebung, er strömt wie ein Fluss. Und je mehr man ihn versteht, desto besser kann man mit ihm leben. Diese Idee stammt von zwei Naturphilosophen, John Dupré und Stephan Guttinger, die sie 2016 veröffentlicht haben.

Ihre Sicht auf Viren als biochemische Prozesse der Umwelt könnte es einfacher machen, mit der Epidemie zurechtzukommen.

Denn Viren, das ist die Botschaft, gehen nie wieder weg.

Selbst die „größte Errungenschaft der Medizingeschichte“, wie ein Forscher über die Ausrottung der Pocken durch weltweites Impfen schrieb, ist inzwischen nicht mehr sicher.

Da seit 30 Jahren nicht mehr geimpft wird, sind die Menschen wieder anfällig für Affen- und Kuhpockenviren. Diese verbreiten sich in Afrika, aber auch in Europa. Hier werden sie zum Beispiel von den bei manchen Städtern beliebten Ratten übertragen, die sich die Nager als Schmusetiere halten.

Ein neues Pockenvirus rafft auch das niedliche Rote Eichhörnchen dahin, das in ganz Europa und in Kanada seit Jahren immer mehr verschwindet.

 

Pocken in Berlin

Der neue Erreger wurde schon akribisch untersucht, und bevor jemand glaubt, Kanada sei weit weg: Das Virus heißt nach seinem Entdeckungsort „Berlin Squirrel Poxvirus“, denn es grassierte 2015 unter Eichhörnchen in Berliner Stadtparks.

Wenn von diesen Pockenviren ein Stamm mutiert, sind die guten alten Blattern aus dem Mittelalter wieder da – und zwar ohne dass gleich ein Impfstoff oder ein Medikament verfügbar wäre. AIDS, Ebola und SARS haben die Welt in dieser Hinsicht schon das Fürchten gelehrt.

Das Corona-Virus hat dasselbe Wandel- und Prozess-Potenzial: Es könnte mutieren wie die Grippeviren, so dass jedes Jahr ein neuer Impfstoff gebaut werden muss, es kann sich dabei bösartig verändern, es kann, wie viele Viren, Krebs und Autoimmunkrankheiten verursachen.

Viren als Auslöser von Leberkrebs, Gebärmutterhalskrebs, Haut- und Darmkrebs oder Leukämie sind schon bekannt.

 

Hygieneregeln halten und Hände waschen

Was das Corona-Virus wirklich macht, wissen wir aber erst in fünf oder 10 Jahren.

Unter anderem könnte es sein, wagt Quarkundso.de zu spekulieren, dass ein Anstieg von Allergien und Autoimmunkrankheiten in den nächsten Jahren zu verzeichnen ist, zum Beispiel bei Kindern. Die merken jetzt oft nichts von der Corona-Infektion, haben dafür aber vielleicht mit 13 Jahren Neurodermitis, Diabetes Typ 1, kreisrunden Haarausfall oder Asthma.

Das alles ist nicht so schlimm wie Sterben. Auch kommt man damit nicht gleich auf die Intensivstation.

Die Folgen reichen aber, um sich zusammenzureißen und die Infektion so gut wie möglich zu vermeiden, bis ein sicherer Impfstoff da ist. Oder genügend Tests.

Das wird noch eine Weile dauern, während Wirtschaft und Politik ungeheuer viel tun müssen, um die Folgen abzufedern. Bis dahin tun alle, wirklich alle, gut daran, sich nicht anzustecken. Die Regeln sind bekannt: die Husten-Hygiene einhalten, Menschenmengen meiden, in Läden oder in der Bahn eine Maske tragen. Und immer schön die Hände waschen.

Eigentlich ist es einfach.

@Johanna Bayer

+++Hinweis der Redaktion+++Während der Corona-Krise unterbricht Quarkundso.de das Nörgeln zu Ernährungsthemen und nörgelt direkt zu Corona-Unfug+++

Der Dekan der Universität Kiel, Joachim Thiery, über die Corona-Datenbank, Interview in DER SPIEGEL

Der SZ-Artikel zu Obduktionen und dem Bericht von Professor Püschel. Er wollte nicht weiter kommentieren.

Das Ärzteblatt zur Züricher Studie: Entzündungen und Multiorganversagen

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Corona, Ernährung und das Immunsystem, Teil 2: Was wirkt und was nicht

Es hört nicht auf mit den Tipps, wie man das Immunsystem gegen das Coronavirus stärken kann, natürlich mit Obst und Gemüse. Selbst Fachleute beteiligen sich daran, wie der „Ernährungsdoc“ Matthias Riedl vom NDR. Doch wir wissen schon: So einfach geht es nicht. Und aussichtsreicher als das Immunsystem zu stärken ist etwas anderes: es nicht zu schwächen.

Beitrag vom 3.4.2020

Köpfe von Weißkohl und Rotkohl

Kohl schmeckt, und die günstige Wirkung seiner Senföle ist von Alters her bekannt. Aber killt Kohl Corona-Viren?

Die Sache mit dem Immunsystem ist nicht in einem einzigen Beitrag abzuhandeln, das war schon letztes Mal klar. Weil die Menschen wegen der Corona-Krise weiterhin zuhause eingesperrt sind, ist also ein zweiter vertiefender Beitrag dazu angezeigt – schon alleine deshalb, weil die Ratschläge, mit allerlei Obst, Gewürzen und Gemüse gegen die Seuche vorzugehen, weiter wuchern.

Unzählige Akteure tun sich damit hervor, auch solche, die eigentlich vom Fach sind, zum Beispiel Dr. Matthias Riedl, bekannt als „Ernährungsdoc“ beim NDR: Er beschwört in der Sendung „Visite“ die „keimtötende Wirkung“ von Ingwer, Kohl und Zitrone.

Ein Dr. Kurt Mosetter aus Konstanz, ebenfalls Arzt und dazu Heilpraktiker, empfiehlt in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau:

„Die Ernährung ist unsere Medizin! Es gilt, viel Grünzeug, Gemüse und Obst zu essen, am besten frisch und regional zubereitet. Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren oder Avocados helfen auch.“

Das ist lustig, weil „frisch und regional“ für diese Beeren im Winter und für die Avocado gar nicht geht.

 

Wenn alles möglich ist: das Expertengespräch

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Nun muss man aber eines klarstellen: Journalisten, die solche Interviews in Ratgeberformaten führen, müssen nicht nachhaken.

Alles, was ihre Gesprächspartner verzapfen, verantworten diese selbst, die Journalisten fragen nur Informationen ab, im Fachjargon heißt das „Sachstandsinterview“.

Dabei erwarten sowohl die Interviewer als auch ihr Publikum, dass die Interviewpartner echte Experten sind und die Fakten korrekt darstellen. In anderen Interviewformen ist das Nachfragen dagegen nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht.

Politik-Journalisten zum Beispiel fühlen ihren Interviewpartnern gerne auf den Zahn, legendär ist zum Beispiel das Interview, in dem Marietta Slomka bei Siegmar Gabriel so hartnäckig nachbohrte, dass der SPD-Vorsitzende die Fassung verlor.

Auch Grünen-Chef Robert Habeck kam ins Stammeln, als Oliver Köhr von der ARD ihn darauf hinwies, dass die Pendlerpauschale für alle gleich gilt und nicht, wie von Habeck angenommen, nur für Autofahrer.

Bei Gesundheitsinterviews, speziell in Ratgeberformaten, wird aber praktisch nie kritisch nachgefragt. Das liegt nicht nur daran, dass die Autoren und Moderatoren oft gar keine Ahnung vom Thema haben. Es liegt zu einem guten Teil daran, dass die Redaktion eine telegene oder sonst willige Fachperson mit frechen Nachfragen nicht verprellen möchte – man muss ja froh sein, wenn man Experten hat! Die darf man nicht vor laufender Kamera desavourieren.

 

Noch Fragen? Danke, nein.

Und so kommt es, dass in der NDR-Sendung Visite 23.3.2020, betitelt mit „Coronavirus: Tipps für Diabetiker“, eine Moderatorin den Fernseharzt Dr. Matthias Riedl, diesmal vorgestellt als Diabetologe, zum Immunsystem befragt, und zwar im Namen von Zuschauern, die die Fragen eingeschickt hatten.

„Gibt es Lebensmittel, die das Immunsystem stärken und gleichzeitig eine antivirale Wirkung haben?“

Dr. Riedl beginnt seine Antwort mit gutem Grund sehr ausweichend. Als Fachmann weiß er, dass es solche Lebensmittel nicht gibt. Die Antwort wäre also ein klares „Nein.“ gewesen.

Das möchte er so offensichtlich nicht sagen: Es wäre geradezu unterlassene Hilfeleistung und ein Betrug am Gebührenzahler! Man muss dem Publikum geben, was es will. Außerdem hätte er dann den Auftrag der Redaktion nicht erfüllt – und die Moderatorin auch nicht.

Also betont Dr. Riedl, es sei jetzt „so wichtig wie noch nie, auf die verlangten 300 Gramm Gemüse am Tag zu kommen“, um damit

„… die Selbstheilungskräfte des Körpers zu stärken…“

Damit ist die Platte angesprungen. Ein Zurück gibt es nicht, und Riedl fährt fort:

„.. da sind es zum Beispiel Kohlsorten, die keimhemmende Wirkung entfalten, durch die sekundären Pflanzenstoffe, die bieten eben nicht nur Vitamine und Spurenelemente, aber diese sekundären Pflanzenstoffe haben Nebeneffekte, ich denke da zum Beispiel an Meerrettich, beispielweise, der ähnlich keimhemmende Wirkung hat (…) Und natürlich viel trinken, ideal wäre Ingwertee mit Zitrone, der ist nachgewiesenermaßen keimtötend.“

(Transkript aus dem Video von NDR-Visite TC Min. 4:49 bis 5:25 mit Antwort der Moderatorin. Hier ausgelassene Passagen beziehen sich auf Nüsse und Vitamine.)

Spontane Reaktion der Moderatorin auf die Ratschläge und den Knaller am Ende, mit der keimtötenden Wirkung von Ingwertee und Zitrone: „Toll!“.

Hätte Quarkundso.de das Interview geführt, wäre die Antwort ebenso kurz ausgefallen. Aber anders. Nämlich als: „Hä?“

 

Mit Lebensmitteln Keime im Körper töten – bitte nicht!

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Denn wir haben nicht verstanden, was Dr. Riedl gemeint hat. Wen oder was meint er mit „Keimen“, etwa das Corona-Virus?

Das war doch die Frage der Zuschauer: Was stärkt das Immunsystem und tötet das Corona-Virus – antivirale Wirkung, hieß es in der Frage.

Und „keimhemmend“ und sogar „keimtötend“, „nachgewiesenermaßen“, was meinte er damit? Wie killen Kohl, Ingwer und Zitrone das Corona-Virus? Und wo?

Die Sache ist wichtig. Schließlich sind wir in einer Pandemie, es geht um Leben und Tod, es gibt keine Medikamente, keine Impfung, Menschen leben in Angst, wollen etwas für ihre Gesundheit tun und wissen, was wirklich wirkt.

Auch verspricht die Moderatorin in der Anfangsmoderation „Aufklärung gegen die Angst“. Um aufzuklären hätte sie, eine Fachkraft mit langjähriger Erfahrung, aber ruhig nachfragen dürfen. Denn es ist ja allgemein bekannt, dass es gegen das Corona-Virus kein Mittel gibt. Auch kein „natürliches“ oder „sanftes“.

Schon gar kein Lebensmittel.

Wir holen dazu kurz ein paar Überlegungen nach: Keime töten mit Ingwer, Kohl und Zitrone müsste sich, wenn das ginge, gleich im Mund abspielen, beim Essen. Dort landen die aktiven Substanzen aus den Pflanzen, zum Beispiel die Senföle aus dem Kohl, das Gingerol und ätherische Öle aus dem Ingwer und die Zitronensäure.

Im Mund aber leben Myriaden von nützlichen Keimen, die man auf keinen Fall abtöten will! Sie bilden, wenn die Mundflora gesund ist, einen Schutzfilm auf Zähnen und Zahnfleisch, der Karies und Zahnfleischentzündungen verhindert. Solche Probleme machen böse Keime.

Wenn die Guten aber als sogenannter Biofilm überwiegen, wehren sie die Bösen ab. Also sollte bitte nichts allgemein Keimtötendes in den Mund kommen, es sei denn, der Arzt hat es verschrieben – Quelle: NDR, Sendung Visite über Mundgesundheit, der Link steht unten.

 

Was hat der Fernseharzt gemeint?

Teller, Scheiben von Zitrone, Ingerwurzel, Teeglas mit milchiger Flüssigkeit

Heißer Ingwertee mit Zitrone regt die Speichelproduktion an, killt aber keine Viren.

Dasselbe gilt für den Darm, wo Ingwer, Zitrone und Kohle am Ende landen.

Würden sie dort Keime abtöten, geriete ja die nützliche Darmflora durcheinander. Von den vielen Bakterien da unten hat nun wirklich jeder schonmal gehört. Die darf man doch nicht töten!

So kann es Dr. Riedl also nicht gemeint haben.

Aber was wollte er dann sagen?

Wollte er etwa nahelegen, dass Ingwer, Zitrone, Kohl und Meerrettich nur Corona-Viren angehen, ganz gezielt, und die nützlichen Bakterien verschonen, die im Mund und im Darm leben?

Im O-Ton klingt es tatsächlich so, deshalb sagt die Moderatorin „Toll!“.

Würde Dr. Riedl derlei ernsthaft behaupten, wäre er ein Scharlatan. Das wollen wir zugunsten des Ernährungsdocs und des NDR nicht hoffen. Wir unterstellen auch keine böse Absicht. Das tun wir nie. Er hat sich nur mehr oder weniger absichtlich vage ausdrückt und die Frage nur: Was kann der Fernseharzt gemeint haben? Und was wäre daran „toll“?

Da der NDR die Sache nicht aufklärt, bleibt die Drecksarbeit mal wieder an uns hängen, an Quarkundso.de, der Abteilung fürs allgemeine Ausputzen. Wenn auch nur ansatzweise im Raum steht, dass man gegen Coronaviren mit Obst und Gemüse etwas machen kann, sollten die Menschen in der weltweiten Krise die Wahrheit erfahren.

 

Irgendwie gesund

Wir arbeiten also nach, der Einfachheit halber in Stichpunkten:

– Nichts von allem, was Dr. Riedl genannt hat, tötet das Corona-Virus.

– Es gibt auch sonst keine Nahrungsmittel oder Inhaltsstoffe von Pflanzen oder Gewürzen, die im Körper gezielt Viren töten oder die gezielt das Immunsystem gegen Viren stärken. Seriöse Quellen dafür sind allgemein zugänglich, darunter das Robert-Koch-Institut und die Weltgesundheitsorganisation WHO. Viele unseriöse Quellen behaupten natürlich das Gegenteil.

– Eine keimhemmende Wirkung von Kohl, Meerrettich, Kresse und Radieschen gibt es – nur anders: Sind sie verdaut, finden sich im Urin Reste der in ihnen enthaltenen Senföle. Diese meint Dr. Riedl mit „sekundäre Pflanzenstoffe“. Auch sammeln sich solche Reste in den Bronchien an. Dort können sie einer bestimmten Konzentration tatsächlich bestimmte Erreger und Bakterien töten, zum Beispiel bei Blaseninfekten. Allerdings sind die Studien dazu nicht mit Kohl und Meerrettich gemacht worden, sondern mit Tabletten, in denen die Pflanzenstoffe in hoher Konzentration eingenommen wurden. Sie können tatsächlich auch das Wachstum von Zellen hemmen, wenn diese von Viren befallen sind, etwa bei leichten Erkältungen. Da helfen Meerettich und Co. von Alters her und gelten als Naturheilmittel für leichte Erkältungen wie einen Schnupfen.

– Ingwertee und Zitrone töten gar keine Keime, jedenfalls ihre Inhaltsstoffe nicht, wenn Menschen sie essen. Was aber erwiesen ist, und was der Fernseharzt gemeint hat, ist, dass nach dem Trinken von Ingwertee mit Zitrone die Mundschleimhaut auf das Gemisch reagiert: Sie ändert Enzyme im Speichel und produzieren mehr davon. Dass Speichel ganz bestimmte Bakterien, nämlich Streptokokken und Staphylokokken, töten kann, ist bekannt. Sogar Tiere lecken deshalb instinktiv ihre Wunden ab. Ingwer und Zitrone erhöhen beim Menschen schlicht die Produktion des Enzyms Lysozym, das dafür verantwortlich ist.

Alle von Dr. Riedl genannten Lebensmittel sind also irgendwie gesund: Sie verändern den Speichel positiv, erhöhen die Durchblutung der Schleimhäute, und wenn Reste der Senföle aus Kohl oder Rettich im Darm ankommen, stimulieren sie die Darmschleimhaut. Alles das hilft – irgendwie – dem Immunsystem. Potenziell können sie auch das Wachstum von Viren befallener Zellen hemmen.

Aber sie zerstören keine Corona-Viren.

 

Corona und das Immunsystem: eine unendliche Geschichte

Grüne Kugel,gespickt mit kleinen Dornen, das sind Ansatzstellen für andere Zellen

Immunzelle, sogenannte T-Helferzelle.

Diesen Job muss schon das Immunsystem selbst erledigen, womit wir wieder beim Thema wären.

Doch dieses Immunsystem ist eine komplizierte Sache. Es hat unterschiedliche Methoden, also Immunantworten, dazu verschiedene Zelltypen, mit denen es auf Feinde reagiert.

Auch gibt es mehrere Eintrittspforten für Bakterien, Viren und andere Erreger in den Körper, und Barrieren dagegen. Diese bestehen aus nützlichen, geduldeten Mikroben und, nun ja, Keimen.

Sie leben im Mund, in der Nase, auf der Haut, überhaupt auf allen Schleimhäuten mit Außenkontakt, und als dichter Teppich auf der Darmschleimhaut, das bekanntlich der wichtigste Teil des Immunsystems ist.

Alles das genau aufzudröseln, würde diesen Text ins Unendliche verlängern. Wir kündigen daher eine weitere Folge an, es wird eine lange Serie werden. Für heute müssen ein paar praktische Tipps reichen, und zwar, Achtung, konkret gegen das Corona-Virus.

Anders als andere raten wir aber nicht in erster Linie dazu, „das Immunsystem zu stärken“.

Wir wissen ja, siehe erster Teil vom 18.3.2020, dass das nicht so einfach geht und auch nicht immer sinnvoll ist. Stattdessen raten wir von Quarkundso.de zu etwas anderem: das eigene Immunsystem nicht zu schwächen.

 

Wichtig in der Pandemie: 7 Regeln, um das Immunsystem nicht zu schwächen

Daher kommen hier die 7 ultimativen Ratschläge gegen eine Corona-Infektion, exklusiv für die Qualitätsleser von Quarkundso.de:

  1. Alles, was die Schleimhäute in Mund, Rachen und Nase schädigt, unterlassen, ob zuhause oder anderswo. Denn an diesen Stellen fällt das Virus ein, und dort muss es zuerst bekämpft werden.
  2. Das bedeutet vor allem: nicht rauchen. Wir wiederholen: NICHT RAUCHEN. Alle Ausreden der Art „Aber die vier bis fünf Zigaretten am Tag …“, oder „Wenn man sonst nichts darf, wird man doch wenigstens …“ zählen nicht. Rauchen schädigt die Lunge, Raucher sind daher vom Virus und schweren Verläufen der Lungenkrankheit stärker gefährdet, Ende der Durchsage.
  3. Trockene Heizungsluft vermeiden, sie macht die Schleimhäute anfällig. Gerade jetzt, wo alle zuhause bleiben müssen, ist das schwierig. Aber etwas steuern kann man: Nicht so stark heizen, die Temperatur vielleicht ein, zwei Grad runterdrehen, regelmäßig lüften, nachts kühl schlafen, auf die Luftfeuchtigkeit achten. Optimal sind 50 bis 60 Prozent, es gibt einfache kleine Geräte, die das messen können (online bestellen).
  4. Nicht nur vor der Glotze sitzen, sondern jeden Tag am Tageslicht und der frischen Luft spazieren gehen, mindestens eine halbe, besser eine Stunde. Das hilft den Schleimhäuten und der Lunge, und auf verschiedenen Wegen dem Immunsystem, nicht zuletzt, weil die Haut an die Sonne kommt und Vitamin D herstellen kann. Trotz der strengen Ausgangssperren ist Spazierengehen deshalb erlaubt.
  5. Nicht abschlaffen, sondern die Durchblutung trainieren, denn das Blut bringt die Immunzellen dorthin, wo sie gebraucht werden. Schnelles Gehen, Joggen, Übungen zuhause auf dem Trimmrad oder vor Youtube sind also wichtig, jeden Tag mindestens 30 Minuten.
  6. Alkohol reduzieren oder ganz weglassen, so oft und so lange wie möglich. Alkohol ist ein Zellgift, das die Produktion wichtiger Immunzellen hemmt. Die WHO empfiehlt in der Pandemie, Alkohol zu meiden. Die Verkaufszahlen zeigen allerdings, dass genau das nicht verstanden wird: Die Deutschen trinken in der Corona-Krise noch mehr als sonst. Damit schädigen sie ihr Immunsystem nachweislich.
  7. Schlafen, schlafen, schlafen. Guter Schlaf hilft dem Immunsystem tatsächlich am meisten, auch das ist schon lange bekannt. Umgekehrt gilt: Menschen mit Schlafmangel und Schlafstörungen, aber auch Schichtarbeiter sind anfälliger für Krankheiten, besonders, Achtung, für Erkältungen, auf die das Corona-Virus aufspringen kann.

Das wäre es also für heute, wer diese Ratschläge befolgt, schwächt seine Abwehrkräfte jetzt nicht, in Zeiten der Pandemie.

Außerdem gilt weiterhin: Immer schön die Hände waschen – und regelmäßig Quarkundso.de lesen. Aber das wissen unsere Qualitätsleser schon.

@Johanna Bayer

 

Links

NDR Visite vom 24.3.2020 rund um Corona und die Frage, ob Diabetiker stärker gefährdet sind, Ausschnitt aus der Sendung in der NDR-Mediathek

 

Infonetzwerk EUFIC über Lebensmittel und Vitamine oder Nahrungsergänzungsmittel, die angeblich Corona-Viren bekämpfen oder das Immunsystem stärken können: keine wissenschaftliche Evidenz, auch mit Verweis auf die WHO – Auszug von der Seite:

Gibt es Lebensmittel, die unser Immunsystem gegen COVID-19 stärken?

Derzeit gibt es keine überzeugenden Beweise dafür, dass Lebensmittel oder Ernährungsgewohnheiten unser Immunsystem „stärken“ und COVID-19 verhindern oder behandeln können.

(…)

Gibt es Nahrungsergänzungsmittel, die unser Immunsystem gegen COVID-19 stärken können?

Derzeit gibt es weder Beweise noch von der EU genehmigte gesundheitsbezogene Angaben, dass ein Nahrungsergänzungsmittel unser Immunsystem „stärken“ und Virusinfektionen wie COVID-19 verhindern oder behandeln kann. Wir sollten dies berücksichtigen, wenn wir Informationen von Personen oder Organisationen, die etwas anderes behaupten, beurteilen.

Quelle: EUFIC, siehe Link oben

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