Das perfekte Dinner bei VOX: Deutschland, wie es isst

„Das perfekte Dinner“ auf VOX zeigt die Esskultur der deutschen Mittelklasse live und unverfälscht. Eine Fundgrube für Quarkundso.de – wir haben mehrere Folgen analysiert und die wichtigsten Trends herausgearbeitet: Hauptsache gemütlich und Freiheit über alles.

Beitrag vom 2. August 2021

Beherzt das Glas ergreifen und ein Prosit der Gemütlichkeit: Ein Abendesse mit Deutschen

„Das perfekte Dinner“ auf VOX ist Kult. Die Kochshow ist seit mehr als 15 Jahren erfolgreich, mit fester Fangemeinde und großem Echo auf Twitter und Instagram.

Jede Folge dauert eine Woche und spielt irgendwo in Deutschland. Ab Montag laden fünf Hobby-Köche reihum zuvor Unbekannte in ihre Wohnung ein und servieren ein Menü. Am nächsten Abend muss ein anderer aus der Runde ran, jedes Mal geben die Kandidaten einander Punkte und freitags ist Finale.

Vor jedem Dinner beobachtet das Filmteam die Kandidaten beim Kochen: mit welchen Geräten sie hantieren, welche Kniffe sie von Oma haben, ob sie gut organisiert oder chaotisch sind. Gewürze und Stile, modische Gerichte und Zutaten, außerdem das, was als gastlich, höflich, manierlich gilt, alles ist zu sehen.

Und zwar live. Denn obwohl die TV-Autoren eine klare Dramaturgie und viele erzählerische Kniffe einbauen, gefälscht ist da nichts.

 

Kulinarische Feldforschung zur deutschen Esskultur

Gut, ein repräsentativer Querschnitt der Bevölkerung kocht da natürlich nicht. Im Bild ist die Mittelschicht. Alle sind gut situiert, zeigen geräumige Küchen und Essplätze, viele haben Wintergärten oder eine Terrasse.

Keine Hartz-IV-Empfänger, keine Reichen – zu sehen sind Lehrer, Projektmanagerinnen, Juristinnen, Verkäufer, ein Architekt, Marketingpersonal, eine Heilpraktikerin, Hausfrauen, Rentner, jemand von der Sparkasse, ab und an Studentinnen. Die Altersspanne reicht von 21 bis über 60.

Einigermaßen bürgerlich also – und das macht die Sendung so interessant: Rituale, Stil und Geschmack der mittleren Schicht zeigen die Kultur einer Gesellschaft wie im Brennglas. Immerhin ist die Mittelklasse auch die größte Schicht: rund die Hälfte aller Deutschen gehört dazu.

Quarkundso.de, stets an der Spitze der kulinarischen Feldforschung, hat jetzt mehrere Folgen des perfekten Dinners analysiert und die wichtigsten Trends herausgearbeitet. Sie zeigen sich vom Aperitif über die Tischmanieren und den Umgang mit Messer und Gabel bis zu den eigentlichen Speisen und Zutaten, Geschmacksvorlieben und Ritualen.

 

Dem Volk aufs Maul geschaut

Das ist so interessant, dass ein einziger Beitrag darüber nicht reicht. Alleine über den Aperitif gibt es viel zu schreiben, eine ganze Folge wert sind natürlich auch die Gerichte und Menüs selbst.

Für den Anfang soll es daher nur um die Äußerlichkeiten gehen, um Auftreten, Tischmanieren und das Essen mit Messer und Gabel.

Hier zeigt sich die Esskultur der deutschen Mittelklasse über alle Regionen der Republik erstaunlich stabil. Und die Phänomene haben eines gemeinsam: Im Knigge stehen sie nicht.

Das verwundert einerseits, da es sich um eine durchaus gut gebildete und wohlhabende Klasse handelt. Andererseits entwickelt ein Volk schließlich über Jahrhunderte seine Eigenarten und Gepflogenheiten. Dagegen setzen altmodische Benimmbücher nur abstrakte Normen. Sie zeigen nicht, wie Menschen sich natürlich verhalten. Genau darum aber geht es – nicht um den weltfremden Kodex einer kleinen Oberschicht.

Die Dinner-Studie von Quarkundso.de geht daher streng wissenschaftlich vor, ohne jeden Vorbehalt. Rein empirisch-beschreibend, wie es Anthropologen im Urwald bei einem neu entdeckten Stamm tun würden: dem Volk aufs Maul geschaut – Deutschland, wie es isst.

 

Der Bauch isst schließlich mit

Schon der Auftakt des Abends ist interessant: Am Tisch wünscht man sich in Deutschland laut einen guten Appetit. Meistens kommt der Spruch sogar von einem Gast.

Touristen können da nur lernen, denn internationale Ratgeber für Umgangsformen führen sie in die Irre. Die betonen, dass Gäste bei Einladungen nicht das Kommando übernehmen und dass es generell schlechter Stil ist, „Guten Appetit“ zu wünschen.

Nicht in Deutschland. Hier vergeht keine Dinner-Runde ohne Grüße an den Bauch. Die Sitte stammt aus dem Mittelalter und rückt die Verdauung ins Zentrum des Bewusstseins. Da es ums Essen geht, ist das nicht unlogisch, und der Deutsche schätzt bekanntlich die Tradition.

Doch es kommt noch etwas dazu. Beobachten lässt sich so etwas wie Rücksicht und Bescheidenheit: Nicht vor den anderen mit dem Essen anfangen, die anderen noch einmal bedenken. So etwas muss es sein, denn alle fühlen sich sichtlich unwohl, rutschen verlegen auf ihren Stühlen herum, schauen vorsichtig auf den Nachbarn und warten, bis jemand das erlösende „Ich wünsche euch allen einen guten Appetit!“ hervorstößt.

Auch wenn der Gastgeber schon mit dem Essen angefangen hat. Das wäre offiziell das Signal zum Essen, das keiner weiteren Wünsche bedarf – laut Stilfibel.

Beim perfekten Dinner aber, im deutschen Fernsehen, werden die Bäuche immer bedacht.

Empirisch halten wir daher fest, dass in Deutschland gilt: Iss niemals, bevor Du allen einen „Guten Appetit!“ gewünscht hast!

 

Deutsche Gäste lassen sich nichts sagen

Beim Zuprosten ist man in Deutschland dagegen eigenwillig. Den Toast, den Hausherrin und Hausherr vorgeben, ignorieren die Gäste grundsätzlich: Deutsche antworten beherzt mit einem eigenen Trinkspruch.

Erhebt die Gastgeberin also das Glas und verkündet, sie freue sich, dass alle da seien und sie wolle jetzt auf einen schönen Abend anstoßen, erwidert garantiert einer aus der Runde: „Ja, und auf Dich!“, worauf noch jemand „Auf uns alle!“ und eine weitere „Auf eine fantastische Woche!“ hinzufügt.

Dann scheppern Wein-, Wasser-, Saft- und Biergläser aneinander, Hauptsache, es klirrt.

Ostentatives Anstoßen gehört offiziell zwar auch nicht zum guten Ton. Der sieht vor, das Glas nur dezent zu erheben, Bier oder Wasser nicht auf Wein treffen zu lassen und sich nicht über den Tisch beugen. International, übrigens.

Aber die Deutschen lieben das Anstoßen. Es verbindet und integriert, es schafft die berühmte Gemütlichkeit, es ist wie ein Tusch zum Auftakt.

 

Lässig wie bei Mutti

Außerdem ändert sich die Welt: Was gestern noch als vornehm galt, bremst heute die Stimmung.

Das fängt bei den weißen Tischdecken an, die inzwischen sogar aus den Sternerestaurants verschwunden sind. Zu steif, zu sauber, zwingen zu sehr zum Benehmen, das verunsichert die Gäste.

Der Gastronomie passt das: Sie spart ohne weiße Wäsche viel Geld und Aufwand, eine Win-Win-Situation. So dominieren auch beim perfekten Dinner blanke Holztische.

An diesen zeigen sich die Gäste ungezwungen wie zuhause bei Mutti: Sie stützen lässig die Ellenbogen auf, gestikulieren ausdrucksvoll mit der Gabel, plaudern mit vollem Mund, lecken das Messer ab, umfassen die Weingläser am Kelch, fragen ungeniert nach Salz und Pfeffer und wissen selten, wozu die Serviette da ist. Die liegt gerne während des gesamten Essens neben dem Teller.

Die Forschungsabteilung von Quarkundso.de stellt daher fest: Der Zwang zum Essen nach fremden Manieren besteht in Deutschland nicht. Hier herrschen Vielfalt und Toleranz.

 

Essen mit Messer und Gabel: unendliche Möglichkeiten

Gut zu sehen ist das beim Hantieren mit dem Besteck. Der motorische Einfallsreichtum dabei ist erstaunlich: Schaufelgriff, Bleistiftgriff oder der Dreher – vor dem Mund die Gabel wenden – alles ist möglich.

In einer einzigen Runde zeigten sich am Tisch neben dem klassischen Skalpellgriff folgende Varianten:

  • Die Schaufel: die Gabel beherzt packen wie die Schippe im Sandkasten, und ab geht es in den Mund.
  • Der Bleistift: die Gabel wie einen Bleistift zwischen Zeige- und Mittelfinger nehmen und mit dem Daumen fest zudrücken, gelernt ist gelernt.
  • Die Violine: die Gabel von oben greifen wie ein Geiger sein Instrument, mit den Fingern in einer Reihe, sehr zierlich und elegant.

Gibt es ein ordentliches Stück Fleisch, geht auch der Dolch: das Messer von unten in die Faust genommen, fest umschlossen und bereit zum blutigen Stich, vorgeführt von einem Architekten. Eindrucksvoll.

 

Die wichtigsten Werte der Deutschen: Freiheit und Gemütlichkeit

Die beobachtende Forschung zieht an dieser Stelle ein erstes Fazit: Die wichtigsten deutschen Werte zeigen sich beim perfekten Dinner plastisch.

An erster Stelle steht bei einem förmlichen Essen mit Aperitif, drei Gängen und Weinbegleitung die tief verwurzelte deutsche Gemütlichkeit: Bei Tisch soll man sich wohlfühlen, jeder kann essen, wie ihm oder ihr der Schnabel gewachsen ist, und der Bauch geht über alles.

Alles andere wäre Zwang, und gegen Zwang haben Deutsche etwas. Denn der zweite große Wert der Deutschen ist die offensichtlich die Freiheit.

Wer sich nicht frei fühlt, die Physiologie des Nachbarn zu kommentieren, der Gastgeberin mit dem eigenen Trinkspruch zu antworten oder ihre Führung bei Tisch zu missachten, sollte sich daher in die herrschende Kultur besser integrieren. Sonst wird es nichts mit dem Deutschtum, auf lange Sicht.

Interessant sind noch die Nebenwerte von Vielfalt und Toleranz, für die Deutsche im Ausland eigentlich nicht so berühmt sind.

Wir werden das weiter beobachten, gleich in der nächsten Folge.

Dann geht es um ein verwandtes Phänomen, den deutschen Individualismus: Identitätsstiftend zeigen die deutschen Gäste bei Einladungen Vorlieben und Abneigungen. Ein ganz eigenes Kapitel. Fortsetzung folgt.

©Johanna Bayer

 

 

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Die ZEIT, Krebs und Kohl: Hilft Brokkoli gegen die Killer-Krankheit?

Endlich Krebs heilen – diese Hoffnung weckt ZEIT-online in Titel und Teaser zu einem Artikel über Kohl. Der Text beginnt mit großen Visionen der Menschheit, doch am Ende muss die Autorin die Karten auf den Tisch legen: Brokkoli heilt keinen Krebs. Quarkundso.de über einen wirren Beitrag mit Kitsch, Krebs und Gemüse.

Beitrag vom 16.05.2021

Ein grünes Brokkoliröschen auf blauem Fond

Brokkoli ist gut. Krebs heilt er aber nicht. Bild: Annie Spratt / Unsplash

 

Die ZEIT ist schon wieder dran, aber wir können nichts dafür, ehrlich!

Quarkundso.de reagiert nur. Wir sind der Blauwal unter den Foodblogs: Einfach mit weit offenem Maul im Ozean treiben lassen, das Futter schwimmt von alleine rein.

Zufällig ist also wieder was aus der ZEIT dabei, kurz nach dem Ding mit dem Alkohol. Diesmal ist der Anlass ähnlich plakativ, wenn auch viel ernster: Es geht um den Kampf gegen Krebs. Der Killer-Krankheit ist die Aufmerksamkeit des Publikums automatisch sicher – Krebs geht immer.

Das gilt besonders, wenn neue Medikamente auftauchen, und ganz sicher, wenn Wirkstoffe  darin aus Pflanzen stammen – bessere Klickköder gibt es nicht: Sanfte Heilung bei Krebs! So besiegen Sie den Krebs mit gesunder Ernährung! Krebs: Wie gesunde Lebensmittel helfen!

Ja, das wäre schön. Aber bisher hat noch niemand den Krebs endgültig besiegt, schon gar nicht mit Pflanzen. Oder mit Essen.

 

Handwerklich unter Standard

Die ZEIT will trotzdem Hoffnung wecken. Gleichzeitig will sie nichts Falsches sagen und viele Leser haben. Die Motive sind nachvollziehbar, was Gutes entstehen kann aus dieser Gemengelage nicht.

Folglich ist der Beitrag etwas wirr: „Mit Brokkoli gegen Krebs“ lautet der Titel, die kühne Dachzeile darüber heißt: „Krebsvorsorge.“

 

Cleverer Köder: Screenshot: ZEIT-Online mit kühnem Titel und Teaser.

Wir wollen jetzt nicht auf Kleinigkeiten rumreiten, aber „Krebsvorsorge“ bedeutet Abstriche von Schleimhäuten oder Kot- und Gewebeproben und regelmäßige Röntgenuntersuchungen zwecks frühzeitiger Entdeckung von Tumoren. Nicht das Essen von Kohlgemüse.

Für ein Qualitätsblatt ein dämlicher Patzer – hallo, Redaktion? Gemeint war wohl „Krebsvorbeugung“ oder „Krebsprävention“, das Verhüten der Krankheit und Mindern des Krebsrisikos. Naja, Schwamm drüber. Leider geht es nicht gut weiter, denn es folgt ein öder Einstieg, die Autorin serviert Binsenweisheiten: „Seit es die Menschheit gibt, kennt sie Krebserkrankungen“, „Krebs zu heilen, ist seit Langem eine Vision der Medizin.“

Handwerklich ist auch das für ein Qualitätsblatt unter Standard. Noch mehr sind es begriffliche Unschärfen wie die rund um „Wirkstoffe“ und „Mittel“. Eines davon soll angeblich dem US-Präsidenten Ronald Reagan das Leben gerettet haben:

1985 erregte ein solches Mittel Aufmerksamkeit in der Onkologie: Damals wurde der ehemalige US-Präsident Ronald Reagan wegen eines bösartigen Tumors im Dickdarm operiert. Man fürchtete, dass der Krebs wiederkommen und Metastasen in anderen Organen bilden würde. Nach der Operation verordneten ihm seine Ärzte eine veränderte Ernährung und empfahlen ihm viel Brokkoli. Reagan lebte danach noch 19 Jahre, der Krebs kam nicht wieder. Wie viel Einfluss seine neue Diät daran tatsächlich hatte, ist unklar. Aber: Seitdem werden Brokkoli und seine Inhaltsstoffe intensiver erforscht.

Aber Brokkoli ist weder ein Wirkstoff noch eine Arznei noch ein Medikament, wie es der Gebrauch des Wortes „Mittel“ hier nahelegt. Und Reagan war 1985 der amtierende Präsident, falsche Perspektive (hallo, Redaktion?)

 

Was geholfen hat: eine radikale Darmoperation

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Auch die zeitliche Logik stimmt nicht.

Hier hat sich das Ressort Dokumentation und Recherche bei Quarkundso.de ins Zeug gelegt: Die ersten Beobachtungsstudien und Spekulationen zu Kohl und Darmgesundheit gibt es mindestens schon seit den 1970er Jahren, nicht erst seit der Darmoperation des Ronald Reagan.

Sonst wäre ja niemand auf die Idee gekommen, den Tipp mit der Brokkoli-Diät zu geben.

1985, als der Präsident operiert wurde, war aber nicht von Kohlsorten die Rede, sondern davon, dass die Aussichten des Patienten sehr gut waren: Er hatte keine Metastasen und er stimmte einer radikalen Operation zu – 60 Zentimeter seines Dickdarms schnitten die Ärzte heraus, fast zwei Drittel.

Bei dem Krebstyp, der im Darm von Reagan saß, standen daher laut seinem damaligen Chirurgen die Überlebenschancen bei 98 Prozent, berichtete der Spiegel schon damals, 1985.

 

Ronald Reagan: Darmpolyen trotz Brokkoli

2004 starb Reagan, 93 Jahre alt. Erst dann hätte man, wenn überhaupt, davon reden können, dass die ominöse Gemüsekur einen neuen Darmkrebs verhindert hat. Nicht schon 1985.

Doch auch die 19jährige Beobachtungsstudie an einem einzelnen Patienten macht den Kohl nicht fett: Trotz Brokkoli-Diät hat Ronald Reagan nach der großen Operation weitere Polypen bekommen, berichtet der amerikanische Medizinprofessor Allen B. Schwartz von der Drexel University 2017. Er hat die Krankengeschichte aufgearbeitet.

Laut Schwartz beachtete man nach der Operation das Risiko des Präsidenten: In dessen Familie war Darmkrebs schon vorgekommen. Daher untersuchte man Reagan nach der Operation 1985 regelmäßig und entdeckte die neuen Polypen früh. Sie wurden herausgeschnitten, bevor sie bösartig werden konnten.

Mediziner in den USA schreiben die lange Lebenszeit von Ronald Reagan daher vor allem den Operationen und dem Fortschritt der Chirurgie zu, darunter die stolzen Militärärzte der Navy, die den Präsidenten operiert hatten.

 

Kohl, Kitsch und Hoffnung

Die Legende vom Krebskiller Brokkoli und Ronald Reagan geistert trotzdem durch das Internet, vor allem auf Vegetarierportalen. Das ist kein Wunder.

Als Quelle für die Story lässt sich in Deutschland interessanterweise eine einzelne Forscherin ausmachen: Ingrid Herr. Sie hat die Geschichte vom Brokkoli für eine Patientenpostille verfasst, und die Journalistin von der ZEIT hat die Sache eins zu eins übernommen.

Für einen ebenso kitschigen wie irreführenden Aufhänger ist die Sache gut, was es mit dem Kohl aber wirklich auf sich hat, offenbart sich im hinteren Teil des ZEIT-Artikels: Nicht so viel.

Denn Frau Herr forscht schon lange am Gemüse, auch andere tun das seit den 1970er Jahren. Aber ein Medikament gegen Tumore ist nicht in Sicht. Ausnahmslos alle Expertinnen, die die ZEIT-Autorin interviewt hat, einschließlich Ingrid Herr selbst, betonen daher, dass man Krebskranken keine Hoffnung auf ein Kohlwunder machen sollte.

Auch das Deutsche Krebsforschungsinstitut, das DKFZ in Heidelberg, winkt ab: Brokkolipillen, Kohlpulver oder Rosenkohlkuren heilen oder verhüten Krebs nicht und es ist unabsehbar, ob das jemals der Fall sein kann.

Wie das Investigativ-Ressort von Quarkundso.de herausgefunden hat, musste Kronzeugin Herr sogar eine Warnung auf die Seite ihres Instituts stellen, um verzweifelte Patienten zu beruhigen. Die stürmen nämlich die Uniklinik Heidelberg, weil sie sich der Kohlforscherin und ihrem Brokkoli-Extrakt Rettung erhoffen.

PATIENTENINFORMATION

Screenshot von der Seite der Universitätsklinik Heidelberg mit Text der Patienteninformation von Prof. Dr. Ingrid Herr.

ZU DEM BROKKOLI-INHALTSSTOFF SULFORAPHAN UND WEITERE WERTVOLLE TIPPS FÜR EINE GESUNDE ERNÄHRUNG

Sehr geehrte Patientin, sehr geehrter Patient,

herzlichen Dank für Ihr Interesse an unserer Forschungsarbeit zu dem Brokkoli-Inhaltsstoff Sulforaphan. Bevor wir Ihnen an dieser Stelle Informationen über Nahrungsmittel mit Sulforaphan und weitere interessante Fakten rund um das Thema Ernährung und Krebs zu Verfügung stellen, müssen wir Sie darauf hinweisen, dass wir die Wirksamkeit gegen die besonders aggressiven Tumorstammzellen des Bauchspeicheldrüsenkrebs erst in Laborversuchen zeigen konnten.

Auch wenn die vorliegenden Ergebnisse vielversprechend sind, können Sie erst in die Behandlung von Krebspatienten überführt werden, wenn ausreichend Daten aus Studien mit Patienten vorliegen. Unabhängig von den erwarteten Studienergebnissen können Sie Sulforaphan über die tägliche Ernährung aufnehmen.

Das hat die Professorin jetzt von ihrer guten Pressearbeit.

 

Darmkrebs: Brokkoli und Kohl heilen nicht

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Ansonsten beschäftigt sich Ingrid Herr nicht mit Darmkrebs, und sie ist auch keine Ärztin oder Expertin für Ernährung. Sie ist studierte Biologin und auf einzelne Signalwege von Tumorzellen spezialisiert, vor allem beim Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Daran untersucht sie, ob und wie bestimmte Inhaltsstoffe von Gemüse oder Obst die Zellen anfälliger für eine Chemotherapie machen. Ihr Ziel ist es, die Chemotherapie zu verbessern.

Mehr nicht – und das ist viel wenn Krebs das Leben bedroht.

Aber gerade weil es um Menschenleben geht, empfehlen bisher weder die Leitlinien für die Behandlung von Darmkrebs noch andere Krebs-Leitlinien Brokkoli und Rosenkohl.

Sie empfehlen ganz andere Dinge: Abnehmen. Nicht rauchen. Auf Alkohol verzichten.

Das sind die größten Risikofaktoren sowohl für Darm- als auch für Bauchspeicheldrüsenkrebs und weitere Krebsarten. Dann noch regelmäßige Früherkennung – und im Ernstfall heißt es ab auf den Operationstisch und rein mit der Chemiebombe in den Körper.

Wenn das noch geht.

 

Die Pharmaindustrie ist Schuld

Aber die Naturfreunde geben nicht auf. Nachdem der ZEIT-Artikel mit großen Versprechungen begonnen hat, endet er mit ernüchternden Fakten. Die aber will die Redaktion nicht stehen lassen.

Am Schluss, nachdem alle Hoffnung auf rettenden Kohl dahin ist, beharrt daher die Autorin:

„Auch wenn bisher nicht erwiesen ist, dass Brokkoli und Co. vor Krebs schützen oder bei der Behandlung hilfreich sind: Gesund sind Blumenkohl, Brokkoli und Senf sowieso.

Vor dieser Binsenweisheit watschen Autorin und Expertinnen im Beitrag noch die Pharmaindustrie ab: Die werde sicher nicht große Studien mit Kohl aufsetzen, um ein echtes Medikament zu entwickeln. Für die Konzerne lohne sich das nicht, weil sich Brokkoli und andere Naturstoffe nicht patentieren lassen und kein großes Geld zu machen ist.

Noch eine Plattitüde, und dazu ein Schlenker, der ziemlich weh tut.

Denn Ingrid Herr arbeitet gezielt daran, die Chemotherapie zu verbessern – ohne Pharmaindustrie gäbe es die nicht. Eines der Krebs-Medikamente, deren Wirkung zusammen mit Kohlextrakt Ingrid Herr untersucht hat, ist Sorafenib. Entwickelt hat das der Pharmariese Bayer AG.*

 

Was vor Krebs wirklich schützt

Wenn Brokkoli selbst so ein vielversprechender Kandidat wäre, könnte, ja, müsste doch der Staat einsteigen, oder die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG), die sich aus Steuergeld finanziert.

Doch auch die DFG fördert keine Kohlforschung im großen Stil – schlicht, weil Gemüse zwar irgendwie gesund ist. Aber gegen Krebs hilft kein Kohl.

Vorbeugen, ja, das kann man allerdings – mit einem möglichst gesunden Lebensstil: Normalgewicht, genügend Bewegung, vernünftige Mischkost, wenig Alkohol, nicht rauchen.

Das Patent darauf hat Oma.

©Johanna Bayer

 * Disclaimer: Die Chefredakteurin ist mit dem Konzern weder verwandt noch verschwägert. Leider. Auch steht sie nicht auf dessen Gehaltsliste. Das ist wiederum Absicht.

 

Artikel „Krebsvorsorge: Mit Brokkoli gegen Krebs“ in der ZEIT, Ressort Wissen

DER SPIEGEL 1985 über die Darmkrebsoperation von Ronald Reagan

 

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ZEIT online über Alkohol in Zeiten von Corona: Wir können nicht anders! Wirklich?

Ohne Schnaps, Bier und Wein geht in der Pandemie nichts, behauptet ein Autor bei ZEIT online – und das sei in Ordnung so. Um seine Thesen zu untermauern, biegt er sich Zahlen zurecht, am Ende plädiert er für Alkohol als letzte Rebellion gegen das Corona-Korsett. Quarkundso.de rät: Wer trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

Beitrag vom 16.3.2021

Bild: Peter Ivey Hansen / Unsplash

Es kann hier nicht immer nur um Essen gehen. Daher dreht sich dieser Beitrag ums Trinken, also um Alkohol.

Alkohol, dieser große Tröster, das gnädige Gift, das Herzblut der abendländischen Kultur, weil schon ihr oberster Chef Wasser in Wein und Wein in Blut verwandelt hat, weswegen seinen Anhängern gerne Kannibalismus vorgeworfen wird.

Alkohol also. Ob, warum, wie lange man darauf verzichten kann oder sollte, ist regelmäßig Thema in Genusskolumnen, besonders jetzt, in der Fastenzeit.

Und Genusskolumnen sind immer für das Trinken. Immer.

Ihr Strickmuster ist ein ewiger Dreischritt: Jemand bekennt, dass er – oder sie – trinkt. Regelmäßig. Auch mal mehr als gut ist.

 

Nicht-Trinker als freudlose Asketen

Im Hauptteil, wo es um Begründungen und Argumente geht, fragt er oder sie, warum man sich das nicht gönnen sollte und wer eigentlich etwas dagegen hat. Jaja, Trinken ist nicht gut. Wir kennen die Zahlen, hier, wir leiern sie pflichtschuldigst herunter, zitieren Drogenbeauftragte und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Aber mal ehrlich – brauchen wir nicht alle spätestens am Abend was zu trinken? Als Lichtblick im Jammertal des Lebens, nach nerviger Kinderbetreuung und stressigem Job? Löst der Götterstoff nicht Herz und Zunge beim Date, unter verstummten Paaren, wiegt er nicht sanft in den Schlaf?

Also bitte. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, im Übrigen sind Nicht-Trinker freudlos, verkniffen und haben keine Freunde.

Am Ende steht immer fest: Alkohol ist Privatsache, wie ich mich vergifte, entscheide ich selbst. Außerdem gehört der Rausch zum Leben und verbieten lassen wir uns sowieso nichts.

 

Corona: Ist Alkohol die Lösung?

Diese Schablone für Genusskolumnen aus dem Baukasten der Liberalen und Libertären ist universell: Für Alkohol kann man auch Rauchen, Computerspiele, Facebook, Roulette, Sex, Pornos, Essen, Übergewicht, Haschisch, Fleisch, Süßigkeiten oder Bingewatching von Netflix-Serien einsetzen.

Den klassischen Aufbau ziehen alle Kolumnisten durch, neulich auch einer in der Zeit. Da ging es ums Trinken in der Pandemie. Angeblich trinken „wir“ (alle) seit Anfang 2020 mehr, öfter und früher am Tag als je zuvor – weil Trinken Freiheit bedeutet:

Ständig sprechen wir darüber, was, wie viel und wann wir trinken – und ob das noch im Rahmen ist. Kein Wunder: Zu trinken ist eine der letzten Freiheiten im Lockdown.

Alkohol wird laut Autor Jakob Pontius sogar zum „Grundrauschen der Pandemie“, die „nüchtern kaum zu ertragen“ ist (so ein anderer Zeit-Titel zum Thema).

Und angeblich reden „wir“ auch nur noch von Alkohol, über das Glas Wein „als Tageshighlight, auf das man hinarbeitet“: „Wir trinken und trinken – und reden ständig darüber.“

Abgesehen von dem populistischen, übergriffigen Eingemeinden der Leser ist das mit dem „wir alle“ und „immer mehr“ schon eine sehr steile Annahme. Dafür müsste es eigentlich Zahlen geben – Verkaufsstatistiken zu Bier, Schnaps und Wein, zum Beispiel. Doch im Hauptteil des Beitrags wird es damit dünn.

 

Die Statistik gibt es nicht her

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Denn die Zahlen der Getränkeindustrie belegen nicht, dass in der Pandemie im großen Stil mehr getrunken wird: Die Bierbrauer haben Minus gemacht, der Weinabsatz im Handel zeigt nur sechs Prozent Steigerung für das ganze Jahr 2020, wie das Deutsche Weininstitut berichtet.

Das ist, gemessen an vier Monaten Lockdown 2020 und einem Umsatzeinbruch in der Gastronomie von 38 Prozent, nicht viel.

Mit anderen Worten: Etwas mehr Wein wurde im Vergleich zum Vorjahr zwar von Privathaushalten gekauft. Aber dafür fielen Restaurant- und Barbesuche weg, und dazu die Urlaubsreisen in andere Länder. Dort wird zwecks Erholung bekanntlich gerne und viel getrunken, das mussten die Deutschen 2020 wohl oder übel zuhause tun.

Scheinbar haben sie sich dabei ziemlich zurückgehalten, wie die mageren sechs Prozent Jahresplus im Handel zeigen.

„Ein Blick auf die Umsatzzahlen in der Getränkebranche liefert zunächst ein widersprüchliches Bild“, räumt Genussautor Pontius widerstrebend ein – ehrlicherweise hätte er sagen müssen, dass die Zahlen seine Annahme einfach nicht stützen.

Dann aber bricht auch die These zusammen – dass es völlig in Ordnung ist, zu trinken, dass „wir“ trinken müssen, und zwar mehr als sonst.

 

Was die Zahlen wirklich sagen

Also gibt er nicht auf, alternative Fakten müssen her. Die findet Pontius in einer Auswertung vom letzten Jahr. So verweist er darauf, dass im zweiten Quartal 2020 von April bis Juli ganze 12,8 Prozent mehr Wein verkauft wurden, und zwar „trotz geschlossener Restaurants“. Als Beleg verlinkt er auf eine österreichische Weinseite.

Österreich? Nanu? Nicht selbst in Deutschland recherchiert?

So oder so, der Beleg taugt nicht. Denn erstens wurde im Frühling mehr Wein in Supermärkten und Weinläden verkauft, weil die Restaurants geschlossen waren. Nicht „trotz geschlossener Restaurants“.

Exakt so steht es auf der Seite von „Der Winzer.at“, von der ZEIT als Quelle verlinkt.

Zweitens aber erläutert die Redaktion des Fachportals die Zahlen und zitiert dazu das Deutsche Weininstitut: „Rund vier Prozent mehr Haushalte hätten aufgrund des Lockdowns in der Gastronomie mehr Wein eingekauft als im Vorjahresquartal, erläutert DWI-Geschäftsführerin Monika Reule.“

Aha, vier Prozent der Haushalte. Das ist nicht so viel.

 

Auch der Schnapskonsum nimmt ab

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Bleibt noch das Hochprozentige. Aber die Spirituosenbranche erwähnt Pontius sicherheitshalber nur am Rande. Die kann nämlich sein Sittengemälde von „Trinken gegen Corona“ erst recht nicht stützen: Seit Jahren stagniert der Konsum von harten Sachen.

Es gibt einen auffallenden Trend zum bewussten, gemäßigten Trinken, dem „Mindful Drinking“. Der größte Boom in der Branche gehört gerade den alkoholfreien Drinks, so eine repräsentative Umfrage des Rumherstellers Bacardi von Januar 2021.

Schon im Mai 2020, nach der ersten Infektionswelle, beklagten die Schnapsbrenner, dass Corona ihre Umsätze zusätzlich bremst, nicht steigert. Die Einkäufe der Privathaushalte machten den Ausfall durch die geschlossenen Bars nicht wett.

Das galt auch in der zweiten Jahreshälfte, als im Lockdown vor Weihnachten das lukrative „Jahresendgeschäft“ ausfiel, wie das Fachblatt Lebensmittelpraxis berichtet.

 

Es geht um Sucht

Aber in den Genusskolumnen der Libertären geht es nicht um Fakten. Es geht um ein festes Weltbild vom Menschen als Triebtäter.

Und um die ganz großen Fragen, an erster Stelle steht natürlich die Freiheit. Dann ist da der Rausch als Menschenrecht, und dahinter steht eine angenommene conditio humana, die lautet: Wir können nicht anders.

Auf der Suche nach Belegen für den naturgegebenen Rausch muss Pontius aber von hinten durch die Brust ins Auge. Erst wirft er sich auf eine größer angelegte internationale Umfrage, den Global Drug Survey, dann auf eine Umfrage von Suchtforschern des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim.

Drogen. Sucht.

Da müsste es eigentlich geklingelt haben, im Hirn des Krisen-Trinkers Pontius. Denn die Studien, die er zitiert, haben einen bestimmten Hintergrund. Sie wollen Risikogruppen identifizieren, sie sprechen Menschen an, die ohnehin regelmäßig Drogen, auch harte, konsumieren.

Und den gepflegten Alltagskonsum der Normalverbraucher geht es nicht.

 

Manche sind gefährdet

In der Pandemie gefährdet: Menschen mit problematischem Alkoholkonsum. / Bild: Hayes Potter – Unsplash

Die Teilnehmer dieser Studien sind auch nicht repräsentativ ausgewählt, sie bilden nicht die Bevölkerung ab.

Stattdessen sind es Betroffene, die sich freiwillig melden, wenn sie sich bei der Frage: „Konsumieren Sie seit Corona mehr oder regelmäßig Drogen?“ angesprochen fühlen.

Das ist im Design von Studien schon ein Unterschied. Doch nicht einmal in diesem Kollektiv zeigen die Ergebnisse, dass „alle“ immer mehr „trinken und trinken“.

Stattdessen zeigen sie, wie man in den verlinkten Quellen nachlesen kann, dass die Mehrheit der Befragten seit Beginn der Pandemie gleich viel oder sogar weniger Alkohol trinkt.

In der deutschen Studie des ZI Mannheim sind das ganze 62 Prozent der Teilnehmer.

Speziell die Suchtforscher, die Pontius zitiert, erklären dazu, dass „manche Menschen“ in der Pandemie viel mehr Alkohol trinken – manche. Es ist nicht die Mehrheit, es ist nur ein gutes Drittel. Und ganze acht Prozent haben in der Umfrage des ZI Mannheim im Frühjahr 2020 angegeben, dass sie „viel mehr trinken“.

Das ist eine Minderheit. Doch diese Minderheit ist gefährdet, weil ihr Verhalten auf Sucht hinweist.

Die Expertengruppe aus Mannheim spricht die Gefahren dieses Verhaltens an: Risikogruppen, nämlich Menschen, die vorher schon regelmäßig oder viel Alkohol getrunken, die geraucht oder andere Suchtmittel genommen haben, brauchen in der Pandemie Hilfe.

Und ja, Pandemien sind ein Nährboden für Süchte. Gemeint ist: Süchte, die schon bestehen. Nicht: In der Corona-Pandemie werden Menschen reihenweise süchtig – „wir alle“, der Wunschtraum der Libertären zwecks Rechtfertigung ihres Menschenbildes.

 

„Wir sind alle kleine Sünderlein“

Pontius hat also wieder Pech gehabt – auch Studien und Umfragen bestätigen seine Thesen nicht. Aber es gibt ja noch den Expertentrick: eine Autorität zitieren, die die eigenen Spekulationen untermauert.

Dazu fragt Pontius niemanden, der sich mit Drogen, Sucht, Trinken, Alkohol auskennt, zum Beispiel aus der Suchtforscher-Gruppe im ZI Mannheim. Das wäre naheliegend gewesen, die hätten ihm auch gleich ihre Umfrage erklären, die Zahlen von 2020 einordnen und den neuen Stand 2021 durchgeben können.

Nein, Pontius fragt lieber einen Genuss-Soziologen. Über die – im Übrigen falsch verstandene – Plattitüde von „Wir sind alle kleine Sünderlein“ geht dessen Antwort nicht hinaus.

Das reicht dem Essayisten. Es ist systemstabilisierend, unkritisch, erklärt nichts und rechtfertigt jede Art von Rausch. So muss er weder seine eigenen Spekulationen noch seine Annahmen über die Gründe des Trinkens in Frage stellen.

Er kann bei seiner Nabelschau mit Pseudo-Belegen bleiben und sich am Ende nochmal als Corona-Trinker outen:

„Ich rechne mich zu den sozialen Trinkern, die auch ohne große Runden weiterhin Anlässe finden, ein Glas Wein einzuschenken – und das ist in Ordnung.

Denn der Alkohol ist nicht nur Quälgeist, nicht nur Fiepen im Ohr. Wenn die Welt schließt, die Kultur verstummt, das Reisen verboten wird oder wenigstens unangebracht ist, dann ist moderates Trinken ein letzter Zipfel Freiheit.

Was vorher schon galt, wird jetzt noch einmal deutlicher: Kontrolle heißt nicht automatisch Verzicht, Leben nicht automatisch Gesundheit.

Ich kann mich auch bewusst für eine maßvolle Dosis Gift entscheiden.

Das ist meine trotzige kleine Rebellion gegen das notwendige Korsett der Corona-Einschränkungen: der kontrollierte Kontrollverlust.“

Dabei zählt Pontius sich und seine Freunde übrigens nicht zu den Gefährdeten, obwohl er schildert, wie seine Gedanken ständig um den Alkohol kreisen oder wie sich eine Kollegin statt Tee neuerdings „hochprozentige Mischgetränke“ in die Thermoskanne füllt. Dieses Verhalten könnte in einem Test für riskanten Alkoholkonsum schon als problematisch durchgehen, kleiner Tipp. Den Link zum Selbsttest gibt es natürlich als Service am Ende.

 

Trinken. Aber nicht darüber schreiben

Mit seinen Bekenntnissen hat der Autor das Klischee der Genusskolumne jedenfalls ganz durchgespielt.

Leider konterkariert er nebenbei auch die Bemühungen der Ärztinnen, Psychologen, Suchtexperten, Präventionsmediziner – der Menschen, die ihre Kraft dem Kampf gegen Sucht und Drogenmissbrauch zu widmen.

Auf deren Studien verlinkt er zwar in dem Versuch, seine falschen Annahmen zu stützen. Ihre Bemühungen, auf die Gefahren des Drogen- und Alkoholkonsums in der Pandemie hinzuweisen, wischt er danach aber vom Tisch, denn Trinken ist ja „in Ordnung“.

Nun könnte einem dieses unbefangene Geklittere von Daten, Befunden und Zitaten, dieses Zurechtbiegen von Zahlen und Studien zugunsten einer feuilletonistischen These egal sein, hätten wir nicht eine Pandemie.

Wir haben aber eine. Und wir haben Alkohol und Drogen, wir haben Gewalt in Familien, wir haben Milieus, die durch noch mehr Alkohol und Drogen im „Kontrollverlust“ noch gefährlicher werden, zum Beispiel für Frauen und Kinder.

Da wäre es schön gewesen, wenn man sich am Ende zum – moderaten? – Alkoholkonsum bekennt, ohne ihn mit querdenkerischen Parolen von „Rebellion“, „Korsett“ und „letzte Freiheit in Zeiten von Corona“ zu versehen.

Mit anderen Worten: Wer in Zeiten der Pandemie trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

 

©Johanna Bayer

 

Alkohol ist der Tinnitus der Pandemie – Artikel bei ZEIT-Online mit Links zu Quellen.

Das Deutsche Weininstitut mit den Zahlen zum Corona-Jahr 2020

Selbsttest zum Alkoholkonsum der BZgA  – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 

Übrigens: Alkohol schwächt das Immunsystem. Wer seinen Körper gegen Corona stärken will, tut also gut daran, weniger zu trinken, Quarkundso.de berichtete.

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Der Pressetext zum neuen DGE-Report: Essen die Deutschen wirklich gesünder?

Eine Pressemitteilung der DGE zum 14. Ernährungsbericht verleitet Redaktionen dazu, von „gesundem Essen“ zu schreiben. Aber in Wahrheit essen die Deutschen laut Report gar nicht gesünder – Quarkundso.de übernimmt.

(Beitrag vom 2.2.2021)

Glasschüssel mit Salat, umgeben von kleinen Schüsseln mit Erdbeeren, Pilzen, Trauben, Nüssen, Rotkraut, Tomaten, Weißkohl

Obst und Gemüse sind gesund – irgendwie. Bild: silviarita / Pixabay

In den ersten Wochen des Jahres kommen immer die ganz großen Themen: Was essen wir? Was ist gesunde Ernährung? Wer ist gesund, weil er oder sie oder dies oder das isst – oder nicht isst? Ist man auch gesünder, wenn man gesünder isst?

Und hören die Menschen auf Ratschläge dazu, was gesundes Essen ist?

Anlass zu diesen Fragen gibt nicht nur das neue Jahr, sondern auch der 14. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, DGE. Alle vier Jahre soll der Report erfassen, was hierzulande so auf den Tisch kommt, und jetzt ist der neue am 24.11.2020 erschienen.

Ergebnis: „An einigen Punkten“, so die Pressemitteilung der DGE, habe sich die Ernährungssituation „verbessert“. Insgesamt aber – eigentlich nicht.

Denn die Deutschen werden ungebremst dicker, zeigt der Bericht. Und auf die Ernährungsratschläge der DGE hören sie auch nicht. Das ist die wichtigste Botschaft, nachzulesen in der Pressemitteilung der DGE vom 24.11.2020.

 

Gesundes Essen, ungesundes Gewicht

Das ist ein eher mageres Ergebnis. Denn was nützt gesundes Essen – was auch immer das sein soll – wenn man davon dick wird?

Und wenn der Genuss von Schweinefleisch „erfreulicherweise“ zurückgeht, wie es in der DGE-Pressemitteilung heißt: Was hilft das, wenn der Anteil der Übergewichtigen und Fettleibigen in Deutschland steigt?

Falls es da überhaupt einen Zusammenhang gibt, wäre der einzige Schluss, der daraus zu ziehen ist, dieser: „Aha, Schweinefleisch ist nicht Schuld am Übergewicht!“.

Aber das folgert natürlich niemand.

Stattdessen freut sich die DGE über „mehr Gemüse“. Doch da ist es wieder: Was nützt mehr Gemüse, wenn die Deutschen noch dicker werden? Übergewicht ist das Problem: Hohes Körpergewicht gehört zu den größten Risikofaktoren für Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Arbeitsunfähigkeit und eine ganze Reihe von Krebsarten.

Dagegen haben Normalgewichtige, ganz gleich, was sie essen, ein wesentlich geringeres Risiko, an diesen Erkrankungen zu leiden oder zu sterben. Das haben große Studien ergeben, darunter die Nurses Health Study aus den USA.

Zudem sagen Konsumzahlen, wie sie der Ernährungsbericht der DGE anhand der Agrarstatistiken erhebt, nichts über die Ursachen von Krankheiten in der Bevölkerung.

Oder über Übergewicht. Oder über den Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Übergewicht. Oder über die Verbindung von Essgewohnheiten und Übergewicht.

 

Gute Stimmung ist alles

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Die von der DGE wissen das natürlich.

Deshalb formulieren die Forscher ihre Erkenntnisse sehr vorsichtig: In ihrer ausgeklügelten Pressemitteilung vermeiden sie es, von „gesund“ oder „gesünder essen“ zu sprechen.

Ganz sein lassen können sie es aber nicht. Denn die Verbindung von „essen“ und „gesund“ ist im Hirn der Deutschen so fest verdrahtet wie die von „Sommer“ und „Grillabend“.

Daher schlagen die Autoren der Pressemitteilung einen populistischen Haken und stellen an den Anfang das, was das Volk unter „gesünder essen“ versteht:

„Mehr Gemüse, Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetees, weniger Schweinefleisch und Alkohol – die Ernährungssituation in Deutschland hat sich in einigen Punkten verbessert“,

lässt sich Helmut Heseker, Chef des wissenschaftlichen Präsidiums der DGE, zitieren.

Damit war der Trigger gesetzt und die Redaktionen sprangen darauf an.

 

Keine weiteren Fragen

Blätter und Portale übernahmen die Pressemitteilung der DGE komplett und dichteten – natürlich – etwas mit „gesund“ dazu. Niemand fasste nach.

Die ZEIT etwa, die es nun wirklich hat – Geld, Recherchepower, Mediziner in der Redaktion – schrieb:

Bürger essen gesünder – und werden trotzdem immer dicker.
Mehr Gemüse, Tee und Wasser, weniger Schweinefleisch: Auf Deutschlands Esstischen hat sich einiges getan. Die Quote der Übergewichtigen aber steigt laut einer Studie.

Schade, dass einem Leitmedium wie der ZEIT nichts weiter einfällt, als den Text der DGE abzudrucken und nicht selbst zu recherchieren, was genau hier „gesünder“ sein soll – ganz davon abgesehen, dass sich keineswegs „einiges getan“ hat, auf den Tellern.

Dem Bayerischen Rundfunk, ebenfalls Qualitätsanbieter, war der Pressetext auch nur einen Abguss wert:

Deutsche essen etwas gesünder, werden aber immer dicker
Mehr Gemüse, aber weniger Obst; mehr Mineralwasser und weniger Alkohol: Die Deutschen ernähren sich etwas gesünder, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) in ihrem aktuellen 14. Ernährungsbericht. Aber das reicht den Experten nicht.

Im folgenden Artikel gab es wieder nur die Pressemitteilung der DGE. Über die Verbindung von Verkaufszahlen aus der Agrarstatistik mit Übergewicht oder Gesundheit wollte auch beim BR niemand nachdenken.

Dabei ist die Annahme, dass etwa ein höherer Gemüseanteil bei verkauften Lebensmitteln automatisch die Volksgesundheit hebt, bloße Fiktion.

 

Zahlen sind Schall und Rauch

So essen die Deutschen heute doppelt so viel Gemüse pro Kopf und Jahr wie 1960: Damals waren es knapp 50 Kilo, heute sind es laut DGE-Bericht rund 104 Kilo.

Aber viel hilft nicht viel – in derselben Zeit ist nämlich die Zahl der Übergewichtigen, Adipösen und Diabetiker vom Typ 2 ebenso gestiegen wie der Gemüseverzehr: Seit 1960 erhöhte sich die Zahl der Übergewichtigen unter den Männern auf jetzt rund 60 Prozent, dazu gibt es heute mehr als doppelt so viele schwer Fettleibige unter den Deutschen.

Die Übergewichtigen werden aber nicht nur mehr, sie werden auch dicker: der durchschnittliche BMI in der Bevölkerung steigt und unter den Adipösen gibt es mehr extrem Fettleibige.

Das veranlasste die DGE jetzt zu einem düsteren Befund: Bei Männern ist inzwischen „Übergewicht der Normalzustand“, so Helmut Heseker in der Pressekonferenz vom 24.11.2020.

So schlimm stand es übrigens schon beim letzten Mal, als der Ernährungsbericht von 2017 herauskam, die Nummer 13: „Die Deutschen sind so dick wie nie“ musste die DGE feststellen, und zwar trotz viel Gemüse (Quarkundso.de berichtete).

 

Frustrierendes Ergebnis

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Nicht einmal klimafreundlicher oder nachhaltiger isst das Volk, zeigt der neue Bericht noch dazu. Denn der Gesamtverzehr von Fleisch ist auch im Jahr Zwei nach Greta gleich geblieben:

Die Konsumzahlen verzeichnen zwar weniger Schwein, dafür aber mehr Rind-, Kalb- und Geflügelfleisch. Insgesamt bleibt es daher bei den rund 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr.

Das ist nicht gerade das, worauf Klimaschützer gehofft haben.

Ärgerlicherweise hat Schweinefleisch aber einen besseren CO2-Fußabdruck als Rindfleisch. Es ist also nichts gewonnen, wenn statt Schnitzel mehr Steaks auf den Tisch kommen.

So verfehlt die DGE gleich mehrere Ziele: dass die Deutschen endlich „pflanzenbetont“ essen, dass sie abnehmen oder wenigstens nicht weiter zunehmen, und dass sie sich an die 10 Regeln der DGE halten – frustrierend für die Ernährungshüter.

 

Die Lage ist dramatisch

Aber es ist nicht nur frustrierend. Es ist eine Katastrophe, wenn man sich die Zahlen zum Übergewicht genauer ansieht, die der neue Bericht Nr. 14 ebenfalls liefert.

Besonders die Angaben zu Schwangeren und jungen Müttern sind alarmierend: Fast 40 Prozent der Schwangeren brachten in der Erstuntersuchung zu viele Kilos mit und waren übergewichtig oder adipös.

In der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren, in der viele Frauen inzwischen Kinder zur Welt bringen, sind es 42 Prozent – fast jede Zweite, und der Trend geht nach oben. Auch steigt der Anteil der schwer Übergewichtigen mit BMI über 30.

Das ist dramatisch. Denn eine übergewichtige Schwangere prägt über ihren vom Übergewicht gestörten Stoffwechsel das Kind schon im Mutterleib. Auch Diabetes Typ 2 in der Schwangerschaft ist eine Folge des Übergewichts, ebenfalls mit fatalen Auswirkungen auf das Ungeborene.

 

Dauerhaft erfolglos

Dass sich daran nichts tut, dass die Welle des Übergewichts wieder nicht gebrochen werden konnte, wirft unangenehme Fragen auf: Warum verfangen die Ernährungsratschläge nicht?

Warum hält sich niemand daran, warum gelingt es nicht, die Menschen zu einem vernünftigen Essverhalten zu bewegen – so dass sie gar nicht erst dick werden?

Sind die Ratschläge vielleicht nicht die richtigen, muss man anders vorgehen? Auf alle diese Fragen gibt der Ernährungsbericht keine Antworten.

Es wäre unfair, das den aufrechten DGE-Forschern vorzuwerfen. Schließlich beißt sich die ganze Welt an dem Problem die Zähne aus, und niemand hat eine Lösung.

Sich dann Themen zuzuwenden, die lohnender erscheinen, ist menschlich verständlich. Die DGE-Forscher stellten sich jedenfalls unter dem Stichwort „Prävention chronischer Erkrankungen“ nicht die Frage, wie Übergewicht als gefährlicher Risikofaktor zu verhüten wäre.

Stattdessen fragen sie im 14. Ernährungsbericht, wie das, was Menschen essen, mit bestimmten Krankheiten zu tun haben könnte. Dazu gibt es schon eine Menge Übersichtsstudien, bisher kam nicht so richtig was dabei raus.

Also hat es die DGE nochmal versucht.

 

Dünne Beweise, nichts Konkretes

Tisch, Notebook, Block und Stift, alles nah, Monitor im Anschnitt, unscharfe Statistiken und Felder

Viel Arbeit, mäßiger Erfolg: die DGE mit ihren Studien. Bild: Goumbik / Pixabay

Ein sogenannter Umbrella-Review, ein Überblick über 38 Übersichtsstudien, sollte zeigen, wie es wissenschaftlich steht: bei Gemüse und Schlaganfall, Obst und Herzinfarkt, Gemüse und Diabetes, Fleisch und Brustkrebs, Wurst und Darmkrebs.

Heraus kam – nicht viel: Die Beweislage für konkrete Zusammenhänge zwischen Lebensmitteln einerseits und Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs andererseits ist und bleibt dünn.

Sie ist sogar so dünn, dass keine konkreten Mengenangaben für Gemüse und Obst daraus abgeleitet werden können.

Oder gar so etwas wie ein Grenzwert für Fleisch und Zucker, den viele gerne hätten. Das stellen die DGE-Forscher am Ende ihres Berichts fest:

„Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die in dieser Arbeit identifizierten Studien bei der Bewertung der Metaevidenz maximal mit moderat abgeschnitten haben. Konkrete Zufuhrmengen lassen sich aus der vorliegenden Arbeit nicht ableiten, jedoch lässt sich untermauern, dass eine pflanzenbasierte Ernährung mit einem geringen Verzehr an Fleisch gesundheitsförderlich ist.“ (DGE-Ernährungsbericht 14, Seite 386)

„Moderat“ ist in der Forschung ungefähr so viel wert wie eine 4- in der Schule – nicht ganz ausreichend, eigentlich ungenügend.

Einzelbefunde in der Auswertung zeigen, dass sich durch mehr Gemüse etwa das relative Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, laut einigen Studien vielleicht um 12 bis 14 Prozent verringert.

Beim Darmkrebs konnte wiederum ein geringeres Risiko von 2 Prozent errechnet werden, pro 100 Gramm Gemüse mehr – das fällt eher unter statistisches Rauschen.

Bei Diabetes Typ 2 stellt die DGE fest, dass viel Gemüse und Obst das Risiko nicht wirklich verringern – kein Zusammenhang. Dasselbe gilt interessanterweise für rotes Fleisch und Diabetes, die Ergebnisse bei Fleisch und Wurst sind insgesamt uneinheitlich.

 

Risiko Übergewicht: überzeugend

Bei Übergewicht sieht die Sache anders aus: Hier gilt der Zusammenhang zwischen vermehrtem Körperfett und vielen Krankheiten als gesichert.

Er ist sogar so gut gesichert, dass pro BMI-Punkt mehr über dem Normalgewicht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ 2 eindeutig steigt.

Fünf Kilo mehr bedeuten 10 Prozent Risikoerhöhung, gibt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie bekannt. Ein Mann mit 15 Kilo Übergewicht hat es also schon mit einem 30 Prozent höherem Risiko gegenüber einem schlanken Pendant zu tun.

Für Diabetes Typ 2 ist Übergewicht eindeutig der wichtigste Auslöser. Bei Lungenkrebs ist zu viel Körperfett gerade dabei, dem Rauchen als Risikofaktor Nr. 1 den Rang abzulaufen: Die Raucher werden weniger, die Dicken mehr, so rückt Übergewicht als Grund für Lungenkrebs nach oben.

Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Krebsarten, für die die internationale Krebsforschungsagentur IARC 2016 bei Übergewicht eine statistisch gesicherte Risikoerhöhung festgestellt hat:

„Durch Übergewicht treten beispielsweise Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, Eierstockkrebs und das Multiple Myelom sowie Adenokarzinome im oberen Teil des Magens, der sogenannten Cardia vermehrt auf. Insgesamt weisen die Daten der von uns ausgewerteten Studien auf einen Zusammenhang von Dosis und Wirkung: Je stärker ausgeprägt die Fettleibigkeit ist, desto höher das Krebsrisiko.“ (Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg, DKFZ)

Im Vergleich dazu sind die paar Prozente an möglicher Schutzwirkung, die die DGE in ihrem neuen Bericht Gemüse oder Obst zuschreibt, unerheblich: Die wahre Gefahr droht durch Übergewicht.

Anders gewendet: Wer viel isst, wird dick, und das erhöht massiv die Risiken. Dass viel Gemüse oder Obst dabei schützen könnten, kann man vergessen. Zumindest, wenn man die Zahlen nüchtern betrachtet.

 

Normalgewicht als Ziel

Waage, Zeiger steht auf fast 120 Kilo, Beine im Anschnitt, nur Füße zu sehen

Essen, Wiegen, Abnehmen: aktiv das Gewicht steuern. Bild: Nancy Muriel / Pixabay

Angesichts dieser Lage fordert Quarkundso.de energisch, die Suche nach angeblich gesunden oder ungesunden Lebensmitteln sofort einzustellen.

Genug geforscht. Jetzt müssen Taten folgen.

Erstes Mittel: klare Worte.

Mündigen Bürgern ist die Wahrheit zumutbar: Übergewicht ist gefährlich und wer zu dick ist, kann sich nicht mit mehr Obst und Gemüse aus der Affäre ziehen.

Da gleicht sich nichts aus. Auch garantieren viel Gemüse und noch mehr Obst keine schlanke Linie.

Normalgewicht muss in den Vordergrund rücken – Normalgewicht halten als echter Wert, als Ziel bei der Ernährung. Jede und jeder sollte das aktiv anstreben.

An diesem Punkt sind die Ernährungsregeln der DGE bisher leider vage: „Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben“, heißt es in der Regel Nr. 10 lapidar.

Warum nicht: „Halten Sie Normalgewicht!“? Warum kann man Menschen nicht dezidiert raten, gar nicht erst dick zu werden?

Schließlich sind die meisten bis zum Erwachsenenalter noch in Form. Zur rechten Zeit aktiv das Gewicht zu steuern wäre daher wichtig. Entscheidend sind dafür bestimmte Zeitschwellen, zum Beispiel die zum mittleren Erwachsenenalter ab Ende 20, die rund um das Klimakterium ab Mitte 40 und die Zeit der Rente.

Doch weder in der Kurz- noch in der Langfassung der 10 Regeln taucht bei der DGE das Wort „Normalgewicht“ auf.

Quarkundso.de hat das schon 2018 moniert und angeregt, diese Regel eindeutig zu formulieren (hier nachzulesen, wird abgefragt): Normalgewicht als Ziel in die 10 Regeln!

Denn sonst bleibt es auch nach dem 14. Ernährungsbericht mit seiner aufwändigen Studienarbeit nur bei diffusem Rat: Gemüse und Obst sind irgendwie gut, Bratwurst und Haxen müssen nicht jeden Tag sein.

Aber das wusste schon Oma.

©Johanna Bayer

Pressetext der DGE zum 14. Ernährungsbericht, erschienen am 24.11.2020 

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Küchenzeile: Zigeunersoße und Mohrenkopf – was man noch sagen darf

Seit Jahren kommt immer wieder Kritik, jetzt prescht ein Hersteller medienwirksam vor: Knorr benennt seine „Zigeunersauce“ um. Was als politische Empfindsamkeit daherkommt, ist aber nichts als Marketing.

Beitrag von September 2020

Die Deutschen lieben das sogenannte Zigeunerschnitzel – trotz Kritik / Bild: Stockcreations

Knorr hat seine Zigeunersoße umbenannt. „Paprikasauce Ungarische Art“ soll die Tütenware jetzt heißen, andere Hersteller denken über „Balkansauce“, „Puszta-Sauce“ oder sonst irgendwas mit Paprika nach.

Eigentlich ist das keiner Erwähnung wert.

Aber die Aufregung war groß: Was ist schlimm an Zigeunersoße oder Zigeunerschnitzel? Darf man denn gar nichts mehr sagen? Empörte Sprachschützer warfen sich für einen Bestandsschutz in die Bresche, empfindsame Pädagogen pochten darauf, dass das Wort „Zigeuner“ rassistisch und diskriminierend sei und am besten ganz aus dem Wortschatz verschwindet.

Quarkundso.de äußert sich in dieser verzwickten Lage wie immer völlig neutral. Diesmal übernimmt die Chefredakteurin persönlich, die im Nebenberuf was mit Sprache gelernt hat. Zu irgendwas muss das ja mal gut sein.

Am Anfang  jeder nüchternen Betrachtung steht ein Blick aufs Reelle: Hersteller benennen ihre Produkte grundsätzlich nach Marketinggesichtspunkten – Namen sind ein Kalkül mit Klang und Konnotation.

Weil sie die Käufer ansprechen sollen, tüfteln Werbeagenturen für viel Geld die Bezeichnungen für neue Produkte oder Marken aus und prüfen, wie sie wirken.

 

„Raider heißt jetzt Twix – danke für nix“

Namen werden aber auch wieder geändert, wenn Verkaufsstrategen es für richtig halten.

Das passiert zum Beispiel, wenn ein Produkt international auf den Markt kommen soll und ein nationaler Name nicht mehr passt.

So geschah es einem Schokoriegel der Firma Mars, „Twix“ genannt, ab Ende der 1960er Jahre erhältlich – allerdings nicht in Deutschland.

Hier gab es die Süßigkeit erst seit 1976, unter einem anderen Namen.

1991 wollte der Hersteller das internationale „Twix“ auch in Deutschland einführen, doch die Kundschaft machte nicht mit: Bis heute hat hier niemand vergessen, dass der Riegel eigentlich „Raider“ heißt.

Dafür ist der Slogan „Raider heißt jetzt Twix“, mit dem Mars die Umbenennungskampagne führte, zum geflügelten Wort für Floskeln und viel Lärm um Nichts geworden.

Alle paar Jahr macht Mars in Deutschland jetzt Neuauflagen mit limitierten Raider-Riegeln, weil, wie die Firma erklärte, Retro-Produkte einen Riesenhype erfahren. Das ist kein Zufall.

 

Mohr im Hemd und Negerkuss

weiße Schale, zwei Schoko-Schaumküsse, früher "Mohrenkopf" oder "Negerkuss"

„Schokokuss“ ist ein gelungener Ersatz. Oder nicht?

Denn besonders wenn Namen schon lange bekannt sind, beharren die Konsumenten auf Vertrautem.

Leckereien ihrer Kindheit wollen sie so und nicht anders nennen; Negerkuss, Mohr im Hemd, Mohrenkopf, Zigeunerschnitzel.

In bayerischen Landgasthöfen kann ein gewisses Cola-Bier-Gemisch deshalb immer noch als „Neger“ bestellt werden.

Meist geschieht das unter viel Gejohle und mit Witzen über politisch korrekte Sprache.

Aber sind diese ebenso hergebrachten wie unbedachten Bezeichnungen ganz neutral? Oder zumindest „nicht böse gemeint“?

Und überhaupt: Darf man Speisen nach Randgruppen und deren Aussehen benennen? Die Frage wühlt neben der rein kaufmännische Entscheidung – neue Zielgruppe, neue Trends, neuer Name – tiefe Gefühle auf.

 

Zigeunerwagen TV auf Youtube

Plakat mit Schrift "Kölner ZIgeunernacht", 12.12.2019

Quelle: Maro Drom e.V.

Dass man Gruppen von Menschen nicht einfach fremde Etiketten aufkleben sollte, ist dabei weitgehend Konsens.

Wenn deutsche Sinti und Roma von anderen nicht „Zigeuner“ genannt werden wollen, sollte man darauf Rücksicht nehmen.

Trotzdem ist die Lage nicht eindeutig, denn auch unter den Sinti und Roma selbst gibt es verschiedene Ansichten zur Bezeichnung „Zigeuner“.

Anders als der Verband der deutschen Sinti und Roma e.V. hat zum Beispiel die Deutsche Sinti Allianz e.V. nichts gegen „Zigeuner“, sofern es neutral und als Gruppenbezeichnung verwendet wird.

Auch ein Kölner Sinti-Verein will den alten Namen positiv besetzen und veranstaltet regelmäßig „Zigeunerfestivals“, der eigene Youtube-Kanal heißt „Zigeunerwagen TV“.

Im Ausland ist der Name im neutralen Sinn noch häufig: französisch „tsiganes“, italienisch „zingara“, ungarisch „ciganyok“, den Wortstamm gibt es in Europa in vielen Sprachen.

Eine andere Wurzel ist spanisch „gitanos“ und englisch „gypsy“, ebenfalls eher unverdächtig.

 

„Eskimo“ geht wieder

Grönland-Bewohner: Ob das ein Inuit ist, weiß man nicht

Eine ungeliebte „Fremdbezeichnung“ kann sich im Nachhinein auch als neutraler Sammelname entpuppen, so geschehen mit dem vormals verdächtigen „Eskimo“.

Diese Bezeichnung für arktische Volksgruppen ist inzwischen vom Rassismusverdacht freigesprochen, denn Linguisten haben belegt, dass „Eskimo“ keineswegs abwertend „Rohfleischesser“ bedeuten muss.

Auch ist „Eskimo“ in Alaska als Sammelbezeichnung für Arktisbewohner akzeptiert, wie der Duden vermerkt – das angeblich politisch korrekte „Inuit“ aber nicht.

 

Die bösen alten Römer

Sklaven: im alten Rom selbstverständlich

Auch „Mohr“ in „Mohrenkopf“ oder „Mohr im Hemd“ hat es in sich.

Sprachsäuberer verstehen es als rassistisch, weil es angeblich dem Kolonialismus entstammt und an Sklavenhandel und den Exoten-Status von deportierten Afrikanern an deutschen Fürstenhöfen erinnert.

„Mohr“ gab es aber schon im Althochdeutschen, wahrscheinlich entlehnt aus dem lateinischen „maurus“, schwarz, mit dem die alten Römer die dunkelhäutigen Bewohner Nordafrikas nannten.

Die Bezeichnung entspringt also nicht dem mitteleuropäischen Kolonialzeitalter, sondern ist viel älter. Das stützt die Position der Sprachbewahrer, denen die Zensur der politisch Korrekten auf die Nerven geht.

Dumm ist nur, dass die alten Römer natürlich Kolonialherren und Ausbeuter reinsten Wassers waren, die Unmengen von Sklaven aus besiegten Völkern verkauften, in der Mehrzahl übrigens keine Dunkelhäutigen.

Damit machen, was Fremdbezeichnungen und Kolonialismus angeht, wieder die besorgten Sozialpädagogen einen Punkt.

 

Mauren gibt es wirklich

Mauretanien, Land der echten Mauren

Aber dann kommt das:

Die Bezeichnung „Mauren“ gibt es tatsächlich auch unabhängig von den antiken Sklavenhändlern, nämlich für Berberstämme in Nordafrika.

Das Wort stammt wahrscheinlich aus einer ihrer Sprachen, möglicherweise aus dem Phönizischen, so ganz geklärt ist das nicht.

Jedenfalls gibt es noch heute südlich von Marokko ein afrikanisches Land namens Mauretanien: eine islamische Republik, deren Bewohner sich Mauretanier nennen.

Noch heute sollen obere Schichten dort Sklaven halten, wie man bei Amnesty International nachlesen kann. Aber das gehört nicht hierher.

Mit der Wortherkunft lässt sich dem „Mohr“ jedenfalls kein eindeutig diskriminierender Sinn bescheinigen.

 

Neger, Feger, Kabelträger

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Für Sprachwissenschaftler zählt der Wortursprung für die Bedeutung ohnehin nicht. Entscheidend ist der Kontext, in dem ein Wort auftritt, nicht eine ferne Wurzel: Der Sprachgebrauch bestimmt die Bedeutung, er zeigt, wie das Wort verwendet wird und welche Konnotationen mitschwingen.

Ziemlich klar ist das beim inzwischen inkriminierten „Neger“.

Den hat der Deutsche von alters her im Kopf, dabei versichern nicht wenige treuherzig: „In dem schwäbischen Dorf, aus dem ich komme, hieß das aber immer so, da ist das ganz normal. Neger oder Negerle, das war lieb gemeint!“.

Mag sein, dass es in einem schwäbischen Dorf so zugeht. Linguistische Daten zeigen aber, dass „Neger“ schon seit dem 19. Jahrhundert als abwertend verstanden und herabwürdigend verwendet wurde.

Im modernen Sprachgebrauch ist es überwiegend negativ belegt: Das Wort kommt vor allem in Verbindung mit verächtlichen Attributen vor, darunter „dreckiger Neger“, „dummer Neger“, „fauler Neger“, „Neger stinken“ und „Negerschlampe“.

Bauarbeiter, Soldaten und Filmleute sprechen ebenfalls vom „Neger“, gerne auch vom „Bongo“: Gemeint sind Lehrlinge, Praktikanten und Leute für niedere Dienste wie Kabeltragen, Bierholen oder Botengänge. Was ein Neger halt so machen muss.

Schon 1999 vermerkte daher der Duden die negativen Konnotationen des Wortes. Das Bewusstsein dafür ist seitdem gestiegen, inzwischen ist klar: „Neger“ ist ein Schimpfwort.

 

Vom Sarotti-Mohr zum Sarotti-Magier

Eine der bekanntesten Werbefiguren in Deutschland der Sarotti-Mohr

Bei „Mohr“ sieht das anders aus.

Zwar brandmarkt der Duden „Mohr“ auch als diskriminierend, aber das Wort ist schon verblasst und altmodisch.

Niemand verwendet es im Deutschen noch, um Afrikaner oder Menschen mit dunkler Hautfarbe zu bezeichnen, allenfalls kommt es im Zusammenhang mit Süßigkeiten oder Namen von historischen Apotheken und Restaurants vor.

Außerdem taucht es in christlichen Bräuchen auf, bei denen „der Mohr“ in der Regel ein König, ein Weiser oder ein Heiliger ist. Das würdigt Menschen nicht gerade herab.

Abwertende Wortbildungen analog zu „Negermusik“ oder „vernegern“ gibt es mit „Mohr“ auch nicht, darauf weist Matthias Heine hin, Redakteur bei der WELT, studierter Germanist und Experte für Sprachwandel.

Trotzdem hat die Firma Sarotti schon 2004 ihren Sarotti-Mohr in einen – hellhäutigen – Sarotti-Magier verwandelt, um dem Vorwurf zu entgehen, man zementiere rassistische Stereotype vom schwarzen Kindersklaven, der den Kakao bringt.

Dabei beruhen die negativen Klischees hier mehr auf dem Bild im Logo als auf dem Wort „Mohr“: dicke Lippen, große, rollende Augen, diensteifrig, tollpatschig.

Das zeigt auch: Es geht um viel mehr als um ein Wort.

 

Ist das Zigeunerschnitzel ein Lotterschnitzel?

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Bei Zigeunerschnitzel, Zigeunerspieß und Zigeunersoße verhält es sich wieder anders.

Der Duden vermerkt zwar auch hier, das Wort „Zigeuner“ werde als diskriminierend empfunden, bezieht sich als Quelle aber nur auf den Verband der deutschen Sinti und Roma e.V.

Bei „Zigeunerschnitzel“ räumen die Sprachexperten jedoch ein, dass der Begriff nur „gelegentlich als diskriminierend“ verstanden oder gebraucht werde. Ebenfalls nicht per se abwertend sind viele andere Verbindungen: Zigeunerjazz, Zigeunerprimas, Zigeunerkapelle.

Im Klartext: Die Sprachgemeinschaft betrachtet „Zigeuner“ keineswegs immer und beim Schnitzel erst recht nicht als etwas, das ein schlechtes Licht auf – ja, auf was wirft?

Auf das Denotat, wie Linguisten sagen würden, also auf den Gegenstand, den das Wort bezeichnet? Ist das Zigeunerschnitzel ein Lotterschnitzel, ein unsteter, diebischer, schmutziger Fetzen Fleisch?

Natürlich nicht. Die negativen Konnotationen und Stereotype, die „Zigeuner“ für einige – nicht für alle – mit sich bringt, treffen das Schnitzel ebenso wenig wie die Soße.

 

„Nach Art der Zigeuner“

Foto aus Lexikoneintrag Brockhaus: Zigeunerart, à la Tzigane mit Rezept

Aus dem Brockhaus Kochkunst: nach Zigeunerart

Tatsächlich ist „Zigeuner“ in der Küche nur ein Fachbegriff aus der Küchensprache, eine klassische Garnitur und Zubereitungsart. 1903 bei Escoffier hieß sie „à la tzigane“, nach Art der Zigeuner.

Nicht einmal Paprika ist bei Escoffier drin, das Gewürz, ohne das in Deutschland eine Zigeunersoße undenkbar ist. Stattdessen besteht die Sauce a la tzigane aus Kalbs- oder Rinderfond, Tomaten, Champignons, Streifen von gekochtem Schinken und gepökelter Rinderzunge sowie edlen Trüffeln.

So beschreibt es der Brockhaus Kochkunst unter „Zigeunerart, à la Tzigane“ nüchtern, ebenso der Große Pellaprat und andere Standardwerke.

Nirgends steht aber, dass das Rezept auf Küchentraditionen von Völkern wie den Sinti oder den Roma beruht. Über deren Küche weiß kaum jemand etwas, das Rezept für die klassische Soße „nach Art der Zigeuner“ ist vermutlich eine Erfindung aus dem Paris des 19. Jahrhunderts.

Auch die Paprika-Variante, die als „Zigeunersauce“ in Deutschland so beliebt ist, entstammt laut dem Zentralrat der deutschen Sinti und Roma nicht deren Küche.

Überhaupt haben blumige Namen von Speisen oft wenig Verbindung mit Völkern oder Orten in ihren Bestandteilen: Die klassische weiße Grundsoße heißt „sauce allemande“, deutsche Soße, obwohl sie der französischen Küche entstammt, Dafür heißt die – ebenfalls klassische – braune Soße „espagnole“, obwohl die Spanier sie gar nicht machen.

Der große Escoffier hat die deutsche Soße 1914 übrigens flugs umbenannt, denn zum Kriegsausbruch war etwas „nach Art der Deutschen“ natürlich nicht opportun. Escoffier taufte sie „sauce parisienne“, Pariser Soße. Nach dem Krieg bekam sie ihren alten Namen wieder.

 

Namen sind Schall und Rauch

Mit dem Fachwortschatz aus der Küchensprache wollten sich früher auch Hersteller und Gastronomen zu verteidigen, wenn politische Befindlichkeitsträger gegen „Zigeuner“ im Kombination mit „Schnitzel“ oder „Soße“ protestierten.

Doch auf die Industrie und die Fachwelt hört erstens niemand, wenn es ums Essen geht.

Zweitens sind für politisch bewusste Sprachaktivisten Wissenschaft, Fachsprache oder Linguistik keine Argumente – das Wort muss weg, obwohl der Zentralrat der deutschen Sinti und Roma bekannt gab, dass es für ihn nicht von erstem Interesse sei, die Zigeunersoße auszumerzen. Es gibt Wichtigeres.

Drittens reagieren Knorr und andere aber rein auf den Zeitgeist, und der hat sich geändert. Eine stark sprachempfindliche, wenn auch eher unwissende Klientel darf nicht verloren gehen.

Das ist schlichtes Marketing. Um mehr geht es nicht, weder um Bedeutungslehre noch um das Funktionieren von Wörtern und Namen noch um andere linguistische Argumente.

Es geht nur um Empfindungen, Image und Kundenfang.

Technisch gesehen ist dabei klar: Namen, in welcher Kombination auch immer, können einen Sinn und einen Bezug zum Gegenstand haben, müssen aber nicht. Sie funktionieren selbstständig, wie ein Etikett, das man aufklebt und wieder abzieht: Namen sind Schall und Rauch.

 

Ehren mit Essen

Eiscreme, Farben in Schichten rosa, weiß und braun - Erdbeer, Vanille, Schokolade

Ein Klassiker: das Eis, das nach dem Fürsten von Pückler-Muskau benannt wurde.

Also kann sich einerseits kein Mensch aufregen, wenn ein Hersteller den Namen seines Produkts ändert, um sein Image aufzupolieren oder Kunden zu halten.

Andererseits trägt die Kulinarik auch zur Rettung des Zigeunerschnitzels bei.

Denn der Sinn traditioneller Speisenamen ist oft der, eine Person zu ehren oder der Kreation einen edlen Anstrich zu geben: von Pfirsich Melba, Tournedos Rossini oder Boeuf Stroganoff bis zum Chateaubriand, dem Huhn Marengo oder dem Rahmkäse Brillat-Savarin.

Es wimmelt nur so von solchen Ehrenbezeichnungen in der Küchensprache. Dabei funktionieren diese schlicht als lexikalischer Eintrag: Sie sagen den Gästen, was sie bekommen.

Das gilt auch für einfachere Namen wie Bayerische Creme, Coupe Danmark, Pommes Duchesse oder Forelle Müllerin : Sie verweisen auf ein bestimmtes Rezept, aber ihr Ursprung bleibt, wie bei der Garnitur á la tzigane, oft im Dunkeln.

Klang und Prestige herrschen dabei vor – aber Speisebezeichnungen funktionieren selbst, wenn sie „Nonnenfürzchen“, oder, wie die italienischen Nockerln, „strangolapreti“ – Pfaffenwürger – heißen: Davon lässt sich niemand abschrecken.

©Johanna Bayer

Knorr benennt die „Zigeunersauce“ um, andere ziehen nach

Beitrag von Matthias Heinen in der WELT zu „Mohr“, „Neger“ und Sprachwandel

Verein Maro Drom e.v.mit Zigeunerfestival und Zigeunerwagen in Köln

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