Framing-Alarm! Sprache schafft Bewusstsein – auch beim Essen?

Framing ist das neue Überzeugen und polt das Denken um, sagen Kommunikationsberater. Mag sein – doch die Erfahrung bei der Ernährung zeigt: Beim Essen funktioniert Framing schmerzhaft nicht. Dafür erweist sich als überraschend schädlich, wie Essen permanent geframed wird, und zwar in „gesund“ und „ungesund“. Das ist kontraproduktiv – Quarkundso.de fordert ein Gesetz gegen Ungesundheitsgeschwätz.

 

Teller, zwei Toastscheiben, zwei Spiegeleier

Alles, aber auch alles „ungesund“: Eier (vom Tier!). Toast (Weizen!). Röstung (Acrylamid!). Wahrscheinlich auch noch in Butter gebraten – wie hat Oma das nur überlebt?

 

Wir müssen jetzt framen. Framing gehört einfach dazu. Framing ist das neue Überzeugen, diesmal mit Tricks aus der Kognitionspsychologie und Kognitionslinguistik.

Was mit Kognition macht nämlich immer Eindruck.

Deshalb berufen sich Leute, die andere beeinflussen oder nur schnell die Welt ändern wollen, gerne auf Geheimnisse des Gehirns: von Coaches über fragwürdige Psychoklempner wie Neurolinguistische Programmierer oder die Scientology-Sekte zu Lehrern und Sozialpädagogen bis hin zu Genderaktivisten und natürlich Politikern.

Framing soll dabei als subtile Technik das Denken anderer kapern, indem man eindrucksvolle Wörter prägt. Die legen einen Deutungsrahmen fest, dem das Gegenüber nicht entkommt, wie Wissenschaftler herausgefunden haben sollen.

 

Wenn was weg soll: einfach umbenennen

Framen geht so: Etwas, das unerwünscht oder schlecht angesehen ist und das man Leuten unterjubeln will, benennt man um: in Schönes, Beliebtes, gut Klingendes oder moralisch Hochstehendes. Damit weckt man positive Assoziationen und appelliert an eigene Werte.

Gleichzeitig nimmt man sich Begriffe der Gegner vor. Diese etikettiert man auch neu, nämlich mit Negativem, Unmoralischem oder Abstoßendem. So ändert man Wahrnehmung und Denken bei der Zielgruppe – Sprache schafft Bewusstsein! – und schwupps, ist sie umgepolt.

Wichtig sind dabei das ständige Aufrufen des Deutungsrahmens und das Einschleifen der neuen Sprachbilder. Dann bringt das Wörding (*neusprech) die Gegner zur Strecke. Denn wenn man es richtig anstellt, werden sie moralisch diskreditiert.

So ungefähr hat es gerade die Linguistin Elisabeth Wehling den ARD-Sendern empfohlen, womit sie einen Sturm der Entrüstung auslöste. Der war eigentlich unberechtigt – natürlich können sich öffentlich-rechtliche Sender zur strategischen Kommunikation beraten lassen.

Ob das Angebot gut war oder nicht, sei allerdings dahingestellt.

Und ob das Framing so funktioniert, wie es Frau Wehling verkauft hat, auch.

 

Framing beim Thema Ernährung

Damit kommen wir zur Kernkompetenz von Quarkundso.de: dem Verhältnis von Essen und Medien. Und zum Framing.

Essen wird nämlich brutal geframed. Wirklich brutal. Seit vielen Jahren, und nicht nur von Journalisten. Sondern auch von Ämtern, Verbänden und Institutionen, Ärzten, Medizinern und Politikern, von Aktivisten und Lobbyisten.

Dabei ist die Auswahl an Frames mehr als dünn: Es gibt nur noch einen einzigen Deutungsrahmen für Essen und Ernährung.

Und das ist „Gesundheit“.

Dieses Etikett pappt inzwischen überall drauf. „Gesund“ zu essen ist geradezu eine nationale Obsession geworden: Laut Ernährungsreport der Ministerin Klöckner hat das Merkmal „gesund“ schon die Geiz-ist-Geil-Haltung überholt. Nur noch 32 Prozent schauen beim Essen auf den Preis, dagegen ist es 91 Prozent wichtig, dass Essen „gesund“ ist.

Das ist neu, schließlich sind die Deutschen in Europa berüchtigt für ihre Billig-Mentalität beim Essen. Zumindest für die Selbstdarstellung haben sie diese also abgelegt.

 

Das Framing-Paradox: Anders reden als man isst

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Man darf sich nämlich nichts vormachen: In Umfragen neigen Menschen dazu, sich besser zu geben als sie sind – ökologischer, bescheidener, gemeinwohlorientierter, vernünftiger, tierfreundlicher und bedacht auf die Figur.

Wenn sie dann mit dem Fragebogen fertig sind, gehen sie zum Discounter, kaufen Hähnchenfleisch für 0,99 Euro und zischen zwei, drei Feierabendbier. Ab morgen machen sie Diät.

Für das Framing beim Essen ist dies nichts weniger als eine Bankrotterklärung: Das Dauerfeuer mit „gesunder Ernährung“ und „gesunder Wahl“ kommt nicht an.

Schon 2005 hielt der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Volker Pudel, diesen mentalen Zustand im Spiegel-Magazin fest:

„Die Deutschen essen so, wie sie immer gegessen haben. Nur heute mit schlechtem Gewissen.“ (Spiegel-Spezial vom 28.6.2005).

Das zeigt schmerzhaft: Weder der Gesundheitsrahmen noch das ständige Einschleifen der Parolen funktionieren beim Thema Ernährung – anders als Framing-Experten es versprechen.

 

„Vom Wissen zum Handeln“ ist das Problem

Jetzt, gut 15 Jahre später, sind die Ernährungshüter noch verzweifelter. Denn nie waren die Deutschen so dick wie heute, eine Welle von Übergewicht und seinen Folgekrankheiten rollt über das Land.

Unter Berufstätigen und Rentnern ist Normalgewicht schon nicht mehr die Regel, beklagte erst 2017 die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, (DGE). Der mündige Bürger gibt sich derweil weiterhin gesundheits-, figur- und umweltbewusst.

„Vom Wissen zum Handeln“ lautete daher erst 2018 ein hilfloser Kampagnenspruch des Ernährungsministeriums zu einem Ideenwettbewerb: Wie bringt man Leute dazu, das, was sie bereitwillig als Absicht herbeten, auch zu tun?

Schließlich haben schon Vierjährige das Framing intus und deuten auf Toastbrot, wenn sie zeigen sollen, was „ungesund“ ist, und auf Roggenbrot, wenn es um „gesund“ geht.

Was sie lieber essen, liegt aber auf der falschen Seite, und zwar quer durch alle Altersklassen.

 

Gesund oder ungesund – und sonst nichts?

Doch schauen wir uns das Framing bei der Ernährung, den Deutungsrahmen, noch etwas genauer an. Der Kontext „Gesundheit“, in dem Essen fixiert ist, bringt bestimmte Vorstellungen mit sich, darunter die, Lebensmittel könnten wirken wie ein Medikament.

Das aktiviert Begriffe aus Medizin, Pharmazie und Therapie: Heilmittel, Iss Dich gesund, wirksame Inhaltsstoffe, starke Antioxidantien, Droge, Gift, Sucht, Suchtmittel, Entzug, Ausnüchtern, Selbstheilung, Entgiftung.

Vor allem bringt das Gesundheitsframing aber die rigide Einteilung von Lebensmitteln in „gesund“ oder „ungesund“ mit sich.

Diese stammt aus den USA und England, wo sie seit Jahrzehnten üblich ist, begleitet von einer Explosion der Fettleibigkeitsepidemie – wohl kaum ein Zufall ist

Hierzulande haben sich Ernährungsfachkräfte dagegen jahrzehntelang abgemüht zu erklären, dass das Verteufeln einzelner Lebensmittel oder Inhaltstoffe Unsinn ist: Der Mensch ist ein Allesfresser und braucht verschiedene Nahrungsmittel, außerdem gehören zur Gesundheit viele Faktoren, darunter Bewegung, Schlaf und Stress.

Problematisch sind daher nicht einzelne Inhaltsstoffe oder Produkte, sondern in allererster Linie das Übergewicht, ganz gleich, womit man es sich angefuttert hat.  Dazu kommen mangelnde Bewegung, zu wenig Schlaf, zu viel Stress. Die Vorstellung aber, dass man durch bestimmte Lebensmittel – „die gesunde Wahl“ – alles steuern kann, ist verfehlt.

Denn ein einzelnes Lebensmittel ist nicht „ungesund“ – es ist der Lebensstil, der gesund oder ungesund sein kann.

 

Jetzt „ungesund“: Küchenklassiker der Deutschen

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Doch mit dieser Weisheit ist es vorbei, seit die Kategorien gesund/ungesund Front machen in Texten, Webseiten, Stellungnahmen, Studien und Ernährungsratschlägen: Was früher genossen werden durfte, dazugehörte, in Maßen erlaubt oder einfach toleriert wurde, ist jetzt „ungesund“.

Das trifft nicht nur die üblichen Verdächtigen Cola, Chips und Süßigkeiten. Nein, auch traditionelle Viktualien stehen unter dem Bann. Denn „ungesund“ sind inzwischen Fleisch, Wurst, Milch, Käse, Eier, Weizen, weißes Mehl und natürlich Zucker.

An konkreten Gerichten trifft es unter anderen Pommes frites, Currywurst, Salami, Leberkäse, Bratwurst, Schweinebraten, Schnitzel, Hamburger, Sahnetorten, Kekse, Eis, Käsespätzle, Kakao, weißen Reis, Wild wie Rehbraten (rotes Fleisch!), Weißbrot, Baguette, Laugenbrezeln (Schweineschmalz!) und sogar den früher gerne empfohlenen Fisch (zu viel tierisches Protein! Schwermetalle! Mikroplastik! Antibiotika! Parasiten!).

 

Absurde Widersprüche

Teilweise entstehen dabei absurde Widersprüche, etwa beim jüngst lancierten EAT-Lancet-Report.

Das Papier, stark unter dem Einfluss von notorischen Fett- und Fleischfeinden entstanden, etikettiert rotes Fleisch von Rind, Schwein, Lamm, Ziegen, Kühen und anderen Säugetieren rundheraus als „unhealthy food“.

Das ist Unsinn. Und die Daten aus der Forschung geben das auch gar nicht her.

Entsprechend müssen die Experten in ihrem eigenen Papier konstatieren, dass tierische Lebensmittel wie Milch, Eier und natürlich rotes Fleisch besonders segensreich für das Wachstum und die Gesundheit von Kindern sind, zum Beispiel in Afrika:

In observational studies, high intake of animal source foods has been associated with improved growth, micronutrient status, cognitive performance, and motor development, and increased activity in children. (Quelle: EAT-Lancet-Report Food in the Anthropocene, Seite 10).

Weltfremd und gegen die Esskultur

Schräg ist auch die Sicht der EAT-Lancet-Experten auf die gesättigten Fette. Die Gruppe favorisiert nämlich moderne pflanzliche Industrieöle, die von Lebensmittelmultis vermarktet werden.

Gesättigte Fettsäuren, wie sie auch in Butter, Schweineschmalz oder anderen traditionellen Fetten vorkommen, sollen dagegen möglichst aus den Küchen verschwinden: Die Spannbreite in den täglichen Empfehlungen der Kommission beginnt bei null.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes weltfremd.

Denn die Hauptnahrungsfette in den Küchen der Welt sind traditionell tierischen Ursprungs und enthalten gesättigte Fettsäuren – zumal „null gesättigte Fettsäuren“ schlichtweg nicht geht. Schließlich enthalten alle, wirklich alle pflanzlichen Fette, darunter Oliven-, Sonnenblumen-, Palm- und Kokosöl sowie Margarine, auch gesättigte Fettsäuren.

Wer überhaupt keine gesättigten Fettsäuren zu sich nehmen will, darf gar kein Fett essen. Schwerer Vitaminmangel und Organversagen wären die Folge.

 

Neues Framing für Kakao: ungesund!

Weiße Blechtasse mit Kakao

Kakao, der Kindertrunk: Neuerdings „ungesund“.

Im Gesundheitsframing steht seit kurzem auch Kakao. Kakao macht Kinder nämlich dick und krank.

Kakao ungesund? Für Kinder?

Äh – gibt es denn ein Getränk, das mehr zu Kindern gehört als Kakao? Man kann sich das gar nicht vorstellen.

Aber tatsächlich ist es Framing-Spezialisten von der Verbraucherorganisation Foodwatch gelungen, den Schulkakao als „ungesund“ zu framen und das nicht nur unzähligen Redaktionen zu verkaufen, sondern auch mehreren Länderparlamenten.

Kakao, so die Essensretter (Selbstbeschreibung), sei schuld am Übergewicht von Kindern – schließlich enthalten die fertigen Schokodrinks der Milchlieferanten Zucker. Gezuckerter Kakao passe nicht in die Schule, so Foodwatch.

Nun steht Zucker auf der Fahndungsliste der Gesundheitspolizei gerade ganz oben, noch über Fett und Fleisch. Aber muss man wegen etwas Zucker den Kakao aus dem Schulprogramm nehmen?

 

Kinder dürfen Kakao trinken

Laut Foodwatch ja: Die Verbraucherschützer finden, dass es in Schulen überhaupt nichts mit Zucker geben darf. Angeblich, so die Aktivisten, widerspricht Kakao an Schulen sogar den Richtlinien der DGE für Schulverpflegung, denn diese sähen keine gezuckerten Milchprodukte für Kinder vor:

„Diese Förderung von Milch mit Zuckerzusatz widerspricht sogar den offiziellen, von der Bundesregierung initiierten Qualitätsstandards für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das Schulmilchprogramm in NRW fördert mit Steuergeldern ein Ernährungsangebot an Schulen, das den Empfehlungen zuwider läuft.“ (Quelle Foodwatch)

Doch so rigide ist nicht einmal die DGE: „Zucker wird in Maßen eingesetzt“, steht in den DGE-Richtlinien für Schulverpflegung.

Und nichts anderes.

Da steht nicht: „Zucker ist verboten“. Oder „Zucker wird gemieden“ oder „Zucker wird nicht zugesetzt“, nicht einmal „So wenig Zucker wie möglich“ oder gar „Zucker ist ungesund“.

 

Übergewicht bei Schulkindern hängt nicht am Kakao

Junge, ca. 8 Jahre alt mit Brill und Kapuzenpulli in Klassenraum schreibt mit Bleistift

Ob Schulkinder dick oder schlank sind, hängt wenig vom Essen ab, hat die KOPS-Studie gezeigt

Es steht auch nicht in den Richtlinien, dass gezuckerte Milchgetränke in der Schule nicht angeboten werden dürften, genauer:

Zu gezuckerten Milchgetränken steht überhaupt nichts in den DGE-Kriterien für gute Schulverpflegung.

Den fanatischen Gesundheitsaktivisten von Foodwatch ist Kakao vielleicht unerwünscht, weil sie sich in den Kopf gesetzt haben, dass der Schokotrunk die Übergewichtsfrage entscheidet.

Aber erstens ist das nicht so. Übergewicht von Schulkindern hängt charakteristisch wenig mit dem zusammen, was sie in der Schule essen. Dazu gibt es große Studien.

Und zweitens ist Kakao – vielleicht – nicht besonders gesund. Aber ganz sicher ist er nicht ungesund.

 

Weg mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen!

Damit wären wir am entscheidenden Punkt: An allem ist nur dieses elende Framing Schuld.

Quarkundso.de fordert daher mit Nachdruck und sofortiger Wirkung: Das permanente Gesund-Ungesund-Spalten muss endlich aufhören!

Es ist kontraproduktiv, verleidet Menschen das Essen und fördert eben genau keinen gesundheitsbewussten Lebensstil. Sondern nur Krampf und Einseitigkeit.

Dazu muss ein Gesetz her. Schließlich sind unzulässige Gesundheitsaussagen mit Recht verboten – aber was ist mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen?

Wir fordern: Schluss mit dem Gerede von „ungesunden“ Lebensmitteln!

Ebenso, wie niemand mit pauschalen, unbelegten Gesundheitsversprechen oder angeblichen Heilwirkungen für Lebensmittel werben darf, darf auch niemand Produkte oder einzelne Inhaltsstoffe als „ungesund“ brandmarken.

Also weg mit „Zucker ist eine Droge!“, „Fleisch macht krank“, „Milch ist Gift“, „Kakao ist ungesund“.

 

Hohe Strafen: die Lex Incuria von Quarkundso.de

Wenn man ehrlich über Essen reden will, muss man die Gesund-Ungesund-Dualität verlassen – Quarkundso.de führt dazu die neue Lex Incuria ein, von lateinisch incuria = nachlässig, mangelhaft, Mangel an Sorgfalt.

Dieses Gesetz wird Ungesundheitsframing verhindern. Dazu belegt die Lex Incuria entsprechendes Gelabere von Essenshütern jeglicher Provenienz mit schweren Strafen.

In Einzelfällen können, insbesondere gegen einflussreiche Verbände, Unternehmen, Behörden, Food-Aktivisten, NGOs oder Lobbyvereine, hohe Geldsummen auferlegt werden, zu überweisen auf das Sparschwein von Quarkundso.de.

Die ersten Mahnbescheide sind schon raus.

©Johanna Bayer

 

Die SZ, das Fleisch und die Grüne Woche: Krumme Denke für das Klima

In der SZ empört sich eine Redakteurin über den „Fleisch-Irrsinn“ auf der Grünen Woche: der sei ungesund und umweltschädlich. Für einen möglichst großen Effekt treibt sie dabei ein Verwirrspiel mit Zahlen – und tut der Bauernschau Unrecht: Hier stehen Menschen, die ihre Esskultur präsentieren und über uraltes Wissen verfügen. Das wird auch in Zukunft gebraucht.

Auf der Grünen Woche in Berlin: der weltberühmte Mangalitza-Speck, die ungarische Delikatesse vom Wollschwein, einer uralten Haustierrasse

Von der Süddeutschen hätten wir das nicht gedacht: Verwirrspiel mit Zahlen, Polemik an der falschen Stelle, Hauptsache empört und ganz viel Meinung.

Was ist passiert? Die Grüne Woche stand bevor, die größte Landwirtschaftsmesse der Welt. Zu diesem Anlass melden sich jedes Jahr die Kritiker westlicher Völlerei und Umweltzerstörung, zu Recht.

Dass sich zu wenig und das auch noch zu langsam ändert, dass Tierqual dringend verringert und Böden und Trinkwasser geschützt werden müssen, stimmt.

Aber verquere Logik und reißerische Zahlen lassen sich damit nicht rechtfertigen. Auch nicht in der SZ und schon gar nicht von der renommierten Redakteurin im Ressort Wissen, Kathrin Zinkant.

 

Welche Studie überhaupt?

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In einem als „Meinung“ bezeichneten Text verlangt die Autorin am 19.1.2019, dass auf der Bauernmesse endlich die „Massen an Fleisch und Fleischprodukten“ inkriminiert werden sollten. Angeblich zieht die Ausstellung „Nachhaltigkeit und Tierwohl ins Lächerliche“.

Gerade erst habe „eine umfassende Studie führender internationaler Wissenschaftler“ gezeigt, dass „dieser Irrsinn so nicht weitergehen“ könne, weil er „ungesund und umweltschädigend“ sei.

Was das für eine Studie sein soll, sagt Zinkant in ihrem Kommentar nicht. Dabei wäre das leicht gewesen, denn die SZ hatte schon am Tag zuvor berichtet.

Schlechter Service der SZ-Onliner, das muss man sagen – Quarkundso.de springt natürlich ein: Die „Studie“ ist keine Studie. Es ist nur das Papier der sogenannten EAT-Lancet-Kommission, einer Gruppe von Experten, die Vorschläge zu einer globalen Ernährungs- und Landwirtschaftsstrategie erarbeiten will, finanziert von Stiftungen.

 

Einheitsfraß für alle?

Dazu will man definieren, was Menschen zum Leben brauchen – und es geht dabei um Begrenzung: Weg mit Verschwendung, Hunger und Völlerei. Stattdessen soll es klare wissenschaftliche Kriterien für das geben, was Menschen wirklich zum Leben brauchen.

Damit der Planet bei wachsender Weltbevölkerung nicht kollabiert, sucht die Kommission auch nach Kriterien für eine nachhaltige Landwirtschaft. Das ganze Essen muss ja irgendwo herkommen.

Ein wenig seltsam ist allerdings, dass überwiegend westliche Forscher, darunter der einschlägig bekannte Amerikaner Walter Willet, das Sagen haben – als ob diese Länder und speziell die USA mit ihrer kaputten Esskultur und ihrer industriellen Landwirtschaft in der Sache besonders glaubwürdig wären.

Erstaunlich ist auch die Vorstellung, eine globale „gesunde Ernährung“ definieren zu wollen.

Einheitsfraß für alle? Das kann nicht sein. Die eine gesunde Ernährung für jedermann gibt es nicht. Stattdessen existieren mehrere funktionierende Modelle – und einige, die das nicht tun.
Das weiß die Kommission natürlich und versichert, dass bei ihren Empfehlungen genügend Spielraum für regionale Besonderheiten bleibt.

 

Grundsätzlich gut: die Wende

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Aus dem Originaltext des Reports kann man trotzdem herauslesen: Alle Menschen sollten vornehmlich von Getreide, Gemüse und Obst leben – natürlich der Gesundheit wegen.

Die Datenbasis für das Gesundheitsargument ist unter anderem die fragwürdige Sieben-Länder-Studie von Ancel Keys. Ausgerechnet. Auch andere stark kritisierte Studien wie die PREDIMED ziehen die Forscher heran.

Weiter in Details gehen wir vielleicht in einem zweiten Beitrag, denn dieser Report mit seinen etwas einseitigen Empfehlungen wirft viele Fragen auf.

Aber das Hauptbestreben der EAT-Lancet-Gruppe ist sicher einigermaßen löblich: Es bedeutet die Abkehr von der westlichen Prasserei – genauer gesagt vom Ernährungsmuster der USA und der angelsächsischen Welt mit ihren Unmengen an Fleisch, Zucker und billigem Fett.

Denn die größte Sorge der Kommission ist, Achtung, nicht der Hunger auf der Welt, sondern das Übergewicht, das mit der industriellen Lebensweise auf der Welt zunimmt.

Und die Initiative ist ein Anlauf zu der von vielen angemahnten Landwirtschafts- und Ernährungswende. Der Zeitrahmen dafür ist 2050, in 30 Jahren, wenn womöglich 10 Milliarden Menschen den Globus bevölkern.

 

Verwirrspiel mit Zahlen

Kathrin Zinkant nimmt diese Zukunftsvision nun als Keule für unbekümmerte Fleischesser:

Demnach verzehren selbst unleidenschaftliche Tieresser in Deutschland mit 1150 Gramm Fleisch pro Woche ein Vielfaches von dem, was die Forscher für verantwortbar halten. Je 14 Gramm Rind und Schwein sollten Konsumenten pro Tag allerhöchstens essen, um dem Ökosystem Erde im Angesicht von bald zehn Milliarden Menschen noch eine Chance zu bewahren, Aufschnitt mit eingerechnet. Besser noch wären sieben Gramm. Die so ungeliebte Idee des Veggie-Days weicht damit einer noch viel radikaleren Ansage, dass nämlich ein Meaty-Day pro Woche zum Alltag werden müsste. Und zwar nicht bloß in Kantinen, sondern auch zu Hause.

Dabei verschweigt die Autorin, wie wirklich gerechnet wurde. Das kann man im Lancet-Report auf Seite 9 nachlesen: Die Kommission hat den Wert für das sogenannte „rote Fleisch“ – Rind, Schwein, Lamm – gerade nicht nach ökologischen Kriterien bemessen.

Also nicht danach, wie wenig Rindfleisch für den Planeten gerade noch „verantwortbar“ wäre. Sondern ausdrücklich danach, welche Gesundheitsfolgen ein besonders hoher Verzehr wie in den USA haben könnte.

Doch räumen die Experten gleich selbst ein, dass die Daten dafür immer noch dünn sind. Das gilt zum Beispiel bei der nur schwachen Assoziation zwischen rotem Fleisch und Herzinfarkt. Auch die Belege für Krebs durch rotes Fleisch sind nicht eindeutig.

Trotzdem bleibt das Gremium bei einer relativ kleinen Fleischration und stützt sich dazu auf das Konstrukt einer angeblich „mediterranen Ernährung“. Und auf die langlebigen Kreter der 1960er Jahre, die, ebenfalls angeblich, im Schnitt nur 35 Gramm am Tag gegessen haben – wieder Daten aus der berüchtigten Sieben-Länder-Studie von Ancel Keys.

Alle tierischen Lebensmitteln sind dabei im Nachhinein herunterkalkuliert –so viel wie gerade nötig und so wenig wie möglich, zugunsten der Umwelt und des Klimas.

 

300 Gramm Fleisch in der Woche

So sieht die neue Welternährung nun eine tägliche Fleischportion von 43 Gramm vor, gemischt aus allen Fleischsorten. Auch an diesem Punkt verzerrt Zinkant die Fakten: Sie geht von nur einer Fleischart, Rind, aus und nennt ein Minimum, das nicht den Aussagen des Reports entspricht.

Hier die Empfehlungen, wie sie am 17.1.2019 in Oslo präsentiert wurden:

Quelle: EAT-Lancet-Commission, Stockholm Resilience Center

 

Alle Lebensmittelgruppen werden in der Tabelle zusammengezählt. So kommt man am Ende auf die 2500 Kalorien am Tag, die arbeitende Menschen zum Überleben brauchen.

Dabei entsprechen diese 43 Gramm Fleisch täglich den 300 Gramm oder zwei Fleischportionen in der Woche, die die Deutsche Gesellschaft für Ernährung (DGE) bei ihren Ratschlägen im Auge hat, ebenso wie viele andere Fachgesellschaften.

Die Ernährungshüter vieler Länder haben sich dazu nämlich schon längst verabredet.
Ihre Motive sind die der EAT-Lancet-Kommission: Bei modernen Empfehlungen geht es heute mehr um Umweltschutz und Nachhaltigkeit als um Geschmack, Vorlieben, Wohlgefühl oder Sättigung – und vor allem geht es darum, Übergewicht einzudämmen.

 

Schreck für den Steak-Fan

Kross gebratenes Filet, innen rosa, in Stücken

Ende mit Lende: Ist ein dickes Steak bald verboten?

Was Zinkant aber unternimmt, ist ein reißerischer Zahlentrick:

Sie teilt die tägliche Fleischration für nur eine Fleischkategorie, das rote Fleisch, am Minimum durch die zwei häufigsten Sorten, Rind und Schwein.

Die daraus erzielten sieben Gramm bilden nun die Drohkulisse für den unbedarften Steak-Fan.

Hintergrund ist wohl der schlechte Ruf, der dem Rindfleisch in der überhitzen Fleischdebatte vorauseilt: als Klimakiller und Todesstoß für die Ökobilanz.

Dasselbe hat schon Zinkants SZ-Kollege Hanno Charisius getan, der den ersten Artikel zum EAT-Lancet-Report am 17.1.2019 schrieb und ebenfalls mit der Schreckensnachricht vom Mini-Steak à sieben Gramm anfing.

Aber die Zahl ist nur ein dramatischer Aufhänger und falsch dazu. Denn das ist es nicht, was die EAT-Lancet-Kommission über Fleisch in der Ernährung sagt. Von anderen Forschern mal ganz abgesehen.

 

Irrsinn ist das Billigfleisch beim Discounter

Rentier im Schnee

Lecker Rentier – da darf es auch mal das XXL-Steak sein

Schließlich umfasst „rotes Fleisch“ erstens neben Rind und Schwein auch Pferd, Esel, Ziege, Schaf, Kamel, Hase, Rentier, sonstiges Wild und alle Säugetierfleischarten, die Menschen auf der Welt halten, jagen und schlachten.

Zweitens werden bei weitem nicht alle diese Tiere in industriellen Mastbetrieben gehalten, die die Umwelt zerstören.

Schließlich betont die EAT-Lancet-Kommission ausdrücklich, wie wichtig Tiere und tierische Lebensmittel für eine nachhaltige Landwirtschaft und Ernährung speziell in kargeren Landstrichen oder ärmeren Regionen sind.

Wenn also ein Hirte in Jordanien mehr Ziegenfleisch als „allerhöchstens 14 Gramm am Tag“ isst, zerstört er weder automatisch den Planeten noch seine Gesundheit. Dasselbe gilt für Samen in Lappland, die ihr Rentierfleisch  oder für Tibeter, die ihr Yakfleisch lieben, es gilt auch für die Argentinier und Brasilianer mit ihrem kunstvollen Churrasco, dem Grillen großer (!) Fleischstücke über Holz.

Doch Zinkant geht es gar nicht um genaue Zahlen und die Sinnhaftigkeit von Ernährungsempfehlungen. Ihr geht es um die Grüne Woche, deren Präsentation von Wurst, Schinken und Unmengen an Fleischprodukten sie „Irrsinn“ nennt.

Quarkundso.de hat dazu selbst – natürlich verdeckt – auf der Grünen Woche recherchiert.
Und wird an diesem Punkt sehr energisch: Was auf der Grünen Woche in Berlin zu sehen war, ist kein Irrsinn.

Dem Irrsinn begegnen wir beim Discounter, wo Billighähnchen und Schweinenacken zu Preisen von unter einem Euro pro 100 Gramm verramscht werden.

 

Grüne Woche: Spezialitäten und uraltes kulinarisches Wissen

Happen, Schwedenfähnchen, brauner Klumen, Schinkenröllchen

Schweden: Das Braune mit dem Fähnchen ist das Elchblut, eine Delikatesse.

Natürlich stimmen wir Kathrin Zinkant zu, wenn es um eine generelle Mäßigung und das Umdenken beim Essen zugunsten des Klimas angeht.

Aber die Grüne Woche ist nicht die Parade der Discountmetzger. Hier stehen Menschen aus Hunderten von Ländern, die ihre Esskultur repräsentieren.

Sie bieten Spezialitäten an, zeigen traditionelle Handwerkskunst und verfügen über uraltes kulinarisches Wissen zum Konservieren und Verarbeiten von Fleisch aller Art:

Die Schweden servieren gestocktes Elchblut, die Ungarn Speck vom Wollschwein, der alten Rasse Mangalitza, Tschechen und Polen braten schwarze Würste.

Überhaupt zeigen östliche und nördliche Länder von Finnland über Kasachstan und Georgien bis zur Ukraine eine unfassbare Vielfalt von heimischen Fleischtöpfen, -pfannen, -spießen, -ragouts und –kuchen.

Es ist eine über Jahrtausende gewachsene Ernährungstradition, die zu kalten Klimaregionen passt. Und diese alten Herstellungsweisen verwerten alles vom Tier, auch Innereien und Blut.
Darauf kommt es an, wenn man weniger Tiere halten und mästen will.

Daher bedeutet die Überfülle an Fleischexponaten auf der Grünen Woche genau nicht, dass man davon Unmengen essen und Tiere in Qualhaltung züchten soll.

Umgekehrt wird ein Schuh draus: Gerade wenn man weniger Fleisch essen und weniger Tiere schlachten will, ist das Wissen um diese traditionellen Speisen von Wurst über Schinken und Pasteten bis zum Kesselfleisch eminent wichtig.

 

Weniger vom Tier – aus guter Tradition

Schild an Stand mit Schrift "Reiche Auswahl an Fleischgerichten"

Reiche Auswahl und stolz drauf: die Esskultur der Ukraine, Weißrusslands und anderer östlicher Länder

Die Fantasie, dass Ukrainer und Nordländer jetzt Dinkel-Ravioli mit veganer Feigen-Tofu-Füllung rollen und an Rohkost knabbern, ist nicht nur diktatorisch und weltfremd.

Sie ist auch unnötig.

Denn es gilt: Ja, weniger Fleisch, wegen der Umwelt und der Tiere – aber unbedingt traditionell und handwerklich verarbeitet.

Fleischprodukte müssen vom ganzen Tier stammen wie in der Wurst, der eigene Speisezettel darf in Zukunft nicht nur Edelstücke wie Schnitzel oder Filet, sondern muss Bauch, Wade, Schulter, Rippchen, Hackfleisch und Innereien enthalten.

Rezepte für Eintöpfe, Schmorgerichte, Kesselfleisch, Haschee, Frikadellen sind dazu nötig, und die bieten die Stände in Berlin in Fülle. Wenn dann die Portionen etwas kleiner werden, ist die Grüne Woche eine Chance.

©Johanna Bayer

SZ-Meinungsartikel von Kathrin Zinkant vom  19.1.2019

SZ-Artikel zur EAT-Lancet-Studie vom 17.1.2019

 

Würste in Körben

Französische Würste: Stier, Knoblauch, Walnuss

Italien: klassisch luftgereift


Bauchgefühl genügt: Der Fall Relotius, DER SPIEGEL und das Schreiben über Essen

DER SPIEGEL hat jahrelang einen Betrüger beschäftigt und will nichts gemerkt haben – dabei checkt die Redaktion angeblich akribisch alle Fakten in den Artikeln. Doch dieses System hat nicht nur beim talentierten Herrn Relotius versagt: Es funktioniert auch beim Thema Ernährung nicht.

Das Haus an der Ericus-Spitze in Hamburg. Hier hat keiner was gemerkt.

Zum Spiegel-Skandal rund um den Betrüger Claas Relotius kann sich Quarkundso.de ein paar Bemerkungen nicht verkneifen.

Schließlich dreht sich die Sache nicht nur um einen einzigen Hochstapler. Sondern um die Glaubwürdigkeit von Journalisten generell. Lügen die jetzt alle? Wem kann man glauben? Und was kann man überhaupt wissen? Diese Fragen stehen im Raum und verstärken die seit Jahren grassierende Medienskepsis.

Dabei ist klar, dass sich es nicht nur unter Journalisten Betrüger gibt: Wissenschaftler fälschen Daten, Ärzte panschen Medikamente, Politiker lassen sich schmieren, Banker zocken mit fremdem Geld. Und zwar dann, wenn sie sich schon einen Vertrauensvorschuss erworben haben.

Das ist das Perfide an den rund zwei Prozent Psychopathen unter uns: Sie können sich als besonders vertrauenswürdig, bescheiden, charmant und ehrlich geben, wie Psychologen gezeigt haben.

So wurde übrigens auch der talentierte Herr Relotius von seinen Spiegel-Kollegen beschrieben.

 

Ist da keinem was aufgefallen?

Der Betrug tut besonders weh, weil es sich bei den allen Berufsgruppen um Felder handelt, in denen Ehrlichkeit die zentrale Anforderung ist. Der bestimmende Wert, den der Bürger, Patient, Kunde voraussetzt – die Bedingung, unter der das Geschäft erfolgt.

Auch die Unternehmenskultur in den Verlagen und Medienhäusern steht in Frage, zu Recht. Hat da keiner etwas gemerkt, in all den Jahren? Ist keinem leitenden Redakteur oder Personaler mal aufgefallen, dass mit Relotius als Person und mit seinen Geschichten etwas nicht stimmt?

Über den Einzeltäter hinaus geht es also bei der Debatte um mehr: um die Einhaltung der Berufsgrundsätze, um die Ethik und das Handwerk im Journalismus, um Deformationen in diesem Metier, um Persönlichkeitsstörungen und Marotten, die sich einschleichen und unter Umständen die Wahrnehmung beeinflussen.

Und um das, was im Wirtschaftsjargon Qualitätssicherung heißt.

 

Essen kann doch jeder

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Diese wiederum ist das Ziel von Quarkundso.de: Wir sind 2014 angetreten, um einen bescheidenen Beitrag zur Qualität in der Ernährungsdebatte in den Medien zu leisten.

Na gut, das ist zu brav ausgedrückt.

Die Chefredakteurin war, nach intensiver Arbeit zu Ernährungsthemen für einschlägige Sendeanstalten, erstaunt ob der vielen irreführenden, schlecht recherchierten, schlampigen oder ideologischen Berichte von Kollegen. Und dachte, das könnte ein lustiger Blog werden.

Es wurde natürlich nur so mittellustig, weil es so viel Schrott über Essen und Ernährung gibt, dass wir gar nicht hinterherkommen.

Trotzdem, die jahrelange Wühlarbeit von Quarkundso.de hat ein Gutes: Wir konnten erstmals die geheime Maxime in deutschen Redaktionen aufdecken. Sie lautet: Essen kann doch jeder! Und einen eigenen Geschmack hat auch jeder – also munter drauflosgeschrieben, besonders als Praktikant oder Volontärin.

 

Die Regeln des Handwerks sollten reichen

Dazu gleich mehr, zuerst kehren wir kurz zum Spiegel zurück: Dort fasst man sich jetzt an die eigene Nase und hat die Verträge für die Redakteure, die Relotius jahrelang geführt und protegiert haben, ausgesetzt.

Zu ihrer Ehrenrettung stellte die Chefredaktion ausführlich dar, welche Sicherungsmaßnahmen das Haus trifft und dass es dazu eine grandiose Faktencheck-Abteilung, genannt „Dokumentation“, kurz „Dok“, unterhält: Es sei die beste im ganzen Land. Über 70 Mitarbeiter checken akribisch jede Zahl, Statistik oder Behauptung, die ins Blatt soll.

Dumm nur, dass dieses System bei Relotius versagt hat und bei Auslandsreportagen ohnehin überfordert ist. Da kann wirklich nicht alles überprüft werden. Stattdessen genießen verdiente Schreiber Vertrauen, die Einflugschneise für Betrüger.

Aber es bräuchte gar keine akribische Qualitätssicherung, wenn Journalisten und Redakteure die Grundsätze ihres Berufs einhalten würden – oder könnten. Die Pflicht zur Sorgfalt der Recherche und den Grundsatz der Wahrhaftigkeit müssen alle beachten, auch wenn ihnen keine Dokumentare auf die Finger sehen.

Wenn noch ein paar fachlich halbwegs informierte Redakteure ihre Textarbeit ernst nehmen, sollte außer Kleinigkeiten nicht viel schiefgehen.

Doch da liegt es immer öfter im Argen, im ganzen Metier: Schon länger beklagen Insider einen „abnehmenden Sachverstand in den Redaktionen“, vor allem aber verhindern Zeit- und Kostendruck die gute Qualität.

 

In den großen Ressorts sind alle vom Fach

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Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Interessanterweise kommen in dieser prekären Lage, die nun wirklich alle Verlage und Sender betrifft, die unscheinbaren Lokaljournalisten am besten weg: Sie können bei ihren Geschichten nicht schwindeln, erklärte Hannah Suppa vom Lokalzeitungshaus Madsack. Denn sonst haben sie sofort den Bürgermeister oder einen aufgebrachten Stammtisch vor der Tür.

Doch Kosten- und Zeitdruck hin oder her: Auf schlechtes Personal kann man auch nicht alles schieben.

Denn bei Qualitätsmedien ist es eigentlich Voraussetzung, dass die Autoren ihr Thema kennen. So schreiben in der Politik meist studierte Politikwissenschaftler, Historiker oder Soziologen; in der Wirtschaft Volkswirte und Juristen, im Sport natürlich Sportwissenschaftler und Aktive, im Feuilleton Literatur- und Kulturwissenschaftler.

Daher kommen Fehler zwar vor, aber sie sind nicht die Regel.

Analysen oder Positionen der Autoren müssen mindestens nachvollziehbar begründet sein und die Expertise des Autors zeigen. Plumpe Spekulationen oder populistischen Quark ins Blatt zu stellen, macht außer der Bild-Zeitung mit „Post von Wagner“ kein Haus, das einen Ruf zu verlieren hat.

 

Was qualifiziert für Schreiben über Essen?

Beim Essen aber ist alles anders. Da greifen keine Sicherheitsmaßnahmen. Und für das Thema Essen gibt es weder ein bestimmtes Ressort noch eine passgenaue Ausbildung. Stattdessen dominieren Bauchgefühl, eigene Gewohnheiten und Mut zur Lücke das Feld.

Eine Rolle spielt natürlich auch, dass Foodthemen meistens im Servicebereich landen, wo sie, wie Gesundheit, Wellness und Reisen, rücksichtslos den Marketinginteressen unterworfen sind: Nach Saison, nach Klicks, nach Quote wird durchformatiert, dass sich die Balken biegen.

Das Verzuckern von kritischen Berichten mit einem positiven Ende („nicht nur Verbote, da muss noch was rein, was man darf“) oder Tipps („Nutzwert, Leute, Nutzwert!“) verzerrt die kritische Betrachtung (Wir brauchen eine Take-Home-Message, oder wenigstens einen Kasten, kannst Du da nicht noch was machen?“),

Auch lassen sich die Bedürfnisse bestimmter kaufkräftiger Zielgruppen nach Super-, Beauty- oder Brainfood oft nur mit Humbug und Halbwahrheiten befriedigen. Es sei denn, man verlässt das Geschäftsfeld und bedient die Themen nicht.

Aber nun ja – wenn wir es nicht machen, macht es ein anderer. Alte Kaufmannsweisheit.

 

Schlampige Montage statt Journalismus

In dieser Klemme stecken auch die Qualitätsmedien, daher hatten wir den Spiegel schon mehrfach vor der Flinte.

Es gab ein paar Missgriffe zu dokumentieren, zum Beispiel als Interview getarnte Zitate, obwohl die Autorin mit der Expertin gar nicht gesprochen hatte; oder frei Erfundenes über den Kaloriengehalt der ehrenwerten Schwarzwälder Kirschtorte. Dabei hatten sich weder die Autorin noch ihre Redakteure bemüht, in eine Kalorientabelle zu schauen. Das Ergebnis war grottenschlecht.

In einem anderen Fall wurden, weil gerade Saison war, DPA-Meldungen zu einem Artikel über Weihnachtsplätzchen montiert. Darin standen Aussagen, die in einem qualifizierten Stück im eigenen Haus schon ausdrücklich widerlegt und als Mythos entlarvt worden waren.

Die Service-Redaktion, in deren Ressort der Artikel zur Weihnachtsbäckerei fiel, entblödete sich aber nicht, beide Texte zu verlinken, weswegen der eine dem anderen widersprach, jeweils mit größten Aplomb.

So eine mechanische und sinnfreie Montage ohne Rücksicht auf die Inhalte ist vielleicht modernes Content-Management. Ordentlicher Journalismus ist das nicht.

 

Außer Kontrolle: Spiegel online

Nun handelte es sich bei diesen beiden schlechten Beispielen um Artikel von Spiegel online, dem digitalen Ableger. Da geht es anders zu als in der gedruckten Ausgabe, es gibt nämlich beim SPON keine Kontrolle durch die Dok.

Grund, nach Angaben des Hauses: Es wäre einfach zu viel Arbeit.

Ach ja? Ja. So steht es tatsächlich in einem Text, den zwei Mitarbeiterinnen der ehrenwerten Dokumentationsabteilung beim Spiegel 2017 über ihre Arbeit ins Netz stellten:

Auch in der SPIEGEL-ONLINE-Redaktion unterstützen Dokumentare die Redakteure bei der täglichen Berichterstattung. Anders als beim SPIEGEL-Magazin kann hier nicht jeder einzelne Text überprüft werden; das wäre bei weit über hundert Artikeln pro Tag nicht zu bewältigen. Dazu bleibt hier auch oft zu wenig Zeit, anders als bei einem wöchentlich erscheinenden Magazin.

Quelle: Spiegel online vom 16.8.2017 „So arbeiten die Unsichtbaren“

Fazit für den Leser: Man kann und muss bei SPON davon ausgehen, dass ohne Bedenken auch Mumpitz ins Netz gestellt wird.

Aber gerade bei Online-Kanälen scheint es widersinnig, dass die schiere Masse der Grund dafür sein soll, in einem Qualitätshaus auf den Faktencheck zu verzichten: Sollte man nicht gerade im digitalen Kanal die Fakten prüfen, weil Fehler rasend schnell um die Welt gehen – und ewig im Netz stehen bleiben?

Natürlich, der Zeitdruck ist hier noch höher, und es muss alles noch viel billiger sein, in der schnelldrehenden Onlinewelt.

Aber schließlich segelt die digitale Ausgabe unter der Dachmarke, die die angeblich beste Dokumentationsabteilung des Landes hat. Also müsste man ehrlicherweise die Schnellschüsse des SPON mit einem Warnhinweis versehen:

„Vorsicht, nicht nach den strengen Qualitätskriterien des Hauses geprüft! Kein echtes Spiegel-Produkt!“

 

Disclaimer für SPON: Vorsicht, nicht geprüft!

Beim Focus kann man einen solchen Disclaimer lesen, wenn ein Beitrag von einer Agentur stammt:

„*Der Beitrag „Jörg Kachelmann: „Ich kriege mein Leben zurück““ stammt von Teleschau. Es gibt keine redaktionelle Prüfung durch FOCUS Online. Kontakt zum Verantwortlichen hier.“ (Gemeint ist der Verantwortliche bei der Teleschau, Anm. von Quarkundso.de)

Auch der Spiegel-Ableger Bento nutzt einen solchen Hinweis, denn Bento übernimmt Material von Reddit. Das ist ein Social-Media-Portal, auf dem jeder irgendwelche Geschichten oder Erlebnisse eintragen darf, bis auf Strafrechtliches völlig ungefiltert.

Diese Storys verwurstet Bento zu Artikeln und stellt dazu einen tapsigen Hinweis auf die Seite:

 

Quelle: Screenshot Bento.de

 

Dieser Text ist allerdings frech.

Denn Bento kommt vom Spiegel, hey, das ist doch der Laden mit der besten Dok des Landes, wenn nicht Europas! Da liegt es überhaupt nicht „in der Natur der Sache“, dass nicht alles „gegengecheckt“ werden kann.

Die Frage ist viel eher: Warum übernimmt man diese Räuberpistolen  von Reddit überhaupt? Welchen Wert haben wilde Geschichten in einem Erzeugnis mit Spiegel-Siegel, wenn von vornherein feststeht, dass sie keine journalistischen Texte sind und frei erfunden sein können?

Und wieso wird die Verantwortung auf den Leser abgewälzt, der eine „gesunde Skepsis“ wahren soll, während die Bento-Schreiberlinge ihren eigenen Verstand offensichtlich in der Ericus-Spitze am Empfang abgeben müssen? Wird sonst die Seite nicht voll?

Fairer wäre es, so klar wie beim Focus zu sagen, dass es keine redaktionelle Prüfung gibt.

Aber Quarkundso wäre nicht Quarkundso, wenn wir jetzt keinen Service liefern würden. Hier daher ein passender Disclaimer:

„HINWEIS ZU REDDIT

Reddit ist eine spannende Plattform, die viele unserer Leser interessiert. Oft liefern dort Insider ungewöhnliche Einblicke, und es gibt Storys, an die wir selbst nicht herankommen. Wir übernehmen daher Themen und Geschichten von Reddit, weisen aber darauf hin, dass wir sie nicht redaktionell prüfen.“

Bitte, gern geschehen.

 

Systematische Unschärfe

Wobei die schlechte Qualität der Online-Artikel für alle großen Häuser gilt, ob Stern oder Spiegel, SZ oder FAZ: Online bedeutet nicht nur schnell. Es bedeutet in der Regel auch billig. Die Masse der Artikel schaffen Jungautoren, Journalistenschüler oder Gelegenheitsschreiber ran, für erbärmliches Geld.

Trotzdem schlüpfen auch altgediente Kräfte, die im Hochsicherheitstrakt schreiben, durch das Netz der Dok.

Jörg Blech, lange Jahre Wissenschaftsredakteur beim Spiegel, stellte im April 2018 eine Anklageschrift zu Zucker ins Hauptblatt. Diese bestand zu einem guten Teil aus Passagen seines 2017 erschienenen Buches und nur ein einziger Mediziner wurde konkret zitiert, allerdings sehr einseitig.

Im Text spricht Blech mit systematischer Unschärfe von Zucker, wenn er Blutzucker meint, nämlich Glukose aus Verdauungsvorgängen. Damit suggeriert er den Lesern, dass der normale Haushaltszucker das Blut verklebt und die Adern ruiniert.

So ist es aber nicht, wie Quarkundso.de schon pedantisch anmerkte. Diese irreführende Darstellung hätte jemand in der Spiegel-Dok auflösen können. Schließlich sitzen dort angeblich Mediziner und Biologen. Eine kritische Prüfung hätte die reißerische Hauptthese – Zucker verklebt das Blut und macht daher Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes – gekippt.

Und damit die ganze Story.

 

Ausschnitt aus Anreißer-Text Spiegel-Online mit Artikel zu Zucker aus Ausgabe 15/2018, Text: "Übergewicht, Erblindung, Herzinfarkt -Forscher überführen Zucker als wahren Krankmacher. Doch die Ernährungsindustrie unternimmt alles, um die Gefahren zu verschleidern."

Zucker als Bösewicht, die Industrie als Giftmischer – und das im SPIEGEL. Der Artikel von April 2018 erschien nachträglich in voller Länge bei Spiegel online.

 

Nicht immer sachkundig: die heilige Dok

Das ist aber nicht geschehen – möglicherweise, weil in Wahrheit viel mehr Romanisten, Anglistinnen, Kunsthistoriker und Buchhändlerinnen in der Dok sitzen als Physiker, Biologen und Mediziner, die der Spiegel nennt.

Das legen Recherchen nahe, die die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de in einem vergleichbaren Qualitätshaus vorgenommen hat, verdeckt, versteht sich.

Dort googeln Teilzeitkräfte nach Zahlen und schauen nach, was so im Internet steht („Ich konnte dazu im Netz nichts finden, woher kommt die Statistik?“; „Sie haben einen Anatomie-Atlas verwendet? Den müssen Sie uns einscannen. Wir haben sowas nicht.“). Auch beziehen sie sich gerne auf fehlerhafte Artikel von Kollegen.

Wie auch immer: Es gibt berechtigten Grund zum Mäkeln an journalistischen Erzeugnissen, an Tendenz und Ideologie, an Fehlern oder Unschärfen.

Es ist auch gut, auf noch mehr Qualität zu dringen. Und es ist gut, dass die Debatte schon seit Längerem einen Selbstreinigungsprozess ausgelöst hat, was Formate wie Faktenchecks oder die „Was wir wissen“-Ticker bei Attentaten zeigen.

 

Schreiben nach bestem Gewissen

Meinungsbetonte Gattungen wie Kommentar, Essay, Kolumne oder Glosse deshalb aber abzuschaffen und von Journalisten „objektive“ und „neutrale“ Berichterstattung zu verlangen, wie es die Lügenpresse-Schreier tun, ist natürlich Unsinn.

Wer neutrale Berichterstattung will, kann sich die Aushänge der Stadtverwaltung ansehen.

Journalisten sind dazu da, Informationen einzuholen und sie auch einzuordnen. Sie bewerten die Fakten und sondieren die Lage, sie geben Prognosen und Einschätzungen ab, und zwar nach eigenen, profunden Kenntnissen, anhand gesicherter Zusammenhänge, seriöser Argumente oder auch plausibler Vermutungen.

Alles das ist möglich und legitim.

Quarkundso.de wird daher auf dem Feld der Ernährung auch im neuen Jahr kräftig mitmischen, insbesondere bei den plausiblen Vermutungen.

Wir gehen dabei, wie unsere Kollegen, beim Thema Essen nur nach dem eigenen Bauchgefühl vor, gestützt von Omas Wissen – und wir haben mehrere Omas, da ein Opa zweimal geheiratet hat und überhaupt die Familie weit verzweigt ist.

Dafür beschäftigen wir in der hauseigenen Dokumentation ausschließlich erfahrene Fachkräfte, die garantiert dieselben Bücher gelesen haben wie die Chefredakteurin, aber auf keinen Fall mehr wissen. So kann nichts schiefgehen.

©Johanna Bayer

 

SPON zur Arbeit der Dokumentation  von 2017 – und dass sie bei Spiegel online eben nicht alles checkt

Die SPIEGEL-Chefredaktion am 19.12.2018 zu ihrer berühmten Abteilung Dokumentation anlässlich des Falls Relotius: Physiker, Historiker, Biologen und Islamwissenschaftler

Ernährungsempfehlungen? Alles Unsinn – vergesst die DGE, sagt der SWR

Eine Autorin nimmt im SWR die deutschen Ernährungsempfehlungen unter die Lupe, genauer: Sie nimmt sie mit Hilfe von Experten gründlich auseinander. Heraus kommt: Vollkorn ist nicht gesünder, und im Grunde kann man essen, was man will. Das ist nicht schön für die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, die DGE – besonders, weil diese sich im Beitrag selbst blamiert.

Brett, Vollkornbrot aufgeschnitten

Vollkornbrot soll ja so gesund sein. Stimmt nicht, zeigt der SWR

Der SWR hat gesundes Essen kaputt gemacht. Wirklich, die haben alles zerstört, was man über richtige Ernährung weiß: den Konsens dazu, was „ungesund“ ist, und das ganze neue Volkswissen über Lebensmittel, Nährwerte und Inhaltstoffe, die heilen oder krank machen.

Also das, was, mit den Worten des neuen Bundeszentrums für Ernährung beim naschhaften Bürger endlich „vom Wissen zum Handeln“ hätte führen können: Dass die Deutschen die „gesunde Wahl“ treffen und an Karotten knabbern statt an Chips.

Dabei hatte sich dieses Wissen gerade erst richtig durchgesetzt.

Es hat Jahre gedauert, bis die einfache Schablone von Gut und Böse beim Einteilen von Lebensmitteln in Deutschland fest etabliert war. Die Welle schwappte aus den USA und dem angelsächsischen Raum zu uns herüber, dort herrscht das rigide „healthy“ oder „unhealthy“ schon längst und bildet das Pendant zur nicht vorhandenen Esskultur.

Das zwanghafte Sortieren von Nahrung soll wohl Ernährungskompetenz simulieren, wirkt aber wie ein hilfloser Versuch, der nationalen Übergewichtskatastrophe zu entkommen.
Mit Erfolg, wie man sieht.

 

Fettarm, salzarm, Vollkorn und Margarine

Prompt stoßen aber auch in Deutschland Ernährungsberater, Blogs, in Schnellkursen geschulte Erzieherinnen, Lehrer, oberflächlich arbeitende Redaktionen und sogar Institutionen, die es besser wissen müssten, in dieses Horn: Schon Kleinkinder lernen, dass Weißbrot und Schokolade „ungesund“ sind, neuerdings ist auch der Primat von Vollkorn und Margarine in den 10 Regeln der DGE, der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, zementiert.

Und erst im Frühjahr 2018 hat ein populärer Bestseller alles nochmal anschaulich erklärt, „Der Ernährungskompass“ von Bas Kast, Quarkundso.de berichtete natürlich. Der Autor hält Milch zum Beispiel für „schädlich“.

Vom Kindergarten bis zum Altenheim sind jetzt jedenfalls alle eingenordet: Gesund ist, was „leicht“, ohne tierisches oder gesättigtes Fett, ohne Weizen, Salz und Zucker, aus Vollkorn und außerdem „schonend zubereitet“ oder am besten gleich roh ist.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Nur verhält es sich erstens ganz anders. Und zweitens isst niemand nach diesen Vorstellungen. Ein, ja, gesunder Instinkt hält die Menschen davon ab, sehr zum Ärger der Ernährungshüter.

Dazu kommt, dass die größten und besten Studien zu Ernährung und Sterblichkeit bewiesen haben, dass es völlig egal ist, was man isst, wenn man damit normalgewichtig und gesund bleibt. Man kann also wie die Franzosen nie Vollkorn und immer Baguette essen, oder wie die Chinesen nie Rohkost, und trotzdem gesund bleiben.

Sterblichkeit und Erkrankungsrisiko sind dagegen deutlich erhöht, wenn man Übergewicht hat – egal, ob viel oder wenig Vollkorn. Übergewicht ist der kritische Faktor. Fachleute wissen das, obwohl sie es nicht gerne sagen, weil man so keine Ernährungsempfehlungen begründen kann.

 

Aber schmecken muss es doch

Im SWR hat sich nun Reporterin Katharina Schickling aufgemacht, genau diese offiziellen Ernährungsempfehlungen und die Gesund-Ungesund-Schablone in der Ernährung zu hinterfragen.

Es ging im Beitrag speziell darum, ob alle Menschen tatsächlich das eine unbedingt essen und das andere lassen müssen, ob sich Diabetes oder andere Krankheiten vermeiden können, wenn man viele Ballaststoffe oder zusätzlich Vitamine zu sich nimmt und worauf die üblichen Ernährungsempfehlungen der DGE eigentlich beruhen.

Dazu ließ die Autorin zunächst Käufer auf einem Wochenmarkt Lebensmittel auf einem Tisch sortieren: Die „gesunden“ auf die eine Seite, die „ungesunden“ auf die andere. Erwartungsgemäß waren die Marktbesucher gut informiert: Vollkorn, Margarine und Pflanzenöl landeten auf der guten, Butter, Weißbrot und Semmeln auf die schlechte Seite.

Auf die Frage der Reporterin, was denn am liebsten gegessen werde und was am besten schmeckt, antworteten sie aber ehrlich: lieber Butter als Margarine, lieber Weißbrot und Baguette als Vollkornbrot.

Natürlich. Wie sollte es auch anders sein? Jeder, der halbwegs funktionierende Geschmacksnerven hat, weiß, dass ein Butterbrot schmeckt und ein Brot mit Margarine nicht. Und dass knuspriges Baguette zur feinen Vorspeise passt, nicht aber pappiges Vollkornbrot.

 

Vollkorn schützt nicht vor Diabetes

Anschließend befragte Autorin Schickling zwei Ernährungsmediziner dazu. Beide sind Experten für Diabetes und bekannt für ihre kritischen Positionen der DGE gegenüber.
Von Prof. Dr. Andreas Fritsche, Uni Tübingen, lässt sich die Autorin erstmal Blut abnehmen – und wird prompt damit konfrontiert, dass sie Trägerin einer Genvariante ist, die das Diabetes-Risiko um mehr als das Doppelte erhöht.

Ob sie denn nun mit viel Vollkorn den Ausbruch der Krankheit verhindern könne, fragt die sichtlich erschütterte Fernsehfrau den Mediziner. Schließlich werde das immer gesagt, unter anderem von der DGE. Und nicht weniger als 30 Prozent der Deutschen tragen dasselbe Gen, daher würden Millionen von Menschen sicherlich gerne guten Ratschlägen folgen.

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Doch Fritsche muss sie enttäuschen: Leider bewirkt Vollkorn bei diesen Menschen nichts. Das hängt ebenfalls mit der Genvariante zusammen. Sie setzt ein Darmhormon außer Kraft, das den Blutzucker senkt. Es wird normalerweise ausgeschüttet, wenn Vollkorn im Darm landet – nur ist das Hormon bei den Trägern der Diabetes-Variante eben nicht richtig aktiv, ob sie nun viel Vollkorn essen oder nicht.

Auch den 70 Prozent der anderen Deutschen, die dieses spezielle Diabetes-Gen nicht haben, bringe der pauschale Rat, „mehr Vollkorn“ zu essen nichts, schiebt Frische nach. Er zitiert dazu eine eigene Studie mit übergewichtigen Diabetes-Risikopatienten: Wenn sie an Gewicht verlieren, haben zusätzliche Ballaststoffe keinerlei Auswirkungen auf Zucker- oder Fettstoffwechsel.

Das einzige, was sich positiv ausgewirkt hat, sind auch in Fritsches eigener Studie weniger Kalorien und der Gewichtsverlust. Daher lautet der Ratschlag des Diabetes-Forschers für Gefährdete ganz einfach: weniger essen.

 

Demontage der DGE

Letzteres ist seit Jahrzehnten bekannt: Übergewicht ist bei Diabetes und weiteren Stoffwechselproblemen der wichtigste Auslöser, und zwar unabhängig davon, womit man es sich angefuttert hat. Die Sache mit der Genvariante ist auch seit über 10 Jahren klar, beides kann man nicht oft genug herausstellen.

Umso erschütternder ist das Bild, das die DGE dazu abgibt. Autorin Schickling interviewt in Bonn eine Mitarbeiterin des Referats Wissenschaft, das für die 10 Ernährungsregeln verantwortlich ist.

Auf die Frage, warum die DGE nun so viel Vollkorn und Ballaststoffe für alle empfiehlt, wenn sie doch laut Diabetes-Forscher Fritsche gar nicht helfen, blamiert Dr. Christina Breisselband die DGE nach Kräften.

Möglicherweise kann die Wissenschaftlerin nichts dafür. Scheinbar richtet sie sich nach einer Art Sprachregelung, hausintern und für die Öffentlichkeitsarbeit trainiert. Vielleicht war sie auch in einer Medienschulung, in der man ihr beigebogen hat, dass Fachleute sich Laien gegenüber ganz einfach und anschaulich ausdrücken müssen. Am besten in einprägsamen Bildern.

Und so verhaspelt sich die Forscherin, ringt nach Worten und fliegt komplett aus der Kurve: Sie spricht nicht spontan, versucht sich in angelernten PR-Phrasen wie „Ballaststoffe sind das Fitness-Studio für den Darm“ und versteigt sich sogar zu esoterischen Vokabeln, wenn sie erklärt, Ballaststoffe seien im Darm „für die Entgiftung“ zuständig.

Das lässt sich SWR-Autorin Schickling natürlich nicht entgehen. In einem direkt dagegen geschnittenen O-Ton darf der Mediziner Andreas Fritsche die Fachkraft von der DGE abwatschen, indem er Darmreinigung, Entschlackung oder Entgiftung als nicht belegt, altmodisch und rundheraus falsch bezeichnet.

 

Kein gutes Personal in den Fachgesellschaften?

Gläserne Zitronenpresse mit zwei halben Zitronen

Viel hilft viel? Beim Vitamin C können Experten verschiedener Meinung sein.

Der zweite O-Ton aus dem Referat Wissenschaft geht genauso daneben.

Da verstolpert sich Dr. Breidenassel bei Vitamin C. Sie kann nicht erklären, dass der Körper entgegen der landläufigen Meinung bei Vitamin C doch Reserven hat, auch kann sie nicht vermitteln, warum es in anderen Ländern andere Empfehlungen gibt.

Wieder ist Schickling gnadenlos.

Diesmal haut eine Gesundheitsforscherin der Universität Hamburg, eine Ärztin und Expertin für Prävention, im direkt angeschnittenen O-Ton drauf.

In diesen Fachgesellschaften, lässt Professorin Ingrid Mühlhauser bissig durchblicken, ist das Personal nunmal nicht das Beste: Viele Mitarbeiter dort seien nicht dazu in der Lage, Studienergebnisse korrekt zu interpretieren. Da arbeiteten Leute, die ihr eigenes Berufsfeld, die Ernährungswissenschaften, verteidigen wollten und daher nicht objektiv seien.

„Schwere Vorwürfe“, kommentiert Autorin Schickling mit Genugtuung.

Die Montage dieses unglücklichen Gestotteres von Seiten der DGE mit den O-Tönen anderer Fachexperten sind zwar fast ein wenig gemein.

Aber das Mitleid mit den Ernährungshütern hält sich bei Quarkundso.de in Grenzen. Wenn eine Institution nicht in der Lage ist, ihre eigenen Aussagen zu verteidigen und jemanden abzuordnen, der ein paar gerade Sätze in die Kamera sagen kann, dann hat sie den Reinfall durchaus verdient.

 

Die meinen es doch nur gut

Der Fairness halber muss man sagen, dass es natürlich in anderen Ländern – und unter Wissenschaftlern sowieso – divergierende Vorstellungen zu Ernährungsfragen geben kann. Warum auch nicht. Es gibt unterschiedliche Philosophien und Strategien, nationale Besonderheiten oder Trends in der Forschung, die keine endgültigen Ergebnisse gebracht haben.

Wir wollen gegenüber der DGE daher nicht so hartherzig sein wie Frau Schickling. Diese ehrenwerte Gesellschaft meint es nur gut. Außerdem muss man bedenken, dass die 10 Regeln der DGE für die breite Bevölkerung und nur als ganz grobe, allgemeine Richtschnur gedacht sind.

Sie gelten eigentlich nicht für Einzelfälle, Leute mit Stoffwechselkrankheiten, Übergewichtige oder Menschen mit Vorstufen von Diabetes Typ 2, auch nicht für Kinder, Senioren und Menschen in Pflegeheimen.

Das Problem ist nur, dass die DGE das nicht deutlich genug sagt.

 

Prädikat: Bitte anschauen

Außerdem sind die genannten Gruppen zusammen in der Mehrzahl: In Deutschland gibt es jetzt schon weniger Schlanke und Gesunde als Übergewichtige und Kranke. Letztere stellen zusammen einen Anteil von über 60 Prozent. Eigentlich bräuchten diese Menschen, wenn sie abnehmen oder gesund werden wollen, jeweils eine sehr individuelle Ernährungsberatung, die genau darauf eingeht, was den Betroffenen fehlt.

Mit anderen Worten: Die 10 Regeln der DGE können nur noch für den kleineren Teil der Deutschen eine Richtlinie sein – wenn sie denn überhaupt sinnvoll sind. Genau das stellt der SWR grundsätzlich in Frage, und nicht nur er: In den letzten Jahren häuft sich die Kritik an den Vorstellungen der DGE auch in Fachkreisen.

Hier bei Quarkundso.de gibt es diesmal aber nicht so viel Kritik, jedenfalls nicht an dem SWR-Beitrag. Aber dafür eine eindeutige Empfehlung: Bitte anschauen. Wer, wie die gesamte Redaktion, kein Vollkorn mag, Margarine verabscheut und immer dick Butter aufs Brot streicht, weiß danach, worauf es ankommt.

©Johanna Bayer

SWR – Betrifft: Was dürfen wir alles essen? vom 7.11.2018