Gefundenes Fressen

Der Münchner Merkur: Gift im Tee! Zum Glück ist das falscher Alarm.

Frau und Tee: ein Bilderklischee, stets mit Ärmeln bis zu den Fingern.

Der Münchner Merkur warnt vor Tee – das vermeintlich gesunde und harmlose Getränk könne eine Gesundheitsgefahr sein. Der Bericht zitiert aber nur schlampig Quellen und verzerrt die Lage gründlich – Quarkundso.de klärt auf.

Nach dem unerträglich geklitterten Mammut-Buch liegen zwei dicke Wälzer wieder auf dem Tisch der Chefin – Bücher sind auch Medien.

Allerdings machen sie wahnsinnig viel Arbeit, noch viel mehr als die üblichen Verdächtigen. Und heikel ist das Thema auch, weil Buchautoren öfter mal sogar Professoren- und Doktortitel führen.

So kurz vor Weihnachten wollen wir uns nicht in die Nesseln setzen, da muss es was Kleineres, Gemütliches sein. Raus mit dem Stress. Wir entspannen uns daher bei einer kleinen Fingerübung. Die dreht sich um den Münchner Merkur, der über Tee berichtet

Ein Klassiker der Themenplanung: Es ist kalt, machen wir was zum Wetter! Die Menschen sitzen drinnen und wärmen sich bei einer schönen Tasse Tee, los, was mit Tee funktioniert, welche Volontärin hat diese Woche noch nichts?

Abgelutschtes Thema: Tee im Winter

Die Beiträge sind regelmäßig mit dünnen, hübschen Frauen bebildert, die lange, wellige Haare haben und besinnlich aus dem Fenster in eine verschneite Landschaft schauen. Sie tragen dicke Strickpullis, deren Ärmel ihnen über die Finger reichen, und halten in beiden Händen eine große Tasse mit dampfendem Tee.

Das ist so abgelutscht wie unrealistisch.

Denn es schneit im Winter nur noch selten und die Deutschen sehen nicht so aus. Außerdem trinken sie sechsmal mehr Kaffee als Tee, ob es warm oder kalt ist.

Okay, laut Verkaufszahlen trinken sie im Winter tatsächlich etwas mehr Tee als im Sommer. Im Sommer dafür mehr Wasser und Saft.

Was soll daran aufregend sein? Nichts ist aufregend.

Immer, nie, keinesfalls: Drama, Baby!

Also muss was her und der Merkur badet nicht nur im Klischee, sondern suhlt sich gleich im Drama: Vorsicht, Gift im Tee!

Angeblich enthält Tee irgendwas, wovor – wieder angeblich – Fachleute warnen, Titel:

„Warum Sie keinesfalls jeden Tag Ihren Lieblingstee trinken sollten“

Mit der Überschrift ging das Ding direkt zur Chefredakteurin von Quarkundso.de Dort landet dummes Clickbaiting mit absoluten Aussagen nämlich auf jeden Fall. Immer.

Vor allem ist die Chefin bekennende Teetrinkerin – und Heavy User. Jeden Tag ein Liter, immer schwarz, immer stark, ob Sommer oder Winter. Und jetzt warnt der Münchner Merkur ausgerechnet vor Tee, und ausgerechnet vor „der Lieblingssorte“.

Die Chefin war perplex, sind ihre Lieblingssorten doch Ceylon-Tees, Assam, englische Mischungen, überhaupt kräftige Teesorten wie Assam, auch Java- und Sumatra-Tees, die in Ostfriesenmischungen stecken.

Die also nicht mehr trinken? Wie das?

Wir lesen genauer und stellen fest, dass wir es geradezu mit einem Lehrstück an Pseudo-Text zu tun haben. Einer Simulation von Journalismus.

Erster Patzer: falscher Link

Es geht los mit dieser Behauptung:

„Denn jeden Tag dieselbe Teesorte zu trinken hat laut Experten und Expertinnen keine besonders positive Wirkung auf die Gesundheit – ganz im Gegenteil … Die vermeintlich harmlose Tasse Tee kann sich bei übermäßigem Verzehr ebenfalls gesundheitsgefährdend auswirken.“

Das ist eine ziemlich starke Warnung vor einem so beliebten Lebensmittel, da müsste man eigentlich Beweise auffahren. Die angeblichen Experten und Expertinnen sind aber nur verlinkt: als „Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR“.

Laut dem Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) befinden sich in einzelnen Tee-Sorten erhöhte Werte von dem Pflanzeninhaltsstoff Pyrrolizidinalkaloide.

 

Seriöser Journalismus wäre es, wenn hier ein Originalzitat stünde. Also ein Interview der Merkur-Redaktion mit Forscherinnen oder Sprechern des BfR, die genau das sagen, was im Text steht. Oder wenigstens ein Verweis auf eine offizielle Pressemitteilung der Forscher.

Aber das kommt nicht – und der Link geht auch noch in die Irre: Er führt gar nicht zum Bundesinstitut für Risikobewertung, BfR, das in Berlin sitzt. Er führt zu einem ganz anderen Institut, nämlich dem Bundeszentrum für Ernährung, BZfE, in Bonn.

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Gut, das sind auch Expertinnen und Experten.

Aber in deren Text über Tee steht wieder kein Originalzitat. Sie erwähnen nur ihrerseits das BfR. Einen Link auf eine konkrete Studie, Einschätzung oder eine Pressemeldung setzt auch das BZfE nicht.

Nun hätte der Münchner Merkur also erstens richtig auf das BfR, Bundesinstitut für Risikobewertung, verlinken müssen.

Oder die Merkur-Autorin hätte in ihrem Artikel angeben müssen, worauf sie sich wirklich bezieht: nämlich auf das Bundeszentrum für Ernährung, BZfE.

Gift im Tee? Das BfR gibt Entwarnung

Der Verweis geht aber auch aus anderen Gründen nach hinten los.

Denn die Expertinnen vom BZfE schreiben in ihrem Artikel, was die Prüfer von BfR wirklich sagen: Die geben Entwarnung.

Vollständig lautet der Text so:

„Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) weist in einer Stellungnahme auf erhöhte Werte von Pyrrolizidinalkaloide (PA) in einzelnen Kräuter- und Teeproben hin. In hohen Dosierungen und bei längerfristiger Aufnahme können diese Alkaloide die Leber schädigen. Eine akute Gesundheitsgefährdung hält das BfR jedoch für unwahrscheinlich.“

Quelle: BZfE, Oktober 2023

Wir wiederholen: Nur einzelne Proben. Und eine akute Gesundheitsgefährdung ist unwahrscheinlich.

Den albernen Alarm des Merkur kann man also getrost abblasen, von wegen keinesfalls, nie, immer, „vermeintlich harmlos“, „gesundheitsgefährdend“.

Aber so schnell kommt diese Redaktion nicht davon.

Denn uns geht es, wie immer, ums Handwerk und um die journalistische Redlichkeit. Aber auch um die Interessen der Leser, die sich von einer Zeitung Gewinn in Form relevanter Information erhoffen dürfen. Und natürlich um die Sache: Was ist jetzt mit diesen Pflanzengift?

Wer hat was warum gesagt?

Bevor das Publikum also aufgeschreckt seine Teedosen leert und sich beim Hausarzt die Leberwerte messen lässt, müssten die Merkur-Leute ein paar Fragen beantworten: Wer hat was genau gesagt? Wovor wird gewarnt? Warum? Das tut der Merkur nicht.

Stattdessen sollen Leser sich von einem Institut zum anderen und dort durch verschiedene Fachgutachten klicken. Welcher Tee, welche Studie, welche Substanzen, welches Ergebnis, welche Aussage, wie stark die Warnung genau ist, erschließt sich nämlich nicht.

Eigentlich gibt es dafür journalistische Grundregeln. Sie gelten für Volontäre und Praktikanten, für Redaktionen und erfahrene Schreiber gleichermaßen, wenn es um Meldungen und Nachrichten geht. Dann sind nämlich zwingend die berühmten W-Fragen zu beantworten: Was ist wann, wo geschehen, wer hat was zu wem gesagt und aus welchem Grund?

In jeder Ausbildungsredaktion wird das gleich zu Anfang gründlich gebimst, wochenlang.

Misere im Billig-Journalismus

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Der Merkur aber hat schlankweg darauf verzichtet, von seiner Autorin die grundlegenden Fertigkeiten zu verlangen. Für diese Art von Ernährungsalarm ist es wohl inzwischen egal, für diese Art von Schreibern auch: Das sind keine Journalisten.

Sie haben keine Ausbildung, keine Erfahrung, kein Training und jobben oft nur nebenher, für ganz kleines Geld. Auch der Merkur wirbt solche Hilfskräfte an, von journalistischen Kenntnissen oder Erfahrung ist in den Anzeigen gar nicht erst die Rede.

Das traurige Modell ist bekannt, gerade im Lokaljournalismus. Geld ist dort keines mehr zu verdienen, also muss billig Textmasse herangeschafft werden.

Wenige Altredakteure bringen die gelieferte Rohware halbwegs in Form, selbst auf dem Schleudersitz: Ihre Stellen werden immer weiter abgebaut.

Worum es wirklich geht: Welches Gift steckt im Tee?

Solche kleinen Meldungen wie die zum Tee könnten in Zukunft sogar von KI-Bots wie ChatGPT gebastelt werden. Vielleicht wären sie dann nicht einmal so falsch und verzerrt wie die Warnung vor Tee im Merkur.

Denn was wirklich beim BZfE und beim BfR steht, fassen wir jetzt zusammen, anhand der Quellen, die der Merkur nur diffus nennt. Schließlich haben die Qualitätsleser von Quarkundso.de ein Recht auf Service.

  1. Das Bundesinstitut für Risikobewertung hat sich 2013 mit bestimmten Pflanzenstoffen, den schon erwähnten Pyrrolizidinalkaloiden, beschäftigt. Sie stecken in Kräutern, Gewürzen, aber auch in Honig, Futtermitteln und Teezubereitungen, in Orchideen, Astern und hunderten von Pflanzen auf der ganzen Welt. Die Gewächse schützen sich damit vor Fressfeinden.
  2. Was beim BfR unter „Tee“ zu verstehen ist, bestand aber genau genommen nur aus wenigen Aufgüssen:

„Folgende Teesorten wurden analysiert und in die Schätzung der Exposition einbezogen: Babyfencheltee, Fencheltee, Kamillentee, Kräutertee, Pfefferminztee, Brennnesseltee, Melissentee. Die Auswahl der Teesorten ist nicht repräsentativ.“

Quelle: BfR, 2013 Pyrrolizidinalkaloide in Kräutertees und Tees Stellungnahme 018/2013 des BfR vom 5. Juli 2013

 

  1. Schwarzer und grüner Tee, also Tee von der echten Teepflanze Camilla sinensis war nicht darunter. In der echten Teepflanze stecken diese Pyrrolizidinalkaloide ohnehin nicht – der Strauch schützt sich mit einem eigenen Stoff vor Fressfeinden. Der heißt Koffein, ein Gift das Menschen bekanntlich recht gut bekommt.
  2. Pyrrolizidinalkaloide können aber in schwarzen und grünen Tee gelangen, wenn versehentlich Kräuter oder Blätter anderer Pflanzen beim Pflücken hineingemischt werden. Die Mengen sind allerdings gering.
  3. Das BfR hat 2022 noch einmal klargestellt, welche Lebensmittel in Deutschland hauptsächlich dazu führen, dass Menschen die Pyrrolizidinalkaloide aufnehmen: Neben einigen Küchengewürzen sind das „Kräutertee, Rooibostee und kräuterteehaltige Getränke“. Weiter heißt es: „Auch bei Jugendlichen und Erwachsenen ergibt sich die Exposition primär durch den Verzehr von Kräutertee und Rooibostee.“
  4. Bei der Gelegenheit warnt das BfR übrigens vor dem Sammeltrend, bei dem Leute wilde Kräuter und Blätter zu Salaten oder Smoothies verarbeiten: Da kann das giftige Alkaloid nämlich in höherer Menge drinstecken, etwa in Borretsch.
  1. Die Untersuchungen des BfR waren 2015 abgeschlossen, später hat die EU Grenzwerte eingeführt, die in Kräutertees und Gewürzkräutern kontrolliert werden. Die Experten warnen daher nicht pauschal vor Tee. Sie raten nur dazu, Kindern nicht ausschließlich Kräutertee zu geben und romantische Wildpflanzen nicht ohne Kenntnisse verwerten.
  2. Trotzdem erwähnt das BfR Vergiftungen durch die Pyrrolizidinalkaloide, zum Beispiel in Afghanistan. Sie kamen von Getreide, denn viele Pflanzen enthalten die Schutztoxine. Nicht nur Kräuter für Gewürze oder Aufgüsse.
  3. Das Bundeszentrum für Ernährung, BZfE wiederum zitiert in seinem Beitrag verschiedene Quellen. Da geht es auch um Rückstände von Pflanzenschutzmitteln. Am Ende steht wieder nur die ganz allgemeine Empfehlung, öfter abzuwechseln und Kindern nicht ausschließlich Kräuter- und Rooibostee zu geben.
  4. Das mit dem Abwechseln ist so zu verstehen: Wenn jemand am liebsten Kamillentee trinkt, dann öfter mal die Marke wechseln. Also weiter Kamille aufbrühen, aber von einer anderen Marke – mal von Aldi, mal von Netto. Dasselbe gilt für schwarzen Tee: Nicht immer den Darjeeling eines einzigen Herstellers, sondern auch mal einen anderen. So steht dem täglichen Lieblingstee nichts im Wege.

Schöne Feiertage – mit gutem Tee

Das war´s. Kein Alarm. Kein Gift. Keine Gefahr für die Gesundheit.

Schon gar nicht das hier aus dem Merkur:

„Die vermeintlich harmlose Tasse Tee kann sich bei übermäßigem Verzehr ebenfalls gesundheitsgefährdend auswirken.“

 

Schließlich hat laut Verbraucherzentrale der Gehalt an Pyrrholizidinalkaoloiden in Lebensmitteln seit Jahren stetig abgenommen. In neueren Stichproben war das Gift oft nicht mehr nachzuweisen oder nur gering enthalten. Die Hersteller passen auf, arbeiten sorgfältiger, Maschinen und Leseverfahren werden besser. Unerwünschtes kommt kaum mehr rein.

Wir lassen das jetzt als Ergebnis so stehen. Dem Thema „Hysterie und Drama rund um Essen“ widmen wir uns an anderer Stelle wieder.

Jetzt ist Weihnachten.

Die Chefin wird während der Feiertage genüsslich ihren Liter schwarzen Tee am Tag trinken und weitere Gifte zu sich nehmen, darunter das berüchtigte Ethanol. Natürlich nur in kleinen Mengen. Weniger klein werden erfahrungsgemäß die Mengen an fettem Essen sein. Aber danach hilft ein guter schwarzer Tee ganz ausgezeichnet.

In diesem Sinne frohe Fest- und Feiertage.

©Johanna Bayer

Artikel im Münchner Merkur: „Warum Sie keinesfalls jeden Tag Ihren Lieblingstee trinken sollten“, vom 30.11.2023

Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) 2022, 

Verbraucherzentrale  zur Pyrrozilidinalkaloiden in Lebensmitteln

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