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Visite beim NDR: Neues über Zucker und Kokain. Aus der Epoch Times.

 

In der NDR-Gesundheitssendung „Visite“ fällt eine Ärztin mit steilen Thesen über Zucker auf: Er wirke auf das „Suchtzentrum des Gehirns ähnlich wie Kokain“. Nicht nur Quarkundso.de fragt da nach. Aber leider kommt als Beleg ein Artikel der dubiosen Epoch Times. Ausgerechnet. Und das ist nicht der einzige Patzer. 

 

 

Quarkundso.de wird ja inzwischen als allgemeine Auskunftei zu Essen und Gesundheit betrachtet.

Die Leute haben keine Hemmungen.

Da fragt ein unbekannter Follower über Twitter an, warum die Butter so teuer geworden, aber Biobutter nicht genauso im Preis gestiegen ist.

Eine Kollegin möchte wissen, was dran ist an der Behauptung, Mikrowellen zerstörten wichtige Stoffe im Essen und ließen Gifte entstehen, angeblich schon vor 30 Jahren entdeckt von einem Schweizer Arzt, der seither im Untergrund kämpft (so ähnlich).

Andere Blogger-Freunde verwickeln Quarkundso.de in eine Diskussion über Zucker als Droge, mittels Markierung auf Facebook. Was da dran sei, was ich so meine, und überhaupt.

Ich verspreche allen Antragstellern: Wir sind bemüht, Fragen sofort und ausführlich zu beantworten. Dabei widmen wir uns auch den wildesten Verschwurbelungen, wenn es nur um Essen geht.

Die Mikrowelle und die Butter mussten aber etwas zurückstehen, denn langweilige Zucker-Nummer wuchs sich zu einer peinlichen kleinen Panne für den NDR aus. Und als gefundenes Fressen für Quarkundso.de.

Es geht um die Gesundheitssendung des NDR, die „Visite“. Das ist ein altes Flaggschiff in der Senderlandschaft. Eine der dort als Expertin auftretenden Fernsehärztinnen hatte in der Sendung vom 17.10.2017 vor Zucker gewarnt.

Ihren steilen Satz spielte die Redaktion online über Facebook, samt der Bemerkung, die WHO rate deshalb zur Begrenzung des Zuckerkonsums.

 

 

Zucker mit Kokain zu vergleichen ist einfach Quatsch

Bloggerin Irene Gronegger, ebenfalls im Gesundheitsbereich unterwegs, war darüber gestolpert. Zucker wirkt wie Kokain? Macht also wach, süchtig, hyperaktiv, ist eine gefährliche, suchterzeugende Droge, zerstört das Gehirn? Und das als Ärztin?

Die Kollegin fragte nach, und zwar bei der Pressestelle des NDR: Welche wissenschaftlichen Belege es denn gäbe? An diesem Punkt wurde Quarkundso.de herbeizitiert, man freute sich auf ein kleines Scharmützel.

Dabei passte uns das gerade gar nicht. Es war Mittag, wir waren hungrig, müde, erkältet, mussten trotzdem was abarbeiten und die Sache selbst ist doch schon längst ausgelutscht: Nein, Zucker als Stoff wirkt nicht wie harte Drogen, egal, was irgendwelche Amerikaner sagen, von Robert H. Lustig, dem Anti-Zucker-Aktivisten über David Ludwig von der Harvard-Universität bis zu Tosca Reno, der Clean-Eating-Päpstin.

Wissenschaftlich ist der Käse längst gegessen: Es gibt kein einziges Lebensmittel oder einen einzelnen Stoff in der Nahrung, der süchtig oder abhängig macht.

Auch nicht Zucker. Gegen Kokain, Heroin und selbst Nikotin sind alle Lebensmittel harmlos. Daher steht auch keines auf der Liste suchterzeugender Substanzen, sieht man mal vom Alkohol ab. Aber der ist kein Lebens-, sondern ein Genussmittel.

Quarkundso.de berichtete mehrfach.

Das rechtfertigt oder verharmlost nicht das übermäßige Verschlingen von Süßigkeiten. Aber es rückt die Verhältnisse gerade: Es ist nicht der Stoff Zucker, der körperlich abhängig macht und etwa wirkt wie ein Droge. Es ist das zwanghafte, übermäßige Essen, das Verhalten, das das Gehirn in einer bestimmten Region verändert, die die Fernsehärztin „Suchtzentrum“ nennt.

Korrekt heißt es Belohnungszentrum, und das erzeugt bei Dingen, die gelingen ebenso wie beim Naschen von Leckereien Glücksgefühle. Harte chemische Drogen ahmen diesen natürlichen Mechanismus nach und verzerren ihn stark, das macht sie so gefährlich.

Aber klar ist: Das ist schon eine ganz andere Nummer. Darüber sind sich alle Suchtforscher auf der Welt einig.

 

Immer wieder neu aufgekocht: Zucker als Droge

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Ob Essen oder irgendein Stoff im Essen trotzdem süchtig machen könnte, ist zur Sicherheit geklärt worden: Forscher haben im Auftrag der EU haben 2013 ein internationales Konsenspapier erstellt, das die Lage zum Thema Essen und Abhängigkeit – Food and Addiction – sondiert.

Demnach gibt es kein einzelnes Lebensmittel oder einen Inhaltsstoff, der abhängig macht wie eine Droge, die reinen Genussmitteln Alkohol und Kaffee ausgenommen.

Bisher sieht es nicht so aus, als ob sich die Einschätzung sich ändert.

Das heißt nicht, dass es nicht Menschen mit suchtartigem oder suchthaftem Essverhalten gibt. Und dass sie nicht genau die charakteristische Veränderungen im Gehirn aufweisen, die denen von Drogenkonsumenten ähneln. Oder tatsächlich eine suchtartige Gier nach Süßem, aber besonders auch nach Fettigem entwickeln könnten. Darauf sind wir nunmal biologisch geeicht.

Aber es geht dabei nicht um einen chemischen Stoff, der das Gehirn manipuliert. Sondern um das gestörte Verhalten und das ständige Wiederholen: Menschen werden nicht süchtig nach den Substanzen Zucker oder Fett. Sondern abhängig vom Essen als zwanghafte Handlung.

Die Mechanismen im Gehirn sind dabei tatsächlich immer dieselben. Die Veränderungen, die man beobachten kann, etwa im Kernspin, auch.

Egal, die Details mag jeder selbst nachlesen.

Hier geht es eher um die interessierten Kreise, die den wissenschaftlichen Konsens zu Zucker als Lebensmittel nicht akzeptieren. Sie haben auch nicht den gesunden Menschenverstand der Hausfrau, die Zucker in den Kuchenteig gibt, aber auch weiß, wann es zuviel ist.

Nein, die Verschwörer betrachten Zucker als Gift und kommen ständig mit denselben Behauptungen und Argumenten sowie angeblich neuen Belegen um die Ecke, spielen über Bande, schreiben oder zitieren unseriöse populistische Bücher, beziehen fragwürdige Informationen aus dem Internet und schwören auf angeblich neue Studien, wahlweise auch auf brisante Daten, die angeblich seit 60 Jahren unter Verschluss gehalten werden.

Darunter sind Fachleute, Ärzte und Journalisten. Erstaunlich, eigentlich. Das Ganze ist eine amerikanische Debatte, sogar eigentlich eine Kampagne, die nicht auf alle zu übertragen ist. Die entsprechenden Akteure sind auch alle von drüben, das ist kein Zufall.

 

Quellen: Epoch Times und das Interview mit einem Toten

Wir wollten also müde abwinken, dann aber wurde es lustig, denn Kollegin Gronegger bekam Antwort von der NDR-Pressestelle. Quarkundso.de erwachte aus der Lethargie, denn brühwarm landete die Mail des NDR bei uns auf dem Tisch.

Darin wurden als Belege zwei Links angegeben. Einer führte zur Epoch Times, einer zu den Deutschen Gesundheitsnachrichten.

Wie bitte, die Epoch Times? Das Kampagnenblatt der Falun-Gong-Bewegung, in seiner deutschen Ausgabe Lieblingspostille von AfD-Wählern und Rechtsextremen? So beschreibt zum Beispiel DIE ZEIT das fragwürdige Portal.

Auf keinen Fall kann ein Artikel aus einer solchen Schleuder als Quelle für den öffentlich-rechtlichen Rundfunk gelten, gar als Beleg für einen Sachverhalt aus Medizin und Wissenschaft.

Die andere Quelle leistet sich unter dem reißerischen Titel „Zucker wirkt auf den Körper wie Heroin“ leider ein peinliches Missverständnis. In wörtlicher Rede zitiert der Artikel Princeton-Forscher Bart Hoebel, als ob er gerade interviewt worden wäre.

Im Nucleus accumbens, dem Lustzentrum des Gehirns, löst „Zucker die Ausschüttung von Dopamin und Opioiden aus“, so Bart Hoebel von der Princeton University in New Jersey. Das Dopamin wird als Triebkraft hinter Drogensucht gesehen. Und die Opioide sind Substanzen, die eine betäubende Wirkung im Körper hervorrufen, indem sie sich an die Opioidrezeptoren binden. „Das Gehirn wird süchtig nach seinen eigenen Opioiden, wie es das auch bei Heroin und Morphin tun würde“, ergänzt Hoebel. Insgesamt erzielten Drogen eine größere Wirkung, aber im Wesentlichen sei der Prozess der gleiche, so Hoebel. Hoebel führt dies unter anderem auf eine durchgeführte Studie mit Ratten zurück.

Klingt gut, der Artikel ist allerdings von 2014. Und Bart Hoebel ist 2011 gestorben.

 

Huch, vertippt!

In solch einem Fall muss man leider feststellen: Das hätte der NDR nicht rausgeben sollen.

Bart Hoebel war übrigens ein sehr renommierter Forscher, dessen Arbeiten in Deutschland und anderswo fortgeführt wurden. Das Ergebnis ist aber nicht die platte Aussage, dass Zucker süchtig macht.

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hatte inzwischen selbst der NDR-Pressestelle geschrieben und gefragt, was es mit diesen seltsamen Quellenlinks auf sich habe.

Die Antwort kam am Abend: Nein, nein, das, äh, sei nur ein Versehen gewesen, die Ärztin habe die Links nur nebenher in der Praxis rausgesucht. Das seien weder ihre Quellen noch die der Redaktion. Und die Redaktion habe sie lediglich weitergegeben, das seien „allgemeinverständliche Medien“.

Interessante Einschätzung.

 

Unbestritten, aber umstritten – was denn nun?

Ansonsten wurde uns erklärt, dass es bei Zucker „unbestrittene gesundheitliche Risiken“ gäbe – aber wissenschaftlich sei die Sache umstritten, es gebe ja „unterschiedliche Einschätzungen und Veröffentlichungen.“

Ah ja. Das haben wir natürlich verstanden: Schrödingers Zucker.

Dazu kamen neue Belege, darunter wieder eine dubiose Quelle, ein „Sleuthjournal“, das zur Sache auf ein esoterisches Naturkostportal verlinkt, eine ältere Arbeit von Bart Hoebel, die ins Konsenspapier der EU von 2013 eingeflossen ist – Ergebnis: Zucker macht nicht süchtig wie Kokain. Eine verfehlt das Thema und dreht sich um Angststörungen, eine weitere beschäftigt sich auch mit einem anderen Thema, übrigens ebenfalls auf der Basis von Bart Hoebel (ja, das war ein hoch renommierter Suchtforscher).

Soll heißen: Diese Quellen ändern nichts am Stand der Wissenschaft. Der entspricht weiterhin dem EU-Konsenspapier, es wurde erst letztes Jahr, 2016, international bekräftigt.

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Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Die hartnäckigen Zucker-Verschwörer haben dagegen keine harten Fakten in der Hand. Sie zitieren selektiv, interpretieren tendenziös und einseitig oder suggerieren Ergebnisse und Erkenntnisse, die es gar nicht gibt. Meistens spielt sich das in den USA ab, und das hat seinen eigenen Charme.

Natürlich wollen alle dabei nur das Beste, nämlich die Gesundheit schützen. Das ist ehrenwert, aber ein wenig aufpassen und auf unseriöse Thesen verzichten sollte man schon. Der gute Zweck heiligt nicht alle Mittel.

Diese ganze Zucker-ist-Droge-Diskussion wollen wir jetzt nicht weiter aufrollen. Das können Interessierte ja nachlesen.

Wir hingegen blicken kurz noch einmal auf das journalistische Handwerk und die redaktionelle Verantwortung, die der NDR nunmal hat.

 

Online geht noch einer

Denn im Netz lief es leider auch nicht rund.

Der Facebook-Post der Redaktion nämlich bauscht nicht nur den steilen Satz der Ärztin auf. Dazu bekräftigen die Onliner der Redaktion Visite auf Facebook:

Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt deshalb auch nicht mehr als 25g Zucker am Tag.

Deshalb, aha. Das klingt, als warne die WHO vor Zucker wegen seiner drogenähnlichen Wirkung. Aber so ist es nicht. Ganz und gar nicht.

Die WHO warnte 2015 vor Übergewicht und Karies durch übermäßigen Zuckerverzehr. Das ist in der Begründung zur Empfehlung ganz klar. Von Sucht, Droge, Kokain oder sonstigen Gesundheitsgefahren ist nicht ansatzweise die Rede. Die WHO ist nämlich über den Stand der Wissenschaft orientiert.

Von wegen „deshalb“.*

Der Online-Kommentar ist einfach besinnungslos und ohne Kontrolle oder Recherche ins Netz geblasen worden. Wenn er nicht sogar aus der Redaktion stammt. Die hätte da doch besser aufpassen und nicht den tendenziösen Vereinfachungen aufsitzen sollen.

Die Sendung selbst sieht ihre Inhalte und Aussagen, gerade auch die vom 17.10. zum Zucker, als „wie immer gut recherchiert, und natürlich unbeeinflusst und unabhängig“ (aus der Moderation vom 17.10.2017). Schade, dass da niemandem, weder Pressestelle (Kommunikationsprofis) noch Redaktion (erfahrene Gesundheitsredakteure) aufgefallen ist, dass die Ärztin einen Link der Epoch Times verschickt.

Und keiner hat mal kurz in die Links geschaut und gesehen, was da zitiert wird. Keiner hat recherchiert, niemand hat kontrolliert und niemand schaut nach, was die Onliner treiben. Die geben einfach wieder, was Redaktion und O-Ton der Ärztin ihnen nahelegen.

Das wünscht man sich schon anderes, von einer Gesundheitsredaktion im öffentlich-rechtlichen Rundfunk.

Und in den heutigen Zeiten. Es spielt Verschwörungstheoretikern in die Hände. Das sind die Leute, die sich zum Beispiel aus der Epoch Times, esoterischen Gesundheitsportalen oder Angeboten mit „Alternative News“ wie dem Sleuthjournal informieren.

Und das nicht nur über Zucker. Sondern auch über Chemtrails, Invasionen aus dem All und Reptiloiden.

©Johanna Bayer

Hinweis: Die Deutschen Gesundheitsnachrichten haben umgehend auf die Kritik von Quarkundso.de reagiert und in ihrem Artikel von 2014 vermerkt, dass Bart Hoebel 2011 verstorben ist. Sie möchten auch nicht als „dubioses Portal“ bezeichnet und mit den Epoch Times in einen Topf geworfen werden, da sie nach den Grundsätzen des Deutschen Presserates (Pressekodex) arbeiten. Ich habe daher den Text an dieser Stelle geändert. Meine Kritik an den Formulierungen im Artikel über Zucker und Bart Hoebel wird von der Redaktion in der Sache akzeptiert.

*Die Online-Redaktion der Visite hat auf den Beitrag von Quarkundso.de reagiert und schnell ihren Facebook-Kommentar nach Erscheinen geändert. Das „deshalb“ ist gestrichen worden, Stand 30.10.2017 – ohne jede Anmerkung. Neuer Text: „Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt nicht mehr als 25g Zucker am Tag“.

 

EU-Konsenspapier Food and Addiction

Sendung Visite beim NDR vom 17.10.2017

Über die „Zuckerlüge“ von ARTE und die US-Kampagne

 

 

WHO wider die Wurst: Ist Wurst krebserregend? Worum es bei #wurstgate wirklich geht. Und wie wir unser Krebsrisiko vermindern

 

 

Am Montag hat sich die Welt verändert. An diesem 26.10.2015 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt: Wurst, Schinken, Kasseler und Pasteten sind krebserregend. Es gäbe genügend Daten, daher sei man jetzt sicher, dass verarbeitetes Fleisch beim Menschen Krebs auslöst.

Rotes Fleisch, also von Rind, Schwein, Lamm und anderen Tieren, bekam auch einen Stempel: Es sei zwar nicht ausreichend belegt, dass es sicher Krebs macht. Aber es ist wahrscheinlich.

Den Befund erhoben 22 Wissenschaftler und Gesundheitsexperten aus 10 Ländern in der Abteilung für Krebsforschung der WHO, der IARC. Wurst und verarbeitetes Fleisch landeten in Kategorie 1 der krebserregenden Stoffe, rotes Fleisch in Kategorie 2a.

Damit stehen fränkische Rostbratwürste, Schinken und Salami neben Dieselruß, Röntgenstrahlen, Tabakrauch, Asbest und Plutonium.

In der Stufe darunter, der Kategorie 2A, finden sich neben Rinderbraten und Lammkoteletts auch DDT und Formaldehyd.

 

Die TAZ befragt einen Wurstexperten

Die Meldung von der WHO-Einstufung ging natürlich sofort um die ganze Welt. Auf Twitter etablierte sich dazu der herrliche Hashtag #wurstgate, und alle berichteten.

Die SZ ließ Kathrin Zinkant, Wissenschaftsredakteurin und Biochemikerin, gleich dreimal kommentieren. Die TAZ befragte den Wurstsack, der ein für alle Mal die Sache erledigte.

Der Wurstsack, das ist der Food-Aktivist Hendrik Haase, ein gelernter Kommunikationsdesigner, 31 Jahre alt, aus Berlin. Er ist für Slow Food unterwegs und sein Künstlername ist Programm: Der Wurstsack ist ein Fan von Wurst, lässt sich gerne beim Wurstmachen fotografieren, veranstaltet Wurst-Workshops für Kinder und ist an einer Metzgerei beteiligt.

Er steht für Essen mit Bewusstsein, für Tradition und bestes Handwerk, und polemisiert gegen Discounter, Industrie und Fertiggerichte. Sich selbst nennt er den „Verteidigungsminister des kulinarischen Weltkulturerbes“ und er verkörpert das so gut und glaubwürdig wie kein zweiter in diesem Land zurzeit.

In der TAZ hat er zu #wurstgate gesagt, er habe die Studie gelesen, es sei eine Kohorten-Studie, also eine, die mehrere Studien zusammenfasst. Er halte die Studie und die IARC schon für seriös, aber eine richtige Aussage hätte er in der Studie nicht lesen können, die stehe da nicht drin.

Es gäbe außerdem in der Ernährung so viele Faktoren, dass man überhaupt schwer Aussagen in Studien treffen könne.

Zudem sei es ein Problem vieler Studien, dass sie einen monokausalen Zusammenhang zwischen Beobachtungen herstelle. Und überhaupt, er könne in der Studie nicht sehen, um welche Stoffe und welche Verarbeitungsmethoden es bei Wurst gehe. Man könne allenfalls herauslesen, dass die Menschen weniger und dafür besseres Fleisch essen sollten. Und genau das sage er auch.

 

Darf der noch mitspielen?

Jetzt ist natürlich die große Frage, wer Recht hat – die WHO und ihre 22 internationalen Wissenschaftler. Oder der Wurstsack. Die TAZ glaubt, wie es aussieht, dem Wurstsack. Wissenschaftlern glaubt heute sowieso keiner mehr, schon gar nicht, wenn sie etwas über Essen sagen.

Aber andererseits hat der Wurstsack ein Problem. Es läuft bei Wissenschaftlern unter dem Etikett „Interessenskonflikt“ – conflict of interest. Wenn ein Forscher eine Studie von der Industrie finanzieren lässt oder bei einem Unternehmen in Diensten steht oder sonst irgendwie befangen ist, soll er das gemäß wissenschaftlicher Ethik bei seinen Publikationen angeben. Das steht dann in seinen Publikationen unter der Überschrift „Interessenskonflikt“.

Führt jemand so einen Interessenskonflikt auf, zum Beispiel bei einer Studie über Pflanzenschutzmittel, die von einem Chemie-Konzern finanziert wird, schauen alle extra scharf hin und prüfen Methoden und Ergebnisse auf Herz und Nieren. Wer seinen Interessenskonflikt nicht angibt, ist nicht mehr satisfaktionsfähig. Der darf nicht mehr mitspielen und geht kurz danach meist in die Industrie.

Jetzt ist ein Wurstaktivist eindeutig mit einem massiven Interessenskonflikt behaftet. Da mag er sonst auf der Seite der Guten stehen, so richtig glaubwürdig ist er beim #wurstgate nicht.

Schwierig. Also, für die TAZ jetzt. Die hätte vielleicht doch lieber einen unabhängigen Forscher befragen sollen.

 

Der Wurstsack erklärt die Wissenschaft

Überhaupt, einen Forscher. Denn im Interview mit dem Wurstsack gab es noch ein paar andere Stolpersteine: Erstens kann er die Studie der WHO nicht gelesen haben, denn die ist noch gar nicht publiziert. Es gibt nur eine Pressemitteilung und einen Artikel im Lancet. Und natürlich ist das, was die WHO da gemacht hat, keine Kohortenstudie.

Eine Kohortenstudie ist eine Untersuchung, in der eine Gruppe von Menschen in Bezug auf bestimmte Ereignisse und Krankheiten systematisch über einen bestimmten Zeitraum beobachtet wird.

Was das IARC-Gremium gemacht hat, war eine Literaturstudie, eine Sichtung und Auswertung des Forschungsstandes. 800 Studien aus Europa, den USA und Japan haben die Krebsexperten durchforstet, deren Ergebnisse zusammen getragen und dann Bilanz gezogen.

Aber zusätzlich zu seinem Irrtum langt der Wurstsack noch richtig hin und erklärt die Ernährungswissenschaftler insgesamt für zu doof, und zu Kurpfuschern eines unseriösen Gewerbes. Das „Problem der meisten Studien“ sei, „dass sie einen monokausalen Zusammenhang“ herstellten und den Lebens- und Ernährungsstil nicht berücksichtigten.

Am Ende erledigt er mit einem grundsätzlichen Misstrauensvotum die ganze Zunft: Bei der Ernährung, sagt er, könne man Schlüsse auf die Wirkung bestimmter Stoffe überhaupt nicht ziehen. Und daher sollten die Verbraucher kritisch sein: „Meist lesen wir ein halbes Jahr später eine Studie, die genau das Gegenteil aussagt.“

 

Gut gemeintes, aber wirres Zeug

Ich bin ein Fan vom Wurstsack, wir sind in demselben Verein, kämpfen quasi Seite an Seite und ich bin in allem, was Wurst und Fleisch angeht, mit ihm einer Meinung. Aber was er da über Wissenschaft von sich gibt, ist wirres Zeug.

Den Forschern um die Ohren zu hauen, dass sie noch nicht mal die simpelsten Regeln der Wissenschaft beherrschen und selbst in internationalen Institutionen vor sich hin dilettieren, ist schon starker Tobak für einen Hobbymetzger. Solche Argumente wirft auch die Fleischindustrie in die Debatte, aus durchsichtigen Gründen. Damit kann man nicht arbeiten.

Es mag vom Wurstsack gut gemeint sein, aber etwas mehr Respekt sollte man vor der WHO schon haben. Sonst läuft man Gefahr, mit Esoterikern und Verschwörungstheoretikern beim Heilpraktiker zu landen und gegen Krebs Kügelchen aus Krötenschleim zu schlucken.

Daher kann ich das TAZ-Interview so nicht stehen lassen, bei aller Sympathie mit dem lieben Wurstsack. Vorab mal nix für ungut.

 

Wie geht das eigentlich mit dem Wissen über Essen?

Das Problem in vielen Fragen der Ernährungswissenschaft ist nämlich nicht, dass die Forscher dumm und schlampig sind, oder falsche Schlüsse ziehen. Das Problem ist, dass man keine Menschenversuche machen kann, um zu schauen was passiert.

Daher bleiben nur große Beobachtungsstudien und einige wenige Felder, in denen man versucht, mit bestimmten Testpersonen ethisch zu rechtfertigende, sichere Experimente zu machen. Das ist dann die Königsklasse, Interventionsstudien mit randomisiertem, kontrolliertem Design: Die einen bekommen etwas, die anderen kriegen es nicht. Wer in welcher Gruppe landet, ist Zufall, und man schaut genau hin, was herauskommt.

So etwas kann man mit Nüssen machen. Oder mit Olivenöl, also mit bewährten, sicheren Lebensmitteln. Man hat das alles auch schon gemacht.

Eine legendäre spanische Studie zum Beispiel sollte die Wirkungen von Nüssen und Olivenöl gegenüber einer normalen Diät mit wenig Fett und Kalorien bei Personen mit Risikofaktoren für Herzinfarkt testen. Heraus kam, dass eine Extraportion Nüsse oder Olivenöl zur normalen Kost so günstige Auswirkungen auf Blutwerte und Blutdruck hatte, dass die Forscher die Studie kurzerhand mittendrin abbrachen.

Grund: Es erschien ihnen unethisch, der anderen Gruppe die Vorteile der wirksamen Stoffe vorzuenthalten.

Seitdem gelten Nüsse und Olivenöl offiziell als gut für das Herz. Aber auch diese PREDIMED-Studie wurde auf ihre Einschränkungen hin scharf analysiert und kritisiert. Nur Risikopatienten, das verzerrt, und was die Probanden wirklich und wie oft gegessen haben, war auch unklar, neben einigen statistischen Fragen.

 

Der Wissenschaftler weiß nie genug

Das ist das Gute an der Wissenschaft: Sobald etwas auf dem Papier steht, kann es jeder ansehen und darüber diskutieren, auch heftig. Aber aufs Papier muss man erstmal was bringen, und die Forschungsprobleme angehen muss man auch.

Das Schöne ist, dass alle die Einschränkungen ihrer Studien und Designs angeben und man dann Bilanz zieht. Gemeinsam, wie jetzt die Forscher bei der WHO.

Keine Lösung ist: Nicht mehr forschen, weil man angeblich in dem Feld nichts wissen und belegen kann. Das ist eine mittelalterliche Sicht auf die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten, im milden Fall ist es Skeptizismus, im schlimmsten Fall, siehe oben, Esoterik und Irrationalismus.

Denn was hätte man bei der spanischen Studie etwa machen sollen? Wie schnell hätte man Ergebnisse mit Gesunden erzielt? Wer gesund und normalgewichtig ist, keine Risikofaktoren hat und dann noch ein paar Nüsse oder Olivenöl dazu nimmt, an dem zeigt sich nicht so viel. Es sei denn, man beobachtet sehr viele Gesunde ihr Leben lang.

Aber das wäre ein Jahrhundertprojekt. Stattdessen macht man lieber eine Beobachtungsstudie, eine der Kohorten-Studien, wie das IARC sie jetzt ausgewertet hat: Man schaut in bestimmten Ländern über eine gewisse Zeit, was Menschen zu sich nehmen und woran sie sterben.

Dass sich dabei schwer erfassen lässt, was Menschen so essen, ist klar. Es sei denn, man sperrt sie in eine Zelle und schiebt ihnen eine genau bestimmte Ration durch einen Spalt in der Tür zu.

Also bleiben immer Unschärfen.

Das liegt aber nicht an den Forschern oder an den Studien an sich, weder an Fehlern noch an bösem Willen. Und es heißt nicht, dass man gar nichts wissen kann und alle Ernährungsstudien Unfug sind – ein beliebtes Totschlagargument interessierter Kreise.

Man muss aber gut abwägen, die Einschränkungen der Studien kennen und die Forschungslage nach bestem Wissen und Gewissen beurteilen. Das können Experten, die sich mit dem Feld befassen. Gleichzeitig müssen sie mehr herausfinden, um zum Beispiel Kranken zu helfen wie den spanischen Risikopatienten, oder schädliche Trends zu stoppen, wie beim Übergewicht.

 

Leider oft wichtig: Tierversuche und Labor 

Ach, ein Mittel gibt es noch, über das die Forscher nicht so gerne reden: Tierversuche. Tiere bekommen bestimmte Stoffe zu fressen, oder müssen Diät halten oder viel Fett aufnehmen, Alkohol trinken, sich mehr oder weniger bewegen. Steht ein Stoff, den Menschen aufnehmen, unter Krebsverdacht, ist der Tierversuch mit dem experimentellen Erzeugen von Krebs bei Mäusen oder Ratten ein recht hartes Indiz.

So hat man im Tierversuch die Gefahr durch viele Substanzen gezeigt, darunter natürlich Tabakrauch, da mussten Kaninchen inhalieren. Bei Alkohol wurden Ratten zu Säufern gemacht, auch die Krebsgefahr durch das Gift von Schimmelpilzen, Aflatoxin, wurde an Mäusen gezeigt, die verschimmeltes Futter bekamen.

Dann gibt es noch die berühmten Petrischalen-Versuche im Labor: Zellen kommen in Nährlösung, man gibt den verdächtigen Stoff dazu und schaut, ob die Zellen sterben. Das klappt ziemlich oft, zum Beispiel bei Alkohol oder Schimmelpilzgiften.

Wie auch immer – so kommt in der Forschung schon eine Menge Wissen zusammen, trotz der vielen Einschränkungen.

 

Mensch und Wurst – die Fakten

Überhaupt, die Fakten. Wir müssen jetzt endlich zur Sache kommen. Schluss mit Wissenschaftstheorie.

Die WHO halt also 800 Studien von 22 Experten sichten lassen und eine Entscheidung gefällt. Aber was bedeutet die Einstufung, was besagt sie genau, welche Konsequenzen hat sie, warum haben die Forscher so entschieden, welches Risiko besteht, gibt es neue Daten?

Hier so kurz wie möglich das Wesentliche:

Gibt es neue Daten? Nein. Es gibt nur bekannte Daten aus den letzten 20 Jahren, aus der EPIC-Studie und anderen, alle schon hundertmal diskutiert.

Welches Risiko besteht? Ein sehr geringes. Das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, beträgt für einen 45-jährigen Mann 0,4 Prozent. Isst er 50 Gramm Wurst oder Fleischwaren pro Tag mehr als vorher, steigt sein Risiko auf 0,5 Prozent, rechnen die Kollegen von Quarks&Co vor. Ich gebe gerne noch ein paar Zahlen dazu: Jedes Jahr sterben laut IARC 34.000 Menschen an Darmkrebs, der nach ihrer Meinung von verarbeitetem Fleisch ausgelöst wurde. Durch Verkehrsunfälle gibt es jedes Jahr 1,2 Millionen Tote, den diversen Infektionskrankheiten von Grippe bis Malaria erliegen mehr als 11 Millionen jedes Jahr, Raucher können sich unter jährlich 11,4 Millionen Leichen wiederfinden. Das Risiko, an einer Infektion, an Lungenkrebs oder auf der Straße zu sterben, ist also ungleich viel höher als das für den Tod an der Wurst. Rotes Fleisch kann man getrost aussparen bei dieser Rechnung, weil der Zusammenhang mit Krebs nicht sicher belegt ist.

Warum haben die Forscher so entschieden? Weil es ihr Job ist. Die WHO prüft in ihrer Krebsforschungsabteilung IARC Substanzen, denen viele Menschen oft ausgesetzt sind, wenn es Hinweise auf Krebsgefahr gibt. Bei Fleisch und Wurst wurde ein Zusammenhang mit Krebs immer mal wieder diskutiert, jetzt sollte Klarheit her. Nicht jeder Stoff oder jedes Lebensmittel wird übrigens geprüft, sondern nur die, die auffallen. Daher kam bisher nur wenig Essbares auf die Liste, darunter Mate-Tee, Kaffee (2A und 2B, also wahrscheinlich bis möglicherweise krebserregend), gesalzener Fisch und eingelegtes Gemüse nach chinesischer Art (Stufe 1, mit Wurst und Plutonium). Die waren halt in medizinischen Studien ein paarmal auffällig geworden – schwupps, steckten sie in der Beurteilungsmaschine. Die Chinesen kümmert es übrigens nicht, dass ihr geliebter Salzfisch und ihre Gemüsepickles angeblich Magenkrebs machen. Die haben andere Sorgen.

Wer war in der Kommission? 22 Experten aus 10 Ländern, alles ausgewiesene Kenner der Materie. Also weder Laien noch Dummköpfe. Man könnte sie „besorgte Forscher“ nennen, frei nach dem dieser Tage oft zitierten Begriff des „besorgten Bürgers“.

Wie lief die Entscheidung? Nicht einstimmig. 15 von 22 waren dafür, Wurst und Fleisch in die hohen Kategorien einzustufen. 7 waren dagegen. Es war also keine einvernehmliche Entscheidung. Da hätte man ja gerne mal Mäuschen gespielt.

Welche Konsequenzen hat die Entscheidung? Keine. Denn weder WHO noch IARC raten vom Fleisch- und Wurstverzehr grundsätzlich ab. Ausdrücklich betonte der Leiter der IARC-Arbeitsgruppe, Kurt Straif, schon am 26.10., dass der Fleischverzehr gesundheitliche Vorteile hat. Man muss daher abwägen und das Risiko einschätzen. Dabei ist die WHO leider nicht behilflich. Denn sie kann keine Mengen angeben, ab denen Wurst und Schinken sicher schaden oder, umgekehrt, sicher nicht schaden. Das muss man sich merken: Eine Dosis, ab der man Gefahr läuft, gibt es nicht. Nur einen beobachteten Zusammenhang zwischen Wurstverzehr und Krebs. Irgendwie.

Welche Belege gibt es denn? Ausreichende, aber schwache. Es gibt Hinweise auf Zusammenhänge bei Beobachtungsstudien, etwas mehr für Wurst und verarbeitete Fleischwaren, weniger bei rotem Fleisch, insgesamt sind die Zusammenhänge schwach. An welchen Stoffen es genau liegen könnte, beim Auslösen von Darmkrebs durch Wurstverzehr, ist nicht bekannt. Interessant: Es gibt keine Belege aus Tierversuchen. Das heißt, es ist nicht gelungen, bei Mäusen oder Ratten im Experiment durch Wurst und Fleisch Darmkrebs zu erzeugen.

Ist Wurst so gefährlich wie Plutonium und Asbest? Nein. Sie stehen nur in derselben Kategorie. Aber bei Fleischwaren wie bei allen Lebensmitteln gibt es nur Plausibilitäten und bestimmte Zusammenhänge, nach denen die Krebsforscher der Sicherheit halber die Einstufung vornehmen. Bei Plutonium und Asbest  ist die Datenlage völlig anders. Legen Sie sich daher weiter Salamischeiben aufs Brot. Aber krümeln Sie nicht mit asbestverseuchtem Dämmstoff herum.

 

Soweit mal die Lage. Nüchtern betrachtet ist die Einstufung der IARC und der WHO von den Daten her wissenschaftlich nicht unkorrekt, vielleicht überkorrekt, bei dem minimalen Risiko.

Sie folgt einer Maschinerie in der IARC, und ganz sicher einer Politik der Prävention unter Bedenkenträgern: „So viele Menschen auf der Welt essen Fleisch, Wurst und Schinken. Da müssen wir auf das Risiko aufmerksam machen. Auch wenn es gering ist.“

Also bedeutet die Einstufung für den Einzelnen praktisch nichts, weil sich nichts ändert, nichtmal die Ernährungsempfehlungen.

 

Wer Wurst isst, kann sich auch in die Sonne legen

Kurt Straif von der IARC-Kommission, die die Einstufung vorgenommen hat, sagt noch etwas Bemerkenswertes: „Der Verzehr von Fleisch hat gesundheitliche Vorteile“, sagt er, und zählt die Proteine, Vitamine und Spurenelemente im Fleisch auf. Die stecken auch in der Wurst.

Und damit stößt man auf den Kern der Sache: Es geht bei #wurstgate um eine Risikoabwägung, um Risikowahrnehmung und Risikokommunikation: Fleisch und auch Wurst haben ernährungsphysiologisch so viele Vorteile, dass diese die eventuellen Nachteile überwiegen.

Wer hungert, muss da nicht zweimal überlegen: Her mit der Wurst! Es ist besser, sich die guten Proteine, Fette und Vitamine der Wurst einzuverleiben als sich vor einem Darmkrebsrisiko zu ängstigen, dass objektiv gering ist.

Das haben sich wohl auch die frühen Menschen gedacht, als sie daran gingen, Fleisch zu grillen (Krebs durch HCA und Benzo(a)pyren!) oder zu räuchern und als Schinken zu konservieren (Krebs durch Nitrosamine!). Letzteres taten schon die Neandertaler während der Eiszeiten, sonst wären sie ausgestorben.

Die Vorteile von Wurst, Schinken und Fleisch waren daher Menschen seit Urzeiten bewusst, was dazu geführt hat, dass Fleisch und Fleischwaren in praktisch allen Kulturen die begehrtesten Nahrungsmittel sind.

Die Einstufung von Wurst und Schinken ist vergleichbar mit der des Sonnenlichts: Sonnenlicht tut den Menschen gut, weil die Haut unter der Einstrahlung Vitamin D produziert. Menschen, vor allem Kinder, brauchen dazu Sonnenlicht, ohne Sonnenlicht bekommen sie leicht Rachitis und andere Mangelkrankheiten.

Sonnenlicht wirkt außerdem stimmungsaufhellend und anregend, es macht Menschen fröhlich, fördert Geselligkeit und Bewegung und ist notwendig für einen gesunden Hormonkreislauf und guten Schlaf, weil es die innere Uhr stimuliert.

Aber Sonnenstahlen sind krebserregend. Eindeutig. Sie verursachen Hautkrebs.

Die lieben, goldenen, warmen, überaus nützlichen Sonnenstrahlen stehen daher auch auf der IARC-Liste. In Kategorie 1, seit 2012: Es ist sicher belegt, dass Sonnenlicht Krebs auslöst. In diesem Fall übrigens auch im Tierversuch und im Reagenzglas.

 

Das Krebsrisiko bleibt – auch ohne Wurst

Und was jetzt? Nichts. Nichts weiter.

Nach der WHO-Entscheidung ging ein Sturm der Empörung durch die ganze Welt, und bei der WHO liefen so viele aufgebrachte Anfragen ein, dass sie vier Tage nach ihrer Entscheidung schon zurückrudern musste: Nein, die Botschaft sei nicht, dass Wurst Krebs macht. Die Botschaft sei: Weniger Wurst vermindert das Krebsrisiko.

Aha! Gut zu wissen – das ist eine andere Perspektive: Weniger Wurst kann das persönliche Krebsrisiko vermindern.

Aber es verschwindet nicht.

Wer wenig Wurst und rotes Fleisch isst, hat vielleicht ein geringeres Risiko, an Darmkrebs zu sterben. Aber sein Risiko ist nicht gleich null. Denn auch Vegetarier sterben an Darmkrebs, sogar erstaunlich häufig, wie sich denselben Kohorten-Studien entnehmen lässt, die von der WHO wider die Wurst ausgewertet wurden.

Am meisten steigt das Darmkrebs-Risiko übrigens durch Übergewicht und zu wenig Bewegung. Nicht durch Wurst.

 

Wer eine Botschaft hat, hat auch Verantwortung

In der SZ wirft Kathrin Zinkant der WHO vor, dass ihre platte Botschaft über die Einstufung unverantwortlich ist, weil sie nur verunsichert und keine neuen Verzehrsempfehlungen daraus folgen. Es ist auch weiterhin unklar, welche Inhaltsstoffe und Mengen verantwortlich für das leicht erhöhte Darmkrebsrisiko sind.

Das ist der bei weitem beste Kommentar zu #wurstgate bisher. Den sollte man lesen, und sich nicht dabei aufhalten, dass auch Zinkant der Versuchung erliegt, den WHO-Wissenschaftlern unsaubere Arbeit nachzuweisen.

Die Forscher haben nur ihren Job gemacht, die Maschinerie der Krebswarnungen ist an sich ein Problem.

Wichtig ist es dabei auch, sich klarzumachen, welche immense kulturelle und ernährungsphysiologische Bedeutung Wurstspezialitäten, Schinken, Pasteten und Fleischgerichte haben, und das gilt rund um den ganzen Globus.

In Italien rufen die Hersteller schon empört zum Widerstand gegen den „Fleischterror“ auf und verweisen auf die hohe Lebenserwartung der Italiener, die in Europa mit am höchsten liegt – trotz sehr hohen Fleisch- und Wurstverzehrs.

Die werden sich ihren Parmaschinken und ihre Salami nicht nehmen lassen. Und zwar zu Recht.

Und sollen die Ungarn ihr Gulasch abschaffen, die Franzosen ihre heißgeliebte Charcuterie, die Schwarzwälder ihren Schinken? Ganz Thüringen ist stolz auf seine Würste, noch stolzer sind die Nürnberger, und der Lebensinhalt des Münchners besteht aus Weißwurst vor 12 Uhr und dem Schweinsbraten danach. In unwegsamen Regionen wie Tibet und Nepal können die Menschen auf Yak-Fleisch und –schinken nicht verzichten, sie würden sonst verhungern.

Wer mir jetzt mit Fliegen kommt, die sich nicht irren können, dem sage ich ins Gesicht: Fliegen werden sogar eine Atomkatastrophe überleben, weil sie das zu sich nehmen, was ihnen von Natur aus bekommt und sie gesund hält.

Beim Menschen habe ich da so meine Zweifel.

© Johanna Bayer

Der Kommentar  zu #wurstgate von Kathrin Zinkant in der SZ

Das TAZ-Interview mit dem Wurstsack ist nicht online

Aber Joachim Müller-Jung weist in der FAZ auch auf volkserzieherische Impulse der WHO hin, sehr interessant.

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