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Im Netz: Ist das Wurst oder muss das weg? Minister Schmidt und der Fleischersatz

 

 

Es ist so ungerecht! Alle faulenzen nach Weihnachten, nur die Abteilung Aktuelles von Quarkundso.de schiebt Sonderschichten.

Teller mit wurstartigen Gebilden, Salat, Zitrone

Nicht Wurst: Veganer Fleischersatz in der Diskussion. Bild: Shutterstock/Paul Brighton

Und das nur wegen des groben Unfugs rund um Ernährungsminister Schmidt von der CSU.

Der Mann hatte am 28.12.2016 verlauten lassen, dass er eine klarere Kennzeichnung von vegetarischen Produkten will – was aus Tofu oder Soja ist, soll sich weder Wurst noch Schnitzel nennen dürfen.

Das seien Fleischprodukte, und derlei Bezeichnungen für Vegetarisches zu verwenden, sei Verbrauchertäuschung. Schließlich wolle der Kunde wissen, was er kauft.

Das lief unter anderem als Meldung der DPA über alle Kanäle, heraus kamen Schlagzeilen wie: „Das Aus für die vegane Currywurst“, „Kampfansage an die ‚vegane Wurst‘“, oder „Veggie soll nicht Wurst heißen“.

 

Katzenzungen, Schweineohren, Schaumkuss

Das Netz kochte über.

Hohn und Spott ergossen sich über den armen Minister. Tenor: Gibt es nichts Wichtigeres? Und: Spinnt der? ist das vielleicht ein Trottel! Das weiß doch jeder, dass es weder Leber noch Käse im Leberkäse gibt, und dass eine Blutorange kein Blut enthält!

Was ist mit Überraschungseiern, die sind doch aus Schokolade und keineswegs Eier, will der Schmidt die auch verbieten? Was ist mit Katzenzungen, oder mit Gummibärchen? Müssen Schweineohren aus Blätterteig in der Bäckerei umbenannt werden? Darf man nicht mehr „Hundekuchen“ sagen, wenn Schmidt mit sowas durchkommt?

Witzbolde überboten sich dabei, unter dem Hashtag #verbrauchertäuschung die unendlichen Möglichkeiten des metaphorischen Sprachgebrauchs und des deutschen Kompositums vorzuführen: Jägerschnitzel ohne Jäger, Bergbauernmilch nicht vom Landwirt, Babyöl nicht mit Baby drin, und was ist wohl eine Fleischtomate?

An dem Spiel rund um die Verblödung des Beamten beteiligten sich auch öffentlich-rechtliche Sendeanstalten wie der SWR:

 

 

Viele schlugen sogar im Duden nach, vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben. Oder sie legten sich mit Grafik ins Zeug, wie das bekannt kreative und geistreiche Social-Media-Team des SPD-Parteivorstands:

 

 

Gut, die hatten offensichtlich nicht im Duden nachgesehen, zumindest nicht im Kapitel zur Zeichensetzung.

Dass aber „Wurst“ laut Herkunftswörterbuch wohl archaisch seinen Ursprung in so etwas wie „irgendein Gemengsel“, aber nicht unbedingt in Fleischwaren hat , wurde durch das ganze Netz gereicht.

Unter anderen tat sich Robert Habeck damit hervor, Landwirtschafts- und Umweltminister von Schleswig-Holstein, studierter Philosoph und hohes Tier bei den Grünen. Er gab dem NDR ein Interview und riet zur Begriffsklärung:

Da empfehle ich einen Blick in den Duden – da steht nicht, dass Wurst Fleisch hat, sondern es ist die Art des Aufstrichs und die Form der Produkte. Das ist sozusagen ein Kurzschluss. In Sojamilch ist auch nicht Milch drin und wenn man von alkoholfreiem Bier spricht, redet man ja immer noch von Bier. Die Inhaltstoffe definieren also nicht das Produkt.

Der Duden, aha. Und die Inhaltsstoffe definieren nicht das Produkt, interessant. Der NDR-Journalist ließ das völlig unwidersprochen stehen und alle waren sich erstmal einig. Das ist an sich schön.

Nur war das, was Habeck von sich gab, was durch das Netz schwappte und dem Bundesernährungsminister Schmidt auf die Füße fiel, zwar gewollt, aber nicht gekonnt, nur manchmal witzig, stattdessen insgesamt so schrill wie schräg.

Das gilt sowohl für die Mutmaßungen über die deutsche Sprache als auch für das Thema Kennzeichnung von Lebensmitteln.

 

Verbrauchertäuschung: Imagepolitur misslungen

Quarkundso.de, aus der Feiertagsruhe aufgestört, mischt sich in Abstrusitäten der Netz-Gemeinde nur ungern ein.

Aber in diesem Fall soll es doch einen bescheidenen Versuch zur, hm, Sondierung der Lage geben, also dazu, worum es geht. Daher spielt in diesem Beitrag die übliche Vorlage aus den Medien nur am Rande eine Rolle, nämlich das NDR-Interview mit Robert Habeck.

Vorab noch: Natürlich geht es nicht darum, dem täppischen Ernährungsminister in Berlin beizuspringen. Der hat einfach zu hoch gepokert, als er mit der platten Käuferschutz-Masche bei den Bürgern sein Image aufpolieren wollte, von wegen Lebensmittelklarheit und Schutz vor Verbrauchertäuschung.

Es geht bei der Sache offensichtlich auch um anderes – um Wettbewerb, um wirtschaftliche Interessen, um Gleichbehandlung, um Klarheit in den Rechtsgrundlagen der Lebensmittelkennzeichnung. Das hätte er ruhig offen sagen können. An dem Thema ist er schon seit Längerem dran. Und so argumentieren ja auch andere.

Aber was den Ämtern und Wirtschafsverbänden, sogar den Verbraucherzentralen erlaubt ist, ist einem CSU-Minister noch lange nicht erlaubt – wo kämen wir denn da hin! Die Netz-Meute samt dem SPD-Parteivorstand, der den Tweet des Social-Media-Teams verantwortet, ist bei Vorstößen der Gegenseite unerbittlich. Geht gar nicht.

 

Wer bestimmt, was Wurst ist?

Quarkundso.de aber hat versucht, sich trotz Ferien etwas kundig zu machen und nachzuforschen. Allerdings nicht im Duden. Den kann die ganze Redaktion sowieso auswendig. Wer hier arbeitet, hat auf das dicke gelbe Buch den Amtseid abgelegt.

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Doch der Duden und sein Herkunftswörterbuch sind in der Diskussion um die Veggie-Wurst gar nicht einschlägig.

Seit wann schlägt die Verbraucherzentrale im Duden nach, wenn sie der Industrie vorwerfen will, dass die für verschiedene Zuckerarten chemische Begriffe auf die Etiketten druckt? Seit wann schaut Foodwatch in den Duden, wenn es darum geht, dass „Seelachs“ kein Lachs ist, sondern ein Dorsch?

Um es klar zu sagen: Was Wurst ist, steht nicht im Duden.

Sondern in ganz anderen Nachschlagewerken, darunter dem Lebensmittelbuch der Deutschen Lebensmittelkommission, in Gesetzestexten und diversen Loseblattsammlungen mit – vielen – EU-Verordnungen und Richtlinien.

In diesen dicken Folianten, verwirrend, wie sie sind, steht doch einigermaßen klar zu lesen, dass Wurst ein Fleischprodukt ist – da ist Tier drin.

Lebensmittelbuch, Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse von 2015, Absatz 2:

„Wurstwaren“ (Würste und wurstartige Erzeugnisse) sind bestimmte, unter Verwendung von geschmackgebenden und/oder technologisch begründeten Zutaten zubereitete schnittfeste oder streichfähige Gemenge aus zerkleinertem Fleisch (1.1), Fettgewebe (1.21) sowie sortenbezogen teilweise auch Innereien (1.51) sowie bei besonderen Erzeugnissen sonstige Tierkörperteile (1.511)

 

Der Volksmund darf reden, wie er will

Der bauernschlaue grüne Landwirtschaftsminister Habeck, der den Blick in den Duden sogar „empfiehlt“, liegt also mit seinem guten Rat wohl daneben.

Auch bei Sojamilch betritt Minister Habeck vermintes Terrain: Was Milch ist, regelt ebenfalls das entsprechende Gesetz, es ist die Milch in erster Linie von Kühen, im Spezialfall von Schafen und Ziegen. Nichts sonst.

Daher darf Sojamilch laut EU-Verordnung im Handel nicht als „Milch“ bezeichnet werden. Nur umgangssprachlich sagt der Kunde „Sojamilch“, wenn er die weiße Ersatzflüssigkeit meint. Dem Käufer aber schaut niemand aufs Maul, der Volksmund darf das weiße Zeug nennen wie er will.  Da redet nicht einmal der Duden rein.

Nur müssen die Hersteller „Sojadrink“ oder ähnliche Umschreibungen auf die Packung drucken. Das Produkt als „Milch“ zu bewerben, ist verboten.

Auch darf in ganz Europa per EU-Verordnung zum Beispiel nur als Butter verkauft wird, was aus Milchfett ist, und zwar von Kühen. Stammt die Milch von Schafen oder Ziegen, muss das klar gekennzeichnet sein. Vegane Imitate ohne Säugetiermilch dürfen sich allenfalls „Margarine“ nennen, oder – neutral und korrekt – „Streichfett“. Aber nicht „vegane Butter“.

 

Wissen, wo man es nachschlagen kann

Erstaunlich eigentlich, für so einen grünen Landwirtschaftsminister, dass der nicht vorher nachsieht, wenn er sich zu Lebensmitteln äußert.

Und dass er zwischen Alltagssprache und dem gewerblichen Umgang mit Lebensmitteln nicht unterscheiden mag. Gut, von Haus aus ist Habeck nicht nur Philosoph, sondern auch Germanist, da liegt der Duden näher.

Was die Germanistik angeht, verfügt Quarkundso.de aber ebenfalls über Insider-Kenntnisse, die in diesem Fall rücksichtslos veröffentlicht werden dürfen. Aus erster Hand können wir versichern, dass Germanistik-Studenten sofort nach der Einschreibung eingebläut wird: „Sie müssen nicht alles wissen. Aber Sie müssen wissen, wo Sie es nachschlagen können!“

Alkoholfreies Bier, das Habeck als Beispiel – wieder falsch – anführt, ist natürlich auch im Lebensmittelbuch verzeichnet, es gibt sogar ein Biergesetz. Dort steht, dass Bier alkoholfrei hergestellt werden darf. Wenn man also dem als „Bier“ bezeichneten Gärgetränk aus Gerste, Hopfen, Malz und Wasser den Alkohol nach dem Brauen entzieht, ist das auch Bier. So ist die Rechtslage.

Was sonst noch gebraut wird, ist kein Bier – Brottrunk zum Beispiel.

 

Wurstbürger auf Twitter: Wir denken selbst

Es ist müßig, anzuführen, dass andere blumige Produktnamen der Art „Schweineohren“ (Blätterteiggebäck), „Schaumkuss“ (Süßigkeit aus Eiweiß mit Schokoüberzug), „Katzenzungen“ (Schokoladenerzeugnis), „Berliner“ (Schmalzgebäck) und „Schusterjungen“ (Brötchen) sämtlich in Leitsätzen, Richtlinien der Innungen und der IHK, in Gesetzesblättern und Verordnungen beschrieben sind.

Alle die cleveren Beispiele, die auf Twitter gegeben wurden, zeigen daher kurzzeitig aufgeweckten Sprachskeptizismus, aber weder Sachverstand noch angemessenes Rechtsverständnis.

Exemplarisch für das Reichsbürgertum in der Veggie-Frage steht die Äußerung eines Wurstbürgers auf Twitter. Er fegt die Rechtsgrundlagen mal eben zur Seite und definiert, was für ihn persönlich Wurst ist: eine Form.

 

 

Die “Für-mich-ist-das-aber-so”-Haltung ist fatal und genau das, was man in anderen Angelegenheiten gefühltes Wissen nennt. Das kann Privatsache sein. Wenn sich dem aber ein Politiker anschließt, ist es nicht nur platter Populismus, sondern postfaktisch und ignorant.

Andererseits ist das mit dem Lebensmittelrecht eine grauenvolle Gemengelage: Wettbewerbsrecht – wer darf was auf Packungen drucken? -, Verbraucherschutz – was draufsteht, muss auch drin sein –, und Qualitätssicherung; dann geht es noch gegen Täuschungsabsicht, und es kommt noch sonstiges Gewerberecht dazu, von wegen unlauterer Wettbewerb, etwa mit falschen Angaben zu den Zutaten, oder mit Gesundheitsaussagen.

Da steigt keiner so leicht durch, außerdem reden zu viele mit, was der Lebensmittelkommission schon Ärger eingebracht hat. Sie steht gerade vor einer Reform.

Aber gerade weil alles so schwierig ist auf dem Gebiet, ist es wichtig, immer wieder auf Klarheit zu drängen. Das gilt unabhängig davon, ob der Minister durch die Fleischlobby angestiftet wurde oder nicht.

Immerhin ist er gelernter Jurist, da kann man vom erwarten, dass er sich zumindest um Durchblick bemüht.

 

Was draufsteht, muss drin sein

Klarheit gibt es nur, wenn sich eben die  Juristen durch endlose EU-Verordnungen wühlen. Dann stößt man darauf, dass Korrektheit im Lebensmittelbereich vornehme Pflicht ist, festgelegt in Paragrafen wie diesen: §7, Lauterkeit der Informationspraxis. Dort heißt es:

(1) Informationen über Lebensmittel dürfen nicht irreführend sein, insbesondere

(…)

d) indem durch das Aussehen, die Bezeichnung oder bildliche Darstellungen das  Vorhandensein eines bestimmten Lebensmittels oder einer Zutat suggeriert wird, obwohl tatsächlich in dem Lebensmittel ein von Natur aus vorhandener Bestandteil oder eine normalerweise in diesem Lebensmittel verwendete Zutat durch einen anderen Bestandteil oder eine andere Zutat ersetzt wurde;

Mit Bezug auf solche Regelungen haben die Verbraucherzentralen 2015 vor dem Europäischen Gerichtshof durchgesetzt, dass auf künstlich aromatisierten Früchtetees nicht riesige Bilder von Obst erscheinen dürfen, obwohl nur chemisch nachgebaute Aromastoffe drin sind.

Und jetzt geht es um die Wurst: Was ist in der Wurst? Wenn kein Fleisch drin ist, ist es dann eine Wurst?

Es liegt nahe, dass Landwirte, Bauern, Metzger, Fleischindustrie und Fleischlobby das klären wollen. Wettbewerbsrechtlich, sozusagen.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Es liegt auch nahe, dass die interessierten Kreise von der anderen Seite, Vegetarier, Veganer und Hersteller entsprechender Produkte, das auf keinen Fall klären wollen. Denn Fleisch-Mimikry ist ein Imagegewinn und ein Verkaufsargument.

Schon aus psychologischen Gründen schmücken die Veggie-Produzenten ihre Ware gerne mit vertrauten Namen: Ihre nachgebauten Nahrungssimulationen sollen so aussehen, so schmecken und eben auch so heißen wie die echten Produkte, um zu suggerieren, dass sie ein angemessener Ersatz sind.

Das Versprechen an die Verbraucher lautet: „Du brauchst kein Tier zu töten und hast doch alle Vorteile Deines gewohnten Essens!“.

 

Nachgebaut oder das Original?

Ganz weit vorne ist dabei der Großerzeuger Rügenwalder Mühle, der ungeniert seine vegetarischen Produkte als Salami, Frikadelle, Fleischwurst, Nuggets oder Schnitzel vermarktet.

Anders wäre es wohl korrekter, prinzipiell, aber auch nach geltender Rechtslage: Alle Imitate von Wurst und Fleisch, die in Gestalt, Aufmachung und Geschmack Wurst und Fleisch offensiv nachempfunden sind, sollten Wurstersatz oder Wurstimitat, Fleischersatz oder Fleischimitat heißen.

Also ein blumiger Eigenname, sagen wir „Superkracher“, und darunter eindeutig: „Wurstersatz aus Weizeneiweiß“, oder „Wurstimitat aus Sojamasse“. Wie bei Tee und Jogurt müsste auch die Geschmackssimulation eindeutig bezeichnet werden: nicht als „Fleischwurst“ sondern „mit Fleischgeschmack“ oder „ mit Fleischaroma“.

Das wäre – als sogenannte Verkehrsbezeichnung – ehrlich.

Das geben sogar die Verbraucherzentralen zu. In einem Positionspapier zur Sache fordern sie mit dem gewohnten behördenkritischen Gestus genau das, was auch Schmidt will und was sowieso schon in den Gesetzen steht: Die Kennzeichnungsregelungen müssen für vegetarische Nachbauten besser umgesetzt werden.

Dabei geht es nicht nur um die Verbraucher, sondern auch um die Hersteller, die das echte Fleisch und natürliche Zutaten verwenden, aber mit ihren teuren Produkten gegenüber billigen Imitaten in die Röhre schauen würden.

 

Fein still halten und auf den Populismus setzen

Absatzfördernd ist das natürlich nicht. Deshalb freut sich die Veggie-Front bei dem Vorstoß von Schmidt über ihre Unterstützergruppe im Netz. Doch da, beim Absatz, liegt der Hase im Pfeffer: Es geht ums Geschäft.

Was das angeht, sind die Veggies keinen Deut besser als die Schweinezüchter. Und sie spekulieren auf den heimlichen Konsens, nachdem Pflanzliches zu fördern und Fleischliches zu verdammen ist. Schon von wegen der Ökologie, aber auch wegen der Gesundheit. Finden sie.

Auf dem Ticket fährt auch Habeck, der selbst zwar kein ausgesprochener Vegetarier ist, aber als Grüner seiner Klientel ebenso verpflichtet ist wie Schmidt von der CSU seinen konventionellen Bauern.

Auffällig ist jedenfalls, dass genau diese Kreise, große Hersteller wie Rügenwalder Mühle, sowie die offiziellen Verbände der Vegetarier und Veganer, in der Sache fein stillhalten. Sie sind wohl sauer, dass man ihnen draufgekommen ist, können aber rechtlich nichts dagegen sagen.

Dafür lassen sie das Netz, ein paar ihnen wohlgesonnene Journalisten und ihre Interessenvertreter bei den Parteien über Schmidt herumalbern. Aber die Produzenten und Veggie-Verbände wissen genau, dass Schmidt  Recht hat und dass sie wohl, wahrscheinlich sogar auf EU-Ebene, den Kürzeren ziehen werden.

 

Das dicke Ende kommt noch

Wie auch immer, die klare Kennzeichnung ist nichts, womit man spaßen sollte. Und sie ist auch deshalb wichtig, weil wir einer Zukunft entgegensehen, in der uns immer mehr künstlich nachgebaute Imitate statt echtem Essen untergejubelt werden.

Und zwar im großen Stil. Nicht nur von Veganern, sondern auch von der Industrie und sogar von Staats wegen.

Die Industrie will bessere Margen ohne teure Rohstoffe, dafür muss sie billige Ersatzstoffe verkehrsfähig machen. Der Staat will die Fresswelle eindämmen.

Dazu wird schon längst zum Beispiel an den Rezepturen von Käse, Backwaren und Fertiggerichten herumgeschraubt, um den Salz-, Zucker- und Fettkonsum zu senken, alles kalorienärmer und sonst irgendwie „gesünder“ zu machen. Ganze Institute experimentieren mit Nanofettkügelchen und Salzersatz (!), oder mit zugesetzten Ballaststoffen in der Pizza, alles vorgeblich für die Gesundheit.

Quarkundso.de fordert daher den Bundesernährungsminister Schmidt dringend dazu auf, mit seiner strengen Kennzeichnungslinie fortzufahren! Dann wird er hoffentlich alle weiteren Nahrungssimulationen auch klar benennen – als Panscherei und Gesundheitsschwindel.

©Johanna Bayer

 

Links

Interview des NDR mit dem Landwirtschaftsminister von Schleswig-Hostein, Robert Habeck,

Lebensmittelbezeichnungen – Service des Landesamtes für Lebensmittel und Gesundheit Bayern

Leitsätze Fleisch aus dem Lebensmittelbuch, BMEL

Die Position der Verbraucherzentralen: Kennzeichnungsrichtlinien einhalten!

Aktuell: Dieser Beitrag ist von Januar 2017 – im Juni 2017 entschied der Europäische Gerichtshof gegen die Veggie-Fraktion. Tofuprodukte und andere Imitate dürfen nicht als “Schnitzel” oder “Milch” bezeichnet oder beworben werden.

Zuckerlüge, Wurstgate – nur Luftnummern? 1x Nachschlag zu Wurst und Zucker, Krebs und Industrie

 

Wie war das noch gleich, im Oktober 2015? Da war doch der große Zucker- und Wurstalarm. Über beides hat Quarkundso.de ausführlich berichtet.

Seitdem ist aber in beiden Fällen nichts passiert, rein gar nichts. Keine neuen Gesetze, Richtlinien, Verbote, Empfehlungen. Übrigens auch keine weitere Diskussion. Das verstört die hilflosen Verbraucher und Esser, Eltern wie Kinder. Daher muss Quarkundso in die Bresche springen – mit dem Nachschlag.

Also, was ist geschehen? Die WHO bereitete der Wurst ihren 11. September und stufte sie als krebserregend ein. Kurz zuvor hatte ARTE in der „großen Zuckerlüge“ behauptet: Die Industrie streut uns Gift ins Essen und gaukelt uns vor, es wäre gesund!

Danach war Schweigen. Dabei hatte sich gerade ARTE die größte Mühe gegeben, einen Aufschrei zu provozieren und die von der Zuckerindustrie gekauften Politiker und Gesundheitsschützer endlich zum Handeln zu bewegen.

Aber erstens kam die Wurst dazwischen. Die Meldung der WHO zur Krebsgefahr durch rotes Fleisch und Fleischwaren erschien nur zwei Wochen nach der Ausstrahlung der pompösen Zuckerlügen-Doku.

Falls da gerade einige Politiker aus ihrem Zuckerkoma erwacht waren und zur Tat schreiten wollten, mussten sie erst ein wichtigeres Kulturgut verteidigen.

 

Olle Kamellen

Zweitens hatte ARTE wirklich nicht viel zu bieten. Die Industrie will uns abhängig machen, belügt uns, Zucker ist Gift – alles olle Kamellen. Speziell diese Vorstellung von einer Vergiftung – weil „versteckter Zucker überall drin“ ist, und uns süchtig macht, ist so überzogen, dass der gesunde Menschenverstand genervt abwinkt.

Darum hat auch kein seriöses Medium die ARTE-Doku von der „großen Zuckerlüge“ besprochen oder weiter aufgenommen. Das ganze Ding ist verpufft.

Selbst wenn von Zucker-Gegnern hundertmal vorgerechnet wird, wie viele Zuckerwürfel in einer ganzen Ketchup-Flasche stecken – 9 Stück! – es bleibt dabei: Ein Teelöffel Ketchup auf einem Hamburger oder ein Esslöffel davon über den Pommes Frites führen nicht zur Zucker-Vergiftung der gesamten Bevölkerung.

Für die allgemeine Gefräßigkeit, was Hamburger, Fritten und alles andere angeht, kann der Zucker aber nichts. Die haben sich die Deutschen selbst zuzuschreiben. Das Problem ist dabei weder der Zucker als Stoff noch die Zucker-Industrie.

Und wenn schon, müsste man die wahren Dealer ausheben – die Bäckereien, die Konditoreien, die Cafés und Eiscafès, die Schokoladen- und Pralinengeschäfte, die Süßwarenläden. Ich schätze, das gäbe einen Volksaufstand, und zwar völlig zu Recht.

 

Schlechte Gewohnheiten, schlechter Geschmack

Vielleicht wäre es auch gut, sich mal an die an die eigene Nase zu fassen, was das angeblich von der Industrie versteckte Gift angeht. Der größte Anteil des Zuckerkonsums geht nämlich auf das Konto des eigenen Geschmacks.

Und zwar des schlechten Geschmacks – den beschreibe ich als die Einengung auf aromalose, „milde“, süßliche, allenfalls salzige Geschmacksrichtungen. Das ist in der Regel verbunden mit einer Scheu vor Bitterem, vor Kräutern, Knoblauch, Zwiebeln und anderen aromatischen Knollen, vor sauren Früchten, bitteren Gemüsesorten und scharfen Gewürzen.

Menschen mit diesem Ernährungsstil wagen ihren kleinen Kindern nichts anzubieten, was nicht süß ist. So werden schon Babys hierzulande auf gezuckerte Breie und Fruchtsäfte abgerichtet, aber von allem anderem, nach dem sie am Tisch neugierig die Händchen ausstrecken, ängstlich ferngehalten.

Das ist fatal für die Prägung eines vielseitigen Geschmacks und gesunder Essgewohnheiten.

Viele kennen es aber nicht anders. Und damit es nie an Zucker fehlt, trinken sie zum Essen sicherheitshalber Cola, sehr gerne auch süßen Saft, bio natürlich. Zuhause setzen sie, falls sie jemals etwas selbst machen, überall Zucker zu und servieren süße Vorspeisen und Beilagen. Saures und Pikantes, etwa Krautsalat oder Rotkohl, wird extra mit Zucker oder Gelee abgemildert.

Und genau das bedient die Lebensmittelindustrie mit ihren Produkten. Sie verdient nicht schlecht daran.

 

Marotten aus dem Mittelalter

Die Vorliebe für eine deutliche Süßnote ist leider eine nordeuropäische Geschmacksverirrung, die direkt aus dem Mittelalter stammt. Sie entstand in Europa in finsteren Zeiten, als man an den Fürstenhöfen sehr großzügig Zucker über alle Gerichte vom Braten bis zur Leberpastete streute.

Das galt damals als Zeichen von Reichtum, denn Zucker kam mit Spezereienschiffen aus dem Orient. Da man aber gleichzeitig sauren, eingedickten Traubenmost in Saucen und Speisen kippte, entstand praktisch durchweg eine süß-säuerliche Note zu pikanten Gerichten.

Diese mittelalterliche Untugend feiert heute fröhliche Urständ. Vor allem die Marotte, angeblich exotische, aus Asien oder vom Mittelmeer stammende Würzsaucen zu verzuckern, zeugt davon.

Der Ketchup, als gesüßte Tomatensauce erfunden im England des 19. Jahrhunderts und schon damals wohl aus Marketing-Gründen den unschuldigen Indonesiern in die Schuhe geschoben, ist nur ein Auswuchs davon.

 

Marmelade zu allem

Traditionell gibt es besonders in England und den USA, aber auch in Deutschland einen Hang zu süßlichen Grillsaucen, Barbecue-Dips und furchterregenden Mischungen aus Senf, Honig und Obst zu Braten, Spareribs, Salaten und sogar zu Fisch.

Auch die Skandinavier schätzen süße Saucen und Marmelade zu allem, sei es Fleisch, Fisch, Wurst oder Käse. Touristen berichten mit Schaudern von gesüßten Heringshappen und süßem Brot.

Insgesamt zeigen diese infantilen Essvorlieben ein deutliches Nord-Süd-Gefälle – mild und süßlich im Norden, herzhaft, scharf und aromatisch im Süden. Das gilt für Europa, aber auch schon innerhalb Deutschlands.

Kulinarisch hoch entwickelte Nationen wie Frankreich und Italien hingegen trinken Leitungswasser oder herbe Weine zum Essen, schätzen Bittergemüse und Knoblauch, und geben Zucker nicht in Fleischsaucen sondern ins Dessert. Süßspeisen zum Nachtisch lieben und zelebrieren sie, aber naschen nicht ständig zwischendurch.

Folgerichtig verzehren sie – trotz exzellenter Patisserie – auch erheblich weniger Zucker: Pro Kopf und Jahr beträgt der Durchschnittsverzehr in Frankreich und Italien rund 25 Kilo Zucker, das sind über 10 Kilo weniger als in Deutschland.

Auch sonst auf der Welt kommt der überwiegende Teil der Esskulturen mit sehr wenig Zucker aus. Selbst Schuld, könnte man also den Deutschen sagen – schüttet halt nicht überall Zucker rein. Es geht nämlich auch anders.

 

Die Jagd nach „verstecktem Zucker“

Dabei gibt es nicht erst seit dem ARTE-Aufruf gleichzeitig eine Art Zucker-Paranoia: Unzählige Warnungen und Listen, mit denen auf „versteckten Zucker“ hingewiesen wird, mit bösen Unterstellungen in Richtung Hersteller, die das Gift angeblich unter falschem Namen einschmuggeln: als Malz- Milch- und Traubenzucker oder sonstige Tarnstoffe.

Um es nochmal deutlich zu sagen: Nicht der „versteckte Zucker“ ist ein Gesundheitsproblem. Sondern das literweise Schlürfen von Säften und Limos und das ständige Schlecken an Süßem zwischendurch.

Allerdings scheint es leichter zu sein, naive Käufer von einer Industrieverschwörung zu überzeugen als sie von ihrer Nascherei und ihren süßen Nuckelpullen abzubringen.

Diesen Weg des geringsten Widerstandes gehen esoterische Zucker-Gegner gerne, unfreiwillig unterstützt von den ehrwürdigen Verbraucherzentralen.

Auf der Jagd nach verstecktem Zucker haben diese eine Liste zusammengestellt, auf der typische Lebensmittel stehen, die im Supermarkt massenweise über die Theke gehen. Man kann damit in etwa überschlagen, wieviel Zucker man aufnimmt – theoretisch.

Praktisch zählt natürlich die Portionsgröße. Wieviel Nutella man sich aufs Brot streicht, oder wieviel Müsli man löffelt. Diese Portionsrechnerei macht alles kompliziert. Aber die Liste gibt erstmal einen Überblick darüber, wo „weißes Gift“ drinsteckt.

 

Zucker in Lebensmitteln (pro 100 g / 100 ml)
Frühstückscerealien 28 g
Nuss-Nougat-Cremes 40-55 g
Plunderteil (wie Mohnschnecke) 20 g
Süße Hefeteilchen 10 g
Apfelmus 16-18 g
Obstkonserven 10-20 g
Trockenfrüchte 40-50 g
Gezuckerte Tiefkühlkost 10 g
Kaffeegetränke aus Instantpulver 8-11 g
Latte Macchiato aus dem Kühlregal 9 g
Eistee 6-8 g
Limonade 8-10 g
Milchdrinks für Kinder 10 g
Müsliriegel 5-40 g
Vanilleeis 25 g
Gummizuckerwaren (wie Bärchen) 45-60 g
Instant-Kakaopulver 75 g (zubereitetes Kakaogetränk enthält laut Hersteller 19 g Zucker)
Milchreis klassisch 10 g
Ketchup 16-22 g
Grillsaucen 10-20 g
Salatdressings 4-8 g
Milchreis mit Frucht- oder Karamellsaucen 12-15 g
Quelle: aus dem Internet, nach “Achtung, Zucker!” – Ratgeber der Verbraucherzentrale

 

 

Warum uns die Industrie nicht reinlegen kann

Das sieht schon beeindruckend aus. Aber die Liste ist eigentlich komplett überflüssig, wenn man mich fragt. Wer den eigenen Zuckerkonsum zurückfahren will, dem genügt nämlich eine simple Faustregel:

Was süß schmeckt, enthält Zucker in irgendeiner Form.

So einfach ist es. Und da man schon vorher weiß, was süß ist – vom Müsli bis zu den Gummibärchen – muss man nicht einmal alles probieren, um den Zucker zu vermeiden. Man kauft es einfach nicht. Oder isst weniger davon.

Für das, was übrig bleibt, gibt es den ultimativ leichten Test: Schmeckt es süß?  Dann weg damit,  selbst machen, reduzieren. Wenn man das befolgt, stimmt die Zuckerbilanz. So einfach ist es. Ein Nachtisch nach dem Sonntagsessen, ein Stück Torte am Wochenende, die sind dann ohne jede Rechnerei drin.

Um Zucker zu sparen, braucht man also keine Tabellen und Ratgeber, die Unmündigkeit suggerieren und der Industrie üble Tricks unterstellen. Man kann sich einfach auf seinen Geschmack verlassen. Niemand muss studiert haben, um den „versteckten Zucker“ auf Zutatenlisten zu entlarven. Man muss nicht einmal lesen können.

Man muss nur schmecken.

 

Zurück zur Mündigkeit

Was wiederum nicht vordergründig süß schmeckt, enthält zwar manchmal etwas Zucker, wie Leberwurst oder Bratenfonds. Diese homöopathischen Dosen spielen aber wirklich keine Rolle.

Natürlich ist damit nicht gleich das Problem gelangweilter, benachteiligter, schlecht versorgter Kinder und gestresster Erwachsener beseitigt, die sich aus Frust mit Süßigkeiten vollstopfen. Aber das Gefühl, vergiftet zu werden und keine Wahl zu haben, das kann man auf diese Weise loswerden. Das ist doch auch schon was.

Wenn dann noch die Erwachsenen mit gutem Beispiel voran gehen, den Süßkram reduzieren, nicht ständig naschen und auf das eigene Gewicht achten, ist das schon die halbe Miete, würde ich sagen.

 

Meine persönliche Zuckerbilanz

Falls jemand mein persönliches Testergebnis wissen will: Versteckter Zucker aus diesen Lebensmitteln schlägt bei mir kaum zu Buche.

Denn keines der Produkte von dieser Liste habe ich in den letzten vier Wochen gegessen oder gekauft. Apfelmus, ja, mal ein Glas, das war aber im August. Dörrpflaumen habe ich im Haus, die kommen in bestimmte Desserts bei mir (als Beigabe in Cognac gekocht, zu meinem legendären Safranparfait, und nein, es gibt kein Foto und kein Rezept).

Saucen mache ich grundsätzlich selbst, Obst in jeder Form halte generell für überbewertet, fertige Milchdrinks und Milchreis für Kinder sind unnötig, die macht man besser selbst. Gegen Durst oder zum Essen trinke ich persönlich nur Leitungswasser – oder trockenen Wein. Morgens gibt es Tee oder Kaffee mit Milch, ungesüßt.

Da spart man schon eine Menge versteckten Zucker ein. Über die freigewordenen Kalorien verfüge ich großzügig: Ich investiere sie in Käse, Fleisch, Sahne und Butter.

Na gut, einige auch in Nachtisch und Torte. Bei Wahrung des Normalgewichts, versteht sich.

Vor allem morgens mag ich gar nichts Süßes, weswegen auch Marmelade, Nutella, Müsli und fragwürdige Erfindungen wie „Frühstückscerealien“ bei mir wegfallen. Davon wird mir schlecht, auf nüchternen Magen. Nein, morgens brauche ich was Herzhaftes, Kräftiges als Start in den Tag.

Zum Beispiel ein Wurstbrot.

 

Wurstgate: Rauchende Köpfe bei der WHO

Apropos Wurst: Bei der Wurst steht noch was aus. Da ist ja auch nichts passiert, genau wie beim Zucker. Aber aus anderen Gründen: Nach ihrer Krebswarnung haben die Welt-Gesundheitshüter nichts weiter von sich hören lassen. Der übliche Bericht, der zur Entscheidung gehört, ist noch nicht veröffentlicht.

Das ist sehr ungeschickt.

Das weiß die WHO natürlich auch. Aber ihre Krebsforscher sitzen jetzt mit rauchenden Köpfen an möglichst wasserdichten Formulierungen und Quellenverweisen. Denn sie wissen, dass sie komplett auseinander genommen werden, wenn sie das Ding rausbringen.

Deshalb sind sie ja schon vier Tage nach der Entscheidung wegen des weltweiten Sturms der Entrüstung mit ihrer Botschaft zurückgerudert, wie berichtet.

 

Ein Teil dieser Antwort wird Sie verunsichern

Vorerst hat die Organisation einen Frage-Antwort-Katalog ins Netz gestellt. Die ganze Eierei wird da recht deutlich sichtbar. Hier eine einschlägige Passage im Wortlaut der WHO, nachzulesen bei Frage/Antwort 4. Thema: Warum Fleisch und Wurst ins Visier der Krebsforscher gerieten.

Why did IARC choose to evaluate red meat and processed meat?

(…) based on epidemiological studies suggesting that small increases in the risk of several cancers may be associated with high consumption of red meat or processed meat. Although these risks are small, they could be important for public health because many people worldwide eat meat and meat consumption is increasing in low- and middle-income countries.

Das macht klar, dass es sich bei dem ganzen Vorgang wirklich um eine Präventionsmaßnahme handelt. Sie soll Menschen, die Fleisch essen, daran hindern, zu viel Fleisch zu essen. Und sie soll die, die viel Fleisch essen, daran hindern, noch mehr zu essen.

Denn das nur leicht erhöhte Risiko, von dem die WHO spricht, gibt es – möglicherweise – bei hohen Mengen von Fleisch und/oder Wurst und Schinken. Mit „hoch“ ist sowas um 300 Gramm pro Tag gemeint. Das schaffen zum Beispiel Amerikaner, Argentinier, Neuseeländer oder Brasilianer, große Fleischesser-Nationen, die auf Verzehrmengen von 100 bis 120 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr kommen.

Dagegen sind die Deutschen mit ihren 60 Kilo Fleisch pro Jahr Waisenkinder, allesamt vorsichtige Flexitarier.

 

Vielleicht muss die WHO zurückrudern

Aber natürlich sagt so eine Durchschnittszahl nichts aus. Denn auch in Deutschland gibt es Vegetarier, die kein Fleisch essen (und trotzdem Darmkrebs bekommen). Andere peilen dagegen die 300-Gramm-Portion an, essen also viel Fleisch, Wurst und Schinken. Wenn die dazu noch, was nicht selten vorkommt, Alkohol trinken, rauchen und übergewichtig sind, hat nicht nur der Darmkrebs leichtes Spiel.

Weil das alles nicht so ganz einfach ist und in einigen der Studien, wie schon berichtet, Vegetarier sogar ein leicht erhöhtes Darmkrebsrisiko hatten, muss die WHO vielleicht bald noch mehr zurückrudern.

Einerseits müssen sie ihren Job machen und vor potenziellen Krebsauslösern warnen, auf wissenschaftlicher Grundlage. Aber die Einstufung von Lebensmitteln ins Krebsregister wird man vielleicht grundlegend überdenken. Lebensmittel enthalten viele Stoffe gleichzeitig, werden zubereitet, gehen verschlungene Wege im Organismus – und haben außerdem viele Vorteile: Sie machen satt und versorgen den Organismus mit dem Nötigen. Ohne sie geht es ja nicht.

Es ist viel einfacher, einzelne Substanzen auf eine krebserregende Wirkung zu überprüfen als ein komplexes Lebensmittel, für das so viel mehr zu beachten ist, darunter auch sonstige Ess- und Lebensgewohnheiten.

Deshalb haben die Krebsforscher zwar die Einstufung vornehmen können, so weit, so gut. Aber mit allem anderen – wasserdichte Begründung, Empfehlungen und Folgen – tun sie und alle anderen sich sehr schwer.

Es könnte daher übrigens sein, dass es sinnvoll ist, für Lebensmittel und bestimmte menschliche Verhaltensweisen eine eigene Krebsrisiko-Kategorie bei der WHO einzurichten, eine Sonderliste. Da könnten dann auch Sachen draufkommen wie Rauchen, Übergewicht haben, Sonnenbaden, Grillen, Saufen und Faulenzen.

Ernsthaft. Das ist kein Witz. Das mit der Sonderkategorie sage ich hier und jetzt einfach mal voraus. Präventiv, sozusagen.

Zurückrudern kann ich später ja immer noch.

© Johanna Bayer

 Fragen und Antworten bei der WHO – der Katalog im Internet.

Nochmal nachlesen? Quarkundso.de zu “Wurstgate” und “Die Zuckerlüge”

Artikel aus der TAZ –  ein Dokument der Zucker-Paranoia, von 2013, abgeschrieben von den Verbraucherzentralen. Schildert die „Trickkiste der Hersteller“ und führt den unmündigen Verbraucher vor.

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