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Im Netz: Ist das Wurst oder muss das weg? Minister Schmidt und der Fleischersatz

 

 

Es ist so ungerecht! Alle faulenzen nach Weihnachten, nur die Abteilung Aktuelles von Quarkundso.de schiebt Sonderschichten.

Teller mit wurstartigen Gebilden, Salat, Zitrone

Nicht Wurst: Veganer Fleischersatz in der Diskussion. Bild: Shutterstock/Paul Brighton

Und das nur wegen des groben Unfugs rund um Ernährungsminister Schmidt von der CSU.

Der Mann hatte am 28.12.2016 verlauten lassen, dass er eine klarere Kennzeichnung von vegetarischen Produkten will – was aus Tofu oder Soja ist, soll sich weder Wurst noch Schnitzel nennen dürfen.

Das seien Fleischprodukte, und derlei Bezeichnungen für Vegetarisches zu verwenden, sei Verbrauchertäuschung. Schließlich wolle der Kunde wissen, was er kauft.

Das lief unter anderem als Meldung der DPA über alle Kanäle, heraus kamen Schlagzeilen wie: „Das Aus für die vegane Currywurst“, „Kampfansage an die ‚vegane Wurst‘“, oder „Veggie soll nicht Wurst heißen“.

 

Katzenzungen, Schweineohren, Schaumkuss

Das Netz kochte über.

Hohn und Spott ergossen sich über den armen Minister. Tenor: Gibt es nichts Wichtigeres? Und: Spinnt der? ist das vielleicht ein Trottel! Das weiß doch jeder, dass es weder Leber noch Käse im Leberkäse gibt, und dass eine Blutorange kein Blut enthält!

Was ist mit Überraschungseiern, die sind doch aus Schokolade und keineswegs Eier, will der Schmidt die auch verbieten? Was ist mit Katzenzungen, oder mit Gummibärchen? Müssen Schweineohren aus Blätterteig in der Bäckerei umbenannt werden? Darf man nicht mehr „Hundekuchen“ sagen, wenn Schmidt mit sowas durchkommt?

Witzbolde überboten sich dabei, unter dem Hashtag #verbrauchertäuschung die unendlichen Möglichkeiten des metaphorischen Sprachgebrauchs und des deutschen Kompositums vorzuführen: Jägerschnitzel ohne Jäger, Bergbauernmilch nicht vom Landwirt, Babyöl nicht mit Baby drin, und was ist wohl eine Fleischtomate?

An dem Spiel rund um die Verblödung des Beamten beteiligten sich auch öffentlich-rechtliche Sendeanstalten wie der SWR:

 

 

Viele schlugen sogar im Duden nach, vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben. Oder sie legten sich mit Grafik ins Zeug, wie das bekannt kreative und geistreiche Social-Media-Team des SPD-Parteivorstands:

 

 

Gut, die hatten offensichtlich nicht im Duden nachgesehen, zumindest nicht im Kapitel zur Zeichensetzung.

Dass aber „Wurst“ laut Herkunftswörterbuch wohl archaisch seinen Ursprung in so etwas wie „irgendein Gemengsel“, aber nicht unbedingt in Fleischwaren hat , wurde durch das ganze Netz gereicht.

Unter anderen tat sich Robert Habeck damit hervor, Landwirtschafts- und Umweltminister von Schleswig-Holstein, studierter Philosoph und hohes Tier bei den Grünen. Er gab dem NDR ein Interview und riet zur Begriffsklärung:

Da empfehle ich einen Blick in den Duden – da steht nicht, dass Wurst Fleisch hat, sondern es ist die Art des Aufstrichs und die Form der Produkte. Das ist sozusagen ein Kurzschluss. In Sojamilch ist auch nicht Milch drin und wenn man von alkoholfreiem Bier spricht, redet man ja immer noch von Bier. Die Inhaltstoffe definieren also nicht das Produkt.

Der Duden, aha. Und die Inhaltsstoffe definieren nicht das Produkt, interessant. Der NDR-Journalist ließ das völlig unwidersprochen stehen und alle waren sich erstmal einig. Das ist an sich schön.

Nur war das, was Habeck von sich gab, was durch das Netz schwappte und dem Bundesernährungsminister Schmidt auf die Füße fiel, zwar gewollt, aber nicht gekonnt, nur manchmal witzig, stattdessen insgesamt so schrill wie schräg.

Das gilt sowohl für die Mutmaßungen über die deutsche Sprache als auch für das Thema Kennzeichnung von Lebensmitteln.

 

Verbrauchertäuschung: Imagepolitur misslungen

Quarkundso.de, aus der Feiertagsruhe aufgestört, mischt sich in Abstrusitäten der Netz-Gemeinde nur ungern ein.

Aber in diesem Fall soll es doch einen bescheidenen Versuch zur, hm, Sondierung der Lage geben, also dazu, worum es geht. Daher spielt in diesem Beitrag die übliche Vorlage aus den Medien nur am Rande eine Rolle, nämlich das NDR-Interview mit Robert Habeck.

Vorab noch: Natürlich geht es nicht darum, dem täppischen Ernährungsminister in Berlin beizuspringen. Der hat einfach zu hoch gepokert, als er mit der platten Käuferschutz-Masche bei den Bürgern sein Image aufpolieren wollte, von wegen Lebensmittelklarheit und Schutz vor Verbrauchertäuschung.

Es geht bei der Sache offensichtlich auch um anderes – um Wettbewerb, um wirtschaftliche Interessen, um Gleichbehandlung, um Klarheit in den Rechtsgrundlagen der Lebensmittelkennzeichnung. Das hätte er ruhig offen sagen können. An dem Thema ist er schon seit Längerem dran. Und so argumentieren ja auch andere.

Aber was den Ämtern und Wirtschafsverbänden, sogar den Verbraucherzentralen erlaubt ist, ist einem CSU-Minister noch lange nicht erlaubt – wo kämen wir denn da hin! Die Netz-Meute samt dem SPD-Parteivorstand, der den Tweet des Social-Media-Teams verantwortet, ist bei Vorstößen der Gegenseite unerbittlich. Geht gar nicht.

 

Wer bestimmt, was Wurst ist?

Quarkundso.de aber hat versucht, sich trotz Ferien etwas kundig zu machen und nachzuforschen. Allerdings nicht im Duden. Den kann die ganze Redaktion sowieso auswendig. Wer hier arbeitet, hat auf das dicke gelbe Buch den Amtseid abgelegt.

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Doch der Duden und sein Herkunftswörterbuch sind in der Diskussion um die Veggie-Wurst gar nicht einschlägig.

Seit wann schlägt die Verbraucherzentrale im Duden nach, wenn sie der Industrie vorwerfen will, dass die für verschiedene Zuckerarten chemische Begriffe auf die Etiketten druckt? Seit wann schaut Foodwatch in den Duden, wenn es darum geht, dass „Seelachs“ kein Lachs ist, sondern ein Dorsch?

Um es klar zu sagen: Was Wurst ist, steht nicht im Duden.

Sondern in ganz anderen Nachschlagewerken, darunter dem Lebensmittelbuch der Deutschen Lebensmittelkommission, in Gesetzestexten und diversen Loseblattsammlungen mit – vielen – EU-Verordnungen und Richtlinien.

In diesen dicken Folianten, verwirrend, wie sie sind, steht doch einigermaßen klar zu lesen, dass Wurst ein Fleischprodukt ist – da ist Tier drin.

Lebensmittelbuch, Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse von 2015, Absatz 2:

„Wurstwaren“ (Würste und wurstartige Erzeugnisse) sind bestimmte, unter Verwendung von geschmackgebenden und/oder technologisch begründeten Zutaten zubereitete schnittfeste oder streichfähige Gemenge aus zerkleinertem Fleisch (1.1), Fettgewebe (1.21) sowie sortenbezogen teilweise auch Innereien (1.51) sowie bei besonderen Erzeugnissen sonstige Tierkörperteile (1.511)

 

Der Volksmund darf reden, wie er will

Der bauernschlaue grüne Landwirtschaftsminister Habeck, der den Blick in den Duden sogar „empfiehlt“, liegt also mit seinem guten Rat wohl daneben.

Auch bei Sojamilch betritt Minister Habeck vermintes Terrain: Was Milch ist, regelt ebenfalls das entsprechende Gesetz, es ist die Milch in erster Linie von Kühen, im Spezialfall von Schafen und Ziegen. Nichts sonst.

Daher darf Sojamilch laut EU-Verordnung im Handel nicht als „Milch“ bezeichnet werden. Nur umgangssprachlich sagt der Kunde „Sojamilch“, wenn er die weiße Ersatzflüssigkeit meint. Dem Käufer aber schaut niemand aufs Maul, der Volksmund darf das weiße Zeug nennen wie er will.  Da redet nicht einmal der Duden rein.

Nur müssen die Hersteller „Sojadrink“ oder ähnliche Umschreibungen auf die Packung drucken. Das Produkt als „Milch“ zu bewerben, ist verboten.

Auch darf in ganz Europa per EU-Verordnung zum Beispiel nur als Butter verkauft wird, was aus Milchfett ist, und zwar von Kühen. Stammt die Milch von Schafen oder Ziegen, muss das klar gekennzeichnet sein. Vegane Imitate ohne Säugetiermilch dürfen sich allenfalls „Margarine“ nennen, oder – neutral und korrekt – „Streichfett“. Aber nicht „vegane Butter“.

 

Wissen, wo man es nachschlagen kann

Erstaunlich eigentlich, für so einen grünen Landwirtschaftsminister, dass der nicht vorher nachsieht, wenn er sich zu Lebensmitteln äußert.

Und dass er zwischen Alltagssprache und dem gewerblichen Umgang mit Lebensmitteln nicht unterscheiden mag. Gut, von Haus aus ist Habeck nicht nur Philosoph, sondern auch Germanist, da liegt der Duden näher.

Was die Germanistik angeht, verfügt Quarkundso.de aber ebenfalls über Insider-Kenntnisse, die in diesem Fall rücksichtslos veröffentlicht werden dürfen. Aus erster Hand können wir versichern, dass Germanistik-Studenten sofort nach der Einschreibung eingebläut wird: „Sie müssen nicht alles wissen. Aber Sie müssen wissen, wo Sie es nachschlagen können!“

Alkoholfreies Bier, das Habeck als Beispiel – wieder falsch – anführt, ist natürlich auch im Lebensmittelbuch verzeichnet, es gibt sogar ein Biergesetz. Dort steht, dass Bier alkoholfrei hergestellt werden darf. Wenn man also dem als „Bier“ bezeichneten Gärgetränk aus Gerste, Hopfen, Malz und Wasser den Alkohol nach dem Brauen entzieht, ist das auch Bier. So ist die Rechtslage.

Was sonst noch gebraut wird, ist kein Bier – Brottrunk zum Beispiel.

 

Wurstbürger auf Twitter: Wir denken selbst

Es ist müßig, anzuführen, dass andere blumige Produktnamen der Art „Schweineohren“ (Blätterteiggebäck), „Schaumkuss“ (Süßigkeit aus Eiweiß mit Schokoüberzug), „Katzenzungen“ (Schokoladenerzeugnis), „Berliner“ (Schmalzgebäck) und „Schusterjungen“ (Brötchen) sämtlich in Leitsätzen, Richtlinien der Innungen und der IHK, in Gesetzesblättern und Verordnungen beschrieben sind.

Alle die cleveren Beispiele, die auf Twitter gegeben wurden, zeigen daher kurzzeitig aufgeweckten Sprachskeptizismus, aber weder Sachverstand noch angemessenes Rechtsverständnis.

Exemplarisch für das Reichsbürgertum in der Veggie-Frage steht die Äußerung eines Wurstbürgers auf Twitter. Er fegt die Rechtsgrundlagen mal eben zur Seite und definiert, was für ihn persönlich Wurst ist: eine Form.

 

 

Die “Für-mich-ist-das-aber-so”-Haltung ist fatal und genau das, was man in anderen Angelegenheiten gefühltes Wissen nennt. Das kann Privatsache sein. Wenn sich dem aber ein Politiker anschließt, ist es nicht nur platter Populismus, sondern postfaktisch und ignorant.

Andererseits ist das mit dem Lebensmittelrecht eine grauenvolle Gemengelage: Wettbewerbsrecht – wer darf was auf Packungen drucken? -, Verbraucherschutz – was draufsteht, muss auch drin sein –, und Qualitätssicherung; dann geht es noch gegen Täuschungsabsicht, und es kommt noch sonstiges Gewerberecht dazu, von wegen unlauterer Wettbewerb, etwa mit falschen Angaben zu den Zutaten, oder mit Gesundheitsaussagen.

Da steigt keiner so leicht durch, außerdem reden zu viele mit, was der Lebensmittelkommission schon Ärger eingebracht hat. Sie steht gerade vor einer Reform.

Aber gerade weil alles so schwierig ist auf dem Gebiet, ist es wichtig, immer wieder auf Klarheit zu drängen. Das gilt unabhängig davon, ob der Minister durch die Fleischlobby angestiftet wurde oder nicht.

Immerhin ist er gelernter Jurist, da kann man vom erwarten, dass er sich zumindest um Durchblick bemüht.

 

Was draufsteht, muss drin sein

Klarheit gibt es nur, wenn sich eben die  Juristen durch endlose EU-Verordnungen wühlen. Dann stößt man darauf, dass Korrektheit im Lebensmittelbereich vornehme Pflicht ist, festgelegt in Paragrafen wie diesen: §7, Lauterkeit der Informationspraxis. Dort heißt es:

(1) Informationen über Lebensmittel dürfen nicht irreführend sein, insbesondere

(…)

d) indem durch das Aussehen, die Bezeichnung oder bildliche Darstellungen das  Vorhandensein eines bestimmten Lebensmittels oder einer Zutat suggeriert wird, obwohl tatsächlich in dem Lebensmittel ein von Natur aus vorhandener Bestandteil oder eine normalerweise in diesem Lebensmittel verwendete Zutat durch einen anderen Bestandteil oder eine andere Zutat ersetzt wurde;

Mit Bezug auf solche Regelungen haben die Verbraucherzentralen 2015 vor dem Europäischen Gerichtshof durchgesetzt, dass auf künstlich aromatisierten Früchtetees nicht riesige Bilder von Obst erscheinen dürfen, obwohl nur chemisch nachgebaute Aromastoffe drin sind.

Und jetzt geht es um die Wurst: Was ist in der Wurst? Wenn kein Fleisch drin ist, ist es dann eine Wurst?

Es liegt nahe, dass Landwirte, Bauern, Metzger, Fleischindustrie und Fleischlobby das klären wollen. Wettbewerbsrechtlich, sozusagen.

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Es liegt auch nahe, dass die interessierten Kreise von der anderen Seite, Vegetarier, Veganer und Hersteller entsprechender Produkte, das auf keinen Fall klären wollen. Denn Fleisch-Mimikry ist ein Imagegewinn und ein Verkaufsargument.

Schon aus psychologischen Gründen schmücken die Veggie-Produzenten ihre Ware gerne mit vertrauten Namen: Ihre nachgebauten Nahrungssimulationen sollen so aussehen, so schmecken und eben auch so heißen wie die echten Produkte, um zu suggerieren, dass sie ein angemessener Ersatz sind.

Das Versprechen an die Verbraucher lautet: „Du brauchst kein Tier zu töten und hast doch alle Vorteile Deines gewohnten Essens!“.

 

Nachgebaut oder das Original?

Ganz weit vorne ist dabei der Großerzeuger Rügenwalder Mühle, der ungeniert seine vegetarischen Produkte als Salami, Frikadelle, Fleischwurst, Nuggets oder Schnitzel vermarktet.

Anders wäre es wohl korrekter, prinzipiell, aber auch nach geltender Rechtslage: Alle Imitate von Wurst und Fleisch, die in Gestalt, Aufmachung und Geschmack Wurst und Fleisch offensiv nachempfunden sind, sollten Wurstersatz oder Wurstimitat, Fleischersatz oder Fleischimitat heißen.

Also ein blumiger Eigenname, sagen wir „Superkracher“, und darunter eindeutig: „Wurstersatz aus Weizeneiweiß“, oder „Wurstimitat aus Sojamasse“. Wie bei Tee und Jogurt müsste auch die Geschmackssimulation eindeutig bezeichnet werden: nicht als „Fleischwurst“ sondern „mit Fleischgeschmack“ oder „ mit Fleischaroma“.

Das wäre – als sogenannte Verkehrsbezeichnung – ehrlich.

Das geben sogar die Verbraucherzentralen zu. In einem Positionspapier zur Sache fordern sie mit dem gewohnten behördenkritischen Gestus genau das, was auch Schmidt will und was sowieso schon in den Gesetzen steht: Die Kennzeichnungsregelungen müssen für vegetarische Nachbauten besser umgesetzt werden.

Dabei geht es nicht nur um die Verbraucher, sondern auch um die Hersteller, die das echte Fleisch und natürliche Zutaten verwenden, aber mit ihren teuren Produkten gegenüber billigen Imitaten in die Röhre schauen würden.

 

Fein still halten und auf den Populismus setzen

Absatzfördernd ist das natürlich nicht. Deshalb freut sich die Veggie-Front bei dem Vorstoß von Schmidt über ihre Unterstützergruppe im Netz. Doch da, beim Absatz, liegt der Hase im Pfeffer: Es geht ums Geschäft.

Was das angeht, sind die Veggies keinen Deut besser als die Schweinezüchter. Und sie spekulieren auf den heimlichen Konsens, nachdem Pflanzliches zu fördern und Fleischliches zu verdammen ist. Schon von wegen der Ökologie, aber auch wegen der Gesundheit. Finden sie.

Auf dem Ticket fährt auch Habeck, der selbst zwar kein ausgesprochener Vegetarier ist, aber als Grüner seiner Klientel ebenso verpflichtet ist wie Schmidt von der CSU seinen konventionellen Bauern.

Auffällig ist jedenfalls, dass genau diese Kreise, große Hersteller wie Rügenwalder Mühle, sowie die offiziellen Verbände der Vegetarier und Veganer, in der Sache fein stillhalten. Sie sind wohl sauer, dass man ihnen draufgekommen ist, können aber rechtlich nichts dagegen sagen.

Dafür lassen sie das Netz, ein paar ihnen wohlgesonnene Journalisten und ihre Interessenvertreter bei den Parteien über Schmidt herumalbern. Aber die Produzenten und Veggie-Verbände wissen genau, dass Schmidt  Recht hat und dass sie wohl, wahrscheinlich sogar auf EU-Ebene, den Kürzeren ziehen werden.

 

Das dicke Ende kommt noch

Wie auch immer, die klare Kennzeichnung ist nichts, womit man spaßen sollte. Und sie ist auch deshalb wichtig, weil wir einer Zukunft entgegensehen, in der uns immer mehr künstlich nachgebaute Imitate statt echtem Essen untergejubelt werden.

Und zwar im großen Stil. Nicht nur von Veganern, sondern auch von der Industrie und sogar von Staats wegen.

Die Industrie will bessere Margen ohne teure Rohstoffe, dafür muss sie billige Ersatzstoffe verkehrsfähig machen. Der Staat will die Fresswelle eindämmen.

Dazu wird schon längst zum Beispiel an den Rezepturen von Käse, Backwaren und Fertiggerichten herumgeschraubt, um den Salz-, Zucker- und Fettkonsum zu senken, alles kalorienärmer und sonst irgendwie „gesünder“ zu machen. Ganze Institute experimentieren mit Nanofettkügelchen und Salzersatz (!), und mit zugesetzten Ballaststoffen in der Pizza, alles vorgeblich für die Gesundheit.

Quarkundso.de fordert daher den Bundesernährungsminister Schmidt dringend dazu auf, mit seiner strengen Kennzeichnungslinie fortzufahren! Dann wird er hoffentlich alle weiteren Nahrungssimulationen auch klar benennen – als Panscherei und Gesundheitsschwindel.

©Johanna Bayer

 

Links

Interview des NDR mit dem Landwirtschaftsminister von Schleswig-Hostein, Robert Habeck,

Lebensmittelbezeichnungen – Service des Landesamtes für Lebensmittel und Gesundheit Bayern

Leitsätze Fleisch aus dem Lebensmittelbuch, BMEL

Die Position der Verbraucherzentralen: Kennzeichnungsrichtlinien einhalten!

Aktuell: Dieser Beitrag ist von Januar 2017 – im Juni 2017 entschied der Europäische Gerichtshof gegen die Veggie-Fraktion. Tofuprodukte und andere Imitate dürfen nicht als “Schnitzel” oder “Milch” bezeichnet oder beworben werden.

SPIEGEL online über Besseresser und “Essen 2.0″: Billiger geht’s nicht

Stück Sahnetorte mit Kirsche und Schokostreuseln auf Teller.

Traditionell köstlich: die unschuldige Schwarzwälder Kirschtorte kommt bei  SPON schlecht weg. Bild: Shutterstock / Gts

In der Not frisst der Teufel auch beim SPIEGEL Fliegen. Genauer: bei SPIEGEL online. Denn online, das heißt schnell reagieren, mal was Einfaches machen, Meldungen raushauen, Buzzwords reinflicken und ein Thema bringen, weil der STERN es gerade gemacht hat, und zwar genau das Gegenteil.

Sowas hat sich SPON jetzt über Essen geleistet: einen Artikel, überschrieben „Die Besseresser“.

Es geht darin um Trends, genauer: um „Essen 2.0 – aus alt mach neu“, unter dem Motto „Ersetzen statt Verzichten“, so die Überschriften.

Was sich die Autorin dabei gedacht hat, ist klar: wieder eine Arbeitsprobe beim renommierten SPIEGEL – wenn es dort schon kaum Geld gibt. Und der eine oder andere Hintergedanke war wohl auch dabei, dazu kommen wir später.

Ob sich die Redaktion außer gewissen strategischen Überlegungen in Richtung Clickbaiting was dabei gedacht hat, bleibt vorläufig im Dunkeln.

 

So kann man das nicht stehen lassen

Jedenfalls hatte der STERN Anfang Oktober eine große Titelgeschichte über „Das Märchen vom gesunden Essen“ gebracht und darin unbarmherzig festgestellt: Alles, was einem gewisse Webseiten, Portale, Esoteriker und selbsternannte Food-Experten über „gesunde Ernährung“ weismachen wollen, ist Humbug.

Abgewatscht wurden unterwegs ein paar prominente Ess-Gurus, darunter eine bekannte Bloggerin, die Clean Eating propagiert, Hannah Frey. Und es kamen Experten zu Wort, ausführlich zum Beispiel die international bekannte Food-Trendforscherin Hanni Rützler.

Fazit des STERN: Essen ist nur Essen.

Sektenähnliche Systeme und strenge Regeln sind unnötig, Hauptsache man ernährt sich vielfältig und achtet aufs Gewicht. Das ist Stand der Wissenschaft, wie am Ende Christoph Klotter, Ernährungspsychologe an der Hochschule Fulda, zu Protokoll gibt.

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Doch beim SPON konnte das jemand so nicht stehen lassen.

Und gab einen Text in Auftrag, der alles, was der STERN einem vermiesen wollte, blind bejubelt:

Clean Eating ist toll und total gesund, überhaupt ist gesundes Essen ganz toll, gesund essen geht ganz leicht, zum Beispiel nichts mehr vom Tier, und gesund ist total gesund, mit Avocados, Linsen, Bohnen und Soja, und tierische Produkte sind ungesund, und Fett, Fleisch und Zucker sind ungesund, und alle essen jetzt regional und bio, das  ist gesund, und beim gesunden Essen ist alles ganz einfach. Und gesund.

Das wären mal so die Hauptaussagen in Kürze.

 

Wenn der Praktikant mit dem SEO-Generator

Dieser SPON-Beitrag ist so grottenschlecht, dass man glauben könnte, ein SEO-Praktikant habe den Text zusammengeschustert, während die Redakteure vor dem SPIEGEL-Hochhaus gegen Etatkürzungen protestierten.

Nach einigem Fremdschämen hat Quarkundso.de angesichts dieses Machwerks allerdings die Fassung verloren. Wirklich – die Contenance, mit der hier sonst um geistreiche Kritik gerungen wird, ist perdu.

Das, was jetzt kommt, ist daher nicht gerade die feine Art. Aber auf einen groben Klotz gehört ein grober Keil.

Das liegt daran, dass in dem SPON-Artikel alle paar Zeilen ein dicker Klopper drin ist: von Klischee und Kitsch über haltlose Behauptungen und peinliche Falschaussagen, unrecherchierten Unsinn und fragwürdige Verwendung von Zitaten und Fachbegriffen bis zum Deppenkomma ist alles dabei.

Wie konnte das passieren? Das wird noch zu klären sein.

 

Von wegen Besseresser – wer isst denn so?

Fangen wir vorne an, bei Überschrift und Teasertext.

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Screenshot SPON-Artikel unter dem Titel “Die Besseresser”

Ernährung: Essen 2.0 – aus alt mach neu – Ersetzen statt verzichten

Die Besseresser

Bolognese mit Hackfleisch? Das war gestern. Heute gesellen sich Linsen zu Tomate und Zwiebeln. In traditionellen Gerichten werden Fleisch, Fisch und Weizen gegen Bohnen, Algen oder Gemüse getauscht – aus guten Gründen.

Das ist ein Einstieg wie aus dem Lehrbuch der Schmieren-PR: einfach mal was ins Blaue hinein behaupten, um dann hemmungslos darüber fantasieren zu können.

Bolognese mit Hackfleisch soll out sein und „von gestern“? Wer, bitte, streut sich Linsen über die Nudeln und tut so, als sei das „Bolognese“?

Exakt das Gegenteil ist der Fall: Unverändert und seit vielen Jahren stehen die Nudeln mit Hackfleischsoße an der Spitze der Liste beliebter Kantinengerichte in Deutschland. Darüber schafft es nur die Currywurst, selbst am Schnitzel sind Spaghetti Bolognese vorbeigezogen.

Also nochmal die Frage: Wer und wie viele simulieren eine italienische Nudelsoße aus Hülsenfrüchten? Welcher Koch kann es sich in einer Kantine erlauben, Nudeln mit Linsen zu servieren? Gut, drüben im Schwabenland. Da gibt es vielleicht mal Spätzle mit Linsen (und Würstchen, übrigens). Aber die Schwaben tun nicht so, als ob sie irgendetwas ersetzen würden, oder als fabrizierten sie etwa Bolognese.

Nun sind wir erst ganz am Anfang, und ein Teaser soll in den Beitrag reinziehen. Aber rechtfertigt das eine so steile Rampe ins Postfaktische?

Zumal dieselbe Autorin einige Monate früher ebenfalls auf SPON feststellt:

Zugegeben, Hülsenfrüchte haben keinen guten Ruf. Viele Menschen scheuen den Verzehr aus Angst vor Blähungen. Grund sind schwer verdauliche Kohlenhydrate, die im Enddarm landen und dort von Bakterien zersetzt werden, was zur Gasbildung führt.

Offensichtlich lautete diesmal der Redaktionsauftrag anders. Dann geht auch das Gegenteil. Wobei – nichts gegen Hülsenfrüchte. Es geht Quarkundso.de  nur um das Verhältnis zwischen Wunsch und Wirklichkeit. Nicht darum, ob Erbsen, Linsen und Bohnen wertvoll in der Ernährung sind oder nicht.

 

Klassische Rezepte: ungesund?

Nach dem gewagten Anfang kommt jedenfalls genau jene Foodbloggerin zu Wort, die beim STERN als Beispiel für das schwer gehypte Clean-Eating-Konzept vorgeführt wurde, Hannah Frey.

Sie ist 28 Jahre alt, hat einen sehr erfolgreichen Blog und in Bremen Gesundheitswissenschaften studiert, Abschluss: Bachelor. Außerdem gibt sie Yoga- und Entspannungskurse, privat ernährt sie sich vegetarisch nach einer eigenen Variante von Clean Eating.

Dieses trendige Gesamtpaket hat wohl jemanden beim SPON in den Fingern gejuckt.

Während der STERN Frau Frey als eine unter vielen vorführt, die ein beliebiges Esskonzept clever vermarkten, preist SPON-Autorin Bettina Levecke die Bloggerin als „Gesundheitswissenschaftlerin“ an.

Und betrachtet sie als ausgewiesene Expertin für „gesunde Ernährung“.

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Dafür qualifiziert sich Hannah Frey mit sinnfreien Pauschalurteilen, etwa über die klassische Mousse au Chocolat: Solche traditionellen Rezepte enthielten „sehr viel tierisches Fett und Zucker“, und „beides ist nicht gesund”.

So etwas Plattes, Plumpes in den heutigen Zeiten auf einem Qualitätsportal zu lesen tut Quarkundso.de schon sehr weh.

 

Die gute, alte Küche kann einpacken

Nimmt man derlei ernst, kann nur eines daraus folgen: der Untergang des Abendlandes, kulinarisch gesehen.

Ernsthaft. Die ganze französische Hochküche, die bürgerliche Küche, die gepriesene italienische Kochkunst, die österreichische, die böhmische, die ungarische, überhaupt alle europäischen Landesküchen können einpacken.

Schluss mit Panna Cotta, mit Gulasch, Knödeln und Kaiserschmarrn – und mit all den Gerichten, die zum gloriosen „french paradox“ beigetragen haben: dem Phänomen, dass die Franzosen so viel mehr tierisches Fett konsumieren als andere und dabei weniger Herzinfarkt, Diabetes und Übergewicht haben. Aus ist es also für Crème brulée, Paté, Rilletes und Confit.

Das ist nämlich alles „ungesund“. Die „Besseresser“ à la Frey haben das erkannt und tauschen das Zeug aus – „aus guten Gründen”. Ist das allgemeiner Konsens? Wohl nicht. Es ist auch nicht der Kern des Clean-Eating-Konzepts, nebenbei bemerkt. Da geht es eigentlich gerade um natürliche, hochwertige Produkte, handgemacht und nicht industriell prozessiert.

 

Phrasen aus der Folterkammer der Diätassistenten

Müßig zu erwähnen, dass Hannah Frey sogar bei ihrem Imitat aus zerdrückten Avocados, Kakaopulver und Agavensirup vor höllischen Folgen warnt. Sie spricht tatsächlich von „Sünde“:

„… der „Fettgehalt der Avocado und die Süße der Agave“ sorge zwar auch nicht schlanke Hüften, „”aber wenn man schon mal sündigt, dann eben wenigstens ohne schlechtes Gewissen”, so Frey.“

Das sind Phrasen aus der Folterkammer der Diätassistenten, wie sie seit den 1960er Jahren unendlichen Schaden angerichtet haben.

Und seit Jahren ringen Tausende von modernen Medizinern, Ernährungswissenschaftlern und Ökotrophologen darum, diese Parolen aus den Köpfen der Menschen wieder rauszubringen.

 

Kann Essen wirklich Sünde sein?

Denn inzwischen ist längst klar: Es ist kontraproduktiv, im Zusammenhang mit Lebensmitteln von „Sünde“ und „sündigen“ zu reden, es macht Übergewichtigen ihr Leben noch schwerer und ruiniert ein gesundes, entspanntes Essverhalten – mal ganz davon abgesehen, dass es sachlich haltlos ist.

Nein, niemand „sündigt“, wenn er eine – klassische – Mousse au Chocolat zum Nachtisch isst. Und ein „schlechtes Gewissen“ muss man erst recht nicht haben.

Man kann das tun. Jeden Tag. Wie die Franzosen. Man muss halt aufs Gewicht achten, das ist alles.

Aber warum betet die SPIEGEL-Autorin solche Dummheiten her, als ob es keine anderen Fakten, keine Zusammenhänge, kein Wissen, keinen Hintergrund, keinen Kontext gäbe?

Als ob nicht Ernährungsexperten davon abraten, einzelne Lebensmittel oder Nährstoffe zu verteufeln? Und wieder und wieder betonen, dass alles von der Mischung, dem Maß, der Verträglichkeit und ganz besonders davon abhängt, ob man sein Gewicht im Griff hat?

Ja, warum, SPON? Vor allem: Warum kommt keine andere Position im Artikel vor? Warum fehlt die von Berufs wegen eigentlich verpflichtende Nachfrage dazu, ob das denn stimmt, was Frau Frey verzapft?

 

Geschickte Montage von Zitaten

Doch gehen wir weiter im Text: Die Autorin hat nämlich noch richtige Experten in petto, Promis aus der Ernährungsszene. Zumindest gibt es Zitate, nämlich von Thomas Ellrott und von Hanni Rützler, die auch im STERN auftrat.

Beide scheinen zu bestätigen, was die Clean-Eating-Frau zuvor ausgeführt hat und was Autorin Levecke uns gerne glauben machen möchte: Fett ist ungesund. Zucker ist ungesund. Fleisch und tierische Produkte sind ungesund, klassische Rezepte und Zutaten sind ungesund.

Direkt hinter das Gesundheitsgefasel aus der Clean-Eating-Privatversion montiert die SPON-Autorin daher die Statements der Experten:

Keine Frage, gesundes Essen ist im Trend. “Die Zeiten, in denen Essen vor allem günstig und schnell sein sollte, gehen langsam zu Ende”, sagt Thomas Ellrott, Leiter des Instituts für Ernährungspsychologie in Göttingen. “Verbraucheranalysen zeigen deutlich, dass bei der Lebensmittelauswahl Gesundheit ein immer wichtigeres Motiv wird.”

Klar, oder? „Aus guten Gründen” gilt: Die Käufer haben eingesehen, dass man „ungesunde Zutaten“ wie Fett, Zucker und überhaupt Tierisches lieber ersetzen sollte.

Weg mit der Gesundheitskeule

Aber Thomas Ellrott spricht in Wahrheit lediglich von dem Motiv „Gesundheit“ beim Einkaufen, Kochen und Essen. Der Beweggrund vieler Kunden mag dabei zwar „Gesundheit“ sein – aber das bedeutet auf keinen Fall, dass das, was Fanatiker für „gesund“ halten und was die Clean-Eating-Paläo-Gluten-Frei-von-Rohkost-Vegan-Front uns glauben machen will, tatsächlich „gesund“ ist.

Vor allem heißt es nicht, dass Thomas Ellrott derlei glaubt oder bestätigt.

Das glaubt er nämlich nicht und sagt es auch nicht. Ellrott ist Profi. Er sitzt im Präsidium der DGE und weiß es besser: Seit Jahren plädiert er ausdrücklich dafür, die Gesundheitskeule aus der Ernährungserziehung herauszuhalten.

Wenn Eltern ihren Kindern dauernd in den Ohren liegen, dass sie dies essen und das lassen sollten, weil das angeblich „gesund“ sei, so Ellrott, störe das die Entwicklung eines, ja, gesunden Essverhaltens. Dazu hat er der ZEIT ein Interview gegeben, und man kann seine Position überall nachlesen.

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Soll Schluss sein mit traditionellen Desserts wie diesem Flan Caramel: zu viel Tier, zu fett, zu süß?

Nur – warum stellt die SPON-Autorin seine Aussagen anders dar? Warum montiert sie das Zitat, als ob Thomas Ellrott bei Hannah Frey einen Clean-Eating-Kurs besucht hätte?

 

Ein Trend ist nicht die Wirklichkeit

Auch Trendforscherin Hanni Rützler kommt zur Sprache, es geht um „Ersatzprodukte ohne tierische Bestandteile“, im Klartext: vegan.

„Ersatzprodukte ohne tierische Bestandteile landen mittlerweile nicht mehr nur bei überzeugten Veggies auf den Tellern”, sagt Rützler, “auch immer mehr Omnivoren versuchen, Fleisch zu ersetzen.”

Abgesehen davon, dass „Omnivoren“ als Fachbegriff hier falsch benutzt wird, (denn alle Menschen, egal, was sie essen, sind Omnivoren) ist die Frage, was hier „versuchen“ heißt.

Mal was Neues probieren, eine Mandelmilch oder einen Haferdrink, zum Beispiel? Das ist für viele interessant. Vielleicht essen einige auch statt Fleisch öfter Nudeln mit Tomatensoße, oder ein Käse-Omelett. Aber auf Dauer vegan, mit „Ersatzprodukten ohne tierische Bestandteile?“

Das ist definitiv nicht die Realität von mehr als 99 Prozent der Deutschen.

Natürlich wollen viele ihren Fleischkonsum reduzieren und qualitativ verbessern. Zumindest behaupten sie das.

Und zwar dann, wenn ihnen ein Reporter ein Mikro oder ein Wissenschaftler einen Fragebogen unter die Nase hält. Deshalb kommt immer wieder raus, dass angeblich ein Drittel, die Hälfte, zwei Drittel oder gleich alle dazu bereit sind, mehr Geld für besseres Fleisch von artgerecht gehaltenen Tieren auszugeben, weniger Fleisch zu essen, kein Fleisch mehr zu essen und sich „gesünder zu ernähren“.

Die Zahlen aber zeigen die Wahrheit: Weder bricht der Fleischkonsum drastisch ein noch steigt der Verkauf von Hülsenfrüchten oder der Marktanteil von Ersatzprodukten dramatisch an. Bio-Fleisch bleibt in der teuren Nische, und weder ernährt sich die Masse der Deutschen vollkommen anders noch kaufen sie „keine Tierprodukte mehr“. Auch nehmen die Dicken hierzulande weder im großen Stil ab noch werden die Deutschen „gesünder“.

Der eigentliche Punkt aber ist: Hanni Rützler spürt von Berufs wegen Trends und Tendenzen nach, übrigens höchst seriös und international anerkannt.

In ihren „Food-Reports“, etwa in dem von 2017, benennt sie viele aktuelle Richtungen. Dabei entwirft sie ein ganzes Mosaik von unterschiedlichen Strömungen, die sich in verschiedenen Milieus beobachten lassen, diesmal zum Beispiel Trends zum Aromastoffen, zu noch mehr Convenience oder zu „brutal lokal“, also zur Regionalität.

Einer unter vielen ist in diesem Jahr Trend zu Imitaten, zum „Doubeln von Food“, wie Rützler schreibt. Motto: „Beyond Food“. Wie passend – vielleicht ist die Ersatzwirtschaft tatsächlich das Ende dessen, was wir bisher unter Genuss verstanden haben? Könnte gut sein.

Wie sich solche Trends aber entwickeln, ob sie zur Ernährungsrealität werden, ob sie bleiben, steht auf einem anderen Blatt: Zwischen Hype, Trend, Entwicklung und Wirklichkeit bestehen Unterschiede.

Frau Rützler weiß das. Frau Levecke beim SPON weiß es aber besser. Vor allem will sie es anders haben.

 

Die Schwarzwälder Kirschtorte ist die Krönung

Deshalb deklariert sie den aus Blogs und Laien-Rezepten herausgelesenen Ersatzhype „Essen 2.0“ als gemachte Sache und faselt darüber munter weiter.

Dann kommt die Krönung – etwas, was beim SPIEGEL eigentlich gar nicht passieren dürfte. Schließlich verfügen große Häuser über ausgebildete Redakteure. Außerdem gibt es noch eine Qualitätskontrolle durch die Abteilung Dokumentation.

Die geht akribisch durch das Geschreibsel der armen Freien und verlangt selbst für die simpelsten Fakten aus der Allgemeinbildung Belege: „Woher wollen Sie wissen, dass der Magen Säure produziert? Wir haben das im Internet nicht gefunden. Bitte kopieren Sie uns das Fachbuch, das Sie verwendet haben und schicken Sie es uns umgehend als Beleg zu.“

Das dient dazu, dass das Renommee des Blattes von fahrlässigen Autoren nicht beschädigt wird und die klagefreudigen Gegner des Hauses keine Angriffsfläche finden.

Nun scheint aber – online first – beim digitalen Ableger SPON die Abteilung Dokumentation gar nicht erst tätig zu werden. Oder es musste halt mal schnell gehen, oder man hat das Ding einfach auf Treu und Glauben durchgewunken.

Schließlich kann beim Essen jeder mitreden, und im Übrigen geht es doch um die Story, nicht wahr? Wie auch immer – Frau Levecke serviert einen fetten Patzer:

Sogar aus der Schwarzwälder Kirschtorte – der Kalorienqueen der ungesunden Sünden – lässt sich mit Mandeln, Datteln und frischen Kirschen eine Rohkostvariante nachbauen.

Muss ich es sagen?

Nein, nicht dass Schwarzwälder Kirschorte selbstverständlich keine „ungesunde Sünde“ ist, das ist ja schon geklärt. Sondern dass sich das mit der „Kalorienqueen“ beim Blick in eine Kalorientabelle erledigt hätte.

Denn die Schwarzwälder Kirschtorte ist nicht die größte Kalorienschleuder in der Kuchentheke.

Das ist ein Lapsus, der aus echter Unkenntnis (keine Ahnung von der Sache), aus Faulheit (ich brauche nicht in ein Buch zu gucken, wird schon stimmen) und aus – Achtung! – mangelnder beruflicher Integrität und fehlender Ausbildung zustande kommt.

Brownies, Nahaufnahme

US-Bomber: Brownies sind der Hammer, mit 411 Kalorien auf 100 Gramm.

Ach so, wer es wissen will: Die Schwarzwälder Kirschtorte rangiert weit hinter Schweinsöhrchen aus Blätterteig, Donauwelle, Baumkuchen, Nussecke, Linzer Torte und den US-Bombern Cheesecake und Brownies, die gerade in Foodie-Kreisen besonders beliebt sind.

Das kann man in jeder handelsüblichen Kalorientabelle nachsehen, man weiß es aber auch, wenn man rudimentäre Kenntnisse von echtem Essen hat – und nicht, wie Autorin Levecke und Bloggerin Frey, auf Imitate und Ersatzprodukte steht: Schlagsahne, Kirschen und luftiger Biskuit bringen weniger Kalorien auf die Waage als Buttercreme, Frischkäse und Rührteig mit Schokolade

Spätestens hier hätte die Redaktion schalten müssen – wenn sie die Floskel mit der „Kalorienqueen“ nicht sogar selbst in den Artikel reinredigiert hat. Denn merke: Patzt der Autor, ist die Redaktion Schuld, weil sie nicht aufgepasst hat. Verantwortlich im Sinne des Presserechts.

 

Gehen wir ans Eingemachte

An so einem Punkt schaut die Abteilung Dokumentation bei Quarkundso.de übrigens nicht nur in die Kalorientabelle.

Sondern googelt auch den Namen der Autorin. Ergebnis: Frau Levecke macht erst seit Kurzem in Ernährungsthemen, und das für einschlägige Szene-Postillen aus dem Lager Schrot&Korn, veganes Leben etc. Da hat sie zu veganer Ernährung, vegan für Schwangere und veganen Eltern geschrieben.

Möglicherweise ersetzt hier eine private Lebenserfahrung Berufs- und Fachwissen, und so wird der SPON-Artikel nichts weniger als tendenziös: es fehlt die Distanz zum Thema, es fehlt eine Einordnung, es fehlt eine andere Sichtweise, dafür dominieren schlichte Unkenntnis und verzerrte Wahrnehmung.

Das merkt man gerade am Umgang mit den Zitaten der Experten – und von Anfang an beschlich Quarkundso.de dabei ein ganz böser Verdacht:

Könnte es etwa sein, dass Frau Levecke für diesen Beitrag weder mit Hanni Rützler noch mit Thomas Ellrott persönlich gesprochen hat?

Hat sie vielleicht nur ein paar Zitate aus deren Veröffentlichungen verwurstet und sich diese per E-Mail von den Pressestellen der beiden Experten freigegeben lassen? Und dabei nicht gesagt, wie später ihr Artikel aussieht? Oder in einem echten Telefoninterview herausgefunden, was die beiden wirklich wollen und meinen? Wollte sie einfach ihre Meinung verbreiten, und nicht die der Experten?

Und hat die SPON-Redaktion das geschluckt, weil es ja nur online ist?

 

Was soll das?

Der Verdacht hat die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de auf den Plan gerufen.

Und tatsächlich: Die hat – jeweils aus erster Hand – erfahren, dass Frau Levecke tatsächlich nie mit Hanni Rützler persönlich gesprochen hat, und dass Thomas Ellrott den Artikel und insbesondere den Einbau seiner Zitate alles andere als ideal findet.

Auch wusste er nichts über den Gesamtaussage des Artikels und würde nie unterstützen, dass das Ersetzen von Zutaten generell als „gesund“ oder dass Clean Eating, Frei von, Vegan und welches System auch immer per se als besonders “gesund“ etikettiert werden.

Tja. Das war dem Text anzumerken, aber es bleibt die Frage: Wer oder was wollte das bei SPON? Und was wollte er oder sie uns damit sagen?

 

Aufhören, wenn es am schönsten ist

Ganz am Ende hat „Gesundheitswissenschaftlerin“ Hannah Frey, wie sollte es anders ein, das letzte Wort.

Sie darf, zusammen mit Ernährungsfachfrau Levecke, zum Schluss dem Psychologen Ellrott noch einmal in die Parade fahren. Denn aus seinen Zitaten lässt sich leider doch ein wenig herauslesen, dass das mit dem angeblich gesunden Essen vor allem der Selbstsuggestion dient:

Laut Ellrott sei bewusste Ernährung damit auch eine moderne Form der Selbstpflege. Der Ernährungspsychologe spricht vom sogenannten Halo-Effekt – “Halo” ist das englische Wort für Heiligenschein: “Das gesunde Essen strahlt auf unser inneres Empfinden aus, wir fühlen uns besser, gesünder, umweltbewusster oder auch moralisch überlegen.”

Das kann Frau Levecke natürlich nicht unkommentiert lassen. Sie stellt es richtig:

Aber neben den möglichen philosophischen Hintergründen gibt es auch ganz praktische Vorteile: “Gesunde Zutaten wie Obst und Gemüse sind leichter verdaulich”, sagt Hannah Frey. “Eine Linsenbolognese mit Zucchininudeln liegt einfach nicht so schwer im Magen wie das Original.”

Das ist so schlecht, dass es fast schon wieder gut ist, und nein, ich führe das jetzt nicht mehr aus (die dummen Italiener, wie konnten sie nur Spaghetti mit Fleischsauce erfinden, ungesund und schwer wie Blei im Magen, schön doof).

Ich erwäge nur noch kurz, dass Frau L. sich wohl verschrieben hat und nicht „philosophisch“, sondern „psychologisch“ meinte, das Fachgebiet von Thomas Ellrott. Aber an dieser Stelle auch noch begriffliche Schärfe zu verlangen, sprengt jetzt wirklich den Rahmen.

Screenshot vom Blog der Hannah Frey

Nein, keine Ernährungsberatung – zum Glück. So frei aus der Hüfte zu schießen kann nämlich ins Auge gehen.

 

Zum Glück ist aber die Clean-Eating-Propagandistin Hannah Frey wenigstens so schlau, zwar Kochbücher zu schreiben, aber keine Ernährungsberatung anzubieten. Das kann man auf ihrer Webseite nachlesen.

 

 

Sie würde auch in Teufels Küche kommen, mit dem dummen Zeug.

Macht aber nichts – für SPIEGEL online reicht es ja.

©Johanna Bayer

 

SPON-Artikel „Die Besseresser“ von Bettina Levecke vom 17.11.2016 – und Achtung, er ist schon geändert worden, nach Intervention. Vielleicht wird er bald nochmal geändert. Dann bitte bei der Abteilung Dokumentation von Quarkundso.de nachfragen, da gibt es das Original als PDF mit Stand vom 28.11.2016.

Autorin Levecke über Hülsenfrüchte in SPON am 3.3.2016

Thomas Ellrott im ZEIT-Interview: “Eltern, hört endlich auf, von gesundem Essen zu reden!”

… und was Hanni Rützler wirklich über das Gesundheitsgefasel denkt

Hannah Frey bietet KEINE Ernährungsberatung an, sie weiß wohl, warum, s. ganz unten in ihren FAQ.

Was wirklich Trend ist, steht zum Beispiel in diesem Artikel über die neue regionale Bewegung. Oder in diesem aus der TAZ, zur Foodszene in Berlin und dem Frust der Otto Normalesser.

Wo wir gerade von echten Lebensmitteln sprechen: Kalorienübersicht von der Apotheken-Umschau, eine unter vielen. Die Quelle von Quarkundso.de ist die Kalorien-&Nährtwerttabelle von Gräfe und Unzer (so ein Buch).

Gesund oder ungesund? Schwarz-Weiß-Denken schadet bei der Gewichtskontrolle(Studienzusammenfassung auf Englisch)