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In der SZ: Werner Bartens will die Ernährungswissenschaften abschaffen – Vorsicht, der Mann ist Arzt!

 

In der Süddeutschen Zeitung wettert Medizinchef Werner Bartens gegen Studien zur Ernährung, diesen „Stuss mit Nuss“: Endlose Versuchsreihen zu einzelnen Nahrungsmitteln und isolierten Bestandteilen seien nur Pseudoforschung. Doch als Arzt muss er seine Zunft zur Ordnung rufen – denn wer hat den Quatsch eigentlich erfunden?

 

 

Schale mit Nüssen

Die Nuss als Wunderwaffe – besonders gut fürs Herz. Bild: Shutterstock/Dionisvera

Nach dem anstrengenden letzten Beitrag braucht Quarkundso.de eine Verschnaufpause.

Ehrlich, es kostet unheimlich viel Kraft, so etwas aufzusetzen wie das Pamphlet gegen den SPIEGEL.

Man muss akribisch durch den Text gehen, alles nachschlagen, investigative Anrufe und Mails absetzen und dann Unmengen von Buchstaben sortieren.

Schlimm, gerade in der Weihnachtszeit, wo man doch Milde walten lassen, Mandelplätzchen essen und gewürzte Getränke schlürfen will.

Zum Glück hat jemand anders den Job übernommen und gleich den finalen Schlag gegen Ernährungsunsinn gelandet: Werner Bartens, leitender Redakteur im Wissenschaftsressort bei der SZ. Er fordert in einem Artikel vom 9.12.2016 rundheraus: „Schafft die Ernährungswissenschaften ab!“

Wirklich, das steht da wörtlich. Gut, der Beitrag ist als Glosse gekennzeichnet, also quasi als nicht ernst zu nehmen. Nur zum Spaß.

Aber die Breitseite sitzt: Bartens wettert gegen Studien zur Ernährung, diesen „Stuss mit Nuss“, und verlangt, den Quatsch endlich zu unterbinden – jene endlosen Versuchsreihen zu einzelnen Nahrungsmitteln und isolierten Bestandteilen, die angeblich gesund sein sollen.

Alles Pseudoforschung, schimpft er, die nichts bringe, ob am Menschen, an der Maus oder an Zellen exerziert; unehrenhaft, konstruiert, von der Industrie diktiert, von korrupten Forschern designt und von Störfaktoren dermaßen beeinflusst, dass man schier zu jeder Substanz das gewünschte Ergebnis konstruieren könne.

 

Die Nuss als Wunderwaffe

Stein des Anstoßes sind für Bartens besonders die vielgepriesenen Nüsse  – die waren allerdings schon Superfood, als man in Deutschland Goji und Acai noch für Brettspiele hielt: Von Alzheimer, Asthma, Diabetes und Schlaganfall über Prostata- und Darmkrebs bis hin zu Infektionen und Depressionen sollen die Schalenfrüchte so ziemlich alles beseitigen, was den Menschen zur Strecke bringen kann.

Vor allem aber schützen sie angeblich das Herz vor Infarkt und die Blutgefäße vor Schäden.

Die neueste Studie dazu ist im renommierten British Medical Journal erschienen und stammt aus Norwegen. Es ist eine Meta-Analyse, die 20 andere Studien aus den letzten acht Jahren auswertet.

Am Ende fassen die Autoren zusammen:

Higher nut intake is associated with reduced risk of cardiovascular disease, total cancer and all-cause mortality, and mortality from respiratory disease, diabetes, and infections.

Düster konstatieren sie dann, dass wohl mindestens 4,4 Millionen von Menschen gestorben sind, weil sie nicht genügend Nüsse gegessen haben.

In 2013, an estimated 4.4 million deaths may be attributable to a nut intake below 20 grams per day in North and South America, Europe, Southeast Asia, and the Western Pacific. These findings support dietary recommendations to increase nut consumption to reduce chronic disease risk and mortality.

Herr Doktor ist nicht zimperlich

Da ist der Bartens ausgeflippt.

Übrigens nicht zum ersten Mal. Schon 2011 hat er in der SZ eine solche Tirade losgelassen, er tingelt mit dem Thema seit Jahren auch durch Talkshows und über Podien, um die anwesenden Ernährungswissenschaftler auf die Palme zu bringen.

Schadenfroh kann man an dieser Stelle ein paar Salznüsse einwerfen und feixend zuschauen – herrlich, Schlammcatchen zwischen Promi-Journalist und Forschern! Immer großes Kino.

Und Bartens ist nicht zimperlich, außerdem ist er Mediziner mit Doktortitel, daher weiß er, wovon er redet – in mehrfacher Hinsicht. Dazu kommen wir noch.

Jedenfalls musste sich Hannelore Daniel, berühmte Ernährungswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Physiologie, öffentlich von ihm anhören, sie weise ein „gönnerhaftes Gehabe“ auf mit ihrem Forscherdünkel, und ihr „aufgeplustertes Abwehrverhalten“ (wörtlich) zeige nur, dass sie sich den Verfehlungen ihrer Zunft – den sinnlose Studien – nicht stellen wolle.

 

„Bevormundungsterror“ der Ernährungswissenschaft

Die Lebensmittelindustrie bezichtigte Bartens bei Plasbergs „Hart aber fair“ nebenbei noch der „Panscherei“ und nannte sie „teilweise eine Drecksbranche“, den Veganern Attila Hildmann und Ursula Karven servierte er bei Sandra Maischberger, dass ihre zurechtgelegte Ideologie jeder faktischen Grundlage entbehrt.

Besonders auf den „Bevormundungsterror“ durch unsinnige Ernährungsratschläge schimpft er. Wenn es nach Bartens geht, dann reicht es, einfach genussvoll zu essen und keine Angst vor ein paar Kilo Übergewicht zu haben.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Da hat er wohl nicht ganz Unrecht – und wieder kann man sich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren, die ein paar wichtigtuerische Volkserzieher betrifft.

Aber derart einer ganzen akademischen Disziplin die Berechtigung abzusprechen – „Schafft die Ernährungswissenschaften ab!“ – ist schon gewagt.

Schließlich halten sich mehrere Universitäten in Deutschland einen Fachbereich mit Ernährungswissenschaften, und einige große Institute bekommen einen Haufen öffentliches Geld, damit sie, nun ja, vernünftige Studien durchführen.

Überhaupt hält man auch andernorts, geradezu in jedem Land der Welt, viel auf diese Ernährungswissenschaften.

 

Wenn die Ehre auf dem Spiel steht

Das steigert den Unterhaltungswert der Attacke natürlich erheblich: Wer wird in den Ring steigen, wer will Bartens widersprechen, wer stellt die Ehre der Geschmähten wieder her?

Quarkundso.de jedenfalls nicht. Die ganze Redaktion lehnt sich amüsiert zurück, knabbert ein paar Kokosmakronen und ist weit davon entfernt, in die Bresche zu springen, um organisierte Müsli- und Vollkornasketen zu verteidigen.

Die müssen schon selbst sehen, wie sie aus der Nummer rauskommen und ihr Image aufpolieren. Werner Bartens ist nämlich nicht alleine mit seiner Meinung – tatsächlich stehen die konventionellen Ernährungsempfehlungen vielerorts in der Kritik, weil sie eben keine wirklich wissenschaftliche Grundlage haben.

Auch ähneln die 10 Regeln der DGE inzwischen so sehr Omas Wissen – iss mäßig, aber regelmäßig, ausgewogen und vielseitig, nicht zu viel Süßes, genügend trinken – dass man sich fragt, warum diese ehrenwerte Gesellschaft dafür jedes Jahr fünfeinhalb Millionen Euro kassiert.

Gut, das ist nicht alles, was sie zu tun hat. Die DGE muss ja noch die ganze Forschung beurteilen. Und darin hat sie weiß Gott keine leichte Aufgabe, auch dazu kommen wir noch.

 

Wer forscht denn da?

Aber warum derweil nicht noch ein wenig zündeln? Das ist doch lustig.

Man könnte, ganz im Sinne von Werner Bartens, noch eine dünkelhafte Kaste und ein paar aufgeblasene Pfründenverwalter mit reinziehen, um eine ordentliche Schlammschlacht zum Thema „Wer ist Schuld am Ernährungsunsinn?“ anzuzetteln.

Da bietet der Artikel einen schönen Ansatzpunkt: Stimmt, wie kann man nur so bescheuert sein und schwachsinnige Behauptungen zu Nüssen und Herzgesundheit, Cranberries und Blaseninfektionen, Zimt und Diabetes aufstellen?

Das ist doch alles… wie sagt Bartens so richtig? „Keine Wissenschaft“.

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Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Aber wer macht oder will diese Forschung? Was sind das für Leute? Wer will das wissen mit den angeblichen Wirkstoffen in Lebensmitteln, und warum?

Wer untersucht Olivenöl, Fischöl, Heidelbeeren, Artischocken und Kurkuma? Wer stellt die Fragen, wer reitet darauf herum, dass Ernährung Krankheiten vorbeugen, Krebs heilen, das Hirn gesund halten und Herzinfarkt verhüten kann?

Tja. Wenn man versucht, diese Frage zu beantworten, kommt Erstaunliches zutage: Die Ernährungswissenschaftler sind es nicht. Herr Bartens hat sich wohl nicht ganz den richtigen Sündenbock ausgesucht.

 

Diese elenden Weißkittel

Denn es sind die Ärzte.

Mediziner, diese Halbgötter, die sich unheimlich viel auf ihre Zunft einbilden, aber bei den großen Volkskrankheiten im Nebel stochern. Sie sind es, die hauptsächlich auf der fantasierten Gesundheitswirkung von Lebensmitteln und Inhaltsstoffen beharren.

Werner Bartens müsste daher eigentlich den Ärger bei seinen gewissenlosen Medizinerkollegen abladen, vor allem bei bestimmten Fachrichtungen.

Da gibt es nämlich notorische Studienpanscher, die mehr oder weniger absichtlich Heilsbotschaften aus fragwürdigen Untersuchungen in die Welt pusten – Mediziner, wohlgemerkt, nicht Ernährungswissenschaftler.

Am schlimmsten sind die Kardiologen.

Das sind genau die, die dauernd was über Herzgesundheit und Ernährung herausfinden wollen. Warum? Weil sie keine Lösung für das Problem haben.

Sie können Herzinfarkte nicht verhindern und Patienten, die schon einmal einen Infarkt hatten und besonders gefährdet sind, selten retten. Sie haben einfach noch nicht herausbekommen, was wirklich die Ursache für Herzinfarkt ist: Cholesterin? Wenn ja, welches? Oder sind es die Triglyzeride? Entzündungsfaktoren? Zucker? Risse in den Gefäßwänden? Verklumpte Eiweiße? Die Gene? Stress?

 

Sie wollen doch nur helfen

Bis heute ist unklar, was genau dazu führt, dass in den Adern Fett- und Kalkablagerungen entstehen, die irgendwann platzen und als Gerinnsel die Herzkranzgefäße verstopfen. Nur ein paar Risikofaktoren zeichnen sich ab, zuvorderst Rauchen, Übergewicht und Diabetes.

Viel mehr wissen die Ärzte nicht, alle anderen wie Heilpraktiker oder Esoteriker schon gar nicht, übrigens. Trotzdem müssen zumindest die Mediziner von Berufs wegen etwas tun.

Also verschreiben sie Cholesterinsenker und Blutverdünner, legen Bypässe und setzen Stents ein, verordnen Diäten, autogenes Training und Bewegung, notfalls wird transplantiert, und alles zu Milliardenkosten.

Nebenher treiben sie aber fleißig Ernährungsstudien: Vielleicht lässt sich ja etwas entdecken, was im Vorfeld das Risiko senkt und was die Leute gerne tun. Essen, zum Beispiel. Dann würden den Ärzten nicht so viele Patienten unter den Händen wegsterben.

Ist ja auch dumm, sowas.

Und damit wir uns nicht missverstehen: Die Absicht ist keine schlechte – die wollen nur helfen.

 

Historisches Unheil: die Fettlüge

Dabei haben sie aber, was Murks mit Ernährungsstudien angeht, besonders viel erreicht: Die Kardiologen und ihre Verbände, darunter die American Heart Association, haben für die Verbreitung der großen Fettlüge gesorgt. Die kam ihnen damals, in den 1960er Jahren, gerade recht, nachdem ein karrieresüchtiger Biologe (!) behauptet hatte, dass gesättigte Fettsäuren und tierische Fette Schuld am Herzinfarkt seien.

Der Mann hieß Ancel Keys und steht heute für den wohl folgenreichsten Fehler der modernen Wissenschaftsgeschichte: die Verteufelung von traditionellen Nahrungsfetten.

Die Ärztezunft nahm den Schwindel aber sofort gierig auf und befeuerte damit eine beispiellose Kampagne, mit der billige Margarine und raffinierte Industrieöle unter dem Deckmantel der Herzgesundheit weltweit in den Markt gedrückt wurden.

Diese Fettlüge ist inzwischen passé. Aber die Kardiologen machen weiter.

 

Endlose Liste mit „gesunden“ Lebensmitteln

Nach den fragwürdigen Pflanzenölen, die leider nicht das gewünschte Ergebnis brachten, nahmen sie sich ein Lebensmittel und einen Inhaltstoff nach dem anderen vor: Olivenöl, Fischöl, Mandeln, Walnüsse, Kokosnüsse, alle Nüsse, Leinsamen, Buchweizen, Artischocken, Rotwein, Weißwein, Lycopin aus Tomaten, Kakao, grünen Tee, bittere Schokolade, Antioxidantien, Radikalenfänger, Polyphenole, Flavonole und andere Wunderstoffe – die Liste ist endlos.

Da ließen sich die Onkologen, die Krebsärzte, natürlich nicht lange bitten und sprangen auf den Zug auf: Klar müssen die Krebsauslöser aus der Nahrung kommen, und was vor Krebs schützt, ebenso.

Internisten, Rheumatologen, Onkologen, Allergologen, alle machen diese Studien, man kann hinschauen, wo man will: die meisten Antreiber von Ernährungsexperimenten sind Mediziner.

Wenn Werner Bartens also auf die Ernährungswissenschaften eindrischt, meint er die Medizin.

Das ist wirklich lustig, denn er ist ja nicht nur selbst Arzt, sondern auch noch ausgebildeter Internist, ausgerechnet aus der Fachrichtung Kardiologie: Seine Doktorarbeit schrieb er über genetische Faktoren beim Herzinfarkt.

Daher weiß er wohl so gut Bescheid – gut, auf den Ärzte-Job hatte er nach ein paar Jahren keine Lust mehr und wurde lieber Journalist, vermutlich, weil ihn die sinnlosen Forschungssimulationen genervt haben.

Denn wir haben ihn ja richtig verstanden. Und herrlich, dass das mal jemand sagt: was Ärzte treiben, ist „keine Wissenschaft“.

 

Schlechte Forschung gibt es überall

Auch der Erstautor der aktuellen Meta-Analyse zu den Nüssen, die Bartens so aus dem Häuschen brachte, ist Arzt – natürlich Kardiologe. Sieben weitere Autoren der Studie sind ebenfalls Ärzte, nur zwei haben hilfreiche Nebenfächer wie Biostatistik und Biochemie studiert.

Die inkriminierte Nuss-Studie aus den 1990er Jahren stammt selbstverständlich auch von einem Arzt, einem, wie sollte es anders sein, Internisten. Der hat sich die Arbeit dummerweise von den Nuss-Farmern in den USA sponsern lassen. Seine Studie war wegweisend und löste die Nuss-Euphorie aus, zahllose Untersuchungen – von Medizinern – folgten.

Nur: Niemand ruft danach, die Medizin abzuschaffen, weil es unter ihrem Deckmantel sinnlose Versuche, missglückte Experimente, schlechte Forschung, bestechliche Doktoren und geltungssüchtige Chefärzte oder Institutsleiter gibt.

Mit Recht darf man auch vermuten, dass es umgekehrt hervorragende Ernährungswissenschaftler gibt, die sich zum Beispiel mit Physiologie, dem Stoffwechsel, mit Kinder- und Mangelernährung, mit individualisierter Beratung und Therapie beschäftigen.

Einige sind Quarkundso.de bekannt, Namen auf Anfrage.

 

Völlig außer Kontrolle: Ernährungsthemen im Internet

Woran es aber oft hapert, ist die Kommunikation. Gegen falsche Behauptungen, geschönte Folgerungen, verzerrte Interpretationen, schlechte Artikel und reißerische Pressemitteilungen selbst von Universitäten und Forschungseinrichtungen ist noch kein Kraut gewachsen.

In der zweiten Zündstufe sind die Kollegen von Herrn Bartens gefordert. Also, seine journalistischen Kollegen, Anwesende eingeschlossen. Von den selbsternannten Ernährungsberatern, Fitness-Coaches und dem komplett außer Kontrolle geratenen Internet gar nicht erst zu reden.

Was diese Aufgabe angeht, steht Quarkundso.de jedoch an vorderster Front und erklärt sich hiermit bereit, neben dem Ernährungs- und dem Gesundheitsministerium auch das Forschungs- und das Informationsministerium zu übernehmen.

Aber erst nach Weihnachten.

Im neuen Jahr könnte damit immerhin alles in einer Hand liegen. Dann hört der Zank zwischen den Disziplinen auf und es wird vernünftig geforscht. Erste Maßnahme: Mehr seriöse Nuss-Studien. Schließlich wirft man lieber ein paar Nüsse ein als Betablocker und Blutverdünner.

©Johanna Bayer

„Stuss mit Nuss“ – die Glosse von Werner Bartens in der SZ

Die aktuelle Metaanalyse zu Nüssen im British Medical Journal

Auf Youtube: Mitschnitt einer Podiumsdiskussion mit Werner Bartens und Hannelore Daniel auf den Bayerischen Ernährungstagen – Bartens nimmt kein Blatt vor den Mund. Andere aber auch nicht. Zur Sache geht´s bei ab 24:40 

WHO wider die Wurst: Ist Wurst krebserregend? Worum es bei #wurstgate wirklich geht. Und wie wir unser Krebsrisiko vermindern

 

 

Am Montag hat sich die Welt verändert. An diesem 26.10.2015 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt: Wurst, Schinken, Kasseler und Pasteten sind krebserregend. Es gäbe genügend Daten, daher sei man jetzt sicher, dass verarbeitetes Fleisch beim Menschen Krebs auslöst.

Rotes Fleisch, also von Rind, Schwein, Lamm und anderen Tieren, bekam auch einen Stempel: Es sei zwar nicht ausreichend belegt, dass es sicher Krebs macht. Aber es ist wahrscheinlich.

Den Befund erhoben 22 Wissenschaftler und Gesundheitsexperten aus 10 Ländern in der Abteilung für Krebsforschung der WHO, der IARC. Wurst und verarbeitetes Fleisch landeten in Kategorie 1 der krebserregenden Stoffe, rotes Fleisch in Kategorie 2a.

Damit stehen fränkische Rostbratwürste, Schinken und Salami neben Dieselruß, Röntgenstrahlen, Tabakrauch, Asbest und Plutonium.

In der Stufe darunter, der Kategorie 2A, finden sich neben Rinderbraten und Lammkoteletts auch DDT und Formaldehyd.

 

Die TAZ befragt einen Wurstexperten

Die Meldung von der WHO-Einstufung ging natürlich sofort um die ganze Welt. Auf Twitter etablierte sich dazu der herrliche Hashtag #wurstgate, und alle berichteten.

Die SZ ließ Kathrin Zinkant, Wissenschaftsredakteurin und Biochemikerin, gleich dreimal kommentieren. Die TAZ befragte den Wurstsack, der ein für alle Mal die Sache erledigte.

Der Wurstsack, das ist der Food-Aktivist Hendrik Haase, ein gelernter Kommunikationsdesigner, 31 Jahre alt, aus Berlin. Er ist für Slow Food unterwegs und sein Künstlername ist Programm: Der Wurstsack ist ein Fan von Wurst, lässt sich gerne beim Wurstmachen fotografieren, veranstaltet Wurst-Workshops für Kinder und ist an einer Metzgerei beteiligt.

Er steht für Essen mit Bewusstsein, für Tradition und bestes Handwerk, und polemisiert gegen Discounter, Industrie und Fertiggerichte. Sich selbst nennt er den „Verteidigungsminister des kulinarischen Weltkulturerbes“ und er verkörpert das so gut und glaubwürdig wie kein zweiter in diesem Land zurzeit.

In der TAZ hat er zu #wurstgate gesagt, er habe die Studie gelesen, es sei eine Kohorten-Studie, also eine, die mehrere Studien zusammenfasst. Er halte die Studie und die IARC schon für seriös, aber eine richtige Aussage hätte er in der Studie nicht lesen können, die stehe da nicht drin.

Es gäbe außerdem in der Ernährung so viele Faktoren, dass man überhaupt schwer Aussagen in Studien treffen könne.

Zudem sei es ein Problem vieler Studien, dass sie einen monokausalen Zusammenhang zwischen Beobachtungen herstelle. Und überhaupt, er könne in der Studie nicht sehen, um welche Stoffe und welche Verarbeitungsmethoden es bei Wurst gehe. Man könne allenfalls herauslesen, dass die Menschen weniger und dafür besseres Fleisch essen sollten. Und genau das sage er auch.

 

Darf der noch mitspielen?

Jetzt ist natürlich die große Frage, wer Recht hat – die WHO und ihre 22 internationalen Wissenschaftler. Oder der Wurstsack. Die TAZ glaubt, wie es aussieht, dem Wurstsack. Wissenschaftlern glaubt heute sowieso keiner mehr, schon gar nicht, wenn sie etwas über Essen sagen.

Aber andererseits hat der Wurstsack ein Problem. Es läuft bei Wissenschaftlern unter dem Etikett „Interessenskonflikt“ – conflict of interest. Wenn ein Forscher eine Studie von der Industrie finanzieren lässt oder bei einem Unternehmen in Diensten steht oder sonst irgendwie befangen ist, soll er das gemäß wissenschaftlicher Ethik bei seinen Publikationen angeben. Das steht dann in seinen Publikationen unter der Überschrift „Interessenskonflikt“.

Führt jemand so einen Interessenskonflikt auf, zum Beispiel bei einer Studie über Pflanzenschutzmittel, die von einem Chemie-Konzern finanziert wird, schauen alle extra scharf hin und prüfen Methoden und Ergebnisse auf Herz und Nieren. Wer seinen Interessenskonflikt nicht angibt, ist nicht mehr satisfaktionsfähig. Der darf nicht mehr mitspielen und geht kurz danach meist in die Industrie.

Jetzt ist ein Wurstaktivist eindeutig mit einem massiven Interessenskonflikt behaftet. Da mag er sonst auf der Seite der Guten stehen, so richtig glaubwürdig ist er beim #wurstgate nicht.

Schwierig. Also, für die TAZ jetzt. Die hätte vielleicht doch lieber einen unabhängigen Forscher befragen sollen.

 

Der Wurstsack erklärt die Wissenschaft

Überhaupt, einen Forscher. Denn im Interview mit dem Wurstsack gab es noch ein paar andere Stolpersteine: Erstens kann er die Studie der WHO nicht gelesen haben, denn die ist noch gar nicht publiziert. Es gibt nur eine Pressemitteilung und einen Artikel im Lancet. Und natürlich ist das, was die WHO da gemacht hat, keine Kohortenstudie.

Eine Kohortenstudie ist eine Untersuchung, in der eine Gruppe von Menschen in Bezug auf bestimmte Ereignisse und Krankheiten systematisch über einen bestimmten Zeitraum beobachtet wird.

Was das IARC-Gremium gemacht hat, war eine Literaturstudie, eine Sichtung und Auswertung des Forschungsstandes. 800 Studien aus Europa, den USA und Japan haben die Krebsexperten durchforstet, deren Ergebnisse zusammen getragen und dann Bilanz gezogen.

Aber zusätzlich zu seinem Irrtum langt der Wurstsack noch richtig hin und erklärt die Ernährungswissenschaftler insgesamt für zu doof, und zu Kurpfuschern eines unseriösen Gewerbes. Das „Problem der meisten Studien“ sei, „dass sie einen monokausalen Zusammenhang“ herstellten und den Lebens- und Ernährungsstil nicht berücksichtigten.

Am Ende erledigt er mit einem grundsätzlichen Misstrauensvotum die ganze Zunft: Bei der Ernährung, sagt er, könne man Schlüsse auf die Wirkung bestimmter Stoffe überhaupt nicht ziehen. Und daher sollten die Verbraucher kritisch sein: „Meist lesen wir ein halbes Jahr später eine Studie, die genau das Gegenteil aussagt.“

 

Gut gemeintes, aber wirres Zeug

Ich bin ein Fan vom Wurstsack, wir sind in demselben Verein, kämpfen quasi Seite an Seite und ich bin in allem, was Wurst und Fleisch angeht, mit ihm einer Meinung. Aber was er da über Wissenschaft von sich gibt, ist wirres Zeug.

Den Forschern um die Ohren zu hauen, dass sie noch nicht mal die simpelsten Regeln der Wissenschaft beherrschen und selbst in internationalen Institutionen vor sich hin dilettieren, ist schon starker Tobak für einen Hobbymetzger. Solche Argumente wirft auch die Fleischindustrie in die Debatte, aus durchsichtigen Gründen. Damit kann man nicht arbeiten.

Es mag vom Wurstsack gut gemeint sein, aber etwas mehr Respekt sollte man vor der WHO schon haben. Sonst läuft man Gefahr, mit Esoterikern und Verschwörungstheoretikern beim Heilpraktiker zu landen und gegen Krebs Kügelchen aus Krötenschleim zu schlucken.

Daher kann ich das TAZ-Interview so nicht stehen lassen, bei aller Sympathie mit dem lieben Wurstsack. Vorab mal nix für ungut.

 

Wie geht das eigentlich mit dem Wissen über Essen?

Das Problem in vielen Fragen der Ernährungswissenschaft ist nämlich nicht, dass die Forscher dumm und schlampig sind, oder falsche Schlüsse ziehen. Das Problem ist, dass man keine Menschenversuche machen kann, um zu schauen was passiert.

Daher bleiben nur große Beobachtungsstudien und einige wenige Felder, in denen man versucht, mit bestimmten Testpersonen ethisch zu rechtfertigende, sichere Experimente zu machen. Das ist dann die Königsklasse, Interventionsstudien mit randomisiertem, kontrolliertem Design: Die einen bekommen etwas, die anderen kriegen es nicht. Wer in welcher Gruppe landet, ist Zufall, und man schaut genau hin, was herauskommt.

So etwas kann man mit Nüssen machen. Oder mit Olivenöl, also mit bewährten, sicheren Lebensmitteln. Man hat das alles auch schon gemacht.

Eine legendäre spanische Studie zum Beispiel sollte die Wirkungen von Nüssen und Olivenöl gegenüber einer normalen Diät mit wenig Fett und Kalorien bei Personen mit Risikofaktoren für Herzinfarkt testen. Heraus kam, dass eine Extraportion Nüsse oder Olivenöl zur normalen Kost so günstige Auswirkungen auf Blutwerte und Blutdruck hatte, dass die Forscher die Studie kurzerhand mittendrin abbrachen.

Grund: Es erschien ihnen unethisch, der anderen Gruppe die Vorteile der wirksamen Stoffe vorzuenthalten.

Seitdem gelten Nüsse und Olivenöl offiziell als gut für das Herz. Aber auch diese PREDIMED-Studie wurde auf ihre Einschränkungen hin scharf analysiert und kritisiert. Nur Risikopatienten, das verzerrt, und was die Probanden wirklich und wie oft gegessen haben, war auch unklar, neben einigen statistischen Fragen.

 

Der Wissenschaftler weiß nie genug

Das ist das Gute an der Wissenschaft: Sobald etwas auf dem Papier steht, kann es jeder ansehen und darüber diskutieren, auch heftig. Aber aufs Papier muss man erstmal was bringen, und die Forschungsprobleme angehen muss man auch.

Das Schöne ist, dass alle die Einschränkungen ihrer Studien und Designs angeben und man dann Bilanz zieht. Gemeinsam, wie jetzt die Forscher bei der WHO.

Keine Lösung ist: Nicht mehr forschen, weil man angeblich in dem Feld nichts wissen und belegen kann. Das ist eine mittelalterliche Sicht auf die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten, im milden Fall ist es Skeptizismus, im schlimmsten Fall, siehe oben, Esoterik und Irrationalismus.

Denn was hätte man bei der spanischen Studie etwa machen sollen? Wie schnell hätte man Ergebnisse mit Gesunden erzielt? Wer gesund und normalgewichtig ist, keine Risikofaktoren hat und dann noch ein paar Nüsse oder Olivenöl dazu nimmt, an dem zeigt sich nicht so viel. Es sei denn, man beobachtet sehr viele Gesunde ihr Leben lang.

Aber das wäre ein Jahrhundertprojekt. Stattdessen macht man lieber eine Beobachtungsstudie, eine der Kohorten-Studien, wie das IARC sie jetzt ausgewertet hat: Man schaut in bestimmten Ländern über eine gewisse Zeit, was Menschen zu sich nehmen und woran sie sterben.

Dass sich dabei schwer erfassen lässt, was Menschen so essen, ist klar. Es sei denn, man sperrt sie in eine Zelle und schiebt ihnen eine genau bestimmte Ration durch einen Spalt in der Tür zu.

Also bleiben immer Unschärfen.

Das liegt aber nicht an den Forschern oder an den Studien an sich, weder an Fehlern noch an bösem Willen. Und es heißt nicht, dass man gar nichts wissen kann und alle Ernährungsstudien Unfug sind – ein beliebtes Totschlagargument interessierter Kreise.

Man muss aber gut abwägen, die Einschränkungen der Studien kennen und die Forschungslage nach bestem Wissen und Gewissen beurteilen. Das können Experten, die sich mit dem Feld befassen. Gleichzeitig müssen sie mehr herausfinden, um zum Beispiel Kranken zu helfen wie den spanischen Risikopatienten, oder schädliche Trends zu stoppen, wie beim Übergewicht.

 

Leider oft wichtig: Tierversuche und Labor 

Ach, ein Mittel gibt es noch, über das die Forscher nicht so gerne reden: Tierversuche. Tiere bekommen bestimmte Stoffe zu fressen, oder müssen Diät halten oder viel Fett aufnehmen, Alkohol trinken, sich mehr oder weniger bewegen. Steht ein Stoff, den Menschen aufnehmen, unter Krebsverdacht, ist der Tierversuch mit dem experimentellen Erzeugen von Krebs bei Mäusen oder Ratten ein recht hartes Indiz.

So hat man im Tierversuch die Gefahr durch viele Substanzen gezeigt, darunter natürlich Tabakrauch, da mussten Kaninchen inhalieren. Bei Alkohol wurden Ratten zu Säufern gemacht, auch die Krebsgefahr durch das Gift von Schimmelpilzen, Aflatoxin, wurde an Mäusen gezeigt, die verschimmeltes Futter bekamen.

Dann gibt es noch die berühmten Petrischalen-Versuche im Labor: Zellen kommen in Nährlösung, man gibt den verdächtigen Stoff dazu und schaut, ob die Zellen sterben. Das klappt ziemlich oft, zum Beispiel bei Alkohol oder Schimmelpilzgiften.

Wie auch immer – so kommt in der Forschung schon eine Menge Wissen zusammen, trotz der vielen Einschränkungen.

 

Mensch und Wurst – die Fakten

Überhaupt, die Fakten. Wir müssen jetzt endlich zur Sache kommen. Schluss mit Wissenschaftstheorie.

Die WHO halt also 800 Studien von 22 Experten sichten lassen und eine Entscheidung gefällt. Aber was bedeutet die Einstufung, was besagt sie genau, welche Konsequenzen hat sie, warum haben die Forscher so entschieden, welches Risiko besteht, gibt es neue Daten?

Hier so kurz wie möglich das Wesentliche:

Gibt es neue Daten? Nein. Es gibt nur bekannte Daten aus den letzten 20 Jahren, aus der EPIC-Studie und anderen, alle schon hundertmal diskutiert.

Welches Risiko besteht? Ein sehr geringes. Das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, beträgt für einen 45-jährigen Mann 0,4 Prozent. Isst er 50 Gramm Wurst oder Fleischwaren pro Tag mehr als vorher, steigt sein Risiko auf 0,5 Prozent, rechnen die Kollegen von Quarks&Co vor. Ich gebe gerne noch ein paar Zahlen dazu: Jedes Jahr sterben laut IARC 34.000 Menschen an Darmkrebs, der nach ihrer Meinung von verarbeitetem Fleisch ausgelöst wurde. Durch Verkehrsunfälle gibt es jedes Jahr 1,2 Millionen Tote, den diversen Infektionskrankheiten von Grippe bis Malaria erliegen mehr als 11 Millionen jedes Jahr, Raucher können sich unter jährlich 11,4 Millionen Leichen wiederfinden. Das Risiko, an einer Infektion, an Lungenkrebs oder auf der Straße zu sterben, ist also ungleich viel höher als das für den Tod an der Wurst. Rotes Fleisch kann man getrost aussparen bei dieser Rechnung, weil der Zusammenhang mit Krebs nicht sicher belegt ist.

Warum haben die Forscher so entschieden? Weil es ihr Job ist. Die WHO prüft in ihrer Krebsforschungsabteilung IARC Substanzen, denen viele Menschen oft ausgesetzt sind, wenn es Hinweise auf Krebsgefahr gibt. Bei Fleisch und Wurst wurde ein Zusammenhang mit Krebs immer mal wieder diskutiert, jetzt sollte Klarheit her. Nicht jeder Stoff oder jedes Lebensmittel wird übrigens geprüft, sondern nur die, die auffallen. Daher kam bisher nur wenig Essbares auf die Liste, darunter Mate-Tee, Kaffee (2A und 2B, also wahrscheinlich bis möglicherweise krebserregend), gesalzener Fisch und eingelegtes Gemüse nach chinesischer Art (Stufe 1, mit Wurst und Plutonium). Die waren halt in medizinischen Studien ein paarmal auffällig geworden – schwupps, steckten sie in der Beurteilungsmaschine. Die Chinesen kümmert es übrigens nicht, dass ihr geliebter Salzfisch und ihre Gemüsepickles angeblich Magenkrebs machen. Die haben andere Sorgen.

Wer war in der Kommission? 22 Experten aus 10 Ländern, alles ausgewiesene Kenner der Materie. Also weder Laien noch Dummköpfe. Man könnte sie „besorgte Forscher“ nennen, frei nach dem dieser Tage oft zitierten Begriff des „besorgten Bürgers“.

Wie lief die Entscheidung? Nicht einstimmig. 15 von 22 waren dafür, Wurst und Fleisch in die hohen Kategorien einzustufen. 7 waren dagegen. Es war also keine einvernehmliche Entscheidung. Da hätte man ja gerne mal Mäuschen gespielt.

Welche Konsequenzen hat die Entscheidung? Keine. Denn weder WHO noch IARC raten vom Fleisch- und Wurstverzehr grundsätzlich ab. Ausdrücklich betonte der Leiter der IARC-Arbeitsgruppe, Kurt Straif, schon am 26.10., dass der Fleischverzehr gesundheitliche Vorteile hat. Man muss daher abwägen und das Risiko einschätzen. Dabei ist die WHO leider nicht behilflich. Denn sie kann keine Mengen angeben, ab denen Wurst und Schinken sicher schaden oder, umgekehrt, sicher nicht schaden. Das muss man sich merken: Eine Dosis, ab der man Gefahr läuft, gibt es nicht. Nur einen beobachteten Zusammenhang zwischen Wurstverzehr und Krebs. Irgendwie.

Welche Belege gibt es denn? Ausreichende, aber schwache. Es gibt Hinweise auf Zusammenhänge bei Beobachtungsstudien, etwas mehr für Wurst und verarbeitete Fleischwaren, weniger bei rotem Fleisch, insgesamt sind die Zusammenhänge schwach. An welchen Stoffen es genau liegen könnte, beim Auslösen von Darmkrebs durch Wurstverzehr, ist nicht bekannt. Interessant: Es gibt keine Belege aus Tierversuchen. Das heißt, es ist nicht gelungen, bei Mäusen oder Ratten im Experiment durch Wurst und Fleisch Darmkrebs zu erzeugen.

Ist Wurst so gefährlich wie Plutonium und Asbest? Nein. Sie stehen nur in derselben Kategorie. Aber bei Fleischwaren wie bei allen Lebensmitteln gibt es nur Plausibilitäten und bestimmte Zusammenhänge, nach denen die Krebsforscher der Sicherheit halber die Einstufung vornehmen. Bei Plutonium und Asbest  ist die Datenlage völlig anders. Legen Sie sich daher weiter Salamischeiben aufs Brot. Aber krümeln Sie nicht mit asbestverseuchtem Dämmstoff herum.

 

Soweit mal die Lage. Nüchtern betrachtet ist die Einstufung der IARC und der WHO von den Daten her wissenschaftlich nicht unkorrekt, vielleicht überkorrekt, bei dem minimalen Risiko.

Sie folgt einer Maschinerie in der IARC, und ganz sicher einer Politik der Prävention unter Bedenkenträgern: „So viele Menschen auf der Welt essen Fleisch, Wurst und Schinken. Da müssen wir auf das Risiko aufmerksam machen. Auch wenn es gering ist.“

Also bedeutet die Einstufung für den Einzelnen praktisch nichts, weil sich nichts ändert, nichtmal die Ernährungsempfehlungen.

 

Wer Wurst isst, kann sich auch in die Sonne legen

Kurt Straif von der IARC-Kommission, die die Einstufung vorgenommen hat, sagt noch etwas Bemerkenswertes: „Der Verzehr von Fleisch hat gesundheitliche Vorteile“, sagt er, und zählt die Proteine, Vitamine und Spurenelemente im Fleisch auf. Die stecken auch in der Wurst.

Und damit stößt man auf den Kern der Sache: Es geht bei #wurstgate um eine Risikoabwägung, um Risikowahrnehmung und Risikokommunikation: Fleisch und auch Wurst haben ernährungsphysiologisch so viele Vorteile, dass diese die eventuellen Nachteile überwiegen.

Wer hungert, muss da nicht zweimal überlegen: Her mit der Wurst! Es ist besser, sich die guten Proteine, Fette und Vitamine der Wurst einzuverleiben als sich vor einem Darmkrebsrisiko zu ängstigen, dass objektiv gering ist.

Das haben sich wohl auch die frühen Menschen gedacht, als sie daran gingen, Fleisch zu grillen (Krebs durch HCA und Benzo(a)pyren!) oder zu räuchern und als Schinken zu konservieren (Krebs durch Nitrosamine!). Letzteres taten schon die Neandertaler während der Eiszeiten, sonst wären sie ausgestorben.

Die Vorteile von Wurst, Schinken und Fleisch waren daher Menschen seit Urzeiten bewusst, was dazu geführt hat, dass Fleisch und Fleischwaren in praktisch allen Kulturen die begehrtesten Nahrungsmittel sind.

Die Einstufung von Wurst und Schinken ist vergleichbar mit der des Sonnenlichts: Sonnenlicht tut den Menschen gut, weil die Haut unter der Einstrahlung Vitamin D produziert. Menschen, vor allem Kinder, brauchen dazu Sonnenlicht, ohne Sonnenlicht bekommen sie leicht Rachitis und andere Mangelkrankheiten.

Sonnenlicht wirkt außerdem stimmungsaufhellend und anregend, es macht Menschen fröhlich, fördert Geselligkeit und Bewegung und ist notwendig für einen gesunden Hormonkreislauf und guten Schlaf, weil es die innere Uhr stimuliert.

Aber Sonnenstahlen sind krebserregend. Eindeutig. Sie verursachen Hautkrebs.

Die lieben, goldenen, warmen, überaus nützlichen Sonnenstrahlen stehen daher auch auf der IARC-Liste. In Kategorie 1, seit 2012: Es ist sicher belegt, dass Sonnenlicht Krebs auslöst. In diesem Fall übrigens auch im Tierversuch und im Reagenzglas.

 

Das Krebsrisiko bleibt – auch ohne Wurst

Und was jetzt? Nichts. Nichts weiter.

Nach der WHO-Entscheidung ging ein Sturm der Empörung durch die ganze Welt, und bei der WHO liefen so viele aufgebrachte Anfragen ein, dass sie vier Tage nach ihrer Entscheidung schon zurückrudern musste: Nein, die Botschaft sei nicht, dass Wurst Krebs macht. Die Botschaft sei: Weniger Wurst vermindert das Krebsrisiko.

Aha! Gut zu wissen – das ist eine andere Perspektive: Weniger Wurst kann das persönliche Krebsrisiko vermindern.

Aber es verschwindet nicht.

Wer wenig Wurst und rotes Fleisch isst, hat vielleicht ein geringeres Risiko, an Darmkrebs zu sterben. Aber sein Risiko ist nicht gleich null. Denn auch Vegetarier sterben an Darmkrebs, sogar erstaunlich häufig, wie sich denselben Kohorten-Studien entnehmen lässt, die von der WHO wider die Wurst ausgewertet wurden.

Am meisten steigt das Darmkrebs-Risiko übrigens durch Übergewicht und zu wenig Bewegung. Nicht durch Wurst.

 

Wer eine Botschaft hat, hat auch Verantwortung

In der SZ wirft Kathrin Zinkant der WHO vor, dass ihre platte Botschaft über die Einstufung unverantwortlich ist, weil sie nur verunsichert und keine neuen Verzehrsempfehlungen daraus folgen. Es ist auch weiterhin unklar, welche Inhaltsstoffe und Mengen verantwortlich für das leicht erhöhte Darmkrebsrisiko sind.

Das ist der bei weitem beste Kommentar zu #wurstgate bisher. Den sollte man lesen, und sich nicht dabei aufhalten, dass auch Zinkant der Versuchung erliegt, den WHO-Wissenschaftlern unsaubere Arbeit nachzuweisen.

Die Forscher haben nur ihren Job gemacht, die Maschinerie der Krebswarnungen ist an sich ein Problem.

Wichtig ist es dabei auch, sich klarzumachen, welche immense kulturelle und ernährungsphysiologische Bedeutung Wurstspezialitäten, Schinken, Pasteten und Fleischgerichte haben, und das gilt rund um den ganzen Globus.

In Italien rufen die Hersteller schon empört zum Widerstand gegen den „Fleischterror“ auf und verweisen auf die hohe Lebenserwartung der Italiener, die in Europa mit am höchsten liegt – trotz sehr hohen Fleisch- und Wurstverzehrs.

Die werden sich ihren Parmaschinken und ihre Salami nicht nehmen lassen. Und zwar zu Recht.

Und sollen die Ungarn ihr Gulasch abschaffen, die Franzosen ihre heißgeliebte Charcuterie, die Schwarzwälder ihren Schinken? Ganz Thüringen ist stolz auf seine Würste, noch stolzer sind die Nürnberger, und der Lebensinhalt des Münchners besteht aus Weißwurst vor 12 Uhr und dem Schweinsbraten danach. In unwegsamen Regionen wie Tibet und Nepal können die Menschen auf Yak-Fleisch und –schinken nicht verzichten, sie würden sonst verhungern.

Wer mir jetzt mit Fliegen kommt, die sich nicht irren können, dem sage ich ins Gesicht: Fliegen werden sogar eine Atomkatastrophe überleben, weil sie das zu sich nehmen, was ihnen von Natur aus bekommt und sie gesund hält.

Beim Menschen habe ich da so meine Zweifel.

© Johanna Bayer

Der Kommentar  zu #wurstgate von Kathrin Zinkant in der SZ

Das TAZ-Interview mit dem Wurstsack ist nicht online

Aber Joachim Müller-Jung weist in der FAZ auch auf volkserzieherische Impulse der WHO hin, sehr interessant.

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