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Küchenzeile: Spargel. Mit Sauce hollandaise. Und ohne Erdbeeren!

In der Reihe „Küchenzeile“ gibt es immer mal was Saisonales. Das lockert auf, schließlich beginnt bald die Serie zu den wahren Dickmachern. Da gönnen wir uns vorher ganz was Leichtes – also Spargel mit Sauce hollandaise, dem berühmt bekömmlichen Butter-Ei-Schaum. Dazu gibt es jede Menge Service, Links zu Anleitungsvideos, Rezeptanalysen, und die Ermutigung zum Selbermachen. Aber auch ein unbeirrbares Fazit: Von Obst im Essen, Kreationen mit Karamellsauce sowie Hollandaise aus der Packung raten wir ab. Aus Gründen.

 

Bund weißer Spargel auf Holzbrett, nah, mit Spargelschäler

Spargel pur verträgt keine Schnörkel. Wir begründen das ausführlich.

 

Eigentlich wollte ich mit meiner Serie zu den wahren Dickmachern anfangen, wie im letzten Beitrag angekündigt. Die Leser erwarten schließlich, dass Quarkundso.de Wort hält, anders als die anderen.

Aber das wird wieder so schwere Kost – schmerzhafte Analysen, bittere Wahrheiten und unabsehbare Folgen, nicht nur für das Leben jedes Einzelnen, sondern auch für Wirtschaft und Gesellschaft.

Machen wir uns vorher also ein bisschen locker.

Dazu ist was Saisonales schön, wie letztes Jahr beim Gurkensandwich. Und Saison hat jetzt der Spargel.

 

Spargel ist deutscher als Sauerkraut

Spargel, das ist eine deutsche Liebesgeschichte, wie sie unerwarteter nicht um die Ecke kommen kann.

Denn eigentlich mag der Deutsche kein Grünzeug. Schon gar keines mit Bittergeschmack, wie Rosenkohl, Brokkoli oder gar Radicchio und Endivien. Wenn es den ersten Spargel gibt, vergisst er das aber.

Denn Spargel essen alle.

Ab April dreht das Land schier durch und es gibt kaum ein besseres Restaurant, das zwischen April und Ende Juni keine „Spargelkarte“ führt.

Wahrscheinlich ist der Spargel, von Goethe zum „König der Gemüse“ geadelt, schon längst typischer für Deutschland als Sauerkraut. Im gesamten europäischen Umland gibt es keine vergleichbare Spargel-Anbetung, zumal nicht für die weißen Stangen. Wenn, dann isst man die grünen, ohne großes Brimborium, als ein Gemüse unter anderen.

In Deutschland sorgen stattdessen blasse Spargelsorten für einen kollektiven Rausch und besondere Nationalgefühle. Denn Gourmets und Hausfrauen halten ihrem regionalen Anbaugebiet die Treue: in Bayern muss der Spargel aus Schrobenhausen kommen, in Baden-Württemberg aus Schwetzingen, in Köln aus Bornheim, im Norden aus Diepholz, Walbeck oder Beelitz.

Daher ist der Spargel das am häufigsten angebaute Freilandgemüse in Deutschland, man glaubt es kaum.

 

Spargel-Esser: eine kleine Typologie

Beim Essen gibt es aber verschiedene Lager: Die Bürgerlichen schätzen vor allem üppige Beilagen, von so ein bisschen Gemüse wird man ja nicht satt.

Außerdem will dieser Typ sehen, was er für sein Geld bekommt. Ein einziger überladener Teller ist ihm lieber als portionsweises Essen in mehreren Gängen, wie es die Franzosen und Italiener machen.

Der deutsche Wirt erweist sich nur als vertrauenswürdig, wenn er zum Spargel möglichst viel auf den Teller schichtet. Die Spargelkarten präsentieren sich also mit soliden Garnituren: Schinken gekocht oder geräuchert, Schnitzel paniert oder natur, Schweinefilet, Lenden- oder Rumpsteak, Bratwurst, Lachs, Zander, gegrillte Gambas.

Den unmittelbaren Gegensatz dazu suchen die Puristen: Sie erlauben nur zerlassene Butter oder eine Sauce hollandaise, und höchstens ein oder zwei Kartoffeln. Und der Spargel hat seinen Star-Auftritt als eigener Gang.

Die dritte Gruppe sind die fröhlichen Mampfer.

Bis zum 24. Juni wollen sie so oft wie möglich Spargel unterm Messer haben und stellen mit den Stangen alles Mögliche an: gratiniert, mit Käse überbacken, auf Flammkuchen, eingerollt in Schinkenspeck und dann gegrillt, als Salat, mit gekochtem Ei und Vinaigrette drüber, Spargelcremesuppe, Spargel-Bruschetta, Spargel-Auflauf, Spargel-Omelette, Spargel auf Rührei oder, Achtung, Spargel-Pizza mit Teig aus Magerquark (Tim Mälzer).

 

Gemüse mit Obst – warum?

Die seltsamste Entwicklung in all diesen Rezepten für die unbefangenen Spargelfans ist dabei die Kombination von Spargel mit Obst: Spargel mit Orangensauce, Spargel mit Orangen-Mohn-Sahne-Sauce, Spargel mit Vanille (Fernsehkoch Andreas Geitl im Bayerischen Rundfunk), Spargel mit Honigmelone, Spargel mit Aprikosen, Preiselbeeren oder Ananas, und die Krönung der Verirrungen: Spargel mit Erdbeeren.

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Die Mode ist nur ein paar Jahre alt, 2014 hatte der Stern einen Salat von grünem Spargel mit Erdbeeren auf dem Titelblatt. Spätestens seitdem geistert die ebenso abenteuerliche wie unnötige Kombination durch die Rezeptsammlungen und Speisekarten. Beim Portal „Eat Smarter“ gilt sie sogar schon als „Klassiker“ – allerdings findet man in keinem der klassischen Kochbücher so etwas,

Die ungute Mischung kommt, wen wundert`s, aus den USA. Das älteste Rezept, das die Abteilung Dokumentation von Quarkundso.de im Netz gefunden hat, ist von 2012: „Asparagus with Strawberries“. Auch eine Kombinationen von gegrilltem Spargel mit Speck, Pinienkernen, Schafskäse und Erdbeerpüree (wird auf den Spargel gestrichen) aus dem Jahr 2013 sticht irritierend heraus.

Wir geben zu: Dieses Konzept verstehen wir nicht.

Spargel ist Gemüse. Obst ist Obst. Erst kommt das Essen. Dann das Dessert.

Warum sollte man das mischen? Es gibt nur ganz wenige Ausnahmen, wo das funktioniert, dazu zählen Birnen, Bohnen und Speck, ein Klassiker der Bauernküche. Allerdings kommen da saure kleine Augustbirnen rein, keine süße, saftige Williams Christ. Auch die Aprikosen, die in Nordafrika in einigen Tajine-Rezepten landen, sind säuerlich und schmecken nicht süß vor.

Und sonst? Gibt es in kulinarisch entwickelten Regionen keine weiteren Beispiele, etwa mit anderem Gemüse. Was könnte das auch sein – Blumenkohl mit Pfirsichen? Spinat mit Erdbeeren?

Drüben in Amiland freilich ist alles möglich. Da gibt es das. Der gesamte Kontinent zählt bekanntlich nicht zu den kulinarisch entwickelten Regionen, und man kombiniert in dieser wüsten Ödnis alles, wirklich alles, mit Obst. Daher gibt es in den USA auch alles mit Erdbeeren, selbst Spargel.

 

Wir raten ab

Eine treibende Kraft scheint, auch das ist kein Wunder, ein Anbauverband sein, die Florida Strawberry Growers Association. Die haben eine Seite, auf der unter „Strawberry Sue“ Rezepte vorgestellt werden – halt, Vorsicht, nicht draufgehen!

Da stehen gerade „Chicken Fajitas with Strawberry-Jalapeno Salsa“, Tex-Mex-Küche mit Erdbeeren gemischt! Um Gottes Willen.

Es gibt außerdem Erdbeer-Avocado-Wrap oder eine „Pizza“ mit Mozzarella, Basilikum, Balsamico-Essig und Erdbeeren – eine Abteilung von Marketingleuten und Rezeptentwicklern schreibt zwecks Verkaufsförderung Erdbeeren in alle möglichen Rezepte rein und grast US-Blogs ab, um dort die wildesten Erdbeer-Kombinationen zu finden.

Die finden sie auch – und bei uns gibt es viele Leute, darunter zahlreiche Redakteure in Kochbuchverlagen und bei Magazinen, außerdem unzählige Blogger und Köche, die sich auf US-Seiten umschauen und so etwas in Deutschland als „kreativ“, „neu“ und „mal was anderes“ präsentieren.

Wir kommentieren das nicht weiter. Wir raten nur rigoros ab.

Wer kein Bittergemüse mag und es sich verzuckern muss, kann gleich das Obst essen oder von uns aus überhaupt essen, was er oder sie will. Aber ohne uns.

Wir wollen das Gemüse. Pur.

Seine Bitterkeit und seine vielen Aromen, die vom Bitteren hervorgehoben werden. Wir wollen Fett, das das Ganze transportiert und verstärkt, wir wollen es pikant und raffiniert, fein und würzig, herb und kräftig, den Kontrast von Säure und Butter, wir wollen aromatischen, scharfen Essig, wir wollen reines Salz, vermischt mit sanftem Ei, wir wollen Wein.

Und keinerlei Obst, Zucker oder Karamell, die das alles abstumpfen und überdecken.

 

Die Sauce der Königsklasse

Überflüssig zu sagen, dass die Chefredakteurin vor Quarkundso.de daher zu den Puristen gehört. Treue Leser haben sich das bestimmt schon gedacht.

Außerdem ist sie im Team Hollandaise. Das ist innerhalb der Puristen ein besonderer Kader, eine Eliteeinheit, die der bequemen Butter-Fraktion haushoch überlegen ist. Denn Butter zerlassen ist einfach – eine Hollandaise aufschlagen gehört dagegen zu den Prüfsteinen der Kochkunst.

Nur die Mutigen wagen sich daran, diejenigen, die sich nicht scheuen, an der Alchemie der wenigen Zutaten wieder und wieder krachend zu scheitern: zu scharfer Essig, zu viel Essig, falscher Essig, falscher Wein, zu viel Zitrone, Ei zu alt, Wasserbad zu heiß, Wasserbad zu kalt, kein Wasserbad, dann Herdplatte zu heiß; falsche Butter (Sauer- statt Süßrahm), zu wenig Butter, zu viel Butter, Butter zu früh rein, Butter zu schnell rein, Ei stockt nicht.

Egal, wie man es anstellt, über Jahre täppischer Versuche gerinnt die Masse mindestens jedes zweite Mal. Dann scheidet sie sich so unappetitlich, dass man die Schlotze niemandem vorsetzen kann.

Alles das ist der Grund dafür, dass die Hollandaise seit jeher der Schrecken der Hausfrauen und Jungköche ist.

Und dass die Industrie seit über 100 Jahren künstliche Gemische produziert, die das Scheitern beenden sollen – „mit Geling-Garantie“.

 

Frisch aus dem Eimer

Das ist ein ganz eigenes Kapitel. Denn gerade in der Gastronomie, wo man doch eine professionelle Hollandaise erwarten kann, kommt sie aus dem Eimer.

Und zwar auch dann, wenn „hausgemacht“ auf der Spargelkarte steht.

Das hat das ZDF-Magazin Frontal 21 in einem Bericht zur Spargelzeit 2017 mit einem Test gezeigt, sehr lohnenswert anzusehen.

Der Film offenbart sowohl den verbreiteten Schwindel in den Restaurants („Ist die Sauce frisch gemacht?“ „Ja, natürlich, hier ist alles frisch!“) als auch die gesamte Misere der Branche: Viel weniger junge Leute wollen Koch oder Köchin werden, Zeitdruck und Preisdruck erhöhen den Anteil an Fertiggerichten und Zutaten aus Chemie, von denen der Gast nichts ahnt.

Die beliebte Buttersauce ist dabei laut Gastro-Experten sogar zum erfolgreichsten Convenience-Produkt überhaupt geworden. Das lässt für die Gastronomie schon sehr tief blicken.

In noch tiefere Abgründe schaut man aber, wenn man in die Privathaushalte schaut.

Denn was hindert Privatleute, Hausfrauen oder Hobbyköche daran, ihre Sauce frisch aufzuschlagen? Zuhause herrschen Zeit- und Kostendruck doch eigentlich kaum, oder viel weniger. Eine Portion Spargel kostet nicht die Welt, und Spargel isst man ja auch nicht zwischendurch: Für „wenn es mal schnell gehen muss“ ist Spargel nicht geeignet. Das ist für Fischstäbchen mit Kartoffelbrei aus der Tüte.

Spargel geht nie schnell, und wenn doch, kann man einfach Butter zerlassen. Aber wer sich die Mühe mit dem Schälen macht, der hat auch Zeit, Ei, Butter und Wein zu verschlagen.

 

Schlechter Geschmack seit Generationen

Der Erfolg der Packungssaucen im Privathaushalt ist daher so etwas wie der Offenbarungseid der deutschen Esskultur.

Der Schlamassel geht auf mehr zurück als auf Zeitdruck und Geiz: neben der Angst vor dem Scheitern, also der Feigheit, sind das auch Faulheit und, nun ja, ein kollektiv schlechter Geschmack.

Mildernde Umstände für die Normalverbraucher gibt es nur, weil sich schon ganze Generationen von Packungsessern an die Tütenware gewöhnt haben: Sie kennen es nicht anders. Deshalb mögen sie sie und akzeptieren das Kunstprodukt auch als „echt“ – schließlich hat schon Oma in den 1950er Jahren die Soße aus der Packung genommen.

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Dazu beigetragen hat die im Untergrund noch immer wabernde Propaganda gegen Ei und Butter dazu: kein Ei wegen Cholesterin, natürlich möglichst wenig Fett, also wenig Butter, oder gleich gar keine, weil es auf dem Teller ja „leicht“ zugehen soll.

Dafür stecken in der Industrieware angeblich „gesunde“ Pflanzenöle, oder allerlei Ersatz-Stoffe bis hin zum Ei-Ersatz. Dann kann das Gebräu als „vegan“ vermarktet werden.

Es kommen gruselige Retortenmischungen dabei heraus, die dem unübertroffen schlichten, uralten Butter-Ei-Schaum Hohn sprechen.

Das Labor von Quarkundso.de entdeckte unter anderem:

Palmöl, Mehl, Reismehl, Stärke, Margarine, Sojagemische, Mandelmilch, mit künstlichem Butteraroma versetztes billiges Pflanzenöl aus Raps oder Sonnenblumen, Guarkernmehl zum Andicken, Apfelsaft, Magermilchpulver, Hühnereipulver, Hefeextrakt sowie Gewürze, die definitiv nicht in eine Hollandaise gehören: Muskat, Kurkuma, Curry, Chili, Muskatblüte, Nelke und eine Menge Kräuter wie Liebstöckel, Estragon und Petersilie, Basilikum, Schnittlauch und Thymian.

 

Plädoyer fürs Selbermachen

Gegen das Original, das nur aus Butter, Ei, Wein, Essig oder Zitrone sowie Pfeffer und Salz besteht, sind das Nachbauten, die die eigentliche Geschmacksidee bis zur Unkenntlichkeit verzerren.

Theke mit Packungen (Sauce hollandaisen), zwei Frauen, links graue Bluse, rechts rote Bluse.

Screenshot aus der Sendung: Wie schmeckt die Sauce aus der Packung? Expertinnen testen im ARD-Buffet.

Was Profis dazu sagen, erhellt ein großartiger Beitrag des ARD-Buffets von April 2018: Fernsehköchin Jaqueline Amirfallah probiert diverse Packungen, eine Ernährungsberaterin erklärt, was drinsteckt und warum eine echte Hollandaise so viel befriedigender ist und besser schmeckt.

Zwar gibt eines der dazugehörigen Kochvideos an, dass Kräuter wie Estragon in die Sauce gehören.

Dagegen protestiert Quarkundso.de energisch, gestützt auf Sekundärliteratur, insbesondere das Rezept des heiligen Paul Bocuse, Gott hab ihn selig.

Schüssel, Schneebesen, gelbe Creme (Sauce Hollandaise)

Screenshot aus dem Anleitungsvideo: Hollandaise gut erklärt im ARD-Buffet.

Aber das Plädoyer fürs Selbermachen in der ARD ist sehr gut und die Informationen im Hauptbeitrag mit dem Test auch, deshalb stehen die Links unten im Serviceteil.

Die Tendenz zu artfremden Zusätzen gibt es übrigens in vielen Rezepten.

Sehr häufig sind es allerlei Geschmacksverstärker, außer den oben aufgeführten Kräutern Schalotten, Zwiebeln, aber auch Tomatenmark, Paprikapulver, Gemüsebrühe, Pilzsud oder Pilzpulver.

Klassischerweise sind das eigentlich Saucen, die besser zu anderen Gerichten passen – die Bearnaise mit Estragon, Schalotten und Senf zu Fleisch, ebenso die Choron mit Tomatenmark und Schalotten.

Die vielen Rezepte für Hollandaise ohne Butter, dafür mit Öl (vegan!), sind wohl eher als Mayonnaise einzuordnen, zumal sie meistens auch Senf enthalten. Und eine Mayonnaise ist kalt und fest, nicht warm und schaumig, wie die großartige Hollandaise.

 

Hauptsache weiß und fettig

Teller, grüner Spargel, kleine Kartoffeln, Löffel, gelbe Schaumsoße

Der Stolz der Amateurköchin: Hollandaise, nicht geronnen, sondern schaumig und stabil. Dieses Mal.

Den Wein verschweigen dafür die meisten Autoren. Die Mehrzahl führt nur Zitronensaft auf.

Der Grund dafür erhellt sich uns nicht. Wir können lediglich vermuten, dass das wegen mitessender Kinder geschieht.

Die fallen in Deutschland sofort tot um, wenn Wein im Essen ist, während italienische und französische Kinder damit zu Feinschmeckern heranwachsen. Tja, das ist vermutlich genetisch bedingt.

Mindestens die Hälfte aller Rezepte arbeitet auch mit der guten alten Mehlschwitze oder einer Mehlbindung.

Mit Mehl bekommt man eine weiße Grundsauce, die zwar vielseitig ist, aber eigentlich nicht zu den feineren Kreationen gehört. Das ist einfach die Tunke, die Oma früher immer über den Blumenkohl gekippt hat.

Aber auch das geht heute unter „Sauce hollandaise“ durch: Hauptsache weiß und fettig.

 

Das klassische Rezept nach Saint Paul Bocuse

Die Puristen schütteln sich. Nein, wir bestehen auf den fünf reinen Zutaten Butter, Ei, Wein/Essig, Salz, Pfeffer. Ende.

Und wir meinen es ernst. Natürlich nehmen wir frische Bio-Eier. Und echten Weißweinessig aus Frankreich.

Und nein, weißer Balsamico ist kein Essig. Wir wiederholen: Das ist kein Essig.

Die Butter sollte Süßrahmbutter sein, und zwar ungesalzen. Wer Wein nimmt, muss einen trockenen nehmen, und einen, der nicht aus einer Aromasorte besteht. Also keinen Riesling, Sauvignon blanc oder Muskateller, sondern Grauburgunder, Weißburgunder, Silvaner, Chardonnay (ohne Holz), Grüner Veltliner, Müller-Thurgau oder trockene italienische oder französische, einfache Kochweine (gibt’s tatsächlich für 2.- Euro im Supermarkt). Nur süß darf der Wein nicht sein.

Die saure Komponente kann man auch mischen, also Weißweinessig und Weißwein, dazu ein paar Tropfen Zitronensaft, oder laut einigen ebenfalls klassischen Rezepten ausschließlich Zitronensaft. Paul Bocuse beschränkt sich allerdings auf guten Essig, verdünnt mit Wasser.

Dann braucht es nur noch ein wenig, also jahrelange, Übung. An den Zutaten liegt es jedenfalls nicht.

©Johanna Bayer

 

 

ZDF-Frontal 21 über Schwindel mit Sauce in der Gastronomie

ARD-Buffet vom 18.4.2018 über Sauce hollandaise mit Test von Saucen aus der Packung

ARD-Video: Wie eine Sauce Hollandaise geht (nicht ganz klassisch, aber immerhin)

 

DIE WELT: Bio ist gar nicht besser – Totschlagargumente eines Klima-Skeptikers

Der dänische Klimaskeptiker Lomborg zerlegt den biologischen Landbau in der WELT. Im Schweinsgalopp düst er durch die Klimadebatte, aber verschweigt entscheidende Vorteile der Bioprodukte: etwa für die Böden und für die Artenvielfalt. Und für den Geschmack. Wer bio kauft, kann mit einem guten Produkt rechnen.

 

 

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Die gute alte Biokiste – alles Schwindel? Keine Sorge. Bild: Shutterstock / Elena Dijour

Die WELT hat auf den Tisch gehauen, was den ganzen Bio-Schwindel angeht.

Bio ist nicht besser, steht in einem Artikel vom 8.8.2016, der ausdrücklich als „Meinung“ gekennzeichnet ist. Also als Einlassung, die fundiert sein soll, aber die eigene Haltung des Autors ausdrückt. Dabei darf der Journalist als Person sichtbar werden.

In diesem Fall schreibt aber kein Journalist, sondern ein Akteur, der in der Klima-Debatte nicht unbekannt ist: Björn Lomborg, dänischer Politikberater und Statistiker.

Lomborg lässt sich grob dem Spektrum der Klimawandel-Skeptiker zuordnen, kritisiert grüne und linke Umweltpolitik und ist nicht ganz unumstritten. Vorwürfen, er arbeite nicht seriös, entging er nur knapp, weil sich das dänische Forschungsministerium schützend vor ihn stellte.

Im Großen und Ganzen meint der Däne, dass die Erde nicht so bald untergeht, der Klimawandel nicht nur Schlechtes mit sich bringt und viel zu viel Geld in sinnlose Umweltschutzprojekte gesteckt wird.

Die ökologische Landwirtschaft ist ihm dabei ein Dorn im Auge: Biohöfe können laut Lomborg die Probleme der Menschheit mit Hunger, Wasser und Krankheiten nicht lösen.

 

Im Schweinsgalopp durch die Öko-Debatte

In einem Rundumschlag watscht er nun in der WELT den Biozirkus ab: Bioware sei weder besser noch gesünder, nahrhafter oder sicherer als konventionelle, das hätten schon zwei große Studien ergeben.

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Auch die Tiere seien nicht gesünder als die aus der Industriehaltung, und noch weniger sparen die Ökobauern Ressourcen ein. Im Gegenteil – sie verbrauchen laut Lomborg mehr Land und Wasser, während sie gleichzeitig mehr Emissionen erzeugen. Fazit: Wer Bio-Lebensmittel kaufe, fühle sich zwar besser, tue aber weder sich selbst noch der Umwelt etwas Gutes.

Natürlich widerspricht Quarkundso.de auf keinen Fall weltberühmten Experten. Das wäre wirklich vermessen.

Auch lassen sich die gesamte Klimafrage und das Für und Wider von ökologischer Landwirtschaft nicht in einem einzigen Blogbeitrag abhandeln.

Allerdings bestehen von Seiten der Chefredaktion keinerlei Hemmungen, sich der Frage anzunehmen, was es mit Ökoprodukten sonst so auf sich hat. Und mit welchen Argumenten in der WELT Biokunden und Produzenten in die Pfanne gehauen werden.

Denn schließlich geht es hier um Essen.

Und da hängt sich Quarkundso.de mindestens ebenso gern und weit aus dem Fenster wie die WELT. Warum auch nicht. Wenn die einen Klima-Optimisten im Schweinsgalopp durch die Bewertung von Ökolebensmitteln und das Welthungerproblem rasen lassen, überholt Quarkundso.de gerne mal rechts.

 

Die Stanford-Studie von 2012: „junk science“

Also zur Sache: Zur Qualität der biologischen Lebensmittel selbst schreibt Lomborg eigentlich nicht viel. Er serviert das Thema ab, indem er kurz auf zwei Studien verweist:

Das Zentrum für Gesundheitspolitik der Stanford University jedenfalls hat 2012 in der bislang größten Studie ökologische mit konventionellen Lebensmitteln verglichen und keine belastbaren Beweise gefunden, dass „bio“ besser sei.

Eine neue Studie bestätigt diese Ergebnisse: „Die Erkenntnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen nicht, dass Bio-Produkte nahrhafter und sicherer sind als konventionelle Nahrungsmittel.“

Studien zitieren ist ja immer gut, vor allem, wenn es größte oder neue sind.

Aber beim Stichwort Stanford 2012 klingelt es warnend im Hinterkopf: Ist das nicht diese Studie, um die es damals großen Medienlärm gab?  Die von Kritikern, darunter der Forschungsleiterin der Columbia Foundation und dem Food-Chef Marc Bittman in der New York Times, als „junk science“, Schrott-Wissenschaft, bezeichnet wurde?

Ja, das ist die.

Wobei „junk science“ in den USA nicht nur „schlecht gemacht“ bedeutet. Es ist auch der Ausdruck für die Manipulation von Daten, und zwar im Auftrag von interessierten Kreisen. Vulgo: „junk science“ ist gekaufte Wissenschaft, die Meinung lenken soll und bei der es nicht mit rechten Dingen zugeht.

Es gab dazu Vorwürfe, dass einige Autoren dunkle Verbindungen zur Agro-Gen-Industrie haben und mindestens ein Autor der Studie ein mit der Tabakindustrie verbandelter Verdächtiger ist. Mission: kritische Aussagen in Studien verhindern und statistische Ergebnisse erzeugen, die für seine Auftraggeber günstig sind.

Das mit der Tabak-Industrie ist zwar wiederum so ein US-amerikanischer Topos, der mit Vorsicht zu genießen ist.

Doch diese Stanford-Studie sagt insgesamt nur Plattes, das zu einer echten Bewertung von Bioprodukten nicht taugt. Es ist eine Meta-Analyse von 200 höchst heterogenen Untersuchungen, also eine Auswertung von Arbeiten, die nicht wirklich miteinander vergleichbar sind. Der Analyse wurden außerdem statistische und andere methodische Fehler vorgeworfen.

 

Die Frage produziert das Ergebnis

Denn von Anfang an war die Fragestellung, nach der konventionelle und ökologisch erzeugte Lebensmittel bewertet wurden, für das Ergebnis entscheidend: „Enthalten Biolebensmittel mehr Vitamine und Nährstoffe, und sind sie sicherer?“

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Damit reduziert sich ein Vergleich auf genau bestimmte, ausgewählte Inhaltsstoffe. Ob ein einzelnes Bio-Lebensmittel „gesünder“ ist als sein konventionell erzeugtes Pendant, misst sich dann zum Beispiel am Kaliumgehalt der Kartoffel. Ergebnis der Stanforder Autoren: Nein, es gibt keine großen Unterschiede.

Klar, wie auch – Kartoffel bleibt Kartoffel, sie wird nicht zu Superfood, wenn der Bauer bei Vollmond Kuhhörner im Acker vergräbt.

Dann: Man kann gezielt auswählen, was man in den Vergleich einbezieht und was nicht – und hier manipulieren, was den Autoren auch vorgeworfen wurde.

Bei Fragen der „Sicherheit“ von Lebensmitteln geht es um Dinge wie Hygiene, Belastung mit Schadstoffen und ähnliches. Da derlei staatlich durch Gesetze geregelt wird und gar nichts in den Handel kommt, das die Auflagen nicht erfüllt, können auch hier Tests keine riesigen Unterschiede finden.

Die Stanforder Forscher mussten aber einräumen, dass Ökoprodukte eindeutig weniger mit Schadstoffen, Pestiziden und Antibiotikaresten belastet sind als konventionelle Produkte. Faktor: 30 Prozent. Das ist nicht wenig, das ist sogar viel.

Bei der Bewertung zogen sie jedoch die Trumpfkarte mit den staatlichen Regeln aus dem Ärmel: Ja, Ökoessen ist weniger belastet – aber nicht völlig frei von Pestiziden und Rückständen, was sich die Käufer erhofften. Und relevant sei der Unterschied eh nicht, da die konventionellen Produkte sich im Rahmen der Vorschriften bewegten.

 

Biolebensmittel: weniger Schadstoffe, mehr Nutzstoffe

Diese Trickserei und der Ansatz der Studie stieß Kritikern auf, denn die Fragestellung – Vitamin- und Nährstoffgehalt, Sicherheit – wird den echten Vorteilen von Biolebensmitteln aus ihrer Sicht nicht gerecht.

Im Klartext: Es könnte ja günstige Effekte geben, die nicht von den ausgewählten Vitaminen und Nährstoffen abhängen, die die Stanforder Autoren betrachtet haben.

Genau darauf hatten zuvor andere Studien hingewiesen, darunter eine Arbeit von Kristen Brandt aus England 2011, an der Universität Newcastle. Es ist ebenfalls eine Meta-Analyse, aber dort kamen die Forscher zu einem anderen Ergebnis: Ökologisch erzeugte Lebensmittel enthalten auffallend mehr sekundäre Pflanzenstoffe wie Abwehrgifte und Aromastoffe, die berühmten Antioxidanzien, Flavonoide und andere bioaktive Substanzen.

Von diesen nimmt man an, dass sie tatsächlich gewisse gesundheitliche Effekte haben, wenn das auch mangels Studien noch nicht im großen Stil bewiesen ist. Nach diesen Substanzen hatten die Stanforder Autoren aber gar nicht erst gefragt. Darüber hinaus ergab die Studie aus Newcastle, dass Öko-Gemüse und -Obst im Schnitt 12 Prozent mehr an wichtigen Vitaminen enthält, darunter mehr Vitamin C.

Die Stanforder Studie sollte wohl als Antwort auf Pro-Ökö-Studien einfach Bio-Romantiker auf den Teppich holen, was überhöhte Gesundheitshoffnungen angeht. Laut Pressetext der Universität dient das der „informierten Entscheidung“ des Verbrauchers.

Nun gut. Das ist ehrenhaft, aber rechtfertigt nicht das Runterschreiben der Unterschiede auf praktisch Null. Und der Vorwurf, dass die Aussagen gezielt auf die Lenkung der Debatte kontra Ökolandbau zugeschnitten waren, blieb weiterhin im Raum. Die Beliebtheit der Bioware schmälern konnte die Stanforder Gruppe auch nicht.

 

Als ob nichts gewesen wäre

Das versucht jetzt Björn Lomborg in der WELT, und zwar so plump wie möglich. Nicht nur, dass er die Stanforder „junk science“ von 2012 zitiert, als wäre nichts gewesen. Er führt noch eine brandneue italienische Studie von 2016 dazu ins Feld. In dieser Arbeit geht es nur um tierische Produkte, also um Eier, Milch und Fleisch.

Daraus zitiert Lomborg selektiv und durchaus tendenziös.

Wörtlich übernimmt er einen Satz aus der Einleitung, der auf die Stanforder Studie Bezug nimmt: „Die Erkenntnisse wissenschaftlicher Untersuchungen zeigen nicht, dass Bio-Produkte nahrhafter und sicherer sind als konventionelle Nahrungsmittel.“

Aber das ist nur die Einleitung, die Betrachtung des früheren Standes durch die Autoren – es ist nicht das Ergebnis der Studie. Denn im Schlussteil steht etwas ganz anderes, und das zitiert Lomborg nicht:

The different composition of fatty acids found repeatedly in organic products is certainly an advantage for the consumer’s health.

In fact, the polyunsaturated fatty acids found in greater concentrations in organic foods are associated with the prevention of various diseases. Therefore, the consumer would also benefit from the fatty acid composition of organic food.

However, as reported by almost all the researchers, other aspects must be considered, such as race, age, the season, before starting with absolute certainty that these differences are the consequence of the farming system alone. Further investigations are necessary to understand more clearly the role of “organic effect” on animal foods.

Es gibt also Unterschiede: Bio-Milch, Fleisch und Eier enthalten mehr wichtige, gesundheitlich eindeutig relevante Fettsäuren.

Ob diese wirklich auf die ökologische Tierhaltung oder eher auf die Rassen der Tiere, ihr Alter oder anderes zurückgeht, wagen die Forscher noch nicht sicher zu sagen, aber immerhin: Im Großen und Ganzen handelt sich der Biokäufer bei tierischen Produkten mindestens das günstigere Fettsäureprofil ein.

Es steht noch eine ganze Menge anderer Ergebnisse in dem Papier, darunter zur Textur von Fleisch oder zum höheren Proteingehalt von Eidotter bei den Bio-Varianten.

Erstaunlich, dass Lomborg diese Befunde und die Schlussfolgerung der Forscher komplett unter den Tisch fallen lässt.

 

Bio macht einen Unterschied

Was auch immer der dänische Öko-Kritiker damit im Sinn hatte: Um gute Lebensmittel und Produkte geht es ihm nicht.

Und den entscheidenden Vorteil von Bioprodukten ignoriert er: Obst, Gemüse, Milchprodukte, Eier und Fleisch aus Bioproduktion schmecken besser. Sie haben weit überwiegend die höhere Geschmacksqualität.

Das ist unbestritten unter Leuten, die sich auskennen. Der größte aller deutschen Gastro-Autoren, Wolfram Siebeck, polemisierte gegen den konventionellen „Massenschund“ und kaufte Bio-Eier und Bio-Knoblauch, Spitzenköche schwören auf Bio-Metzger und Bio-Molkereien. Und was Obst und Gemüse angeht, darunter Gurken, Tomaten, Karotten, Zwiebeln und Knoblauch, so macht bio im Geschmack einen deutlichen Unterschied.

Grund: Im Bio-Anbau werden andere Sorten verwendet.

Sie müssen widerstandsfähiger gegen Schädlinge und Wettereinflüsse sein, genügsamer und robuster. Das bedeutet in der Regel, dass sie auch mehr Abwehrgifte und die oben schon erwähnten sekundären Pflanzenstoffe enthalten.

Und das macht einen Unterschied im Geschmack.

Wer schonmal in ein um seine Senföle kastriertes Supermarkt-Radieschen gebissen hat, und im direkten Vergleich dazu in eine scharfe Bio-Wurz, weiß, wovon die Rede ist.

 

Manchen schmeckt „bio“ nicht besser

Das mit den unterschiedlichen Sorten macht es übrigens sehr schwer, Unterschiede zwischen beiden Anbaumethoden wirklich wissenschaftlich zu untersuchen. Das gilt auch für Tierrassen.

Wobei die Unterschiede, die man feststellen kann, wohl wirklich weniger in den Anbaumethoden liegen: Dass konventionelle Obst- und Gemüsesorten oft nach nichts, schlapp, fade, nicht aromatisch schmecken, liegt nämlich daran, dass sie gezielt so gezüchtet werden.

Der Massengeschmack verlangt Sorten, die mild, süßlich und reizlos sind.

Die gehen im Supermarkt bei der Durchschnittskundschaft einfach gut. Das gilt besonders für Zwiebeln, Knoblauch, Meerrettich, Salat, Spinat und alles, was von Natur aus über Würze, Schärfe und Bitterkeit verfügt.

Wer das Fade mag, dem schmeckt konventionelles Gemüse und Obst tatsächlich besser – auch das ist ein Mosaikstein im Puzzle der Bewertung von Bio-Lebensmitteln. Bei allgemeinen Verbraucherbefragungen kommt dann nämlich heraus, dass viele die milde Massenware den Biosorten vorziehen – für die ist bio also wirklich nicht besser.

Bei einem Bio-Geschmackstest, den ich mal für den WDR gemacht habe, konnten wir das auch beobachten, in einer interessanten Variante: Die Probanden bewerteten das, was ihnen besser schmeckte, als „bio“.

Im Fall von Karotten waren das die süßeren Rüben – aber genau die stammten aus konventionellem Handel. Dort werden Karottensorten auf hohen Zuckergehalt getrimmt, weil das beim Kunden besser ankommt. Da viele Käufer auf dem Marktplatz, auf dem wir den Test machten, die positive Vorerwartung hatten, dass das Bioprodukte „besser schmecken“, tippten sie bei der süßen Karotte auf „bio“.

Aus solchen Phänomenen lassen sich in einer Kampfdebatte Argumente stricken: Bio ist nicht besser, weil es viele es gar nicht erkennen, die wirkliche Bioware ihnen gar nicht besser schmeckt, und weil viele weitere erst gar keinen Unterschied wahrnehmen.

Natürlich ergaben auch Untersuchungen wie die der Stiftung Warentest von 2015, dass Bioware nicht automatisch „besser“ im Sinne von bestimmten Erwartungen der Kunden sind.

 

Totschlagargumente verfehlen das Wesentliche

Trotzdem – wer Obst, Fleisch, Gemüse und Milchprodukte aus der Öko-Landwirtschaft kauft, weiß, dass sie anders schmecken und will das auch. Auch das haben seitdem viele sensorische Tests und Warenuntersuchungen ergeben.

Was die Gesundheit angeht, machen nun genau die pflanzlichen Abwehrgifte, die im Bioanbau die Pflanze vor Schädlingen schützen sollen, den kernigen, kräftigen, typischen Geschmack aus – und zugleich die vermutete günstige Wirkung auf den Organismus. Der Effekt mag zwar (noch) unbewiesen und insgesamt klein sein, aber er wird wissenschaftlich breit diskutiert.

Die öden Totschlagargumente mit gleichem Vitamingehalt und gleicher Sicherheit gehen daher am zentralen Punkt vorbei.

Denn was ist am wichtigsten beim Essen? Dass es schmeckt.

Wer würde schon behaupten, Gänseleberpastete sei nicht besser als Leberkäse aus Separatorenfleisch, weil beide ähnliche Vitamingehalte haben und hygienisch einwandfrei sind?

Für Lomborg aber spielt der Geschmack von Lebensmitteln keine Rolle. Geschmack als Kriterium taucht gar nicht erst auf, wenn er im Artikel provozierend fragt, ob Biolebensmittel „besser“ sind. Der Horizont solcher Leute ist definiert von einer Nüchternheitsethik und der Welt der Zahlen.

Mit gutem Essen verträgt sich das nicht.

 

Lasst euch nicht irre machen

Wer Bioware kauft, kann mit einem guten Produkt rechnen. Das heißt nicht, dass nicht auch Bioware fehlerhaft sein kann, wie die Stiftung Warentest nicht müde wird, nachzuweisen. Auch gibt es konventionelle Erzeuger, die gute Produkte liefern, ja. Und unsere Lebensmittel sind sicher, auch die konventionellen.

Aber alles in allem lohnt sich der Biokauf für den guten Geschmack, eindeutig. Er lohnt sich auch für die Tierhaltung, und wenn man weniger schadstoffbelastete Lebensmittel will.

Ob die Biolandwirtschaft die Welt retten kann, wird hier nicht entschieden. Könnte sein, dass das schiefgehen würde. Es könnte aber auch sein, dass die großindustrielle Landwirtschaft die Welt vor die Wand fährt. Und zwar in absehbarer Zeit.

Dann will man vorher wenigstens gut gegessen haben.

 ©Johanna Bayer

DIE WELT vom 8.8.2016 mit „Wer „bio“ kauft, fühlt sich besser. Gutes tut er nicht“

„junk science“ – der Kommentar zur Stanford—Studie von 2012 in der New York Times

Die italienische Studie von 2016 zu tierischen Bioprodukten

WDR: Quarks&Co zu Bioprodukten mit Geschmackstest bio und konventionell – Skript zur Sendung als pdf

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