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VOX: Rudelkochen, schlechte Manieren und ein Moderationsroboter. Aber lernen kann man was!

 

Ja, ich gucke das. Außer mir wohl fast keiner, aber ich habe mir den Dienstagabend bis auf weiteres für „Game of Chefs“ auf VOX reserviert: Drei echte (!) Spitzenköche bewerten in der neuen Kochshow ambitionierte Laien und Profis, die um die Wette kochen. Star der Jury ist der smarte Christian Jürgens, der drei Sterne am Tegernsee hält, mit ihm dürfen Christian Lohse aus Berlin und Holger Bodendorf von Sylt an fremden Tellern rummäkeln, beide seit vielen Jahren besternt. Mehr Kompetenz war in einer deutschen Kochsendung noch nie.

Deutschlands Sterneköche: arrogante Angeber?

Hier aber erstmal die nackten Fakten: Miese Quoten, Häme von der TV-Kritik, und die Zuschauer-Kommentare, zum Beispiel auf Twitter, sind bösartig bis enttäuscht und gelangweilt. Die junge, völlig unbekannte Moderatorin wirkt, wie einer treffend feststellt, wie ein „Moderationsroboter“, viele bemängeln, die Show sei nicht originell, vor allem seien die drei Sterneköche arrogant, und „unglaublich hochnäsig“ (T-Online). Überhaupt seien sie völlig unbekannt (nanu?) und wen interessiere es schon, was drei überhebliche Pinsel über ein Gericht denken, das mit viel Liebe gekocht worden sei und ganz bestimmt toll schmecke.

Nur ich bin begeistert. Gut, die Manieren der drei Stars sind wirklich eine Katastrophe: Sie schmatzen beim Probieren, stecken sich das Messer in den Mund und essen mit den Fingern. Bei Tisch geht sowas natürlich nicht, da bin ich sehr streng. Aber in Profi-Küchen, also hinten in der Werkstatt, hat man mich wissen lassen, sei das unappetitliche Gestochere üblich. Für meine Begriffe hat da die Mutter versagt. Aber egal – als Köche sind die drei VOX-Küchenchefs große Künstler. Und Künstler dürfen einigermaßen exzentrisch sein. Außerdem haben sie immer schlechte Manieren.

In der Küche lernt man fürs Leben

Dazu gehört auch, dass die Chefköche nicht gerade zimperlich mit den Kandidaten umgehen. Genauer gesagt: Sie gerieren sich wie Ausbilder der Handwerkskammer, die den Lehrling vor der Prüfung schleifen; sie bellen Kommandos, machen Druck, kanzeln ab, und die Antwort muss immer heißen: „Ja, Chef!“. Das versteht der gemeine Küchenchef dann unter Teamarbeit. Und so lernen die Kandidaten in der Sendung nicht nur Kochen, sondern auch fürs Leben: Wie kooperiert man, wie erschafft man ein perfektes Produkt, wie hält man den Arbeitsplatz sauber, wie benimmt man sich im Allgemeinen ( „Sagt schön ‚Guten Tag‘“) und dem Chef gegenüber im Besonderen („Ja, Chef!“).

Mit Genuss fügen sich die Aspiranten den strengen Anweisungen und akzeptieren die Hackordnung. Ich muss schon sagen, das hat was. Von asiatischer Hingabe an die Arbeit, von Zen-Kloster und von einer Tugend, die viele nicht kennen: Achtung vor dem Meister. Da hört die schlaffe Siebzehnjährige auf, zu motzen, der Jungkoch mit der schweren Kindheit reißt sich zusammen, die Dicken kommen in Schwung. Das macht Eindruck. Und wo kann man schon sehen, wie es in so einer Küche wirklich zugeht? In den geschönten Gourmet-Dokus beugen sich meistens lächelnde Feingeister über Teller und malen mit Pinselchen Striche in die Soße. Da brüllt keiner durch die Küche: „Bei Dir sieht´s aus wie im Puff!“ (Christian Jürgens). Ich finde, es ist ehrlich, das mal zu zeigen. Ja, junge Leute, so ist es im richtigen Leben, wenn ihr was lernen und vorankommen wollt!

Worauf es beim Essen ankommt

Die Meister jedenfalls sind sich ihres Ranges voll bewusst. Daher akzeptieren sie bei den Wettkampf-Gerichten auch nur das Beste, und zwar ausschließlich nach den Regeln ihrer eigenen Kunst. Und nach keiner anderen. Zumal es um das geht, was wirklich wichtig ist beim Essen, ach was, im Leben. Der Chef der Chefs, Christian Jürgens, macht es klar. „Hier geht es nur um drei Dinge: Geschmack, Geschmack und nochmal Geschmack.“

Großartig. Das ist mein Credo. Schon allein deshalb muss ich das gucken! Denn Essen muss weder gesund noch „leicht“ sein. Es muss weder schön machen noch schlank, weder schlau noch jung, fit oder dauerleistungsfähig. Es muss nur – schmecken. Das reicht. Der Rest ergibt sich dann nämlich von selbst, meine ich. (Die dazugehörige gastrosophische Abhandlung spare ich mir, wer sie möchte, kann sich aber gerne melden.)

Multi-Kulti-Köche fliegen raus

Immerhin – durch die Strenge der eigenen Kunst ist der Wahrnehmungshorizont der Jury beschränkt, nämlich auf die klassische, französisch dominierte Hochküche. Soulfood von Mutti, wild Improvisiertes und Ethno-Gerichte haben keine Chance. So flogen gleich mehrere Multi-Kulti-Kochpromis hochkant aus der ersten Runde, zum Beispiel Mary Appiah, VIP-Köchin aus Hamburg, die schon im NDR zu sehen war und mit einem Gericht aus ihrer Heimat Ghana antrat: ein Teller mit Wurzelgemüse, Kartoffeln und Hühnerstücken samt dicker Haut, langsam geschmort. Typisch afrikanisch, alles in einem Topf, schön suppig und – für den europäischen Geschmack – überwürzt. Die Jury tippte unbefangen auf „was Kreolisches“, konnte das Gericht sichtlich nicht einordnen und vergab keinen Punkt. Auch die Promiköchin vom Dao Thai in Berlin scheiterte, die es schon ins ZDF geschafft hat, weil sie den Asia-Trend so perfekt verkörpert und in strahlend bunten Seiden-Sarongs Kochkurse zum Umgang mit Ingwer und Zitronengras gibt. Nix da – Christian Jürgens war das Gericht viel zu scharf, und auch Holger Bodendorf verweigerte dem Urlauber-Teller das Messer.

Veganer Szene-Koch krass abgewatscht

Den spektakulärsten Flop der Auswahlrunde landete Björn Moschinski, veganer Star-Koch aus Berlin. Von dem sagt nicht nur seine eigene Webseite, er sei einer der besten veganen Köche Deutschlands, das stand auch schonmal im „Feinschmecker“. Moschinski coacht andere Veganer-Köche, hat ein bekanntes Restaurant in Berlin, das in der Szene brummt, reist durch die ganze Republik und das von VOX vorher gezeigte Kandidaten-Video betonte seine „unglaubliche Kreativität“ im Umgang mit Gemüse. Dazu waren fein ziselierte Häppchen unter der Wärmelampe schön ins Bild gesetzt. Auf seiner Facebook-Seite steht: „Björn Moschinski kocht nicht nur vegan, sondern vor allem auf höchstem Niveau.“ Der Tierfreund selbst wirkt unter dem persönlichen Slogan „Geiler Geschmack braucht kein Fleisch“. Bevor seine Teller, verdeckt unter silbernen Clochen, vor die Nasen der Chefköche rollten, raunte er in die Kamera: „Ich schau einfach mal, ob es wirklich auffällt, dass da gar kein Fleisch drin ist“.

Nun ja, da ist er an die Falschen geraten. Auf den ersten Blick war den Profis klar, dass es sich „um was Veganes“ handelt, um „Ersatzbums“, beim Probieren überzeugt nichtmal das simple Erbsenpüree, da, wie auch die Curry-Karotten-Paste, zu süß. Das Urteil, verkündet von Christian Jürgens: „Du bist ein cooler Typ. Aber lass das bitte mit der Kocherei. Das ist nicht Dein Ding. Das schmeckt definitiv nicht.“

Das ist der Untergang. Eine Total-Havarie, in der dem Kandidaten mit eigenem Restaurant der Geschmackssinn komplett abgesprochen wird. Derlei hat sonst niemand kassiert, nicht mal der Burger-Fan, der Stierhoden verarbeitete und dazu Brötchen fabrizierte, die er mit pürierten Beeren versetzte, damit sie „schön fruchtig“ werden. Auch nicht der Paleo-Koch, der ein Herz zu Gulasch schnetzelte. Beide wurden übrigens zusammen mit dem Veganer rausgeschmissen.

Essen, was man kennt. Und die Kunst der Komposition

Auf Twitter und Facebook war es dazu erstaunlich ruhig. Null Resonanz, kein Aufbegehren, keine empörten Fans, bis auf zwei zaghafte Tweets: „Für Neues scheinen die Sterneköche nicht wirklich offen zu sein“, und „Was sie nicht kennen, essen sie nicht.“ Wie wahr, und es stört mich gar nicht, dass das engstirnig wirkt. Schließlich hat sich so über Jahrmillionen die Menschheit entwickelt – essen, was man kennt. Klar, ab und an probierten unsere frühen Vorfahren auch mal das, was der Nachbar-Affe mochte. Aber nur, wenn er es zum zweiten Mal aß.

Der Vollständigkeit halber füge ich brav hinzu: Natürlich muss es nicht immer Haute Cuisine sein. Natürlich ist Geschmack gelernt. Natürlich mag nicht jeder alles.

Aber zum Glück mag ich genau das, was die drei Sterneköche mögen, daher komme zumindest ich voll auf meine Kosten. Es freut mich, dass der Lohse flucht, wenn etwas nicht abgeschmeckt oder gar süß ist, wo nicht angebracht (die Pest); ich jubele, als sie die Nase über eine belanglose Tomatenscheibe im Gemüse rümpfen – meine Rede. Was sollen diese penetranten Tomaten in jedem, aber auch jedem Salat, die im Winter nach nichts schmecken und abwechselnd mehlig oder viel zu fest sind? Jetzt endlich kann ich mich wenigstens auf Lohse, Jürgens und Bodendorf berufen, na, der nächste Salatpanscher kann was erleben.

Als Christian Jürgens das Hack für eine primitive Bulette beim Motto „Fast Food“ auf Vordermann bringt, Säure, Schärfe, Hintergrund hinzufügt (Gurkensud!) krieche ich fast in den Fernseher, und als ausgerechnet seinem Star-Team die Mayonnaise misslingt, weiß ich, dass die Götter der Küche gerecht sind: Warum soll es Profiköchen besser gehen als mir? Bei der Runde mit den Fischgerichten auf Ansage war es erstaunlich, auf was für Ideen die Kandidaten kamen. Forelle in allen Variationen, pochiert, gebraten, gebacken, sous-vide, eine besonders Kreative brät die Fischhaut und frittiert ein Eigelb, irre, die bodenständige, aber hochbegabte Hausfrau macht die Forelle klassisch und serviert sie gebraten, mit Nussbutter und Pilzen. Das wollte ich sofort nachmachen, nur hatte ich gerade keine Forelle da und es war fast Mitternacht. So weit kommt es dann mit mir. Was die Komposition von Gerichten und Aromen angeht, kann man also bei VOX echt was lernen.

Kritik vom Profi: Teilt euer Wissen!

Der Profi Steffen Sinzinger von der Speisemeisterei bemängelt aber, dass sich von den Bewertungskriterien der Köche nichts erschließt, und wünscht sich, dass sie davon mehr preisgeben, weil viele Urteile ungereimt wirken. Hat natürlich recht, der Mann, er ist selbst Koch. Aber man sollte bedenken: Das ist Fernsehen. Wir sehen nicht alles. Da stehen wahrscheinlich noch drei Assistenten mit Schreibblöcken hinter den Köchen, wenn es an die Bewertung geht, da gibt es ein Raster, das abgehakt wird. Womöglich lauert der Notar im Hintergrund, der Regisseur und der Drehbuchautor unterbrechen mit Anweisungen, und dann stehen noch mehrere professionelle Köche und Berufsschullehrer bereit, ebenso wie zwei Psychologen und drei Aufnahmeleiter, die die Kandidaten in Schach halten. Und wir kriegen nur ein paar Bröckchen mit, die schnell und spitz zusammen geschnitten werden.

Bitte mal ein „Making-Of“

Tatsächlich wäre der Hintergrund echt interessant, was kostet sowas? Was haben die den Luxus-Köchen dafür bezahlt, dass sie mindestens 10 Tage von ihrem Laden weg waren? Und die gigantische Logistik – das muss doch alles exakt durchgeplant sein, von Einkauf und Warenlager über Geräte und Geschirr bis hin zum Putzplan. Dann noch die Regie und die Kameraperspektiven: Diese Totalen über das ganze Studio mit mehreren Kochstationen und so vielen Leuten, jeder Kandidat wird einzeln beim Kochen befragt, besondere Ereignisse wie die Nervtöle Nine aus dem Osten, die sich ständig helfen lässt, wollen treffend eingefangen werden – da sind mindestens noch sechs bis acht Kameras samt Autoren im Spiel. Die koksen vorher wahrscheinlich, damit sie das durchhalten, denn kein Take kann wiederholt werden – wenn der Teig durch ist, ist er durch. Über jeder Station ist noch eine Kamera an der Decke montiert und liefert von oben den Blick in den Topf, das alles bedeutet nächtelange Sitzungen im Schneideraum.

Auch die Reihenfolge der Gerichte, wie sie vor der Jury erscheinen, ist eindeutig genau durchdacht, da nach Intensität und Aromen sortiert. Das können nur Koch-Profis vorbereiten, die im Studio rumwuseln, abfragen und planen. Alle müssen aber rausrennen, wenn der Regisseur „Totale!“ durchsagen lässt und eine der großen Studiokameras alles in den Blick nimmt. Welcher Kandidat was kochen will, und wie, das muss vor der eigentlichen Wettbewerbslaufzeit abgesprochen werden, natürlich ohne dass wir es sehen. Bei der Auswertung sind die bunten Teller, die auf dem Band rausrollen, garantiert auch ausgeklügelt sortiert, damit die Spannung möglichst hoch und die Überraschung am Ende möglichst groß ist.

Warum macht nicht mal jemand ein „Making-Of“ von so einer Sendung? Das wäre toll, für mich zumindest. Und ich hoffe, das liest jetzt jemand von VOX und setzt es gleich um. Besser noch: Lässt es mich machen, samt einem ausgiebigen Testessen bei Christian Jürgens in der „Überfahrt“ am Tegernsee, auf Kosten von VOX. Ich bringe den Bericht auch groß hier auf Quarkundso.de, diesmal mit vielen Bildern. Versprochen.

©Johanna Bayer

 Häme von der FAZ…  … auch von T-Online…  … und eine qualifizierte Kritik von Steffen Sinzinger, Speisemeisterei Berlin

Nachschlag: 3. April 2015: VOX nimmt die Sendung aus der Primetime, wegen der schlechten Quoten. Ab sofort ist „Game of Chefs“ nur am Sonntag um Mitternacht im Programm, ansonsten – für Fans – dienstags im Internet. Grund: Die werberelevante Zielgruppe zwischen 14 und 49 habe die Sendung nicht akzeptiert, war bei DWDL und T-Online zu lesen. Eigentlich keine Überraschung, hätte ich vorher sagen können. Wen wundert es, dass Gourmet-Küche das deutsche Massenpublikum eher nicht interessiert? Und die anvisierte Altersklasse ist ja wohl auch die falsche.  Aber es gibt sie. Sie sind viele – und es gibt eine Heimat für die Sterneköche. Quark und so fordert: „Game of Chefs“  in die ARD!

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

GEO: Schwindeln für den guten Zweck – der Philosoph Harald Lemke nimmt es nicht so genau

Über das GEO-Interview mit Harald Lemke im März 2015

 

Um es gleich zu sagen: Die GEO-Leute können nichts dafür. Sie sind es nicht, die geschwindelt haben, es war der Forscher. Der wurde gefragt: „Wie können wir besser essen?“ und: „Warum haben Sie unser Essen satt, Herr Lemke?“ Die Antworten hat ein Journalist mitgeschrieben, und da dieser zwar durchaus nicht unkritisch ist, aber vorher wohl nicht allzu viel über seinen Gast gelesen hat, fragt er nicht weiter nach. Außerdem schreibt er sonst am liebsten über Technik und man kann ja nicht alles wissen.

Von dem Gastrosophen Harald Lemke hätte man allerdings erwarten können, dass er es besser weiß. Tut er auch. Aber er ist nicht ehrlich. Er hat eine Vision und eine Mission. Dazu verdreht er die ihm bestens bekannten Fakten, schwindelt halt ein wenig und schwupps – ist die ideologische Botschaft perfekt.

Herr Lemke weiß, was ankommt

Und das geht so: Harald Lemke ist ein Gastrosoph, also ein Kulturforscher, der sich mit der Philosophie des Essens beschäftigt. Er findet auch, dass „wir alle“ viel zu viel Fleisch essen und das nicht mehr oder zumindest sehr viel weniger tun sollten. Den Tieren und der Umwelt zuliebe.

Als Philosoph ist er allerdings nicht so unbedacht, einen veganen Totalverzicht zu fordern. Denn er weiß, dass das nicht gut ankommt, außerdem gehört er einem Club an, dessen Vereinspostille nach dem notorischen Genießer Epikur benannt ist. Also ist auch Herr Lemke dafür, dass Leben und Essen zumindest etwas Spaß machen sollten.

Fleischverzicht als kulturelle Weiterentwicklung?

Nur unsere bisherigen Essvorlieben hält er für völlig verfehlt: diese „phantasiearme Fleischküche“. Fleisch, das sei bloßes „kulinarisches Konstrukt“, langweilig, reine Konvention, mangelnde Neugier. Seine Mission ist ein genussvoller Vegetarismus, mit gemeinsamen Mahlzeiten und gemeinsamem Kochen, und dem Nachdenken darüber. Notwendig dazu gehört für Lemke der Abschied vom Fleisch:

Ich erhoffe mir ein langsames Absterben jener kulinarischen Tradition, die stumpf auf Fleisch setzt. Nur so können wir die Menschheit in ihrer kulturellen Entwicklung voranbringen.

Soweit Vision und Mission des Gastrosophen Lemke.

Vorab: Man kann dieser Meinung sein und sie ist ehrenhaft. Pädagogisch wertvoll, ethisch hochstehend. Bei gemeinsamen Mahlzeiten, mit Genuss und kulinarischer Lebensfreude sowie Reden und Nachdenken über Essen, wie Lemke es beschreibt, bin ich übrigens dabei, ohne jede Einschränkung. Ich bin ja auch in so einem Club. Für das gemeinsame Kochen bin ich jedoch nicht unbedingt, das kann auch sehr ins Auge gehen. Ich habe es lieber, wenn das Kenner übernehmen, sonst schmeckt es nicht – aber das gehört jetzt nicht hierher.

Und weder halte ich Fleisch für ein bloßes Konstrukt noch Fleischverzicht für eine kulturelle Weiterentwicklung. Aber egal, man muss ja nicht in allen Punkten einer Meinung sein.

Die Verteidigung des Tofu-Würstchens

Allerdings werde ich grätzig, wenn jemand mich hinters Licht führen will. Und Herr Lemke ist mindestens etwas unlauter. Denn als der Journalist Fred Langer ihn fragt, wie man von der Droge Fleisch wegkommen könne, antwortet der Philosoph, wie „wunderbar“ wir „von den Weisheiten der alt-asiatischen Küche“ lernen könnten. Weil Langer etwas flapsig nachfragt, ob denn nun die Zukunft dem Tofu-Würstchen gehöre, fährt Lemke ihm in die Parade:

Es hat etwas Despektierliches, Tofu und Seitan zu schmähen, daraus spricht eine ideengeschichtliche Ignoranz gegenüber Hochkulturen, die sich über Jahrhunderte fleischlos ernähren – und sehr raffiniert. Fleisch? Braucht kein Mensch.

Eigentlich weiß er es besser

An diesem Punkt schwindelt Herr Lemke. Denn er weiß ganz genau, dass es keine einzige alt-asiatische Hochkultur gibt, die sich über Jahrhunderte fleischlos ernährt hat. Er weiß auch, dass die alt-asiatischen Küchen samt und sonders voller Fleischrezepte sind. Je älter die Küche, desto mehr Fleisch ist drin, und zwar von allem was da kreucht und fleucht.

Woher ich das wissen will? Nun, zum Beispiel von Herrn Lemke selbst. Er schreibt ja Bücher und Artikel, die man lesen kann, er hat buddhistische Klöster besucht, er hat Rezepte von Einsiedlern ausgegraben und listet akribisch auf, was selbst die asketischen Zen-Mönche im alten China so alles goutierten: Hühner, Hasen, Fisch und Krabben sind das Minimum.

Die Fleischküche Chinas

Herr Lemke weiß auch genau, dass es im ganzen Buddhismus kein absolutes Fleischverbot gibt, nicht einmal für Priester und Bettelmönche oder den Dalai Lama. Tofu und Seitan wurden zwar in China erfunden, aber als Fastenspeise für Mönche. So heißen die einschlägigen Gerichte auch heute noch, wenn man zum Chinesen geht. Ansonsten aß und isst man in China alles, was sich bewegt.

Die uralte chinesische Hochküche ist eine der berühmtesten der Welt und sieht Fleisch aller Art vor, ihr Symbolgericht ist ein pompöser Entenbraten. Nicht umsonst gehören die Chinesen heute zu den weltweit größten Produzenten von Schwein und Geflügel – weil ihre Esskultur das verlangt und immer mehr Chinesen nur das haben wollen, was in ihrer jahrtausendealten alt-asiatischen Hochkultur begehrt ist: Fleisch.

Von Nepal bis Japan, von Thailand bis Korea

Bei den Japanern wiederum, einem Inselvolk, das sich praktisch alles von China und Indien zusammen geklaubt hat, was es an Kultur brauchte, spielt das Essen in der Philosophie gar keine Rolle. Was Herr Lemke im Übrigen in einem seiner Aufsätze beklagt, das nur nebenbei. Aber Essen spielt sehr wohl im japanischen Alltag eine Rolle, für die Menschen auf der Straße – bekanntlich gehört die Küche Japans heute auch zu einer der großen Küchen der Welt.

Und bekanntlich sind die Japaner keineswegs Vegetarier. Sie verzehren exorbitant viel Fisch, weltweit mit am meisten, auch Walfisch, das ist Fleisch von Säugetieren. Sie haben immer auch alles andere gegessen, nur gab es die eine oder andere Regierung, die versucht hat, ihnen das madig zu machen. Hat aber nicht geklappt, das ist erwiesen.

Koreaner, Vietnamesen, Thais, Indonesier und wer immer sonst noch im weiten Asien am Kochtopf sitzt, schnetzeln eine unglaubliche Vielfalt an Tieren ins Essen, darunter Schlangen, Skorpione, Vogelküken, Insekten und Wasserwanzen. Das sind alles Küchen mit Fleischtradition. Mongolen, Nepalesen und Tibetaner erwähnen wir lieber gar nicht erst. Da gibt es praktisch nur Fleisch und Fett zu essen, weil da nichts anderes wächst.

Auf die Inder ist auch kein Verlass

Haben wir ein Land in Asien vergessen, eine Hochkultur nicht erwähnt? Richtig – Indien. Aus Indien stammt alle östliche Weisheit, und wiederum eine der raffiniertesten Küchen der Welt. Genauer gesagt sind es mehrere Küchen, darunter fleischlastigere und vegetarische.

Doch die Hochkultur selbst und die Haupt-Religion, der Hinduismus, kennen kein absolutes Fleischverbot. Das heißt: Wer Fleisch und Fisch essen muss oder will, weil seine Lebenssituation das verlangt, oder weil er einer entsprechenden Kaste angehört, der isst Fleisch und Fisch. Nur Rindfleisch ist tabu, weil Kühe als heilige Tiere gelten. Wobei in vedischer Zeit bis zur Zeitenwende viel Fleisch gegessen wurde, übrigens auch Rindfleisch.

Das ist alles. Ach ja, Zahlen: Unter den Hindus gelten nicht mehr als 40 Prozent als Vegetarier. Und nicht alle Inder sind Hindus, es gibt etwa 20 Prozent Moslems und weitere Religionen. Weil es ein Riesenland ist und Befragungen schwierig sind, geht man von Schätzungen aus: Insgesamt sollen nicht mehr als ein Viertel der 1,1 Milliarden Inder Vegetarier sein. Der Rest nicht.

Fleischloses Asien? Weniger als die halbe Wahrheit

Fassen wir also zusammen: In keiner der großen asiatischen Religionen und Philosophien, ob Hinduismus, Buddhismus, Daoismus oder Shintoismus, gibt es ein absolutes Fleischverbot. Es gibt nur Askese-Vorschriften für Priester, Mönche oder besondere Sekten, Gruppen oder Schichten von Menschen. Und es gibt keine einzige Hochkultur in Asien und der Welt, die sich komplett vegetarisch ernährt hätte, gar über Jahrhunderte, oder die dem gesamten Volk Fleisch verboten hätte.

Herr Lemke weiß das alles. Warum erweckt er dann den Eindruck, dass es anders ist? Wahrscheinlich liegt das an seiner Mission. Er will ja, dass die ganze Welt zum Vegetarismus konvertiert. Dazu gibt er seinen Rat: Die Menschheit sollte sich am besten an den Speisevorschriften  japanischer Klöster orientieren. Vielleicht rät er das auch den Japanern selbst, denn er lehrt unter anderem an einer japanischen Universität. Und beklagt in seinen Schriften, dass gerade die Japaner immer mehr „mcdonaldisiert“ werden, anstatt sich an ihren alten Mönchen orientieren. Man muss befürchten, dass die Japaner dazu keine Lust haben – wer will schon fasten wie ein Mönch?

Die Weisheit des Ostens

Aber wenn man ein wenig Nebel versprüht und von asiatischer Weisheit und antiken Hochkulturen raunt, zieht die Nummer zumindest im Westen besser, und Herr Lemke ist ja durchaus pragmatisch, wie dem Interview zu entnehmen ist. Trotzdem: Was fastende Mönche in buddhistischen Sekten essen, ist nicht die ganze östliche Weisheit und schon gar nicht die Küche Asiens.

Es ist noch nicht mal die halbe Wahrheit. Aber man kann es ja mal versuchen – wobei Herr Lemke vielleicht ein wenig darauf spekuliert, dass die meisten Menschen sowieso denken: „Ja, diese Asiaten; leben nur von Reis und Gemüse, und es sind so viele… so viele können sich nicht irren.“

Stimmt. Sie irren sich nicht. Sie sind weise, diese Asiaten. Daher isst seit jeher die überwältigende Mehrheit von ihnen Fleisch.

©Johanna Bayer

GEO 3/2015 – das Interview mit Harald Lemke online

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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