Hart aber fair in der ARD: Schluss mit Abnehmen, alle sind okay wie sie sind! Wirklich?

Bei Frank Plasberg ist sich die Gästerunde zum Thema Wampe oder Waschbrettbauch einig: Diäten machen dick und unglücklich, jeder soll sich so mögen wie er oder sie ist, Schlanke sind die falschen Vorbilder, alle sind sexy, ob dick oder dünn. Einerseits ist das sicher nicht ganz falsch. Dann aber ist es angesichts des dicken Problems mit dem Übergewicht etwas seltsam. Und worum ging es eigentlich in der Diskussion? Quarkundso.de stellt eigene Fragen – samt Faktencheck.

 

Dicke Frau von hinten

Übergewicht und Schönheit – schließt sich das aus? Das war eine der Fragen in der Sendung.

Bei „Hart aber fair“ müssen wir noch nachkarten.

Die Sendung ist schon etwas her, vom 8.1.2018, ganz am Anfang des Jahres.

Aber was sein muss, muss sein – schließlich werden nach Silvester immer die Weichen für das ganze Jahr gestellt.

Wegen der guten Vorsätze.

Ab dem 1. Januar wollen alle nämlich plötzlich abnehmen – und das, obwohl weihnachtliche Festzeit, Ballsaison und Fastnacht zu erhöhter Lebensfreude aufrufen. Und man doch erst vor Ostern wieder fasten muss.

Aber flagellantischer Eifer befällt das Land und seine Redaktionen, daher drehte sich auch bei „Hart aber fair“ die erste Folge des Jahres um Übergewicht, Schlankheit, Körpernormen und Schönheitsideale.

Das Thema war aber auf links gedreht: „Wampe oder Waschbrettbauch – gibt es ein gutes Leben ohne schlechtes Gewissen?“.

Gemeint war das so:

„Der Vorsatz im neuen Jahr: Endlich abnehmen, schlank, sexy und gesund werden! Aber wer hat überhaupt eine Chance auf einen perfekten Modelkörper? Und wer macht ein Geschäft damit? Oder liegt das Glück in der Mitte – mit kleinen Speckfalten?“

Was soll die Frage? Natürlich liegt das Glück in der Mitte. Es liegt immer in der Mitte!

Das ist von Alters her bekannt und kann nicht anders sein. Daher war sonnenklar, was bei der Sendung herauskommt, nämlich nichts.

 

Kuschelrunde mit Wohlfühlansage

Trotzdem hatte Frank Plasberg dazu wieder Leute eingeladen: den Fitness-Coach Detlev D. Soost, den Vorstandsvorsitzenden einer Krankenkasse, außerdem ein üppiges Model, eine Ernährungswissenschaftlerin und einen wohlbeleibten Schauspieler mit Diäterfahrung.

Da saßen also die Richtigen beisammen, einerseits.

Andererseits saß man davor und kaute an der sich selbst erklärenden Frage. Sind Wampe und Waschbrettbauch die richtigen Alternativen? Und was steht für was? Der Waschbrettbauch für das gute Leben oder für das schlechte? Wofür steht die Wampe? Worum geht es, um Schönheit, Lebensstil oder Gesundheit?

Da sich die Runde mit dem Moderator aber völlig einig war, ist es müßig, das wirklich ergründen zu wollen.

Diskussion oder Kontroverse gab es nämlich nicht.

Alle Teilnehmer erklärten, dass es sinnlos ist, Schlanksein anzustreben, normal sei Schlankheit schon gar nicht, da die Mehrheit ja dick ist, außerdem sollten Menschen sich einfach mit ihrem Wohlfühlgewicht zufrieden geben und nicht auf die vielen falschen – schlanken – Vorbilder in den Medien achten, denn die erzeugen nur übermäßigen Druck.

 

Recht auf Unvernunft?

Es ist erstaunlich, welch hoher Konsens da herrschte.

Niemand, nicht einmal der Vorstandsvorsitzende der Techniker Krankenkasse und der einzige Arzt in der Runde, Jens Baas, trat konsequent für das Abnehmen oder auch nur Normalgewicht ein.

Baas ließ sich zwar im Einspielfilm als Bedenkenträger angesichts der Übergewichtswelle einführen, kam aber in der Sendung kein einziges Mal aus der Deckung.

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Stattdessen war er eifrig bemüht, sich möglichst liberal zu geben – nein, natürlich wolle eine Krankenkasse niemandem in die persönliche Lebensführung reinreden.

Am Schluss schoss er steile Parolen raus:

„Es muss ein Recht auf Unvernunft geben!“

„Wir sind nicht dafür da, dass wir die Gesellschaft erziehen.“

Ach nein? Wir finden ja, dass man das durchaus mal diskutieren könnte, und zwar gerade angesichts des riesigen Problems mit dem Übergewicht.

Aber auch angesichts des Drucks, der auf andere Akteure ausgeübt wird, etwa auf Handel und Lebensmittelindustrie, Schulen, Behörden und Familien – allen wird vorgeworfen, zu wenig gegen Übergewicht und viel zu wenig für gesundes Ernährungsverhalten zu tun.

Alle müssen da eigentlich ran. Warum sollten sich ausgerechnet die Krankenkassen, die so finanzstark und überdies im Besitz von Einflussmöglichkeiten und Expertise sind, zurücklehnen?

 

Gesundheitspopulismus zwecks Kundenfang

Außerdem haben sie einen Auftrag. Beim Bundesgesundheitsministerium klingt der so:

Aufgabe der § 1 Fünftes Buch Sozialgesetzbuch – Gesetzliche Krankenversicherung (SGB V) nennt als Aufgabe, die Gesundheit der Versicherten zu erhalten, wiederherzustellen oder ihren Gesundheitszustand zu verbessern sowie die Versicherten aufzuklären, zu beraten und auf eine gesunde Lebensführung hinzuwirken.

Damit hat die GKV einen umfassenden Auftrag von Gesundheitsförderung und Prävention über Krankenbehandlung bis hin zur Rehabilitation.
(Quelle: BMG)

Daher ist das mit dem angeblichen „Recht auf Unvernunft“ so eine Sache, die Herr Baas vielleicht besser begründen müsste.

Zumal, ebenfalls laut Sozialgesetzbuch, alle Bürger die Pflicht zur Mitwirkung haben. Machen, was man will und die Solidargemeinschaft zahlen lassen ist eigentlich nicht vorgesehen.

Baas spielt aber lieber den Gesundheitspopulisten.

Für sein angebliches Recht auf Unvernunft führt er Sportarten wie Bergsteigen, Skifahren oder Fußballspielen an. Die seien ja auch unvernünftig, da riskant. Trotzdem seien die Sportunfälle von der Krankenkasse versichert.

Bei so etwas wird Quarkundso.de sehr nachdenklich, sogar pingelig. Wir lieben deftige Vergleiche, aber hinken dürfen sich nicht. Das erscheint uns aber so, bei Herrn Baas.

Denn Sport treiben ist nicht unvernünftig – es ist vernünftig und gut für die Gesundheit.

Deshalb, wirft die Abteilung für Recht und Ordnung bei Quarkundso.de ein, ist es auch vernünftig, die dazugehörigen Risiken in Kauf zunehmen – ganz abgesehen davon, dass man sich sogar bei sanftem Sport wie Yoga verrenken oder auf dem Weg zum Nordic Walking die Treppe runterfallen kann.

Fußball, Beine eines Spielers in schwarzen Strümpfen

Ja, das kann schiefgehen. Aber nur auf der Couch sitzen aus Angst vor Verletzungen – ist das vernünftig?

Bei vielen verletzungsträchtigen Sportarten, könnte man argumentieren, federt die Solidargemeinschaft Unfallkosten ab, weil der Nutzen des Sports sowohl für den Einzelnen als auch für die Gesellschaft höher ist als wenn das Individuum gar keinen Sport treibt.

Zu suggerieren, aktive Fußballspieler oder Bergsteiger seien so unvernünftig wie Leute, die faulenzen und eine fette Wampe kultivieren oder rauchen und saufen, ohne sich um die Folgen zu kümmern, erscheint uns zumindest recht rabulistisch.

Und dass sich die größte Krankenkasse Deutschlands bei der Seuche der modernen Zivilisation, dem Übergewicht, lieber heraushalten möchte, ist schwer zu glauben.

Es stimmt auch nicht. Sie können sich ja nicht heraushalten. Das Lamento der Kassen über explodierende Kosten wegen des zunehmenden Übergewichts, der vielen teuren Magenoperationen und der ungeheuren Diabetes-Welle ist ohnehin notorisch.

Allerdings übt sich auch Quarkundso.de im verstehenden Ansatz, was Jens Baas angeht: Seinen Auftritt kann man ihm nicht vorwerfen. Denn er ist bei der Techniker Krankenkasse nicht nur Vorstandsvorsitzender, sondern auch Marketing-Chef – und mit strengen Abnehmvorschriften lockt man keine Kunden.

 

Übergewicht: „So dick war Deutschland noch nie“

Doch die Misere liegt klar zutage: „So dick war Deutschland noch nie“ überschrieb die DGE erst 2017 eine Meldung, und die Deutsche Adipositas-Gesellschaft warnte: „Übergewicht und Adipositas noch gefährlicher als angenommen – Neue Studien belegen Gefahren durch Übergewicht.“

Bei der DGE schildert man die Lage drastisch: „Im Erwachsenenalter ist nur noch eine Minderheit der Erwachsenen in der Lage, das Körpergewicht im Bereich des Normalgewichts zu halten“, sagt Ernährungswissenschaftler Helmut Heseker. In Zahlen ausgedrückt sind 59 Prozent der erwachsenen Männer und 37 Prozent der Frauen übergewichtig, mit Mitte 60 sind es sogar 74 Prozent der Männer und 56 Prozent der Frauen.

Im Schnitt sind also 65 Prozent der Deutschen, ob Mann oder Frau, am Ende ihres Berufslebens zu dick. Zwei von drei. Die Mehrheit.

Auch beim Robert-Koch-Institut kann man das nachlesen:

Übergewicht und Adipositas

Zwei Drittel der Männer (67 %) und die Hälfte der Frauen (53 %) in Deutschland sind übergewichtig. Ein Viertel der Erwachsenen (23 % der Männer und 24 % der Frauen) ist stark übergewichtig (adipös).“

Quelle Text und Grafik: RKI-Homepage

Bei „Hart aber fair“ spielen diese harten Fakten aber nur am Rande eine Rolle.

 

Wer hat hier das richtige Körpergefühl?

Stattdessen war man entschlossen, dem Thema die Brisanz zu nehmen und nur ein paar bedauernswerte Einzelfälle zu beklagen. Also genetisch vorbelastete Adipöse, die wirklich nichts dafür können und nicht leiden sollen.

Ansonsten gab es den Freifahrtschein für die Wampe nebst Seitenhieben auf die vielen Dummen, die sich vergebens im Fitnesskurs abstrampeln.

Auch die anwesende Ernährungswissenschaftlerin und Chefin des neuen Bundeszentrums für Ernährung, Margareta Büning-Fesel, war auf Wohlfühlkurs: Schlanke sind die falschen Vorbilder, macht euch bloß keinen Stress, so ihr erstes Statement.

Dabei schob sie am Anfang der Sendung Magerwahn, Schönheitsideale, Komplexe und falsche Körperideale von Frauen auf dünne Vorbilder, nämlich Models und Stars.

Plasberg hatte die Expertin zuvor gefragt, warum sich so viele Frauen – 60 Prozent, sagte er – zu dick fühlen:

60 Prozent aller Frauen fühlen sich zu dick…. wie kommt es zu so einem schlechten Körpergefühl vieler Menschen?“

Die Zahl mit den 60 Prozent wollte er aus einer Untersuchung der Deutschen Angestellten-Krankenkasse DAK bezogen haben. Die Quelle wurde in der Sendung angegeben, weswegen die Abteilung Dokumentation und Recherche von Quarkundso.de tätig wurde – Faktencheck. Dazu kommen wir gleich noch.

Laut den Zahlen für Übergewichtige jedenfalls, die man überall nachlesen kann, haben die Deutschen aber, anders als Plasberg meint, wohl kaum „ein schlechtes Körpergefühl“.

Das Gegenteil ist der Fall: Wenn sich wirklich 60 Prozent der Frauen zu dick finden, sehen sie die Sache richtig – sie sind wirklich zu dick. Und das ist ein Problem.

Solche Feinheiten interessierten im fest zementierten Konsens aber nicht. Und obwohl mindestens zwei der Anwesenden die Zahlen genau kannten, widersprach niemand.

 

Deutsche Durchschnittsfrau: 1,65 m groß bei Kleidergröße 44

Frau Büning-Fesel musste bei Plasbergs Frage jedenfalls keine Sekunde nachdenken:

„Naja, ich denke, zum einen liegt das daran, dass es viele Vorbilder gibt, bei Models eben, die sehr schlank sind, bei Stars, die sehr viel dünner sind als die Durchschnittsfrau, und das wird als Vorbild, als Ideal vorgestellt, und dann hat man das Gefühl „Ich bin nicht so schlank wie diese oder jene Person und möchte da gerne rankommen, möchte das umsetzen“. Aber die Bandbreite der möglichen Körpergewichte, die ist ja riesig … von daher wäre es toll, wenn es einfach mehr Vorbilder gibt, die eine größere Bandbreite darstellen, also von eher schlank bis eher mollig, um das als normal auch darzustellen. Also, das fände ich ganz wichtig, dass die Vorbilder einfach auch die normalen Körpergewichte, die normalen Körpergrößen abbilden.“

Die Frage ist schon schlecht, siehe oben.

Die Antwort ist zumindest unglücklich formuliert. Sie stellt in den Raum, dass bestimmte Akteure – Leute oder geheimnisvolle Organisationen – absichtlich Vorbilder und Ideale darstellen. So ist es natürlich nicht.

Dann rekurriert sie aber auch auf eine „Durchschnittsfrau“, die realistische Orientierung bieten sollte. Doch wer ist „die Durchschnittsfrau“ – das statistische Mittel, also das arithmetische? Kann das ein Richtwert sein? Und stimmt das mit dem medizinischen Begriff von Normalgewicht überein?

Eher nicht. Denn so sieht die deutsche Durchschnittsfrau im statistischen Mittel aus: 1,65 m groß, Kleidergröße 44, verkündete 2016 unter anderem Brigitte.de aufgrund von Zahlen des Statistischen Bundesamts.

Konfektion 44, das ist schon ziemlich ordentlich, wenn man unter 1,75 ist, sagen wir mal vorsichtig. Das ist Größe L, groß, nicht mehr M, mittel. Mit 1,65 ist man aber nicht groß.

Hm.

Schwer vorstellbar, dass diese „Durchschnittsfrau“ der Richtwert für das Normalgewicht sein soll.

Frau Büning-Fesel hat es vielleicht nicht so gemeint. Aber wie sie es gesagt hat, führt leider auf die falsche Fährte, nämlich zu einem trügerischen Begriff von „normal“. Der ist in der Sendung fest etabliert – die „normale Durchschnittsfrau“ trägt doch 44, warum schlanker sein?

So redet man ein Problem mit Zahlenspielen weg.

 

Schlanke als Vorbild – ist das so schlecht?

Das mit den falschen Vorbildern zielt aber auch auf die Medien. Nun ja, die verbreiten Bilder und zeigen schöne Menschen, das stimmt. Die meisten Schönen sind halt auch schlank. Schön und dick sind sie eher nicht, denn wer dick ist, gilt als weniger schön.

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Das ist so, in dieser Gesellschaft.

Daran sind nicht „die Medien“ schuld. Schlanke Menschen werden als attraktiver wahrgenommen, daran lässt sich nicht rütteln. Es gibt keine Umfrage, die je etwas anderes ergeben hätte.

Der Vorwurf an „die Medien“ – ihr zeigt die falschen Vorbilder! – und die Forderung an eine Erziehungsfunktion – jetzt zeigt endlich mal andere! – ist da eher unrealistisch.

Nicht ganz redlich ist es auch, ständig auf die Magersüchtigen und Essgestörten im Modelbusiness hinzuweisen, wie es etwa Jens Baas tut. Die gibt es ohne Zweifel.

Aber das gesundheits- und kostenmäßig weit größere Problem in Deutschland – und in ganz Europa sowie den USA – ist das Übergewicht. Davon ablenken, weil es auch ein paar Magersüchtige gibt, gilt nicht.

Worum es bei der Diskussion in der Sendung aber immer wieder geht, ist etwas anderes als das Körpergewicht, nämlich, ob man ein realistisches Selbstbild hat, eine realistische Wahrnehmung von der Welt und ob man sich unerreichbare Ziele setzt – Model werden, zum Beispiel.

Auch das ist keine Sache der Medien. Sondern eher der Persönlichkeitsentwicklung und der Fähigkeit, sich selbst einschätzen zu können.

Zu diesem Punkt hätte Plasberg vielleicht noch eine Soziologin, Psychologin oder Kulturwissenschaftlerin einladen sollen, die sich damit beschäftigt, warum Frauen seit Jahrtausenden stärker an bestimmten Schönheitsidealen gemessen werden und einer härteren Bewertung ihres Äußeren unterliegen als Männer.

Stattdessen schießt sich die Runde auf angeblich falsche Vorbilder ein. Dabei hätte auch jemand fragen können: Warum sollen eigentlich Schlanke das falsche Vorbild sein? Sind sie nicht eher – angesichts der Übergewichtskatastrophe – das richtige Vorbild?

Tja. Auf dieser ketzerischen Überlegung bleiben wir sitzen.

 

Sozial erwünschte Antworten

Mann in Sportkleidung macht Planken-Übung auf Mauer

Fitness lohnt sich, findet zumindest Detlev D. Soost.

Denn der Moderator antwortet auf Büning-Fesel: „Was ist normal? Das muss ja jeder erstmal auch für sich entscheiden…“

Hier werden wir wieder pingelig.

Denn so ist es eben nicht. Per definitionem – was normal ist, entscheidet genau nicht der Einzelne „für sich“.

Im Fall des Körpergewichts entscheiden zum Beispiel Ärzte und wissenschaftliche Einrichtungen, Versicherungen und Arbeitgeber.

Oder Designer von Flugzeugsitzen.

Detlev D. Soost, der Sportunternehmer, hatte in der Runde, was das angeht, den Schwarzen Peter: Er verdient Geld mit Fitnessprogrammen, für die er den Slogan „I make you sexy!“ verwendet.

Dafür musste er sich bei Frank Plasberg unentwegt rechtfertigen. Ob denn nur Schlanke sexy seien? Ob denn ein Waschbrettbauch nötig sei, um sexy zu sein? Ob denn alle einen Waschbrettbauch bräuchten? bohrte Plasberg an ihm herum.

Soost wand sich nach Kräften. Sein Geschäftsmodell konnte er natürlich nicht verleugnen. Aber als Spaßbremse wollte er auch nicht dastehen.

So zog er sich auf sicheres Terrain zurück, mit weichgespülten Botschaften: Natürlich sind alle sexy, egal, ob dick oder dünn. Es kommt auf den Einzelnen an. Was der oder die will. Wie man sich fühlt, ob man sich im Spiegel ansehen mag. Auf jeden Fall ist jeder okay so, wie er ist.

Das war so anregend für die Debatte wie eingeschlafene Füße und eine Binse, die der mit „falschen Vorbildern in den Medien“ vollkommen entsprach.

Schade, dass Soost nicht stärker für das eingetreten ist, was er macht.

Für ein erfolgreiches Fitness-Unternehmen muss man sich nicht entschuldigen und hey, ist doch super, dass es Menschen gibt, die schlank und fit sein wollen!

Das soll nämlich unter anderem gesund sein.

So aber wirkte die ganze Sendung wie eine Serie von sozial erwünschten Antworten, in denen jeder das von sich gab, was er glaubte liefern zu müssen: Es ist egal, wie man aussieht! Diäten machen unglücklich und dick! Schlanksein ist Terror! Wohlfühlbauch ist schön! Lasst euch nichts einreden! Bleib wie Du bist! Alle sind okay!

Und das, obwohl sie es in vielem besser wissen.

Interessanterweise hielt dabei nicht nur Moritz A. Sachs, der Schauspieler, 20 Kilo Übergewicht im Grunde für harmlos. Auch die beiden Fachleute in der Runde erklärten Übergewicht für unbedeutend, wenn es sich nicht gerade um extreme Fettleibigkeit handelt.

Zahlen und Studien sagen zwar etwas anderes, siehe oben.

Aber im ARD-Studio herrschte am, 8.1.2018 der Zwang zum Wohlfühlbauch. Kronzeugin dafür war Angelina Kirsch, das Curvy Model. Die gab ungefiltert wieder, was sie denkt und tut, zum Beispiel, dass sie noch nie eine Diät gemacht hat.

Kann man ihr glauben. Aber hochwahrscheinlich denkt, sagt und tut sie in 10 Jahren etwas anderes. Dann kommt sie nämlich in das Alter, in dem auch sie auf die Kalorien achten muss, um in Form zu bleiben.

 

Faktencheck: Wie war das mit den 60 Prozent?

Am Schluss steht bei „Hart aber fair“ immer der Faktencheck. Bei uns auch. Die Abteilung Dokumentation und Recherche von Quarkundso.de hat sich also die Untersuchung angesehen, die Plasberg zitiert hat.

Dazu gibt es in der Sendung einen Einspielfilm, in dem es wörtlich heißt: „Das eigene Gewicht, das ist für viele Frauen ein Problem – 60 Prozent finden sich zu dick.“

Das sind die Frauen, von denen Plasberg in seiner anschließenden Frage an Frau Büning-Fesel meinte, sie hätten ein „schlechtes Körpergefühl“. Angeblich stammt die Zahl aus einer Untersuchung der DAK, der Deutschen Angestellten Krankenkasse, im Beitrag ist die Quelle angegeben, hier der Screenshot:

 

Grafik mit Schrift "60 Prozent" und Quelle: XXL-Report DAK

Screenshot: Einspielfilm mit Zahlen und Quellenangabe bei Hart aber fair vom 8.1.2018

 

Der sogenannte XXL-Report der DAK steht im Internet, es ist eine repräsentative Befragung unter 1006 Männern und Frauen, durchgeführt von Forsa. Gefragt wird nach Körpergewicht, Aussehen und Meinungen zu Fettleibigkeit.

Was Plasberg gesagt hat – „60 Prozent der deutschen Frauen fühlen sich zu dick – warum haben so viele Menschen ein schlechtes Körpergefühl?“ – steht in den Ergebnissen aber nicht drin.

Wir haben es jedenfalls nicht gefunden. Wir haben folgendes gelesen:

„Die große Mehrheit der Befragten gibt an, dass es vollkommen bzw. eher zutrifft, dass sie sich in ihrer Kleidung gefallen (81 %) bzw. dass sie im Großen und Ganzen mit sich selbst zufrieden sind (73 %). 62 Prozent mögen ihr Aussehen so wie es ist.

Außerdem das:

„Normalgewichtige geben häufiger als unter- oder übergewichtige Befragte an, dass sie sich in ihrer Kleidung gefallen, im Großen und Ganzen mit sich selbst zufrieden sind, ihr Aussehen so wie es ist mögen, die meisten Menschen sie als gutaussehend bezeichnen würden und dass ihr Körper sexuelle Ausstrahlung hat.

Übergewichtige Personen meinen deutlich seltener als unter- oder normalgewichtige, dass sie ihr Aussehen mögen, wenn sie nichts anhaben. Häufiger sind Übergewichtige zudem unzufrieden mit ihrem Körperbau.“

Und das:

„Jeder Dritte (34 %) denkt, er sei normalgewichtig. Über die Hälfte der Befragten hält sich für etwas (45 %) oder sehr (15 %) übergewichtig.“

Falls wir jetzt keinen Brief von der „Hart aber fair“-Redaktion bekommen, bleibt es bei unserem Befund: Die Befragten schätzen sich sehr realistisch ein. Über die Hälfte aller Deutschen ist tatsächlich zu dick.

Von den befragten Frauen fanden sich im DAK-Report aber nicht 60 Prozent zu dick. Diese Zahl steht nirgendwo.

Wir lassen uns allerdings gerne belehren. Vielleicht bessert die Redaktion aber auch im eigenen Faktencheck nach. Es wäre ja nicht das erste Mal.

©Johanna Bayer

Hart aber fair vom 8.1.2018

 

7 Gedanken zu „Hart aber fair in der ARD: Schluss mit Abnehmen, alle sind okay wie sie sind! Wirklich?

  1. Stefan

    Von einem extrem ins nächste, entweder dick oder schlank. Wieso begreifen die Menschen nicht endlich mal das da auch noch ein wunderbares Mittelmaß existiert?!
    Ich selbst wiege um die 110-120 Kilo bei 207 Zentimeter an Körpergröße und habe zudem etwas an Bauch sowie Speck auf den Hüften, bin also werde dick noch schlank und somit irgendwo dazwischen.

    Bin ich deswegen nun krank oder näher an irgendeiner Krankheit dran? Nein, weil ich Sport mache und mich reaktiv gesund ernähre und dennoch so gut im Futter stehe. Weil ich so mich wohlfühle.

    Sixpack hatte ich schon mal vor Jahren genau so wie die klassische V Form beim Mann von den Muskeln her, das sah zwar toll aus aber fühlte sich nicht gut an für mich. Jetzt ist mein Sixpack sozusagen inkognito und mir geht es gut damit.

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  2. Nini

    Liebe Quark&So, was genau soll dieser Beitrag? Es ist gut, dass in den Medien mal ankommt, dass jede Körperform okay ist! Völlig unabhängig von den Gesundheitskosten. Die bei allen Sportlern höher sind – wo genau liegt der Nutzen für die Gesellschaft, wenn jemand Freeclimbing betreibt und vom teuren Rettungshubschrauber gerettet werden muss? Man sollte aufhören, alles gegeneinander aufwiegen zu wollen. Sonst kann man ja auch gleich Alkohol und Tabak verbieten oder die sich am Horizont anbahnende Marihuana-Legalisierung begraben.

    Diese Dicken-Dämonisierung, die ihr hier auch fröhlich betreibt, hilft niemandem beim Abnehmen, eher im Gegenteil. Sie kann zu psychischen Problemen beitragen, die zu mehr Essen führen, etc. Ja, es ist für die Gesundheit förderlich, kein zu großes Übergewicht zu haben (zu geringes Gewicht ist jedoch auch schädlich) – aber man sollte sich trotzdem in *jedem* Gewichtsstadium wohl in seiner Haut fühlen können und dürfen und nicht weiter eingeredet bekommen, wie abstoßend Größe 44+ ist.

    Antworten
    1. Johanna Bayer Beitragsautor

      Liebe Nini,
      der Beitrag soll zeigen, dass es verschiedene Körperformen gibt, aber dass Übergewicht nicht harmlos ist. Das zeigt der Beitrag auch mit Zahlen und Zitaten und so. Er zeigt außerdem, dass manche Leute lieber in der Öffentlichkeit populistisch argumentieren, obwohl sie es besser wissen und woanders auch sagen. Er zeigt zudem, dass WHO, DGE, Ärzteverbände, Behörden und Politiker ständig über die Übergewichtsepidemie lamentieren, obwohl in Fernsehstudios erklärt wird, Größe 44 sei doch gar kein Problem und die Normalität seien nun mal übergewichtige Menschen. Soll man WHO, DGE, Ärzteverbänden und Politikern denn sagen, dass das Problem erledigt ist?
      Was wir von Quarkundso.de allerdings nicht tun, ist, dass wir Dicke „dämonisieren“. Das liegt uns fern. Wir sagen gar nichts über Dicke. Wir sagen nur was über Übergewicht und Normalgewicht, und über ein paar Argumente.

      Antworten
    2. Madame Graphisme

      Falls „Dicken-Dämonisierung“ dazu führt, dass in den Medien deutlicher über die gesundheitlichen Folgen von Übergewicht gesprochen wird … dann immer her damit, bitte! Ich hätte nie abgenommen, wenn mir nicht drastisch vor Augen geführt worden wäre, was ich meinem Körper damit langfristig antue.
      Die Glacé-Handschuhe, mit denen derzeit eine Wohlfühlwolke des „jeder ist total super, auch wenn er keine drei Kilometer mehr laufen kann“ herbeigewedelt wird, bringen da möglicherweise nichts.
      Und um die Folgekosten einer Diabetes-, Herz/Kreislauf- oder übergewichtsinduzierten Krebserkrankung zu erreichen, müsste so ein Extremsportler praktisch täglich vom Matterhorn kugeln!

      Klar soll niemandem „nimm ab, Du fetter Wurm“ hingebrüllt werden. Aber weniger Sand in die Augen („Health at any size“ … nein) ist eine gute Sache.

      Und „Körperform“ ungleich „Körpermasse“! Nicht jeder muss wunderschön sein, symmetrische Gesichtszüge, gleichmäßige Gliedmaßen und eine Sanduhr-, respektive Schwimmerfigur haben. DAS ist die echte Body Positivity! Es ist okay, eine krumme Nase oder Pigmentstörungen zu haben. Es ist kein Grund, sich schlecht zu fühlen, wenn man kurze Beine hat. Aber es gibt keinen Grund, bewusst in einem Körperfettbereich zu bleiben, der eben diesen Körper langsam zerstört.

      Von daher: Respektvoll-freundliche Aufklärung, Hilfe beim Abnehmen, Bewusstmachen der Risiken. Super Sache!

      Antworten
  3. dzp-nerd

    Danke für den Beitrag, ich habe die Sendung damals gesehen und war ebenfalls enttäuscht.

    Wenn ich mich recht erinnere, hat der gute Herr Baas am Anfang der Sendung jedoch sehr wohl differenziert zwischen a) der subjektiven Zufriedenheit mit dem eigenen Körpergewicht und der daraus resultierenden gesellschaftlichen Stigmatisierung und b) den gesundheitlichen Folgen von Übergewicht.

    Leider drehten sich 99% der Diskussionen um a) weshalb man die Sendung auch getrost ins Nachmittgasprogramm von RTL hätte verorten können. Da ist man von Plasberg besseres gewohnt.

    Antworten
  4. Sebastian Frey

    Vielen Dank für diese Sezierung einer anscheinend schwachen Plasberg-Sendung (ich habe sie nicht gesehen).

    Ein paar Anmerkungen habe ich dazu:
    1. Bei Sportlern, die in einem Verein aktiv sind (und das sind Fußballspieler in aller Regel) zahlt nicht „die Allgemeinheit“ die Verletzungskosten, sondern die Sportversicherung. Die wiederum finanziert sich durch Beiträge der Vereine und Verbände (ob zu 100 % weiß ich nicht). Zu behaupten, alle müssten für Sportverletzungen zahlen, ist gerade in Bezug auf Fußball irreführend und die Gleichsetzung mit Bergsteigen falsch. Darauf hätte der GKV-Gast durchaus hinweisen können, wenn er gewollt hätte.

    2. Die Zahl 60 % hat sich Plasberg vermutlich aus dem letzten Zitat genommen.
    „Über die Hälfte der Befragten hält sich für etwas (45 %) oder sehr (15 %) übergewichtig.“
    45 % + 15 % = 60 %.
    Inwiefern das mit „zu dick“ gleichzusetzen ist, ist anhand der anderen Zahlen, nach denen die Mehrheit mit ihrem Gewicht zufrieden ist, sehr fraglich. Der Einwand, dass letztlich ja auch fast so viele Frauen zu dick sind wie sich für „zu dick“ halten und das für ein gutes Körpergefühl spricht, ist natürlich so oder so vollkommen berechtigt.

    3. Ich finde es traurig, dass die im WDR durch ihre kritische Haltung und konsequent durchgesetzte Regeln („Sie sind jetzt aber nicht dran mit Reden“) bekannt gewordene Sendung „HART aber fair“ in der ARD so windelweich geworden zu sein scheint. Vielleicht ist das aber auch nur ein unrühmlicher Aussetzer.

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    1. Johanna Bayer Beitragsautor

      Danke, und schau Dir halt die Sendung mal an, wäre doch interessant. Ansonsten nur kurz: Die gesetzliche Krankenversicherung kommt meines Wissens auch bei Fußball und allen anderen Vereinssportarten für die direkten Behandlungskosten auf. Eine Sportversicherung über den Verein kommt zusätzlich ins Spiel, als Unfallversicherung, längere Reha, Berufsunfähigkeit etc.
      Woher die Rechercheure von Plasberg die Zahl genommen und was sie interpretiert haben – keine Ahnung. Vielleicht erfahren wir es ja noch 🙂
      Rest: Tja. Vielleicht etwas amtsmüde, der Herr P. Und es gibt vermehrt populistische Tendenzen im guten alten Rotfunk, auf eine Weise, die der argumentativen Schärfe nicht wirklich gut tut. Die letzte Folge zum Fall Wedel und der #Metoo-Debatte war auch befremdlich. Aber das soll hier nicht auch noch Thema sein.
      Viele Grüße!

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