ARTE und die große Zuckerlüge: Warum wir uns das nicht sagen lassen müssen

 

ARTE wiederholt seine große Doku „Die Zuckerlüge“ und macht damit mächtig Stimmung gegen das „weiße Gift“. Doch als Journalismus kann das streng genommen nicht durchgehen, das ist kalkuliertes, hoch emotionales Dokutainment. Außerdem spielt die ganze Chose in Amerika und Kanada. Und da gehen die Uhren bekanntlich anders als bei uns – besonders, was Ernährung angeht. 

 

Drei Zuckerwürfel vor weißem Hintergrund.

Zucker – seit Jahrzehnten unter den üblichen Verdächtigen. Aber ist Zucker wirklich „Gift“? Bild: Pixabay

Ich beziehe sofort Stellung, gleich am Anfang: Zucker ist mir egal.

Echt. Es gibt Lebensmittel, die mir nicht so egal sind, Butter zum Beispiel. Ohne Butter könnte ich nicht leben.

Oder glibberiges Rührei als Gegenpol, das garantiert ein Trennungsgrund ist, wenn mir das einer auf den Teller klatscht.

Wenn ich wählen müsste, welche Geschmacksrichtung ich entbehren könnte – unter süß salzig, sauer, bitter, umami, fett und scharf würde ich den Süßgeschmack wählen. Darauf könnte ich für den Rest meines Lebens verzichten.

Natürlich nur zur Not. Ab und an was Süßes ist schon schön.

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Das mal vorab. Ich kann mich also nicht an dem großen Zucker-Bashing beteiligen, weil mir Zucker wurscht ist.

Ich fühle mich auch weder als Opfer der Industrie noch als betrogene Verbraucherin, die nicht weiß, worin überall Zucker steckt. Zum Glück bin ich auch keine heimlich Abhängige, die schuldbewusst gestehen muss, dass sie nur mit bunten Industrieschaumstoffen in der Schublade arbeiten kann.

Ich kann mit Zucker leben und auch ohne – wahrscheinlich. Sicher ist das nicht. Denn dem Zucker kann man nicht entgehen.

Das sagt ARTE. Der Kultursender hat 2015 eine große Dokumentation gebracht, über Zucker. Genauer: einen Film gegen Zucker. Eine Brandrede, ein flammendes Pamphlet.

In diesem Politkrimi mit allen Schikanen gibt es grauenvolle Verschwörungen, gekaufte Wissenschaftler, finstere Machenschaften der Industrie, korrupte Ministeriale, verschollene und wieder aufgetauchte Dokumente, raffinierte PR-Tricks und Lügen-Kampagnen der Konzerne, entlarvende Werbeclips, erst jetzt entdeckte Akten und minutenlange Archivaufnahmen von alten Sendungen aus dem US-Fernsehen. In denen fallen sich industrienahe und –ferne Forscher gegenseitig ins Wort.

Auch der aalglatte Ancel Keys wird vorgeführt, der Mann, der mit seinen gefälschten Studien vor 60 Jahren die fatale Anti-Fett-Doktrin ausgerufen hat.
Befeuert ist das Ganze von zwei Protagonisten, dem Wissenschaftsjournalisten Gary Taubes und dem Forscher Robert H. Lustig, einem Neuroendokrinologen, der übergewichtige Kindern behandelt. Beide peitschen durch den ganzen Film genau eine These: Zucker ist Gift und wir sind Opfer der Industrie.

 

„Zucker gehört zum Leben“ ist auch bei Robert H. Lustig das Fazit

Streng genommen geht sowas eigentlich nicht mehr als Journalismus durch – das ist kalkuliertes, hoch emotionales Dokutainment vom Kaliber „Supersize me“. Von dem glauben inzwischen die meisten, dass er ein Fake war, unter anderem, weil ein Forscher den angeblichen Versuch von Morgan Spurlock im Labor mit Probanden nachgestellt hat und etwas ganz anderes herauskam.

Einig ist man sich darüber, dass „Supersize me“ ein Problem aufs äußerste Extrem zuspitzt und zum Nachdenken anregt – aber mehr auch nicht. Er bietet keine Lösungen, suggeriert falsche Zusammenhänge und bedient vorgefasste, oberflächliche Meinungen.

So ist es auch mit den Lügen über Zucker bei ARTE.

Mehr ist inhaltlich darüber eigentlich nicht zu sagen. Gewährsmann Robert H. Lustig, der Anti-Zucker-Forscher der Sendung, sagt es am Ende in aller Gemütsruhe selbst, bei TC 1:16:

„Eine gewisse Menge ist schon in Ordnung, und Zucker gehört zum Leben.“

Die Kulturkuschler von ARTE schießen ungewohnt scharf

Vorher aber erspart uns ARTE nichts bei seiner großen „Zuckerlüge“. Schon vor dem Film steigt die Moderatorin steil ein und dekretiert im Studio: „Zucker ist Gift und Essen kann tödlich sein.“ Das ist der Sache nach von der bestechenden Logik eines alten Ärzte-Kalauers: Jeder, der gegessen hat, ist irgendwann gestorben.

Dass ARTE so scharf schießt, ist erstaunlich, so kennt man die weichgespülten Multi-Kulti-Kulturkuschler eigentlich nicht. Schon im Ankündigungstext im Internet heißt es: „Wie hat es die Lebensmittelindustrie geschafft, dass wir uns diese Frage nicht mehr – oder viel zu selten – stellen?“

Da möchte man doch gleich mal zurück fragen: Ja, wieso denn die Industrie? Hat die das ganz alleine geschafft? Und wer sagt eigentlich, dass „wir“ uns diese Frage nicht stellen?

Erstens stellen wir uns diese Frage pausenlos, hier in Europa. Seit bestimmt 200 Jahren. Seit dem frühen 19. Jahrhundert sind Naturheilkundler, Ärzte und Diätpäpste gegen Zucker auf dem Feldzug – sie haben in vielem Recht und ihre Botschaften finden sehr wohl Gehör.

Es sind schon so viele Wellen von Zucker-Hysterie durchs Land gegangen, dass man dieser Tage geradezu erleichtert ist, wenn mal ein anderes weißes Lebensmittel von den Gesundessern verdammt wird. (Gerade haben sie neben Zucker, Salz und Weißmehl die Milch am Wickel, zu Unrecht, übrigens).

 

Internationale Einigkeit über Zucker

Zweitens gibt es wohl beim Essen keinen Konsens unter Eltern, Großeltern, Lehrern, Kinderärzten, Zahnmedizinern, Internisten, Diabetologen, Politikern oder sonst Zuständigen, der eindeutiger wäre:

Bitte nicht zu viel Zucker! Vorsicht vor Limos und Süßgetränken!

Kein Lebensmittel steht so bombenfest auf der schwarzen Liste, da kommen sogar die üblichen Verdächtigen Schweinefleisch, Salz, Fett, Kaffee und Weißmehl nicht dran. Nicht einmal die Volksdroge Alkohol, der öfter mal günstige Wirkungen zugeschrieben werden. In Maßen, natürlich.

Was den Zucker angeht, stehen also die Warnungen schon seit 60 Jahren in den Ernährungsratschlägen. Ebenso lange sind in den anschaulichen Esspyramiden Zucker und Süßkram nach ganz oben an die Spitze verbannt, mit dem dicken Warnhinweis, sie möglichst selten zu genießen.

Auch hat die WHO schon 2015 die Zufuhr-Empfehlung für Zucker von 12 auf 6 Teelöffel am Tag gesenkt. Das ist weniger als in einer Dose Cola enthalten ist. In ihrer Begründung gibt die WHO an, dass sie damit die Gefahr von Übergewicht und Karies eindämmen will.

Eindeutiger geht es kaum.

 

Wer hat eigentlich das größte Problem?

Trotz dieser allgemeinen Einigkeit macht ARTE in seiner „Zuckerlüge“ ein Riesenfass auf. Sicher ist nicht unerheblich, dass die Doku eine teure internationale Gemeinschaftsproduktion von ZDF/ARTE mit französischen und kanadischen Sendern ist. Für so einen Hochglanz-Dreh muss die Werbetrommel ordentlich gerührt werden. Gut wirkt es dabei, wenn der Sender offensiv hinter der Botschaft steht. Das passt ja auch zu seinem öffentlichen Auftrag – Bildung, Aufklärung, kritische Berichterstattung.

Von der Machart her ist der Film neueste Doku-Kunst, gestrickt von zwei kanadischen Filmemacherinnen. Zufällig treten auch nur Protagonisten aus den USA und aus Kanada auf. Und wenn man das bedenkt, dann riecht man den Braten: Aha, von daher weht der Wind, aus TTIP-CETA-Land.

Die haben nämlich ein Problem.

Ihre falsche Landwirtschafts- und Ernährungspolitik, ihre Industrie- und Marktgläubigkeit, die Ungleichheit in der Gesellschaft und nicht zuletzt ihre verwahrloste Esskultur haben dazu geführt, dass in den USA und Kanada das Problem Übergewicht mit allen Folgeschäden total aus dem Ruder läuft.

Sie haben Angst.

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Denn das Ruder können sie jetzt schon nicht mehr rumreißen. Die durchschnittliche Lebenserwartung in den USA liegt seit Jahren signifikant unter der von West- und Südeuropa, und sie steigt nicht mehr, im Gegensatz zu West- und Südeuropa.

In den USA liegt die Anzahl der extrem Fettleibigen so hoch wie nirgendwo in der Welt, sieht man mal von ein paar pazifischen Inseln ab, deren Esskulturen übrigens vorher von US-Konzernen ruiniert wurden.

In Kanada hat sich die Anzahl der Diabetiker in den letzten 10 Jahren drastisch erhöht: Fast 10 Millionen Kanadier haben Diabetes oder eine Vorstufe davon, sagt die kanadische Diabetesgesellschaft. Zwar liegt das angeblich auch an vielen asiatischen Einwanderern, die genetisch anfällig für Diabetes sind. Aber das schmälert die Tragödie nicht – bei knapp 35 Millionen Einwohnern sind 10 Millionen Betroffene fast ein Drittel der Bevölkerung, knapp 30 Prozent.

Auch in den USA ist schon ein Drittel der Bevölkerung betroffen, wenn man die diagnostizierten Diabetiker vom Typ 2 mit denen zusammenzählt, die eine Vorstufe von Diabetes haben.

Zum Vergleich: Selbst unter den im europäischen Vergleich dicken Deutschen liegt die Anzahl der Diabetiker und der Menschen mit Prädiabetes zusammen ungefähr bei 10 Prozent, in Frankreich und Italien weit niedriger, um die 6 Prozent.

Das ist wahrlich dramatisch – für die USA und Kanada, versteht sich.

 

Europa kann noch gegensteuern

Ganz ohne Schadenfreude kann man erstmal eines festhalten: Zum Glück ist es in Europa nicht ganz so schlimm.

Noch nicht, wohlgemerkt – es besteht kein Grund zur Verharmlosung, und der weltweite Übergewichts- und Diabetes-Zuwachs muss natürlich dringend bekämpft werden. Aber klar ist auch: In den europäischen und vielen anderen Ländern gibt es offensichtlich trotz Zuckerkonsums einige Schutzfaktoren, anders als in den USA und Kanada.

Welche das sind, damit müssen wir uns dringend beschäftigen, und sie vor allen Dingen erhalten.

Derweil müssen die Amerikaner und Kanadier mit ihrer eigenen Krise zurecht kommen. Mit ihrer Industrie, ihren Ernährungsgewohnheiten, ihrem Stress, ihrer auseinanderdriftenden Gesellschaft, ihren dicken Kindern, ihren Millionen von Extremfettleibigen, ihrem Fast Food, ihrer Coca-Cola, ihren Donuts, Bagels, Marshmellows, Tuben-Käsecremes und dem ganzen – Pardon – Dreck, den sie essen und trinken.

Sicher ist es trotzdem nützlich, wenn in diesem Film Wissenschaftler und Journalisten auch dem Rest der Welt vorsorglich einen Schrecken einjagen.

Aber egal, welche unterhaltsamen Archivschinken die Filmemacher ausgraben, in der ganzen Doku gibt es keine einzige neue wissenschaftliche Erkenntnis oder bahnbrechende Studie, die die Lage völlig gedreht hätte und die Aussage rechtfertigt: Zucker ist Gift.

 

Kein einzelnes Lebensmittel ist Schuld an allem

Über Zucker ist schon seit Jahrzehnten genug bekannt bekannt, insbesondere über die schädliche Rolle von Fruchtzucker und Säften. Allen erdenklichen Hinweisen sind – unabhängige – Forscher schon nachgegangen, darunter auch der These, dass Zucker süchtig macht.

Für Essgestörte und bestimmte Übergewichtige gibt es da sogar ein Gefährdungspotenzial, das man – für diese Gruppe – ernst nehmen muss. Aber das gilt nur unter speziellen Bedingungen. Niemand wird traditionelle Lebensmittel wie Zucker, Schokolade, Kuchen und Süßigkeiten verbieten, weil sie bei falschem Gebrauch Schaden anrichten können.

Das gelingt ja nicht einmal bei den wirklich schädlichen Drogen Alkohol und Nikotin, wo es für ein Verbot viel mehr Gründe gäbe. Einen solchen Eingriff in den kulturell begründeten Lebensstil von Menschen wagt bisher keine Regierung.

Fakt ist: Menschen brauchen keinen Zucker. Aber viele lieben ihn. Das ist ein Problem.

Auch ist es tatsächlich Stand der Wissenschaft, dass kein einzelnes Lebensmittel verantwortlich wäre für Übergewicht, Diabetes, Krebs und Herzinfarkt. Und das geht keineswegs auf die Industrie zurück.

Trotzdem gibt es immer wieder Beseelte und Aktivisten, die versuchen, solche Anklagen zu lancieren, ich sehe sie vor mir: Fleischgegner drehen schon einen Film gegen Fleisch, Veganer wünschen einen gegen alles vom Tier, Paläo-Steinzeitfans planen ein Splatter-Movie gegen Getreide, Milch und Hülsenfrüchte, die Anti-Gluten-Fraktion arbeitet an einem Gruselschocker speziell gegen Weizen und der SPD-Gesundheitsexperte Lauterbach bereitet einen Horrorfilm über Salz vor.

 

Sie können uns nichts Neues sagen

Marshmellows, auch Mäusespeck genannt, rosa, gelb und weiß.

Ein amerikanischer Klassiker – und das ist keine Überraschung: Zuckerschaum. Bild: Pixabay

Interessanterweise dreht sich aber die ganze „große Zuckerlüge“ auf ARTE eigentlich nicht um die Wissenschaft.

Sondern um die angeblich bösen Machenschaften der Zucker-Lobby und ganz allgemein um die amerikanische Ernährungs- und Gesundheitslage.

Das kritisch zu beleuchten ist nicht uninteressant und durchaus lobenswert, im Übrigen auch das Steckenpferd des verdienten Journalisten und Wissenschaftskritikers Gary Taubes.

Aber das anderthalbstündige Industrie-Bashing wirkt zu dramatisch und einseitig, die Vergleiche mit dem Tabak-Problem an den Haaren herbei gezogen. Denn gegen das suchterzeugende Gefäßgift Nikotin und die gefährlichen Verbrennungsprodukte in Zigaretten ist Zucker fast ein Waisenkind.

Daher lautet ja der internationale Konsens wie oben beschrieben: Kann man essen. Gelegentlich. Vorsicht vor Übergewicht.

 

Warum keine europäischen Experten?

Ein anderer Eindruck drängt sich auf. Wie es scheint, ist die Grundannahme des Films und der Protagonisten: „Amerika ist die Leitkultur. Von dort kommt alles. Alle übernehmen amerikanische Gewohnheiten, was dort läuft, läuft spätestens 10 Jahre auch anderswo.“

Vermutlich ist das der Beweggrund für den Sender ARTE. Oder warum verkauft sie uns die „große Zuckerlüge“ so offensiv? Relevant wäre das Thema im ARTE-Sendegebiet aber mit europäischen Zahlen, europäischen Verhältnissen und europäischen Experten gewesen. Es hätte dann auch viel mehr Aspekte gegeben, andere Forschung und möglicherweise auch einige Lösungsperspektiven.

Am Ende des Films steht dafür übrigens das Plädoyer für „richtiges Essen“ statt Zucker, Fastfood und amerikanischen Fertiggerichten. Das ist schon sehr amüsant, wenn Amerikaner dem Rest der Welt erklären wollen, dass der von ihnen erfundene Industrieramsch nicht so gut für die Gesundheit ist. Wohlgemerkt, nachdem sie vorher die Welt damit überflutet haben.

Also, über „richtiges Essen“ brauchen sich die Europäer, besonders in Ländern mit tief verwurzelter Esskultur wie Frankreich und Italien, weiß Gott nichts erzählen zu lassen. Im Übrigen ist Frankreich der größte Zuckerproduzent in der EU. Die dortige Industrielobby kann aber scheinbar bei Weitem nicht so viel Böses anrichten wie ihr Pendant in Amerika. Ein interessanter Unterschied.

 

Persönliche Missionen – und ein paar Fragen

Und was bleibt jetzt übrig von den Zuckerlügen? Der Kern der Doku ist die historische Aufarbeitung der Debatten rund um das falsche Anti-Fett-Dogma aus den 1960er und 1970er Jahren. Danach wurden Zucker und besonders Fruchtzucker als harmlose pflanzliche Geschmacksstoffe aufgebaut, weil Fett als Geschmacksträger fehlte.

Dass tierische Fette und gesättigte Fettsäuren inzwischen wissenschaftlich freigesprochen sind, wäre ein anderes wichtiges Thema gewesen, für das im Übrigen wieder verdienstvoll Gary Taubes steht. Es kommt hier zu kurz, weil der Fokus auf Zucker liegt. Schade eigentlich.

Was noch vom Storytelling im Film übrigbleibt, sind die persönlichen Missionen der Protagonisten. Robert H. Lustig will fettleibige Kinder heilen, das ist absolut richtig. Und besonders der Konsum von Süßgetränken ist bei ihnen scheinbar ein echtes Problem. Da widerspricht ihm niemand mehr ernsthaft, und es könnte viel mehr dagegen getan werden.

Gary Taubes hat aber noch viel mehr vor, was er im Film nicht sagt: Er gehört der Low-Carb-Fraktion an und versucht jetzt, selbst in die Forschung einzusteigen. Von Haus aus ist Taubes Physiker, aber er will in einem eigenen Institut nichts weniger als endlich alle Rätsel der Ernährungswissenschaft lösen.

Erklärtes Ziel: die eine gesunde Ernährung für alle finden. Vermutlich wird ihm das nicht gelingen, jedenfalls nicht so schnell.

Garantiert hat er Recht damit, dass insgesamt der Kohlenhydrat-Anteil  in den Nahrungsmittelempfehlungen viel zu hoch ist. Das ist aber eine viel komplexere Diskussion, in der bei Weitem nicht die Industrie alleine der Schuldige ist.  Einseitig den Zucker und die Industrie-Lobby anzuklagen ist leichter und plakativer, aber zu vordergründig.

 

Kunstprodukte aus den USA: bitte nicht

Donut mit rosa Zuckerguss

Import aus den USA: Donut mit Zuckerguss und Farbstoff

Was noch vom Film übrig bleibt, ist eine zentrale Frage: Wenn man eingeführte und traditionelle Lebensmittel schon nicht verbieten kann oder will – wie bringt man Menschen zu einem maßvollen Konsum?

Und da geht es erst richtig los: Wie kann man das Ernährungsverhalten beeinflussen oder „verbessern“?

Geht das überhaupt?

Wie erzieht man Menschen, am besten von Kind an, zu vernünftigem Ess- und Gesundheitsverhalten? Weder Lustig noch Taubes haben darauf eine Antwort außer dem Vorschlag, Preise zu erhöhen und irreführende Werbung zu verbieten.

Ach ja, und von amerikanischem Essen raten sie ab.

Danke, das wussten wir alles schon.

Daher muss ich draufsatteln, präventiv, persönlich und vom europäischen Standpunkt aus gedacht: Wie verhindern wir, dass amerikanische Essgewohnheiten und amerikanische Kunstprodukte unsere Esskultur ruinieren? Wie können wir unsere Schutzfaktoren bewahren? Wie verhüten, dass Amerikaner und Kanadier uns in ihr Desaster reinziehen?

Dazu hat Quarkundso.de am 13.10.2015 während der ersten ARTE-Ausstrahlung auf Twitter unter #zucker #arte etwas in die Debatte geworfen:

Das ist natürlich nicht der einzige Weg. Aber ein Anfang wäre es. ARTE hat meinen Vorschlag übrigens prompt als Retweet weitergeschickt, an 105.000 Follower. Das lässt doch hoffen.

© Johanna Bayer

ARTE „Die große Zuckerlüge“ vom 13.10.2015, mehrfach wiederholt 2017

Achtung, der Film selbst ist noch auf Youtube  zu sehen, weil ARTE nur wenige Tage online stellt

Quarkundso.de über Zucker, die Industrie und warum uns niemand reinlegen kann

 

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

 

14 Gedanken zu „ARTE und die große Zuckerlüge: Warum wir uns das nicht sagen lassen müssen

  1. Angelika Valente

    Hallo, zu den 30 Tagen ohne Zucker:
    Man KANN sich überhaupt nicht 30 tagelang ohne Zucker ernähren, weil selbst wenn man selbigen weglässt, gibt es immer noch versteckte Zusätze. Dann müsste man schon Bauer, Landwirt und Lebensmitteleigenproduzent in einem sein. Dann müsst man aber auch aufhören zu arbeiten, weil die Zeit für die Essensherstellung draufgeht.

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  2. Pingback: Zucker – die süße Lüge? | aponettesplauderei

  3. Andreas Kaiser

    Liebe Johanna….natürlich ist das kein Plädoyer für Zucker, dass aus diesem Artikel zu lesen ist. Allerdings ist ja genau das , das Problem. Es ist, falls du den Film interessiert gesehen hast, der Zuckermafia, und nur so kann man diese Leute bezeichnen, gelungen die Diskussion um die Schädlichkeit des Zuckers in der Schwebe zu halten. Man will es einfach dem Verbraucher überlassen – nach dem Motto – mündiger Bürger, schau selbst auf die Packung! Allerdings werden für Zucker und Ersatzstoffe einige sehr verschleiernde Begriffe gebraucht. Auch der Vergleich mit der Tabakindustrie der 70iger Jahre hingt in dem Film keinesfalls- der einzige Unteschied besteht darin, dass Zucker ein Lebensmittel ist, dass der Mensch auch braucht- wohingegen die Tabak dann recht schnell als giftig bezeichnet wurde weil er einfach auch unnötig zum leben ist.. Wenn du glaubst, Zucker sei kein Suchtmittel- dann empfehle ich einfach mal 30 Tage vollkommen ohne auszukommen und abzuwarten wie dein Körper reagiert. . Ich für meinen Teil erwarte geradezu von den Herstellern, dass jegliche auch nur bedenklichen Stoffe aus ihren Nahrungsangeboten zu entfernen sind. Als Beispiel vielleicht noch das Thema Thunfisch- gibts in Dosen besonders günstig- auf der Verpackung steht Fanggebiet 61..Fukushima- Hättest du es gewusst?…Natürlich der mündige Konsument muss sich erkundigen- die Hersteller trifft keine Schuld!!…..

    Antworten
    1. Johanna Bayer Artikelautor

      Lieber Andreas,
      es freut mich, dass Du mich verstanden hast 🙂 Denn es stimmt, ich bin nicht für Zucker, ich bin aber auch nicht gegen Zucker.
      Wo ich Dir nicht zustimme, ist, dass wir angeblich Zucker brauchen. Das stimmt nicht. Menschen sind viele Jahrtausende ohne Zucker ausgekommen. Und obwohl es jetzt den Zucker gibt, werden sie immer älter.
      Tja. Ich persönlich esse übrigens tageweise keinen Zucker und nichts Süßes, das kostet mich noch nicht einmal viel Disziplin. Allerdings habe ich mir Zucker und Süßgeschmack wirklich abgewöhnt, schon seit meiner Jugend, in verschiedenen Stufen, weil er mir einfach nicht bekommen ist. Wenig Süßes und wenig Zucker tun mir schlicht gut. Daher reagiert mein Körper eher auf viel Zucker ablehnend und ich bin sehr zufrieden damit. Für andere Leute ist das unvorstellbar, wenn sie an ihrem Eis nuckeln und ich gelangweilt daneben stehe oder einfach sage, dass ich keines will. Sie glauben dann, dass ich mich kasteie, das stimmt aber nicht.
      Wenn ich mal ein Stück Pflaumenkuchen mit Sahne verputze, oder lecker Nachtisch, schmeckt es mir, dauernd Süßes brauche ich nicht. Ich sehe aber auch keine Notwendigkeit, 30 Tage gar keinen Zucker zu essen. Warum? Das brauche ich in der Radikalität nicht. Ich würde auch nicht 30 Tage fasten oder mir sonst was versagen. Das ist wirklich nicht nötig bei Normalgewicht und gesundem Stoffwechsel. Jeden Tag ein bisschen, oder bestimmte Sachen ab und an, oder einmal die Woche, fertig. Klappt prima. 🙂 Radikalkuren mit wochenlangem Totalverzicht mache ich nicht, ein Blog-Beitrag dazu ist übrigens in Arbeit, einiges steht aber auch schon in einem anderen Beitrag zum Fasten, kennst Du den? http://www.quarkundso.de/fasten-faz/
      Aber es gibt natürlich Leute – Essgestörte, Diabetiker, Adipöse – bei denen sowas angezeigt ist, in einer Kur zum Beispiel, aber das sind Kranke, Patienten. Für Gesunde gilt das nicht.
      Ansonsten: Was wir alles essen, und leben immer noch… 😉 viele Grüße!

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  4. Alex

    Ich weiß, dass Einzelschicksale keine wissenschaftliche Aussagekraft haben. Deshalb möchte ich der Thematik ja auch genauer nachgehen und mich darüber informieren, ob meine bisherigen Ansichten nicht vielleicht doch Falsch sind.

    Ich habe gerade einen Artikel gelesen, in dem bei gleichbleibender Kalorienzahl und gleichbleibendem Makronährstoffverhältnis Zucker durch Stärke ersetzt wurde. Auf diese Weise sollte sichergestellt werden, dass die Studie nicht durch andere Korrelationen verfälscht wird:
    http://www.theguardian.com/commentisfree/2015/oct/27/science-new-study-case-sugar-tax
    (im unteren Bereich des Artikels)

    Es scheint in der Tat einen großen Unterschied zu machen.
    Auch wenn dort keine Erklärung steht, würde ich davon ausgehen, dass der glykämische Index eine bedeutende Rolle in dieser Sache spielt.

    Interessant wäre allerdings auch gewesen den Süßgetränke- und Süßigkeitenzucker durch Obst zu ersetzen.

    Antworten
  5. Alex

    Ich hab‘ die Doku nicht gesehen aber kann mir Mal kurz Jemand erläutern, was genau an Zucker so schädlich sein soll bzw. wie genau diese schädliche Wirkung sich entfaltet?

    Es ist ein isolierter Makronährstoff. Ein einfaches Kohlehydrat. Glukose. Keine Micronährstoffe. Keine Ballaststoffe. Kurz: Leere Kalorien.

    Dass es suboptimal ist, den Kalorienbedarf ohne die Micronährstoffe zu decken, ist klar.
    Aber was macht der reine Zucker denn im Metabolismus so anders als Zucker, der in Form von Obst zu sich genommen wurde?

    Die einzige Gefahr, die ich sehe ist ein „Betrug“ am Sättigungsgefühl. Durch das „Weglassen“ der Ballaststoffe geht die Kaloriendichte sehr nach oben. Man könnte dazu tendieren wesentlich mehr Kalorien zu konsumieren als vorgesehen.
    Das Gleiche trifft aber auf Öl in stärkerer Weise zu. Ebenfalls leere Kalorien aber noch höhere Kaloriendichte.

    Antworten
    1. Johanna Bayer Artikelautor

      Lieber Alex,

      tja, ich weiß auch nicht. 😉 Also, ich kann es Dir jedenfalls nicht erklären.
      Was sie in der Doku sagen, bezieht sich übrigens sehr oft auf Fruchtzucker, Fruktose, die in der Leber verarbeitet wird und in großen Mengen dort Probleme macht, nämlich die nicht-alkoholische Fettleber. Das ist ein großes Thema von Robert H. Lustig und gilt leider auch für Obst, da haben sie sich in ihrer Doku eine kleine Fallgrube gebaut. Das ist aber was für Spezialisten und so beckmesserisch wollte ich nicht sein, das wäre auch einfach zu viel für meinen Text gewesen. Aber was es ernährungsphysiologisch an harten Fakten zu den diversen Zuckerarten zu sagen gibt, würde schon das eine oder andere Regalbrett füllen. Zucker ist als Stoff tatsächlich nicht so das Problem, aber die Lebensmittel, in denen er in größeren Mengen vorkommt und die ob ihrer zahlreichen angenehmen Eigenschaften gerne wiederum in großen Mengen verzehrt werden: Schokolade, Eis, Kuchen, Kekse, Limo, Säfte, Bonbons und dergleichen. Aber differenzierte Argumente kann man von so einer Doku, die stramm auf Feindbilder gebürstet ist und einem David-gegen-Goliath-Mythos folgt, nicht erwarten. Ein letzter Punkt: Auf keinen Fall lässt sich Zucker mit Fett oder Öl vergleichen – also bitte nichts gegen Fett. Bei Fett verstehe ich keinen Spaß 😉 In Fett sind keineswegs leere Kalorien. Mehr in Deinem Lehrbuch, oder Du fragst nochmal nach… 🙂 Ohne Zucker kann man leben. Ohne Fett nicht. Kein Witz.

      Ansonsten wäre noch zu sagen: Ich beobachte diese Zuckerdebatte weiter und plane eine kleine Nachlese dazu. Kommt demnächst – jetzt mach ich erstmal Wurst. Du hast von #wurstgate gehört? Die WHO hat… also, demnächst wieder hier. Viele Grüße und danke für Deinen Kommentar!

      Antworten
      1. Alex

        Ich esse am Tag im Schnitt bestimmt gut 500-1000 Gramm Obst. (Grad‘ schon nebenher 3 Kakis gefuttert)
        Dass der darin enthaltene Zucker mich schädigen soll, halte ich für eine sehr gewagte These.

        Ich habe garnichts gegen Fett gesagt! Lediglich, dass pures Fett genau wie purer Zucker ein isolierter Makronährstoff ist.

        Es gibt nunmal nur 3 Makronährstoffe. Und ich favorisiere davon die Kohlehydrate, da ich sie für denjenigen Makronährstoff halte, der am leichtesten verstoffwechselt werden kann. Und innerhalb der Kohlehydrate ist Zucker in Form von Obst wiederum meine Lieblingsform. Einfach weil es so schön süß schmeckt und ich es so für am gesündesten halte.
        Es ist aber auch nicht so, dass ich nie Appetit auf was Salziges und/oder Fettiges hätte. Je mehr ich von eine Sache esse, desto größer wird der Appetit auf die Andere.

        Negative Auswirkungen meines vermutlich überdurchschnittlichen Zuckerkonsums kann ich keine entdecken. Ich habe einen BMI von knapp 22, war seit 10 Jahren nicht beim Zahnarzt und habe auch sonst nichts was mein Wohlbefinden irgendwie negativ beeinträchtigt.

        „#wurstgate“ betrifft mich nicht. Sowas esse ich sowieso nicht. Lesen kann ich den Artikel natürlich trotzdem.

        Antworten
        1. Johanna Bayer Artikelautor

          Lieber Alex,
          so als Einzelschicksalsbericht ist das schon okay, würden dazu wohl Wissenschaftler sagen. Du kannst essen, was Du möchtest, solange Du gesund und normalgewichtig bist.
          Aber es ist kein Beweis dafür, dass Deine Ernährung generell gesund ist. Oder dass Obst in großen Mengen immer günstig ist. Oder dass andere Menschen, die so essen wie Du, das mögen und dabei gesund bleiben. Wissenschaft geht anders, und was Du von Makronährstoffen hältst und warum Du die Kohlenhydrate für am günstigsten hältst, ist auch Dein Privatvergnügen.
          Viele Grüße!

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  7. Severin Trafaud

    Dokus werden lange im voraus produziert, müssen idealerweise international verkäuflich sein und Inhalte, die die Zuschauer schon kennen, „laufen“ oft besser. Das trifft auf diese Doku leider zu: gut abgehangenes Wissen, für Europa kaum relevant, dafür aber aufwendig produziert. Von ARTE erwarte ich mehr.

    Klar gibt es bei Arte manchmal auch gute Dokus, aber oft sind die beauftragenden Redakteure echt inkompetent, halten sich jedoch für die Größten. ARTE ist für mich ein Pharisäer-Laden mit ihren Micker-Budgets für die Kleinproduzenten, weil es ja sooo toll ist, für ARTE zu arbeiten… Wer so einen Anspruch hat, muss sich daran messen lassen. Wäre das Ding bei RTL2 gelaufen, hätte man vermutlich sogar sagen können: ok, gut gemacht…

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  8. Frederick

    Liebe Johanna,

    wie immer warst Du heute wieder der erste Artikel, den ich aus dem RSS-Feed gelesen habe. Du beobachtest gut, schreibst angenehm und triffst es wie so häufig mal wieder auf den Punkt. Vielen Dank für den Blog.

    Lieben Gruß,

    Frederick

    Antworten
  9. Sebastian Roth

    Ich denke eine Verharmlosung des Zucker-Problems, wie in diesem Artikel getan, trägt absolut nicht zur Weiterentwicklung unserer Essgewohnheiten bei.
    Dass man als gut gebildeter Mensch von oben herab auf den in großen Mengen Zucker verspeisenden Pöbel herabblickt, womöglich noch mit erhobenem Finger, immer wieder den Satz wiederholend „Aber jeder weiß doch, dass Zucker ungesund ist!“ – hilft am Ende niemandem.
    Vor allem nicht denjenigen, die eben nicht so gut gebildet sind und sich fleißig aus den Supermarkt-Regalen bedienen. Diese Produkte dort sind, ohne jeden Zweifel, mit viel mehr Zucker gespickt, als ernährungswissenschaftlich gut wäre. Und warum? Weil es sich verkauft! Schmeckt halt besser.

    Schmeckt halt besser. Dieses Argument dürften auch die meisten an Übergewicht leidenden Menschen wohl im Kopf haben, im Moment in dem sie danach greifen.
    Dass zwischen Übergewicht und niedrigem Bildungsstand ein Zusammenhang besteht, ist schon häufig nachgewiesen.
    Ob diese Leute nun die typischen Arte-Zuschauer sind, darf natürlich in Frage gestellt werden. Aber vielleicht findet der Film und damit auch die Erkenntnis, Zucker nicht nur Essen lecker, sondern auch Körper krank macht, Einzug in diese Kreise. Man darf hoffen.

    Viele Grüße,
    Sebastian Roth
    http://www.keto-rezepte.de

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    1. Johanna Bayer Artikelautor

      Ich verharmlose das Problem mit dem Zucker keineswegs. Steht extra dick und breit im Artikel, und ich habe es für solche Leser und Kommentare nochmal abgesetzt. Ich bin allerdings dezidiert der Meinung, dass Zucker kein Gift ist. Und ich bin auch der Meinung, dass alle Menschen elementare Kenntnisse über Lebensmittel haben müssen und können. Früher ging das ja auch – jede Oma vom Land wusste, dass zu viel Zucker nicht gut ist. Dafür muss man nicht studiert haben. Die drängenden Fragen zum Ernährungsverhalten stehen ansonsten am Ende meines Beitrags.

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