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Schweinefleischpflicht und die CDU: Einige dürfen halt alles essen. Andere nicht. Wo liegt das Problem?

 

Der Brüller der Woche war ja das mit der Schweinefleischpflicht.

Denn die CDU-Landtagsfraktion in Schleswig-Holstein hat sich besorgt an die Landesregierung gewandt, weil sie um Wurst und Schnitzel im öffentlichen Raum fürchtete: Es bestehe die Gefahr, dass Schweinefleisch aus öffentlichen Kantinen und Schulmensen zunehmend verbannt werde.

Schnitzel

Schwein und Schnitzel – Recht oder Pflicht? Was es auf jeden Fall gibt, ist ein Recht auf Vielfalt.

 

Grund sei ein verfehlter Minderheitenschutz – gemeint waren da wohl Vegetarier und Angehöriger einiger orientalischer Religionen, so oder so ähnlich muss sich später einer von der Kieler CDU ziemlich ungeschickt geäußert haben.

Die SPD-geführte Landesregierung solle sich jedenfalls dafür einsetzen, dass Schweinefleisch im Angebot bleibe, auch, weil es um eine möglichst ausgewogene und gesunde Ernährung für Kinder gehe. Soweit die CDU.

Sofort wurde der täppisch formulierte Antrag als „Schweinefleischpflicht“ uminterpretiert, was der Sache gar nicht entsprach. Das wiederum merkte nur der SPIEGEL. Der titelte von einem „Recht auf Schweinefleisch“ – die schönste Variante in der Diskussion.

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Schweinefleisch-Terror gegen Minderheiten?

Auf Twitter jedenfalls trendete der Hashtag #schweinefleischpflicht und wuchs sich zu einer handfesten Spott- und Kalauer-Welle über unveräußerliche Wurstrechte aus.

Denn natürlich haben alle die CDU in die Pfanne gehauen.

Besonders heftig schlug der Berliner Tagesspiegel zu. Da schrieb die Redaktion über ihren Bericht den bemerkenswerten Satz:

„Es ist eine Ansage gegen Vegetarier, Muslime, vielleicht Minderheiten schlechthin.“

Gut, der CDU da oben kann man jetzt sicherlich eine Menge nachsagen – bäuerlich, Klientelpartei, Skandale rauf und runter, das alles weiß man seit Jahren. Aber ob man ihr unterstellen kann, dass sie zum Terror gegen „Minderheiten schlechthin“ aufrufen will, von Staats wegen, durch die Landesregierung?

Das ist doch ein wenig steil.

Im Tagesspiegel-Artikel selbst wurde die arme Nord-CDU auch verhöhnt, weil sie angeblich noch nicht einmal sagen könne, in wie vielen Kitas und Schulen kein Schweinefleisch angeboten werden, ob es sich also um ein flächendeckendes Problem handele.

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Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015 bei den Goldenen Bloggern

Oder ob, mutmaßten auch andere, nur eine von dänischen Rechtspopulisten angezettelte Debatte über die Grenze schwappt und in deutschen Schulen und Kitas das Schwein seinen gebührenden Platz hat.

Tatsächlich wurde von der CDU nur eine Berufsschule in Itzehoe angeführt, wo Mettbrötchen aus dem Schulkioskangebot flogen. Angeblich aus Rücksicht auf Muslime und sehr zum Ärger vieler Schüler, wie im Artikel des Tagesspiegels zu lesen ist.

 

DIE GRÜNEN: Rache für die Pleite mit dem Veggie-Day

Im Tagesspiegel hat sich auch Volker Beck von den Grünen geäußert. Seine Partei hat sich mit dem unsäglichen Vorschlag zum Veggie-Day selbst schon schwer blamiert, jetzt rächte sich Beck als Vertreter unterdrückter Minderheiten:

„Man stelle sich nur die CDU-Reaktionen vor, würden deutsche Kinder in Frankreich zum Froschschenkel- oder in China zum Hunde-Essen gezwungen werden, sagte Beck weiter. „Es ist schon ein besonderes Armutszeugnis der CDU, wenn das Schweinefleisch ihr höchster deutscher Wert ist, den sie vermitteln wollen. Wer keine anderen kulturellen Werte hat, ist eine arme Sau.“

Noch deutlicher wurde der besorgte Beck in der BILD-Zeitung, die ihn so zitierte:

„Es ist die autoritäre Denke der Rechtspopulisten, wenn Juden, Muslime, Vegetarier und Veganer zum Schweinefleischkonsum gezwungen werden sollen.“

Das ist arg verzerrt und wirklich böswillig, denn natürlich verlangt die CDU keine Zwangsfütterung. Die armen Vertreter der Landtagsfraktion in Kiel wurden nicht müde, das zu wiederholen. Aus der Nummer kommen sie aber nicht mehr raus. Dazu ist es auch zu lustig, auf Twitter, das muss man schon einräumen.

 

Schweinefleisch: zentral in der europäischen Esskultur

Insgesamt erscheint es wirklich ungeschickt von der CDU, so diffus mit Überfremdungsängsten und dem Kampf gegen die Diktatur der Gutmenschen zu argumentieren.

Es hätte gereicht zu sagen, dass Schweinefleisch schmackhaft, nahrhaft und ernährungsphysiologisch wertvoll ist. Und dass Kinder die Vielfalt der Lebensmittel und Geschmacksrichtungen, Fleischsorten und Gerichte kennenlernen sollten. Das gehört zur kulinarischen Erziehung und zur Esskultur, zur Geschmacks- und Ernährungsbildung.

Wäre ein guter Punkt gewesen.

Was natürlich nicht heißt, dass man jeden Tag, in riesigen Mengen und aus Massentierhaltung… das Kleingedruckte denken sich bitte alle jetzt dazu. Ebenso dazu denken sollte man sich die europäische Esskultur und ihre Geschichte, notfalls in der Form von Asterix und Obelix mit ihren Wildschweinorgien.

Die gab es nämlich wirklich. Schweinefleisch war hier schon immer begehrt und beliebt, und das Schwein ist der wichtigste Fleisch- und Fettlieferant – seit mindestens 5000 Jahren.

Heute hat das Schnitzel viele Feinde. Und das nicht nur aus religiösen Gründen. Ganz vorne sind natürlich Vegetarier und Veganer, aber auch viele Anhänger mehr oder weniger esoterischer Ernährungslehren.

Deshalb gibt es, zum Beispiel in einem unsäglichen Artikel bei FOCUS online, Leute, die es richtig finden, dass Schweinefleisch aus Kitas „verbannt“ wird. So rechnete eine Redakteurin aus dem Ressort Gesundheit beim FOCUS mit dem armen Schwein endgültig ab, Titel „Schweinefleisch braucht kein Mensch“.

Auf dieses dumme Zeug, das nebenher in der Diskussion hochgespült wird, von wegen, Schweinefleisch sei „ungesund“ und aus „gesundheitlichen Gründen“ sei es gut, den Verzehr zu vermindern und speziell Kinder davon abzuhalten, braucht man gar nicht erst einzugehen.

Das ist schlicht unwissenschaftlicher Unsinn. Mit schönen Grüßen von Obelix, dem starken Krieger.

Ansonsten muss man in der Sache aber noch etwas klarstellen: Nicht nur in Dänemark und Schleswig-Holstein gibt es tatsächlich Eltern – weniger wohl die Kinder -, die mit allerlei Befindlichkeiten religiöser und sonstiger Art am Schulessen rummäkeln.

Speziell, was das Schweinefleisch in Kitas und Schul-Kantinen angeht, ist die Tendenz klar.

 

In Berlin gibt es praktisch kein Schweinefleisch mehr in Schule und Kita

Zum Beispiel in Berlin. Da hätte der Tagesspiegel gut vor seiner eigenen Haustür kehren können: In ganz Berlin gibt es praktisch kein Schweinefleisch mehr in den Schulen und öffentlichen Kitas. Das berichtete eine Vertreterin der Senatsverwaltung auf einer Fachtagung zu Ernährung in der Akademie Tutzing im September 2015 vor einem großen Publikum.

Der Anteil der Migrantenkinder, die kein Schwein essen dürfen, sei einfach zu hoch. Von den militanten Veganer-Eltern, die Schulen verklagen wollen, damit ihre Kinder endlich auch veganes Essen auf Staatskosten bekommen, mal zu schweigen.

In anderen Schulen verlangten muslimische Eltern und Schüler, dass am Schulkiosk keine Mettbrötchen zubereitet und angeboten werden, wenn es dafür keinen separaten Raum gibt. Die Brötchen sollten auch nicht neben anderen Brötchen liegen – das Ansinnen lehnten die Lehrer ab.

In einem katholischen Kindergarten in Köln gibt es kein Schweinefleisch mehr, weil dort die Hälfte der Kinder aus moslemischen Migrantenfamilien stammt und die Eltern damit gedroht haben, die Kinder aus der Kita zu nehmen, wenn es Schwein gibt. Überhaupt, in der Küche, wohlgemerkt. Dann würde die Kita leer stehen, so der Leiter in einem persönlichen Gespräch, und das könne er geschäftlich nicht verantworten.

Selbst die stellvertretende Vorsitzende der DGE, Ulrike Arens-Azevedo, hat erst im Februar prophezeit, dass Schweinefleisch komplett von den Speiseplänen in Schulen verschwinden könnte. Nicht nur wegen einiger Moslems, sondern auch wegen der Regeln, die die DGE selbst aufgestellt hat.

Sie wurde damit bundesweit in der Presse zitiert, allerdings hat sich darüber niemand aufgeregt – leider, muss man sagen.

Auch in Frankreich gibt es das Thema. Da allerdings machte ein Fall unter umgekehrten Vorzeichen die Runde, wie der Deutschlandfunk im Herbst 2015 berichtete: Ein Bürgermeister hatte in seiner Kommune angeordnet, dass, sofern Schweinefleisch auf dem Speiseplan steht, keine Ersatzgerichte mehr angeboten werden.

Im Klartext: Es wird gegessen was auf den Tisch kommt. Wer das nicht will, soll sich selbst etwas mitbringen.

Die Sache ging in Frankreich durch die Presse, es gab auch eine Klage, die aber wohl keine Chance hat. Und der Bürgermeister blieb bei seiner Meinung: Frankreich ist ein laizistischer Staat – religiöse Befindlichkeiten haben in der Schule nichts zu suchen.

Interessante Position. Man könnte darüber diskutieren.

 

Alles essen – sagte ein Revolutionär vor 2000 Jahren

Natürlich will niemand in Deutschland diese Kiste wirklich aufmachen. Also die Religionskiste. Es müssten sonst wahlweise alle Kruzifixe wieder rein in die Schulen und die Gerichtssäle – oder halt wirklich überall raus. Auch über eine Fischpflicht für den Freitag und das Fastengebot vor Ostern müsste sonst möglicherweise nachgedacht werden. Und wer will das schon.

Starrsinnige Querulanten, die dieses Feld betreten möchte, stoßen allerdings auch auf ein klares Argument für ein Schweinefleischangebot in Kantinen. Forscht man da nämlich etwas nach, stößt man auf den Propheten einer gewissen Reformreligion im damaligen Palästina.

Der Mann soll vor 2000 Jahren mit den strengen Nahrungstabus seiner Umgebung aufgeräumt und gesagt haben:

„Was zum Mund hineingeht, das macht den Menschen nicht unrein; sondern was aus dem Mund herauskommt, das macht den Menschen unrein.“ (Mt. 15,11, für Bibelkundige).

Die Stelle wird so interpretiert, dass für Christen die vielen umständlichen jüdischen Gebote und Verbote von Schächten über die Trennung von Milch und Fleisch bis hin zum Verbot von Muscheln beim Essen nicht gelten.

Das war damals einerseits sehr praktisch und erleichterte das Leben, wenn man sowieso als religiöse Randgruppe verfolgt wurde. Dann war es aber auch ein rebellischer Tabubruch und ein Zeichen der Abgrenzung. Später wurde diese kulinarische Freiheit als Errungenschaft der neuen Reformreligion gefeiert: Christen essen alles.

Es juckt einen in den Fingern, dazu noch den bekannten Wanderprediger zu zitieren, der sich gegen falsche Enthaltsamkeit und für Dankbarkeit beim Essen aussprach:

„Denn alles was Gott geschaffen hat, ist gut, und nichts ist verwerflich, was mit Danksagung empfangen wird; denn es wird geheiligt durchs Wort Gottes und Gebet.“ (Tim 4,4 5)

Eigentlich auch ein schöner Punkt.

Wenn es nur nicht so unangenehm wäre, einen Religionskrieg in der Kantine auszurufen. Wo es doch nur darum geht, dass es Wahlfreiheit gibt.

 

Wo der Hund begraben liegt

Denn das eigentliche Problem ist ganz profan – gefühlte Diktatur von Randgruppen, Einbruch des Religiösen in die öffentliche Sphäre und Überfremdungsängste hin oder her: Wenn man religiösen und sonstigen Milieus eine Extrawurst braten oder schlicht Vielfalt und Wahlfreiheit schaffen möchte, muss man verschiedene warme Gerichte zur Auswahl anbieten.

Und das jeden Tag. Da liegt der Hund begraben.

Nicht, dass das nicht möglich wäre. Es wäre sogar toll und genau das Richtige. Aber zahlen will es keiner. Der Staat nicht, die Eltern nicht, und die Caterer müssen mit 2,50 Euro pro Tag für alle was servieren – da siegt die schiere kaufmännische Notwendigkeit.

Also einigt man sich auf den kleinsten Nenner.

In der Praxis sieht das so aus: Rind- und Lammfleisch sind für Kitas und Schulmensen zu teuer. Schwein geht nicht. Bleibt nur noch Geflügel. Oder vegetarisch.

Und genau so gestalten sich die Speisepläne: Wenn es überhaupt Fleisch gibt, dann das billigste, nämlich Hormon-Hähnchen oder Pharma-Pute. Ansonsten essen die Kinder Nudeln mit Soße, Milchreis, Pfannkuchen, irgendwelche Körnerbratlinge und Getreideaufläufe.

Das ist kulinarisch uninteressant und bildet ganz und gar nicht ab, was die deutsche Küche zu bieten hat.

Zumal in vielen Familien nicht mehr groß gekocht wird und die Kinder auch zuhause nicht die ganze Vielfalt der Esskultur kennen lernen. Von Geschmacksbildung und gesunder Abwechslung mal ganz abgesehen.

Und in die Richtung dürften alle, wenn man mich fragt, ruhig noch ein wenig weiterdenken.

Das Ende ist ein flammendes ceterum censeo: Ja, es muss endlich mehr Geld her für richtig gutes Schulessen! Frisch und fachmännisch gekocht, mit guten Zutaten, allen (!) Fleischsorten und Fisch, mit traditionellen und regionalen Gerichten, alternativen Angeboten und Auswahl.

Und möglichst nicht nach den Richtlinien der DGE. Sonst verschwindet Schweinefleisch nämlich ganz ohne Zuwanderer von den Speiseplänen.

©Johanna Bayer

Redaktionelle Anmerkung am 3.3.2016: Ich lege Wert auf die Feststellung, dass dieser Beitrag, in dem Volker Beck ausführlich zitiert wird, um Mittwoch, 2.3. um 11.47 Uhr online ging. Die Nachricht von Becks Rücktritt wegen Drogenverdachts ging nach 15.00 Uhr über die Ticker.

DER TAGESSPIEGEL über den Antrag der CDU

Ulrike Arens-Azevedo von der DGE über das Verschwinden von Schweinefleisch im Hamburger Abendblatt

… und in der Münchner Abendzeitung

Bericht im DEUTSCHLANDFUNK über Schweinefleischpflicht in Frankreich

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

VOX: Rudelkochen, schlechte Manieren und ein Moderationsroboter. Aber lernen kann man was!

 

Ja, ich gucke das. Außer mir wohl fast keiner, aber ich habe mir den Dienstagabend bis auf weiteres für „Game of Chefs“ auf VOX reserviert: Drei echte (!) Spitzenköche bewerten in der neuen Kochshow ambitionierte Laien und Profis, die um die Wette kochen. Star der Jury ist der smarte Christian Jürgens, der drei Sterne am Tegernsee hält, mit ihm dürfen Christian Lohse aus Berlin und Holger Bodendorf von Sylt an fremden Tellern rummäkeln, beide seit vielen Jahren besternt. Mehr Kompetenz war in einer deutschen Kochsendung noch nie.

Deutschlands Sterneköche: arrogante Angeber?

Hier aber erstmal die nackten Fakten: Miese Quoten, Häme von der TV-Kritik, und die Zuschauer-Kommentare, zum Beispiel auf Twitter, sind bösartig bis enttäuscht und gelangweilt. Die junge, völlig unbekannte Moderatorin wirkt, wie einer treffend feststellt, wie ein „Moderationsroboter“, viele bemängeln, die Show sei nicht originell, vor allem seien die drei Sterneköche arrogant, und „unglaublich hochnäsig“ (T-Online). Überhaupt seien sie völlig unbekannt (nanu?) und wen interessiere es schon, was drei überhebliche Pinsel über ein Gericht denken, das mit viel Liebe gekocht worden sei und ganz bestimmt toll schmecke.

Nur ich bin begeistert. Gut, die Manieren der drei Stars sind wirklich eine Katastrophe: Sie schmatzen beim Probieren, stecken sich das Messer in den Mund und essen mit den Fingern. Bei Tisch geht sowas natürlich nicht, da bin ich sehr streng. Aber in Profi-Küchen, also hinten in der Werkstatt, hat man mich wissen lassen, sei das unappetitliche Gestochere üblich. Für meine Begriffe hat da die Mutter versagt. Aber egal – als Köche sind die drei VOX-Küchenchefs große Künstler. Und Künstler dürfen einigermaßen exzentrisch sein. Außerdem haben sie immer schlechte Manieren.

In der Küche lernt man fürs Leben

Dazu gehört auch, dass die Chefköche nicht gerade zimperlich mit den Kandidaten umgehen. Genauer gesagt: Sie gerieren sich wie Ausbilder der Handwerkskammer, die den Lehrling vor der Prüfung schleifen; sie bellen Kommandos, machen Druck, kanzeln ab, und die Antwort muss immer heißen: „Ja, Chef!“. Das versteht der gemeine Küchenchef dann unter Teamarbeit. Und so lernen die Kandidaten in der Sendung nicht nur Kochen, sondern auch fürs Leben: Wie kooperiert man, wie erschafft man ein perfektes Produkt, wie hält man den Arbeitsplatz sauber, wie benimmt man sich im Allgemeinen ( „Sagt schön ‚Guten Tag‘“) und dem Chef gegenüber im Besonderen („Ja, Chef!“).

Mit Genuss fügen sich die Aspiranten den strengen Anweisungen und akzeptieren die Hackordnung. Ich muss schon sagen, das hat was. Von asiatischer Hingabe an die Arbeit, von Zen-Kloster und von einer Tugend, die viele nicht kennen: Achtung vor dem Meister. Da hört die schlaffe Siebzehnjährige auf, zu motzen, der Jungkoch mit der schweren Kindheit reißt sich zusammen, die Dicken kommen in Schwung. Das macht Eindruck. Und wo kann man schon sehen, wie es in so einer Küche wirklich zugeht? In den geschönten Gourmet-Dokus beugen sich meistens lächelnde Feingeister über Teller und malen mit Pinselchen Striche in die Soße. Da brüllt keiner durch die Küche: „Bei Dir sieht´s aus wie im Puff!“ (Christian Jürgens). Ich finde, es ist ehrlich, das mal zu zeigen. Ja, junge Leute, so ist es im richtigen Leben, wenn ihr was lernen und vorankommen wollt!

Worauf es beim Essen ankommt

Die Meister jedenfalls sind sich ihres Ranges voll bewusst. Daher akzeptieren sie bei den Wettkampf-Gerichten auch nur das Beste, und zwar ausschließlich nach den Regeln ihrer eigenen Kunst. Und nach keiner anderen. Zumal es um das geht, was wirklich wichtig ist beim Essen, ach was, im Leben. Der Chef der Chefs, Christian Jürgens, macht es klar. „Hier geht es nur um drei Dinge: Geschmack, Geschmack und nochmal Geschmack.“

Großartig. Das ist mein Credo. Schon allein deshalb muss ich das gucken! Denn Essen muss weder gesund noch „leicht“ sein. Es muss weder schön machen noch schlank, weder schlau noch jung, fit oder dauerleistungsfähig. Es muss nur – schmecken. Das reicht. Der Rest ergibt sich dann nämlich von selbst, meine ich. (Die dazugehörige gastrosophische Abhandlung spare ich mir, wer sie möchte, kann sich aber gerne melden.)

Multi-Kulti-Köche fliegen raus

Immerhin – durch die Strenge der eigenen Kunst ist der Wahrnehmungshorizont der Jury beschränkt, nämlich auf die klassische, französisch dominierte Hochküche. Soulfood von Mutti, wild Improvisiertes und Ethno-Gerichte haben keine Chance. So flogen gleich mehrere Multi-Kulti-Kochpromis hochkant aus der ersten Runde, zum Beispiel Mary Appiah, VIP-Köchin aus Hamburg, die schon im NDR zu sehen war und mit einem Gericht aus ihrer Heimat Ghana antrat: ein Teller mit Wurzelgemüse, Kartoffeln und Hühnerstücken samt dicker Haut, langsam geschmort. Typisch afrikanisch, alles in einem Topf, schön suppig und – für den europäischen Geschmack – überwürzt. Die Jury tippte unbefangen auf „was Kreolisches“, konnte das Gericht sichtlich nicht einordnen und vergab keinen Punkt. Auch die Promiköchin vom Dao Thai in Berlin scheiterte, die es schon ins ZDF geschafft hat, weil sie den Asia-Trend so perfekt verkörpert und in strahlend bunten Seiden-Sarongs Kochkurse zum Umgang mit Ingwer und Zitronengras gibt. Nix da – Christian Jürgens war das Gericht viel zu scharf, und auch Holger Bodendorf verweigerte dem Urlauber-Teller das Messer.

Veganer Szene-Koch krass abgewatscht

Den spektakulärsten Flop der Auswahlrunde landete Björn Moschinski, veganer Star-Koch aus Berlin. Von dem sagt nicht nur seine eigene Webseite, er sei einer der besten veganen Köche Deutschlands, das stand auch schonmal im „Feinschmecker“. Moschinski coacht andere Veganer-Köche, hat ein bekanntes Restaurant in Berlin, das in der Szene brummt, reist durch die ganze Republik und das von VOX vorher gezeigte Kandidaten-Video betonte seine „unglaubliche Kreativität“ im Umgang mit Gemüse. Dazu waren fein ziselierte Häppchen unter der Wärmelampe schön ins Bild gesetzt. Auf seiner Facebook-Seite steht: „Björn Moschinski kocht nicht nur vegan, sondern vor allem auf höchstem Niveau.“ Der Tierfreund selbst wirkt unter dem persönlichen Slogan „Geiler Geschmack braucht kein Fleisch“. Bevor seine Teller, verdeckt unter silbernen Clochen, vor die Nasen der Chefköche rollten, raunte er in die Kamera: „Ich schau einfach mal, ob es wirklich auffällt, dass da gar kein Fleisch drin ist“.

Nun ja, da ist er an die Falschen geraten. Auf den ersten Blick war den Profis klar, dass es sich „um was Veganes“ handelt, um „Ersatzbums“, beim Probieren überzeugt nichtmal das simple Erbsenpüree, da, wie auch die Curry-Karotten-Paste, zu süß. Das Urteil, verkündet von Christian Jürgens: „Du bist ein cooler Typ. Aber lass das bitte mit der Kocherei. Das ist nicht Dein Ding. Das schmeckt definitiv nicht.“

Das ist der Untergang. Eine Total-Havarie, in der dem Kandidaten mit eigenem Restaurant der Geschmackssinn komplett abgesprochen wird. Derlei hat sonst niemand kassiert, nicht mal der Burger-Fan, der Stierhoden verarbeitete und dazu Brötchen fabrizierte, die er mit pürierten Beeren versetzte, damit sie „schön fruchtig“ werden. Auch nicht der Paleo-Koch, der ein Herz zu Gulasch schnetzelte. Beide wurden übrigens zusammen mit dem Veganer rausgeschmissen.

Essen, was man kennt. Und die Kunst der Komposition

Auf Twitter und Facebook war es dazu erstaunlich ruhig. Null Resonanz, kein Aufbegehren, keine empörten Fans, bis auf zwei zaghafte Tweets: „Für Neues scheinen die Sterneköche nicht wirklich offen zu sein“, und „Was sie nicht kennen, essen sie nicht.“ Wie wahr, und es stört mich gar nicht, dass das engstirnig wirkt. Schließlich hat sich so über Jahrmillionen die Menschheit entwickelt – essen, was man kennt. Klar, ab und an probierten unsere frühen Vorfahren auch mal das, was der Nachbar-Affe mochte. Aber nur, wenn er es zum zweiten Mal aß.

Der Vollständigkeit halber füge ich brav hinzu: Natürlich muss es nicht immer Haute Cuisine sein. Natürlich ist Geschmack gelernt. Natürlich mag nicht jeder alles.

Aber zum Glück mag ich genau das, was die drei Sterneköche mögen, daher komme zumindest ich voll auf meine Kosten. Es freut mich, dass der Lohse flucht, wenn etwas nicht abgeschmeckt oder gar süß ist, wo nicht angebracht (die Pest); ich jubele, als sie die Nase über eine belanglose Tomatenscheibe im Gemüse rümpfen – meine Rede. Was sollen diese penetranten Tomaten in jedem, aber auch jedem Salat, die im Winter nach nichts schmecken und abwechselnd mehlig oder viel zu fest sind? Jetzt endlich kann ich mich wenigstens auf Lohse, Jürgens und Bodendorf berufen, na, der nächste Salatpanscher kann was erleben.

Als Christian Jürgens das Hack für eine primitive Bulette beim Motto „Fast Food“ auf Vordermann bringt, Säure, Schärfe, Hintergrund hinzufügt (Gurkensud!) krieche ich fast in den Fernseher, und als ausgerechnet seinem Star-Team die Mayonnaise misslingt, weiß ich, dass die Götter der Küche gerecht sind: Warum soll es Profiköchen besser gehen als mir? Bei der Runde mit den Fischgerichten auf Ansage war es erstaunlich, auf was für Ideen die Kandidaten kamen. Forelle in allen Variationen, pochiert, gebraten, gebacken, sous-vide, eine besonders Kreative brät die Fischhaut und frittiert ein Eigelb, irre, die bodenständige, aber hochbegabte Hausfrau macht die Forelle klassisch und serviert sie gebraten, mit Nussbutter und Pilzen. Das wollte ich sofort nachmachen, nur hatte ich gerade keine Forelle da und es war fast Mitternacht. So weit kommt es dann mit mir. Was die Komposition von Gerichten und Aromen angeht, kann man also bei VOX echt was lernen.

Kritik vom Profi: Teilt euer Wissen!

Der Profi Steffen Sinzinger von der Speisemeisterei bemängelt aber, dass sich von den Bewertungskriterien der Köche nichts erschließt, und wünscht sich, dass sie davon mehr preisgeben, weil viele Urteile ungereimt wirken. Hat natürlich recht, der Mann, er ist selbst Koch. Aber man sollte bedenken: Das ist Fernsehen. Wir sehen nicht alles. Da stehen wahrscheinlich noch drei Assistenten mit Schreibblöcken hinter den Köchen, wenn es an die Bewertung geht, da gibt es ein Raster, das abgehakt wird. Womöglich lauert der Notar im Hintergrund, der Regisseur und der Drehbuchautor unterbrechen mit Anweisungen, und dann stehen noch mehrere professionelle Köche und Berufsschullehrer bereit, ebenso wie zwei Psychologen und drei Aufnahmeleiter, die die Kandidaten in Schach halten. Und wir kriegen nur ein paar Bröckchen mit, die schnell und spitz zusammen geschnitten werden.

Bitte mal ein „Making-Of“

Tatsächlich wäre der Hintergrund echt interessant, was kostet sowas? Was haben die den Luxus-Köchen dafür bezahlt, dass sie mindestens 10 Tage von ihrem Laden weg waren? Und die gigantische Logistik – das muss doch alles exakt durchgeplant sein, von Einkauf und Warenlager über Geräte und Geschirr bis hin zum Putzplan. Dann noch die Regie und die Kameraperspektiven: Diese Totalen über das ganze Studio mit mehreren Kochstationen und so vielen Leuten, jeder Kandidat wird einzeln beim Kochen befragt, besondere Ereignisse wie die Nervtöle Nine aus dem Osten, die sich ständig helfen lässt, wollen treffend eingefangen werden – da sind mindestens noch sechs bis acht Kameras samt Autoren im Spiel. Die koksen vorher wahrscheinlich, damit sie das durchhalten, denn kein Take kann wiederholt werden – wenn der Teig durch ist, ist er durch. Über jeder Station ist noch eine Kamera an der Decke montiert und liefert von oben den Blick in den Topf, das alles bedeutet nächtelange Sitzungen im Schneideraum.

Auch die Reihenfolge der Gerichte, wie sie vor der Jury erscheinen, ist eindeutig genau durchdacht, da nach Intensität und Aromen sortiert. Das können nur Koch-Profis vorbereiten, die im Studio rumwuseln, abfragen und planen. Alle müssen aber rausrennen, wenn der Regisseur „Totale!“ durchsagen lässt und eine der großen Studiokameras alles in den Blick nimmt. Welcher Kandidat was kochen will, und wie, das muss vor der eigentlichen Wettbewerbslaufzeit abgesprochen werden, natürlich ohne dass wir es sehen. Bei der Auswertung sind die bunten Teller, die auf dem Band rausrollen, garantiert auch ausgeklügelt sortiert, damit die Spannung möglichst hoch und die Überraschung am Ende möglichst groß ist.

Warum macht nicht mal jemand ein „Making-Of“ von so einer Sendung? Das wäre toll, für mich zumindest. Und ich hoffe, das liest jetzt jemand von VOX und setzt es gleich um. Besser noch: Lässt es mich machen, samt einem ausgiebigen Testessen bei Christian Jürgens in der „Überfahrt“ am Tegernsee, auf Kosten von VOX. Ich bringe den Bericht auch groß hier auf Quarkundso.de, diesmal mit vielen Bildern. Versprochen.

©Johanna Bayer

 Häme von der FAZ…  … auch von T-Online…  … und eine qualifizierte Kritik von Steffen Sinzinger, Speisemeisterei Berlin

Nachschlag: 3. April 2015: VOX nimmt die Sendung aus der Primetime, wegen der schlechten Quoten. Ab sofort ist „Game of Chefs“ nur am Sonntag um Mitternacht im Programm, ansonsten – für Fans – dienstags im Internet. Grund: Die werberelevante Zielgruppe zwischen 14 und 49 habe die Sendung nicht akzeptiert, war bei DWDL und T-Online zu lesen. Eigentlich keine Überraschung, hätte ich vorher sagen können. Wen wundert es, dass Gourmet-Küche das deutsche Massenpublikum eher nicht interessiert? Und die anvisierte Altersklasse ist ja wohl auch die falsche.  Aber es gibt sie. Sie sind viele – und es gibt eine Heimat für die Sterneköche. Quark und so fordert: „Game of Chefs“  in die ARD!

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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