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ARTE und der Glaubenskrieg um die Milch: Fernsehen, postfaktisch.

ARTE hat die Milch zur großen Streitfrage erklärt und will zeigen, warum das beliebte Lebensmittel heute – angeblich – stark umstritten ist. Dazu geht ein renommierter Filmemacher auf Spurensuche. Doch am Ende dürfen Esoteriker gleichberechtigt neben renommierten Wissenschaftlern stehen: Das ist postfaktisches Fernsehen im Gewand des investigativen Dokumentarfilms.

 

Schale, Kännchen und Flasche Milch vor blauem Hintergrund

Milchidylle: rein, weiß, gut? Von wegen, sagt ARTE. Bild: Daria Yakovleva

Ich liebe das Wort des Jahres 2016, postfaktisch. Jedes Jahr wählt die Gesellschaft für Deutsche Sprache so ein Wort, das gesellschaftliche Debatten geprägt oder begleitet hat. Selten ist das so gelungen wie jetzt:

Das Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt zum Erfolg.

Wie das auf hohem Niveau geht, mit der gefühlten Wahrheit und dem Widerwillen, Tatsachen zu akzeptieren, zeigt ARTE.

Die haben einen Dokumentarfilm über Milch gebracht, am 10.1.2017 bei ARTE-Thema: „Milch – ein Glaubenskrieg“, so der Titel.

In diesem Format greift der Sender „aktuelle Debatten aus Kultur, Wissenschaft und Politik“ auf, es soll Fakten bringen, verschiedene Aspekte beleuchten, zur Diskussion inspirieren, andere Perspektiven zeigen.

Ob es um Milch wirklich so eine gesamtgesellschaftlich Kontroverse gibt, sei mal dahin gestellt.

Der Milchverzehr ist in den letzten Jahren mehr oder weniger gleich geblieben, bei Käse sind die Zahlen gestiegen. De facto wird alleine in Deutschland jeden Tag tonnenweise Milch in irgendeiner Form konsumiert*. Milch ist, wie diese Zahlen zeigen, eines der meistverzehrten und dazu am besten kontrollierten und untersuchten Lebensmittel überhaupt.

Es gibt aber eine kleine Szene, die gegen Milch agitiert und erstaunlich viel Aufmerksamkeit bekommt. Das sind Leute, die Milch nicht für ein normales Nahrungsmittel mit Vor- und Nachteilen halten, sondern für ein gefährliches biologisches Dopingmittel.

Und so hat die Redaktion von ARTE-Thema Milch zur großen Streitfrage erklärt und schickt einen renommierten Filmemacher auf Spurensuche. Er soll vorführen, was an der Milch so verdächtig ist und stellt die Anfangsfrage:

Aber ist Milch wirklich so gesund? Seit Jahren tobt eine heftige Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern. Kritiker behaupten, Milch kann moderne Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Diabetes und Migräne auslösen – und sogar Krebs.

Befürworter wie Gegner werfen sich gegenseitig aggressive Stimmungsmache vor. Die Folge: Milch und Milchprodukte gehören heute zu den umstrittensten Lebensmitteln überhaupt.
Die Verbraucher sind zunehmend verunsichert: Wem soll man glauben? Wir wollen Klarheit: Ist Milch gesund oder macht Milch krank?“

Die Gretchen-Frage

Eine tiefschürfendes Problem, ganz klar. Die Sache muss dringend aufgeklärt werden, genau wie der Glaubenskrieg um Kondensstreifen am Himmel, die Erde als Scheibe und die Mondlandung – total umstritten, keiner weiß, wie es wirklich ist, wir brauchen endlich klare Antworten.

Wie ARTE diese Frage konstruiert, repräsentiert die Philosophie des postfaktischen Zeitalters in Reinkultur: gesund oder ungesund? Schwarz oder weiß? Gut oder böse? Alles oder nichts?

Man ist sehr gut bedient, wenn man da misstrauisch wird.

Gerade weil im Restleben diese Haltung eher nicht empfohlen wird. Denken in Extremen und starre Schwarz-Weiß-Einteilungen treten, sagen Psychiater, auffallend häufig zusammen mit allerlei seelischen Störungen und wahn- oder zwanghaften Einstellungen auf.

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Der seelischen Gesundheit zuträglich soll es aber sein, wenn man Zwischentöne kennt, Kompromisse macht, Mittelwege und Maß einhält, Vor- und Nachteile erkennt, Risiken abwägt und realistisch bleibt: Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, niemand ist nur gut oder nur böse, und zwischen allem und nichts gibt es noch eine Menge.

Und wer bei Lebensmitteln diese Frage nach „gesund oder ungesund“ stellt, disqualifiziert sich garantiert für eine vernünftige Auseinandersetzung über Ernährung.

Das muss reichen

Nein, hier folgt jetzt keine Erklärung dazu, dass Menschen von einer Mischung in der Nahrung leben, Allesfresser, oder, passender, Mischköstler sind und daher Lebensmittel nur im Verhältnis zueinander und in der Mischung funktionieren.

Das kann man nachlesen, Hinweise gibt es auf Nachfrage, aber nur gegen Strafgebühr. Denn Quarkundso.de setzt bei seinen Qualitätslesern Vernunft voraus.

Jetzt aber zurück zum Film. Natürlich ist die Frage am Anfang dramaturgisch motiviert –Storytelling, wie es im Neusprech heißt: In der Exposition sollen so deutlich wie möglich Gegenpole erscheinen, am besten ein grundsätzliches Dilemma, das möglichst tragische Konflikte verspricht.

Das macht die Frage nach „gesund oder ungesund“ aber nicht legitim.

Denn es bleibt dabei: Wer Lebensmittel in „gesund oder ungesund“ einteilen will, hat den Schuss nicht gehört. Und wischt offensiv jeden Kontext, den gesunden Menschenverstand, die Evolution mit der erstaunlich schnellen genetischen Anpassung des Menschen ans Milchtrinken und mindestens 8.000 Jahre Erfahrung mit Milch und Milchprodukten weg.

 

Keine ganz gleichen Lager

Egal – Drama muss sein. Daher dreht sich die Doku volle 45 Minuten um verschiedene Beteiligte am vorgeblichen „Glaubenskrieg“: Milch-Lobbyisten, Wissenschaftler, Ärzte, Bauern, Journalisten, Industrievertreter, Patienten, alles war dabei.

So ganz paritätisch sind die Lager zwar nicht besetzt: Die Milchgegner sind, anders als in der Realität, stärker vertreten, schon rein zahlenmäßig. Aber das will erstmal nichts heißen.

Denn am Ende kommt es ja auf die Argumente und auf das Fazit an, nicht wahr? Auf die Botschaft, die der Zuschauer mitnehmen soll, und die unterwegs vielleicht schon aufschimmert, am Ende aber offenbar wird.

Und das wird sie auch.

Zuvor werden in der Spurensuche alle Seiten der Milch beleuchtet, wirklich, es wird alles aufgeführt, was nur gegen die Milch sprechen könnte.

Darunter ist auch eine schwedische Studie von 2014, die berühmt-berüchtigte Michaelssen-Studie. Da hat ein Forscher aus Uppsala Zahlen präsentiert, nach der Milch das Osteoporose-Risiko erhöhen und nicht etwa senken könnte, so dass Milchtrinker durch Knochenbrüche früher zu Tode kommen. „Drei Gläser Milch am Tag sind tödlich“, titelte die Bild-Zeitung.

Diese Studie hat einige Einschränkungen, und der Zusammenhang der Knochenkrankheit mit einem bestimmten Milchzucker, der D-Galaktose, den Michaelsen aufstellt, ist keineswegs belegt. Die Ärztezeitung schreibt dazu:

Da es sich um eine epidemiologische Studie handelt, lässt sich nicht belegen, dass der Milchkonsum tatsächlich die Ursache für den Anstieg von Mortalität und Frakturen ist. Sogar eine reverse Kausalität kann nicht ausgeschlossen werden – dass Menschen viel Milch trinken, weil bei ihnen ein erhöhtes Osteoporoserisiko erkannt wurde.

Trotzdem präsentiert ARTE diese Studie von 2014 samt Forscher als Kronzeugen gegen die Milch – ohne die Kritik an der Michaelsen-Studie zu erwähnen.

 

Kalte Zahlenfuchserei gegen warmes Mitgefühl

Nicht, dass die Befürworter nicht zu Wort kommen: Der Milchlobbyist schwärmt von den 2000 Käsesorten Frankreichs und seiner langen Tradition, die Forscher Bernhard Watzl vom Max-Rubner-Institut in Karlsruhe und Mediziner Jean-Michel Lecerf vom Institut Pasteur erklären die für die Milch eindeutig günstige Studienlage.

Sie betonen, dass die Kritiker nur Einzelstimmen sind und keine relevanten Daten vorweisen können, dass also die Forschungslage und dazu noch die Erfahrung von Millionen von Menschen und die jahrtausendealte Praxis gegen die vehemente Kritik sprechen, dass Milchprodukte von Milliarden von Menschen konsumiert werden und Milch alles in allem ein ausgezeichnetes Lebensmittel ist.

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Sie verschweigen dabei übrigens keineswegs, dass ein Übermaß an Milch ungünstig ist und dass es Hinweise auf die Verbindung von extrem hohem Konsum von Magermilch (!) – über ein Liter am Tag – mit Prostatakrebs.

Doch im Verlauf entpuppen sich Auswahl und Inszenierung der Protagonisten immer mehr als David-Goliath-Strickmuster: Da die Großen, hier die Kleinen. Da die Etablierten mit Geschäftsinteressen, hier die Außenseiter als Anwälte der Opfer.

Der Gegensatz ist subtil ausinszeniert, zwischen den Polen Warm und Kalt: da die abgehobenen Ernährungsforscher aus riesigen Instituten, hier einzelne Ärzte, die sich ihrer Patienten persönlich annehmen.

Dort die anonyme Zahlenfuchserei der Wissenschaftler, hier die einfühlende, persönliche Erfahrung der Praktiker im Umgang mit leidenden Menschen. Interviews in Labors, Gängen und Treppenhäusern gegen Bilder aus Behandlungszimmern in warmen Farben.

Beim Massentierhalter aus Meck-Pomm gegen den Biobauern aus der Schweiz ist der Fall klar: Der aalglatte Agrarindustrielle aus dem Norden wirkt mit seinem kalten BWL-Jargon – „lange Nutzungsdauer der Kuh“, „eine Kuh muss man managen“ – eindeutig unsympathisch und desavouiert sich selbst.

Dagegen macht der Anblick der Kühe mit echten Hörnern, die auf die Weide geschickt werden, sofort glücklich. Und Lust auf Milch und Käse.

Aber das ist ein Thema für sich – die Bedingungen in der Milchviehhaltung, die hochgezüchteten Superkühe mit Monstereutern. Die Kritik an dem System ist berechtigt.

Warum dieser Part überhaupt eine Rolle im Film spielt, liegt nicht etwa am Tierwohl. Sondern an einer These der Milchgegner: Sie halten besonders die Milch der Turbotiere für schädlich. Und zwar, weil Milch dank moderner Molkereitechnik von vielen verschiedenen Kühen stammt. Das sei gesundheitsgefährdend.

 

Milch: Immunangriff auf den Körper?

Hier tut sich neben dem an sich gut beleumundeten Ernährungsmediziner Max Ledochowoski – „Milch hat, wie wir das heute kennen, mit dem ursprünglichen Nahrungsmittel Milch nurmehr sehr wenig gemeinsam“ – besonders der Chefarzt einer Privatklinik in der Schweiz hervor, ein Dr. Thomas Rau.

Den besucht das ARTE-Team, und Rau erklärt, dass in den Molkereien die Milch tausender Turbo-Tiere zusammengeschüttet wird, samt ihren Hormon- und Antibiotika-Resten:

„Sie haben ein immunologisches Wirrwarr. Bei uns in der Region sind es 30.000 Kühe, deren Milch zusammengegossen wird, und daraus werden die Produkte hergestellt. Das heißt, wir haben 30.000 individuelle immunologische Profile, die da aufgenommen werden…. eine Lawine von immunologischer Information, die auf unsere kleinen Kinder niederprasselt.“

Diese Behauptung muss man sich näher ansehen, denn sie klingt so plausibel, dass man es mit der Angst bekommt.

Je nach Thema kommt sie auch gegen Fleisch allgemein, gegen Schweinefleisch im Besonderen,gegen Milch und Käse, Eier, Fisch oder gleich gegen alle tierischen Produkte, gerne aber auch gegen Weißbrot, tropische Früchte, Kakao oder Kaffee aufs Tapet: alles ein Immunangriff auf den Körper.

Aber sie ist nur ein Popanz, eine esoterische Finte aus Halbwahrheiten, die zum Standardrepertoire der Eso- und Naturheilszene gehört.

Dahinter steckt eine schlichte physiologische Tatsache, die absichtlich verzerrt wird: Beim Essen kommen Fremdstoffe in den Körper, und die rufen das Immunsystem auf den Plan. Es ist ein natürlicher Vorgang, der sich im Blut messen lässt, denn nach einer Mahlzeit steigen bestimmte Werte an.

Das sind die aktivierten Immunzellen, die mal nachschauen kommen, ob es sich womöglich um gefährliche Invasoren handelt.

Doch diese Eindringlinge kann der Körper nicht nur parieren, seine Abwehrkräfte sind sogar darauf eingestellt und geradezu auf dieses Training angewiesen: ohne Konfrontation mit Nahrung keine gesunde Immunabwehr.

Esoteriker, Heilpraktiker, Scharlatane, Fleischfeinde und Fastenprediger nehmen diese messbare Immunreaktion aber gerne zur Hand, um vor dem Lebensmittel ihrer Wahl zu warnen.

Den zahlenden Kunden drehen sie damit ihre Produkte und Behandlungen an, darunter teure Blutuntersuchungen, Ernährungspläne, Fastenkuren, Darmreinigung, Entgiftung, Immunstärkung, Ersatzlebensmittel, Pillen oder Pulver.

 

Wen haben wir denn da?

Dazu sollte man noch wissen, dass Dr. Thomas Rau kein Unbekannter ist. Er ist ein Star der sogenannten „Biologischen Medizin“ und hat zwar eine regelrechte Ausbildung als Internist. Aber inzwischen residiert Rau in einer eigenen alternativen Klinik und rechnet seine besonderen Künste gerne privat ab.

Darunter fallen auch die berüchtigten Entgiftungen, „per Infusionen und Heilmitteln, aber auch mit den Paracelsus Entgiftungsinfusionen, eine besondere Spezialität unserer Klinik“ (Webseite der Klinik). Das klingt schon verdächtig nach Art des Hauses. Allerlei Verabreichungen von Mineralien und Vitaminen gehören dazu, natürlich auch Darmsanierungen und Darmaufbau, die Flaggschiffe des Eso-Repertoires.

„Spezialtherapien wie Iratherm“ stehen ebenfalls im Katalog. Iratherm ist eine Ganzkörperwärmebehandlung, die unter anderem bei einer „biologischen Krebstherapie“ zum Einsatz kommt und angeblich Krebszellen töten sowie die Wirkung von Bestrahlung und Chemotherapie unterstützen soll.

Das ist wissenschaftlich nicht nur nicht erwiesen – die Iratherm-Geräte gelten auch als gefährlich und die Behandlung wird von deutschen Krankenkassen nicht bezahlt. Aber den Krebs hat Dr. Rau ohnehin schon besiegt, enthüllt seine Klinik-Homepage:

Nach über 20 Jahren des sehr intensiven Aufbaus der Biologischen Krebstherapien der Paracelsus Clinic können wir eindeutig sagen, dass eine ganzheitliche Tumortherapie wirkt, wenn verschiedene Modalitäten der Behandlung, sehr individualisiert und langzeitig (bis zu zwei Jahren) zur Anwendung kommen. Immer sind die Ernährung und die Entgiftung von grosser Wichtigkeit, ebenso die konsequente Behandlung mit Antioxydantien (Vitamine, Spurenelemente, Base).

Das ist zweifelsfrei eine Weltsensation, ebenso nobelpreisverdächtig wie jener Buchbeitrag, in dem Dr. Rau erklärt, dass und wie Schüssler-Salze wirken: „feinstofflich“ und per „Energieübertragung“. Das sei wissenschaftlich erwiesen, schreibt er.

 

Erfahrene Praktiker gegen die Wissenschaft

Die Macher der Doku erwähnen derlei mit keinem Wort.

Nein, Autor und Redaktion ordnen den Eso-Doktor nicht nur nicht ein, sondern stellen ihn ganz selbstverständlich als Leiter einer „Klinik für Ganzheitsmedizin“ in eine Reihe mit den Wissenschaftlern von großen Instituten, die auf Seiten der akademischen Forschung – und der Milch – argumentieren, etwa der weltweit renommierte Jean-Michel Lecerf. Letzterer wird im Film noch des versteckten Lobbyismus und der Industrienähe angeklagt.

Aber der Ganzheitspraktiker aus der Schweiz darf mitreden und unbehelligt von kritischen Nachfragen seine Thesen verkünden. An den Regeln der Wissenschaft lässt er sich dabei nicht messen – denn was ist schon Wissenschaft?

„Wer ist da wissenschaftlich und wer nicht? Was heißt überhaupt Wissenschaftlichkeit? Das sind Betrachtungen einer relativ großen Gruppe von Menschen unter irgendwelchen Kriterien. Und haargenau das mache ich ja, indem ich eine riesige Gruppe seit 30 Jahren von Patienten … betrachten … für mich ist das empirisch wissenschaftlicher als alle die verlogenen Studien.“

Rau behauptet auch, dass 95 Prozent aller Krebspatienten in seiner Klinik gegen Molkenproteine allergisch seien. Da er diese Patienten „zu Hunderten“ in seiner Klinik habe, sei das von demselben Wert wie eine Studie.

Weitere ärztliche Interviewpartner im Film, der österreichische Ernährungsmediziner Ledochowski aus Innsbruck und der Hautarzt Melnik aus Osnabrück, äußern sich ähnlich: In ihrer Praxis gehen sie danach vor, was dem Patienten gerade hilft.

Forscher in Schutzkleidung an Bank, Mikrobiologe
Forschen ist schön. Macht aber viel Arbeit.

 

Kleine Zipperlein kann man vielleicht kurieren

Der Knackpunkt ist, dass das für den praktischen Arzt ebenso legitim wie trivial ist: Viele Menschen haben Beschwerden, die an individuellen Befindlichkeiten, Unverträglichkeiten, Gewohnheiten oder Stoffwechseleigenschaften liegen.

Diese können durch kleine Umstellungen im Lebensstil beseitigt werden und der Arzt hilft, danach zu forschen. Schließlich ist nicht jedes Nahrungsmittel und jede Ernährungsform für alle gleich gut – eine Binsenweisheit.

Viele der praktischen Erfahrungswerte von niedergelassenen Ärzten, etwa bei Migräne oder Verdauungsbeschwerden, stehen seit dem 19. Jahrhundert in Lehrbüchern und funktionieren nach dem Motto „Schadet nicht, hilft vielleicht“. Sie sind den Versuch wert und werden einfach mal ausprobiert, wobei sie nicht immer funktionieren.

Damit widersprechen sie aber keineswegs der Wissenschaft.

Und taugen schon gar nicht dazu, Lebensmittel kategorisch als „gesund“ oder „ungesund“ zu qualifizieren: Nur weil manche Menschen von Zwiebeln Verdauungsstörungen bekommen, kann man keinen Grundsatzstreit darüber vom Zaun brechen, ob Zwiebeln gesund sind oder krank machen.

Mann hält sich Hände verkrampft vor den Bauch

Aua, Bauchweh! Kommt bei vielen Lebensmitteln mal vor. Dann einfach weglassen.

Darauf ist ARTE bei der Milch aber aus, und so kommentiert der Sprechertext erstaunt:

„Ernährungswissenschaftler Prof. Watzl betrachtet ärztliche Erfahrungen wie bei Dr. Aranda nicht als Belege für allgemeingültige Aussagen.“

Ach nee. Und ziemlich dumm gelaufen. So ist es halt – als wissenschaftlich belegt gilt nur, was, nun ja, wissenschaftlich belegt ist.

Wer als Arzt jedoch vollends nach eigenem Gusto vorgeht, muss aufpassen, dass er auf der sicheren Seite bleibt und sich auf kleine Befindlichkeitsstörungen und nicht-lebensbedrohliche Krankheiten konzentriert.

Sonst könnte er ziemliche Probleme bekommen.

 

Postfaktische Beliebigkeit: Alle haben gleich Recht

Die ARTE-Leute ziehen ihre holzschnittartige Dramaturgie aber gnadenlos durch. Und so kommt es am Ende ganz dick, in Form der Takehome-Message, einer Adresse an die Zuschauer, die es in sich hat.

„Die Diskussion unter den Experten geht weiter: Milch, ja oder nein? Die Meinungen bleiben geteilt. (…) Unsere Reise hat uns gezeigt: Milch kann viel mehr Beschwerden auslösen als die meisten denken. Und manchen Menschen geht es durch Milchverzicht besser.
Ob Milch aber im großen Umfang krank machen kann, bleibt umstritten. Welchen Experten man mehr glaubt, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden.“

In diesem Fazit steckt neben der primitiven Schwarz-Weiß-Konstruktion auch der Kern der postfaktischen Denke: die Befreiung aus dem engen Korsett der Wissenschaft, die irrationale Beliebigkeit bei der Beurteilung von Fakten und „Experten“, und das Lob der Ignoranz, aufgewertet als persönliche Entscheidung des Einzelnen.

Irrationale und Verschwörungstheoretiker müssen ihren Aberglauben in diesem Weltbild nicht mehr beweisen. Sie müssen sich nicht auf Argumente, Studien, Hintergrundwissen, wissenschaftliches Denken und Fachleute einlassen.

Es reicht – laut ARTE – ausdrücklich, wenn man sich selbst entscheidet.

So kann man Esoteriker neben Wissenschaftler stellen, Spinner neben Forscher, Scharlatane neben Könner, Kurpfuscher neben Ärzte. Alle sind gleichermaßen Experten und alle haben gleich Recht.

Eso-Quark trotz Pressekodex

Jetzt könnte einem das egal sein, wenn es um ein reines Glaubensbekenntnis geht. Schließlich kann jeder nach seiner Fasson selig werden.

Doch erstens haben die angeblichen Milch-Experten von der kritischen Fraktion weder die Forschungslage auf ihrer Seite noch können sie gegen die überwältigend gute praktische Erfahrung mit Milch ankommen – wohlgemerkt: Milliarden von Menschen in Europa, Russland, Amerika, Afrika trinken täglich Milch.

Dazu kommen Käse, Jogurt und Butter, die in allen milchtrinkenden Gesellschaften sehr hoch angesehen sind oder gar, wie das Butterfett in Indien, seit Jahrtausenden (!) als Heilmittel betrachtet werden.

Vor allem aber ist ARTE ein öffentlich-rechtlicher Sender, finanziert von Gebührengeldern. Und Thema am Dienstag ist ein politisches Sendeformat, das gesellschaftliche Debatten nach journalistischen Kriterien aufbereiten und präsentieren will.

Da steht die Redaktion von ARTE eigentlich in der Pflicht, sich zu gesicherten, seriösen Fakten von ausgewiesenen Fachleuten zu bekennen.  Die abweichende Meinung darstellen geht dann trotzdem. Was aber nicht geht, ist, sich einfach von der Wissenschaft zu verabschieden, indem man dem Publikum suggeriert, Erkenntnisse seriöser Forscher seien beliebig.

Da hat wohl die Plattitüde, dass der Zuschauer „sich selbst seine Meinung bilden“ soll – Lieblingsmaxime schlechter Redakteure – am Ende des Films die Marschroute vorgegeben.

Nur bildet sich der Zuschauer seine Meinung immer selbst, völlig egal, was Journalisten sagen – wobei er dieser Zunft sowieso nichts mehr abkauft.

Es wäre besser gewesen, die Autoren und Redakteure von ARTE hätten sich an den erfrischend lässigen Jean-Michel Lecerf gehalten. Sein wunderbarer O-Ton wäre das richtige Fazit gewesen:

„Dass die Milch für einige nicht geeignet ist, ist völlig normal. Dass die Milch nicht perfekt ist, ist völlig normal. Dass die Studien komplex und widersprüchlich sind, ist normal. Wir untersuchen. Wir beobachten. Ich bin nicht in einem Krieg. Es ist die Anti-Milch-Fraktion, die auf einem Kreuzzug ist.“

©Johanna Bayer

Die Milch-Doku von ARTE gibt es noch auf Youtube. In der ARTE-Mediathek ist die Sendung nicht mehr online.

Das Frühstück als Fetisch: WISO, Schwindel mit Müsli – und warum jeder frühstücken kann, was er mag

Das Frühstück wird überschätzt. Das hindert weder Fernsehen noch Printmagazine und schon gar keine Foodblogger daran, ständig zu behaupten: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages. Aber die Wahrheit ist: Wir brauchen kein Frühstück. Über Frühstücksmythen und den großen Müslischwindel. Anlass; ein Test der Sendung WISO. (Beitrag von März 2016)

 

Frühstückstisch mit Kaffee, Obst, Ei, Croissan, Müsli

„Gesundes Frühstück: Der Tisch muss sich biegen von allem, was der Kühlschrank hergibt. Bild: Shutterstock / monticello

 

Darauf hat Quarkundso.de schon lange gewartet – auf das mit dem Frühstück.

Also, auf einen passenden Bericht über das Frühstück. Damit endlich mal gesagt werden kann, was gesagt werden muss: Das Frühstück wird überschätzt.

Das Verbrauchermagazin WISO vom ZDF hat Quarkundso.de letzte Woche die passende Steilvorlage geliefert. Ich bin dafür sehr dankbar.

Wobei ich persönlich überhaupt nichts gegen ein ausgiebiges Frühstück habe. Wirklich nicht. Aber ich brauche keines. Das Mittagessen ist mir viel wichtiger.

Morgens reichen mir wenige Dinge: ein belegtes Brot oder Brötchen (in Zahlen: 1), ein paar Tassen Tee. Wenn mal keine Zeit zum Frühstücken ist, reicht nur das Brot. Oder nur der Tee. Süßes vertrage ich morgens nicht, da wird mir schlecht. Übergangslos kann ich dann mittags reinhauen, dass es kracht.

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So aber bin ich ein Komplettausfall für die Frühstücksindustrie. Eine Anti-Zielgruppe für die Hersteller. Die designen rund um das bescheidene Mahl am Morgen eine riesige Palette von Spezialprodukten.

 

Die Hidden Agenda: Wir sind morgens alle depressiv

Wegen dieses Marktes hat das Frühstück eine feste Ikonografie: Immer findet es in lichtdurchfluteten Wohnküchen statt, immer scheint die Sonne, immer gibt es buntes Bullerbü-Geschirr, immer biegt sich der Tisch von allem, was der Kühlschrank hergibt, immer ist da ein gerade geköpftes Ei, immer frisch gepresster (!) Orangensaft, immer gibt es nicht nur Brot und Brötchen sondern auch Croissants, immer eine Kanne (!) Milch und ganz viel frisch aufgeschnittenes Obst.

In der Mitte prangen dann die Packungen, um die es geht: wahlweise Marmeladen, Nutella oder andere Brotaufstriche, Honig, Margarine, Jogurt, Frischkäse, Wurst mit Gesicht und vor allem die berühmten „Frühstückscerealien“: Müsli, Flocken und allerlei Knusperzeug.

Schön zu sehen ist das in der Werbung, den Fernsehbeiträgen und der Fotografie, und wenn man eine Google-Bildersuche zum Thema eingibt. Die Überfülle und die goldene, sonnige Symbolik verraten die Hidden Agenda: Morgens sind wir alle depressiv. Wir müssen mit Essen gegensteuern.

Und nicht nur deshalb ist ausgemacht: Das Frühstück ist die wichtigste Mahlzeit des Tages.

 

Google_Bildersuche "Frühstück" mit lauter Collagen aus Orangensaft, Brötchen, Ei und allem, was im Kühlschrank ist

Screenshot von einer Google-Bildersuche zum Stichwort „Frühstück“.

Das Märchen von der wichtigsten Mahlzeit des Tages

Diese in Stein gemeißelte Wahrheit verkündet denn auch WISO in seinem Bericht vom 21.3.2016, veredelt durch den Rekurs auf Fachleute:

„Das Frühstück ist für viele Ernährungsexperten die wichtigste Mahlzeit.“

Das ist schon deswegen interessant, weil es im doppelten Sinne nicht stimmt: Echte Ernährungsexperten und alle Mediziner wissen, dass das Frühstück nur eine Mahlzeit unter anderen ist.

Doppelt heißt: Erstens ist das Frühstück auf keinen Fall die wichtigste Mahlzeit. Zweitens sagen Experten derlei nicht. Es steht auch weder in den Richtlinien der DGE noch in irgendwelchen Lehrbüchern, dass das Frühstück die wichtigste Mahlzeit (des Tages, für den Menschen, weltweit?) wäre.

Es ist schlicht und einfach nicht so.

Alle Versuche, wissenschaftlich zu belegen, dass ein ausgiebiges Frühstück die wichtigste Mahlzeit sei und helfe, das Gewicht zu regulieren, wie oft behauptet wurde, sind gescheitert. Die Studienlage, selbst zum Frühstück bei Schulkindern, ist unklar.

Man kann nur vermuten, dass Kinder, die frühstücken, insgesamt besser versorgt werden und deshalb fitter und gesünder sind. Und natürlich ist es für Schüler, die im Unterricht aufmerksam sein müssen, nicht schlecht, etwas zu frühstücken und vor allem zu trinken. Aber manche Kinder weigern sich, morgens etwas zu essen. Zwingen kann und sollte man sie nicht.

Bei Erwachsenen ist die Lage ziemlich anders. Und für Übergewichtige ist es eher so, dass ein üppiges Frühstück die Gesamtkalorienmenge erhöht. Mit anderen Worten: Wer abnehmen will, kann schon beim Frühstück mit dem Kaloriensparen anfangen.

Inzwischen schlagen neue Ernährungskonzepte wie das Intervallfasten sogar ausdrücklich vor, mehrmals in der Woche zum Beispiel das Frühstück auszulassen.  Damit liegt eine lange Essenspause zwischen dem Abend und dem nächsten Mittag, was nachweislich günstig für den Fettabbau und den Stoffwechsel ist.

Soweit die wissenschaftliche Lage. Die WISO-Redaktion verlässt sich aber lieber auf den Volksglauben. Natürlich kann man so mal ein Thema einführen, warum nicht. Aber dann sollte die Recherche kommen.

Den Quark als Expertenwissen zu verkaufen, das ist schon keck.

Omas Wissen führt auch nicht weiter

Dabei gehört der Frühstücksmythos nicht einmal zur traditionellen Esskultur. Denn früher war klar: Das Frühstück ist ein kleiner Happen – zentral ist das warme Mittagessen.

Wer an diesem Punkt der Spurensuche das Oma-Argument ausspielt, muss sich Fragen stellen lassen. Mag sein, dass Oma – die alles über Essen wusste – sagt, man müsse morgens „essen wie ein Kaiser“.  Aber dann sollte sie auch die Karten auf den Tisch legen: Was meint sie eigentlich, und hat sie wirklich Recht?

Vor allem: Was frühstückte denn so ein Kaiser?

Vom österreichischen Franz Joseph I. ist bekannt, dass er vor Tau und Tag aufstand, meistens um halb vier Uhr früh. Das Frühstück kam erst nach sechs, wenn er schon ein paar Akten durchgearbeitet hatte. Dann genehmigte sich der Franzl Tee oder Kaffee und etwas Gebäck, am liebsten seinen legendären Gugelhupf, oder ein Milchweck.

Wilhelm II in Preußen genoss als Kind eine streng militärische Erziehung, da gab es nur trockenen Zwieback zum Frühstück, ebenfalls im Morgengrauen. Das später berühmte Gabelfrühstück bei Hofe war wiederum keine Morgenmahlzeit, sondern schon ein Mittagessen. Es fand nicht vor 11.00 Uhr statt, und diente vor allem Einladungen und besonderen Anlässen.

Erst arbeiten, dann essen

Auch sonst frühstückten Monarchen, die auf sich hielten, einfach: der Sonnenkönig Ludwig XIV. von Frankreich nahm nach seinem Lever morgens um neun Uhr nur etwas Bouillon, Brot und Wein zu sich. Erst mittags wurde groß aufgetischt, nicht vor 13.00 Uhr.

Im Mittelalter wiederum war in höheren Kreisen der Verzicht aufs Frühstück angesagt. Nach dem Aufstehen wurde nicht gegessen, erst später.

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Denn der Tag begann bei Sonnenaufgang. Im Frankfurter Römer saßen die Ratsherren schon um sechs Uhr zusammen – ein üppiges Mahl vor Sitzungsbeginn verbot sich schon aus organisatorischen Gründen: Der Ofen rauchte noch nicht, die Küche war kalt.

Gegen 10.00 oder 11.00 Uhr gab es dann das frühe warme Mittagessen, prandium genannt. Wohlgemerkt Stunden nach dem Aufstehen.

 

Nordeuropa und USA: Mittags nichts, abends nichts Gutes

Wie man es auch dreht und wendet, alles deutet auf eine schlichte Mahlzeit am frühen Morgen hin, der nicht viel Gewicht beigemessen wurde. Aus der Historie stammt der moderne Frühstücksmythos jedenfalls nicht. Eher ist er wohl in neuerer Zeit aus dem Ausland eingewandert.

Wenn ich mich richtig erinnere, schrieb der große Wolfram Siebeck, das Frühstücksmärchen komme „aus Ländern, die den ganzen Tag nichts Gescheites mehr auf den Tisch bringen“: aus Skandinavien und dem angelsächsischen Raum. Das klingt einleuchtend.

Denn dort firmiert das Mittagessen nur als „Lunch“, ist in der Regel kalt und besteht aus Klappstullen oder Salat in Plastikdosen. Klar muss man unter diesen Umständen morgens auf Vorrat essen.

Die Mutter dieser Frühstücksform stammt wohl aus dem England des frühen 19. Jahrhunderts und nennt sich „full english breakfast“ mit Eiern, Speck, Räucherfisch, Fleisch, gebratenen Nieren, Blut- und Bratwürsten. Unnötig zu sagen, dass das nur wohlhabenden Bürgern möglich war.

Dieses üppige Mahl ist in die USA importiert worden, wo es bombenfest mit Erdnussbutter, Pfannkuchen in Ahornsirup, Cornflakes, Donuts und pappsüßem Orangensaft verleimt wurde. Von dort schwappt das Ganze jetzt wieder zurück nach Europa.

Übrigens mitsamt der Ideologie von der Bedeutung des Frühstücks. Sie ist in den USA besonders aufgeblasen  – nie ohne gutes Frühstück aus dem Haus, heißt es da. Ein amerikanisches Frühstück mit den oben genannten Zutaten, versteht sich.

Das Gewichtsproblem, das die Nation hat, ist bekannt. Aber jetzt soll sich bloß niemand etwas dabei denken.

Das Frühstück als Fetisch

In Deutschland ist es durch derlei internationale Frühstückspropaganda aber inzwischen fast asozial, nicht zu frühstücken. Und das, obwohl 20 bis 45 Prozent der Deutschen morgens nicht viel Hunger haben.

Das trauen sie sich aber nicht zu sagen, im Zeitalter der Selbstoptimierung durch bewusstes Essen. Denn die Frühstücksfront ist in der Übermacht. Für ihre Abgesandten ist das Frühstück geradezu ein Fetisch.

Im Büro schinden sie morgens eine ausgiebige Frühstückspause raus, weil sie sonst nicht arbeiten können. Das Wochenende ist ruiniert, wenn sie nicht stundenlang „gemütlich frühstücken“  – in Cafés, die bis 18.00 Uhr Frühstück servieren. Das heißt, sie frühstücken eigentlich nur noch, richtige Mahlzeiten kennen sie kaum.

Im Urlaub verklagen solche Leute gerne den Reiseveranstalter, wenn es morgens kein riesiges kalt-warmes Buffett gibt, dabei bestehen sie auf heimischem Müsli, Aufschnittplatten und Vollkornbrötchen. Heimlich schmieren sie noch schnell ein paar unter dem Tisch, um das Mittagessen zu sparen.

Dieses deutsche Frühstücksgewese befremdet die Einheimischen und ist für die meisten Urlaubsländer total untypisch, besonders im Süden.

Weltfrühstück: salzig bis scharf am Morgen

Ihrerseits können sich die Touristen auf keinen Fall den Frühstücksgewohnheiten ihrer Gastgeber anpassen. Das würde den Urlaubsgenuss empfindlich stören.

Erste Hürde für viele: Nirgends außer in Europa ist das Frühstück süß. In Japan gibt es eine Schale Fischsuppe, im Nahen Osten ein paar Reste des Abendessens, in Indien ebenfalls, aber granatenscharf, in Südamerika Bohnen und Maismehltortillas, in Tibet salzigen Tee mit Yakbutter drin, dazu getrocknetes Yakfleisch und Gerstenbrot.

Zweite Hürde: Das Frühstück ist für viele Menschen eine stark ritualisierte Mahlzeit. Sie essen immer dasselbe und brauchen ganz bestimmte Zutaten. Konditioniert auf einen Kanon von Wohlfühlspeisen, gelingt es ihnen nicht, sich für den kurzen Urlaub umzustellen.

Nun gut. Das muss ja auch nicht sein. Man will sich schließlich erholen.

Daher bieten die Hotels in den Reiseländern das Frühstück „western style“. Und sicherheitshalber wimmelt es im Netz von Reiseberichten und Blogs, die für alle möglichen Länder den verzweifelten Urlaubern zeigen, wo es „ein gutes Frühstück“ gibt.

 

Noch ein Mythos: der Müsli-Schwindel

Da lacht das Herz der Frühstücksindustrie. Sie ernährt auch die vielen Serviceredaktionen, die ihre wunderbaren Extraprodukte besprechen, empfehlen, bewerten und wieder und wieder testen können.

An erster Stelle steht hier das Müsli.

Müsli, wir erinnern uns, ist ein Kunstgericht, das ein esoterischer Diätarzt im 19. Jahrhundert erfunden hat, ein gewisser Bircher-Benner. Er behauptete, bei seiner Mischung aus gezuckerter Kondensmilch, geriebenem Apfel, Zitronensaft und Getreideschrot handele es sich um die ursprüngliche Ernährung gesunder Bergvölker.

Der Mann schwindelte. Das war ihm aber egal. Schließlich wollte er übergewichtigen, gichtgeplagten Großstädtern etwas Rohkost unterjubeln, und für diesen guten Zweck war ihm jedes Mittel recht. Danach gewann die Diätspeise, die Bircher-Benner seinen Dicken verordnete, in Deutschland den Nimbus des idealen Frühstücksgerichts.

Frühstücksmythen noch und noch

Bei WISO war also Müsli wieder im Test, Früchtemüsli, wie schon 2010 einmal, übrigens mit demselben Ergebnis. Nach dem steilen Eingangssatz von der „wichtigsten Mahlzeit“ des Tages kam bei WISO aber tatsächlich noch eine Frau vom Fach zu Wort. Es ist eine Ökotrophologin von der Verbraucherzentrale Rheinland-Pfalz, Susanne Umbach.

Die sagte Erstaunliches über Nährwerte von Dörrobst und zementierte auch gleich den nächsten Frühstücksmythos: den von den „leeren Energiespeichern“, die morgens angeblich dringend und langanhaltend mit Kohlenhydraten aufgefüllt werden müssen.

Falls sie mit „Energiespeichern“ die üppigen Fettdepots meint, über die mehr als die Hälfte der Bevölkerung verfügt – die müssen definitiv nicht aufgefüllt, sondern abgebaut werden.

Aber die meint Frau Umbach nicht. Schade eigentlich.

Stattdessen befördert sie die Mär von der notwendigen Stärkekost zwecks angeblich lebenswichtigen Kohlenhydratnachschubs. Das ist der zweite große Frühstückshumbug.

Die physiologische Grundlage: Nachts läuft der Körper von Natur aus auf Reserve, weil nichts reinkommt. Er leert dann bestimmte Kohlenhydratspeicher in der Leber, was im Grunde gut ist.

Wenn man morgens viel Stärkehaltiges oder Süßes isst, füllt das die kurzfristigen Leberspeicher wieder auf, und zwar, weil der Körper überschüssige Kohlenhydrate dort bunkert. Denn die meisten essen viel zu viele Kohlenhydrate – mehr sie brauchen.

Gleichzeitig schaltet der Organismus aufgrund der eingehenden Signale – es ist hell draußen und Futter kommt rein! – vom Reservemodus zurück in den Tagesbetrieb. Dann wartet er auf Nachschub von außen.

Er würde sonst tatsächlich die eigenen Energiespeicher, die Fettdepots, weiter angreifen und seine Energie daraus beziehen. Das ist von Natur aus so vorgesehen.

Ist nicht das tibetische Frühstück das ideale?

Aus diesem natürlichen Tag-Nacht-Rhythmus und dem Reservehaushalt des Körpers stricken bestimmte Ernährungsberater vom Reißbrett weg die Forderung, dass morgens vor allem Kohlenhydrate ins Frühstück gehören – wegen der Energieversorgung.

Nur hat die Sache einen Haken: Mit demselben Recht könnte man sagen, dass der Körper morgens Eiweiß und Fett, Salz und Wasser braucht, weil das ja alles über Nacht gefehlt hat – und viel wichtiger ist als Kohlenhydrate.

Denn über Energiereserven verfügt der Körper in der Tat ausreichend, für nicht weniger als sechs Wochen. Dazu sind die Fettdepots da, so lange reicht der Speckgürtel. Bei Dicken sogar noch länger. Aber besonders bei Protein, Wasser und Salz wird es schnell kritisch. Da reichen die körpereigenen Reserven nur wenige Tage.

Auch bei Fett ist ein Mangel kritischer als bei Kohlenhydraten, weil Fett als Zellbaustoff und für das Gehirn essenziell ist, außerdem ist es wichtig für die Verwertung von Vitaminen. So gesehen gäbe es viele gute Gründe für das Frühstück der Tibeter: gesalzener Tee mit viel Fett – lecker Yakbutter! Dazu Fleisch vom Yak und Gerstenmehlfladen oder -suppe mit noch mehr Yakbutter – ohne jedes Obst.

Nicht nur, weil das da nicht wächst. Hart arbeitende Menschen aus widrigen Breiten wissen offenbar, worauf es ankommt. Anhänger der Bullet-Proof-Diät haben sich das abgeschaut und machen daraus clevere Geschäftsmodelle.

Frühstück in Deutschland: Obst- und Vollkorn-Folklore

Nicht so die akademischen Ökotrophologen aus Mitteleuropa. Dieser Szene passen der salzige Tee und die Yakbutter natürlich überhaupt nicht ins Konzept, vom Fleisch ganz zu schweigen. Hier müssen es morgens reine Kohlenhydrate mit süßem Obst sein, und wenn Milch, dann fettarm.

Diese Obst- und Vollkorn-Folklore entbehrt einer vernünftigen Grundlage und schmeckt vielen Menschen offensichtlich auch nicht. Interessant ist nämlich die Stelle, an der WISO Zahlen nennt:

„Jeder Vierte isst mindestens einmal in der Woche Müsli.“

Ach – nur jeder Vierte? Nur 25 Prozent? Die Gesundes-Müsli-Leier erweckt eigentlich den Eindruck, als ob 90 Prozent Müsli äßen, wenn nicht alle. Weil es doch so „gesund“ und „ausgewogen“ ist.

Aber nichts da. Wie man sieht, stimmt das Ganze hinten und vorne nicht. Die Leier wird wohl dauernd gedreht, weil aus Sicht der Ernährungsberater immer noch zu wenige Menschen zu dem von ihnen als ideal eingestuften Frühstück greifen: Wenn die Zahlen von WISO valide sind, essen 75 Prozent der Deutschen morgens lieber etwas anderes als süßliches Körnerfutter.

Das ist verständlich. Aber die öden Versuche, jedem, aber auch jedem das Müsli aufzuschwatzen, sind totalitär. Sie respektieren nicht den Geschmack der Menschen, und nicht die vielfältigen Vorlieben und Bedürfnisse. Dafür gilt jener Lehrsatz, den der legendäre Ernährungsmediziner Volker Schusdziarra geprägt hat:

„Es gibt nicht die eine gesunde Ernährung für alle.“

Frühstückt, was ihr wollt. Oder auch gar nicht

In Wahrheit ist es wohl völlig wurscht, was man frühstückt, wenn man nur etwas trinkt und insgesamt vielfältig und ausgewogen isst. Also über den Tag oder über die Woche gesehen. Wirklich. Wer morgens keinen Hunger hat und partout nichts oder nur wenig runterbringt, kann sich beruhigt zurücklehnen: Das ist völlig normal, übrigens auch bei Kindern. Man kann es später am Tag nachholen.

Denn nach dem Nachtmodus dauert es einfach eine Weile, bis der Körper morgens wieder in den Normalbetrieb schaltet. Essen funktioniert dabei als Taktgeber: Sobald irgendetwas reinkommt – egal was – gilt das als Signal, den Stoffwechsel umzustellen.

In diesem Sinne reicht zig Millionen von Menschen ein kleines Frühstück, etwa in Italien und Frankreich, und hält sie offensichtlich trotzdem leistungsfähig. Dazu sind sie schlanker als ihre Nachbarn.

Der Signal-Mechanismus könnte auch erklären, warum weltweit ein schnelles, kurzes Frühstück nach dem Aufstehen die Regel ist. Manche Forscher sagen sogar, dass das Ganze von Natur aus so vorgesehen ist, damit das tagaktive Lauftier Mensch morgens schnell in Gang kommt.

Und nicht erst stundenlang beim Frühstück sitzt. Da ist die Beute weg und der Tag verloren.

©Johanna Bayer

 

Der WISO-Beitrag über Früchtemüsli im ZDF vom 21.3.2016 ist nicht mehr online. Schade – es waren noch mehr schöne Böcke drin.

Ein interessantes Interview aus der FAZ über Fasten, Mahlzeitenrhythmus und Stoffwechsel, mit einer  Ernährungforscherin vom DIFE-Deutsches Institut für Ernährungsforschung in Potsdam.

Ein Artikel in ZEIT -Wissen über Frühstück in der Steinzeit – und warum der Mythos von der wichtigsten Mahlzeit „Quatsch“ ist (Originalzitat).

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Blogparade: Was ist schlecht an guter Butter – von Lurpak? Oder: Wie Blogger sich von multinationalen Konzernen kaufen lassen.

 
Foodblogger nehmen gerne an Blogparaden teil – und übernehmen dabei oft unkritisch die Botschaften der Hersteller. So ist der Buttermarke Lurpak 2015 ein schöner Coup gelungen: Dutzende Foodblogs verbreiteten das kitschige Bild von reiner, nordischer Butter. Dabei ist Hersteller Arla ein internationaler Milchmulti, der Massenviehhaltung fördert. 

Es ist viel von Schleichwerbung im Netz die Rede. Das ZDF-Magazin Frontal 21 hat am 2. Juni 2015 einen Beitrag gebracht, in dem es um gekaufte Blogger, verführte Kinder und Schmu in Videos ging. Also darum, was landläufig als Schleichwerbung bekannt und in Deutschland, aber auch anderswo verboten ist.

Schließlich heißt es bei uns im Pressekodex, im Rundfunkstaatsvertrag und im Gesetz gegen unlauteren Wettbewerb, dass Werbung und entsprechende Absichten klar gekennzeichnet und in Medienerzeugnissen vom redaktionellen Teil getrennt werden müssen. So ungefähr.

 

Anfänger in der Falle

Im ZDF-Beitrag kommen dazu Presserechtler, Journalisten, Blogger und Experten von den Landesmedienanstalten zu Wort, die bedauern, dass harmlose Netzteilnehmer den Konzernen und spezialisierten PR-Agenturen auf den Leim geht. Und zwar, weil die meist jugendlichen Video- und sonstigen Blogger „unausgebildete Medienschaffende“ sind, ohne Erfahrung und auf skrupellose Weise naiv. Die freuen sich einfach, wenn man ihnen Sachen schenkt und Geld gibt. Dafür plappern sie alles nach, was die Geldgeber von ihnen verlangt.

Zum Beleg gibt es im Beitrag Interviews, und es ist fast niedlich, wie manche offen zugeben, dass sie sich nicht an die Regeln und Gesetze halten. Weil das ja eh keiner macht und man sonst ganz Instagram verklagen müsse, findet etwa eine unbefangene Fitness-Bloggerin.

 

Nichts ist geschenkt

Auf jeden Fall schließe ich mich der Kritik des ZDF an: Schleichwerbung im Netz geht nicht, und das Internet als rechtsfreien Raum zu betrachten, in dem keine Regeln gelten, geht erst recht nicht.

Ich möchte sogar noch nachlegen: Ich fordere, dass diese unerfahrenen, unausgebildeten Medienschaffenden kein Geld mehr bekommen, und keine Geschenke. Stattdessen sollten die Erfahren und Ausgebildeten Geld scheffeln.

Solche wie ich. Mir gibt keiner was, jedenfalls nicht einfach so. Und selbst wenn ich richtig arbeite, also nicht gerade blogge, bekomme ich nie so viel Geld, wie ich es für angemessen halte. Geschenkt gibt es schon gar nichts. Das ist ungerecht. Dabei sollte doch in der schönen neuen Welt der sozialen Medien alles geteilt werden!

 

Die Ehrlichen sind die Dummen

Scherz beiseite – wie immer sind die Ehrlichen die Dummen. Das sieht man auch an korrekt gekennzeichneter Werbung im Netz, etwa bei den beliebten Blogparaden.

Eine Blogparade ist eine Art Themenaufruf für Blogs. Wenn das eine Firma oder ein Konzern macht, dann bringen thematisch passende Blogs einen Beitrag und bewerben darin das Produkt, stellen es vor oder verlinken auf die Firma oder machen anders den Markennamen bekannt.

Dass es sich um Werbung handelt, soll dabei meist erwähnt werden, die guten Blogs machen das auch. Oft ist es ein Wettbewerb, und fürs Mitmachen oder Gewinnen gibt es Geld oder andere Gewinne. Das Ganze ist ein ziemlich cleveres Marketing-Konzept und wird von Bloggern gerne angenommen, auch von Food-Bloggern.

Und damit landet die Causa bei Quarkundso.de, in der zuständigen Abteilung „Augen auf im Supermarkt“, Unterabteilung gesunder Menschenverstand.

 

Gute Butter: die Lurpak-Blogparade

Denn gerade gab es die Lurpak-Blogparade, am 6. Juni ging sie zu Ende und viele tolle, große Food-Blogs haben mitgemacht. Aber wer oder was ist Lurpak? Kann man das essen? Oder wickelt man darin Fisch ein? Vielleicht trägt man auch Tiefkühlkost damit nach Hause oder polstert in Paketen Flaschen ab?

Für die, die es nicht wissen: Lurpak ist Butter. Dänische Butter. Dänemark ist ein kleines Land, und die Lurpak-Hersteller wollen in Deutschland ihre Buttermarke bekannt machen, also mehr davon verkaufen. Ein legitimes Interesse, weswegen sich die Dänen eine Blogparade ausgedacht haben: Was macht ihr aus leckerer Butter? Mit Lurpak-Butter? Was fällt euch an kreativen Rezepten ein, mit köstlicher dänischer Butter?

Viele Ehrliche und möglicherweise einige Dumme haben mitgemacht. Sie haben Rezepte geschickt, Fotos gemacht und Fragen beantwortet: Warum sie „Food-Lover“ sind, welches Gericht sie an einem „miesen Tag wieder glücklich“ macht, welche kulinarischen Entdeckungsreisen in Landesküchen sie gerne unternehmen, und ob sie eher nach Rezept oder spontan draufloskochen.

 

Lurpak_Regal

Silbernes Papier, internationaler Wiedererkennungswert, so präsentiert sich die dänische Butter. Gibt es auch oft im Flugzeug.

Perlen der Produktlyrik

Es waren bekannte Food-Blogs dabei, darunter Feines Gemüse, Nicest Things und die geschätzte Conny Wagner mit ihrer Seelenschmeichelei. Das sind Blog-Schwergewichte mit zigtausenden von Seitenaufrufen im Monat. Vor allem die großen, gut gemachten habe klare Aussagen zu Werbung und Angeboten von Firmen auf ihrer Seite – dass sie auswählen, mit wem, und auf welche Weise sie kooperieren.

Vorbildlich kennzeichnen die meisten auch ihre Teilnahme an der Lurpak-Blogparade und die Kooperation. Wobei allerdings manche dabei redlicher sind als andere. Die erwähnen die Parade erst gar nicht, bewerben das Dänenfett ausgiebig in Text und Bild, und bringen ganz am Ende mal ein ganz kleines Sternchen an: Ach, übrigens, das war Werbung, zwinkert zum Beispiel zuckersüß eine Trickytine auf ihrem Blog.

Das ist schon hart an der Grenze, zumal gerade dieser Parade-Beitrag nicht nur von Butter trieft, sondern auch von Gefühligem wie Mama, Heimat, Kindheit und Küchenglück.

Aber im Großen und Ganzen sind die schönsten nur denkbaren Rezepte und Fotos herausgekommen, von Törtchen, Zöpfchen und Cremchen bis zu pochierten Eiern mit Hollandaisesauce (genial gemacht von der geschätzten Conny Wagner).

Dazu gibt es Perlen der Produktlyrik, zum Beispiel diese von „Feines Gemüse“:

Der Hefezopf ist mein Beitrag zur Blogparade von Lurpak-Butter, einer dänischen Butter mit über 100 Jahren Tradition, die seit kurzem auch in Deutschland erhältlich und für uns Verpackungsopfer („Oh, guck mal, die kleinen Blöcke! Silbernes Papier! Und die Lettern!“) ein Highlight ist.

Ganz im Sinne von Lurpak bin auch ich der Meinung, dass das „spektakulär Einfache“ viel öfter Platz auf unserem Teller haben sollte, denn guter Geschmack kommt ohne viele Zutaten, ohne viel Brimborium, ohne Schnick und Schnack aus.

 

Fette Beute für die Marketing-Abteilung

Ich sehe förmlich vor mir, wie sich die Lurpak-Marketingstrategen dabei die Hände reiben. Denn die erzielen mit der Blogparade eine riesige Reichweite, bringen ihre Fettklötze unters Volk und bekommen mit dem Fragebogen auch noch Big Data von Konsumenten und Netz-Idolen – Influencern, wie man so schön sagt. Im Premium-Segment. Das ist ein dicker Coup.

Lurpak ist nämlich teurer als das, was sonst so als Butter über den Ladentisch geht. Nur merkt es der Kunde nicht gleich. Das Päckchen kostet so um 1,79 Euro, so viel wie andere hochwertige Buttermarken oder Biobutter. Aber bei Lurpak sind nur 200 Gramm drin, und nicht 250 Gramm, wie sonst üblich. Guter Trick – nicht teurer als die Konkurrenz, aber kleinere Packung, zack, 20 Prozent Preisvorteil für den Hersteller.

 

Regal_Premium

Im Kühlregal: links Delikatess-Butter aus der Normandie, rechts Lurpak. Die Dänen lassen sich unter den teuren Spezialitäten platzieren – zu Recht?

 

Alles so Bullerbü

Warum macht ein Food-Blog das mit?

Ja, warum nicht! Das ist die zwingende Gegenfrage. Erstens gibt es ja Geld. Das ist keinesfalls zu verachten und als solches nicht ehrenrührig. Zweitens unterstelle ich noch Folgendes: Würde Knorr anklopfen mit Tütensuppen, oder Müller-Milch mit einem neuen Grusel-Shake, würden diese Food-Blogger abwinken.

Aber Butter, gute Butter! Das ist doch ein tolles Produkt, ehrlich, echt und unverfälscht, aus weißer, reiner, nordischer Milch, aus Skandinavien, wo alles so niedlich ist, so Bullerbü, und in Pastell! Da kann man guten Gewissens mitmachen. „Mit größter Freude und voller Überzeugung“, wie die geschätzte Conny Wagner über ihre Teilnahme schreibt.

Vielleicht dachten sie sowas.

 

Ein globaler Milch-Multi

Dazu hier in dürren Worten die Aktenlage:

  • Lurpak ist die Buttermarke von Arla.
  • Arla ist ein dänischer Großkonzern, Jahresumsatz 2014: rund 10 Milliarden Euro.
  • Zu ihren Marken gehören auch Buko (Frischkäse) und Kaergarden (Streichfett).
  • Die Buttermarke Lurpak ist Marktführer in England, den USA und weiteren Ländern.

Das heißt: Die Dänen, ein kleines nordeuropäisches Rand-Land mit nur 5,5 Millionen Einwohnern, beliefern die angelsächsische Welt und viele andere Länder mit Butter.

Wie machen die das? Dazu gleich mehr. Erstmal ist Arla aus Sicht von Arla leider bisher nur die

  • siebtgrößte Molkerei der Welt
  • die fünftgrößte in Europa
  • und lediglich die drittgrößte in Deutschland, noch nicht ganz gleichauf mit dem notorischen Theo Müller. Vorne behauptet sich Nestlé.

Damit wollen sich die Dänen nicht zufrieden geben. Sie wollen ganz nach oben und noch mehr Märkte beherrschen. In Deutschland wollen sie Marktführer werden, in Ländern mit Milchwirtschaft werben sie überall Milchbauern an und sichern sich für ihren Feldzug den Nachschub, also hohe Milchmengen.

Neulich haben sie sich im Allgäu eingekauft, auch in Spanien, Polen, Russland, sogar in der Mongolei. Es geht um nichts weniger als den ganz großen globalen Markt, um China und Indien, um die USA, Europa – um die Weltherrschaft im Milchsektor.

 

Angriff auf Europa

Daher hat Arla kurz vor dem Fall der Milchquote in der EU seine Attacke gestartet. Die Milchquote, das war eine Beschränkung aus den Zeiten von Milchsee und Butterberg. Die Quote hat verhindert, dass die Preise ins Bodenlose fallen und Riesenbetriebe die Kleinen verdrängen. Seit absehbar war, dass diese Begrenzung Ende April 2015 ausläuft, haben die Arla-Manager wohl geplant, wie sie den lukrativen europäischen Markt angehen.

Seit Ende 2014 rollen sie ihn über Food-Blogger und die Social-Media-Szene auf, über Supper Clubs, Open Kitchen, Blogparade, und atemberaubende (wirklich!) Werbefilme (die kann man sich auf Youtube mal ansehen, rein der Kunst wegen).

Das alles gehört zu einer akribisch geplanten Offensive in Richtung kaufkräftige Konsumenten, Trendsetter, Influencer – Leute, die kochen und viel Geld dafür ausgeben. Davon gibt es viele in Europa, und hier wollen die Arla-Manager ihre Butter als „Premium-Marke“ installieren.

Aber nicht nur deshalb drängen die Dänen auf den deutschen Markt. Sondern auch, weil hier, in Nord- und Mitteleuropa, die größten Möglichkeiten zur Produktionssteigerung bestehen. Im Marketingsprech drückt das sehr schön DLG-Präsident Carl-Albrecht Bartmer in einer Pressemitteilung des Milchindustrie-Verbandes:

Er sehe

„große Chancen für die Milchviehhalter durch den freien Milchmarkt. Frei von Quotenkosten können Strukturen weiterentwickelt und die Produktion modernisiert werden. Die europäische Milchproduktion verstärkt sich an den wettbewerbsfähigsten Standorten, zu denen sicher Deutschland gehört, weil die Stückkosten niedrig und die Veredelung der Milch in wertvolle Produkte für nationale und globale Märkte durch einen leistungsfähigen nachgelagerten Bereich gelingt. „Made in Germany“ wird auch bei Milchprodukten ein globaler Renner“.

Beste Bedingungen für die Massentierhaltung

Was das heißt? Nun, hier, in Deutschland, Polen, Dänemark, England, Holland, Schweden und anderswo, können die Bauern massenweise Kühe in Ställe pferchen und deren entzündete Monstereuter mit Medikamenten behandeln lassen, denn hier gibt es das notwendige kühle Klima für die Kühe und für Massenställe, aber auch genügend Wasser und gute Kläranlagen für den Mist. Obendrein gibt es Subventionen für die Landwirtschaft und billigen Strom.

Das sind ideale Bedingungen. Die Standorte von Arla, sagen wir mal, im Nahen Osten, etwa in Saudi-Arabien, wo sie es auch probiert haben, sind da nicht so günstig gelegen.

 

Woher kommt die gute Lurpak-Butter?

Die Milch für die gute Lurpak-Butter kommt laut Lurpak vornehmlich aus Dänemark. Zumindest wird die Butter dort produziert. Dass wirklich nur dänische Milch drin soll, kann man sich kaum vorstellen, bei den Mengen. Ein Anruf bei Lurpak ergab nur das etwas dehnbare „Jaaaaa, also, die wird da hergestellt.“ Nichts weiter. Na gut, lassen wir das so stehen.

Da aber die dänischen Bauernhöfe, pardon, die Unternehmer, ja ihre „Strukturen weiterentwickeln“ und die „Produktion modernisieren“ müssen, bedeutet das in der Praxis: Gefördert werden große Massenbetriebe, und praktisch alle diese Arla-Kühe stehen im Stall, auf Betonboden, in Intensivhaltung. Den Käufern wird auf der Arla-Homepage in Videos und Diashows vorgegaukelt, dass die Kühe das ganz toll finden.

Sicherheitshalber wird der Konzern gleichzeitig nicht müde zu betonen, dass er sogar der weltgrößte Bio-Milchproduzent ist. Aber die Lurpak-Butter ist nicht bio. Lurpak wird konventionell erzeugt – nach hauseigenen Qualitätskriterien, auf die der Konzern großen Wert legt. Schließlich handelt es sich um ein teures „Premium-Produkt“.

 

Hohe Standards à la Weltkonzern: Genfutter und Augenwischerei

Schauen wir uns die hohen Standards an, zum Beispiel zum Futter

Livestock may only be given feed that complies with the relevant legal requirements.

Toll! Zugelassen ist nur Futter, das den geltenden gesetzlichen Vorgaben entspricht. Das ist schon was ganz Besonderes, gerade bei der als verschlagen bekannten Bauernschaft, oder? Vor allem spricht diese Orientierung am Gesetz nicht nur für das Qualitäts-, sondern auch für das Rechtsempfinden des Konzerns.

Ähnlich hoch sind die Arla-Richtlinien bei Genfutter. Gentechnisch verändertes Futter fressen ungefähr 70 Prozent aller Milchkühe, das sind praktisch alle, die in Massenställen auf Milchleistung getrimmt werden. Das Importfutter stammt aus den USA, Brasilien oder sonstwo und besteht inzwischen sogar mehrheitlich aus gentechnisch verändertem Mais und Soja.

Die Fütterung von Tieren mit Genfutter ist in der EU erlaubt und übrigens nicht kennzeichnungspflichtig. Beim Anbau von gentechnisch veränderten Futterpflanzen ist man in der EU ja bekanntlich noch nicht so weit. Aber die Sache ist den Strategen bei Arla schonmal eine vorsorgliche Regel strengsten Ausmaßes wert:

The cultivation of genetically modified (GM) crops must comply with all applicable legal requirements.

Ich bin mir nicht sicher, ob derlei sinnfreie Verkaufskosmetik wirklich das Image des Konzerns verbessert. Oder ob es irgendjemanden beruhigen kann, was den Anbau von Genmais in unseren Breiten bedeuten könnte.

Aber ich gehe davon aus, dass nicht nur der eine oder andere Blogger jetzt schluckt – mit Gen-Futter ernährte Kühe geben die Milch für Lurpak-Butter? Womöglich sind gentechnisch veränderte Organismen in der guten dänischen Butter? Überhaupt in allen Milchprodukten, die hier auf dem Markt sind?

Davon möchte man lieber nichts wissen. Und doch ist es so.

Wobei das Bundesamt für Risikobewertung seit Jahren hoch und heilig verspricht, dass der flächendeckend verfütterte Genfraß sich nicht auf die Milch auswirkt. Er ist auch weder kennzeichnungspflichtig noch nachweisbar.

Aber Fakt ist: Die Milchkühe in großen Betrieben fressen überall Genfutter. Und globale, strikt wachstumsorientierte Konzerne wie Arla fördern große Betriebe und Intensivhaltung – mit der Turbo-Kuh, die immer mehr Milch geben muss. Sonst rechnet sich das Ganze nicht, und „Wachstum“ gibt es auch nicht.

 

Kühe lieber im Stall einsperren – aus Tierschutzgründen

Wenden wir uns kurz noch dem Tierschutz zu, der bei Arla natürlich auch besonders hoch gehalten wird:

Animals must be provided with adequate quantities of feed and water of good quality.

Es ist schon beeindruckend, mit welcher Stringenz die Argumentation durchgezogen wird: Als hohe Qualitätsvorschrift verkaufen, was sowieso selbstverständlich und geltendes Recht ist – und in dem Fall nur der Minimalstandard (!).

Interessant ist hier aber noch, dass für den Tierschutz scheinbar die Abteilung Marketing und Corporate Identity zuständig ist. Denn in derselben Passage, bei der es um das Wohl der Kühe geht, heißt es weiter:

It is recommended that livestock is allowed to come out and graze on pastures. Grazing animals are easily noticeable to consumers and outsiders, having therefore a very positive influence on the farmers’ and Arla Foods‘ Image.

Das ist so erfrischend einfach, offen und ehrlich, dass es bestimmt auch der dümmste Bauer versteht.

Aber halt. Bei größeren Betrieben, oder so ab 80 Kühen, wird es schon schwierig mit dem Raustreiben auf die Weide. Das kostet Zeit, Geld, verringert die Rendite, und so große Weiden hat kaum einer. Daher schiebt Arla schnell wieder einen Riegel vor das lustige Treiben der Kühe auf der Weide – den Tieren zuliebe, versteht sich:

However, animal welfare is first and foremost. Grazing is no longer beneficial to animals if, for instance, the passageways for the livestock get muddy in rainy periods, which may cause health problems.

Ungelogen, das steht original in den Qualitätsdokumenten von Arla.

 

Der ultimative Warentest von Quarkundso.de

Lurpak wirbt auch sonst noch mit allerlei – alte Tradition, Blindverkostungen für den einzigartigen Geschmack, natürliche, reine Zutaten, Hygiene auf höchstem Niveau. Nur ist das alles genau so wie etwa bei der günstigen Deutschen Markenbutter aus dem Discounter, die 89 Cent kostet. Da gibt es auch Blindverkostungen zur Wahrung der höchsten Qualität, und sie ist das, was man rein und unverfälscht nennt, weil nichts drin ist als Wasser und Milchfett. Das ist normaler Standard für Markenware aus der industriellen Landwirtschaft.

Nun, hämen kann ja jeder – was wäre so ein Bericht ohne einen eigenen Test? Selbstverständlich nach den hohen Qualitätskriterien von Quarkundso.de.

Das Ergebnis für Lurpak: etwas blass, etwas spröde – eindeutig ein Hinweis auf Kraftfutter statt Weide. Denn Butter von Weidekühen ist von Natur aus gelblicher, weil das Gras Farbstoffe in die Milch abgibt, und wegen anderer Fettsäuren ist sie auch weicher und cremiger.

Zwei Stücke Butter auf Teller, nah, das linke ist gelblicher

Links echte Weidebutter, rechts Lurpak – die ist deutlich blasser und hat eine weniger cremige Struktur.

Die Kuh, die die Milch für das Probepäckchen gegeben hat, hat jedenfalls Kraftfutter bekommen, stand wohl lebenslang im Stall und hat kein Gras gesehen. Die Zeitschrift Ökotest sprach in ähnlichem Zusammenhang von „wiesenferner“ Milchproduktion und vom „gehörnten Verbraucher“. Das ist hübsch formuliert und trifft den Eindruck genau.

Im – natürlich streng objektiven – Geschmackstest, verglichen mit einer Demeter-Bio-Süßrahmbutter und einer Weidebutter, kam auch nichts Weltbewegendes heraus: Lurpak ist eine mildgesäuerte Butter, sehr mild, fast wie eine Süßrahmbutter. Den sahnigen Geschmack, mit dem Arla wirbt, hat Lurpak mit anderer Süßrahmbutter gemein, die leichte Frische mit mildgesäuerten Buttersorten. Das ist nichts Besonderes.

Butter und Brot auf einem Teller, von oben

Nicht schlecht, der Geschmack von Lurpak. Aber so gut auch wieder nicht. Oben links: Fettfleck auf Linse, kommt vor beim Butter-Shooting.

Da fährt man mit einem wirklich guten Produkt, das tierfreundlich, regional und in kleinen, nachhaltigen Strukturen produziert wurde, aus mehreren Gründen besser. Auch, weil die echte Weidebutter (mildgesäuert) um Klassen besser und aromatischer schmeckt. Sie ist übrigens auch gesünder.

 

Wann ist Butter gute Butter?

Soweit mal die Aktenlage. Für ein begründetes Urteil muss das Bisherige genügen, und das Fazit fällt kurz aus: Lurpak ist normale Molkereibutter aus Massenviehhaltung und industrieller Großproduktion, die schick verpackt und teurer ist als die Konkurrenz, aber weder besser noch fairer zu Umwelt oder Tieren.

Mit Sicherheit besser ist dagegen Butter von Biobetrieben, denn dort ist Genfutter verboten. Besser als das Dänenfett ist auch jede Butter aus Weidemilch, denn da waren die Kühe wirklich draußen und leben artgerecht. Und immer noch besser als das teure Industriezeug aus dem Norden ist Butter aus kleineren und regionalen Molkereien, die ihre Mitglieder nicht stramm auf Wachstumskurs trimmen.

Ihr wollt Namen? Hier sind sie: Jede Art von Biobutter, etwa von Demeter, Bioland, Naturland, Dennree, sogar von BioBio der Supermarkt-Kette Netto; auch die konventionelle Marke des Bauern-Verbandes Sternenfair kann punkten, wegen der besseren Bedingungen für die Kühe und der gentechnikfreien Fütterung.

Regional arbeitende kleinere Molkereien und Genossenschaften wie Andechser, Sternenfair, Bergader, die Upländer Bauernmolkerei oder Berchtesgadener Land sind aus vielen Gründen sowieso vorzuziehen, und wer echte (und hervorragende) Weidebutter will, kauft Kerrygold aus Irland, gut ist auch ein Konzept aus Österreich unter der Bezeichnung „Heumilch“.

Ach, machen wir´s kurz: Arla hat die großen Food-Blogs schön verschaukelt. Die haben brav Werbung gemacht, was man ihnen kaum übel nehmen kann. Aber es gibt bessere Butter als Lurpak.

 

© Johanna Bayer

 

Lurpak-Werbung auf großen deutschen Food-Blogs, mal mehr mal weniger gut gekennzeichnet.

Hervorragend und korrekt: Die Seelenschmeichelei

Andere:

Nicest Things

Feines Gemüse

Foodlovin.de

trickytine.com

Die Qualitätsvorschriften von Arla, Fassung 4.4. von Januar 2015

Die Zeitschrift Oekotest stellt 2013 die Illusion von weidenden Kühen in Frage und spricht vom „gehörnten Verbraucher“.

Und dann strahlt die ARD in der Reihe ARD-Exclusiv am 20. Juli diese verstörende Reportage über Milch aus Massenproduktion und das Leiden der Milchkühe aus – recherchiert wurde in ganz normalen Betrieben. So sieht das aus.

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.