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ZEIT online über Alkohol in Zeiten von Corona: Wir können nicht anders! Wirklich?

Ohne Schnaps, Bier und Wein geht in der Pandemie nichts, behauptet ein Autor bei ZEIT online – und das sei in Ordnung so. Um seine Thesen zu untermauern, biegt er sich Zahlen zurecht, am Ende plädiert er für Alkohol als letzte Rebellion gegen das Corona-Korsett. Quarkundso.de rät: Wer trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

Beitrag vom 16.3.2021

Bild: Peter Ivey Hansen / Unsplash

Es kann hier nicht immer nur um Essen gehen. Daher dreht sich dieser Beitrag ums Trinken, also um Alkohol.

Alkohol, dieser große Tröster, das gnädige Gift, das Herzblut der abendländischen Kultur, weil schon ihr oberster Chef Wasser in Wein und Wein in Blut verwandelt hat, weswegen seinen Anhängern gerne Kannibalismus vorgeworfen wird.

Alkohol also. Ob, warum, wie lange man darauf verzichten kann oder sollte, ist regelmäßig Thema in Genusskolumnen, besonders jetzt, in der Fastenzeit.

Und Genusskolumnen sind immer für das Trinken. Immer.

Ihr Strickmuster ist ein ewiger Dreischritt: Jemand bekennt, dass er – oder sie – trinkt. Regelmäßig. Auch mal mehr als gut ist.

 

Nicht-Trinker als freudlose Asketen

Im Hauptteil, wo es um Begründungen und Argumente geht, fragt er oder sie, warum man sich das nicht gönnen sollte und wer eigentlich etwas dagegen hat. Jaja, Trinken ist nicht gut. Wir kennen die Zahlen, hier, wir leiern sie pflichtschuldigst herunter, zitieren Drogenbeauftragte und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Aber mal ehrlich – brauchen wir nicht alle spätestens am Abend was zu trinken? Als Lichtblick im Jammertal des Lebens, nach nerviger Kinderbetreuung und stressigem Job? Löst der Götterstoff nicht Herz und Zunge beim Date, unter verstummten Paaren, wiegt er nicht sanft in den Schlaf?

Also bitte. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, im Übrigen sind Nicht-Trinker freudlos, verkniffen und haben keine Freunde.

Am Ende steht immer fest: Alkohol ist Privatsache, wie ich mich vergifte, entscheide ich selbst. Außerdem gehört der Rausch zum Leben und verbieten lassen wir uns sowieso nichts.

 

Corona: Ist Alkohol die Lösung?

Diese Schablone für Genusskolumnen aus dem Baukasten der Liberalen und Libertären ist universell: Für Alkohol kann man auch Rauchen, Computerspiele, Facebook, Roulette, Sex, Pornos, Essen, Übergewicht, Haschisch, Fleisch, Süßigkeiten oder Bingewatching von Netflix-Serien einsetzen.

Den klassischen Aufbau ziehen alle Kolumnisten durch, neulich auch einer in der Zeit. Da ging es ums Trinken in der Pandemie. Angeblich trinken „wir“ (alle) seit Anfang 2020 mehr, öfter und früher am Tag als je zuvor – weil Trinken Freiheit bedeutet:

Ständig sprechen wir darüber, was, wie viel und wann wir trinken – und ob das noch im Rahmen ist. Kein Wunder: Zu trinken ist eine der letzten Freiheiten im Lockdown.

Alkohol wird laut Autor Jakob Pontius sogar zum „Grundrauschen der Pandemie“, die „nüchtern kaum zu ertragen“ ist (so ein anderer Zeit-Titel zum Thema).

Und angeblich reden „wir“ auch nur noch von Alkohol, über das Glas Wein „als Tageshighlight, auf das man hinarbeitet“: „Wir trinken und trinken – und reden ständig darüber.“

Abgesehen von dem populistischen, übergriffigen Eingemeinden der Leser ist das mit dem „wir alle“ und „immer mehr“ schon eine sehr steile Annahme. Dafür müsste es eigentlich Zahlen geben – Verkaufsstatistiken zu Bier, Schnaps und Wein, zum Beispiel. Doch im Hauptteil des Beitrags wird es damit dünn.

 

Die Statistik gibt es nicht her

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Denn die Zahlen der Getränkeindustrie belegen nicht, dass in der Pandemie im großen Stil mehr getrunken wird: Die Bierbrauer haben Minus gemacht, der Weinabsatz im Handel zeigt nur sechs Prozent Steigerung für das ganze Jahr 2020, wie das Deutsche Weininstitut berichtet.

Das ist, gemessen an vier Monaten Lockdown 2020 und einem Umsatzeinbruch in der Gastronomie von 38 Prozent, nicht viel.

Mit anderen Worten: Etwas mehr Wein wurde im Vergleich zum Vorjahr zwar von Privathaushalten gekauft. Aber dafür fielen Restaurant- und Barbesuche weg, und dazu die Urlaubsreisen in andere Länder. Dort wird zwecks Erholung bekanntlich gerne und viel getrunken, das mussten die Deutschen 2020 wohl oder übel zuhause tun.

Scheinbar haben sie sich dabei ziemlich zurückgehalten, wie die mageren sechs Prozent Jahresplus im Handel zeigen.

„Ein Blick auf die Umsatzzahlen in der Getränkebranche liefert zunächst ein widersprüchliches Bild“, räumt Genussautor Pontius widerstrebend ein – ehrlicherweise hätte er sagen müssen, dass die Zahlen seine Annahme einfach nicht stützen.

Dann aber bricht auch die These zusammen – dass es völlig in Ordnung ist, zu trinken, dass „wir“ trinken müssen, und zwar mehr als sonst.

 

Was die Zahlen wirklich sagen

Also gibt er nicht auf, alternative Fakten müssen her. Die findet Pontius in einer Auswertung vom letzten Jahr. So verweist er darauf, dass im zweiten Quartal 2020 von April bis Juli ganze 12,8 Prozent mehr Wein verkauft wurden, und zwar „trotz geschlossener Restaurants“. Als Beleg verlinkt er auf eine österreichische Weinseite.

Österreich? Nanu? Nicht selbst in Deutschland recherchiert?

So oder so, der Beleg taugt nicht. Denn erstens wurde im Frühling mehr Wein in Supermärkten und Weinläden verkauft, weil die Restaurants geschlossen waren. Nicht „trotz geschlossener Restaurants“.

Exakt so steht es auf der Seite von „Der Winzer.at“, von der ZEIT als Quelle verlinkt.

Zweitens aber erläutert die Redaktion des Fachportals die Zahlen und zitiert dazu das Deutsche Weininstitut: „Rund vier Prozent mehr Haushalte hätten aufgrund des Lockdowns in der Gastronomie mehr Wein eingekauft als im Vorjahresquartal, erläutert DWI-Geschäftsführerin Monika Reule.“

Aha, vier Prozent der Haushalte. Das ist nicht so viel.

 

Auch der Schnapskonsum nimmt ab

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Bleibt noch das Hochprozentige. Aber die Spirituosenbranche erwähnt Pontius sicherheitshalber nur am Rande. Die kann nämlich sein Sittengemälde von „Trinken gegen Corona“ erst recht nicht stützen: Seit Jahren stagniert der Konsum von harten Sachen.

Es gibt einen auffallenden Trend zum bewussten, gemäßigten Trinken, dem „Mindful Drinking“. Der größte Boom in der Branche gehört gerade den alkoholfreien Drinks, so eine repräsentative Umfrage des Rumherstellers Bacardi von Januar 2021.

Schon im Mai 2020, nach der ersten Infektionswelle, beklagten die Schnapsbrenner, dass Corona ihre Umsätze zusätzlich bremst, nicht steigert. Die Einkäufe der Privathaushalte machten den Ausfall durch die geschlossenen Bars nicht wett.

Das galt auch in der zweiten Jahreshälfte, als im Lockdown vor Weihnachten das lukrative „Jahresendgeschäft“ ausfiel, wie das Fachblatt Lebensmittelpraxis berichtet.

 

Es geht um Sucht

Aber in den Genusskolumnen der Libertären geht es nicht um Fakten. Es geht um ein festes Weltbild vom Menschen als Triebtäter.

Und um die ganz großen Fragen, an erster Stelle steht natürlich die Freiheit. Dann ist da der Rausch als Menschenrecht, und dahinter steht eine angenommene conditio humana, die lautet: Wir können nicht anders.

Auf der Suche nach Belegen für den naturgegebenen Rausch muss Pontius aber von hinten durch die Brust ins Auge. Erst wirft er sich auf eine größer angelegte internationale Umfrage, den Global Drug Survey, dann auf eine Umfrage von Suchtforschern des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim.

Drogen. Sucht.

Da müsste es eigentlich geklingelt haben, im Hirn des Krisen-Trinkers Pontius. Denn die Studien, die er zitiert, haben einen bestimmten Hintergrund. Sie wollen Risikogruppen identifizieren, sie sprechen Menschen an, die ohnehin regelmäßig Drogen, auch harte, konsumieren.

Und den gepflegten Alltagskonsum der Normalverbraucher geht es nicht.

 

Manche sind gefährdet

In der Pandemie gefährdet: Menschen mit problematischem Alkoholkonsum. / Bild: Hayes Potter – Unsplash

Die Teilnehmer dieser Studien sind auch nicht repräsentativ ausgewählt, sie bilden nicht die Bevölkerung ab.

Stattdessen sind es Betroffene, die sich freiwillig melden, wenn sie sich bei der Frage: „Konsumieren Sie seit Corona mehr oder regelmäßig Drogen?“ angesprochen fühlen.

Das ist im Design von Studien schon ein Unterschied. Doch nicht einmal in diesem Kollektiv zeigen die Ergebnisse, dass „alle“ immer mehr „trinken und trinken“.

Stattdessen zeigen sie, wie man in den verlinkten Quellen nachlesen kann, dass die Mehrheit der Befragten seit Beginn der Pandemie gleich viel oder sogar weniger Alkohol trinkt.

In der deutschen Studie des ZI Mannheim sind das ganze 62 Prozent der Teilnehmer.

Speziell die Suchtforscher, die Pontius zitiert, erklären dazu, dass „manche Menschen“ in der Pandemie viel mehr Alkohol trinken – manche. Es ist nicht die Mehrheit, es ist nur ein gutes Drittel. Und ganze acht Prozent haben in der Umfrage des ZI Mannheim im Frühjahr 2020 angegeben, dass sie „viel mehr trinken“.

Das ist eine Minderheit. Doch diese Minderheit ist gefährdet, weil ihr Verhalten auf Sucht hinweist.

Die Expertengruppe aus Mannheim spricht die Gefahren dieses Verhaltens an: Risikogruppen, nämlich Menschen, die vorher schon regelmäßig oder viel Alkohol getrunken, die geraucht oder andere Suchtmittel genommen haben, brauchen in der Pandemie Hilfe.

Und ja, Pandemien sind ein Nährboden für Süchte. Gemeint ist: Süchte, die schon bestehen. Nicht: In der Corona-Pandemie werden Menschen reihenweise süchtig – „wir alle“, der Wunschtraum der Libertären zwecks Rechtfertigung ihres Menschenbildes.

 

„Wir sind alle kleine Sünderlein“

Pontius hat also wieder Pech gehabt – auch Studien und Umfragen bestätigen seine Thesen nicht. Aber es gibt ja noch den Expertentrick: eine Autorität zitieren, die die eigenen Spekulationen untermauert.

Dazu fragt Pontius niemanden, der sich mit Drogen, Sucht, Trinken, Alkohol auskennt, zum Beispiel aus der Suchtforscher-Gruppe im ZI Mannheim. Das wäre naheliegend gewesen, die hätten ihm auch gleich ihre Umfrage erklären, die Zahlen von 2020 einordnen und den neuen Stand 2021 durchgeben können.

Nein, Pontius fragt lieber einen Genuss-Soziologen. Über die – im Übrigen falsch verstandene – Plattitüde von „Wir sind alle kleine Sünderlein“ geht dessen Antwort nicht hinaus.

Das reicht dem Essayisten. Es ist systemstabilisierend, unkritisch, erklärt nichts und rechtfertigt jede Art von Rausch. So muss er weder seine eigenen Spekulationen noch seine Annahmen über die Gründe des Trinkens in Frage stellen.

Er kann bei seiner Nabelschau mit Pseudo-Belegen bleiben und sich am Ende nochmal als Corona-Trinker outen:

„Ich rechne mich zu den sozialen Trinkern, die auch ohne große Runden weiterhin Anlässe finden, ein Glas Wein einzuschenken – und das ist in Ordnung.

Denn der Alkohol ist nicht nur Quälgeist, nicht nur Fiepen im Ohr. Wenn die Welt schließt, die Kultur verstummt, das Reisen verboten wird oder wenigstens unangebracht ist, dann ist moderates Trinken ein letzter Zipfel Freiheit.

Was vorher schon galt, wird jetzt noch einmal deutlicher: Kontrolle heißt nicht automatisch Verzicht, Leben nicht automatisch Gesundheit.

Ich kann mich auch bewusst für eine maßvolle Dosis Gift entscheiden.

Das ist meine trotzige kleine Rebellion gegen das notwendige Korsett der Corona-Einschränkungen: der kontrollierte Kontrollverlust.“

Dabei zählt Pontius sich und seine Freunde übrigens nicht zu den Gefährdeten, obwohl er schildert, wie seine Gedanken ständig um den Alkohol kreisen oder wie sich eine Kollegin statt Tee neuerdings „hochprozentige Mischgetränke“ in die Thermoskanne füllt. Dieses Verhalten könnte in einem Test für riskanten Alkoholkonsum schon als problematisch durchgehen, kleiner Tipp. Den Link zum Selbsttest gibt es natürlich als Service am Ende.

 

Trinken. Aber nicht darüber schreiben

Mit seinen Bekenntnissen hat der Autor das Klischee der Genusskolumne jedenfalls ganz durchgespielt.

Leider konterkariert er nebenbei auch die Bemühungen der Ärztinnen, Psychologen, Suchtexperten, Präventionsmediziner – der Menschen, die ihre Kraft dem Kampf gegen Sucht und Drogenmissbrauch zu widmen.

Auf deren Studien verlinkt er zwar in dem Versuch, seine falschen Annahmen zu stützen. Ihre Bemühungen, auf die Gefahren des Drogen- und Alkoholkonsums in der Pandemie hinzuweisen, wischt er danach aber vom Tisch, denn Trinken ist ja „in Ordnung“.

Nun könnte einem dieses unbefangene Geklittere von Daten, Befunden und Zitaten, dieses Zurechtbiegen von Zahlen und Studien zugunsten einer feuilletonistischen These egal sein, hätten wir nicht eine Pandemie.

Wir haben aber eine. Und wir haben Alkohol und Drogen, wir haben Gewalt in Familien, wir haben Milieus, die durch noch mehr Alkohol und Drogen im „Kontrollverlust“ noch gefährlicher werden, zum Beispiel für Frauen und Kinder.

Da wäre es schön gewesen, wenn man sich am Ende zum – moderaten? – Alkoholkonsum bekennt, ohne ihn mit querdenkerischen Parolen von „Rebellion“, „Korsett“ und „letzte Freiheit in Zeiten von Corona“ zu versehen.

Mit anderen Worten: Wer in Zeiten der Pandemie trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

 

©Johanna Bayer

 

Alkohol ist der Tinnitus der Pandemie – Artikel bei ZEIT-Online mit Links zu Quellen.

Das Deutsche Weininstitut mit den Zahlen zum Corona-Jahr 2020

Selbsttest zum Alkoholkonsum der BZgA  – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 

Übrigens: Alkohol schwächt das Immunsystem. Wer seinen Körper gegen Corona stärken will, tut also gut daran, weniger zu trinken, Quarkundso.de berichtete.

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Corona und Kochen: Pimp Dein Essen mit Quarkundso.de!

Der Corona-Kochkurs von Quarkundso.de geht los. Er vermittelt die wichtigsten Prinzipien für das Kochen – nicht nur in Krisenzeiten. Denn es gilt die eiserne Grundregel: Was einfach ist, muss trotzdem schmecken.

Beitrag von Mai 2020

Teller, weiß, mit Suppenteller, darin Eintopf, Nebenteller, Besteck.

Immer nur Eintopf ist öde – da geht mehr.

Langsam geht es aufwärts mit den Lockerungen. Aber die zweite Corona-Welle kommt bestimmt, außerdem drohen Klimawandel und andere Katastrophen, kurz und gut: Kochen kann nie schaden.

Der Lehrgang von Quarkundso.de vermittelt daher die wichtigsten Grundkenntnisse zum Kochen und Essen in Krisenzeiten.

Sie funktionieren aber auch sonst – wenn viele hungrige Mäuler zu füttern sind, wenn es schnell gehen soll, wenn Manieren, Esskultur und Geschmack beigebogen werden müssen, wenn man wenig Geld hat oder wenn man alleine isst und trotzdem genießen will.

Natürlich gibt es hier nicht die üblichen Rezepte.

Stattdessen erhalten die Qualitätsleser von Quarkundso.de Strukturhilfe: Prinzipien, auf denen man aufbauen kann. Es geht dabei um ein Basisniveau, unter das niemand fallen darf, selbst wenn es einmal Tütensuppe oder Fertigpizza sein sollten.

Dabei richten wir uns dezidiert gegen Plumpsküche und Tipps für „gesunde Ernährung“ aus einschlägigen Portalen. Und wir sind, wie immer, völlig undogmatisch. Unser einziges Leitkriterium ist der gute Geschmack: Pimp Dein Essen mit Quarkundso.de!

 

Die Grundfrage: Was ist Kochen?

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Schließlich kommt der Geschmack vor dem Kochen: Ein Baby lernt sofort nach der Geburt Schmecken und Essen, während bis zum Kochen gut und gern 20 Jahre vergehen.

Die Prägung in der Kindheit ist aber entscheidend und bestimmt das ganze Leben. Daher liegt es an den Eltern, wenn ihre Brut nur Pommes und Chicken Nuggets fordert, aber bei Fisch, Gemüse und Pilzen plärrt „Iiiiiihhh, mach das weg!!!“.

Tatsächlich verstehen viele Erwachsenen unter Kochen nur Stullen schmieren und Tüten aufreißen, wie wir im letzten Beitrag illustriert haben, kein Wunder, dass die Kinder keinen Geschmack entwickeln können.

Daher beginnen wir in der ersten Lektion des Kochkurses von Grund auf, mit der entscheidenden Frage: Was ist Kochen?

Unsere Antwort ist sehr einfach: Kochen ist das Zubereiten von Speisen.

Anders gewendet: Kochen ist das Bearbeiten von Lebensmitteln, um sie wohlschmeckend und bekömmlich zu machen.

Beide Definitionen sind nicht trivial.

In der ersten Variante geht es um Speisen, und zwar definierte Gerichte wie Gulasch, Risotto, Hühnersuppe oder Soufflee. Irgendetwas zusammenzuschütten, was gerade im Kühlschrank steht, oder das Öffnen von Dosen ist daher kein Kochen – diesen ersten Lehrsatz schreiben jetzt bitte alle mit:

Irgendwas zusammenschütten ist kein Kochen.

 

„Geschmack, Geschmack und nochmal Geschmack“

In der zweiten Variante der Definition steckt das Bearbeiten. Es verlangt, dass man mit den Lebensmitteln etwas anstellt. Wieder schließt es reines Tütenaufreißen aus, ebenso grobe, ungewürzte Rohkost.

Mit Wohlgeschmack und Bekömmlichkeit stellt diese zweite Definition aber die beiden einzigen Kriterien fürs Kochen und damit den zweiten Lehrsatz, bitte mitschreiben:

Die Ziele des Kochens sind Geschmack und Bekömmlichkeit.

Alle anderen Attribute, die bei Definitionsversuchen gerne genannt werden, darunter das ominöse „gesund“, aber auch „ökologisch“ oder „nachhaltig“, sind Merkmale der Zutaten, des Ernährungsmusters oder des Lebensstils insgesamt. Nicht des Kochens. *

Dass die Speisen aber bekömmlich sind, also nicht schädlich, und dazu gut verdaulich, versteht sich von selbst – was ich nicht vertrage, esse ich nicht.

Also bleibt „wohlschmeckend“ als Kern der Kochkunst übrig.

Christian Jürgens, Drei-Sterne-Koch vom Tegernsee, hämmerte das in einer Kochshow auf VOX seinen Kandidaten ein: „Hier geht es nur um drei Dinge: Geschmack, Geschmack und nochmal Geschmack.“

 

Gesunde Ernährung: Salzlos, fettlos, ohne Reize

In dieser Hinsicht ist Deutschland ein kulinarisch unterentwickeltes Gebiet und muss aufgebaut werden. Denn zu einer von alters her primitiven Esskultur kommt hierzulande eine kollektive Gesundheitsneurose: Seit Jahrhunderten hängen die Deutschen asketischen Wasserheilern und Vollkornaposteln an.

Bis heute bestimmen diese Prediger die deutschen Ernährungsratschläge und folgerichtig die Kochrezepte in Corona-Zeiten: Vor allem „gesund“ muss es sein!

Doch leider bricht das, was sich Deutsche unter „gesund“ vorstellen, brutal mit den Naturgesetzen des Geschmacks: salzlos, fettlos, schlapp gegart, wässrig gedünstet, nicht scharf angebraten, ohne Kruste oder Bräunung, weitgehend ungewürzt und – die Kinder! – auf keinen Fall mit Alkohol.

Das ist das Todesurteil jeder guten Küche.

In kulinarisch entwickelten Ländern, etwa in Italien und Frankreich, den führenden Esskulturen Europas, wird stattdessen gewürzt, geschmort und gebraten, was das Zeug hält. Auch in Griechenland, Serbien oder Kroatien und überall, wo das Essen schmeckt, ist das so.

Und natürlich gehört Wein zum Würzen in die Gerichte, und zwar für alle, die am Tisch sitzen, ganz gleich, welchen Alters.

Fleisch mit Kruste, Soße mit Wein – so ist es korrekt.

 

Die ultimative Liste von Quarkundso.de

Nach dieser Lagebestimmung folgt die erste richtige Lektion: Gewürze und Zutaten nach Art des Hauses. Die folgende Liste enthält die Minimalausstattung für unseren Krisen-Kochkurs

  • Zwiebeln
  • Knoblauch
  • Thymian
  • Rosmarin
  • Oregano
  • Kümmel
  • Lorbeerblätter
  • Paprikapulver, edelsüß
  • Cayennepfeffer
  • schwarzer Pfeffer in ganzen Körnern, nicht als Pulver
  • Zitronen, naturrein
  • glatte Petersilie
  • eine Ingwer-Knolle
  • Salz
  • Zucker
  • Puderzucker
  • 2 Vanilleschoten oder Vanillezucker mit echter Vanille
  • Mehl
  • Eier, am besten bio
  • Butter
  • Sahne
  • Milch, und zwar Vollmilch mit mindestens 3,5 % Fett
  • Tomatenmark
  • Parmesan
  • gutes Olivenöl
  • neutrales Pflanzenöl
  • Weißweinessig ohne jedes Honig- oder Feigengedöns
  • scharfer Senf, ebenfalls ohne Honig- oder Feigengedöns
  • Weißwein, sehr trocken, mit etwas Säure
  • Rotwein, trocken
  • Likör, am besten Maraschino, sonst Amaretto, Cointreau oder Grand Marnier

Tabu, da bad taste und unnötig, sind:

  • fertige Gewürzmischungen wie Pizza-, Fisch-, Gulaschgewürz oder sonstige Zauberpulver.
  • süße Essige mit Traubenmost wie dieser unsägliche „Condimento Balsamico“, erfunden als Attrappe für den US-Markt und als „echt italienisch“ vertickt an die deutschen Supermarktkunden.
  • Fertigsoßen und Salatdressings aus der Tube. Die sind aus billigen Ersatzfetten, künstlich aromatisiert und aufgesüßt. Alle Salatdressings und Soßen können mit den Komponenten aus der Liste selbst gemacht werden.

Erlaubt, weil nützlich, sind dagegen:

  • körnige Rinderbrühe aus der Dose, also ein Suppenpulver, am besten aus dem Bioladen. Gemeint ist Fleischbrühe, nicht Gemüsebrühe. Letztere kann man nämlich sehr schnell selbst machen, indem man ein paar Karottenschalen und Reste von Suppengemüse auskocht.
  • weitere Zutaten wie saure Sahne oder Crème fraiche, Gewürze wie Rauchsalz, weißer Pfeffer oder geräuchertes Paprika-Pulver nach Wahl.
  • eine Ausnahme bei den Fertigsoßen: Pesto aus dem Glas. Wenn es wirklich mal ganz schnell gehen muss, darf man eins im Schrank haben. Qualitätsleser schauen aber bitte vorher nach, wer schummelt. Beim letzten Pesto-Test der Stiftung Warentest 2013 fielen fast alle durch, nur wenige erhielten ein „gut“, darunter ausgerechnet die Pestos von Aldi und Rewe. Aktuelle Tests sind online.
  • Dosen und gute Convenience-Produkte wie Nudeln, geschälte oder passierte Tomaten, außerdem alle Arten von Bohnen, Erbsen und Karotten sowie Tiefkühlgemüse.

 

Von den üblichen Geräten – Pfeffermühle, Messer, Reibe, Töpfe, Pfannen – gehen wir aus.

 

Richtig garen, richtig würzen

Brett mit Knoblauchzehe, Rosmarinzweig, Pfefferkörnern in einem Löffel, Chilischote

Würzen ist nicht trivial.

Weiter ist zum Einkaufen nichts zu sagen.

Mit marktüblichem Gemüse, Fleisch, Fisch, Kartoffeln und Obst, Nudeln und Reis sowie den oben genannten Zutaten kann jeder echte Gerichte kochen, und zwar ohne dass in Luxusware investiert werden muss.

Denn auch aus mittelmäßigem, sogar minderwertigem Ausgangsmaterial kann man Essen machen: Wer kochen kann, erzeugt Geschmack.

Das wäre der dritte Lehrsatz, und so hat es der berühmteste Koch der Welt, Jahrhunderttalent Paul Bocuse, gesagt.

Der antwortete auf die Frage, was Kochen ist, lakonisch:

„Richtig garen – richtig würzen.“

Beides ist kein Kinderspiel, sondern verlangt Übung und Fingerspitzengefühl. Fleisch oder Fisch richtig braten oder Soßen perfekt abschmecken ist aber für nicht wenige Kochanfänger Stress pur. Den umgehen sie lieber, indem sie eine Tiefkühlpizza in den Ofen schieben oder eine Tube über ihren Nudeln ausquetschen.

Laut Christoph Minhoff, Verbandssprecher der Lebensmittelindustrie, bewältigen viele nicht einmal das Kochen von Kartoffeln. Das halten wir allerdings für absichtlich übertrieben. An Kartoffeln kann man nicht scheitern: in kaltem Wasser aufsetzen, Salz dazu, kochen lassen, fertig.

Ob man sie geschält oder ungeschält kocht, ob man festkochende oder mehlig kochende nimmt, ist für den Anfang völlig egal. Der Rest ist nur Übung.

 

Kochen ist schön. Macht aber viel Arbeit.

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Damit wären wir beim zweiten Teil des Grundkurses, der Mahlzeit selbst.

Neben dem Stress durch das Kochen selbst baut sich hier die nächste Hürde auf: Ein vernünftiges Essen mit mehreren Komponenten auf den Tisch zu bringen macht Arbeit – viel Arbeit: planen, einkaufen, kochen, Tisch decken, Tisch abräumen, spülen, aufräumen, Reste verwerten, putzen.

Eigentlich ein Fulltime-Job.

Es ist blauäugig, von allen Berufstätigen oder Eltern mit Doppelbelastung zu erwarten, dass sie das nebenher hinkriegen, und zwar jeden Tag. So öffnet sich das Einfallstor der Industrie mit ihrer Fertigware; auch Kantinen, Restaurants, Fastfood- und Imbiss-Buden leben von diesem Dilemma.

Weil das hier ein Krisenkochkurs ist, gehen wir jedoch vom Ernstfall aus: geschlossene Restaurants, Kantinen und Imbisse, Ausgangssperre, Luxusware nicht erhältlich, im Supermarkt nur Grundbedarf.

Aber es gibt Zeit. Mindestens eine Person im Haushalt kann und will kochen.

In dieser Lage kommt es darauf an, aus Wenigem etwas zu machen, und das Einfache so zu verwandeln, dass es schmeckt und die richtigen Reize bietet.

Dafür folgen hier die ultimativen Tipps.

 

Die 7 Regeln für gutes Essen – nicht nur in Notzeiten

1. Es muss schmecken, auch wenn es einfach ist. Würzen Sie also beherzt und klassisch mit den Zutaten aus der Liste, unentbehrlich sind Zitrone, Wein und Knoblauch.

Brett, Messer, Pfeffermühle, Mörser, dazu Salbeiblätter, Rosmarinzweig, Knoblauch, gelbees Pulver, Kräuter

Richtig würzen ist der Königsweg zum Geschmack

 

2. Eintöpfe und Aufläufe gehen immer. Sie sind die ideale Resteverwertung, schnell und leicht zuzubereiten, dabei nahrhaft und befriedigend. Leider sind sie für sich genommen auch plump und langweilig. Daher gehört noch etwas dazu.

Topf auf Herd, darin Suppenkelle und Eintopf, sichtbar sind Würfel von Kartoffeln und Karotten

Eintopf alleine ist praktisch, reicht aber nicht.

 

3. Vorspeise, Hauptgericht, Nachtisch: Umrahmen Sie Aufläufe und Eintöpfe mit zwei einfachen Gängen. Solche kleinen Menüs sind leicht zuzubereiten, strecken das Essen, bringen Abwechslung und regen die Sinne an. Besonders für Kinder ist das wichtig, sie lernen dabei auch einen ordentlich gedeckten Tisch kennen – und helfen nachher gerne beim Abwasch.

Teller, Serviette mit Karomuster, Besteck

Ein schönes Gedeck und mehrere Gänge heben die Esskultur

 

4. Die einfachste Vorspeise der Welt geht in vielen Varianten: gut gewürzte Rohkost. Ein paar Gurkenscheiben oder -stäbe reichen, die mit Zitronensaft beträufelt, mit Salz und Cayennepfeffer bestreut und mit etwas Öl besprenkelt werden. Das funktioniert in unendlichen Variationen auch mit Tomaten, dünnen Paprikaringen, Karottenstäben oder Stangensellerie.

Grüner Salat ist natürlich der Klassiker, eine einfache Vinaigrette oder Sahnesoße schafft jeder. Dazu gibt es knuspriges Baguette, fertig ist der perfekte erste Gang.

Gurken, rechts in Stäbe geschnitten, mit Pfeffer, Salz, Cayenne. Links in Scheiben, mit Gewürzen, zusätzliche Zwiebeln

Die einfachste Vorspeise der Welt: Gurkenscheiben mit Cayennepfeffer, Zitrone, Zwiebeln.

 

5. Nachtisch ist ein Highlight und es ist weiß Gott keine Kunst, dafür einen Quark anzurühren. Vor dem Essen dazu noch frisches Obst kleinschneiden und mit Puderzucker marinieren, fertig. Das macht richtig was her und funktioniert auch mit Jogurt, Konserven oder Tiefkühlobst. Bei Dosenobst den Puderzucker weglassen. Klassisch verfeinern kann man mit Schlagsahne, Vanille und Likör. Praktisch sind auch einfache Kompotte oder schlichte Pfannkuchen.

Pfannkuchen mit Puderzucker bestäubt, Schnitze von Pfirsichen, goldgelb

Fast schon Luxus: Pfannkuchen mit Pfirsich.

 

6. Den Geschmack von Fastfood und Fertiggerichten pimpen: Hartgesottene Fans der Tütenware können den 08/15-Geschmack erheblich steigern. Bei Linseneintopf aus der Dose mit etwas Weißweinessig, bei Erbseneintopf mit saurer Sahne oder Crème fraiche, schön sind dazu Petersilie und Croutons. Cremesuppen aus der Tüte werden belebt von Sahne, Weißwein, saurer Sahne oder Crème fraiche, Petersilie und Croutons.

Bei fertigen Soßen für Nudeln oder andere warme Gerichte reißt Knoblauch alles raus, einen Kick gibt frisch geriebener Parmesan dazu. Verfeinern kann man wieder mit Butter, Sahne, Wein, Olivenöl, Petersilie oder Gewürzen wie Oregano oder frischem Schnittlauch. Die geben dem Industriefraß natürliche Noten und zeigen, was möglich wäre, wenn man es – demnächst – selbst macht. Für Gulasch, Chili con carne, andere fertige Fleischgerichte sind außerdem Rauchsalz, Paprikapulver, Pfeffer, Rotwein die Lösung. Manche vertragen auch einen Tropfen Zitronensaft oder Essig.

Suppenteller, nah, gefüllt mit grüner Suppe, Pfefferminzblatt als Dekoration, dazu weiße Sahneflecken und einzelne Erbsen

Erbsensuppe aus der Tüte, verfeinert.

 

 

 

 

 

 

7. Wasser: Zum Essen nur Leitungswasser trinken. Saft, Cola oder Schorlen machen den Geschmack kaputt. Gegen ein Gläschen Wein oder ein kleines Bier zum Essen am Abend spricht nicht viel.

Glas, in das im Bogen Wasser gegossen wird, Tropfen, Kunstbild

Wasser zum Essen – sonst nichts.

 

 

 

 

 

 

 

 

Die Skala ist nach oben offen – nach unten nicht

Das wären die Grundregeln fürs erste. In folgenden Lektionen geht es um das Kochen an sich: Woher kommt der Widerstand? Eine Einheit wird sich auch mit der Philosophie des guten Geschmacks im Allgemeinen und bei einfachen Gerichten im Besonderen drehen.

Zwischendurch gibt es aber auch wieder was zu Corona. Denn es nicht vorbei.

Wer inzwischen Spaß am Krisenkochen gefunden hat und üben will, kann sich mit Hilfe der Grundregeln ohne Ende steigern und verkünsteln, immer mehr ausprobieren und seinen Geschmack schulen. Die Skala ist nach oben offen.

Nur nach unten nicht. Unter dieses Niveau dürfen Qualitätsesser bei Quarkundso.de nicht fallen.

*Wir freuen uns schon auf die vielen Zuschriften von Sachverständigen.

Essen in Zeiten von Corona: Können die Deutschen nicht mehr kochen?

Die Verkaufszahlen zeigen es: In der Corona-Pandemie greifen die Kunden zur Dose. „Die Deutschen können nicht mehr kochen!“ titeln daraufhin STERN und SPIEGEL. Doch ist das wirklich so? Über das Kochen als unentbehrliche Kulturtechnik – und über eine historische Chance.

Beitrag vom 5. Mai 2020

Kartoffeln auf Tisch, Topf, nah

Scheitern am Herd: Nichtmal Kartoffeln können die Deutschen kochen, sagt Christoph Minhoff laut STERN und SPIEGEL.

In Corona-Zeiten schlägt selbst die Ernährungsindustrie Alarm: Die Deutschen können nicht mehr kochen! Daher müssen sie angesichts geschlossener Restaurants auf Dosen und Fertigfutter zurückgreifen – ein Verfall der Kultur.

So oder so ähnlich hat sich Christoph Minhoff, Sprecher und Cheflobbyist der deutschen Ernährungsindustrie, in einem Interview mit der Deutschen Presseagentur (dpa) geäußert.

Es wurde breit aufgenommen, unter anderem von SPIEGEL und STERN am 24.4.2020, mit folgenden Schlagzeilen:

Essen in Zeiten der Pandemie Ernährungsindustrie sorgt sich wegen mangelnder Kochkünste der Deutschen
(SPIEGEL)

Ernährungsindustrie: Deutsche können nicht mehr kochen
(STERN)

In Wahrheit sorgt sich Herr Minhoff natürlich nicht, und er hat sich keineswegs über die deutschen Kochmuffel beklagt. Wie denn auch? Er freut sich doch, dass die Leute seine Dosen und Tütensuppen kaufen!

Was er im Originalinterview gesagt hat, ist nur eine Feststellung: Die Kochkompetenz der Deutschen hat abgenommen, deshalb weicht das Volk auf Einfaches aus:

„Die Leute haben in der Krise etwas Bemerkenswertes gemacht: Sie haben beim Einkauf neue Prioritäten gesetzt. Wichtig war den Verbrauchern jetzt, dass Produkte möglichst lang haltbar sind. Konserven galten gegenüber der Frischware eher als unsexy, sind aber jetzt zum Zeichen für Sicherheit und Beständigkeit in der Krise geworden. Begehrt war alles, was lange haltbar und auch möglichst leicht zu kochen ist.“

Drastisch schildert Minhoff die gewaltigen Hürden, denen sich die Deutschen am Herd gegenüber sehen:

Der Wegfall des Angebots von Schnellrestaurant, Pommes-Buden und Italiener-um-die-Ecke wirft die Leute nun dramatisch zurück auf ihre eigenen Kochkünste. Und die sind wie gesagt begrenzt. Das erklärt auch leicht, warum die Leute Nudeln kaufen.

Schon eine Kartoffel zu kochen ist eine für manchen eine Herausforderung. Da müssen Sie wissen: Mit oder ohne Schale kochen? Wenn ja wie viel Salz muss da ins Wassern rein? Wie lange muss ich die dann kochen? Und was ist denn festkochend oder vorwiegend festkochend. Und wie bereite ich die Sorten dann überhaupt zu?

Da werden jetzt viele sagen: Na das ist doch ein Witz, das kann doch jeder! Nein, es kann eben nicht jeder. Es gibt ein Internetforum, da war die meistgestellte Frage: ‚Wie koche ich ein Ei?‘“

 

Worum es eigentlich ging

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Zuvor hatte die dpa allerlei Fragen zur Situation der Ernährungsindustrie gestellt, darunter zu Erntehelfern, Lieferketten, Engpässen und Nachschub, außerdem ging es um Hamsterkäufe und das allgemeine Kundenverhalten.

Die Nachrichtenleute wollte nämlich wissen, wie die Hersteller mit der Corona-Krise zurechtkommen.

Doch das spielte im Medienecho fast keine Rolle.

Geradezu raffiniert pickten sich die Redaktionen aus dem Branchenbericht von Minhoff – super, wir verkaufen wie verrückt und leisten Unglaubliches in Logistik und Hygiene! – nur die Sache mit dem Kochen heraus, um in das alte Lamento von „Die Deutschen können nicht mehr kochen“ zu verfallen.

Beim STERN dichtete man Minhoff dazu sogar pädagogischen Eros an:

Noch stärker als Toilettenpapier wurden vor dem Corona-Lockdown
Nudeln und Reis nachgefragt. Viel mehr bekämen die Deutschen halt
nicht mehr zubereitet, sagt Christoph Minhoff. Der Nahrungslobbyist
hofft auf einen Lerneffekt in der Pandemie.

(STERN, Teaser zum Beitrag)

Schön gedacht – aber Minhoff meinte nicht den Lerneffekt beim Kochen.

Im Original-Interview fordert er stattdessen Wertschätzung für die Ernährungsindustrie ein, statt der üblichen Prügel wegen Zusatzstoffen und Geschmacksverstärkern.

Jetzt, wo es drauf ankommt, so hofft Minhoff, werde die Bevölkerung anerkennen, dass die Branche für volle Regale und Bäuche sorgt – weil es nunmal Fakt ist, dass die Deutschen nicht kochen können.

Nachzulesen ist das auf der Seite des Lebensmittelverbandes BLV, der Link steht unten.

 

Ein Lobbyist wird unterlaufen

Der Dreh, den die Redaktionen den Worten Minhoffs geben, ist dabei mehr als clever.

Es war sicher ein Riesenspaß für die Journalisten, die Absichten des Industrie-Lobbyisten zu unterlaufen, indem sie gezielt das herauspicken, was in ihr Klischee passt.

Und nicht das, was der Verbandssprecher eigentlich ausdrücken wollte: Die Ernährungswirtschaft ist systemrelevant, und zwar auf Dauer!

Dass Minhoff einen bösen Brief schreiben wird, ist diesmal nicht anzunehmen. Das tut er sonst gerne, wenn faktenfreies Zeug zur Ernährungsindustrie aus irgendeinem Ressort für Vermischtes kommt.

Aber als Anwalt für das Kochen zu gelten schadet seinem Image garantiert nicht. Daher gab es bisher keinen öffentlichen Widerspruch, der Mann ist Profi.

 

Deutsche konnten noch nie kochen

Quarkundso.de kann das allerdings so nicht stehen lassen.

Die Chefin persönlich stößt sich an der kulturpessimistischen Plattitüde, mit der SPIEGEL und STERN ihre Beiträge gestrickt haben: Wie, die Deutschen können „nicht mehr kochen“?

Das konnten die Deutschen doch noch nie!

Deutschland ist seit Jahrhunderten für seine schlechte Küche bekannt, dahinter rangieren nur noch Engländer und Amerikaner.

Schon antike Autoren, darunter der römische Geschichtsschreiber Tacitus, haben die primitive Kost der Germanen dokumentiert: saure Milch, in Lederhaut gedroschenes Fleisch, ungeheure Mengen an Bier. Im Barock notierten Reiseschriftsteller, welch mieser Fraß in Deutschland die Gäste erwartete, aufgetischt von schroffen Wirtsleuten.

Aber natürlich geht es nicht um den Rang der Nationalküche, wenn die Jammerei mit den angeblich verlorenen Kochkenntnissen losgeht.

Bei dieser Schablone geht es eher ums Handwerkliche. Hier ist ein anderer, eher historisch-soziologischer Hintergrund einschlägig: Das „nicht mehr“ impliziert, dass früher mal alle kochen konnten.

So ist es aber nicht.

Volksküche: Wenn`s hoch kommt ein Eintopf

 

„Frau, koch was!“

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Noch nie in der Geschichte und noch nie in irgendeiner menschlichen Kultur war Kochen eine Kompetenz, die alle Mitglieder einer Gesellschaft erwerben: Kochen können ist die Ausnahme, nicht die Regel.

Und es ist eine Spezialkompetenz, die man nicht nebenher lernt wie das Laufen.

Eine Hälfte der Gesellschaft war in der Geschichte schon immer kochfern, und zwar per Geschlecht, nämlich die Männer: Von Alters her gilt die Küche als Reich der Frau. In patriarchalischen Systemen war die niedrig bewertete Küchenarbeit auch Teil des Unterdrückungssystems.

Nur Männer, die das Kochen als Handwerk oder Gewerbe betrieben, lernten überhaupt kochen.

Alle anderen Männer hatten das Privileg, von Frauen versorgt zu werden. In vielen Ländern der Welt und gewissen Parallelwelten gilt das noch heute: Frau, koch was!

Noch bis Ende des 20. Jahrhunderts belegen Unmengen von Werbeclips in Deutschland diese Zuordnung: hungrige Männer, die von ihren Ehefrauen verwöhnt werden (Dr. Oetker); Filmschmonzetten, in denen tolpatschige Junggesellen oder Witwer sich in der Küche blamieren, bis sie eine Frau finden (Heinz Erhardt).

 

Mehlsuppen, Eintöpfe, kalter Räucherhering

Von den Frauen aber beherrschten bei weitem auch nicht alle die Kochkunst: Das Bild von der (klein-)bürgerlichen Hausfrau und Familienmutter, deren Ehre es ist, emsig zu braten und zu backen, ist ziemlich jung und stammt aus der Zeit um 1900.

Frauen von Stand haben nicht selbst gekocht, sondern hatten Personal. Höhere Töchter und Adelige lernten zwar Grundbegriffe der Küchenführung, sie wussten, wie das Essen schmecken sollte und konnten Küchenpersonal anleiten – aber das ist nicht Kochen.

In den unteren Schichten brillierten die Frauen auch nicht automatisch in der Küche. Ihnen mangelte es an Zeit, Geld und Material. Viel mehr als Mehlsuppen, Eintöpfe und kalter Räucherhering mit gekochten Kartoffeln war beim Industrieproletariat von 1800 bis in die 1930er Jahre nicht drin.

Wer also suggeriert, eine hoch entwickelte Kochkompetenz stürze neuerdings ab, geht von einem Zustand aus, den es so nie gab.

 

Eine unentbehrliche Kulturtechnik

Alle, Männer wie Frauen, sollten kochen lernen.

Trotzdem steht fest: Kochen ist eine unentbehrliche Kulturtechnik.

Jeder und jede tut heute gut daran, sich wenigstens elementare Kochkenntnisse anzueignen.

Ihr Wert zeigt sich in der der weltweiten Coronakrise, weil die, die gerne kochen, ebenso fein raus wie die, die es gut können.

Beide bewältigen die Isolation leichter, können ihre Kinder besser ernähren und haben mehr Spaß an Essen und Gemeinsamkeit, wenn die Restaurants und Mittagstische noch wochenlang geschlossen bleiben.

Die riesigen Hürden, die der Industrielobbyist beim Kartoffelkochen aufbaut, verschwinden dann schnell: An Kartoffeln kann man kaum scheitern, nach dem zweiten Mal hat man es raus.

Diese Krise ist daher eine Chance: Die Corona-Pandemie könnte dazu führen, dass angesichts drohender Gefahrenlagen in der Zukunft – Klima! Pandemien! Kriege! – Kochen als Kulturtechnik für alle obligatorisch wird.

Für Männer wie Frauen – erstmals in der Geschichte der Menschheit.

 

Kochen muss Schulfach werden – nicht „Ernährung“!

Quarkundso.de fordert daher energisch: Kochen muss Schulfach werden! Kochen, wohlgemerkt, nicht „Ernährung“ oder gar „gesunde Ernährung“.

Die sind zu abstrakt und bringen für Notzeiten überhaupt nichts, denn sie vermitteln keine handwerklichen Kenntnisse und sind so unsinnlich wie praxisfern.

Nein, das Kochen muss in die Schule, weil es in Familien aus verschiedenen Gründen nicht stattfindet.

Kinder sollten daher in der Schule Erwachsene kochen sehen, und zwar echtes Essen: Wie man Kartoffeln kocht oder einen Braten macht, wie eine gute Soße entsteht, eine Suppe, ein Gulasch, wie ein Pudding, ein Pizzateig gelingt; wie man Geschmack aus Grundzutaten erzeugt und wie man Essen anrichtet, das wäre mal so ein Curriculum fürs erste.

Das geht in Projekttagen oder –wochen und muss keine wichtigen Stunden verdrängen.

Nebenher lassen sich Regeln zur Hygiene und zum Verwerten von Resten vermitteln, dazu Lernstoff von Umwelt und Ökologie bis zu Chemie, Biologie und Physik, und natürlich zu Gesundheit und guter Lebensführung.

Aber nur nebenher, wohlgemerkt – Kochen als Handwerk muss im Vordergrund stehen.
Lehrkräfte können dafür natürlich nur echte Köchinnen und Köche sein, allenfalls Experten aus der Hauswirtschaft.

Auf keinen Fall darf der Kochkurs bei fachfremden Lehrkräften hängen bleiben, die sich schnell was anlesen und den Kindern dann ihre Privatvorstellungen über „gesunde Ernährung“ unterjubeln – womöglich der Art, dass Zucker „Gift“ ist, Obst und Vollkorn „gesund“ sind und dass in jedes Gericht Gemüse gepampt werden muss, damit es nur „ausgewogen“ ist.

 

Kinder sollten wissen, was richtiges Essen ist

 

Der Corona-Kochkurs: Gut essen in Krisenzeiten

Denn erstens ist das alles Quatsch.

Zweitens sind die Kinder als Erwachsene in der nächsten Notlage – Klima! Pandemie! Krieg! – wieder komplett aufgeschmissen und wissen nicht, was sie mit ihren Notvorräten machen sollen.

Damit wären wir endlich beim praktischen Teil – Nutzwert, Nutzwert, Nutzwert! Der liegt der Chefredakteurin bekanntlich besonders am Herzen.

Wir kündigen daher schon den nächsten Beitrag zum Thema Essen in Krisenzeiten an. Dabei geht es natürlich nicht um die üblichen Rezepte. Davon quillt das Netz längst über, unkulinarischer Unsinn und Bad Taste eingeschlossen,

Der Krisenkochkurs von Quarkundso.de beschäftigt sich stattdessen mit den wichtigsten Prinzipien des guten Essens, mit Struktur und insbesondere mit Tipps zum guten Geschmack: Pimp Dein Essen mit Quarkundso.de!

Die Infos gelten auch später, wenn die Coronakrise vorbei ist – der Lernerfolg wird übrigens kontrolliert: Wir kommen zum Essen vorbei. Für Qualitätsleser von Quarkundso.de ist der wertvolle Kurs natürlich kostenlos. Alle anderen spenden bitte JETZT ins Sparschwein, und zwar zweistellig.

©Johanna Bayer

Originalinterview mit Christoph Minhoff – Titel: „dpa fragt nach der Situation der Branche“

SPIEGEL zum Interview mit Minhoff: „Ernährungsindustrie sorgt sich wegen mangelnder Kochkünste der Deutschen“

STERN zum Interview mit Minhoff, Titel: Ernährungsindustrie: Deutsche können nicht mehr kochen

 

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Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

DIE WELT: Muss man vor einer Corona-Infektion Angst haben? Ein Rechtsmediziner dreht auf

+++Achtung, Eilmeldung+++Quarkundso.de unterbricht das Nörgeln zu Ernährungsthemen und nörgelt direkt zu Corona-Unfug+++Anlass ist ein Bericht in der WELT+++Rechtsmediziner erklärt, die Angst vor dem Virus sei überzogen+++Quarkundso.de widerspricht+++

Beitrag vom 15.4.2020

Es war der Tag, an dem der britische Premierminister Boris Johnson auf die Intensivstation gekommen ist, und an dem in den USA innerhalb von 24 Stunden mehr als 2000 Menschen am Coronavirus gestorben sind: An diesem 7. April 2020 erklärte ein prominenter Rechtsmediziner in Hamburg, das mit dieser Epidemie sei nicht so schlimm. Die Sache werde in der deutschen Sterbestatistik des Landes keine Spuren hinterlassen und die Angst vor dem Virus sei übertrieben.

So berichtet es die Tageszeitung DIE WELT. Zwei Tage später saß der Mann bei Markus Lanz im ZDF und breitete dasselbe nochmal aus.

Die Chefredakteurin hat nach dieser Einlassung sofort einen Corona-Krisenstab eingerichtet. Das Team darf unter ihrer Leitung ausnahmsweise direkt zu Corona-Themen schreiben, wenn Klärungsbedarf besteht, was steile Thesen angeht.

Das ist jetzt der Fall, bei dem prominenten Rechtsmediziner Klaus Püschel aus Hamburg. Weil er dort Corona-Tote obduziert und in ihren Körpern allerlei Abweichendes findet, meint er, das Virus sei „nur der letzte Tropfen gewesen“, denn in Hamburg sei „bisher kein einziger nicht vorerkrankter Mensch an dem Virus gestorben“.

 

Der Mann für schwere Fälle

Professor Püschel ist ein bekannter Mann. Er kommt aus dem Osten und hat schon viele Tote gesehen, darunter die Opfer von Serienkillern, mittelalterliche Moorleichen und den in der Badewanne aufgefundenen Uwe Barschel.

Dass man abgebrüht sein muss, wenn man jeden Tag Leichen aufschneidet, ist klar. Aber Püschel scheut sich auch nicht, lebenden Menschen etwas zuzumuten: Er ist dafür, den genetischen Code sämtlicher Bewohner Deutschlands zu speichern, um Verbrechern besser auf die Spur zu kommen – eine Vision, bei der Datenschützern die Haare zu Berge stehen.

Auch hatte er vor Jahren den zwangsweisen Einsatz von Brechmitteln bei einem Delinquenten befürwortet, der wegen Drogenhandels unter Verdacht stand. Der Mann starb, nachdem ihm gegen seinen Widerstand das Mittel über eine Sonde eingeflößt worden war, keiner der beteiligten Rechtsmediziner wurde je verurteilt.

Ansonsten rät der Professor zwecks Organspende zu einem „rationaleren Umgang mit Leichen“ seitens der Angehörigen (in der TAZ), und wünscht sich ein „distanziertes Verhältnis zum Tod“ (DIE WELT).

Das erklärt vielleicht seine Sicht auf die Corona-Pandemie, nach der es nur Leute trifft, die sowieso bald den Löffel abgeben müssen. Alle anderen brauchen sich kaum Sorgen zu machen, sagt Herr Püschel.

DIE WELT zitiert den Arzt so:

„Es gebe keinen Grund für Todesangst im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Krankheit in der Region: „Alle, die wir bisher untersucht haben, hatten Krebs, eine chronische Lungenerkrankung, waren starke Raucher oder schwer fettleibig, litten an Diabetes oder hatten eine Herz-Kreislauf-Erkrankung.“ Das Virus sei in diesen Fällen der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.“

Zu Ende gedacht lautet diese Position so: „Wer an Corona stirbt, kann sowieso weg“.

 

Unwertes Leben und die Angst vor dem Risiko

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Derlei geht – ganz böse ausgedeutet – in Richtung „unwertes Leben“, und landet beim Euthanasie-Gedanken der Nazis, aber das wollte Herr Püschel bestimmt nicht sagen. Hoffen wir, wer weiß das schon.

Wenn ein Arzt sich so dezidiert in der Presse äußert, muss er sich jedoch etwas gedacht haben. Und es sollte nicht ganz dumm sein, das unterstellen wir zu seinen Gunsten.

Wie es scheint, hebt Professor Püschel tatsächlich auf so etwas wie Risikowahrnehmung ab: die persönliche Einschätzung von Gefahren, die im Leben auftreten können, auch: das Wissen um die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Unglück oder eine Gefahr einen selbst treffen könnte.

Menschen wägen dabei ab – sie steigen zum Beispiel in Massen und regelmäßig ins Flugzeug, obwohl Flugzeuge abstürzen können, wobei meistens alle Passagiere ums Leben kommen. Aber Flugzeuge stürzen eben selten ab, seltener als ein Auto gegen einen Baum fährt.

Deshalb fliegen Leute trotz der Gefahren, und noch häufiger fahren sie Auto, weil sie beim Autofahren schlicht den Nutzen gegen die Gefahr abwägen. Und ohne Auto ist man in Deutschland nur ein halber Mensch, daher sagen sich an die 30 Millionen deutsche Autofahrer: „Ich fahre so vorsichtig – oder so gut – wie möglich, damit kann ich das Risiko klein halten.“

Das Gefühl, eine Gefahr einschätzen zu können, ist zumindest psychologisch sehr wichtig für die Frage, wie ob man im Alltag handlungsfähig bleibt.

Der Rechtsmediziner Püschel setzt jetzt das Corona-Risiko für alle herab: Todesangst ist bei dem neuen Virus komplett „überzogen“, überhaupt muss man keine Angst haben, denn in Deutschland stirbt man aus anderen Gründen.

 

Die kranke Gesellschaft

Allerdings widerspricht sich Herr Püschel dabei selbst. Denn wenn man seine Aufzählung zu den Vorerkrankungen ernst nimmt, dann haben viele Leute ein höheres Risiko – sogar sehr viele.

Leider nennt Püschel hier keine Zahlen, genau die wären aber interessant: Wie viele Menschen sind denn betroffen von diesen Erkrankungen, die Püschel als Todesursache identifiziert?

Die Abteilung Dokumentation & Recherche von Quarkundso.de hat den Anteil dieser Betroffenen an der Bevölkerung mal quantifiziert, was nicht so einfach ist. Deshalb machen das die Fachgesellschaften nicht, da will sie niemand festlegen, wenigstens nicht öffentlich. Quarkundso.de schätzt daher beherzt – näherungsweise kamen folgende Zahlen heraus, alle Werte gerundet:

Schwer fettleibig: 20 %

Starke Raucher: 10 %

Diabetiker: 10 %

Herz-Kreislauf-Erkrankung: 10 %

Chronische Lungenerkrankung 6 %

Asthma 6 %

Krebs 2 %

(Quellen: Robert-Koch-Institut – Gesundheitsmonitoring, Herold – Innere Medizin, Krebsinformationsdienst am DKFZ Heidelberg u.a.)

 

Natürlich darf man nicht alle einfach zusammenzählen, weil unter den Älteren viele Diabetiker und Fettleibige sind, unter den Lungenkranken viele Raucher und so weiter. Die Schnittmengen sind groß.

Trotzdem: Die Gesamtschätzung von Quarkundso.de ergibt, dass alleine in der Aufzählung des Hamburger Experten ein Anteil von 30 Prozent der Deutschen steckt. Mindestens.

Und das sind noch nicht alle: Rheumakranke kommen dazu, die Kortison nehmen, Menschen mit Multipler Sklerose, die Immunmedikamente bekommen, Transplantierte und Patienten mit seltenen Krankheiten, deren Immunsystem unterdrückt wird und die deshalb anfälliger für Virusinfektionen sind.

 

Geburtenstarke Jahrgänge: mal wieder vorn

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Damit sollte klar sein: Selbst vorsichtig geschätzt gehören so viele Deutsche zur Risikogruppe, dass es in Ordnung ist, wenn Angst vor dem Coronavirus herrscht.

So sieht es auch das Robert-Koch-Institut:

Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland wird derzeit insgesamt als hoch eingeschätzt, für Risikogruppen als sehr hoch. Die Wahrscheinlichkeit für schwere Krankheitsverläufe nimmt mit zunehmendem Alter und bestehenden Vorerkrankungen zu.

(Quelle: RKI, abgerufen am 11.4.2020)

Mit „Gefährdung“ meint das Robert-Koch-Institut übrigens die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken und so schwer zu erkranken, dass man auf der Intensivstation landet.

Zu den „Älteren“ rechnet das Robert-Koch-Institut aber schon Menschen zwischen 50 und 60 Jahren, Grund: Ab diesem Alter lassen die Abwehrkräfte nach, das Immunsystem altert.

Weil in dieser Gruppe die geburtenstarken Jahrgänge stecken, ist der Anteil dieser Älteren sehr groß. Sie stellen alleine fast die Hälfte der Deutschen, rund 47 Prozent: Jede und jeder Zweite hat also schon kein normales oder geringes Risiko mehr, sondern alleine aufgrund des Alters eine erhöhtes.

Wie hoch die Gefahr für Senioren dabei ist, sieht man an den Bewohnern mehrerer Pflegeheime, die wie die Fliegen starben, als das Virus eindrang, sowohl in Deutschland als auch anderswo, zum Beispiel in Belgien.

Auf diesem Hintergrund sind die Aussagen des Herrn Püschel geradezu zynisch.

 

Das Glück der Deutschen

Auch in deutschen Kliniken gibt es Probleme mit Krankenhauskeimen.

Aber der Professor will Hoffnung machen und weist auf das Wesentliche hin:

„Wir haben in Deutschland keine italienischen Verhältnisse.

Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, und ich bin überzeugt, dass wir die Pandemie gut beherrschen können.“

Dieser Vergleich klingt nicht nur kaltherzig. Er klingt auch chauvinistisch – als ob ein Land, das viel hat, sich von den nächsten Nachbarn und Bündnispartnern abschotten und ihnen überdies hämisch auf den Kopf spucken könnte: „Haha, diese Italiener, ist doch klar, dass die es nicht hinkriegen mit ihrer Schlamperei, aber wir Deutschen, wir beherrschen die Lage!“

Von solchen Untertönen abgesehen kann man auch die Aussage selbst hinterfragen. Denn mit dieser Haltung könnten Artisten auf ihr Netz verzichten, Bergsteiger auf ihr Seil und Bauarbeiter auf ihren Schutzhelm – schließlich haben wir doch ein gutes Gesundheitssystem!

Aber so ist es natürlich nicht. Fast alle Leute vermeiden Verletzungen lieber als dass sie in ein Krankenhaus gehen, sei es auch das Beste im ganzen Land. Das liegt daran, dass es in Kliniken immer Risiken gibt. Schon die künstliche Beatmung und das Intubieren mit dem Schlauch in die Luftröhre zum Beispiel kann Komplikationen und Infektionen nach sich ziehen.

Gefährliche resistente Krankenhauskeime treiben nicht nur in schlampigen Mittelmeerländern, sondern auch in deutschen Hospitälern ihr Unwesen. Darunter ist ein Lungenbakterium, das besonders gerne Intensivpatienten befällt, die künstlich beatmet werden.

Sicher, die Coronainfektion überleben bisher die meisten, viele sogar symptomlos, und wer ins Krankenhaus muss, wird danach oft wieder gesund.

Aber das kann lange Zeit, einige Monate, dauern. Und vielleicht bleibt etwas zurück, Kurzatmigkeit, zum Beispiel. Denn noch weiß man nichts Genaues über Spätfolgen. Dazu zählt eine eingeschränkte Lungenfunktion und eine später einsetzende Vernarbung der Lunge, die sogenannte Lungenfibrose; möglicherweise sind auch Herz und Blutgefäße gefährdet.

Hinweise darauf gibt es schon, zum Beispiel aus der früheren SARS-Epidemie von 2002/2003 und aus chinesischen Studien zum neuen Corona-Virus, wie unter anderem der NDR in seinem Podcast mit Christian Drosten berichtet.

Das wird Herr Püschel, der Tote seziert, vielleicht nicht ganz so gut im Blick haben wie Mediziner, die Covid-Patienten untersuchen.

 

Leben mit Corona: Check Dein Risiko!

Leben mit Corona bedeutet: Hände waschen!

Um das alles aufzuklären, braucht man weiterhin Zeit – für Studien und für die Beobachtung vieler Menschen, die die Infektion überstehen.

Übervolle Intensivstationen und Kranke auf den Gängen kann man da nicht gebrauchen.

Die gefährliche Ansteckung also weiterhin so gut wie möglich zu vermeiden, daran geht wohl kein Weg vorbei, wie das Robert-Koch-Institut um Ostern 2020 verkündet hat.

Eine individuelle Risikowahrnehmung von „Ich krieg das nicht!“ bis zu „Wir haben doch ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem!“ ist davon unabhängig.

Aber sie ist unrealistisch.

Realistisch ist es, sich der eigenen Risikofaktoren von Alter über Gewicht bis zum Lebensstil bewusst zu werden. Denn selbst wenn der gewohnte Alltag ab Mai 2020 – vielleicht – wieder anlaufen kann, ist deshalb das Virus nicht verschwunden. Und angesichts der Millionen von gefährdeten Menschen mit Risikofaktoren fragt sich, was jeder Einzelne tun kann.

Sich vor Ansteckung zu schützen, mit einfachen Maßnahmen, so gut es geht – Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen – ist das eine.

Etwas anderes wäre ein Aufruf an die Bevölkerung, den eigenen Körper in einem Zustand zu halten, dass er Viren bekämpfen und Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Den Aufruf haben wir im Beitrag vom 3.4.2020 schon geleistet.

Nach der Einlassung des Leichenfachmanns juckt es die Abteilung Dokumentation & Recherche, etwas zu ergänzen: Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes führen genau zu den Krankheiten, die das Risiko für schwere Corona-Verläufe eindeutig erhöhen und die Herr Püschel aufgezählt hat.

Man kann sie durch einen gesunden Lebensstil tatsächlich vermeiden. Man kann also mit dem Rauchen aufhören (jetzt!), den Alkoholkonsum reduzieren und sich mehr an der frischen Luft bewegen, man kann abnehmen und sein Gewicht kontrollieren.

Aber so etwas zu fordern ist natürlich extrem pauschal und überdies unpopulär, wenn nicht unzumutbar. Die Chefredakteurin hat einen so moralinsauren Aufruf daher untersagt – wozu haben wir denn unser ausgezeichnetes Gesundheitssystem.

©Johanna Bayer

 

Artikel zu den Aussagen von Prof. Dr. Klaus Püschel in DIE WELT vom 8.4.2020

Das Robert-Koch-Institut zur Risikogruppen

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Corona, Ernährung und das Immunsystem, Teil 2: Was wirkt und was nicht

Es hört nicht auf mit den Tipps, wie man das Immunsystem gegen das Coronavirus stärken kann, natürlich mit Obst und Gemüse. Selbst Fachleute beteiligen sich daran, wie der „Ernährungsdoc“ Matthias Riedl vom NDR. Doch wir wissen schon: So einfach geht es nicht. Und aussichtsreicher als das Immunsystem zu stärken ist etwas anderes: es nicht zu schwächen.

Beitrag vom 3.4.2020

Köpfe von Weißkohl und Rotkohl

Kohl schmeckt, und die günstige Wirkung seiner Senföle ist von Alters her bekannt. Aber killt Kohl Corona-Viren?

Die Sache mit dem Immunsystem ist nicht in einem einzigen Beitrag abzuhandeln, das war schon letztes Mal klar. Weil die Menschen wegen der Corona-Krise weiterhin zuhause eingesperrt sind, ist also ein zweiter vertiefender Beitrag dazu angezeigt – schon alleine deshalb, weil die Ratschläge, mit allerlei Obst, Gewürzen und Gemüse gegen die Seuche vorzugehen, weiter wuchern.

Unzählige Akteure tun sich damit hervor, auch solche, die eigentlich vom Fach sind, zum Beispiel Dr. Matthias Riedl, bekannt als „Ernährungsdoc“ beim NDR: Er beschwört in der Sendung „Visite“ die „keimtötende Wirkung“ von Ingwer, Kohl und Zitrone.

Ein Dr. Kurt Mosetter aus Konstanz, ebenfalls Arzt und dazu Heilpraktiker, empfiehlt in einem Interview mit der Frankfurter Rundschau:

„Die Ernährung ist unsere Medizin! Es gilt, viel Grünzeug, Gemüse und Obst zu essen, am besten frisch und regional zubereitet. Johannisbeeren, Himbeeren, Brombeeren oder Avocados helfen auch.“

Das ist lustig, weil „frisch und regional“ für diese Beeren im Winter und für die Avocado gar nicht geht.

 

Wenn alles möglich ist: das Expertengespräch

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Nun muss man aber eines klarstellen: Journalisten, die solche Interviews in Ratgeberformaten führen, müssen nicht nachhaken.

Alles, was ihre Gesprächspartner verzapfen, verantworten diese selbst, die Journalisten fragen nur Informationen ab, im Fachjargon heißt das „Sachstandsinterview“.

Dabei erwarten sowohl die Interviewer als auch ihr Publikum, dass die Interviewpartner echte Experten sind und die Fakten korrekt darstellen. In anderen Interviewformen ist das Nachfragen dagegen nicht nur erlaubt, sondern sogar erwünscht.

Politik-Journalisten zum Beispiel fühlen ihren Interviewpartnern gerne auf den Zahn, legendär ist zum Beispiel das Interview, in dem Marietta Slomka bei Siegmar Gabriel so hartnäckig nachbohrte, dass der SPD-Vorsitzende die Fassung verlor.

Auch Grünen-Chef Robert Habeck kam ins Stammeln, als Oliver Köhr von der ARD ihn darauf hinwies, dass die Pendlerpauschale für alle gleich gilt und nicht, wie von Habeck angenommen, nur für Autofahrer.

Bei Gesundheitsinterviews, speziell in Ratgeberformaten, wird aber praktisch nie kritisch nachgefragt. Das liegt nicht nur daran, dass die Autoren und Moderatoren oft gar keine Ahnung vom Thema haben. Es liegt zu einem guten Teil daran, dass die Redaktion eine telegene oder sonst willige Fachperson mit frechen Nachfragen nicht verprellen möchte – man muss ja froh sein, wenn man Experten hat! Die darf man nicht vor laufender Kamera desavourieren.

 

Noch Fragen? Danke, nein.

Und so kommt es, dass in der NDR-Sendung Visite 23.3.2020, betitelt mit „Coronavirus: Tipps für Diabetiker“, eine Moderatorin den Fernseharzt Dr. Matthias Riedl, diesmal vorgestellt als Diabetologe, zum Immunsystem befragt, und zwar im Namen von Zuschauern, die die Fragen eingeschickt hatten.

„Gibt es Lebensmittel, die das Immunsystem stärken und gleichzeitig eine antivirale Wirkung haben?“

Dr. Riedl beginnt seine Antwort mit gutem Grund sehr ausweichend. Als Fachmann weiß er, dass es solche Lebensmittel nicht gibt. Die Antwort wäre also ein klares „Nein.“ gewesen.

Das möchte er so offensichtlich nicht sagen: Es wäre geradezu unterlassene Hilfeleistung und ein Betrug am Gebührenzahler! Man muss dem Publikum geben, was es will. Außerdem hätte er dann den Auftrag der Redaktion nicht erfüllt – und die Moderatorin auch nicht.

Also betont Dr. Riedl, es sei jetzt „so wichtig wie noch nie, auf die verlangten 300 Gramm Gemüse am Tag zu kommen“, um damit

„… die Selbstheilungskräfte des Körpers zu stärken…“

Damit ist die Platte angesprungen. Ein Zurück gibt es nicht, und Riedl fährt fort:

„.. da sind es zum Beispiel Kohlsorten, die keimhemmende Wirkung entfalten, durch die sekundären Pflanzenstoffe, die bieten eben nicht nur Vitamine und Spurenelemente, aber diese sekundären Pflanzenstoffe haben Nebeneffekte, ich denke da zum Beispiel an Meerrettich, beispielweise, der ähnlich keimhemmende Wirkung hat (…) Und natürlich viel trinken, ideal wäre Ingwertee mit Zitrone, der ist nachgewiesenermaßen keimtötend.“

(Transkript aus dem Video von NDR-Visite TC Min. 4:49 bis 5:25 mit Antwort der Moderatorin. Hier ausgelassene Passagen beziehen sich auf Nüsse und Vitamine.)

Spontane Reaktion der Moderatorin auf die Ratschläge und den Knaller am Ende, mit der keimtötenden Wirkung von Ingwertee und Zitrone: „Toll!“.

Hätte Quarkundso.de das Interview geführt, wäre die Antwort ebenso kurz ausgefallen. Aber anders. Nämlich als: „Hä?“

 

Mit Lebensmitteln Keime im Körper töten – bitte nicht!

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Denn wir haben nicht verstanden, was Dr. Riedl gemeint hat. Wen oder was meint er mit „Keimen“, etwa das Corona-Virus?

Das war doch die Frage der Zuschauer: Was stärkt das Immunsystem und tötet das Corona-Virus – antivirale Wirkung, hieß es in der Frage.

Und „keimhemmend“ und sogar „keimtötend“, „nachgewiesenermaßen“, was meinte er damit? Wie killen Kohl, Ingwer und Zitrone das Corona-Virus? Und wo?

Die Sache ist wichtig. Schließlich sind wir in einer Pandemie, es geht um Leben und Tod, es gibt keine Medikamente, keine Impfung, Menschen leben in Angst, wollen etwas für ihre Gesundheit tun und wissen, was wirklich wirkt.

Auch verspricht die Moderatorin in der Anfangsmoderation „Aufklärung gegen die Angst“. Um aufzuklären hätte sie, eine Fachkraft mit langjähriger Erfahrung, aber ruhig nachfragen dürfen. Denn es ist ja allgemein bekannt, dass es gegen das Corona-Virus kein Mittel gibt. Auch kein „natürliches“ oder „sanftes“.

Schon gar kein Lebensmittel.

Wir holen dazu kurz ein paar Überlegungen nach: Keime töten mit Ingwer, Kohl und Zitrone müsste sich, wenn das ginge, gleich im Mund abspielen, beim Essen. Dort landen die aktiven Substanzen aus den Pflanzen, zum Beispiel die Senföle aus dem Kohl, das Gingerol und ätherische Öle aus dem Ingwer und die Zitronensäure.

Im Mund aber leben Myriaden von nützlichen Keimen, die man auf keinen Fall abtöten will! Sie bilden, wenn die Mundflora gesund ist, einen Schutzfilm auf Zähnen und Zahnfleisch, der Karies und Zahnfleischentzündungen verhindert. Solche Probleme machen böse Keime.

Wenn die Guten aber als sogenannter Biofilm überwiegen, wehren sie die Bösen ab. Also sollte bitte nichts allgemein Keimtötendes in den Mund kommen, es sei denn, der Arzt hat es verschrieben – Quelle: NDR, Sendung Visite über Mundgesundheit, der Link steht unten.

 

Was hat der Fernseharzt gemeint?

Teller, Scheiben von Zitrone, Ingerwurzel, Teeglas mit milchiger Flüssigkeit

Heißer Ingwertee mit Zitrone regt die Speichelproduktion an, killt aber keine Viren.

Dasselbe gilt für den Darm, wo Ingwer, Zitrone und Kohle am Ende landen.

Würden sie dort Keime abtöten, geriete ja die nützliche Darmflora durcheinander. Von den vielen Bakterien da unten hat nun wirklich jeder schonmal gehört. Die darf man doch nicht töten!

So kann es Dr. Riedl also nicht gemeint haben.

Aber was wollte er dann sagen?

Wollte er etwa nahelegen, dass Ingwer, Zitrone, Kohl und Meerrettich nur Corona-Viren angehen, ganz gezielt, und die nützlichen Bakterien verschonen, die im Mund und im Darm leben?

Im O-Ton klingt es tatsächlich so, deshalb sagt die Moderatorin „Toll!“.

Würde Dr. Riedl derlei ernsthaft behaupten, wäre er ein Scharlatan. Das wollen wir zugunsten des Ernährungsdocs und des NDR nicht hoffen. Wir unterstellen auch keine böse Absicht. Das tun wir nie. Er hat sich nur mehr oder weniger absichtlich vage ausdrückt und die Frage nur: Was kann der Fernseharzt gemeint haben? Und was wäre daran „toll“?

Da der NDR die Sache nicht aufklärt, bleibt die Drecksarbeit mal wieder an uns hängen, an Quarkundso.de, der Abteilung fürs allgemeine Ausputzen. Wenn auch nur ansatzweise im Raum steht, dass man gegen Coronaviren mit Obst und Gemüse etwas machen kann, sollten die Menschen in der weltweiten Krise die Wahrheit erfahren.

 

Irgendwie gesund

Wir arbeiten also nach, der Einfachheit halber in Stichpunkten:

– Nichts von allem, was Dr. Riedl genannt hat, tötet das Corona-Virus.

– Es gibt auch sonst keine Nahrungsmittel oder Inhaltsstoffe von Pflanzen oder Gewürzen, die im Körper gezielt Viren töten oder die gezielt das Immunsystem gegen Viren stärken. Seriöse Quellen dafür sind allgemein zugänglich, darunter das Robert-Koch-Institut und die Weltgesundheitsorganisation WHO. Viele unseriöse Quellen behaupten natürlich das Gegenteil.

– Eine keimhemmende Wirkung von Kohl, Meerrettich, Kresse und Radieschen gibt es – nur anders: Sind sie verdaut, finden sich im Urin Reste der in ihnen enthaltenen Senföle. Diese meint Dr. Riedl mit „sekundäre Pflanzenstoffe“. Auch sammeln sich solche Reste in den Bronchien an. Dort können sie einer bestimmten Konzentration tatsächlich bestimmte Erreger und Bakterien töten, zum Beispiel bei Blaseninfekten. Allerdings sind die Studien dazu nicht mit Kohl und Meerrettich gemacht worden, sondern mit Tabletten, in denen die Pflanzenstoffe in hoher Konzentration eingenommen wurden. Sie können tatsächlich auch das Wachstum von Zellen hemmen, wenn diese von Viren befallen sind, etwa bei leichten Erkältungen. Da helfen Meerettich und Co. von Alters her und gelten als Naturheilmittel für leichte Erkältungen wie einen Schnupfen.

– Ingwertee und Zitrone töten gar keine Keime, jedenfalls ihre Inhaltsstoffe nicht, wenn Menschen sie essen. Was aber erwiesen ist, und was der Fernseharzt gemeint hat, ist, dass nach dem Trinken von Ingwertee mit Zitrone die Mundschleimhaut auf das Gemisch reagiert: Sie ändert Enzyme im Speichel und produzieren mehr davon. Dass Speichel ganz bestimmte Bakterien, nämlich Streptokokken und Staphylokokken, töten kann, ist bekannt. Sogar Tiere lecken deshalb instinktiv ihre Wunden ab. Ingwer und Zitrone erhöhen beim Menschen schlicht die Produktion des Enzyms Lysozym, das dafür verantwortlich ist.

Alle von Dr. Riedl genannten Lebensmittel sind also irgendwie gesund: Sie verändern den Speichel positiv, erhöhen die Durchblutung der Schleimhäute, und wenn Reste der Senföle aus Kohl oder Rettich im Darm ankommen, stimulieren sie die Darmschleimhaut. Alles das hilft – irgendwie – dem Immunsystem. Potenziell können sie auch das Wachstum von Viren befallener Zellen hemmen.

Aber sie zerstören keine Corona-Viren.

 

Corona und das Immunsystem: eine unendliche Geschichte

Grüne Kugel,gespickt mit kleinen Dornen, das sind Ansatzstellen für andere Zellen

Immunzelle, sogenannte T-Helferzelle.

Diesen Job muss schon das Immunsystem selbst erledigen, womit wir wieder beim Thema wären.

Doch dieses Immunsystem ist eine komplizierte Sache. Es hat unterschiedliche Methoden, also Immunantworten, dazu verschiedene Zelltypen, mit denen es auf Feinde reagiert.

Auch gibt es mehrere Eintrittspforten für Bakterien, Viren und andere Erreger in den Körper, und Barrieren dagegen. Diese bestehen aus nützlichen, geduldeten Mikroben und, nun ja, Keimen.

Sie leben im Mund, in der Nase, auf der Haut, überhaupt auf allen Schleimhäuten mit Außenkontakt, und als dichter Teppich auf der Darmschleimhaut, das bekanntlich der wichtigste Teil des Immunsystems ist.

Alles das genau aufzudröseln, würde diesen Text ins Unendliche verlängern. Wir kündigen daher eine weitere Folge an, es wird eine lange Serie werden. Für heute müssen ein paar praktische Tipps reichen, und zwar, Achtung, konkret gegen das Corona-Virus.

Anders als andere raten wir aber nicht in erster Linie dazu, „das Immunsystem zu stärken“.

Wir wissen ja, siehe erster Teil vom 18.3.2020, dass das nicht so einfach geht und auch nicht immer sinnvoll ist. Stattdessen raten wir von Quarkundso.de zu etwas anderem: das eigene Immunsystem nicht zu schwächen.

 

Wichtig in der Pandemie: 7 Regeln, um das Immunsystem nicht zu schwächen

Daher kommen hier die 7 ultimativen Ratschläge gegen eine Corona-Infektion, exklusiv für die Qualitätsleser von Quarkundso.de:

  1. Alles, was die Schleimhäute in Mund, Rachen und Nase schädigt, unterlassen, ob zuhause oder anderswo. Denn an diesen Stellen fällt das Virus ein, und dort muss es zuerst bekämpft werden.
  2. Das bedeutet vor allem: nicht rauchen. Wir wiederholen: NICHT RAUCHEN. Alle Ausreden der Art „Aber die vier bis fünf Zigaretten am Tag …“, oder „Wenn man sonst nichts darf, wird man doch wenigstens …“ zählen nicht. Rauchen schädigt die Lunge, Raucher sind daher vom Virus und schweren Verläufen der Lungenkrankheit stärker gefährdet, Ende der Durchsage.
  3. Trockene Heizungsluft vermeiden, sie macht die Schleimhäute anfällig. Gerade jetzt, wo alle zuhause bleiben müssen, ist das schwierig. Aber etwas steuern kann man: Nicht so stark heizen, die Temperatur vielleicht ein, zwei Grad runterdrehen, regelmäßig lüften, nachts kühl schlafen, auf die Luftfeuchtigkeit achten. Optimal sind 50 bis 60 Prozent, es gibt einfache kleine Geräte, die das messen können (online bestellen).
  4. Nicht nur vor der Glotze sitzen, sondern jeden Tag am Tageslicht und der frischen Luft spazieren gehen, mindestens eine halbe, besser eine Stunde. Das hilft den Schleimhäuten und der Lunge, und auf verschiedenen Wegen dem Immunsystem, nicht zuletzt, weil die Haut an die Sonne kommt und Vitamin D herstellen kann. Trotz der strengen Ausgangssperren ist Spazierengehen deshalb erlaubt.
  5. Nicht abschlaffen, sondern die Durchblutung trainieren, denn das Blut bringt die Immunzellen dorthin, wo sie gebraucht werden. Schnelles Gehen, Joggen, Übungen zuhause auf dem Trimmrad oder vor Youtube sind also wichtig, jeden Tag mindestens 30 Minuten.
  6. Alkohol reduzieren oder ganz weglassen, so oft und so lange wie möglich. Alkohol ist ein Zellgift, das die Produktion wichtiger Immunzellen hemmt. Die WHO empfiehlt in der Pandemie, Alkohol zu meiden. Die Verkaufszahlen zeigen allerdings, dass genau das nicht verstanden wird: Die Deutschen trinken in der Corona-Krise noch mehr als sonst. Damit schädigen sie ihr Immunsystem nachweislich.
  7. Schlafen, schlafen, schlafen. Guter Schlaf hilft dem Immunsystem tatsächlich am meisten, auch das ist schon lange bekannt. Umgekehrt gilt: Menschen mit Schlafmangel und Schlafstörungen, aber auch Schichtarbeiter sind anfälliger für Krankheiten, besonders, Achtung, für Erkältungen, auf die das Corona-Virus aufspringen kann.

Das wäre es also für heute, wer diese Ratschläge befolgt, schwächt seine Abwehrkräfte jetzt nicht, in Zeiten der Pandemie.

Außerdem gilt weiterhin: Immer schön die Hände waschen – und regelmäßig Quarkundso.de lesen. Aber das wissen unsere Qualitätsleser schon.

@Johanna Bayer

 

Links

NDR Visite vom 24.3.2020 rund um Corona und die Frage, ob Diabetiker stärker gefährdet sind, Ausschnitt aus der Sendung in der NDR-Mediathek

 

Infonetzwerk EUFIC über Lebensmittel und Vitamine oder Nahrungsergänzungsmittel, die angeblich Corona-Viren bekämpfen oder das Immunsystem stärken können: keine wissenschaftliche Evidenz, auch mit Verweis auf die WHO – Auszug von der Seite:

Gibt es Lebensmittel, die unser Immunsystem gegen COVID-19 stärken?

Derzeit gibt es keine überzeugenden Beweise dafür, dass Lebensmittel oder Ernährungsgewohnheiten unser Immunsystem „stärken“ und COVID-19 verhindern oder behandeln können.

(…)

Gibt es Nahrungsergänzungsmittel, die unser Immunsystem gegen COVID-19 stärken können?

Derzeit gibt es weder Beweise noch von der EU genehmigte gesundheitsbezogene Angaben, dass ein Nahrungsergänzungsmittel unser Immunsystem „stärken“ und Virusinfektionen wie COVID-19 verhindern oder behandeln kann. Wir sollten dies berücksichtigen, wenn wir Informationen von Personen oder Organisationen, die etwas anderes behaupten, beurteilen.

Quelle: EUFIC, siehe Link oben

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