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Der Pressetext zum neuen DGE-Report: Essen die Deutschen wirklich gesünder?

Eine Pressemitteilung der DGE zum 14. Ernährungsbericht verleitet Redaktionen dazu, von „gesundem Essen“ zu schreiben. Aber in Wahrheit essen die Deutschen laut Report gar nicht gesünder – Quarkundso.de übernimmt.

(Beitrag vom 2.2.2021)

Glasschüssel mit Salat, umgeben von kleinen Schüsseln mit Erdbeeren, Pilzen, Trauben, Nüssen, Rotkraut, Tomaten, Weißkohl

Obst und Gemüse sind gesund – irgendwie. Bild: silviarita / Pixabay

In den ersten Wochen des Jahres kommen immer die ganz großen Themen: Was essen wir? Was ist gesunde Ernährung? Wer ist gesund, weil er oder sie oder dies oder das isst – oder nicht isst? Ist man auch gesünder, wenn man gesünder isst?

Und hören die Menschen auf Ratschläge dazu, was gesundes Essen ist?

Anlass zu diesen Fragen gibt nicht nur das neue Jahr, sondern auch der 14. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, DGE. Alle vier Jahre soll der Report erfassen, was hierzulande so auf den Tisch kommt, und jetzt ist der neue am 24.11.2020 erschienen.

Ergebnis: „An einigen Punkten“, so die Pressemitteilung der DGE, habe sich die Ernährungssituation „verbessert“. Insgesamt aber – eigentlich nicht.

Denn die Deutschen werden ungebremst dicker, zeigt der Bericht. Und auf die Ernährungsratschläge der DGE hören sie auch nicht. Das ist die wichtigste Botschaft, nachzulesen in der Pressemitteilung der DGE vom 24.11.2020.

 

Gesundes Essen, ungesundes Gewicht

Das ist ein eher mageres Ergebnis. Denn was nützt gesundes Essen – was auch immer das sein soll – wenn man davon dick wird?

Und wenn der Genuss von Schweinefleisch „erfreulicherweise“ zurückgeht, wie es in der DGE-Pressemitteilung heißt: Was hilft das, wenn der Anteil der Übergewichtigen und Fettleibigen in Deutschland steigt?

Falls es da überhaupt einen Zusammenhang gibt, wäre der einzige Schluss, der daraus zu ziehen ist, dieser: „Aha, Schweinefleisch ist nicht Schuld am Übergewicht!“.

Aber das folgert natürlich niemand.

Stattdessen freut sich die DGE über „mehr Gemüse“. Doch da ist es wieder: Was nützt mehr Gemüse, wenn die Deutschen noch dicker werden? Übergewicht ist das Problem: Hohes Körpergewicht gehört zu den größten Risikofaktoren für Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Arbeitsunfähigkeit und eine ganze Reihe von Krebsarten.

Dagegen haben Normalgewichtige, ganz gleich, was sie essen, ein wesentlich geringeres Risiko, an diesen Erkrankungen zu leiden oder zu sterben. Das haben große Studien ergeben, darunter die Nurses Health Study aus den USA.

Zudem sagen Konsumzahlen, wie sie der Ernährungsbericht der DGE anhand der Agrarstatistiken erhebt, nichts über die Ursachen von Krankheiten in der Bevölkerung.

Oder über Übergewicht. Oder über den Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Übergewicht. Oder über die Verbindung von Essgewohnheiten und Übergewicht.

 

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Die von der DGE wissen das natürlich.

Deshalb formulieren die Forscher ihre Erkenntnisse sehr vorsichtig: In ihrer ausgeklügelten Pressemitteilung vermeiden sie es, von „gesund“ oder „gesünder essen“ zu sprechen.

Ganz sein lassen können sie es aber nicht. Denn die Verbindung von „essen“ und „gesund“ ist im Hirn der Deutschen so fest verdrahtet wie die von „Sommer“ und „Grillabend“.

Daher schlagen die Autoren der Pressemitteilung einen populistischen Haken und stellen an den Anfang das, was das Volk unter „gesünder essen“ versteht:

„Mehr Gemüse, Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetees, weniger Schweinefleisch und Alkohol – die Ernährungssituation in Deutschland hat sich in einigen Punkten verbessert“,

lässt sich Helmut Heseker, Chef des wissenschaftlichen Präsidiums der DGE, zitieren.

Damit war der Trigger gesetzt und die Redaktionen sprangen darauf an.

 

Keine weiteren Fragen

Blätter und Portale übernahmen die Pressemitteilung der DGE komplett und dichteten – natürlich – etwas mit „gesund“ dazu. Niemand fasste nach.

Die ZEIT etwa, die es nun wirklich hat – Geld, Recherchepower, Mediziner in der Redaktion – schrieb:

Bürger essen gesünder – und werden trotzdem immer dicker.
Mehr Gemüse, Tee und Wasser, weniger Schweinefleisch: Auf Deutschlands Esstischen hat sich einiges getan. Die Quote der Übergewichtigen aber steigt laut einer Studie.

Schade, dass einem Leitmedium wie der ZEIT nichts weiter einfällt, als den Text der DGE abzudrucken und nicht selbst zu recherchieren, was genau hier „gesünder“ sein soll – ganz davon abgesehen, dass sich keineswegs „einiges getan“ hat, auf den Tellern.

Dem Bayerischen Rundfunk, ebenfalls Qualitätsanbieter, war der Pressetext auch nur einen Abguss wert:

Deutsche essen etwas gesünder, werden aber immer dicker
Mehr Gemüse, aber weniger Obst; mehr Mineralwasser und weniger Alkohol: Die Deutschen ernähren sich etwas gesünder, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) in ihrem aktuellen 14. Ernährungsbericht. Aber das reicht den Experten nicht.

Im folgenden Artikel gab es wieder nur die Pressemitteilung der DGE. Über die Verbindung von Verkaufszahlen aus der Agrarstatistik mit Übergewicht oder Gesundheit wollte auch beim BR niemand nachdenken.

Dabei ist die Annahme, dass etwa ein höherer Gemüseanteil bei verkauften Lebensmitteln automatisch die Volksgesundheit hebt, bloße Fiktion.

 

Zahlen sind Schall und Rauch

So essen die Deutschen heute doppelt so viel Gemüse pro Kopf und Jahr wie 1960: Damals waren es knapp 50 Kilo, heute sind es laut DGE-Bericht rund 104 Kilo.

Aber viel hilft nicht viel – in derselben Zeit ist nämlich die Zahl der Übergewichtigen, Adipösen und Diabetiker vom Typ 2 ebenso gestiegen wie der Gemüseverzehr: Seit 1960 erhöhte sich die Zahl der Übergewichtigen unter den Männern auf jetzt rund 60 Prozent, dazu gibt es heute mehr als doppelt so viele schwer Fettleibige unter den Deutschen.

Die Übergewichtigen werden aber nicht nur mehr, sie werden auch dicker: der durchschnittliche BMI in der Bevölkerung steigt und unter den Adipösen gibt es mehr extrem Fettleibige.

Das veranlasste die DGE jetzt zu einem düsteren Befund: Bei Männern ist inzwischen „Übergewicht der Normalzustand“, so Helmut Heseker in der Pressekonferenz vom 24.11.2020.

So schlimm stand es übrigens schon beim letzten Mal, als der Ernährungsbericht von 2017 herauskam, die Nummer 13: „Die Deutschen sind so dick wie nie“ musste die DGE feststellen, und zwar trotz viel Gemüse (Quarkundso.de berichtete).

 

Frustrierendes Ergebnis

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Nicht einmal klimafreundlicher oder nachhaltiger isst das Volk, zeigt der neue Bericht noch dazu. Denn der Gesamtverzehr von Fleisch ist auch im Jahr Zwei nach Greta gleich geblieben:

Die Konsumzahlen verzeichnen zwar weniger Schwein, dafür aber mehr Rind-, Kalb- und Geflügelfleisch. Insgesamt bleibt es daher bei den rund 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr.

Das ist nicht gerade das, worauf Klimaschützer gehofft haben.

Ärgerlicherweise hat Schweinefleisch aber einen besseren CO2-Fußabdruck als Rindfleisch. Es ist also nichts gewonnen, wenn statt Schnitzel mehr Steaks auf den Tisch kommen.

So verfehlt die DGE gleich mehrere Ziele: dass die Deutschen endlich „pflanzenbetont“ essen, dass sie abnehmen oder wenigstens nicht weiter zunehmen, und dass sie sich an die 10 Regeln der DGE halten – frustrierend für die Ernährungshüter.

 

Die Lage ist dramatisch

Aber es ist nicht nur frustrierend. Es ist eine Katastrophe, wenn man sich die Zahlen zum Übergewicht genauer ansieht, die der neue Bericht Nr. 14 ebenfalls liefert.

Besonders die Angaben zu Schwangeren und jungen Müttern sind alarmierend: Fast 40 Prozent der Schwangeren brachten in der Erstuntersuchung zu viele Kilos mit und waren übergewichtig oder adipös.

In der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren, in der viele Frauen inzwischen Kinder zur Welt bringen, sind es 42 Prozent – fast jede Zweite, und der Trend geht nach oben. Auch steigt der Anteil der schwer Übergewichtigen mit BMI über 30.

Das ist dramatisch. Denn eine übergewichtige Schwangere prägt über ihren vom Übergewicht gestörten Stoffwechsel das Kind schon im Mutterleib. Auch Diabetes Typ 2 in der Schwangerschaft ist eine Folge des Übergewichts, ebenfalls mit fatalen Auswirkungen auf das Ungeborene.

 

Dauerhaft erfolglos

Dass sich daran nichts tut, dass die Welle des Übergewichts wieder nicht gebrochen werden konnte, wirft unangenehme Fragen auf: Warum verfangen die Ernährungsratschläge nicht?

Warum hält sich niemand daran, warum gelingt es nicht, die Menschen zu einem vernünftigen Essverhalten zu bewegen – so dass sie gar nicht erst dick werden?

Sind die Ratschläge vielleicht nicht die richtigen, muss man anders vorgehen? Auf alle diese Fragen gibt der Ernährungsbericht keine Antworten.

Es wäre unfair, das den aufrechten DGE-Forschern vorzuwerfen. Schließlich beißt sich die ganze Welt an dem Problem die Zähne aus, und niemand hat eine Lösung.

Sich dann Themen zuzuwenden, die lohnender erscheinen, ist menschlich verständlich. Die DGE-Forscher stellten sich jedenfalls unter dem Stichwort „Prävention chronischer Erkrankungen“ nicht die Frage, wie Übergewicht als gefährlicher Risikofaktor zu verhüten wäre.

Stattdessen fragen sie im 14. Ernährungsbericht, wie das, was Menschen essen, mit bestimmten Krankheiten zu tun haben könnte. Dazu gibt es schon eine Menge Übersichtsstudien, bisher kam nicht so richtig was dabei raus.

Also hat es die DGE nochmal versucht.

 

Dünne Beweise, nichts Konkretes

Tisch, Notebook, Block und Stift, alles nah, Monitor im Anschnitt, unscharfe Statistiken und Felder

Viel Arbeit, mäßiger Erfolg: die DGE mit ihren Studien. Bild: Goumbik / Pixabay

Ein sogenannter Umbrella-Review, ein Überblick über 38 Übersichtsstudien, sollte zeigen, wie es wissenschaftlich steht: bei Gemüse und Schlaganfall, Obst und Herzinfarkt, Gemüse und Diabetes, Fleisch und Brustkrebs, Wurst und Darmkrebs.

Heraus kam – nicht viel: Die Beweislage für konkrete Zusammenhänge zwischen Lebensmitteln einerseits und Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs andererseits ist und bleibt dünn.

Sie ist sogar so dünn, dass keine konkreten Mengenangaben für Gemüse und Obst daraus abgeleitet werden können.

Oder gar so etwas wie ein Grenzwert für Fleisch und Zucker, den viele gerne hätten. Das stellen die DGE-Forscher am Ende ihres Berichts fest:

„Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die in dieser Arbeit identifizierten Studien bei der Bewertung der Metaevidenz maximal mit moderat abgeschnitten haben. Konkrete Zufuhrmengen lassen sich aus der vorliegenden Arbeit nicht ableiten, jedoch lässt sich untermauern, dass eine pflanzenbasierte Ernährung mit einem geringen Verzehr an Fleisch gesundheitsförderlich ist.“ (DGE-Ernährungsbericht 14, Seite 386)

„Moderat“ ist in der Forschung ungefähr so viel wert wie eine 4- in der Schule – nicht ganz ausreichend, eigentlich ungenügend.

Einzelbefunde in der Auswertung zeigen, dass sich durch mehr Gemüse etwa das relative Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, laut einigen Studien vielleicht um 12 bis 14 Prozent verringert.

Beim Darmkrebs konnte wiederum ein geringeres Risiko von 2 Prozent errechnet werden, pro 100 Gramm Gemüse mehr – das fällt eher unter statistisches Rauschen.

Bei Diabetes Typ 2 stellt die DGE fest, dass viel Gemüse und Obst das Risiko nicht wirklich verringern – kein Zusammenhang. Dasselbe gilt interessanterweise für rotes Fleisch und Diabetes, die Ergebnisse bei Fleisch und Wurst sind insgesamt uneinheitlich.

 

Risiko Übergewicht: überzeugend

Bei Übergewicht sieht die Sache anders aus: Hier gilt der Zusammenhang zwischen vermehrtem Körperfett und vielen Krankheiten als gesichert.

Er ist sogar so gut gesichert, dass pro BMI-Punkt mehr über dem Normalgewicht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ 2 eindeutig steigt.

Fünf Kilo mehr bedeuten 10 Prozent Risikoerhöhung, gibt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie bekannt. Ein Mann mit 15 Kilo Übergewicht hat es also schon mit einem 30 Prozent höherem Risiko gegenüber einem schlanken Pendant zu tun.

Für Diabetes Typ 2 ist Übergewicht eindeutig der wichtigste Auslöser. Bei Lungenkrebs ist zu viel Körperfett gerade dabei, dem Rauchen als Risikofaktor Nr. 1 den Rang abzulaufen: Die Raucher werden weniger, die Dicken mehr, so rückt Übergewicht als Grund für Lungenkrebs nach oben.

Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Krebsarten, für die die internationale Krebsforschungsagentur IARC 2016 bei Übergewicht eine statistisch gesicherte Risikoerhöhung festgestellt hat:

„Durch Übergewicht treten beispielsweise Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, Eierstockkrebs und das Multiple Myelom sowie Adenokarzinome im oberen Teil des Magens, der sogenannten Cardia vermehrt auf. Insgesamt weisen die Daten der von uns ausgewerteten Studien auf einen Zusammenhang von Dosis und Wirkung: Je stärker ausgeprägt die Fettleibigkeit ist, desto höher das Krebsrisiko.“ (Quelle: Deutsches Krebsforschungszentrum Heidelberg, DKFZ)

Im Vergleich dazu sind die paar Prozente an möglicher Schutzwirkung, die die DGE in ihrem neuen Bericht Gemüse oder Obst zuschreibt, unerheblich: Die wahre Gefahr droht durch Übergewicht.

Anders gewendet: Wer viel isst, wird dick, und das erhöht massiv die Risiken. Dass viel Gemüse oder Obst dabei schützen könnten, kann man vergessen. Zumindest, wenn man die Zahlen nüchtern betrachtet.

 

Normalgewicht als Ziel

Waage, Zeiger steht auf fast 120 Kilo, Beine im Anschnitt, nur Füße zu sehen

Essen, Wiegen, Abnehmen: aktiv das Gewicht steuern. Bild: Nancy Muriel / Pixabay

Angesichts dieser Lage fordert Quarkundso.de energisch, die Suche nach angeblich gesunden oder ungesunden Lebensmitteln sofort einzustellen.

Genug geforscht. Jetzt müssen Taten folgen.

Erstes Mittel: klare Worte.

Mündigen Bürgern ist die Wahrheit zumutbar: Übergewicht ist gefährlich und wer zu dick ist, kann sich nicht mit mehr Obst und Gemüse aus der Affäre ziehen.

Da gleicht sich nichts aus. Auch garantieren viel Gemüse und noch mehr Obst keine schlanke Linie.

Normalgewicht muss in den Vordergrund rücken – Normalgewicht halten als echter Wert, als Ziel bei der Ernährung. Jede und jeder sollte das aktiv anstreben.

An diesem Punkt sind die Ernährungsregeln der DGE bisher leider vage: „Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben“, heißt es in der Regel Nr. 10 lapidar.

Warum nicht: „Halten Sie Normalgewicht!“? Warum kann man Menschen nicht dezidiert raten, gar nicht erst dick zu werden?

Schließlich sind die meisten bis zum Erwachsenenalter noch in Form. Zur rechten Zeit aktiv das Gewicht zu steuern wäre daher wichtig. Entscheidend sind dafür bestimmte Zeitschwellen, zum Beispiel die zum mittleren Erwachsenenalter ab Ende 20, die rund um das Klimakterium ab Mitte 40 und die Zeit der Rente.

Doch weder in der Kurz- noch in der Langfassung der 10 Regeln taucht bei der DGE das Wort „Normalgewicht“ auf.

Quarkundso.de hat das schon 2018 moniert und angeregt, diese Regel eindeutig zu formulieren (hier nachzulesen, wird abgefragt): Normalgewicht als Ziel in die 10 Regeln!

Denn sonst bleibt es auch nach dem 14. Ernährungsbericht mit seiner aufwändigen Studienarbeit nur bei diffusem Rat: Gemüse und Obst sind irgendwie gut, Bratwurst und Haxen müssen nicht jeden Tag sein.

Aber das wusste schon Oma.

©Johanna Bayer

Pressetext der DGE zum 14. Ernährungsbericht, erschienen am 24.11.2020 

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Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Der FOCUS lässt Leute 30 Tage nur Wasser trinken – das ist fast genial

Der FOCUS hat zu einer Mitmach-Aktion aufgerufen, neudeutsch „Challenge“: 30 Tage nur Wasser trinken. Das scheint hart, ist aber nicht so schwer, wie es klingt – und außerdem genial. Denn Wassertrinken könnte dazu beitragen, die Epidemie an Übergewicht und Diabetes einzudämmen. Selbst die DGE kann da noch etwas lernen. (Beitrag vom 11.8.2017)

 

Glas, Wasser wird von oben reingegossen

Wasser, Wasser, nichts als Wasser. Ist das alltagstauglich? Bild: Pixabay

30 Tage nichts als Wasser! Dazu ruft der FOCUS auf, in seiner „Wasser-Challenge“.

Gemeint ist allerdings keine Nulldiät.

Sondern nur, dass alle sonst gewohnten Getränke für einen Monat durch reines Wasser ersetzt werden: kein Kaffee, kein Tee, keine Limos, und natürlich keine Cola, kein Kakao, keine Smoothies und keine Säfte.

Auch Bier, Wein oder sonstige Prozente sind verboten .

Das einzige erlaubte Getränk ist Wasser. Davon aber zwei bis drei Liter am Tag.

Natürlich kommt die Idee mal wieder aus dem Internet und vor allem aus den USA.  Sich solchen „Challenges“, Herausforderungen, zu stellen, ist ein ziemlich amerikanisches Phänomen. Der Hintergrund sind pubertäre Schülerspäße, Aufnahmerituale und Mutproben: Nackt über den Campus laufen oder literweise Bier trinken ohne aufs Klo gehen zu dürfen (wer hält am längsten ein?) sind noch die harmlosen.

Auf Youtube gibt es Unmengen von Videos, in denen Leute um die Wette essen, trinken, von irgendwo herunterspringen, sich öffentlich daneben benehmen oder sich mit etwas beschmieren, weil sie eine Wette oder Herausforderung angenommen haben.

Natürlich geht es bei so etwas um Spieltrieb und Sportsgeist. Aber Herausforderungen sind auch ein antikes, geradezu archaisches Ritual des Übergangs und seit Jahrtausenden eine spirituelle Übung: Selbstdisziplin, Durchhaltevermögen und Selbstüberwindung sind höchste Tugenden in allen Religionen.

 

Gesundheits-Challenges: gegen den inneren Schweinehund

Daher sind Challenges auch beliebt, wenn es darum geht, irgendwie den Lebensstil zu ändern und Leute bei ihrem Ehrgeiz zu packen.

So nennen zum Beispiel die Weight Watchers ihr Einstiegsprogramm zum Abnehmen  „Challenge“. Auch Promi-Veganer Attila Hildmann ruft seit Jahren zur 30-Tage-vegan-Challenge auf. Hannah Frey, Clean-Eating-Bloggerin, hat ebenfalls eine Challenge ausgerufen. Bei ihr geht es um Zucker, für Clean-Eating-Leute das reinste Gift. Im „Projekt: Zuckerfrei“ soll man 40 Tage auf alles verzichten, was zugesetzten Zucker enthält.

Das ist gar nicht so einfach, denn Zucker steckt in so vielen Lebensmitteln von Ketchup bis Sauerkraut, dass man nahezu auf alles verzichten muss, was man nicht selbst gekocht hat. Natürlich ist das der Hintersinn der Sache, das nur am Rande.

Einige Challenges sind, wie das Zuckerfrei-Projekt oder viele Fastenkuren, dabei ausgesprochen unrealistisch und gar nicht erst für den Alltag oder auf Dauer ausgelegt. Pädagogisch wertvoll sind sie trotzdem: Wer sich einige Wochen lang mäßigen kann, qualifiziert sich für höhere Ziele und lernt, den inneren Schweinehund zu besiegen.

Der Lohn der Plackerei ist am Ende nicht nur, einmal für kurze Zeit eine neue Erfahrung gemacht zu haben.

Nein, potenziell geht es um mehr: um einen Durchbruch zur Selbstwirksamkeit, um Transformation und vielleicht sogar den Übergang in ein ganz neues Dasein. Das ist kein Witz. Die Erfahrung, dass man Ziele durch den eigenen Willen erreichen kann, egal welche, stärkt das Selbstbewusstsein ungemein und macht Veränderung möglich.

 

Betreutes Trinken

Jetzt also der FOCUS mit seiner Challenge, 30 Tage nicht als Wasser zu trinken.

Aktionen mit „Nur Wasser!“ stehen schon seit Jahren im Netz und auf Youtube. Pummelige Teenager berichten dort davon, wie sie durch Wasser von ihrer Cola-Sucht runtergekommen sind, junge Mütter schwärmen von Gewichtsverlust und besserer Haut.

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Das hat beim FOCUS eine Nachwuchsredakteurin gesehen und sich daran gemacht, selbst die Challenge anzunehmen und darüber zu berichten.

Einfach so, weil Challenges halt Mode sind.

Sie postet Videos von sich selbst, schreibt Artikel dazu, wie es ihr auf dem Mädelsabend, dem Weinfest oder im Büro geht (kein Kaffee im Büro ist in Deutschland eigentlich undenkbar). Dazu gibt es informative Beiträge, etwa über die Qualität von Leitungswasser und Mineralwasser.

Außerdem hat sie eine geschlossene Facebook-Gruppe gegründet, die über 2000 Mitglieder hat. Es gibt für die zu ermittelnde Wassermenge im Verhältnis zum Körpergewicht einen Wasserrechner und viele Experten-Infos, darunter von der DGE.

 

Crossmedial und strategisch clever

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat sich natürlich sofort Zugang zu der Gruppe verschafft. Zu lesen sind dort Berichte von Leuten, denen plötzlich ihre gewohnte Cola nicht mehr schmeckt oder die nach ein paar Tagen Wassertrinken feststellen, dass sie weniger Süßes essen.

Viele haben ein bis drei Kilo abgenommen, einigen macht der Koffeinentzug in den ersten Tagen schwer zu schaffen, sie haben die typischen Kopfschmerzen oder sind dauermüde.

Anderen fällt auf, dass das Saufen am Wochenende und ihre gewohnt schlechte Ernährung hinderlich sind, wenn man gesünder leben will. Wieder andere berichten, dass sie mehr Süßes gegessen haben als vorher, aber trotzdem in den 30 Tagen nicht zugenommen haben.

 

Titelbild Artikel Focus Online mit Redakteurin, die sich ein Glas Wasser eingießt

Screenshot von der FOCUS-Wasserchallenge

 

Logisch, schließlich fielen ja viele Kalorien weg, die in Saft, Cola, Bier und Wein stecken.
Am Ende wollen alle weitermachen, wenigstens in abgespeckter Form, also mit morgendlichem Kaffee oder dem einen oder anderen Glas Wein.

Und alle sind froh, dass sie von Softdrinks und oft auch Süßigkeiten allgemein etwas weggekommen sind. Viele nehmen sich vor, noch mehr an ihrem Leben zu ändern.

Ob sich der FOCUS irgendetwas Besonderes dabei gedacht hat? Vermutlich nicht.

Es ist ein Spaß und lässt sich gut crossmedial ausbauen. Medienstrategisch gesehen ist das clever und modern.

Wenn aber alles, was die Teilnehmer berichten – abgenommen, weniger Süßigkeiten,  neues Geschmacksempfinden, besseres Gefühl, motiviert, etwas zu ändern – das Ergebnis der albernen Challenge ist, was soll man dazu sagen?

Es gibt nur eine Antwort: Die Sache ist genial.

 

Wasser – was sonst?

Ja, Wassertrinken ist genial und die Wasser-Challenge des FOCUS als Anstoß, es zu tun, ist auch genial.

Fast. Denn sie ist zu radikal, das ist nichts für das echte Leben – man muss nicht komplett auf Kaffee, Tee, Wein und Bier verzichten, ebenso wie es Unsinn ist, überhaupt keinen Zucker zu essen oder gar kein Salz.

Diese 30-Tage-Challenge kann nur ein Übergang in eine praktikable Alltagsstrategie sein, in der auch die Tasse Kaffee oder Tee am Morgen und das gelegentliche Glas Wein erlaubt sind.

Aber der Kern der Sache ist: Mehr oder überwiegend Wasser trinken ist genial, weil es eine große Hilfe im Kampf gegen die Probleme mit Übergewicht und Diabetes sein kann.

Vielleicht sogar die Lösung.

Die unsäglichen Eingriffe mit industrieller Rumpfuscherei an unseren Lebensmitteln, um hier das Fett und da den Zucker rauszukriegen, würden abgewehrt. Ebenso fruchtlose Diät-Tipps und sinnfreie Ernährungsratschläge.

Tatsächlich ist Wassertrinken wohl der einfachste Weg, um eine Menge Kalorien zu sparen, den Stoffwechsel zu entlasten, den Blutzucker nicht stressen und verfettete Lebern zu retten.

 

Die Deutschen sind Saftweltmeister

Glas Orangensaft, zwei Orangen im Hintergrund

Es hilft nichts: Auch Orangensaft macht dick. Bild: Pixabay

Denn Mediziner und Gesundheitsforscher sprechen es längst laut aus:

Die größten Dickmacher sind heute die Getränke.

Limo, Cola, Säfte, gezuckerte Softdrinks und dann noch Bier und Alkohol mehrmals am Tag, samt Extra-Schluck am Wochenende – da kommt ordentlich was zusammen.

Nur eine einzige (!) Saftschorle täglich kann im Jahr 2,5 Kilo Fettgewebe auf die Hüften bringen, hat der begnadete Ernährungsmediziner Volker Schusdziarra schon mal ausgerechnet, übrigens im FOCUS.

Die Deutschen hängen aber ganz besonders an ihren Säften und trinken sogar mehr davon als jedes andere Volk der Erde: Deutschland ist Saftweltmeister, vermelden stolz Hersteller und Fachzeitschriften.

Das ist nicht ganz unpikant.

Denn gleichzeitig ertönt jeden Tag das Lamento über die Epidemie der Dicken in Deutschland.

Zu den über 30 Litern Saft kommen rund 120 Liter Liter Cola und Limo sowie mehr als 100 Liter Bier pro Kopf und Jahr. Mehr Bier trinken nur die Tschechen, die übrigens mit Deutschland um den ersten Platz in der Tabelle der dicksten Europäer wetteifern.

Wenn man die Kaloriengehalte dazu umrechnet in normale Portionsgrößen, vielleicht ein Viertelliter Saft und einen halben Liter Bier am Tag, und dabei bedenkt, dass die Hälfte der Bevölkerung kein Bier trinkt, dafür aber zusätzlich Cola und Limo, bringen diese Getränke irrwitzige Mengen an komplett überflüssigen Kalorien zusammen.

Kaum jemand berücksichtigt diese Kalorien in seiner täglichen Energiebilanz und zieht sie etwa vom Essen ab. Da liegt es auf der Hand, dass man mit Wassertrinken wirklich etwas gegen die Übergewichtsepidemie ausrichten kann.

 

„Da kriegst Du Läuse“

Trinkflasche, Wasser, grün gefärbt, zwei Becher, Obst auf Tisch

Wasser in Deutschland: Es muss was drin sein, sonst kickt es nicht.

Aber der Widerstand gegen das Wasser, unser natürlichstes Lebensmittel, ist hoch. „Nur Wasser“, das klingt nach Knast und trocken Brot.

Viele versetzt das in Panik. Einfaches Wasser bietet ihnen nicht genügend Reize, mindestens Blubber muss drin sein. Am besten aber hat Wasser irgendeinen Geschmack, vornehmlich süßen.

Schon Babys werden daher mit gezuckertem Tee und Saft auf den Süßgeschmack beim Trinken konditioniert:  Viele Eltern haben wegen ihrer eigenen Vorlieben Hemmungen, kleinen Kindern Wasser zum Trinken zu geben.

Die Hemmung hat alte Wurzeln: Bis ins frühe 20. Jahrhundert war Trinkwasser nicht immer sicher, auch in der Natur Wasser aus Bächen oder Viehbrunnen zu trinken, barg Gefahren. Omas Spruch „Von Wasser kriegt man Läuse“ haben viele noch im Ohr.

Aber das ist heute längst passé. Deutschland hat allen Unkenrufen zum Trotz immer noch hervorragendes Leitungswasser, die meisten anderen europäischen Länder haben längst keine so gute Trinkwasserqualität.

 

Die Angst der Fachleute vor Klartext

Trotzdem gibt es Unbehagen, Wasser eindeutig als das Getränk Nr. 1 zu empfehlen. Selbst die DGE, die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, wagt es nicht, Klartext zu reden, obwohl sie es am besten weiß.  Andere Länder haben da keine Hemmungen, etwa Italien oder Japan.

Aber die DGE  spricht unter Punkt 7 ihrer 10 Ernährungsregeln lieber verschwurbelt von „Flüssigkeit“. Dabei steht die Hintertür zur geliebten Saftschorle weit offen:

7. Reichlich Flüssigkeit
Wasser ist lebensnotwendig. Trinken Sie rund 1,5 Liter Flüssigkeit jeden Tag. Bevorzugen Sie Wasser – ohne oder mit Kohlensäure – und energiearme Getränke. Trinken Sie zuckergesüßte Getränke nur selten. Diese sind energiereich und können bei gesteigerter Zufuhr die Entstehung von Übergewicht fördern. Alkoholische Getränke sollten wegen der damit verbundenen gesundheitlichen Risiken nur gelegentlich und nur in kleinen Mengen konsumiert werden.

Wasser und energiearme Getränke auf einer Stufe, das ist ja prima!

Denn energiearm sind Saftschorlen ja wohl, und Bier auch, beide kommen mit nur 22 bis 30 Kalorien pro 100 ml daher. Damit haben sie viel weniger Kalorien als Wein oder Milch, Cola oder Vollfruchtsäfte, das ist doch im Vergleich energiearm. Oder?

Eben nicht. Denn die Kalorien aus Getränken sind trotzdem überflüssig.

Allerdings wäre es möglich, die Regel eindeutig zu formulieren und keine Hintertüren mehr offenzulassen.

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Nur haben Sachverständige mit klarer, einfacher Sprache oft Schwierigkeiten. Sie neigen dazu, alle möglichen Zweifelsfälle abzudecken,  statt echte Ratschläge auszusprechen. Und sie fürchten sehr, wegen Unvollständigkeit ins Kreuzfeuer von Kollegen zu geraten.

Deshalb stecken Experten-Regeln, die simpel und eindeutig sein könnten – trinkt Wasser! – voller weichgespülter, abstrakter Phrasen. Darin hat dann zwar alles Platz, was unter der Sonne ist, zum Beispiel, dass es Wasser mit und ohne Kohlensäure gibt.

Aber eine echte Empfehlung ist das nicht. Denn die sollte doch gerade eine spitze Aussage sein: Was raten wir? Was ist am besten? Wonach sollen wir streben?

Und nicht: Es gibt eine Möglichkeit, aber es gibt immer auch andere Möglichkeiten, und dabei kommt es natürlich auf ganz viele Faktoren an – die Umwelt, sonstige Flüssigkeitsgehalte, etwa in Gemüse, vor allem individuelle Vorlieben und Gewohnheiten, so dass man nicht das eine erwähnen kann, ohne auch das andere aufzuführen, damit man auf jeden Fall fachlich ganz sauber bleibt, aber auf keinen Fall als der Oberlehrer mit erhobenem Zeigefinger daher kommt, der man von Amts wegen ist, was aber keiner merken soll.

 

Challenge für Quarkundso: die DGE-Regel umschreiben

Da bietet Quarkundso.de gerne Hilfe an: Wir schreiben die Regel der DGE um.

Wir betrachten das als Challenge, als Herausforderung. Die Aufgabe ist knifflig: Die Empfehlung muss einfach und verständlich sein, Sinn und Duktus innerhalb der 10 Regeln der DGE müssen erhalten und alle bisherigen Themen drin bleiben, aber der Text darf nicht länger werden.

Das wagen wir.

Bestehen wir die Probe, wird das die Menschheit vor dem Übergewicht retten und außerdem Steuergelder sparen, von denen die DGE immerhin fünf Millionen pro Jahr kassiert.

Das Problem in Regel Nr. 7 ist aus Sicht von Quarkundso.de, dass sie zu abstrakt ist: Da will jemand erklären, was Flüssigkeitszufuhr ist, anstatt eine klare Richtung vorzugeben.

Also packen wir die Sache an: Zuerst kommt die Binse am Anfang raus („Wasser ist lebensnotwendig“). Das lernt jeder in der 3. Klasse und tut hier nichts zur Sache. Und dumm ist der trinkfeste Bürger ja nicht, er weiß: Bier, Saft und Cola bestehen zu über 90 Prozent aus Wasser – meinen Flüssigkeitsbedarf kann ich damit prima decken!

Das ist aber das Problem. Davon wollen wir weg.

Weiter mit der Challenge – worum geht es bei einer Regel? Sie muss klar sein. Keine Unschärfen. Wassertrinken muss also an erster Stelle stehen.

Das Proseminar über den Flüssigkeitsbedarf des Menschen im Allgemeinen und den Flüssigkeitsgehalt von Lebensmitteln sowie die tägliche Flüssigkeitsbilanz im Besonderen („aber Gurken enthalten doch auch Wasser, da zählt doch dazu, und was ist mit Kaffee und Tee?“) halten wir andernorts.

 

Hürden und Hintertüren

Bierglas vor blauem Himmel

Bier ist gut. Macht aber auch dick.

Dann kommt die gefährlichste Hürde: das Rumeiern um das Übergewicht. Bei der DGE klingt das so:

„Trinken Sie zuckergesüßte Getränke nur selten. Diese sind energiereich und können bei gesteigerter Zufuhr die Entstehung von Übergewicht fördern.“

Ganze Marketingabteilungen und wissenschaftliche Beratungsgremien der Getränkeindustrie betonen unermüdlich, dass ihre Säfte nicht automatisch dick machen und dass man damit Vitamine und sekundäre Pflanzenstoffe aufnehmen kann.

Das hat die DGE brav berücksichtigt und gleich mehrere Modalitäten eingebaut, anstatt das Kind beim Namen zu nennen.

Auch ist „selten“ zu vage – was ist „selten“, und was kann schlecht sein an Bio-Säften aus frischen Früchten der Region?

So hat Regel Nr. 7 hinten ein weit offenes Scheunentor – und genau die, die gemeint sind, flüchten dort hindurch in den Saftladen: „Ich trinke doch nur ein oder zwei Gläser am Tag!“,  „Orangensaft deckt auch einen Teil des Vitamin-C-Bedarfs, das ist erwiesen.“, „Smoothies sind aber gesund!“.

Ja. Es sind trotzdem überflüssige Kalorien.

Du brauchst sie nicht. Und Vitamine sind anderswo besser zu holen als aus Getränken. Also Schluss damit. Wir wissen es alle: Was nicht Wasser ist, ist ein Dickmacher. Seht der Sache ins Auge.

Was den Alkohol angeht, muss man sich damit extra auseinandersetzen. Bier, Wein, Schnaps und Cocktails gehören zwar für viele zu Lebensstil, Genuss und Esskultur. Das ist in Ordnung, wenn man damit umgehen kann. Und wenn man kein Übergewicht hat.

Ehrlicherweise aber gehören Alkoholika nicht in einen Kanon mit Ratschlägen zur Ernährung, schlicht, weil wir Alkohol nicht brauchen. Deshalb hat er in den 10 Regeln der DGE nichts zu suchen.

Um aber die Challenge „Schreibe die Regel um!“ korrekt zu erfüllen und alle Bestandteile zu erhalten, wird der Alkohol zwar erwähnt, aber an seinen Platz verwiesen. Der ist anderswo.

 

Die ultimative Trinkregel für den Rest Ihres Lebens

Daher kommt hier die Regel Nr. 7 der DGE in der neuen Fassung von Quarkundso.de:

7. Trinken Sie Wasser!
Wasser ist köstlich und der einzig sinnvolle Durstlöscher. Menschen brauchen etwa 1,5 Liter Wasser am Tag – alle anderen Getränke sind nur Genussmittel. Sie fördern meistens Übergewicht, daher dürfen Erfrischungsgetränke wie Cola und Limo nicht täglich getrunken werden. Das gilt auch für Fruchtsaft und Schorle. Bier, Wein und Alkoholhaltiges müssen Sie bewusst begrenzen: Alkohol kann schon in kleinen Mengen schaden. Dazu gibt es gesonderte Regeln.

Das Spendenkonto von Quarkundso.de finden DGE, Gesundheitsämter, Krankenkassen und andere interessierte Kreise oben rechts. Wir bitten für die Neuerstellung der Nr. 7 von 10 Regeln um den gerechten Anteil vom Haushalt der DGE.

Macht 500.000 Euro. Vielen Dank.

Der Dank gebührt aber auch dem FOCUS, der zur absolut zukunftsträchtigen Wasser-Challenge ausgerufen hat.

Wir fordern daher alle Leser auf, dort mitzumachen. Der Link steht unten. Danach gehen Sie nach der – neuen – Regel Nr. 7 vor. Dann kann für den Rest Ihres Lebens nichts mehr schiefgehen.

©Johanna Bayer

Die Wasser-Challenge im FOCUS

AKTUELLER NACHTRAG: Die DGE ändert ihre 10 Regeln nach diesem Beitrag von Quarkundso.de!

Die 10 Regeln der DGE hat die DGE – Überraschung! – geändert, und zwar NACH Erscheinen dieses Blogbeitrages. Der Beitrag auf Quarkundso.de mit unserer neuen Regel Nr. 7 und vielen Hinweisen dazu ging am 11.8.2017 online.

Am 30.8.2017 hat die DGE nun ihre 10 Regeln umformuliert in eine einfachere und „knackigere“ Form, wie sie schreibt. Und jetzt steht da auf der Homepage unter Regel 7: „Am besten Wasser trinken!“ . Weiter heißt es:

„Trinken Sie rund 1,5 Liter jeden Tag. Am besten Wasser oder andere kalorienfreie Getränke wie ungesüßten Tee. Zuckergesüßte und alkoholische Getränke sind nicht empfehlenswert.Ihr Körper braucht Flüssigkeit in Form von Wasser. Zuckergesüßte Getränke liefern unnötige Kalorien und kaum wichtige Nährstoffe. Der Konsum kann die Entstehung von Übergewicht und Diabetes mellitus Typ 2 fördern. Alkoholische Getränke sind ebenfalls kalorienreich. Außerdem fördert Alkohol die Entstehung von Krebs und ist mit weiteren gesundheitlichen Risiken verbunden.

Nicht, dass wir uns da was einbilden – natürlich war, wie die DGE auf Anfrage antwortete, die Überarbeitung der 10 Regeln schon längst geplant. Aber interessant ist die Übereinstimmung  schon. Hier der Beleg für das Original, wie es bis 30.August 2017 online war, oben im Text schon zitiert wurde und auf das sich unsere – konstruktive – Kritik bezieht:

Die 10 Regeln der DGE – online bis 30.8.2017

Wir rechnen in den nächsten Tagen mit dem Eingang von 500.000 Euro auf das Sparschwein.  Verbindlichsten Dank!

Geld und so – nicht nur an die DGE gerichtet: Spenden Sie jetzt! Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein eigenes PayPal-Konto. Vielen Dank!

Diät – endlich abnehmen, leichter schlank! Der STERN weiß, wie es geht. Von wegen.

 

Diäten sind nach Weihnachten das ganz große Thema und der STERN will ein paar Erfolgsgeschichten erzählen – herauskommen aber nur Märchen. Denn die Protagonisten in der Geschichte werden gar nicht schlank. (Beitrag vom 9.1.2016)

 

Molllige Frau hält zwei Grapefruit-Hälften in die Kamera, lacht fröhlich.

Schnell schlank mit ein bisschen Diät – schön wär´s.

 

Es ist Januar, die Diätratschläge sind da.

Ich weiß nicht, ob das wirklich an den wenigen Feiertagen liegt, an denen es lecker was zu essen gibt. Oder an den paar guten Vorsätzen, zu denen sich Leute zu Neujahr verpflichtet fühlen. Manche zumindest.

Aber mit dem guten Essen ist es ja nicht so weit her, wenn man hört, was viele zu Weihnachten auf den Tisch stellen. Der Renner sind Würstchen mit Kartoffelsalat, danach kommen meist Fondue und Raclette, soll ja alles schnell gehen und keine Arbeit machen.

Also ist es doch höchst unplausibel, dass alle über die Feiertage enorm zunehmen und danach sofort Diät machen müssen, um wieder auf Normalgewicht zu kommen. Wenn die Plätzchen aufgefuttert sind, erledigt sich das doch von selbst.

Nein, die nackte Wahrheit sieht anders aus: Viele, laut Statistik sogar jeder Zweite, sind vorher schon zu dick. Über Weihnachten will sich natürlich keiner kasteien. Das ist nur zu verständlich. Aber danach soll alles anders werden.

Tja. Hier kommt die schlechte Nachricht: Nichts wird anders. So jedenfalls nicht.

 

Alle wissen es schon: Diäten funktionieren nicht

Es hat sich ja schon längst rumgesprochen, dass Diäten nicht funktionieren. Warum, weiß zwar auch keiner so genau. Aber fest steht, dass kaum jemand das, was man so gemeinhin unter „Diät“ versteht, durchhält. Was nicht unbedingt an den Diäten liegen muss, aber das ist ein anderes Thema.

Nach etwa einem Jahr Diät gleich welcher Couleur sind alle Abnehmwilligen jedenfalls wieder auf ihrem Ausgangsgewicht. Das haben die Langzeitstudien, die dazu schon gemacht wurden, übereinstimmend ergeben.

Wobei diese Studien zu Diätmethoden ein ganz eigenes Thema sind. Die meisten gehen nämlich über recht kurze Zeiträume, weniger als ein Jahr, meist nicht länger als ein paar Wochen, maximal drei Monate.

Das heißt, auch bei positivem Ausgang – ja! Die Teilnehmer haben toll abgenommen! – sagen die Studien nichts über den Erfolg des Programms im wirklichen Leben aus. Da muss man schon länger durchhalten.

Im Zweifelsfall lebenslang.

 

Das Problem bei Diät-Studien: die Abbrecher

Dass die Studien kurz sind, hat natürlich Gründe, vor allem logistischer Art. Denn Menschen über längere Zeit zu überwachen, ihr Essen zu kontrollieren, sie zu wiegen und zu messen, Blut abzunehmen und die Daten zu erfassen ist gar nicht so einfach.

Das sieht man auch daran, dass in jeder Studie Teilnehmer noch während der Laufzeit aussteigen: „Tschuldigung, echt jetzt, Leute, ich schaff das nicht. Der Fraß, den ihr uns da vorsetzt, geht gar nicht. Ich bin raus.“ Oder so ähnlich.

Dropout-Rate, Ausfallrate, nennen das die Diät-Forscher. Die Ausfallrate bei Diät-Studien schwankt zwischen 10 und 80 Prozent. 80 Prozent! Das ist ein dicker Hund. Gut, bei kürzeren Studien bleiben die Leute eher bei der Stange, also bei Versuchen, die so über zwei bis vier Wochen gehen. Dauert die Studie aber länger, steigen immer mehr Leute aus.

Bei einem Verlauf von sechs Monaten sind es im Schnitt 50 Prozent. Das ist die Hälfte. Wieder so ein Klopper: Die Hälfte aller Teilnehmer hält noch nicht einmal unter kontrollierten Bedingungen den Versuch durch, ein paar Wochen oder Monate weniger zu essen.

Abnehmen ist ein dickes Ding

Das muss man sich mal auf der Zunge zergehen lassen. So schwer ist das mit dem Abnehmen also, wenn man diese Ausfallrate der Studien als Beweis heranzieht? Allerdings ist es das – wobei dieser Schluss auch einen kleinen Haken hat: In der Regel nehmen an Diät-Studien keine gesunden oder gar schlanken Menschen teil.

Warum auch. Noch nicht einmal moderat Moppelige sind da drin. Also Leute, die ein paar Kilos loswerden wollen, bevor die Bikini-Saison beginnt. Oder bei denen nach Weihnachten oder dem Urlaub die Lieblingsjeans zwickt. Bei denen geht es um zwei bis fünf Kilo. Höchstens.

Aber die Probanden in Diätstudien sind in aller Regel keine Leute mit einem kleinen Figurproblem. Und die Betonung liegt hier auf „klein“.

 

Keine urbanen Selbstoptimierer

In Diät-Studien landen nämlich viele Leute mit einem riesengroßen Figurproblem. Kranke. Leute in Kliniken, wie dicke Diabetiker, oder Adipöse mit 15 bis 30 Kilo Übergewicht, was etwa BMI 30 entspricht. Das ist die gefährliche Grenze, ab der sich das Risiko für übergewichtsbedinge Krankheiten massiv erhöht.

Oder es sind gleich Schweradipöse, die 120 bis 150 Kilo und mehr Lebendgewicht auf die Waage bringen. Und das schon so lange, dass sie mit ernsthaften Folgeschäden rechnen müssen, oder diese schon haben.

Das sind keine urbanen Selbstoptimierer, die mit einem Sixpack liebäugeln.

Kranke Menschen haben viele Probleme. Und dass sie sich schwer damit tun, eine Diät und strenge Regeln durchzuhalten, bei denen sie schlimmstenfalls völlig anders essen müssen als gewohnt oder hungern, leuchtet einigermaßen ein.

Auch, dass sie vielleicht nie richtig schlank werden, weil ihr gestörter Stoffwechsel das nicht zulässt, ist verständlich. Und dass es fast übermenschlich ist, von heute auf morgen ein festgefahrenes Ernährungsmuster zu ändern, weiß jeder.

Die bittere Wahrheit

Was aber wirklich Sache ist, wird selten ausgesprochen. Manchmal flüstert sie einer vor Fachpublikum hinter verschlossenen Türen, wie 2012 Professor Hans Hauner, prominenter Ernährungsmediziner von der TU München, damals Chef der Deutschen Adipositasgesellschaft:

„Adipositas ist nicht heilbar“.

Zumindest nicht nach dem heutigen Stand der Forschung. Das ist eine echt bittere Pille. Bitter ist auch, dass man nicht sicher weiß, was dieses chronische Übergewicht verursacht. Die Gene sind es keinesfalls alleine und noch nicht einmal überwiegend.

Die Anfänge werden schon in der Schwangerschaft der Mutter vermutet, auch bei der Babyernährung und im Kleinkindalter. Fehlprogrammierter Stoffwechsel, zu wenig Bewegung, schlechte Gewohnheiten, möglicherweise kommt da viel schon in der Jugend zusammen. Wie viele Faktoren es sind und wie man sie günstig beeinflussen kann, daran rätseln Mediziner weltweit herum.

Gleichzeitig müssen sie die Folgen des grassierenden Übergewichts lindern und sich irgendwas zur Prävention ausdenken, wobei sie weitgehend im Nebel stochern. Kein leichter Job.

Menschen wollen träumen

Immerhin können wir froh sein, wenn nicht noch mehr Leute dick werden und die ohnehin schon Dicken extrem zulegen. Das wären amerikanische Zustände, und da sind wir zum Glück nicht.

Noch nicht.

Aber damit kann man sich natürlich nicht zufrieden geben. Man muss es wenigstens versuchen. Schon der Gesundheit wegen, aber auch wegen der Jugend, der öffentlichen Finanzen und überhaupt.

Außerdem darf man Menschen ihre Träume nicht rauben.

Also gibt es doch jeden Januar und jeden Mai die ultimativen Diät-Tipps. Jetzt wieder von allen, und auch vom STERN am 7. Januar 2016, mit dem üblichen Nackedei auf dem Titel. Das Versprechen auf dem Cover:

„Leichter schlank. So nehmen Sie erfolgreich ab: mehr Lebensfreude, weniger Verzicht. Was Forscher empfehlen.“

Wer jetzt misstrauisch wird, liegt richtig. Wir wissen ja schon, dass Diäten nicht funktionieren und starkes Übergewicht noch immer als unheilbar gilt.

Hier wird niemand schlank

Tatsächlich macht der STERN auf dem Titel frech ein Versprechen, dass er gar nicht erst einzulösen vorhat. Denn im Artikel schafft es Autorin Nicole Heißmann virtuos, die Totalkapitulation der Übergewichtsforscher vor der unheilbaren Krankheit Adipositas als neues, entspanntes Abnehmkonzept zu verkaufen.

Der wesentliche Punkt wird raffiniert verschleiert: Ums Schlankwerden geht es gar nicht. Niemand wird hier schlank, auch nicht von neuen Konzepten.

Den Beweis liefert die ausgefeilte Erfolgsstory der Hauptprotagonistin: Eine Frau, die zuvor 150 Kilo wog, hat schonmal 66 Kilo abgenommen. Rein zahlenmäßig und auch für ihre Gesundheit bedeutet das natürlich enorm viel. Aber schlank ist sie nicht.

Damit das keiner so schnell merkt, steht nirgendwo im Text die Zahl, die für das Ergebnis interessant ist: Was wiegt sie heute? Das muss man sich als Leser fix selbst ausrechnen, die Redaktion verschweigt es diskret.

 

Diskretes Schweigen bei wichtigen Daten

Tatsächlich sind noch 84 Kilo da. Das an sich sagt gar nichts, sondern ist natürlich ins Verhältnis zur Körpergröße zu setzen. Eine Frau von 1,80 wäre mit 84 Kilo fast normalgewichtig. Nur schweigt auch hier die Autorin. Da wird man schon etwas unwillig, denn die Körpergröße ist in diesem Zusammenhang wichtig.

Nicht um einen Erfolg kleinzureden und Menschen abzuurteilen. Sondern um die Fakten ehrlich darzustellen.

Sonst gaukelt man tausenden von unglücklichen Übergewichtigen vor, dass sie von 150 Kilo mir nichts, dir nichts auf Normalgewicht kommen oder gar gertenschlank werden können, und das mit „mehr Lebensfreude, weniger Verzicht“.

Denn 84 Kilo sind eine Menge. Ist die Frau 1,65 groß, was dem deutschen Durchschnitt entspricht, hat sie immer noch rund 25 Kilo Übergewicht und einen BMI von 31. Sie wäre damit adipös. Stark übergewichtig. Nicht schlank, wie man uns versprochen hat.

Wobei – den BMI erfahren wir im Text gar nicht erst. Auch den verschweigt die Autorin. Falls die Frau etwas kleiner ist als 1,65, hätte sie sicher gefährliches Übergewicht um BMI 30. Aber selbst wenn sie 1,70 groß wäre, hätte sie mit 84 Kilo immer noch einen BMI von 29,1. Immer noch an der Grenze zur Adipositas. Zu dick.

 

Die Abteilung Grafik hat ganze Arbeit geleistet

Auf den Bildern erkennt man das aber nicht. Da ist sie entweder alleine oder mit einem Mann zusammen, der optisch kleiner wirkt, zum Beispiel, weil er im Hintergrund steht. Die Daten des Mannes, dessen Geschichte auch erzählt wird, stehen mit einer Angabe mehr im Text, er ist 1,78 groß und wiegt 102 Kilo. Von 115 Kilo runtergekommen. Er hat also immer noch BMI 32, mit über 20 Kilo Übergewicht.

Damit liegt auch er in der Kategorie „adipös“, oder, wie die Autorin sich nicht scheut zu sagen, „fettleibig“. In demselben Atemzug wischt sie allerdings schnell die Gewichtsklassifizierung mittels den BMI und „solche Kategorien“ als „beschränkt“ vom Tisch.

Beschränkt, nun ja. Bis heute gibt es kein Kriterium, das besser geeignet ist als der BMI, um eine erste Einschätzung zu Gewicht und Körperfett zu geben. Wohl nur eine erste Einschätzung, aber eine guter Anhaltspunkt. Das kann man nicht ernsthaft leugnen, auch nicht, wenn man es gut meint und Menschen unbedingt Hoffnung machen will.

Aber egal – auf dem Bild, auf dem beide Protagonisten zusammen an einem Tisch sitzen, sind sie jedenfalls gleich groß und gleich vollschlank. Das wirkt unplausibel. Da es sich um eine Kombination von Zeichnung und Foto handelt, lässt sich nicht genau ermessen, ob die beiden wirklich an einem Tisch gesessen haben. Photoshop lässt grüßen.

 

Hauptsache, das Storytelling stimmt!

Irgendwie bleibt ein mulmiges Gefühl bei dem ganzen Ding.  Fünfmal die Woche, liest man am Ende, geht die Kronzeugin der Geschichte  ins Fitness-Studio. Ach so, das ist „leichter schlank“?

Auch wird nirgendwo gesagt, wie lange die beiden Betroffenen gebraucht haben, um abzunehmen. Wie lange hat es gedauert, die 66 Kilo zu verlieren? Jahre, davon kann man ausgehen. Mindestens fünf, nicht darunter. Das ist eine lange Zeit.

Wie lange hat der korpulente junge Mann gebraucht, um  von BMI 36 auf BMI 32 zu kommen? 13 Kilo hat er abgenommen. Zuvor kann man dem Text entnehmen, dass der nur mittelgroße Schauspieler noch mit 105 Kilo Gewicht weder sich selbst noch seiner Mutter als übergewichtig vorkam. Erst bei 115 Kilo fragte sie nach. Dann kam auch er drauf.

Egal – das Storytelling ist straff aufs Ergebnis hin frisiert: Weg mit allen Fakten, die von der Suggestion der neuen Leichtigkeit ablenken könnten. Eliminieren, was den Service-Charakter stört.

So entstehen zwei tröstliche Erfolgsgeschichten, nette Zeichnungen, und versöhnliche Botschaften: Ihr könnt nichts dafür, aber ihr könnt es schaffen, irgendwann und irgendwie, Hauptsache, ihr fangt mal an.

 

Faktisch: Schadensbegrenzung

Worum es aber wirklich geht in dem Artikel, ist etwas anderes: Es ist die Botschaft, dass stark Übergewichtige sich von der Vorstellung verabschieden müssen, einfach mal eben schlank zu werden: Letztlich geht es um Schadensbegrenzung bei Adipositas.

Um das Verhüten von Schlimmerem, also weiterer Gewichtszunahme und Folgeschäden. Ein möglicherweise zumindest pragmatischer, gangbarer Weg. Das ist im Übrigen gar nicht neu. Allerdings auch alles andere als der Königsweg zur Figur des drahtigen Nacktmodels auf dem Titel.

Was bei der Schadensbegrenzung helfen könnte, führen diverse Forscher im Artikel aus: Muskeltraining, allgemein Bewegung, besserer Umgang mit Stress, Umstellungen in der Ernährung, die auf Dauer durchgehalten werden können. Keine Rosskuren, keine unrealistischen Erwartungen. Ganz kleine Schritte.

Auch der wesentliche Faktor Willenskraft kommt zur Sprache. Er lässt sich trainieren, ein Psychologe tritt sehr ein für das Einüben von gesunden Lebenseinstellungen und neuen, guten Gewohnheiten in Etappen. Das ist vielleicht der interessanteste Punkt an dem ganzen Dossier.

 

Dick bleibt oft dick. Man kann aber gesünder leben

Nur das große Abnehmen für stark Übergewichtige – das haben die Forscher abgeschrieben.

Professor Joachim Hebebrand, Interviewpartner im Artikel, hat selbst 5000 Abnehmprogramme für Kinder und Jugendliche ausgewertet – mit enttäuschendem Ergebnis: Nach zwei Jahren waren alle Kinder immer noch dick. Das sähe bei Erwachsenen leider ähnlich aus, seufzt der arme Arzt im Interview.

„Unter Umständen“ könne man etwas abnehmen, formuliert es Hebebrand vorsichtig. Aber im Grunde kommt es ihm darauf an, dass seine Patienten, wenn sie schon nicht abnehmen, wenigstens etwas für ihre Gesundheit tun.

Mehr Bewegung, einen Anfang machen mit Spaziergängen und Tanzen, vielleicht sich einen Hund zulegen, damit man öfter vor die Tür kommt. Muskelaufbau ist wichtig, für alle und gerade für Übergewichtige.

Aber leichter schlank? Von wegen.

 

©Johanna Bayer

Der STERN-Artikel ist noch nicht online, die aktuelle Ausgabe gibt es am Kiosk. Aber dafür gibt es ausnahmsweise  einen Servicelink: den BMI-Rechner von der Apotheken-Umschau. Aus gg. Anlass! 🙂

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Und noch ein Anlass: Bei der Wahl zum Wissenschaftsblog des Jahres 2015 gab es für Quarkundso.de den Sonderpreis der Redaktion! Hier geht es zum Bericht. Quarkundso.de ist außerdem nominiert zum Foodblog des Jahres 2015 bei den Goldenen Bloggern! Bitte Daumen drücken – am 25.1.2016 entscheidet die Jury in Berlin.goldener-blogger-klein-gif-1