Gefundenes Fressen

In der SZ: Warum tut die Politik nicht mehr gegen Übergewicht?

Donuts mit bunter Glasur und Zuckerstreuseln, Hand eines Kindes greift danach

Süßes für Kinder: bald verboten? / Bild: Patrick Fore via Unsplash

Werbung für Süßes verbieten, Zuckersteuer, Fettsteuer – Deutschland könnte viel mehr gegen Übergewicht tun, finden Forscher der LMU München. Speziell bei Kindern. Die Süddeutsche Zeitung findet das auch – doch eine kritische Frage bleibt.

Schluss mit der seichten Unterhaltung – nach der Reihe zum perfekten Dinner kehren wir zu den ernsten Dingen zurück.

Zum Beispiel gab es in Deutschland einen historischen Regierungswechsel, die Wende in vielerlei Hinsicht könnte kommen.

Bis es soweit ist, wird mit den Verlierern abgerechnet. Das trifft auch Ex-Ernährungsministerin Julia Klöckner: „Große Klappe, nichts dahinter“, titelte die TAZ und bescheinigt der Ministerin: „Erreicht hat sie fast nichts“.

Noch immer gäbe es in Lebensmitteln „zu viel Zucker und Fett“, beim Thema Übergewicht seien Klöckners Erfolge „minimal“.

Deutsche Ernährungspolitik: „nur unteres Mittelfeld“

Die Süddeutsche Zeitung untermauert dieses Urteil in einem Beitrag mit dem Titel: „Land der verschenkten Möglichkeiten“ – die Republik schneidet schlecht ab:

„Es gibt viele Maßnahmen, die Menschen den Weg zu einer gesunden Ernährung erleichtern. Die deutsche Politik zögert bei fast allen von ihnen, ergibt eine neue Analyse.“

Im Artikel berichtet Wissensredakteurin Berit Uhlmann über eine Studie der LMU München: Forscher haben anhand eines Katalogs von möglichen Ernährungsmaßnahmen nachgezählt, welche davon in Deutschland gelten oder richtig durchgesetzt werden. Dabei geht es vor allem um Kinder, Schulessen, Werbung für Kinderlebensmittel, überhaupt darum, Kinder vor ungesunden Süßigkeiten und Softdrinks zu schützen.

Ergebnis der Studie: Von 47 möglichen Maßnahmen würden hierzulande nur acht angewendet, und das allenfalls mäßig gut.

Das enttäuscht. Die naheliegende Frage lautet: Wo läuft es besser? Doch so nahe die Frage liegt, die SZ stellt sie nicht.

Leuchtende Beispiele könnten Länder wie Chile, Mexico oder Australien sein. Denn dort gibt es Zucker- oder Fettsteuer und teilweise Fastfood- Verbote. Im Vergleich der Länder, die die Ernährung stärker regulieren, liege Deutschland nur „im unteren Mittelfeld“ beklagt der LMU-Professor Peter von Philipsborn, einer der Autoren der Studie.

Wo läuft es eigentlich besser?

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SZ-Redakteurin Berit Uhlmann lässt das ohne weitere Fragen stehen. Schließlich dient es einem guten Zweck und Uhlmann ist vom Fach: Sie hat selbst Gesundheitswissenschaften studiert.

Nun gut. Man kann, wie die SZ, fragen: „Wie gut ist Deutschlands Ernährungspolitik?“ Immerhin sind die Deutschen so dick wie nie.

Doch ob es anderswo besser läuft, wäre zu beweisen: Wenn Länder viele Ernährungsmaßnahmen eingeleitet haben – wirken die? Stoppen Zuckersteuern und Fastfood-Verbote auf dem Schulhof das Übergewicht, essen die Menschen vernünftiger, nehmen sie ab? Speziell die Kinder, die es doch besonders zu schützen gilt?

Es sind Länder wie Chile, Mexico, Kanada, die USA, England, Finnland, Golfstaaten wie Bahrain, Inseln im Pazifik.

Sie alle haben eins gemeinsam: Mehr Maßnahmen gegen Zucker, Fett und Junkfood – und viel größere Probleme mit Übergewicht als Deutschland.

Übergewicht: nationaler Notstand in Mexiko

Denn in Deutschland sind 15 Prozent aller Kinder übergewichtig, davon ein Drittel fettleibig, knapp sechs Prozent aller deutschen Kinder. Das ist viel.

In Chile aber sind dreimal mehr Kinder zu dick, 44,5 Prozent – fast jedes zweite Kind. Das gilt schon für Vier- bis Sechsjährige, von denen ebenfalls die Hälfte übergewichtig oder schwer fettleibig ist, eine unfassbar hohe Zahl. Chile gehört zu den Ländern mit den meisten Dicken und Adipösen weltweit.

In Mexiko hat der Gesundheitsminister Übergewicht und Diabetes 2016 zum epidemiologischen Notfall erklärt: Jedes zweite mexikanische Kind läuft Gefahr, Diabetes zu entwickeln, insgesamt sind 73 Prozent der Bevölkerung übergewichtig – und das, obwohl Mexico schon 2010 mit einer nationalen Strategie gegen Übergewicht begonnen hat.

2014 erließ die Regierung eine Steuer auf gezuckerte Drinks und Fastfood, tatsächlich sanken die Verkaufszahlen – nur das Übergewicht ging nicht zurück.

2018, waren laut dem nationalen Gesundheitsreport Mexikos immer noch 35 Prozent aller Kinder zwischen 5 und 11 Jahren zu dick. Der Anteil fettleibiger Kinder mit starkem Übergewicht ist seit 2016 sogar gestiegen. Auch die Raten von Diabetes, Bluthochdruck und anderen Begleiterkrankungen von Übergewicht blieben hoch.

Vielleicht gar nicht so schlecht

Das Bild ist überall gleich: Steuern und Verbote ändern vielleicht etwas an den Verkaufszahlen. Doch die Menschen nehmen nicht ab.

Deutschland, nur im Mittelfeld bei ernährungspolitischen Regeln, liegt übrigens auch sonst nur im Mittelfeld – zum Glück: Weniger Übergewichtige und schwer Fettleibige als etwa in Australien, Neuseeland, Ungarn, England, Irland, Kanada und den USA, Argentinien, Tunesien und Ägypten.

Außerdem steigt die Zahl der übergewichtigen und fettleibigen Kinder in Deutschland nicht mehr, die Welle ist gestoppt. Auf hohem Niveau, wie Kinderärzte und Gesundheitspolitiker mahnen. Aber immerhin.

Erreicht wurde der kleine Erfolg bei den Kindern, so glauben Politiker, durch viele Initiativen zu Bewegung und Ernährung, durch Aufklärung Schwangerer und junger Eltern, besseres Schulessen, ein anderes Bewusstsein, das sich langsam durchsetzt.

Wer also fragt, wie gut Deutschlands Ernährungspolitik ist, muss anerkennen: So schlecht scheint sie nicht zu sein.

Was wirkt, weiß man nicht genau

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Natürlich ist das nicht das Verdienst von Frau Klöckner. Die war dafür zu kurz im Amt.

Stattdessen muss man vielleicht Renate Künast von den Grünen danken, von 2001 bis 2005 Bundesministerin für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft.

Sie wünschte sich „eine neue Ernährungsbewegung“ und brachte viele Programme gegen Übergewicht auf den Weg, speziell für Kinder. Die wurden in den nächsten Jahren vom Bundesministerium verfolgt und zumindest bei den Kleinen haben sie etwas gebracht.

Vielleicht. Denn was es ist, das da wirkt, ist noch nicht klar.

Darüber sind sich Ernährungs– und Gesundheitsexperten einig. Gleichzeitig fordern sie verzweifelt, dass man trotzdem ganz viel und noch mehr tun müsste, zum Beispiel Cola und Limos besteuern, oder Fett und Zucker, und Fastfood sowie Süßigkeiten auf dem Schulhof verbieten.

Hinter den Kulissen wissen aber alle: Dass höhere Steuern und Verbote das Übergewicht der Bevölkerung wirklich verringern helfen, ist ungewiss. Solche Hoffnungen beruhen nur auf Annahmen, Modellberechnungen, Schätzungen. Sie gründen sich nur auf den erwarteten Rückgang der Verkaufszahlen für Softdrinks, Chips oder Fastfood.

Speziell in Deutschland kommt dazu, dass die meisten Menschen erst im Erwachsenenalter ab etwa 25 zulegen – und nicht schon als Kinder fett sind.  Junge  Erwachsene sind es, die zulegen.

Qualitätsjournalismus: auch mal kritisch nachfragen

Die Journalistin und Gesundheitswissenschaftlerin Berit Uhlmann hätte also durchaus nachfragen können: Welchen Sinn, welches Ziel hat die Studie der LMU? Wirken die Maßnahmen? Bei wem? Was erreichen Länder, die den Katalog der Regulierungen abarbeiten?

Und was hat Deutschland ohne die Liste erreicht? Nur die Positionen der beteiligten Forscher wiederzugeben und nicht eine kritische Frage zu stellen, ist ein bisschen dünn für ein Qualitätsblatt.

Anstatt also zu zählen, welche Gesetze Deutschland noch erlassen könnte, wäre vielleicht eine Analyse der letzten Jahre gut: Der Zuckerkonsum in Deutschland verändert sich zum Beispiel kaum, er liegt seit 2014 um 33 bis 34 Kilo pro Kopf und Jahr. Noch immer vermarktet die Industrie offensiv Naschzeug an Kinder.

Und noch immer ist Deutschland Saftweltmeister – nirgendwo auf der Welt werden mehr süße Obstsäfte getrunken als hier.

Nicht auf einzelne Lebensmittel starren

Trotzdem ist es gelungen, den Trend bei den dicken Kindern zu stoppen: Was genau ist es? Sind es am Ende doch die Eltern, an die man sich bei der Ernährungspolitik wenden sollte – weil nicht Kinder, sondern Eltern über den Einkauf entscheiden? Vielleicht sollte man auch nicht auf einzelne Lebensmittel oder Produktgruppen schauen.

Sondern mehr auf Gewohnheiten, Tagesstrukturen, Stress, Langeweile, die notorisch schlechte Esskultur der Deutschen, die Erosion von geregelten Mahlzeiten, die ungesunde Arbeitswelt, die Bildungschancen. Oder liegt es gar an Instagram – weil dort nur die Schlanken und Fitten Follower bekommen?

Quarkundso.de steht für kritische Nachfragen selbstverständlich jederzeit zur Verfügung. Und für neue Forschungsprogramme zum Einfluss der sozialen Netzwerke auf das Körperbewusstsein. Vielleicht ist nämlich nicht alles schlecht in diesen Medien.

©Johanna Bayer

Beitrag „Land der verschenkten Möglichkeiten“ in der SZ vom 19.10.2021

Pressemitteilung der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität LMU zur Studie, Titel: „Ernährungspolitik: Potenzial wird nur unzureichend genutzt“

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