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ZEIT online über Alkohol in Zeiten von Corona: Wir können nicht anders! Wirklich?

Ohne Schnaps, Bier und Wein geht in der Pandemie nichts, behauptet ein Autor bei ZEIT online – und das sei in Ordnung so. Um seine Thesen zu untermauern, biegt er sich Zahlen zurecht, am Ende plädiert er für Alkohol als letzte Rebellion gegen das Corona-Korsett. Quarkundso.de rät: Wer trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

Beitrag vom 16.3.2021

Bild: Peter Ivey Hansen / Unsplash

Es kann hier nicht immer nur um Essen gehen. Daher dreht sich dieser Beitrag ums Trinken, also um Alkohol.

Alkohol, dieser große Tröster, das gnädige Gift, das Herzblut der abendländischen Kultur, weil schon ihr oberster Chef Wasser in Wein und Wein in Blut verwandelt hat, weswegen seinen Anhängern gerne Kannibalismus vorgeworfen wird.

Alkohol also. Ob, warum, wie lange man darauf verzichten kann oder sollte, ist regelmäßig Thema in Genusskolumnen, besonders jetzt, in der Fastenzeit.

Und Genusskolumnen sind immer für das Trinken. Immer.

Ihr Strickmuster ist ein ewiger Dreischritt: Jemand bekennt, dass er – oder sie – trinkt. Regelmäßig. Auch mal mehr als gut ist.

 

Nicht-Trinker als freudlose Asketen

Im Hauptteil, wo es um Begründungen und Argumente geht, fragt er oder sie, warum man sich das nicht gönnen sollte und wer eigentlich etwas dagegen hat. Jaja, Trinken ist nicht gut. Wir kennen die Zahlen, hier, wir leiern sie pflichtschuldigst herunter, zitieren Drogenbeauftragte und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Aber mal ehrlich – brauchen wir nicht alle spätestens am Abend was zu trinken? Als Lichtblick im Jammertal des Lebens, nach nerviger Kinderbetreuung und stressigem Job? Löst der Götterstoff nicht Herz und Zunge beim Date, unter verstummten Paaren, wiegt er nicht sanft in den Schlaf?

Also bitte. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, im Übrigen sind Nicht-Trinker freudlos, verkniffen und haben keine Freunde.

Am Ende steht immer fest: Alkohol ist Privatsache, wie ich mich vergifte, entscheide ich selbst. Außerdem gehört der Rausch zum Leben und verbieten lassen wir uns sowieso nichts.

 

Corona: Ist Alkohol die Lösung?

Diese Schablone für Genusskolumnen aus dem Baukasten der Liberalen und Libertären ist universell: Für Alkohol kann man auch Rauchen, Computerspiele, Facebook, Roulette, Sex, Pornos, Essen, Übergewicht, Haschisch, Fleisch, Süßigkeiten oder Bingewatching von Netflix-Serien einsetzen.

Den klassischen Aufbau ziehen alle Kolumnisten durch, neulich auch einer in der Zeit. Da ging es ums Trinken in der Pandemie. Angeblich trinken „wir“ (alle) seit Anfang 2020 mehr, öfter und früher am Tag als je zuvor – weil Trinken Freiheit bedeutet:

Ständig sprechen wir darüber, was, wie viel und wann wir trinken – und ob das noch im Rahmen ist. Kein Wunder: Zu trinken ist eine der letzten Freiheiten im Lockdown.

Alkohol wird laut Autor Jakob Pontius sogar zum „Grundrauschen der Pandemie“, die „nüchtern kaum zu ertragen“ ist (so ein anderer Zeit-Titel zum Thema).

Und angeblich reden „wir“ auch nur noch von Alkohol, über das Glas Wein „als Tageshighlight, auf das man hinarbeitet“: „Wir trinken und trinken – und reden ständig darüber.“

Abgesehen von dem populistischen, übergriffigen Eingemeinden der Leser ist das mit dem „wir alle“ und „immer mehr“ schon eine sehr steile Annahme. Dafür müsste es eigentlich Zahlen geben – Verkaufsstatistiken zu Bier, Schnaps und Wein, zum Beispiel. Doch im Hauptteil des Beitrags wird es damit dünn.

 

Die Statistik gibt es nicht her

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Denn die Zahlen der Getränkeindustrie belegen nicht, dass in der Pandemie im großen Stil mehr getrunken wird: Die Bierbrauer haben Minus gemacht, der Weinabsatz im Handel zeigt nur sechs Prozent Steigerung für das ganze Jahr 2020, wie das Deutsche Weininstitut berichtet.

Das ist, gemessen an vier Monaten Lockdown 2020 und einem Umsatzeinbruch in der Gastronomie von 38 Prozent, nicht viel.

Mit anderen Worten: Etwas mehr Wein wurde im Vergleich zum Vorjahr zwar von Privathaushalten gekauft. Aber dafür fielen Restaurant- und Barbesuche weg, und dazu die Urlaubsreisen in andere Länder. Dort wird zwecks Erholung bekanntlich gerne und viel getrunken, das mussten die Deutschen 2020 wohl oder übel zuhause tun.

Scheinbar haben sie sich dabei ziemlich zurückgehalten, wie die mageren sechs Prozent Jahresplus im Handel zeigen.

„Ein Blick auf die Umsatzzahlen in der Getränkebranche liefert zunächst ein widersprüchliches Bild“, räumt Genussautor Pontius widerstrebend ein – ehrlicherweise hätte er sagen müssen, dass die Zahlen seine Annahme einfach nicht stützen.

Dann aber bricht auch die These zusammen – dass es völlig in Ordnung ist, zu trinken, dass „wir“ trinken müssen, und zwar mehr als sonst.

 

Was die Zahlen wirklich sagen

Also gibt er nicht auf, alternative Fakten müssen her. Die findet Pontius in einer Auswertung vom letzten Jahr. So verweist er darauf, dass im zweiten Quartal 2020 von April bis Juli ganze 12,8 Prozent mehr Wein verkauft wurden, und zwar „trotz geschlossener Restaurants“. Als Beleg verlinkt er auf eine österreichische Weinseite.

Österreich? Nanu? Nicht selbst in Deutschland recherchiert?

So oder so, der Beleg taugt nicht. Denn erstens wurde im Frühling mehr Wein in Supermärkten und Weinläden verkauft, weil die Restaurants geschlossen waren. Nicht „trotz geschlossener Restaurants“.

Exakt so steht es auf der Seite von „Der Winzer.at“, von der ZEIT als Quelle verlinkt.

Zweitens aber erläutert die Redaktion des Fachportals die Zahlen und zitiert dazu das Deutsche Weininstitut: „Rund vier Prozent mehr Haushalte hätten aufgrund des Lockdowns in der Gastronomie mehr Wein eingekauft als im Vorjahresquartal, erläutert DWI-Geschäftsführerin Monika Reule.“

Aha, vier Prozent der Haushalte. Das ist nicht so viel.

 

Auch der Schnapskonsum nimmt ab

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Bleibt noch das Hochprozentige. Aber die Spirituosenbranche erwähnt Pontius sicherheitshalber nur am Rande. Die kann nämlich sein Sittengemälde von „Trinken gegen Corona“ erst recht nicht stützen: Seit Jahren stagniert der Konsum von harten Sachen.

Es gibt einen auffallenden Trend zum bewussten, gemäßigten Trinken, dem „Mindful Drinking“. Der größte Boom in der Branche gehört gerade den alkoholfreien Drinks, so eine repräsentative Umfrage des Rumherstellers Bacardi von Januar 2021.

Schon im Mai 2020, nach der ersten Infektionswelle, beklagten die Schnapsbrenner, dass Corona ihre Umsätze zusätzlich bremst, nicht steigert. Die Einkäufe der Privathaushalte machten den Ausfall durch die geschlossenen Bars nicht wett.

Das galt auch in der zweiten Jahreshälfte, als im Lockdown vor Weihnachten das lukrative „Jahresendgeschäft“ ausfiel, wie das Fachblatt Lebensmittelpraxis berichtet.

 

Es geht um Sucht

Aber in den Genusskolumnen der Libertären geht es nicht um Fakten. Es geht um ein festes Weltbild vom Menschen als Triebtäter.

Und um die ganz großen Fragen, an erster Stelle steht natürlich die Freiheit. Dann ist da der Rausch als Menschenrecht, und dahinter steht eine angenommene conditio humana, die lautet: Wir können nicht anders.

Auf der Suche nach Belegen für den naturgegebenen Rausch muss Pontius aber von hinten durch die Brust ins Auge. Erst wirft er sich auf eine größer angelegte internationale Umfrage, den Global Drug Survey, dann auf eine Umfrage von Suchtforschern des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim.

Drogen. Sucht.

Da müsste es eigentlich geklingelt haben, im Hirn des Krisen-Trinkers Pontius. Denn die Studien, die er zitiert, haben einen bestimmten Hintergrund. Sie wollen Risikogruppen identifizieren, sie sprechen Menschen an, die ohnehin regelmäßig Drogen, auch harte, konsumieren.

Und den gepflegten Alltagskonsum der Normalverbraucher geht es nicht.

 

Manche sind gefährdet

In der Pandemie gefährdet: Menschen mit problematischem Alkoholkonsum. / Bild: Hayes Potter – Unsplash

Die Teilnehmer dieser Studien sind auch nicht repräsentativ ausgewählt, sie bilden nicht die Bevölkerung ab.

Stattdessen sind es Betroffene, die sich freiwillig melden, wenn sie sich bei der Frage: „Konsumieren Sie seit Corona mehr oder regelmäßig Drogen?“ angesprochen fühlen.

Das ist im Design von Studien schon ein Unterschied. Doch nicht einmal in diesem Kollektiv zeigen die Ergebnisse, dass „alle“ immer mehr „trinken und trinken“.

Stattdessen zeigen sie, wie man in den verlinkten Quellen nachlesen kann, dass die Mehrheit der Befragten seit Beginn der Pandemie gleich viel oder sogar weniger Alkohol trinkt.

In der deutschen Studie des ZI Mannheim sind das ganze 62 Prozent der Teilnehmer.

Speziell die Suchtforscher, die Pontius zitiert, erklären dazu, dass „manche Menschen“ in der Pandemie viel mehr Alkohol trinken – manche. Es ist nicht die Mehrheit, es ist nur ein gutes Drittel. Und ganze acht Prozent haben in der Umfrage des ZI Mannheim im Frühjahr 2020 angegeben, dass sie „viel mehr trinken“.

Das ist eine Minderheit. Doch diese Minderheit ist gefährdet, weil ihr Verhalten auf Sucht hinweist.

Die Expertengruppe aus Mannheim spricht die Gefahren dieses Verhaltens an: Risikogruppen, nämlich Menschen, die vorher schon regelmäßig oder viel Alkohol getrunken, die geraucht oder andere Suchtmittel genommen haben, brauchen in der Pandemie Hilfe.

Und ja, Pandemien sind ein Nährboden für Süchte. Gemeint ist: Süchte, die schon bestehen. Nicht: In der Corona-Pandemie werden Menschen reihenweise süchtig – „wir alle“, der Wunschtraum der Libertären zwecks Rechtfertigung ihres Menschenbildes.

 

„Wir sind alle kleine Sünderlein“

Pontius hat also wieder Pech gehabt – auch Studien und Umfragen bestätigen seine Thesen nicht. Aber es gibt ja noch den Expertentrick: eine Autorität zitieren, die die eigenen Spekulationen untermauert.

Dazu fragt Pontius niemanden, der sich mit Drogen, Sucht, Trinken, Alkohol auskennt, zum Beispiel aus der Suchtforscher-Gruppe im ZI Mannheim. Das wäre naheliegend gewesen, die hätten ihm auch gleich ihre Umfrage erklären, die Zahlen von 2020 einordnen und den neuen Stand 2021 durchgeben können.

Nein, Pontius fragt lieber einen Genuss-Soziologen. Über die – im Übrigen falsch verstandene – Plattitüde von „Wir sind alle kleine Sünderlein“ geht dessen Antwort nicht hinaus.

Das reicht dem Essayisten. Es ist systemstabilisierend, unkritisch, erklärt nichts und rechtfertigt jede Art von Rausch. So muss er weder seine eigenen Spekulationen noch seine Annahmen über die Gründe des Trinkens in Frage stellen.

Er kann bei seiner Nabelschau mit Pseudo-Belegen bleiben und sich am Ende nochmal als Corona-Trinker outen:

„Ich rechne mich zu den sozialen Trinkern, die auch ohne große Runden weiterhin Anlässe finden, ein Glas Wein einzuschenken – und das ist in Ordnung.

Denn der Alkohol ist nicht nur Quälgeist, nicht nur Fiepen im Ohr. Wenn die Welt schließt, die Kultur verstummt, das Reisen verboten wird oder wenigstens unangebracht ist, dann ist moderates Trinken ein letzter Zipfel Freiheit.

Was vorher schon galt, wird jetzt noch einmal deutlicher: Kontrolle heißt nicht automatisch Verzicht, Leben nicht automatisch Gesundheit.

Ich kann mich auch bewusst für eine maßvolle Dosis Gift entscheiden.

Das ist meine trotzige kleine Rebellion gegen das notwendige Korsett der Corona-Einschränkungen: der kontrollierte Kontrollverlust.“

Dabei zählt Pontius sich und seine Freunde übrigens nicht zu den Gefährdeten, obwohl er schildert, wie seine Gedanken ständig um den Alkohol kreisen oder wie sich eine Kollegin statt Tee neuerdings „hochprozentige Mischgetränke“ in die Thermoskanne füllt. Dieses Verhalten könnte in einem Test für riskanten Alkoholkonsum schon als problematisch durchgehen, kleiner Tipp. Den Link zum Selbsttest gibt es natürlich als Service am Ende.

 

Trinken. Aber nicht darüber schreiben

Mit seinen Bekenntnissen hat der Autor das Klischee der Genusskolumne jedenfalls ganz durchgespielt.

Leider konterkariert er nebenbei auch die Bemühungen der Ärztinnen, Psychologen, Suchtexperten, Präventionsmediziner – der Menschen, die ihre Kraft dem Kampf gegen Sucht und Drogenmissbrauch zu widmen.

Auf deren Studien verlinkt er zwar in dem Versuch, seine falschen Annahmen zu stützen. Ihre Bemühungen, auf die Gefahren des Drogen- und Alkoholkonsums in der Pandemie hinzuweisen, wischt er danach aber vom Tisch, denn Trinken ist ja „in Ordnung“.

Nun könnte einem dieses unbefangene Geklittere von Daten, Befunden und Zitaten, dieses Zurechtbiegen von Zahlen und Studien zugunsten einer feuilletonistischen These egal sein, hätten wir nicht eine Pandemie.

Wir haben aber eine. Und wir haben Alkohol und Drogen, wir haben Gewalt in Familien, wir haben Milieus, die durch noch mehr Alkohol und Drogen im „Kontrollverlust“ noch gefährlicher werden, zum Beispiel für Frauen und Kinder.

Da wäre es schön gewesen, wenn man sich am Ende zum – moderaten? – Alkoholkonsum bekennt, ohne ihn mit querdenkerischen Parolen von „Rebellion“, „Korsett“ und „letzte Freiheit in Zeiten von Corona“ zu versehen.

Mit anderen Worten: Wer in Zeiten der Pandemie trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

 

©Johanna Bayer

 

Alkohol ist der Tinnitus der Pandemie – Artikel bei ZEIT-Online mit Links zu Quellen.

Das Deutsche Weininstitut mit den Zahlen zum Corona-Jahr 2020

Selbsttest zum Alkoholkonsum der BZgA  – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 

Übrigens: Alkohol schwächt das Immunsystem. Wer seinen Körper gegen Corona stärken will, tut also gut daran, weniger zu trinken, Quarkundso.de berichtete.

Geld und so in Zeiten von Corona: Spenden Sie jetzt!

Das bleibt natürlich völlig freiwillig. Einfach ins Sparschwein stecken, es steht mit diesem Bild oben rechts im Menü.

DIE ZEIT: Marcus Rohwetter über Sommeliers klingt wie Dieter Bohlen über Oper

Sommeliers machen einen Riesenzirkus, um ahnungslosen Gästen das Geld aus der Tasche zu ziehen, meint ein Kolumnist in der ZEIT. Für ihn sind sie die Wurzel alles Übels im aggressiven Lebensmittelmarketing. Außerdem treten Sommeliers jetzt überall auf, ob für Käse, Schokolade oder Mineralwasser. Quarkundso.de tritt zur Ehrenrettung an, denn die Kunst der Weinberatung darf man nicht missachten: Ohne Sommelier kann ein gutes Essen so richtig in die Hose gehen.

 

Weingläser, gedeckter Tisch, Mann schenkt Wein ein

Der Angeber mit seinem Getue – das ist der Sommelier.

 

Die „Quengelzone“ in der ZEIT ist eine echt gute Kolumne: Der Wirtschaftsredakteur und gelernte Jurist Marcus Rohwetter entschärft dort jede Woche „die größten Blendgranaten aus Werbung und Marketing“, so die eigene Beschreibung.

Er ätzt schön bissig über irreführende Produktaussagen, etwa bei Koffein-Shampoo oder Wohlfühl-Magneten, und entlarvt Verbrauchertäuschung und Mogelsprache. Dabei offenbart er sich als Schrecken der Verkaufsstrategen, denn er geht garantiert keinem auf den Leim.

Eine seiner Tiraden gilt auch den Sommeliers, Titel: „Die Retter der Ahnungslosen“. Es geht darin um Berater, die viel zu häufig Gäste und Kunden nicht nur zu Wein, sondern auch bei der Wahl von Käse, Brot, Bier, Fleisch oder Wasser belehren.

Als sei, schreibt Rohwetter, „niemand mehr in der Lage, einfachste Grundnahrungsmittel zu beurteilen.“

 

Die Leute kaufen zu viel Schrott

Das hat durchaus was. Denn dieses Gewese von „Sommeliers“ für Käse, Brot oder Wasser kann wirklich nerven, wenn die Berufsbezeichnung falsch verwendet wird. Denn manche dieser Titel kann man in einem Wochenendkurs erwerben und sie sind nichts als clevere Erfindungen von Marketing-Abteilungen.

Beim Fleischsommelier zum Beispiel spricht ein einschlägiger Industrieverband von der Hoffnung auf „deutliche Imagesteigerung“. Dabei ist jeder gelernte Metzger ein Fleischsommelier. Das Image steigert das aber weiß Gott nicht, in den heutigen Zeiten.

Doch gerade wenn man die Dinge klar sieht, muss man Herrn Rohwetter auch etwas entgegen halten: In der Tat ist heute kaum mehr jemand in der Lage, einfachste Grundnahrungsmittel zu beurteilen.

Deswegen kaufen die Leute ja so viel Schrott und fallen auf die Industrielügen rein, die Herr Rohwetter mit Recht kritisiert.

Das mal vorab. Tatsächlich haben wir mehr Ernährungs- und Küchenwissen bitter nötig, und zwar angefangen bei so wichtigen, komplexen Produkten wie Fleisch und Käse. Da ist die Grundidee einer kompetenten Beratung gar nicht schlecht.

 

Sommeliers: Pfleger für Geschmacksbehinderte?

Aber es geht Herrn Rohwetter eigentlich nicht um „einfachste Grundnahrungsmittel“. Seine Kritik zielt speziell auf Wein und Weinkellner. Daher stammt die Berufsbezeichnung „Sommelier“ eigentlich. Und dieser Experte für Wein und Getränke erscheint dem wackeren Aufklärer Rohwetter als die Wurzel allen Übels im aggressiven Lebensmittelmarketing.

Der Weinkellner nämlich, so Rohwetter hämisch, ist einer, der hilft, wenn man nicht weiß, ob einem „der Wein schmeckt oder nicht“.

Also eine Art Pfleger für Geschmacksbehinderte.

Das Ganze sei ein „Riesenzirkus“, den Händler und Verkäufer um ihre Produkte – den Wein – veranstalten: Wein sei zwecks Verunsicherung der Kunden zu einem komplexen und unverständlichen Produkt hochgejazzt worden, damit Gastronomen ängstlichen Trinkern die teuersten Flaschen andrehen können.

Und das nur, weil der kleine Mann völlig zu Unrecht fürchte, bei Wein „unheimlich viel falsch machen“ zu können.

 

Hauptsache Alkohol

Tja. Wenn Herr Rohwetter wirklich sicher ist, dass man bei Wein nichts falsch machen kann, ist er entweder ein ausgesprochener Experte und spricht gerade nur von sich.

Oder, was wahrscheinlicher ist: Er ist Biertrinker.

Und weder Weinkenner noch Gourmet. Vielleicht gehört er überhaupt zu den Leuten, die alles trinken, Hauptsache, es ist Alkohol drin. Denen ist es meistens auch egal, was sie dazu essen, Hauptsache, es ist billig.

Das ist okay, das kann jeder halten wie er will.

Aber irgendwie lässt der Text erahnen, dass Herr Rohwetter nicht wirklich weiß, wovon er spricht, denn er scheint nicht darüber informiert, was ein Sommelier, also ein professioneller, speziell ausgebildeter Weinberater, eigentlich macht.

 

Im Preis inbegriffen

Keine Sorge, hier folgt jetzt kein langer historischer Exkurs. Nichts über den Mundschenk, den es schon seit der Antike gibt und der im Mittelalter eines der höchsten Ämter bei Hofe bekleidete. Der wurde mitnichten von den armen Winzern gesponsert, sondern vom Fürsten bezahlt und von den Händlern gefürchtet.

Denn jeder anständige Mundschenk hat seinem Lieferanten für gepanschten Wein gnadenlos ein paar Stockschläge verpasst – und wurde seinerseits in den Kerker geworfen, wenn der Wein zum Essen dem König nicht bekam.

Also schnell zu den Fakten der heutigen Zeit: Abgesehen davon, dass die Dienste der Weinkellner im Restaurant im Preis inbegriffen sind, der Gast also nicht extra dafür bezahlen muss, treten Sommelier oder Sommelière nur auf Wunsch des Gastes an den Tisch.

Dann erklärt die Fachkraft aber nicht das „Produkt Wein“. Sondern kennt die Zubereitungsweisen und Zutaten des Menüs – im Gegensatz zum Gast.

Und kann diese mit den Eigenschaften der Weine vergleichen, um die optimale Kombination zu empfehlen, und zwar angepasst an den Geschmack des Gastes: „Sie wollen einen Weißwein zum Fisch, vertragen aber keine Säure, weil Sie einen empfindlichen Magen haben?“ „Rotwein, aber was Leichtes, und passend zu Trüffeln?“. „Sie mögen es fruchtig und aromatisch, aber nicht süß?“.

Alles kein Problem für den Sommelier.

Aber sehr wohl für den normalen Gast, es sei denn, er ist – wie Herr Rohwetter – ein ausgewiesener Kenner und kann nichts falsch machen.

 

Garantierter Genuss

Der Sommelier ist also dafür zuständig, dass der Wein zum Essen passt und nicht den Genuss der Speisen verdirbt, oder umgekehrt, dass die Speisen nicht den Wein ruinieren.

Das kann gerade in teuren Läden nicht einmal der Chefkoch garantieren. Sonst würden sich die Nobelschuppen mit besternten Künstlern keine teure Weinfachkraft extra leisten. Der Sommelier verhütet Unglücksfälle und garantiert den Genuss.

Von allen Seiten beleuchtet ist es so:

Ein Normal-Esser, der sich von seinem Durchschnittsgehalt vielleicht einmal im Jahr den Gang ins Sternerestaurant leistet, will auskosten, was Küche und Keller hergeben. Er will das optimale Geschmackserlebnis und seinen Horizont erweitern. Das geht in der Dorfkneipe in aller Regel nicht.

Der Wirt will, dass der Gast zufrieden ist und vor allen Dingen wieder kommt. Doch wenn der Gast zu seinem Sterneessen auch selbst den Wein aussucht und das obere Regal anvisiert – ist ja nur einmal im Jahr – kann er sich gewaltig vergreifen.

Lässt er einen repräsentativen Chateau Lafite zur Seezunge entkorken, geht das schlecht aus, und zwar für alle Beteiligten: den Gast, den Wirt, den Wein und die Seezunge. Daran hat niemand Interesse.

 

Wein ist ein Naturprodukt

Und genau davor bewahrt der Sommelier, der ein geschulter Sensoriker ist und alle Weine seines Kellers garantiert probiert hat. Denn auch das vernachlässigt Herr Rohwetter: Guter Wein ist ein Naturprodukt und nicht standardisierbar.

Wer einen Wein nicht vorher verkostet hat, kann nie wissen, was ihn erwartet.

Profis und Kennern ist das klar. Tumbe Supermarktkäufer versuchen dagegen, mit industriell gemischten Retortenbrühen wie Blanchet auf Nummer sicher zu gehen.

Wenn man den teuren Wein im Restaurant aber sicherheitshalber probieren will und eine Flasche öffnen lässt, muss man die Flasche bezahlen, ob der Inhalt einem schmeckt oder nicht.

Das weiß Herr Rohwetter, glaube ich, auch nicht, wie sein Text durchblicken lässt. Da spricht er davon, dass mancher Gast fürchtet, sich ob seiner „Ahnungslosigkeit rechtfertigen“ zu müssen. Muss er nicht.

Ob die Flasche mit dem prestigeträchtigen Etikett die subjektiven Geschmacksvorlieben trifft oder nicht, ist egal. Bestellt ist bestellt, es sei denn, der Wein hat wirklich einen Fehler. Und so eine Flasche kann alleine schon doppelt so viel kosten wie das ganze Menü. Da ist es doch besser, sich vorher vom Sommelier beraten zu lassen.

 

Ein frühes Sterneessen – mit Sommelier

Das alles ist aber von alters her bekannt, schon Karl der Große war diesbezüglich auf der Höhe: Er ließ bei seinen Banketten dem Mundschenk einen großen Auftritt. Sein Chronist berichtet: Nachdem „ein Schwarm von Köchen und Bäckern“ ihres Amtes gewaltet und die Speisen aufgefahren haben,

„kommt der mächtige Mundschenk Eppinus und bietet in schönen Gefäßen lieblichen Wein. Bald umsitzen sie, nachdem die Aufforderung ergangen, das königliche Mahl. Der Freude wird Raum gegeben. Fort mit euch, so ruft man, ihr Massen von Brei und dicker Milch; heute seien die Tische gewürzter Speisen voll!“

Das wäre heute wohl ein Sterneessen mit Sommelier.

© Johanna Bayer

Die „Quengelzone“ über Sommeliers von Marcus Rohwetter

 

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