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ZEIT online über Alkohol in Zeiten von Corona: Wir können nicht anders! Wirklich?

Ohne Schnaps, Bier und Wein geht in der Pandemie nichts, behauptet ein Autor bei ZEIT online – und das sei in Ordnung so. Um seine Thesen zu untermauern, biegt er sich Zahlen zurecht, am Ende plädiert er für Alkohol als letzte Rebellion gegen das Corona-Korsett. Quarkundso.de rät: Wer trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

Beitrag vom 16.3.2021

Bild: Peter Ivey Hansen / Unsplash

Es kann hier nicht immer nur um Essen gehen. Daher dreht sich dieser Beitrag ums Trinken, also um Alkohol.

Alkohol, dieser große Tröster, das gnädige Gift, das Herzblut der abendländischen Kultur, weil schon ihr oberster Chef Wasser in Wein und Wein in Blut verwandelt hat, weswegen seinen Anhängern gerne Kannibalismus vorgeworfen wird.

Alkohol also. Ob, warum, wie lange man darauf verzichten kann oder sollte, ist regelmäßig Thema in Genusskolumnen, besonders jetzt, in der Fastenzeit.

Und Genusskolumnen sind immer für das Trinken. Immer.

Ihr Strickmuster ist ein ewiger Dreischritt: Jemand bekennt, dass er – oder sie – trinkt. Regelmäßig. Auch mal mehr als gut ist.

 

Nicht-Trinker als freudlose Asketen

Im Hauptteil, wo es um Begründungen und Argumente geht, fragt er oder sie, warum man sich das nicht gönnen sollte und wer eigentlich etwas dagegen hat. Jaja, Trinken ist nicht gut. Wir kennen die Zahlen, hier, wir leiern sie pflichtschuldigst herunter, zitieren Drogenbeauftragte und Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung.

Aber mal ehrlich – brauchen wir nicht alle spätestens am Abend was zu trinken? Als Lichtblick im Jammertal des Lebens, nach nerviger Kinderbetreuung und stressigem Job? Löst der Götterstoff nicht Herz und Zunge beim Date, unter verstummten Paaren, wiegt er nicht sanft in den Schlaf?

Also bitte. Wer ohne Schuld ist, werfe den ersten Stein, im Übrigen sind Nicht-Trinker freudlos, verkniffen und haben keine Freunde.

Am Ende steht immer fest: Alkohol ist Privatsache, wie ich mich vergifte, entscheide ich selbst. Außerdem gehört der Rausch zum Leben und verbieten lassen wir uns sowieso nichts.

 

Corona: Ist Alkohol die Lösung?

Diese Schablone für Genusskolumnen aus dem Baukasten der Liberalen und Libertären ist universell: Für Alkohol kann man auch Rauchen, Computerspiele, Facebook, Roulette, Sex, Pornos, Essen, Übergewicht, Haschisch, Fleisch, Süßigkeiten oder Bingewatching von Netflix-Serien einsetzen.

Den klassischen Aufbau ziehen alle Kolumnisten durch, neulich auch einer in der Zeit. Da ging es ums Trinken in der Pandemie. Angeblich trinken „wir“ (alle) seit Anfang 2020 mehr, öfter und früher am Tag als je zuvor – weil Trinken Freiheit bedeutet:

Ständig sprechen wir darüber, was, wie viel und wann wir trinken – und ob das noch im Rahmen ist. Kein Wunder: Zu trinken ist eine der letzten Freiheiten im Lockdown.

Alkohol wird laut Autor Jakob Pontius sogar zum „Grundrauschen der Pandemie“, die „nüchtern kaum zu ertragen“ ist (so ein anderer Zeit-Titel zum Thema).

Und angeblich reden „wir“ auch nur noch von Alkohol, über das Glas Wein „als Tageshighlight, auf das man hinarbeitet“: „Wir trinken und trinken – und reden ständig darüber.“

Abgesehen von dem populistischen, übergriffigen Eingemeinden der Leser ist das mit dem „wir alle“ und „immer mehr“ schon eine sehr steile Annahme. Dafür müsste es eigentlich Zahlen geben – Verkaufsstatistiken zu Bier, Schnaps und Wein, zum Beispiel. Doch im Hauptteil des Beitrags wird es damit dünn.

 

Die Statistik gibt es nicht her

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Denn die Zahlen der Getränkeindustrie belegen nicht, dass in der Pandemie im großen Stil mehr getrunken wird: Die Bierbrauer haben Minus gemacht, der Weinabsatz im Handel zeigt nur sechs Prozent Steigerung für das ganze Jahr 2020, wie das Deutsche Weininstitut berichtet.

Das ist, gemessen an vier Monaten Lockdown 2020 und einem Umsatzeinbruch in der Gastronomie von 38 Prozent, nicht viel.

Mit anderen Worten: Etwas mehr Wein wurde im Vergleich zum Vorjahr zwar von Privathaushalten gekauft. Aber dafür fielen Restaurant- und Barbesuche weg, und dazu die Urlaubsreisen in andere Länder. Dort wird zwecks Erholung bekanntlich gerne und viel getrunken, das mussten die Deutschen 2020 wohl oder übel zuhause tun.

Scheinbar haben sie sich dabei ziemlich zurückgehalten, wie die mageren sechs Prozent Jahresplus im Handel zeigen.

„Ein Blick auf die Umsatzzahlen in der Getränkebranche liefert zunächst ein widersprüchliches Bild“, räumt Genussautor Pontius widerstrebend ein – ehrlicherweise hätte er sagen müssen, dass die Zahlen seine Annahme einfach nicht stützen.

Dann aber bricht auch die These zusammen – dass es völlig in Ordnung ist, zu trinken, dass „wir“ trinken müssen, und zwar mehr als sonst.

 

Was die Zahlen wirklich sagen

Also gibt er nicht auf, alternative Fakten müssen her. Die findet Pontius in einer Auswertung vom letzten Jahr. So verweist er darauf, dass im zweiten Quartal 2020 von April bis Juli ganze 12,8 Prozent mehr Wein verkauft wurden, und zwar „trotz geschlossener Restaurants“. Als Beleg verlinkt er auf eine österreichische Weinseite.

Österreich? Nanu? Nicht selbst in Deutschland recherchiert?

So oder so, der Beleg taugt nicht. Denn erstens wurde im Frühling mehr Wein in Supermärkten und Weinläden verkauft, weil die Restaurants geschlossen waren. Nicht „trotz geschlossener Restaurants“.

Exakt so steht es auf der Seite von „Der Winzer.at“, von der ZEIT als Quelle verlinkt.

Zweitens aber erläutert die Redaktion des Fachportals die Zahlen und zitiert dazu das Deutsche Weininstitut: „Rund vier Prozent mehr Haushalte hätten aufgrund des Lockdowns in der Gastronomie mehr Wein eingekauft als im Vorjahresquartal, erläutert DWI-Geschäftsführerin Monika Reule.“

Aha, vier Prozent der Haushalte. Das ist nicht so viel.

 

Auch der Schnapskonsum nimmt ab

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Bleibt noch das Hochprozentige. Aber die Spirituosenbranche erwähnt Pontius sicherheitshalber nur am Rande. Die kann nämlich sein Sittengemälde von „Trinken gegen Corona“ erst recht nicht stützen: Seit Jahren stagniert der Konsum von harten Sachen.

Es gibt einen auffallenden Trend zum bewussten, gemäßigten Trinken, dem „Mindful Drinking“. Der größte Boom in der Branche gehört gerade den alkoholfreien Drinks, so eine repräsentative Umfrage des Rumherstellers Bacardi von Januar 2021.

Schon im Mai 2020, nach der ersten Infektionswelle, beklagten die Schnapsbrenner, dass Corona ihre Umsätze zusätzlich bremst, nicht steigert. Die Einkäufe der Privathaushalte machten den Ausfall durch die geschlossenen Bars nicht wett.

Das galt auch in der zweiten Jahreshälfte, als im Lockdown vor Weihnachten das lukrative „Jahresendgeschäft“ ausfiel, wie das Fachblatt Lebensmittelpraxis berichtet.

 

Es geht um Sucht

Aber in den Genusskolumnen der Libertären geht es nicht um Fakten. Es geht um ein festes Weltbild vom Menschen als Triebtäter.

Und um die ganz großen Fragen, an erster Stelle steht natürlich die Freiheit. Dann ist da der Rausch als Menschenrecht, und dahinter steht eine angenommene conditio humana, die lautet: Wir können nicht anders.

Auf der Suche nach Belegen für den naturgegebenen Rausch muss Pontius aber von hinten durch die Brust ins Auge. Erst wirft er sich auf eine größer angelegte internationale Umfrage, den Global Drug Survey, dann auf eine Umfrage von Suchtforschern des Zentralinstituts für Seelische Gesundheit Mannheim.

Drogen. Sucht.

Da müsste es eigentlich geklingelt haben, im Hirn des Krisen-Trinkers Pontius. Denn die Studien, die er zitiert, haben einen bestimmten Hintergrund. Sie wollen Risikogruppen identifizieren, sie sprechen Menschen an, die ohnehin regelmäßig Drogen, auch harte, konsumieren.

Und den gepflegten Alltagskonsum der Normalverbraucher geht es nicht.

 

Manche sind gefährdet

In der Pandemie gefährdet: Menschen mit problematischem Alkoholkonsum. / Bild: Hayes Potter – Unsplash

Die Teilnehmer dieser Studien sind auch nicht repräsentativ ausgewählt, sie bilden nicht die Bevölkerung ab.

Stattdessen sind es Betroffene, die sich freiwillig melden, wenn sie sich bei der Frage: „Konsumieren Sie seit Corona mehr oder regelmäßig Drogen?“ angesprochen fühlen.

Das ist im Design von Studien schon ein Unterschied. Doch nicht einmal in diesem Kollektiv zeigen die Ergebnisse, dass „alle“ immer mehr „trinken und trinken“.

Stattdessen zeigen sie, wie man in den verlinkten Quellen nachlesen kann, dass die Mehrheit der Befragten seit Beginn der Pandemie gleich viel oder sogar weniger Alkohol trinkt.

In der deutschen Studie des ZI Mannheim sind das ganze 62 Prozent der Teilnehmer.

Speziell die Suchtforscher, die Pontius zitiert, erklären dazu, dass „manche Menschen“ in der Pandemie viel mehr Alkohol trinken – manche. Es ist nicht die Mehrheit, es ist nur ein gutes Drittel. Und ganze acht Prozent haben in der Umfrage des ZI Mannheim im Frühjahr 2020 angegeben, dass sie „viel mehr trinken“.

Das ist eine Minderheit. Doch diese Minderheit ist gefährdet, weil ihr Verhalten auf Sucht hinweist.

Die Expertengruppe aus Mannheim spricht die Gefahren dieses Verhaltens an: Risikogruppen, nämlich Menschen, die vorher schon regelmäßig oder viel Alkohol getrunken, die geraucht oder andere Suchtmittel genommen haben, brauchen in der Pandemie Hilfe.

Und ja, Pandemien sind ein Nährboden für Süchte. Gemeint ist: Süchte, die schon bestehen. Nicht: In der Corona-Pandemie werden Menschen reihenweise süchtig – „wir alle“, der Wunschtraum der Libertären zwecks Rechtfertigung ihres Menschenbildes.

 

„Wir sind alle kleine Sünderlein“

Pontius hat also wieder Pech gehabt – auch Studien und Umfragen bestätigen seine Thesen nicht. Aber es gibt ja noch den Expertentrick: eine Autorität zitieren, die die eigenen Spekulationen untermauert.

Dazu fragt Pontius niemanden, der sich mit Drogen, Sucht, Trinken, Alkohol auskennt, zum Beispiel aus der Suchtforscher-Gruppe im ZI Mannheim. Das wäre naheliegend gewesen, die hätten ihm auch gleich ihre Umfrage erklären, die Zahlen von 2020 einordnen und den neuen Stand 2021 durchgeben können.

Nein, Pontius fragt lieber einen Genuss-Soziologen. Über die – im Übrigen falsch verstandene – Plattitüde von „Wir sind alle kleine Sünderlein“ geht dessen Antwort nicht hinaus.

Das reicht dem Essayisten. Es ist systemstabilisierend, unkritisch, erklärt nichts und rechtfertigt jede Art von Rausch. So muss er weder seine eigenen Spekulationen noch seine Annahmen über die Gründe des Trinkens in Frage stellen.

Er kann bei seiner Nabelschau mit Pseudo-Belegen bleiben und sich am Ende nochmal als Corona-Trinker outen:

„Ich rechne mich zu den sozialen Trinkern, die auch ohne große Runden weiterhin Anlässe finden, ein Glas Wein einzuschenken – und das ist in Ordnung.

Denn der Alkohol ist nicht nur Quälgeist, nicht nur Fiepen im Ohr. Wenn die Welt schließt, die Kultur verstummt, das Reisen verboten wird oder wenigstens unangebracht ist, dann ist moderates Trinken ein letzter Zipfel Freiheit.

Was vorher schon galt, wird jetzt noch einmal deutlicher: Kontrolle heißt nicht automatisch Verzicht, Leben nicht automatisch Gesundheit.

Ich kann mich auch bewusst für eine maßvolle Dosis Gift entscheiden.

Das ist meine trotzige kleine Rebellion gegen das notwendige Korsett der Corona-Einschränkungen: der kontrollierte Kontrollverlust.“

Dabei zählt Pontius sich und seine Freunde übrigens nicht zu den Gefährdeten, obwohl er schildert, wie seine Gedanken ständig um den Alkohol kreisen oder wie sich eine Kollegin statt Tee neuerdings „hochprozentige Mischgetränke“ in die Thermoskanne füllt. Dieses Verhalten könnte in einem Test für riskanten Alkoholkonsum schon als problematisch durchgehen, kleiner Tipp. Den Link zum Selbsttest gibt es natürlich als Service am Ende.

 

Trinken. Aber nicht darüber schreiben

Mit seinen Bekenntnissen hat der Autor das Klischee der Genusskolumne jedenfalls ganz durchgespielt.

Leider konterkariert er nebenbei auch die Bemühungen der Ärztinnen, Psychologen, Suchtexperten, Präventionsmediziner – der Menschen, die ihre Kraft dem Kampf gegen Sucht und Drogenmissbrauch zu widmen.

Auf deren Studien verlinkt er zwar in dem Versuch, seine falschen Annahmen zu stützen. Ihre Bemühungen, auf die Gefahren des Drogen- und Alkoholkonsums in der Pandemie hinzuweisen, wischt er danach aber vom Tisch, denn Trinken ist ja „in Ordnung“.

Nun könnte einem dieses unbefangene Geklittere von Daten, Befunden und Zitaten, dieses Zurechtbiegen von Zahlen und Studien zugunsten einer feuilletonistischen These egal sein, hätten wir nicht eine Pandemie.

Wir haben aber eine. Und wir haben Alkohol und Drogen, wir haben Gewalt in Familien, wir haben Milieus, die durch noch mehr Alkohol und Drogen im „Kontrollverlust“ noch gefährlicher werden, zum Beispiel für Frauen und Kinder.

Da wäre es schön gewesen, wenn man sich am Ende zum – moderaten? – Alkoholkonsum bekennt, ohne ihn mit querdenkerischen Parolen von „Rebellion“, „Korsett“ und „letzte Freiheit in Zeiten von Corona“ zu versehen.

Mit anderen Worten: Wer in Zeiten der Pandemie trinken muss, sollte nicht auch noch darüber schreiben.

 

©Johanna Bayer

 

Alkohol ist der Tinnitus der Pandemie – Artikel bei ZEIT-Online mit Links zu Quellen.

Das Deutsche Weininstitut mit den Zahlen zum Corona-Jahr 2020

Selbsttest zum Alkoholkonsum der BZgA  – Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung 

Übrigens: Alkohol schwächt das Immunsystem. Wer seinen Körper gegen Corona stärken will, tut also gut daran, weniger zu trinken, Quarkundso.de berichtete.

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DIE WELT: Muss man vor einer Corona-Infektion Angst haben? Ein Rechtsmediziner dreht auf

+++Achtung, Eilmeldung+++Quarkundso.de unterbricht das Nörgeln zu Ernährungsthemen und nörgelt direkt zu Corona-Unfug+++Anlass ist ein Bericht in der WELT+++Rechtsmediziner erklärt, die Angst vor dem Virus sei überzogen+++Quarkundso.de widerspricht+++

Beitrag vom 15.4.2020

Es war der Tag, an dem der britische Premierminister Boris Johnson auf die Intensivstation gekommen ist, und an dem in den USA innerhalb von 24 Stunden mehr als 2000 Menschen am Coronavirus gestorben sind: An diesem 7. April 2020 erklärte ein prominenter Rechtsmediziner in Hamburg, das mit dieser Epidemie sei nicht so schlimm. Die Sache werde in der deutschen Sterbestatistik des Landes keine Spuren hinterlassen und die Angst vor dem Virus sei übertrieben.

So berichtet es die Tageszeitung DIE WELT. Zwei Tage später saß der Mann bei Markus Lanz im ZDF und breitete dasselbe nochmal aus.

Die Chefredakteurin hat nach dieser Einlassung sofort einen Corona-Krisenstab eingerichtet. Das Team darf unter ihrer Leitung ausnahmsweise direkt zu Corona-Themen schreiben, wenn Klärungsbedarf besteht, was steile Thesen angeht.

Das ist jetzt der Fall, bei dem prominenten Rechtsmediziner Klaus Püschel aus Hamburg. Weil er dort Corona-Tote obduziert und in ihren Körpern allerlei Abweichendes findet, meint er, das Virus sei „nur der letzte Tropfen gewesen“, denn in Hamburg sei „bisher kein einziger nicht vorerkrankter Mensch an dem Virus gestorben“.

 

Der Mann für schwere Fälle

Professor Püschel ist ein bekannter Mann. Er kommt aus dem Osten und hat schon viele Tote gesehen, darunter die Opfer von Serienkillern, mittelalterliche Moorleichen und den in der Badewanne aufgefundenen Uwe Barschel.

Dass man abgebrüht sein muss, wenn man jeden Tag Leichen aufschneidet, ist klar. Aber Püschel scheut sich auch nicht, lebenden Menschen etwas zuzumuten: Er ist dafür, den genetischen Code sämtlicher Bewohner Deutschlands zu speichern, um Verbrechern besser auf die Spur zu kommen – eine Vision, bei der Datenschützern die Haare zu Berge stehen.

Auch hatte er vor Jahren den zwangsweisen Einsatz von Brechmitteln bei einem Delinquenten befürwortet, der wegen Drogenhandels unter Verdacht stand. Der Mann starb, nachdem ihm gegen seinen Widerstand das Mittel über eine Sonde eingeflößt worden war, keiner der beteiligten Rechtsmediziner wurde je verurteilt.

Ansonsten rät der Professor zwecks Organspende zu einem „rationaleren Umgang mit Leichen“ seitens der Angehörigen (in der TAZ), und wünscht sich ein „distanziertes Verhältnis zum Tod“ (DIE WELT).

Das erklärt vielleicht seine Sicht auf die Corona-Pandemie, nach der es nur Leute trifft, die sowieso bald den Löffel abgeben müssen. Alle anderen brauchen sich kaum Sorgen zu machen, sagt Herr Püschel.

DIE WELT zitiert den Arzt so:

„Es gebe keinen Grund für Todesangst im Zusammenhang mit der Ausbreitung der Krankheit in der Region: „Alle, die wir bisher untersucht haben, hatten Krebs, eine chronische Lungenerkrankung, waren starke Raucher oder schwer fettleibig, litten an Diabetes oder hatten eine Herz-Kreislauf-Erkrankung.“ Das Virus sei in diesen Fällen der letzte Tropfen gewesen, der das Fass zum Überlaufen gebracht habe.“

Zu Ende gedacht lautet diese Position so: „Wer an Corona stirbt, kann sowieso weg“.

 

Unwertes Leben und die Angst vor dem Risiko

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Derlei geht – ganz böse ausgedeutet – in Richtung „unwertes Leben“, und landet beim Euthanasie-Gedanken der Nazis, aber das wollte Herr Püschel bestimmt nicht sagen. Hoffen wir, wer weiß das schon.

Wenn ein Arzt sich so dezidiert in der Presse äußert, muss er sich jedoch etwas gedacht haben. Und es sollte nicht ganz dumm sein, das unterstellen wir zu seinen Gunsten.

Wie es scheint, hebt Professor Püschel tatsächlich auf so etwas wie Risikowahrnehmung ab: die persönliche Einschätzung von Gefahren, die im Leben auftreten können, auch: das Wissen um die statistische Wahrscheinlichkeit, dass ein Unglück oder eine Gefahr einen selbst treffen könnte.

Menschen wägen dabei ab – sie steigen zum Beispiel in Massen und regelmäßig ins Flugzeug, obwohl Flugzeuge abstürzen können, wobei meistens alle Passagiere ums Leben kommen. Aber Flugzeuge stürzen eben selten ab, seltener als ein Auto gegen einen Baum fährt.

Deshalb fliegen Leute trotz der Gefahren, und noch häufiger fahren sie Auto, weil sie beim Autofahren schlicht den Nutzen gegen die Gefahr abwägen. Und ohne Auto ist man in Deutschland nur ein halber Mensch, daher sagen sich an die 30 Millionen deutsche Autofahrer: „Ich fahre so vorsichtig – oder so gut – wie möglich, damit kann ich das Risiko klein halten.“

Das Gefühl, eine Gefahr einschätzen zu können, ist zumindest psychologisch sehr wichtig für die Frage, wie ob man im Alltag handlungsfähig bleibt.

Der Rechtsmediziner Püschel setzt jetzt das Corona-Risiko für alle herab: Todesangst ist bei dem neuen Virus komplett „überzogen“, überhaupt muss man keine Angst haben, denn in Deutschland stirbt man aus anderen Gründen.

 

Die kranke Gesellschaft

Allerdings widerspricht sich Herr Püschel dabei selbst. Denn wenn man seine Aufzählung zu den Vorerkrankungen ernst nimmt, dann haben viele Leute ein höheres Risiko – sogar sehr viele.

Leider nennt Püschel hier keine Zahlen, genau die wären aber interessant: Wie viele Menschen sind denn betroffen von diesen Erkrankungen, die Püschel als Todesursache identifiziert?

Die Abteilung Dokumentation & Recherche von Quarkundso.de hat den Anteil dieser Betroffenen an der Bevölkerung mal quantifiziert, was nicht so einfach ist. Deshalb machen das die Fachgesellschaften nicht, da will sie niemand festlegen, wenigstens nicht öffentlich. Quarkundso.de schätzt daher beherzt – näherungsweise kamen folgende Zahlen heraus, alle Werte gerundet:

Schwer fettleibig: 20 %

Starke Raucher: 10 %

Diabetiker: 10 %

Herz-Kreislauf-Erkrankung: 10 %

Chronische Lungenerkrankung 6 %

Asthma 6 %

Krebs 2 %

(Quellen: Robert-Koch-Institut – Gesundheitsmonitoring, Herold – Innere Medizin, Krebsinformationsdienst am DKFZ Heidelberg u.a.)

 

Natürlich darf man nicht alle einfach zusammenzählen, weil unter den Älteren viele Diabetiker und Fettleibige sind, unter den Lungenkranken viele Raucher und so weiter. Die Schnittmengen sind groß.

Trotzdem: Die Gesamtschätzung von Quarkundso.de ergibt, dass alleine in der Aufzählung des Hamburger Experten ein Anteil von 30 Prozent der Deutschen steckt. Mindestens.

Und das sind noch nicht alle: Rheumakranke kommen dazu, die Kortison nehmen, Menschen mit Multipler Sklerose, die Immunmedikamente bekommen, Transplantierte und Patienten mit seltenen Krankheiten, deren Immunsystem unterdrückt wird und die deshalb anfälliger für Virusinfektionen sind.

 

Geburtenstarke Jahrgänge: mal wieder vorn

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Damit sollte klar sein: Selbst vorsichtig geschätzt gehören so viele Deutsche zur Risikogruppe, dass es in Ordnung ist, wenn Angst vor dem Coronavirus herrscht.

So sieht es auch das Robert-Koch-Institut:

Die Gefährdung für die Gesundheit der Bevölkerung in Deutschland wird derzeit insgesamt als hoch eingeschätzt, für Risikogruppen als sehr hoch. Die Wahrscheinlichkeit für schwere Krankheitsverläufe nimmt mit zunehmendem Alter und bestehenden Vorerkrankungen zu.

(Quelle: RKI, abgerufen am 11.4.2020)

Mit „Gefährdung“ meint das Robert-Koch-Institut übrigens die Wahrscheinlichkeit, sich anzustecken und so schwer zu erkranken, dass man auf der Intensivstation landet.

Zu den „Älteren“ rechnet das Robert-Koch-Institut aber schon Menschen zwischen 50 und 60 Jahren, Grund: Ab diesem Alter lassen die Abwehrkräfte nach, das Immunsystem altert.

Weil in dieser Gruppe die geburtenstarken Jahrgänge stecken, ist der Anteil dieser Älteren sehr groß. Sie stellen alleine fast die Hälfte der Deutschen, rund 47 Prozent: Jede und jeder Zweite hat also schon kein normales oder geringes Risiko mehr, sondern alleine aufgrund des Alters eine erhöhtes.

Wie hoch die Gefahr für Senioren dabei ist, sieht man an den Bewohnern mehrerer Pflegeheime, die wie die Fliegen starben, als das Virus eindrang, sowohl in Deutschland als auch anderswo, zum Beispiel in Belgien.

Auf diesem Hintergrund sind die Aussagen des Herrn Püschel geradezu zynisch.

 

Das Glück der Deutschen

Auch in deutschen Kliniken gibt es Probleme mit Krankenhauskeimen.

Aber der Professor will Hoffnung machen und weist auf das Wesentliche hin:

„Wir haben in Deutschland keine italienischen Verhältnisse.

Wir haben ein gutes Gesundheitssystem, und ich bin überzeugt, dass wir die Pandemie gut beherrschen können.“

Dieser Vergleich klingt nicht nur kaltherzig. Er klingt auch chauvinistisch – als ob ein Land, das viel hat, sich von den nächsten Nachbarn und Bündnispartnern abschotten und ihnen überdies hämisch auf den Kopf spucken könnte: „Haha, diese Italiener, ist doch klar, dass die es nicht hinkriegen mit ihrer Schlamperei, aber wir Deutschen, wir beherrschen die Lage!“

Von solchen Untertönen abgesehen kann man auch die Aussage selbst hinterfragen. Denn mit dieser Haltung könnten Artisten auf ihr Netz verzichten, Bergsteiger auf ihr Seil und Bauarbeiter auf ihren Schutzhelm – schließlich haben wir doch ein gutes Gesundheitssystem!

Aber so ist es natürlich nicht. Fast alle Leute vermeiden Verletzungen lieber als dass sie in ein Krankenhaus gehen, sei es auch das Beste im ganzen Land. Das liegt daran, dass es in Kliniken immer Risiken gibt. Schon die künstliche Beatmung und das Intubieren mit dem Schlauch in die Luftröhre zum Beispiel kann Komplikationen und Infektionen nach sich ziehen.

Gefährliche resistente Krankenhauskeime treiben nicht nur in schlampigen Mittelmeerländern, sondern auch in deutschen Hospitälern ihr Unwesen. Darunter ist ein Lungenbakterium, das besonders gerne Intensivpatienten befällt, die künstlich beatmet werden.

Sicher, die Coronainfektion überleben bisher die meisten, viele sogar symptomlos, und wer ins Krankenhaus muss, wird danach oft wieder gesund.

Aber das kann lange Zeit, einige Monate, dauern. Und vielleicht bleibt etwas zurück, Kurzatmigkeit, zum Beispiel. Denn noch weiß man nichts Genaues über Spätfolgen. Dazu zählt eine eingeschränkte Lungenfunktion und eine später einsetzende Vernarbung der Lunge, die sogenannte Lungenfibrose; möglicherweise sind auch Herz und Blutgefäße gefährdet.

Hinweise darauf gibt es schon, zum Beispiel aus der früheren SARS-Epidemie von 2002/2003 und aus chinesischen Studien zum neuen Corona-Virus, wie unter anderem der NDR in seinem Podcast mit Christian Drosten berichtet.

Das wird Herr Püschel, der Tote seziert, vielleicht nicht ganz so gut im Blick haben wie Mediziner, die Covid-Patienten untersuchen.

 

Leben mit Corona: Check Dein Risiko!

Leben mit Corona bedeutet: Hände waschen!

Um das alles aufzuklären, braucht man weiterhin Zeit – für Studien und für die Beobachtung vieler Menschen, die die Infektion überstehen.

Übervolle Intensivstationen und Kranke auf den Gängen kann man da nicht gebrauchen.

Die gefährliche Ansteckung also weiterhin so gut wie möglich zu vermeiden, daran geht wohl kein Weg vorbei, wie das Robert-Koch-Institut um Ostern 2020 verkündet hat.

Eine individuelle Risikowahrnehmung von „Ich krieg das nicht!“ bis zu „Wir haben doch ein ausgezeichnetes Gesundheitssystem!“ ist davon unabhängig.

Aber sie ist unrealistisch.

Realistisch ist es, sich der eigenen Risikofaktoren von Alter über Gewicht bis zum Lebensstil bewusst zu werden. Denn selbst wenn der gewohnte Alltag ab Mai 2020 – vielleicht – wieder anlaufen kann, ist deshalb das Virus nicht verschwunden. Und angesichts der Millionen von gefährdeten Menschen mit Risikofaktoren fragt sich, was jeder Einzelne tun kann.

Sich vor Ansteckung zu schützen, mit einfachen Maßnahmen, so gut es geht – Abstand halten, Hände waschen, Masken tragen – ist das eine.

Etwas anderes wäre ein Aufruf an die Bevölkerung, den eigenen Körper in einem Zustand zu halten, dass er Viren bekämpfen und Selbstheilungskräfte aktivieren kann. Den Aufruf haben wir im Beitrag vom 3.4.2020 schon geleistet.

Nach der Einlassung des Leichenfachmanns juckt es die Abteilung Dokumentation & Recherche, etwas zu ergänzen: Übergewicht, Bluthochdruck und Diabetes führen genau zu den Krankheiten, die das Risiko für schwere Corona-Verläufe eindeutig erhöhen und die Herr Püschel aufgezählt hat.

Man kann sie durch einen gesunden Lebensstil tatsächlich vermeiden. Man kann also mit dem Rauchen aufhören (jetzt!), den Alkoholkonsum reduzieren und sich mehr an der frischen Luft bewegen, man kann abnehmen und sein Gewicht kontrollieren.

Aber so etwas zu fordern ist natürlich extrem pauschal und überdies unpopulär, wenn nicht unzumutbar. Die Chefredakteurin hat einen so moralinsauren Aufruf daher untersagt – wozu haben wir denn unser ausgezeichnetes Gesundheitssystem.

©Johanna Bayer

 

Artikel zu den Aussagen von Prof. Dr. Klaus Püschel in DIE WELT vom 8.4.2020

Das Robert-Koch-Institut zur Risikogruppen

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Essen in Zeiten von Corona: Mit Ernährung das Immunsystem gegen Viren stärken? Vorsicht!

Wer sich jetzt gegen das Corona-Virus wappnen will, denkt ans Essen: Viel Obst und Gemüse, wegen der Vitamine! Doch so einfach geht es nicht – Quarkundso.de klärt auf.

Beitrag vom 18.3.2020, 0.15 Uhr

Angriff der Corona-Viren: Die Pandemie hat Anfang 2020 die ganze Welt ergriffen.

 

Wir haben Corona-Krise und Quarkundso.de unterbricht die übliche Nörgelei, um für seriöse Informationen zu sorgen. Wir gehen jetzt energisch gegen Fake-News, falsche Versprechen, Scharlatane, Esoterik und Panikmache vor.

Na gut, damit bleibt alles beim Alten. Nur achten wir jetzt besonders auf Nutzwert, weswegen es in jedem Beitrag dieser Tage handfeste Tipps gibt.

Heute geht es um die Gefahr, sich anzustecken, und um das Immunsystem, wobei automatisch das Essen ins Spiel kommt: Wie stärke ich durch richtige Ernährung mein Immunsystem gegen die Viren?

Ja, das ist eine gute Frage. Die stellen jetzt nicht nur viele, es gibt auch viele, die Antworten geben – leider die falschen.

Das Muster ist immer gleich: Natürlich muss es „ausgewogene Ernährung“ sein, was immer damit gemeint ist. Es folgt der heiße Tipp, viele Vitamine zu sich zu nehmen, dann kommt die Liste der Lebensmittel, aus denen letztere stammen sollen. Das sind immer „viel Obst und Gemüse“.

 

Schluss mit dem Quatsch

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Damit machen wir jetzt ein für alle Mal Schluss, dieser Unsinn muss aufhören.

Erstens gehört zu einem fitten Immunsystem vor allem Schlaf, Bewegung, frische Luft, Sonnenlicht, gute Gene und allgemeine Gesundheit, das vorab. Vor allem aber lässt sich das Immunsystem nicht mal eben mit ein paar Tellern Salat oder ein paar Äpfeln auf Vordermann bringen.

Die Körperabwehr ist nämlich eine komplizierte Sache. Wer allgemein gesund ist und ein- oder zweimal im Jahr einen Schnupfen hat, muss sie jetzt jedenfalls nicht besonders stärken.

Er oder sie macht alles richtig und sollte lieber möglichst wenig an seinen Ernährungsgewohnheiten ändern, damit das so bleibt.

Nebenbei gesagt ist auch die allgemeine Vorstellung, das Immunsystem sei unbedingt „zu stärken“, durchaus fragwürdig, für erstaunlich viele Menschen: Mehr als ein Drittel aller Deutschen hat ein anderes Problem.

Das betrifft alle Allergiker, Asthmatiker, dazu Menschen, die an Neurodermitis, diversen Arten von Rheuma; Multipler Sklerose, Morbus Crohn und anderen Autoimmunkrankheiten leiden, außerdem Patienten, denen ein Organ eingepflanzt wurde: Sie sollen ihr Immunsystem gerade nicht extra aktivieren.

Die große Gruppe der Allergiker und Autoimmunkranken haben diese Krankheiten nämlich, weil ihr Immunsystem nicht zu schwach, sondern zu stark, weil überaktiv ist. Darüber hinaus ist es gestört und falsch programmiert.

Deshalb soll es nicht weiter angeregt, sondern lieber gedämpft und reguliert werden, damit die aggressiven Immunzellen das körpereigene Gewebe nicht angreifen, oder etwa eingepflanzte Spenderorgane.

 

Nicht stärken, sondern beruhigen

Hinter Niesanfällen kann eine Allergie stecken.

Daher greift der Schluss zu kurz, dass Leute, die oft Infekte oder eine laufende Nase haben, automatisch an einem schwachen Immunsystem leiden.

Ihre Nase kann auch laufen, weil ein überaktives Immunsystem auf jeden Reiz oder Eindringling zu scharf schießt.

Ärzte raten diesen Betroffenen also eher nicht, zum Beispiel die beliebten Immunmittel aus Sonnenhut (Echinacea) oder exotischen Pflanzen auf eigene Faust einzunehmen.

Das stereotyp empfohlene „frische Obst und Gemüse“ taugt zur Regulierung des Immunsystems auch nicht, jedenfalls nicht alleine.

Anderes muss mit ins Spiel kommen, und das gilt auch für alle Gesunden oder nur saisonal Geschwächten: Omega-3-Fette, die vor allem in tierischen Lebensmitteln stecken, bestimmte Bakterienkulturen, wie sie in Sauerkraut, Jogurt oder auch speziellen Jogurt-Drinks mit zugesetzten Bakterienkulturen vorkommen, überhaupt auch in Milch, Fisch, Butter und Eier, weil diese unter anderem gute Fette, Zink und gleich mehrere wichtige Vitamine, darunter Vitamin D, liefern.

Zink und Vitamin D zum Beispiel gelten als stabilisierend für das Immunsystem – und Überraschung! Frisches Obst und Gemüse sind dafür nicht die Hauptlieferanten.

 

Wo stecken die Vitamine drin?

Obst ist gut. Reicht aber nicht, um das Immunsystem fit zu halten.

Aber genau bei diesem Thema fliegen viele Ratgeber aus der Kurve: Sie reiten auf den Vitaminen herum, nennen dann aber genau die Lebensmittel nicht, in denen diese drinstecken.

So geschehen zum Beispiel bei Netdoktor.at:

„9 Tipps gegen ein schwaches Immunsystem“ kündigt das Portal an, und erwähnt ausdrücklich die Pandemie:

„Wir haben 9 Tipps, die Ihr schwaches Immunsystem stärken und sich vor Viren schützen. In Zeiten des grassierenden Coronavirus besonders wichtig.“

Die ersten Ratschläge lauten dann auch gleich:

„Ausgewogene Ernährung mit viel Gemüse und Obst
Sonnenlicht und Vitamin D“

Weiter heißt es:

Bakterien, Viren, Pilze und andere Parasiten: Um uns herum tummeln sich unzählige schädliche Mikroorganismen, manche sind vor allem für Ältere und Immungeschwächte bedrohlich, wie zum Beispiel das Coronavirus.

Ob Schnupfen oder andere Infektionen: Warum werden manche Menschen krank, und andere nicht? Viele sind deutlich anfälliger für Virusinfektionen. Schuld daran ist oft ein schwaches Immunsystem.

Wir haben für Sie einige Tipps gesammelt, wie man mit einfachen Maßnahmen ein schwaches Immunsystem stärken kann.

1. Richtige Ernährung für die Abwehrkräfte

Für ein gut funktionierendes Immunsystem braucht der Körper viele verschiedene Vitamine und Nährstoffe. Dazu zählen insbesondere:

• Vitamin A
• Vitamin B6
• Vitamin B12
• Vitamin C
• Vitamin D
• Vitamin E
• sekundäre Pflanzenstoffe
• Zink
• Selen
• Eisen
• Kupfer

Immer mehr Wissenschafter vermuten einen direkten Zusammenhang zwischen der Darmgesundheit und dem gesamten Immunsystem – daher ist auch ballaststoffreiche Kost bei einem schwachen Immunsystem ein guter Tipp. Bio-Lebensmitteln aus heimischem Anbau wird zusätzlich ein besonderer Gesundheitsnutzen zugesagt.

Die meisten dieser Inhaltsstoffe sind durch eine ausgewogene Ernährung ausreichend gedeckt. Als besonders gut für die Immunabwehr gelten jedoch beispielsweise:

• Brokkoli
• Kohl
• Karotten
• Tomaten
• Knoblauch
• Spinat
• Zitrusfrüchte
• Dunkle Beeren und Trauben
• Nüsse

Fleisch: wertvoll für das Immunsystem.

Doch der Blick in eine Vitamintabelle zeigt:

Für die Vitamine A, B6, B12 und D, dazu Zink, Selen und Eisen sind Fleisch, Fisch, Eier und Milch hervorragende, wenn nicht sogar die besten Quellen.

B-Vitamine kommen in pflanzlichen Lebensmitteln so gut wie gar nicht vor, weshalb strenge Vegetarier dafür Pillen schlucken müssen.

Auch Eisen wird aus Pflanzen vom Köper nicht so gut aufgenommen, und für Zink ist Fleisch die beste Ressource.

Dazu verliert der Netdoktor aber kein Wort, auch nicht, dass Immunzellen, Achtung, aus Protein bestehen. Und um diese zwecks Abwehr in Massen herzustellen, damit sie Krankheitserreger attackieren können, braucht der Körper, nun ja, wiederum Protein.

Fast reflexhaft wiederholen selbst Fachleute diese Leier mit Obst und Gemüse für das Immunsystem, als ob verschaltete Synapsen mit „Vitaminen“ automatisch „Obst und Gemüse“ verbinden – wider besseres Wissen.

Sollte das Verschweigen des richtigen Zusammenhanges aber bewusst sein, ist die Ideologie klar: Fleisch, Fisch, Eier und Milch mögen zwar voller Vitamine, Mineralstoffe und wertvoller Proteine stecken. Aber man will die tierischen Produkte nicht empfehlen.

Erstens, weil sie aus unbestimmten Gründen als „ungesund“ gelten, was von interessierten Kreisen, darunter Fastenkliniken, Naturheiler, Homöopathen, Veganern und Vegetariern, befeuert wird.

Zweitens, weil man wegen Klima und Tierschutz jetzt in Bezug auf Essen nicht gerne die Wahrheit sagt, sondern lieber umlenkt auf „pflanzliche Kost für das Klima“.

Dabei könnte und sollte man gerade den Corona-Infizierten und den Risikogruppen reinen Wein einschenken – den Abwehrkräften zuliebe: „Ab und an sollte es ein Stück Fleisch sein, oder Fisch, oder ein Ei. Brate Dir doch mal eine Leber für das Vitamin A. Und wenn Du Dir ab und an noch ein schönes Bio-Frühstücksei machst und ein Glas Weidemilch trinkst oder einen Jogurt isst, dann freut sich Dein Immunsystem!“.

„Ab und an“ heißt übrigens: ein- oder zweimal in der Woche, zum Beispiel. Ein Glas ist ein kleines Glas von 250 Milliliter, Jogurt, Butter und Käse gehen täglich. Und das ist alles im Rahmen sämtlicher Klimadiäten, keine Sorge.

 

Unbemerkt angesteckt: die Superverbreiter

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Das Geraune um die Vitamine in Gemüse und Obst „für das Immunsystem“ ist zurzeit jedenfalls irreführend, ebenso wie das Bewerben von angeblich immunstärkenden Vitamingaben.

Scharlatane versuchen, damit ein Geschäft machen, davor haben gerade die Verbraucherzentralen gewarnt, am 17.3.2020.

Es ging, siehe Link unten, um fragwürdige Hersteller und vorgebliche Heiler, die auf der Vitamin- und Mineralstoffwelle reiten und versuchen, die Angst der Menschen vor Corona-Infektionen auszunutzen.

In Zeiten der allgemeinen Verunsicherung ist dieser Betrug doppelt schamlos und schädlich, weil diese Schwindler nicht nur der Gesundheit, sondern auch der Aufklärung und der Bildung von Wissen schaden.

Wie es aber wirklich mit dem neuen Corona-Virus und dem Immunsystem steht, sollte sich jeder klarmachen, der sich um seine eigene Gesundheit und die seiner Lieben sorgt: Das Virus kann alle Menschen befallen – auch die mit starken Abwehrkräften.

Das ist ein böser Trick, denn die Widerstandsfähigen merken davon nichts.

Sie haben einen symptomfreien oder unauffälligen Verlauf, und stecken Schwächere, Ältere und Risikopersonen an – sie werden sogenannte Superverbreiter.

Das ist aus der Perspektive des Bevölkerungsschutzes ein Teil des Problems, deshalb hat die Regierung dieser Tage Notfallmaßnahmen erlassen, Geschäfte und Grenzen geschlossen, Versammlungen verboten und Heimarbeit empfohlen.

Eine wirklich spannende Geschichte zur Erforschung des Phänomens der Superverbreiter hat 2015 die WELT aufgeschrieben, steht gleich unten in den Links, bitte lesen, wird nächstes Mal abgefragt.

(UPDATE: Auch der SPIEGEL hat jetzt das Thema aufgegriffen: Vorsicht, junge Leute können Superverbreiter werden, wichtig, bitte lesen, Link steht unten)

 

Männer und Raucher gefährdet

Grafik mit runden Virenkörpern, die viele stachelige Fortsätze haben

Viren mutieren und wandeln sich ständig.

Noch ein Wort zu den Risikogruppen:

Bekanntlich sind das Alte, Schwache und Menschen mit Vorerkrankungen, darunter Asthmatiker und Diabetiker.

Doch es gibt mehr: Raucher sind stärker gefährdet, was kein Wunder ist, denn ihre Lunge ist vorgeschädigt, die Atemwege gereizt.

So kann sich das Corona-Virus leichter einnisten. Eine eiserne Regel lautet daher: Nicht rauchen.

Auch zeigen die Daten aus China und Korea, dass in allen Alters- und Betroffenengruppen Männer häufiger an dem Corona-Virus sterben. Der Grund steht noch nicht fest, einer kann aber wieder das Rauchen sein, denn weltweit rauchen mehr Männer als Frauen.

Dahinter könnte aber auch Achtung, ein unbekannter Faktor aus dem Immunsystem stecken.

Das Immunsystem von Männern reagiert etwas anders als das von Frauen, viel Testosteron unterdrückt zum Beispiel eine Immunantwort, das ist schon lange bekannt.

Die körpereigene Abwehr gibt weitere Rätsel auf, wenn neue Viren irgendwo auf der Welt der tierisch-menschlichen Ursuppe entspringen. Darauf weist der Verlauf besonders schwerer Grippewellen hin, etwa in der Pandemie von 1918 mit der sogenannten Spanischen Grippe.

In allen Ländern fielen dieser Virenvariante auffallend viele Erwachsene aus der jüngeren Lebensphase zum Opfer, zwischen 20 und 40 Jahre. Das ist ein Alter, in dem die körpereigenen Abwehrkräfte voll auf der Höhe sind. Bei anderen Grippeepidemien starben dagegen mehr Kinder, Ältere und Vorerkrankte.

Bis heute rätseln Forscher, was der Grund dafür sein könnte, dass ein neuartiges Virus gerade robuste, gesunde Menschen dahinrafft. Eine Spur führt zum Immunsystem, denn hier liegt der Unterschied zu den anderen Gruppen. Doch die Frage ist bis heute offen.

 

Essen gegen die Pandemie – die ultimativen Tipps von Quarkundso.de

Hühnersuppe hilft traditionell gegen Erkältungen.

Aber Schluss mit Rätselraten, kommen wir zu Lösungen und zur Praxis: Wie soll man denn nun wirklich essen?

Wir legen uns fest: Wenn Sie gesund sind, essen Sie eine vielfältige Mischkost mit Gemüse, Fisch, Fleisch, Milch, Jogurt, Käse, Nudeln, Brot, ganz normalen Sachen, die Sie mögen.

Und essen Sie möglichst abwechslungsreich.

Wenn Sie gerade erkrankt sind, hoffentlich nicht an Corona, sondern nur an einem harmlosen Schnupfen oder einem grippalen Infekt: Essen Sie wie oben.

Nur weniger, vielleicht auch einfach nach Lust und Laune. Denn wer Fieber hat, hat weniger Hunger oder mag nur bestimmte Dinge. Das ist eine ganz normale Reaktion des Körpers, der man nachgeben sollte.

Erwiesenermaßen hilft hier übrigens ein ganz altes Hausrezept, das weder frisches Obst noch frisches Gemüse enthält: Omas Hühnersuppe.

Die Brühe aus einem lange ausgekochten Huhn – bis drei Stunden und mehr – hilft bei Erkältungen und grippalen Infekten wirklich, wie Forscher zeigen konnten. Der Hintergrund ist die entzündungshemmende Wirkung des lange ausgekochten Kollagens aus Knochen und Haut des Suppenhuhns, eine Rolle könnten auch die günstigen tierischen Fettsäuren aus dem Geflügelfett spielen.

Wie auch immer: Vielfalt und Abwechslung sind wichtig für das Immunsystem, vor allem aber das allgemeine Wohlbefinden, damit der Körper nicht aus dem Gleis gerät. Das würde Stress bedeuten, und der wiederum schädigt nachweislich das Immunsystem.

©Johanna Bayer

Leider irreführend: Netdoktor.at zu Ernährung bei Corona

Die Verbraucherzentralen warnen vor unseriösen Heilsversprechen rund um Vitamine

Geniale Geschichte: DIE WELT von 2015 über Superverbreiter

UPDATE: Nachdem dieser Beitrag auf Quarkundso.de am 18.3.2020 um 0.15 erschienen ist, berichtet auch der SPIEGEL am Nachmittag des Tages über Superverbreiter: Junge Menschen unter 30 könnten zu Virenschleudern werden. Das sind die mit dem „starken Immunsystem“ – lesen! Wir bleiben dran!

 

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