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Schon wieder Zucker im SPIEGEL – und was wirklich dick macht

Zu Zucker ist eigentlich alles gesagt. Besonders vom SPIEGEL. Aber die Leier mit dem weißen Gift und der unheimlichen Lobby kommt immer wieder, wie in der Titelgeschichte vom 5.4.2018. Quarkundso.de verweist stattdessen auf ein umfangreiches Zucker-Dossier. Und enthüllt, dass sich an die wahren Dickmacher keiner rantraut.

Zuckerzeug – die Aufregung um den Süßkram lohnt nicht. Einfach weniger davon essen. Aus.

Och nöööö, SPIEGEL! Nicht schon wieder die Zucker-Nummer! Das ist doch langweilig.

Es gibt nichts Neues zur Sache, und das Rumreiten auf der angeblichen Lobby-Verschwörung in den USA, wie in der Titelgeschichte vom 5.4.2018 ausgewalzt, bringt für deutsche Verhältnisse nichts.

Es ist auch etwas fade, dass der Autor, SPIEGEL-Redakteur Jörg Blech, in dem Artikel lange Passagen aus seinem 2017 erschienenen Buch aufwärmt.

Dazu montiert er einen Arzt als O-Ton-Geber und einen netten szenischen Einstieg mit Schulkindern – zack, fertig ist die neue Titel-Story im Blatt.

Beides funktioniert übrigens nur mäßig.

Das mit dem zuckerfreien Vormittag in der Grundschule zeigt beispielhaft, wo wirklich die Verantwortung liegt, nämlich bei den Eltern und den Betreibern der Schulkioske.

Der Arzt, Dr. Stephan Martin aus Düsseldorf, den Blech ausgegraben hat, wird vor allem sekundär zitiert, nämlich aus seinem Buch. Aber Blech hat auch mit ihm persönlich gesprochen. Ein Zitat ist im Artikel fett gesetzt

Zucker macht nicht krank?
„Es ist bedauerlich, dass Leute einfach Unwahrheiten von sich geben.“

Kaum ein Mediziner hält was von der Zucker-Hysterie

Stephan Martin ist aber vor allem ein Praktiker und Diabetologe, der einer Low-Carb-Ernährung für Diabetiker anhängt. Es geht ihm um Ernährungsempfehlungen für Diabetiker sowie um Kohlenhydrate allgemein, speziell um Stärke, und nicht um weißen Zucker als Stoff. Die einseitige Konzentration auf Zucker hält Martin nicht für zielführend. In Fachartikeln kritisiert er das alleinige „Anprangern von Haushaltszucker“ wie in der Anti-Zucker-Kampagne einiger Krankenkassen.

Er ist für den SPIEGEL aber der einzige ärztliche Kronzeuge, den Blech aus konkretem Gespräch zitiert. Denn sonst ist wohl kein seriöser Mediziner für die Panikmache der Zuckerfeinde zu haben.

Natürlich sind alle Fachleute dafür, Übergewicht zu bekämpfen und in diesem Zuge weniger Zucker – unter anderem – zu essen. Aber die Hysterie dem reinen Stoff gegenüber teilen sie nicht.

Diese Reserviertheit der Experten liegt auch an den vielen verzerrten Details und der Schwarz-Weiß-Malerei, mit der die Zucker-Gegner in den Ring steigen.

So suggeriert Blech, dass Zucker, den wir essen, hohen Blutzucker macht und die Arterien verklebt, und dass die Lebensmittelindustrie absichtlich Zucker zusetzt, um Menschen zu unkontrollierten Fressanfällen zu verleiten.

Beides ist Unsinn.

 

Indien: Gesunder Zuckersaft

Dass die Hersteller Zucker zufügen, um die Kunden abhängig zu machen und deren Gehirne zu manipulieren, ist eine Verschwörungstheorie reinsten Wassers und kommt kurz hinter Chemtrails.

Ja, die Industrie tut Zucker rein. Und zwar überall dort, wo die deutsche Hausfrau und der durchschnittliche Koch auch Zucker reintun. Die Rezepte funktionieren übrigens ziemlich gut, und sie wurden über Jahrtausende erprobt: Zuckerbäcker waren schon im alten Indien und im Arabien des Harun Al Raschid eine angesehene Zunft.

Tatsächlich gilt Zuckersaft, frisch gepresst aus Zuckerrohr, noch heute in Indien als gesund, nämlich als gut für die Nieren, wirksam gegen Krebs, ausleitend und reinigend, gemäß ayurvedischen Prinzipien. Auf Märkten stehen die Menschen dafür Schlange, wie Quarkundso.de auf Recherchereise dokumentieren konnte.

Und ja, in Europa sollte man natürlich nicht so viel Rübenzucker essen. Das liegt daran, dass hier der Ernährungsstil viel üppiger ist als in Indien und man schnell dick wird. Es stimmt auch, dass – im Schnitt – alle zu viel Zucker zu sich nehmen, und viel mehr davon essen als früher überhaupt möglich.

Doch die Lösung dafür ist einfach: weniger Süßes essen. Das ist alles.

Hier noch die Beweisbilder von einem Marktstand mit Zuckerrohr im südindischen Goa. Der Zuckersaft, versetzt mit ein paar Tropfen Limette, schmeckt übrigens köstlich.

 

 

 

Welcher Zucker verklebt das Blut?

Um das zu erreichen, muss man sich halt am Riemen reißen. Und auch die eigene Küchenpraxis, eigene Geschmacksgewohnheiten, Alltagsrituale wie „Naschen“ oder den „kleinen Hunger zwischendurch“ in Frage stellen.

Produkte, die die Industrie auf den Markt wirft, nutzen nur die eigenen Schwachstellen und sind schlicht das, was die Kunden auf Teufel komm raus verlangen. Denn so sieht es aus: Der Deutsche will die süße Note, und zwar in allem, von Salatdressing über Rotkraut und Gewürzgurken bis zur Tomatensuppe.

Wir können gar nicht genug dagegen polemisieren, und speziell für die Chefin von Quarkundso.de  ist dieses Süßgepansche in allen Speisen die Pest. Allerdings ist das vor allem eine Geschmacksfrage. Es geht nicht um Zucker als Stoff.

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Was den Zucker im Blut aber angeht: Der kommt vom Überessen, und zwar auch, wenn Menschen, speziell Übergewichtige, keine Süßigkeiten in sich reinstopfen. Man kann sich die Kilos und die darauf folgende Insulinresistenz nämlich auch mit Brot und Nudeln, Fleisch, Wurst und Obst (so gesund!) anfressen.

Der Körper wandelt, was Herrn Blech sehr wohl bekannt ist, alle Kohlenhydrate wie Stärke, aber auch Eiweiß in Blutzucker – Glukose – um, vermutlich sogar gespeicherte Fettsäuren.

Man muss für einen hohen Blutzucker also keinen Rüben- oder Rohrzucker, Saccharose, gegessen haben. Ernährungsprotokolle von Medizinern beweisen das: Sie zeigen, dass schwer Übergewichtige oft wenig Süßes essen, dafür aber allerlei anderes, darunter vor allem Wurst, Nudeln, Obst und Brot.

Und das oft und viel. Das ist das Problem. Und nicht der weiße Haushaltszucker.

 

Statt Zucker: gepimpte Süßmittel aus Genmais

Wir von Quarkundso.de wollen uns daher mit dem aufgewärmten Buchkapitel, das der SPIEGEL als aktuelle Titelstory verkauft, nicht weiter abgeben.

Auch halten wir Zucker in der Küche für unentbehrlich – und Gott bewahre uns vor künstlichen Ersatzstoffen wie dem gepimpten Fruktosesirup aus genmanipuliertem Mais oder synthetischen Süßmitteln wie Sucralose, die ebenfalls aus Genmais gebastelt werden.

Beide Stoffe sind zwar inzwischen in der EU zugelassen, aber zu Recht umstritten, weil sie neu sind für den Organismus und der Mensch nicht an sie angepasst ist. Dagegen ist echter Zucker ein Waisenkind. Und er ist auch geschmacklich überlegen, was Tests immer wieder ergeben.

Wer aber auf Zucker als „gefährlicher Substanz“ so herumreitet wie Jörg Blech, der provoziert, was uns im großen Stil droht: Die Industrie sucht chemisch erzeugte Ersatzstoffe, um die Süße zu erhalten, aber „zuckerfrei“ auf ihre Produkte schreiben zu können.

Quarkundso.de empfiehlt daher klar:

Esst lieber echten Zucker.

Wenig.

Aus.

 

Das Zucker-Dossier von Quarkundso.de

Dabei kann es natürlich nicht bleiben. Das ist kein Service. Mit Recht erwarten unsere Leser mehr von Quarkundso.de.

Wir lassen uns da nicht lumpen. Aber weil auch immer Beschwerden über elend lange Textriemen kommen, müssen wir auf die Aktenlage verweisen.

Vielmehr: Wir gehen davon aus, dass unsere Qualitätsleser die Beiträge zu Zucker auf Quarkundso.de kennen. Dazu gehört zum Beispiel der Artikel über die Arte-Doku „Die Zuckerlüge“, auch der Nachschlag zu Zucker und Wurst, als es um angebliche „Grenzwerte“ ging.

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Außerdem der Beitrag über den Fehltritt des NDR vom letzten Winter: Der Sender jagte durch das Netz, dass Zucker auf das Gehirn wirke „wie Kokain“ und dass angeblich „deshalb“ die WHO die Empfehlung zur Zuckermenge geändert habe.

Hier stellen wir die tatsächliche wissenschaftliche Lage dar, was für das Verständnis des SPIEGEL-Titels von Bedeutung sein könnte.

Diese Beiträge sind durchzuarbeiten und werden bei nächster Gelegenheit abgefragt. Die Links dazu stehen – Service! – unten.

Sodann kündigen wir neue Artikel zum Thema an. Es soll eine lose Folge werden, die sich mit Übergewicht und Abnehmen beschäftigt, und den Dingen, die man dafür tun oder lassen, und vor allem weniger essen und trinken sollte.

 

Die Seuche der Zivilisation: Übergewicht

Neben Zucker gilt es nämlich, weitere Übeltäter dingfest zu machen. Es gibt eine ganze Reihe von stillen Killern, die an der Seuche der modernen Zeit, dem Übergewicht, Schuld sind. Aber kaum will sie benennen.

Nur die Weltgesundheitsorganisation, die WHO, hat sich vor kurzem aus der Deckung gewagt und den Versuch gestartet, einen schlimmsten Dickmacher zu brandmarken: Er sollte auf keinen Fall mehr beworben, vielmehr endlich gesellschaftlich sanktioniert werden.

Denn was wird in seiner gefährlichen Wirkung auf das grassierende Übergewicht seit Jahrzehnten verkannt und verharmlost, schon im Jugendalter?

Was wütet in ganz bestimmten Ländern auffallend? Verheerend?

Die WHO hat es Ende 2017 enthüllt. Aber keiner, auch der SPIEGEL nicht, hat sich getraut, das heiße Eisen anzupacken und daraus eine große Story zu machen.

Denn nur Zucker scheint der ausgemachte Sündenbock und willfähriges Opfer – an die großen Dickmacher des Nordens will keiner ran.

 

WHO: Bier macht besonders dick!

Glaskrug mit Bier vor blauem Himmel

Bier: Der heilige Gerstensaft ist laut WHO ein Dickmacher

Einer von ihnen ist das Bier.

Ja, Bier ist ein Problem – und die WHO hat am 29.12.2017 tatsächlich Werbebeschränkungen für Bier gefordert.

Bier macht nämlich besonders dick, sagte eine WHO-Ernährungswissenschaftlerin namens Juana Willumsen der dpa.

Sie ist Expertin für Übergewicht bei Kindern und Jugendlichen, und sie hat mit Blick auf diese Gruppe nicht nur Werbeverbote für Süßigkeiten, Fastfood und Softdrinks im Auge.

Sondern auch für Bier. Denn das trage zum steigenden Gewicht vieler Erwachsener bei und das Problem beginne schon mit der üblichen Sozialisation im Jugendalter.

Tatsächlich zeigen Zahlen, dass auffallend viele Biertrinker- und Brauerländer wie Deutschland, England und Tschechien in Europa die dicksten Bäuche haben. Sie haben also die größten Probleme mit dem Übergewicht, zugleich mit einem hohen Bierkonsum.

Noch dazu ist Bier die Einstiegsdroge für Alkoholkonsum generell. Auch hier legen die Zahlen Beunruhigendes nahe: Die Länder, in denen viel Alkohol getrunken wird, weisen auch hohe Zahlen beim Übergewicht auf. Zusammen mit Tschechien, England und Ungarn liegt Deutschland auch hier wieder weit vorne.

Weinländer wie Italien und Frankreich dümpeln dagegen zufrieden im Mittelfeld oder weiter unten herum, und zwar sowohl bezüglich des Alkohols als auch bezüglich des Übergewichts.

In einem anderen früheren Beitrag von 2016, als es um Fleisch ging, hatten wir das schon angerissen, geradezu visionär die Position der WHO vorweggenommen. Hier die Originalpassage:

Höchstens halb so viel Bier!
2015 lag der Bierkonsum bei 105 Litern pro Kopf und Jahr – das ist für jeden, vom Baby bis zum Greis, ein Bier am Tag. Was das in absolutem Saufen für die notorischen Feierabendtrinker heißt, mag man sich gar nicht ausdenken.
Dabei ist Bier für die Ernährung höchst nutzlos und noch nicht einmal ein Lebensmittel. Außerdem enthält es nicht nur den giftigen Alkohol, sondern macht auch noch dick und lässt Männern Brüste wachsen. Ab sofort also nur noch die Hälfte: Höchstens jeden zweiten Tag ein Bier, lieber aber überhaupt keins. Das spart Emissionen im Hopfenanbau und wird auch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen empfohlen.

Weniger Bier, davon sind wir überzeugt, könnte das Problem mit dem Übergewicht erheblich entschärfen, vor allem bei Männern in Deutschland. Denn die sind noch häufiger dick als Frauen, was vom wesentlich höheren Alkoholkonsum der Männer wohl kaum zu trennen sein dürfte: Sie trinken doppelt so viel Alkohol wie Frauen, und sechsmal so viel Bier.

 

Die Leier von den Studien und der Eigenverantwortung

Interessanterweise hat aber das Interview, das die dpa mit der Expertin von der WHO führte, praktisch nichts bewirkt. In Deutschland gab es ein paar Meldungen, dann war es sehr schnell wieder still.

Unser Brauhandwerk! Die Tradition! Die Bierkultur! Das Reinheitsgebot!
Ausgeschlossen, dass dieses Fass angestochen wird. Niemand, wirklich niemand hat die Warnung der WHO-Expertin ernsthaft aufgegriffen.

Kein Wunder.

Denn seit Jahren werden die Hinweise auf einen Zusammenhang zwischen Übergewicht und Alkoholkonsum, speziell dem Biertrinken, von interessierten Kreisen heruntergespielt: Natürlich kommt es auf die Menge an, natürlich gibt es verschiedene Studien, natürlich gibt es Hinweise darauf, dass das alles nicht so ist wie es scheint, dass die Vorwürfe nur auf Annahmen und windigen Korrelationen von Zahlen beruhen, dass mäßiger Alkohol- und Bierkonsum nicht schadet, im Gegenteil, er könnte vielleicht auch nützen, außerdem muss das Leben ja noch lebenswert bleiben und Werbeverbote bringen sowieso nichts.

Es ist dieselbe Argumentationsstrategie, wie sie – als reflexhafte Masche – der Zuckerindustrie vorgeworfen wird: das Herumreiten auf Studien und auf der Lebensqualität, das Pochen auf Eigenverantwortung und Maßhalten, und das Ablehnen von Verboten.

Nur sind beim Bier alle einverstanden. Beim Zucker nicht.

Aber ist der unschuldig-weiße Süßstoff wirklich gefährlicher als Bier, das erwiesenermaßen ein gefährliches Nervengift enthält?

Wohl kaum.

 

„Biertrinker aller Länder, vereinigt euch!“

Aber sogar Ärzte steigen für Bier ins Geschirr: Nach der WHO-Warnung tat das auch ein Mediziner in einem Artikel der Ärzte-Zeitung vom 17.01.2018. Der Internist, überschrieb seinen Artikel mit dem Aufruf „Biertrinker aller Länder, vereinigt auch!“.

Dann führte er die gemischte Studienlage aus, bescheinigte Juana Willumsen und der WHO mangelnde Sachkenntnis (!) und sprach sich, Achtung, allgemein gegen Verbote bei Lebensmitteln und Werbung aus:

„Gewichtszunahme bei Kindern und Erwachsenen ist ein wirkliches Problem, das nicht durch irgendwelche Verbote von Werbung gelöst werden kann. Wichtig ist die Stärkung der Eigenverantwortung jedes Einzelnen…“

Ein bemerkenswerte Position, denn sie richtet sich generell gegen Versuche, die Werbung für Süßigkeiten, Junkfood, Bier und andere Dickmacher von Gesetz wegen einzuschränken. Und das von einem Arzt, in der Ärztezeitung, nicht etwa vom Deutschen Brauerbund oder vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie.

Man kommt ins Nachdenken, wenn man die Argumentation des SPIEGEL-Mannes Blech daneben stellt, der genau das fordert – Verbote und Gesetze, die endlich der Industrie das Handwerk legen, ein energisches Einschreiten der Politik, einen Schutz der Menschen vor den Machenschaften der bösen Hersteller und korrupter, ja, Mediziner und Forscher.

 

Der Arzt, der gegen Werbeverbote ist

Noch mehr ins Nachdenken kommt man, wenn man sieht, welcher Arzt es ist, der sich da im Ärzteblatt gegen Werbeverbote und für die Eigenverantwortung stark macht.

Es ist nämlich Dr. Stephan Martin, der Gewährsmann von Jörg Blech. Ja, eben der, den Blech zitiert. Der Mann ist offensichtlich durchaus gemischter Meinung zu Lebensmitteln im Allgemeinen und zu den richtigen Strategien zur Vermeidung von Übergewicht und Diabetes.

Natürlich war das eine Sache für die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de. Die haben sich gleich festgebissen wie die Terrier und so lange rumgenervt, bis sie Dr. Martin in Düsseldorf ans Telefon bekommen haben.

Das Gespräch ergab, was ein Gespräch mit einem vernünftigen Mediziner ergeben kann: Der Zucker ist es nicht allein, vor allem weniger Kohlenhydrate im Allgemeinen sind wichtig, rät der Spezialist. Dabei hat er Diabetiker und Übergewichtige im Blick, die krank sind und abnehmen wollen.

Wenn jemand gesund und normalgewichtig ist, braucht er sich keine Sorgen um etwas Zucker zu machen, sagt Dr. Martin. Und von Werbeverboten und speziell der Lebensmittelampel hält er tatsächlich nichts.

Das war’s. Damit ist zu Zucker eigentlich alles gesagt. Was sonst noch zu sagen ist, gibt es wie angekündigt in der neuen Serie. Leitmotiv und Arbeitstitel: „Was zum Leben nötig ist – und Produkte, die die Welt nicht braucht“.

©Johanna Bayer

 

SPIEGEL-Titel zu Zucker vom 5.4.2018

Dr. Stephan Martin, Düsseldorf, über die Zucker-Gipfel der Krankenkassen 2017

Das Zucker-Dossier von Quarkundso.de:

Über Arte und die Doku „Zucker-Lüge“

Nachschlag zur Diskussion um die neue WHO-Empfehlung zu weniger Zucker

NDR-Visite und die Behauptung, Zucker wirke im Gehirn wie Kokain

Dr. Stephan Martin in der Ärztezeitung mit dem Aufruf „Biertrinker aller Länder, vereinigt euch!“

ARTE und der Glaubenskrieg um die Milch: Fernsehen, postfaktisch.

ARTE hat die Milch zur großen Streitfrage erklärt und will zeigen, warum das beliebte Lebensmittel heute – angeblich – stark umstritten ist. Dazu geht ein renommierter Filmemacher auf Spurensuche. Doch am Ende dürfen Esoteriker gleichberechtigt neben renommierten Wissenschaftlern stehen: Das ist postfaktisches Fernsehen im Gewand des investigativen Dokumentarfilms.

 

Schale, Kännchen und Flasche Milch vor blauem Hintergrund

Milchidylle: rein, weiß, gut? Von wegen, sagt ARTE. Bild: Daria Yakovleva

Ich liebe das Wort des Jahres 2016, postfaktisch. Jedes Jahr wählt die Gesellschaft für Deutsche Sprache so ein Wort, das gesellschaftliche Debatten geprägt oder begleitet hat. Selten ist das so gelungen wie jetzt:

Das Kunstwort postfaktisch verweist darauf, dass es heute zunehmend um Emotionen anstelle von Fakten geht. Immer größere Bevölkerungsschichten sind in ihrem Widerwillen gegen »die da oben« bereit, Tatsachen zu ignorieren und sogar offensichtliche Lügen zu akzeptieren. Nicht der Anspruch auf Wahrheit, sondern das Aussprechen der »gefühlten Wahrheit« führt zum Erfolg.

Wie das auf hohem Niveau geht, mit der gefühlten Wahrheit und dem Widerwillen, Tatsachen zu akzeptieren, zeigt ARTE.

Die haben einen Dokumentarfilm über Milch gebracht, am 10.1.2017 bei ARTE-Thema: „Milch – ein Glaubenskrieg“, so der Titel.

In diesem Format greift der Sender „aktuelle Debatten aus Kultur, Wissenschaft und Politik“ auf, es soll Fakten bringen, verschiedene Aspekte beleuchten, zur Diskussion inspirieren, andere Perspektiven zeigen.

Ob es um Milch wirklich so eine gesamtgesellschaftlich Kontroverse gibt, sei mal dahin gestellt.

Der Milchverzehr ist in den letzten Jahren mehr oder weniger gleich geblieben, bei Käse sind die Zahlen gestiegen. De facto wird alleine in Deutschland jeden Tag tonnenweise Milch in irgendeiner Form konsumiert*. Milch ist, wie diese Zahlen zeigen, eines der meistverzehrten und dazu am besten kontrollierten und untersuchten Lebensmittel überhaupt.

Es gibt aber eine kleine Szene, die gegen Milch agitiert und erstaunlich viel Aufmerksamkeit bekommt. Das sind Leute, die Milch nicht für ein normales Nahrungsmittel mit Vor- und Nachteilen halten, sondern für ein gefährliches biologisches Dopingmittel.

Und so hat die Redaktion von ARTE-Thema Milch zur großen Streitfrage erklärt und schickt einen renommierten Filmemacher auf Spurensuche. Er soll vorführen, was an der Milch so verdächtig ist und stellt die Anfangsfrage:

Aber ist Milch wirklich so gesund? Seit Jahren tobt eine heftige Diskussion zwischen Befürwortern und Gegnern. Kritiker behaupten, Milch kann moderne Zivilisationskrankheiten wie Allergien, Diabetes und Migräne auslösen – und sogar Krebs.

Befürworter wie Gegner werfen sich gegenseitig aggressive Stimmungsmache vor. Die Folge: Milch und Milchprodukte gehören heute zu den umstrittensten Lebensmitteln überhaupt.
Die Verbraucher sind zunehmend verunsichert: Wem soll man glauben? Wir wollen Klarheit: Ist Milch gesund oder macht Milch krank?“

Die Gretchen-Frage

Eine tiefschürfendes Problem, ganz klar. Die Sache muss dringend aufgeklärt werden, genau wie der Glaubenskrieg um Kondensstreifen am Himmel, die Erde als Scheibe und die Mondlandung – total umstritten, keiner weiß, wie es wirklich ist, wir brauchen endlich klare Antworten.

Wie ARTE diese Frage konstruiert, repräsentiert die Philosophie des postfaktischen Zeitalters in Reinkultur: gesund oder ungesund? Schwarz oder weiß? Gut oder böse? Alles oder nichts?

Man ist sehr gut bedient, wenn man da misstrauisch wird.

Gerade weil im Restleben diese Haltung eher nicht empfohlen wird. Denken in Extremen und starre Schwarz-Weiß-Einteilungen treten, sagen Psychiater, auffallend häufig zusammen mit allerlei seelischen Störungen und wahn- oder zwanghaften Einstellungen auf.

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Der seelischen Gesundheit zuträglich soll es aber sein, wenn man Zwischentöne kennt, Kompromisse macht, Mittelwege und Maß einhält, Vor- und Nachteile erkennt, Risiken abwägt und realistisch bleibt: Die Welt ist nicht schwarz oder weiß, niemand ist nur gut oder nur böse, und zwischen allem und nichts gibt es noch eine Menge.

Und wer bei Lebensmitteln diese Frage nach „gesund oder ungesund“ stellt, disqualifiziert sich garantiert für eine vernünftige Auseinandersetzung über Ernährung.

Das muss reichen

Nein, hier folgt jetzt keine Erklärung dazu, dass Menschen von einer Mischung in der Nahrung leben, Allesfresser, oder, passender, Mischköstler sind und daher Lebensmittel nur im Verhältnis zueinander und in der Mischung funktionieren.

Das kann man nachlesen, Hinweise gibt es auf Nachfrage, aber nur gegen Strafgebühr. Denn Quarkundso.de setzt bei seinen Qualitätslesern Vernunft voraus.

Jetzt aber zurück zum Film. Natürlich ist die Frage am Anfang dramaturgisch motiviert –Storytelling, wie es im Neusprech heißt: In der Exposition sollen so deutlich wie möglich Gegenpole erscheinen, am besten ein grundsätzliches Dilemma, das möglichst tragische Konflikte verspricht.

Das macht die Frage nach „gesund oder ungesund“ aber nicht legitim.

Denn es bleibt dabei: Wer Lebensmittel in „gesund oder ungesund“ einteilen will, hat den Schuss nicht gehört. Und wischt offensiv jeden Kontext, den gesunden Menschenverstand, die Evolution mit der erstaunlich schnellen genetischen Anpassung des Menschen ans Milchtrinken und mindestens 8.000 Jahre Erfahrung mit Milch und Milchprodukten weg.

 

Keine ganz gleichen Lager

Egal – Drama muss sein. Daher dreht sich die Doku volle 45 Minuten um verschiedene Beteiligte am vorgeblichen „Glaubenskrieg“: Milch-Lobbyisten, Wissenschaftler, Ärzte, Bauern, Journalisten, Industrievertreter, Patienten, alles war dabei.

So ganz paritätisch sind die Lager zwar nicht besetzt: Die Milchgegner sind, anders als in der Realität, stärker vertreten, schon rein zahlenmäßig. Aber das will erstmal nichts heißen.

Denn am Ende kommt es ja auf die Argumente und auf das Fazit an, nicht wahr? Auf die Botschaft, die der Zuschauer mitnehmen soll, und die unterwegs vielleicht schon aufschimmert, am Ende aber offenbar wird.

Und das wird sie auch.

Zuvor werden in der Spurensuche alle Seiten der Milch beleuchtet, wirklich, es wird alles aufgeführt, was nur gegen die Milch sprechen könnte.

Darunter ist auch eine schwedische Studie von 2014, die berühmt-berüchtigte Michaelssen-Studie. Da hat ein Forscher aus Uppsala Zahlen präsentiert, nach der Milch das Osteoporose-Risiko erhöhen und nicht etwa senken könnte, so dass Milchtrinker durch Knochenbrüche früher zu Tode kommen. „Drei Gläser Milch am Tag sind tödlich“, titelte die Bild-Zeitung.

Diese Studie hat einige Einschränkungen, und der Zusammenhang der Knochenkrankheit mit einem bestimmten Milchzucker, der D-Galaktose, den Michaelsen aufstellt, ist keineswegs belegt. Die Ärztezeitung schreibt dazu:

Da es sich um eine epidemiologische Studie handelt, lässt sich nicht belegen, dass der Milchkonsum tatsächlich die Ursache für den Anstieg von Mortalität und Frakturen ist. Sogar eine reverse Kausalität kann nicht ausgeschlossen werden – dass Menschen viel Milch trinken, weil bei ihnen ein erhöhtes Osteoporoserisiko erkannt wurde.

Trotzdem präsentiert ARTE diese Studie von 2014 samt Forscher als Kronzeugen gegen die Milch – ohne die Kritik an der Michaelsen-Studie zu erwähnen.

 

Kalte Zahlenfuchserei gegen warmes Mitgefühl

Nicht, dass die Befürworter nicht zu Wort kommen: Der Milchlobbyist schwärmt von den 2000 Käsesorten Frankreichs und seiner langen Tradition, die Forscher Bernhard Watzl vom Max-Rubner-Institut in Karlsruhe und Mediziner Jean-Michel Lecerf vom Institut Pasteur erklären die für die Milch eindeutig günstige Studienlage.

Sie betonen, dass die Kritiker nur Einzelstimmen sind und keine relevanten Daten vorweisen können, dass also die Forschungslage und dazu noch die Erfahrung von Millionen von Menschen und die jahrtausendealte Praxis gegen die vehemente Kritik sprechen, dass Milchprodukte von Milliarden von Menschen konsumiert werden und Milch alles in allem ein ausgezeichnetes Lebensmittel ist.

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Sie verschweigen dabei übrigens keineswegs, dass ein Übermaß an Milch ungünstig ist und dass es Hinweise auf die Verbindung von extrem hohem Konsum von Magermilch (!) – über ein Liter am Tag – mit Prostatakrebs.

Doch im Verlauf entpuppen sich Auswahl und Inszenierung der Protagonisten immer mehr als David-Goliath-Strickmuster: Da die Großen, hier die Kleinen. Da die Etablierten mit Geschäftsinteressen, hier die Außenseiter als Anwälte der Opfer.

Der Gegensatz ist subtil ausinszeniert, zwischen den Polen Warm und Kalt: da die abgehobenen Ernährungsforscher aus riesigen Instituten, hier einzelne Ärzte, die sich ihrer Patienten persönlich annehmen.

Dort die anonyme Zahlenfuchserei der Wissenschaftler, hier die einfühlende, persönliche Erfahrung der Praktiker im Umgang mit leidenden Menschen. Interviews in Labors, Gängen und Treppenhäusern gegen Bilder aus Behandlungszimmern in warmen Farben.

Beim Massentierhalter aus Meck-Pomm gegen den Biobauern aus der Schweiz ist der Fall klar: Der aalglatte Agrarindustrielle aus dem Norden wirkt mit seinem kalten BWL-Jargon – „lange Nutzungsdauer der Kuh“, „eine Kuh muss man managen“ – eindeutig unsympathisch und desavouiert sich selbst.

Dagegen macht der Anblick der Kühe mit echten Hörnern, die auf die Weide geschickt werden, sofort glücklich. Und Lust auf Milch und Käse.

Aber das ist ein Thema für sich – die Bedingungen in der Milchviehhaltung, die hochgezüchteten Superkühe mit Monstereutern. Die Kritik an dem System ist berechtigt.

Warum dieser Part überhaupt eine Rolle im Film spielt, liegt nicht etwa am Tierwohl. Sondern an einer These der Milchgegner: Sie halten besonders die Milch der Turbotiere für schädlich. Und zwar, weil Milch dank moderner Molkereitechnik von vielen verschiedenen Kühen stammt. Das sei gesundheitsgefährdend.

 

Milch: Immunangriff auf den Körper?

Hier tut sich neben dem an sich gut beleumundeten Ernährungsmediziner Max Ledochowoski – „Milch hat, wie wir das heute kennen, mit dem ursprünglichen Nahrungsmittel Milch nurmehr sehr wenig gemeinsam“ – besonders der Chefarzt einer Privatklinik in der Schweiz hervor, ein Dr. Thomas Rau.

Den besucht das ARTE-Team, und Rau erklärt, dass in den Molkereien die Milch tausender Turbo-Tiere zusammengeschüttet wird, samt ihren Hormon- und Antibiotika-Resten:

„Sie haben ein immunologisches Wirrwarr. Bei uns in der Region sind es 30.000 Kühe, deren Milch zusammengegossen wird, und daraus werden die Produkte hergestellt. Das heißt, wir haben 30.000 individuelle immunologische Profile, die da aufgenommen werden…. eine Lawine von immunologischer Information, die auf unsere kleinen Kinder niederprasselt.“

Diese Behauptung muss man sich näher ansehen, denn sie klingt so plausibel, dass man es mit der Angst bekommt.

Je nach Thema kommt sie auch gegen Fleisch allgemein, gegen Schweinefleisch im Besonderen,gegen Milch und Käse, Eier, Fisch oder gleich gegen alle tierischen Produkte, gerne aber auch gegen Weißbrot, tropische Früchte, Kakao oder Kaffee aufs Tapet: alles ein Immunangriff auf den Körper.

Aber sie ist nur ein Popanz, eine esoterische Finte aus Halbwahrheiten, die zum Standardrepertoire der Eso- und Naturheilszene gehört.

Dahinter steckt eine schlichte physiologische Tatsache, die absichtlich verzerrt wird: Beim Essen kommen Fremdstoffe in den Körper, und die rufen das Immunsystem auf den Plan. Es ist ein natürlicher Vorgang, der sich im Blut messen lässt, denn nach einer Mahlzeit steigen bestimmte Werte an.

Das sind die aktivierten Immunzellen, die mal nachschauen kommen, ob es sich womöglich um gefährliche Invasoren handelt.

Doch diese Eindringlinge kann der Körper nicht nur parieren, seine Abwehrkräfte sind sogar darauf eingestellt und geradezu auf dieses Training angewiesen: ohne Konfrontation mit Nahrung keine gesunde Immunabwehr.

Esoteriker, Heilpraktiker, Scharlatane, Fleischfeinde und Fastenprediger nehmen diese messbare Immunreaktion aber gerne zur Hand, um vor dem Lebensmittel ihrer Wahl zu warnen.

Den zahlenden Kunden drehen sie damit ihre Produkte und Behandlungen an, darunter teure Blutuntersuchungen, Ernährungspläne, Fastenkuren, Darmreinigung, Entgiftung, Immunstärkung, Ersatzlebensmittel, Pillen oder Pulver.

 

Wen haben wir denn da?

Dazu sollte man noch wissen, dass Dr. Thomas Rau kein Unbekannter ist. Er ist ein Star der sogenannten „Biologischen Medizin“ und hat zwar eine regelrechte Ausbildung als Internist. Aber inzwischen residiert Rau in einer eigenen alternativen Klinik und rechnet seine besonderen Künste gerne privat ab.

Darunter fallen auch die berüchtigten Entgiftungen, „per Infusionen und Heilmitteln, aber auch mit den Paracelsus Entgiftungsinfusionen, eine besondere Spezialität unserer Klinik“ (Webseite der Klinik). Das klingt schon verdächtig nach Art des Hauses. Allerlei Verabreichungen von Mineralien und Vitaminen gehören dazu, natürlich auch Darmsanierungen und Darmaufbau, die Flaggschiffe des Eso-Repertoires.

„Spezialtherapien wie Iratherm“ stehen ebenfalls im Katalog. Iratherm ist eine Ganzkörperwärmebehandlung, die unter anderem bei einer „biologischen Krebstherapie“ zum Einsatz kommt und angeblich Krebszellen töten sowie die Wirkung von Bestrahlung und Chemotherapie unterstützen soll.

Das ist wissenschaftlich nicht nur nicht erwiesen – die Iratherm-Geräte gelten auch als gefährlich und die Behandlung wird von deutschen Krankenkassen nicht bezahlt. Aber den Krebs hat Dr. Rau ohnehin schon besiegt, enthüllt seine Klinik-Homepage:

Nach über 20 Jahren des sehr intensiven Aufbaus der Biologischen Krebstherapien der Paracelsus Clinic können wir eindeutig sagen, dass eine ganzheitliche Tumortherapie wirkt, wenn verschiedene Modalitäten der Behandlung, sehr individualisiert und langzeitig (bis zu zwei Jahren) zur Anwendung kommen. Immer sind die Ernährung und die Entgiftung von grosser Wichtigkeit, ebenso die konsequente Behandlung mit Antioxydantien (Vitamine, Spurenelemente, Base).

Das ist zweifelsfrei eine Weltsensation, ebenso nobelpreisverdächtig wie jener Buchbeitrag, in dem Dr. Rau erklärt, dass und wie Schüssler-Salze wirken: „feinstofflich“ und per „Energieübertragung“. Das sei wissenschaftlich erwiesen, schreibt er.

 

Erfahrene Praktiker gegen die Wissenschaft

Die Macher der Doku erwähnen derlei mit keinem Wort.

Nein, Autor und Redaktion ordnen den Eso-Doktor nicht nur nicht ein, sondern stellen ihn ganz selbstverständlich als Leiter einer „Klinik für Ganzheitsmedizin“ in eine Reihe mit den Wissenschaftlern von großen Instituten, die auf Seiten der akademischen Forschung – und der Milch – argumentieren, etwa der weltweit renommierte Jean-Michel Lecerf. Letzterer wird im Film noch des versteckten Lobbyismus und der Industrienähe angeklagt.

Aber der Ganzheitspraktiker aus der Schweiz darf mitreden und unbehelligt von kritischen Nachfragen seine Thesen verkünden. An den Regeln der Wissenschaft lässt er sich dabei nicht messen – denn was ist schon Wissenschaft?

„Wer ist da wissenschaftlich und wer nicht? Was heißt überhaupt Wissenschaftlichkeit? Das sind Betrachtungen einer relativ großen Gruppe von Menschen unter irgendwelchen Kriterien. Und haargenau das mache ich ja, indem ich eine riesige Gruppe seit 30 Jahren von Patienten … betrachten … für mich ist das empirisch wissenschaftlicher als alle die verlogenen Studien.“

Rau behauptet auch, dass 95 Prozent aller Krebspatienten in seiner Klinik gegen Molkenproteine allergisch seien. Da er diese Patienten „zu Hunderten“ in seiner Klinik habe, sei das von demselben Wert wie eine Studie.

Weitere ärztliche Interviewpartner im Film, der österreichische Ernährungsmediziner Ledochowski aus Innsbruck und der Hautarzt Melnik aus Osnabrück, äußern sich ähnlich: In ihrer Praxis gehen sie danach vor, was dem Patienten gerade hilft.

Forscher in Schutzkleidung an Bank, Mikrobiologe
Forschen ist schön. Macht aber viel Arbeit.

 

Kleine Zipperlein kann man vielleicht kurieren

Der Knackpunkt ist, dass das für den praktischen Arzt ebenso legitim wie trivial ist: Viele Menschen haben Beschwerden, die an individuellen Befindlichkeiten, Unverträglichkeiten, Gewohnheiten oder Stoffwechseleigenschaften liegen.

Diese können durch kleine Umstellungen im Lebensstil beseitigt werden und der Arzt hilft, danach zu forschen. Schließlich ist nicht jedes Nahrungsmittel und jede Ernährungsform für alle gleich gut – eine Binsenweisheit.

Viele der praktischen Erfahrungswerte von niedergelassenen Ärzten, etwa bei Migräne oder Verdauungsbeschwerden, stehen seit dem 19. Jahrhundert in Lehrbüchern und funktionieren nach dem Motto „Schadet nicht, hilft vielleicht“. Sie sind den Versuch wert und werden einfach mal ausprobiert, wobei sie nicht immer funktionieren.

Damit widersprechen sie aber keineswegs der Wissenschaft.

Und taugen schon gar nicht dazu, Lebensmittel kategorisch als „gesund“ oder „ungesund“ zu qualifizieren: Nur weil manche Menschen von Zwiebeln Verdauungsstörungen bekommen, kann man keinen Grundsatzstreit darüber vom Zaun brechen, ob Zwiebeln gesund sind oder krank machen.

Mann hält sich Hände verkrampft vor den Bauch

Aua, Bauchweh! Kommt bei vielen Lebensmitteln mal vor. Dann einfach weglassen.

Darauf ist ARTE bei der Milch aber aus, und so kommentiert der Sprechertext erstaunt:

„Ernährungswissenschaftler Prof. Watzl betrachtet ärztliche Erfahrungen wie bei Dr. Aranda nicht als Belege für allgemeingültige Aussagen.“

Ach nee. Und ziemlich dumm gelaufen. So ist es halt – als wissenschaftlich belegt gilt nur, was, nun ja, wissenschaftlich belegt ist.

Wer als Arzt jedoch vollends nach eigenem Gusto vorgeht, muss aufpassen, dass er auf der sicheren Seite bleibt und sich auf kleine Befindlichkeitsstörungen und nicht-lebensbedrohliche Krankheiten konzentriert.

Sonst könnte er ziemliche Probleme bekommen.

 

Postfaktische Beliebigkeit: Alle haben gleich Recht

Die ARTE-Leute ziehen ihre holzschnittartige Dramaturgie aber gnadenlos durch. Und so kommt es am Ende ganz dick, in Form der Takehome-Message, einer Adresse an die Zuschauer, die es in sich hat.

„Die Diskussion unter den Experten geht weiter: Milch, ja oder nein? Die Meinungen bleiben geteilt. (…) Unsere Reise hat uns gezeigt: Milch kann viel mehr Beschwerden auslösen als die meisten denken. Und manchen Menschen geht es durch Milchverzicht besser.
Ob Milch aber im großen Umfang krank machen kann, bleibt umstritten. Welchen Experten man mehr glaubt, muss am Ende jeder für sich selbst entscheiden.“

In diesem Fazit steckt neben der primitiven Schwarz-Weiß-Konstruktion auch der Kern der postfaktischen Denke: die Befreiung aus dem engen Korsett der Wissenschaft, die irrationale Beliebigkeit bei der Beurteilung von Fakten und „Experten“, und das Lob der Ignoranz, aufgewertet als persönliche Entscheidung des Einzelnen.

Irrationale und Verschwörungstheoretiker müssen ihren Aberglauben in diesem Weltbild nicht mehr beweisen. Sie müssen sich nicht auf Argumente, Studien, Hintergrundwissen, wissenschaftliches Denken und Fachleute einlassen.

Es reicht – laut ARTE – ausdrücklich, wenn man sich selbst entscheidet.

So kann man Esoteriker neben Wissenschaftler stellen, Spinner neben Forscher, Scharlatane neben Könner, Kurpfuscher neben Ärzte. Alle sind gleichermaßen Experten und alle haben gleich Recht.

Eso-Quark trotz Pressekodex

Jetzt könnte einem das egal sein, wenn es um ein reines Glaubensbekenntnis geht. Schließlich kann jeder nach seiner Fasson selig werden.

Doch erstens haben die angeblichen Milch-Experten von der kritischen Fraktion weder die Forschungslage auf ihrer Seite noch können sie gegen die überwältigend gute praktische Erfahrung mit Milch ankommen – wohlgemerkt: Milliarden von Menschen in Europa, Russland, Amerika, Afrika trinken täglich Milch.

Dazu kommen Käse, Jogurt und Butter, die in allen milchtrinkenden Gesellschaften sehr hoch angesehen sind oder gar, wie das Butterfett in Indien, seit Jahrtausenden (!) als Heilmittel betrachtet werden.

Vor allem aber ist ARTE ein öffentlich-rechtlicher Sender, finanziert von Gebührengeldern. Und Thema am Dienstag ist ein politisches Sendeformat, das gesellschaftliche Debatten nach journalistischen Kriterien aufbereiten und präsentieren will.

Da steht die Redaktion von ARTE eigentlich in der Pflicht, sich zu gesicherten, seriösen Fakten von ausgewiesenen Fachleuten zu bekennen.  Die abweichende Meinung darstellen geht dann trotzdem. Was aber nicht geht, ist, sich einfach von der Wissenschaft zu verabschieden, indem man dem Publikum suggeriert, Erkenntnisse seriöser Forscher seien beliebig.

Da hat wohl die Plattitüde, dass der Zuschauer „sich selbst seine Meinung bilden“ soll – Lieblingsmaxime schlechter Redakteure – am Ende des Films die Marschroute vorgegeben.

Nur bildet sich der Zuschauer seine Meinung immer selbst, völlig egal, was Journalisten sagen – wobei er dieser Zunft sowieso nichts mehr abkauft.

Es wäre besser gewesen, die Autoren und Redakteure von ARTE hätten sich an den erfrischend lässigen Jean-Michel Lecerf gehalten. Sein wunderbarer O-Ton wäre das richtige Fazit gewesen:

„Dass die Milch für einige nicht geeignet ist, ist völlig normal. Dass die Milch nicht perfekt ist, ist völlig normal. Dass die Studien komplex und widersprüchlich sind, ist normal. Wir untersuchen. Wir beobachten. Ich bin nicht in einem Krieg. Es ist die Anti-Milch-Fraktion, die auf einem Kreuzzug ist.“

©Johanna Bayer

Die Milch-Doku von ARTE gibt es noch auf Youtube. In der ARTE-Mediathek ist die Sendung nicht mehr online.