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Auf Twitter: Frau Künast empört sich über Balsamico-Creme – aber aus dem falschen Grund

Balsamico, das Maggi der Hipster, steckt in allerlei Mischungen, die im Supermarkt als Salatsoße durchgehen. Die grüne Ex-Ministerin Renate Künast empört sich darüber, dass in dem Zeug Zucker steckt – damit blamiert sie sich gründlich.

Wenn er echt ist, ist er eine Rarität: italienischer Balsam-Essig, genannte Aceto balsamico / Bild: Harry Axalant

 

Natürlich besprechen wir auf Quarkundso.de auch Einlassungen aus den sozialen Medien. Schließlich brummt dort die Aufmerksamkeitsindustrie und prominente Akteure melden sich zu Wort.

Nun hat Renate Künast, Grüne, Juristin und außerdem Ernährungsministerin a.D., auf Twitter einen eigenen Hashtag geprägt: die #ZuckerbombederWoche.

Künast, die sich selbst „Foodie“ nennt, ist um Ernährung stets sehr bemüht und das mit dem Zucker ist ihr Steckenpferd: Sie ist für eine Zuckersteuer, für Ernährungsampel und NutriScore, und überhaupt für gesundes Essen mit weniger von allem – Kalorien, Salz, Fett und natürlich Zucker.

Zucker, die Qualitätsleser von Quarkundso.de wissen es, ist diese große Verschwörung, das weiße Gift, das süchtig macht und das uns die Lebensmittelmultis heimlich ins Essen mischen*. Es steckt einfach überall drin, ob die unschuldigen Verbraucher es wollen oder nicht. Und natürlich wollen sie es nicht.

Das glauben Aktivisten von Foodwatch ebenso wie Frau Künast und viele andere.

*Wir verweisen auf unser großes Zucker-Dossier und gehen auf die Diskussion hier nicht weiter ein.

 

Qualen nach Zahlen

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Unter ihrem neuen Hashtag hat Frau Künast schon zwei Bomben ausgemacht – Lebensmittel, in die aus ihrer Sicht kein oder viel weniger Zucker gehören. Das erste war ein Jogurt mit 14 Gramm Zucker auf 100 Gramm Jogurt.

Das sei schon ein Drittel der von der Weltgesundheitsorganisation WHO empfohlenen Tagesmenge, grollt die Grüne.

Naja – die Tagesmenge kann doch nicht wirklich ein Problem sein. Schließlich können die Kunden selbst rechnen und nach Lektüre der Packungsangaben nur ihren Zuckerkonsum anpassen.

Also keine Schokolade mehr, kein Eis, kein Kuchen am Nachmittag, kein Zucker in den Kaffee. Zucker sparen kann nämlich jeder.

Aber das ist unzumutbar, so die Denke von Künast und Konsorten: Disziplin ist dem einfachen Bürger auf keinen Fall abzuverlangen. Stattdessen soll lieber die Industrie das Süße aus den Produkten nehmen, was diese wiederum heftig ablehnt.

Man will ja was verkaufen.

Das nehmen die Gesundheitsaktivisten der Industrie übel, und sie werden nicht müde, den Zuckergehalt in Lebensmitteln anzuprangern.

 

Peinlich, Frau Ex-Ministerin

Die Zuckerbombe am 22.7.2020 war nun diese hier: eine braune, klebrige Flüssigkeit in einer Plastikflasche, erhältlich bei Edeka, wie dem Etikett zu entnehmen ist.

Frau Künast, die vermutlich gerade im Supermarkt nach einem Essig suchte, macht in den Nährwertangaben auf dem Etikett ganze 43 Prozent Zucker aus, fast die Hälfte.

Entsprechend empört sich die Ex-Ministerin und alarmiert gleich die Deutsche Gesellschaft für Ernährung ebenso wie FAZ, SZ und Tagesspiegel sowie die großen Nachrichtenagenturen dpa und AFP.

 

In diesem Kreis hat sich Frau Künast jetzt gründlich blamiert.

Denn das, was sie auf Twitter an den Pranger stellte, ist gar kein Essig. Deshalb steht auch nicht „Essig“ drauf. Nur das unverfängliche Wort „Creme“ ist auf dem Flasche zu sehen.

Und zwar aus gutem Grund.

Die dickflüssige, süß-klebrige Soße ist nur eine Würze, die aus allerlei Grundstoffen zusammengemischt werden darf. Sie kann deshalb nicht als Essig bezeichnet werden und ähnelt eher Salatsoßen und Fertigdressings.

Das sieht man auch daran, dass kein Säuregehalt auf dem Etikett steht. Bei echtem Essig ist das Pflicht, dafür gibt es sogar eine Essigverordnung im Gesetz. Auch stecken die Verdickungsmittel Xanthan und modifizierte Stärke in der abgebildeten Quetschflasche aus dem Supermarkt, wie auf dem Etikett ebenfalls zu lesen ist.

Wer einen guten Essig sucht, fasst so etwas nicht mit der Kneifzange an.

Übrigens steht auch auf der Vorderseite der von Künast inkriminierten Flasche nur die Bezeichnung „EDEKA Italia Crema con Aceto Balsamico di Modena I.G.P“. Das hat die Abteilung Recherche und Dokumentation der Vollständigkeit halber ermittelt.

Also nix mit Essig.

 

Balsamico ist das Maggi der Hipster

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Frau Künast hat die Pampe aber für edlen italienischen Balsamico gehalten, sie spricht von „cremigem Essig“ – und ihre Empörung darüber ist komplett haltlos.

Denn auch in reinem Aceto balsamico steckt sehr viel Zucker, oft sogar mehr als in der angeklagten Crema von Edeka.

Denn der echte Balsamico entsteht aus eingekochtem Traubenmost. Dessen natürlicher Zuckergehalt findet sich auf dem Etikett, oft beträgt er rund 20 Gramm auf 100 ml. Es können aber auch mehr als 50 (!) Gramm sein, je nach Alter und Art des – echten – Balsamicos.

Billige Sorten davon stehen in jedem Haushalt und in allen Pizzerien, als eine Art Maggi für Hipster – das Zeug kommt einfach überall rein. Nur nicht in Italien, echter Aceto balsamico ist nämlich sehr teuer und wird dort nur in homöopathischen Dosen verwendet.

Produktangaben von Qualitätsherstellern zeigen, welche Zuckerbomben die echten Balsamicos sein können: Die italienische Traditionsmarke Giusti führt einen hochwertigen Balsamico, in dem – Achtung, Frau Künast! – 62 Gramm Zucker pro 100 ml stecken.

 

Eine deutsche Liebe: Salat mit süßer Soße

Ertränkt in süßer Balsamico-Creme: Tomate-Mozzarella nach Art der Teutonen. Bild: Leo_65

Anders als der echte Aceto balsamico haben süße Würzsoßen der Art „Crema“, die in deutschen Supermärkten meterweise in den Regalen stehen, in Italien aber keine Tradition.

Das denken die Deutschen nur, weshalb clevere italienische Hersteller ein Bombengeschäft machen, auch mit Zubereitungen wie „Condimento bianco“ – eine weiße, süßliche Salatwürze mit mehr oder weniger Essig, die ebenfalls in diese Klasse von pseudo-italienischen Salatsoßen gehört.

All diese Mixturen, Condimentos und Cremas sind extra für den ausländischen Markt entwickelt worden: In den USA und in Deutschland mag man es gerne süß auf dem Salat, anders als in Italien.

So schüttet man bei uns die klebrige Creme über Tomaten, Salat, allerlei Rohkost oder Mozzarella, auch dekoriert man damit Teller, wobei das pappige Zeug Nudeln und Steaks ekelhaft kontaminiert.

Die Wirte italienischer Lokale in Deutschland haben längst begriffen, was sich die ansässige Bevölkerung unter „italienisch“ vorstellt. Sie geben lächelnd Tropfen aus Plastikflaschen auf Bruschetta, Salat und Tomaten, was soll`s, die Kunden wollen es so, wenn es sein muss, kriegen sie ja auch Pizza Hawaii.

Wenn schon, sollte sich Frau Künast darüber empören: Über diese kulturlose Panscherei unter dem Etikett „echt italienisch“, und über den Zwang der Deutschen, vom Fleisch über Gemüse bis hin zum Salat alles aufzusüßen.

 

Guter Essig ist ein Muss – und nie süß

Soweit die dürren Fakten aus der Warenkunde und zu den kulinarischen Vorlieben der Teutonen. Angesichts dieser Lage wird es Frau Künast nicht gelingen, wegen süßer Salatsoße eine Welle loszutreten.

Auch muss sich die Industrie nicht vorwerfen lassen, sie habe heimlich Zucker in ein Produkt gemischt, in das er nicht gehört.

Das aber erhoffte sich die Juristin Künast: Auf Twitter argumentierte sie sogar mit Täuschungsabsicht – ein „Trick“ sei es, die Crema mit „Aceto balsamico“ aufzuhübschen, um die Verbraucher auf die falsche Fährte zu locken. Denn die könnten die „Crema con Aceto balsamico“ für echten Essig halten.

 

 

 

 

 

 

 

Nun ja. Lesen wird man den Kunden im Supermarkt wohl noch zumuten dürfen.

Aber von der grünen Fachfrau hätte man eigentlich erwartet, dass sie als „Foodie“ etwas mehr kulinarische Bildung besitzt. Mindestens sollte sie wissen, was echter Essig ist und was nicht. Der wiederum ist ein absolutes Muss in der guten Küche, und zwar in Form eines Basisessigs.

Wir haben das schon mehrfach abgehandelt, insbesondere in den Beiträge zu Spargel mit Sauce hollandaise und Kochen im Urlaub – bitte umgehend nachlesen, wird abgefragt.

Hauptbotschaft ist jeweils: Der unentbehrliche Basisessig ist nie süß und vorzugsweise Weißweinessig aus Frankreich – auf keinen Fall gruseliges Condimento oder klebrige Crema mit Was-auch-immer.

©Johanna Bayer

Warenkunde: Die Stiftung Warentest über Aceto balsamico und gewisse abwegige Spielarten

Framing-Alarm! Sprache schafft Bewusstsein – auch beim Essen?

Framing ist das neue Überzeugen, sagen Kommunikationsberater, denn es polt das Denken um. Mag sein – doch die Erfahrung bei der Ernährung zeigt: Beim Essen funktioniert Framing schmerzhaft nicht. Dafür erweist sich als überraschend schädlich, wie Essen permanent geframed wird, und zwar in „gesund“ und „ungesund“. Das ist kontraproduktiv – Quarkundso.de fordert ein Gesetz gegen Ungesundheitsgeschwätz.

 

Teller, zwei Toastscheiben, zwei Spiegeleier

Alles, aber auch alles „ungesund“: Eier (vom Tier!). Toast (Weizen!). Röstung (Acrylamid!). Wahrscheinlich auch noch in Butter gebraten – wie hat Oma das nur überlebt?

 

Wir müssen jetzt framen. Framing gehört einfach dazu. Framing ist das neue Überzeugen, diesmal mit Tricks aus der Kognitionspsychologie und Kognitionslinguistik.

Was mit Kognition macht nämlich immer Eindruck.

Deshalb berufen sich Leute, die andere beeinflussen oder nur schnell die Welt ändern wollen, gerne auf Geheimnisse des Gehirns: von Coaches über fragwürdige Psychoklempner wie Neurolinguistische Programmierer oder die Scientology-Sekte über Lehrer und Sozialpädagogen bis hin zu Genderaktivisten und natürlich Politikern.

Framing soll dabei als subtile Technik das Denken anderer kapern, indem man eindrucksvolle Wörter prägt. Die legen einen Deutungsrahmen fest, dem das Gegenüber nicht entkommt, wie Wissenschaftler herausgefunden haben sollen.

 

Wenn was weg soll: einfach umbenennen

Framen geht so: Etwas, das unerwünscht oder schlecht angesehen ist und das man Leuten unterjubeln will, benennt man um: in Schönes, Beliebtes, gut Klingendes oder moralisch Hochstehendes. Damit weckt man positive Assoziationen und appelliert an eigene Werte.

Gleichzeitig nimmt man sich Begriffe der Gegner vor. Diese etikettiert man auch neu, nämlich mit Negativem, Unmoralischem oder Abstoßendem. So ändert man Wahrnehmung und Denken bei der Zielgruppe – Sprache schafft Bewusstsein! – und schwupps, sind die Leute umgepolt.

Wichtig sind dabei das ständige Aufrufen des neuen Deutungsrahmens und das Einschleifen der Sprachbilder. Dann bringt das Wörding (*neusprech) die Gegner zur Strecke. Denn wenn man es richtig anstellt, sind sie gleich auch moralisch diskreditiert. So ungefähr hat es gerade die Linguistin Elisabeth Wehling den ARD-Sendern empfohlen, womit sie einen Sturm der Entrüstung auslöste.

Der war eigentlich unberechtigt – natürlich können sich öffentlich-rechtliche Sender zur strategischen Kommunikation beraten lassen.

Ob das Angebot gut war oder nicht, sei allerdings dahingestellt.

Und ob das Framing so funktioniert, wie Frau Wehling es verkauft hat, auch.

 

Framing beim Thema Ernährung

Damit kommen wir zur Kernkompetenz von Quarkundso.de: dem Verhältnis von Essen und Medien. Und zum Framing.

Essen wird nämlich brutal geframed. Wirklich brutal. Seit vielen Jahren, und nicht nur von Journalisten. Sondern auch von Ämtern, Verbänden und Institutionen, Ärzten und Politikern, Aktivisten und Lobbyisten.

Dabei ist die Auswahl an Frames mehr als dünn: Es gibt nur noch einen einzigen Deutungsrahmen für Essen und Ernährung.

Und das ist „Gesundheit“.

Dieses Etikett pappt inzwischen überall drauf. „Gesund“ zu essen ist geradezu eine nationale Obsession geworden: Laut Ernährungsreport der Ministerin Klöckner hat das Merkmal „gesund“ schon die Geiz-ist-Geil-Haltung überholt. Nur noch 32 Prozent schauen beim Essen auf den Preis, dagegen ist es 91 Prozent wichtig, dass Essen „gesund“ ist.

Das ist neu, schließlich sind die Deutschen in Europa berüchtigt für ihre Billig-Mentalität beim Essen. Zumindest für die Selbstdarstellung haben sie diese also abgelegt.

 

Das Framing-Paradox: Anders reden als man isst

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Man darf sich nämlich nichts vormachen: In Umfragen neigen Menschen dazu, sich besser zu geben als sie sind – ökologischer, bescheidener, gemeinwohlorientierter, vernünftiger, tierfreundlicher und bedacht auf die Figur.

Wenn sie mit dem Fragebogen fertig sind, gehen sie zum Discounter, kaufen Hähnchenfleisch für 0,99 Euro und zischen zwei, drei Feierabendbier. Ab morgen machen sie Diät.

Für das Framing beim Essen ist dies nichts weniger als eine Bankrotterklärung: Das Dauerfeuer mit „gesunder Ernährung“ und „gesunder Wahl“ kommt nicht an.

Schon 2005 hielt der ehemalige Vorsitzende der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, Volker Pudel, diesen mentalen Zustand im Spiegel-Magazin fest:

„Die Deutschen essen so, wie sie immer gegessen haben. Nur heute mit schlechtem Gewissen.“ (Spiegel-Spezial vom 28.6.2005).

Das zeigt schmerzhaft: Weder der Gesundheitsrahmen noch das ständige Einschleifen der Parolen funktionieren beim Thema Ernährung – anders als Framing-Experten es versprechen.

 

„Vom Wissen zum Handeln“ ist das Problem

Jetzt, gut 15 Jahre später, sind die Ernährungshüter noch verzweifelter. Denn nie waren die Deutschen so dick wie heute, eine Welle von Übergewicht und seinen Folgekrankheiten rollt über das Land.

Unter Berufstätigen und Rentnern ist Normalgewicht schon nicht mehr die Regel, beklagte erst 2017 die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, (DGE). Der mündige Bürger gibt sich derweil weiterhin gesundheits-, figur- und umweltbewusst.

„Vom Wissen zum Handeln“ lautete daher erst 2018 ein hilfloser Kampagnenspruch des Ernährungsministeriums zu einem Ideenwettbewerb: Wie bringt man Leute dazu, das, was sie bereitwillig als Absicht herunter beten, auch zu tun?

Schließlich haben schon Vierjährige das Framing intus und deuten auf Toastbrot, wenn sie zeigen sollen, was „ungesund“ ist, und auf Roggenbrot, wenn es um „gesund“ geht.

Was sie lieber essen, liegt aber auf der falschen Seite, und zwar quer durch alle Altersklassen. Doch wird danach nicht gefragt, und so beginnt die Spaltung im Kopf.

 

Gesund oder ungesund – und sonst nichts?

Doch schauen wir uns das Framing bei der Ernährung, den Deutungsrahmen, noch etwas genauer an. Der Kontext „Gesundheit“, in dem Essen fixiert ist, bringt bestimmte Vorstellungen mit sich, darunter die, Lebensmittel könnten wirken wie ein Medikament.

Das aktiviert Begriffe aus Medizin, Pharmazie und Therapie: Heilmittel, Iss Dich gesund, wirksame Inhaltsstoffe, starke Antioxidantien, Droge, Gift, Sucht, Suchtmittel, Entzug, Ausnüchtern, Selbstheilung, Entgiftung.

Das rigide Einteilen von Lebensmitteln in „gesund“ oder „ungesund“ gehört dazu. Es stammt aus den USA und England, wo die Denke seit Jahrzehnten üblich ist – begleitet von einer Explosion der Fettleibigkeitsepidemie, wohl kaum ein Zufall ist

Hierzulande haben sich Ernährungsfachkräfte zuvor jahrzehntelang abgemüht zu erklären, dass das Verteufeln einzelner Lebensmittel oder Inhaltstoffe Unsinn ist: Der Mensch ist ein Allesfresser und isst eine große Auswahl von Nahrungsmitteln, außerdem gehören zur Gesundheit viele Faktoren, darunter das Körpergewicht, Bewegung, Schlaf und Stress.

Problematisch sind aber nicht einzelne Inhaltsstoffe oder Produkte, sondern in allererster Linie das Übergewicht, ganz gleich, womit man es sich angefuttert hat.  Dazu kommen mangelnde Bewegung, zu wenig Schlaf, ständige Anspannung.

Die Vorstellung aber, dass man durch bestimmte Lebensmittel – „die gesunde Wahl“ – alles steuern kann, ist verfehlt. Denn ein einzelnes Lebensmittel ist nicht „ungesund“ – es ist der Lebensstil, der gesund oder ungesund sein kann.

 

Jetzt „ungesund“: Küchenklassiker der Deutschen

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Doch mit dieser Weisheit ist es vorbei, seit die Kategorien gesund/ungesund Front machen in Texten, Webseiten, Stellungnahmen, Studien und Ernährungsratschlägen: Was früher genossen werden durfte, dazugehörte, in Maßen erlaubt oder einfach toleriert wurde, ist jetzt „ungesund“.

Das trifft nicht nur die üblichen Verdächtigen Cola, Chips und Süßigkeiten.

Nein, auch traditionelle Viktualien stehen unter dem Bann. Denn „ungesund“ sind inzwischen auch Fleisch, Wurst, Milch, Käse, Eier, Weizen, weißes Mehl und natürlich Zucker.

An konkreten Gerichten trifft es unter anderen Pommes frites, Currywurst, Salami, Leberkäse, Bratwurst, Schweinebraten, Schnitzel, Hamburger, Sahnetorten, Kekse, Eis, Käsespätzle, Kakao, weißen Reis, Wild wie Rehbraten (rotes Fleisch!), Weißbrot, Baguette, Laugenbrezeln (Schweineschmalz!) und sogar den früher gerne empfohlenen Fisch (zu viel tierisches Protein! Schwermetalle! Mikroplastik! Antibiotika! Parasiten!).

 

Absurde Widersprüche

Teilweise entstehen dabei absurde Widersprüche, etwa beim jüngst lancierten EAT-Lancet-Report.

Das Papier, stark unter dem Einfluss von notorischen Fett- und Fleischfeinden entstanden, etikettiert rotes Fleisch von Rind, Schwein, Lamm, Ziegen, Kühen und anderen Säugetieren rundheraus als „unhealthy food“.

Das ist Unsinn. Die Daten aus der Forschung geben das nicht her.

Entsprechend müssen die Experten tatsächlich in ihrem eigenen Papier konstatieren, dass tierische Lebensmittel wie Milch, Eier und natürlich rotes Fleisch besonders segensreich für das Wachstum und die Gesundheit von Kindern sind, zum Beispiel in Afrika:

In observational studies, high intake of animal source foods has been associated with improved growth, micronutrient status, cognitive performance, and motor development, and increased activity in children.

(Quelle: EAT-Lancet-Report Food in the Anthropocene, Seite 10).

Weltfremd und gegen die Esskultur

Schräg ist auch die Sicht der EAT-Lancet-Experten auf die gesättigten Fette. Die Autoren favorisieren nämlich moderne pflanzliche Industrieöle, die von Lebensmittelmultis vermarktet werden.

Gesättigte Fettsäuren, wie sie auch in Butter, Schweineschmalz oder anderen traditionellen Fetten vorkommen, sollen dagegen möglichst aus den Küchen verschwinden: Die Spannbreite in den täglichen Empfehlungen der Kommission beginnt bei null.

Das ist im wahrsten Sinne des Wortes weltfremd.

Denn die Hauptnahrungsfette in den Küchen der Welt sind traditionell tierischen Ursprungs und enthalten gesättigte Fettsäuren – zumal „null gesättigte Fettsäuren“ schlichtweg nicht geht. Schließlich enthalten alle, wirklich alle pflanzlichen Fette, darunter Oliven-, Sonnenblumen-, Palm- und Kokosöl sowie Margarine, auch gesättigte Fettsäuren.

Wer überhaupt keine gesättigten Fettsäuren zu sich nehmen will, dürfte daher gar kein Fett essen. Schwerer Vitaminmangel und Organversagen wären die Folge.

 

Neues Framing für Kakao: ungesund!

Weiße Blechtasse mit Kakao

Kakao, der Kindertrunk: Neuerdings „ungesund“.

Im Gesundheitsframing steht seit kurzem auch Kakao. Kakao macht Kinder nämlich dick und krank.

Kakao ungesund? Für Kinder?

Äh – gibt es denn ein Getränk, das mehr zu Kindern gehört als Kakao? Man kann sich das gar nicht vorstellen.

Aber tatsächlich ist es Framing-Spezialisten von der Verbraucherorganisation Foodwatch gelungen, den Schulkakao als „ungesund“ zu framen und das nicht nur unzähligen Redaktionen zu verkaufen, sondern auch mehreren Länderparlamenten.

Kakao, so die Essensretter (Selbstbeschreibung), sei schuld am Übergewicht von Kindern – schließlich enthalten die fertigen Schokodrinks der Milchlieferanten Zucker. Gezuckerter Kakao passe nicht in die Schule, so Foodwatch.

Nun steht Zucker auf der Fahndungsliste der Gesundheitspolizei gerade ganz oben, noch über Fett und Fleisch. Aber muss man wegen etwas Zucker den Kakao aus dem Schulprogramm nehmen?

 

Kinder dürfen Kakao trinken

Laut Foodwatch ja: Die Verbraucherschützer finden, dass es in Schulen überhaupt nichts mit Zucker geben darf. Angeblich, so die Aktivisten, widerspricht Kakao an Schulen sogar den Richtlinien der DGE für Schulverpflegung, denn diese sähen keine gezuckerten Milchprodukte für Kinder vor:

„Diese Förderung von Milch mit Zuckerzusatz widerspricht sogar den offiziellen, von der Bundesregierung initiierten Qualitätsstandards für Schulverpflegung der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE). Das Schulmilchprogramm in NRW fördert mit Steuergeldern ein Ernährungsangebot an Schulen, das den Empfehlungen zuwider läuft.“ (Quelle Foodwatch)

Doch so rigide ist nicht einmal die DGE: „Zucker wird in Maßen eingesetzt“, steht in den DGE-Richtlinien für Schulverpflegung.

Und nichts anderes.

Da steht nicht: „Zucker ist verboten“. Oder „Zucker wird gemieden“ oder „Zucker wird nicht zugesetzt“, nicht einmal „So wenig Zucker wie möglich“ oder gar „Zucker ist ungesund“.

 

Übergewicht bei Schulkindern hängt nicht am Kakao

Junge, ca. 8 Jahre alt mit Brill und Kapuzenpulli in Klassenraum schreibt mit Bleistift

Ob Schulkinder dick oder schlank sind, hängt wenig vom Essen ab, hat die KOPS-Studie gezeigt

Es steht auch nicht in den Richtlinien, dass gezuckerte Milchgetränke in der Schule nicht angeboten werden dürften, genauer:

Zu gezuckerten Milchgetränken steht überhaupt nichts in den DGE-Kriterien für gute Schulverpflegung.

Den fanatischen Gesundheitsaktivisten von Foodwatch ist Kakao vielleicht unerwünscht, weil sie sich in den Kopf gesetzt haben, dass der Schokotrunk die Übergewichtsfrage entscheidet.

Aber erstens ist das nicht so. Übergewicht von Schulkindern hängt charakteristisch wenig mit dem zusammen, was sie in der Schule essen. Dazu gibt es große Studien.

Und zweitens ist Kakao – vielleicht – nicht besonders gesund. Aber ganz sicher ist er nicht ungesund.

 

Weg mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen!

Damit wären wir am entscheidenden Punkt: An allem ist nur dieses elende Framing Schuld.

Quarkundso.de fordert daher mit Nachdruck und sofortiger Wirkung: Das permanente Gesund-Ungesund-Spalten muss endlich aufhören!

Es ist kontraproduktiv, verleidet Menschen das Essen und fördert eben genau keinen gesundheitsbewussten Lebensstil. Sondern nur Krampf und Einseitigkeit. Dazu muss ein Gesetz her. Schließlich sind unzulässige Gesundheitsaussagen mit Recht verboten – aber was ist mit unzulässigen Ungesundheitsaussagen?

Wir fordern: Schluss mit dem Gerede von „ungesunden“ Lebensmitteln!

Ebenso, wie niemand mit pauschalen, unbelegten Gesundheitsversprechen oder angeblichen Heilwirkungen für Lebensmittel werben darf, darf auch niemand Produkte oder einzelne Inhaltsstoffe als „ungesund“ brandmarken.

Also weg mit „Zucker ist eine Droge!“, „Fleisch macht krank“, „Milch ist Gift“, „Kakao ist ungesund“.

 

Hohe Strafen: die Lex Incuria von Quarkundso.de

Wenn man ehrlich über Essen reden will, muss man die Gesund-Ungesund-Dualität verlassen:  Quarkundso.de führt dazu die neue Lex Incuria ein, von lateinisch incuria = nachlässig, mangelhaft, Mangel an Sorgfalt.

Dieses Gesetz wird Ungesundheitsframing verhindern. Dazu belegt die Lex Incuria entsprechendes Gelabere von Essenshütern jeglicher Provenienz mit schweren Strafen.

In Einzelfällen können, insbesondere gegen einflussreiche Verbände, Unternehmen, Behörden, Food-Aktivisten, NGOs oder Lobbyvereine, hohe Geldsummen auferlegt werden, zu überweisen auf das Sparschwein von Quarkundso.de.

Die ersten Mahnbescheide sind schon raus.

©Johanna Bayer