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Der Deutschlandfunk verspricht: Langes Leben durch Fasten! Schön wär`s.

 

Beim Deutschlandfunk versprechen die Onliner ein längeres Leben durch Fasten, und zwar durch religiöses Fasten. Das sollen Studien gezeigt haben. Aber die Studie, um die es geht, gibt es noch gar nicht – eine Fingerübung zu Online-Teasern.

 

Moschee Istanbul in der Abenddämmerung

Moschee in Istanbul – Fasten wie die Moslems und länger leben? Beim Deutschlandfunk glaubt man daran.

 

Es ist Fastenzeit und wir müssen dazu was bringen. Denn was soll die ganze Bloggerei, wenn man nicht aktuell und vorne mit dabei ist? Aber dieses Aktuelle ist ein wahnsinniger Druck. Und alle anderen waren schneller, sie haben ihre vorbereiteten Fastenstorys gleich am Aschermittwoch rausgehauen.

Wir klappern jetzt mit einer kleinen Fingerübung hinterher, diesmal aus dem Bereich Online-Fallen: „Wenn der Teaser daneben geht“.

Diesmal ist der Deutschlandfunk (DLF) dran, ganz neu auf Quarkundso.de.

Der Sender hat auf Facebook nämlich gleich am Aschermittwoch, dem 6. März, einen Beitrag zum religiösen Fasten lanciert. Und im Vorspanntext für Facebook stand das glatte Gegenteil dessen, was im Beitrag und von den Experten gesagt wird.

Das ist ein Klassiker. Einerseits.

Andererseits steckt mehr hinter dem kleinen Fauxpas, als man den wenigen Zeilen anmerkt.

Dazu gleich mehr.

 

Der Teaser als Lockstoff

Erstmal stellen wir klar: Fehler in Teasern passieren.

Natürlich sind die schlecht ausgebildeten und noch schlechter bezahlten Onliner Schuld. Da will man gerne nachsichtig sein.

Aber Vorspänne sind enorm wichtig, gerade im Netz. Hier müssen Klicks generiert und Leser gebunden werden. Wer da sachlich patzt oder mit dümmlichem Clickbaiting nervt, hat verloren, das ist bekannt.

So ist es nun dem DLF passiert, der sich erst 2017 als „Markenfamilie“ neu aufstellte und eifrig an seinem Profil als Kultur- und Informationskanal feilt.

Entsprechend wissenschaftlich kam der Beitrag zum religiösen Fasten daher, über Facebook geteilt. Darin wurde eine Studie mit deutschen Mitgliedern der Bahai-Gemeinde vorgestellt. Die Bahai haben ihren Ursprung im Iran und fasten ähnlich wie die Moslems: im Frühjahr essen und trinken sie mehrere Wochen lang den ganzen Tag nichts. Nachts holen sie bis Sonnenaufgang alles nach.

Der Teaser dazu ist ein Werbetext mit steilen Behauptungen und großen Versprechen:

Die Fastenzeit beginnt – und damit eine Chance, gesünder und vielleicht länger zu leben. Denn viele Studien zu religiösem Fasten berichten von positiven Effekten, wenn man etwa von Sonnenaufgang bis -untergang nichts isst und trinkt.

(Quelle: DLF auf Facebook zum Beitrag über religiöses Fasten vom 6.3.2019)

 

Bild mit Logo DLF, von Facebook, Bild von Teaser leerem Teller.

Screenshot vom DLF-Beitrag samt Teaser auf Facebook.

 

Wissenschaftliche Studie? Welche Studie?

Das ganze Ding ist grotesk falsch. Denn erstens steht im Beitrag gleich zu Anfang genau das Gegenteil:

Anstoß zu der Studie gab Daniela Liebscher. Sie hat ihre Doktorarbeit über religiöses Fasten geschrieben und festgestellt, dass es dazu kaum Untersuchungen gibt.

(Quelle: DLF-Beitrag über religiöses Fasten vom 6.3.2019)

Verglichen mit dem Teaser klingt das doch recht anders.

Auch in einer Meldung auf der Internetseite der Naturheilkunde-Klinik an der Charité ist zu lesen, dass die Forschungslage zum religiösen Fasten dünn ist.

Und es steht natürlich in der Doktorarbeit von Daniela Liebscher, ebenfalls online: Frau Liebscher hat angefangen, zu religiösem Fasten zu forschen, weil es so wenig dazu gibt.

Gut, man kann von Online-Textern nicht erwarten, dass sie erst eine Doktorarbeit lesen, bevor sie schnell was in Facebook hacken. Aber wenigstens in den Beitrag reinschauen, bevor man den Teaser strickt, wäre doch angezeigt.

Dann ist aber noch mehr falsch an dem Vorspann. Und an dem Beitrag selbst. Und überhaupt an der ganzen Sache mit dem religiösen Fasten – je länger man darüber nachdenkt, desto abstruser wird es.

Daher bleibt es nicht bei der kleinen Fingerübung mit dem Teaser. Quarkundso.de steigt ein.

 

Nobelpreis für Blutabnehmen

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Wenn man sich nämlich auf der Seite der Charité umschaut, dann kommt raus: Die Sache mit der Bahai-Fasten-Studie, die interdisziplinär sein soll, ging zwar durch die Medien. Aber eine offizielle Pressemitteilung gibt es dazu nicht, etwa mit Angaben zur Studie.

Nach einem Papier oder einer Veröffentlichung haben einige kritische Nutzer schon auf der Facebook-Seite des DLF gefragt. Andere konnten sich nicht vorstellen, dass das strenge Fasten der Bahai, die den ganzen Tag weder essen noch trinken, wirklich so toll für die Gesundheit sein soll.

Auch die Behauptung im Beitrag, dass „sämtliche Hormone und Botenstoffe“ der Probanden in der Studie untersucht wurden, warf Fragen auf – denn das ist schlechterdings undenkbar und wäre nobelpreiswürdig, wie eine Userin anmerkte.

 

Giftige Abwehr beim DLF

Die Nutzer wollten also Belege, nämlich die Studie. Die Webmoderatoren des DLF haben, anstatt die Diskussion zuzulassen, sehr giftig zurück gehackt: Es hätten doch Experten die O-Töne im Beitrag gegeben, diese Experten wüssten es doch wohl am besten. Wie die Facebook-Nutzer die Expertise der O-Ton-Geber anzweifeln könnten?

Nun ja. Sagen können Experten viel. Die Frage ist, ob sie wissenschaftliche Belege oder plausible Argumente liefern können. Und ob die Autoren der Sendung ihre Experten richtig verstanden und die O-Töne nicht aus dem Zusammenhang gerissen haben.

Eine offensichtlich akademisch versierte Facebooknutzerin hat dann in einer Datenbank nach Fastenstudien zu den Bahai gesucht, die der zitierte Arzt Prof. Dr. Andreas Michalsen veröffentlicht haben könnte.

Ergebnis: Null.

Natürlich hat sich da die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de reingehängt und die Pressestelle der Charité angezapft. Ergebnis: Nein, die Studie ist tatsächlich nicht publiziert. Es wird auch noch eine Weile dauern, bis es so weit ist, etwa vier bis sechs Monate, also etwa bis August oder September 2019.

Ja, schade! Denn so kann niemand nachschauen, was es mit der Studie auf sich hat: Was für eine Untersuchung ist es, welche Methode, was für ein Design? Was war das Ziel, was kam wirklich raus und was sagen die Ergebnisse im Kontext der Forschungslage?

 

Journalisten sollten einordnen

Labor, Zentrifuge (Trommel), Hände in Handschuhen stecken Reagenzgläser ein

Blutproben, Messwerte, viele Daten – aber das macht noch keine Studie. Die Ergebniss müssen erst ausgewertet werden.

Weil derlei vor einer Medienwelle klar sein sollte, stechen Forscher vor der Veröffentlichung eher selten Ergebnisse an die Presse durch.

Sie reden lieber erst darüber, wenn die Studie zur Veröffentlichung von einem anerkannten wissenschaftlichen Journal angenommen wurde.

Denn die Zusage einer renommierten Zeitschrift bedeutet, dass externe Fachkollegen die Arbeit auf sauberes Design, auf Methoden und Auswertung geprüft haben.

Der Job von Journalisten ist es dann, anhand einer – seriösen und offiziellen – Veröffentlichung nachzufragen, sich die Studie geben zu lassen, sie möglichst zu lesen und ein wenig zu recherchieren, wie die Forschungslage in etwa aussieht.

Alles das ist beim DLF schon deshalb nicht passiert, weil es, nun ja, keine Ergebnisse gibt, die man irgendwo nachlesen könnte.

Es gibt bisher daher scheinbar nur Röhrchen mit Blut im Labor, dazu ein paar Messwerte und Körperdaten, die den Fastenden letztes Jahr abgenommen wurden. So ungefähr. Wie sollen Journalisten sich da ein eigenes Bild machen oder die Studie einordnen? Das geht nicht.

 

Was es mit dem religiösen Fasten auf sich hat

Natürlich kann man auch über eine laufende Studie berichten. Dann aber einigermaßen vorsichtig.

Und damit wären wir beim Teaser und seinen vollmundigen Versprechen: Religiös Fasten und länger leben? Das zeigt die Studie nicht. Das kann auch nicht das Ziel gewesen sein, außer man arbeitet mit Fadenwürmern. Oder Fruchtfliegen.

Was aber war dann das Ziel? Nun, so genau wissen wir es nicht – die im DLF zitierten Experten, Fastenmedizinerin Daniela Liebscher und ihr Chef, der prominente Naturheilkundearzt Prof. Dr. Andreas Michalsen, sagen es im Beitrag nicht so richtig

Sie wollten scheinbar nur, nun ja, Daten zum religiösen Fasten. Schließlich gibt es dazu nicht so viele Studien, haben wir anfangs gelernt.

Allerdings hat hier die Abteilung Dokumentation und Recherche bei Quarkundso.de durch sture Wühlarbeit noch Erstaunliches zutage gefördert: Es gibt sehr wohl Studien zum religiösen Fasten, besonders zum Ramadan der Moslems. Es gibt sogar Hunderte.

Moslems fasten wie die genannten Bahai: Mehrere Wochen im Jahr, im Monat Ramadan, essen und trinken sie den ganzen Tag nichts.

 

Nächtliche Völlerei, Zuckerfest – und kein längeres Leben

Kleiner Junge mit Gebetsmütze (weiß) steckt sich Kuchen in den Mund

Ein Fest für Kinder: Das große Fastenbrechen zum Abschluss des Ramadan.

Doch die Ergebnisse der vielen Ramadan-Studien passen eingefleischten Fastenfans wohl nicht so richtig ins Konzept.

Übersichtsarbeiten, die es zum millionenfachen Ramadan-Fasten der Moslems gibt, zeigen keine brauchbaren Ergebnisse: Alles uneinheitlich, nicht nur positive Effekte, nichts von Dauer.

Wobei die Moslems ohnehin nicht wegen gesundheitlicher Wirkungen fasten – was übrigens auch für die Fastengebote der Christen, Buddhisten oder Juden gilt: Um Gesundheit geht es nie.

Moslems fasten nur, weil es ihr Glauben vorschreibt. Dieser erlaubt auch das Fastenbrechen: Abends, nach Sonnenuntergang, haut man sich in der Türkei, im Iran, in Pakistan, Südostasien, Nordafrika, am Golf und anderswo die Plautze voll, dass es nur so kracht.

Beendet wird der Fastenmonat Ramadan mit dem dreitägigen Zuckerfest. Da biegen sich die Tische vor Kuchen und Süßgebäck, die Kinder bekommen Bonbons und außerdem gibt es Festspeisen mit reichlich Fleisch und Fett.

Für den Rest des Jahres ist es dann egal, was man isst.

 

Lieber nicht fasten wie im Ramadan

Die Daten zu Gesundheit und Lebenserwartung in islamischen Staaten sind entsprechend: Langes Leben, tolle Gesundheit, kein Diabetes, keine Stoffwechselprobleme, kein Übergewicht in Ländern mit Ramadan?

Eben genau nicht.

Das Gegenteil ist der Fall. Die Gesundheitsdaten aus diesen Ländern zeigen, dass Übergewicht und Diabetes, Fettleber und Fettstoffwechselstörungen dramatisch verbreitet sind – noch viel mehr als in Europa. Der Orient wird von Übergewicht und Diabetes geradezu überrollt.

Sehr eindrucksvoll ist dazu eine Karte der WHO zu Diabetes Typ 2, die 2014 im Spiegel veröffentlich wurde, Link steht unten. Der nordafrikanische Gürtel, Iran, Irak und die arabischen Staaten sind am schwersten betroffen. Selbst in reichen islamischen Ländern wie Saudi-Arabien liegt die Lebenserwartung unter der von Europäern und Amerikanern.

Die Situation hat sich seit 2014 keineswegs verbessert, sondern in den moslemischen Ländern weiter verschlechtert. Und auch die Gesundheit von islamischen Migranten in Deutschland ist nicht grandios besser als die der Restbevölkerung, Ramadan hin oder her. Eher schlechter: Unter Türken in Deutschland nimmt Diabetes Typ 2 zum Beispiel zu, auch sind sie öfter übergewichtig.

Passend dazu beschäftigen sich die meisten Studien zum Ramadan damit, wie die vielen moslemischen Diabetiker während des Fastens mit ihrem Insulin klarkommen.

 

Falsches Versprechen

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In islamischen Kulturen verlängert das religiöse Fasten also nicht das Leben. Scheinbar lebt man eher länger, wenn man es genau nicht so macht wie die rund als 1,8 Milliarden Moslems im Ramadan.

Und das kam auch in Daniela Liebschers Doktorarbeit raus: Die ganze religiös motivierte Askese bringt offensichtlich nicht viel, wenn man einmal im Jahr ein wenig fastet und sonst über die Stränge schlägt.

Der Teaser liegt also mit seinem Versprechen tatsächlich voll daneben.

Den Fastenärzten Liebscher und Michalsen ging es laut Beitrag ohnehin nicht um den Glauben. Sie interessieren sich eher für das Fasten an sich, speziell für das Intervallfasten.

So bezeichnen Mediziner das Fasten im Tagesverlauf oder in bestimmten Zeitfenstern, zum Beispiel an 14 bis 16 Stunden über Nacht, wenn man das Abendessen wegfallen lässt.

Das ist zurzeit das große Steckenpferd des Naturheilkundlers Andreas Michalsen: Eine größere Nahrungspause von mindestens 12 bis 14 Stunden am Tag – egal wann – scheint positive Effekte zu zeigen.

Das Thema ist seit fast 10 Jahren ein Trend, viele Fachleute sind davon überzeugt, viele Menschen machen damit gute Erfahrungen, weil sie damit ihr Gewicht halten können.

 

Endlich die richtigen Daten

Und hier könnte die neue Bahai-Studie neue Erkenntnis bringen: Vielleicht produziert die neue Studie das von den Fastenfans erhoffte Ergebnis, dass sogar diese extreme Art des Intervallfastens gesund sein könnte? Also den ganzen Tag gar nichts, weder Wasser noch Brot, ob religiös motiviert oder nicht.

Könnte. Wir wissen es nicht.

Die Studie ist noch nicht veröffentlicht und über die üblichen Ergebnisse des Intervallfastens hinaus ist nicht viel zu erwarten: Es gibt kurzfristige Veränderungen in den Blutwerten und im Stoffwechsel; die innere Uhr legt ein paar Schalter um. Denn Essen ist ein Taktgeber und wenn man wochenlang nur nachts isst, reagieren die Zellen darauf.

Viele Effekte davon könnten günstig sein – nämlich bei Übergewichtigen, Diabetikern, bestimmten Stoffwechselkrankheiten, die mit Überessen zusammenhängen.

Was aber ein langes Leben angeht, bleibt es bisher dabei, da sind sich die meisten Experten einig: Auf die Dauer kommt es darauf an, dass man normalgewichtig ist und das Gewicht hält. Ob mit oder ohne Fasten stehen damit die Chancen auf Gesundheit und ein langes Leben am besten.

 

Mentales Fasten mit Quarkundso.de

Das Fazit der nachgeholten Recherche von Quarkundso.de ist daher eine strenge Ermahnung zur Mäßigung – quasi zum mentalen Fasten. Hier das Wichtigste in abgespeckter Form:

Die Naturheil- und Fastenforscher in Berlin hätten vielleicht nicht so offensiv ein Experteninterview anbieten sollen, nur weil gerade Fastenzeit ist.

Universitäten sollten auf ihren Webseiten nichts vorschnell raushauen, was nicht publiziert und fachlich kontrolliert ist.

Forscher müssen Daten und Methoden offenlegen.

Journalisten müssen recherchieren.

Online-Texter dürfen nicht lügen.

Alle müssen aufpassen.

Und sich einfach ein bisschen zurückhalten. Wenigstens in der Fastenzeit.

@Johanna Bayer

 

Der DLF-Beitrag zum religiösen Fasten auf Facebook vom 6.3.2019

Beim Spiegel: Karte über Diabetes von 2014, Daten von der WHO

Fasten mit der FAZ – der tägliche Ess-Wahnsinn

 

Gegen Essen sind wir machtlos – dieses Klischee dient einer FAZ-Autorin zur Konstruktion ihres Beitrags zum Thema Fasten. Dabei schreibt sie über Essen praxisfern und wie vom Reißbrett, während allerlei Schreckbilder aus dem Bereich essgestörter Verzichtsrituale auftauchen. Menschen, die sich mäßigen können, erscheinen dabei als sozial verdächtige Selbstkontrollmonster. Ist das so?

 

Papaya, Karotten, Gurken

Gemüsesticks und Obst für den Fastentag – und am Ende dreht man durch.

Die Fastenzeit ist vorbei, jeder kann wieder alles essen. Wobei die wenigsten aus Glaubensgründen verzichtet haben.

Nein, auch ganz ohne Religion ist es seit Jahren in, den Körper im Frühjahr durch Fasten zu „entlasten“, zu „entschlacken“, zu „entgiften“.

Nun sind religiöse Motive immer ehrenvoll, außerdem haben sich Verzicht und Mäßigung pädagogisch seit Jahrtausenden bewährt.

Warum tage- oder gar wochenlanges Hungern aber entgiften oder entlasten sollte, hat sich Quarkundso.de bisher noch nicht erschlossen.

Hier hingegen ist man primitiven Denkweisen verhaftet und glaubt an den Umkehrschluss: Entgiften und Entlasten durch Fasten, das würde ja bedeuten, dass Essen Gift ist und den Körper belastet, und dass man es folglich am besten ganz einstellt, so oft und so lange wie möglich.

Das ist natürlich Unsinn.

Damit hat sich das Thema Fasten erledigt, zumindest für Quarkundso.de.

Wer normalgewichtig ist und ein vernünftiges Essverhalten pflegt, braucht keine wochenlange Fastenkur. Sich zwischendurch ab und an zu mäßigen, etwa an bestimmten Tagen, ist wiederum selbstverständlich und erwachsenen, vernunftbegabten Menschen zumutbar.

Mehr ist dazu nicht zu sagen.

 

Was ist normal beim Essen?

Jetzt fragt sich natürlich: Wer ist schon normalgewichtig oder ernährt sich vernünftig? Was ist das überhaupt, gesundes Essverhalten? Und wie geht Maß halten?

Da liegt der Hund begraben: Es ist scheinbar sehr schwierig zu benennen, was normal ist.

Ist es normal, ständig zu naschen, dick zu werden, am Essen zu verzweifeln, weil das unsere Triebe so vorschreiben? Oder ist es normal, zur Essenszeit zu essen und sonst nicht, das Essen zu genießen, wenn es da ist und trotzdem sein Gewicht zu halten, indem man sich gelegentlich mäßigt?

Es gibt Experten, die ersteres als unausweichlich betrachten. Für sie sind Dauerfuttern, Entgleisungen, das Geschüttelt sein von Verlangen, Heißhunger und unkontrollierbare Fressattacken von der Natur vorgegeben.

Mäßigung und Struktur beim Essen halten sie dagegen für unmöglich. Sie sehen uns als Opfer unserer Essgelüste, fatal programmiert von der Evolution.

 

„Wir sind alle kleine Sünderlein“

Eine solche Expertin schreibt bei der FAZ. Sie ist Psychologin und hat auf dem hauseigenen Foodblog „Food Affair“, die ganze Misere diagnostiziert. Ihr Artikel handelt vom Fasten. Das stand zumindest als Thema drüber: „Fasten – Himmel oder Hölle?“

Der Text ist eine Parabel, die uns vor Augen führen soll, dass temporäres Verzichten unmöglich ist, dass wir den Untiefen beim Essen nicht entkommen können und grauenhaft scheitern müssen.

Irgendwie.

Geschildert wird das Ganze am – fiktiven – Tagesablauf eines Mannes, der fasten will oder soll, und dem das nicht gelingt, weil er im Büro dem Gruppendruck unterliegt.

Nun könnte Quarkundso.de es einerseits kurz machen: Der Text ist mau, das Sujet aufgesetzt, die Aussagen höchst fragwürdig und die Story unangenehm konstruiert.

Schon das alles überspannende Motiv ist ein einziges Klischee, als dramaturgisches Strickmuster. Es lautet: „Wir sind alle kleine Sünderlein“ – soll heißen: Gegen Essen sind wir machtlos. Ein Gemeinplatz, der in tausenden von Varianten auftaucht, auch neulich in der SZ. Da schrieb einer:

„Wer eine Tüte Chips öffnet, isst sie auch auf. Punkt. Wer etwas anderes sagt, flunkert oder hat sich so sehr unter Kontrolle, dass er auch Marathon läuft.“

Eine herrliche Denkschablone, und so universell verwendbar – sie passt auch für andere lässliche Sünden wie den Umgang mit Alkohol und Zigaretten, Pornos, Steuerhinterziehung und Ladendiebstahl: Wer einmal damit anfängt, hört nicht mehr auf, und wer sich zurückhalten kann, ist nicht normal, sondern ein sozial verdächtiges Selbstkontrollmonster.

Wir wissen alle: Es ist nicht so.

 

Eine Parabel von Verzicht, Verlangen und Fressanfällen

Das Maß in diesen Dingen ist nur eine Frage der persönlichen Werte und von ein wenig Disziplin. Dabei hat jeder Mensch jeden Tag die Wahl – vernünftiges Verhalten ist auch ohne Extreme machbar.

Andererseits ist das, was die FAZ-Psychologin in ihrer Geschichte schreibt, interessant, denn unfreiwillig offenbart sie interessante Details zu Durchschnittsdeutschland und seinem täglichen Ess-Wahnsinn.

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Das ist kultursoziologisch wertvoll. Daher lohnt eine gründliche Behandlung auf Quarkundso.de.

Die vielen Fragen, die der Text aufwirft, müssen unterwegs aber laut gestellt werden. Aus heuristischen Gründen, zwecks Wahrheitsfindung, aber auch zur Rettung des gesunden Menschenverstandes.

Sonst verlieren wir, wie die Psychologin und ihr Protagonist, jeden Maßstab.

Achten wir daher auf die Stolpersteine, wenn wir Peter, dem kleinen Sünderlein, durch seinen Tag folgen.

Tag eines deutschen Durchschnittessers

Morgens, logisch, geht es los: Peter ist auf dem Weg ins Büro. Natürlich fährt er mit dem Auto zur Arbeit, nein, er „reist an“, wie es im schönsten Blähsprech heißt (Redaktion, bitte kommen!).

Peter hat Essen dabei:

„Auf dem Beifahrersitz lag eine lindgrüne runde Dose. Durch den milchigen Plastikdeckel ließen sich Farben erahnen, rot, gelb, orange, grün – Farben von Paprika, Karotten, Papaya, Gurke und Sellerie. In einer weiteren Dose, einer etwas kleineren Kopie der ersten, waren Mandeln und ein Stück Nusskuchen. Peters Frühstück.

Da ist schon der erste Stolperstein: diese Frühstücksdosen. Wieso hat Peter sein Frühstück im Auto dabei?

Warum frühstückt der Mann nicht zuhause? Man frühstückt doch, bevor man zur Arbeit geht, und nicht im Büro? Ist der zu faul, um rechtzeitig aufzustehen? Wirklich, das muss man sich bei dieser Exposition der Geschichte schon fragen: Beginnt für die Psychologin ein ganz normaler Tag mit im Büro mit dem Frühstück?

Stimmt aber schon auch. Nicht wenige Leute sparen auf diese Weise morgens Zeit. Schlaf gibt es ja nie genug, dafür ist das Fernsehprogramm abends zu spannend, die Bars sind zu lange auf, das Feierabendbier läuft zu gut rein, und mit quengelnden Kindern kann man sich auch gut rausreden, wenn man morgens schlecht organisiert ist.

Also beginnt das kleine Sünderlein den Arbeitstag mit einer ausgiebigen Pause. Wir kennen sie alle: Es sind die Kollegen, die morgens mit der Zeitung und der Brötchentüte unterm Arm ins Büro schlendern, sich erstmal einen Kaffee kochen („Meinen Kaffee brauch ich morgens“), und dann gemütlich frühstücken.

Eine Dreiviertelstunde später fahren sie den Computer hoch, nicht ohne dabei lautstark über Stress und zu viele E-Mails zu klagen. Sobald die Kiste läuft, brauchen sie unbedingt noch einen Kaffee. Mittags machen sie dafür länger Pause, weil sie „morgens nicht mal Zeit zum Frühstücken“ hatten.

 

Fastenkur mit Nusskuchen

Warum in Peters Dosen aber Rohkost, Mandeln und Nusskuchen stecken, erklärt uns die Psychologin gleich darauf:

„Er solle auf seine Gesundheit achten, meinte der Arzt. Weniger Zucker, Kaffee in Maßen, mehr Gemüse.“

Das ist der nächste Stolperstein: Diese seltsamen Ratschläge sollen von einem Arzt kommen?

Was soll der gesagt haben – „auf die Gesundheit achten“? Ging das nicht konkreter? Gemeinhin raten Ärzte zu Maßnahmen, die nachweislich helfen. Also zu weniger Alkohol. Oder klipp und klar zum Nichtrauchen. Oder zum Abnehmen, oder zum Stressabbau, wenn es schon gesünder zugehen soll. Da hat man valide Daten, dass das was bringt. Aber „weniger Zucker“ und „Kaffee in Maßen“? Noch nie gehört.

Obendrein ist allgemeines Achten auf die Gesundheit gar nicht das Thema des Beitrags. Das Thema ist Fasten, so steht es drüber: „Fasten – Himmel oder Hölle?“. Was hat nun der Rat des fantasierten Arztes, Kaffee in Maßen zu trinken, mit Fasten zu tun?

Nichts, man muss es sagen. Einfach gar nichts.

Auch der Nusskuchen in Peters Frühstücksdose irritiert in dem Zusammenhang schwer.

Was hat der da zu suchen, erstens zum Frühstück, zweitens, wenn es ums Fasten geht, drittens, wenn der Arzt gesagt hat, dass es weniger Zucker geben und Peter überhaupt auf seine Gesundheit achten soll? Was macht dann der Kuchen da?

Kuchen ist gemeinhin süß, und Peter wird sich wohl kaum ein zuckerfreies Low-Carb-High-Protein-and-Fat-Spezial-Nussbrot gebacken haben. So faul, wie der ist und so spät, wie der morgens aus dem Bett kommt.

Aus dem Inhalt der Dosen im Verhältnis zu den rätselhaften Ratschlägen des Arztes kann man nur messerscharf schließen: Peter ist essgestört. Deshalb versteht er unter „auf die Gesundheit achten“ das Futtern von Nusskuchen.

Seine Schöpferin, die FAZ-Psychologin, könnte ähnliche Probleme haben. Denn sie hat Peter den Nusskuchen in die Dose gepackt. Außerdem hat sie alles samt dem Rat des Arztes an den Haaren herbeigezogen.

Nusskuchen. Fasten. Nusskuchen. Ich komme nicht darüber weg.

 

Meeting mit Krapfen ist wie Arbeitstreffen mit Sekt

Aber wir müssen da durch. Denn in der Firma lauert die Versuchung:

„Zu seiner Überraschung waren sämtliche Kollegen schon eingetroffen. Jemand hatte vom Bahnhofsbäcker Berliner mitgebracht und spendierte eine Runde. Peter lehnte dankend ab, obschon er kurz zögerte. Aus den Berlinern quoll eine Cremefüllung. Er dachte an den Inhalt in seiner Vorratsdose. Wahrscheinlich wäre es einfacher, im Frankfurter Westend zu koksen, als in Mörfelden Karotten zu frühstücken.“

Gefüllte Berliner im Meeting am Morgen? Und die frühstücken da alle? Interessant. Noch dazu will die Erzählerin uns glauben machen, es sei peinlich, vor Werbe- oder IT-Fuzzis Rohkost zu knabbern.

Ehrlich, das ist unrealistisch. Ganz sicher wäre das Gegenteil der Fall: Die Hipster würden an Karotten nagen und sich gegenseitig überbieten mit über Nacht eingeweichten Wunderkörnern, die sie, ganz wie Peter, in bunten Dosen präsentieren.

Die Frage ist aber, warum da überhaupt gegessen wird – Meeting mit Krapfen, das ist wie eine Konferenz mit Sekt. Oder wie Frühstücken im Büro: ernsthafte Arbeit ist nicht intendiert.

Davon abgesehen sind Krümel, Geschmiere, klebrige Finger und Puderzucker auf Unterlagen Ausdruck mangelnden Stils und schlechter Manieren. Für unsere Psychologin natürlich nicht, was alleine schon tief blicken lässt. Aber sonst hätte sie die Szene nicht so selbstverständlich dargestellt – und nicht als so verführerisch für Peter geschildert.

Wobei es in Deutschland, dem Land der kleinen Sünderlein, leider nicht ganz ungewöhnlich ist, Schmalzgebäck in einer Sitzung zu servieren. Schließlich muss uns jemand den harten Arbeitsalltag versüßen, wenn wir uns schon aus dem Bett gequält haben.

 

Ohne Trösterchen geht es nicht

Der Süßterror wird auch gerne zum Test für den Corpsgeist. Wer nicht mitmacht, ist nicht teamfähig: „Och komm! Ich hab sie extra für euch mitgebracht! Jetzt nimm schon. Kannst auch zwei haben. Es ist genug da!“.

In jedem Büro gibt es diese Menschen, die Schalen voll mit krisselbunten Gelatinebrocken, überzuckerten Keksen und plumpen Brownies herumreichen und beleidigt sind, wenn man nichts davon mag.

Diese Infantilisierung des Arbeitstages ist so typisch deutsch wie kaum etwas sonst. In Frankreich, Italien oder England würde niemals jemand Fettballen, aus denen auch noch Marmelade aufs Hemd tropft, in eine Sitzung mitbringen.

Undenkbar. Ebenso wie Frühstücken im Büro, übrigens.

Bei uns kommt das vor, sogar häufig. Und deshalb übersteigt nicht nur das Durchschnittsgewicht der Deutschen das der meisten anderen Europäer, das Verzichten übersteigt auch Peters Kräfte:

Jansen von der IT-Abteilung verwickelte ihn in ein Gespräch. In seinem Bart klebte noch Zucker vom Berliner. Peter trat von einem Bein aufs andere. Seit sechzehn Stunden hatte er nichts mehr gegessen.

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Sechzehn Stunden nichts gegessen und dann schon am Rande des Kollapses? Da übertreibt die  Psychologin aber, das kann man ganz nüchtern feststellen: Für Erwachsene sind sechzehn Stunden ohne Essen gar nichts, wenn eine Nacht dazwischen liegt.

Denn der nächtliche Ruhestoffwechsel läuft bis in den Morgen, der Appetit ist von Hormonen gezügelt und sechzehn oder noch mehr Stunden über Nacht nichts zu essen ist ohne Probleme möglich. Millionen von Nicht-Frühstückern machen es jeden Tag vor.

Daran glaubt die Psychologin aber sichtlich nicht. Für sie wacht der Mensch morgens mit einem Schmacht auf, der sofort beseitigt werden muss.

 

Wer Hunger hat, will was Gescheites

Zum Beispiel mittels süßer Krapfen. Die auf nüchternen Morgen – Quarkundso.de wird bei der Vorstellung schon schlecht. Unsereiner könnte sich danach für den Rest des Meetings in den Sanitätsraum legen.

Aber hier, in dieser Geschichte, wird keinem schlecht. Hier sind alle samt Peter begeistert von dem Süßkram. Das ist kein Zufall, die Psychologin will das so: Die so menschlich Süßes essen, sind „normal“ und denen geht es gut. Wer „fastet“ und sich das Zuckerzeug verkneift, bekommt Probleme.

Das wird uns von allen Seiten unaufhörlich eingehämmert – Süßhunger ist natürlich, Süßpräferenz ist von der Evolution vorgesehen, Süßes hellt die Stimmung auf, fördert die Konzentration und gibt Energie, gerade morgens.

Es ist auch das Lieblingsmotiv der Lebensmittelindustrie, wenn sie für ihre Riegel wirbt. Unvergessen: „Knoppers, das Frühstückchen“, der Spot mit hemdsärmeligen Bauarbeitern, die statt in Wurstbrote in niedliche Nusswaffeln beißen. Dabei weiß jeder: Wenn Schwerarbeiter Hunger haben, muss was Gescheites her – Leberkäse, kalter Braten oder am besten gleich Schnitzel Pommes. Darunter geht nichts.

Die Vorstellung von einem angeblich evolutionären Vorrang des Süßen, weil das „schnelle Energie“ bringt, ist ohnehin nur ein Popanz. Der Mythos wird ständig runtergeleiert von interessierten Kreisen, die das Element der Konditionierung beim Essen nicht wahrhaben und dem Menschen die Fähigkeit zu vernünftigem Verhalten absprechen wollen.

Wer das nachbetet, ignoriert, dass Menschen sehr unterschiedlich essen und dass es viele gibt, die nichts Süßes mögen oder nur wenig davon vertragen. Er ignoriert auch, dass in den meisten Esskulturen der Welt süße Gerichte und Naschereien eine absolut nebensächliche Rolle spielen und nur selten oder auch gar nicht vorkommen.

 

Fatale Fressanfälle

Aber Peter steckt als deutscher Mustermann natürlich in der Zuckerfalle, außerdem hat er Angst vor Autoritäten. Fatal, dass der Doktor zu Gemüse geraten hat (und Peter daher Nusskuchen, aber keinen Krapfen essen darf). Trotz heimlich genaschter Mandeln ereilt ihn jetzt eine ausgewachsene Hungerattacke:

„Eine Viertelstunde und eine halbe Tasse Kaffee später meldete sich der Hunger zurück. Mit einem entschuldigenden Lächeln in die Runde verließ er den Raum (…) nahm die größere der beiden Dosen heraus, stopfte Papaya in sich hinein, dann ein paar Scheiben Gurke und hinterher noch ein Stück Karotte, das er kaute, während er sich im Bad die Hände wusch. Vorsorglich spülte er den Mund mit Leitungswasser aus und hielt dem Spiegel die entblößten Zähne entgegen.“

So lebensnah von der Psychologin entworfen – Heißhungeranfall nach 15 Minuten Meeting. Und dann nur Gemüse da, das man in sich hinein stopfen muss. Das ist hart.

Allerdings hat sich die Fachkraft wieder nur etwas ausgemalt, was möglichst drastisch klingen sollte. Und Abhilfe wäre möglich gewesen – denn es gab Kaffee im Konferenzraum. Das Koffein darin ist ein wirkungsvoller Appetitzügler, das ist schon seit Jahrhunderten bekannt. Mit Kaffee und Tee ließ sich die unterernährte Arbeiterschaft bei Laune halten, wenn der Magen knurrte, ohne dass sie im Kopf benebelt wurde wie beim sättigenden Alkohol.

Hätte Peter also seinem gesunden Menschenverstand vertraut und eine ganze Tasse Kaffee getrunken, am besten noch mit Milch, hätte sich der Doktor nicht beschwert und Peter hätte die Sitzung mit Anstand bewältigt. Tee mit Milch wäre auch gegangen.

Da ist aber die Psychologin davor. Die will ihre Story durchbringen, also muss der Heißhungeranfall her.

 

Normal ist das nicht

Und schon eine halbe Stunde später folgt der nächste. Peter stiehlt sich unter einem Vorwand aus der Sitzung und versteckt sich auf den Parkplatz in seinen Wagen. Dort

„verdrückte er in Windeseile etwas Kuchen und ein paar Nüsse, biss noch einmal ein Stück Karotte, schob Paprika und Gurke hinterher, als ausgerechnet auf dem Parkplatz neben ihm ein verspäteter Kollege einfuhr. Er beugte sich nach unten, traute sich aber nicht, das rohe Gemüse kopfüber zu schlucken. Das Blut pochte in seinen Schläfen.“

Ach du lieber Himmel! Was ist das für eine Halluzination? Wahlloses Durcheinanderessen von Kuchen, Nüssen, rohem Gemüse, Obst in peinlicher Hast, dazu das Verschämte – man muss schon fragen: Was ist mit Peter los? Warum kann der Mann nicht bis zur Mittagspause warten?

Spätestens jetzt ist klar, dass unser Sünderlein ein Riesenproblem hat. So verhält sich kein vernünftiger Mensch. Im Klartext: Normal ist das nicht.

Wer will, kann das auch im Lehrbuch nachschlagen, bei „Unterzucker“, „Hypoglykämie“ oder „Heißhunger“. Nein, ein gesunder Mensch gerät nicht einfach in solche Zustände. Nur Leute, die ausgewachsene Essprobleme haben. Oder Insulin spritzen.

Dann aber kommt endlich die Mittagspause – der Fastenpatient bestellt nur Salat.

„Mittags einigten sich die Kollegen auf Pizzadienst. Der Bestellzettel wanderte reihum, er tat, als sei er in sein Smartphone vertieft und ließ den Zettel an sich vorüber gehen. Der Chef bestellte als Einziger Salat, mit der Begründung er sei abends zum Essen eingeladen. Peter nuschelte etwas wie „ich auch“, obwohl es gar nicht stimmte, und bestellte ebenfalls Salat. Die Pizzen waren groß und duftend, die Salate klein. Er verfolgte ein mit Sardellen belegtes Dreieck, bis es vollständig in Jansens Mund verschwand. Müde fischte er zwei Würfel Käse aus dem Salat.“

Wieder ein Stolperstein, in der Konsequenz diesmal tragisch, denn Peter kasteit sich völlig grundlos. Schließlich hatte der Doktor nur zu weniger Zucker und mehr Gemüse geraten. Was spricht dann gegen eine schön belegte Pizza zum Mittagessen? Oder gegen Spaghetti mit leckerer Fleischsauce plus Salat?

Nichts, wenn man mit gesundem Menschenverstand an die Sache rangeht.

 

Fasten am Limit: Der Protagonist dreht durch

Aber natürlich steckt wieder die Psychologin dahinter.

Sie will Peter aus dramaturgischen Gründen in eine möglichst große Klemme bringen, deshalb interpretiert sie die – sinnlosen – Ratschläge des Arztes absichtlich falsch. Leider macht sie damit ihre Hauptfigur zu einem astreinen Essgestörten, der Ratschläge nicht umsetzen kann, kein Maß und Ziel kennt und von einem Extrem ins andere fällt.

Und so kommt es am Ende zum Äußersten. Was geschieht, weist nicht nur auf Peters Krankheit hin, sondern ist auch typisch für Plots, die sich Psychologen ausdenken: Der Protagonist dreht durch.

„Er war wütend, abwechselnd auf sich selbst, dann auf Sybille. Kompromisse waren was für Paartherapeuten, er für seinen Teil hatte genug davon. Er wollte essen, kompromisslos. Heute Abend würde er zu Toni gehen und sich den Bauch voll schlagen, Pizza mit Sardellen und Vitello Tonnato oder ein saftiges Steak.“

Das war´s also mit Peters Fastenkur.

Tja. Ein richtig katastrophales Ende ist das aber nicht. Es gibt weiß Gott Schlimmeres als abends beim Italiener zu landen. Dabei sollte der Schluss wohl nur zeigen, dass Leute, die fasten oder Diät halten, zwangsläufig in die Völlerei abgleiten.

Quarkundso.de stellt das gnadenlos richtig: Zwei Gänge beim Italiener sind keine Völlerei. Alles unter drei Gängen ist Diät. Wir bestätigen das gerne allen Betroffenen schriftlich.

Das Ende der Geschichte ist daher so schwer zu deuten wie der Anfang. Nichts, was in der Story als normal oder unnormal präsentiert wird, haut hin. Hier schreibt jemand einfach vom Reißbrett, der mit Essen nichts am Hut hat.

©Johanna Bayer

Artikel „Fasten – Himmel oder Hölle?“ auf dem FAZ-Blog

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