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Im Netz: Ist das Wurst oder muss das weg? Minister Schmidt und der Fleischersatz

 

 

Es ist so ungerecht! Alle faulenzen nach Weihnachten, nur die Abteilung Aktuelles von Quarkundso.de schiebt Sonderschichten.

Teller mit wurstartigen Gebilden, Salat, Zitrone

Nicht Wurst: Veganer Fleischersatz in der Diskussion. Bild: Shutterstock/Paul Brighton

Und das nur wegen des groben Unfugs rund um Ernährungsminister Schmidt von der CSU.

Der Mann hatte am 28.12.2016 verlauten lassen, dass er eine klarere Kennzeichnung von vegetarischen Produkten will – was aus Tofu oder Soja ist, soll sich weder Wurst noch Schnitzel nennen dürfen.

Das seien Fleischprodukte, und derlei Bezeichnungen für Vegetarisches zu verwenden, sei Verbrauchertäuschung. Schließlich wolle der Kunde wissen, was er kauft.

Das lief unter anderem als Meldung der DPA über alle Kanäle, heraus kamen Schlagzeilen wie: „Das Aus für die vegane Currywurst“, „Kampfansage an die ‚vegane Wurst‘“, oder „Veggie soll nicht Wurst heißen“.

 

Katzenzungen, Schweineohren, Schaumkuss

Das Netz kochte über.

Hohn und Spott ergossen sich über den armen Minister. Tenor: Gibt es nichts Wichtigeres? Und: Spinnt der? ist das vielleicht ein Trottel! Das weiß doch jeder, dass es weder Leber noch Käse im Leberkäse gibt, und dass eine Blutorange kein Blut enthält!

Was ist mit Überraschungseiern, die sind doch aus Schokolade und keineswegs Eier, will der Schmidt die auch verbieten? Was ist mit Katzenzungen, oder mit Gummibärchen? Müssen Schweineohren aus Blätterteig in der Bäckerei umbenannt werden? Darf man nicht mehr „Hundekuchen“ sagen, wenn Schmidt mit sowas durchkommt?

Witzbolde überboten sich dabei, unter dem Hashtag #verbrauchertäuschung die unendlichen Möglichkeiten des metaphorischen Sprachgebrauchs und des deutschen Kompositums vorzuführen: Jägerschnitzel ohne Jäger, Bergbauernmilch nicht vom Landwirt, Babyöl nicht mit Baby drin, und was ist wohl eine Fleischtomate?

An dem Spiel rund um die Verblödung des Beamten beteiligten sich auch öffentlich-rechtliche Sendeanstalten wie der SWR:

 

 

Viele schlugen sogar im Duden nach, vermutlich zum ersten Mal in ihrem Leben. Oder sie legten sich mit Grafik ins Zeug, wie das bekannt kreative und geistreiche Social-Media-Team des SPD-Parteivorstands:

 

 

Gut, die hatten offensichtlich nicht im Duden nachgesehen, zumindest nicht im Kapitel zur Zeichensetzung.

Dass aber „Wurst“ laut Herkunftswörterbuch wohl archaisch seinen Ursprung in so etwas wie „irgendein Gemengsel“, aber nicht unbedingt in Fleischwaren hat , wurde durch das ganze Netz gereicht.

Unter anderen tat sich Robert Habeck damit hervor, Landwirtschafts- und Umweltminister von Schleswig-Holstein, studierter Philosoph und hohes Tier bei den Grünen. Er gab dem NDR ein Interview und riet zur Begriffsklärung:

Da empfehle ich einen Blick in den Duden – da steht nicht, dass Wurst Fleisch hat, sondern es ist die Art des Aufstrichs und die Form der Produkte. Das ist sozusagen ein Kurzschluss. In Sojamilch ist auch nicht Milch drin und wenn man von alkoholfreiem Bier spricht, redet man ja immer noch von Bier. Die Inhaltstoffe definieren also nicht das Produkt.

Der Duden, aha. Und die Inhaltsstoffe definieren nicht das Produkt, interessant. Der NDR-Journalist ließ das völlig unwidersprochen stehen und alle waren sich erstmal einig. Das ist an sich schön.

Nur war das, was Habeck von sich gab, was durch das Netz schwappte und dem Bundesernährungsminister Schmidt auf die Füße fiel, zwar gewollt, aber nicht gekonnt, nur manchmal witzig, stattdessen insgesamt so schrill wie schräg.

Das gilt sowohl für die Mutmaßungen über die deutsche Sprache als auch für das Thema Kennzeichnung von Lebensmitteln.

 

Verbrauchertäuschung: Imagepolitur misslungen

Quarkundso.de, aus der Feiertagsruhe aufgestört, mischt sich in Abstrusitäten der Netz-Gemeinde nur ungern ein.

Aber in diesem Fall soll es doch einen bescheidenen Versuch zur, hm, Sondierung der Lage geben, also dazu, worum es geht. Daher spielt in diesem Beitrag die übliche Vorlage aus den Medien nur am Rande eine Rolle, nämlich das NDR-Interview mit Robert Habeck.

Vorab noch: Natürlich geht es nicht darum, dem täppischen Ernährungsminister in Berlin beizuspringen. Der hat einfach zu hoch gepokert, als er mit der platten Käuferschutz-Masche bei den Bürgern sein Image aufpolieren wollte, von wegen Lebensmittelklarheit und Schutz vor Verbrauchertäuschung.

Es geht bei der Sache offensichtlich auch um anderes – um Wettbewerb, um wirtschaftliche Interessen, um Gleichbehandlung, um Klarheit in den Rechtsgrundlagen der Lebensmittelkennzeichnung. Das hätte er ruhig offen sagen können. An dem Thema ist er schon seit Längerem dran. Und so argumentieren ja auch andere.

Aber was den Ämtern und Wirtschafsverbänden, sogar den Verbraucherzentralen erlaubt ist, ist einem CSU-Minister noch lange nicht erlaubt – wo kämen wir denn da hin! Die Netz-Meute samt dem SPD-Parteivorstand, der den Tweet des Social-Media-Teams verantwortet, ist bei Vorstößen der Gegenseite unerbittlich. Geht gar nicht.

 

Wer bestimmt, was Wurst ist?

Quarkundso.de aber hat versucht, sich trotz Ferien etwas kundig zu machen und nachzuforschen. Allerdings nicht im Duden. Den kann die ganze Redaktion sowieso auswendig. Wer hier arbeitet, hat auf das dicke gelbe Buch den Amtseid abgelegt.

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Doch der Duden und sein Herkunftswörterbuch sind in der Diskussion um die Veggie-Wurst gar nicht einschlägig.

Seit wann schlägt die Verbraucherzentrale im Duden nach, wenn sie der Industrie vorwerfen will, dass die für verschiedene Zuckerarten chemische Begriffe auf die Etiketten druckt? Seit wann schaut Foodwatch in den Duden, wenn es darum geht, dass „Seelachs“ kein Lachs ist, sondern ein Dorsch?

Um es klar zu sagen: Was Wurst ist, steht nicht im Duden.

Sondern in ganz anderen Nachschlagewerken, darunter dem Lebensmittelbuch der Deutschen Lebensmittelkommission, in Gesetzestexten und diversen Loseblattsammlungen mit – vielen – EU-Verordnungen und Richtlinien.

In diesen dicken Folianten, verwirrend, wie sie sind, steht doch einigermaßen klar zu lesen, dass Wurst ein Fleischprodukt ist – da ist Tier drin.

Lebensmittelbuch, Leitsätze für Fleisch und Fleischerzeugnisse von 2015, Absatz 2:

„Wurstwaren“ (Würste und wurstartige Erzeugnisse) sind bestimmte, unter Verwendung von geschmackgebenden und/oder technologisch begründeten Zutaten zubereitete schnittfeste oder streichfähige Gemenge aus zerkleinertem Fleisch (1.1), Fettgewebe (1.21) sowie sortenbezogen teilweise auch Innereien (1.51) sowie bei besonderen Erzeugnissen sonstige Tierkörperteile (1.511)

 

Der Volksmund darf reden, wie er will

Der bauernschlaue grüne Landwirtschaftsminister Habeck, der den Blick in den Duden sogar „empfiehlt“, liegt also mit seinem guten Rat wohl daneben.

Auch bei Sojamilch betritt Minister Habeck vermintes Terrain: Was Milch ist, regelt ebenfalls das entsprechende Gesetz, es ist die Milch in erster Linie von Kühen, im Spezialfall von Schafen und Ziegen. Nichts sonst.

Daher darf Sojamilch laut EU-Verordnung im Handel nicht als „Milch“ bezeichnet werden. Nur umgangssprachlich sagt der Kunde „Sojamilch“, wenn er die weiße Ersatzflüssigkeit meint. Dem Käufer aber schaut niemand aufs Maul, der Volksmund darf das weiße Zeug nennen wie er will.  Da redet nicht einmal der Duden rein.

Nur müssen die Hersteller „Sojadrink“ oder ähnliche Umschreibungen auf die Packung drucken. Das Produkt als „Milch“ zu bewerben, ist verboten.

Auch darf in ganz Europa per EU-Verordnung zum Beispiel nur als Butter verkauft wird, was aus Milchfett ist, und zwar von Kühen. Stammt die Milch von Schafen oder Ziegen, muss das klar gekennzeichnet sein. Vegane Imitate ohne Säugetiermilch dürfen sich allenfalls „Margarine“ nennen, oder – neutral und korrekt – „Streichfett“. Aber nicht „vegane Butter“.

 

Wissen, wo man es nachschlagen kann

Erstaunlich eigentlich, für so einen grünen Landwirtschaftsminister, dass der nicht vorher nachsieht, wenn er sich zu Lebensmitteln äußert.

Und dass er zwischen Alltagssprache und dem gewerblichen Umgang mit Lebensmitteln nicht unterscheiden mag. Gut, von Haus aus ist Habeck nicht nur Philosoph, sondern auch Germanist, da liegt der Duden näher.

Was die Germanistik angeht, verfügt Quarkundso.de aber ebenfalls über Insider-Kenntnisse, die in diesem Fall rücksichtslos veröffentlicht werden dürfen. Aus erster Hand können wir versichern, dass Germanistik-Studenten sofort nach der Einschreibung eingebläut wird: „Sie müssen nicht alles wissen. Aber Sie müssen wissen, wo Sie es nachschlagen können!“

Alkoholfreies Bier, das Habeck als Beispiel – wieder falsch – anführt, ist natürlich auch im Lebensmittelbuch verzeichnet, es gibt sogar ein Biergesetz. Dort steht, dass Bier alkoholfrei hergestellt werden darf. Wenn man also dem als „Bier“ bezeichneten Gärgetränk aus Gerste, Hopfen, Malz und Wasser den Alkohol nach dem Brauen entzieht, ist das auch Bier. So ist die Rechtslage.

Was sonst noch gebraut wird, ist kein Bier – Brottrunk zum Beispiel.

 

Wurstbürger auf Twitter: Wir denken selbst

Es ist müßig, anzuführen, dass andere blumige Produktnamen der Art „Schweineohren“ (Blätterteiggebäck), „Schaumkuss“ (Süßigkeit aus Eiweiß mit Schokoüberzug), „Katzenzungen“ (Schokoladenerzeugnis), „Berliner“ (Schmalzgebäck) und „Schusterjungen“ (Brötchen) sämtlich in Leitsätzen, Richtlinien der Innungen und der IHK, in Gesetzesblättern und Verordnungen beschrieben sind.

Alle die cleveren Beispiele, die auf Twitter gegeben wurden, zeigen daher kurzzeitig aufgeweckten Sprachskeptizismus, aber weder Sachverstand noch angemessenes Rechtsverständnis.

Exemplarisch für das Reichsbürgertum in der Veggie-Frage steht die Äußerung eines Wurstbürgers auf Twitter. Er fegt die Rechtsgrundlagen mal eben zur Seite und definiert, was für ihn persönlich Wurst ist: eine Form.

 

 

Die “Für-mich-ist-das-aber-so”-Haltung ist fatal und genau das, was man in anderen Angelegenheiten gefühltes Wissen nennt. Das kann Privatsache sein. Wenn sich dem aber ein Politiker anschließt, ist es nicht nur platter Populismus, sondern postfaktisch und ignorant.

Andererseits ist das mit dem Lebensmittelrecht eine grauenvolle Gemengelage: Wettbewerbsrecht – wer darf was auf Packungen drucken? -, Verbraucherschutz – was draufsteht, muss auch drin sein –, und Qualitätssicherung; dann geht es noch gegen Täuschungsabsicht, und es kommt noch sonstiges Gewerberecht dazu, von wegen unlauterer Wettbewerb, etwa mit falschen Angaben zu den Zutaten, oder mit Gesundheitsaussagen.

Da steigt keiner so leicht durch, außerdem reden zu viele mit, was der Lebensmittelkommission schon Ärger eingebracht hat. Sie steht gerade vor einer Reform.

Aber gerade weil alles so schwierig ist auf dem Gebiet, ist es wichtig, immer wieder auf Klarheit zu drängen. Das gilt unabhängig davon, ob der Minister durch die Fleischlobby angestiftet wurde oder nicht.

Immerhin ist er gelernter Jurist, da kann man vom erwarten, dass er sich zumindest um Durchblick bemüht.

 

Was draufsteht, muss drin sein

Klarheit gibt es nur, wenn sich eben die  Juristen durch endlose EU-Verordnungen wühlen. Dann stößt man darauf, dass Korrektheit im Lebensmittelbereich vornehme Pflicht ist, festgelegt in Paragrafen wie diesen: §7, Lauterkeit der Informationspraxis. Dort heißt es:

(1) Informationen über Lebensmittel dürfen nicht irreführend sein, insbesondere

(…)

d) indem durch das Aussehen, die Bezeichnung oder bildliche Darstellungen das  Vorhandensein eines bestimmten Lebensmittels oder einer Zutat suggeriert wird, obwohl tatsächlich in dem Lebensmittel ein von Natur aus vorhandener Bestandteil oder eine normalerweise in diesem Lebensmittel verwendete Zutat durch einen anderen Bestandteil oder eine andere Zutat ersetzt wurde;

Mit Bezug auf solche Regelungen haben die Verbraucherzentralen 2015 vor dem Europäischen Gerichtshof durchgesetzt, dass auf künstlich aromatisierten Früchtetees nicht riesige Bilder von Obst erscheinen dürfen, obwohl nur chemisch nachgebaute Aromastoffe drin sind.

Und jetzt geht es um die Wurst: Was ist in der Wurst? Wenn kein Fleisch drin ist, ist es dann eine Wurst?

Es liegt nahe, dass Landwirte, Bauern, Metzger, Fleischindustrie und Fleischlobby das klären wollen. Wettbewerbsrechtlich, sozusagen.

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Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Es liegt auch nahe, dass die interessierten Kreise von der anderen Seite, Vegetarier, Veganer und Hersteller entsprechender Produkte, das auf keinen Fall klären wollen. Denn Fleisch-Mimikry ist ein Imagegewinn und ein Verkaufsargument.

Schon aus psychologischen Gründen schmücken die Veggie-Produzenten ihre Ware gerne mit vertrauten Namen: Ihre nachgebauten Nahrungssimulationen sollen so aussehen, so schmecken und eben auch so heißen wie die echten Produkte, um zu suggerieren, dass sie ein angemessener Ersatz sind.

Das Versprechen an die Verbraucher lautet: „Du brauchst kein Tier zu töten und hast doch alle Vorteile Deines gewohnten Essens!“.

 

Nachgebaut oder das Original?

Ganz weit vorne ist dabei der Großerzeuger Rügenwalder Mühle, der ungeniert seine vegetarischen Produkte als Salami, Frikadelle, Fleischwurst, Nuggets oder Schnitzel vermarktet.

Anders wäre es wohl korrekter, prinzipiell, aber auch nach geltender Rechtslage: Alle Imitate von Wurst und Fleisch, die in Gestalt, Aufmachung und Geschmack Wurst und Fleisch offensiv nachempfunden sind, sollten Wurstersatz oder Wurstimitat, Fleischersatz oder Fleischimitat heißen.

Also ein blumiger Eigenname, sagen wir „Superkracher“, und darunter eindeutig: „Wurstersatz aus Weizeneiweiß“, oder „Wurstimitat aus Sojamasse“. Wie bei Tee und Jogurt müsste auch die Geschmackssimulation eindeutig bezeichnet werden: nicht als „Fleischwurst“ sondern „mit Fleischgeschmack“ oder „ mit Fleischaroma“.

Das wäre – als sogenannte Verkehrsbezeichnung – ehrlich.

Das geben sogar die Verbraucherzentralen zu. In einem Positionspapier zur Sache fordern sie mit dem gewohnten behördenkritischen Gestus genau das, was auch Schmidt will und was sowieso schon in den Gesetzen steht: Die Kennzeichnungsregelungen müssen für vegetarische Nachbauten besser umgesetzt werden.

Dabei geht es nicht nur um die Verbraucher, sondern auch um die Hersteller, die das echte Fleisch und natürliche Zutaten verwenden, aber mit ihren teuren Produkten gegenüber billigen Imitaten in die Röhre schauen würden.

 

Fein still halten und auf den Populismus setzen

Absatzfördernd ist das natürlich nicht. Deshalb freut sich die Veggie-Front bei dem Vorstoß von Schmidt über ihre Unterstützergruppe im Netz. Doch da, beim Absatz, liegt der Hase im Pfeffer: Es geht ums Geschäft.

Was das angeht, sind die Veggies keinen Deut besser als die Schweinezüchter. Und sie spekulieren auf den heimlichen Konsens, nachdem Pflanzliches zu fördern und Fleischliches zu verdammen ist. Schon von wegen der Ökologie, aber auch wegen der Gesundheit. Finden sie.

Auf dem Ticket fährt auch Habeck, der selbst zwar kein ausgesprochener Vegetarier ist, aber als Grüner seiner Klientel ebenso verpflichtet ist wie Schmidt von der CSU seinen konventionellen Bauern.

Auffällig ist jedenfalls, dass genau diese Kreise, große Hersteller wie Rügenwalder Mühle, sowie die offiziellen Verbände der Vegetarier und Veganer, in der Sache fein stillhalten. Sie sind wohl sauer, dass man ihnen draufgekommen ist, können aber rechtlich nichts dagegen sagen.

Dafür lassen sie das Netz, ein paar ihnen wohlgesonnene Journalisten und ihre Interessenvertreter bei den Parteien über Schmidt herumalbern. Aber die Produzenten und Veggie-Verbände wissen genau, dass Schmidt  Recht hat und dass sie wohl, wahrscheinlich sogar auf EU-Ebene, den Kürzeren ziehen werden.

 

Das dicke Ende kommt noch

Wie auch immer, die klare Kennzeichnung ist nichts, womit man spaßen sollte. Und sie ist auch deshalb wichtig, weil wir einer Zukunft entgegensehen, in der uns immer mehr künstlich nachgebaute Imitate statt echtem Essen untergejubelt werden.

Und zwar im großen Stil. Nicht nur von Veganern, sondern auch von der Industrie und sogar von Staats wegen.

Die Industrie will bessere Margen ohne teure Rohstoffe, dafür muss sie billige Ersatzstoffe verkehrsfähig machen. Der Staat will die Fresswelle eindämmen.

Dazu wird schon längst zum Beispiel an den Rezepturen von Käse, Backwaren und Fertiggerichten herumgeschraubt, um den Salz-, Zucker- und Fettkonsum zu senken, alles kalorienärmer und sonst irgendwie „gesünder“ zu machen. Ganze Institute experimentieren mit Nanofettkügelchen und Salzersatz (!), und mit zugesetzten Ballaststoffen in der Pizza, alles vorgeblich für die Gesundheit.

Quarkundso.de fordert daher den Bundesernährungsminister Schmidt dringend dazu auf, mit seiner strengen Kennzeichnungslinie fortzufahren! Dann wird er hoffentlich alle weiteren Nahrungssimulationen auch klar benennen – als Panscherei und Gesundheitsschwindel.

©Johanna Bayer

 

Links

Interview des NDR mit dem Landwirtschaftsminister von Schleswig-Hostein, Robert Habeck,

Lebensmittelbezeichnungen – Service des Landesamtes für Lebensmittel und Gesundheit Bayern

Leitsätze Fleisch aus dem Lebensmittelbuch, BMEL

Die Position der Verbraucherzentralen: Kennzeichnungsrichtlinien einhalten!

ARD: Mensch, Maischberger! Gesundes Essen, eine coole Laien-Runde und ewige Wahrheiten

 

Bei der ARD hat man sich gesagt: Die Maischberger muss jetzt was mit Essen machen. Alle machen was mit Essen. Und es gibt doch gerade so einen Hype um Gluten und so. Was mit Essen läuft wie geschnitten Brot. Also machte die Maischberger das am vorletzten Sonntag und nahm sich die „Gesundesser“ vor. Das sind Leute, die sich auf eine ganz bestimmte Weise ernähren und das für gesund halten oder seitdem gesünder sind oder das glauben. Es gibt viele davon, schon seit der Antike.

Eine fröhliche, friedliche Laien-Runde

Eingeladen war dazu eine Runde von sechs Gästen, die alle auf ihre Art Promis sind. Einer ist sogar richtig wichtig, nämlich der amtierende Bundesernährungsminister Christian Schmidt von der CSU. Vier von sechs waren aber Laien, darunter zwei Schauspielerinnen, ein ehemaliger Internet-Fuzzi, und auch der Minister, was kein Widerspruch ist. Der Mann ist erst seit gut einem Jahr für die Bundes-Ernährung zuständig und von Haus aus gelernter Jurist. Ins Amt gekommen ist Schmidt, weil er vorher im Verteidigungsministerium war.

Ja, wirklich! Ist doch klar – Ernährung ist Kampf, es geht schließlich ums Überleben. Vielleicht hat er den Job aber auch bekommen, weil er aus einer Bäckersfamilie stammt. Egal, jedenfalls ist er abgesehen von seinen fachlichen Qualifikationen sehr freundlich, tolerant, vermittelnd und sympathisch. Das, muss man einräumen, ist in der Politik eine wohltuende Ausnahme und in jedem Ministerium schon die halbe Miete. Also richtet er hoffentlich nicht allzuviel Schaden an. Man wird sehen. Aber immerhin zwei der Gäste waren vom Fach, ein Arzt und das enfant terrible der Ernährungsszene, Udo Pollmer.

Wer jetzt glaubt, dass die Fetzen flogen, wie normalerweise bei solchen Runden, liegt falsch. Es war geradezu ein Ponyhof. Weitgehend herrschte Frieden, man ließ andere das Gesicht wahren und alle waren beeindruckend cool. Das hat vor allem Sandra Maischberger geschafft – La Maischberger, wie sie auf Quarkundso.de ab jetzt respektvoll genannt wird.

Gefühlte Experten? Nichts für La Maischberger

Denn die war spektakulär – sie zeigte offen ihre Ahnungslosigkeit, was das Thema angeht und konnte keine einzige fachliche Frage stellen. Deshalb ließ sie jeden seine Position darstellen, was Frieden stiftete, sogar bei Pollmer, der nur halb so viel polterte wie sonst. Gleichzeitig schaffte sie es aber, intelligent einzuhaken, das Gespräch zu lenken, und jeden subtil vorzuführen, wenn er oder sie dummes Zeug erzählte. Und es war ihr deutlich anzumerken, dass ihr das gesunde Essen samt den Gesundessern gehörig auf den Geist geht: Sie glaubt den ganzen Quatsch nicht und ist auf keinen Fall dazu bereit, auch nur einen überflüssigen Gedanken an Essen zu verschwenden, komme er nun von einem gefühlten Experten oder nicht. Und sei er nun gesund, der gefühlte Experte, oder nicht.

Natürlich würde sie das nie zugeben. Aber ich glaube, ich kann das beweisen. Dazu greife ich einige Stellen heraus, die einen stimmigen Eindruck von der ganzen Sendung bieten: La Maischberger mit treffsicheren Nachfragen, andere mit geniale Paraden, wieder andere, die geschickt ausweichen, und am Ende bleiben ewige Wahrheiten über das Essen.

Noch dazu kann man aus diesen wenigen Ausschnitten einiges darüber erfahren, was wirklich gesund macht, und das hat nichts mit Essen zu tun. Es gibt also auch echte Erkenntnisse über Essen und Gesundheit in dieser ARD-Sendung, und am Ende einen fröhlichen Konsens. Was will man mehr?

Fangen wir also an, und zwar mit

Michaela Merten, ausgebildete Schauspielerin. Vertreibt zusammen mit ihrem Mann, einem Motivationsguru und Lebensfreude- Coach, unter anderem Engelkarten, macht Engel-Coaching, Atem-Beratung und Wunscherfüllungs-Seminare. Mit letzteren zog das höchst erfolgreiche Paar auch schon die Aufmerksamkeit von Sekten-Experten auf sich. Ihre Ernährung hat sie als junge Frau völlig umgestellt, sie isst seit 25 Jahren nach den Prinzipien des altindischen Ayurveda, was Einläufe und Fleischverzicht beinhaltet. So viele Leute wollen ihren Rat, sagt sie, dass sie inzwischen hauptsächlich als Autorin von Ernährungsbüchern arbeitet.

Maischberger: „Das finde ich ja überhaupt interessant, dass Menschen, die sich damit wirklich beschäftigen, irgendwann mal vom Fokus her rüber wechseln – Sie haben das zum Beruf gemacht… muss man das denn, wenn man gesund leben möchte? Muss man sich da so reinvertiefen, dass man am Ende gar nicht mehr normal – Entschuldigung… verzeihen Sie – dass man keinen anderen Beruf mehr nebenbei haben kann?“

Ist das nicht cool? So rundheraus zu sagen, dass es ihr völlig unverständlich ist, wenn Leute sich nur noch mit Essen und Gedöns beschäftigen, traut sich doch sonst niemand! Nebenbei zielte La Maischberger damit auch auf den anwesenden Ex-Wirtschaftsingenieur, der ebenfalls sein Essen zum Beruf gemacht hat, allerdings isst er ganz anders als Frau Merten: Es ist

Nico Richter, deutscher Protagonist der „Paleo“-Bewegung, das ist Essen wie in der Steinzeit – angeblich. Der Mann war früher im Internet-Gewerbe unterwegs, lebt jetzt aber vom Bücherschreiben und von der Steinzeit-Idee: Früher gab es keine Milch, keinen Rübenzucker, kein hochgezüchtetes Getreide und keine Zusatzstoffe, also lassen wir das alles weg, es passt nicht zu unseren Genen. Darauf gekommen ist er, weil er bei einer Routine-Kontrolle des Hausarztes „schlechte Blutwerte“ hatte.

Interessanterweise kann man seiner Schilderung in der Sendung, aber auch einem SZ-Artikel entnehmen, dass das Werte waren, die übermäßigen Stress anzeigten, darunter der Langzeit-Blutzucker und erhöhtes Cholesterin. Trotzdem beschloss Richter, dass die Ursache für alles seine Ernährung sein müsse. Das ist von bestechender Logik und kommt öfter vor. Richter drehte jedenfalls sein Essen auf Steinzeit und ist seitdem gesund. Zur selben Zeit änderte er sein ganzes Leben: Er wechselte den Beruf, schlief mehr, trieb mehr Sport, sorgte für mehr Entspannung und weniger Stress. Jetzt ist geht es ihm so gut wie nie zuvor.

Logisch – wenn man alles ändert, ändert sich viel oder eben alles, vor allem auch gesundheitlich. Es muss überhaupt nicht an der Ernährung liegen. Das ist eine der tiefen Wahrheiten, die man hier erfahren kann, wenn man genau hinhört. La Maischberger jedenfalls traf mit diesem Tenor sehr instinktsicher den Punkt.

Mit diesem Gespür für das Wesentliche ging sie weiter vor, nochmal bei Michaela Merten. Die erzählt von ihrem falschen Lebensstil als junge Schauspielerin – sehr unregelmäßiger Tagesablauf, wenig Schlaf, viel Arbeit, Unmengen von Kaffee und Alkohol, Essen meist spät nachts. Sie wurde krank, nahm Antibiotika, alles wurde noch schlimmer, bis sie zum Heilpraktiker ging. Der identifizierte zielsicher das Essen als Ursache und riet zu Ernährungsumstellung und Darmsanierung. Merten verzichtete daraufhin auf Zucker, Pizza, Fastfood, Fleisch, ist seither gesund und fühlt sich jetzt 20 Jahre jünger als sie ist. An sich ist das beeindruckend. Aber da hat sie nicht mit La Maischberger gerechnet.

Maischberger: Haben Sie aufgehört, Alkohol zu trinken, nebenbei?

Merten: Ja.

Maischberger: Da würden viele schon sagen, das alleine würde schon reichen und man fühlt sich morgens besser.

Muss man das weiter kommentieren? Nein. Das ist einfach groß. Das ist La Maischberger, mehr ist nicht zu sagen, ansonsten siehe oben: Es hängt nicht alles vom Essen ab.

Aber die Merten war auch cool. Sie blieb heiter, fühlte sich nicht beleidigt und gab unbeirrt Einzelheiten ihrer Bekehrung zum Besten. Dabei spielte die Darmreinigung eine große Rolle, zu der ihr der Heilpraktiker damals riet, da sie „komplett übersäuert“ sei. Merten lässt sanieren und macht seit 25 Jahren regelmäßig „Darm-Wäschen“. Das stehe „schon in der Bibel, dass man das machen soll“, verkündet sie. Neuerdings lässt sie auch Gluten weg, obwohl sie gar keine Unverträglichkeit dagegen hat. Aber wenn sie Getreide und Zucker isst, sagt Merten, spürt sie, wie beides zusammen ihre „Darm-Zoten“ verklebt. Das ist sehr niedlich, wie sie das sagt – sie meint die Darmzotten, spricht es aber so aus: „meine Darm-Zoten“.

Maischberger: „Die Darm – was?“

Herrlich. Das war nicht einstudiert, sondern echt. La Maischberger sagt nicht brav: „Können Sie das erklären, was das ist…“ oder „… das müssen wir vielleicht erklären, für die Zuschauer…“, wie es etwa Herr Plasberg gesagt hätte, oder besserwisserisch: „Heißt das nicht „Darmzotten“?“, wie Günther Jauch. Nein, sie sagt völlig baff: „Darm – was?“ Kann man anhören, ab 55:47.

In aller Seelenruhe liefert Merten die Erklärung:

Merten: „Die Darm-Zoten. Das sind diese Tentakel, die die Vitamine und Spurenelemente und Mineralstoffe aus der Nahrung herausziehen sollen, die sitzen hier an den Darmwänden“ (deutet unbestimmt auf die Bauchregion und berichtet, wie sie bei den Einläufen an ihren Darm-Zoten fühlt, dass all das Verklebte von ihr weicht).

Udo Pollmer, studierter Lebensmittelchemiker, ist fassungslos, als er das hört. Ihm, dem Fachmann, fällt – im Bild zu sehen bei 55:49 – die Kinnlade runter. Weiß er nicht, was „Darm-Zoten“ sind? Er weiß es ganz gut, denn er ist seit vielen Jahren ein äußerst streitbarer Akteur in der Ernährungsszene und kennt sich im Verdauungstrakt leidlich aus. Dass die Darmzotten Nährstoffe aus der Nahrung holen, und zwar nicht nur Vitamine und Spurenelemente, sondern auch sonst alle, ist ihm bekannt, wo sie sitzen, auch. Pollmer hat bekannte Bücher geschrieben, darunter den Klassiker „Das Lexikon der populären Ernährungsirrtümer“, und damit vielem Unsinn ein für alle Mal den Boden entzogen. Was Leute, die Unsinn glauben wollen, allerdings überhaupt nicht beeindruckt. Aber auch andere sind dem Pollmer nicht grün. Bei einer Reihe von Ärzten und Wissenschaftlern hat er sich unbeliebt gemacht, weil er gerne absichtlich polemisiert und provoziert. Für Feinheiten ist der Mann jedenfalls nicht zu haben, für Esoterik, Hypochondrie und Neurosen auch nicht. Er ist ein alter Grantler, weiß unglaublich viel und hat keine Lust auf Streichelzoo. Aus der Reserve locken lässt er sich aber auch nicht:

Maischberger: „Diese Spülung, diese Darm-Sanierung, halten Sie was davon, Herr Pollmer?“

Pollmer: „Bitte – ich bohre nicht in fremder Leute Arschlöcher“ (gibt die Frage weiter an den anwesenden Arzt).

Großartig! Pollmer ist keiner, der auf Zuruf pöbelt, das macht er nur selbstbestimmt.

Der anwesende Arzt aber ist Dr. Carsten Lekutat, lustiger Fernseh-Doktor beim WDR, unterwegs in mehreren Coaching-Formaten („Der Gesundmacher“, „Raus aus dem Stress“). Im Nebenberuf ist er Vegetarier. Deswegen möchte er den beiden anderen Vegetarierinnen im Studio, Michaela Merten und Marion Kracht, nicht wirklich am Zeug flicken und ist sehr vorsichtig. Er sagt Richtiges, Gemäßigtes, Vorsichtiges, oder er schweigt. Zum Beispiel zu den gefühlten, verklebten und gewaschenen Darm-Zoten. Da stellt er nur in einem knappen Satz klar, dass der Darm nicht regelmäßig gereinigt werden muss, das könne der schon selbst. Dann lenkt er schnell ab, auf die Gene und sonstiges, und dass die Wissenschaft über Ernährung und Gesundheit eigentlich gar nichts weiß.

Nun, ein bisschen was weiß sie schon – und er hätte sagen können, dass eine Darmreinigung nicht nur unnötig, sondern auch unmöglich ist. Viele glauben ja, dass sie ihren Darm mit rektalen Manipulationen von schädlichen Pilzen und Bakterien befreien können. Aber die bleiben bei der Spülung drin, sie sitzen auf der Schleimhaut wie ein fester Film. Insbesondere erreichen Einlauf und Darmreinigung von hinten gar nicht erst die „Darm-Zoten“. Ein Einlauf spült nur den Enddarm und vielleicht noch einen Teil des Dickdarms, das sind maximal 30 cm hinten rein. Dann ist Schluss. Und dort, im Dickdarm, sind gar keine Darmzotten. Die sitzen ganz woanders, nämlich gut 5 bis 6 Meter und viele Verschlingungen weiter oben im Dünndarm und lachen sich ins Fäustchen, wenn der Enddarm die kalte Dusche kriegt.

Aber das alles verschweigt der Arzt, um den Frieden nicht zu gefährden, schließlich war in dieser Runde Konsens, dass jeder nach seiner Fasson glücklich werden soll.

Ewige Wahrheiten und kein Widerspruch

Diese Parole hatte der Ernährungsminister ausgegeben, weil er niemandem vorschreiben will, was er auf dem Teller haben soll – außer Kindern. Denen muss man natürlich was vorschreiben, darüber waren sich alle einig. Was genau, blieb unklar, schließlich waren sich inklusive Minister alle darüber einig, dass die Wissenschaft in punkto Ernährung total versagt. Das ist ja schon einigermaßen erstaunlich, doch am Ende trug es – beim Essen von Insektenkost – zur guten Stimmung bei.

Und wenn man die Positionen mal zusammenfasst, die da kamen, hat man Folgendes gelernt: Jeder kann essen, was er will. Ernährungsstudien widersprechen sich dauernd und Wissenschaftler wissen nichts. Aber Kinder sollen nicht so viel Pizza, Nudeln und Pommes essen. Wer will da noch widersprechen? Niemand.

©Johanna Bayer

Die ARD-Sendung mit Sandra Maischberger “Haben die Gesundesser Recht?” vom 21.4.2015 ist nicht mehr online (Stand 2016)

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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