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Der Pressetext zum neuen DGE-Report: Essen die Deutschen wirklich gesünder?

Eine Pressemitteilung der DGE zum 14. Ernährungsbericht verleitet Redaktionen dazu, von „gesundem Essen“ zu schreiben. Aber in Wahrheit essen die Deutschen laut Report gar nicht gesünder – Quarkundso.de übernimmt.

(Beitrag vom 2.2.2021)

Glasschüssel mit Salat, umgeben von kleinen Schüsseln mit Erdbeeren, Pilzen, Trauben, Nüssen, Rotkraut, Tomaten, Weißkohl

Obst und Gemüse sind gesund – irgendwie. Bild: silviarita / Pixabay

Die ersten Wochen des Jahres sind die Zeit für Reflexion und große Themen: Was essen wir? Was ist gesunde Ernährung? Wer ist gesund, weil er oder sie oder dies oder das isst – oder nicht isst?

Ist man auch gesünder, wenn man gesünder isst? Und hören die Menschen auf Ratschläge dazu, was gesundes Essen ist?

Anlass zu diesen Fragen gibt nicht nur das neue Jahr, sondern auch der 14. Ernährungsbericht der Deutschen Gesellschaft für Ernährung, DGE. Er erscheint alle vier Jahre, soll erfassen, wie die Deutschen essen und ist am 24.11.2020 herausgekommen.

Ergebnis: „An einigen Punkten“, so die Pressemitteilung der DGE, habe sich die Ernährungssituation „verbessert“. Insgesamt aber – eigentlich nicht.

Denn Die Deutschen werden ungebremst dicker, zeigt der Bericht. Und auf die Ernährungsratschläge der DGE hören sie auch nicht. Das ist die wichtigste Botschaft, nachzulesen in der Pressemitteilung der DGE vom 24.11.2020.

 

Gesundes Essen, ungesundes Gewicht

Das ist ein eher mageres Ergebnis. Denn was nützt gesundes Essen – was auch immer das sein soll – wenn man davon dick wird?

Und wenn der Genuss von Schweinefleisch „erfreulicherweise“ zurückgeht, wie es in der DGE-Pressemitteilung heißt: Was hilft das, wenn der Anteil der Übergewichtigen und Fettleibigen in Deutschland steigt?

Falls es da überhaupt einen Zusammenhang gibt, wäre der einzige Schluss, der daraus zu ziehen ist, dieser: „Aha, Schweinefleisch ist nicht Schuld am Übergewicht!“.

Aber das folgert niemand.

Stattdessen freut sich die DGE über „mehr Gemüse“. Doch da ist es wieder: Was nützt mehr Gemüse, wenn die Deutschen noch dicker werden? Denn Übergewicht ist das Problem. Hohes Körpergewicht gehört zu den größten Risikofaktoren für Diabetes, Bluthochdruck, Herzinfarkt, Schlaganfall, Arbeitsunfähigkeit und eine ganze Reihe von Krebsarten.

Dagegen haben Normalgewichtige, ganz gleich, was sie essen, ein wesentlich geringeres Risiko, an diesen Erkrankungen zu leiden oder zu sterben. Das haben große Studien ergeben, darunter die Nurses Health Study aus den USA.

Zudem sagen Konsumzahlen, wie sie der Ernährungsbericht der DGE anhand der Agrarstatistiken erhebt, nichts über die Ursachen von Krankheiten in der Bevölkerung.

Oder über Übergewicht. Oder über den Zusammenhang zwischen Lebensmitteln und Übergewicht. Oder über die Verbindung von Essgewohnheiten und Übergewicht.

 

Gute Stimmung ist alles

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Die von der DGE wissen das natürlich. Deshalb formulieren die Forscher ihre Erkenntnisse sehr vorsichtig: In ihrer ausgeklügelten Pressemitteilung vermeiden sie es, von „gesund“ oder „gesünder essen“ zu sprechen.

Ganz sein lassen können sie es aber nicht. Denn die Verbindung von „essen“ und „gesund“ ist im Hirn der Deutschen so fest verdrahtet wie die von „Sommer“ und „Grillabend“.

Daher schlagen die Autoren der Pressemitteilung einen populistischen Haken und stellen an den Anfang das, was man unter „gesünder essen“ versteht:

„Mehr Gemüse, Mineralwasser, Kräuter- und Früchtetees, weniger Schweinefleisch und Alkohol – die Ernährungssituation in Deutschland hat sich in einigen Punkten verbessert“,

lässt sich Helmut Heseker, Chef des wissenschaftlichen Präsidiums der DGE, zitieren.

Damit war der Trigger gesetzt und die Redaktionen sprangen darauf an.

 

Keine weiteren Fragen

Blätter und Portale übernahmen die Pressemitteilung der DGE komplett und dichteten – natürlich – etwas mit „gesund“ dazu. Niemand fasste nach.

Die ZEIT etwa, die es nun wirklich hat – Geld, Recherchepower, Mediziner in der Redaktion – schrieb:

Bürger essen gesünder – und werden trotzdem immer dicker.
Mehr Gemüse, Tee und Wasser, weniger Schweinefleisch: Auf Deutschlands Esstischen hat sich einiges getan. Die Quote der Übergewichtigen aber steigt laut einer Studie.

Schade, dass einem Leitmedium wie der ZEIT nichts weiter einfällt, als den Text der DGE abzudrucken und nicht selbst zu recherchieren, was genau hier „gesünder“ sein soll – ganz davon abgesehen, dass sich keineswegs „einiges getan“ hat, auf den Tellern.

Dem Bayerischen Rundfunk, ebenfalls Qualitätsanbieter, war der Pressetext auch nur einen Abguss wert:

Deutsche essen etwas gesünder, werden aber immer dicker
Mehr Gemüse, aber weniger Obst; mehr Mineralwasser und weniger Alkohol: Die Deutschen ernähren sich etwas gesünder, sagt die Deutsche Gesellschaft für Ernährung e. V. (DGE) in ihrem aktuellen 14. Ernährungsbericht. Aber das reicht den Experten nicht.

Im folgenden Artikel gab es wieder nur die Pressemitteilung der DGE. Über die Verbindung von Verkaufszahlen aus der Agrarstatistik mit Übergewicht oder Gesundheit wollte auch beim BR niemand nachdenken.

Dabei ist die Annahme, dass etwa ein höherer Gemüseanteil bei verkauften Lebensmitteln automatisch die Volksgesundheit hebt, bloße Fiktion.

 

Zahlen sind Schall und Rauch

So essen die Deutschen heute doppelt so viel Gemüse pro Kopf und Jahr wie 1960: Damals waren es knapp 50 Kilo, heute sind es laut DGE-Bericht rund 104 Kilo.

Aber viel hilft nicht viel – in derselben Zeit ist nämlich die Zahl der Übergewichtigen, Adipösen und Diabetiker vom Typ 2 ebenso gestiegen wie der Gemüseverzehr: Seit 1960 erhöhte sich die Zahl der Übergewichtigen unter den Männern auf jetzt rund 60 Prozent, dazu gibt es heute mehr als doppelt so viele schwer Fettleibige unter den Deutschen.

Die Übergewichtigen werden aber nicht nur mehr, sie werden auch dicker: der durchschnittliche BMI in der Bevölkerung steigt und unter den Adipösen gibt es mehr extrem Fettleibige.

Das veranlasste die DGE jetzt zu einem düstern Befund: Bei Männern ist inzwischen „Übergewicht der Normalzustand“, so Helmut Heseker.

So schlimm stand es übrigens schon beim letzten Mal, als der Ernährungsbericht von 2017 herauskam, die Nummer 13: „Die Deutschen sind so dick wie nie“ musste die DGE feststellen, und zwar trotz viel Gemüse (Quarkundso.de berichtete).

 

Frustrierendes Ergebnis

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Nicht einmal klimafreundlicher oder nachhaltiger isst das Volk, zeigt der neue Bericht noch dazu. Denn der Gesamtverzehr von Fleisch ist auch im Jahr Zwei nach Greta gleich geblieben:

Die Konsumzahlen verzeichnen zwar weniger Schwein, dafür aber mehr Rind-, Kalb- und Geflügelfleisch. Insgesamt bleibt es daher bei den rund 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr.

Das ist nicht gerade das, worauf Klimaschützer gehofft haben.

Ärgerlicherweise hat Schweinefleisch aber einen besseren CO2-Fußabdruck als Rindfleisch. Es ist also nichts gewonnen, wenn statt Schnitzel mehr Steaks auf den Tisch kommen.

So verfehlt die DGE gleich mehrere Ziele: dass die Deutschen endlich „pflanzenbetont“ essen, dass sie abnehmen oder wenigstens nicht weiter zunehmen, und dass sie sich an die 10 Regeln der DGE halten – frustrierend für die Ernährungshüter.

 

Die Lage ist dramatisch

Aber es ist nicht nur frustrierend. Es ist eine Katastrophe, wenn man sich die Zahlen zum Übergewicht genauer ansieht, die der 14. Bericht der DGE ebenfalls liefert.

Besonders die Angaben zu Schwangeren und jungen Müttern sind alarmierend: Fast 40 Prozent der Schwangeren brachten in der Erstuntersuchung zu viele Kilos mit und waren übergewichtig oder adipös.

In der Altersgruppe zwischen 30 und 40 Jahren, in der viele Frauen inzwischen Kinder zur Welt bringen, sind es 42 Prozent – fast jede Zweite, und der Trend geht nach oben. Auch steigt der Anteil der schwer Übergewichtigen mit BMI über 30.

Das ist dramatisch. Denn eine übergewichtige Schwangere prägt über ihren vom Übergewicht gestörten Stoffwechsel das Kind schon im Mutterleib. Auch Diabetes Typ 2 in der Schwangerschaft ist eine Folge des Übergewichts, ebenfalls mit fatalen Auswirkungen auf das Ungeborene.

 

Dauerhaft erfolglos

Dass sich daran nichts tut, dass die Welle des Übergewichts wieder nicht gebrochen werden konnte, wirft unangenehme Fragen auf: Warum verfangen die Ernährungsratschläge nicht?

Warum hält sich niemand daran, warum gelingt es nicht, die Menschen zu einem vernünftigen Essverhalten zu bewegen – so dass sie gar nicht erst dick werden?

Sind die Ratschläge vielleicht nicht die richtigen, muss man anders vorgehen? Auf alle diese Fragen gibt der 14. Ernährungsbericht keine Antworten.

Es wäre unfair, das den aufrechten DGE-Forschern vorzuwerfen. Schließlich beißt sich die ganze Welt an dem Problem die Zähne aus. Niemand hat eine Lösung.

Sich dann Themen zuzuwenden, die lohnender erscheinen, ist menschlich verständlich. Die DGE-Forscher stellten sich jedenfalls unter dem Stichwort „Prävention chronischer Erkrankungen“ nicht die Frage, wie Übergewicht als gefährlicher Risikofaktor zu verhüten wäre.

Stattdessen fragen sie im 14. Ernährungsbericht, wie das, was Menschen essen, mit bestimmten Krankheiten zu tun haben könnte. Dazu gibt es schon eine Menge Übersichtsstudien, bisher kam nicht so richtig was dabei raus.

Also hat es die DGE nochmal versucht.

 

Dünne Beweise, nichts Konkretes

Tisch, Notebook, Block und Stift, alles nah, Monitor im Anschnitt, unscharfe Statistiken und Felder

Viel Arbeit, mäßiger Erfolg. Bild: Goumbik / Pixabay

Ein sogenannter Umbrella-Review, ein Überblick über 38 Übersichtsstudien, sollte zeigen, wie es wissenschaftlich steht: bei Gemüse und Schlaganfall, Obst und Herzinfarkt, Gemüse und Diabetes, Fleisch und Brustkrebs, Wurst und Darmkrebs.

Heraus kam – nicht viel: Die Beweislage für konkrete Zusammenhänge zwischen Lebensmitteln einerseits und Diabetes, Herzinfarkt, Schlaganfall oder Krebs andererseits ist und bleibt dünn.

Sie ist sogar so dünn, dass keine konkreten Mengenangaben für Gemüse und Obst daraus abgeleitet werden können.

Oder gar so etwas wie ein Grenzwert für Fleisch und Zucker, den viele gerne hätten. Das stellen die DGE-Forscher am Ende ihres Berichts fest:

„Außerdem muss berücksichtigt werden, dass die in dieser Arbeit identifizierten Studien bei der Bewertung der Metaevidenz maximal mit moderat abgeschnitten haben. Konkrete Zufuhrmengen lassen sich aus der vorliegenden Arbeit nicht ableiten, jedoch lasst sich untermauern, dass eine pflanzenbasierte Ernährung mit einem geringen Verzehr an Fleisch gesundheitsförderlich ist.“ (DGE-Ernährungsbericht 14, Seite 386)

„Moderat“ ist in der Forschung ungefähr so viel wert wie eine 4- in der Schule – nicht ganz ausreichend, eigentlich ungenügend.

Einzelbefunde in der Auswertung zeigen, dass sich durch mehr Gemüse etwa das relative Risiko, einen Herzinfarkt zu erleiden, laut einigen Studien vielleicht um 12 bis 14 Prozent verringert.

Beim Darmkrebs konnte wiederum ein geringeres Risiko von 2 Prozent errechnet werden, pro 100 Gramm Gemüse mehr – das fällt eher unter statistisches Rauschen.

Bei Diabetes Typ 2 stellt die DGE fest, dass viel Gemüse und Obst das Risiko nicht wirklich verringern – kein Zusammenhang. Dasselbe gilt interessanterweise für rotes Fleisch und Diabetes, die Ergebnisse bei Fleisch und Wurst sind insgesamt uneinheitlich.

 

Risiko Übergewicht: überzeugend

Bei Übergewicht sieht die Sache anders aus: Hier gilt der Zusammenhang zwischen vermehrtem Körperfett und vielen Krankheiten als gesichert.

Er ist sogar so gut gesichert, dass pro BMI-Punkt mehr über dem Normalgewicht das Risiko für Herzinfarkt, Schlaganfall und Diabetes Typ 2 eindeutig steigt.

Fünf Kilo mehr bedeuten 10 Prozent Risikoerhöhung, gibt die Deutsche Gesellschaft für Kardiologie bekannt. Ein Mann mit 15 Kilo Übergewicht hat es also schon mit einem 30 Prozent höherem Risiko gegenüber einem schlanken Pendant zu tun.

Bei Diabetes Typ 2 ist Übergewicht eindeutig der wichtigste Auslöser. Bei Lungenkrebs ist zu viel Körperfett gerade dabei, dem Rauchen als Risikofaktor Nr. 1 den Rang abzulaufen: Die Raucher werden weniger, die Dicken mehr, so rückt Übergewicht als Grund für Lungenkrebs nach oben.

Dazu kommt noch eine ganze Reihe von Krebsarten, für die die internationale Krebsforschungsagentur IARC 2016 bei Übergewicht eine statistisch gesicherte Risikoerhöhung festgestellt hat:

„Durch Übergewicht treten beispielsweise Leber- und Bauchspeicheldrüsenkrebs, Eierstockkrebs und das Multiple Myelom sowie Adenokarzinome im oberen Teil des Magens, der sogenannten Cardia vermehrt auf. Insgesamt weisen die Daten der von uns ausgewerteten Studien auf einen Zusammenhang von Dosis und Wirkung: Je stärker ausgeprägt die Fettleibigkeit ist, desto höher das Krebsrisiko.“ (Quelle: DKFZ)

Im Vergleich dazu sind die paar Prozente an möglicher Schutzwirkung, die die DGE in ihrem neuen Bericht Gemüse oder Obst zuschreibt, unerheblich: Die wahre Gefahr droht durch Übergewicht.

Anders gewendet: Wer viel isst, wird dick, und das erhöht massiv die Risiken. Dass viel Gemüse oder Obst dabei schützen könnten, kann man vergessen. Zumindest, wenn man die Zahlen nüchtern betrachtet.

 

Normalgewicht als Ziel

Waage, Zeiger steht auf fast 120 Kilo, Beine im Anschnitt, nur Füße zu sehen

Essen, Wiegen, Abnehmen: aktiv das Gewicht steuern. Bild: Nancy Muriel / Pixabay

Angesichts dieser Lage fordert Quarkundso.de energisch, die Suche nach angeblich gesunden oder angeblich ungesunden Lebensmitteln sofort einzustellen.

Genug geforscht. Jetzt müssen Taten folgen.

Erstes Mittel: klare Worte.

Mündigen Bürgern ist die Wahrheit zumutbar: Übergewicht ist gefährlich und wer zu dick ist, kann sich nicht mit mehr Obst und Gemüse aus der Affäre ziehen.

Da gleicht sich nichts aus. Auch garantieren viel Gemüse und noch mehr Obst keine schlanke Linie.

Normalgewicht muss in den Vordergrund rücken – Normalgewicht halten echter Wert, als Ziel bei der Ernährung. Jede und jeder sollte das aktiv anstreben.

An diesem Punkt sind die Ernährungsregeln der DGE bisher leider vage: „Regel Nr. 10: Auf das Gewicht achten und in Bewegung bleiben“, heißt es da.

Warum nicht: „Halten Sie Normalgewicht!“? Warum kann man Menschen nicht dezidiert raten, gar nicht erst dick zu werden?

Schließlich sind die meisten bis zum Erwachsenenalter noch in Form. Zur rechten Zeit aktiv das Gewicht zu steuern wäre daher wichtig. Entscheidend sind dafür bestimmte Zeitschwellen, zum Beispiel die zum mittleren Erwachsenenalter ab Ende 20, die rund um das Klimakterium und die zur Rente.

Doch weder in der Kurz- noch in der Langfassung der 10 Regeln taucht bei der DGE das Wort „Normalgewicht“ auf.

Quarkundso.de hat das schon 2018 moniert und angeregt, die Regel eindeutig zu formulieren (hier nachzulesen, wird abgefragt).

Denn sonst bleibt es nach dem 14. Ernährungsbericht mit seiner aufwändigen Studienarbeit wieder nur bei diffusem Rat: Gemüse und Obst sind irgendwie gut, Bratwurst und Haxen müssen nicht jeden Tag sein.

Aber das wusste schon Oma.

©Johanna Bayer

Pressetext der DGE zum 14. Ernährungsbericht, erschienen am 24.11.2020 

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WHO wider die Wurst: Ist Wurst krebserregend? Worum es bei #wurstgate wirklich geht. Und wie wir unser Krebsrisiko vermindern

Wurst macht Krebs – das hat die WHO erklärt, und die Welt der Wurstesser ist aus den Fugen. Unter #Wurstgate geht es hoch her – auch, weil die WHO eine Begründung schuldig blieb: Einen transparenten Report legt sie zur Entscheidung nicht vor. Muss man jetzt auf Wurst verzichten? Kann ein traditionelles Lebensmittel, das seit Jahrtausenden verzehrt wird, gesundheitsschädlich sein? Was hat es mit dieser Krebseinstufung wirklich auf sich? Quarkundso.de sondiert. (Beitrag von 2015)

 

Salami mit weißer Rinde, einzelne Scheiben

Traditionelle Salami:  würzig, köstlich – und krebserregend? Kann das sein?

Am Montag hat sich die Welt verändert. An diesem 26.10.2015 hat die Weltgesundheitsorganisation WHO erklärt: Wurst, Schinken, Kasseler und Pasteten sind krebserregend. Es gäbe genügend Daten, daher sei man jetzt sicher, dass verarbeitetes Fleisch beim Menschen Krebs auslöst.

Rotes Fleisch, also von Rind, Schwein, Lamm und anderen Tieren, bekam auch einen Stempel: Es sei zwar nicht ausreichend belegt, dass es sicher Krebs macht. Aber es ist wahrscheinlich.

Den Befund erhoben 22 Wissenschaftler und Gesundheitsexperten aus 10 Ländern in der Abteilung für Krebsforschung der WHO, der IARC. Wurst und verarbeitetes Fleisch landeten in Kategorie 1 der krebserregenden Stoffe, rotes Fleisch in Kategorie 2a.

Damit stehen fränkische Rostbratwürste, Schinken und Salami neben Dieselruß, Röntgenstrahlen, Tabakrauch, Asbest und Plutonium.

In der Stufe darunter, der Kategorie 2A, finden sich neben Rinderbraten und Lammkoteletts auch DDT und Formaldehyd.

 

Die TAZ befragt einen Wurstexperten

Die Meldung von der WHO-Einstufung ging natürlich sofort um die ganze Welt. Auf Twitter etablierte sich dazu der herrliche Hashtag #wurstgate, und alle berichteten.

Die SZ ließ Kathrin Zinkant, Wissenschaftsredakteurin und Biochemikerin, gleich dreimal kommentieren. Die TAZ befragte den Wurstsack, der ein für alle Mal die Sache erledigte.

Der Wurstsack, das ist der Food-Aktivist Hendrik Haase, ein gelernter Kommunikationsdesigner, 31 Jahre alt, aus Berlin. Er ist für Slow Food unterwegs und sein Künstlername ist Programm: Der Wurstsack ist ein Fan von Wurst, lässt sich gerne beim Wurstmachen fotografieren, veranstaltet Wurst-Workshops für Kinder und ist an einer Metzgerei beteiligt.

Er steht für Essen mit Bewusstsein, für Tradition und bestes Handwerk, und polemisiert gegen Discounter, Industrie und Fertiggerichte. Sich selbst nennt er den „Verteidigungsminister des kulinarischen Weltkulturerbes“ und er verkörpert das so gut und glaubwürdig wie kein zweiter in diesem Land zurzeit.

In der TAZ hat er zu #wurstgate gesagt, er habe die Studie gelesen, es sei eine Kohorten-Studie, also eine, die mehrere Studien zusammenfasst. Er halte die Studie und die IARC schon für seriös, aber eine richtige Aussage hätte er in der Studie nicht lesen können, die stehe da nicht drin.

Es gäbe außerdem in der Ernährung so viele Faktoren, dass man überhaupt schwer Aussagen in Studien treffen könne.

Zudem sei es ein Problem vieler Studien, dass sie einen monokausalen Zusammenhang zwischen Beobachtungen herstelle. Und überhaupt, er könne in der Studie nicht sehen, um welche Stoffe und welche Verarbeitungsmethoden es bei Wurst gehe. Man könne allenfalls herauslesen, dass die Menschen weniger und dafür besseres Fleisch essen sollten. Und genau das sage er auch.

 

Darf der noch mitspielen?

Jetzt ist natürlich die große Frage, wer Recht hat – die WHO und ihre 22 internationalen Wissenschaftler. Oder der Wurstsack. Die TAZ glaubt, wie es aussieht, dem Wurstsack. Wissenschaftlern glaubt heute sowieso keiner mehr, schon gar nicht, wenn sie etwas über Essen sagen.

Aber andererseits hat der Wurstsack ein Problem. Es läuft bei Wissenschaftlern unter dem Etikett „Interessenskonflikt“ – conflict of interest. Wenn ein Forscher eine Studie von der Industrie finanzieren lässt oder bei einem Unternehmen in Diensten steht oder sonst irgendwie befangen ist, soll er das gemäß wissenschaftlicher Ethik bei seinen Publikationen angeben. Das steht dann in seinen Publikationen unter der Überschrift „Interessenskonflikt“.

Führt jemand so einen Interessenskonflikt auf, zum Beispiel bei einer Studie über Pflanzenschutzmittel, die von einem Chemie-Konzern finanziert wird, schauen alle extra scharf hin und prüfen Methoden und Ergebnisse auf Herz und Nieren. Wer seinen Interessenskonflikt nicht angibt, ist nicht mehr satisfaktionsfähig. Der darf nicht mehr mitspielen und geht kurz danach meist in die Industrie.

Jetzt ist ein Wurstaktivist eindeutig mit einem massiven Interessenskonflikt behaftet. Da mag er sonst auf der Seite der Guten stehen, so richtig glaubwürdig ist er beim #wurstgate nicht.

Schwierig. Also, für die TAZ jetzt. Die hätte vielleicht doch lieber einen unabhängigen Forscher befragen sollen.

 

Der Wurstsack erklärt die Wissenschaft

Überhaupt, einen Forscher. Denn im Interview mit dem Wurstsack gab es noch ein paar andere Stolpersteine: Erstens kann er die Studie der WHO nicht gelesen haben, denn die ist noch gar nicht publiziert. Es gibt nur eine Pressemitteilung und einen Artikel im Lancet. Und natürlich ist das, was die WHO da gemacht hat, keine Kohortenstudie.

Eine Kohortenstudie ist eine Untersuchung, in der eine Gruppe von Menschen in Bezug auf bestimmte Ereignisse und Krankheiten systematisch über einen bestimmten Zeitraum beobachtet wird.

Was das IARC-Gremium gemacht hat, war eine Literaturstudie, eine Sichtung und Auswertung des Forschungsstandes. 800 Studien aus Europa, den USA und Japan haben die Krebsexperten durchforstet, deren Ergebnisse zusammen getragen und dann Bilanz gezogen.

Aber zusätzlich zu seinem Irrtum langt der Wurstsack noch richtig hin und erklärt die Ernährungswissenschaftler insgesamt für zu doof, und zu Kurpfuschern eines unseriösen Gewerbes. Das „Problem der meisten Studien“ sei, „dass sie einen monokausalen Zusammenhang“ herstellten und den Lebens- und Ernährungsstil nicht berücksichtigten.

Am Ende erledigt er mit einem grundsätzlichen Misstrauensvotum die ganze Zunft: Bei der Ernährung, sagt er, könne man Schlüsse auf die Wirkung bestimmter Stoffe überhaupt nicht ziehen. Und daher sollten die Verbraucher kritisch sein: „Meist lesen wir ein halbes Jahr später eine Studie, die genau das Gegenteil aussagt.“

 

Gut gemeintes, aber wirres Zeug

Ich bin ein Fan vom Wurstsack, wir sind in demselben Verein, kämpfen quasi Seite an Seite und In allem, was Wurst und Fleisch angeht, sind wir einer Meinung. Aber was er da über Wissenschaft von sich gibt, ist wirres Zeug.

Den Forschern um die Ohren zu hauen, dass sie noch nicht mal die simpelsten Regeln der Wissenschaft beherrschen und selbst in internationalen Institutionen vor sich hin dilettieren, ist schon starker Tobak für einen Hobbymetzger. Solche Argumente wirft auch die Fleischindustrie in die Debatte, aus durchsichtigen Gründen. Damit kann man nicht arbeiten.

Es mag vom Wurstsack gut gemeint sein, aber etwas mehr Respekt sollte man vor der WHO schon haben. Sonst läuft man Gefahr, mit Esoterikern und Verschwörungstheoretikern beim Heilpraktiker zu landen und gegen Krebs Kügelchen aus Krötenschleim zu schlucken.

Daher kann ich das TAZ-Interview so nicht stehen lassen, bei aller Sympathie mit dem lieben Wurstsack. Vorab mal nix für ungut.

 

Wie geht das eigentlich mit dem Wissen über Essen?

Das Problem in vielen Fragen der Ernährungswissenschaft ist nämlich nicht, dass die Forscher dumm und schlampig sind, oder falsche Schlüsse ziehen. Das Problem ist, dass man keine Menschenversuche machen kann, um zu schauen was passiert.

Daher bleiben nur große Beobachtungsstudien und einige wenige Felder, in denen man versucht, mit bestimmten Testpersonen ethisch zu rechtfertigende, sichere Experimente zu machen. Das ist dann die Königsklasse, Interventionsstudien mit randomisiertem, kontrolliertem Design: Die einen bekommen etwas, die anderen kriegen es nicht. Wer in welcher Gruppe landet, ist Zufall, und man schaut genau hin, was herauskommt.

So etwas kann man mit Nüssen machen. Oder mit Olivenöl, also mit bewährten, sicheren Lebensmitteln. Man hat das alles auch schon gemacht.

Eine legendäre spanische Studie zum Beispiel sollte die Wirkungen von Nüssen und Olivenöl gegenüber einer normalen Diät mit wenig Fett und Kalorien bei Personen mit Risikofaktoren für Herzinfarkt testen. Heraus kam, dass eine Extraportion Nüsse oder Olivenöl zur normalen Kost so günstige Auswirkungen auf Blutwerte und Blutdruck hatte, dass die Forscher die Studie kurzerhand mittendrin abbrachen.

Grund: Es erschien ihnen unethisch, der anderen Gruppe die Vorteile der wirksamen Stoffe vorzuenthalten.

Seitdem gelten Nüsse und Olivenöl offiziell als gut für das Herz. Aber auch diese PREDIMED-Studie wurde auf ihre Einschränkungen hin scharf analysiert und kritisiert. Nur Risikopatienten, das verzerrt, und was die Probanden wirklich und wie oft gegessen haben, war auch unklar, neben einigen statistischen Fragen.

 

Der Wissenschaftler weiß nie genug

Das ist das Gute an der Wissenschaft: Sobald etwas auf dem Papier steht, kann es jeder ansehen und darüber diskutieren, auch heftig. Aber aufs Papier muss man erstmal was bringen, und die Forschungsprobleme angehen muss man auch.

Das Schöne ist, dass alle die Einschränkungen ihrer Studien und Designs angeben und man dann Bilanz zieht. Gemeinsam, wie jetzt die Forscher bei der WHO.

Keine Lösung ist: Nicht mehr forschen, weil man angeblich in dem Feld nichts wissen und belegen kann. Das ist eine mittelalterliche Sicht auf die menschlichen Erkenntnismöglichkeiten, im milden Fall ist es Skeptizismus, im schlimmsten Fall, siehe oben, Esoterik und Irrationalismus.

Denn was hätte man bei der spanischen Studie etwa machen sollen? Wie schnell hätte man Ergebnisse mit Gesunden erzielt? Wer gesund und normalgewichtig ist, keine Risikofaktoren hat und dann noch ein paar Nüsse oder Olivenöl dazu nimmt, an dem zeigt sich nicht so viel. Es sei denn, man beobachtet sehr viele Gesunde ihr Leben lang.

Aber das wäre ein Jahrhundertprojekt. Stattdessen macht man lieber eine Beobachtungsstudie, eine der Kohorten-Studien, wie das IARC sie jetzt ausgewertet hat: Man schaut in bestimmten Ländern über eine gewisse Zeit, was Menschen zu sich nehmen und woran sie sterben.

Dass sich dabei schwer erfassen lässt, was Menschen so essen, ist klar. Es sei denn, man sperrt sie in eine Zelle und schiebt ihnen eine genau bestimmte Ration durch einen Spalt in der Tür zu.

Also bleiben immer Unschärfen.

Das liegt aber nicht an den Forschern oder an den Studien an sich, weder an Fehlern noch an bösem Willen. Und es heißt nicht, dass man gar nichts wissen kann und alle Ernährungsstudien Unfug sind – ein beliebtes Totschlagargument interessierter Kreise.

Man muss aber gut abwägen, die Einschränkungen der Studien kennen und die Forschungslage nach bestem Wissen und Gewissen beurteilen. Das können Experten, die sich mit dem Feld befassen. Gleichzeitig müssen sie mehr herausfinden, um zum Beispiel Kranken zu helfen wie den spanischen Risikopatienten, oder schädliche Trends zu stoppen, wie beim Übergewicht.

 

Leider oft wichtig: Tierversuche und Labor 

Ach, ein Mittel gibt es noch, über das die Forscher nicht so gerne reden: Tierversuche. Tiere bekommen bestimmte Stoffe zu fressen, oder müssen Diät halten oder viel Fett aufnehmen, Alkohol trinken, sich mehr oder weniger bewegen. Steht ein Stoff, den Menschen aufnehmen, unter Krebsverdacht, ist der Tierversuch mit dem experimentellen Erzeugen von Krebs bei Mäusen oder Ratten ein recht hartes Indiz.

So hat man im Tierversuch die Gefahr durch viele Substanzen gezeigt, darunter natürlich Tabakrauch, da mussten Kaninchen inhalieren. Bei Alkohol wurden Ratten zu Säufern gemacht, auch die Krebsgefahr durch das Gift von Schimmelpilzen, Aflatoxin, wurde an Mäusen gezeigt, die verschimmeltes Futter bekamen.

Dann gibt es noch die berühmten Petrischalen-Versuche im Labor: Zellen kommen in Nährlösung, man gibt den verdächtigen Stoff dazu und schaut, ob die Zellen sterben. Das klappt ziemlich oft, zum Beispiel bei Alkohol oder Schimmelpilzgiften.

Wie auch immer – so kommt in der Forschung schon eine Menge Wissen zusammen, trotz der vielen Einschränkungen.

 

Mensch und Wurst – die Fakten

Überhaupt, die Fakten. Wir müssen jetzt endlich zur Sache kommen. Schluss mit Wissenschaftstheorie.

Die WHO halt also 800 Studien von 22 Experten sichten lassen und eine Entscheidung gefällt. Aber was bedeutet die Einstufung, was besagt sie genau, welche Konsequenzen hat sie, warum haben die Forscher so entschieden, welches Risiko besteht, gibt es neue Daten?

Hier so kurz wie möglich das Wesentliche:

Gibt es neue Daten? Nein. Es gibt nur bekannte Daten aus den letzten 20 Jahren, aus der EPIC-Studie und anderen, alle schon hundertmal diskutiert.

Welches Risiko besteht? Ein sehr geringes. Das Risiko, an Darmkrebs zu sterben, beträgt für einen 45-jährigen Mann 0,4 Prozent. Isst er 50 Gramm Wurst oder Fleischwaren pro Tag mehr als vorher, steigt sein Risiko auf 0,5 Prozent, rechnen die Kollegen von Quarks&Co vor. Ich gebe gerne noch ein paar Zahlen dazu: Jedes Jahr sterben laut IARC 34.000 Menschen an Darmkrebs, der nach ihrer Meinung von verarbeitetem Fleisch ausgelöst wurde. Durch Verkehrsunfälle gibt es jedes Jahr 1,2 Millionen Tote, den diversen Infektionskrankheiten von Grippe bis Malaria erliegen mehr als 11 Millionen jedes Jahr, Raucher können sich unter jährlich 11,4 Millionen Leichen wiederfinden. Das Risiko, an einer Infektion, an Lungenkrebs oder auf der Straße zu sterben, ist also ungleich viel höher als das für den Tod an der Wurst. Rotes Fleisch kann man getrost aussparen bei dieser Rechnung, weil der Zusammenhang mit Krebs nicht sicher belegt ist.

Warum haben die Forscher so entschieden? Weil es ihr Job ist. Die WHO prüft in ihrer Krebsforschungsabteilung IARC Substanzen, denen viele Menschen oft ausgesetzt sind, wenn es Hinweise auf Krebsgefahr gibt. Bei Fleisch und Wurst wurde ein Zusammenhang mit Krebs immer mal wieder diskutiert, jetzt sollte Klarheit her. Nicht jeder Stoff oder jedes Lebensmittel wird übrigens geprüft, sondern nur die, die auffallen. Daher kam bisher nur wenig Essbares auf die Liste, darunter Mate-Tee, Kaffee (2A und 2B, also wahrscheinlich bis möglicherweise krebserregend), gesalzener Fisch und eingelegtes Gemüse nach chinesischer Art (Stufe 1, mit Wurst und Plutonium). Die waren halt in medizinischen Studien ein paarmal auffällig geworden – schwupps, steckten sie in der Beurteilungsmaschine. Die Chinesen kümmert es übrigens nicht, dass ihr geliebter Salzfisch und ihre Gemüsepickles angeblich Magenkrebs machen. Die haben andere Sorgen.

Wer war in der Kommission? 22 Experten aus 10 Ländern, alles ausgewiesene Kenner der Materie. Also weder Laien noch Dummköpfe. Man könnte sie „besorgte Forscher“ nennen, frei nach dem dieser Tage oft zitierten Begriff des „besorgten Bürgers“.

Wie lief die Entscheidung? Nicht einstimmig. 15 von 22 waren dafür, Wurst und Fleisch in die hohen Kategorien einzustufen. 7 waren dagegen. Es war also keine einvernehmliche Entscheidung. Da hätte man ja gerne mal Mäuschen gespielt.

Welche Konsequenzen hat die Entscheidung? Keine. Denn weder WHO noch IARC raten vom Fleisch- und Wurstverzehr grundsätzlich ab. Ausdrücklich betonte der Leiter der IARC-Arbeitsgruppe, Kurt Straif, schon am 26.10., dass der Fleischverzehr gesundheitliche Vorteile hat. Man muss daher abwägen und das Risiko einschätzen. Dabei ist die WHO leider nicht behilflich. Denn sie kann keine Mengen angeben, ab denen Wurst und Schinken sicher schaden oder, umgekehrt, sicher nicht schaden. Das muss man sich merken: Eine Dosis, ab der man Gefahr läuft, gibt es nicht. Nur einen beobachteten Zusammenhang zwischen Wurstverzehr und Krebs. Irgendwie.

Welche Belege gibt es denn? Ausreichende, aber schwache. Es gibt Hinweise auf Zusammenhänge bei Beobachtungsstudien, etwas mehr für Wurst und verarbeitete Fleischwaren, weniger bei rotem Fleisch, insgesamt sind die Zusammenhänge schwach. An welchen Stoffen es genau liegen könnte, beim Auslösen von Darmkrebs durch Wurstverzehr, ist nicht bekannt. Interessant: Es gibt keine Belege aus Tierversuchen. Das heißt, es ist nicht gelungen, bei Mäusen oder Ratten im Experiment durch Wurst und Fleisch Darmkrebs zu erzeugen.

Ist Wurst so gefährlich wie Plutonium und Asbest? Nein. Sie stehen nur in derselben Kategorie. Aber bei Fleischwaren wie bei allen Lebensmitteln gibt es nur Plausibilitäten und bestimmte Zusammenhänge, nach denen die Krebsforscher der Sicherheit halber die Einstufung vornehmen. Bei Plutonium und Asbest  ist die Datenlage völlig anders. Legen Sie sich daher weiter Salamischeiben aufs Brot. Aber krümeln Sie nicht mit asbestverseuchtem Dämmstoff herum.

 

Soweit mal die Lage. Nüchtern betrachtet ist die Einstufung der IARC und der WHO von den Daten her wissenschaftlich nicht unkorrekt, vielleicht überkorrekt, bei dem minimalen Risiko.

Sie folgt einer Maschinerie in der IARC, und ganz sicher einer Politik der Prävention unter Bedenkenträgern: „So viele Menschen auf der Welt essen Fleisch, Wurst und Schinken. Da müssen wir auf das Risiko aufmerksam machen. Auch wenn es gering ist.“

Also bedeutet die Einstufung für den Einzelnen praktisch nichts, weil sich nichts ändert, nichtmal die Ernährungsempfehlungen.

 

Wer Wurst isst, kann sich auch in die Sonne legen

Kurt Straif von der IARC-Kommission, die die Einstufung vorgenommen hat, sagt noch etwas Bemerkenswertes: „Der Verzehr von Fleisch hat gesundheitliche Vorteile“, sagt er, und zählt die Proteine, Vitamine und Spurenelemente im Fleisch auf. Die stecken auch in der Wurst.

Und damit stößt man auf den Kern der Sache: Es geht bei #wurstgate um eine Risikoabwägung, um Risikowahrnehmung und Risikokommunikation: Fleisch und auch Wurst haben ernährungsphysiologisch so viele Vorteile, dass diese die eventuellen Nachteile überwiegen.

Wer hungert, muss da nicht zweimal überlegen: Her mit der Wurst! Es ist besser, sich die guten Proteine, Fette und Vitamine der Wurst einzuverleiben als sich vor einem Darmkrebsrisiko zu ängstigen, dass objektiv gering ist.

Das haben sich wohl auch die frühen Menschen gedacht, als sie daran gingen, Fleisch zu grillen (Krebs durch HCA und Benzo(a)pyren!) oder zu räuchern und als Schinken zu konservieren (Krebs durch Nitrosamine!). Letzteres taten schon die Neandertaler während der Eiszeiten, sonst wären sie ausgestorben.

Die Vorteile von Wurst, Schinken und Fleisch waren daher Menschen seit Urzeiten bewusst, was dazu geführt hat, dass Fleisch und Fleischwaren in praktisch allen Kulturen die begehrtesten Nahrungsmittel sind.

Die Einstufung von Wurst und Schinken ist vergleichbar mit der des Sonnenlichts: Sonnenlicht tut den Menschen gut, weil die Haut unter der Einstrahlung Vitamin D produziert. Menschen, vor allem Kinder, brauchen dazu Sonnenlicht, ohne Sonnenlicht bekommen sie leicht Rachitis und andere Mangelkrankheiten.

Sonnenlicht wirkt außerdem stimmungsaufhellend und anregend, es macht Menschen fröhlich, fördert Geselligkeit und Bewegung und ist notwendig für einen gesunden Hormonkreislauf und guten Schlaf, weil es die innere Uhr stimuliert.

Aber Sonnenstahlen sind krebserregend. Eindeutig. Sie verursachen Hautkrebs.

Die lieben, goldenen, warmen, überaus nützlichen Sonnenstrahlen stehen daher auch auf der IARC-Liste. In Kategorie 1, seit 2012: Es ist sicher belegt, dass Sonnenlicht Krebs auslöst. In diesem Fall übrigens auch im Tierversuch und im Reagenzglas.

 

Das Krebsrisiko bleibt – auch ohne Wurst

Und was jetzt? Nichts. Nichts weiter.

Nach der WHO-Entscheidung ging ein Sturm der Empörung durch die ganze Welt, und bei der WHO liefen so viele aufgebrachte Anfragen ein, dass sie vier Tage nach ihrer Entscheidung schon zurückrudern musste: Nein, die Botschaft sei nicht, dass Wurst Krebs macht. Die Botschaft sei: Weniger Wurst vermindert das Krebsrisiko.

Aha! Gut zu wissen – das ist eine andere Perspektive: Weniger Wurst kann das persönliche Krebsrisiko vermindern.

Aber es verschwindet nicht.

Wer wenig Wurst und rotes Fleisch isst, hat vielleicht ein geringeres Risiko, an Darmkrebs zu sterben. Aber sein Risiko ist nicht gleich null. Denn auch Vegetarier sterben an Darmkrebs, sogar erstaunlich häufig, wie sich denselben Kohorten-Studien entnehmen lässt, die von der WHO wider die Wurst ausgewertet wurden.

Am meisten steigt das Darmkrebs-Risiko übrigens durch Übergewicht und zu wenig Bewegung. Nicht durch Wurst.

 

Wer eine Botschaft hat, hat auch Verantwortung

In der SZ wirft Kathrin Zinkant der WHO vor, dass ihre platte Botschaft über die Einstufung unverantwortlich ist, weil sie nur verunsichert und keine neuen Verzehrsempfehlungen daraus folgen. Es ist auch weiterhin unklar, welche Inhaltsstoffe und Mengen verantwortlich für das leicht erhöhte Darmkrebsrisiko sind.

Das ist der bei weitem beste Kommentar zu #wurstgate bisher. Den sollte man lesen, und sich nicht dabei aufhalten, dass auch Zinkant der Versuchung erliegt, den WHO-Wissenschaftlern unsaubere Arbeit nachzuweisen.

Die Forscher haben nur ihren Job gemacht, die Maschinerie der Krebswarnungen ist an sich ein Problem.

Wichtig ist es dabei auch, sich klarzumachen, welche immense kulturelle und ernährungsphysiologische Bedeutung Wurstspezialitäten, Schinken, Pasteten und Fleischgerichte haben, und das gilt rund um den ganzen Globus.

In Italien rufen die Hersteller schon empört zum Widerstand gegen den „Fleischterror“ auf und verweisen auf die hohe Lebenserwartung der Italiener, die in Europa mit am höchsten liegt – trotz sehr hohen Fleisch- und Wurstverzehrs.

Die werden sich ihren Parmaschinken und ihre Salami nicht nehmen lassen. Und zwar zu Recht.

Und sollen die Ungarn ihr Gulasch abschaffen, die Franzosen ihre heißgeliebte Charcuterie, die Schwarzwälder ihren Schinken? Ganz Thüringen ist stolz auf seine Würste, noch stolzer sind die Nürnberger, und der Lebensinhalt des Münchners besteht aus Weißwurst vor 12 Uhr und dem Schweinsbraten danach. In unwegsamen Regionen wie Tibet und Nepal können die Menschen auf Yak-Fleisch und –schinken nicht verzichten, sie würden sonst verhungern.

Wer mir jetzt mit Fliegen kommt, die sich nicht irren können, dem sage ich ins Gesicht: Fliegen werden sogar eine Atomkatastrophe überleben, weil sie das zu sich nehmen, was ihnen von Natur aus bekommt und sie gesund hält.

Beim Menschen habe ich da so meine Zweifel.

© Johanna Bayer

Das TAZ-Interview mit dem Wurstsack  online (Nachtrag von 2019, Dank an Volkhard Hufsky)

Der Kommentar  zu #wurstgate von Kathrin Zinkant in der SZ

Aber Joachim Müller-Jung weist in der FAZ auch auf volkserzieherische Impulse der WHO hin, sehr interessant.

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