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WDR basht Rewe für Zuckertest bei Pudding, Experten machen mit. Aber wer liegt hier eigentlich falsch?

 

Bei Rewe dürfen Kunden über Süßgeschmack bei Pudding entscheiden und der WDR lässt kein gutes Haar daran. Beteiligt sind zwei Experten, die sich mit Kritik-Klischees überbieten und die Aktion geradezu böswillig interpretieren, darunter die Verbraucherzentrale NRW. Aber die billige Kritik-Schablone „Die Industrie verschaukelt uns doch nur!“ zielt an der Sache vorbei – schade eigentlich. (Aktualisierung: Der Test ist entschieden, Service-Link s. unten)

Gläschen mit Schokopudding, nah.

Schokopudding: Ein bisschen Zucker darf schon sein. Aber wieviel?

 

Seit dem 15.1.2018 dürfen bei Rewe die Kunden über Schokopudding abstimmen: Man kauft sich eine Stange mit vier Puddingproben und bewertet anschließend online. Dabei geht es um den Süßgeschmack. Die Proben enthalten unterschiedlich viel Zucker und sind, vom Originalrezept absteigend 20, 30 und 40 Prozent weniger gesüßt.

Das Ziel laut Rewe-Webseite: Bei den eigenen Produkten Zucker reduzieren.

Allerdings nur, wenn die Kunden das auch wollen. Denn der Pudding soll sich natürlich weiterhin gut verkaufen, also der Stammkundschaft schmecken.

Deshalb will der Lebensmittelriese mit der Aktion herausfinden, wie viel weniger Zucker im Pudding von den Kunden akzeptiert wird. Das Ganze ist der erhitzten Debatte rund um Zucker geschuldet, die 2017 tobte.

Und den Forderungen nach gesetzlichen Vorschriften für die Industrie. Gesetze wollen Händler und Hersteller natürlich nicht, sie postulieren ja gerne den berühmten „mündigen Verbraucher“.

Diesen also selbst entscheiden zu lassen, ist nur logisch: Der Kunde ist König, verkauft wird, was schmeckt.

Der Test ist deshalb ergebnisoffen. Sollte sich herausstellen, dass die meisten Kunden das Original mögen, bleibt es dabei. Wollen sie weniger Zucker, kriegen sie ihn. Das sagt Rewe auf seiner Homepage.

Kein Aufreger, sollte man meinen, sondern nur ein Produkttest.

 

Beim Bashing sind sich alle einig

Nun hat sich aber der WDR über die Aktion hergemacht, in der Sendung „Servicezeit“. Die Dramaturgie, neudeutsch auch „Storytelling“ oder „Narrativ“ genannt, ist klar: Die Industrie will uns doch nur verschaukeln!

Darin sind sich alle Beteiligten von vornherein einig – Moderator Könnes fragt vor dem Beitrag schon süffisant, ob es sich beim Puddingtest von Rewe etwa um eine „Trendwende hin zur gesunden Ernährung“ handele oder nur um einen „Marketing-Gag“.

Entsprechend war der Beitrag (nebenbei gesagt auch etwas schlampig: schlechter Ton mit Hall beim Ernährungsexperten und fehlende Bauchbinden im Video, Beitragsinfos zu Kamera und Schnitt fehlten auch, da ist mal wieder husch-husch das rohe Band in die Mediathek gestellt worden).

Wer waren also die Experten? Da hat sich natürlich sofort die Investigativabteilung von Quarkundso.de eingeschaltet.

Denn sie, die Experten, waren es, die wohl die Marschrichtung ins Klischee vorgegeben, den Autor beraten und ihm den Beitrag samt eigenem Geschmackstest gestrickt haben.

 

Geld verdienen – darf man das?

Einer ist Stephan Lück, Ernährungswissenschaftler und gelernter Koch, auch bekannt aus RTL, Galileo, ARD-Buffet, HR und eben dem WDR, vor allem in der Reihe „Servicezeit“.

Dort darf er zum Beispiel über vegane Ernährung für Kinder verzapfen, dass es doch gemein sei, Eltern, die ihre Kinder gesund, also vegan ernähren wollten, zu verunsichern und zu behaupten, die vegane Lebensweise sei nicht gut für die Kleinen. Wo doch Pflanzen so gesund und vielfältig seien.

Nun ja, damit verlässt er den Boden der Wissenschaft. Aber es geht hier nicht um ungeeignete Ernährung für Kinder, sondern um Schokopudding.

Ansonsten vertreibt Herr Lück einen selbst entwickelten Diätdrink und sagt auf seiner eigenen Homepage, es sei ihm damit gelungen, das Problem von Heißhunger und Jojo-Effekt beim Abnehmen zu lösen.

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Das wäre allerdings eine Sensation.

Viel gehört hat man von dem Saft bisher aber nicht, obwohl er schon seit mindestens 2012 auf dem Markt ist. Kritiker bemängeln den hohen Preis, Konsumenten schreiben im Internet über unerwünschte abführende Wirkung.

Das Business ist hart, und es geht bei so etwas um viel Geld, ein Mitbewerber mit ähnlichem Drink musste schon die Segel streichen.

Die Geschäfte des Herrn Lück sind in unserem Zusammenhang allerdings völlig uninteressant. Schließlich ist Geld verdienen wollen keine Schande, auch nicht mit Diätdrinks – es sei denn, es handelt sich um „die Industrie“ und die „Lebensmittelmultis“.

Dass die Geld verdienen wollen, ist höchst anrüchig. Für Herrn Lück.

 

Experten: von trivial bis böswillig

Er macht im O-Ton klar, dass jeder, der bei dem Rewe-Test mitmacht, dem Unternehmen auf den Leim geht: „Sobald ich das Produkt kaufe, mich darauf einlasse, hat Rewe in dem Fall das Ziel erreicht: Das Produkt wurde nicht nur verkauft. Sondern man fühlt sich sozusagen diesem Unternehmen näher.“

Das klingt verdächtig, ist aber erstens falsch, dann höchst trivial und außerdem täglich Brot in Unternehmen: die gute alte Kundenbindung, wie sie an allen BWL-Lehrstühlen des Landes unterrichtet wird.

So etwas taugt nicht zum Vorwurf, außerdem ist das Ziel von Rewe mit dem Kauf alleine wohl kaum erreicht. Die wollen Kundenmeinungen im großen Stil, um zu erfahren, ob der Pudding nun süß oder nicht so süß sein soll.

Dazu kommt: Ob und wie man testet, ist völlig freiwillig und hat keine Konsequenzen, außer einem – ebenfalls freiwilligen – Gewinnspiel. Der Vorwurf von Lück ist daher an den Haaren herbeigezogen und dämonisiert Methoden, die anderswo als „Partizipation“ von Pädagogen wärmstens empfohlen werden und im Übrigen höchst zeitgemäß sind.

Aber auch Expertin Nr. 2, Monika Vogelpohl von der Verbraucherzentrale NRW, ist sicher, dass der Zucker-Test des Teufels ist. Angekündigt wird ihr Statement vom Autor übrigens so:

„In der Verbraucherzentrale hat man diese Werbemethode so noch nie gesehen.“

Werbemethode? Wieso Werbemethode? Es ist doch eine Kundenbefragung. Ein Test. Freiwillig.

Bloße Werbemasche oder unlauter wäre das Ganze, wenn unter dem Vorwand der Mitbestimmung Kunden übers Ohr gehauen werden – indem sie zum Beispiel teure Verträge abschließen müssen. Oder nicht bekommen, was sie bestellt haben. Oder trotz Abstimmung das Wunschergebnis nicht produziert wird.

Frau Vogelpohl erhebt aber weitere Anklage:

„Das ist zunächst mal ganz positiv, dass Verbraucher gefragt werden nach ihren Geschmacksvorlieben. Auf der anderen Seite muss man bedenken: Der Verbraucher muss das Produkt erst kaufen, um es überhaupt bewerten zu können. Also im Grunde werden auch Kosten auf die Verbraucher abgewälzt.“

Das ist schon ein höherer Grad an Verdrehung. Um so etwas abzulassen, muss man nicht nur weltfremd sein, sondern eigentlich auch etwas böswillig.

Wir hängen uns da gerne aus dem Fenster: Diese Interpretation ist unlauter. Denn ein Recht auf kostenlose Warenproben gibt es nicht, obwohl viele Händler solche ausgeben – freiwillig.

Ansonsten kostet der Testpudding einen Euro (in Zahlen: 1.-), was Quarkundso.de selbstverständlich mit Beweismitteln gesichert hat. Hier wird keiner übers Ohr gehauen, sondern folgt für kleines Geld seiner Vorliebe für Pudding, wenn er sie denn hat.

 

Deppenargumentation schadet allen

Vor allem aber werden Konsumenten immer nach ihren Geschmacksvorlieben gefragt, nämlich bei der Produktentwicklung.

Denn wie soll ein Hersteller etwas auf den Markt bringen, wenn er seine Kunden nicht fragt, was ihnen schmeckt? Jedes Lebensmittelprodukt wird vorher getestet, und zwar von den Konsumenten der Zielgruppe, für die es gedacht ist. Die probieren und bewerten, danach arbeiten die Entwickler weiter.

Entschieden wird aber immer am Regal: Kaufen die Leute das neue Produkt oder nicht? Und wenn sie es kaufen, ja, dann müssen sie es natürlich bezahlen, ausprobieren und dann wieder kaufen. Oder liegenlassen.

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Es ist daher einigermaßen perfide, in die Welt zu setzen, dass hier „Kosten abgewälzt“ werden – als ob ein Unternehmen sich vor einer gesetzlichem Pflicht drückt wie ein gieriger Vermieter, der dem Mieter das Renovieren aufbrummt, obwohl er eigentlich dafür zuständig ist.

Eine so billige Argumentationsmasche mit vorgeblichem Verbraucherschutz wird der Sache nicht gerecht . Sie schadet auch der gesamten Debatte, weil sie Misstrauen schürt und sinnlos Fronten aufbaut, wo keine sind.

Gerade die Verbraucherzentralen tun sich mit dieser Deppenargumentation keinen Gefallen. Sie diskreditieren sich nur selbst als ernstzunehmender Gesprächspartner, der sie ja sein wollen, und zwar sowohl für Behörden als auch für Wissenschaft und Industrie.*

 

Die journalistische Seite

Wenn man nicht böswillig ist, sondern unvoreingenommen und weder auf der Gehaltsliste von Rewe noch einer Verbraucherzentrale steht, kann man ruhig zugeben: Der Pudding-Test ist clever, innovativ und durch die Vergleichsmöglichkeit interessant.

Aus Sicht des Unternehmens ist das sinnvoll. Die Marketing-Abteilung erhält viele Tausende von Bewertungen, eine Anzahl, die mit den üblichen Testreihen wohl nie erreicht werden könnte. Und ungefilterte Rückmeldung von den eigenen Kunden.

Sinnvoll und interessant ist der Test aber auch für die Verbraucher. Sie kriegen mit, wie die verschieden gesüßten Puddings schmecken. Den direkten Vergleich gibt es sonst selten.

Die Abteilung Methoden und Statistik von Quarkundso.de hat sich aber auch gemeldet und merkt spitzfindig an: Solche Online-Abstimmungen können sehr leicht beeinflusst werden. Denn Zuckergegner und Aktivisten könnten massenhaft Puddingproben einkaufen und so abstimmen, dass der Pudding mit dem geringsten Zuckergehalt gewinnt.

Dieser Aspekt kommt im Beitrag überhaupt nicht vor: Was taugt so eine Online-Aktion? Dazu hätte man Rewe fragen müssen, wie sie das sehen, was sie mit dem Test wirklich vorhaben, warum sie ihn so und nicht anders gestrickt haben, ob das Ergebnis des Tests aussagekräftig ist, ob sie mit Verfälschungen rechnen, was sie für Konsequenzen ziehen, ob die Abstimmung juristisch abgesichert ist.

Das wären so journalistische Fragen gewesen.

 

Was sagt Rewe eigentlich dazu?

Mit dem Journalismus ist es aber in dem Beitrag nicht weit her. Denn Rewe kommt gar nicht zu Wort. Kein O-Ton eines Marketing- oder Kampagnenleiters, kein Statement aus der Pressestelle.

Nichts.

Der WDR-Autor stellt nur die Puddingdosen vor die Kamera und folgt dann blind den Einschätzungen seiner Experten. Falls er überhaupt Rewe gefragt hat, gibt er die Stellungnahme nicht weiter. Handwerklich ist das schon sehr fragwürdig, Stichwort Recherche, journalistische Sorgfaltspflicht und Gelegenheit zur Stellungnahme für Betroffene.

Dafür darf sich aber Haus-Fachmann Stephan Lück am Testdesign austoben.

Puddingprobe von Rewe nah, auf Etiketet: -30 %

Wunschpudding laut WDR: minus 30 Prozent Zucker

Er erklärt rundheraus, die Sache sei völlig falsch aufgezogen. Man müsse die Puddingproben nicht in der Reihenfolge testen, die Rewe vorgibt, also beginnend mit dem Original und dann absteigend von 20 über 30 bis zu 40 Prozent Zucker.

Sondern umgekehrt „wenn man es richtig machen will“, so Lück.

Mit „richtig“ meint er: Wenn man Zucker „minimieren“ und den Leuten den Süßgeschmack abgewöhnen will.

Diesen Versuch macht der Autor dann im Beitrag und lässt Probanden auf der Straße zuerst den wenig gesüßten Pudding und am Ende den Gezuckerten  schmecken.

Ergebnis: „Den Originalen will plötzlich keiner mehr“. Die WDR-Probanden sind für den Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker.

Zack, wieder hat die Industrie einen vor den Latz bekommen.

 

Wer soll das Volk erziehen?

Aber auch hier wäre es korrekt gewesen, zu akzeptieren, was Sache ist: Rewe will seine Kunden nicht konditionieren oder umerziehen, und ihnen auch nicht vorschreiben, in welche Richtung ihr Geschmack gehen sollte. Und Rewe will Zucker nicht „minimieren“.

Der Laden will nur wissen, ob seine Kunden wirklich weniger Zucker akzeptieren und ob der Pudding jetzt weniger süß sein darf. Oder ob die Leute den gewohnten Geschmack wollen. Deshalb die Verkostung im Vergleich mit dem Original.

Dazu hätte man Rewe aber doch befragen können oder müssen. Das wäre wirklich interessant gewesen, journalistisch gesehen.

Auf der Internetseite des Ladens findet sich nämlich noch Erstaunliches: Die Supermarkt-Kette engagiert sich plötzlich für Clean Eating, bezeichnet sich als „verantwortlichen Lebensmittelhändler“ und bietet Ernährungsberatung sowie Tipps zur Zuckerreduktion an.

Das ist auch wieder so clever, wie es nur sein kann: Auf die Zuckerfrei-Welle aufspringen, und zwar als Händler. und sich als Anlaufstelle für „gesundes Leben“ gerieren.

Wobei man bei Rewe nach wie vor alles kaufen kann, von fettigen Pommes über Ravioli aus der Dose bis zu Feinkost, Räuchertofu und Biogurken.

So ticken Kaufleute – die bieten an, was die Leute wollen, und zwar weitgehend moral- und wertfrei. Wollen die Kunden bio, Vollkorn und Regionales ohne Zusatzstoffe, kommt das ins Sortiment. Wollen sie Industrieschrott und Fertigprodukte, bekommen sie es.

Man kann das kritisieren und hinterfragen. Man kann aber nicht voraussetzen. dass eine Supermarktkette Aufgaben der Volkserziehung zu übernehmen hat.

Diese Aufgabe haben andere.

Im übrigen könnte Rewe auch völlig ohne Befragung den Zucker in den Eigenmarken reduzieren – bei einer schrittweisen Reduktion von bis zu 25 Prozent würden es die Kunden nicht einmal merken. Das wissen Fachleute aus Tests mit zucker- und salzreduzierten Produkten. Aber Rewe will vielleicht mit seiner Kampagne etwas anderes, und es wäre spannend, das herauszufinden.

 

Schokopudding: Das Testergebnis von Quarkundso.de

Kleine Puddingbecher, geöffnet, von oben

Harte Arbeit im Labor von Quarkundso.de: Wir testen natürlich selbst.

Am Ende kommen wir endlich zur Sache, zum Pudding.

Den haben wir natürlich selbst getestet. Die Chefredakteurin ist sofort nach Beginn der Aktion in den örtlichen Rewe gestürmt, um sich eine Probenbatterie zu sichern.

Hier unsere Bewertung:

Original: pappsüß, unerträglich, würden wir nie freiwillig kaufen oder essen.

Minus 20 Prozent: immer noch pappsüß, geht auch nicht.

Minus 30 Prozent: interessanter, Schoko und Milch kommen mehr durch, schmeckt aber auch etwas mehlig. Da haben sie bestimmt irgendwas zum Füllen rein. Abgelehnt.

Minus 40 Prozent: schokoladig, nur dezent süß. Kann man essen. Muss man aber nicht kaufen.

Überflüssig zu sagen, dass wir keine Stammkäufer des Puddings von Rewe sind und das auch nicht werden. Aber natürlich haben wir wahrheitsgemäß für „minus 40 Prozent Zucker“ abgestimmt. Es ist ja für einen guten Zweck.

Dabei bekommt man auf der Seite von Rewe einen Zwischenstand: Am 18.1.2018 lag der Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker vorne.

Das zeigt – ja, was? Keine Ahnung.

Hätte man Rewe fragen müssen, also der WDR-Autor, natürlich.

Wir nicht. Wir arbeiten klandestin und gehen tatsächlich davon aus, dass die Zucker-Aktivisten diesen Test, wie oben beschrieben, für sich entdeckt haben.

Und dass in den Rewe-Läden sowieso nur die Leute probieren, die Neuem gegenüber aufgeschlossen und generell nicht so scharf auf Süßes sind. Wobei interessanterweise trotz des von Dr. Lück kritisierten Rewe-Testdesigns dasselbe herauskommt wie beim WDR-Versuch in anderer Reihenfolge.

Ansonsten finden wir den Test schlicht gut. Die Idee ist klasse. Die Perspektiven, die sich bieten, sind spannend – sofern man Supermarktprodukte und Fertiggerichte kauft oder ein Interesse daran hat.

Haben wir nicht, kaufen wir nicht, essen wir nicht. Aber den Test kann man mitmachen, er geht bis zum 12.2.2018. Daher, Fans und Freunde, stimmt ab! Danach kann man Rewe beim Wort nehmen.

©Johanna Bayer

 

*DISCLAIMER Falls der O-Ton von Frau Vogelpohl vom Autor nur zusammengeschnitten und gekürzt wurde, dann ist natürlich nur er Schuld. Und nix für ungut. Allerdings sieht es nicht danach aus. Frau Vogelpohl präsentiert ihre Aussage zusammenhängend und mit Überzeugung.

 

Der Beitrag des WDR in der Reihe Servicezeit vom 16.1.2018

Rewe-Webseite zur Kampagne, mit Test

Kleiner Nachtrag: Was die anderen sagen – Prof. Dr. Martin Smollich, Pharmazeut und Experte für Pharmanutrition auf Twitter zu Quarkundso.de:

Die Deutsche Diabetes-Hilfe findet, dass der Test eine gute Idee von Rewe ist, sie schreibt auf Twitter:

AKTUELL 19.2.2018: Der Test ist entschieden,

Ergebnis: Der Pudding mit 30 Prozent weniger Zucker gewinnt, jeder zweite Teilnehmer stimmte dafür. Nur 5 Prozent waren für das süße Original, an zweiter Stelle landete die um 40 Prozent reduzierte Variante. Interessant, nicht wahr? Die ganzen Kunden bei Rewe haben also jahrelang einen Pudding gekauft, den sie gar nicht mögen! Das heißt das doch, oder? Rewe hat bislang nur eine nüchterne Presserklärung herausgegeben – es bleibt also spannend.

Das ZDF testet Luxus aus dem Discounter – Gourmet geht auch billig. Hallo?

Beim ZDF ist der treuherzige Nelson Müller zuständig für volkstümliche Konsumkritik und das schöne Leben mit Netto, Aldi und Lidl. Dabei hämmert er den Zuschauern unaufhörlich die Lieblingsplattitüde der Geiz-ist-geil-Denke ins Hirn: „Billig ist nicht immer schlecht und teuer ist nicht immer gut!“. Ein Test nach dem anderen mit Discounter-Produkten zeigt: Gourmet geht auch billig. Kann das sein?

 

Viele Champagner-Gläser auf einem Tablett, nah.

Luxus für alle – her mit dem Champagner aus dem Discounter!

Das ZDF ist inzwischen ja Schnäppchen-TV, ein Shoppingkanal für Billigkäufer. Unentwegt beweist dort Sternekoch Nelson Müller mit der Hilfe angeblicher Freunde, wie gut Lebensmittel aus dem Discounter sind.

Seine Redaktion von ZDF:zeit denkt sich dazu einen Test nach dem anderen aus, das Ergebnis ist immer: Netto, Aldi und Lidl haben nicht nur Schrott im Sortiment, man kann dort eine Menge Geld sparen, und das teure Zeug aus dem Einzelhandel muss nicht sein – es geht auch billig.

Abgesehen davon, dass das keine Nachricht ist, befremdet der Ansatz inzwischen. Denn selbst wenn Lebensmittel im Discounter billiger und nicht immer schlecht sind – wollen wir da kaufen?

Wollen wir dieses System?

Wissen wir nicht schon genug über das Preisdumping, das Verramschen hochwertiger Lebensmittel, die Ausbeutung der Produzenten und Bauern, die niedrigen Löhne und oft schlechten Arbeitsbedingungen der Mitarbeiter?

Sind wir uns nicht inzwischen einig, dass es gutes Essen nicht zu Schleuderpreisen geben sollte, bekunden wir nicht wieder und wieder in Umfragen, wir seien bereit, mehr Geld für gute Ware auszugeben, wenn es dafür den Tieren und der Umwelt besser geht?

Tja. Scheinbar nicht, oder nicht genug.

Das ZDF jedenfalls beraubt die Deutschen ihrer Lebenslügen, vielleicht holt es die Menschen aber auch einfach dort ab, wo sie sind. Deshalb appelliert es Folge für Folge an die niedrigsten Instinkte des kleinen Mannes und führt vor, dass es sich gar nicht erst lohnt, mehr Geld für Essen auszugeben, wenn man auch billig Futter horten kann.

 

Lieblingsplattitüden der Geiz-ist-geil-Denke

Und so hämmert der treuherzige Nelson Müller den Zuschauern neben scheinbarer Konsumkritik unaufhörlich die Lieblingsplattitüden der Geiz-ist-geil-Denke ins Hirn: „Ich bin doch nicht blöd!“, „Ich gebe doch nicht mehr Geld aus als ich muss!“, „Billig ist nicht immer schlecht, und teuer ist nicht immer gut!“

Passend dazu ging es letzten Dienstag, am 21.3.2017, um Feinkost aus dem Discounter, also um Produkte, die oben im Regal stehen, optisch etwas aufgemotzt, leicht höher im Preis als das sonstige Sortiment, und bedruckt mit Bezeichnungen wie „Gourmet“, „Feine Welt“ oder „Delikatess“.

Ja, Luxus gibt es nämlich auch beim Discounter!

Nein, gibt es natürlich nicht. Wie soll das auch gehen, im Massengeschäft. Und warum.

Aber das konnte das ZDF ja nicht wissen, also, es musste so tun, als wisse es das nicht. Sonst hätten die Macher ihre Sendungsfrage nicht stellen können: Was kriegt der Verbraucher für sein Geld? Ist Luxus drin, wo Luxus draufsteht? Wie gut sind die Gourmetangebote, schlagen sie gar echte Delikatessen aus dem Feinkostladen?

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Jeder normale Mensch mit einem Funken Restverstand im Gierzentrum konnte an der Stelle umschalten. Denn auch dem dümmsten Verbraucher muss inzwischen klar sein, dass es im Discounter keinen Luxus geben kann.

Bei Kik gibt es ja auch keine Lagerfeld-Couture. Und den japanischen Reiskocher mit scheppernden Türen hält keiner für einen Jaguar mit Ledersitzen und Mahagoni-Armatur.

Das merkt doch keiner!

Bei Lebensmitteln allerdings gilt der Sinn für Qualität, wie man ihn bei Mode oder Autos schlicht voraussetzt, als nicht existent. Nie. Da sind sich alle Schnäppchenjäger-Redaktionen einig: Das merkt doch keiner! Da schmeckt man doch gar keinen Unterschied! Das ist doch genauso gut, auch wenn es billig ist!

Nur weil es diesen versteckten Konsens gibt, kann das ZDF beharrlich seine Tests nach dem Strickmuster „Billiges gegen Markenware“ auflegen.

Das Ergebnis muss aber auch stimmen, sonst schalten die Zuschauer ab, das Storytelling funktioniert nicht und die Redaktionsleiterin schimpft, weil sie Budgetkürzungen fürchtet, wenn die Quote absackt.

Auch wenn also durchaus Kritisches und Aufklärendes im Beitrag ist – es muss todsicher an den entscheidenden Stellen das Richtige rauskommen, damit das Aldi-Einfach-gut-Weltbild des Verbraucher/Zuschauers ungeschoren bleibt. Dazu gibt es in der Trickkiste des Service-Genres das passende Werkzeug:

Trick 1: Tests mit ein paar Hausfrauen, Schrebergärtnern, Stammtischbrüdern, Rentnern oder Normalos in der Fußgängerzone. Wenn beim ZDF vier Omas am Kaffeetisch Eierlikör oder Schnapspralinen nach ihren Vorlieben bewerten, kommt mehrheitlich sicher raus: Das Billige schmeckt aber auch gut!

Trick 2: Vergleiche von Ware aus industrieller Massenproduktion wie No-Name-Discounterzeug grundsätzlich nur mit Markenprodukten von Großfirmen, die ebenfalls in riesigen Mengen Supermärkte beliefern. Denn merke: Alles, was in großen Massen produziert wird, entsteht in denselben Industrieprozessen, besteht schon aus technischen Gründen aus ähnlichem Material und ist im Geschmack sehr ähnlich, da an die Vorlieben der breiten Masse angepasst. Deshalb kommt praktisch immer raus: No-Name schmeckt so gut wie das Markenprodukt! Fast immer sind die Unterschiede nicht groß oder gar nicht erst vorhanden.

Trick 3: Grundprodukte mit wenigen Zutaten nehmen – Schinken, Lachs, Käse, Kaffee. Da kann es nur große Differenzen geben, wenn die Discounter wirklich im Warenwert pfuschen oder so runtergehen, dass sie im Wettbewerb mit Supermärkten Nachteile befürchten müssten. Das tun die aber nicht. Die sind doch nicht doof. Die wollen verkaufen. Deshalb drücken sie lieber bei ihren Lieferanten die Preise, machen eine Mischkalkulation und verkaufen teils gute Ware zum Schleuderpreis. Dann kommt beim Test garantiert raus: Billig kann auch gut sein!

Trick 4: Einen aufwändigen Test an einem wissenschaftlichen Institut machen, ihn aber hinterher so interpretieren, dass er das gewünschte Ergebnis bringt. Einen dabei nicht ins Konzept passenden O-Ton des Fachmannes kann man ignorieren, aus dem Zusammenhang reißen, schneiden oder verzerren, um das genehme Fazit zu ziehen, wie das Doku-Team von ZDF:zeit bravourös vorführt.

 

Was wem schmeckt, ist kein Zufall

Alle Tricks sind auch miteinander kombinierbar, und Trick 4 ist natürlich die Königsklasse.

Der Sender kann sich Kategorie 4 locker leisten, immerhin stehen pro Hochglanz-Produktion von ZDF:zeit im Schnitt 250.000 Euro zur Verfügung, da darf es auch mal ein eigener Versuch mit 100 Probanden sein. Also hat man ein seriöses Institut beauftragt, das auf Konsumenten- und Marktstudien spezialisiert ist. Das hat die Versuchsteilnehmer nach repräsentativen Gesichtspunkten ausgewählt und die Proben blind verkosten lassen. Schließlich sollte es ja wissenschaftlich zugehen.

Lachs, Schinken, Parmesan und Champagner vom Discounter schmeckten – Überraschung! – den 100 Probanden trotz erheblicher Preisunterschiede ziemlich gleich gut wie Markenware. Die exakten Ergebnisse hat das ZDF sicherheitshalber natürlich nicht präsentiert. Wo kämen wir denn da hin. Nein, die Rede ist von „kann mithalten“, „schmeckt so gut wie“ oder „schmeckt genauso gut“.

Fazit Sprechertext:

„Die Wissenschaftler messen bei diesen vier Produkten keine signifikanten Geschmacksunterschiede. No-Name – so lecker wie Markenluxus.“

Quarkundso.de, von Haus aus kleinlich, muss da natürlich beckmessern: Dieses Fazit ist schonmal raffiniert falsch formuliert, ganz, wie es die Trickkiste vorschreibt.

Denn was der Test gezeigt hat, ist nur das: Die 100 Leute haben kleine Unterschiede in der Geschmacksbewertung abgegeben, sonst haben ihnen die Produkte im Großen und Ganzen gleich gut gefallen wie teurere Ware aus dem Einzelhandel.

Solche subjektiven Geschmacksurteile sagen aber überhaupt nichts über die Eigenschaften der Produkte, ihre Qualität, und etwaige Unterschiede aus. Sie sagen nur etwas über die Vorlieben der Versuchsteilnehmer, die, da repräsentativ zusammengestellt, dem Durchschnittsdeutschen entsprechen.

Schon die Frage hat das wohl so vorgegeben, die lautete nämlich sicher nicht: „Beschreiben Sie den Geschmack genau und finden Sie Unterschiede zwischen den Produkten heraus“. Die Frage war: „Wie schmecken Ihnen diese beiden Produkte? Benoten Sie auf einer Skala von 1, sehr gut, bis 6, ungenügend.“

Die Investigativ-Abteilung von Quarkundso.de hat das knallhart recherchiert, indem sie sich nächtens im Keller Frame für Frame durch die Doku gequält und in der richtigen Millisekunde angehalten hat. Hier der Beleg im Bild, die Bewertungsmaske im Labor des Marktforschungs-Instituts, aus der ZDF-Doku bei TC 7:23:

 

Kleiner Bildschirm mit Bewertungen von 1 bis 6, Hand

Screenshot aus der ZDF-Doku

 

Ist Luxus nur Schwindel?

Man kann sich das auch von einer anderen Warte ansehen. Beim Champagner hält der Billigfusel angeblich im Vergleich zu Moet&Chandon mit. Dabei ist er weniger als halb so teuer!

Was sagt uns das? Dass die echten Luxushersteller uns alle betrügen? Das mag Konsens in der Schnäppchenjäger-Branche sein, stimmt aber nicht.

Es sagt gar nichts.

Denn erstens ist Moet nur ein bestenfalls mittlerer Champagner, dessen Hersteller gerne auch günstige Abfüllungen in die Supermärkte drückt – ein Großerzeuger gemäß Trick 2.

Dann kommt noch hinzu, dass Otto Normalverbraucher halt kein Feinschmecker mit einem differenzierten Gaumen und weitläufiger Erfahrung ist. Der mag es eher mittel und schätzt ganz bestimmte, recht gut definierbare Reize. Ein Champagner gefällt, wenn er nicht so trocken sondern eher süßer und fruchtiger ist, er schmeckt, wenn die Brause etwas kräftiger im Glas perlt und nicht so stark riecht.

Das generell Süßlichere ist übrigens die dominante Geschmacksmerkmal im Massenvertrieb. Darauf sind Billigflaschen ausgerichtet, siehe Trick 1 und Trick 2, beim ZDF noch In Kombination mit Trick 4.

In diesem Setting muss der billige Champagner gewinnen.

Übrigens ist es da auch kein Zufall, dass sogar der gepanschte Frizzante-Fusel bei Nelsons Gästen gar nicht schlecht ankommt. Auch derlei schmeckt der einschlägigen Zielgruppe besser als hochwertige, komplexe Winzeroriginale. Die gibt es handverlesen im Weinladen, aber nicht im Supermarkt und schon gar nicht im Discounter.

Aber so etwas haben die ZDF-Tester gar nicht erst in die Verkostung genommen, und wenn, wäre eine solche Flasche bei dem Normalo-„Schmeckt-mir“-Test komplett durchgefallen.

Ach ja, wer das nachlesen will: Es gab schon Bewertungen des Penny-Champagners „Comtesse Marie Louise“, der beim ZDF mit Moet angeblich  „mithalten“ konnte. Da waren feinere Zungen am Werk, Weinkenner. Das Manager-Magazin hält die Comtesse zum Beispiel gar nicht erst für satisfaktionsfähig – probiert und gleich weggeschüttet.

Auch die Stiftung Warentest hat sich schon einschlägig geäußert. Da wurde der Marie Louise 2010 bescheinigt, dass sie „relativ viel Zucker enthält“ und daher fast aus der Kategorie brut, herb, rausfliegt, typisch für den Discounter-Geschmack.

Der Kunde mag das aber so. Und deshalb mag er echte Luxusprodukte gar nicht erst – zu sauer, zu bitter, zu komische Aromen.

 

 

Auf Masse getrimmt

Das muss man erstmal schlucken: Alles, was im Supermarkt und noch mehr im Discounter vertrieben wird, egal ob No-Name oder „Marke“, ist auf diesen Geschmack der Masse getrimmt, sonst läuft es im Sortiment nicht.

Typische Kundenvorlieben werden daher schon von den Herstellern und Einkäufern als Messlatte angelegt, und oft in eigenen Konsumenten-Befragungen geprüft.

Dem gesamten Drehteam samt Nelson Müller sind solche Feinheiten aber völlig wurscht. Die blieben stringent bei der eigenen Story: „Schmeckt mir“ bedeutet, dass der Fusel mit Namen Marie Louise genauso gut ist wie das immerhin solide Haus (der „Marke“) Moet.

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Der aufrechte Versuchsleiter des Konsumforschungsinstituts hat gegen die festgelegte Dramaturgie keine Chance.

Beim Kaffee versucht er es:

Das Interessante ist, dass hier eben im Gegensatz zu dem teureren und augenscheinlich besseren Produkt aus einer Kaffeerösterei das Produkt aus dem Supermarkt gewonnen hat. Das teurere Produkt aus der Rösterei ist nicht der schlechtere Kaffee. Sondern der Geschmack des Rewe-Kaffees scheint massentauglicher, da er ausgewogener erscheint.

Der Mann ist vom Fach und hat natürlich Recht. Hier liegt der Hase im Pfeffer.

Der Manufaktur-Kaffee hat wohl ein paar Ecken und Kanten gehabt, vielleicht mehr Säure, andere Aromen, mehr Röst- und Bitterstoffe. Das mag der Normalkaffeetrinker nicht. Der mag Standard, am besten jeden Tag im Leben gleich.

Was der Experte aber sagt, kümmert das ZDF beim Fazit zum ganzen Test nicht die Bohne – Sprechertext:

Unsere repräsentative Untersuchung zeigt: Luxus vom Discounter schmeckt so gut wie teure Feinkost.

Und Sternekoch Nelson Müller setzt noch einen drauf:

Das ist wirklich absolut überraschend – ob Lachs, Kaffee, Schinken, sogar Champagner als No-Name-Produkt genauso lecker wie teure Feinkost, bedeutet für mich: Geschmack muss nicht unbedingt teuer sein.

Der Mann weiß es eigentlich besser. Aber das ZDF zahlt ihn gut, da muss er das sagen, was dem Discounter-Kunden und dem eigenen Publikum (Schnittmenge L = 100) gefällt. Selbst wenn es genau das Gegenteil von dem ist, was der Fachmann im O-Ton klarstellt.

Königsklasse halt.

 

Fake-Gourmet und Luxusattrappen

Nun ist Quarkundso.de zwar bekannt streng. Aber auch  gerecht. Daher darf festgestellt werden: Beim ZDF hat man sich stets sehr bemüht.

Die Kritik an dem Büffel-Mozzarella ist gut – es ist wichtig, zu zeigen, dass eine blinde Schlaraffenland-Illusion mit „Luxus für alle“ auf Kosten von Tieren und Umwelt geht.

Auch gibt es im Film unter anderem einen Test mit Parmesan, da darf eine Käse-Spezialistin ran. Die rammt den Billig-Riegel in Grund und Boden und lobt den teureren Parmesan von Rewe „Feine Welt“. Auch eine angebliche Luxus-Leberwurst von Lidl „mit Preiselbeeren“, angeblich „Delikatess“, fällt durch, als ein Metzgermeister sie sich vornimmt.

Richtig so. Fachleute bewerten halt nach den Regeln ihres Handwerks. Und das hält der Sprechertext immerhin fest: Angeblicher No-Name-Luxus ist allzu oft eine Luftnummer.

Der amüsanteste Test ist der mit den Sushi-Packungen, die von einem echten japanischen Sushi-Meister zerlegt werden. Herrlich, wie er mal spuckt und prustet, sich schüttelt vor ästhetischem Ekel, oder sich kaputt lacht.

Und da geht`s lang: Besondere Lebensmittel haben nicht nur ihren Preis. Sie entstammen hoher handwerklicher Kunst, haben Tradition und ihren eigenen Charakter. In Sushi gehört keine Paprika, in eine gute Leberwurst passen keine Preiselbeeren.

Das ist alles Fake-Gourmet – Luxus-Attrappen, die den unkundigen Billigkäufer einfach nur zum Geldausgeben verführen sollen. Noch dazu ist es Gepansche aus dem Brevier des schlechten Geschmacks. Aber es sind keine Delikatessen.

Echte Luxusware gibt es nicht im Supermarkt und schon gar nicht im Discounter – dieser Schwindel muss endlich aufhören. Wer meint, sich Luxus bei Lidl kaufen zu können, reißt sich auch eine Tüte Hühnersuppe auf und findet: „Schmeckt wie bei Oma!“.

Und er hat immer Recht. Erstens, weil es nunmal sein Geschmack ist.

Dann aber auch, weil schon seine Oma Tüten aufgerissen hat – seit Generationen verlieren Massen von Menschen ihren guten Geschmack.

Auch, weil seit 170 Jahren Lebensmittel verpfuscht und verpanscht werden, weil man Echtes billig nachbaut und dem Verbraucher als angeblichen „Luxus“ präsentiert, weil der industrielle Einheitsgeschmacks in Fertiggerichten und dem Massenvertrieb die ganze Bevölkerung durchseucht.

Es hilft daher nichts: Wer zum Discounter geht, kann teilweise annehmbare Grundprodukte zu beschämend niedrigen Preisen bekommen. Wer Luxus will, muss ihn bezahlen und das teure Feinkostgeschäft seines Vertrauens aufsuchen. Aber nicht Netto, Aldi, Lidl und Co.

 

©Johanna Bayer

Die ganze Doku vom 21.3.2017 in der ZDF-Mediathek

Manager-Magazin zu Billigchampagner, u.a. „Comtesse Marie Louise“ von Penny

Stiftung Warentest von 2010 – Achtung, natürlich kann sich seitdem die Qualität der Comtesse geändert haben. Ist aber unwahrscheinlich.