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In der TAZ: Das Klima retten durch Fleischverzicht und Fleischsteuer? Vielleicht lieber anders.

Das Klima lässt sich nur retten, wenn wir weniger Fleisch essen, heißt es bei der TAZ. Doch so viel Fleisch essen wir gar nicht – dafür sollten wir lieber von anderen Dingen nur die Hälfte konsumieren: Kuchen, Schokolade, Bier. Aus Gründen. Gut wäre auch nur noch halb so viel Autofahren – Quarkundso.de mit unschlagbaren Argumenten zur Rettung der Welt.

 

Fleischtheke und Verkäuferin

Weg von der Fleischtheke! Wir wollen doch das Klima retten. Bild: Shutterstock/racom

Damit niemand denkt, Quarkundso.de würde nur rumkritteln, wird jetzt gelobt. Dafür habe ich mir die TAZ ausgesucht.

Die ist an sich für Quarkundso.de kein lohnendes Ziel, weil aus Berlin, einem kulinarisch öden Gebiet.

Dort ansässige Redakteure und Journalisten sind als Ex-Hausbesetzer und/oder grünbewegte Kiezbewohner an Essen nur als Mittel zur Politik interessiert.

Schnödes Genießen ist nicht ihr Ding. Schreiben können die aber. Wenn sie also was zum Thema Essen machen, dann scharfe Kommentare, die sich gegen unseren exzessiven Konsum richten. Oder schöne Reportagen.

Letztere drehen sich dann um politisch korrekte Ernährungsthemen, also um Imker und Bienen, oder um neue Restaurants von Veganern, oder alte Gemüsesorten, die in den Gärten verwitterter Datschen von Hand gezogen werden.

Das qualifiziert aber nur ausnahmsweise für Quarkundso.de, da im Allgemeinen zu vorhersehbar und zu langweilig. Aber jetzt kommen sie dran, und zwar im Guten.

 

Irgendjemand muss die Welt ja retten

An dieser Stelle sollen auf keinen Fall Missverständnisse aufkommen: Quarkundso.de bekennt sich ausdrücklich zu Umweltschutz und bewusstem Essen, zu verantwortungsvollem Konsum und zu ebensolchem Umgang mit der Natur.

Die Welt muss gerettet werden und irgendjemand muss den Job ja machen. Danke, Berlin.

Aber ein bisschen Spaß beim Essen darf schon noch sein. Ehrlich. Wenn wir wegen der Klimakatastrophe bald nicht mehr Auto fahren, in Urlaub fliegen, pro Kleinfamilie ein Reihenhaus besitzen und zweimal im Jahr den Inhalt des Kleiderschranks komplett erneuern dürfen, wollen wir doch wenigstens was Gutes essen.

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Allerdings scheint es eher so zu sein, dass kaum jemand daran denkt, sich des Klimas wegen beim Autofahren, beim Häuslebauen oder beim Shoppen wesentlich einzuschränken: Die Deutschen bewegen unnötig viel Blech mit bulligen SUVs und Spaßmaschinen, auf Autobahnen rasen sie weiterhin wie die Irren, Millionen fliegen Kurzstrecke und wehe, im gemütlichen Reihenhaus schafft die Heizung weniger als 24 Grad Wohlfühltemperatur.

Aber am Essen wollen plötzlich alle rumschrauben.

Essen, diesen unnötigen Luxus, hat man jetzt im Visier, besonders jene Gier nach Fleisch, die das Volk beherrscht. Dass Fleischessen von vielfältigem Übel und einzudämmen sei , ist im Moment flächendeckender Konsens, und dafür macht sich auch die TAZ stark.

Ein Weg wäre die Fleischsteuer, damit Fleisch teurer wird, aber man ist bei der TAZ auch grundsätzlich für eine massive Verringerung des Fleischkonsums: Alle Deutschen sollen höchstens halb so viel Fleisch essen wie bisher.

Denn das sei nicht nur gut für das Klima, sondern auch viel gesünder, schreibt TAZ-Autor Jost Maurin in mehreren Artikeln, darunter einem Kommentar mit dem Titel „Schlechtes Klima für Fleischfresser“ vom 2.11.2016.

 

Nur ein Vorschlag schafft es in die Öffentlichkeit

Diese Diskussion um Fleischkonsum und Fleischsteuer besteht seit einiger Zeit, auch ausgelöst durch den aktuellen Klimaschutzplan 2050.

Den hat Umweltministerin Hendricks gerade vorgelegt und darin Hunderte von Maßnahmen beschrieben, um Treibhausgase einzudämmen: Industrie, Verkehr, Handel, Landwirtschaft, Energieunternehmen, Hausbesitzer, alle sollen einen Beitrag leisten und Emissionen einsparen.

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In die öffentliche Diskussion schaffte es aber kaum ein Detailvorschlag – einer der wenigen ist der mit der Halbierung des Fleischkonsums.

Den hatte Hendricks mal in einen Entwurf geschrieben: Die Deutschen sollten von ihren durchschnittlichen 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr auf ungefähr 30 Kilo runterkommen. Die Deutsche Gesellschaft für Ernährung, DGE, empfehle das ja auch, wegen der Gesundheit, heißt es zur Begründung: So viel Fleisch, 60 Kilo im Jahr, etwa ein Kilo in der Woche, sei ungesund.

Der Vorschlag flog zwar wieder raus, weil Wirtschaftsministerium und Kanzleramt den Passus strichen. Aber er hält sich hartnäckig in der Diskussion.

Und TAZ-Autor Maurin bringt auf seiner Mission – höchstens noch halb so viel Fleisch essen – dazu den Vorschlag mit der Mehrwertsteuer aufs Tapet: Fleisch wird bisher mit sieben Prozent ermäßigt besteuert, man könnte es teurer machen und 19 Prozent draufschlagen, den normalen Mehrwertsteuersatz. Das würde den Fleischkonsum verringern.

Diese Idee stammt nicht aus dem Klimaschutzplan, sondern von Agrarexperten aus dem Umfeld des Landwirtschaftsministeriums. Aber leider, so Maurin, hört Landwirtschaftsminister Schmidt nicht einmal auf seine eigenen Leute und lehnt jede Verteuerung ab.

Dem widerborstigen Beamen hält der TAZ-Mann entgegen, dass die Landwirtschaft ganze acht Prozent Anteil vom Ausstoß von Treibhausgasen hat.

 

Ob der Minister so Unrecht hat?

Acht Prozent? Das ist wenig.

Bei diesem geringen Anteil geht es laut TAZ schon um die Wurst? Die Landwirtschaft muss massiv Emissionen einsparen und die Bevölkerung muss mindestens auf die Hälfte, am besten aber ganz auf Fleisch verzichten – bei diesem geringen Anteil der gesamten Landwirtschaft an den Treibhausgasen?

Hm. Ob da nicht der Minister ein wenig Recht hat? So klingt das wirklich nicht plausibel. Sondern eher konstruiert.

Zwar könnte man, wie es Jost Maurin auch tut, den Anteil der „Agrarbranche“ noch nach Kräften hochrechnen, aber solche Zahlenspiele geraten leicht unlauter und geben kein klares Bild ab.

Da kann man sich getrost an diese Grafik des Umweltministeriums halten: Der Treibgas-Anteil der Bauern bleibt bei unter zehn Prozent.© BUMB

Natürlich gilt: Keiner kann sich rausreden, die Klimaziele müssen erreicht werden und jeder muss beitragen. Trotzdem ist wirklich die Frage, welcher Bereich welche Einschnitte wofür hinnehmen muss und was sinnvoll ist.

Und da hat der Minister Schmidt, obwohl er von der CSU ist, nicht ganz Unrecht: Essen ist ein Grundrecht und die Landwirtschaft hat eine wirklich besondere Bedeutung – die sollten wir nicht leichtfertig an den Pranger stellen, sondern genau hinsehen. Und vielleicht anderswo mehr einsparen.

 

In derselben Redaktion: andere Meinung

Die TAZ lässt aber auch jemand anderen zu Wort kommen, das ist das Schöne. Es ist ein Kollege des Autors Maurin, ebenfalls aus dem Ressort Wirtschaft und Umwelt. Der sieht das Ganze erfrischend anders. Zwei Tage später, am 4.11., schreibt er seinen Kommentar zur Sache und nimmt den Vorschlag mit der Fleischverteuerung auseinander.

Diesen Kommentar muss man sich in Ruhe durchlesen, unten steht der Link.

Treffend argumentiert Richard Rother, dass man mit dem Klimaargument wirklich jede Steuererhöhung beim Essen begründen könnte – schließlich findet sich immer ein Lebensmittel, das noch klimafreundlicher ist, bis runter zum Leitungswasser.

Fleisch, sagt er dann richtig, ist aber zu wertvoll, ein Grundnahrungsmittel, das gerade für niedrige Einkommensgruppen und deren Kinder wichtig ist. Die würden benachteiligt, selbst wenn etwa Hartz-IV-Familien mehr Geld für die Lebenshaltung bekommen würde: Es wäre einfach der falsche Anreiz und würde keine ausgewogene Ernährung fördern.

Stattdessen könnte man, so Rother, wirklich unsinnige Steuerermäßigungen abschaffen, etwa beim Tierfutter, und überhaupt müsste man den Mehrwertsteuerdschungel mal lichten. Da ist noch viel Luft drin – Einnahmen, die man zugunsten einer tier- und klimafreundlichen Landwirtschaft verwenden könnte.

Rothe plädiert dann für Verantwortung und gute Ernährungsbildung, um vernünftige Essgewohnheiten zu entwickeln – gegen Verschwendung und riesige Fleischberge auf dem Teller.

 

Schluss mit dem Geschummel

Der Kommentar ist einfach großartig, weil er den Kern der Sache trifft und nicht so platt auf dem Generalvorwurf „Wir essen doch alle viel zu viel Fleisch – so viel Fleisch ist ungesund“ herumreitet.

Und ja, dass weniger Fleisch besser wäre und Fleisch teurer werden muss, ist trotzdem richtig – damit die Massentierhaltung endlich eingedämmt und der Tierbestand reduziert wird.

Allerdings ist die Frage, wieviel weniger das sein muss.

Und es ist die Frage, was wir damit erreichen wollen. Die Nitratbelastung, das Grundwasser, Kosten für Kläranlagen, der Gestank und das Leid der Tiere sind bei der Massentierhaltung tatsächlich große Probleme – nicht in erster Linie ihr Anteil an den emittierten Treibhausgasen.

Da sind vornehmlich andere Player gefragt, ganz vorne: Kohlekraftwerke, zum Beispiel. Auch private Haushalte. Und die lieben Autofahrer. Dazu kommen wir noch.

Auf jeden Fall muss dieses Geschummel mit dem Klimaschutz durch Fleischverzicht endlich aufhören. Und das Getrickse mit der angeblichen Gesundheit.

Beides ist Unsinn, weil Fleischverzicht nicht das Klima rettet. Weil Fleisch nicht pauschal ungesund ist. Und weil Fleischverzicht nicht pauschal gesund ist.

 

Eine Lektion in Küchenpsychologie

Warum wir unseren Fleischverzehr, wenn nicht gleich ganz aufgeben, dann mindestens halbieren müssen, leuchtet Quarkundso.de nicht ein.

10, 20 oder 30 Prozent reduzieren wären doch ein leichterer Einstieg in eine Veränderung? So viel Küchenpsychologie müsste doch inzwischen durchgesickert sein: Ernährungsgewohnheiten kann man nicht von heute auf morgen umkrempeln.

Das haben die öden Diättipps der Art „Müssen es denn Chips vor dem Fernseher sein? Knabbern Sie doch an Karotten!“ gezeigt, die keiner befolgt. Auf einer unrealistischen Maximalforderung zu bestehen führt eben nicht zum Ziel.

Funktionierende Diätkonzepte von Medizinern setzen stattdessen auf kleine Veränderungen, bei denen die persönlichen Vorlieben erhalten bleiben. Es darf dann mal ein Stück Schokolade sein, und die geliebten Kartoffelchips haben auch ihren Platz. Gespart wird anderswo.

Auch dazu gleich noch mehr.

 

So viel Fleisch essen wir gar nicht

Dass die Deutschen doppelt so viel Fleisch essen, wie es angeblich laut DGE gesund ist, ist auch so ein Gerücht.

Dabei behandeln TAZ-Autor Jost Maurin, aber auch viele andere, die Umweltministerin eingeschlossen, die DGE-Regel von maximal zwei- bis dreimal die Woche Fleisch (300 – 600 Gramm) wie den Grenzwert einer gefährlichen Chemikalie: Huhuhu, doppelt so hoch wie erlaubt – ungesund!!!

Das ist absichtlich irreführend.

Nicht nur, weil die Menge von 300 bis 600 Gramm natürlich überhaupt kein Grenzwert ist, nur eine unverbindliche Empfehlung.

Sondern auch, weil die DGE schon seit Jahren auf dem Ökotrip ist und die Nachhaltigkeit als Grund für ihre Fleischration anführt. Nicht die Gesundheit. Der Öko-Effekt hat viel mehr zu dem Richtwert von 300 bis 600 Gramm beigetragen als jedes andere Argument.

Das Gespenst vom überhöhten Fleischkonsum an die Wand zu malen, ist auch faktisch falsch, weil die Deutschen nicht reihenweise tot umfallen, obwohl sie schon seit 60 Jahren viel mehr Fleisch essen als es die DGE empfiehlt.

In dieser Zeit, seit 1950, hat sich der Fleischkonsum verdoppelt und parallel dazu ist die Lebenserwartung gestiegen: von 64 beziehungsweise 68 Jahren (Männer/Frauen) auf 78 und 83 Jahre (Männer/Frauen). Das sind in beiden Fällen über 20 Prozent – und sie steigt weiter.

Mit unseren 60 Kilo Fleisch pro Kopf und Jahr liegen wir im Vergleich unter Industriestaaten sowieso nur im Mittelfeld. Die großen Fleischesser sind andere: die USA, Brasilien, Argentinien, Kanada, Australien. Die kommen auf bis zu 120 Kilo pro Kopf und Jahr. Über zwei Kilo in der Woche.

Wenn man von viel reden will: Das ist viel.

Selbstverständlich kann man sich nicht damit aus der Affäre ziehen, dass man mit dem Finger auf andere zeigt. Aber welche Karten man in der Debatte ausspielt, sollte man sich schon gut überlegen: Sparen – ja. Aber nicht, weil es angeblich so grauenvoll viel und ungesund ist, was wir verschlingen.

Sondern weil wir die Umwelt schonen und den Tieren ein besseres Leben gönnen müssen, bevor wir sie aufessen. Auf diese Argumente kommt es an. Alles andere ist Volksverdummung und kontraproduktiv.

 

Für Klima und Gesundheit: nur noch halb so viel!

Andererseits sticht etwas bei der Formel „Höchstens die Hälfte, für Klima und Gesundheit“ ins Auge: Sie ist betörend simpel, für jeden verständlich und einfach anzuwenden.

Möglicherweise ist das der Grund, warum Klimaschützer und Umweltaktivisten so auf die Halbierung des Fleischkonsums drängen.

Wenn man darüber nachdenkt, wird die Sache immer einleuchtender. Ehrlich – das ist super: Einfach nur noch Hälfte von, sagen wir, unnützem Kram, dann sind Klima und Gesundheit ruckzuck wieder im Lot!

Quarkundso.de wird daher bei der Weltrettung selbstverständlich nicht kneifen und hat den eigenen Fleischverzehr bereits reduziert (Details auf Anfrage).

Dafür fordert Quarkundso.de aber zum Ausgleich, bei anderen – überflüssigen – Lebensmitteln und schlechten Gewohnheiten von Privatleuten diese unschlagbare Faustregel anzuwenden: „Höchstens halb so viel – für Klima und Gesundheit!“.

Hier die kreativen Vorschläge der Redaktion*:

 

Höchstens halb so viel Bier! 2015 lag der Bierkonsum bei 105 Litern pro Kopf und Jahr – das ist für jeden, vom Baby bis zum Greis, ein Bier am Tag. Was das in absolutem Saufen für die notorischen Feierabendtrinker heißt, mag man sich gar nicht ausdenken. Dabei ist Bier für die Ernährung höchst nutzlos und noch nicht einmal ein Lebensmittel. Außerdem enthält es nicht nur den giftigen Alkohol, sondern macht auch noch dick und lässt Männern Brüste wachsen. Ab sofort also nur noch die Hälfte: Höchstens jeden zweiten Tag ein Bier, lieber aber überhaupt keins. Das spart Emissionen im Hopfenanbau und wird auch von der Deutschen Hauptstelle für Suchtfragen empfohlen.

Halb so viel Schokolade! Die Deutschen essen mehr Schokolade als die Schweizer, 11,5 Kilo pro Kopf und Jahr, 31 Gramm am Tag. Das sind für jeden etwa zwei Riegel einer Schokotafel. Aber Schokolade ist teures Importzeug, der Kakao-Ernte beruht auf unfairen Arbeitsbedingungen und Kinderarbeit, von klimaschädlicher Verpackung (Alufolie!) und dem Transport mal ganz abgesehen. Ab sofort also höchstens noch die Hälfte – aber am besten gar keine Schokolade mehr. Das macht Freude, gerade zur Weihnachtszeit, weil man das Klima rettet. Aber der Verzicht lohnt sich, das sagt auch der Verband Deutscher Zahnärzte.

Ganz wichtig: Nur noch halb so viel Kuchen! Der wird weit überwiegend aus Weizenmehl gebacken, und Deutschland muss Weizen importieren, darunter fast zwei Millionen Tonnen aus Tschechien. Da fallen also wieder Emissionen im Transport an, und seien wir mal ehrlich: Kuchen, Stückchen, Torten und Kekse machen doch nur dick und jagen den Blutzucker in die Höhe. Diabetes lässt grüßen. Also bitte gar nichts mehr oder maximal die Hälfte – nicht mehr jeden Tag süße Backwaren in sich reinstopfen, sondern höchstens zweimal die Woche. Das empfiehlt übrigens auch die DGE. Wegen des Übergewichts.

Entscheidend: Halb so viel Autofahren! Die Emissionen aus dem Straßenverkehr sind doppelt so hoch wie die aus der Landwirtschaft. Wir hatten das oben schon. Damit ist die Richtung klar: Nur noch jeden zweiten Tag Autofahren. Die Fahrzeuganzahl pro Familie wird halbiert: Wo es zwei Autos gibt, bleibt nur noch eine Familienkutsche übrig. Höchstens. Dafür werden Fahrräder angeschafft. Das ist auch viel gesünder und wird vom Deutschen Sportbund empfohlen.

Dass es ein Tempolimit geben muss, ist sowieso klar und stand auch schon einmal im Klimaschutzplan: 130 km/h auf der Autobahn, 30 km/h in Ortschaften. Quarkundso.de geht jetzt weiter und verlangt die Hälfte: Überall dort, wo es schon eine Geschwindigkeitsbeschränkung gab, gilt davon das halbe Tempo. Vorher 80 bedeutet jetzt also Tempo 40, vorher 30 bedeutet jetzt 15. Am besten geht man gleich zu Fuß. Auf Autobahnen gilt generell nur 100. Das ist die Hälfte von 200, wer je schneller gefahren ist, hat eh ein Rad ab. Und glaubt mir – das Tempolimit würde richtig was bringen, was Spritverbrauch und Emissionen angeht. Auch für die Gesundheit – man denke an die tödlichen Unfälle durch Raser. Diese Position vertritt auch die Deutsche Verkehrswacht.

 Zuletzt, weil der Winter kommt: Halb so viel heizen! Nicht in jedem Raum, sondern nur in jedem zweiten Zimmer die Heizung aufdrehen. Wer das toppen will, reduziert überall die Raumtemperatur auf die Hälfte – 12 Grad statt 24 Grad. Dicken Pulli an, wie Thilo Sarrazin riet, dann geht das schon. In den privaten Haushalten liegt nämlich noch viel Einsparpotenzial. Übrigens empfiehlt ähnliche Temperaturen auch der Deutsche Kneipp-Bund: Gezielte Kältereize stärken das Immunsystem, und ständig überheizte Räume schaden der Haut und der Lunge.

 

Diese Vorschläge zum umfassenden Klima- und Gesundheitsschutz sind natürlich erst der Anfang. Sobald Quarkundso.de das Gesundheits- und das Ernährungsministerium übernommen hat, werden Maßnahmen nach diesem Rezept flächendeckend eingeführt.

Sie werden die Welt retten.

Und bei optimaler Klimabilanz durch das „Höchstens noch die Hälfte“-Programm ist dann ein Stückchen Fleisch wieder drin. Versprochen.

*Achtung! Teilweise ernst gemeint.

©Johanna Bayer

TAZ-Kommentar „Schechtes Klima für Fleischfresser“ vom 2.11.2016

TAZ-Kommentar „Ran an die Buletten!“ vom 4.11.2016

Spiegel-Meldung zur Besteuerung von Milch und Fleisch

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich. Einfach ins Sparschwein stecken. sparschwein_spenden

Das steht mit diesem Bild ganz oben rechts im Menü. Wer draufklickt, landet bei PayPal, braucht zum Spenden aber kein PayPal-Konto.

Slow Food: Erst kommt die Moral, dann das Fressen? Wo die Essenshüter sich kulinarisch verheddern

Das Gegenteil von gut ist „gut gemeint“ – so viel lässt sich über das Slow-Food-Magazin 1/2015 sagen. Darin beschwört der Verein für Esskultur Konsumverzicht und eine neue Einfachheit. Leider verdrehen die Autoren historische Fakten, schwelgen in falscher Sentimentalität, was Hungerzeiten angeht und raten dazu, Freunden primitive Plumpsküche vorzusetzen. Da geht bei Quarkundso.de der kulinarische Zeiger auf Error: Wir plädieren für frohe Feste. (Beitrag von Juni 2015)

 

Zutaten Linseneintopf: Linsen, Karotten, Schweinebauch, rohe Zwiebeln

Linseneintopf – Einfaches kann gut sein. Doch als Maßstab taugt es nicht immer. Bild: Pixabay

 

Die von Slow Food gehören eindeutig zu den Guten. Sie sind für authentische, handwerklich hergestellte Lebensmittel mit echtem Geschmack, und gegen industrialisiertes, globales Einheitsessen.

Sie setzen sich auch für nachhaltige Landwirtschaft, Artenvielfalt und artgerechte Tierhaltung ein. Essen muss laut Slow Food gut, sauber und fair sein, wobei Genuss, wie es in der Satzung des Vereins heißt, nichts weniger ist als ein Menschenrecht. Daher heißen ihre Regionalgruppen „Convivien“, das kommt vom römischen „convivium“ und bezeichnet ein Gastmahl mit Freunden.

Ich muss sagen: Ich finde das alles richtig. Deshalb bin ich seit Jahren drin in dem Verein und zahle Mitgliedsgebühr.

Wenn man es genau nimmt, bin ich in Sachen Slow Food also befangen.

Andererseits ist Quarkundso.de natürlich völlig unbestechlich. Das heißt, dass auch der eigene Club an die Reihe kommt, wenn es dazu Anlass gibt. Und den gibt die Vereinspostille, das Slow-Food-Magazin.

Das ist ein Medienerzeugnis, das öffentlich am Kiosk und im Abo verkauft wird wie andere Zeitschriften auch. Daher will es hier besprochen werden, bei Quarkundso.de, das ist nur gerecht, auch den anderen gegenüber.

 

Eigen-PR und eingeschränkte Quellenlage

Wie immer geht es hier um das, was übers Essen geschrieben wird. Sonstiges spielt keine Rolle, darum sollen sich andere kümmern: dass zum Beispiel der Verlag, in dem das Heft erscheint, mit schöner Regelmäßigkeit seine Bücher und Autoren im redaktionellen Teil unterbringt.

Auch führt die Slow-Food-Vorsitzende Ursula Hudson gerne Interviews mit Autoren eben desselben Verlags, die dann im Heft nachzulesen sind, und die Rezepte im Leser-Service stammen aus Kochbüchern des Hauses. Diese Quellenlage hat ja schon ein PR-Geschmäckle und wirkt irgendwie nicht so richtig redaktionell ausgewogen. Aber darum soll es hier ja nicht gehen.

 

Ohne Drittwagen retten wir die Welt

Also zur Sache – schauen wir uns das erste Heft des Jahres 2015 an. Da geht es um den „Wert des Einfachen“. Es ist ein ganzes Dossier, ein Schwerpunkt mit mehreren Beiträgen. Und mit der großen Moralkeule. Die Botschaft: „Wir“ – ja, wir alle – ruinieren die Welt mit unserem Konsum: „Wir“ essen zu viel, wir kaufen zu viel, es geht uns zu gut, wir reisen zu weit und zu oft. Wir konsumieren besinnungslos und brauchen das alles nicht, was wir zusammenraffen.

Die vielen Geräte, die wir horten, benutzen wir schon gar nicht mehr, darunter Küchenherde mit 30 Programmierstufen und Fernseher mit 800 Programmen. Dagegen helfen, glaubt Autor Manfred Kriener, Entrümpeln, ein Sabbatjahr oder mal eine Woche im Kloster. Und die Vorsitzende, Ursula Hudson gibt den unschlagbaren Tipp, auch mal auf den Zweit- oder Drittwagen zu verzichten.

Garniert ist das Ganze mit nostalgischen Rezepten und der Sehnsucht nach einfacher Kost: Nachkriegs-Brotsuppe, Arme-Leute-Gerichte wie die italienische Polenta, und auf dem Titelfoto prangt biederste Hausmannsküche – ein Teller Gemüsesuppe, dargeboten von Armen im ökograuen Wollpulli.

 

 

Club der Manufactum-Käufer 

Doch der Schuss geht nach hinten los. Einmal, weil Vorsitzende und Redaktion sich so unfreiwillig als Club der oberen Zehntausend outen – als eine Versammlung von Reichen, Privatiers, Karrieristen, Investment-Bankern, pensionierten Beamten und Manufactum-Kunden. Als Angehörige einer Geldkaste, die nach Statussymbolen giert und sich teure Kochbücher ins Regal stellt, aber die Küche gar nicht erst in Betrieb nimmt.

Natürlich ist das ein falsches Bild. Diese Mischpoke ist bei Slow Food, falls es sie dort gibt, eher in der Minderheit, schon allein deshalb, weil die Slow-Food-Leute kochen.

Die reichen Edelteil-Horter sind aber nicht mal sonst im Land in der Mehrheit. Denn die Mehrheit kann es sich nicht leisten, ständig bei Manufactum einzukaufen und hat weder einen Zweit- oder Drittwagen noch einen High-Tech-Küchenherd.

 

Die Mehrheit kocht in IKEA und isst auch so

Stattdessen kauft die Mehrheit ihre Küche billig bei IKEA und das Essen noch billiger beim Discounter.

Das liegt unter anderem daran, wie das Geld im Lande verteilt ist: Die Hälfte aller Haushalte verfügt nur über den lächerlichen Anteil von sechs Prozent des Vermögens in Deutschland. Dagegen sitzt ein Zehntel auf 60 Prozent des Vermögens. Maßloses Anhäufen von teuren Statussymbolen kommt für die meisten Menschen hierzulande daher nicht in Frage.

Genau das aber macht die Sache komplex. Mit platter Konsumkritik und Reichen-Bashing kommt man dem gefühlten Weltuntergang nicht bei. Am Geheim-Tipp der Vorsitzenden (kein Drittwagen!) als Beispiel betrachtet: Lediglich fünf Prozent aller Haushalte, die in Deutschland ein Auto haben, haben mehr als zwei. Das weiß der ADAC, dem man in dieser Hinsicht ausnahmsweise mal trauen darf.

Also verzichten die restlichen 95 Prozent der Haushalte sowieso schon vorbildlich. Aber irgendwie verbessert das die Lage nicht – Umweltverschmutzung, Lärm, Klimakatastrophe.

 

Das Problem ist die Masse

Und daher sind die reichen Prasser, was Klima und Umwelt angeht, nicht das Problem. Wobei ich natürlich sofort mitmache, wenn man diesen Angebern ihre Kabrios, SUVs und Limousinen vermiest. Es ärgert mich schon lange, dass ich nicht so reich bin.

Doch muss man sich auf dem Boden der Tatsachen eher eingestehen: Das Problem ist die Masse. Anders gewendet: Nicht der unmäßige Konsum weniger ruiniert die Umwelt.

Sondern der relative Wohlstand vieler.

Dass ein paar Privilegierte beim Verzicht mit gutem Beispiel voran gehen sollten, ist allerdings eine Forderung von Öko-Ethikern. Aber da hat der abgeschaffte Drittwagen weiß Gott keine Symbolkraft. Und beim Essen wird das Terrain ziemlich schwer.

Daher präsentiert das Dossier einen etwas peinlichen Luxusdiskurs und eine Menge Plattitüden in einem Mix aus christlicher und ökologischer Ethik, Parolen aus der Glücksforschung, Mode-Philosophie und einem allgemeinen Unbehagen an der Kultur. Aber etwas wenig Analyse und auch die falschen Perspektiven.

 

Urschlamm der hiesigen Ess-Unkultur

Womit wir ans Eingemachte gehen – ans Essen. Da geht der Schuss erst recht nach hinten los. In einem wirren Artikel über „Die Rückkehr der einfachen Küche“ preist eine Autorin nostalgische Arme-Leute-Gerichte an, zur großen Konsum-Moralpredigt am Anfang des Dossiers gibt es als passenden Rezepttipp „Lieselottes Nachkriegs-Brotsuppe“ – ach ja, aus einem Kochbuch des Hausverlags, versteht sich.

Bei so etwas werde ich gerne mal spitzfindig: Was soll das heißen, die einfache Küche kehrt zurück? Die war doch – leider – schon immer da und bildet den Urschlamm der hiesigen Ess-Unkultur!

Das Problem ist doch nicht, dass man hierzulande nichts „Einfaches“ isst. Das Problem ist, dass die Deutschen in überwältigender Mehrheit Einfaches essen: Fastfood, Fertiggerichte, Discounter-Würstchen, Industrieprodukte, Tütensuppen, gefärbte, künstlich aromatisierte Jogurts und Puddings, Chicken-McNuggets, Currywurst, Minutenschnitzel. Und davon dann viel zu viel, weil es so billig ist.

 

Arme-Leute-Essen ist das nicht

Pffff, sagen jetzt die Kritiker von Quarkundso.de gehässig, das ist gemeine Rabulistik. Und natürlich überhaupt nicht das, was die Öko-Esser meinen. Sie meinen – ja, was denn eigentlich? In ihrer Nostalgie-Seligkeit verheddern sich Autoren und Redaktion nämlich kulinarisch, und das nicht zu knapp.

Nehmen wir mal die „Nachkriegs-Brotsuppe“, zu der es im Dossier über den „Wert des Einfachen“ das Rezept gibt. Angeblich ein Gericht aus schweren Zeiten, heraufbeschworen werden die beiden mageren Jahre nach 1945. Da musste man nämlich, steht da, alles wieder verwenden und mit den Ressourcen der Natur sparsam umgehen. Und wir könnten „so vieles lernen“, von den „Erben einer Generation, die … ihre Häuser nur mit dem Notwendigsten, das sie tragen konnten, verlassen mussten.“

An Zutaten sind dann aufgelistet: Zucker, Zitronenschale, Zimt, Butter, Wein, dazu Rosinen oder Backpflaumen, außerdem Äpfel, geröstete Mandelblätter und dann ist noch die Rede von Croutons, Weintrauben und Vanillesauce.

Bis auf die Äpfel und altes Brot gab es das alles nach dem Krieg nicht, egal nach welchem. Was da aufgetischt wird, ist ein gutbürgerlicher oder großbäuerlicher Luxus-Flan aus besten Zeiten. Das Prinzip, angetrocknetes, feines Brot mit edlen Zutaten in einen üppigen Nachtisch zu verwandeln, ist vor allem in Süddeutschland und Österreich schon seit Jahrhunderten Tradition und hat den gefräßigen Eingeborenen dort die Fastenzeit versüßt.

Bekannt sind diese köstlichen Brotaufläufe – es waren Sonntagsgerichte – unter anderem als „Scheiterhaufen“. Sowas gab es nicht bei armen Leuten. Und es ist auch kein einfaches Essen.

 

Völlig zu Recht vergessen

Eine echte Kriegs- oder Nachkriegs-Brotsuppe bestand dagegen genau aus zwei Zutaten: Brühe und Brot. Wenn es noch schlimmer kam, waren es Wasser und Brot. Derlei ist natürlich völlig zu Recht vergessen, und Nostalgie ist fehl am Platz. Vor allem ist das Aufmotzen mit gutem Fett, teuren Gewürzen, üppigen Zutaten und heutigen Mitteln schwer geschummelt.

Das gilt auch für die Polenta, den italienischen Maisbrei. Für die wirbt im Dossier Autorin Elisabetta Gaddoni, nachdem sie sich vorher despektierlich über ambitionierte Hobbyköche äußert. Die Polenta also, zu Unrecht vergessen und jetzt in Ehren auferstanden?

Nun – zu Unrecht war das garantiert nicht. Die armen Bauern in Norditalien sind im 19. Jahrhundert zu Zigtausenden vor der Polenta nach Amerika geflohen und haben fortan nie wieder Maisgrütze angerührt.

Als öde Kost der Armen führte sie nämlich bis ins letzte Jahrhundert in ganz Südeuropa zu einer weitverbreiteten Mangelerscheinung, der Pellagra, auch Maiskrankheit genannt. Die Einseitigkeit der Getreidenahrung bei der armen Landbevölkerung Italiens ist notorisch und hat übrigens dafür gesorgt, dass in Italien seit dem Wirtschaftswunder 30 Prozent mehr Fleisch gegessen wird als in Deutschland.

Wenn solche scheinbar vergessenen Arme-Leute-Gerichte wieder kommen, liegt das eher daran, dass man sie heute mit Wohlstandszutaten verbessern kann. Außerdem kann man sie heute essen, weil man will – und nicht, weil man muss. Und die Leute sterben aus, die das Zeug nie wieder auf dem Teller haben wollten.

 

Schmeckt erbärmlich, macht nicht satt

Man darf sich nämlich nicht darüber hinwegtäuschen, dass Menschen, die in Notzeiten üblen Fraß runterwürgen oder monate- bis jahrelang dasselbe essen mussten, für ihr Leben traumatisiert sind. Ganze Generationen haben deswegen Steckrüben oder Räucherfisch verweigert, Salzkartoffeln, Eintopf, Kohl, Wassersuppe, und ja, auch Brotsuppe (die echte).

Meine Oma konnte man mit Steckrüben jagen, und meinen Opa mit „einfachem Essen“. Denn der war zweimal in Gefangenschaft, hat Baumrinde und Gras gefressen und kam mit Hungerödemen zurück. Seitdem musste jeden Sonntag der Schweinsbraten auf dem Tisch stehen.

Also – die gute alte Arme-Leute-Küche ist mit Vorsicht zu genießen. Wenn man sie ernst nimmt, schmeckt sie erbärmlich und macht weder satt noch versorgt sie die Menschen ausreichend. Wenn man sie aber aufmotzt und auf edel trimmt, dann ist klar: Das ist kein einfaches Essen mehr.

 

Wenn Freunde kommen – gebt euch keine Mühe!

Den Vogel schießt die Redaktion aber ganz vorne im Dossier ab, wo sie ins Thema einführt und vorgibt, worum es gehen soll, beim „Wert des Einfachen“:

„Öfter mal einen Schritt kürzer treten, hier und da etwas Ballast abwerfen, zusammen mit Freunden etwas Einfaches essen – schon mit kleinen Dingen können wir unser Leben verbessern.“

Wie bitte? Ich verbessere mein Leben, wenn ich mit Freunden etwas Einfaches esse? Mein ganzes System, in einem früheren Beitrag mal als kulinarischer Kompass bezeichnet, ist an dieser Stelle auf „Error“ gegangen. Tilt. Total.

Und ich fühlte mich bemüßigt, die Vereinsstatuten von Slow Food nachzulesen. Heißt es darin nicht, dass Genuss ein Menschenrecht ist, dass das gute Essen in der Tafelrunde zum Kulturgut gehört und dass die Vereinstreffen deshalb nach uralter Tradition Convivien heißen?

 

Das Beste für die Gäste: Feiern mit Freunden ist menschlich

Ein Convivium ist übrigens nichts weniger als ein Festmahl. In römischer Zeit wurde dabei sogar geprasst, was das Zeug hält, den Freunden und Gästen zuliebe, aber auch, um den eigenen Status zu beweisen.

Natürlich kann man gegen die dekadenten Römer einiges einwenden. Aber jetzt mal ehrlich – seit wann isst man was Einfaches, wenn Freunde kommen? Es ist doch genau umgekehrt – wenn Freunde kommen, strengt man sich an, tischt die edelsten Sachen auf, die man hat und entkorkt die teuersten Flaschen!

Der gemeinsame Genuss schafft dann Atmosphäre, Wohlgefühl, Feststimmung und Verbundenheit. Das hebt die Lebensqualität. Mit einem Teller Butterbrot gelingt das schwerlich.

Das Festmahl mit Freunden ist daher nicht zufällig so etwas wie eine anthropologische Konstante. Große Gelage haben schon die Gallier und Germanen gefeiert, und unsere älteren Vorfahren ebenso, samt kollektivem Genuss berauschender Getränke.

Auch ist das Gebot der Gastwirtschaft, nachdem Gästen und Freunden stets das Beste zusteht, auffallend universell vorhanden, in allen Kulturen. Und da soll es jetzt die Lebensqualität heben, wenn man mit Freunden etwas Einfaches isst?

Nein. Das ist verdrehter, kulturloser Unsinn. Da hat jemand was falsch verstanden.

Ein Teller Gemüsesuppe kann gut sein und seinen Zweck tun. Aber für ein Essen mit Freunden taugt er nicht. Gemüsesuppe gibt es samstags, als Resteessen, weil man nicht aufwendig kochen will. Denn am Sonntag gibt’s den großen Braten – wenn Freunde kommen. So sieht es aus.

 

Feinschmecker Goethe wusste Bescheid

Gegen die verschwurbelte Moral im Dossier ist das hier also das flammende Plädoyer eines Slow-Food-Mitglieds für gutes Essen: Esst so gut, so hochwertig, so aufwändig wie möglich, wann immer es angezeigt ist. Kauft teures Fleisch aus artgerechter Tierhaltung, und Bio-Gemüse, kocht nach den Regeln der Kunst und strengt euch dabei an! Speziell dann, wenn Freunde kommen.

Natürlich kann das – aus vielen Gründen – nicht jeden Tag sein. Und aus vielen Gründen ist weder Verschwendung angezeigt noch, dass jeder Mensch auf der Erde jeden Tag der Völlerei frönt (mit Freunden). Aber wenn wir – ja, wir alle! – hochwertiger essen, weniger billigen Schrott kaufen und öfter und besser kochen, reguliert sich vieles, was Konsum, Verschwendung und Nachhaltigkeit angeht, garantiert von selbst.

Zu behaupten… nein, ich wiederhole den Quark nicht, den ein unbedachter, hoffentlich nur temporär verstrahlter Texter in die Welt gesetzt hat. Ich zitiere lieber Goethe. Der war auch ein ausgemachter Moralapostel, aber außerdem notorischer Feinschmecker und Rheinwein-Trinker. Der wusste, was die Lebensqualität wirklich hebt. Und schrieb in seiner Ballade „Der Schatzgräber“:

„Trinke Muth des reinen Lebens!

Dann verstehst du die Belehrung,

Kommst, mit ängstlicher Beschwörung,

Nicht zurück an diesen Ort.

Grabe hier nicht mehr vergebens!

Tages Arbeit, Abends Gäste!

Saure Wochen, frohe Feste!

Sei dein künftig Zauberwort.“

©Johanna Bayer

    Das Slow-Food-Magazin, Ausgabe 1/2015, im Oekom-Verlag. Oder am Kiosk.

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