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Lokaltermin: Hauptsach gudd gess! Quarkundso.de auf Tour im Saarland

Klar kann man im Saarland gut essen. Aber es kommt auch auf die Leute an, die dafür sorgen. Auf einer Bloggertour treffen wir Menschen, die für ihren Traum vom Food-Business alles geben. Die natürliche Form dafür: das Familienunternehmen.  (Blogger-Reise auf Einladung der Tourismus-Zentrale Saarland)

 

Radrikscha, Aufschrift "Saarland", Fahrerin, zwei Fahrgäste

Erster Abend: mit der Radrikscha durch Saarbrücken

In der losen Reihe Lokaltermin können wir unsere erste Tour präsentieren: eine richtige Blogger-Reise auf Einladung, mit Führungen und Essen, und das im frankreichnahen Saarland.

Tolle Sache, und dazu war die Gruppe ausgesprochen ehrenhaft, es waren nämlich illustre Back-, Reise- und Genussblogger, darunter Claudia von Ofenkieker.de, Kuchenbäcker Tobias Müller, Andrea von Zimtkeks und Apfeltarte, Tanja vom Reiseblog Vielweib.de und Andrea Juchem von den Backschwestern.

Quarkundso.de, ohne Rezepte und ohne jedes Törtchen, lief da natürlich außer Konkurrenz. Umso höher rechnen wir es der Tourismuszentrale Saarland und Andrea Juchem von den Backschwestern an, dass sie uns eingeladen haben.

Auf dem Programm standen kleine Food-Startups und Manufakturen, ein Kochworkshop, eine Mühlenbesichtigung und am Ende eine Führung durch die Abteilung Tafelkultur bei Villeroy&Boch, mit standesgemäßer Übernachtung im Schloss Saareck. Daher ist natürlich die Chefredakteurin persönlich hingefahren. Auch, weil ein Land, dessen Wahlspruch „Hauptsach gudd gess!“ ist, selbstverständlich zu unserer ökologischen Nische gehört. Aber wir waren nörgelbereit und wachsam, schließlich hat man einen Ruf zu verlieren.

 

Ein kleines oder großes Familienunternehmen

Unsere Kernkompetenz war dann aber weniger gefragt, denn es gab kaum Anlass zum Nörgeln. Schon gar nicht am Hotel Leidinger in Saarbrücken, in dem die Reisegruppe an den ersten beiden Tagen untergebracht war: schönes Haus, nettes Personal, Slow-Food-Essen, eine Weinbar und ein gigantisches warmes Frühstücksbuffet.

Auch sonst war alles liebevoll überlegt und gut organisiert, mit kleinen Überraschungen wie dem Fahrrad-Taxi oder dem Retro-Bus, und mit Leuten, die sich etwas einfallen lassen, um ihren eigenen Laden aufzubauen oder voranzubringen.

Und das ist die eigentliche Geschichte – es war nämlich sowohl spannend als auch geradezu berührend, zu sehen, was Menschen tun, um ihren kleinen oder größeren Business-Traum zu leben. Und zwar dort, wo sie gerade sind. Selbst wenn sie im Keller oder im Hinterhof angefangen haben, anfangs nur als Hobby kochten und Partner oder Eltern anpumpen mussten, bis der Laden lief.

Vielleicht liegt das an diesem besonderen kulturellen Gemisch: Frankreich und Luxemburg vor der Tür, man atmet europäisches Flair, fährt zum Einkaufen über die Grenze und kann gerade deshalb einfach bleiben, wo man ist. Man rückt zusammen, und kehrt wieder, selbst wenn man jahrelang woanders war. Dann macht man einfach das, was Eltern und Vorfahren schon immer gemacht haben, und es ist gut so.

Klingt von außen provinziell, ist von innen gesehen aber natürlich – und die dazu passende Unternehmensform im Saarland ist das Modell „Familienunternehmen“: Fast alle, die wir besucht haben und die etwas mit Essen, Genuss oder schönen Dingen machen, betreiben ihr Business als Familie, als Paar-Projekt, als Mehr-Generationen-Geschäft oder als buchstäblich jahrhundertealten Betrieb.

Und fast alle waren Quereinsteiger, Leute, die ins Genießen als Profession erst reingewachsen sind oder einfach reingeworfen wurden.

 

Einfach mal anfangen

In der Fruchteria zum Beispiel, wo die Bloggerrunde nach der Ankunft empfangen wurde, verkauft Andrea Dumont Marmeladen, Brotaufstriche und Fruchtzubereitungen von Essig über Chutney bis Saft. Mit ihrem Mann wohnte sie früher nur gegenüber vom Hotel Leidinger und hatte viel von ihren selbst gekochten Marmeladen übrig. Die lieferte sie dem Hotel als Offenware für das Frühstücksbuffet.

Ihre Kirschkonfitüre schlug so ein, dass viele Gäste nachfragten und Andreas Mann irgendwann vorschlug: „Stell doch einfach mal ein Glas zum Kaufen im Hotel auf die Theke!“.

Das war der Anfang. Heute führt Andrea ihre Fruchteria als Laden direkt im Haus Leidinger. Es gibt Kreationen wie Mango-Rosmarin-, Aprikosen-Lavendel oder Birne-Portwein-Marmelade, Rosenlikör oder Chutneys, die sie auch online verschickt. Die Rohware oder zugekaufte Produkte wie Säfte, Sekt oder Fruchtessige stammen ausschließlich von regionalen Erzeugern, ein Qualitätsausweis, aber auch so eine Art Ehrensache, hier im Saarland.

 

 

Blick in den Laden: Tisch, Käseplatten, Flaschen und Leute die essen

Schlemmen in der Fruchteria

Regal mit Gläsern, Wurst und Wildpastete, nah

Das Regal fürs Herzhafte: Wildpastete und Leberwurst

 

Ganz ähnlich klingt die Geschichte von Christine Breyer aus dem Bliesgau, etwa 12 Kilometer vor Saarbrücken. Sie hat im Waschkeller angefangen, Marmeladen und Liköre zu machen, heute ist ihr Laden „MaLis Délices“ preisgekrönt und beliefert Gourmethandel und Spitzenrestaurants.

Und natürlich arbeitet, wie sollte es anders sein, Christines Mann im Geschäft mit. Er macht „alles, was Männer machen können“, wie Christine Breyer es ausdrückt – sie meint Kistenschleppen beim Einkauf und das Ausliefern der Ware.

Für ihr legendäres Walnuss-Pesto hat die bescheidene Köchin sogar in Brüssel eine Auszeichnung abgeräumt, ihr Hofladen auf dem Gut Hartungshof führt ein Sortiment an Delikatess-Aufstrichen, Pasten, Likören, Chutneys, Ketschup und Ölen. Die Saaten zu den Ölen stammen aus dem Biosphärenreservat Bliesgau und werden auf der der gutseigenen Ölmühle kalt gepresst.

Christine serviert uns Häppchen mit ihren eigenen Brotaufstrichen, darunter Crème Caramel mit Meersalz. Danach gibt es Mirabellenlikör, Mirabellen-Kuchen und eine Mirabellen-Quiche – die Pflaumenart ist hier das Nationalobst: Im benachbarten Lothringen und im Saarland werden über 70 Prozent der Weltproduktion geerntet, auch aus vielen alten Sorten.

 

Likörgläser mit Mirabelle, nah

Da dürfen es auch zwei Gläschen sein: Das Nationalobst Mirabelle ergibt einen grandiosen Likör.

Die alten Sorten und das Verarbeiten von Streuobst liegen Christine besonders am Herzen, sie folgt den Prinzipien von Slow Food, dem Verein zur Rettung der Esskultur vor dem industriellen Einheitsgeschmack. Dessen Grundsätze lauten „gut, sauber, fair“, was sich auf die Qualität der Produkte und Zutaten sowie Umweltschutz und Arbeitsbedingungen bezieht. Die strengen Anforderungen erfüllt nicht jeder, Christine aber darf Jedes Jahr an der Slow-Food-Messe in Stuttgart teilnehmen, dem „Markt des guten Geschmacks“. Dort präsentieren streng ausgewählte Hersteller Lebensmittel und Delikatessen, die aus echter handwerklicher Produktion stammen und ohne Geschmacksverstärker oder Zusatzstoffe auskommen.

 

Essen aus 1001 Nacht: die Gewürzmanufaktur Rimoco

Dem Slow-Food-Gedanken folgen auch die Gründer eines klassischen Start-Ups, Ben und Richard von der Gewürzmanufaktur Rimoco in Saarbrücken.

Nach dem BWL-Studium und vielen Reisen in Asien und im Orient hatten die beiden noch während des Examens die Idee, in den Gewürzhandel einzusteigen. Die Eltern lieferten das Startkapital, den passenden Laden fanden die Jungunternehmer in einer alten Schreinerei von 1950: sechs Meter hohen Decken, alte Bleisprossen-Fenster, massive Werkbänke, Plankenböden mit passendem Gründercharme. Das Klo ist auf dem Hof, gekocht wird an einer großen Werkbank und mitten im Laden steht eine lange Tafel quer im Raum, an der 20 Leute sitzen können.

Die Gewürze sind in Bio-Qualität und werden von Hand in einer alten Gewürzmühle gemahlen, frisch gemischt und verpackt. Das gesamte Konzept basiert wie bei MalisDélices auf den Prinzipien von Slow Food: gut, sauber, fair. Beide Gründer sind Idealisten, haben ihr Geld bei der Ethik-Bank und reisen selbst nach Indien, in den Iran oder nach Afrika, um dort Produzenten zu suchen, sich die Plantagen und die Ernte anzusehen, die Arbeitsbedingungen kennenzulernen und Proben zu verkosten.

 

Herd, Pfanne, Frau (Quarkundso) fährt mit Spatel in Pfanne herum

Nüsse rösten für das Dukkah

Hand schüttet aus Schale Gewürz in Pfanne mit Nussmischung und Chilipulver, rot

Von Hand gemischt: Dukkah aus Nüssen, Chili, Meersalz, Koriander und Kreuzkümmel

 

Wir dürfen dann selbst mischen: geröstete Cashew-Nüsse, Koriander und Kreuzkümmel samt Meersalz und Cayenne-Pfeffer werden zu Dukkah, einer nordafrikanischen Gewürzmischung, die wir, frisch in die Dose gefüllt, als Geschenk bekommen.

Dann gibt es Essen aus 1001 Nacht: Creme von Roter Bete mit Minze, Salat aus Feigen, Zitronenhühnchen mit Koriander, Butterkürbis, Auberginen und zum Abschluss das legendäre arabische Engelshaar-Dessert mit einer cremigen Mascarpone-Füllung.

 

Teller mit Feigenvierteln, Salat, nah

Gruß aus dem Orient: Feigensalat mit Nüssen

 

Es ist alles toll, aber am besten ist das Engelshaar, das oft viel zu süß und klebrig gerät, von Quarkundso.de regelmäßig bemängelt. Doch diesmal mildert eine üppige Cremefüllung die penetrante Süße ab und die Teigfäden sind nicht komplett verkleistert, sondern noch rösch und locker. Und das, obwohl wieder eine Amateurin am Werk war: gekocht hat die gelernte Grafikerin Jessica Palm, eine Quereinsteigerin wie so viele, die wir hier kennenlernen. Sie kocht und catert für Gruppen von bis zu 100 Personen, nebenher führt sie noch eine Filmproduktion.

 

Dessert aus Fadennudeln, Sirup, Mascarpone mit Dekoration Pfefferminzblatt, nah

Das Engelshaar in ungewohnter Leichtigkeit – nicht verkleistert und verklebt

 

Die Juchems: Bauern und Müller seit Generationen

Den saarländischen Familienbetrieb in Reinkultur gibt es aber auch in etwas größer, bei der Familie Juchem von der Bliesmühle. Andrea Juchem, Geschäftsführerin, war die Initiatorin der gesamten Reise und führte die Blogger durch die Tour. Ihre denkmalgeschützte historische Mühle ist ein Haus wie aus dem Märchenbuch: einsam am rauschenden Bach, sechs Etagen hoch, Giebel, Balken, alte Speicher und Turbinen von 1910 (Techniker: „Die laufen wie ‘ne Eins, die tauschen wir nicht aus“).

 

Bach, im Vordergrund Zweige, Blick auf hohes Mühlenhaus

Romantisch: die Bliesmühle an der Blies. Foto: Frank Polotzek, Tourismuszentrale Saarland GmbH.

In Schutzkleidung besichtigten wir das Labor, in dem die Mehllieferungen untersucht werden und bewundern den Stolz des Hauses, die modernen Sieb- und Reinigungsmaschinen. Hier lesen moderne Lichtfilter jedes einzelne schadhafte Korn heraus.

 

Mann in Schutzkleidung mit Haube fotografiert Maschine (Mahlmaschine, Siebmaschine) in Mühle, innen

Backblogger Tobias Müller in Hygienevermummung: Es muss ja sauber zugehen.

 

Die Mühle verarbeitet Weizen, Roggen und Hafer aus der Region, also aus dem Saarland, Lothringen und angrenzenden Gebieten. Getreide aus Übersee kommt nicht in die Tüte, darauf ist Andrea Juchem stolz: „Wir sichern in der Region Arbeitsplätze und wissen so auch, dass unser Getreide frei von Gentechnik ist“.

 

 

Zwei Schalen mit Körnern rechts und Spelzen, links

In der Mühle: Korn und Spelzen

Feuer, Schwenkgrill mit Würsten und Schnitzeln

Schwenkbraten muss ein, im Saarland: Mittagessen an der Bliesmühle

Aber Andrea Juchem ist nicht nur Geschäftsführerin, sie ist auch Bloggerin bei „Die Backschwestern“ und betreibt einen Laden mit Zubehör für Konditoren und Hobbybäcker.
Hier gibt es von Einhornfiguren bis zu Plätzchenformen, von Zuckerguss in verschiedenen Farben bis zu Schokobohnen alles, was in und auf Kochen oder Torten kommt, natürlich auch online. Die hauseigenen Back- und Mehlmischungen, zum Beispiel für Römerbrot mit Gerste und Emmer, für Porridges oder Muffins mit verschiedenen Geschmacksrichtungen, enthalten nur das eigene Mehl.

Im Privathaus der Familie Juchem ging es danach ins alte Kellergewölbe aus dem 18. Jahrhundert. Und ans Brotbacken, wo sich die Chefin von Quarkundso.de durch das geschickte Formen eines Laibes hervortat.

Gut, die Brote der anderen waren genauso gelungen. Und den schon vor Tagen angesetzten Roggensauerteig hatte der Bäckermeister der Juchems mitgebracht, Herrgott nochmal, ja! Aber immerhin. Das Einschießen in den alten Holzbackofen, der in die Mauer eingelassen war, war jedenfalls ein echtes Erlebnis. Und das – eigene – Brot kam natürlich mit nach Hause, blieb eine Woche frisch (lange Teigführung!), schmeckte immer besser und wurde bis auf den letzten Krümel verputzt.

 

Tisch, Frau (Quarkundso.de) knetet Teig, Mauer, Ofen

Fast professionell am Werk: Die Chefin von Quarkundso.de. Brotteig muss man übrigens falten, nicht reißen oder kneten. Der Tipp kam vom Bäckermeister.

 

Vier braun gebackene runde Brotlaibe, nah

Echtes Holzofenbrot, ein Traum. Und selbstgemacht, jedenfalls ein bisschen.

Zum Kochworkshop in einem historischen Wirtshaus kam sogar der Saarländische Rundfunk. Wir verweisen der Einfachheit halber auf den Bericht samt Königs-O-Ton von Quarkundso.de:

 

 

Im Schloss: Kaffeetafel für Freaks

Die nächste Station war nichts weniger als märchenhaft: eine Übernachtung im Schloss Saareck auf Einladung von Villeroy&Boch. Das von Wein überwucherte kleine Schloss hat den Charme alter Edgar-Wallace-Filme, alle Zimmer sind individuell eingerichtet, natürlich mit den weltberühmten Fliesen und edlen Bädern des Hauses. Wir wollen alles sehen, denn kein Bad gleich dem anderen, und so trampelt die Bloggertruppe begeistert durch die zwei von uns belegten Etagen, um das Zimmer jedes einzelnen Kollegen zu bewundern.

 

Schloss, von Wein und Efeu bewachsen

Schloss Saareck in Mettlach

Blick von Galerie nach unten, Elchgeweihe, rote Samtsofas, großer Kamin

Die Halle mit Kamin und Sitzgruppe

Edles altes Zimmer, Kronleuchter, Sessel, Bett mit geblümter Decke

Prinzessinnenzimmer für Quarkundso.de.: endlich standesgemäß

Badezimmer: freistehende Badewanne, blaue Fliesen, alte Holzbalken, Spiegel

Bad in meinem Zimmer – übrigens das Hochzeitsbad, mit freistehender Wanne für zwei.

Im Salon erwartete uns eine Präsentation der neuen Kaffee-Serie von Villeroy&Boch, „Coffee Passion“, eine Sache für echte Freaks: Man brüht nämlich wieder von Hand. Statt fauchender Maschinen gibt es für jede Tasse einen Filter mit spiralig geformten Rillen. Die Tassen selbst sind in schlichtem Stil, einfach weiß, haben aber doppelte Wände, um die Wärme zu halten.

Das Aufgießen mit dem Quellen der Pulvers, erklärt uns Bier- und Kaffeesommelier Martin Rolshausen, holt das Aroma optimal heraus, wozu die Spiralrillen in den Filtern beitragen. Das jkubgt geheimnisvoll, und neugierig brühen wir alle unseren Kaffee auf. Dass diese schöne alte Ritual beruhigt und entschleunigt, ist ein erwünschter Nebeneffekt, wie wir erfahren, und der Kaffee ist tatsächlich grandios.

Tisch mit weißem Geschirr, Mann

Kaffee- und Biersommelier Martin Rolshausen präsentiert die „Coffee Passion“ im Salon von Schloss Saareck.

 

Kuchenbuffett mit Torten, Käsekuchchen, Mirabellenkuchen, Schaumküssen, Sahne

Wo Kaffee ist, ist auch Kuchen: Für diese Köstlichkeiten fuhr Simone Struve von Villeroy&Boch einfach kurz über die Grenze. Denn nur in Frankreich gibt es die Tarte aux Myrtilles mit echten, kleinen, blauen Heidelbeeren.

 

Einmal im Leben: in der Porzellanfabrik

Am letzten Tag geht das dann in die Porzellanfabrik – ein Highlight für Quarkundso.de. Wer weiß schon genau, wie all dieses herrliche Geschirr entsteht? Heute ist natürlich ein Großteil der Produktion automatisiert, samt Maschinen, die die Teller schneiden, und Robotern, die Glasuren auftragen. Aber der Anteil an Handarbeit bei Villeroy&Boch ist immer noch sehr hoch, die Porzellanmalerinnen malen auch Seriengeschirre von Hand.

Maschine, rohe, unglasierte Teller stehen auf Scheiben, Schlauch, Polierkopg

Teller polieren und in Form schneiden machen heute Maschinen

Viele weiße Teller in Sechserpackes

Teller der Serie Royal, ein Dauerbrenner des Hauses, hier fertig zur Auslieferung.

Kiste, Streifen, kaputte Teller

Restekiste: Was nicht perfekt ist, wird gleich geschreddert.

Pinsel in Becher, nah im Vordergrund, Frau malt Becher aus.

Porzellanmalerinnen arbeiten an Seriengeschirr, es muss alles gleich aussehen – ein Wunder an Perfektion.

 

Die Geschichte des Hauses ist ein echtes Stück Kulturhistorie, von der französischen Revolution bis heute über wichtige Stationen der Tisch- und Hygienekultur.

Die Geschäftsleitung – in der 8. Generation – hat daher schon vor Jahren viel Geld in die Hand genommen und ihre Firmengeschichte in einem Film vom großen Peter Ustinov erzählen lassen. Den Film kann man im Museum des Hauses anschauen, wo wir zum Abschluss die Abteilung Tafelkultur besichtigen.

Dort sind die legendären Mosaiken und Fliesen, die Mettlacher Platten zu sehen, die im 19. Jahrhundert Technikgeschichte geschrieben haben und vom Kölner Dom über Berlin und Petersburg bis nach Tsingtau in China verlegt wurden. Nach der Entdeckung der verschütteten Römerstadt Pompeji wurde Villeroy&Boch übrigens auch hinzugezogen, um die antiken Mosaike zu restaurieren.

Und natürlich gibt es Geschirr zu sehen – Quarkundso.de liebt schönes Geschirr! Besonders die klassischen Dekore, etwa das Rokoko-Motiv von Alt Luxemburg, seit fast 250 Jahren unverändert, oder, aus rein sentimentalen Gründen (unsere Jugend!) dieses Wildrosen-Service, das gefühlt in jedem zweiten bürgerlichen Haushalt der 1970er Jahren auf dem Frühstückstisch stand.

Wir fühlen uns daher gleich zuhause – und es kann kaum Zufall sein, dass die Chefin von Quarkundso.de ihren Tee jeden Morgen aus einer Kanne der alten Burgenland-Serie trinkt, die aus den 1930er Jahren stammt.

Villeroy&Boch vollendet hier auch das heimliche Motto der Reise, das Thema „Familienunternehmen“, jetzt natürlich in Übergröße, als eine der berühmtesten Unternehmerfamilien Europas.

Genauer gesagt ist es natürlich ein Zwei-Familienunternehmen, entstanden durch zwei Keramik-Unternehmer des 18. Jahrhunderts, die 1836 fusionierten. Zum Glück verliebte sich dann der Sohn des Herrn Boch, Eugen, in die Tochter des Monsieur Villeroy, Eugenie. Und so steht eine Liebesheirat am Beginn des Aufstiegs zur Weltmarke – was für eine herrliche (Familien-)Geschichte.

©Johanna Bayer

 

Die Backschwestern, der Blog von Andrea Juchem

Online-Shop von Rimoco

3Sat: Doku über Villeroy&Boch

MaLis Délices von Christine Breyer

Die Fruchteria von Andrea Dumont

Tourismus Zentrale Saarland GmbH mit Infos zu Urlaub und Kurzreisen

Dürfen Köche Geld verdienen? WDR und SWR porträtieren Alfons Schuhbeck

In einer Doku von WDR und SWR geht es um TV-Star Alfons Schuhbeck und angebliche Nebengeschäfte von Köchen. Als investigative Aufklärung über unsaubere Machenschaften angekündigt, ist das Ganze aber nur eine Luftnummer. Heraus kommt normales Tagesgeschäft – und ein subtiles Werk der Imagepflege: Der Schuhbeck ist ja nicht dumm.

(Beitrag vom 29. September 2016)

Löffel mit Paprika, Curry, Gewürzen, Salzkörner, Nahaufnahme

Reich mit Gewürzen – darf das ein Koch? Bild: Shutterstock / Eugenia Lucasenco

Das klang spannend: Eine Sendung darüber, womit Promi-Köche, die im Fernsehen auftreten, „wirklich“ ihr Geld verdienen, Titel: „Kochende Geschäfte“.

Die Dokumentation ist von WDR und SWR und lief 2015 beim WDR in der investigativen Reihe „die story“, der SWR wiederholte den Beitrag im September 2016. Da geriet er auf den Radar von Quarkundso.de, zumal knallharter Journalismus in Aussicht gestellt wurde:

„die story fragt nach den Nebengeschäften der Fernsehköche. Sie zeigt die Küchenglitzerwelt und das, was daraus entsteht.“a

Nebengeschäfte! Unfassbar. Was könnte das sein, bei einem Koch?

Sklaven- und Mädchenhandel, um billig an Küchenpersonal zu kommen, Drogenschmuggel in der Kühlkammer, illegale Chemikalien in Lebensmitteln, vielleicht Scheinfirmen: ein Briefkasten auf den Bahamas, hinter dem sich ein Pferdefleisch-Großhändler auf dem Balkan verbirgt, der unter dem Namen des TV-Kochs auffallend günstige Delikatess-Lasagne unters Volk bringt.

Oder so.

Aber das war es alles nicht.

 

Gewürze, Restaurants, Partyservice

Stattdessen listete der Film das Portfolio von Gastro-Unternehmern auf, vor allem das des Alfons Schuhbeck: neben dem Führen von Restaurants unterschiedlicher Niveaus und eines Partyservice sind das diverse Medienauftritte, der Handel mit Gewürzen und allerlei Viktualien, die Entwicklung von Fertiggerichten unter dem eigenen Namen, das Bekochen eines Fußballvereins, Werbeverträge für Lebensmittel, das Verfassen von Kochbüchern und das Abhalten von Kochkursen für Hobbyköche.

Alles ganz normale und legale Aktivitäten, zu deren Erfolg man den Unternehmer eigentlich beglückwünschen möchte. Aber wenn so ein Koch den öffentlich-rechtlichen Investigativformaten vor die Flinte gerät, ist was anderes gefragt.

Autorin und Regisseurin Katharina Schickling begab sich also im Auftrag von WDR und SWR auf die heikle Mission, die dunklen Machenschaften der Küchenkünstler aufzudecken. Normalerweise macht Frau Schickling eher Kultur-Dokus für den BR, meist mit schönen schwarz-weiß-Bildern aus dem Archiv.

Logo Goldener Blogger

Die Goldenen Blogger: Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015

Den Alfons Schuhbeck, ihren Protagonisten, hat sie 24 Stunden durch seinen Tagesablauf begleitet, beginnend um Mitternacht. Da stemmt der Kraftmensch Hanteln im Fitness-Studio, denn erst nächtens hat er dafür Zeit.

Wir werden auf diesen bemerkenswerten roten Faden – 24 Stunden im Leben eines Promi-Kochs, in seinen eigenen Häusern, an Originalschauplätzen – noch zurückkommen.

Aber erstmal weiter in der Story: Im anschließenden O-Ton erklärt Schuhbeck, schön ausgeleuchtet vor einem Weinregal seines Ladens sitzend, dass er sich im Moment pudelwohl mit seinem Erfolg fühlt und mit seinen Auftritten den Nerv der Zeit trifft.

In der Tat, das tut er. Mit bayerischem Charme, raffinierter Heimatküche und seiner Gewürzmasche hat er sich eine eigene Marke erschaffen, wobei er ja schon vorher erfolgreich war: In Waging hielt der Alfons, den seine Fans liebevoll „Fonse“ nennen, 20 Jahre einen Michelin-Stern, in München hat er sich am Platzl auch sofort einen erkocht, wenn er auch inzwischen nicht mehr selbst am Herd steht.

Eines ist klar: Der Mann kann wirklich was.

 

„Ein super Geschäftsmodell“

Jetzt, nach vielen Jahrzehnten im Geschäft, nach Pleiten, Gerichtsverfahren, Anfeindungen, unklaren Geldsachen und dem üblichen Auf und Ab des Metiers, läuft es beim Fonse: sein Image ist aufpoliert, auch dank einer Medienstrategie, die gut ausgeklügelt ist von einem Team von Beratern, neuerdings auch auf Facebook.

Einzigartig ist seine Stellung im BR. Dort hat man ihn seit 30 Jahren erst als bayerisches Urgestein am Herd, dann systematisch als „Gesundheitskoch“ aufgebaut und der Fonse hat begriffen, wie der Hase läuft. Zum Glück für ihn und seinen Haussender BR ist er clever, charmant, schlagfertig und wirkt authentisch bayerisch. Heute erntet er die Früchte und findet speziell ob seines persönlichen Medientalents: „Des is scho super!“

Süffisanter Kommentar der Autorin direkt dazu:

„Und ein super Geschäftsmodell! Diese Geschäfte möchte ich genauer betrachten. Womit verdienen unsere Koch-Gurus tatsächlich ihr Geld? Wo sind die Grenzen der Vermarktung?“

Über den süffisanten Ton und die unverhohlene Insinuation, dass etwas faul ist an der Sache, stolpert man: Der Sternekoch Alfons Schuhbeck, dem es gelungen ist, sich als echte Marke zu erschaffen und erfolgreich zu etablieren, soll aus seinem Talent und seiner Medienwirksamkeit kein Geschäftsmodell machen?

Ja – was denn sonst?

Ich meine – woraus soll man denn sonst ein Geschäftsmodell machen?

Das habe ich am Anfang des Films nicht verstanden, deshalb habe ich ihn bis zum Ende geguckt. Ich wollte wissen, was genau gemeint ist mit den scheinbar fragwürdigen Machenschaften, und ob da was Dunkles aufgedeckt wird.

 

Alte Hüte aus der Foodwatch-Kampagne von 2009

Im Verlauf des Films gibt sich die Autorin scheinbar die größte Mühe, glühende Kohlen auf dem Haupt der Köche und insbesondere von Alfons Schuhbeck zu sammeln – Werbung für Industrieprodukte und Fertiggerichte, Verkauf von Tee, was doch vom Kerngeschäft Kochen sehr weit weg sei.

Logo Wissenschaftsblog 2015

Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Aber die Vorwürfe sind alte Hüte, längst abgefrühstückt. Sie gehen zurück auf eine Foodwatch-Kampagne von 2009, in der die Essensretter anprangerten, dass bekannte Köche für Fertigprodukte, Tütensuppen oder Imitate wie künstliche Bratcremes werben.

Notorisch war damals der Auftritt des Sternekochs Martin Baudrexel für den Fettersatz Rama cremefine des Margarine-Multis Unilever. Die Liste der Angeklagten ist lang und führt fast alle großen Namen der deutschen TV-Kochszene: von Lafer und Lichter über Poletto bis zu Baudrexel, Herrmann und Schuhbeck – allesamt vom Guide Michelin schonmal mit einem Stern versehen.

Im Kern hat Foodwatch Recht – dass ausgerechnet Meister ihrer Kunst Werbung für billige Ersatzware machen, macht sie, was ihre kulinarische Kultur angeht, nicht besonders sympathisch.

Doch sind die alten Werbeverträge längst ausgelaufen, die Köche sensibilisiert und es wirkt einfach billig, dass WDR und SWR die komplette Kampagne von damals aufkochen, auch noch anhand der alten Vorwürfe und mit alten Werbespots.

Es ist nichts neu daran, es ist keine Eigenleistung, auch von eigenständiger Recherche kann keine Rede sein. Alles, was im Film vorkommt, kann man bei Foodwatch online nachlesen – das Drehbuch war schnell geschrieben.

 

Pseudo-Journalismus: Banales skandalisieren

Um den investigaten Schein zu wahren, muss aber die als Reporterin auftretende Autorin überall neuen Betrug wittern. Das führt zu teils grotesker Krittelei: So moniert sie bei den Gewürzen, dass Schuhbeck die Rohware für seine eigenen Mischungen vom größten europäischen Gewürzhändler Fuchs bezieht.

Skandal! Wo Schuhbeck draufsteht, ist nur Fuchs drin, der beim Netto-Markt auf dem Regalbrett über der Tiefkühltruhe steht? Da tütet einer einfach was um und verlangt dann das Doppelte?

Nun ja. Der Effekt verpufft.

Wenn Schuhbeck Gewürze für eigene Mischungen einkauft, etwa Paprikapulver, Zimt, Chilischote oder getrocknete Zitronenschalen für sein Gulaschgewürz– warum denn nicht beim Marktführer?

Seien wir froh, dass er keine schlechtere Adresse genommen hat. Ihm den Lieferanten Fuchs zum Vorwurf zu machen, ist absurd. Da müsste man auch Karl Lagerfeld anklagen, weil er die Stoffe nicht selbst webt, aus denen er seine Kleider schneidert, sondern sie von Textilhändlern kauft.

Mit einer schlichten Zimt-Zucker-Mischung marschiert die Autorin – vorhersehbar – zur Verbraucherzentrale: Ob es für so eine einfache Sache nicht unstatthaft sei, Geld zu verlangen, wo doch jeder Zimt und Zucker zuhause mischen können?

Beflissen rechnet die Verbraucherschützerin vor, wie billig die Zutaten und wie teuer das Gläschen mit Schuhbecks Konterfei ist.

Ja, toll. Das hätte es auch nicht gebraucht, dafür einen Drehtag für Tausende von Euros zu verschwenden.

Denn bei Zimt-Zucker-Streu liegt doch alles auf der Hand. Muss man da die Bedenkenträgerin von der Verbraucherzentrale bemühen und den Vorwurf in den Raum stellen, Menschen würden betrogen?

Es gibt hier keinen Schwindel. Leute kaufen das Zeug, der Schuhbeck verdient daran, fertig.

Wer zu unsicher, zu faul oder zu doof ist, um selbst Zimt und Zucker zu mischen, der zahlt beim Schuhbeck halt das Zehnfache. Dasselbe gilt für Gulaschgewürz, Grillgewürz, Steakgewürz, Fischgewürz, Butterbrotsalz und was all der Mischungen mehr sind: Wer sich nicht traut, zuhause selbst zu würzen, der zahlt. Meistens sogar gerne.

 

Alles läuft seltsam ins Leere

Alle Anklagepunkte, die scheinbar gesammelt werden, verfangen auf diese oder auf andere Weise nicht. Ein Grund dafür ist auch, dass der Meister persönlich zu jedem Punkt dezidiert Stellung nimmt, und das macht er sehr gut.

Sogar auffallend gut – das wird uns noch beschäftigen.

Jedenfalls kontert er die Frage, warum in einigen seiner Gewürze oder Tees (nicht in allen) Aromastoffe sind, klar und korrekt damit, dass diese Mischungen sonst nicht stabil im Geschmack bleiben und dass es natürliche Aromen sind, weithin gebräuchlich.

Anders geht es nicht, wenn man so ein Produkt will, Punkt. Wer künstlichen Geschmack mag – und das sind erschreckend viele – kauft ihn, und fährt beim Schuhbeck wahrscheinlich besser als anderswo.

Den Vorwurf, dass er sich für Fertiggerichte hergibt, die seinem Niveau als Sternekoch nicht entsprechen, beantwortet er lässig mit einer politisch durchaus raffinierten Botschaft: Er könne doch nicht von allen Leuten verlangen, dass sie sein Sternerestaurant besuchen. Nicht jeder habe das Geld. Also mache er auch was für Leute, die sich ein Essen beim Schuhbeck eben nicht leisten können.

 

„Hummer und Gänseleber kann jeder Depp“

Dass die Gerichte einer Testerrunde aus Kollegen nicht schmeckten, begründet er sehr clever: Man habe es bei preiswerten Gerichten viel schwerer als in der Sterneküche. Denn bei den billigen Fertigprodukten muss man sich um den Geschmack echt bemühen – in der Sterneküche leisten das die exquisiten Zutaten, so der Meisterkoch: „Einen Hummer abzubraten, eine Gänseleber – das kann jeder Depp.“

Dass er Hühnerbrühe als Pulver verkauft, erklärt der Fonse schlicht damit, dass es sein Job sei, der Hausfrau zu helfen, die nicht jedes Mal ein Huhn auskochen könne.

Tja. Dagegen kann man wirklich nichts sagen, zumal es schon seit Jahrhunderten das Prinzip Brühwürfel und Instantbrühe gibt.

Eher kann man fragen: Muss derlei als vorgeblich kritische Frage in einer teuren Dokumentation des öffentlich-rechtlichen Fernsehens aufgeworfen werden? Dass es so etwas wie Suppenwürfel gibt und nicht jeder Fonds und Brühen selbst kocht? Wie kann eine so weltfremde Krittelei als investigativer Journalismus verkauft werden?

Gerade wegen der aufgesetzen Fragen kommt der Schuhbeck aber umso besser weg. Denn er kann die doofen Vorwürfe handfest kontern und geht als bodenständiger, vernünftiger Geschäftsmann und netter Kerl aus der Sache raus.

Nebenbei erklärt er sehr überzeugend seine Medienstrategie – dass er sich bereitwillig von jedem fotografieren lässt. dass er Autogramme gibt, sich selbst und seinen Stress zurücknimmt, alles tut für Kunden und Fans und immer Antwort gibt.

Am Ende glaubt man ihm.

Alfons Schuhbeck am Tisch, drei Personen, Gesichter unkenntlich

Knallharte Recherche von Quarkundso.de: dem Schuhbeck in München aufgelauert, Foto geschossen. Na gut, vorher natürlich gefragt. Er hat ja gesagt und nett gelächelt.

 

Massenprodukte sind nicht für Profis gemacht

Die Tests, zu denen andere Profis bemüht werden – lokale Gastronomen aus der Münchner Szene – ergeben auch nicht allzu viel. Bei einigen sind die jüngeren Kollegen sehr höflich und fahren dem großen alten Herrn Schuhbeck nicht zu offensichtlich an den Karren.

Beim Verkosten der Fertiggerichte verfehlt das Design des Tests knapp den Punkt. Wenn die Autorin drei Köche und Geschmacksspezialisten Schuhbecks Gerichte gegen Aldi-Ware verkosten lässt, muss klar sein: Alle diese Produkte sind genau nicht für die feinen Zungen der Profis gemacht.

Deren Geschmack ist hier gar nicht gefragt, sondern der Geschmack des Publikums, das das Zeug kauft. Die Hersteller münzen auf die Masse, nicht auf die wenigen Ausnahmeschmecker aus dem Profi-Bereich.

Wenn also andere Promi-Köche und Geschmacksspezialisten ein Fertiggericht beurteilen, heißt das erstmal nur: falsche Zielgruppe. Der Hersteller hatte eine bestimmtes Segment im Auge und wollte dessen Geschmacksvorstellung treffen. Wie dort die Konsumentenbefragungen ausfallen, danach schmeckt das Produkt.

Dabei geht, was einem Feinschmecker nicht auf den Tisch kommt, im Handel millionenfach über den Ladentisch.

Leider, das darf man schon sagen. Aber so ist es halt.

 

Wo beim Schuhbeck der Hase im Pfeffer liegt

Sogar die Geschichte, dass Schuhbeck für die Bezeichnung „Gewürz-Apotheke“ abgemahnt worden ist, kann der Delinquent kommentieren und für sich verwandeln: Er erklärt, dass er sich selbstverständlich den Gesetzen beugt, dass die anderen aber vor allem neidisch sind und die „Kraft seiner Gewürze“ (neuer Markenname) ungebrochen ist. Aus die Maus.

Ausgerechnet dieser Part ist überraschend knapp gehalten. Er endet damit, dass Schuhbeck das Etikett wechselt und so dem Gesetz Genüge tut.. Dabei hätte man hier dem Fonse die Suppe auch ein wenig versalzen können – wenn man das gewollt hätte.

Über Gesundheit und die Wirkung von Gewürzen und Kräutern lässt er sich nämlich inzwischen aus wie weiland der legendäre Schein-Professor Hademar Bankhofer, der in der ARD jahrelang als Experte Gesundheitstipps geben durfte, bis er wegen Schleichwerbung und Scharlatanerie geschasst wurde.

In dessen Fußstapfen tritt jetzt der Schuhbeck mit seinen Zauber-Gewürzen, die er geradezu für Medikamente mit pharmakologischer Wirkung hält – die cholesterinsenkende Wirkung von Knoblauch und Ingwer kann für das Herz-Kreislaufsystem „von entscheidender Bedeutung sein“, Schwarzkümmel wirkt bei Kopfweh besser als Aspirin, „Chili treibt die Fettzelle in den Zelltod“ und wer für den Restkörper „Zellfitness“ will, sollte von Schuhbeck zusammengestellte Gewürzkapseln schlucken, klar.

Hier legt die Autorin den Finger erstaunlicherweise nicht richtig in die Wunde, was sie leicht hätte tun können, wenn sie einige von Schuhbecks Facebook-Videos, seine Broschüren oder seine Auslassungen in Kochshows analysiert hätte. Aber sie verzichtet großmütig – auch darauf werden wir noch zurückkommen.

Allerdings ist auch klar: Es gibt in diesem Geschäft weiß Gott Schlimmeres, etwa homöopathische Zubereitungen aus Kakerlaken und Krötengift, oder Finsteres aus der Mittelalterapotheke wie Nosoden. Das sind Pillen aus dem eigenen Nasenschleim oder dem eigenen Kot, nur mal als Beispiel.

Sowas kaufen Leute wirklich in der Apotheke – dann doch lieber die Gewürzkapseln des Herrn Schuhbeck.

 

Ein subtiles Werk der Imagepflege

Nun kann man sich kaum vorstellen, dass das Schweigen an dieser Stelle Zufall ist.

Ein Alfons Schuhbeck würde nie im Leben zulassen, dass er öffentlich demontiert wird. Dass ihn ein Filmteam tagelang blockiert und in seinen Läden die schönsten Bilder dreht, um ihn nachher in die Pfanne zu hausen.

Ebenso wenig würde es der BR zulassen, dass sein Haus- und Gesundheitskoch von einer hauseigenen Autorin (!) für einen anderen Sender in die Pfanne gehauen wird, und dass dazu im BR-Radiostudio gedreht wird.

Deshalb ist dieser als aufklärerisch angekündigte Film über „Nebengeschäfte“ kein investigativer Journalismus. Er ist gutes Dokutainment, das Drehbuch abgekupfert bei Foodwatch. Man darf sogar davon ausgehen, dass die Organisation Tipps, Testdesigns, Material und jede Menge Informationen beigesteuert hat.

Und jetzt, Achtung, spekuliert Quarkundso.de mal frech: Die Aussagen und Fragen, das Drehbuch, die O-Töne der anderen Köche wurden alle dem Schuhbeck vorgelegt und mit ihm abgesprochen. Der konnte sich dann in aller Ruhe die Antworten von seinem Medienteam konzipieren lassen und sie einüben.

Anders sind diese wohlgesetzten O-Töne in Schuhbeck-Szenerie überhaupt nicht zu erklären.

Derlei ist im Doku-Business auch der Lauf der Dinge – eine aufwendig gedrehte Geschichte ist monatelange Arbeit, man braucht das Einverständnis des Hauptprotagonisten, wenn man ihn den ganzen Tag lang begleiten will, und man braucht viele, viele Drehgenehmigungen.

Das funktioniert nur, wenn alles nach Absprache geht, schöne Bilder gibt es nicht umsonst. Es sei denn, man arbeitet mit schmutzigen Wackelbildern wie die politischen Magazine, und blendet gedruckte Statements ein, weil eine Person oder ein Unternehmen nicht als Zielscheibe vor die Kamera will. Das kommt für die Macher von Hochglanzformaten aber nicht in Frage.

Und so ist der Beitrag auf jeden Fall ein gefälliges, interessantes Porträt von Alfons Schuhbeck. Der geniale Zug ist dabei, dass Schuhbeck der einzige TV-Koch ist, der zur Sache und den ganzen persönlichen Vorwürfen offen Rede und Antwort steht. Poletto, Lichter und Baudrexel haben es nämlich abgelehnt, sich zu der alten Nummer überhaupt noch zu äußern.

Verständlich, aber schwupps – wieder ein Punkt für Großmeister Schuhbeck.

 

Promis und Werbeverträge: Wer ko, der ko*

Dass der Beitrag jedoch so aufdringlich auf investigativ gepimpt wurde, dass Skandale suggeriert werden, wo keine sind und der Zuschauer auf die falsche Fährte gelockt wird, ist ärgerliches Clickbaiting und ausgefeiltes Storytelling.

Und natürlich ist die Kampfvokabel „Nebengeschäfte“, was unternehmerische Aktivitäten eines Kochs mit Lebensmitteln angeht, tendenziös und verfehlt.

Andere Promis verdienen auch einen Haufen Geld mit Dingen, die ihrem eigentlichen Metier wirklich fernliegen: Boris Becker warb für Baumärkte, für AOL („Bin ich schon drin?“), für Mercedes und für Bier. Fußballer Bastian Schweinsteiger für Computerspiele und Kartoffelchips, sein Kollege Thomas Müller für Grillgeräte.

Hier könnte man viel eher von branchenfremden Nebengeschäften sprechen und nörgeln: „Sie haben doch gar keine Ahnung von Lebensmitteln und Computern, warum machen Sie Werbung dafür? Sie bekommen doch weiß Gott Millionen für Ihr tumbes Gekicke, kriegen Sie den Hals nicht voll oder warum verkaufen Sie Ihr Gesicht?“

Auch dazu hat Foodwatch übrigens schon eine Kampagne gefahren. Aber millionenschwere Sportidole vor der Kamera zu demontieren und dazu tagelang mit ihnen zu drehen, ist ein Ding der Unmöglichkeit.

Da ist es schon leichter, den hauseigenen Koch von der hauseigenen Autorin porträtieren zu lassen, eine schöne Doku über Promi-Köche zu stricken und dem Schuhbeck zu versprechen, dass er nicht schlecht wegkommt dabei.

Hat geklappt.

©Johanna Bayer

*Wer ko, der ko: Bayerische Redensart, die nichts anderes besagt als: Mia san mia. Noch nicht verständlich? Dann im Klartext: Wir machen, was uns passt und alle anderen können uns mal den Buckel runterrutschen.

Dank an Peter Posse von Reisewege-Ungarn.de, der Quarkundso.de auf die Doku zu Promi-Köchen und Schuhbeck aufmerksam gemacht hat. Er hat sich in erster Linie wohl für den Paprika-Lieferanten Fuchs interessiert…  😉

DISCLAIMER Quarkundso.de vertritt weder Fertiggerichte noch künstlich aromatisierte Würzmischungen oder korrupte Köche. Im Gegenteil: Quarkundso.de lehnt das alles ab. Im Prinzip. Gute Convenience-Produkte, sogar bestimmte Fertiggerichte, oder besondere Zutaten sind deshalb aber nicht immer des Teufels. Kommt wirklich drauf an, was drinsteckt und wozu man es braucht.

Außerdem musste im Zuge der Recherchen der faszinierende Gewürzladen von Alfons Schuhbeck betreten werden. Dabei ließ sich der Ankauf zweier stinkteurer Gourmet-Salze nicht vermeiden. Undercover und zum vollen Preis, versteht sich. Es handelt sich um australisches Murray-River-Salz und Dänisches Rauchsalz. Sie schmecken toll und außer dem Schuhbeck hat in ganz München keiner so ein Sortiment.

 

WDR-SWR-Doku über Köche und ihre Geschäfte

Die alte Foodwatch-Kampagne zu Promi-Köchen und Fertigfraß von 2009 ist inzwischen offline (Stand Juni 2019); hier ein Bericht aus dem Magazin SPIEGEL darüber, samt den Vorwürfen gegenüber Schuhbeck

DER SPIEGEL 2010 über die Foodwatch-Kampagne

Auch die Foodwatch-Kritik an der Werbung mit Sportgrößen ist von der Foodwatch-Seite 2019 nicht mehr abrufbar, hier ein Artikel aus dem SPIEGEL dazu

Foodwatch arbeitet selbst aber gerne mit den TV-Köchen zusammen, wenn es opportun ist

Wer sich für alte Geschichten interessiert: der Schuhbeck-Skandal von 1999 im SPIEGEL

 

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