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In der SZ: Werner Bartens will die Ernährungswissenschaften abschaffen – Vorsicht, der Mann ist Arzt!

 

In der Süddeutschen Zeitung wettert Medizinchef Werner Bartens gegen Studien zur Ernährung, diesen „Stuss mit Nuss“: Endlose Versuchsreihen zu einzelnen Nahrungsmitteln und isolierten Bestandteilen seien nur Pseudoforschung. Doch als Arzt muss er seine Zunft zur Ordnung rufen – denn wer hat den Quatsch eigentlich erfunden?

 

 

Schale mit Nüssen

Die Nuss als Wunderwaffe – besonders gut fürs Herz. Bild: Shutterstock/Dionisvera

Nach dem anstrengenden letzten Beitrag braucht Quarkundso.de eine Verschnaufpause.

Ehrlich, es kostet unheimlich viel Kraft, so etwas aufzusetzen wie das Pamphlet gegen den SPIEGEL.

Man muss akribisch durch den Text gehen, alles nachschlagen, investigative Anrufe und Mails absetzen und dann Unmengen von Buchstaben sortieren.

Schlimm, gerade in der Weihnachtszeit, wo man doch Milde walten lassen, Mandelplätzchen essen und gewürzte Getränke schlürfen will.

Zum Glück hat jemand anders den Job übernommen und gleich den finalen Schlag gegen Ernährungsunsinn gelandet: Werner Bartens, leitender Redakteur im Wissenschaftsressort bei der SZ. Er fordert in einem Artikel vom 9.12.2016 rundheraus: „Schafft die Ernährungswissenschaften ab!“

Wirklich, das steht da wörtlich. Gut, der Beitrag ist als Glosse gekennzeichnet, also quasi als nicht ernst zu nehmen. Nur zum Spaß.

Aber die Breitseite sitzt: Bartens wettert gegen Studien zur Ernährung, diesen „Stuss mit Nuss“, und verlangt, den Quatsch endlich zu unterbinden – jene endlosen Versuchsreihen zu einzelnen Nahrungsmitteln und isolierten Bestandteilen, die angeblich gesund sein sollen.

Alles Pseudoforschung, schimpft er, die nichts bringe, ob am Menschen, an der Maus oder an Zellen exerziert; unehrenhaft, konstruiert, von der Industrie diktiert, von korrupten Forschern designt und von Störfaktoren dermaßen beeinflusst, dass man schier zu jeder Substanz das gewünschte Ergebnis konstruieren könne.

 

Die Nuss als Wunderwaffe

Stein des Anstoßes sind für Bartens besonders die vielgepriesenen Nüsse  – die waren allerdings schon Superfood, als man in Deutschland Goji und Acai noch für Brettspiele hielt: Von Alzheimer, Asthma, Diabetes und Schlaganfall über Prostata- und Darmkrebs bis hin zu Infektionen und Depressionen sollen die Schalenfrüchte so ziemlich alles beseitigen, was den Menschen zur Strecke bringen kann.

Vor allem aber schützen sie angeblich das Herz vor Infarkt und die Blutgefäße vor Schäden.

Die neueste Studie dazu ist im renommierten British Medical Journal erschienen und stammt aus Norwegen. Es ist eine Meta-Analyse, die 20 andere Studien aus den letzten acht Jahren auswertet.

Am Ende fassen die Autoren zusammen:

Higher nut intake is associated with reduced risk of cardiovascular disease, total cancer and all-cause mortality, and mortality from respiratory disease, diabetes, and infections.

Düster konstatieren sie dann, dass wohl mindestens 4,4 Millionen von Menschen gestorben sind, weil sie nicht genügend Nüsse gegessen haben.

In 2013, an estimated 4.4 million deaths may be attributable to a nut intake below 20 grams per day in North and South America, Europe, Southeast Asia, and the Western Pacific. These findings support dietary recommendations to increase nut consumption to reduce chronic disease risk and mortality.

Herr Doktor ist nicht zimperlich

Da ist der Bartens ausgeflippt.

Übrigens nicht zum ersten Mal. Schon 2011 hat er in der SZ eine solche Tirade losgelassen, er tingelt mit dem Thema seit Jahren auch durch Talkshows und über Podien, um die anwesenden Ernährungswissenschaftler auf die Palme zu bringen.

Schadenfroh kann man an dieser Stelle ein paar Salznüsse einwerfen und feixend zuschauen – herrlich, Schlammcatchen zwischen Promi-Journalist und Forschern! Immer großes Kino.

Und Bartens ist nicht zimperlich, außerdem ist er Mediziner mit Doktortitel, daher weiß er, wovon er redet – in mehrfacher Hinsicht. Dazu kommen wir noch.

Jedenfalls musste sich Hannelore Daniel, berühmte Ernährungswissenschaftlerin mit Schwerpunkt Physiologie, öffentlich von ihm anhören, sie weise ein „gönnerhaftes Gehabe“ auf mit ihrem Forscherdünkel, und ihr „aufgeplustertes Abwehrverhalten“ (wörtlich) zeige nur, dass sie sich den Verfehlungen ihrer Zunft – den sinnlose Studien – nicht stellen wolle.

 

„Bevormundungsterror“ der Ernährungswissenschaft

Die Lebensmittelindustrie bezichtigte Bartens bei Plasbergs „Hart aber fair“ nebenbei noch der „Panscherei“ und nannte sie „teilweise eine Drecksbranche“, den Veganern Attila Hildmann und Ursula Karven servierte er bei Sandra Maischberger, dass ihre zurechtgelegte Ideologie jeder faktischen Grundlage entbehrt.

Besonders auf den „Bevormundungsterror“ durch unsinnige Ernährungsratschläge schimpft er. Wenn es nach Bartens geht, dann reicht es, einfach genussvoll zu essen und keine Angst vor ein paar Kilo Übergewicht zu haben.

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Da hat er wohl nicht ganz Unrecht – und wieder kann man sich einer gewissen Schadenfreude nicht erwehren, die ein paar wichtigtuerische Volkserzieher betrifft.

Aber derart einer ganzen akademischen Disziplin die Berechtigung abzusprechen – „Schafft die Ernährungswissenschaften ab!“ – ist schon gewagt.

Schließlich halten sich mehrere Universitäten in Deutschland einen Fachbereich mit Ernährungswissenschaften, und einige große Institute bekommen einen Haufen öffentliches Geld, damit sie, nun ja, vernünftige Studien durchführen.

Überhaupt hält man auch andernorts, geradezu in jedem Land der Welt, viel auf diese Ernährungswissenschaften.

 

Wenn die Ehre auf dem Spiel steht

Das steigert den Unterhaltungswert der Attacke natürlich erheblich: Wer wird in den Ring steigen, wer will Bartens widersprechen, wer stellt die Ehre der Geschmähten wieder her?

Quarkundso.de jedenfalls nicht. Die ganze Redaktion lehnt sich amüsiert zurück, knabbert ein paar Kokosmakronen und ist weit davon entfernt, in die Bresche zu springen, um organisierte Müsli- und Vollkornasketen zu verteidigen.

Die müssen schon selbst sehen, wie sie aus der Nummer rauskommen und ihr Image aufpolieren. Werner Bartens ist nämlich nicht alleine mit seiner Meinung – tatsächlich stehen die konventionellen Ernährungsempfehlungen vielerorts in der Kritik, weil sie eben keine wirklich wissenschaftliche Grundlage haben.

Auch ähneln die 10 Regeln der DGE inzwischen so sehr Omas Wissen – iss mäßig, aber regelmäßig, ausgewogen und vielseitig, nicht zu viel Süßes, genügend trinken – dass man sich fragt, warum diese ehrenwerte Gesellschaft dafür jedes Jahr fünfeinhalb Millionen Euro kassiert.

Gut, das ist nicht alles, was sie zu tun hat. Die DGE muss ja noch die ganze Forschung beurteilen. Und darin hat sie weiß Gott keine leichte Aufgabe, auch dazu kommen wir noch.

 

Wer forscht denn da?

Aber warum derweil nicht noch ein wenig zündeln? Das ist doch lustig.

Man könnte, ganz im Sinne von Werner Bartens, noch eine dünkelhafte Kaste und ein paar aufgeblasene Pfründenverwalter mit reinziehen, um eine ordentliche Schlammschlacht zum Thema „Wer ist Schuld am Ernährungsunsinn?“ anzuzetteln.

Da bietet der Artikel einen schönen Ansatzpunkt: Stimmt, wie kann man nur so bescheuert sein und schwachsinnige Behauptungen zu Nüssen und Herzgesundheit, Cranberries und Blaseninfektionen, Zimt und Diabetes aufstellen?

Das ist doch alles… wie sagt Bartens so richtig? „Keine Wissenschaft“.

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Wahl zum Wissenschaftsblog 2015: Sonderpreis der Redaktion „Wissenschaft kommuniziert“

Aber wer macht oder will diese Forschung? Was sind das für Leute? Wer will das wissen mit den angeblichen Wirkstoffen in Lebensmitteln, und warum?

Wer untersucht Olivenöl, Fischöl, Heidelbeeren, Artischocken und Kurkuma? Wer stellt die Fragen, wer reitet darauf herum, dass Ernährung Krankheiten vorbeugen, Krebs heilen, das Hirn gesund halten und Herzinfarkt verhüten kann?

Tja. Wenn man versucht, diese Frage zu beantworten, kommt Erstaunliches zutage: Die Ernährungswissenschaftler sind es nicht. Herr Bartens hat sich wohl nicht ganz den richtigen Sündenbock ausgesucht.

 

Diese elenden Weißkittel

Denn es sind die Ärzte.

Mediziner, diese Halbgötter, die sich unheimlich viel auf ihre Zunft einbilden, aber bei den großen Volkskrankheiten im Nebel stochern. Sie sind es, die hauptsächlich auf der fantasierten Gesundheitswirkung von Lebensmitteln und Inhaltsstoffen beharren.

Werner Bartens müsste daher eigentlich den Ärger bei seinen gewissenlosen Medizinerkollegen abladen, vor allem bei bestimmten Fachrichtungen.

Da gibt es nämlich notorische Studienpanscher, die mehr oder weniger absichtlich Heilsbotschaften aus fragwürdigen Untersuchungen in die Welt pusten – Mediziner, wohlgemerkt, nicht Ernährungswissenschaftler.

Am schlimmsten sind die Kardiologen.

Das sind genau die, die dauernd was über Herzgesundheit und Ernährung herausfinden wollen. Warum? Weil sie keine Lösung für das Problem haben.

Sie können Herzinfarkte nicht verhindern und Patienten, die schon einmal einen Infarkt hatten und besonders gefährdet sind, selten retten. Sie haben einfach noch nicht herausbekommen, was wirklich die Ursache für Herzinfarkt ist: Cholesterin? Wenn ja, welches? Oder sind es die Triglyzeride? Entzündungsfaktoren? Zucker? Risse in den Gefäßwänden? Verklumpte Eiweiße? Die Gene? Stress?

 

Sie wollen doch nur helfen

Bis heute ist unklar, was genau dazu führt, dass in den Adern Fett- und Kalkablagerungen entstehen, die irgendwann platzen und als Gerinnsel die Herzkranzgefäße verstopfen. Nur ein paar Risikofaktoren zeichnen sich ab, zuvorderst Rauchen, Übergewicht und Diabetes.

Viel mehr wissen die Ärzte nicht, alle anderen wie Heilpraktiker oder Esoteriker schon gar nicht, übrigens. Trotzdem müssen zumindest die Mediziner von Berufs wegen etwas tun.

Also verschreiben sie Cholesterinsenker und Blutverdünner, legen Bypässe und setzen Stents ein, verordnen Diäten, autogenes Training und Bewegung, notfalls wird transplantiert, und alles zu Milliardenkosten.

Nebenher treiben sie aber fleißig Ernährungsstudien: Vielleicht lässt sich ja etwas entdecken, was im Vorfeld das Risiko senkt und was die Leute gerne tun. Essen, zum Beispiel. Dann würden den Ärzten nicht so viele Patienten unter den Händen wegsterben.

Ist ja auch dumm, sowas.

Und damit wir uns nicht missverstehen: Die Absicht ist keine schlechte – die wollen nur helfen.

 

Historisches Unheil: die Fettlüge

Dabei haben sie aber, was Murks mit Ernährungsstudien angeht, besonders viel erreicht: Die Kardiologen und ihre Verbände, darunter die American Heart Association, haben für die Verbreitung der großen Fettlüge gesorgt. Die kam ihnen damals, in den 1960er Jahren, gerade recht, nachdem ein karrieresüchtiger Biologe (!) behauptet hatte, dass gesättigte Fettsäuren und tierische Fette Schuld am Herzinfarkt seien.

Der Mann hieß Ancel Keys und steht heute für den wohl folgenreichsten Fehler der modernen Wissenschaftsgeschichte: die Verteufelung von traditionellen Nahrungsfetten.

Die Ärztezunft nahm den Schwindel aber sofort gierig auf und befeuerte damit eine beispiellose Kampagne, mit der billige Margarine und raffinierte Industrieöle unter dem Deckmantel der Herzgesundheit weltweit in den Markt gedrückt wurden.

Diese Fettlüge ist inzwischen passé. Aber die Kardiologen machen weiter.

 

Endlose Liste mit „gesunden“ Lebensmitteln

Nach den fragwürdigen Pflanzenölen, die leider nicht das gewünschte Ergebnis brachten, nahmen sie sich ein Lebensmittel und einen Inhaltstoff nach dem anderen vor: Olivenöl, Fischöl, Mandeln, Walnüsse, Kokosnüsse, alle Nüsse, Leinsamen, Buchweizen, Artischocken, Rotwein, Weißwein, Lycopin aus Tomaten, Kakao, grünen Tee, bittere Schokolade, Antioxidantien, Radikalenfänger, Polyphenole, Flavonole und andere Wunderstoffe – die Liste ist endlos.

Da ließen sich die Onkologen, die Krebsärzte, natürlich nicht lange bitten und sprangen auf den Zug auf: Klar müssen die Krebsauslöser aus der Nahrung kommen, und was vor Krebs schützt, ebenso.

Internisten, Rheumatologen, Onkologen, Allergologen, alle machen diese Studien, man kann hinschauen, wo man will: die meisten Antreiber von Ernährungsexperimenten sind Mediziner.

Wenn Werner Bartens also auf die Ernährungswissenschaften eindrischt, meint er die Medizin.

Das ist wirklich lustig, denn er ist ja nicht nur selbst Arzt, sondern auch noch ausgebildeter Internist, ausgerechnet aus der Fachrichtung Kardiologie: Seine Doktorarbeit schrieb er über genetische Faktoren beim Herzinfarkt.

Daher weiß er wohl so gut Bescheid – gut, auf den Ärzte-Job hatte er nach ein paar Jahren keine Lust mehr und wurde lieber Journalist, vermutlich, weil ihn die sinnlosen Forschungssimulationen genervt haben.

Denn wir haben ihn ja richtig verstanden. Und herrlich, dass das mal jemand sagt: was Ärzte treiben, ist „keine Wissenschaft“.

 

Schlechte Forschung gibt es überall

Auch der Erstautor der aktuellen Meta-Analyse zu den Nüssen, die Bartens so aus dem Häuschen brachte, ist Arzt – natürlich Kardiologe. Sieben weitere Autoren der Studie sind ebenfalls Ärzte, nur zwei haben hilfreiche Nebenfächer wie Biostatistik und Biochemie studiert.

Die inkriminierte Nuss-Studie aus den 1990er Jahren stammt selbstverständlich auch von einem Arzt, einem, wie sollte es anders sein, Internisten. Der hat sich die Arbeit dummerweise von den Nuss-Farmern in den USA sponsern lassen. Seine Studie war wegweisend und löste die Nuss-Euphorie aus, zahllose Untersuchungen – von Medizinern – folgten.

Nur: Niemand ruft danach, die Medizin abzuschaffen, weil es unter ihrem Deckmantel sinnlose Versuche, missglückte Experimente, schlechte Forschung, bestechliche Doktoren und geltungssüchtige Chefärzte oder Institutsleiter gibt.

Mit Recht darf man auch vermuten, dass es umgekehrt hervorragende Ernährungswissenschaftler gibt, die sich zum Beispiel mit Physiologie, dem Stoffwechsel, mit Kinder- und Mangelernährung, mit individualisierter Beratung und Therapie beschäftigen.

Einige sind Quarkundso.de bekannt, Namen auf Anfrage.

 

Völlig außer Kontrolle: Ernährungsthemen im Internet

Woran es aber oft hapert, ist die Kommunikation. Gegen falsche Behauptungen, geschönte Folgerungen, verzerrte Interpretationen, schlechte Artikel und reißerische Pressemitteilungen selbst von Universitäten und Forschungseinrichtungen ist noch kein Kraut gewachsen.

In der zweiten Zündstufe sind die Kollegen von Herrn Bartens gefordert. Also, seine journalistischen Kollegen, Anwesende eingeschlossen. Von den selbsternannten Ernährungsberatern, Fitness-Coaches und dem komplett außer Kontrolle geratenen Internet gar nicht erst zu reden.

Was diese Aufgabe angeht, steht Quarkundso.de jedoch an vorderster Front und erklärt sich hiermit bereit, neben dem Ernährungs- und dem Gesundheitsministerium auch das Forschungs- und das Informationsministerium zu übernehmen.

Aber erst nach Weihnachten.

Im neuen Jahr könnte damit immerhin alles in einer Hand liegen. Dann hört der Zank zwischen den Disziplinen auf und es wird vernünftig geforscht. Erste Maßnahme: Mehr seriöse Nuss-Studien. Schließlich wirft man lieber ein paar Nüsse ein als Betablocker und Blutverdünner.

©Johanna Bayer

„Stuss mit Nuss“ – die Glosse von Werner Bartens in der SZ

Die aktuelle Metaanalyse zu Nüssen im British Medical Journal

Auf Youtube: Mitschnitt einer Podiumsdiskussion mit Werner Bartens und Hannelore Daniel auf den Bayerischen Ernährungstagen – Bartens nimmt kein Blatt vor den Mund. Andere aber auch nicht. Zur Sache geht´s bei ab 24:40 

DIE ZEIT und der Kult um gesundes Essen: nutzwertig bis ärgerlich – aber belebend

 

Topf mit Kartoffeleintopf und Würsten.

Ist Eintopf auch gesundes Essen? Allerdings. Bild: Pixabay

Die ZEIT kommt jetzt dauernd dran, aber dafür kann ich nichts.

Sie machen halt oft was über Essen, kleine Geschichten, aber auch dicke Dossiers. Wie alle, übrigens – jeder macht jetzt dauernd was über Essen, unglaublich.

Das Thema Essen – vielmehr neudeutsch  „Food“ – ist ein medialer Mega-Trend und verkauft sich halt auch gut.

Und da man an der ZEIT letzte Woche nicht vorbeigekommen ist, weil das Dossier so groß auf dem Titel war, sind sie halt nochmal auf dem Radar von Quarkundso.de aufgetaucht.

Es ging also in diesem ZEIT-Dossier in der Nr. 6/2016 um den Kult rund um „gesundes Essen“, Titel: „Was dürfen wir noch essen?“. Die Leitfrage: Warum kreist man beim Essen hierzulande nur noch um Gesundheit?

Stimmt, das muss man sich fragen. Es ist nämlich wirklich so – den Deutschen geht es beim Essen nicht einfach nur um einen vollen Bauch und schon gar nicht um Geschmack. Nein, Essen muss gesund sein, heilen, therapieren, dazu glücklich, schlank, schlau und schön machen. Nicht wenige suchen sogar so etwas wie Erleuchtung.

Mission erfüllt: Entwarnung und Nutzwert

Das Dossier arbeitet das hübsch heraus und führt dazu zwei Protagonisten vor, deren Ernährungskonzepte unterschiedlicher nicht sein könnten, die aber dasselbe versprechen: Gesundheit, Wohlbefinden und Fitness. Attila Hildmann, der Lifestyle-Veganer steht Nico Richter, dem Paläo-Verfechter mit seiner Steinzeit-Ernährung gegenüber.

Dagegen gibt die Autorin des Hauptbeitrags, Susanne Schäfer, erwartungsgemäß Entwarnung: Weder kann man den Heilsversprechen Glauben schenken noch muss man der Panikmache bei angeblichen Gesundheitsgefahren durch Essen oder einige Inhaltsstoffe zum Opfer fallen.

Nutzwertig handelt Schäfer dann noch die üblichen Verdächtigen ab und skandiert durch, was an den hysterischen Warnungen vor Zucker, Fleisch, Milch, Salz, Fett oder Getreide dran ist.

Nämlich nichts, sagen Wissenschaftler.

Totalitäre Ansagen beim Essen

Schön und gut. Aber neu ist das nicht gerade. Man kann das jetzt wirklich in allen Qualitätsmedien nachlesen, und in der ZEIT seit drei Jahren. Susanne Schäfer hat auch schon ein Buch darüber geschrieben. Deshalb ist der Content ja da, also recycelt man das immer wieder.

Aber inzwischen gibt es ebenso viele nüchterne Klartexter und Mythen-Entzauberer wie hysterische Panikmacher. Berufsentwarner wie der große Grantler Udo Pollmer haben sogar ein Geschäftsmodell daraus gemacht.

So gesehen ist das Dossier fast ein wenig langweilig.

Aber an einigen Stellen hat man schon Spaß, wenn Frau Schäfer nämlich nicht so brav die Lehrmeinung der DGE nachbetet, sondern ganz schön scharf wird: Die Vertreter gewisser Ernährungslehren, sagt sie, schüren bewusst Ängste und machen „totalitäre Ansagen“ wie „Weizen macht dumm, Zucker macht süchtig, Wurst macht Krebs.“

Das ist gut. Das muss man sich merken – dass die Deutschen gerne totalitären Ansagen folgen, auch beim Essen. Wir kommen auf diesen Aspekt zurück.

Immer wieder dasselbe

Nach Lektüre des Hauptbeitrags fehlt trotzdem so ein bisschen das Einordnen, die Analyse, ein paar Ursachen, das, was man sich nach der Beschreibung eines so bedenklichen Ist-Zustandes – Hysterie und Gesundheitswahn – wünscht.

Denn warum ist das so? Woher kommt diese seltsame Fixierung auf „gesundes“ Essen in Deutschland? Und ist das überall so? Wenn ja, warum? Wenn nein – wo nicht, und was ist der Unterschied zum deutschen Gesundheitswahn?

Vielleicht gibt es darauf entweder keine oder ellenlange oder komplexe Antworten, klar, und vielleicht weiß man es auch gar nicht. Aber die Frage wäre doch schön gewesen.

Einen Versuch, den Hintergrund zu erhellen, starten die ZEIT-Journalisten immerhin. Leider interviewen sie dazu eine Soziologin.

Soziologen interessieren sich eigentlich eher weniger für Essen, sie haben mit Strukturen, Beziehungen, Klassen, Schichten und abstraktem Regelwerk zu tun. Essen ist für sie nichts als schnöde Materie, irgendein Konsumgut, vollkommen austauschbar.

Noch dazu ist die Befragte, Eva Barlösius von der Universität Hannover, eine von denen, die zum Thema Essen immer, immer, immer gefragt werden.

Und sie antwortet auch immer, immer, immer dasselbe.

Daher dekliniert sie auch in der ZEIT kurz den Lehrkanon runter: Essen ist Kulturphänomen, Lifestyle, wir könnten auch was ganz anderes essen, Katzen und Ratten zum Beispiel; Menschen verleihen sich über die Wahl ihrer Nahrung Identität und benutzen Essen als Mittel, um sich von anderen abzugrenzen, als Religionsersatz, als Zeichen für ethische Einstellungen, gute Kindererziehung oder Umweltbewusstsein.

Alles geschenkt.

Gepflegte Langeweile macht sich breit, schon wieder.

Warum schlürfen Menschen rohe Austern?

Aber halt.

Wenn man das Interview so sacken lässt, regt sich auch ein klein wenig belebender Ärger. Das liegt an der Sache mit der Abgrenzung und dem Verleihen von Identität. Essen, finden Soziologen wie Frau Barlösius nämlich, sei ein „Distinktionsmerkmal“.

Essen als „Distinktionsmerkmal“ – was soll das heißen?

Menschen grenzen sich gerne von anderen ab, antworten auf diese Frage die Soziologen und rümpfen subtil die Nase – Abgrenzen durch Essen ist nämlich böse, weil es in ihren Augen etwas mit Macht und herrschender Klasse zu tun hat.

Sie beschreiben dann gerne, wie separatistische Zeitgenossen alles Mögliche zum Zwecke der „Distinktion“ hernehmen – Mode, Musik, Möbel und Häuser, Autos, Urlaubsorte, Kameras, Vereinszugehörigkeiten, Ehegatten und Berufe. Und besonders Essen und Trinken.

Wobei die Abgrenzung immer von oben nach unten verläuft: Ich bin besser als Du, weil ich den besseren Geschmack habe.

Kleiner Goldener Blogger - Logo

Nominiert als einer der vier besten Foodblogs 2015 bei den Goldenen Bloggern

Sich über Essen abzugrenzen, scheint den Soziologen dabei ganz besonders anrüchig. Eva Barlösius:

„Ernährung ist immer mit einer Wertung verbunden.“

Ja, Herrgott. Wenn man bösartig wäre, könnte man sagen: Es wimmelt doch von Leuten, die dünkelhaft einen guten Geschmack simulieren und dazu alle Mögliche heranziehen: Street Fashion, experimentelle Videoinstallationen, abstrakte Kunst oder Designer-Möbel, bei der Musik gerne Indie, Modern Jazz und Neue Musik.

Warum sollte, wenn man sich abgrenzen will, Essen da mit besonderer Wertung belegt sein? Abgrenzen kann man sich schließlich mit allem, was gut, teuer oder speziell ist.

Und: Warum dürfen die Leute nicht einfach mögen, was sie essen, hören oder anziehen? Warum unterstellt man ihnen beim Essen böse Absichten, wenn sie wahlweise eine Fettbemme – proletarische Sachsen – oder schottische Austern – reiche Münchner – goutieren?

Ich gehe nicht davon aus, dass der Sachse mir mit seiner Fettbemme etwas zeigen will. Ich hoffe sowieso, dass er den Mund hält beim Essen, aus verschiedenen Gründen. Aber die mögen halt einfach Schmalzstullen, so ist der Sachse.

Ich bin auch ganz sicher, dass dem reichen Münchner auf dem Viktualienmarkt die Auster wirklich schmeckt. Und hoffentlich hält der ebenfalls die Klappe und schlürft nicht so laut.

Denn wer würde, nur um es anderen zu zeigen, eine lebende, noch zuckende Muschel mit Zitronensaft runterwürgen und anschließend sauren Wein hinterher kippen?

Für mich ist klar, dass diesen Menschen ihr Essen wirklich schmeckt. Was Schlimmes ahnen lässt, wenn man sich jetzt ansieht, warum Leute irgendwelche Frei-von-Produkte zu sich nehmen. Oder aus Ersatzpulvern angerührte Imitate, wie die Veganer.

Platt mit Hilfestellung

Wichtiger ist: Mit „Distinktion“ kann man im Feld der Ernährung nicht viel erklären – keine verschiedenen Esskulturen, Länderküchen und Traditionen, keine Entwicklungen, nicht das Nord-Süd- und das Ost-West-Gefälle, keine Unterschiede zwischen Küchenstilen und Würztraditionen, nicht die Erosion der Tischsitten, den Eklektizismus, den Wahn des Verzichts, das Kreisen um den Darm und den Fusion-Hype mit karibischen oder kalifornischen Fantasiegerichten.

Noch nicht einmal diese Fixierung auf „Gesundheit“ beim Essen. Oder ist die Gesundheit das Distinktionsmerkmal? Vielleicht ist es so. Oder ich habe etwas falsch verstanden. Aber warum das beim Essen immer wieder aufkommt, dieses Disktinktionsdings, leuchtet mir nicht ein. Für meine Begriffe sagt das nichts und ist nur eine Worthülse, denn es erklärt nichts.

Frau Barlösius hat allerdings keine Hemmungen, sich weiterer Plattitüden zu bedienen. Dabei sind ihr die Journalisten eine große Stütze.

DIE ZEIT: „Warum ist Essen so stark mit Bedeutung aufgeladen?“

Barlösius: „Weil es in der Geschichte des Menschen lange Zeit existenziell war.“

Brüller!

Als ob wir nicht verhungern würden, ohne Essen. Als ob die Nahrungssuche nicht zu den basalen Trieben aller Lebewesen gehören würde.

Und als ob Essen heute nicht mehr existenziell wäre.

Könnte es eine so naive, platte Frage und eine so geistlose Antwort geben, wenn es um andere elementare Dinge geht? Sagen wir mal, um Sex, oder um Geld? Nicht vorstellbar. Und das, obwohl wir ein Leben lang ohne Sex und Geld auskommen könnten, wenn es nur genug zu essen gibt. Mönche und Nonnen haben es jahrhundertelang vorgemacht.

Ehrenrettung des Eintopfs

Man will Frau Barlösius daher an dieser Stelle energisch widersprechen, aus biologischen, psychologischen, anthropologischen und kulturhistorischen Gründen.

Aber vielleicht hat sie sich einfach nur verquasselt und weiß es eigentlich besser. Dafür spricht theoretisch einiges, darunter ihre Publikationsliste. Nur schlägt sie dann noch einmal zu und vergreift sich bei der Symboldeutung des Eintopfs.

DIE ZEIT: Wenn Speisen eine Bedeutung haben, wofür steht dann Eintopf?

Barlösius: Historisch ist er verbunden mit einem grundlegenden Nahrungsmittel in Zeiten der Not und des Krieges.

Da hat die Soziologin, wenn überhaupt, nur wenig Recht – fast gar nicht.

Denn Eintopf ist keineswegs nur mit Krieg und Notzeiten verbunden. Vielmehr ist er buchstäblich seit Jahrtausenden das Symbolbild der rustikalen und nahrhaften (!) Küche.

Wenn es schnell gehen soll, wenn die Hausfrau wenig Arbeit haben will – Eintopf reicht. Wenn man nicht weiß, was man sonst machen soll – Eintopf geht immer. Wenn man nicht kochen kann – Eintopf gelingt garantiert. Wenn man im Campingurlaub nur eine Flamme hat – für Eintopf reicht das. Wenn man gerade wenig im Haus hat und das Optimum aus den Zutaten rausholen will – Eintopf ist ideal. Wenn man viele hungrige Mäuler satt machen muss – Eintopf.

Eintopf ist Alltag. Braten ist Festtag.

Das hat eigentlich nichts mit Not und Krieg zu tut. Auch nicht in der deutschen Geschichte. Im ersten Weltkrieg hat man da den Kitt aus den Fensterrahmen gekratzt und Schuhsohlen gekocht, mit Sägemehl gestrecktes Brot und Wassersuppe mit Steckrüben gegessen.

Das ist Not. Nicht der Eintopf.

Vom zweiten Weltkrieg und den Nazis wollen wir mal lieber gar nicht erst reden. Die führten schon 1933, lange vor dem Krieg, ihren monatlichen Eintopfsonntag ein, weil sie damit die Volksgemeinschaft stärken wollten. Der Eintopf sollte verbinden. Kein Witz.

Gehungert haben die Deutschen unter den Nazis nämlich nicht, dank Zwangsarbeitern und Plünderungsraubzügen in ganz Europa.

Diese nette kleine Lüge aus der Generation der Großmütter – „Es gab ja nichts!“ – überlebt hartnäckig. Aber sie stammt entweder noch aus dem ersten Weltkrieg, von Uroma, oder aus den kurzen 24 Monaten nach dem zweiten Weltkrieg.

Da war es etwas eng. Vorher und nachher nicht.

Ein internationaler Klassiker

Stattdessen kann man den Eintopf auch anders sehen als die Soziologin Barlösius. Schließlich hat er einen stabilen Ruf als Soulfood: Ein kräftiger Eintopf, von Mama oder Oma gekocht, wenn man aus der Kälte oder Fremde heimkehrt, ist geradezu das Sinnbild von Liebe und Fürsorge.

Nicht umsonst sind solche Visionen die Folie für einschlägige Nahrungsattrappen mit Namen wie „Heiße Tasse“.

Noch dazu ist der Eintopf ein internationaler Klassiker. Eintopf ist überall.

Oft stellt er sogar das Nationalgericht – es gibt keine Küche ohne Eintopf: Gulasch, Chili con Carne, die nordafrikanische Tajine, der französische Pot auf Feu, der polnische Bigos, in Japan gibt es Nabemono in vielen regionalen Varianten, im Tontopf gekocht, in Zentralasien das Pilaw, in Russland den Borschtsch, unzählige Varianten in Spanien, Italien, wo man nur hinschaut.

Und kein Volk der Welt würde diese Leibspeisen als Notessen oder Kriegskost bezeichnen.

Nur die Deutschen, glaubt man Frau Barlösius. Wahrscheinlich, weil sie so schwere Zeiten hinter sich haben, anders als die anderen.

„Was wir alles durchgemacht haben – wir hatten ja nichts!“

Dieser Gedanke als Hintergrund der gewagten These drängt sich dermaßen auf, dass man ihn ganz ausspinnen möchte, nur mal so zum Spaß. Dann wird auch die Tragweite des Arguments klar:

„Gut, diese anderen Völker, herrje, die haben ja nie wirkliche Not erlebt! Was wir Deutschen damals alles durchgemacht haben! Die anderen haben gut reden, mit ihrem Luxusküchen, da kann man leicht den Eintopf schätzen.

Wir dagegen, wir haben gehungert und mussten ein zerstörtes Land wieder aufbauen! Mit unseren eigenen Händen! Wir hatten ja nichts!“

Ach, sie klingt noch in den Ohren, die kleine Flunkerei von damals, als Oma im Osten alles verloren hat (selbstverständlich völlig unschuldig).

Vom 12,4-Milliarden-Dollar-Programm zum Wiederaufbau hat man ihr zwar beim Häuschenbauen geholfen. Und mit einigen der 100 Millionen Fresspakete, gepackt von Nachfahren deutscher Auswanderer in den USA, ist sie ganz gut rumgekommen. In den Paketen war übrigens Schokolade drin, Eipulver, Corned Beef und Kaffee. Kein Eintopf.

Aber ich glaube, das ist es, was in diesem scheinbar historischen Erklärungsversuch steckt: Die Deutschen haben bitter gelitten, bitterer als andere. Daher können sie heute keinen Eintopf mehr sehen.

Und deshalb müssen jetzt Sushi, Chia-Samen und Quinoa her, oder wenigstens eine respektable Unverträglichkeit.

Irgend sowas muss es sein.

©Johanna Bayer

Das Interview mit Prof. Eva Barlösius aus der ZEIT Nr. 6/2016 ist online

Geld und so: Ja! Man kann jetzt spenden. Natürlich völlig freiwillig. 1 Euro würde schon reichen, mehr ist möglich – einfach ins Sparschwein stecken.

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